An der richtigen Stelle mutig

Der Wissenschaftsrat fordert längst überfällige Veränderungen bei wissenschaftlichen Begutachtungen. Die meisten seiner Vorschläge sind behutsam – aber zwei Ideen stechen heraus.

Foto: Titelseite des Positionspapiers
Foto: Titelseite des Positionspapiers

DER WISSENSCHAFTSRAT hat es nicht so mit großen Worten. Kann er auch nicht, denn Ausgleich und Ausgewogenheit sind Teil seiner DNA (siehe Kasten). Entsprechend getragen-unspektakulär und auch ein bisschen langatmig kommt daher, was das Beratungsgremium heute Mittag verkündet hat. Im ZEITChancen Brief hatte Wissenschaftsratsvorsitzende Martina Brockmeier am Morgen bereits einen rhetorischen Vorgeschmack gegeben: "Mit einer Mischung aus behutsamen Veränderungen und mutigen Experimenten sollte es uns gelingen, das Begutachtungswesen krisenfest für die Zukunft zu machen", schrieb sie. Doch sollte man sich von solch gesetzten Worten nicht täuschen lassen.

 

Einige der im heute veröffentlichten Wissenschaftsrats-Positionspapier (kreativitätsbefreiter Titel: "Begutachtungen im Wissenschaftssystem") enthaltenen Ideen mögen für sich gesehen nicht vom Hocker reißen, so neu sind sie nicht. Ihre Außergewöhnlichkeit indes besteht darin, dass sie erst in ein Papier des Wissenschaftrates geschrieben und dann auch nicht herausgestrichen wurden, als dessen Vollversammlung Ende der vergangenen Woche abschließend über sie befand. Was das Papier am Ende doch fast spektakulär werden lässt. 

 

Das hat sehr viel mit Brockmeier selbst zu tun. Wer die Agrarökonomin kennt, weiß, dass sie beim Thema Begutachtungen durchaus Leidenschaft entwickelt. Es ist ihr Thema – das Thema, das sie seit vielen Monaten verfolgt hat und auch als erstes nannte, wann immer sie bei ihrer Wahl zur Wissenschaftsratsvorsitzenden im Januar 2017 nach ihren zentralen Vorhaben gefragt wurde. Brockmeier stört sich an dem, wie sie damals sagte, "Gejammer" über das System, das häufig einhergehe mit der Weigerung, wirklich etwas zu ändern. Das Paradox, das sie beobachtet: Auf der einen Seite forderten alle kürzere und effizientere Begutachtungen, auf der anderen Seite wolle keiner eine Vereinfachung bei den Kriterien. >>


Die DNA des Wissenschaftsrates

Bei der Gründung des Wissenschaftsrates 1957 gingen Bund und Länder auf Nummer sicher, dass das Gremium keine einseitig-kontroversen Empfehlungen produzieren würde. Lieber etwas weniger mutig, dafür aber realisierbar sollten die Ideen sein. Entsprechend ist der Wissenschaftsrat in zwei Kammern unterteilt, die ohne einander keine abschließenden Entscheidungen treffen können. 

 

Der wissenschaftlichen Kommission mit ihren 24 Wissenschaftlern und acht "Personen des öffentlichen Lebens" (wissenschaftsintern gern liebvevoll "die Außerirdischen" genannt) steht die Verwaltungskommission gegenüber, in der je ein Vertreter pro Landesregierung und sechs Entsandte der Bundesregierung sitzen, wobei letztere 16 Stimmen zu vergeben haben.

 

Wissenschaftliche und Verwaltungskommission kommen also auf jeweils 32 Stimmen, zusammen bilden sie die

Vollversammlung, in der Beschlüsse mit Zweidrittelmehrheit fallen müssen. Also: Will eine Kammer etwas durchsetzen, muss sie stets auch Mitglieder der anderen überzeugen.

 

Die Vorsitzenden des Wissenschaftsrates stammen stets aus der Wissenschaft, ihnen wird besonderes diplomatisches Geschick abverlangt.

