Bildungsbericht: Auf zwei Säulen ins Jahr 2020

Quelle: Integrationsbeauftragte der Bundesregierung
Quelle: Integrationsbeauftragte der Bundesregierung

Er ist das wahrscheinlich wichtigste Stück wissenschaftsbasierter Politikberatung, das den Bildungspolitikern hierzulande zur Verfügung steht, und er wird in seiner Bedeutung immer noch unterschätzt: der Bildungsbericht, der seit 2006 alle zwei Jahre erscheint. Zuletzt am 16. Juni (mehr Informationen zu den Autoren und der Geschichte des Berichts finden Sie hier). Direkt danach gab es eine kurze Welle der Berichterstattung, ein paar Highlights, und das war's dann. Schade eigentlich, denn in den 350 Seiten, in hunderten Tabellen und Grafiken stecken Erkenntnisse, die Beachtung verdienen abseits der üblichen Nachrichtenzyklen. Daher picke ich mir in unregelmäßigen Abständen aktuelle Ergebnisse heraus, zentrale wie auch vermeintlich nicht so wichtige, und analysiere, welche Konsequenzen sich daraus für Schulen, Hochschulen und Ausbildungsbetriebe ergeben. 



Teil 3: Mehr Gymnasiasten bedeuten nicht automatisch mehr Bildungschancen für alle

 

Es ist eine Erkenntnis, die schon auf dem Weg zur Binsenweisheit ist: Das Gymnasium ist die neue Hauptschule. Keine andere Schulform wird von mehr Schülern besucht; deutschlandweit lag der Anteil der Gymnasiasten an allen Fünftklässlern im Schuljahr 2014/2015 bei 43 Prozent, in den Stadtstaaten Hamburg und Berlin bei über der Hälfte. Zum Vergleich: Die traditionelle Hauptschule bzw. ihr Vorläufer, die Volksschule, vereinte 1952 78 Prozent der Jugendlichen in Deutschland auf sich, damals gingen nur 12 Prozent aufs Gymnasium. Ähnlich gering ist heute übrigens der Prozentsatz der Schüler an Hauptschulen: neun Prozent. 

 

Kurzum: In den vergangenen 60 Jahren, vor allem aber in den vergangenen vier Jahrzehnten, hat sich unsere Bildungslandschaft komplett umgedreht. Dabei ist die atemberaubende Expansion der Gymnasien nur ein Teil der Geschichte; nicht weniger weitreichend ist die daraus folgende Entwicklung, die sich erst in den vergangenen zehn Jahren vollzogen hat: Das dreigliedrige Schulsystem, für das Deutschland lange und je nach ideologischem Standpunkt gerühmt oder gescholten wurde, ist in Auflösung begriffen. In acht von 16 Bundesländern existieren laut Bildungsbericht schon heute nur noch zwei Säulen: das Gymnasium und eine zweite Schulform, die je nach Bundesland und Standort Sekundar-, Ober-, Stadtteil- oder Gesamtschule heißt.

 

Sie vereint verschiedene Bildungsgänge vom Hauptschulabschluss bis zum Abitur unter einem Dach, mal inklusiv in gemeinsamen Klassenverbänden beschult, mal streng nach Leistungsniveaus getrennt. In weiteren fünf Bundesländern sind minimale Restbestände an Hauptschulen vorhanden. Lediglich in Bayern (31 Prozent) und Baden-Württemberg (11 Prozent) erreicht der Anteil der Hauptschüler noch zweistellige Werte, wobei im Südwesten der Rückgang zuletzt besonders rasant verlaufen ist. 

 

Auch wenn im Gegensatz dazu Bayern als letzte Bastion die Dreigliedrigkeit vergleichsweise stabil beibehalten hat: Das deutsche Schulsystem des Jahres 2020 wird weitgehend ein zweigliedriges sein, davon ist auch Kai Maaz überzeugt, Bildungsforscher am Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) und Sprecher der Autorengruppe Bildungsbericht. „Die Rückkehr zum dreigliedrigen Modell wäre pädagogischer Unfug, und ein Einheitsschulsystem ist derzeit nicht vorstellbar.“

 

Ein Schulsystem auf zwei Säulen, das sich die Schüler zu etwa 50/50 aufteilt: Die Prognose gilt bis zu einem gewissen Grad sogar, wenn man die gern bei derlei Betrachtungen unter den Tisch fallende bisherige vierte Schulform – die Förderschulen – mitdenkt. Stichwort Inklusion: Immer mehr Förderschüler werden inklusiv, also im Regelschulsystem beschult. 

 

Ein spannendes Thema, das nicht heute, aber sicherlich ein anderes Mal zu erörtern sein wird: Wie wandelt sich das Selbstverständnis der Gymnasien, wenn die Hälfte eines Altersjahrgangs und mehr sie besucht und auch sie sich der gesellschaftlichen Forderung nach Inklusion nicht länger verschließen können? Heute soll eine andere Frage im Vordergrund stehen: Ist das Ende des dreigliedrigen Schulsystems gleichbedeutend mit mehr Bildungsgerechtigkeit? Bedeuten mehr Gymnasiasten einen geringeren Nachteil für Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern?

