JAN-MARTIN WIARDA


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Wenn Sie mehr erfahren wollen über mich und meine Themen, sind Sie hier richtig. Schauen Sie doch auch mal in meinen Blog, in dem ich regelmäßig aktuelle Ereignisse in Bildung und Forschung aufspieße. Ich freue mich auf Ihr Feedback.


Political Correctness an US-Unis: Die Debatte geht weiter

Vor einigen Wochen habe ich über den Streit um die vermeintlich überbordende Political Correctness an US-Universitäten berichtet. Unter anderem zitierte ich in meinem Artikel Jeff Peck, den ehemaligen Vize Provost Global Strategies am Baruch College der City University of New York. Peck hat mir nun den Link zu einem spannenden Artikel in der New York Times geschickt, Überschrift: "University of Chicago Strikes Back Against Campus Political Correctness". Wirklich lesenswert. 

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Ehrenrunde statt Ausbildungsplatz: Wie die Karriere vieler Jugendlichen vorbei ist, bevor sie überhaupt begonnen hat

Er ist das wahrscheinlich wichtigste Stück wissenschaftsbasierter Politikberatung, das den Bildungspolitikern hierzulande zur Verfügung steht, und er wird in seiner Bedeutung immer noch unterschätzt: der Bildungsbericht, der seit 2006 alle zwei Jahre erscheint. Zuletzt am 16. Juni (mehr Informationen zu den Autoren und der Geschichte des Berichts finden Sie hier). Direkt danach gab es eine kurze Welle der Berichterstattung, ein paar Highlights, und das war's dann. Schade eigentlich, denn in den 350 Seiten, in hunderten Tabellen und Grafiken stecken Erkenntnisse, die Beachtung verdienen abseits der üblichen Nachrichtenzyklen. Daher picke ich mir in unregelmäßigen Abständen aktuelle Ergebnisse heraus, zentrale wie auch vermeintlich nicht so wichtige, und analysiere, welche Konsequenzen sich daraus für Schulen, Hochschulen und Ausbildungsbetriebe ergeben. 



Teil 4: Warteschleifen im Übergangssystem: Bekanntes Problem, unbekanntes Ausmaß?

 

Wenn wir Journalisten schnell mal das Versagen der Bildungspolitik brandmarken wollen, hilft ein Schlagwort, das immer passt: Übergangssystem. Ein vornehmer Name für die Warteschleife, in die all jene Schulabgänger geraten, die keinen Ausbildungsplatz ergattert haben. Berufsgrundbildungsjahr, Berufsvorbereitungs- oder Berufseinstiegsjahr, so lauten die offiziellen Bezeichnungen für die einjährigen Bildungsangebote, die die Jugendlichen fit machen sollen für den zweiten Anlauf. Jetzt die erschütternden Zahlen: Während das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) vor wenigen Tagen berichtete, dass im vergangenen Jahr bundesweit 41.000 Lehrstellen unbesetzt geblieben seien, sind laut Bildungsbericht im gleichen Zeitraum knapp 271.000 Jugendlichen im Übergangssystem gelandet. Das, schreiben die Autoren, seien 28,3 Prozent aller Neuzugänge im Ausbildungssystem, ein höherer Anteil als 2014 (26,8 Prozent), aber immer noch deutlich weniger als 2005, als sogar 36,3 Prozent in die Ehrenrunde mussten. 

 

Mir ist und bleibt schleierhaft, wie manche angesichts solcher Zahlen von einer international beneideten Erfolgsgeschichte unseres Berufsbildungssystems sprechen können. Klar, die Jugendlichen in der Warteschleife sitzen nicht faul rum, erst recht nicht auf der Straße, und sie tauchen in keiner Arbeitslosenstatistik auf. Auch sind diese berufsvorbereitenden Bildungsangebote in der Regel sinnvoll und gut gemacht. Aber wie können Schulen, Betriebe und Bildungspolitiker solche Zahlen im Übergangssystem rechtfertigen in Zeiten des Wirtschaftsbooms und historisch niedriger Arbeitslosenquoten? Sind all diese Schulabgänger zu dumm? Zu wählerisch? Nicht motiviert genug? Oder, um ein neuerdings so gern gebrauchtes Argument zu zitieren, sind die Hochschulen schuld an der Misere, weil sie all die schlauen Jugendlichen wegfischen, während man, siehe oben, mit dem Rest eben nichts anfangen kann? 

 

Ich könnte mich jetzt (zu Recht!) weiter aufregen, möglicherweise ist die Angelegenheit aber doch ein wenig komplexer. Darauf hat mich der Soziologe Karl Ulrich Mayer, ehemals Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung und bis 2014 Präsident der Leibniz-Gemeinschaft, hingewiesen. Rechnen wir doch mal nach: Insgesamt gibt der Bildungsbericht die Jahrgangsstärke im Berufsbildungssystem mit rund 957.000 an, doch es gibt laut Bildungsbericht auch noch jedes Jahr zwischen 400.000 und 500.000 Menschen, die die Schule nach dem Erwerb einer Hochschulzugangsberechtigung verlassen. Klar, viele von denen können vorher oder hinterher auch eine Berufsausbildung machen, doch die meisten gehen von der Schule direkt auf die Uni.

