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Bildungsbild der Woche

Professoren, Studenten und Mitarbeiter der Norwegischen Technischen Hochschule in Trondheim (ca. 1912)

Municipal Archives of Trondheim/Jens Carl Frederik Hilfling-Rasmussen: "Norges Tekniske Høgskole (ca. 1912) (7772557292).jpg", CC BY 2.0

"Die Zeiten ändern sich gerade"

Der Mainzer Unipräsident Georg Krausch über Lehrverfassungen, Belohnungen für engagierte Hochschullehrer und geplante Freiraum für neue Ideen.

Foto: Universität Mainz
Foto: Universität Mainz

Herr Krausch, im Mai hat der Wissenschaftsrat die Hochschulen erneut aufgefordert, Lehrverfassungen zu beschließen. An der Universität Mainz haben Sie seit Jahren eine Lehrstrategie. Ist das eigentlich das gleiche?

 

Gute Frage. So genau weiß ich das auch nicht. In den Papieren des Wissenschaftsrates werden die Wörter „Verfassung“ und „Strategie“ verwendet. Ich finde den Begriff der Lehrverfassung schon deshalb nicht ganz glücklich, weil man ihn juristisch als eine Art einklagbares Regelwerk missverstehen kann. Auch absichtlich missverstehen kann. An der Johannes Gutenberg-Universität haben wir jedenfalls schon 2010 eine Lehrstrategie beschlossen.

 

Ironischerweise wird die Universität Mainz vom Wissenschaftsrat informell häufig als Beispiel für eine funktionierende Lehrverfassung genannt.

 

Ja, das habe ich auch gehört. Der Unterschied kann also kein gravierender sein. 

 

Mit Ihrer Lehrverfassung waren Sie für den diesjährigen Genius Loci-Preis für Lehrexzellenz nominiert, den der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft vergibt. Gleich noch ein Grund, dass Sie uns Ihre Strategie mal etwas näherbringen.

 

Es ist ja nicht „meine“ Strategie. Damit fängt es schon an. Innovationen, ob in der Lehre oder anderswo, werden nicht von der Spitze der Universität „verordnet“. Sie können dort initiiert werden, aber ohne einen entsprechenden Diskurs in der Breite der Universität werden sie wenig Erfolg haben. Wenn ein solcher Strategieprozess nur in der Leitung einer Universität stattfindet, dann laufen Sie Gefahr, über denjenigen zu schweben, die die eigentliche Arbeit in der Lehre machen.  >>


Der Genius-Loci-Preis für Lehrexzellenz

Die erstmals in diesem Jahr vergebene Auszeichnung stammt vom Stifterverband und soll künftig einmal im Jahr eine Universität und eine Fachhochschule würdigen, die sich in Sachen Lehre "beispielhaft aufgestellt haben, über eine (...) Lehrverfassung bzw. Lehrstrategie verfügen und Lehre auch als Experimentier- und Innovationsfeld begreifen". Mit dieser Formulierung bezieht sich der Stifterverband  explizit auf eine erstmals 2015 vom Wissenschaftsrat formulierte Empfehlung, dass sich die Hochschulen solche hochschulweit gültigen Statute geben sollen.

 

Nominiert für den "Genius-Loci-Preis" wurden jeweils drei Universitäten und Fachhochschulen, und zwar neben der Universität Mainz die RWTH Aachen die Leuphana Universität Lüneburg, die Hochschule Coburg, die SRH Hochschule Heidelberg und die TH Köln. Wie der Stifterverband heute mitteilte, hatten die RWTH Aachen und die TH Köln am Ende die Nase vorn. Die RWTH habe mit einer "soliden und

sehr durchdachten Lehrstrategie" überzeugt, befanden die Juroren. Die Uni selbst nennt ihr Konzept den "Aachen Way", besonders wichtig ist dabei die Evaluation der Lehrveranstaltungen. Das Lehrkonzept der TH Köln, an der viele Bildungsaufsteiger studieren, nannte die Stifterverbandsjury "sehr schlüssig". Alle Bachelor-Studiengänge beruhen auf projektbasierter Lehre, alle Neuberufenen sind verpflichtet, an einem Coaching-Programm zur Lehre teilzunehmen.

 

Sowohl Aachen als auch Köln wurden bereits 2009 im „Wettbewerb exzellente Lehre“ des Stifterverbandes und der Kultusministerkonferenz der Länder ausgezeichnet. 

 

Das "Genius-Loci"-Preisgeld von je 10 000 Euro sollen die Hochschulen zweckgebunden für die Einladung eines "Visiting Scholar of Teaching and Learning in Higher Education" einsetzen.



>> Haben Sie damit nicht gerade den entscheidenden Grund genannt, warum Strategien in den allermeisten Fällen eben nicht funktionieren? Neulich haben Sie in Forschung und Lehre die Idee der Lehrverfassung gepriesen. Dem hielten in derselben Ausgabe die Soziologen Stefan Kühl und Marcel Schütz entgegen, durch einen strategisch „verfassten“ Lehrbetrieb würden die Hochschulen „zunächst vor allen dazu gezwungen, ihre Fassadenpflege noch weiter zu optimieren, das heißt, eigene sporadische Maßnahmen aufwändig mit Managementgeklingel zu garnieren.“

 

Innovationen brauchen Freiräume, dem würde ich ja gar nicht widersprechen. Aber ich behaupte, dass Sie solche Freiräume strategisch ermöglichen müssen. Wir haben an deutschen Universitäten nicht die notwendigen Spielräume, um für alle die Lehrverpflichtung deutlich zu verringern. Darum brauchen wir Strategien, um diejenigen, die sich besonders für die Lehre engagieren, zeitlich in die Lage zu versetzen, Innovationen zu erarbeiten und zu erproben. 

 

Dann lassen Sie uns konkreter werden. Erklären Sie uns bitte in ein paar Sätzen Ihre Lehrstrategie.

 

Zunächst mal will ich noch über den Prozess der Strategiebildung reden, denn der ist mindestens so wichtig wie das Ergebnis selbst. In Mainz spielt die Auseinandersetzung mit der Qualität der Lehre seit den 90er Jahren eine hervorgehobene Rolle. Damals wurde hier ein Zentrum für Qualitätssicherung und Qualitätsentwicklung gegründet, das sich der Lehre, der Forschung und dem Wissenschaftsmanagement widmet. Das Zentrum ist als zentrale wissenschaftliche Einrichtung konzipiert. Die Wissenschaftler, die dort arbeiten, waren von Anfang an nicht nur für Qualitätsmanagement zuständig, sondern sie sind auch selbst in der Hochschulforschung und in der Hochschuldidaktik aktiv. Sie publizieren und werben Drittmittel ein. Das halte ich für ihre Akzeptanz unter den anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern für wichtig. Sie können ihr Tun wissenschaftlich reflektieren – was das Handeln an einer Universität eigentlich immer begleiten sollte.  

 

Okay, das war in den 90er Jahren. Und dann?

 

Vor bald zehn Jahren nahm dann die Debatte in der Universität Fahrt auf: Brauchen wir eine Lehrstrategie, und wie sollte sie aussehen? Ein erster Entwurf entstand und wurde über die Fachbereichsräte in die einzelnen Fächer und alle rund 150 Institute der Universität hineingespielt. So wurde die Strategie diskutiert und am Ende vom Senat der Universität beschlossen. Professoren, wissenschaftliche Mitarbeiter, Studierende, alle konnten mitreden, und nur so geht es. Sonst denken Sie sich ein tolles Papier aus, das aber nichts bewirkt, weil diejenigen, die täglich die Lehre machen, nicht dabei waren und es nicht in ihren Herzen tragen. >>


Das U-Boot ist gesunken

Ende September hatte ich berichtet, dass sich in der Musterrechtsverordnung zur Akkreditierung ein U-Boot befand. Ein Passus, der überraschend dort aufgetaucht und doch zunächst von vielen übersehen worden war – die Verpflichtung der Hochschulen zu einer Lehrverfassung. Zitat aus Paragraph 17: „Die Hochschule verfügt über eine Lehrverfassung, die sich in ihren Studiengängen widerspiegelt.“

 

Trockener Satz, große Wirkung. Keine Akkreditierung mehr ohne Lehrverfassung, genauer: keine Systemakkreditierung, auf die zumindest die größeren Hochschulen spitzen, weil sie sich damit die externe Akkreditierung von Studiengängen sparen können.  

 

Das Problem: Es handelte sich lediglich um einen Entwurf, und schon damals stand auf der Kippe, ob die Lehrverfassung es in die Endversion schaffen würde. Sieben Wochen später ist klar: Hat sie nicht. Vor ein paar Tagen haben die Amtschefs in der Kultusministerkonferenz (KMK) die neueste Fassung der Verordnung auf dem Tisch gehabt, doch das Wort "Lehrverfassung" sucht man darin vergeblich. Die KMK hat sie auf der Zielgeraden herausgenommen und durch den Begriff "Lehrleitbild" ersetzt.

 

Schon viele Wissenschaftsminister und Staatssekretäre hatten skeptisch auf die "Lehrverfassung" geschaut. Doch den Ausschlag gaben am Ende offenbar die Hochschulen, die in der abschließenden Befragungsrunde vor einer 

"Bürokratisierung" durch die Pflicht zur Lehrverfassung warnten. Wobei die vom Wissenschaftsrat erstmals 2015 formulierte Idee eigentlich genau das nicht sein sollte: ein Papiertiger. Die Rektorate, so zumindest die Vorstellung des Wissenschaftsrates, könnten mithilfe der Lehrverfassung, eine hochschulweite Debatte über den Stellenwert der Lehre anzustoßen. Fertig wäre die Verfassung erst, nachdem Professoren, Mitarbeiter und Studenten ihre Inhalte gemeinsam ausgehandelt haben. So verstanden könnte die Lehrverfassung der Gesellschaftsvertrag einer Hochschule werden. 

 

Zuletzt hat der Wissenschaftsrat seine Idee im Positionspapier "Strategien für die Hochschullehre" bekräftigt, das im Mai veröffentlicht wurde. Doch offenbar ist es dem wissenschaftspolitischen Beratungsgremium seitdem nicht gelungen, die Stimmung in den Hochschulleitungen zugunsten seines Vorschlags zu drehen. 

 

Was womöglich tatsächlich auch mit dem Wort an sich zu tun hat. "Ich finde den Begriff der Lehrverfassung schon deshalb nicht ganz glücklich", sagt etwa der Mainzer Unipräsident Georg Krausch, "weil man ihn juristisch als eine Art einklagbares Regelwerk missverstehen kann. Auch absichtlich missverstehen kann."

 

Jetzt steht also im Verordnungsentwurf das unverfänglichere Leitbild. Das wird keinem wirklich wehtun. Eine spürbare Wirkung entfalten aber vermutlich auch nicht. 



>> „Lehrverfassungen? Das werden doch wieder nur Papiertiger“, winken tatsächlich auch jetzt viele wieder ab. Und Sie behaupten, bei Ihnen sei das anders gelaufen? 

 

Natürlich fängt es erstmal mit Zielen an, die auf dem Papier stehen. In unserem Fall elf Ziele, darunter zum Beispiel der Wunsch, Raum für Reflexion und Innovation in der Lehre zu schaffen, oder auch die Absicht, die Zahl der Studierenden mit Auslandserfahrung zu erhöhen. Die Studienberatung wollten wir ebenfalls professionalisieren. Doch im zweiten Schritt müssen dann die konkrete Maßnahmen folgen, durch die die Ziele umgesetzt werden können. Nehmen wir beispielhaft das Gutenberg-Lehrkolleg, eingerichtet als think tank für Fragen der Lehre und zur Unterstützung innovativer Lehrprojekte. Im Leitungsgremium dieses Kollegs sitzen Leute, die sich in besonderer Weise um die Lehre verdient gemacht haben, die Lehrpreise gewonnen haben oder bei den Evaluationen durch die Studierenden besonders gut abschneiden. Auch wissenschaftliche Mitarbeiter und Studierende gehören zum Kolleg. Pro Jahr stehen ihm rund eine Million Euro zur Verfügung. Daraus werden innovative Lehrprojekte finanziert, aber auch „Lehrfreisemester“, also die Freistellung von den Standardaufgaben der Lehre zur Entwicklung innovativer Lehrprojekte. 

 

Schön für den einzelnen Lehrenden. Aber hat am Ende die Universität etwas davon?

 

Das ist die zentrale Frage. Und darum müssen die Antragsteller immer darlegen, wie aus einem einmaligen Highlight ein dauerhafter Mehrwert für die universitäre Lehre entstehen kann. Die besten Projekte werden beim jährlichen Dies Legendi, dem Tag der Lehre, universitätsweit zur Diskussion gestellt. Außerdem wird jedes Projekt evaluiert, damit wir sehen, was funktioniert und was nicht. 

 

Und was machen Sie, um die Studienberatung zu professionalisieren?

 

Wir haben im Qualitätspakt Lehre eine Projektförderung gewonnen, die uns dabei hilft. Nebenbei gesagt ist es eigentlich verwunderlich, dass der Qualitätspakt nicht „Exzellenzinitiative für die Lehre“ genannt worden ist, denn Exzellenz gibt es ja nicht nur in der Forschung. Aber gut. Auf jeden Fall haben wir dank des Paktes das Projekt LOB einrichten können, in dem es unter anderem darum geht, wie wir die Bologna-Reform und die neuen Studiengänge zu einem Erfolg machen können. Da stehen beispielsweise zusätzliche Mittel bereit, um die Studienberater in den Fachbereichen zu professionalisieren. Gute Beratung setzt gute Berater voraus. Wir bieten diese Fortbildung nicht nur für uns selbst, sondern auch für Angehörige anderer Hochschulen an. 

 

Entwickeln sich die Maßnahmen zu den elf von Ihnen genannten Ziele dann nach dem Zufallsprinzip, oder wussten Sie, als sie die Strategie vor sechs, sieben Jahren formuliert haben, schon, was kommen würde?

 

Da wussten wir natürlich noch nicht, dass es mal einen Qualitätspakt Lehre geben würde. Aber wir wussten, was wir wollen. Das ist so ähnlich wie in der Forschung und mit der Exzellenzinitative: Sie haben eine Strategie, und dann kommt das richtige Vehikel vorbei, um sie umzusetzen. Aber natürlich steckt damit in so einer Strategie auch etwas Anarchisches: Ich weiß nicht, welche Innovationen ich am Ende fördern werde. Die Ideen müssen aus der Praxis kommen. 

 

Die Ideen müssen aus der Praxis kommen und die Strategie eine breite Zustimmung in der Hochschule finden, sagen Sie. Schließt das jeden Schubser von außerhalb aus? Ist die Wissenschaftspolitik mit ihren Impulsen also machtlos?

 

Das will ich so nicht sagen. Die Exzellenzinitiative hat ja gezeigt, dass Anreize von außen durchaus etwas bewirken können. Da geht es nicht in erster Linie um die Fördergelder, sondern um das Prestige, das mit dem Erfolg verbunden ist. Das gilt auch für den Genius Loci Preis für Lehrexzellenz des Stifterverbandes. Am Ende funktionieren jedoch nur Anreize, die zu den vorhandenen Interessen der Hochschule passfähig sind. 

 

Ist eine Deutschen Lehrgemeinschaft oder – im Sinne des Wissenschaftsrats zurückhaltender formuliert – eine „eigene Stimme“ für die Lehre eine solche passfähige Idee? Die Hochschulrektorenkonferenz hat sie ungewohnt heftig abgelehnt. 

 

Die Idee ist ja nicht neu, sie wurde vor einigen Jahren schon diskutiert, als wir gerade unser Gutenberg-Lehrkolleg einrichteten, aber bislang ist der Plan nicht umgesetzt worden. Da schlagen ehrlich gesagt auch zwei Herzen in meiner Brust. Einerseits ärgert es mich, wenn Bund und Länder ihre Programme immerzu wie Karotten einsetzen, hinter denen sie uns Hochschulen herjagen lassen. Dann sollen wir Anträge schreiben für Dinge, die eigentlich zu unserer Grundausstattung gehören sollten. Andererseits weiß ich: Wären die 820 Millionen Euro einfach in die Grundfinanzierung der Hochschulen geflossen, statt sie in den Qualitätspakt Lehre zu stecken, hätten wir den Effekt an einer großen Universität wie der unseren kaum bemerkt. Da kann ein Wettbewerb schon helfen, aber nur bedingt, weil die Lehre anders funktioniert als die Forschung.

 

Wie meinen Sie das?

 

Der Goldstandard in der Forschung ist immer noch der persönliche Reputationsgewinn, über Auszeichnungen wie den Leibniz-Preis zum Beispiel oder ERC-Grants, die die individuelle Forschungsleistung belohnen. Während exzellente Forschung also auch ganz alleine gelingen kann, braucht gute Lehre neben der individuellen Leistung immer auch die gemeinsame Arbeit im Team – und das beschränkt die Möglichkeit persönlicher Wettbewerbsanreize. Das Ironische ist allerdings, dass wir in der Realität längst einen Forschungsverbund nach dem anderen starten, während viele Hochschullehrer Lehre immer noch als eine eher persönliche Sache ansehen und kollegialer Austausch immer noch zu wenig stattfindet. 

 

Exzellente Forschung geht ganz alleine: Ist es immer noch in Ordnung, als Hochschullehrer eine Niete zu sein, solange man in der Forschung top ist?

 

Als ich junger Wissenschaftler war, stimmte das wahrscheinlich noch. Doch die Zeiten ändern sich gerade. Vor wenigen Wochen wurden die ersten 468 Professuren im Tenure-Track-Programm vergeben. Die Entscheidung, ob eine solche Professur verstetigt wird, dürfte künftig auch stark von den Lehrleistungen abhängen. Womit wir wieder bei unserer Lehrstrategie sind. In Mainz, aber auch an vielen anderen Universitäten müssen Sie während eines Berufungsverfahrens längst nicht nur einen Forschungsvortrag halten, sondern auch eine Probevorlesung halten zu einem typischen Lehrthema. Und wenn Sie bei uns die vollen Leistungszulagen in der W-Besoldung haben wollen, müssen Sie sich als Professor hochschuldidaktisch fortbilden. Es mag ja immer noch didaktisch schlechte Hochschullehrer geben, aber wir sorgen systematisch dafür, dass es weniger werden. 

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Gebt uns das Geld!

Die Wissenschaftsminister aller 16 Bundesländer einigen sich auf gemeinsame Forderungen an den Bund.

PÜNKTLICH ZUM FINALE der Sondierungsgespräche haben sich die Wissenschaftsminister aller 16 Länder auf eine gemeinsame Position zur Zukunft der Hochschulfinanzierung geeinigt. Ihre „Berliner Erklärung“ umfasst drei schlanke Punkte, ist aber dennoch eine hinreichend deutliche Ansage an den Bund: Wir wollen, dass der Hochschulpakt auf jeden Fall weitergeht. Er sei, schreiben die Minister, „mit Blick auf die Qualität und Quantität unverzichtbar“ und werde es auch zukünftig sein. 

 

Angesichts gleichbleibend hoher Studierendenzahlen und „aufgrund der Anforderungen an eine qualitativ hochwertige Ausbildung“ fordern die Ressortchefs für die Fortsetzung des Pakts einen finanziellen Umfang, der mindestens der bisherigen Höhe entspreche. 

 

Den wenig überraschenden Weg zum Ziel skizzieren die Minister im dritten Punkt ihrer Erklärung: Sie wollen in Verhandlungen mit der neuen Bundesregierung „für die Hochschulen und den Wissenschaftsstandort Deutschland essentielle Planungssicherheit (...) schaffen, um so auch die Fachkräftesicherung in Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft zu gewährleisten.“

 

Ein kurzer Text mit umso höherer Buzzword-Dichte: Wirklich Neues bietet die gemeinsame Erklärung aller Landeswissenschaftsminister zwar nicht, auch werden die zentralen Konflikte (Wie sollen die Mittel vergeben werden? Und wofür genau?) ausgeklammert. Und doch ist sie ein starkes, parteiübergreifendes Signal an die potenziellen Jamaika-Koalitionäre. 

 

Ein Signal der 16 Wissenschaftsminister, die fürchten mussten, dass über all den Debatten zum Kooperationsverbot und zu zusätzlichen Milliarden für die Schulen die Interessen der Hochschulen aus den Blick geraten könnten. So steht im Ergebnis-Entwurf der Sondierungsgespräche (Stand 16. November) zwar bereits ein Absatz, der fast aufs Wort dem Konsens der Landesminister entspricht – bis hin zu dem ungeklärten Nebeneinander von qualitativer und quantitativer Förderung:  Es soll, heißt es da "eine Nachfolgevereinbarung zum Hochschulpakt geben, wobei unter anderem Fragen der Qualität, des Erhalts der Kapazitäten und der Digitalisierung eine Rolle spielen sollen." Dennoch: Über Hochschulen und Wissenschaft verloren die Sondierer in den vergangenen Wochen kaum noch ein Wort. 

 

Mit ihrer „Berliner Erklärung“ holen sie sich die Wissenschaftsminister der Länder nun die Aufmerksamkeit der Jamaikaner zumindest kurzfristig zurück. 

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"Wir sind besorgt und enttäuscht"

Bei der Exzellenzstrategie ist der Cluster "Normative Ordnungen" durchgefallen. Wissenschaftler aus aller Welt fordern in einem Brief: Das darf nicht das Ende für den Forschungsverbund sein. Hessens Wissenschaftsminister Rhein reagiert prompt.

Der Offene Brief im Wortlaut
Der Offene Brief im Wortlaut

DER EXZELLENZCLUSTER „Normative Ordnungen“ an der Frankfurter Goethe-Universität zählt zu den bekanntesten Forschungsverbünden in den Geistes- und Sozialwissenschaften der Bundesrepublik insgesamt. Entsprechend groß war die Überraschung, als der seit 2007 geförderte Cluster schon beim Vorentscheid der neuen Exzellenzstrategie (ExStra) Ende September aus dem Wettbewerb kippte.

 

Jetzt haben sich fast 80 Wissenschaftler aus aller Welt zusammengetan, um in einem Offenen Brief gegen das drohende Aus des Clusters zu protestieren. Unter dem Briefkopf der Yale-Universität haben die Initiatoren Seyla Benhabib und Charles Larmore, die beide im internationalen Beirat der „Normativen Ordnungen“ sitzen, ein Who is Who der internationalen Forscher-Community als Mitunterzeichner versammelt: aus den USA, Großbritannien, Kanada, Frankreich, Indien und weiteren Staaten. Die bekannte Philosophin, Politikwissenschaftlerin und gegenwärtige Präsidentin der American Philosophical Association, Nancy Fraser, ist genauso darunter wie die Harvard-Professorin und ehemalige Präsidentin der American Political Science Association, Jane Mansbridge. Auch ein knappes Dutzend deutscher Wissenschaftler steht auf der Liste, darunter Jürgen Habermas, Julian Nida-Rümelin und Hartmut Rosa. 

 

„Wir wollen mit größtmöglichem Nachdruck unsere Besorgnis und unsere Enttäuschung zum Ausdruck bringen“, heißt es in dem Schreiben, dass dem Cluster „von der Deutschen Forschungsgemeinschaft eine Verlängerung der Förderung für seine wissenschaftliche Arbeit“ versagt worden sei. Im Rahmen der Zusammenarbeit mit den Frankfurter Forschern seien „bedeutsame Bände“ entstanden, anregende Konferenzen hätten stattfinden können. Ehemalige Studenten des Clusters, die exzellent seien, befänden sich mittlerweile auf Positionen an Universitäten überall auf der Welt. „Kurz gesagt sind wir der Meinung, dass die Frankfurter Kollegen ein wirkmächtiges Zentrum für die philosophische, aber auch die empirische Bearbeitung der wichtigsten sozialen, politischen und ethischen Fragen unserer Zeit aufgebaut haben, das sich in Bezug auf seine Qualität und die Originalität der betriebenen Forschung weltweit an der Spitze befindet“. 

 

Auch wenn die Unterzeichner betonen, sie wollten mit ihrem Schreiben nicht den Evaluationsprozess der DFG in Frage stellen, tun sie es indirekt natürlich doch. Schon dem ExStra-Vorläufer Exzellenzinitiative hatten Kritiker eine Einseitigkeit zugunsten der Natur- und Lebenswissenschaften vorgeworfen. 

 

Bei der Vorentscheidung Ende September hatte eine international besetzte Jury aus 195 Cluster-Skizzen 88 Projekte ausgewählt, die nun bis Ende Februar einen Vollantrag abgeben dürfen. Waren die eingereichten Skizzen von ihren thematischen Schwerpunkten her noch in etwa gleich verteilt auf die vier von der DFG klassifizierten Fächergruppen – Geistes- und Sozialwissenschaften, Ingenieurwissenschaften, Lebenswissenschaften und Naturwissenschaften – so kamen die Geistes- und Sozialwissenschaften bei der Vorauswahl nur noch auf 19 Prozent der Vollanträge, die Naturwissenschaften erreichten 31 Prozent. 

 

Die Briefeschreiber bekräftigen ihr Unverständnis, dass ausgerechnet die „Normativen Ordnungen“ zu den Aussortierten zählten: Der Cluster habe wahrhaftig herausragend die intellektuellen Ziele erreicht, die die Exzellenzinitiative gesteckt habe. „Es wäre ein furchtbarer Verlust für die internationale Forscher-Community, nicht nur in den USA, sondern in vielen Ländern weltweit, wenn die Arbeit des Clusters abreißen würde.“

 

Der Brief endet mit einem Appell an das Bundesland Hessen und „andere Institutionen der Forschungsförderung in Deutschland“, das ihnen Möglichste zu tun, um die Weiterführung dieses „extrem erfolgreichen“ Clusters zu sichern.

 

Die DFG teilte mit, sie werde das Schreiben nicht kommentieren, da weder sie selbst noch das Verfahren kritisiert werde und auch die Adressaten des Offenen Briefes andere seien. Der hessische Wissenschaftsminister Boris Rhein (CDU) sagte in einer unmittelbaren Reaktion, der Exzellenzcluster seit "etwas Einzigartiges. Wir müssen uns daher sehr genau anschauen, woran es gelegen hat, dass der Antrag die erste Hürde nicht geschafft hat." Er wolle sich aber sehr klar hinter die Beteiligten stellen, die eine "großartige Arbeit" leisteten: "Das Land Hessen wird sie weiter unterstützen.“

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Bis fertig geprüft ist

Die Münchner Uni ermittelt gegen den Klinikdirektor wegen möglichen wissenschaftlichen Fehlverhaltens, die Staatsanwaltschaft geht weiter dem Verdacht eines Abrechnungsbetruges nach: Seit vielen Monaten befindet sich das Max-Planck-Institut für Psychiatrie im Ausnahmezustand.

Screenshot der Instituts-Website
Screenshot der Instituts-Website

NEULICH BESCHÄFTIGTE SICH das Hamburger Abendblatt mit der Frage, „was gegen den Herbst-Blues hilft“. Einer der Experten, die einen Tipp für übel gelaunte Leser parat hatten, war Chefarzt Martin Keck. „Lichttherapie ist sein sehr wirksames antidepressives Therapieverfahren", sagte er. "Sie ist fast nebenwirkungsfrei und kann auch zu Hause erfolgen.“

 

Einen Herbst-Blues dürfte auch Keck selbst haben. Seit vergangenem Jahr ermittelt die Staatsanwaltschaft München I am Max-Planck-Institut für Psychiatrie, dessen Klinikdirektor Keck ist, ausgelöst durch eine anonyme Anzeige. Ende Februar 2017 beschlagnahmten die Beamten bei einer Hausdurchsuchung Dokumente und Daten, weil sich, so formulierte damals eine Sprecherin, während der Ermittlungen „ein konkreter Anfangsverdacht“ ergeben habe, dass „Verantwortliche des Max-Planck-Instituts möglicherweise Abrechnungsbetrug begangen haben“. Es liege eine Strafanzeige gegen mehrere Personen vor. 

