Wir brauchen einen Expertenrat für die Bevölkerungsgesundheit
Warum Deutschland in Sachen "Public Health" lange hinterherlief, warum Länder wie Großbritannien so viel mehr testen und sequenzieren – und warum die Politikberatung in der Pandemie endlich systematisiert werden muss: ein Interview mit Charité-Dekan Axel Radlach Pries.
Herr Pries, warum ist die Public Health in Deutschland immer noch so schwach aufgestellt?
Ich finde nicht, dass man das heute noch so sagen kann. In den vergangenen zehn Jahren waren die Fortschritte groß. Richtig ist aber, dass eine Beschäftigung der Medizin mit globalen Fragen erst in jüngerer Zeit wieder stärker in den Fokus genommen wurde.
Woher kommt das?
Ich glaube, dass diese Entwicklungen eine langfristige Nachwirkung der Zeit des Nationalsozialismus spiegeln. Nach der Nazi-Zeit wollten viele Mediziner auf maximalen Abstand zur Politik gehen. "Pure Science", die grundlegende
Erforschung körpereigener Mechanismen und die kurative Medizin waren politisch unbelastet. Dass Medizin sich immer auch in einem gesellschaftlichen und damit politischen Umfeld bewegt, das wiederum Rückwirkung auf die Gesundheit der Menschen hat und gestaltet werden muss, wurde lange ausgeblendet – aber das ändert sich zunehmend. Hierzu hat auch die gestiegene Übernahme von internationaler Verantwortung durch die Bundesregierung beigetragen.

Axel Radlach Pries ist Mediziner, Professor für Physiologie und ...
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