 

Aber streiten wir mal nicht darum, ist eigentlich auch gleichgültig, denn die Geburtsjahrgänge, die im Augenblick das Berufsbildungssystem hauptsächlich speisen (kurz vor und um das Jahr 2000), sind ohnehin nur rund 750.000 Personen stark. 200.000 weniger als die Jahrgangsstärke laut Bildungsbericht, bei der sogar noch wie gesagt die gesamte tertiäre Ausbildung ausgeblendet ist. Wie kann das sein? Ganz einfach: Mehrfach-Eintritte ins System – die eine Stichtagsbetrachtung wie die im Bildungsbericht nicht berücksichtigen kann. Und ausgerechnet bei den Jugendlichen, die ins Übergangssystem geraten, dürften die Zahl dieser Mehrfach-Eintritte besonders hoch sein. Sprich: Häufig drehen sie nicht eine Ehrenrunde, sondern zwei oder sogar drei. 

Dass sich die Zahl der Neuzugänge ins Ausbildungssystem kaum noch über die Geburtsjahrgänge abschätzen lässt, bestätigt Martin Baethge vom Soziologischen Forschungsinstitut (SOFI) in Göttingen, das zum Konsortium des Bildungsberichts gehört: "Es gilt generell, dass Schulabsolventen, Studienanfänger und Ausbildungsanfänger eines Jahres nicht aufeinander zu beziehen sind, weil bei den Studien- und Ausbildungsanfängern in der Regel Neuzugänge aus mehreren Jahren enthalten sind." 

Stefan Kühne vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) ist wissenschaftlicher Koordinator des Bildungsberichts und sagt, verantwortlich für die Diskrepanz sei nicht nur die große Anzahl unvermittelter Altbewerber aus vorherigen Jahren. Es gebe darüber hinaus viele Jugendliche, die zeitversetzt mehr als einmal an einer Berufsschule anfingen – um einen Schulabschluss nachzuholen zum Beispiel oder nachdem sie Betrieb oder gar Beruf gewechselt hätten. 

Woraus drei Erkenntnisse folgen. Erstens: Die Darstellung im sonst so starken Bildungsbericht ist an dieser Stelle unterkomplex, zumindest auf den ersten Blick. Zweitens: Quantitativ ist das Problem der Warteschleife geringer als meist vermutet. Der Prozentwert von 28 Prozent ist nicht wirklich aussagekräftig, weil sich dahinter Jahr für Jahr teilweise dieselben Menschen (wie viele genau, wissen wir nicht) verbergen. Drittens: Für die Betroffenen ist die Situation sogar noch ernster, als man aufgrund der Statistik erwarten könnte. Die hohen Fallzahlen konzentrieren sich auf weniger Einzelschicksale junger Menschen, die entweder über Jahre nicht herauskommen aus den immer gleichen Ersatzmaßnahmen, weil sie keinen Ausbildungsplatz bekommen – oder wieder in sie zurückfallen, nachdem sie eine Lehre abgebrochen haben. Menschen, die nicht einmal 20 sind und feststecken in einer Spirale der Lebensenttäuschungen.  

 

Womit die Schlussfolgerung, die die Autoren im Bildungsbericht ziehen, wiederum voll berechtigt ist: "Diese strukturelle Immobilität des Berufsbildungssystems ist alles andere als selbstverständlich." Übersetzt: Dass trotz Geburtenrückgangs, höherer Studienneigung und häufig behaupteten Fachkräftemangels das wiederholte Abschieben in die Berufsvorbereitung immer noch Gang und Gäbe ist, verstehen die Forscher auch nicht. 

Womöglich könnte ja eine Kohortenbetrachtung helfen, das heißt: Man würde sich die Bildungskarrieren junger Menschen über Jahre hinweg anschauen. Etwas, was die Forscher sich seit langem wünschen, sagt Stefan Kühne: "Obwohl wir seit 2006 darauf drängen, dass in der Schulstatistik Individualdaten mit längsschnittlichem Bezug eingeführt werden, sind weiterhin nur Bestandsdaten erfasst, keine Verlaufsstatistiken, die zeigen, welche Jugendlichen woher kommen und wohin sie gehen." Die Schwäche des Bildungsberichts an dieser Stelle ist also auch eine Aufforderung an die Politik.

 

Unterdessen streiten Arbeitgeber und Gewerkschaften auf ausbaubarem Niveau. Die Jugendlichen klagten über "eine schlechte fachliche Ausbildung, einen rüden Umgangston und Verstöße gegen den Jugendarbeitsschutz", kritisierte die stellvertretende DGB-Vorsitzende Elke Ferner gegenüber der Nachrichtenagentur dpa einfach mal pauschal die Hotel-, Gaststätten- und Lebensmittelbranche. Die Hautgeschäftsführerin des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes, Ingrid Hartges, fand das verständlicherweise nicht lustig, hatte aber ihrerseits nur die übliche Erklärung dafür anzubieten, dass so viele Lehrstellen unbesetzt geblieben sind. Schuld sei die hohe Zahl junger Menschen, die sich nach der Schule eher für ein Studium als für eine Ausbildung entschieden?