 

Neun Monate später ermittelt die Staatsanwaltschaft immer noch. Für Wirtschaftsverfahren sei das durchaus üblich, dass die so lange dauerten, sagt die zuständige Pressesprecherin. Klinikdirektor Keck widerfährt indes weiteres Ungemach. An der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) läuft seit Monaten ein Verfahren „zur Selbstkontrolle in der Wissenschaft im Fall Professor Keck“, wie LMU-Sprecherin Luise Dirscherl bestätigt. Wann es abgeschlossen werde, sei offen. Auch dieses Verfahren wurde nach einem anonymen Hinweis eingeleitet. 

 

Konkret geht es um die Habilitationsschrift von Keck – also die zentrale Voraussetzung für seinen Professorentitel. Die Online-Plattform Vroniplag Wiki hat Anfang Oktober ihre Untersuchung der von 2004 stammenden Arbeit veröffentlicht, Ergebnis: Bis zum 14. November seien auf 72 der insgesamt 174 Seiten Plagiatsfundstellen dokumentiert worden. 43 Seiten bestünden zu mehr als 75 Prozent aus Plagiatstext. 

 

Keck hatte sich bereits im Frühjahr zu den Vorwürfen geäußert, und zwar in einer Stellungnahme gegenüber dem LMU-Ombudsmann, aus dem der Bayerische Rundfunk zitierte. Die erwähnten Texte seien das Ergebnis „gemeinsamer, von mir geleiteter Anstrengungen. Diese stellen die Ergebnisse einer Gemeinschaftsarbeit dar, welche als gemeinsame Textpassagen in die Dissertation [….] bzw. meine Habilitation [….] einfließen.“ Die identischen Textpassagen seien insofern der „allgemein akzeptierten und nicht anders zu bewerkstelligenden wissenschaftlichen Arbeitsweise meines Fachgebietes (hier explizit Grundlagenforschung) geschuldet“. 

 

Seit über einem Jahr kursieren in der Wissenschaftsszene Beschuldigungen gegen Keck und weitere Mitarbeiter des Instituts, die, zusammen mit umfangreichen Unterlagen, unter anderem an die Geschäftsstelle der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz (GWK) von Bund und Ländern versandt wurden. Hierbei geht es auch um die Frage, ob für die Forschungsfinanzierung gedachte Gelder für den Klinikbetrieb eingesetzt wurden. 

 

Die Generalverwaltung der Max-Planck-Gesellschaft (MPG) betonte in den vergangenen Monaten mehrfach, die Untersuchungen einer unabhängigen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft seien 2016 zu dem Ergebnis gekommen, „dass die aktuelle Abrechnungspraxis keinen Grund zur Beanstandung gibt.“ Auf erneute Anfrage teilt die MPG mit, sie warte das Ergebnis der staatsanwaltlichen Ermittlungen und das Prüfergebnis der LMU München ab. 

 

Im Februar hatte sich die MPG noch etwas kampfeslustiger angehört. Sicherlich müssten viele Prozesse „vor dem Hintergrund veränderter Strukturen und aktueller gesetzlicher Vorgaben neu justiert werden.“ Seither sei es jedoch „zu einer nicht abreißenden Kette anonymer Anschuldigungen“ gegen die Betroffenen gekommen, die sich „allesamt als haltlos“ erwiesen hätten. Die MPG hatte die anonymen Anschuldigungen deshalb auch mit einer eigenen Anzeige gegen Unbekannt „wegen übler Nachrede, Verleumdung und Strafvorschriften des Bundesdatenschutzgesetzes“ beantwortet.

 

Insider beschreiben die Stimmung am Institut seit langem als „schwierig“, die Unzufriedenheit vieler Mitarbeiter mit der Klinikführung soll enorm sein. Handelt es sich bei den lancierten Vorwürfen also lediglich um eine geschickt orchestrierte Rufmordkampagne? Oder steckt doch mehr dahinter? Muss sich am Ende gar die Generalverwaltung der MPG unangenehme Fragen zu ihrem Umgang mit dem Institut gefallen lassen? Klar ist: Bis Staatsanwaltschaft und LMU sich abschließend äußern, gilt für alle Beteiligten die Unschuldsvermutung. Und der Schwebezustand bis dahin schadet dem Institut wie der Max-Planck-Gesellschaft insgesamt. 

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"Ein paar Platzhirsche machen keine Mehrheit"

Engagieren sich junge Studenten zu selten hochschulpolitisch? Prägen deshalb die älteren die öffentliche Wahrnehmung der aktuellen Studierendengeneration? Drei Gegenreden zu meinem Beitrag "Junge Studenten, alte Sprecher".

Vergangene Woche schrieb ich in einem zugegebenermaßen zugespitzten Kommentar, die lautstärksten Repräsentanten der aktuellen Studierendengeneration stammten in Wirklichkeit oft aus der Generation davor. Das Problem sei, dass sie mit ihren Äußerungen ein Bild studentischer Gefühlslagen zeichneten, das längst nicht mehr der Realität entspreche, schrieb ich in meinem Text, der zuerst im ZEITChancen Brief erschien. Mein Fazit: "Wenn die Jungen nicht bald selbst aktiver werden, können sie sich über die Alten nicht beschweren."

 

Ich hatte im Vorfeld mit Reaktionen gerechnet. Als sie kamen, war ich aber doch überrascht angesichts der ehrlichen Empörung, der Vielzahl

leidenschaftlicher Gegenreden und auch der schlagkräftigen Argumente, um zu zeigen, dass ich falsch liege mit meiner Wahrnehmung. 

 

Ein Punkt ist mir persönlich noch wichtig: Ich habe bewusst nicht die etwaige Überalterung der gewählten Studierendenvertreter kritisiert (denn die sind in der Tat oft jung), sondern dass es meist die Alten sind, die sich auf öffentlichen Veranstaltungen in den Vordergrund spielen und so scheinbar die Studierenden insgesamt repräsentieren. Darum ging es mir, das muss aufhören. Das mit dem Heine zitierenden Studi habe ich übrigens neulich wieder bei einer Uni-Veranstaltung erlebt... Nun aber zu den Reaktionen auf mein Kommentar.



FRANZISKA CHULECK, ILMENAU:

 

IN JAN-MARTIN WIARDAS Kommentar "Junge Studenten, alte Sprecher" wurde die Mitarbeit von erfahrenen (ehemaligen) Studierendenvertreter*innen sehr einseitig als negativ dargestellt. Dazu möchte ich ein paar Gegenargumente vorbringen.

 

Als (gewählte) Studierendenvertreterin, die schon etwas länger dabei ist, kann ich sicher einige Punkte durchaus nachvollziehen. Doch für uns in der studentischen und auch für die universitäre Selbstverwaltung sind Studierendenvertreter*innen, die schon ein wenig länger dabei sind, ein großer Zugewinn und auch sehr wichtig. Es benötigt Zeit, um sich in die große Zahl an Gesetzestexten, Verordnungen, Handreichungen, Auslegungen, Gutachtenberichte und Ordnungen einzuarbeiten. Dabei werden auch eben aufgrund der großen Zahl Spezialgebiete entwickelt. Viele der Regularien, Handreichungen und Ordnungen sind zum Schutz der Studierenden da - damit die Universitäten und Hochschulen nicht nach Gutdünken in unsere durch das Rahmenhochschulgesetz garantierte Studienfreiheit eingreifen können. Studierendenvertreter*innen, die in der Lage sind, genau sagen zu können, an welche Gesetze, Paragraphen und Verordnungen sich die Hochschule in einem bestimmten Moment zu halten haben, sind daher extrem wichtig.

 

Des Weiteren sehen sich die Studierendenvertretungen immer wieder mit dem Problem konfrontiert, dass durch die hohe Fluktuation der Studierenden einige langfristigere Projekte, wie beispielsweise Systemakkreditierungen, nicht vollständig durch eine einzelne Person oder eine Gruppe begleitet werden. Dies kann zu inkonsistenten Meinungen und Abstimmungsverhalten der Studierendenvertreter*innen führen – und das wird wiederum häufig durch die Hochschulleitungen kritisiert. Beschäftigen sich jedoch einzelne Studierende länger mit einem Projekt, führt dies zu einer höheren Kontinuität. Dies kann als Professionalisierung missverstanden werden.

 

Als Studierendenvertreter*innen haben wir zudem häufig das Problem, dass uns entweder vorgehalten wird, wir wären durch die hohe Fluktuation zu unstet oder durch langfristigere Besetzungen zu professionell und nicht mehr Studierenden-nah. Diese beiden Vorwürfe sind widersprüchlich und lenken häufig von anderen Problemen ab. Es erschwert es auch, Personen für einzelne Stellen, gerade im höheren Gremienbereich, zu finden, da weniger erfahrene Personen sich nicht trauen und erfahrenere abgelehnt werden. Ein Beispiel sind die studentischen Mitglieder des Akkreditierungsrates. Diese benötigen weitreichende Erfahrungen im Akkreditierungswesen, im Bereich der Programm- und Systemakkreditierung, gewünscht sind auch Erfahrungen mit Agenturgremien und sollte die*der Vorgeschlagene eine Agentur akkreditiert haben, wird dies begrüßt. Jedoch sollten die Personen sich doch bitte noch in Regelstudienzeit befinden.

 

Es ist leicht erkennbar, dass Erfahrung und gleichzeitig eine geringe Anzahl an Semester nur schwer möglich ist. „Suchen 20jährigen mit 10 Jahren Berufserfahrung“ scheint die Devise zu sein. Eine, die nicht umsetzbar ist. Doch nicht nur auf der Bundesebene ist dies ein Problem - auch in den einzelnen Hochschulen. Studierendenvertretungen tuen sich meist und hoffentlich auch verständlicherweise schwer, eine*n (minderjährige*n) Studienanfänger*in für den Hochschulrat vorzuschlagen. Es fehlt schlicht die Erfahrung und das Wissen. Daher wird häufiger auf Personen zurückgegriffen, die länger dabei sind und daher auch mehr Erfahrung und Wissen haben.

 

Der Standpunkt von Jan-Martin Wiarda verkennt doch auch einen weiteren wichtigen Punkt – diese angebliche Professionalisierung findet sich vor allem in den höheren Ebenen. Die ersten Anlaufstellen für Studierende mit Problemen, die Fachschaftsräte, haben einen stärkeren Wechsel an Studierenden, die aktiv und/oder gewählt sind. Auch auf den Bundesfachschaftentagungen, den bundesweiten Vernetzungstreffen der Fachschaften, sind diese personellen Wechsel leicht zu beobachten. Doch auch die Fachschaftsräte sind bei ihren Problemen und Anliegen auf die erfahrenen Studierendenvertreter*innen angewiesen.

 

Im Umgang mit den Studierendenvertreter*innen sollte dringend ein anderer Weg gefunden werden. Sie können nicht gleichzeitig durch hohe Fluktuation zu unerfahren, daher auch nicht im benötigten/gewünschten Maß entscheidungsfähig und durch erfahrene und langjährige Vertreter*innen zu professionell und daher nicht mehr Studierenden-Nah sein. Hier wäre ein Nachsteuern durch das Verhalten der Hochschulleitungen sicher hilfreich. Anerkennung der Leistung der Studierendenvertreter*innen und Unterstützung bei der Förderung von Nachwuchs für die Studierendenvertretungen sind nur zwei Beispiele für Handlungsmöglichkeiten der Hochschulleitungen.

 

Doch auch eine differenzierte Betrachtung durch die Presse könnte an dieser Stelle förderlich sein. Verständlich sind einige Punkte des Standpunktes durchaus, doch der Standpunkt betrachtet nicht die Gesamtsituation. Die meisten Studierendenvertreter*innen haben einen sehr guten Kontakt zur studentischen Basis und die älteren Vertreter*innen sind ein wichtiger Teil der studentischen und universitären Selbstverwaltung, durch ihr breites Wissen und ihre Erfahrungen.

 

Franziska Chuleck, 24, studiert Informatik auf Bachelor und ist Studentisches Mitglied im Senatsausschuss für Hochschulentwicklung und Qualitätssicherung an der TU Ilmenau. 


JAN CLOPPENBURG, ZURZEIT VANCOUVER: 

 

DASS SICH GERADE ein Journalist wundert, dass Menschen ihre Beiträge mit Zitaten einleiten, das überrascht mich dann doch. Auch ich – weiterhin Student und ehemals gewählter Vertreter – besuche gerne Diskussionsveranstaltungen, habe aber nie Zitatesammlungen mitgebracht! Ein langfristiges Engagement in den Gremien kann sich dennoch lohnen. Denn die zahlreichen Rechtsdokumente, Strukturen und Zusammenhänge im Hochschulwesen versteht niemand von heute auf morgen. Ein bisschen Erfahrung hilft ungemein, um sich argumentativ und habituell gegenüber erfahreneren Präsidentinnen und Journalisten behaupten zu können.

 

Es gibt gewiss auch ein paar Platzhirsche hier und da, die sich mit oder ohne Wahlamt festhalten und es mit ihrem gesammelten Herrschaftswissen den Neuen schwer machen. Diese sollten ihre Stellung durchaus einmal überdenken. Die überragende Mehrheit der tausenden Studierendenvertreter*innen aber absolviert ihr Studium mehr oder minder in Regelstudienzeit. Aus diesem Grund treffen Sie diese auch so selten bei bundesweiten Diskussionsrunden an. Vielleicht haben Sie deshalb ein verzerrtes Bild davon, wie Studierendenvertreter*innen eigentlich aussehen?

Die meisten versuchen, neben einem vollen Semester und knapper Studienfinanzierung noch zehn bis zwanzig Stunden die Woche aufzubringen, um Kommilitonen*innen zu beraten und Prüfungsordnungen mitzugestalten. Die meisten Studierendenvertretungen freuen sich auch über gute Beratungsangebote und viele engagieren sich ganz lebhaft für das langjährig erprobte und bewährte Konzept „nachgelagerte Studiengebühren“ namens „Steuern“. Ist Ihnen nie aufgefallen, wie viele Pressemitteilungen und Protestmaterial Studierendenvertretungen gerade zu den Themen BAföG und der sich alljährlich überraschend wiederholenden Wohnungsnot produzieren? Und warum sollten sich jüngere und ältere Vertreter*innen in dieser Hinsicht unterscheiden?

 

Sie merken ganz richtig an, dass viele Studierende sich gezwungen fühlen, schnell durchs Studium zu kommen. Das Problem der Studienfinanzierung kennen auch viele Studierendenvertreter*innen ganz persönlich. Wer sich aber kaum Zeit nehmen kann, dem fällt es nicht leicht, Strukturen und Prozesse an den Hochschulen zu hinterfragen und zu kritisieren. Sich Zeit zu nehmen und Gedanken zu machen ist nicht nur hilfreich, sondern auch ganz im Sinne des Bildungsideals, für das viele von uns kämpfen. Um das zu erleichtern, sollte unter anderem endlich das BAföG von der Regelstudienzeit losgelöst werden. Für eine bessere Studienfinanzierung, aber auch als Signal: Denn das Ende der Regelstudienzeit ist nicht das Ablaufdatum einer individuell erfolgreichen Studienzeit.

 

Lieber Herr Wiarda, abschließend ein Vorschlag: Damit wir das ein oder andere Klischee über Studierendenvertretungen loswerden und Ihr Bild von ihnen entzerren können, lade ich Sie ein, eine Reportage über die alltägliche Arbeit einer Studierendenvertretung zu schreiben. Aber passen Sie auf, dass nicht nur die älteren zu Wort kommen!

 

Jan Cloppenburg, 30, hat Politikwissenschaft an der Uni Bremen studiert (B.A.), war dort in AStA, Senat und Studierendenwerk aktiv und schließlich im Vorstand des fzs, dem "freien Zusammenschluss von studentInnenschaften". Jetzt macht er einen Master in Wissenschaftsforschung an der HU Berlin. 


TOBIAS EISCH, PASSAU

 

Der Artikel von Jan-Martin Wiarda über angeblich „zu alte“ Student*innenvertreter*innen hat in vielen hochschulpolitischen Kreisen für Unverständnis gesorgt. Der Aufruf, die jungen Student*innen mögen doch die Hochschulpolitik übernehmen, zeigt aber ganz unfreiwillig tatsächlich existierende Probleme auf: Wissenschaftspolitische Akteur*innen weigern sich, diese zu sehen und ihre Interessen anzuerkennen. Das Alter der Student*innen scheint hier lediglich vorgeschoben zu werden, um inhaltliche Positionen zu delegitimieren.

 

Nun aber der Reihe nach. Die Vorstellung, dass in den ASten Leute sitzen, die bereits vor 15 Jahren aktiv waren und dort fröhlich vor sich hin Heine in irgendwelche Journalist*innenblöcke zitieren, klingt für heutige hochschulpolitisch aktive Student*innen geradezu absurd. Ich studiere jetzt seit drei Jahren, mache genauso lange schon Hochschulpolitik und habe so etwas noch nie erlebt. Aber vielleicht war das vor einigen Jahren ja tatsächlich noch so und ist vereinzelt ein reales Problem - das kann ich allerdings schwer beurteilen.

 

Der Vorstand der bundesweiten Student*innenvertretung (fzs) ist, mit im Schnitt 23 Jahren, jünger als der Altersdurchschnitt der Student*innen, auch die Vorstände der anderen hochschulpolitischen Jugendverbände sind nicht viel älter (bei den Juso-Hochschulgruppen ist beispielsweise niemand im Vorstand über 23). Seit der Bachelor/ Master Umstellung ist es auch gar nicht mehr so einfach möglich, dass Menschen langjährig hochschulpolitisch aktiv sind.

 

Ein anderes Problem des Artikels sehe ich allerdings in der Stigmatisierung „alter Studenten“, als sei es Student*innen vorzuwerfen, wenn sie sich Zeit für politische Arbeit nehmen. Tatsächlich ist das Alter ein schlechter Indikator, um daraus Bildungs- und Lebenswege abzuleiten, da diese inzwischen sehr vielfältig sind. Die Student*innenschaft ist divers – wieso sollte es verwerflich sein, wenn dies auch die hochschulpolitisch Aktiven sind. Das Alters-Argument wirkt an dieser Stelle eher wie Ausflüchte, die rechtfertigen sollen, warum man die studentischen Gremien nicht ernst nimmt oder ihre inhaltlichen Positionen nicht teilt.

 

Der Artikel wird dort interessant, wo es um die Forderungen geht. Auch hier sei vorangestellt, dass Demokratisierung eine wichtige Rolle in studentischer Politik spielt. Die Behauptung, wir würden uns übermäßig viel mit paritätischer Besetzung beschäftigen, entspricht allerdings nicht der Realität. Um zu diesem Ergebnis zu kommen reicht es, die Pressemitteilungen der ASten und des fzs der letzten Jahre zu durchforsten. Hier stellt sich viel eher die Frage, wie es zu dieser verzerrten Wahrnehmung kommt.

 

Was meiner Meinung nach wirklich Problem studentischer Politik ist: sie wird oft nicht ernst genommen, ignoriert oder offen als überflüssig bezeichnet. Die hochschulpolitische Welt besteht überwiegend aus alten Netzwerken, die schwer auf zu brechen sind und die ihre Macht mit aller Kraft gegen Student*innen verteidigen. 

 

Ein gewähltes studentisches Gremium entsendet demokratisch eine*n Student*in in ein bundesweites Gremium? – Die Hochschulrektorenkonferenz verhindert das, weil sie lieber selbst bestimmen will, mit welchen Student*innen sie verhandelt. Student*innen wählen sich einen AStA, der sich gegen den enormen Konkurrenz- und Leistungsdruck einsetzen soll – es wird behauptet, dieser sei nicht legitim, weil er zu unerfahren, zu alt oder zu kritisch ist.

 

Die Behauptung, wir wären, im Gegensatz zum Autor, nicht in der Lage Verhältnisse zu erkennen, lasse ich mal unkommentiert. Sie unterstreicht ganz ohne einen Kommentar meinerseits, wie versucht wird, studentische Interessen zu delegitimieren. Gewählte Student*innen werden in Gremien selten ernst genommen und kommen schwer gegen die verkrusteten Strukturen der Hochschulleitungen an. Verdient haben wir das sicher nicht, aber gefallen lassen wir es uns das erst recht nicht: Gründe dafür zu erfinden nicht mit uns, sondern über uns zu sprechen hilft niemandem weiter. Erkennt uns als Teil der Hochschule an, der etwas zu sagen hat!

 

Tobias Eisch, 23, studiert European Studies an der Universität Passau und ist Mitglied im Vorstand des fzs.

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Der Traum vom Verschiebebahnhof

Ministerpräsidenten wollen von Jamaika mehr Zuschüsse für die Bildung, verweigern sich aber einer konstruktiven Zusammenarbeit mit dem Bund.

MAN STELLE SICH VOR, in Niedersachsen verhandeln CDU und SPD eine große Koalition, und bei den wichtigsten Punkten säßen Angela Merkel und Martin Schulz mit am Tisch. Sie formulierten den Koalitionsvertrag mit und sorgten dafür, dass bei möglichst vielen Themen möglichst viel für den Bund herausspringt. Auch wenn Niedersachsen dann draufzahlen würde. Klingt absurd?  

 

Finde ich auch. Umso erstaunlicher, dass es kaum einen stört, wenn bei den Verhandlungen um die Bildung einer neuen Bundesregierung, derzeit noch Sondierungen genannt, wieder einmal genau das passiert. Unter den insgesamt 36 Unterhändlern von CDU, CSU, FDP und Grünen befinden sich acht amtierende Ministerpräsidenten und damit sämtliche Regierungschefs, die Union (7) und Grüne (1) aufzubieten haben. Die naheliegende, wenn auch nicht gedankenschärfste Rechtfertigung der Sondierer für die auffällige MP-Dichte in den Bundes-Verhandlungen: Das war doch schon immer so. Die Länder müssen eben ihre Interessen wahren, wenn die Bundespolitik für die nächsten vier Jahre festgezurrt wird. Und dann könnten zumindest CDU und CSU noch darauf verweisen, dass viele ihrer Ministerpräsidenten zugleich in der Führung der Bundesparteien aktiv sind.

 

Ich möchte mich an dieser Stelle gar nicht weiter in verfassungstheoretischen Erörterungen ergehen, ob solche Begründungen im Sinne der föderalen Gewaltenteilung wirklich tragfähig sind. Sehr wohl aber lässt sich anhand eines aktuellen Beispiels aufzeigen, wohin die Verquickung von Landes- und Bundesinteressen führen kann. >>



>> Am vergangenen  Freitag haben Nordrhein-Westfalens CDU-Ministerpräsident Armin Laschet und sein grüner Kollege aus Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann, einen gemeinsamen Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlicht. Was an sich erstaunlich genug ist. Fast schon atemberaubend wird ihre Koproduktion durch die vorgebrachten Argumente. Kurz zusammengefasst: Bildung ist das zentrale Aufstiegsversprechen für alle. Dafür brauchen wir einen Kraftakt in der Bildungspolitik. Den können die Länder nicht allein finanzieren. Darum muss der Bund ran. Aber nur zum Bezahlen. Mitspracherechte bekommen soll er dafür nicht. Zitat: „Der Bund hat die Pflicht, die Bildung zu stärken, ohne die Länder zu schwächen. Denn auf der Basis der geltenden Kompetenzordnung unseres Grundgesetzes können wir die bildungspolitischen Herausforderungen am besten meistern. Kooperation muss sein, Einmischungen in die verfassungsmäßigen Aufgaben der Länder aber schaden.“

 

Für so eine Logik existiert eine leider schon reichlich abgegriffene Redewendung, die an dieser Stelle so hervorragend passt, dass ich sie dennoch zitieren möchte: „Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass.“

 

Eigentlich war das mit der seit Monaten diskutierten Abschaffung des Kooperationsverbots anders gemeint. Als zum Beispiel die sieben SPD-Ministerpräsidenten vor der Bundestagswahl zusammen mit dem Ex-SPD-Kanzlerkandidaten Schulz ihre Pläne einer "Nationalen Bildungsallianz" vorstellten, ging es ihnen nicht nur um einen zusätzlichen Geldfluss von Bund Richtung Länder, sondern die Ministerpräsidenten erklärten sich bereit, im Gegenzug für die Milliarden dem Bund genau die von Laschet und Kretschmann so wortreich abgelehnten Mitspracherechte zu geben – also sehr wohl die "geltende Kompetenzordnung", von der das schwarz-grüne Duo spricht, zu ändern. Was dann sozusagen der Moment gewesen wäre, in dem der Pelz nass wird. Wobei auch die Sozialdemokraten in wohlweislicher Vermeidung potenziellen Ärgers vor der Wahl von der genaueren Definition besagter Mitspracherechte abgesehen hatten. 

 

Nun hat die SPD zwar die Bundestagswahl verloren, doch gehört auch zu den wenigen Gewissheiten einer möglichen Jamaika-Koalition, dass die Bund-Länder-Zusammenarbeit in der Bildung verstärkt werden soll. Und wie schon die sieben SPD-Ministerpräsidenten verstehen auch die meisten Grünen und die FDP darunter eine echte Kompetenzverlagerung. Ausgerechnet FDP-Chef Christian Lindner äußert das im aktuellen Spiegel drastisch wie selten. Dass die Konkurrenz von 16 Ländern die Qualität der Bildung verbessere, sei eine "deutsche Lebenslüge": "Wir wollen eine Revolution. Der Bund muss die Modernisierung der Bildung finanzieren und dafür auch Qualitätsvorgaben aussprechen können."

 

Was Laschet und Kretschmann durchaus als Kampfansage verstehen können. Die in der kommenden Woche anstehende Fortsetzung der Sondierungsgespräche könnte also auch in Sachen Bildung spannender als bislang werden. Auf die Tatsache nämlich, einen zweistelligen Milliardenbetrag zusätzlich für Schulen und Hochschulen zu investieren, ließ es sich schnell verständigen. Rumpeln wird es bei der Frage nach dem Wie. 

 

Wobei die beiden Ministerpräsidenten im Gespann mit ihrem bayerischen CSU-Kollegen Horst Seehofer am Ende sogar Erfolg haben könnten mit ihrer Blockade. Denn seit die Sozialdemokraten den Gang in die Opposition angekündigt haben, hat auch die Begeisterung der SPD-regierten Länder für mehr Einfluss des Bundes auf ihre Bildungspolitik spürbar abgenommen. Neuerdings verstehen viele Sozialdemokraten unter der Abschaffung des Kooperationsverbots eher folgende Formel: Mehr Geld vom Bund: gern. Mehr Steuerung: nein. 

 

Zurück zum FAZ-Artikel von Laschet und Kretschmann. Die Liste zusätzlicher Bildungsaufgaben, die beide (zu Recht!) anführen, ist lang: eine qualitativ hochwertige frühkindliche Bildung, mehr Ganztag, eine besser gelungene Inklusion, die Integration von Einwandererkindern, die Bildung in der digitalen Welt.

