Akkreditierung: Streit um Brodkorbs Extrawurst geht in die nächste Runde. Und der Druck auf die KMK steigt

Ihr Studium besser machen: Das soll die Akkreditierung (Foto: katharina_z, CC BY-NC-ND 2.0)
Ihr Studium besser machen: Das soll die Akkreditierung (Foto: katharina_z, CC BY-NC-ND 2.0)

Es war schon eine bemerkenswerte Form von Zweckoptimismus, mit dem sich die Kultusminister vor 14 Tagen ins Wochenende verabschiedeten. „Die KMK setzt ihre Beratungen über den Staatsvertrag zur Akkreditierung in den nächsten Wochen fort“, verkündete die Kultusministerkonferenz per Pressemitteilung, nachdem gerade die von allen erwartete Einigung am Einspruch Hessens gescheitert war. Die 16 Länder hätten „in den zentralen Fragen... rasch und kooperativ zu einer Verständigung gefunden“. Jetzt gehe es nur noch „um letzte Details zu Verfahrensfragen“.

 

Letzte Details? Verfahrensfragen? Wohl eher waren die paar Zeilen für die Presse ein Versuch des Gremiums, sich selbst unter Erfolgsdruck zu setzen. Und das auch noch mit einem konkreten Datum: Am 8. Dezember, so die KMK, solle dann abschließend entschieden werden.

Morgen (Dienstag) folgt erstmal das nächste Kapitel dieses bemerkenswerten Verhandlungsmarathons, in dem zunächst alles versucht wurde, um Mecklenburg-Vorpommerns ehemaligen Bildungsminister Mathias Brodkorb (SPD) mit ins Boot zu holen, und als das gelungen schien, plötzlich sein hessischer Kollege Boris Rhein (CDU) verkündete: Keine Sondernummern für MV!

 

Die sogenannte Amtschefkommission „Qualitätssicherung“ trifft sich zu einer weiteren Sondersitzung, und schon im Vorfeld steigt der Druck auf Brodkorbs Nachfolgerin Birgit Hesse, anders als ihr Vorgänger nicht auf einer Sondernummer zu bestehen. Im Kern ging es darum, dass Brodkorb eine ausdrückliche Zusage der anderen Länder wollte, dass sein Land weiter Diplomgrade vergeben darf.

Vorvergangene Woche gab der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), Horst Hippler, zu Protokoll, die Hochschulen seien „sehr beunruhigt“ angesichts der Vertagung auf Dezember. Dabei seien die Kultusminister auf dem richtigen Weg gewesen seien und hätten wie von der HRK gefordert auf Insellösungen verzichten wollen. Dabei, so Hippler, müsse es auch bleiben.

Keine Insellösungen, keine Sondernummern: Fast scheint es so, als habe Rhein mit seiner Ablehnung in letzter Minute nicht nur den Hochschulen, sondern auch vielen seiner Kollegen aus dem Herzen gesprochen. Sie waren bereit gewesen, um der Lösung willen auf Brodkorbs Forderungen einzugehen, doch nachdem einer ausgeschert ist, wollen andere nun offenbar auch nicht mehr. Zumal Hessen eines der einflussreichen Länder in der Kultusministerkonferenz ist, Mecklenburg-Vorpommern hingegen das drittkleinste.

Doch was bedeutet das konkret? Einfach die Extrawürste für Mecklenburg-Vorpommern rausstreichen, Hessen zufriedenstellen und dann mal schauen, was passiert? Genau das, sagen einige Minister und hoffen, dass der Erfolgsdruck, sich zu einigen – siehe oben – den Rest besorgen wird.

 

Der größte anzunehmende Unfall für die KMK wäre, wenn die Amtschefs den Ministern kein zustimmungsfähiges Papier vorlegen würden und auch die Minister keine Verständigung fänden. Bis Ende 2017, so verlangt es das Bundesverfassungsgericht, muss aber eine rechtssichere Lösung her, angesichts der Wahlen in Nordrhein-Westfalen und im Bund sogar eigentlich schon lange vorher. Als Konsequenz könnten die Ministerpräsidenten die Angelegenheit selbst in die Hand nehmen – und die Wissenschaftsminister wären erneut desavouiert wie schon bei der Entscheidung über die Zukunft der Exzellenzinitiative im Juni. Damals hatten am Ende die Regierungschefs über die Zahl der Exzellenzuniversitäten gefeilscht, und die eigentlich über die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz (GWK) zuständigen Ressortchefs waren nur noch Zuschauer.

 

Unterdessen hoffen die Verfasser des „Heidelberger Aufrufs“, dass der Staatsvertrag zur Akkreditierung auf der Zieletappe doch noch implodiert. Keiner könne die Qualität von Studiengängen so gut beurteilen wie sie selbst, hatten sie in der FAZ geschrieben. Und eine Gruppe von mehr als 50 Thüringer Professoren ruft in ihrer „Jenaer Erklärung“ ebenfalls zur Beendigung der „Zwangsakkreditierung“ auf.  