 

Echt? Die Gastwirte von gestern sind die Studenten von heute? Bitte nochmal nachdenken. Fest steht: Solange das Übergangssystem floriert, geht es uns in Deutschland offenbar immer noch zu gut. So gut, dass wir einfach mal unzählige Jugendliche links liegen lassen. Ob es nun 270.000 sind oder nicht.

Sie wollen mehr wissen? Schauen Sie doch mal in meinem Blog nach. Ganz oben finden Sie neuerdings ein Inhaltsverzeichnis: Alle Einträge seit Juli 2015 sortiert nach Kategorien. Darunter auch die Serie zum Bildungsbericht mit allen Folgen. Viel Spaß beim Stöbern!

Bitte beachten Sie: Ich bin bis zum 04. September in Urlaub. Darum kann ich auf Ihre Kommentare nicht so zeitnah wie gewöhnlich reagieren. Ich bitte um Verständnis und wünsche Ihnen eine schöne Sommerzeit!

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Debatte: Die Zukunft der Forschung (II)

 

Immer wieder kommen in meinem Blog Gastautoren zu Wort. Eine Frage, die viele bewegt: Wie soll, wie muss sich das System Wissenschaft zwischen Wettbewerb und Kooperation weiterentwickeln, um effizient, effektiv und fair zu bleiben? Kürzlich forderte Klaus Diepold von der Technischen Universität München Forschungsförderung per Lotterie; heute erläutert der Oliver Günther, Präsident der Universität Potsdam, warum das System des wissenschaftlichen Publizierens vor dem Kollaps steht.


Wie die Wissenschaftsverlage
sich zu Tode siegen

Von Oliver Günther

 

Am 28. Juli 2016 erschien in der ZEIT eine kritische Analyse des Wissenschaftsjournalisten Martin Spiewak zur gegenwärtigen wissenschaftlichen Publikationspraxis. Insbesondere – aber nicht nur – in den Naturwissenschaften hängt die wissenschaftliche Reputation derzeit vornehmlich von der Zahl und Art der Publikationen in wissenschaftlichen Fachzeitschriften ab. Je höher das Prestige der gewählten Zeitschrift, desto besser für den Ruf des Autors. Besonders prestigeträchtig sind Zeitschriften mit hohem "Impact Factor", also Zeitschriften, deren Beiträge häufig in anderen Fachbeiträgen zitiert werden. Solche Zeitschriften haben naturgemäß eine höhere Akzeptanzschwelle: Ihre Herausgeber publizieren nach einem ausführlichen Begutachtungsprozess teilweise weniger als einen von zehn eingereichten Artikeln.

 

Wie Spiewak korrekt beschreibt, stößt dieser gut gemeinte Ansatz neuerdings an seine Grenzen. Akzeptanzraten von unter zehn Prozent führen dazu, dass auch solide und lesenswerte Beiträge abgelehnt werden – zumal es von jeher schwierig ist, die langfristige Relevanz eines Forschungsbeitrags zu beurteilen. Der als „Peer Review“ bekannte Begutachtungsprozess leidet darunter, dass immer weniger Wissenschaftler bereit sind, sich anonym und großteils unbezahlt als Gutachter zur Verfügung zu stellen. Zudem zeigen Metastudien, dass auch der beste Peer-Review-Prozess unter Verzerrungen leidet: Wissenschaftlerinnen scheinen im Schnitt schlechter wegzukommen als Wissenschaftler, und wer von einer prestigeträchtigen Forschungseinrichtung kommt, genießt oft einen Vertrauensvorsprung.

 

Verschärft hat sich diese Problematik durch das explosionsartige Wachstum des wissenschaftlichen Publikationswesens. Letztlich leidet das System unter seinem eigenen Erfolg: Während das Peer-Review-System noch in den 80er-Jahren hauptsächlich Spitzenwissenschaftler an renommierten Forschungseinrichtungen und Universitäten involvierte, legt heute fast jede Hochschule weltweit Wert darauf, dass ihre Professoren publizieren. Nicht wenige Hochschulen zahlen sogar Boni pro publiziertem Artikel. Da der Anteil hochbegabter Forscher an der Bevölkerung in den vergangenen 40 Jahren nicht wesentlich angestiegen ist, führt dies zwangsweise zu mehr Mittelmaß im System. Zeitschriften und auch wissenschaftliche Tagungen werden von Einreichungen aus der ganzen Welt regelrecht überflutet. Zwielichtige Verlage publizieren Pseudozeitschriften mit gut klingenden Namen, die jeden Unsinn gegen Geld veröffentlichen. Kurzum: Das System ist auf diese Art der Skalierung nicht vorbereitet, es ist überfordert.

