· 

"Ich wünsche mir, dass die Minister sich klar machen, was ihre Entscheidung für uns bedeutet"

Johannes Motschmann wartet seit sieben Jahren auf sein Medizinstudium. Nächstes Jahr wäre er an der Reihe gewesen. Was die NC-Reform für sein Leben bedeutet: ein Protokoll.

Johannes Motschmann, 25, will Psychiater werden.  Foto: privat.

ICH BIN EINER von denen, die es trifft. Im Frühjahr warte ich im 15. Semester auf meinen Studienplatz, und wenn die Kultusminister es nicht anders beschlossen hätten, hätte das bedeutet: Ich hätte endlich Medizin studieren können. Jetzt aber weiß ich nicht, wie es weitergeht. Ich weiß nicht mehr, welche Chancen ich habe, meinen großen Traum doch noch Wirklichkeit werden zu lassen.

 

Ich bin jetzt 25, aber Medizin studieren will ich, solange ich denken kann. Das hat mit meinen Eltern zu tun, mein Vater ist Augenarzt, meine Mutter Ärztin für Allgemeinmedizin. Ihr Beruf hat mich geprägt, doch ich will eine andere Richtung einschlagen. Ich habe mich schon immer für die menschliche Psyche interessiert, ich will Psychiater werden, das ist mein Ziel.

 

"Heute denke ich, ich habe als 16-Jähriger
nicht die richtigen Prioritäten gesetzt.
"

 

Aber in der Schule, auf dem Sportgymnasium zu Hause in Magdeburg, ging es dann erstmal um etwas Anderes, da kam der Sport immer zuerst. Hindernislauf, 3000 Meter, Mittel- und Langstrecke, ganze Spektrum. Ich war fokussiert auf mein Training, auf die Laufeinheiten und die Wettkämpfe. Heute denke ich, ich habe damals als 16-, 17-Jähriger nicht die richtigen Prioritäten gesetzt, ich war noch nicht reif genug, um langfristige Entscheidungen zu treffen.

 

Die Motivation, immer schneller zu werden, war groß, ich schaffte den Sprung in den Bundeskader. Um noch mehr Zeit für meine Läuferkarriere zu haben, beantragte ich eine sogenannte Schulzeitstreckung, das heißt: Ich habe ein Jahr später Abitur gemacht. Und dann auch nur mit einem Schnitt von 2,5.

 

Das hat natürlich nicht gereicht für den direkten Studieneinstieg, das wusste ich. Aber ich bereitete mich vor. Ich bewarb mich um einen Medizin-Studienplatz, meine einzige Chance war die Warteliste. Damals hieß es: Nach zwölf Semestern hast du deinen Platz. Ich habe dann erstmal ein fünfmonatiges Pflegepraktikum gemacht, zwei Monate mehr, als ich fürs staatliche Studium brauchte.

 

"Die ganze Zeit zählte ich meine Wartesemester und
dachte: Wenn du wiederkommst, ist es bald soweit."

 

Doch dann ergab sich plötzlich eine andere Option. Ich bekam das Angebot, mit einem Sportstipendium in den USA zu studieren, an einer kleinen Uni nördlich von New York City. Als Hauptfach habe ich dort Psychologie ausgewählt, das erschien mir als eine geeignete und medizinnahe Vorbereitung für mein Berufsziel Psychiatrie. Nach vier Jahren hatte ich meinen Bachelor, nach einem weiteren Jahr meinen Master in experimenteller Psychologie. Und die ganze Zeit zählte ich meine Wartesemester und dachte: Wenn du wiederkommst, ist es bald soweit.

 

Ich gebe zu, ich habe das mit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts erst gar nicht mitbekommen. Deutschland ist manchmal weit weg, wenn man in den USA lebt. Aber irgendwann, das muss so Ende 2018 gewesen sein, schaute ich mal wieder die Tagesschau online, und da kam ein Bericht über die Kultusminister und die Reform der Medizin-Studienplatzvergabe. Da war ich plötzlich hellwach, ich habe versucht, alle möglichen Informationen zu sammeln, und je mehr ich wusste, desto frustrierter wurde ich. Ich hatte das Gefühl: Da wird gerade meine ganze Lebensplanung über den Haufen geworfen.

 

Seit Mitte Juni bin ich aus den USA zurück. Vor ein paar Tagen habe ich wieder den gewohnten Ablehnungsbescheid von der Stiftung für Hochschulzulassung fürs Wintersemester bekommen, diesmal mit 14 Wartesemestern. Und dann, im nächsten Semester, ausgerechnet wenn ich dran wäre, kommt der Schnitt.