 

Erst recht skurril wird der Streit in der Kultusministerkonferenz, wenn man sich vor Augen hält, das Mecklenburg-Vorpommern längst nicht das einzige Bundesland ist, das noch (oder wieder) Diplom-Studiengänge betreibt. Erst kürzlich hat die Technische Universität Illmenau zwei neue einstufige Diplomstudiengänge eingerichtet, und Thüringens Wissenschaftsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) begrüßte den Schritt offiziell als „Stärkung der Ingenieurausbildung in Illmenau“. Auch die Technische Universität Dresden bietet zehnsemestrige Diplomstudiengänge, und konsekutive Masterprogramme sucht man etwa an der Fakultät für Maschinenbau vergebens. Warum haben denn dann Thüringen und Sachsen kein Problem gehabt, dem Entwurf des Staatsvertrag ohne die MV-Sonderklausel zuzustimmen?

Die Antwort: Weil es gar nicht darauf ankommt. Auch nach Abschließen des Staatsvertrags, so die einhellige Meinung, wird kein Bundesland ein anderes an den Pranger stellen, wenn es Diplom-Studiengänge im Angebot hat. Oder wenn eine systemakkreditierte Hochschule dann auch Diplomstudiengänge verfügt. Man kann das inkonsequent nennen oder sogar unehrlich: Genau das ist die Brücke, die die übrigen Länder Mecklenburg-Vorpommern bauen wollen. Eine Brücke, über die ein Mathias Brodkorb in seinem Hang zum Grundsätzlichen nie gegangen wäre. Aber möglicherweise ein Weg für seine Nachfolgerin, so hoffen sie zumindest in der KMK.

 

Brodkorb würde sich bestätigt fühlen in seiner Kritik an der Kultusministerkonferenz, wie er sie immer wieder geübt hat. Aber, wie einer aus dem Kreis der Minister sagt: „Mathias Brodkorb sitzt eben jetzt nicht mehr mit am Tisch.“  

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Kommentare: 4
  • #1

    Ein interessierter Leser (Dienstag, 25 Oktober 2016 01:17)

    Lieber Herr Wiarda,

    wie immer sehr interessant, jedoch eine kleinkarierte Korrektur: Die beschriebene Fakultät an der TUD ist die für "Maschinenwesen" (darauf legt man großen Wert) und es werden auch konsekutive MA-Studiengänge angeboten, siehe etwa im Studieninformationssystem (> weiterführend).

  • #2

    Jan-Martin Wiarda (Dienstag, 25 Oktober 2016 11:31)

    Vielen Dank für die Rückmeldung und die Richtigstellung. Fakultät für Maschinenwesen also, ich bitte um Entschuldigung. Was ich nicht finden konnte, sind konsekutive Studiengänge im Sinne eines durchlaufenden Bachelor- und Masterstudiengangs. Helfen Sie mir weiter? Besten Dank! Ihr J-M Wiarda

  • #3

    Ein interessierter Leser (Dienstag, 25 Oktober 2016)

    Lieber Herr Wiarda,
    an der Fakultät MW gibt es tatsächlich keine Masterprogramme wie bspw. ein Master Maschinenbau, wobei es jedoch einen BA Maschinenbau gibt. Angeboten wird z. B. ein Master "Textil- und Konfektionstechnik", der einen ersten (einschlägigen) Hochschulabschluss im Bereich Ingenieurwissenschaften (oder ferner Mathematik/Naturwissenschaften) voraussetzt.
    Eine (in manchen Teilen m. E. durchaus abenteuerliche) Begründung der Fakultät MW zur Erhaltung des Diploms können Sie hier finden: https://tu-dresden.de/ing/maschinenwesen/studium/studienangebot/index

    Viele Grüße

  • #4

    Jakobskaffee@gmail.com (Dienstag, 25 Oktober 2016 22:57)

    Lieber Herr Wiarda,

    auch für diesen sehr informativen Beitrag vielen Dank!

    Ich hoffe aber nur, Sie unterliegen bei der Definition des Begriffes des "konsekutiven" Masterstudiengangs nicht dem gleichen Irrtum wie viele Professoren und Entscheidungsträger in den Hochschulen. Konsekutiv sind auf einen Bachelorstudiengang aufbauende, vertiefende, verbreiternde, fachübergreifende oder fachlich andere Studiengänge. Die Beispiele der TU Dresden sind eigentlich zu begrüßen, da sie den Studierenden nach dem Bachelorstudium eine Wahlmöglichkeit lassen und sie eben nicht in das enge Korsett eines umetikettierten Diplomstudiengang zwingt.