 

Einen wichtigen Punkt möchte ich der Analyse von Spiewak hinzufügen: Die Reaktion der führenden Wissenschaftsverlage auf die Schieflage macht alles noch schlimmer. Zugegeben, das enorme Wachstum des wissenschaftlichen Publikationswesens spricht zunächst einmal für das von ihnen favorisierte Geschäftsmodell. Verständlich also, dass die Verlage das System nicht nur am Laufen halten, sondern zusätzlich anfeuern, sind sie doch gewinnorientierte Unternehmen, deren Ziel die Profitmaximierung ist.

 

Die Erfolge sprechen für sich; die Gewinne der Verlage schießen durch die Decke. So erzielte zum Beispiel der Elsevier-Verlag 2015 einen Gewinn von gut 900 Millionen Euro, was einer wahrlich bemerkenswerten Gewinnspanne von 37 Prozent entspricht. Kein Wunder, dass die Verlage dieses hochprofitable System melken, solange es irgend geht. So mancher Verlagsmanager rechnet sich – wohl zu Recht – aus, dass das aktuelle System noch bis zur eigenen Pensionierung hält und solide Gewinne und damit Boni verspricht. All das ist nachvollziehbar und nicht unbedingt unmoralisch.

 

Ob dieses Geschäftsgebaren der Wissenschaft und dem öffentlichen Wohl dient, muss jedoch bezweifelt werden. Denn finanziert werden die Zeitschriftenabonnements der Bibliotheken ja im Regelfall aus Steuermitteln. Die öffentliche Hand finanziert also nicht nur die eigentlichen Forschungsarbeiten (so sie in einer öffentlich finanzierten Einrichtung entstanden sind), sondern zahlt noch einmal für das Recht anderer Wissenschaftler, darüber zu lesen. Außerdem basiert der wirtschaftliche Erfolg der Verlage teilweise auf der Selbstausbeutung der Wissenschaftler, die unbezahlt Gutachten erstellen und so die Qualität der Zeitschriften sichern. Dass nun ausgerechnet der bereits erwähnte Elsevier-Verlag „an die intrinsische Motivation der Wissenschaftler“ (so in dem erwähnten ZEIT-Artikel zitiert) appelliert, um auch weiterhin deren kostenlose Gutachterdienste in Anspruch nehmen zu können, muss wie Hohn in den Ohren der Betroffenen klingen.

 

Allzu lange wird dies hoffentlich nicht mehr funktionieren. Das Klima zwischen Wissenschaftsverlagen einerseits und Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen andererseits wird zunehmend rauer, viele Wissenschaftler und Wissenschaftsmanager denken über alternative Ansätze nach. Insbesondere Open-Access-Modelle könnten dafür sorgen, dass mit weniger Geld im System mehr gesellschaftlicher Nutzen geschaffen werden kann. Dann müssen öffentlich finanzierte Forschungsergebnisse nicht noch einmal bezahlt werden, um über sie lesen zu dürfen. Gutachter können dann auch gern ein (meist ohnehin symbolisches) Honorar für ihre Arbeitsleistung erhalten. Und für neue Paradigmen zur Qualitätssicherung wie die Nutzung von Schwarmintelligenz wird es mehr Raum geben. Einschlägige Experimente wie auf der Plattform arXiv.org stimmen optimistisch. Von daher ist nicht auszuschließen, dass die Wissenschaftsverlage noch ein spätes Opfer der Digitalisierung werden.

 

Oliver Günther ist Professor für Wirtschaftsinformatik und Präsident der Universität Potsdam.  

 

Sie wollen mehr wissen? Schauen Sie doch direkt in meinem Blog nach. Ganz oben finden Sie hier neuerdings ein Inhaltsverzeichnis: Alle Einträge seit Juli 2015 sortiert nach Themen und Kategorien. Viel Spaß beim Stöbern!

Bitte beachten Sie: Ich bin bis zum 04. September in Urlaub. Darum kann ich auf Ihre Kommentare nicht so zeitnah wie gewöhnlich reagieren. Ich bitte um Verständnis und wünsche Ihnen eine schöne Sommerzeit!

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The more the better

Das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) hat 9500 Professoren befragt, was die Studienanfänger in ihren Fächern mitbringen sollen. Viel Erwartbares war dabei, von logischem Denken über Leistungsbereitschaft bis hin zu Aufgeschlossenheit. Aufmerken lässt ein Ergebnis, das fast nebenbei präsentiert wird. In 14 von 32 Fächern verlangen die Hochschullehrer explizit Englischkenntnisse, zum Beispiel in Biologie, Medienwissenschaften, Sozialwissenschaft oder in Psychologie. Gutes Deutsch gilt dagegen nur in drei Fächern als besonders wichtig: in Germanistik, Jura und Wirtschaftsrecht.