 

"Ich bin froh, dass ich gerade nicht zu Hause
herumhocke und vor mich hinbrüte." 

 

Klar, irgendwen erwischt es halt immer, wenn sich etwas verändert. Aber ich kann nur sagen: Ich bin froh, dass ich gerade nicht zu Hause herumhocke und vor mich hinbrüte. Mit meiner Freundin, die ich am College kennengelernt habe, toure ich durch Europa während meiner sportlichen Saisonpause. Chamonix, Paris, als nächstes Amsterdam. Das lenkt mich ab.

 

Und ich gebe nicht auf. Ich will immer noch Medizin studieren, irgendwo in Deutschland, egal wo, und Psychiater werden. Schließlich kann ich doch auch schon einiges vorweisen, oder? Sogar ein Forschungspraktikum habe ich gemacht, an der Universität Magdeburg, der Forschungsbezug im Medizinstudium wird ja immer wichtiger.

 

Und was ist meinem Psychologieabschluss aus den USA – und mit der Tatsache, dass ich bis heute in der Leichtathletik-Nationalmannschaft bin? Das zeigt doch, dass ich meine Ziele mit Disziplin verfolgen kann, dass ich auch ein Medizinstudium bewältigen könnte, auch wenn ich schon so lange auf meinen Platz warte.

 

Ich verstehe schon, dass die deutsche Regelung, dass man sich einen Studienplatz einfach so ersitzen konnte, international ungewöhnlich war. Ich stelle auch nicht in Frage, dass zum Beispiel eine Kombination von Medizinertest und Auswahlgesprächen als Auswahlverfahren fairer ist, aber am unfairsten ist, wenn man Regelungen, denen Bewerber wie ich vertraut haben, einfach im laufenden Verfahren ändert. Eine faire Übergangsfrist wären 14 Semester – die Zeit, die man derzeit nach dem Abitur auf einen Studienplatz warten muss.

 

"Was mich echt frustriert, ist diese
überragende Bedeutung der Abiturnote."

 

Was mich echt frustriert, ist diese überragende Bedeutung der Abiturnote. Ich glaube, dass gerade viele Jungs ins Abitur starten und noch nicht erwachsen genug sind, um die Bedeutung des Zensurenschnitts für ihr weiteres Leben einschätzen zu können. Gerade wenn sie sportlich so aktiv sind wie ich.

 

Als nächstes mache ich den Medizinertest, allerdings erst nächstes Frühjahr, bei der letzten Test-Gelegenheit war ich noch in den USA. Darum kann ich das Ergebnis auch erst ein Semester später in die Bewerbung einbringen. Noch so eine Sache, bei der man fragen kann, wie sinnvoll das eigentlich ist: einen Test, der durch die Reform so stark an Bedeutung gewonnen hat, nur einmal im Jahr anzubieten.

 

Es soll jetzt ja für alles Mögliche Bonuspunkte geben, aber wenn man genauer hinschaut, zählen doch nur ein freiwilliges soziales Jahr und eine medizinische Ausbildung. Mein Psychologiestudium interessiert da nicht, da kann es noch so medizinnah gewesen sein.

 

Ich weiß, dass ich einer von vielen bin, dass hunderte, vielleicht tausende andere nicht mehr wissen, ob sich ihr Lebenstraum erfüllen wird. Ich weiß auch, dass solche Zahlen allein kein Argument sind. Aber ich würde mir wünschen, dass die Wissenschaftsminister sich klar machen, was ihr Entscheidung für uns bedeutet. 


Kommentar schreiben

Kommentare: 10
  • #1

    Fragenstellerin (Montag, 02 September 2019 09:07)

    Jenseits dessen, dass Zulassungsbeschränkungen ein unerträgliches Übel sind - ist das jetzt nicht Weinen auf ziemlich hohem Niveau?

  • #2

    Finanziell gut situiert (Dienstag, 03 September 2019 11:06)

    Ich hätte es mir nicht leisten können, sieben Jahre auf einen Studienplatz zu warten. Mal hier ein bisschen Praktikum, da ein kleines Studium, dann eine kleine Europareise zur Ablenkung, parallel immer noch eine Zweitkarriere als Sportler, nur mit dem Ziel, irgendwann mal die Ausbildung anzufangen, die mich zu meinem eigentlichen Beruf führt - wer kann das denn finanzieren? Der gute Mann wird voraussichtlich erst 14 Jahre nach dem Abitur das erste Mal in seinen Beruf einsteigen - das halte ich nicht für sinnvoll. Und dass man als Jugendlicher nicht weiß, dass das Abitur eine wichtige Bedeutung für den weiteren Lebensweg hat, ist eine faule Ausrede. Jugendliche, die einen anderen Abschluss machen und eine Ausbildung anstreben, müssen sogar noch zwei Jahre früher die Bedeutung eines guten Abschlusses realisieren und Entscheidungen für's Leben treffen.

