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Wenn es eng wird, sind die Mütter dran

Wie lange Schulen im Frühjahr geschlossen blieben, hing auch mit der gesellschaftlichen Stellung von Frauen und Müttern zusammen, ergab eine Max-Planck-Studie. Was die Corona-Einschränkungen für ihre Karriere konkret bedeutet, zeigt jetzt eine neue Befragung am Beispiel der Wissenschaft.

Foto: Standsome Worklifestyle / Unsplash.

ES SIND ZWEI STUDIEN, die viel aussagen über die Gesellschaft, in der wir leben. In Deutschland und anderswo.

 

Die eine hat das Max-Planck-Institut für demografische Forschung (MPIDR) in Rostock veröffentlicht, zuletzt berichtete der Deutschlandfunk. Kernaussage: Gesellschaften, die stärker die Berufstätigkeit von Müttern befürworten und unterstützen, haben die Schulen nach dem Frühjahrs-Lockdown deutlich früher wieder geöffnet – während Staaten, in denen die Gleichstellung von Müttern eine geringere Rolle spielt, andere Corona-Eindämmungsmaßnahmen zuerst beendeten oder abwarteten, bis die Infektionsraten noch stärker gesunken waren. "Wir hatten die Vermutung, dass die Normen und Werte, die in einer Gesellschaft dazu vorherrschen, eine Rolle gespielt haben", sagte die Studienautorin Natalie Nitsche im Deutschlandfunk-Interview. "Wir waren aber überrascht ob der Deutlichkeit der Ergebnisse."

 

Und was ist
mit Deutschland?

 

Überraschend ist, dass die Schulen in Deutschland laut Nitsche und ihrem Ko-Autor Ansgar Hudde vergleichsweise früh (nach rund einem Monat) wieder geöffnet wurden – und die Bundesrepublik in der Max-Planck-Studie zugleich zu den Staaten gezählt wird, die die Berufschancen von Müttern relativ stark unterstützen. Schneller bei den Öffnungen waren den Daten zufolge nur Israel und Dänemark. Russland, Schweden, die USA und Australien hätten die Schulen nie ganz geschlossen gehabt (von diesen Ländern werden in der Studie alle Staaten bis auf Russland als eher "egalitär" und pro Mütter-Berufstätigkeit eingestuft).

 

Der Industriestaatenbund OECD hatte die Dauer der Lockdown-Schulschließungen in Deutschland mit 17 Wochen angegeben – drei über dem OECD-Durchschnitt. Der Unterschied: Die OECD rechnete bis zur Komplett-Öffnung, die Rostocker Wissenschaftlerinnen hingegen bis zum Beginn des tageweisen Hybrid-Unterrichts in den ersten Klassenstufen Ende April. Diese starken Abstufungen hätten sich in den Daten nicht abbilden lassen, räumte MPIDR-Forscherin Nitsche ein.

 

Tatsächlich hatte als erstes Bundesland Sachsen Mitte Mai den täglichen Präsenzbetrieb wieder aufgenommen – zunächst in den Grundschulen. Weitere Länder folgten im Juni – die Mehrheit bot jedoch erst nach den Sommerferien im August bzw. September wieder täglichen Unterricht für alle Schüler an. 

 

Frauen und Mütter publizierten
deutlich weniger 

 

Doch was haben die Kita- und Schulschließungen konkret für berufstätige Frauen bedeutet? Das zeigt eine zweite, gerade erschienene Studie in ebenfalls großer Deutlichkeit – noch dazu für einen Teil des Arbeitsmarkts, in dem egalitäre und emanzipative Ideale eigentlich eine besonders bedeutende Rolle spielen sollten. Ich meine die Wissenschaft. Das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) hat 1600 Professorinnen und Professoren zu ihrer Publikationsproduktivität seit dem Lockdown befragt. Heraus kam: 54 Prozent der Professoren, aber nur 36 Prozent der Professorinnen haben seit Beginn der Pandemie genauso viele Veröffentlichungen eingereicht, wie sie es vorgehabt hatten. Umgekehrt hätten 57 Prozent der Frauen, aber nur 37 Prozent der Männer angegeben, weniger Artikel als geplant zur Veröffentlichungsreife gebracht zu haben, berichten Alessandra Rusconi, Nicolai Netz und Heike Solga vom WZB.

 

Deutlich auch der Unterschied, wenn man sich die Antworten allein der Eltern unter den befragten Professoren und Professorinnen anschaut. Denn die coronabedingten zusätzlichen Betreuungslasten waren ungleich verteilt: 73 Prozent der Mütter, aber nur 54 Prozent der Väter hätten weniger Publikationen für die Veröffentlichung fertig gemacht. "Interessanterweise haben sieben Prozent der Väter sogar mehr einreichen können", schreiben die WZB-Autorinnen. "Diese Befunde sind in Übereinstimmung mit Ergebnissen aus Bevölkerungsumfragen der vergangenen Monate, dass in Zeiten des Lockdowns die Arbeitsteilung in Familien wieder stärker traditionell organisiert ist." 

 

Im Vergleich zu ihren männlichen Professorenkollegen ohne Kinder blieb allerdings auch Vätern deutlich weniger Zeit zum Publizieren. Nur 46 Prozent von ihnen gaben an, mindestens genauso viel oder mehr veröffentlicht zu haben wie vor der Krise. Bei kinderlosen Professorinnen sagten das immerhin 56 Prozent. Und von den kinderlosen Professoren satte 76 Prozent. Hatten also Wissenschaftler mit Kindern seit Beginn der Pandemie berufliche Nachteile zu tragen, galt dies für  Wissenschaftlerinnen nochmal verstärkt. 