 

Daraus einen weiteren Beleg für den Niedergang des Deutschen als Wissenschaftssprache abzuleiten, wäre übertrieben. Der Umkehrschluss aber ist zulässig: Deutsche Professoren halten das Englische als Lingua Franca der Wissenschaft für immens bedeutend. Umso irritierender, wenn man sich eine andere Zahl anschaut: Nur 192 von rund 8000 deutschen Bachelorstudiengängen sind englischsprachig, und von den 192 werden nur zwei Drittel an staatlichen Hochschulen angeboten.

 

Sicher, man muss nicht jedes Studienfach in Deutschland auch auf Englisch studieren können. Und Studienangebote in Französisch, Spanisch oder Russisch sind genauso wertvoll. Doch eine Forschungsnation, die international verflochten sein will und sein muss, sollte den herausragenden Rang des Englischen schon in der Konstruktion seines Studienangebots betonen. Ein wirklich gleichberechtigtes Nebeneinander deutsch- und englischsprachiger Module, aber auch ganzer Studiengänge würde noch mehr schlaue Studenten aus aller Welt anziehen; zugleich würde es die viel beschworene „Internationalisierung zu Hause“ stärker als bislang in den Hochschulalltag integrieren. Und für ausländische Wissenschaftler wäre es noch attraktiver, in Deutschland zu lehren.

 

Die CHE-Befragung zeigt: An den Professoren hierzulande wird es nicht scheitern. Sie haben es längst kapiert.  

Dieser Kommentar ist zuerst im ZEITChancen Brief erschienen. 

 