 

Den Hang des Wissenschaftsrates zu umfassenden, ausgewogenen Äußerungen erkennt man schon an der Länge seiner Empfehlungen: Oft umfassen sie hundert Seiten und mehr, was ihre öffentliche Diskussion erschwert. Deshalb hat der Wissenschaftsrat vor einiger Zeit das Format des "Positionspapiers" eingeführt, das kürzer, prägnanter, zugespitzter sein soll. Die Äußerung zum Begutachtungssystem ist ein solches Positionspapier – wobei das mit der Prägnanz relativ ist. Das Papier umfasst inklusive Anhang immer noch 35 Seiten. 



>> Das Positionspapier, das unter Brockmeiers Leitung entstand, ist die Antwort des Wissenschaftsrates auf diese von vielen empfundene Legitimationskrise der Begutachtung, seine Auseinandersetzung mit der Gretchenfrage des Systems: Wie hältst du es mit dem Aufwand? Stimmt es wirklich, dass die Begutachtungen immer zeitraubender werden und die Gutachter immer stärker überlastet sind, und wenn ja, was kann man dagegen unternehmen?

 

Im Papier heißt es dazu: Immer mehr Organisationen suchten "Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler für Begutachtungen und stehen dabei untereinander häufig in Konkurrenz um die Ressource Gutachter." Zudem habe die Nachfrage nach Begutachtungen in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen, was der Wissenschaftsrat vor allem auf den Trend zu Drittmitteln und Wettbewerben wie der Exzellenzstrategie, aber auch auf die neuen Formen der Nachwuchsförderung mit Zwischenevaluationen (Juniorprofessur und Tenure Track) zurückführt – bei gleichzeitigem quantitativen Wachstum des Wissenschaftssystems (der Pakt für Forschung und Innovation lässt grüßen). 

 

Was das Problem verschlimmert: Die wachsende Zahl der Begutachtungen, so der Wissenschaftsrat, werde nicht gleichmäßig von den Wissenschaftlern übernommen. Die "verfügbaren Daten" deuteten darauf hin, "dass etwa zwei Drittel des Personals wenig und ein Drittel mittel bis hochaktiv gutachtend tätig sind, wobei eine kleine Personengruppe in besonderem Umfang Begutachtungsaufgaben wahrnimmt." Was auch logisch ist: Wer zuverlässig gute Arbeit macht, wird von Zeitschriftenredaktionen und Förderorganisationen gern wieder angefragt. Kein Wunder, dass die Betroffenen irgendwann stöhnen. 

 

Ein Missverhältnis, das Brockmeier schon länger umtreibt. Nicht die Menge der Begutachtungen sei das eigentliche Problem, sagte sie im Januar, sondern dass die immer gleichen Aktiven an ihrer Entstehung beteiligt seien. „Wir müssen sehen, wie wir mehr Wissenschaftler einbeziehen, und ganz besonders, wie wir mehr junge Kolleginnen und Kollegen dazu befähigen, bei Begutachtungen mitzuwirken.“

 

Entsprechend fordert das Positionspapier eine Professionalisierung" oder, anders formuliert, "das Begutachten (zu) unterstützen". Informationsangebote für neue Gutachter sollten ergänzt werden "durch ein transparentes Mentoring" mit erfahrenen Gutachtern, durch "regelhafte" Rückmeldungen an Gutachter sollen Lerneffekte ermöglicht werden. Und so geht das weiter: mehr Transparenz im Begutachtungsprozess, effizientere Verfahren, eine passgenaue Auswahl der Gutachter. Alles richtig, alles nicht wirklich neu.

 

Deshalb nun zu den Ideen, die, obgleich ebenfalls nicht neu, deutlich innovativer sind. Die, und das macht sie wirklich besonders, es trotz ihres Innovationsgrades in ein Papier des Wissenschaftsrates geschafft haben. Sie verbergen sich in einem einzigen Absatz auf Seite 26.