 

Irritierend ist allerdings, wie die beiden das jährliche Zehn-Milliarden-Extra, das der Bund den Ländern bereits bei der Neuordnung der Finanzbeziehungen gegönnt hat, als "nicht wesentlich" beiseiteschieben. Dass die Länder als Gesamtheit laut Statistischem Bundesamt im vergangenen Jahr mit knapp neun Milliarden Euro bereits einen höheren Haushaltsüberschuss auswiesen als der Bund, lassen die beiden Ministerpräsidenten ebenfalls unerwähnt. Genauso wie das peinliche Kapitel, als der Bund 2015 den Länderanteil der BAföG-Finanzierung übernahm und die gute Milliarde Euro, die dadurch pro Jahr frei wurde, eigentlich an die Hochschulen gehen sollte. Doch in Wirklichkeit kam das Geld nur in einigen Ländern voll, in anderen Ländern teilweise an seinem Bestimmungsort an. Mitunter landete es nicht einmal in Schulen oder Kitas, sondern verschwand vollends im Säckel des zuständigen Landesfinanzministers. 

 

All das heißt nicht, dass ein größeres Engagement des Bundes in der Bildung nicht trotzdem eine gute Idee und sogar angemessen sein könnte. Aber wenn sich zwei Landespolitiker ihre finanzpolitischen Argumente so passend zurechtlegen, ist Vorsicht auch beim zweiten Teil ihrer Gedankenführung geboten. Dem Teil, in dem sie behaupten, dass die Länder schon jetzt das ihnen Mögliche für die beste Bildung aller täten und die heutige Zusammenarbeit zwischen den Ländern und zwischen Bund und Ländern schon im Ist-Zustand doch hervorragend funktioniere.

 

Die nervige Debatte um das Zurückdrehen von G8 und das Ankündigen von "Denkpausen" in der Inklusion (bei beiden Themen hat sich besonders Laschet hervorgetan) zeigen überdeutlich, dass bei vielen Problemen in den Schulen nicht nur mehr Geld nötig ist, sondern vor allem eine klare, kenntnisreiche Bildungspolitik auf Landesebene. Eine Bildungspolitik, die sich traut, auf die Erkenntnisse der Bildungsforschung zu hören, anstatt ständig zu schwanken zwischen Reformen und deren Rücknahme. Gleichzeitig bedeuten die aktuellen Überschüsse in fast allen Ländern, dass sehr wohl noch Spielraum für mehr Bildungsinvestitionen auf Landesebene bestünde – selbst im chronisch klammen NRW, wenn nur die Prioritäten entsprechend gesetzt würden.

 

Das jedoch wäre herausfordernder, als mal wieder nach dem Bund zu rufen. Erst recht, nachdem in der Öffentlichkeit erfolgreich die Illusion aufgebaut wurde, der Bund sei so reich und die Länder seien allesamt so arm. Dabei ist die Wahrheit, dass sich die Finanzlagen der einzelnen Länder dramatisch voneinander unterscheiden. 

 

Was die bildungspolitische Koordination zwischen den Bundesländern angeht, ist die Art und Weise, wie die Bertelsmann-Stiftung mit ihren Studien die Bildungspolitik vor sich hertreibt, der aktuell beste Beleg, dass es eben doch an Abstimmung fehlt und auch am Setzen politisch ausgehandelter Standards. Wenn die Länder angeblich so wirkungsvoll eine gemeinsame Bildungspolitik betreiben wollen, warum halten sie dann seit Jahren die Kultusministerkonferenz und ihr Sekretariat so kurz?

 

Einst war es vor allem die Angst einiger Ministerpräsidenten vor dem „Goldenen Zügel“ des Bundes, die 2006 erst zur Verschärfung des Kooperationsgebotes geführt hatte. „Goldener Zügel“ nannten sie das ungewollte Szenario, der Bund könne mit seinen Milliarden winken und die Länder damit in die von ihm gewünschte bildungspolitische Richtung treiben. Eine berechtigte Sorge, die auch erklärt, warum die Länder jetzt so auf Dauergeld vom Bund erpicht sind anstelle von immer neuen zeitlich begrenzten Vorhaben. Vorhaben wie den bislang nicht umgesetzten Digitalpakt – wobei der sicherlich als hervorragendes Beispiel für schlechte Verhandlungsführung zwischen Bund und Ländern herhalten mag, von seiner Konzeption aber im Gegenteil beweist, dass eine klare Abmachung ohne überbordende Einflussnahme des Bundes sehr wohl möglich ist.

 

Keine Frage: Den "Goldenen Zügel" gilt es zu verhindern. Doch wäre der umgekehrte Fall genauso schädlich: wenn am Ende der Koalitionsverhandlungen eine Lösung stünde, die mehr Geld vom Bund bedeutet ohne klar definierte Gegenleistung der Länder. Zumindest solange diese – anders als Laschet und Kretschmann behaupten – eben nicht schon jetzt für die Bildung das tun, wozu sie von sich aus imstande wären. 

 

Nur ein mit zusätzlichen Kompetenzen ausgestatteter Bund kann sicherstellen, dass die Länder die zusätzlichen Bildungsmilliarden nicht erneut einfach einsacken. Und deshalb sollte der Bundeseinfluss, den Laschet und Kretschmann so tunlichst verhindern wollen, genau darin – und nur darin ­– bestehen: dass der Bund zwar niemals gegen den Willen der Länder die bildungspolitische Richtung vorgeben kann, aber sehr wohl das Recht bekommt, den genauen Verwendungsnachweis der an die Länder überwiesenen Gelder zu verlangen – und auch selbst nachzuprüfen, ob die Länder diesbezüglich wahrheitsgetreue Angaben machen. Nur so wäre auch die von Laschet und Kretschmann selbst anregte Selbstverpflichtung der Länder, „zusätzlichen Mittel ausschließlich für die mit dem Bund vereinbarten Maßnahmen zu verwenden“, mehr als eine Leerformel.

 

Diese Gegenleistung der Länder bei den Verhandlungen herauszuholen, zählt zu den zentralen Aufgaben der Jamaika-Sondierer. Dass acht von 36, siehe oben, zugleich Ministerpräsidenten sind, lässt allerdings die Hoffnungen gering erscheinen, dass dabei mehr entsteht als ein weiterer Verschiebebahnhof für Bundesmilliarden ohne verlässliche Zweckbindung. Oder soll man Laschet, Kretschmann und ihren MP-Kollegen wirklich glauben, dass es ihnen in den Sondierungen darum geht, aus prinzipiellen Gründen die Kulturhoheit der Länder zu verteidigen? Viel wahrscheinlicher ist, dass sie doch vor allem die Haushaltinteressen der von ihnen geführten Landesregierungen im Blick haben. Was ihre Rolle als Unterhändler umso attraktiver und die Verquickung der Interessen umso kritikwürdiger macht: Selten lässt sich auf derart unkomplizierte Weise Bundesgeld abgreifen. Die von den Jamaika-Sondierern beschworenen "optimalen Lehr- und Lernbedingungen" schafft man so jedenfalls nicht.

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Weiter mit Auszeichnung

Das Professorinnenprogramm wird fortgesetzt. Der Bund hat sich mit den Ländern auf ein kluges Format geeinigt – und beweist seine forschungspolitische Handlungsfähigkeit trotz schwieriger Regierungsbildung.

DIE NEUAUFLAGE DES PROFESSORINNENPROGRAMMS ist durch. Und sie ist gut geworden. Am vergangenen Freitag hat die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz (GWK) von Bund und Ländern das neue Format beschlossen, über das ich in Grundzügen bereits Ende August berichtet hatte. Die neue– dritte – Förderphase beginnt 2018 und läuft bis 2022.

 

Wie bislang werden über eine Anschubfinanzierung Erstberufungen von Frauen auf eine Professur gefördert, und auch in der neuen Programmrunde müssen die Hochschulen ihrer Bewerbung ein Gleichstellungskonzept beilegen. Nur wenn das positiv bewertet wird, können pro Hochschule bis zu drei Professuren bewilligt werden. 

 

So weit, so bewährt. Wirklich zu loben sind die Wissenschaftsminister aus Bund und Ländern jedoch an anderer Stelle: Im künftigen Wettbewerb soll es nun zusätzlich für die bis zu 20 Hochschulen mit den im Bereich "Personalentwicklung und -gewinnung auf dem Weg zur Professur" besten Konzepten zur Belohnung eine vierte Stelle geben, dazu das Prädikat "Gleichstellung: ausgezeichnet!". Eine mutige Zuspitzung des bislang eher auf Breite angelegten Programms, die nicht unumstritten war: Einige Länder fürchteten zunächst die Benachteiligung kleinerer Hochschulen. Doch die Vorteile überwogen, denn das neue Prädikat wird jenen Hochschulen Gerechtigkeit widerfahren lassen, die sich besonders um die Förderung junger Wissenschaftlerinnen kümmern, "die sich erst auf dem Weg zur Professur befinden", wie die GWK-Vorsitzende und Bremer Wissenschaftssenatorin Eva Quante-Brandt (SPD) sagte. 

 

Bemerkenswert ist die Neuauflage auch in finanzieller Hinsicht: Das Volumen wächst von bislang 150 auf 200 Millionen Euro, womit eine Ausweitung von 250 auf insgesamt rund 280 geförderte Professuren möglich wird, hinzu kommen noch die 20 Prädikatsprofessuren. Auch steigt die Fördersumme pro Professur deutlich. Während die Länder (die 50 Prozent des Programms finanzieren) schon seit Sommer auf eine Erhöhung drängten, hatte das Bundesministerium für Bildung und Forschung auf Zeit gespielt, wollte erst die Bundestagswahl abwarten. Jetzt ist die Wahl vorbei, die bisherige Regierung nur noch kommissarisch im Amt – und die Verständigung klappte trotzdem. Ein Beleg dafür, dass der Bund auch in dieser Zwischenphase durchaus noch handlungsfähig ist. Und ein Erfolg für die scheidende Bundesforschungsministerin Johanna Wanka (CDU), die trotz der stockenden Jamaika-Sondierungen den Sack noch vor Jahresende zumachen konnte. 

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Wie wissenschaftlich ist die Gender-Forschung?

Ob gerechte Sprache oder Frauenquote – viele Themen und Forderungen des Feminismus berufen sich auf Ergebnisse der Gender-Forschung. Doch die steht in der Kritik. Zu Recht?

Christoph Michels: "Text", CC BY-SA 3.0

ES WAR EIN VORWURF mit Aufmerksamkeitsgarantie. Die Genderstudies seien "der akademische Sargnagel der Frauenemanzipation", schrieb ein ehemaliger Gender-Student in der Emma. Die meisten Lehrveranstaltungen der Geschlechterforschung hätten kein Interesse mehr an feministischem Gedankengut, sie trügen Titel wie "Muslim Queer Subjectivities and Islamic Ethics", diskutiert werde über "Critical Whiteness", "Intersektionalität" oder "Femonationalismus".

 

Soweit eine normale Auseinandersetzung unter Fachvertretern, könnte man denken, mit spitzer Feder, aber so entstehen halt akademische Debatten. Doch dann holte Vojin Saša Vukadinović, inzwischen Koordinator eines Graduiertenkollegs an der Universität Zürich, die ganz große Keule raus: Der queerfeministische Nachwuchs, befand er, "pöbelt auf dem Campus", die Sprache des Fachs sei unverständlich, das methodische Vorgehen stehe in merklichem Kontrast zur Arbeit anderer Disziplinen. Die Studierenden lernten nicht, globale Probleme objektiv zu erfassen, sondern sie durch eine hochgradig antiimperialistische Agenda zu filtern. "Das Studium der Genderstudies macht Studierende oft nicht schlauer, sondern in vielen Fragen dümmer."

 

Zu wenig feministisch?

 

Da war er wieder, der Vorwurf, mit dem sich die Genderstudies regelmäßig auseinandersetzen müssen, eigentlich seit ihrem Bestehen: Das ist doch keine richtige Wissenschaft oder, wie der Konstanzer Evolutionsbiologe Axel Meyer es formuliert: "Wer Beiträge der bekanntesten Gender-Forscherin Judith Butler liest, merkt sofort, dass ihre Äußerungen größtenteils auf Ideologie und Aktivismus gründen und weniger auf empirischer und wissenschaftlicher Fundierung.

 

Meyer hat im Jahr 2015 das Buch "Adams Apfel und Evas Erbe: Wie die Gene unser Leben bestimmen und warum Frauen anders sind als Männer" geschrieben. Er sehe sein Buch auch als eine bewusste Verteidigung gegen die Angriffe der Genderstudies auf die Naturwissenschaften und insbesondere die Biologie. "Wer die Relevanz unseres biologischen Geschlechts für unser Verhalten und für viele unserer Eigenschaften negiert, verhält sich für mich als Naturwissenschaftler unwissenschaftlich." Auch wenn der Mensch die "kulturellste aller Arten sei", sei er doch grundsätzlich ein Produkt der Evolution, sagt Meyer und zieht ein persönliches Resümee: "Das Leben ist zu kurz, um Judith Butler zu lesen."

 

Die Zeitschrift der Urfeministin Alice Schwarzer bringt einen Abgesang auf die Genderstudies, ein hochdekorierter, herausragender Forscher spricht ihnen die wissenschaftliche Satisfaktionsfähigkeit ab: Wenn die Dinge so eindeutig liegen, wie kann es sein, dass der Staat die Förderung nicht einstellt, wie zum Beispiel die AfD es fordert? Zeit für eine Bestandsaufnahme: Wie wissenschaftlich sind die Genderstudies wirklich?

 

Zu wenig wissenschaftlich?

 

Die Suche nach Antworten erweist sich allerdings schon beim Gegenstand als komplex: Die Genderstudies gibt es nämlich gar nicht. Gender-Professuren erstrecken sich über 30 Disziplinen, wie in der "Datensammlung Geschlechterforschung" der Freien Universität Berlin nachzulesen ist, von der Germanistik über die bildenden Künste, die Psychologie oder die Soziologie bis hin zur Medizin. Insgesamt 188 Stellen listet die Datensammlung für Deutschland auf, was 0,4 bis 0,5 Prozent aller Professuren entspreche, wie Gender-Forscherinnen selten zu erwähnen vergessen.

 

Ein Anteil, der dazu seit vielen Jahren nahezu unverändert sei, Tenor: Das kann doch keiner für zu viel halten. Jene, die die akademische Machtübernahme der Gender-Forschung herbeireden, mögen solche Zahlen tatsächlich zum Schweigen bringen, doch die Frage nach ihrer Qualität ist damit nicht beantwortet. Im Gegenteil: Durch die Fächervielfalt, die sich hinter den Genderstudies versteckt, wird die Aufklärung sogar noch schwieriger.

 

Ein Anruf bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), dem größten Forschungsförderer der Bundesrepublik. Über drei Milliarden Euro investiert die DFG pro Jahr in mehr als 31 000 Forschungsprojekte, ein Drittel davon in die so genannte Einzelförderung. "Unsere Gutachter entscheiden allein auf Grund der wissenschaftlichen Qualität und der Erfolgsaussichten der Anträge", bemerkt Eckard Kämper, der bei der DFG für die Sozial- und Verhaltenswissenschaften zuständig ist, auf die sich ein guter Teil der Genderstudies verteilt, aber eben, siehe oben, nur ein Teil. Weshalb sie bei der DFG auch nicht einfach auf einen Knopf drücken können, und dann spuckt der Computer die Förderquote aus.

 

Eine Frage der Qualität

 

Weil sie aber immer wieder nach der wissenschaftlichen Qualität der Gender-Forschung gefragt werden, haben sie jetzt ein eigenes Suchmuster entwickelt, bei dem sie unter anderen mit Schlagworten wie "Gleichstellung", "Gender" "männlich" oder "weiblich" arbeiten. Noch läuft die Analyse, aber schon das Zwischenergebnis, so Kämper, sei eindeutig: "Anträge auf Forschungsförderung, die sich mit Gender auseinandersetzen, liegen von ihren Erfolgsaussichten her recht genau im DFG-Schnitt von gut 30 Prozent."

 

Das, so Kämper, wundere ihn persönlich kaum, denn natürlich gebe es in der Gender-Forschung schwache Anträge, aber umgekehrt eben auch zahlreiche Projekte mit brillanten Fragestellungen und Vorhaben, "also alles genau so, wie wir es in anderen Forschungsgebieten auch beobachten".

Gerade erst hat die DFG einem Forschungsverbund die Förderung bewilligt, langer Titel: "Recht – Geschlecht – Kollektivität: Prozesse der Normierung, Kategorisierung und Solidarisierung". Das Projekt verbindet Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus der Soziologie, den Rechtswissenschaften, der Ethnologie, den Kulturwissenschaften sowie der Geschichte und soll unterschiedliche Formen menschlicher Kollektive untersuchen, von sozialen Bewegungen über Hausgemeinschaften bis hin zu politischen Parteien, und dabei besonders "genderspezifische und politische Dynamiken in den Blick" nehmen.

 

Eine zweite Wissenschaftsorganisation, die sich besonders um die Qualität in der Forschung kümmert, ist der Wissenschaftsrat (WR), der Bund und Länder bei ihren wissenschaftspolitischen Entscheidungen berät. Christiane Kling-Mathey verfolgt für den WR seit über 20 Jahren das Feld der Gleichstellungspolitik. 1998 erschien das erste umfangreiche Papier mit "Empfehlungen zur Chancengleichheit von Frauen in Wissenschaft und Forschung", darin enthalten ein langer Abschnitt über Frauen- und Geschlechterforschung. Den hat Kling-Mathey sich für das Gespräch noch mal herausgekramt, und bei der Lektüre, sagt sie, beschlichen sie angesichts der aktuellen Entwicklungen "fast nostalgische Gefühle".

 

Immer einen Tick besser

 

Vieles, was da steht, treffe nämlich immer noch zu. Vor allem die folgende Einschätzung: "Von einer durchgängigen Akzeptanz der Frauen- und Geschlechterforschung in der Wissenschaft und bei den an ihr Beteiligten kann noch nicht die Rede sein. Die enge Verknüpfung von Analyse und Aktion, das heißt der Versuch, aus einem Wissensbestand zusätzlich reformatorische Konsequenzen abzuleiten, stößt häufig noch auf massive Kritik, nicht nur männlicher Wissenschaftler. Ein gesellschaftlicher Grundkonsens, auf dem die Frauen- und Geschlechterforschung mit ihren spezifischen Reformvorstellungen basieren könnte, existiert bislang nicht." O-Ton 1998, passend für 2017.

 

Der mangelnde gesellschaftliche Konsens, sagt Kling-Mathey, habe Folgen: "So wie Frauen immer einen Tick besser sein müssen als Männer, um die gleiche Anerkennung zu erhalten, verhält es sich allem Anschein nach auch mit der Gender-Forschung im Verhältnis zu anderen Wissenschaftsgebieten." Was ein Problem werden könne, wenn in den Genderstudies genauso mittelmäßig gearbeitet werde wie in allen anderen Fächern bisweilen.

 

Fest steht: Die Gender-Forschung hat in den vergangenen 20 Jahren unzählige Erkenntnisse und Impulse produziert, in der Ungleichheitsforschung ebenso wie in der Literaturwissenschaft – und übrigens auch in der Biologie, betont Christina von Braun, die 1996 an der Berliner Humboldt-Universität den ersten deutschen Gender-Studiengang gegründet hat: "So haben Neurobiologen nachgewiesen, wie sich die Hirnfunktionen von Männern, die sich intensiv um ihre Kinder kümmern, verändern." Der Hormonhaushalt stelle sich um, dafür würden Aktivitäten hochgefahren, "von denen man glaubte, dass sie biologisch an den weiblichen Körper gebunden seien". Um solche naturwissenschaftlichen Forschungen auszulösen, sagt von Braun, habe es der Gender-Forschung mit ihren "völlig neuen Perspektiven" bedurft.

 

Gender-Medizinerinnen wie die Berliner Herz-Kreislauf-Expertin Vera Regitz-Zagrosek konnten zeigen, dass Männer und Frauen unterschiedlich krank werden – und dass die Risikofaktoren nicht nur vom biologischen Geschlecht abhängen, sondern von der persönlichen Geschlechtsidentität. So spiegelt die Vielfalt der Methoden und Perspektiven am Ende genau jene Breite wider, in der sich die Gender-Forschung über das gesamte Fächerspektrum verteilt.

 

"Politisch ahnungslos"

 

Zu den im Emma-Artikel kritisierten Forscherinnen gehört auch die Soziologin Sabine Hark von der TU Berlin, die Vukadinović als "politisch ahnungslose Akademikerin" bezeichnete, die Butlers Überhöhung eines "antiimperialistischen Egalitarismus" nur nachplappere und in der Folge sogar Gewalt gegen Frauen durch muslimische Flüchtlinge verharmlose. Vukadinović selbst antwortet auf Anfrage, er habe nach "2,5 eher polemischen, aber notwendigen Texten in dieser Angelegenheit beschlossen, mich nur noch wissenschaftlich zu äußern". In Emma schrieb er: "Nach der Silvesternacht in Köln initiierte Hark nicht etwa empirische Erhebungen, um Informationen über die Zusammensetzung der patriarchalen Meute am Hauptbahnhof zu gewinnen, sondern sinnierte darüber, wie der 'Feminismus von der Borniertheit der Ersten Welt zu lösen' sei."

 

Dieselbe Sabine Hark hat gerade erst mit Kolleginnen den oben genannten Forschungsverbund bei der DFG eingeworben und sitzt nun zusammen mit Paula-Irene Villa, Professorin für Allgemeine Soziologie und Genderstudies in München, in einem Café in Berlin-Kreuzberg. Das Gespräch beginnt mit einem artigen Dank an den Journalisten, dass der überhaupt zu einem Gespräch bereit sei. Als Gender-Forscherin ist man derzeit offenbar schon für Selbstverständlichkeiten dankbar.

 

Natürlich, sagt Sabine Hark, hätten sich die Genderstudies in den vergangenen 20 Jahren gewandelt, wie sich auch die Gesellschaft insgesamt verändert habe. Während es vor ein paar Jahrzehnten noch sinnvoll gewesen sei, "die Frauen" an sich als benachteiligt zu erforschen, sei die Situation heute vielschichtiger. "Es gibt Frauen, die ganz und gar nicht benachteiligt sind, und andere, auch Männer, die es sind." Natürlich müsse man ebenso über sexuelle Orientierung, Migration, Religion und Geschlechtsidentitäten reden, wenn man die moderne Gesellschaft in ihrer Komplexität erfassen wolle.

 

Dann erzählt Villa von ihrer Replik, die sie auf Vukadinović verfasst hat, Titel: "The Sargnagel talks back". Eine Kritik an der Ausrichtung der Genderstudies gehe ja in Ordnung, sagt Villa, "als politische Kritik fair enough. Daraus einen Strick gegen die Wissenschaftlichkeit zu drehen: not so much. Das funktioniert einfach nicht."

 

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Spektrum.de.

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Junge Studenten, alte Sprecher

Die lautstärksten Repräsentanten der aktuellen Studierendengeneration stammen  in Wirklichkeit oft aus der Generation davor.

Foto: Clker-Free-Vector-Images/pixabay

JEDER, DER REGELMÄSSIG an Universitäten unterwegs ist, kennt sie. In Diskussionsveranstaltungen sind sie oft die einzigen Studenten im Publikum. Wenn sie das Mikrofon ergreifen, folgt erst mal ein Zitat von Heinrich Heine, Karl Marx oder Carl von Ossietzky. Sie sitzen mit Vorliebe in den Asta-Büros, auch wenn ihre eigene Zeit als gewählte Studentenvertreter oft schon zehn, 15 Jahre her ist. Und wenn Journalisten nach Gesprächspartnern suchen, um über „die aktuelle Lage der Studierenden“ zu reden, sind sie die ersten, die druckreife Sätze in die Blöcke diktieren.

 

Während das Durchschnittsalter der Erstabsolventen deutscher Hochschulen zwischen 2004 und 2014 um fast anderthalb Jahre auf 24,4 gesunken ist, müssen einige ihrer lautstärksten Repräsentanten bei der Frage nach ihrem Studiensemester erst mal passen. Weil sie längst mit dem Zählen aufgehört haben. Jetzt könnte man schmunzeln und sagen: Ist doch nett, dass es solche Originale noch gibt in Zeiten der durchorganisierten Bologna-Universitäten und all der angeblich ständig gehetzten Kreditpunkte-Sammler. Das Problem ist jedoch, dass sie mit ihren Äußerungen ein Bild studentischer Gefühlslagen beschreiben, das längst nicht mehr der Realität entspricht. 

 

Gut lässt sich das gerade in Berlin und anderswo bei der Debatte um die Drittel- beziehungsweise Viertelparität beobachten: Kann man ja machen. Man kann möglicherweise sogar triftige Gründe dafür finden, warum ein Mehr an mittelalterlich anmutender Ständevertretung die Hochschulen demokratischer machen soll. Aber entspricht die Intensität, mit der beileibe nicht nur die gewählten Studentenvertreter das Thema verfolgen, wirklich den drängendsten Problemen und Wünschen der heutigen Studenten? Und wenn die Alten den Verlust von Diplom und Magister beklagen, merken sie nicht die Diskrepanz zu den Umfragen, denen zufolge sich die Mehrheit der Studenten um Studienfinanzierung und Wohnungssituation Gedanken macht, mit der fachlichen Qualität ihrer Lehrveranstaltungen aber sehr zufrieden ist? Wahrscheinlich schon, aber selbst das passt ins Bild, denn der Bachelor macht die Jungen zum Gefangenen eines Systems, dessen Perfidität sie am Ende gar nicht mehr erkennen können.

 

Die Ironie ist, dass an letzterer Kritik sogar etwas dran ist. Während die Jungen vor allem an ihren Jobeinstieg denken und beim Studieren Tempo machen, lassen sie die Alten für sich reden. Und nehmen in Kauf, dass die Hochschulpolitiker sich an einige der wichtigsten Themen nicht mehr herantrauen, weil die professionellen (nicht zwangsläufig die gewählten!) Studierendenvertreter ihnen sonst die Hölle heiß machen. Verpflichtende Beratung, mehr Orientierung im Studium? Bloß nicht! Die Verschulung ist schon schlimm genug. Nachgelagerte, sozialverträgliche Studiengebühren, damit die Studienbedingungen jetzt besser sind? Auf keinen Fall, das wäre neoliberal. Mehr FH-Studienplätze zulasten der Universitäten? Besser nicht, wo bleibt sonst Humboldts Bildungsideal?

 

Jede Generation bekommt die Studierendenvertreter, die sie verdient. Auch wenn sie aus der vorigen Generation stammen. Wenn die Jungen nicht bald selbst aktiver werden, können sie sich über die Alten nicht beschweren.

 

Dieser Kommentar erschien zuerst im ZEITChancen Brief.

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2,8 Milliarden Gründe

Die Koalitions-Sondierer suchen das große Bildungsprojekt. Die IT-Misere in den Schulen dürfte es ihnen liefern.

Foto: ebayink: "Tablet use 2", CC BY-NC-ND 2.0

IN BERLIN LAUFEN die Jamaika-Sondierungsgespräche, zu den beliebtesten und zugleich schwammigsten Schlagwörtern zählen dabei „Digitalisierung“ und „Bildung“. Deutschland solle künftig zu den „Spitzenländern bei den Bildungsinvestitionen“ aufschließen, haben Union, Grüne und FDP verkündet. Und allen Bürgern die digitale Teilhabe und die Nutzung der damit verbundenen "großen Chancen" versprochen.