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Political Correctness an US-Unis: Die Debatte geht weiter (Mo, 29 Aug 2016)
Vor einigen Wochen habe ich über den Streit um die vermeintlich überbordende Political Correctness an US-Universitäten berichtet. Unter anderem zitierte ich in meinem Artikel Jeff Peck, den ehemaligen Vize Provost Global Strategies am Baruch College der City University of New York. Peck hat mir nun den Link zu einem spannenden Artikel in der New York Times geschickt, Überschrift: "University of Chicago Strikes Back Against Campus Political Correctness". Wirklich lesenswert. 
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Ehrenrunde statt Ausbildungsplatz: Wie die Karriere vieler Jugendlichen vorbei ist, bevor sie überhaupt begonnen hat (So, 28 Aug 2016)
Er ist das wahrscheinlich wichtigste Stück wissenschaftsbasierter Politikberatung, das den Bildungspolitikern hierzulande zur Verfügung steht, und er wird in seiner Bedeutung immer noch unterschätzt: der Bildungsbericht, der seit 2006 alle zwei Jahre erscheint. Zuletzt am 16. Juni (mehr Informationen zu den Autoren und der Geschichte des Berichts finden Sie hier). Direkt danach gab es eine kurze Welle der Berichterstattung, ein paar Highlights, und das war's dann. Schade eigentlich, denn in den 350 Seiten, in hunderten Tabellen und Grafiken stecken Erkenntnisse, die Beachtung verdienen abseits der üblichen Nachrichtenzyklen. Daher picke ich mir in unregelmäßigen Abständen aktuelle Ergebnisse heraus, zentrale wie auch vermeintlich nicht so wichtige, und analysiere, welche Konsequenzen sich daraus für Schulen, Hochschulen und Ausbildungsbetriebe ergeben.  Teil 4: Warteschleifen im Übergangssystem: Bekanntes Problem, unbekanntes Ausmaß?   Wenn wir Journalisten schnell mal das Versagen der Bildungspolitik brandmarken wollen, hilft ein Schlagwort, das immer passt: Übergangssystem. Ein vornehmer Name für die Warteschleife, in die all jene Schulabgänger geraten, die keinen Ausbildungsplatz ergattert haben. Berufsgrundbildungsjahr, Berufsvorbereitungs- oder Berufseinstiegsjahr, so lauten die offiziellen Bezeichnungen für die einjährigen Bildungsangebote, die die Jugendlichen fit machen sollen für den zweiten Anlauf. Jetzt die erschütternden Zahlen: Während das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) vor wenigen Tagen berichtete, dass im vergangenen Jahr bundesweit 41.000 Lehrstellen unbesetzt geblieben seien, sind laut Bildungsbericht im gleichen Zeitraum knapp 271.000 Jugendlichen im Übergangssystem gelandet. Das, schreiben die Autoren, seien 28,3 Prozent aller Neuzugänge im Ausbildungssystem, ein höherer Anteil als 2014 (26,8 Prozent), aber immer noch deutlich weniger als 2005, als sogar 36,3 Prozent in die Ehrenrunde mussten.    Mir ist und bleibt schleierhaft, wie manche angesichts solcher Zahlen von einer international beneideten Erfolgsgeschichte unseres Berufsbildungssystems sprechen können. Klar, die Jugendlichen in der Warteschleife sitzen nicht faul rum, erst recht nicht auf der Straße, und sie tauchen in keiner Arbeitslosenstatistik auf. Auch sind diese berufsvorbereitenden Bildungsangebote in der Regel sinnvoll und gut gemacht. Aber wie können Schulen, Betriebe und Bildungspolitiker solche Zahlen im Übergangssystem rechtfertigen in Zeiten des Wirtschaftsbooms und historisch niedriger Arbeitslosenquoten? Sind all diese Schulabgänger zu dumm? Zu wählerisch? Nicht motiviert genug? Oder, um ein neuerdings so gern gebrauchtes Argument zu zitieren, sind die Hochschulen schuld an der Misere, weil sie all die schlauen Jugendlichen wegfischen, während man, siehe oben, mit dem Rest eben nichts anfangen kann?    Ich könnte mich jetzt (zu Recht!) weiter aufregen, möglicherweise ist die Angelegenheit aber doch ein wenig komplexer. Darauf hat mich der Soziologe Karl Ulrich Mayer, ehemals Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung und bis 2014 Präsident der Leibniz-Gemeinschaft, hingewiesen. Rechnen wir doch mal nach: Insgesamt gibt der Bildungsbericht die Jahrgangsstärke im Berufsbildungssystem mit rund 957.000 an, doch es gibt laut Bildungsbericht auch noch jedes Jahr zwischen 400.000 und 500.000 Menschen, die die Schule nach dem Erwerb einer Hochschulzugangsberechtigung verlassen. Klar, viele von denen können vorher oder hinterher auch eine Berufsausbildung machen, doch die meisten gehen von der Schule direkt auf die Uni.   Aber streiten wir mal nicht darum, ist eigentlich auch gleichgültig, denn die Geburtsjahrgänge, die im Augenblick das Berufsbildungssystem hauptsächlich speisen (kurz vor und um das Jahr 2000), sind ohnehin nur rund 750.000 Personen stark. 200.000 weniger als die Jahrgangsstärke laut Bildungsbericht, bei der sogar noch wie gesagt die gesamte tertiäre Ausbildung ausgeblendet ist. Wie kann das sein? Ganz einfach: Mehrfach-Eintritte ins System – die eine Stichtagsbetrachtung wie die im Bildungsbericht nicht berücksichtigen kann. Und ausgerechnet bei den Jugendlichen, die ins Übergangssystem geraten, dürften die Zahl dieser Mehrfach-Eintritte besonders hoch sein. Sprich: Häufig drehen sie nicht eine Ehrenrunde, sondern zwei oder sogar drei.  Dass sich die Zahl der Neuzugänge ins Ausbildungssystem kaum noch über die Geburtsjahrgänge abschätzen lässt, bestätigt Martin Baethge vom Soziologischen Forschungsinstitut (SOFI) in Göttingen, das zum Konsortium des Bildungsberichts gehört: "Es gilt generell, dass Schulabsolventen, Studienanfänger und Ausbildungsanfänger eines Jahres nicht aufeinander zu beziehen sind, weil bei den Studien- und Ausbildungsanfängern in der Regel Neuzugänge aus mehreren Jahren enthalten sind."  