Wir sollten uns über ungewöhnliche Studiengänge freuen, anstatt sie als "Moden" abzutun

Die Bologna-Reform hat Menschen zu akademischer Bildung verholfen, denen der Zugang zuvor versperrt war – dank neuartiger Studienangebote. Ein Replik auf Michael Kretschmer von Barbara Veltjens.

Foto: Woodrow Blettel: "Outdoor Lecture", CC BY-NC-SA 2.0

"WEITER JA, ABER ANDERS", lautet der Titel des Blogbeitrages von Michael Kretschmer (CDU), der Bund und Länder auffordert, sich weiter für den Ausbau der Hochschul- und Universitären Kapazitäten einzusetzen und dabei besonders die Lehrqualität in den Blick zu nehmen. Er geht davon aus, dass viele junge Menschen nach wie vor eine berufliche Tätigkeit "außerhalb des Wissenschaftssystems" anstreben und kündigt für die neue Wahlperiode an, daran mitzuarbeiten, "attraktive Ausbildungs- und Studienangebote für die jungen Menschen [zu] unterbreiten." Ziel ist es für ihn, "das Erfolgsmodell Fachhochschule […] genauso aus[zu]bauen wie das duale Studium, das durch die studienbegleitende Ausbildung und die guten Übernahmechancen in den beteiligten Unternehmen für viele Absolventen besonders attraktiv ist." Im selben Beitrag resümiert Kretschmer, dass er dazu beitragen möchte, dem Trend zu immer mehr Studiengängen ("vermeintlich neue Moden") bei gleichzeitig schlechten Betreuungsverhältnissen sowie alarmierend hohen Zahlen von Studienabbrechern, wirkungsvoll entgegen zu treten. Kretschmer stellt fest, dass eine konsequente Kompetenzorientierung der richtige Weg ist. 

 

Seine Argumentation ist allerdings an entscheidender Stelle widersprüchlich. Es passt nicht zusammen, praxisnahe und duale Studiengänge, insbesondere an Fachhochschulen, fördern zu wollen und gleichzeitig innovative Studiengänge als "neue Moden" abzutun. Zudem ist es verwirrend, zutreffend einen Ist-Stand beschreiben (zunehmend schlechte Betreuungsverhältnisse, Problem mit der Lehrqualität, hohe Studienabbrecherquoten) und die beschriebenen Mängel ausgerechnet mit denjenigen Studiengängen in Verbindung zu bringen, bei welchen sie in aller Regel gerade nicht vorzufinden sind. Im Gegenteil, typisch für die "neuen Moden" sind neben den dualen Studiengangskonzepten, dass es weder große Hörsäle noch schlechte Betreuungsverhältnisse gibt. Die Lehrqualität dieser Studiengänge leidet in der Realität eher daran, dass die Lehrenden zuvor in der Praxis gearbeitet haben und sich den Hochschulanforderungen zunächst neu stellen müssen. Das kann in der Tat dauern, wird aber vielerorts mit Bravour bewältigt. >>



Vor allem Fachhochschulen, auch private, nehmen die Herausforderungen im Zuge der Bologna-Reform an und orientieren sich an den Erfordernissen kompetenzbasierter Lehre. Insbesondere für die privaten Anbieter gilt, dass sie maßgeblich duale wie berufsbegleitende Studiengänge anbieten, die sich selbstverständlich an den Bedarfen der Industrie, Wirtschaft und Gesellschaft ausrichten müssen, da sie sonst nicht existieren könnten. Dafür kooperieren die Hochschulen mit den genannten Sektoren und sorgen so für innovative und anwendungsbezogene Lehre wie Forschung, häufig in vielen bemerkenswerten regionalen Projekten, aber auch überregional. 

 

Ob an privaten oder an staatlichen Hochschulen: Die Studierenden berufsbegleitender oder dualer Studiengänge bringen ihre Arbeitgeber bereits mit oder lernen sie ebenso häufig während ihres Studiums kennen. Die meisten Absolventen und Absolventinnen werden also von den Hochschulen gar nicht erst auf einen Arbeitsmarkt entlassen, da sie bereits Teil dieses Marktes sind. Gerade duale Studiengänge halten daher ein Betreuungsverhältnis vor, in welchem die Kooperationspartner aus der Praxis genauso mit einbezogen werden (müssen) wie die Studierenden selbst. Dank Bologna ist es (Fach-)Hochschulen darüber hinaus möglich, gerade denjenigen Bewerberinnen und Bewerbern einen Zugang zu einer akademisierten Ausbildung zu ermöglichen, denen diese vor der Reform weitgehend versagt war. 