 

Wohlklingende Ziele, auf die man sich im Gegensatz zu anderen Themenfeldern wie Migration oder Klima schnell einigen konnte. Das Problem, das die potenziellen Koalitionäre jetzt lösen müssen: Was heißen ihre Bekenntnisse, abgesehen davon, dass sie viel kosten würden, eigentlich konkret?

 

Dass es deutlich mehr echte (=gebundene) Ganztagsschulen geben soll und der Bund dabei helfen wird, scheint bereits ausgemacht. Aber für den demonstrativ-programmatischen Schul-Kraftakt wäre das zu wenig. So ist es erneut die Bertelsmann-Stiftung, die in fast schon traumwandlerischer Sicherheit Agenda-Setting betreibt. Am Freitag und damit mitten in die Sondierungen hinein hat sie eine Studie veröffentlicht, derzufolge die vernünftige IT-Ausstattung aller Schulen in Deutschland mit 2,8 Milliarden Euro zu Buche schlagen würde. Pro Jahr. Dauerhaft. Die Berechnung stammt von Forschern um den Bremer Informatikprofessor Andreas Breiter. >>



>> Nun kann man sich an einigen der in der Studie genannten Grundannahmen, welche Digital-Ausstattung die durchschnittliche Schule braucht, durchaus festbeißen, und einige Forscher tun das auch bereits. Doch egal, ob nun jede Schule im Jahr 2017 noch einen Computerraum braucht und ob die tatsächlich nötigen Ausgaben nun bei 2,5, bei 2,8 oder bei 3,5 Milliarden Euro liegen: Die Debatte, die Bertelsmann mit seiner Studie auslöst, ist erwartungsgemäß so leidenschaftlich, dass sie den Jamaika-Unterhändlern ihr dringend gesuchtes Bildungsthema ansehnlich verpackt vor die Füße legt.

 

Wer unsicher war, ob der von der scheidenden Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) vor einem Jahr versprochene Digitalpakt noch kommt, kann spätestens seit Freitag mit dem Zweifeln aufhören. Mehr noch: Angesichts der holzhammerartigen Betonung in der Studie, dass die Ausstattung der Schulen mit moderner IT eine Daueraufgabe sei, könnte das Jamaika-Vorhaben am Ende sogar umfangreicher und länger ausfallen als Wankas auf fünf Jahre und fünf Milliarden Euro ausgelegte Bund-Länder-Vereinbarung.

 

Die Schulen hinken in Sachen IT der digitalen Gegenwart meilenweit hinterher. Der Bund hat das Geld, und die neue Koalition braucht ein Bildungsprojekt: So macht man Politik, werden jetzt einige sagen, die die Aktivitäten der Bertelsmann-Stiftung, und das mit Recht, kritisch beobachten. Hierzu habe ich neulich meine Gedanken aufgeschrieben. Allerdings ist es nicht verboten, wenn gesellschaftliche Akteure, eigennützig oder nicht, ein von der Politik gelassenes Deutungsvakuum mit Inhalt füllen und zu diesem Zweck renommierte Wissenschaftler beauftragen. Am Ende zählt das Ergebnis. Und das dürfte in diesem Fall ein gutes sein. 

 

Dieser Beitrag erschien heute zuerst in meiner Kolumne "Wiarda will's wissen" im Tagesspiegel.

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"Ministerin Wanka hat Unrecht"

Die Promovierenden von Helmholtz, Max Planck und Leibniz haben einen gemeinsamen Dachverband gegründet. Wie sie vereint der Politik Beine machen wollen, sagt Leonard Borchert.

Leonard Borchert. Foto: Martin Grund
Leonard Borchert. Foto: Martin Grund

Herr Borchert, im Frühjahr haben Sie und Ihre Mitstreiter N² gegründet, als Netzwerk der Doktoranden-Netzwerke vom Helmholtz, Max Planck und Leibniz. Ist das nicht ein bisschen viel Meta-Ebene?

 

Wenn ich Sie richtig verstehe, fragen Sie nach dem Mehrwert von N², weil jede einzelne außeruniversitäre Forschungsorganisation schon ihr eigenes Promovierendennetzwerk hat. In der Tat könnte man ein solches Dachnetzwerk für überflüssig halten, wenn denn die Belange von uns Doktorand_innen in der Wissenschaftspolitik bereits ausreichend Beachtung fänden. Tatsächlich aber konnten Bundesforschungsministerin Wanka und andere bislang fast unwidersprochen behaupten, die Karriereperspektiven für junge Wissenschaftler_innen würden „immer attraktiver“. Als Zusammenschluss hoffen wir auf mehr Sichtbarkeit und können auch unsere Öffentlichkeitsarbeit viel besser organisieren. Kürzlich haben wir unsere erste gemeinsame Stellungnahme veröffentlicht und sagen darin ganz klar: Ministerin Wanka hat Unrecht. 

 

Sie selbst promovieren zum Thema Klimamodellierung – und dann?

 

Ich bin auch so einer, der in der Wissenschaft bleiben möchte, und das schon seit meinem ersten Schülerpraktikum im Landesmuseum Hannover. In der neunten oder zehnten Klasse war das, und schon damals haben sie mich gewarnt. Aber natürlich bin ich trotzdem in mein Studium gestartet mit dieser romantischen Vorstellung, welch ein cooler Job der eines Wissenschaftlers ist. Und das glaube ich bis heute. Wo sonst wird man dafür bezahlt, seiner Neugier zu folgen, Neues zu erforschen und auszuprobieren? Doch seit ich promoviere, hat sich in meiner Wahrnehmung etwas verschoben.

 

Und das wäre?

 

Ich dachte immer, wenn man sich reinhängt und anstrengt, dann schafft man es in der Wissenschaft automatisch. Dann eröffnet sich irgendwann die berufliche Perspektive, auf die man hingearbeitet hat. Doch in Wirklichkeit ist da ein gleichbleibender Druck, eine hohe Unsicherheit. Und selbst diejenigen, die irgendwann auf einer Professur ankommen, sind konfrontiert mit einer enormen Arbeitsverdichtung. Sie müssen forschen, publizieren, zwischendurch ins Ausland. Familienfreundlich ist das alles nicht.

 

Keiner zwingt Sie, in der Wissenschaft zu bleiben. 

 

Und weil das so ist, steigen die meisten tatsächlich aus. Ich bin Sprecher des Max Planck PhDnet, und da haben wir neulich eine Umfrage unter den Max-Planck-Promovierenden gemacht. Von allen Befragten sagten 80 Prozent, sie würden gern in der Wissenschaft bleiben. Laut Bundesbericht wissenschaftlicher Nachwuchs können aber angesichts von Zeitverträgen, niedriger Bezahlung und maximaler zeitlicher Belastung nur 20 Prozent in der Forschung bleiben. Darum orientieren sich die anderen um. 

 

Vielleicht sind die 80 Prozent, die gehen, ja auch die Leute, die die Wissenschaft ohnehin nicht haben will. 

 

Weil sie vielleicht Lust haben, eine Familie zu gründen oder ein Leben neben der Forschung zu haben? Es wäre doch dramatisch, wenn wir all jenen, die sich Kinder wünschen oder andere private Ziele verfolgen, die Botschaft vermitteln würden: Ihr habt in der Wissenschaft nichts verloren. Nur weil jemand nicht für die Wissenschaft allein leben möchte, ist er oder sie keine schlechtere Wissenschaftler_in. Im Gegenteil: Ich finde, wir müssen die Wissenschaft so attraktiv machen, dass die Besten in der Wissenschaft bleiben und nicht abwandern, weil die Bedingungen anderswo erträglicher sind. 

 

Die Wissenschaft vertreibt also ungewollt die besten Leute?

 

Zumindest verliert sie jede Menge Leute, die ihr ausgesprochen guttun würden. In Hochschulen und Forschungseinrichtungen gelten immer noch Wissenschaftler_innen als brillant, die im letzten Detail stecken, die Fragestellungen bis in die zehnte Nachkommastelle ergründen. Dagegen will ich auch gar nichts sagen. Aber es schadet der Wissenschaft, wenn gleichzeitig jene abwandern, die den Blick aufs Große und Ganze haben, die sich eindenken können in die Belange von Gesellschaft und Wirtschaft, die womöglich auch den wissenschaftlichen Nachwuchs ganz anders betreuen würden oder besonders talentiert in der Lehre wären. Doch die landen derzeit eben eher in Unternehmensberatungen oder anderswo.  

 

Die Politik verweist auf die Verbesserungen der jüngsten Zeit. Streiten Sie wirklich ab, dass die Lage für Doktoranden und Postdocs heute günstiger ist als noch vor einigen Jahren?

 

Es gibt tatsächlich einige Sachen, die glücklicherweise inzwischen besser laufen. Dazu zähle ich die Reform der Promotionsförderung bei Max Planck, wo von Stipendien auf sozialversicherte Arbeitsverträge umgestellt wurde. Auch die Zahl strukturierter Promotionsprogramme wächst zum Glück, sie bringen mehr Verlässlichkeit, eine klare Organisation und meist auch eine bessere Finanzierung. 

 

Und wo sehen Sie den dringendsten Veränderungsbedarf?

 

Da muss ich nochmal was zur Familienfreundlichkeit der Wissenschaft sagen. Nur sieben Prozent der Promovierenden in der Max-Planck-Gesellschaft haben Kinder, und das bei einem Durchschnittsalter von Ende 20, Anfang 30. Das muss uns doch zu denken geben. Auch bei der Finanzierung sieht es in anderen Wissenschaftsorganisationen und Universitäten immer noch finster aus. Da läuft immer noch viel über Stipendien. Und selbst die Leute, die auf einer regulären Stelle sitzen, bekommen 50 Prozent bezahlt, arbeiten aber mindestens Vollzeit. In unserer Umfrage, an der immerhin 2000 Promovierende teilgenommen haben, kommen wir auf eine durchschnittliche Wochenarbeitszeit von 47 Stunden. Kein_e Doktorand_in verlangt eine 35-Stunden-Woche, aber angesichts von 50- oder 65-Prozent-Verträgen ist die Diskrepanz dann doch zu groß. Und das ist absolut kein exklusives Max-Planck-Problem.  

 

Wie wollen Sie das Problem mit den mangelnden Karriereperspektiven lösen? Der Flaschenhals zwischen Promotion und Professur ist doch, wie er ist.

 

Nicht zwangsläufig. Wir fordern in einer Stellungnahme, die wir als N² vor ein paar Wochen veröffentlicht haben, flachere Hierarchien und eine Stärkung des wissenschaftlichen Mittelbaus. So unterstützen wir beispielsweise den Vorstoß der Jungen Akademie, die Department-Strukturen an die Stelle von Lehrstühlen setzen möchte. Übrigens noch aus einem anderen Grund. Wissenschaft gibt sich international, ist es auch auf der Ebene der Promovierenden, aber sicherlich nicht auf der Ebene der Professuren. Ein Lehrstuhl-Inhaber, der Einfluss auf die Karrierechancen vieler hat, wird im Zweifel immer ein Stückweit sich selbst kopieren in seiner Nachwuchsförderung. Und das hilft nicht der Vielfalt, wenn wir doch wissen, dass die meisten Lehrstuhlinhaber weiße Männer sind.

 

Departments statt Lehrstühle mag rechnerisch mehr Professuren bringen, aber die meisten werden den Sprung trotzdem nicht schaffen. 

 

Weshalb wir uns auch fordern, mehr feste Wissenschaftler_innenstellen unterhalb der Professur einzurichten, auf denen Forscher unabhängig und frei arbeiten können. 

 

Das hilft genau einer Generation von jungen Wissenschaftlern, und dann sind die festen Stellen wieder auf viele Jahre dicht.

 

Das sind sie faktisch doch auch jetzt. Schauen Sie doch mal, wie viele Leute über zehn, 15 Jahre auf immer wieder neuen Zeitverträgen hocken. Wenn Sie denen berufliche Sicherheit geben, ändert das die Stellenstruktur praktisch gar nicht. Aber subjektiv macht es einen riesigen Unterschied und die Änderungen wären sogar nachhaltig.

 

Um die Vielfalt in der Wissenschaft zu erhöhen, fordern Sie auch einen „Pakt für Diversität“. Wie sollte der aussehen?

 

Wir stellen uns eine Vereinbarung vor, die angelehnt sein sollte an den Nachwuchspakt. Es geht um ein klar definiertes Diversity Management, das gleiche Bezahlung vorsieht, wo nötig, auch Quoten, und das die internationale Mobilität junger Wissenschaftler_innen fördert. Warum geben wir Postdocs, die nach Deutschland gehen wollen, nicht viel häufiger eine Art finanzielle Starthilfe? Wir müssen vernünftige Regelungen für die Elternzeit definieren und die Kinderbetreuung in der Promotionsphase sicherstellen. All das gehört für uns zur Förderung von Diversität. 

 

Alles Forderungen, die Sie im Verband mit den Kollegen von Helmholtz und Leibniz lautstärker als bislang vertreten wollen. Warum ist Fraunhofer eigentlich nicht dabei?

 

Das hat was mit den Traditionen der einzelnen Netzwerke zu tun. Unser Max Planck PhDnet und die Helmholtz Juniors gibt es schon seit über zehn Jahren, wir besuchen uns bei unseren Generalversammlungen gegenseitig und reden über gemeinsame Probleme und Lösungsansätze. Da hatten wir irgendwann die Idee, auch Leibniz und Fraunhofer ins Boot zu holen, woraus dann auch die Gründung des Leibniz-Netzwerks vergangenes Jahr resultierte. Mit den Fraunhofer-Leuten sind wir im Gespräch, aber deren Interessenlage ist etwas anders. Durch den hohen Grad an Industrieforschung haben dort schon einige eine Vollzeitstelle, und die persönliche Zufriedenheit mit den Rahmenbedingungen scheint höher zu sein; das ist aber nur mein subjektiver Eindruck. 

 

Heute laden Sie mit N² auch zu Ihrer ersten Veranstaltung ins Berliner Museum für Naturkunde. Motto: „Science Beyond Borders“.

 

Es hat uns selbst überrascht, wie schnell unser Science Festival ausgebucht war. Es findet im Rahmen der Berlin Science Week statt, und die Organisation war ein Riesenaufwand, alles von Promovierenden selbst organisiert und zu hundert Prozent im Ehrenamt – finanziert übrigens von unseren jeweiligen Mutterorganisationen. Wir wollen die Verknüpfung von Wissenschaft und Kunst ergründen. Ist Wissenschaft vielleicht selbst eine Kunst? Gut 100 Leute haben sich angemeldet. Im Anschluss an die Veranstaltung setzen sich die Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler unserer drei Netzwerke zusammen, nochmal über 150 Leute. So können wir richtig was bewegen; ich spüre schon das Kribbeln im Bauch. 

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"Keine goldenen Computertasten"

Forscher haben im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung berechnet, wieviel Bund und Länder für die angemessene IT-Ausstattung aller Schulen ausgeben müssten: 2,8 Milliarden pro Jahr. Und das sei eher die Untergrenze, sagte Studienautor Andreas Breiter vom ifib an der Universität Bremen.

Andreas Breiter. Foto: privat
Andreas Breiter. Foto: privat

Herr Breiter, Sie haben im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung berechnet, was eine vernünftige digitale Lernumgebung für alle Schüler deutscher Schulen kosten würde: 2,8 Milliarden Euro pro Jahr. Ist das viel oder wenig?

 

Die Antwort hängt davon ab, wie viel die Länder und Kommunen bereits jetzt für die IT-Ausstattung ihrer Schulen ausgeben. Die Wahrheit ist: Wir wissen es schlicht nicht. 

 

Wie kann das sein? Seit über einem Jahr diskutieren wir über einen fünf Milliarden schweren Digitalpakt, dessen Realisierung auf sich warten lässt, und wir haben keine Ahnung, wie weit das Geld reichen würde?

 

Weil die Kosten auch innerhalb einer Kommune an so vielen unterschiedlichen Stellen anfallen und die Gesamtsicht fehlt. Wenn eine neue Schule verkabelt wird, stehen die Ausgaben dafür meist im Budget des Hochbauamts. Support erfolgt bei fast allen Schulträgern durch Beteiligung der Lehrkräfte, die wiederum Beschäftigte des Landes sind. Am allerwenigsten können wir beziffern, was die letzte Meile der Internetanbindung kostet. In Städten ist das egal, aber auf dem Land, wo überhaupt nur wenige der Kommunen über Breitband verfügen, lässt sich der finanzielle Aufwand für den Breitbandanschluss einer Schule überhaupt nicht seriös einschätzen.

 

Möglicherweise wäre das Angebot des Bundes also nur ein Tropfen auf dem heißen Stein?

 

Sicherlich wäre es mehr als das. Aber lassen Sie uns doch mal rechnen. Bundesbildungsministerin Wanka hatte fünf Milliarden über fünf Jahre angeboten, macht eine Milliarde pro Jahr bzw. 35 Prozent von den 2,8 Milliarden. Und wenn uns auch der Überblick fehlt, wissen wir doch bei einzelnen Kommunen durchaus, was sie in ihre Schul-IT stecken. Nehmen wir diese Erfahrungswerte und rechnen sie auf die Bundesebene hoch, was natürlich extrem ungenau ist, entspräche das weiteren 20 bis 50 Prozent der erforderlichen Ausgaben. Die Lücke, die mit dem Digitalpakt bliebe, betrüge also zwischen 15 und 45 Prozent der nötigen Gesamtkosten. Wobei die Unterschiede gewaltig sein dürften, es gibt 15.000 Kommunen in Deutschland. Einige Städte und Gemeinde haben jetzt schon praktisch eine Vollversorgung ihrer Schulen, in anderen fehlt die selbst die basale technische Infrastruktur. >>


Die Studie und wer dahintersteht

"Kommunen brauchen Unterstützung für milliardenschwere Daueraufgabe", so lautet der Titel, mit dem die Autoren Andreas Breiter, Anja Zeising und Björn Eric Stolpmann ihre Studie überschrieben haben. Sie ist auf der Homepage der Bertelsmann-Stiftung abrufbar.

 

Die Stiftung veröffentlicht regelmäßig Untersuchungen zum Bildungssystem. Der Bildungsforscher Eckhard Klieme kritisiert, dass die Bundesländer zentrale

Bildungsfragen nicht selbst bearbeiten ließen –  "mit dem Ergebnis", so Klieme, "dass in der bildungspolitischen Debatte Stiftungen und Verbände in die Lücke stoßen und Themen besetzen."

 

Andreas Breiter ist Direktor des Instituts für Informationsmanagement an der Universität Bremen und erforscht den Umgang mit Informationen und neue Formen des Lernens im digitalen Zeitalter.



>> Wie sind Sie überhaupt auf die 2,8 Milliarden Euro gekommen?

 

Wir haben uns überlegt, was eine Schule idealtypischerweise bräuchte, damit ihre Schülerinnen und Schüler jederzeit, wenn es denn pädagogisch sinnvoll ist, Zugriff auf Internet und Endgeräte haben. In einem vernünftigen Tempo, also Breitband, und inklusive den nötigen Peripheriegeräten, also digitalen Whiteboards anstelle traditioneller Tafeln, Drucker, Beamer, Scanner und so weiter. Wir haben berechnet, was die W-LAN-Ausleuchtung kostet pro Quadratmeter Klassenraum und abhängig von der Gebäudestruktur, den Wandstärken zum Beispiel. Dazu kommen noch der technische Support, Software oder auch sogenannte Programmierbaukästen. Wir haben für all das getrennte Modellannahmen gemacht für Grundschulen und weiterführende Schulen. Im nächsten Schritt haben wir diese beiden Idealtypen heruntergerechnet auf die nötigen Ausgaben pro Schüler – und dann wieder hochgerechnet auf alle knapp acht Millionen Schülerinnen und Schüler beider Schularten in Deutschland. 

 

„Idealtypen“ klingt ziemlich luxuriös. Geht es nicht auch mit weniger?

 

Gut, dass Sie fragen. Idealtypisch heißt nicht luxuriös, sondern notwendig. Wir reden hier nicht über die Super-Raketen-Ausstattung, über keine goldenen Computertasten, sondern über eine Infrastruktur, wie sie in anderen Ländern, zum Beispiel in Großbritannien, in den Niederlanden oder in Skandinavien, selbstverständlich ist. Und bei den 2,8 Milliarden Euro haben wir noch gar nicht über gutes Lernen selbst gesprochen, sondern nur über die dafür nötige digitale Ausstattung. Die zusätzlichen Kosten für die notwendige Lehrerqualifizierung, für besser Unterrichtsmaterialien oder neue Unterrichtskonzepte sind in dieser Summe noch gar nicht berücksichtigt.

 

Sind die 2,8 Milliarden Einmal-Investitionen oder Dauerkosten?

 

Das will die Politik auch immer wissen. Die öffentliche Verwaltung plant halt größtenteils immer noch kameralistisch. Das Problem ist nur, dass Sie bei der IT diese Unterscheidung kaum noch sinnvoll machen können. Die Technik entwickelt sich so rapide weiter, dass Sie ständig neue Erstinvestitionen rechtzeitig tätigen müssen, Sie also nie mit dem Investieren aufhören und auch die Wartung in vielen Fällen immer neue Investitionen erfordert. Aber weil wir der Logik der Haushälter folgen wollten, haben wir uns trotzdem bemüht, sogenannte investive und konsumtive Ausgaben auch getrennt auszuweisen. Von den 2,8 Milliarden pro Jahr würden demzufolge knapp 1,2 Milliarden auf Investitionen entfallen.  

 

Was wiederum ziemlich nah dran ist an der einen Milliarde jährlich, die Ministerin Wanka im Digitalpakt angeboten hatte – und die explizit nur für Investitionen vorgesehen sein sollten.

 

Das stimmt nur oberflächlich betrachtet. Denn in den 1,2 Milliarden sind 800 Millionen für die Anschaffung von Endgeräten enthalten, die die vereinbarten Eckpunkte zum Digitalpakt ebenfalls ausgeschlossen hatten. 

 

Wenn keiner weiß, wie viel die Länder und Kommunen bereits investieren, wie sollte sich der Bund dann eigentlich mit seiner Forderung durchsetzen, dass die Länder beim Digitalpakt einen fairen Eigenanteil beisteuern?

 

Das könnte er momentan tatsächlich nicht, er kann die Angaben der Länder ja gar nicht überprüfen. Deshalb sollte die Bundesregierung als Gegenleistung für ihren Anteil von den Ländern verlangen, dass sie künftig die IT-Ausgaben der Kommunen im Detail erheben. Interessanterweise laufen in einigen Bundesländern derzeit Investitionsprogramme nach ähnlichem Muster wie der vorgeschlagene Digitalpakt. Eines evaluieren wir gerade, und da stellen wir fest, dass die Kommunen den von ihnen verlangten Eigenanteil an den IT-Investitionen immer als genau geleistet melden, selbst wenn sie in Wirklichkeit zum Teil signifikant weniger oder manchmal auch mehr bezahlen. Und die Länder müssen das akzeptieren, eben weil sie es nicht nachprüfen können. Wahr ist aber auch, dass unseren Zahlen zufolge die Kommunen schon jetzt 80 Prozent der IT-Kosten zahlen und die Länder nur 20 Prozent. Weswegen mich persönlich auch immer so gestört hat, dass Bund und Länder die Verhandlungen um den Digitalpakt unter sich ausmachen wollten.  

 

Sie haben 800 Millionen Euro pro Jahr für die nötigen Endgeräte eingeplant. Warum eigentlich? Die Kinder haben doch heute alle schon ein Smartphone.

 

Manche denken tatsächlich, das mit BYOD, also „Bring your own device“, hochwertiger Unterricht möglich ist. Und dann begründen das einige noch mit dem Klischee, dass das Smartphone umso dicker ist, je weniger Geld die Leute haben. Selbst wenn das so wäre, was ich nicht glaube: Mit einem Smartphone können Sie doch keine komplexe Tabelle oder Grafiken bearbeiten, keine Präsentation vorbereiten und keine Textanalysen machen. Dafür brauchen Sie ein Tablet oder ein Notebook, und die besitzen nicht 90 oder 95 Prozent der Schüler, sondern nur um die 30 Prozent. Für den Rest müsste der Staat Zuschüsse zahlen, hätte aber nicht die gleichen Skaleneffekte, wenn er von Anfang an für alle die gleichen Modelle kaufen würde und die entsprechenden Rabatte eingeräumt bekäme. Insofern halte ich es für eine naive Annahme, dass BYOD eine Billiglösung wäre. 

 

Hand aufs Herz: Glauben Sie, der Digitalpakt kommt noch?

 

Oh ja, ich bin da optimistisch. Alle potenziellen Jamaika-Partner haben das Thema auf der Agenda und betonen immerzu die Bedeutung der Digitalisierung. Die Beteiligung des Bundes ist schon aus symbolischen Gründen von enormer politischer Bedeutung. Ob der Pakt am Ende die fünf Milliarden oder mehr oder weniger umfasst, ist dagegen völlig offen. Entscheidend ist, dass das eine intelligentere Vereinbarung wird, als sie bislang in den Eckpunkten steht, mit einem klaren Monitoring und einer Beteiligung der Kommunen. Die befinden sich derzeit ganz am Ende der Nahrungskette, dabei würden vier von fünf Milliarden Euro an sie gehen. Und worüber wir noch gar nicht gesprochen haben, ist die Evaluierung der verbesserten IT-Ausstattung in den Schulen. Bringt das wirklich einen Lernfortschritt? Und wie genau will man den etwa bei kreativer Medienarbeit eigentlich messen? Das sind spannende Fragen, die bislang nicht mal in Ansätzen diskutiert worden sind. 

 

Und was ist mit der Laufzeit des Paktes?

 

Über die nochmal zu reden, ist am allerdringendsten. Die 2,8 Milliarden Euro, die wir errechnet haben, fallen jedes Jahr an. Das sind dauerhafte Kosten, die durch den technologischen Fortschritt, gerade bei notwendigerweise weiter steigenden Bandbreiten, eher noch wachsen dürften. Kommunen müssen daher einen Medienentwicklungsplan mit ihren Schulen erarbeiten. Den Fehler, erst groß zu investieren und die Schulen dann hängen zu lassen, hat man in den 90er Jahren bei „Schulen ans Netz“ schon einmal gemacht. Mit dem Ergebnis, dass viele Schulen noch in den Nullerjahren auf ihrem ISDN-Anschluss hockten. Mit anderen Worten: Der Spuk ist nicht nach fünf Jahren vorbei! Die Digitalisierung hört nicht auf.  

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Vor dem Aufbruch kommt die Konkretisierung

Die Jamaika-Partner haben erstmals über Bildung und Forschung gesprochen. Was ist vom vereinbarten Sondierungsstand zu halten? Eine Analyse.

DIE DENKPAUSE ÜBERS Wochenende habe den Verhandlungspartnern gut getan, befand CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer. "Wir sind heute gut im Arbeitsmodus." Sogar der sonst so kritische grüne Bildungsexperte Kai Gehring setzte am Abend einen geradezu euphorischen Tweet ab und sprach von "Aufbruch und Aufwuchs für Bildung und Forschung". 

 

Was Union, Grüne und FDP nach ihren gestrigen Gesprächen als "Sondierungsstand Bildung, Forschung und Innovation" aufgeschrieben haben, erweist sich bei genauerem Hinsehen allerdings vor allem als wenig konkret. Dafür gibt es reichlich guten Willen. Die Frage ist: Kann, sollte man von Sondierungsergebnissen mehr erwarten?