Stefan Kühne vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) ist wissenschaftlicher Koordinator des Bildungsberichts und sagt, verantwortlich für die Diskrepanz sei nicht nur die große Anzahl unvermittelter Altbewerber aus vorherigen Jahren. Es gebe darüber hinaus viele Jugendliche, die zeitversetzt mehr als einmal an einer Berufsschule anfingen – um einen Schulabschluss nachzuholen zum Beispiel oder nachdem sie Betrieb oder gar Beruf gewechselt hätten.  Woraus drei Erkenntnisse folgen. Erstens: Die Darstellung im sonst so starken Bildungsbericht ist an dieser Stelle unterkomplex, zumindest auf den ersten Blick. Zweitens: Quantitativ ist das Problem der Warteschleife geringer als meist vermutet. Der Prozentwert von 28 Prozent ist nicht wirklich aussagekräftig, weil sich dahinter Jahr für Jahr teilweise dieselben Menschen (wie viele genau, wissen wir nicht) verbergen. Drittens: Für die Betroffenen ist die Situation sogar noch ernster, als man aufgrund der Statistik erwarten könnte. Die hohen Fallzahlen konzentrieren sich auf weniger Einzelschicksale junger Menschen, die entweder über Jahre nicht herauskommen aus den immer gleichen Ersatzmaßnahmen, weil sie keinen Ausbildungsplatz bekommen – oder wieder in sie zurückfallen, nachdem sie eine Lehre abgebrochen haben. Menschen, die nicht einmal 20 sind und feststecken in einer Spirale der Lebensenttäuschungen.     Womit die Schlussfolgerung, die die Autoren im Bildungsbericht ziehen, wiederum voll berechtigt ist: "Diese strukturelle Immobilität des Berufsbildungssystems ist alles andere als selbstverständlich." Übersetzt: Dass trotz Geburtenrückgangs, höherer Studienneigung und häufig behaupteten Fachkräftemangels das wiederholte Abschieben in die Berufsvorbereitung immer noch Gang und Gäbe ist, verstehen die Forscher auch nicht.  Womöglich könnte ja eine Kohortenbetrachtung helfen, das heißt: Man würde sich die Bildungskarrieren junger Menschen über Jahre hinweg anschauen. Etwas, was die Forscher sich seit langem wünschen, sagt Stefan Kühne: "Obwohl wir seit 2006 darauf drängen, dass in der Schulstatistik Individualdaten mit längsschnittlichem Bezug eingeführt werden, sind weiterhin nur Bestandsdaten erfasst, keine Verlaufsstatistiken, die zeigen, welche Jugendlichen woher kommen und wohin sie gehen." Die Schwäche des Bildungsberichts an dieser Stelle ist also auch eine Aufforderung an die Politik.   Unterdessen streiten Arbeitgeber und Gewerkschaften auf ausbaubarem Niveau. Die Jugendlichen klagten über "eine schlechte fachliche Ausbildung, einen rüden Umgangston und Verstöße gegen den Jugendarbeitsschutz", kritisierte die stellvertretende DGB-Vorsitzende Elke Ferner gegenüber der Nachrichtenagentur dpa einfach mal pauschal die Hotel-, Gaststätten- und Lebensmittelbranche. Die Hautgeschäftsführerin des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes, Ingrid Hartges, fand das verständlicherweise nicht lustig, hatte aber ihrerseits nur die übliche Erklärung dafür anzubieten, dass so viele Lehrstellen unbesetzt geblieben sind. Schuld sei die hohe Zahl junger Menschen, die sich nach der Schule eher für ein Studium als für eine Ausbildung entschieden?   Echt? Die Gastwirte von gestern sind die Studenten von heute? Bitte nochmal nachdenken. Fest steht: Solange das Übergangssystem floriert, geht es uns in Deutschland offenbar immer noch zu gut. So gut, dass wir einfach mal unzählige Jugendliche links liegen lassen. Ob es nun 270.000 sind oder nicht. Sie wollen mehr wissen? Schauen Sie doch mal in meinem Blog nach. Ganz oben finden Sie neuerdings ein Inhaltsverzeichnis: Alle Einträge seit Juli 2015 sortiert nach Kategorien. Darunter auch die Serie zum Bildungsbericht mit allen Folgen. Viel Spaß beim Stöbern! Bitte beachten Sie: Ich bin bis zum 04. September in Urlaub. Darum kann ich auf Ihre Kommentare nicht so zeitnah wie gewöhnlich reagieren. Ich bitte um Verständnis und wünsche Ihnen eine schöne Sommerzeit!
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Debatte: Die Zukunft der Forschung (II) (Do, 25 Aug 2016)
  Immer wieder kommen in meinem Blog Gastautoren zu Wort. Eine Frage, die viele bewegt: Wie soll, wie muss sich das System Wissenschaft zwischen Wettbewerb und Kooperation weiterentwickeln, um effizient, effektiv und fair zu bleiben? Kürzlich forderte Klaus Diepold von der Technischen Universität München Forschungsförderung per Lotterie; heute erläutert der Oliver Günther, Präsident der Universität Potsdam, warum das System des wissenschaftlichen Publizierens vor dem Kollaps steht. Wie die Wissenschaftsverlage sich zu Tode siegen Von Oliver Günther   Am 28. Juli 2016 erschien in der ZEIT eine kritische Analyse des Wissenschaftsjournalisten Martin Spiewak zur gegenwärtigen wissenschaftlichen Publikationspraxis. Insbesondere – aber nicht nur – in den Naturwissenschaften hängt die wissenschaftliche Reputation derzeit vornehmlich von der Zahl und Art der Publikationen in wissenschaftlichen Fachzeitschriften ab. Je höher das Prestige der gewählten Zeitschrift, desto besser für den Ruf des Autors. Besonders prestigeträchtig sind Zeitschriften mit hohem "Impact Factor", also Zeitschriften, deren Beiträge häufig in anderen Fachbeiträgen zitiert werden. Solche Zeitschriften haben naturgemäß eine höhere Akzeptanzschwelle: Ihre Herausgeber publizieren nach einem ausführlichen Begutachtungsprozess teilweise weniger als einen von zehn eingereichten Artikeln.   