· 

Blick zurück (6)

Seit 20 Jahren beschäftigte ich mich mit Hochschulen, Bildung und Wissenschaft. Viel ist passiert in dieser Zeit, vieles davon durfte ich als Journalist begleiten. Der Blick zurück zeigt, wie aktuell einige meiner Themen von einst geblieben sind – obwohl sich fast alles verändert hat. Machmal allerdings auch, weil sich fast gar nichts verändert hat. Der sechste Teil einer Serie.

"Das haben wir nicht gewollt"

Der Bachelor in sechs Semestern führt zur Überfrachtung des Studiums. Es wird Zeit, das zu ändern. 

(erschienen in der ZEIT vom 25. Oktober 2007)

 

EIGENTLICH KÖNNTE ALLES so schön sein. Harro Müller-Michaels, emeritierter Germanistik-Professor aus Bochum, könnte sich zurücklehnen, selbstzufriedene Reden halten und sich von den anderen für sein Werk loben lassen. Stattdessen muss er Fragen seiner Kollegen beantworten. »Was hast du uns da nur eingebrockt?«, klagen sie. Und er sagt: »So war das nie geplant.«

 

Harro Müller-Michaels ist einer der Väter der Bologna-Reform, der europaweiten Umstellung auf die international vergleichbaren Studienabschlüsse Bachelor und Master. Die Ruhr-Universität war die erste große Hochschule in Deutschland, die den Bachelor eingeführt hat, vor mittlerweile 15 Jahren, und Müller-Michaels hat damals voller Enthusiasmus dafür gesorgt, dass die Geisteswissenschaften ganz vorn mit dabei waren. »Wir wollten die extrem hohen Abbrecherraten senken, endlich eine didaktische Ordnung ins Studium bringen«, sagt er heute. »Das haben wir auch geschafft. Doch dass dieses modularisierte Klein-Klein der Preis für den Erfolg ist, das haben wir nicht gewollt.«

 

Kritik an Bologna ist nichts Neues, seit Europas Wissenschaftsminister sich 1999 auf das ambitionierte Reformprojekt geeinigt hatten, im Gegenteil: Zunächst waren es vor allem die Geisteswissenschaften, die Verrat an Humboldtschen Bildungsidealen witterten, später dann die Ingenieure, die ihr Diplom als vermeintlich unverzichtbares Markenzeichen zu verteidigen suchten. Bis heute stemmen sich vor allem Juristen und Mediziner gegen den Abschied vom Staatsexamen. Doch der Fall von Müller-Michaels liegt anders: Hier meldet sich einer zu Wort, der seit Jahren für die Reform kämpft, der sie selbst jetzt noch als den »einzigen Ausweg aus der Hochschulmisere« preist. Der Angst davor hat, dass die endlich schwindende Zahl erbitterter Bologna-Gegner seine Warnung für ihre Zwecke missbrauchen könnte – und deshalb mit dem Aufschrei gewartet hat. Genau das macht seine Kritik so bemerkenswert: Die Studienreform droht in Deutschland längst nicht mehr am Widerstand vermeintlicher Besitzstandswahrer zu scheitern, 61 Prozent aller Studiengänge sind bereits umgestellt. Echte Gefahr droht dem europäischen Traum inzwischen von ganz anderer Seite – von seinen Befürwortern, ihrem Übereifer und ihrer Fantasielosigkeit.

 

Die Misere, die sie zu verantworten haben, ist so einfach wie verheerend: In einer Mischung aus Herdentrieb und falsch verstandenem Streben nach bundesweiter Einheitlichkeit haben sich die Hochschulen fast ausnahmslos für einen sechssemestrigen Bachelor entschieden – und sich damit ohne Not ein allzu enges Korsett geschnürt. »Die Folge ist ein völlig überfrachtetes Studium, das keinen Raum mehr lässt für das eigentlich Wichtige«, sagt Müller-Michaels. Das eigentlich Wichtige wäre: mehr Zeit fürs Auslandsstudium, mehr Grundlagenwissen und in den Geisteswissenschaften möglichst eine Zwei-Fächer-Struktur wie früher beim Magister.

 

Dabei sieht die Bologna-Vereinbarung eine Sechs-Semester-Struktur keineswegs als verpflichtend vor. »Die nötige Flexibilität ist eigentlich da«, sagt Peter Zervakis vom Bologna-Zentrum der Hochschulrektorenkonferenz. »Die Programme können zwischen sechs und acht Semestern dauern.« Dass sich die meisten Hochschulen dennoch für die Minimalvariante entschieden haben, habe auch mit dem Spardiktat der Bundesländer zu tun, betont Dieter Lenzen, Präsident der Freien Universität: »Durch die Zielvereinbarungen mit dem Land sind wir verpflichtet, mehr Absolventen in der Regelstudienzeit zum Abschluss zu bringen. Das läuft in der Praxis auf die sechs Semester hinaus.«

 

Wie dramatisch die Folgen des Sparbachelors sind, hat eine Studie des Hochschul-Informations-Systems kürzlich bewiesen: Nur 15 Prozent der Bachelorstudenten gehen ins Ausland – im Vergleich zum 30-Prozent-Schnitt aller Studenten. Dabei war eines der meistzitierten Bologna-Versprechen ja eben, die internationale Mobilität zu erhöhen. Dafür, auch das belegt die Studie, wechseln überdurchschnittlich viele Jungakademiker für den Master ins Ausland – mit wiederum negativen Konsequenzen für den Wissenschaftsstandort Deutschland, denn zu viele der Besten kehren auch für die Promotion nicht mehr in die Heimat zurück. Der einzig sinnvolle Ausweg, darin sind sich die meisten Experten einig, wären sogenannte Mobilitätsfenster, die den Auslandsaufenthalt als verpflichtenden Bestandteil des Studiums vorsehen. An der Freien Universität haben sie das kürzlich wieder einmal diskutiert – und sich einhellig dagegen entschieden: In sechs Semestern sei das nicht zu machen.

