Neue Serie zum Bildungsbericht (1): Von wegen, unsere Schulen schrumpfen – und das hat nicht nur mit den Geflüchteten zu tun

Es ist das wahrscheinlich wichtigste Stück wissenschaftsbasierter Politikberatung, das den Bildungspolitikern hierzulande zur Verfügung steht, und er wird in seiner Bedeutung immer noch unterschätzt: der Bildungsbericht, der seit 2006 alle zwei Jahre erscheint. Zuletzt am vergangenen Donnerstag (mehr Informationen zu den Autoren und der Geschichte des Berichts finden Sie hier). Direkt danach gab es eine kurze Welle der Berichterstattung, ein paar Highlights, und das war's dann. Schade eigentlich, denn auf den 350 Seiten, in den hunderten Tabellen und Grafiken stecken Erkenntnisse, die Beachtung verdienen abseits der üblichen Nachrichtenzyklen. Daher werde ich mir von heute an in unregelmäßigen Abständen Ergebnisse des jüngst veröffentlichten Bildungsberichts 2016 herauspicken, zentrale wie auch vermeintlich nicht so wichtige, und analysieren, welche Konsequenzen sich daraus für Schulen, Hochschulen und Ausbildungsbetriebe ergeben. 

 

Teil 1: Wie sich die Schülerzahlen entwickeln werden – und was das für Schulen, Lehrer und vor allem die Kinder selbst bedeutet

 

Wie viele geflüchtete Kinder und Jugendliche allein im vergangenen Jahr an Deutschlands Schulen gekommen sind, weiß immer noch keiner so genau. Die Kultusministerkonferenz (KMK) geht für 2014 und 2015 von insgesamt 325.000 aus. Tatsächlich dürften es noch einige mehr gewesen sein. Im Bildungsbericht heißt es dazu lediglich: "Der aktuelle Zustrom... kann noch nicht zuverlässig quantifiziert werden." Fest steht: Trotzdem ist die Gesamtzahl der Schüler an Deutschlands Schulen 2015 um gut 40.000 auf knapp 11 Millionen gesunken. Viele glauben nun, das Schulsystem müsse sich auf eine Schrumpfkur einstellen, zumal ja nicht jedes Jahr hunderttausende Schulpflichtige ins Land kommen. 

Anders die Autoren des Bildungsberichts: Sie verweisen auf die stark gestiegenen Geburtenzahlen in den vergangenen Jahren. 2011: 662.685; 2012: 673.544; 2013: 682.069; 2014: 714.927. Die Geburtenziffer, also die durchschnittliche Geburtenzahl pro Frau, stieg im gleichen Zeitraum von 1,39 auf 1,48. Bis 2020 werde die Geburtenrate relativ stabil bleiben, prognostiziert der Bildungsbericht: "Dies führt kurzfristig zu einem höheren Bedarf an frühkindlichen sowie mittelfristig an schulischen Bildungsangeboten."

 

Die Schulen werden wieder voller: Ein überraschender Befund, der die Planungen der Kultusminister in den kommenden Jahren bestimmen wird. Und sie gleich vor mehrere Herausforderungen stellt: Schon aktuell fehlen in einigen Bundesländern (allen voran Berlin) tausende Lehrer, wobei der Mangel stark schultyp- und fachabhängig ist. Eine platte Kampagne von wegen "Werdet Lehrer!" verbietet sich also, gleichwohl muss die Botschaft ankommen, dass zum Beispiel Mathe, Chemie oder Physik sehr zukunftsträchtig sind und dass es für Lehrer ein Leben neben dem Gymnasium gibt. Anders formuliert: Bitte werdet Lehrer, aber studiert auf keinen Fall Deutsch auf Gymnasiallehramt. Eine andere Aufgabe für die Kultusminister: ihren Finanzministerkollegen erklären, dass es mit der erhofften "demographischen Rendite" jetzt endgültig nix wird. Die hatten nämlich seit Jahren gehofft, dass sie mit sinkenden Schülerzahlen ein paar Milliarden Euro aus dem Schulsystem ziehen können. Mancher glaubt das offenbar immer noch. Und genau aus so einem Grund ist unabhängige Empirie wie die des Bildungsberichts so wichtig.

Für die Pädagogen bedeuten die neuen Zahlen auf jeden Fall eine dauerhafte Aufwertung. Angesichts steigender Geburtenraten, hunderttausender geflüchteter Kinder und des politisch-ökonomischen Bedeutungszuwachses, den "eine gute Bildung" in den vergangenen Jahren ganz abstrakt erfahren hat, rückt der Lehrerberuf dorthin, wo er hingehört: ins Zentrum der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit. Die Zahl der empirischen Untersuchungen zur Schul- und Unterrichtsqualität nimmt zu, an allen Ecken entstehen neue Beratungsangebote für lernwillige Schulen und Lehrer. Bestes Beispiel: Die von privaten Stiftungen finanzierte Deutsche Schulakademie, die seit vergangenem Jahr mit Hans Anand Pant einen der führenden Bildungsforscher als Geschäftsführer hat. 

Und was ist mit den Kindern? Im schlechtesten Falle gehen sie in Klassen, die ein bisschen voller werden, und ansonsten bleibt alles, wie es ist. Doch wenn es gut läuft, dann werden die Schulen durch den Flüchtlingszustrom offener, die Lehrer durch ihren Bedeutungszuwachs selbstbewusster und der Unterricht durch neue Best-Practise-Modelle schülerzentrierter. Eine riesige Chance.

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