 

Bis zum Jahr 2025 wollen die potenziellen Jamaika-Koalitionäre also die gesamtstaatlichen Aufwendungen für Bildung und Forschung auf mehr als 10 Prozent der Wirtschaftsleistung steigern, davon sollen 3,5 Prozent in Forschung und Entwicklung investiert werden. Gute Ziele, aber sie waren, schon bevor sich die vier Parteien zusammensetzten, nicht strittig. Spannend ist einzig das Zieldatum, und das liegt in für die Jamaika-Koalition bequemer Ferne am Ende der nächsten Legislaturperiode. Damit aus den genannten Prozentwerten bis zum Koalitionsvertrag mehr wird als zwei unverbindliche Zahlenhülsen, müssen die Jamaika-Partner in den nächsten Wochen zwingend die Zwischenschritte für die Jahre 2018 bis 2021 formulieren.


Der Rest des Sondierungsstandes besteht größtenteils aus derselben Stimmt-Immer-Aber-Nagelt-Uns-Nicht-Drauf-Fest-Rhetorik, die seit Jahren in keiner Politikerrede fehlen darf und für die die Jamaika-Partner vor der Wahl (und teilweise zu Recht) den SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz mit seiner Idee einer "Nationalen Bildungsallianz" gegeißelt haben. Dass Deutschland künftig zu den "Spitzenländern bei den Bildungsinvestitionen" zählen solle, steht da, die Bedeutung von Aus- und Weiterbildung und des lebensbegleitenden Lernens wird betont und ein Berufsbildungspakt angekündigt. "Optimale Lehr- und Lernbedingungen" an den allgemeinbildenden und beruflichen Schulen werden versprochen. Die Frage nach dem Weg zu all den schönen Zielen wird indes nicht beantwortet, weil man – da ist das Papier offenherzig ehrlich – noch gar nicht so richtig darüber geredet hat. Zitat: "Über die Art und Weise der Zusammenarbeit zwischen Bund, Ländern und Kommunen muss noch gesprochen werden, insbesondere über die Frage des Kooperationsverbotes." 

 

Was denn nun? Wird das Kooperationsverbot fallen oder nicht? Irgendwie offenbar schon, signalisieren die Jamaika-Partner. Aber nur zu einem Grad, der keinem der Verhandlungspartner (gemeint: die CSU und Teile von CDU und Grünen) zu sehr wehtun wird. Dass Kanzlerin Angela Merkel bereit ist zu dem einen oder anderen Schritt bei der Bildungszusammenarbeit zwischen Bund und Ländern, hatte sie schon vor einigen Wochen durchblicken lassen

 

Die Hightech-Strategie soll fortgesetzt werden, und (wie lässt sich das eigentlich verordnen?) die Technologieoffenheit beibehalten werden, neben der Forschungsfreiheit. Dass auch Exzellenzstrategie und Hochschulpakt weitergehen sollen: alles ebenfalls nicht umstritten und längst klar. Und zur geplanten Neuausrichtung beim Hochschulpakt folgt ein Allgemeinplatz: Es soll um Qualität gehen, um Kapazitäten (=Quantität) und um Digitalisierung. 

 

Leicht konkreter sind bereits die Pläne zum BAföG (soll modernisiert werden), wobei ein Riesen-Unterschied besteht zwischen höheren Fördersätzen oder neuen elternunabhängigen Modellen, wie sie FDP und – zusätzlich zur bedarfsabhängigen Förderung – die Grünen wollen. Interessant zu wissen wäre zudem, was sich hinter der Formulierung verbirgt, "über neue Modelle zur weiteren Stärkung und Modernisierung der Studienfinanzierung" müsse noch gesprochen werden. Vielleicht ja, was zugegebenermaßen nicht sehr wahrscheinlich ist, der überfällige Einstieg in nachgelagerte Studiengebühren für alle, der einhergeht mit einem System staatlich finanzierter und garantierter Studienkredite für alle?

 

Immerhin überrascht, dass der Pakt für Forschung und Innovation nicht nur "weiterentwickelt", sondern sogar "gestärkt" werden soll. Eine entsprechende Formulierung, die beim Hochschulpakt fehlt. Also weiter ein deutlicher Aufwuchs für die außeruniversitären Forschungsorganisation und die Deutsche Forschungsgemeinschaft? Zuletzt galt ein solches Plus als nicht unbedingt gesetzt– zumindest solange die Länder nicht zu ihrer Kofinanzierung zurückkehren. 

 

Faszinierend ist, dass die konkreteste Vereinbarung eine ist, die den Schulen und Hochschulen finanziell gesehen noch gefährlich werden könnte: die "Einführung einer steuerlichen Forschungs- und Entwicklungsförderung". Hier steht nichts davon, dass darüber geredet oder dass irgendwas irgendwie entwickelt werden müsse. Die Forschungsförderung kommt. Punkt. 

 

Vermutlich wäre es unfair, von ein paar Stunden Sondierungen zu viel zu erwarten. In der Summe sind die Jamaika-Partner immerhin für den demonstrierten Willen zu loben, der ein optimistisch stimmendes Signal in sich bedeutet. Positiv betrachtet sind die gut eineinviertel Seiten Sondierungsstand ein Dokument, in dem alles drinsteckt. Zumindest drinstecken könnte, wenn aus größtenteils nebeligen Ankündigungen am Ende ein detaillierter Fahrplan ins avisierte Bildungs- und Forschungsspitzenland Bundesrepublik würde. Bis dahin gilt: Vor dem Aufbruch muss erst noch die Konkretisierung kommen. 

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Redet diese Idee nicht zu schnell klein!

Könnte der "Ein-Fach-Lehrer" den Lehrermangel lindern? Möglich. Vor allem aber wäre er Teil einer überfälligen Reform des Lehramtsstudiums. Wie sie aussehen könnte, hat der Bildungsforscher Manfred Prenzel schon vor Monaten beschrieben.

LEHRERMANGEL MACHT ERFINDERISCH. Und manchmal führt die Not sogar dazu, dass endlich längst überfällige Debatten geführt werden. "Berlin, Hamburg und Bremen diskutieren Ein-Fach-Lehrer", berichtete Spiegel Online am Freitag. Denkbar wäre dem Vorstoß der drei SPD-Schulsenatoren Sandra Scheeres (Berlin), Ties Rabe (Hamburg) und Claudia Bogedan (Bremen) zufolge, dass etwa Absolventen von Kunst- und Musikhochschulen kein zweites Studienfach mehr bräuchten, sondern nur die zusätzliche pädagogische Qualifikation erwerben müssten, um als Lehrer eingestellt zu werden. Zunächst müssten noch die Vor- und Nachteile abgewogen werden, betont Scheeres, doch könnten sich durch das Modell die Studienzeiten verkürzen, der Lehrerberuf auch für Universitätsabsolventen interessant werden, die bislang nicht auf Lehramt studiert hatten.  

 

Erwartungsgemäß ließ der reflexartige Widerspruch nicht lange auf sich warten. "Die Anforderungen zu senken, um den Lehrkräftebedarf zu decken, ist nicht der richtige Weg", zitiert die Berliner Morgenpost den Berliner Landesvorsitzenden der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Tom Erdmann. Gerade erst seien die Anforderungen für die Grundschullehrer in Berlin erhöht worden, die Einführung von Ein-Fach-Lehrern hätte Auswirkungen auf die Ausbildungszeit und somit auf die Bezahlung.

 

Tatsächlich wäre es grob fahrlässig, die Idee der drei Senatoren unter der Überschrift "Sparpolitik" zu diskutieren. Richtig umgesetzt wäre sie vielmehr ein Weg, den Zugang zum Lehramtsstudium flexibler zu machen und das Studium insgesamt zu modernisieren. Wie das funktionieren könnte, hat im Mai hier im Blog bereits der Bildungsforscher und ehemalige Wissenschaftsratsvorsitzende Manfred Prenzel  umrissen. Das Lehramtsstudium brauche einen Masterplan, forderte Prenzel, dafür müsse sich die Politik, "und vielleicht auch die Profession vom liebgewordenen, aber nur mit enormen Streuverlusten zu realisierendem Ideal des Mehrfachstudiums verabschieden" – zumindest für das Lehramt auf der Sekundarstufe.

 

Ein zukunftsträchtiges Modell, so Prenzel, würde an dessen Stelle zwei Stufen setzen. Stufe eins: Die Studierenden könnten sich für ein beliebiges Bachelor-Fach entscheiden und es zu Ende studieren, noch ohne pädagogische Anteile. Über Praktika und universitäre Orientierungsangebote würden sie sich an den Lehrerberuf herantasten und sich bei Interesse nach dem Bachelor für ein zwei Jahre dauerndes Masterstudium (Stufen zwei) an einer School of Education bewerben. Dieser Master würde sie mit der fachdidaktischen, pädagogischen und organisatorischen Kompetenz versorgen.  

 

Der Vorschlag Prenzels klingt wie die durchdachte und fundierte Weiterführung des Vorstoßes der drei Schulpolitiker. Wer ernsthaft an einer Debatte über die Modernisierung des Lehramtsstudiums interessiert ist, sollte sich Prenzels Szenario erst einmal sehr genau durchlesen.

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Die zweite Chance

Horst Hippler war ein umstrittener HRK-Präsident, viele warteten schon auf seinen Abschied. Doch dann kam DEAL.

Foto: HRK
Foto: HRK

EIGENTLICH HATTE ES längst so ausgesehen, als sei seine Karriere gelaufen. Im September ist er 71 geworden, nächstes Jahr im Juli endet seine Amtszeit als Chef der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), und nach einem schrillen Einstieg war es zwischendurch auffällig ruhig geworden um Horst Hippler. Er sei der richtige Mann im falschen Job gewesen, bilanzierten einige bereits über seine Präsidentschaft, sprachen gar von verlorenen Jahren für die HRK. Doch mit einem Mal wirkt Hippler wieder locker, er trägt ein unnachahmliches Grinsen im Gesicht. Was passiert ist? Ganz einfach: Er darf endlich wieder das machen, was er am liebsten tut. Angreifen. Hipplers Glück trägt einen Namen. Elsevier.  

 

Der Reihe nach. Es war im Mai 2012, der Physikochemiker war erst ein paar Tage im Amt, als er der damaligen Financial Times Deutschland ein Interview gab. „Unis müssen Downgrade befürchten“, titelte die FTD danach, der Vorschlag des neuen HRK-Präsidenten: Man könne forschungsschwache Universitäten doch zur Strafe zu Fachhochschulen herabstufen. Die Fachhochschulen waren empört. Hippler selbst attestierte sich den „Mut zur Polarisierung“.     

 

Dazu muss man wissen, dass Hippler bei der HRK-Mitgliederversammlung drei Wochen zuvor nicht nur gegen die Stimmen der meisten Fachhochschulrektoren, sondern sogar gegen die Mehrheit der Rektoren insgesamt gewählt worden war. Da bei der Wahl die Stimmen studentenstarker Hochschulen indes mehr zählten als die von kleinen, pushten die großen Universitäten ihn ins Amt. Ein unglücklicher Start, der Hippler jedoch nicht zu beeindrucken schien. >>



>> Schon vor seiner Wahl, damals war er noch Präsident des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT), hatte der Hippler angekündigt, er wolle Schluss machen mit dem ewigen „Harmoniegetue“ in der HRK. Das war auch auf seine Vorgängerin gemünzt, die Psychologin Margret Wintermantel, die versucht hatte, die Fliehkräfte zwischen Groß und Klein, zwischen Unis und Fachhochschulen durch Ausgleich und Diplomatie zu kompensieren. 

 

Hippler dagegen hatte als KIT-Chef die TU9 mitgegründet, den Verbund von neun Technische Unis, die sich für die besten ihrer Art in Deutschland halten, noch 2010 öffentlich den Abschied vom Diplom bedauerten und Hippler zu ihrem Gründungspräsidenten wählten. Das Problem für Hippler, als er HRK-Präsident wurde: Wintermantel hatte die ansonsten meist unentschiedene Organisation ausgerechnet als entschiedene Vorkämpferin der Bologna-Studienreform positioniert und den Bachelor selbst auf dem Höhepunkt der Studentenstreiks 2008/2009 wortreich verteidigt.

 

Hippler wartete nach seiner Wahl genau drei Monate, dann gab er der Süddeutschen Zeitung ein Interview. „Ein Bachelor in Physik ist nie im Leben ein Physiker“, verkündete er im August 2012. Eine Universität müsse mehr leisten als Ausbildung, nämlich Bildung. „Das tut sie mit dem Bachelor nicht.“ Hipplers Äußerungen seien nicht mit ihnen abgestimmt gewesen, beeilten sich viele Rektoren zu versichern. „Unzulässige Verkürzungen“ seien das. Wenn Hippler so weitermacht, setzen wir ihn ab, sagten einige sogar. „Wie viel Horst Hippler verträgt die Hochschulrektorenkonferenz?“, fragte Spiegel Online. Vor der nächsten HRK-Mitgliederversammlung im November 2012 wurden Putschgerüchte kolportiert.

 

Plötzlich eierte Hippler herum

 

Auch seine Unterstützer wurden nervös. Der ist doch eigentlich ein netter Kerl, sagten sie, er provoziert halt gern, okay. Aber bislang wusste er immer, wann es genug ist. Im HRK-Präsidium rumorte es so stark, dass der Streit längst nicht mehr nur hinter den Kulissen ausgetragen wurde. Hippler trete erkennbar als Präsident der Universitäten auf und „nicht für die Interessen der Hochschulen für Angewandte Wissenschaften ein“, sagte zum Beispiel der damalige HRK-Vizepräsident und Neubrandenburger FH-Rektor Micha Teuscher.

 

So unbeeindruckt er sich nach außen gab, die Debatten um seine Amtsführung hinterließen mit der Zeit Spuren bei Hippler. Nicht dass er sich je verleugnete. Aber ewig der Buhmann zu sein, das macht vermutlich am Ende doch müde. Irgendwann konnten Journalisten ihn nicht mehr zu jeder Zuspitzung verleiten, und wenn er über die Bologna-Reform sprach, eierte er mit einem Mal herum. Fand sie nicht wirklich schlecht. Nicht wirklich gut. Man musste ihm jetzt manchmal lange zuhören, um zu wissen, was er sagen wollte. Mit dem Ergebnis, dass er höchstens noch ein bisschen aneckte und die HRK-Kollegen ihm die öffentlichen Zurechtweisungen ersparten. 2015 sicherte ihm das die Wiederwahl und seine zweite Amtszeit.

 

Die Kehrseite war nicht nur, dass die HRK (Slogan „Stimme der Hochschulen“) und ihr Präsident seltener in den Medien auftauchten, während etwa der Deutsche Hochschulverband, eine Professorengewerkschaft mit klar einseitiger Mission, sich zum Lautsprecher vermeintlicher Universitätsinteressen aufschwang. Das Problem war auch, dass Hippler, der begnadete Rhetorik-Raufbold, plötzlich lustlos wirkte. Es ging jetzt um andere Themen: Exzellenzinitiative, die Fortsetzung der Wissenschaftspakte. Gedankenverloren saß er auf manchem Podium und sagte zwischendurch das, was man halt so sagt als HRK-Präsident. Oder von dem die Leute denken, dass ein HRK-Präsident es sagen sollte. Besser als zuvor ging es der Hochschulrektorenkonferenz durch den Mangel Hipplerscher Polarisierung auch nicht. 

 

Und dann kam die Sache mit Elsevier. Sie schlich sich an, und zunächst sah es nicht so aus, als könnte das Thema große Emotionen wecken, erst recht nicht bei einem wie Horst Hippler. Das Schlüsselwort lautete DEAL: „die bundesweite Lizensierung von Angeboten großer Wissenschaftsverlage“. 

 

Und dann kam DEAL

 

Doch was sperrig–langweilig nach einer Fingerübung für Juristen klingt, ist in Wirklichkeit ein Kampf um Abermillionen Euro. Die Publikation von Forschungsergebnissen findet traditionell in renommierten Journals statt, allein der niederländische Verlag Elsevier veröffentlicht über 2000 – mittlerweile elektronische – Zeitschriften. Für die Journals mussten die Hochschulen, Institute und Bibliotheken bislang Abo-Gebühren zahlen, und weil die Marktmacht sich auf wenige Großverlage konzentriert, konnten diese den einzelnen Abnehmern ihre Preise diktieren. Bis dahin, dass eine Uni, wenn sie eine bestimmte Zeitschrift wollte, schon mal ein paar andere weniger begehrte im Bündel dazubuchen musste – eben weil es das Preismodell der Verlage so vorsah. Unglaubliche 40 Prozent soll die Profitmarge zwischenzeitlich allein bei Elsevier betragen haben. 

 

Und hier setzte DEAL an. Anstatt einzeln mit den Verlagen zu verhandeln und dabei hoffnungslos unterlegen zu sein, taten sich Wissenschaftsorganisationen und Hochschulen zusammen, um auch eine Marktmacht zu haben. Sie forderten von Elsevier & Co einen nationalen Vertrag, Kerninhalt: eine „angemessene Bepreisung nach einem einfachen, zukunftsorientierten Berechnungsmodell, das sich am Publikationsaufkommen orientiert.“ Parallel will die Wissenschaft eine „Open-Access-Komponente“, damit die Einrichtungen nicht doppelt an die Verlage zahlen, wenn sie schon die Open-Access-Veröffentlichung finanziert haben. 

 

Die Verlage dachten zunächst, das Thema aussitzen zu können. Indem sie in Frage stellten, ob die Allianz der Wissenschaftsorganisationen, in der die großen Forschungseinrichtungen und auch die HRK zusammengeschlossen sind, überhaupt ein Mandat habe zu solchen Verhandlungen. Der Börsenverein des deutschen Buchhandels reichte sogar eine am Ende erfolglose Kartellbeschwerde gegen die DEAL-Allianz ein und drehte den Vorwurf um: Die Wissenschaft missbrauche rechtswidrig ihre Marktmacht und verschlechtere drastisch den Zugang kleinerer Verlage.  Unterdessen rechnete Elsevier vor, dass der Preis pro Artikel ja längst deutlich gefallen sei, zwischen 2011 und 2015 um 3,6 Prozent – und zwar jedes Jahr. 

 

Doch sie hatten ihre Rechnung nicht mit dem Mann gemacht, den die Allianz der Wissenschaftsorganisationen, welch schlaue Entscheidung, zu ihrem Verhandlungschef gemacht hatte: Horst Hippler. Denn in seiner neuen Rolle darf er endlich wieder ärgern und austeilen. Alles für die gute Sache. Denn, welch ungewöhnliche Erfahrung für ihn, je mehr er ärgert und austeilt, desto mehr führt er die Wissenschaft zusammen.

 

Schaut man sich den Zeitstrahl auf der DEAL-Website an, wurde es für den HRK-Präsidenten schon von 2015 an so richtig interessant: „Eskalation vorbereiten“ steht da. Und genau das tut Hippler seitdem. 2016 begannen die Verhandlungen zunächst mit Elsevier, den die HRK wegen seiner umstrittenen Preispolitik als schwierigsten Brocken sah. Um den Druck zu erhöhen, kündigten 60 Forschungsinstitutionen, orchestriert von der HRK, ihre bestehenden Einzelverträge zum Jahresende. Doch das Angebot, das Elsevier Anfang Dezember vorlegte, wies Hippler zurück. Die wollten noch mehr Geld anstatt weniger, schimpfte der HRK-Präsident, auf die Open-Access-Komponente wollten sie gar nicht einlassen, und jetzt drohten sie auch noch damit, den Hochschulen und Forschungseinrichtungen ihre Zugänge abzuschalten.

 

Böse Verlage, gute Wissenschaft?

 

Böse Verlage, gute Wissenschaft: Wer sich die rechtliche Materie hinter den Verhandlungen anschaut, sieht schnell, dass es so einfach nicht ist. Macht aber nichts. Es ist eine wirkungsvolle Geschichte, die sich da erzählen lässt, schön polarisierend, und keiner erzählt sie so gut wie Horst Hippler. Die Verhandlungen scheinen ihm längst verloren geglaubte Energie zurückzugeben. 

 

In den Zeitungen ist er präsent wie selten, in öffentlichen Diskussionen spitzt er wieder zu, übrigens nicht nur zum DEAL-Thema. Und immer öfter ist da dieses Lächeln in seinem Gesicht, das seinen Schnauzer hochzieht und seine Augen zu kleinen Leuchtpunkten werden lässt. Es sind die Momente, in denen er nicht wie Hippler, der Grantler aussieht, sondern wie der nette, gutmütige Kerl, der, wie viele seiner Kollegen und Mitarbeiter behaupten, in Wirklichkeit immer nur spielen will. 

 

Elsevier befindet sich längst in der Defensive. Hannfried von Hindenburg, Senior Vice President „Global Communications“ bei Elsevier, kündigte an, selbstverständlich würden alle Institutionen auch nach dem Auslaufen ihres Abos vorerst weiter versorgt. In den vergangenen Monaten sucht von Hindenburg auffällig oft das Gespräch mit Wissenschaftspolitikern und Rektoren, er trifft Wissenschaftsjournalisten zu Hintergrundgesprächen. Versucht zu vermitteln, warum das mit dem DEAL-Vertrag bei allem guten Willen deutlich komplexer sei, als Hippler es öffentlich darstellt. 

 

Der HRK-Präsident hat unterdessen die Verhandlungen mit den Großverlagen Wiley und Springer/Nature gestartet, und die scheinen wenig Interesse daran zu haben, Elseviers Beispiel zu folgen und ebenfalls in Hipplers Schusslinie zu geraten. „Zielorientiert und konstruktiv“ seien die Gespräche mit Wiley, konstatierte Hippler Ende September. Mitte Oktober teilten HRK und Springer Nature mit, sie hätten „in grundsätzlichen Fragen bereits Annäherung erzielen“ können. 

 

Die einen in der Spur, die anderen (Elsevier) legen sich, einer aktuellen Zuspitzung des Horst Hippler folgend, „auf die Schienen“. Hippler sagt: „Wir kommen mit Springer/Nature und Wiley voran. Dort hat man klar gesehen, dass gewinnt, wer die Zeichen der Zeit erkennt.“ Elsevier dagegen kämpfe „mit harten Bandagen“ und versuche, die Wissenschaftsseite auseinander zu dividieren. Dass Hippler derweil das gleiche – und offenbar erfolgreich – mit den Verlagen tut: geschenkt. 

 

Hippler provoziert – uns sie lieben ihn dafür

 

Der HRK-Präsident setzt noch einen drauf: Dass Elsevier sich nicht mehr lange konstruktiven Verhandlungen verschließen könne, zeigten die prominenten Rücktritte von Herausgebern, sagt er. Rücktritte, die der HRK-Präsident natürlich ebenfalls selbst in persönlichen Schreiben an zahlreiche Wissenschaftler angeregt hatte. Zuletzt erklärte der frühere Vorsitzende des Wissenschaftsrats, Wolfgang Marquardt, öffentlichkeitswirksam seinen Rücktritt von der Herausgebertätigkeit für Elsevier-Zeitschriften. Die DEAL-Website verzeichnet mittlerweile neun Namen: Forscher von Max Planck, von Hipplers alter Hochschule, dem KIT oder auch von der Universität Konstanz. „Und da werde noch einige folgen“, prophezeit Hippler bewusst wolkig und irgendwie genüsslich zugleich – als arbeite er schon an den nächsten Überraschungen. 

 

Und was passiert, wenn Hipplers HRK-Präsidentschaft nächstes Jahr zu Ende ist? Ja, und dann munkeln sie schon in der Allianz, könnten sie ihn ja zum DEAL-Verhandlungsführer in Vollzeit zu machen – bis auch der letzte Verlag eingeschwenkt ist. Welch Drohung an Elsevier & Co – und welch Genugtuung für Horst Hippler: So oft ist er angeeckt, und jetzt ist es ausgerechnet seine Lust zu provozieren, die ihm die Sympathien der Szene zufliegen lässt. Manche Geschichten in der Wissenschaft sind so schön, die kann man sich gar nicht ausdenken.  

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Was hat Angela Merkel für die Forschung geleistet?

Ein Nature-Artikel pries vor der Wahl überschwänglich die Wissenschaftspolitik der Kanzlerin. Was ist dran an der Lobeshymne? Und was bleibt davon in den laufenden Jamaika-Sondierungen?

Angela Merkel bei der CeBIT-Eröffnung 2012. Foto: Ralf Roletschek/roletschek.at
Angela Merkel bei der CeBIT-Eröffnung 2012. Foto: Ralf Roletschek/roletschek.at

WENN MAN NATURE glauben darf, hat das deutsche Wissenschaftswunder einen Namen: Angela Merkel. Die promovierte Physikerin habe ihre DDR-Wurzeln nicht vergessen, schrieb das internationale Wissenschaftsmagazin kurz vor der Bundestagswahl, und ihre Herkunft habe sie zu der Erkenntnis geführt, wie grundlegend Bildung und Forschung für die Zukunft der Bundesrepublik sind. Wie genau Wurzeln und Wunder zusammenhängen, bleibt ein bisschen neblig in dem umfangreichen Dossier, dafür steht die Grundthese umso strahlender: die Kanzlerin als Garant wissenschaftlicher Prosperität.

 

Wie herausragend aber ist Deutschlands wissenschaftspolitische Bilanz tatsächlich, welchen Anteil hat Angela Merkel daran? Und: Was lässt sich daraus für die Zukunft ableiten? Fragen, die umso drängender werden angesichts der stockenden Jamaika-Sondierungen und der Nachricht, dass Union, Grüne und FDP aus lauter Streit über Klima und Zuwanderung am Donnerstagabend die Bildungspolitik und andere zentrale Themen erstmal vertagt haben. 

 

Die Bestandsaufnahme und wie positiv sie ausfällt, hängt entscheidend davon ab, mit wem man redet. Den Chefs von Max-Planck-Gesellschaft, Helmholtz-Gemeinschaft und Co, also der großen außeruniversitären Forschungsorganisationen, kommen die Lobeshymnen leicht über die Lippen: "Seit Bestehen der Bundesrepublik ging es Deutschlands Wissenschaft noch nie so gut wie heute", lautete einer der Textbausteine, die in keiner Rede fehlen durften, wenn die Kanzlerin oder ihre bisherige Wissenschaftsministerin Johanna Wanka in den vergangenen vier Jahren zu Besuch kamen. Kein Wunder, profitieren die außeruniversitären Einrichtungen und die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) doch seit 2005 von jährlichen Zuwächsen von zuletzt drei Prozent, garantiert im so genannten Pakt für Forschung und Innovation. Macht aktuell fast neun Milliarden Euro Grundfinanzierung pro Jahr, wovon der Bund 6,3 Milliarden spendiert.

 

Redet man dagegen mit Hochschulrektoren, hört sich die Beschreibung des Ist-Zustands anders an. Von maroden Hörsälen ist dann die Rede, von überlaufenen Vorlesungen und von der Frage, wie es weitergeht, wenn der so genannte Hochschulpakt nach 2020 ausläuft, über den der Bund zurzeit immerhin gut 2,4 Milliarden Euro pro Jahr für zusätzliche Studienplätze spendiert. Jüngst hat der Industriestaaten-Klub OECD gewarnt, trotz aller Bundeszuschüsse hätten die ohnehin klammen Hochschulen pro Student weniger Mittel zur Verfügung als noch vor einigen Jahren.