 

Der Generalsekretär des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD), Christian Bode, schlägt daher vor, Interessierte sollten »ein weiteres Semester oder auch ein ganzes Jahr« an den Bachelor dranhängen, das diese dann an einer Uni im Ausland verbringen würden, um sich anschließend im Unterschied zu den Nesthockern »internationale Bachelor« nennen zu dürfen. Anderen Experten geht Bodes Vorschlag indes nicht weit genug: Sie wollen ein zusätzliches Semester für alle Studenten, damit feste Auslandsfenster in allen Studiengängen möglich werden.

 

Der Sechs-Semester-Bachelor errichtet nicht nur Schranken auf dem Weg ins Ausland, auch in anderer Hinsicht erweist er sich als Irrweg. So wollen bis 2012 fast alle Bundesländer die Schulzeit auf zwölf Jahre verkürzen. Dabei galt ebenjenes deutsche Extrajahr bis zum Abi als Rechtfertigung dafür, warum der deutsche Bachelor etwa im Vergleich zu seinem US-Pendant zwei Semester kürzer war. Dieses Argument entfällt jetzt. »Die Erstsemester werden in Zukunft deutlich jünger sein, weniger Grundlagenwissen mitbringen«, sagt Müller-Michaels. »Die Hochschulen müssen das ausgleichen« – etwa in einer fächerübergreifenden Eingangsphase von einem oder zwei Semestern – die Leuphana Universität Lüneburg hat sie bereits eingeführt.

 

Schließlich könnte ein längerer Bachelor ein weiteres Problem lösen, das durch den Übereifer einiger Reformer entstanden ist. Ein großes Plus der Magisterstudiengänge war die Praxis, zwei oder mehr Fächer kombinieren zu können. Allzu viele Hochschulen stellten jedoch auf Ein-Fach-Bachelor um. Dabei ist es gerade in den Geisteswissenschaften sinnvoll, sich auch beim Bachelor eine große Breite und Flexibilität zu erhalten. Zurzeit gibt es nur einige wenige Universitäten wie die Ruhr-Uni oder die FU Berlin, die überhaupt noch Kombinationsmodelle anbieten.

 

Doch während etwa die Ruhr-Uni einen echten Zwei-Fach-Bachelor anbietet, hat die FU sich angesichts der knappen Zeit für ein Ein-Fach-Modell mit Zusatzfach entschieden. »Wir gehen den Mittelweg, damit man wenigstens ein Fach richtig beherrscht«, sagt Dieter Lenzen. Doch genau diese Angst vor der Doppelschmalspur ist es, die an den meisten Unis zum Totalabbau des alten Kombinationsmodells geführt hat – ein Verlust, den ein längerer Bachelor beheben könnte.

 

»Die Hochschulen sollten ihren Gestaltungsspielraum voll nutzen«, sagt Zervakis von der HRK. Acht Semester bis zum Bachelor, das könnte die Lösung sein. Das strebt auch Lenzen an – unter zwei Bedingungen: »Alle müssen mitmachen. Und der Master muss so verkürzt werden, dass das Studium insgesamt nicht länger als zehn Semester dauert.« Zwei Bedingungen, die so grundlegend sind, dass ihre Erfüllung in absehbarer Zeit praktisch ausgeschlossen ist. So bleibt es bei der nüchternen Bilanz: Bologna macht die Uni studentennäher, schneller, effizienter. Aber auch starrer, langweiliger, weniger vielfältig. Die Vorteile darf man getrost der Reform zuschreiben. Die Nachteile dagegen ihrer allzu deutschen Auslegung.

Kommentar schreiben

Kommentare: 2
  • #1

    McFischer (Dienstag, 29 August 2017 09:16)

    Schöner Artikel - und (leider) immer noch in weiten Teilen aktuell.
    Den Kern des Problems haben Sie schon 2007 gut getroffen: "Echte Gefahr droht dem europäischen Traum inzwischen von ganz anderer Seite – von seinen Befürwortern, ihrem Übereifer und ihrer Fantasielosigkeit." Besonders das letzte Wort ist zu betonen, denn die gestufte Studienstruktur und die Modularisierung bieten eigentlich sehr viel Flexibiliät, und die 'studierendenzentrierte Konzeption' von Lehre ist weiterhin ein sinnvolles Ziel.
    Gut, mittlerweile hat sich doch etwas getan: die meisten Fachhochschulen haben siebensemstrige Bachelorstudiengänge (mit meist einem Praxissemsester), die Mobilität ist wieder gestiegen, die Vielfalt der Studiengänge hat sich erhöht und damit ist auch die oben beklagte Umstellung auf fachlich konsektutive Bachelor/Master (Bachelor Soziologie, Master Soziologie) aufgeweicht worden. Es gibt viele gute Ideen, z.B. in den Geistes- und Kulturwissenschaften interdisziplinäre Masterstudiengänge zu schaffen, in denen auch sehr kleine Fächer ihre Heimat und ihre Studierenden finden. Auf der positiven Seite bleibt für mich auch, dass viele Studiengänge, die früher kaum Struktur hatten, insbesondere Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften, heute deutlich studierbarer sind.

  • #2

    Hochschuldidaktiker (Freitag, 12 April 2024 10:34)

    Und leider immer noch aktuell...