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Debatte: Sozialverträgliche Studiengebühren – geht das?

Die Organisation Oxfam hat im Februar eine Studie veröffentlicht, derzufolge die Reichen heute um 44 Prozent mehr besitzen als vor fünf Jahren, während die Armen nochmal 41 Prozent ihres Geldes (von Vermögen kann man da ja nicht sprechen) verloren haben.



Clemens Fuest, Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) und künftiger ifo-Chef, zieht einen eigenwilligen Schluss aus der Debatte über gesellschaftliche Ungleichheit. Er formulierte in der FAZ zehn Thesen, die seines Erachtens zu mehr Gleichheit und Chancengerechtigkeit führen könnten. These 8 lautet: „Zur Begrenzung der Ungleichheit von Arbeitseinkommen spielen Investitionen in Bildung eine zentrale Rolle. Öffentliche Mittel sollten in größerem Umfang in Kindergärten und Grundschulen fließen. Von Studenten an Hochschulen sollten einkommensabhängige Studiengebühren erhoben werden.“

Auf den ersten Blick erscheint es sicherlich mutig, Studiengebühren als Mittel zu mehr Gleichheit zu verkaufen. Aber auf den zweiten Blick ist was dran. Wir müssen unser Bildungssystem vom Kopf auf die Füße stellen. Kitas sind nicht der richtige Ort für Gebühren, denn wir wollen, dass möglichst alle Kinder dorthin gehen. Wie sagt der australische Ökonom Bruce Chapman im Interview mit mir (in der aktuellen brand eins „forschung+bildung ): In Wirklichkeit sei ein Studium, das zu 100 Prozent vom ...

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Kommentare

#1 -

Marcel Schütz | Fr., 01.04.2016 - 16:30
Nützlicher Vorschlag, weil abwägend, mit Kompensation und pragmatischen Einschränkungen. Das Problem der Studiengebühren-Debatte liegt hierzulande vielleicht traditionell in einer Vorliebe für Extreme. Entweder - oder, schwarz oder weiß. So extrem das Modell eingeführt wurde, so extrem wurde es auch wieder gekippt. Man hätte früher schon weitaus mehr Akzeptanz für ein sozialpolitisch reflektiertes Gebührenmodell schaffen können, hätte man sich nur mit niedrigeren oder gestaffelten Summen zufrieden geben wollen. Zugegeben, was spricht hart gegen nachgelagerte "Rückzahlung" einer zuvor ausgelegten Finanzierung abhängig vom Einkommen? Einmal abgesehen von einer möglichen Abschreckung vor dem Studium. Aber gerade deshalb (und dagegen) gibt es ja ein festgelegtes ...

#2 -

Josef König | Fr., 01.04.2016 - 17:20
Lieber Jan-Martin,



so sehr ich Dir weitgehend zustimme, dass es Mut erfordert und diese Debatte längst losgetreten werden muss, so stimme ich meinem Vor-Kommentator Schütz zu, dass das Thema zur "Unzeit" kommt und "verbrannt" ist.

Dabei sind Studienbeiträge oder -gebühren (ich würde namentlich das in Verbindung zu Investitionen in die eigene Zukunft oder als eigener Anteil an den Bildungskosten bringen) absolut notwendig - und da hat Clemens Fuest vollkommen recht, wenn er das anmahnt.

Die Proteste waren längst verstummt und die Unis in NRW hatten nach dem lauem Sturm wieder Ruhe im Haus, als die neue NRW-Wissenschaftsministerin Svenja Schulze meinte, ...

#3 -

Detlef Müller-Böling | So., 03.04.2016 - 17:56
Die Initiative ist verdienstvoll. Der Vorschlag entspricht weitestgehend dem Vorschlag eines Deutschen Studienfonds von 1995 (http://www.mueller-boeling.de/wp-content/uploads/2014/07/AP8_Studienfonds.pdf). Das liegt natürlich daran, dass sich beide auf des australische Modell von Chapman beziehen. Die Sozialverträglichkeit nicht auf das jetzige Einkommen der Eltern, sondern auf das zukünftige Einkommen der Studierenden - dann Akademiker - zu beziehen, hielt ich immer schon für genial.

