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Studie: Lehrkräfte helfen bei sozialer Ausgrenzung eher einem Mädchen

Bildungsforscher machen Stereotype und Sozialisation verantwortlich. Dabei ist seit langem klar: Unter den Bildungsverlierern befinden sich besonders viele Jungen.

WISSENSCHAFTLER HABEN Lehrkräfte befragt, wie sie sich verhalten würden, wenn eines der Kinder in ihrer Klasse von den anderen ausgegrenzt wird. Einer Hälfte der Studienteilnehmer wurde ein Szenario beschrieben, in dem das Kind Lukas hieß. Für die anderen Hälfte ging es um eine Julia. Das Ergebnis: Bei Julia wollten deutlich mehr Pädagogen dazwischengehen als bei Lukas. Obwohl sich beide laut den vorgelegten Texten in exakt derselben Situation befanden. Wie kann das sein? 

 

Die Studienleiterin Hanna Beißert vom DIPF Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation sagt, aus der (nicht repräsentativen) Untersuchung mit 101 teilnehmenden Lehrkräften aus unterschiedlichen Schulen lasse sich eine Erklärung nicht gesichert ableiten, aber: Die abweichenden Reaktionen passten "zu bestimmten sozialen Zuschreibungen", zu Stereotypen also. Etwa, dass Mädchen schutzbedürftiger und Jungen widerstandsfähiger seien. 

 

Hoffentlich wird an der Stelle weitergeforscht. Es zeichnet sich seit langem ab, dass unter den Bildungsverlierern von heute und morgen die Jungen einen sehr hohen Anteil ausmachen. Sie bekommen im Schnitt die schlechteren Noten, erzielen die niedrigeren Schulabschlüsse und brechen häufiger ab. 

 

Derzeit konzentriert sich die öffentliche Debatte sehr oft (und durchaus zu Recht!) darauf, dass sich der große Bildungserfolg von Mädchen und jungen Frauen nicht angemessen in der Verteilung der Karrierechancen widerspiegelt. Dass etwa an den Hochschulen inzwischen die Mehrheit der Absolvent*innen weiblich und der Anteil der Frauen an allen Promovierten gen 50 Prozent strebt, aber die 30 Prozent bei den Professuren noch lange nicht erreicht ist. Währenddessen hat sich aber eine bildungspolitische Schieflage entwickelt, die den sozialen Zusammenhalt der kommenden Generation massiv gefährden wird – wenn es noch mehr abgehängte junge Männer gibt.

 

Jungs, die einen auf dicke Hose machen,
sind mitunter am meisten auf Hilfe angewiesen

 

Das Aufbrechen von Rollen-Stereotypen ist schwer. Umso wichtiger ist, dass den Lehrerinnen und Lehrern bewusst ist, dass gerade die Jungs, die besonders nervig einen auf dicke Hose machen, mitunter am meisten auf ihre Unterstützung angewiesen sind. Hierauf muss auch ein Hauptaugenmerk künftiger Bildungspolitik liegen. 

 

Ebenfalls spannend in der Studie, die Forscher des DIPF sowie der Universitäten Konstanz und Mannheim verantworteten: Zwar zeigte sich bei allen Lehrkräften eine Tendenz, den betroffenen Schülern beizustehen, doch war die Ablehnung sozialer Ausgrenzung bei den Lehrerinnen stärker ausgeprägt als bei den Lehrern. Was aber wiederum nicht dazu führte, dass die Frauen tatsächlich häufiger in die Situation eingreifen würden – "entgegen den Erwartungen des wissenschaftlichen Teams", wie das DIPF berichtet.

 

Spielt auch hier die Sozialisation der Lehrkräfte eine Rolle? Möglicherweise, sagt Studienleiterin Beißert, doch auch das sei "noch nicht belegbar". Denn am Ende bleibt es eine "Was-wäre-wenn"-Befragung unter 84 weiblichen und 17 männlichen Online-Teilnehmern ohne Beobachtungen im echten Schulleben.

 

Und doch ist zu hoffen, dass sich Lehrkräfte in ihrem Berufsalltag oft selbst fragen, warum sie sich bei dem einen Kind so und bei dem anderen Kind so verhalten. Und dass sie sich dabei mit der Erkenntnis konfrontieren: Das katholische Arbeitermädchen vom Lande, das Ralf Dahrendorf einst als Inbegriff der Bildungsbenachteiligung ausmachte, ist heute der mit Hartz IV aufwachsende Junge aus der Stadt. 

 

Dieser Kommentar erschien heute zuerst in kürzerer Fassung in meinem Newsletter.



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Kommentare: 1
  • #1

    Karl Raimund (Mittwoch, 25 Mai 2022 15:21)

    Bleiben wir doch ruhig beim Dahrendorfschen Thema und benennen alle Merkmale: "Mit Hartz IV aufwachsende muslimische Junge aus der Stadt."