Wie Spiewak korrekt beschreibt, stößt dieser gut gemeinte Ansatz neuerdings an seine Grenzen. Akzeptanzraten von unter zehn Prozent führen dazu, dass auch solide und lesenswerte Beiträge abgelehnt werden – zumal es von jeher schwierig ist, die langfristige Relevanz eines Forschungsbeitrags zu beurteilen. Der als „Peer Review“ bekannte Begutachtungsprozess leidet darunter, dass immer weniger Wissenschaftler bereit sind, sich anonym und großteils unbezahlt als Gutachter zur Verfügung zu stellen. Zudem zeigen Metastudien, dass auch der beste Peer-Review-Prozess unter Verzerrungen leidet: Wissenschaftlerinnen scheinen im Schnitt schlechter wegzukommen als Wissenschaftler, und wer von einer prestigeträchtigen Forschungseinrichtung kommt, genießt oft einen Vertrauensvorsprung.   Verschärft hat sich diese Problematik durch das explosionsartige Wachstum des wissenschaftlichen Publikationswesens. Letztlich leidet das System unter seinem eigenen Erfolg: Während das Peer-Review-System noch in den 80er-Jahren hauptsächlich Spitzenwissenschaftler an renommierten Forschungseinrichtungen und Universitäten involvierte, legt heute fast jede Hochschule weltweit Wert darauf, dass ihre Professoren publizieren. Nicht wenige Hochschulen zahlen sogar Boni pro publiziertem Artikel. Da der Anteil hochbegabter Forscher an der Bevölkerung in den vergangenen 40 Jahren nicht wesentlich angestiegen ist, führt dies zwangsweise zu mehr Mittelmaß im System. Zeitschriften und auch wissenschaftliche Tagungen werden von Einreichungen aus der ganzen Welt regelrecht überflutet. Zwielichtige Verlage publizieren Pseudozeitschriften mit gut klingenden Namen, die jeden Unsinn gegen Geld veröffentlichen. Kurzum: Das System ist auf diese Art der Skalierung nicht vorbereitet, es ist überfordert.   Einen wichtigen Punkt möchte ich der Analyse von Spiewak hinzufügen: Die Reaktion der führenden Wissenschaftsverlage auf die Schieflage macht alles noch schlimmer. Zugegeben, das enorme Wachstum des wissenschaftlichen Publikationswesens spricht zunächst einmal für das von ihnen favorisierte Geschäftsmodell. Verständlich also, dass die Verlage das System nicht nur am Laufen halten, sondern zusätzlich anfeuern, sind sie doch gewinnorientierte Unternehmen, deren Ziel die Profitmaximierung ist.   Die Erfolge sprechen für sich; die Gewinne der Verlage schießen durch die Decke. So erzielte zum Beispiel der Elsevier-Verlag 2015 einen Gewinn von gut 900 Millionen Euro, was einer wahrlich bemerkenswerten Gewinnspanne von 37 Prozent entspricht. Kein Wunder, dass die Verlage dieses hochprofitable System melken, solange es irgend geht. So mancher Verlagsmanager rechnet sich – wohl zu Recht – aus, dass das aktuelle System noch bis zur eigenen Pensionierung hält und solide Gewinne und damit Boni verspricht. All das ist nachvollziehbar und nicht unbedingt unmoralisch.   Ob dieses Geschäftsgebaren der Wissenschaft und dem öffentlichen Wohl dient, muss jedoch bezweifelt werden. Denn finanziert werden die Zeitschriftenabonnements der Bibliotheken ja im Regelfall aus Steuermitteln. Die öffentliche Hand finanziert also nicht nur die eigentlichen Forschungsarbeiten (so sie in einer öffentlich finanzierten Einrichtung entstanden sind), sondern zahlt noch einmal für das Recht anderer Wissenschaftler, darüber zu lesen. Außerdem basiert der wirtschaftliche Erfolg der Verlage teilweise auf der Selbstausbeutung der Wissenschaftler, die unbezahlt Gutachten erstellen und so die Qualität der Zeitschriften sichern. Dass nun ausgerechnet der bereits erwähnte Elsevier-Verlag „an die intrinsische Motivation der Wissenschaftler“ (so in dem erwähnten ZEIT-Artikel zitiert) appelliert, um auch weiterhin deren kostenlose Gutachterdienste in Anspruch nehmen zu können, muss wie Hohn in den Ohren der Betroffenen klingen.   Allzu lange wird dies hoffentlich nicht mehr funktionieren. Das Klima zwischen Wissenschaftsverlagen einerseits und Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen andererseits wird zunehmend rauer, viele Wissenschaftler und Wissenschaftsmanager denken über alternative Ansätze nach. Insbesondere Open-Access-Modelle könnten dafür sorgen, dass mit weniger Geld im System mehr gesellschaftlicher Nutzen geschaffen werden kann. Dann müssen öffentlich finanzierte Forschungsergebnisse nicht noch einmal bezahlt werden, um über sie lesen zu dürfen. Gutachter können dann auch gern ein (meist ohnehin symbolisches) Honorar für ihre Arbeitsleistung erhalten. Und für neue Paradigmen zur Qualitätssicherung wie die Nutzung von Schwarmintelligenz wird es mehr Raum geben. Einschlägige Experimente wie auf der Plattform arXiv.org stimmen optimistisch. Von daher ist nicht auszuschließen, dass die Wissenschaftsverlage noch ein spätes Opfer der Digitalisierung werden.   Oliver Günther ist Professor für Wirtschaftsinformatik und Präsident der Universität Potsdam.     Sie wollen mehr wissen? Schauen Sie doch direkt in meinem Blog nach. Ganz oben finden Sie hier neuerdings ein Inhaltsverzeichnis: Alle Einträge seit Juli 2015 sortiert nach Themen und Kategorien. Viel Spaß beim Stöbern! Bitte beachten Sie: Ich bin bis zum 04. September in Urlaub. Darum kann ich auf Ihre Kommentare nicht so zeitnah wie gewöhnlich reagieren. Ich bitte um Verständnis und wünsche Ihnen eine schöne Sommerzeit!
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