  • #3

    tmg (Dienstag, 03 September 2019 15:52)

    Was für eine Anspruchshaltung. Sagenhaft!

  • #4

    Edith Riedel (Mittwoch, 04 September 2019 15:05)

    Das sind die Probleme des privilegierten, weissen Mannes. Wehe die boese Gesellschaft gibt ihm nicht, was er meint sie schulde ihm.

  • #5

    Albi (Donnerstag, 05 September 2019 13:16)

    Häää?
    "und mit der Tatsache, dass ich bis heute in der Leichtathletik-Nationalmannschaft bin?"
    Damit kriegst du neun Bonuspunkte im AdH in Heidelberg, Fakultät Mannheim. Kein Scherz.
    Für dein Abi kriegst du dort in der Formel zwischen 20-21 Punkte, je nach genauer Punktzahl deiner 2,5.
    "Als nächstes mache ich den Medizinertest, allerdings erst nächstes Frühjahr, bei der letzten Test-Gelegenheit war ich noch in den USA."
    Dann brauchst du noch einen TMS-Standardwert von etwa 115, um damit nach Formel weitere 22 Punkte zu bekommen. Dafür musst du zu den ca. 8% Besten gehören. Der Test ist reine Übungssache - und mit viel Willen machbar.

    Zusammengefasst: 20,5 Punkte + 22 Punkte + 9 Punkte = 51,5 Punkte.
    Der letzte Grenzwert lag bei 50,52 Punkten. Du hättest also deinen Platz im AdH an einer deutschen Fakultät!

    Übrigens: Gehörst du im TMS zu den 2% besten (STW 120), kriegst du dafür schon 29,3 Punkte, d.H. grob 58 Punkte in der Formel.

    Das Ganze hat mich etwa 5 Minuten Recherche gekostet.
    http://www.medizinische-fakultaet-hd.uni-heidelberg.de/fileadmin/ausbildung_lehre/Interesse_am_Studium/AdH-Uni-HD-Rangliste.pdf


    Ich höre immer nur Gemecker, dass man ein ultra Abitur braucht, um einen Studienplatz zu bekommen. Dabei kommt dann so ein Artikel raus. In zweiter Näherung stimmt das alles gar nicht, solang man den TMS ernst nimmt. Nur scheinst du in deinen sieben Jahren diesen Weg nicht mal entdeckt zu haben. Stattdessen studierst du in den USA, tourst durch Europa und hast genügend Zeit, auf klischeehafte Art und Weise Meinungsmache zu betreiben. Das nervt mich, weil es nicht glaubhaft ist. Da kenn ich andere Geschichten! Nur solch ein dilettantisches Vorgehen beweist für mich, dass dein Wunsch nach einem Medizinstudium bestimmt nicht lebensbestimmend gewesen ist...

  • #6

    Jan-Martin Wiarda (Donnerstag, 05 September 2019 13:27)

    Lieber Albi, liebe alle,

    vielen Dank für die Kommentare – ich bitte aber um einen etwas wertschätzenderen Ton, der sonst die Kommentare in diesem Blog auszeichnet. Sie können gern anderer Meinung sein, aber bitte nicht persönlich werden! Dies auch als Warnung an die weiteren Kommentatoren.

    Ich freue mich, dass Herr Motschmann den Mut hatte, hier mit seinem Namen zu stehen. Dafür verdient er Respekt.

    Vielen Dank und viele Grüße
    Ihr Jan-Martin Wiarda

  • #7

    Zielstrebig und lebensfroh (Freitag, 06 September 2019 00:51)

    Dieser Mann mit der ach so sagenhaften Anspruchshaltung hat sich, wie jeder 5te Medizinstudent bisher auch, aktiv für die Wartezeit entschieden und sie sinnvoll gestaltet, mit der Gewissheit, in der Zukunft auch einen Platz zu bekommen.

    Für die deutsche Nationalmannschaft läuft man nicht eben mal so nebenbei und das Leben und Psychologietudium in den USA wurde durch ein selbst erarbeitetes Sportstipendium voll finanziert, übrigens ohne jegliche Privilegien für weiße Männer, nur durch 12 Trainingseinheiten pro Woche seit dem 16 Lebensjahr.

    Da ist ein kurze Städtereise nach fünf Jahren Studium auch nicht zu viel verlangt. Finanziell gut situiert muss man für das Ganze jedenfalls nicht sein und jeder kann sich solche Möglichkeiten selbst erarbeiten, wenn man zielstrebig und lebensfroh ist.