 

Golden die Forschung, grau die Hochschullehre: So könnte man die Lage beschreiben, und Angela Merkel kann sich an der Stelle hervorragend herausreden: Hochschulen sind eben Ländersache, und über den Hochschulpakt, die Exzellenzinitiative und diverse weitere Bund-Länder-Abkommen tut sie längst weit mehr, als sie müsste. Dann könnte die Kanzlerin noch mit demselben Recht anführen, dass sie den Etat des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt hat – und dass es nur so möglich wurde, die lang ersehnten drei Prozent Forschungs- und Entwicklungsanteil an der Wirtschaftsleistung pünktlich im Jahr vor der Wahl zu erreichen.

 

Stimmt alles und ist doch nicht einmal die Hälfte der Geschichte. Zu der gehört nämlich, dass der Pakt für Forschung und Innovation genau wie die Exzellenzinitiative beschlossen wurden, als nicht sie, sondern ihr Vorgänger Gerhard Schröder Kanzler war. Und was den damit verbundenen politischen Mut angeht: Schröders von seiner schlauen Wissenschaftsministerin Edelgard Bulmahn induziertes Bekenntnis zu Spitzenforschung stammte aus einer Zeit, die nicht geprägt war von Rekordüberschüssen im Bundeshaushalt, sondern vom Reißen der Maastricht-Kriterien. Als Pragmatikerin, die Merkel ist, war sie in der Lage, den Wert der Initiativen zu erkennen und, in Zusammenarbeit mit Bulmahns nicht weniger schlauen Nachfolgerin Annette Schavan, die Logik der Pakte fortzuführen und zu erweitern. Das IST eine Leistung, und das verdient Anerkennung.

 

Wenn Angela Merkel mit ihrer Wissenschaftspolitik allerdings mehr als Anerkennung verdienen möchte, wenn sie auf jene Verklärung aus sein sollte, von der Nature ihr einen Vorschuss gezahlt hat, dann liegt die wichtigste Bewährungsprobe noch vor ihr. US-Präsident Donald Trump fordert von Deutschland, deutlich mehr Geld in die Verteidigung zu investieren. Die familienpolitischen Wünsche von CSU und Grünen würden laut einer CDU-Schätzung, die Spiegel Online zitiert, 76 Milliarden Euro zusätzlich kosten. Womit, so die Berechnungen, der finanzielle Spielraum einer möglichen Jamaika-Koalition schon dahin wäre. Dabei sollen eigentlich auch – und zu Recht! – viele Milliarden zusätzlich in die Schulen fließen. Und schließlich steht, nachdem Bund und Länder den Irrtum des Kooperationsverbots zumindest in der Wissenschaft hinter sich gelassen haben, eine Neuordnung der Hochschulfinanzierung an.  

 

So werden die holprigen Sondierungsgespräche zu einem Vorgeschmack auf die anstehenden Weichenstellungen und zu einem Lackmustest auch für die Kanzlerin. Wird und kann Merkel, falls die Jamaika-Koalition zustande kommt, angesichts aller sonstigen Ausgabenpläne und trotz paralleler Steuersenkungsfantasien ihre erklärte Priorität für Bildung und Wissenschaft aufrechterhalten – selbst dann noch, falls doch irgendwann einmal die Konjunktur abkühlt und das ewige Steuerplus sich eines Tages womöglich in ein Minus verwandeln sollte? Wird sie dauerhaft in die Hochschulfinanzierung einsteigen und die Projektförderung beenden? 

 

Das deutsche Wissenschaftswunder beweist sich in den Hochschulen, und es beweist sich in den Koalitionsverhandlungen. Vor allem aber beweist es sich an dem Tag, an dem die Hochkonjunktur mal vorbei ist. Bis dahin bleibt über Merkels Wissenschaftspolitik vor allem eines zu sagen: Zusammen mit ihrem Vorgänger Gerhard Schröder hat sie es geschafft, die Wissenschaft aus der Nische politischer Bedeutungslosigkeit zu holen und international zum Strahlen zu bringen. Deutschland erscheint wieder modern und innovativ. Jetzt wird es darauf ankommen, dass die Realität dem Image folgen kann.

 

Dieser Text erschien zuerst auf Spektrum.de. Dies ist eine aktualisierte Fassung.

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Hidden Champions

Die Hochschulen im Süden und Osten Europas weisen überraschende Stärken auf, wenn man genau hinschaut.  Isabel Roessler vom Centrum für Hochschulentwicklung hat das getan.

Isabel Roessler. Foto: privat
Isabel Roessler. Foto: privat

Frau Roessler, eigentlich ist die Frage, die Sie in Ihrer aktuellen Studie bearbeiten, ziemlich naheliegend. Hat sie gewundert, dass sich noch keiner vor Ihnen an einer Antwort versucht hat?

 

Ein bisschen schon. Aber wir alle kennen das Phänomen von gefühltem Wissen, das keiner mehr hinterfragt. Wahrscheinlich ist genau das hier der Fall: Ein Vergleich der europäischen Hochschulregionen, denken womöglich manche, ist doch klar, was dabei rauskommt. 

 

Sie haben Europa nach den Himmelsrichtungen in vier Großregionen eingeteilt und die Performance der Hochschulen in diesen vier Regionen miteinander verglichen – auf der Grundlage der Daten, die im U-Multirank gesammelt werden. Und, kam denn etwas Überraschendes dabei raus?

 

Und ob. Dass die Unterschiede groß sind, das hatten wir erwartet, klar. Aber dass man eben nicht einfach sagen kann: Die im Norden und Westen, die sind gut, die im Süden und Osten dagegen schwach, das widerspricht dann doch weitläufigen Vorurteilen.  

 

Aber wenn wir uns die gängigen Hochschulrankings anschauen oder auch die Zahl der Nobelpreise, dann tauchen da ständig Universitäten aus Großbritannien, Skandinavien oder – mit Abstrichen – aus Deutschland auf. Um Griechenland, Russland oder Zypern zu finden, müssen Sie ziemlich weit runterscrollen in den Listen. 

 

Sie reden von der Forschungsleistung in der Grundlagenforschung. Aber Hochschulen haben noch mehr Aufgaben als nur die Forschung. Auch wenn manche das gelegentlich vergessen. Tatsächlich sind die Unterschiede bei der Forschung ja auch groß. 30 Prozent der westeuropäischen Universitäten gehören da laut U-Multirank zur Spitzengruppe, in Osteuropa sind es nur 10 Prozent. Wobei der Vorsprung in einer anderen Dimension noch gewaltiger ist: 45 Prozent der westeuropäischen Hochschulen sind in der Spitzengruppe bei der Internationalisierung, von den osteuropäischen nur 12 Prozent. >> 


U-Multirank geht in die Verlängerung

Isabel Roessler ist Senior Projektmanagerin beim Centrum für Hochschulentwicklung (CHE). Bevor sie dort 2007 anfing, war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fakultät für Sozialwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum. Eine Kurzfassung ihrer auf U-Multirank beruhenden Studie kann online unter diesem Link abgerufen werden.

 

Apropos U-Multirank: Lange Zeit war offen, wie es weitergeht mit dem Projekt, das die EU 2013 als nichtkommerzielle Alternative zu den Hochschulrankings vom Times Higher Education & Co initiiert hatte. Ende 2017 ist die Anschubfinanzierung vorbei, und die EU-Kommission will sich zurückziehen – aber nicht ganz. Zunächst bis Juni 2019 habe die Kommission weitere Mittel zugesagt, berichtet das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE), Konsortialführer von U-Multirank.

 

Der Preis war offenbar, dass sich künftig weitere Partner an der Finanzierung beteiligen. Konkret sind das die Bertelsmann-Stiftung, einer der Träger des CHE, und die Santander-Gruppe, die künftig auch die strategische Weiterentwicklung von U-Multirank verantworten sollen. 

 

Beim CHE heißt es, das  neue Finanzierungsmodell stelle sicher, "diesen internationalen Vergleich von Hochschulen und Fachbereichen weiterhin nicht-

kommerziell, sondern als Open Access Modell für Studierende, Hochschulen, Unternehmen und Regierungen anbieten zu können."

 

Der Einstieg von Bertelsmann und Santander und der kurze Förderzeitraum von zunächst anderthalb Jahren zeigt allerdings auch, dass die langfristige Existenz des Rankings, das kein Geld einbringt, noch nicht gesichert ist. 

 

Angelehnt an das CHE-Hochschulranking verzichtet U-Multirank auf plakative Bundesliga-Tabellen, die eine vorher festgelegte Gewichtung meist weniger Kriterien widerspiegeln. Die Logik von U-Multirank sei demgegenüber ein "multi-dimensionalen Ansatz", formulieren das CHE und die beiden niederländischen Konsortialpartner, das Center for Higher Education Policy Studies (CHEPS) an der Universität Twente und das Centre for Science and Technology Studies (CWTS) der Universität Leiden. Soll heißen: Die Hochschulen werden anhand von rund 30 Einzelindikatoren verglichen und dann in fünf Ranggruppen einsortiert – von „A“ (sehr gut) bis „E“ (schwach). Jeder Student und Interessant kann sich so seine persönliche Rangliste anhand der für ihn ausschlaggebenden Indikatoren zusammenstellen.

 

Wichtigste Datengrundlage ist eine Befragung von mehr als 100.000 Studenten an europäischen Hochschulen. 



>> Was heißt das immer mit „Spitzengruppe“? Was genau haben Sie da gemessen und wie? 

 

Das U-Multirank vergleicht insgesamt rund 30 Indikatoren, darunter Zitationsraten, Studienabsolventenquoten, Drittmitteleinnahmen oder auch der Anteil der Masterabsolventen, die in der näheren Umgebung der Hochschule einen Job annehmen. Diese Indikatoren sind nach fünf Dimensionen gruppiert, und zwar Forschung, Lehre, Wissenstransfer, Internationalität und regionales Engagement, wobei hier nicht die europäischen Großregionen gemeint sind, sondern die lokale Ebene. Und nun kann man alle europäischen Hochschulen nach ihrer Performance in fünf Leistungsgruppen einteilen, von herausragend bis mangelhaft, und zwar wiederum in jedem einzelnen Indikator.

 

Das heißt, eine Universität kann in der Forschung top sein und im lokalen Engagement mau?

 

Gut möglich. Wobei es gerade in Nord- und Westeuropa eine Reihe von Hochschulen gibt, die in allen Dimensionen gut abschneiden. Insgesamt aber beobachten wir, dass Nord- und Westeuropa vor allem bei der Internationalisierung ihrer Forscher und Studenten hervorstechen, bei der Forschung gar nicht mal so extrem. Die Hochschulen in Süd- und Osteuropa glänzen dafür mit ihrem regionalen Engagement. 

 

Wieso sind die Hochschulen im Norden und Westen internationalisierter?

 

Zum Beispiel weil sie über eine längere gemeinsame Geschichte beim Studierendenaustausch verfügen. Als das Erasmus 1987 begann, gab es elf Mitgliedsstaaten, die einen Austausch untereinander förderten: Belgien, Dänemark, Deutschland, Griechenland, Frankreich, Irland, Italien, Niederlande, Portugal, Spanien, Vereinigtes Königreich. Was Nord- und Westeuropa ebenso hilft, ist der Anteil englischsprachiger Studienprogramme. Am höchsten ist der in den Niederlanden, in Deutschland und Schweden. 

 

Ergibt eine Einteilung Europas in dieser groben Form nach Himmelsrichtungen überhaupt einen Sinn? Sind es nicht viel mehr einzelne Länder, deren Hochschulsysteme die Ergebnisse hoch- oder runterziehen?

 

Aber diese Hochschulsysteme sind nicht denkbar ohne die Regionen, in denen sie sich befinden. Die meisten Kooperationen in der Forschung zum Beispiel spielen sich innerhalb der europäischen Großregionen ab, darüber hinaus sind die Möglichkeiten schon aus rein praktischen Gründen beschränkt. Besonders eng vernetzt sind die skandinavischen Länder und steigern so die Zahl der Forschungspublikationen, die gemeinsam mit einem internationalen Partner geschrieben werden. 

 

Dass die ost- und südeuropäischen Hochschulen in der Forschung hinterherhinken, spricht das nicht schlicht und einfach für ihren Modernisierungsrückstand?

 

Nach dem Motto, wenn sie erstmal richtig ausgewachsen sind, sind sie auch gut in der Forschung und bei der Internationalisierung? Eben nicht. Ich glaube, wir müssen aufhören, unser eigenes Verständnis von Hochschule absolut zu setzen. Dass osteuropäische Hochschulen den Norden und Westen in Sachen Lehre überholen, ist genauso ein Ausweis ihrer Qualität. Und dass die Hochschulen in Südeuropa sich besonders für ihre nähere Umgebung engagieren, dass sie sich vernetzen mit der lokalen Wirtschaft und Gesellschaft, ist ebenfalls etwas, von dem wir lernen können. 

 

Dass die Universitäten gerade in Südeuropa Nachholbedarf haben, schon von ihrer Ausstattung her, ist doch unbestreitbar. 

 

Ja, und natürlich hat uns im Norden und Westen geholfen, dass hier dieses Humboldtsche Paradigma von Bildung durch Wissenschaft über Jahrhunderte so dominant war. Aber die Hochschulen in den wirtschaftlich schwächeren Ländern des Ostens und Südens haben parallel dazu ein ganz starkes Bewusstsein für die Bedürfnisse ihrer Regionen entwickelt. In Spanien zum Beispiel hat sich die Universität von Oviedo schon 1898 eine Satzung gegeben, die den Dienst für die Gesellschaft und Industrie formulierte.  

 

Was können wir im Norden und Westen von solchen Beispielen lernen?

 

In Bezug auf das regionale Engagement: sehr viel, gerade in unserer gegenwärtigen Debatte über Wissenstransfer. Denn im Technologietransfer sind wir schon ganz gut, aber der Austausch mit der Gesellschaft, das wissen wir alle, der stockt. Dass Osteuropa bei der Lehre so gut dasteht, ist vom Befund her komplizierter. Ich vermute, die viel traditionellere Studienstruktur inklusive der starken Verschulung erhöht die Abschlussquote. Inwiefern das ein Vorbild für uns sein kann, sollte man sich also genau anschauen. 

 

Mal ehrlich: Die Kernbotschaft ihrer Studie ist lautet, dass die Betrachtungsweise des U-Multiranks beispielhaft ist, oder? Geben Sie so viel Eigennutz zu?

 

Klar mache ich mit diesem Interview auch Werbung für U-Multirank. Aber nur, weil ich wirklich daran glaube, dass wir der Dritte Mission neben Forschung und Lehre mehr Aufmerksamkeit und Anerkennung zukommen lassen müssen. Und mit U-Multirank geht das. Wir müssen den Hochschulen in ihrer Unterschiedlichkeit die Gelegenheit geben, ihre jeweils besonderen Stärken zu zeigen. Und wenn das mit den Daten des U-Multiranks gelingt, ist das doch wunderbar. Allerdings ist ein Ranking am Ende wertlos, solange die Politik und die Gesellschaft als Ganzes nicht aufhören, die Hochschulen nach den paar gleichen klassischen Indikatoren zu bewerten. 

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"Da schreien im Augenblick viele"

KMK-Generalsekretär Udo Michallik über die Pläne, das Kooperationsverbot abzuschaffen, zur Legitimation von Kultusminister-Beschlüssen  – und über die Frage, welche Rolle er künftig für das KMK-Sekretariat sieht.

Foto: KMK
Foto: KMK

Herr Michallik, der Bildungsforscher Eckhard Klieme sagt, die Kultusministerkonferenz (KMK) sei zu klein, um eine Koordinatorenrolle in der Bildungspolitik zu übernehmen. Was antworten Sie als KMK-Generalsekretär?

 

Was mich an derlei Einwürfen gelegentlich stört, ist, wie die Begrifflichkeiten durcheinanderlaufen. Die KMK ist die Versammlung der Ministerinnen und Minister, die den Bildungs- und Wissenschaftsbereich verantworten. Die kann nicht größer oder kleiner sein, als zuständige Ministerien in den Ländern existieren. Dann gibt es das Sekretariat, das der KMK bei der Erfüllung ihrer Aufgaben hilft, das die länderübergreifende Kooperation der Länder koordiniert. 

 

Die Frage ist, ob das KMK-Sekretariat mehr sein sollte als eine Mini-Behörde, die Tagesordnungen von KMK-Sitzungen aufstellt und anschließend die Protokolle verschickt. 

 

Das Sekretariat ist viel mehr als das Schreibbüro, das Sie umreißen. Wir sind das Gedächtnis der Länder, wenn es um die Bildungsvorhaben der vergangenen 70 Jahre geht. Wir handeln längst eigenständig, wenn wir die Notwendigkeit dafür erkennen. Seit 2010 haben wir den Ländern immer wieder alte Beschlüsse und Empfehlungen vorgelegt, die unseres Erachtens an die Gegenwart angepasst werden mussten. Solches Verwaltungshandeln mag nach außen hin nicht immer spektakulär aussehen, aber wir leisten damit genau das, was Eckhard Klieme und andere fordern.  

 

Erst werfen Sie Klieme vor, die Begrifflichkeiten durcheinander zu bringen, dann stimmen Sie ihm zu?  

 

Moment. Klieme sagt, die KMK solle zusätzliche Aufgaben übernehmen. Das kann man so sehen. Aber dann wäre sie eine im Kern andere Organisation – so dass wir nicht über ein paar Stellen mehr fürs Sekretariat reden, sondern über die Grundfrage, was die KMK ist und sein sollte. 

 

Aber es gibt doch keinen Zweifel, dass die KMK mehr leisten muss. Wenn man im KMK-Sekretariat nach dem bundesweiten Stand bestimmter Schulreformen fragt, heißt es: „Entschuldigung, aber wir wissen auch nicht, wie die Situation in den einzelnen Ländern ist.“ Es kann nicht sein, dass Journalisten Artikel schreiben müssen, damit das eine Kultusministerium weiß, was das nächste macht.

 

Der Austausch der Länder findet auf anderer Ebene statt. Es gibt einen Schul- und einen Hochschulausschuss, wo die Länder sich sehr wohl gegenseitig informieren, und zwar nicht nur bei den einheitlichen Prüfungsanforderungen für das Abitur. Ihre Aufgabe, eine gewisse Vergleichbarkeit zwischen den Ländern herzustellen, erfüllt die KMK sehr gut. Aufgabe des Sekretariats ist es, die Länder bei ihren gemeinsamen Vorhaben zu begleiten. Das funktioniert seit Jahrzehnten richtig gut. >>


Udo Michallik

Der 49 Jahre alte CDU-Politiker ist seit 2011 Generalsekretär der Kultusministerkonferenz. Vorher war er fünf Jahre lang Staatssekretär im Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur von Mecklenburg-Vorpommern. Vor der Wende machte Michallik eine Ausbildung zum 

Maschinen- und Anlagenmonteur, von 1989 bis  1995 studierte er Geschichte, Politikwissenschaften, Soziologie und Germanistik. Seinen ersten Job nach dem Studium hatte er als wissenschaftlicher Mitarbeiter der CDU-Landtagsfraktion in Schwerin. 



>> Kritiker sagen, es sei mitunter einfacher, von einer belgischen auf eine nordrhein-westfälische Schule zu wechseln als von einer nordrhein-westfälischen Schule auf eine bayerische.  

 

Unsinn. Ich bin kein Freund der immerwährenden und gut gepflegten Behauptung, es gebe 16 unterschiedliche Bildungssysteme in Deutschland. Wenn man sich wirklich die Struktur der einzelnen Schulformen und Systeme anschaut, stößt man auf frappierende Ähnlichkeiten. Oft unterscheiden sich nur die Bezeichnungen, was zugegebenermaßen nicht ideal ist. Aber es gibt Koordination an allen Ecken und Enden, sei es zur Frage, in welcher Klasse der Fremdsprachenunterricht beginnen sollte oder welche naturwissenschaftlichen Fächer in der Sekundarstufe dran sind. Aber das Ganze hat auch Grenzen, die nicht wir setzen.

 

Welche Grenzen meinen Sie?

 

Bildungspolitik ist nicht nur das, was die Ministerien machen, sondern wesentliche Rahmenbedingungen werden durch die Landtage bestimmt und mitunter gegen die Kultusministerien durchgesetzt. Insofern ist es falsch, immer nur auf die Beamten und Fachminister zu schimpfen. 

 

Müsste die Bildungspolitik nicht genau aus diesem Grund die KMK mit mehr Befugnissen ausstatten? Bei den Verhandlungen um den Digitalpakt drängte sich der Eindruck auf, dass der Bund die Länder nicht wirklich als gleichberechtigtes Gegenüber akzeptiert. 

 

Die Länder verwalten ein Bildungsbudget von insgesamt über 100 Milliarden Euro im Jahr. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) kommt auf 19 Milliarden. So viel zur Augenhöhe. Wenn das BMBF mit großer Geste ein projektbezogenes Programm in die Welt setzt, müssten wir dem als KMK eigentlich jedes Mal entgegensetzen, was die Länder und Kommunen überall an Leistung erbringen. Und zwar an jedem Tag, in jedem Jahr, um das System am Laufen zu halten. 

 

Warum tun Sie es nicht?  

 

Ich sage es doch. Aber es ergibt keinen Sinn, ständig einen Gegensatz oder sogar eine Hierarchie zwischen Bund und Ländern zu konstruieren. Das BMBF ist bei der KMK permanenter Gast, sowohl in der Konferenz der Amtschefs als auch beim Treffen der Minister. Der Bund ist über alles, was die Länder machen, im Detail informiert. Manchmal wünschte ich mir, dass wir genauso gut Bescheid wüssten über das, was der Bund vorhat.

 

Um die eigentliche Frage schleichen Sie sich herum. Ob Abitur, Bildungsstandards oder Digitalpakt: Überall sehen wir den Trend hin zu mehr Harmonisierung, auch weil die Mehrheit der Menschen dies seit Jahren mit großem Nachdruck fordert. Aber verstehen die Länder auch, dass Sie dafür mehr Personal brauchen? 

 

Jetzt riskiere ich meinen Hals. Nein im Ernst, ich sage mal: Auf der Bildungsseite sehe ich das Bemühen, das Sekretariat so auszustatten, dass es den zusätzlichen Aufgaben nachkommen kann. Wir haben eine eigene Abteilung eingerichtet, die für die verstärkte Koordination verantwortlich ist, was die Qualität im Schulwesen und die Bildungsstandards angeht. Insofern: Klar, wir könnten besser ausgestattet sein, das würde den Druck von den einzelnen Mitarbeitern nehmen. 

 

Sie haben jetzt nur von „der Bildungsseite“ gesprochen...

 

In der Tat. Was ich mir wünsche, ist ein größeres Verständnis auf der Finanzseite. Es liegt im Interesse der Länder, was wir hier machen, so dass es nett wäre, wenn die Finanzpolitiker nach zehn, 15 Jahren auch mal sagen würde: Das haben die gut gemacht in der KMK, sie haben den Aufgabenzuwachs gut bewältigt, und jetzt begleiten wir das mit den nötigen Ressourcen. 

 

Wie viele Mitarbeiter hat die KMK Stand heute?

 

Wir sind 314 Mitarbeiter, von denen der Großteil in der Zentralstelle fürs ausländische Bildungswesen arbeitet, unserer größten Serviceeinrichtung. Und an der Stelle muss ich die Finanzpolitik loben: Angesichts der zunehmenden Migration war die Bereitschaft groß, uns die nötigen Stellen zu geben, damit wir mit der Anerkennung der ausländischen Bildungsabschlüsse hinterherkommen. 

 

Das ist nett. Aber wie viele von den 314 Leuten beschäftigen sich mit der Koordination in der Bildungspolitik?

 

Im sogenannten Kernbereich sind es 102. 

 

Das waren schon mal mehr, oder? 2004 forderte der damalige niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulf (CDU) die Auflösung der KMK. In der Konsequenz blieb das Sekretariat erhalten, musste aber seine Stellen reduzieren. 

 

Das ist richtig. 1996 waren wir 124 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Kernbereich. Die verlangte Stellenreduzierung hat in der politischen Koordinierung ganz schön eingeschlagen.  

 

Als Alternative zum Ausbau der KMK wird die Wiederbelebung des Bildungsrates diskutiert – als Pendant zum Wissenschaftsrat, der seit Jahrzehnten die Rolle als Think Tank für Wissenschaft und Hochschulen spielt.  

 

Und dann? Wer übernimmt am Ende des Tages die Entscheidung für die schönen Ideen, die im Wissenschaftsrat entstehen? Warum ist denn der Bildungsrat in den 70er Jahren gescheitert? Wir befinden uns gerade nicht in einer Situation, in der uns die bildungspolitischen Konzepte und Ansätze fehlen. Am Ende des Tages aber sind es immer wieder die Minister, die vor die Parlamente treten und Verantwortung übernehmen müssen für das, was in den Schulen passiert. Das macht kein Bildungsrat. Der muss sich auch nicht dem Votum der Wähler stellen und wird nicht, wie gerade in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen geschehen, im Zweifel abgewählt. 

 

Haben Sie gerade dem Wissenschaftsrat sein Existenzrecht abgesprochen? 

 

So schnell führen Sie mich nicht aufs Glatteis. Der Wissenschaftsrat bewegt sich in einem anderen Umfeld. Seit Beginn der 2000er Jahre wurden die Hochschulen zunehmend in die Autonomie entlassen, was die Rolle der Länder in der Steuerung komplett verändert. Darin sehe ich eine neue und andere Legitimation des Wissenschaftsrates, der Politik Empfehlungen an die Hand zu geben, damit die Hochschulen grundsätzlich in den richtigen Bahnen laufen. In der Schulpolitik dagegen benötigen wir eine Feinsteuerung, und die wird ein Bildungsrat nie und nimmer leisten können. 

 

Sie sagen mit Recht, der Bildungsrat hätte keine faktische Macht. Mit demselben Argument hat Mecklenburg-Vorpommerns ehemaliger Kultus- und jetziger Finanzminister Mathias Brodkorb (SPD) wiederholt die Legitimation der KMK in Frage gestellt, nach dem Motto: Eure Beschlüsse sind juristisch gesehen komplett wertlos. 

 

Nicht insofern, dass mit gemeinsamen Beschlüssen auch eine Akzeptanz und Anerkennung untereinander verbunden ist. Schert man hier aus, stellt man diesen Konsens in Frage. Wertlos sind unsere Beschlüsse sicher nicht, ganz im Gegenteil! Wer sich die Mühe macht, genauer hinzuschauen, wird zu einem anderen Ergebnis kommen.

 

Nämlich?

 

Die KMK hat Ende vergangenen Jahres ihre Strategie für die Bildung in der digitalen Welt verabschiedet – in einem selten offenen und konstruktiven Prozess. Was zeigt, dass Erfolg auch immer von Personen abhängt und von solchen, die nicht mehr dabei sind. Die Generation von Ministern und Staatssekretären, die jetzt die Geschäfte bestimmen, ist eine andere als jene, die viele von uns noch von früher kennen. Viele der Neuen glauben an Transparenz, an Partizipation. Wir sind als Politik darauf angewiesen, den Rat von Experten in Kommissionen und Anhörungen einzuholen. Das schafft Vertrauen und Legitimation. 

 

Das ist schon sehr positiv gezeichnet. Die Art, wie die Digitalstrategie zustande kam, ist deshalb so gelobt worden, weil sie die Ausnahme war. 