 

Die WZB-Forscher haben die Professorinnen und Professoren, die weniger publiziert haben, auch nach den Gründen befragt. Hatten sie Kinder, antworteten sie zu 87 Prozent (Männer) beziehungsweise zu 93 Prozent (Frauen): die zusätzliche Kinderbetreuung. Unter allen Befragten mit weniger Veröffentlichungen, also denen mit oder ohne Kindern, sagten etwa drei Viertel, die zusätzlich aufgewendete Zeit für die Online-Lehre habe sie beeinträchtigt. Rund 30 Prozent sagten, dass ihre Ko-Autoren weniger Zeit gehabt hätten. Vielleicht ja, weil diese wiederum Mütter waren?

 

Das Geschlecht bestimmt
das Problembewusstsein

 

Insgesamt, schreiben die WZB-Autorinnen, hätten Professorinnen durchgehend häufiger als ihre männlichen Kollegen über Einschränkungen durch Kinderbetreuung, Online-Lehre und Zeitrestriktionen bei Kollaborationen berichtet.

 

Sollte in Berufungsverfahren die Tatsache, ob die Bewerberin oder die Bewerber minderjährige Kinder haben, eine stärkere Berücksichtigung finden, wenn ihre Publikationsproduktivität beurteilt wird? Auch das hat das WZB die Professorinnen und Professoren gefragt. 62 Prozent antworten mit ja – bei deutlichen Fächerunterschieden: In den Wirtschaftswissenschaften, der Physik und der Mathematik lag die Zustimmung bei 54 bis 57 Prozent, in den Sozialwissenschaften und der Germanistik bei 72 beziehungsweise 74 Prozent. "Diese Unterschiede stimmen in etwa mit den unterschiedlich hohen Anteilen von Professorinnen in den jeweiligen Disziplinen überein", heißt es in der Studie. Wie überhaupt das Geschlecht für das Problembewusstsein eine große Rolle spielte: 81 Prozent der Professorinnen sagten: Ja, die Kinderfrage sollte eine Rolle spielen. Aber nur 55 Prozent der Professoren – trotz gleich häufigen Elternseins.

 

"Auch unsere Befunde deuten darauf hin, dass die Covid-19-Pandemie bestehende Geschlechterungleichheiten in der Wissenschaft verstärkt hat – wahrscheinlich mit langfristigen Folgen", schreiben Alessandra Rusconi, Nicolai Netz und Heike Solga. Es sei daher wichtig, diese und andere Auswirkungen der Corona-Krise auf die Chancengleichheit in wissenschaftlichen Karrieren "zu beobachten und zu bedenken". 

 

Vielleicht ja auch ganz aktuell – bei der Ausgestaltung der möglicherweise anstehenden zusätzlichen Eindämmungsmaßnahmen? Wie hatte Max-Planck-Forscherin Natalie Nitsche im Deutschlandfunk-Interview gesagt: Ihre Ergebnisse zeigten "deutlich, dass es für Politiker wichtig wäre zu reflektieren, welche möglicherweise unbewussten Faktoren ihre Entscheidung mit beeinflussen, bevor sie eine Entscheidung treffen, die noch nicht wissenschaftlich begründet werden kann." Zum Beispiel gesellschaftliche Vorstellungen davon, wie verzichtbar gleiche Jobchancen für alle, Frauen wie Männer sind, wenn es tatsächlich einmal eng wird. 

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Kommentare: 5
  • #1

    Joachim Rennstich (Montag, 07 Dezember 2020 18:33)

    Danke für den Beitrag. Beim ersten Link muss nich das u vor https weg damit der Link geht ;-)

  • #2

    Joachim Rennstich (Montag, 07 Dezember 2020 18:40)

    Der richtige Link für die erste Max-Planck Studie:
    https://osf.io/preprints/socarxiv/k7qe9/

  • #3

    T. Seidel (Montag, 07 Dezember 2020 18:43)

    Die Aussagekraft beider Studien ist leider (mal wieder) sehr begrenzt. Die erste Studie ist korrelativ und es gibt bei Vergleichen zwischen Ländern immer mehr als eine plausible Erklärung für gefundene Unterschiede. Die zweite Studie basiert auf einer (nicht repräsentativen) Befragung von Professor*innen, in der subjektive Eindrücke abgefragt wurden. Diese unterliegen vielfältigen Biases. Es wäre deutlich informativer, "harte" Daten zu Geschlechtsunterschieden in den Submission Rates während bzw. kurz nach dem Lockdown bei Journals zu erheben. Meine Wissens wurde das auch in den USA schon gemacht, mit uneindeutigen Ergebnissen hinsichtlich Publikationsdifferenzen zwischen Männern und Frauen im Lockdown. Es ist wohl leider alles wieder einmal nicht so eindeutig, wie es auf den ersten Blick scheint...

  • #4

    Jan-Martin Wiarda (Montag, 07 Dezember 2020 20:31)

    @ Joachim Rennstich: Vielen Dank! Ist korrigiert.

  • #5

    Enno Aufderheide (Mittwoch, 09 Dezember 2020 13:45)

    so sehr ich der Überschrift zustimme - den anderen befund dürfen wir auch nicht aus den Augen verlieren: von den Vätern gaben 46 Prozent an, mindestens genauso viel oder mehr veröffentlicht zu haben wie vor der Krise. Bei kinderlosen Professorinnen sagten das immerhin 56 Prozent d.h. wir müssen auch bei Vätern "Erziehungszeiten" bei der output-Beurteilung in Anschlag bringen. Aber wie erklärt sich der große Unterschied zwischen kinderlosen Prof'innen und Professoren? Es bleibt spannend, wie stark sich der gemessene und nicht nur der gefühlte Output entwickelt!