 

Ein Absatz, den man sich ganz genau durchlesen sollte. Er beginnt mit einer wissenschaftsratstypisch diplomatischen Bestandsaufnahme: Von "Vorwürfen" des "Mainstreamings" ist dort die Rede, soll heißen: Wer Projektideen hat, die weit weg sind von dem, was die Gutachter selbst machen, hat bei Förderanträgen oft geringere Chancen – nicht aufgrund der Qualität, sondern weil die Gutachter dem Ungewöhnlichen tendenziell misstrauen. Dieses Mainstreaming beschreibt der Wissenschaftsrat als "Folge risikoscheuer, strukturkonservativer oder bestimmte Denkschulen stützender Begutachtungen". So vorsichtig und distanziert die Problembeschreibung, so konkret und mutig sind die zwei Vorschläge, die dann folgen.

 

Erstens: Wenn die Zahl der Antragsteller sehr hoch liege und damit die zu vergebenden Fördermittel sehr knapp, "könnte ein Teil der förderungswürdigen Anträge nach einer Zufallsauswahl gefördert werden." Ja, Sie haben richtig gelesen. Der Wissenschaftsrat fordert ein Losverfahren, obgleich Brockmeier selbst diesen Begriff offiziell nie benutzen würde – vermutlich weil sie die Entwertung der Idee fürchtet (Losverfahren=Lotterie). Wobei selbst eine abfällige Intonation des Wortes "Lotterie" eigentlich nur von denen kommen dürfte, die das dahinterliegende Potenzial entweder nicht begriffen haben oder eben zu den vom Wissenschaftsrat erwähnten "strukturkonservativen Denkschulen" gehören. Wie wirkungsvoll eine Zufallsauswahl tatsächlich sein könnte, hatte hier im Blog vor über einem Jahr der Münchner Professor Klaus Diepold skizziert.

 

Idee zwei des Wissenschaftsrats: "Werden Leistungen oder Anträge uneinheitlich bewertet..., könnte... Auswahlkommissionen ein effektives Sondervotum (auch wild card) eingeräumt werden". Ein "effektives Sondervotum"? Als habe den Wissenschaftsrat am Ende des einen Absatzes der Mut schon wieder verlassen, führt er seine Idee nicht weiter aus. Gemeint ist aber vermutlich folgendes: Wenn ein einzelner Gutachter im Gegensatz zur Mehrheit der Meinung ist, dass ein Projektantrag besonders gut und förderwürdig sei, dann kann er in Ausnahmefällen die Förderung allein durchsetzen. Alternativ könnte die wild card auch zum Einsatz kommen, wenn mehrere Gutachter ein Forschungsvorhaben als zu risikoreich beurteilen, weil es sich nicht ohne Weiteres einschätzen lässt in seinem Potenzial und seinen Erfolgsaussichten. Woraufhin die Gutachter sagen könnten: Geben wir dem Antragssteller einfach mal die Chance. 

 

Losverfahren und wild cards – sage noch mal jemand, der Wissenschaftsrat traue sich nichts. Spannend ist, ob die Deutsche Forschungsgemeinschaft und andere öffentliche Förderorganisationen sich trauen werden, die Vorschläge aufzugreifen. Sie zumindest mal, wie Martina Brockmeier sagt, "mit einem kleinem Budget" auszuprobieren, um dann, wie der Wissenschaftsrat ebenfalls anregt, die "Experimente" systematisch auszuwerten. Damit sie es tun, brauchen wir erst einmal eine Debatte über diese halb vergrabenen mutigen Ideen des Wissenschaftsrates.

 

Brockmeier selbst hat sie bereits eröffnet heute mit ihrem Beitrag im ZEITChancen Brief, indem sie die Vorschläge von Seite 26 ganz nach vorn gezogen hat. Jetzt müssen andere ihr nur noch helfen, den nötigen Erwartungsdruck zu erzeugen. 

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Kommentare: 2
  • #1

    Manfred Ronzheimer (Freitag, 27 Oktober 2017 07:17)

    Hallo
    ich habe dich in meinem taz-Artikel heute zitiert:
    http://www.taz.de/!5458208/

  • #2

    Jan-Martin Wiarda (Freitag, 27 Oktober 2017 17:45)

    Das freut mich, lieber Manfred, vielen Dank dafür!

    Viele Grüße
    Jan-Martin