Im Rückblick auf die 20 Jahre währenden Debatten will ich einige Gedanken anfügen:



1. Ob die Begriffe Studiengebühren und -beiträge wirklich verbrannt sind, mag dahingestellt sein. Der Begriff Steuer trifft es nicht, da eine Steuer eine Geldleistung ohne Anspruch auf individuell Gegenleistung ...

#4 -

Anonym | Mo., 04.04.2016 - 11:13
Wenn der Staat die Unis nicht mehr wichtig genug findet, dann müssen die Studenten zahlen. Leider scheint es in unserer Zeit nicht anders möglich zu sein.



Wenn man aber wieder Studiengebühren einführt, sollte damit unbedingt nur die Grundfinanzierung der Hochschulen aufgestockt werden. Dazu eine kleine Anekdote: In Niedersachsen war es so, dass die Gelder aus Studiengebühren nur für die Verbesserung der Lehre eingesetzt werden durften. Das gleiche gilt für die Studienqualitätsmittel, die es als Ersatz gibt. Bei uns an der Hochschule gab es nun einen Seminarraum ohne Tafel. Haushaltsmittel für einen Tafel gab es nicht. Studienqualitätsmittel durften nicht für einen ...

#5 -

Stephan Packard | Di., 05.04.2016 - 16:34
Dass Kindergärten und grundständige Schulen unbedingt und im Zweifel noch dringender als Universitäten finanziert werden müssen, ist sicher richtig. Das Argument ist aber insofern unaufrichtig, als es uns plötzlich vor diese Alternative stellt: Welche von zwei dringend benötigten Funktionen wollt Ihr behalten? Das linke oder das rechte Bein? Als wäre bereits entschieden, dass im Bildungssektor gekürzt werden muss, und es müsste nur noch genauer festgelegt werden, wo. Wer aber sowohl die Argumente für Kindergärten und Schulen als auch die für Universitäten ernst nimmt, die im nächsten Atemzug gleichermaßen folgen, der muss wollen, dass alle diese Einrichtungen unabhängig vom sozialen Hintergrund ...

#6 -

Claudius Gros | Mi., 06.04.2016 - 15:20
Schlussendlich ist geht es hier wie immer um die Frage:



Wieviel Umverteilung braucht die Leistungsgesellschaft?



Wir leben in einer Gesellschaft, in der sich Leistung auch finanziell lohnen soll, da sich andere Modelle nicht bewährt haben. Anderseits soll jeder sein Auskommen haben, da nun mal nicht alle Erfolg haben können, selbst bei optimaler Chancengleichheit (die in Deutschland sicher gut, wenn auch nicht perfekt ist).



Was leider in dem Artikel, wie fast immer, nicht diskutiert wird, ist dass die zunehmende Ungleichheit (weltweit) in den Arbeitseinkommen seine Ursache i.W. darin hat, dass das Humankapital in einer immer komplexeren Gesellschaft immer wichtiger wird und ...

#7 -

Carsten v. Wissel | Mi., 06.04.2016 - 19:54
Aus dem Zusammenhang wird klar, dass es sich bei den vorgeschlagenen nachgelagerten Studiengebühren um nichts anderes, als eine Besteuerung von Wissenserwerb handelt. Wiarda gibt dies übrigens selbst zu, indem er vorschlägt, die Rückzahlung von Studienbeiträgen im Zusammenhang der Einkommenssteuer zu organisieren.

Eine nachgelagerte Besteuerung von Wissenserwerb ist aus moralischen und praktischen Gründen abzulehnen. Moralisch unzulässig wäre sie so lange, wie eine Steuerpolitik, die tatsächlich leistungsloses Einkommen aus Kapital und Erbfall besteuert, parlamentarisch nicht mehrheitsfähig ist. Noch schwerer aber wiegen die praktischen Gegenargumente: Zum einen, weil eine Wissenssteuer angesichts der Alternative, Kapital einfach anzulegen, der Kapitalanlage einen Vorteil verschafft, damit also ...

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