 

Ehrliche Antwort: Die Autoren des Bildungsberichts wissen es noch nicht so genau. Sie stellen zunächst einmal fest: Seit 2004 sei nicht nur die Gynmasialquote um fünf Prozentpunkte gestiegen, sondern vor allem die Übergangsquote an besagte zweite Säule (+15 Prozentpunkte), "also Schularten, an denen in vielen Ländern auch die Hochschulreife erworben werden kann." Soll heißen: Die Zahl der Abschlussoptionen ist für viele Jugendliche gewachsen, es existieren weniger Sackgassen als zuvor, weil innerhalb ein und derselben Schule häufig alle Schulkarrieren möglich sind. Gleichzeitig schreiben die Bildungsforscher jedoch auch, bisher sei wenig darüber bekannt, "ob und in welchem Umfang die Verschlankung der Schulstruktur... zu einem Rückgang sozialer Disparitäten beim Erwerb einer Hochschulzugangsberechtigung führt". Kai Maaz sagt dazu: „Es könnte theoretisch sogar sein, dass die Kinder aus Nichtakademikerfamilien gar nicht von den neuen Möglichkeiten profitieren.“ Ende des Jahres sei mit ersten Studienergebnissen zu der Frage zu rechnen. „Dann wissen wir hoffentlich mehr.“

 

Fest steht: Das Wachstum der zweiten Säule geht mehrheitlich aufs Konto von Jugendlichen aus Nichtakademiker-Haushalten, während besser gestellte Kinder zumeist aufs Gymnasium wechseln. Eine Ungleichheit, die sich sogar innerhalb der zweiten Säule fortsetzt, wie der Bildungsbericht konstatiert: Betrachte man die verschiedenen Bildungswege, die an den Sekundar- oder Gesamtschulen möglich seien, so befänden sich Jugendliche mit „hohem sozioökonomischen Status überwiegend im Gymnasialbildungsgang" (wobei "überwiegend" hier satte 69 Prozent bedeutet), während Schüler "niedrigem sozioökonomischen Status" zumeist den Realschulbildungsgang oder eine integrierte Schulform besuchen.

 

Man kann noch grundsätzlicher formulieren: Vom zahlenmäßigen Wachstum der Gymnasien und der gymnasialen Bildungsgänge profitieren nicht automatisch die schlausten Kinder, sondern die privilegierteren. Eine Erkenntnis, die sich mit den Aussagen einer hochrangigen Expertengruppe deckt, die 2011 das Gutachten "Herkunft und Bildungserfolg" für die damalige Baden-Württembergische Landesregierung angefertigt hatte. Darin berichteten die Wissenschaftler unter Vorsitz des Bildungsforschers Jürgen Baumert vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, dass etwa 15 Prozent der Eltern, deren Kinder eine Gymnasialempfehlung erhalten hätten, von dieser Option keinen Gebrauch machten: "Dies sind vornehmlich Eltern, die kein Abitur haben." Die Experten plädierten deshalb dafür, die damals noch verbindliche Gymnasialempfehlung beizubehalten und keinesfalls die Entscheidung über den weiteren Schulbesuch allein den Eltern zu überlassen. Vergeblich: Die 2012 ins Amt gekommene grün-rote Regierung schaffte die verbindliche Übergangsempfehlung ab. Bundesweit gibt es sie heute nur noch in Bayern, Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen.

 

Wobei irrt, wer den Lehrern automatisch eine größere Objektivität zugesteht. Die Schulforscherin Renate Valtin formulierte auf der Grundlage der Grundschule-Vergleichsstudie IGLU: "Kinder aus der oberen Dienstklasse haben eine fast 5-mal höhere Chance als Kinder un- und angelernter Arbeiter, eine Gymnasialempfehlung von ihren Grundschullehrern und -lehrerinnen zu erhalten – und das bei gleichen Kompetenzwerten." 


 

So geht der Streit, was nun besser ist – verpflichtender Gymnasialempfehlung oder nicht – unentschieden aus, wie auch der Bildungsbericht belegt: Zwischen den Ländern mit verbindlicher und unverbindlicher Übergangsempfehlung gebe es keine systematischen Unterschiede in den Übergangsquoten, berichten die Autoren.

 

Kai Maaz warnt zudem davor, die sozialen Disparitäten beim Übergang aufs Gymnasium überzubewerten. Es sei schon so, dass die Gymnasien immer noch besonders bei Akademikerfamilien begehrt seien. „Das heißt aber nicht, dass das immer die besseren Schulen sind.“ In einer Studie zum Berliner Schulsystem hätten er und seine Kollegen gerade in der zweiten Säule „hochattraktive Schulen“ entdeckt mit einer hohen Unterrichtsqualität und äußerst engagierten Lehrern. „Es wird in Zukunft nicht mehr eine Frage der Schulform sein, ob eine Schule herausragende Bedingungen bieten, sondern auf ihr individuelles Profil ankommen.“ Die Frage der Chancengerechtigkeit werde sich künftig vielmehr daran entscheiden, ob in den Sekundarschulen die Kinder aus Nicht-Akademiker-Familien rechtzeitig so beraten und gefördert würden, dass sie die richtigen Kurse belegen. „Die richtigen Kurse in dem Sinne, dass sie damit die Berechtigung zum Übergang in die Oberstufe bekommen“, sagt Kai Maaz.

 

Was im Augenblick – siehe oben – nicht der Fall ist. Womit im Moment eigentlich nur folgendes klar ist: Die neue zweite Säule mit ihren vielen Abschlussoptionen könnte eine Chance für mehr Bildungsgerechtigkeit sein. Ein Automatismus aber ist das nicht. Im Gegensatz zu einer anderen Entwicklung: Gibt es mehr Gymnasien, gewinnt eine Gruppe auf jeden Fall: die Kinder des Bildungsbürgertums.

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