 

Mag sein, aber muss der KMK zugestehen, dass sie eine lernende Institution ist. 

 

Aber hat die Debatte um den neuen Staatsvertrag zur Akkreditierung oder der Streit ums Diplom nicht genau jene mangelnde Verbindlichkeit gezeigt, die Brodkorb und andere kritisieren?

 

Den Einwand kann ich nicht nachvollziehen. Es gibt da also ein Land, dessen Minister gesagt hat: Ich akzeptiere nicht, was meine Vorgänger Ende der Neunziger Jahre mit den anderen Ländern ausgehandelt haben, im Zuge der Bologna-Studienreform und der gemeinsamen Strukturvorgaben. Und derselbe Minister wirft dann der KMK mangelnde Verbindlichkeit vor, obgleich seine 15 Kollegen sich der Staatsräson stellen und sagen: Damals haben unsere Vorgänger etwas vereinbart, und daran halten wir uns jetzt. 

 

Die Kraft der Kultusministerkonferenz ist also eine normative, keine formaljuristische?

 

Es ist eine normative Kraft, und das ist das Entscheidende. Genau deshalb sind die Empfehlungen zur Bildung in der digitalen Welt so gut, so wegweisend geworden. Weil die Experten beteiligt wurden. Weil man sich dann die Kultusministerien darauf verständigt haben und weil nun in allen Ländern die Beamten an ihren Bildungsplänen sitzen, um sie an die Strategie anzupassen. Das System KMK funktioniert. Punkt. 

 

Warum kapieren das dann so wenige?

 

Weil es etwas Anderes ist, ob ich irgendwo zwei Sätze zur Erklärung sagen darf oder die Zeit und den Raum bekomme, das Wirken der KMK zu erklären. Das geht dann eben in eine Tiefe, in eine Komplexität, die zu vereinfachen schwer ist. Aber notwendig. 

 

Wo würden Sie sich diese Differenzierung noch wünschen?

 

Besonders anstrengend finde ich die Debatte beim Abitur. Beim Aufgabenpool. Es ist nicht so wichtig, dass am Ende alle Schüler genau die gleiche Prüfung schreiben. Wir wollen kein Bundeszentralabitur. Es kommt darauf an, dass alle Schüler vom Schwierigkeitsgrad eher vergleichbare Aufgaben lösen müssen. 

 

Einverstanden. Aber selbst diese vergleichbaren Aufgaben machen nur ein Drittel der gesamten Abiturnote aus, den Großteil der Zensuren verdienen sich die Abiturienten in den zwei Jahren vorher.

 

Auch da entfaltet sich die normative Wirkung, weil die Lehrer merken: Das ist jetzt der Standard. Man könnte sagen: Über den Abituraufgabenpool kommen die Bildungsstandards in der gymnasialen Oberstufe an. Und anstatt das zu loben, wird von einem aufgebrochenen Safe in Baden-Württemberg berichtet oder von einer Lehrerin, die ihren USB-Stick liegen gelassen hat. 

 

Den Anstoß zum Aufgabenpool gab gar nicht die KMK, sondern gerade mal eine Handvoll Bundesländer, die sich vor acht Jahren in Eigenregie verabredet hatten. 

 

Eine Handvoll unionsregierter Länder, zu dem Mecklenburg-Vorpommern gehörte, in dem ich damals der zuständige Staatssekretär war. Aber das ist wieder ein schräger Vorwurf. Wenn ein paar Länder, die in der KMK sind, sich zusammensetzen und eine gemeinsame Initiative starten, dann ist das die KMK.

 

Ist es nicht peinlich fürs KMK-Sekretariat, wenn solche Entwicklungen von außen kommen, anstatt von ihm gestartet zu werden?  

 

Ich weiß nicht, wie sie darauf kommen. Das ist nicht peinlich, schließlich ist das Sekretariat ein Dienstleister für die Länder, aber Sie sprechen da einen wichtigen Punkt an. Die KMK will Bildungspolitik erfolgreich gestalten und geht dabei auch neue Wege: Der Vergleich mit unserer kanadischen Schwesterorganisation, dem Council of Ministers of Education, Canada (CMEC), zeigt, dass man vielleicht nicht immer darauf warten muss, bis alle 16 Bundesländer sich auf ein Projekt einlassen, sondern dass durchaus drei, vier Länder etwas Neues ausprobieren können und sollen. Das passiert in der Realität ja längst. Eine ganz und gar einheitliche Lösung ist nicht immer die bessere Lösung. Das ist die Idee des Bildungsföderalismus.

 

In den Parteien sind die Schriftführer oft die mächtigsten Leute.

 

„Wer schreibt der bleibt“, ja, ja. Aber Sie dürfen nicht vergessen, dass ich als Generalsekretär zwischen den Stühlen sitze. Da sind, sage ich jetzt mal 16 Minister. Oder eigentlich 30, wenn man pro Land von eher zwei ausgeht.   Sie brauchen als Generalsekretär also ein funktionierendes Verständnis des Systems, wo sie mit Erfahrung und im Vertrauen Dinge bewegen können. 

 

Eckhard Klieme fordert, das Kooperationsverbot zu lockern – nicht aus finanziellen, sondern aus inhaltlichen Gründen. Zu Recht? 

 

Da schreien im Augenblick viele. Im Grundgesetz steht aber gar nicht, ihr dürft in diesen oder jenen Bereichen nicht zusammenarbeiten. Da ist nur explizit formuliert, wo eine Zusammenarbeit zwischen Bund und Ländern auf jeden Fall vorgesehen ist und wie die dann auszusehen hat. Die Frage, die bislang keiner beantwortet: Wie genau sollte denn so eine Grundgesetzänderung aussehen? Ich wüsste gar nicht, wie ich ein Verbot aus der Verfassung rausnehmen kann, das gar nicht drinsteht. 

 

Was ist die Alternative?

 

Beim Digitalpakt geht es auch ohne Grundgesetzänderung. Der Bund sagt: Ich mache einen Digitalpakt, und als Gegenleistung müsst ihr Länder nachweisen, dass ihr die Ziele, die ihr euch selbst in eurer Digitalstrategie gesetzt habt, wirklich erreicht. Am Ende läuft es wie eigentlich immer auf die eine Frage heraus: Ist Geld zum Ausgeben da? Wenn ja, wird man sich einigen, wie man es ausgibt. So einfach ist das. 

 

Der Digitalpakt ist, wenn er denn kommt, eine Einmal-Investition. Das ist etwas Anderes als mehr Dauermittel für die Schulen. 

 

Okay, dann lasst uns über mehr Umsatzsteuerpunkte für die Länder reden. Auch dafür müssten wir nicht das Grundgesetz ändern. 

 

Ein alter Vorschlag, dem wird der Bund entgegenhalten wird, dass es jetzt nach diversen Reformen der Bund-Länder-Finanzen mal gut ist. Zumal jedes Mal, wenn der Bund den Ländern Geld für Bildung gegeben hat, zuletzt beim Bafög, sie es zumindest teilweise nicht für Bildung verwendet haben. 

 

Ich weiß, dass das theoretisch dem sogenannten Gesamtveranschlagungsprinzip der Haushalte widerspricht, aber ich stelle mir vor, dass sich die Bundeskanzlerin und Ministerpräsidenten hinsetzen und ausmachen: Es gibt Geld nur über den Nachweis der zweckgebundenen Mittelverwendung. Und ich bin sicher, dass es genug schlaue Leute gibt, die dazu die rechtliche Lösung liefern. Beim Dresdner Bildungsgipfel hat das mit einer außergewöhnlichen Verständigung auch an vielen Stellen gut geklappt. 

 

An anderen Stellen aber weniger gut.  

 

Wie auch immer. Wenn wirklich mal einer ausbuchstabieren würde, was passiert, wenn der Bund mehr inhaltliche Kompetenzen in der Schulpolitik bekäme, dann wäre es ohnehin schnell vorbei mit der Begeisterung für mehr Zentralismus.

 

Warum? 

 

Weil dann die Leute bei allem, was nicht funktioniert, bei der Schulverwaltung fragen würden: „Warum ändert ihr es nicht?“ Und die Antwort würde lauten: „Da müssen wir erst in Berlin nachfragen.“ Keiner will doch diese Unmittelbarkeit aufgeben, die der Föderalismus mit sich bringt. Schon wenn ich mir ein großes Land anschaue wie Nordrhein-Westfalen mit mehr als 6000 Schulen, dann ist das eine echte Herausforderung, das am Laufen zu halten. Nein, eine Bundesbildungsbehörde würde dem Anspruch, das weltbeste Bildungssystem zu kreieren, fundamental widersprechen.


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An der richtigen Stelle mutig

Der Wissenschaftsrat fordert längst überfällige Veränderungen bei wissenschaftlichen Begutachtungen. Die meisten seiner Vorschläge sind behutsam – aber zwei Ideen stechen heraus.

Foto: Titelseite des Positionspapiers
Foto: Titelseite des Positionspapiers

DER WISSENSCHAFTSRAT hat es nicht so mit großen Worten. Kann er auch nicht, denn Ausgleich und Ausgewogenheit sind Teil seiner DNA (siehe Kasten). Entsprechend getragen-unspektakulär und auch ein bisschen langatmig kommt daher, was das Beratungsgremium heute Mittag verkündet hat. Im ZEITChancen Brief hatte Wissenschaftsratsvorsitzende Martina Brockmeier am Morgen bereits einen rhetorischen Vorgeschmack gegeben: "Mit einer Mischung aus behutsamen Veränderungen und mutigen Experimenten sollte es uns gelingen, das Begutachtungswesen krisenfest für die Zukunft zu machen", schrieb sie. Doch sollte man sich von solch gesetzten Worten nicht täuschen lassen.

 

Einige der im heute veröffentlichten Wissenschaftsrats-Positionspapier (kreativitätsbefreiter Titel: "Begutachtungen im Wissenschaftssystem") enthaltenen Ideen mögen für sich gesehen nicht vom Hocker reißen, so neu sind sie nicht. Ihre Außergewöhnlichkeit indes besteht darin, dass sie erst in ein Papier des Wissenschaftrates geschrieben und dann auch nicht herausgestrichen wurden, als dessen Vollversammlung Ende der vergangenen Woche abschließend über sie befand. Was das Papier am Ende doch fast spektakulär werden lässt. 

 

Das hat sehr viel mit Brockmeier selbst zu tun. Wer die Agrarökonomin kennt, weiß, dass sie beim Thema Begutachtungen durchaus Leidenschaft entwickelt. Es ist ihr Thema – das Thema, das sie seit vielen Monaten verfolgt hat und auch als erstes nannte, wann immer sie bei ihrer Wahl zur Wissenschaftsratsvorsitzenden im Januar 2017 nach ihren zentralen Vorhaben gefragt wurde. Brockmeier stört sich an dem, wie sie damals sagte, "Gejammer" über das System, das häufig einhergehe mit der Weigerung, wirklich etwas zu ändern. Das Paradox, das sie beobachtet: Auf der einen Seite forderten alle kürzere und effizientere Begutachtungen, auf der anderen Seite wolle keiner eine Vereinfachung bei den Kriterien. >>


Die DNA des Wissenschaftsrates

Bei der Gründung des Wissenschaftsrates 1957 gingen Bund und Länder auf Nummer sicher, dass das Gremium keine einseitig-kontroversen Empfehlungen produzieren würde. Lieber etwas weniger mutig, dafür aber realisierbar sollten die Ideen sein. Entsprechend ist der Wissenschaftsrat in zwei Kammern unterteilt, die ohne einander keine abschließenden Entscheidungen treffen können. 

 

Der wissenschaftlichen Kommission mit ihren 24 Wissenschaftlern und acht "Personen des öffentlichen Lebens" (wissenschaftsintern gern liebvevoll "die Außerirdischen" genannt) steht die Verwaltungskommission gegenüber, in der je ein Vertreter pro Landesregierung und sechs Entsandte der Bundesregierung sitzen, wobei letztere 16 Stimmen zu vergeben haben.

 

Wissenschaftliche und Verwaltungskommission kommen also auf jeweils 32 Stimmen, zusammen bilden sie die

Vollversammlung, in der Beschlüsse mit Zweidrittelmehrheit fallen müssen. Also: Will eine Kammer etwas durchsetzen, muss sie stets auch Mitglieder der anderen überzeugen.

 

Die Vorsitzenden des Wissenschaftsrates stammen stets aus der Wissenschaft, ihnen wird besonderes diplomatisches Geschick abverlangt.

 

Den Hang des Wissenschaftsrates zu umfassenden, ausgewogenen Äußerungen erkennt man schon an der Länge seiner Empfehlungen: Oft umfassen sie hundert Seiten und mehr, was ihre öffentliche Diskussion erschwert. Deshalb hat der Wissenschaftsrat vor einiger Zeit das Format des "Positionspapiers" eingeführt, das kürzer, prägnanter, zugespitzter sein soll. Die Äußerung zum Begutachtungssystem ist ein solches Positionspapier – wobei das mit der Prägnanz relativ ist. Das Papier umfasst inklusive Anhang immer noch 35 Seiten. 



>> Das Positionspapier, das unter Brockmeiers Leitung entstand, ist die Antwort des Wissenschaftsrates auf diese von vielen empfundene Legitimationskrise der Begutachtung, seine Auseinandersetzung mit der Gretchenfrage des Systems: Wie hältst du es mit dem Aufwand? Stimmt es wirklich, dass die Begutachtungen immer zeitraubender werden und die Gutachter immer stärker überlastet sind, und wenn ja, was kann man dagegen unternehmen?

 

Im Papier heißt es dazu: Immer mehr Organisationen suchten "Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler für Begutachtungen und stehen dabei untereinander häufig in Konkurrenz um die Ressource Gutachter." Zudem habe die Nachfrage nach Begutachtungen in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen, was der Wissenschaftsrat vor allem auf den Trend zu Drittmitteln und Wettbewerben wie der Exzellenzstrategie, aber auch auf die neuen Formen der Nachwuchsförderung mit Zwischenevaluationen (Juniorprofessur und Tenure Track) zurückführt – bei gleichzeitigem quantitativen Wachstum des Wissenschaftssystems (der Pakt für Forschung und Innovation lässt grüßen). 

 

Was das Problem verschlimmert: Die wachsende Zahl der Begutachtungen, so der Wissenschaftsrat, werde nicht gleichmäßig von den Wissenschaftlern übernommen. Die "verfügbaren Daten" deuteten darauf hin, "dass etwa zwei Drittel des Personals wenig und ein Drittel mittel bis hochaktiv gutachtend tätig sind, wobei eine kleine Personengruppe in besonderem Umfang Begutachtungsaufgaben wahrnimmt." Was auch logisch ist: Wer zuverlässig gute Arbeit macht, wird von Zeitschriftenredaktionen und Förderorganisationen gern wieder angefragt. Kein Wunder, dass die Betroffenen irgendwann stöhnen. 

 

Ein Missverhältnis, das Brockmeier schon länger umtreibt. Nicht die Menge der Begutachtungen sei das eigentliche Problem, sagte sie im Januar, sondern dass die immer gleichen Aktiven an ihrer Entstehung beteiligt seien. „Wir müssen sehen, wie wir mehr Wissenschaftler einbeziehen, und ganz besonders, wie wir mehr junge Kolleginnen und Kollegen dazu befähigen, bei Begutachtungen mitzuwirken.“

 

Entsprechend fordert das Positionspapier eine Professionalisierung" oder, anders formuliert, "das Begutachten (zu) unterstützen". Informationsangebote für neue Gutachter sollten ergänzt werden "durch ein transparentes Mentoring" mit erfahrenen Gutachtern, durch "regelhafte" Rückmeldungen an Gutachter sollen Lerneffekte ermöglicht werden. Und so geht das weiter: mehr Transparenz im Begutachtungsprozess, effizientere Verfahren, eine passgenaue Auswahl der Gutachter. Alles richtig, alles nicht wirklich neu.

 

Deshalb nun zu den Ideen, die, obgleich ebenfalls nicht neu, deutlich innovativer sind. Die, und das macht sie wirklich besonders, es trotz ihres Innovationsgrades in ein Papier des Wissenschaftsrates geschafft haben. Sie verbergen sich in einem einzigen Absatz auf Seite 26.

 

Ein Absatz, den man sich ganz genau durchlesen sollte. Er beginnt mit einer wissenschaftsratstypisch diplomatischen Bestandsaufnahme: Von "Vorwürfen" des "Mainstreamings" ist dort die Rede, soll heißen: Wer Projektideen hat, die weit weg sind von dem, was die Gutachter selbst machen, hat bei Förderanträgen oft geringere Chancen – nicht aufgrund der Qualität, sondern weil die Gutachter dem Ungewöhnlichen tendenziell misstrauen. Dieses Mainstreaming beschreibt der Wissenschaftsrat als "Folge risikoscheuer, strukturkonservativer oder bestimmte Denkschulen stützender Begutachtungen". So vorsichtig und distanziert die Problembeschreibung, so konkret und mutig sind die zwei Vorschläge, die dann folgen.

 

Erstens: Wenn die Zahl der Antragsteller sehr hoch liege und damit die zu vergebenden Fördermittel sehr knapp, "könnte ein Teil der förderungswürdigen Anträge nach einer Zufallsauswahl gefördert werden." Ja, Sie haben richtig gelesen. Der Wissenschaftsrat fordert ein Losverfahren, obgleich Brockmeier selbst diesen Begriff offiziell nie benutzen würde – vermutlich weil sie die Entwertung der Idee fürchtet (Losverfahren=Lotterie). Wobei selbst eine abfällige Intonation des Wortes "Lotterie" eigentlich nur von denen kommen dürfte, die das dahinterliegende Potenzial entweder nicht begriffen haben oder eben zu den vom Wissenschaftsrat erwähnten "strukturkonservativen Denkschulen" gehören. Wie wirkungsvoll eine Zufallsauswahl tatsächlich sein könnte, hatte hier im Blog vor über einem Jahr der Münchner Professor Klaus Diepold skizziert.

 

Idee zwei des Wissenschaftsrats: "Werden Leistungen oder Anträge uneinheitlich bewertet..., könnte... Auswahlkommissionen ein effektives Sondervotum (auch wild card) eingeräumt werden". Ein "effektives Sondervotum"? Als habe den Wissenschaftsrat am Ende des einen Absatzes der Mut schon wieder verlassen, führt er seine Idee nicht weiter aus. Gemeint ist aber vermutlich folgendes: Wenn ein einzelner Gutachter im Gegensatz zur Mehrheit der Meinung ist, dass ein Projektantrag besonders gut und förderwürdig sei, dann kann er in Ausnahmefällen die Förderung allein durchsetzen. Alternativ könnte die wild card auch zum Einsatz kommen, wenn mehrere Gutachter ein Forschungsvorhaben als zu risikoreich beurteilen, weil es sich nicht ohne Weiteres einschätzen lässt in seinem Potenzial und seinen Erfolgsaussichten. Woraufhin die Gutachter sagen könnten: Geben wir dem Antragssteller einfach mal die Chance. 

 

Losverfahren und wild cards – sage noch mal jemand, der Wissenschaftsrat traue sich nichts. Spannend ist, ob die Deutsche Forschungsgemeinschaft und andere öffentliche Förderorganisationen sich trauen werden, die Vorschläge aufzugreifen. Sie zumindest mal, wie Martina Brockmeier sagt, "mit einem kleinem Budget" auszuprobieren, um dann, wie der Wissenschaftsrat ebenfalls anregt, die "Experimente" systematisch auszuwerten. Damit sie es tun, brauchen wir erst einmal eine Debatte über diese halb vergrabenen mutigen Ideen des Wissenschaftsrates.

 

Brockmeier selbst hat sie bereits eröffnet heute mit ihrem Beitrag im ZEITChancen Brief, indem sie die Vorschläge von Seite 26 ganz nach vorn gezogen hat. Jetzt müssen andere ihr nur noch helfen, den nötigen Erwartungsdruck zu erzeugen. 

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Ungeliebte Lückenfüller

Stiftungen und Verbände veröffentlichen eine Bildungsstudie nach der anderen. Anstatt sie für ihr Einflussnahme zu kritisieren, sollten wir lieber die Kultusminister fragen: Warum sorgt ihr nicht selbst für die nötigen Evaluationen?

VERGANGENE WOCHE war es wieder soweit. Da verkündete die Bertelsmann-Stiftung: „Das kostet gute Ganztagsschule für alle“ und listete die Ausgabenposten auf: 2,8 Milliarden Euro pro Jahr für zusätzliches Personal, dazu 15 Milliarden Investitionen in Gebäude und Infrastruktur, immerhin nur einmal. 

 

Ein Rauschen ging durch den Blätterwald, den analogen wie den digitalen, Politiker aller Parteien gaben zu Protokoll, dass Bildung nun aber wirklich und besonders in einer eventuellen Jamaika-Koalition ganz oben auf die Agenda gehöre. 

 

So ist das meistens. Eine Stiftung, ein Verband, manchmal auch ein Unternehmen veröffentlicht eine neue Studie mit Zahlen zur bildungspolitischen Lage an Kitas, Schulen oder Hochschulen, beziffert wie zuletzt ebenfalls die Bertelsmann-Stiftung den Lehrermangel oder lässt wie die Kindermoden-Marke Jako-o Forscher untersuchen, wie Eltern von schulpflichtigen Kindern die Verteilung der Bildungschancen wahrnehmen. Und die Kultusminister beeilen sich zu versichern: Sind wir dran, wir kümmern uns. 

 

Oft vermischt sich die Entrüstung über die berichteten Missstände mit einem wachsenden Misstrauen gegenüber den Auftraggebern der Studien. Ein Medienkonzern wie Bertelsmann, heißt es dann, mache immer mehr Umsatz mit seinen Bildungsprodukten, da müsse doch ein Interessenkonflikt bestehen. Was die Stiftung regelmäßig zurückweist und die strikte Trennung der Themenfelder betont. >>



>> Das Kernproblem ist ohnehin ein anderes. Es sei ein unbefriedigender Zustand, sagte neulich der Bildungsforscher Eckhard Klieme in einem Interview, dass zentrale Bildungsfragen „eher zufällig, zersplittert und damit ineffizient“ untersucht würden. Denn ob Bertelsmann-Stiftung & Co aus Eigennutz handeln oder im Interesse der Gesellschaft: Fest steht, dass ihre Studien meist von hoher wissenschaftlicher Qualität sind und nur deshalb solche Beachtung finden, weil die Bundesländer selbst die Nachfrage nach verlässlichen, regelmäßigen und unabhängigen Evaluationen nicht befriedigen. 

 

Und hier spreche ich nicht von Bildungsstandards und der Frage, ob die Schüler sie erreichen. Hier gibt das von der Kultusministerkonferenz gegründete Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) längst die nötigen Antworten – und löst wie zuletzt vor zehn Tagen mit seinem „Bildungstrend“ auch die nötigen Debatten aus. Aber warum existiert keine öffentliche Organisation, die das Bildungssystem als Ganzes in den Blick nimmt und dann die Wirkung einzelner bildungspolitischer Maßnahmen, vom Frühenglisch bis zur Einschulung mit fünf, systematisch und bundesweit untersuchen lässt? Warum hängt unser Wissen meist davon ab, ob sich gerade eine Stiftung für dieses oder jenes Thema stark macht?  

 

Bei den Koalitionsverhandlungen wird es um viel Geld gehen, auch um Geld, das der Bund womöglich in die Schulsysteme der Länder pumpen soll. Vielleicht müsste der Bund verlangen: Nur wenn ihr im Gegenzug systematische Evaluationen einführt. Bis dahin sollten wir den Verbänden und Stiftungen dankbar sein, dass sie versuchen, die von den Kultusministern verantwortete Lücke zu füllen. 

 

Dieser Beitrag erschien heute zuerst in meiner Kolumne "Wiarda will's wissen" im Tagesspiegel.

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"Das Problem ist die Professorenmehrheit"

Warum nicht nur Hochschullehrern die Wissenschaftsfreiheit zusteht und Verfassungsrichter aufpassen müssen, in Sachen von Wissenschaft nicht von sich auf andere zu schließen. Ein Interview mit Josef Lange.

Foto: Pius-Hospital Oldenburg
Foto: Pius-Hospital Oldenburg

Herr Lange, Sie waren Mitglied einer Arbeitsgruppe, die für das Forum Hochschulräte ein Positionspapier erarbeitet hat, Überschrift: „Wissenschaftsfreiheit durch Checks und Balances“. Kritiker der Hochschulräte sagen, gerade deren Übermacht habe dafür gesorgt, dass die Machtbalance an den Hochschulen überhaupt erst aus dem Gleichgewicht geraten sei.

 

Was natürlich Unsinn ist. Wir erleben die gegenteilige Tendenz an den Hochschulen: ein Rollback, das uns zwar nicht in die Zeit vor 68 zurückführt, sehr wohl aber gefährlich nah heran an die damalige Ordinarienuniversität. Nicht starke Hochschulräte sind zurzeit das Problem, erst recht nicht starke Rektorate. Das Problem ist die Rückkehr der so genannten Professorenmehrheit, die alle Geschicke der universitären Entwicklung lenken soll. 

 

Wieso die Rückkehr? Die Verfassungsgerichtsurteile, die in den 70er Jahren die Professorenmehrheit festlegten, sind doch nie aufgehoben worden. 

 

Wir haben aber zwischenzeitlich eine Phase erlebt, in der sich die Governance der Hochschulen entsprechend den Anforderungen der Wissenschaft weiterentwickelt hatte. Das war auch die Zeit, in der die Hochschulräte entstanden, als überwiegend extern besetzte Beratungs- und Entscheidungsinstanz an den Hochschulen. 

 

Gesponsert von Stifterverband und Heinz-Nixdorf-Stiftung haben sich die Hochschulräte in besagtem Forum organisiert. Was passiert da eigentlich? 

 

Wir treffen uns, zweimal im Jahr, und sprechen über aktuelle Herausforderungen für die Hochschulen und ihre Handlungsfähigkeit. Nach dem Urteil des Verfassungsgerichtshofs Baden-Württemberg vom vergangenen Herbst hatten wir das Gefühl, es ist Zeit, einen Gegenakzent zu setzen. Gegen den Tenor des Urteils, das den Professoren noch mehr Macht zugesteht als ohnehin schon. So entstand das Papier, das wir erst in der Arbeitsgruppe erarbeitet, dann dem Forum vorgelegt und gemeinsam fertiggestellt haben.  >>


Das Forum Hochschulräte wurde 2009 von Stifterverband und Heinz-Nixdorf-Stiftung gegründet und versteht sich als Plattform zum Informations- und Meinungsaustausch für  "alle Hochschulräte aus Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft". Das neue Positionspapier ist von heute an unter diesem Link abrufbar.

Josef Lange war zuletzt Vorsitzender des Hochschulrates in Jena und stellvertretender Vorsitzender des Hochschulrates an der Universität Leipzig. Als Staatssekretär für Wissenschaft trug Lange zunächst in Berlin (2000 bis 2001) und dann in Niedersachsen (2003 bis 2013) Verantwortung. Von 1990 bis 2000 war er Generalsekretär der Hochschulrektorenkonferenz. 