 

Um all dies zu leisten, ist vor allem Mut notwendig: Mut zur Innovation und Ungewohntem – und ja, auch der Mut, irren zu können (woraus in der Regel die Schließung eines Studiengangs folgt, der sich als nicht erfolgreich erweist). Die Vorwegnahme wirtschaftlich-technologischer oder beispielsweise gesundheitspolitischer Zukunftsthemen macht es schlicht erforderlich, dass sich jemand traut, die dazu passenden neuen Studienangebote zu entwickeln. Alte Berufsbilder erhalten einen Qualitätsschub, indem sie akademisiert werden. Neue Berufsbilder werden geschaffen, um einem erst durch den technologischen Fortschritt oder gesellschaftliche Veränderungen entstandenen Dienstleistungsbedarf zu begegnen. Das gilt nicht nur für die Pflegeberufe oder das in Deutschland gänzlich neue Berufsbild des Physician Assistance, welches etwa in den USA bereits seit den 60er Jahren einen maßgeblichen Beitrag zur Gesundheitsversorgung leistet. Ein weiteres Beispiel ist die dringliche Akademisierung und Kompetenzerweiterung der Zahntechnik in neuen Studiengängen, die zum neuen Berufsbild Digitale Dentale Technologie führen.              

 

Praxisintegrierende, duale Studiengänge fördern, um gute berufliche Chancen anzubieten, aber gleichzeitig die Innovationen begrenzen wollen, – das kann nicht funktionieren. Dass der Hochschulpakt Abbrecherquoten berücksichtigt, um die Qualität und Sinnhaftigkeit eines Studiengangs zu beurteilen, ist ein guter Schritt. Abbrecherquoten aber linear auf eine vermeintliche "Unübersichtlichkeit" von Studienangeboten oder einen fehlenden "Bedarf" zurückzuführen, halte ich vor dem geschilderten Hintergrund für gefährlich, weil unter Umständen innovationshemmend. Vielmehr zeigen Studien: Bricht jemand ein Studium ab, hat das eher etwas mit seiner oder ihrer mangelnden Integration in die Hochschule im Sinne eines (persönlichen) Ankommens zu tun.    

 

Michael Kretschmer setzt sich dafür ein, die "Berufsorientierung signifikant ausbauen" und die Kompetenzorientierung im Studium zu stärken. Das ist überaus begrüßenswert. Allerdings wird er hierfür vermutlich noch viel innerparteiliche, hochschulpolitische und universitäre Überzeugungsarbeit leisten müssen, wie etwa der Artikel von Thomas Thiel am 12. Juli in der FAZ eindrucksvoll zeigt. Dort kann man nachlesen, wie die Bologna-Studienreform und die damit einhergehende Kompetenzorientierung immer noch als "bildungspolitischer Sündenfall" beschrieben wird, der mit einem "gerasterten Menschenbild" zusammenhänge und somit einem "grundgesetzlichen Freiheitsverständnis" zuwiderlaufe. 

 

Angesichts solch tiefgreifender Sorgen bleibt ein Gefühl erstaunter Amüsiertheit nicht ganz aus. Ich für meinen Teil habe diesen Sündenfall der Bildungspolitik im Hochschulalltag bislang nicht finden können. Vielmehr erlebe ich nahezu täglich wunderbare und höchst individuelle Bildungsgeschichten und Lernereignisse, die vor allem jenen nützen, die vor noch nicht allzu langer Zeit mehr oder weniger ausgeschlossen waren von qualitätsvoller Hochschulbildung. Und genau diese verdanken wir gerade auch den so genannten "neuen Moden"!

 

Barbara Veltjens ist Professorin für Pädagogik und Vizepräsidentin für Studium und Lehre an der praxisHochschule.

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