  • #8

    Albi (Freitag, 06 September 2019 13:12)

    Ich gebe zu, dass mein Beitrag bewusst grenzwertig harsch formuliert war. Dies sollte nicht Ausdruck persönlicher Diffamierung werden, sondern ist Ausdruck schlichten Unverständnisses bezüglich vieler Thesen, die in obigem Beitrag formuliert werden - und die musste ich los werden.
    Da ist die Unkenntnis über die Reform, die sich mehr als nur ein Jahr im Voraus angekündigt hatte.
    Da ist die Unwissenheit darüber, dass in einem Hochschulauswahlverfahren die Teilnahme an einer olympischen Nationalmannschaft extrem boniert wird - eine riesen Chance. Die versiegt allerdings mit der Reform, da nur noch "medizinnahe Tätigkeiten" boniert werden.
    Da ist die Unkenntnis über den TMS, der mit einem herausragenden Ergebnis viele mittelmäßige Abiturnoten korrigieren kann. Ich gebe ein Beispiel: Die Auswahlgrenzen des 1. AdH kamen heute heraus. Mit einem 120-STW TMS (2% Beste) wär man mit 2,5 auch ohne Bonuskriterien in Augsburg und eventuell Mannheim drin gewesen. Mit einem 121-STW TMS wär man in Gießen auf der Grenze - und mit einem 123-STW TMS (ca. 0,5% Beste) könnte man sogar in Heidelberg studieren. Mit einem 2,5er Abi.
    Ich gebe zu, dass das keine einfache Aufgabe ist. Aber es gibt immer wieder Leute, die so ihren Studienplatz erhalten - Und es gibt Studien, die explizit diese Auswahl der Bewerber aufgrund guter Studienleistungen rechtfertigen.

    Die deutsche Wartezeitquote ist eigentlich für Leute gedacht, die in Deutschland 7-8 Jahre kein Studium aufnehmen und währenddessen eine Ausbildung abgeschlossen haben. Insofern ist dieser Fall natürlich ironisch: weil im Ausland studiert wurde, bekommt man trotzdem Wartesemester. Das ist natürlich ein Privileg, was fast niemand vorzuweisen hat. Andererseits wird man Probleme kriegen, sich über eine andere Quote zu bewerben, wo das Psychologiestudium wohl zählt: Die Zweitstudiumsquote. Da hat man exzellente Karten, wenn man wissenschaftlich tätig war und zwingende Gründe angeben kann. Das sind 3% Studienplätze. Und wenn man Psychiater werden will, passt das Psychologiestudium doch exzellent als Vorgeschichte.

    Übrigens: Die 10% ZEV-Quote (Eignungsquote) wird "fast" nur noch nach Studienfähigkeitstest gehen. Und ein weiteres Auslandstudium schließe ich nach der Vorgeschichte und Familienstand ebenso nicht aus. Damit sind jetzt schon vier Chancen genannt, wie man an einen Studienplatz kommen kann.

    Jetzt - wenn man die ganzen Nischen, die ganzen Möglichkeiten, die ganze Vielfältigkeit durchschaut, merkt man, dass hier leider sehr stark an der Oberfläche gekratzt wurde. Und damit meine ich nicht, dass es immer noch viele Leute gibt, die sich ihren Traum nicht erfüllen können.
    Nur so einfach, wie es oben beschrieben wurde, ist es nicht.
    Das alte System bleibt Ausdruck deutscher Bildungsagenda: lächerlich, verzwickt, undurchsichtig, allerdings mit Vorwissen durchlässig, vielschichtig und auf seine eigene Art und Weise pervers. Hoffentlich wird das neue System dies etwas abschwächen...

  • #9

    SpoWi MD (Donnerstag, 12 September 2019 14:25)

    Leistungssport und Medizinstudium lassen sich sowieso schwer verbinden, von daher war es gar keine schlechte Entscheidung, in die USA zu gehen und sich sportlich weiterzuentwickeln bevor man sich dann auf den beruflichen Werdegang konzentriert. In den USA gibt es bessere Strukturen für Studium und Training.
    Ich hoffe, dass wir noch weitere Erfolge auf der Laufbahn sehen.

  • #10

    Harry N. (Donnerstag, 19 September 2019 14:43)

    Der junge Mann hat in seinem jungen Alter schon viel erreicht und konnte es sich leisten auf den Studienplatz zu warten. Nach einer so langen Zeit steht dieser ihm nun auch wirklich zu, entgegen einiger Meinungen hier. Es ist doch evident, mit all den Leistungen und Vorbildungen, dass er ein Medizinstudium meistern kann. Wir brauchen wieder Ärzte aus Leidenschaft.