>> Ist das nicht alles ein bisschen spät? Das neue Hochschulgesetz, mit dem Baden-Württembergs Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) auf den Richterspruch reagiert, ist doch schon längst durchs Kabinett

 

Schon, aber die Klage, auf die der Verfassungsgerichtshof reagiert hat, liegt auch beim Bundesverfassungsgericht. Die Stuttgarter Richter haben nur einen Teil der in der Klageschrift aufgeworfenen Fragen erledigt. Wir müssen also damit rechnen, dass Karlsruhe im nächsten Jahr einen eigenen Aufschlag zur Hochschul-Governance machen wird. Hinzu kommt, dass nicht nur Baden-Württemberg, sondern zahlreiche Länder ihre Hochschulgesetze überarbeiten. Und nicht überall kommt dabei so ein erfreuliches Ergebnis heraus, wie Theresia Bauer es vorgelegt hat. 

 

Wie lautet Ihre Kernbotschaft an die Verfassungsrichter?

 

Ganz einfach: Es darf nicht dazu kommen, dass die Hochschulen künftig nach den Vorstellungen des Deutschen Hochschulverbandes oder des Holchschullehrerbunds  nur von  der Gruppe von Professoren regiert werden, die sich auf die Professorenmehrheit im Senat berufen und nicht  realisieren, dass moderne Hochschulen – schon von der Zahl der in der und für die Wissenschaft Tätigen her – Großbetriebe sind und keine Gelehrtenakademien des 19. Jahrhunderts. 

 

Wenn man Ihr Papier liest, könnte man denken, Sie hätten tatsächlich ein argumentatives Schlupfloch entdeckt. 2014 hat das Bundesverfassungsgericht sich zur Governance der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) geäußert und eine weitreichende Stärkung der Gremien gegenüber dem Präsidium verfügt... 

 

...doch die Karlsruher Richter sprachen im Gegensatz zum Stuttgarter Verfassungsgerichtshof nicht allein von den Professoren bzw. den Hochschullehrern als den zentralen Grundrechtsträgern der Wissenschaftsfreiheit, sondern in allgemeinerer Form von „Wissenschaftlern“ und „in der Wissenschaft Tätigen“. Und das ist nur logisch. Denn die individuelle Wissenschaftsfreiheit, die das Grundgesetz garantiert, gebührt nicht nur den Professoren, sondern allen, die eigenständig und eigenverantwortlich Wissenschaft betreiben.

 

Eine Auslegung, die den Nebeneffekt hätte, dass die Gruppe der Professoren ihre Übermacht einbüßen würde.

 

Eine Auslegung, die der Realität der Wissenschaft im 21. Jahrhundert entspricht. Nehmen Sie die Juniorprofessoren, die es seit bald 15 Jahren gibt und die tatsächlich hier und da noch zum akademischen Mittelbau gezählt werden. Nehmen Sie die Nachwuchsgruppenleiter auf eigenen Stellen, die unabhängig von Professoren und finanziert zum Beispiel durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) wirken. Oder denken Sie an die eigenständigen Projektleiter von Sonderforschungsbereichen, an die „frei schwebenden“ Wissenschaftlerpositionen an Hochschulen wie der Technischen Universität München (TUM): Wollen Sie all denen sagen: Ihr seid zwar frei, über eure eigenen Inhalte und Methoden zu entscheiden, aber denkt bloß nicht, dass euch die Wissenschaftsfreiheit genauso schützt wie Hochschullehrer?  Eine solche Reduktion des Grundrechts auf die „lebenslänglichen“ Professorinnen und Professorinnen ist der modernen Wissenschaft nicht  mehr angemessen. 

 

Glauben Sie, dass das die Verfassungsrichter überzeugen wird?

 

Ich sage das ja nicht aus dem hohlen Bauch heraus, die Richter haben es selbst so formuliert in ihrer MHH-Entscheidung. Und viele Promotionsordnungen spiegeln die Gleichstellung längst wieder. In einer Promotionsordnung der Universität Oldenburg zum Beispiel heißt es: „Prüfungsberechtigt sind auch promovierte selbstständige Nachwuchsgruppenleiterinnen und Nachwuchsgruppenleiter im Rahmen einer extern begutachteten Förderung durch anerkannte Forschungs- und Forschungsförderungseinrichtungen.“ Das nochmals den  Richtern in Karlsruhe zu sagen, bevor sie entscheiden, war uns Hochschulräten ein Anliegen. 

 

Warum entscheiden Juristen dann so wie in Stuttgart geschehen?

 

Mein Vorwurf an die Adresse der Verfassungsgerichte lautet: Ihr Juristen habt vielfach offenbar nicht begriffen, dass die Genese von Wissenschaft mit Ausnahme der Jurisprudenz einen Modernisierungsschub erlebt hat. Die unzureichende Wahrnehmung der wissenschaftlichen Realität außerhalb der juristischen Fakultäten wirkt sich auf die Entscheidungen der Verwaltungs- und Verfassungsgerichte aus. Ich würde sogar noch weitergehen und kann mir eine ketzerische Anmerkung nicht ersparen: Wir haben am Bundesverfassungsgericht eine Vielzahl von Professoren. Die meisten gehen eines Tages an ihre Fakultäten zurück. Erfüllt das nicht den Tatbestand der Befangenheit? Urteilen sie nicht zum Teil in eigener Sache?  

 

Theresia Bauer will die Machtverschiebung zugunsten der Professorenmehrheit verhindern, indem sie eine Ur-Abwahl der Rektorate einführt, damit diese ansonsten ihre Kompetenzen behalten dürfen. Eine gute Idee?

 

Auf jeden Fall konstruktiver, als was sich die Thüringische Landesregierung ausgedacht hat, wo es im Senat eine Viertelparität geben soll. Bei allen Entscheidungen zu Forschung und Lehre müssen die Hochschulen künftig die Professorenmehrheit gesondert sicherstellen, indem sie den Senat mit zusätzlichen Professoren auffüllen, die aber nur bei diesen Fragen mitstimmen dürfen. Und wenn man sich nicht einig wird, welche Entscheidungen überhaupt der Professorenmehrheit unterliegen, geht das Gefeilsche los. Mit Verlaub: Die Entwicklungen in der Wissenschaft und damit die Geschicke von Hochschulen warten nicht, bis die Gremien dieses   Spiel durchexzerziert haben. Das ist weltfremd. Demgegenüber finde ich Theresia Bauers Ansatz schon „schlitzohrig“: Er nimmt den Professoren im Senat das Erpressungspotenzial gegenüber der Hochschulleitung und bezieht die Gesamtheit der Professorinnen und Professoren in das Verfahren ein.   

 

Trotzdem versucht auch Ministerin Bauer nur, den Status Quo zu retten. Die internationale Expertenkommission, die vor bald zwei Jahren die Exzellenzinitiative evaluiert hat, forderte mehr. Die Rektorate müssten dringend handlungsfähiger werden, so lautete ihr Aufruf. Ziemlich weltfremd, oder? 

 

Eher ihrer Zeit voraus, würde ich sagen. Es existieren ja bereits hoffnungsvolle Ansätze. Schon Ender der 90er Jahre gab es im damaligen bayerischen Hochschulgesetz eine Experimentierklausel,  die zuerst nur die TUM gezogen hat. Die Technische Universität München mit Präsident Wolfgang Herrmann hatte dadurch früh eine Gestaltungsfreiheit, um die andere sie beneiden. Und schauen Sie, wie gut die TUM dasteht. Die nächste Innovation in Sachen Hochschul-Governance erwarte ich übrigens in Nürnberg, wo unter der Leitung von Herrmann eine neue Universität geplant wird, begleitet von einem Gründungsausschuss, der in einer einzigartigen Weise international und hochkarätig ist. Vielleicht entwickelt sich auch in Berlin etwas im Rahmen der Verbundbewerbung in der Exzellenzstrategie, aber das kann man noch nicht richtig abschätzen. 

 

Ihre dritte von vier Empfehlungen im Positionspapier lautet: bei der Hochschul-Governance gelte es den „europäischen Kontext“ zu „berücksichtigen“. Mal ehrlich, wenn man bei solchen Forderungen ankommt, ist man ziemlich verzweifelt.

 

Die Botschaft ist, dass wir das deutsche Verständnis von Wissenschaftsfreiheit nicht absolut setzen sollten. Nirgendwo sonst gilt die Professorenmehrheit als verfassungsrechtliche Vorgabe für die Organisation von Hochschulen, auch wenn selbstverständlich weltweit die Professorinnen und Professoren in Grundsatzentscheidungen einbezogen werden. Doch auch wenn die deutschen staatsexaminierten Juristen immer nur um Deutschland kreisen, ist die Wissenschaftsfreiheit deshalb noch längst keine deutsche Erfindung. Wir müssen schon sehen, wie wir mit unserer Hochschulgovernance anschlussfähig bleiben an den europäischen Hochschul- und Forschungsraum, zu dem wir gehören – dies zeigen die Diskussionen zum Brexit überdeutlich. 

 

Am Ende Ihres Papiers fordern Sie, der „Spielraum für landesspezifische Lösungen“ müsse erhalten bleiben. Zur Abwechslung mal kein Appell an die Verfassungsrichter?

 

Genau. Wir erwarten, dass die Länder zwar einerseits die Rahmenvorgaben des Verfassungsgerichts einhalten, andererseits aber auch kreative Ideen für die Zukunft entwickeln. Die organisierte Wissenschaft muss selbstverständlich grundgesetzliche und ethische Grenzen einhalten und den Gesetzen folgen, die die Politik aufstellt, aber darin besteht nicht ihr eigentlicher Sinn. Im Gegenteil: Die Politik hat die Gesetze  so zu  gestalten, dass sie die Wissenschaft nicht unnötig einschränken.  

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Wir sehen uns in Dresden

Michael Kretschmer könnte Ministerpräsident in Sachsen werden. Eine Überraschung – und eine große Gelegenheit für die Bildungspolitik.

SO SCHNELL KANN es gehen. Kaum hatten sich für Michael Kretschmer die bundespolitischen Karrierepläne vorerst verstopft, entschloss sich Sachsens angezählter Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) zur Flucht nach vorn. Er werde sein Amt im Dezember abgeben, teilte Tillich mit – und schlug Kretschmer als seinen Nachfolger vor.

 

Dass die AfD bei der Bundestagswahl in Sachsen mit 27 Prozent stärkste Partei wurde und die CDU auf Platz zwei verwies, war ein Schock für die Partei. Drei Direktmandate wanderten ebenfalls zur AfD, eines davon: das von Kretschmer. "Ein Verlierer geht – ein Verlierer übernimmt", formulierte die Welt heute süffisant. 

 

Direkt nach dem Bundestags-Aus hatte der 42 Jahre alte Kretschmer sich in Demut geübt. Er strebe derzeit kein Ministeramt an, sagte er laut Leipziger Volkszeitung, vielmehr benötige er erstmal Zeit, um sich neu zu sortieren. Die Selbstfindungsphase fällt nun offenbar kürzer aus als gedacht. Eine auch für Kretschmer selbst überraschende Wende, zumindest überraschend schnell. 

 

Damit schließt sich auch bildungspolitisch ein Kreis. Tillich war gerade mal fünf Monate im Amt, als er im Oktober 2008 alle Ministerpräsidenten und Bundeskanzlerin Merkel zum Bildungsgipfel in Dresden empfing. Damit tritt der letzte noch amtierende Ministerpräsident zurück, der damals mit Merkel am Verhandlungstisch saß. Horst Seehofer wurde erst ein paar Tage nach Dresden vereidigt. 

 

Tillich, der Bildungsgipfel-Gastgeber von 2008, will an Kretschmer übergeben, einen der bislang profiliertesten Bildungs- und Wissenschaftspolitiker. Bleibt zu hoffen, dass Kretschmer seine in jahrelanger parlamentarischer Arbeit erworbene Expertise nicht allzu schnell vergisst. Nicht nur Sachsen, das beim IQB-Bildungstrend ordentliche Ergebnisse erzielte, aber mit einem enormen Lehrermangel zu kämpfen hat,  verlangt nach dem Rücktritt von Kultusministerin Brunhilde Kurth einem Neustart in der Schulpolitik. Auch die Bundesrepublik könnte, sobald die neue Bundesregierung steht, einen zweiten Aufbruch in die Bildungsrepublik brauchen. Wie geht es weiter  mit dem Kooperationsverbot? Was folgt auf den Hochschulpakt 2020? Und wie schaffen wir die erneute Trendwende in den Schülerleistungen bundesweit?  

 

Ein nationaler Bildungsgipfel 2018 wieder in Dresden, ein Sondertreffen der Regierungschefs mit der Kanzlerin: Das wäre doch mal ein Start für den Ministerpräsidenten Michael Kretschmer. 

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Wir brauchen eine Berliner Erklärung 2.0

Seit 14 Jahren fordern Forscher für alle den freien Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen  – mit bis heute mäßigem Erfolg, gerade in Deutschland. Dabei könnte mehr Transparenz im Rahmen von Open Science auch dem absurden Impact Factor den Garaus machen. Ein Gastkommentar von Alexander Grossmann

Open-Access-Logo der Public Library of Science
Open-Access-Logo der Public Library of Science

2003 FORDERTEN WISSENSCHAFTLER und Wissenschaftsorganisationen den ungehinderten und offenen Zugang zu wissenschaftlichen Erkenntnissen, und zwar für alle. Wo also stehen wir heute mit Open Access? Die Antwort: Leider immer noch kilometerweit hinter dem, was sich die Initiatoren einst vorgestellt haben. 

 

Hinter Open Access steht die Idee, dass Ergebnisse aus öffentlich geförderter Grundlagenforschung jedermann, jederzeit, unmittelbar nach der Veröffentlichung und kostenlos verfügbar gemacht werden sollte. Dass die neuesten Erkenntnisse der Wissenschaft nicht mehr hinter Bezahlschranken immer kostspieligerer Zeitschriften-Abonnements verborgen liegen und nur noch über einige Bibliotheken in finanzstarken Ländern zugänglich sind. „Kostenloses Wissen für Alle“, titelte die FAZ dementsprechend am 9. September 2004. Die Berliner Erklärung zu Open Access wurde am 22. Oktober 2003 von 19 Initiativmitgliedern deutscher und internationaler Forschungsorganisationen beschlossen und danach von einer Vielzahl von Institutionen weltweit unterzeichnet, in Deutschland darunter die führenden Wissenschaftseinrichtungen, wie die Helmholtz-Gemeinschaft, die Max-Planck-Gesellschaft, die Fraunhofer-Gesellschaft oder die Deutsche Forschungsgemeinschaft.

 

Diese gut gemeinte Erklärung ist nicht ins Leere gelaufen, allerdings läuft sie in eine andere Richtung als ursprünglich geplant. Spezielle Artikel-Tauschbörsen im Internet wie Academia, ResearchGate oder SciHub stellen mittlerweile Millionen von wissenschaftlichen Fachartikeln, teilweise ohne Rechtsgrundlage, frei zur Verfügung, was heftige Angriffe der Verlagsindustrie mit sich bringt. Schließlich geht es um einen 10 Milliarden-Markt weltweit jährlich, allein im Bereich der naturwissenschaftlich-medizinischen Fachveröffentlichungen. Vor wenigen Wochen wurde deshalb die mächtige internationale STM-Organisation der wissenschaftlichen Fachverlage über eine große Schweizer Anwaltskanzlei beim Berliner Unternehmen ResearchGate vorstellig; der Verlagsriese Elsevier und die American Chemical Society (ACS) haben mittlerweile in Deutschland eine Klage eingereicht. 

 

Sind Institutionen, Bibliotheken und Fachverlage mit der Umsetzung von Open Access gescheitert? Wiederholt sich das, was wir in einem anderen wichtigen Medienmarkt in den 2000er Jahren erlebt haben, nun auf dem Sektor der wissenschaftlichen Publikationen? Haben die Verantwortlichen aus der Erfahrung, wie seinerzeit ein Drittel des Umsatzes der weltweiten Musikindustrie irreparabel vernichtet wurde, nichts gelernt? 

 

Momentan geht man davon aus, dass lediglich zwischen 15 und 18 Prozent, also ein Bruchteil aller neu erscheinenden Fachartikel in der Schlussfassung weltweit sofort, also ohne Verzögerung (Embargo), legal und in vollem Umfang frei jedermann zugänglich gemacht werden. Für einen Außenstehenden mag das unverständlich wenig klingen. Hat man jedoch die Open-Access-Bewegung und ihre Entwicklung von Anfang an aus verschiedenen Perspektiven verfolgt, weiß man: Wir haben es hier mit einer komplizierten Gemengelage von verschiedenen Interessen zu tun. Einerseits die Wissenschaftler, die mit ihrer Arbeit von Kollegen wahrgenommen werden wollen. Und welche gleichzeitig mehr Prestige gewinnen wollen, indem sich beispielsweise in sehr bekannten oder weit verbreiteten Fachzeitschriften veröffentlicht werden. 

 

Um dieses Bild zu verwenden: um in Berlin von A nach B zu kommen, kann man laufen, Fahrrad fahren, den Bus oder das Auto nehmen. Fahre ich mit meinem Mercedes vor, erhalte ich von vielen Mitmenschen mehr Aufmerksamkeit. Fahre ich Fahrrad, schütteln dieselben Mitmenschen vielleicht den Kopf und denken, der arme Kerl, kann er sich kein Auto leisten. So ähnlich ist es in der Wissenschaft und erklärt, warum ein Forscher lieber in Nature oder Science veröffentlicht, als in einem, sagen wir, indischen Journal für Physik. Schließlich spielt jeder von uns Forschern doch lieber in der Champions League als in der Kreisklasse, wenn das möglich wäre. 

 

Ich möchte dieses Bild allerdings etwas einschränken, denn es geht den Forschern nicht nur um gefühltes Prestige. Seit Jahren hängt ihre berufliche Zukunft zunehmend davon ab, wieviel und wo sie veröffentlichen. Danach werden Jahr für Jahr beispielsweise die Mittelzuweisungen berechnet, davon hängt der Zuschlag für ein neues Förderprojekt mit ab. Die Publikationsleistung entscheidet, ob man auf eine begehrte neue Stelle berufen wird oder nicht. Es geht also um existenzielle Fragen, um den eigenen Job und die Stellen der Mitarbeiter, weniger um persönliche Eitelkeit.

 

Wie absurd das Ganze ist, fiel mir vor knapp 20 Jahren auf, als ich erstmals in einer Berufungskommission saß. Absurd, weil man schon damals als wesentliches Kriterium für die Berufungsentscheidung eine Strichliste abfasste, die unterteilt war in die Zahl der Veröffentlichungen in „A- und B-Journals“ sowie „andere“. Was sagt das über den Bewerber oder die Bewerberin aus? Was sagt das über die Qualität der Forschung aus? Was sagt das darüber aus, wie andere Kollegen diese Arbeiten einschätzen? Wenig. Oder eher nichts. Absolut nichts! 

 

Soweit ich es beurteilen kann und aus Gesprächen mit etlichen Kollegen und Forschern erfahre, hat sich an diesem zweifelhaften Prinzip vor allem bei Stellenbesetzungen hierzulande wenig geändert. Nur dass man heute keine Strichliste mehr macht, sondern eine Excel-Tabelle anlegt. Das klingt sarkastisch, formuliert aber den Kern des Problems. Inzwischen hat man lediglich einige Verfeinerungen eingebaut: Man berücksichtigt nur noch die Arbeiten der letzten fünf Jahre oder man lässt den Bewerber die wichtigsten fünf Arbeiten auswählen. Oder man rechnet sogenannte „Impact-Points“ aus, wie ich es neulich in einer Ausschreibung der Charité gelesen habe. Besser wird durch diese Verfeinerungen nicht. Man festigt nur ein pervertiertes System.

 

Dazu muss man wissen, dass der sogenannte „Journal Impact Factor“ ein rechnerisches Konstrukt aus den Fünfziger Jahren ist, ursprünglich dafür bestimmt zu ermitteln, wie viele Zitate alle in einem bestimmten Jahr veröffentlichten Artikel in einer Fachzeitschrift in einem Zeitraum von zwei darauffolgenden Jahren erhalten haben. Je höher die Zahl, desto mehr Zitate – im Durchschnitt – hat ein Beitrag in dieser Zeitschrift erhalten. Und je größer der Impact Factor, desto mehr Prestige, und desto eher spielt man in der Champions League. Klingt kompliziert, die Formel an sich ist aber ganz einfach. Nur dass die meisten Wissenschaftler sie nicht richtig verstehen. 

 

Viele gehen davon aus, dass ein großer Impact Factor automatisch viele Zitate für jeden Beitrag in dieser Zeitschrift bedeutet. Das ist falsch, da es sich ja um einen Durchschnittswert handelt, der möglicherweise über hunderte oder manchmal tausende von einzelnen Fachartikeln gemittelt wurde, die in einem Jahr in dieser Zeitschrift erschienen sind. Man kann anhand von Auswertungen einzelner Top-Zeitschriften belegen, dass nur ganz wenige Artikel wirklich häufig zitiert wurden, während die Mehrheit eher unter dem Durchschnitt lag. Fast zehn Prozent wurden sogar nur ein einziges Mal oder gar nicht zitiert, obwohl sie in einer der renommiertesten Fachzeitschriften weltweit erschienen waren, deren Impact Factor doch so hoch ist. Ich könnte also fünf Beiträge in einem dieser Champions-League-Journals haben, und kaum ein Kollege hat diesen Beitrag so relevant gefunden, dass er ihn zitiert hat. Dennoch bin ich auf der Strichliste der Berufungskommission ganz oben. 

 

Warum setzt sich der Glaube an den Impact Factor dann überhaupt so ungebrochen fort? Ich vermute: Weil die wenigsten Wissenschaftler die Zeit haben, sich wirklich damit zu beschäftigen, und würden sie ihre Zweifel äußern, hätten sie die Verlage und diejenigen Bibliotheken gegen sich, die den Impact Factor seit Jahren als wichtiges, vermeintlich objektives Instrument protegieren. Insofern mache ich meinen Forscherkollegen auch keinen Vorwurf, dass sie sich nicht öffentlich exponieren. Doch zumindest in den Gremien der eigenen Hochschule oder Forschungseinrichtung sollten all jene, die erkannt haben, dass es so nicht weitergehen kann, dafür eintreten, dass wir alternative Möglichkeiten zur Bewertung und Evaluierung von Forschung und Forschern nutzen. 

 

Möglichkeiten, die es ebenfalls seit Jahren gibt. Heute kann ich für fast jeden Beitrag, der in einer Fachzeitschrift erschienen ist, relativ genau sagen, wie oft dieser Artikel von anderen Wissenschaftlern zitiert wurde: einmal oder 500mal in einem Jahr. Auf Google Scholar beispielsweise finde ich diese Information sofort. Oder ich sehe mir die Häufigkeit an, mit der ein bestimmter Fachartikel in sozialen Netzen erwähnt oder in Blogs diskutiert wurde. Das nennt man alternative Metriken oder englisch Altmetrics. Ein Beispiel: Auf ScienceOpen, dem Netzwerk, das ich 2013 zusammen mit meinem Partner Tibor Tscheke aus Boston als Berliner Start-Up gegründet habe, haben wir für derzeit 34 Millionen Artikel sowohl die Zahl der Zitate, als auch diese Altmetrics-Angabe für jeden Artikel tagesaktuell verfügbar. Offen, frei und kostenlos. Ein Forscher irgendwo auf der Welt kann hier also die Verknüpfung neuester wissenschaftlicher Ergebnisse mit anderen Fachartikeln überprüfen und damit den Impact, also die wissenschaftliche Relevanz von Forschung individuell und im Kontext bestimmen.

 

Womit wir bei Open Science angelangt sind, wie es auf EU-Ebene seit jüngster Zeit massiv vorangetrieben wird. Open Science besteht aus einer ganzen Reihe von Bausteinen, von denen ich nur einige nennen konnte: Open Access, Altmetrics, transparente Kriterien zur Bewertung von Forschung. Aber auch offene Forschungsdaten oder Open Data sind unmittelbar verknüpft mit der zunehmenden Forderung nach mehr Transparenz in der Wissenschaft. Forschungsergebnisse können nur dann sofort leicht nachgeprüft werden, wenn die zugrundeliegenden Messdaten verfügbar gemacht werden. Offen verfügbar gemacht werden, genauso wie der Fachartikel selbst. Doch was Open Data angeht, ist der Rückstand sogar noch größer als bei Open Access. 

 

Was kann die Politik, was können die Institute selbst machen, um Forscher bei Open Science zu unterstützen? Ein erster Schritt ist sicherlich eine Vorgabe oder Richtlinie, also eine Strategie, die Open Science ganz klar als Ziel vorschreibt. Man muss nicht allzu tief in die Materie eintauchen, um festzustellen, dass in anderen Ländern in Europa, zum Beispiel in Holland oder der Schweiz, von der Politik viel ehrgeizigere Vorgaben gemacht wurden und in konkrete Open-Access-Strategien umgesetzt wurde. Im Gegensatz zu Berlin sollen in Holland oder in der Schweiz zum Beispiel bis Ende dieses Jahrzehntes alle neuen Veröffentlichungen sofort, also unmittelbar offen und frei allen Lesern zugänglich gemacht werden. 

 

In jedem Fall ist es gut, dass wir auch hierzulande immer mehr von diesen Strategien haben, wenn auch oft noch zu zaghaft oder zu unverbindlich. Wenn die Bundesrepublik, die erklärtermaßen auf digitale Technologien setzt, nicht noch weiter zurückfallen will, müssen wir jetzt dringend die Umsetzung einer Open-Access-Strategie 2.0 anzugehen. Die Zeit des darüber Redens läuft ab. 

 

Alexander Grossmann ist Professor für Verlagsmanagement und Studiendekan für Buch- und Medienproduktion an der HTWK in Leipzig. Kontakt über Linkedin oder ORCID. Sein Text wurde unter der Creative-Commons-Lizenz CC-BY 4.0 veröffentlicht. Die freie Nutzung, Weitergabe und Verwendung des Textes, auch in Auszügen, ist jederzeit möglich, wenn der Urheber genannt wird. Das Open Access Logo stammt aus der PLoS und wurde in der vorliegenden Version angepasst von den Wikipedia-Nutzern Nina, Beao und JakobVoss, CC0 1.0.

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Das Geld ist doch da

Die Steuern steigen und die Hochschulen kommen trotzdem zu kurz. Warum wir dringend mehr Mut in der Hochschulfinanzierung brauchen. Und mehr Fantasie.

MAN KENNT DAS ARGUMENT. Die Hochschulen seien unterfinanziert, wie schlimm, beginnt es. Aber deshalb Studiengebühren einführen? Auf keinen Fall! Ausfinanzierte Hochschulen seien schließlich eine Kernaufgabe des Staates. Die Schlussfolgerung: Erhöhen wir die Steuern, dann können wir die Hochschulen sanieren. 

 

Es gibt mit dem Argument nur ein Problem. Bislang hat es noch nie so funktioniert. Allein zwischen 2010 und 2014 stiegen die Steuereinnahmen von Bund und Ländern um gut 20 Prozent, das entspricht 89,2 Milliarden Euro zusätzlich pro Jahr. Trotzdem mussten sich die Hochschulen mit neun Prozent Budgetplus begnügen. Immerhin, könnte man denken – wären die Studentenzahlen im selben Zeitraum nicht sogar um 23 Prozent geklettert, was am Ende zu einem Minus bei den Ausgaben pro Student um 11 Prozent führte. Trotz aller laufenden Bundesprogramme. Laut OECD investierte Deutschland 2014 nur 17.180 Dollar pro Kopf, Tendenz fallend, die Vereinigten Staaten knapp 29.300, Großbritannien 24.500 Dollar – Tendenz steigend. Zwischen 2014 und 2016 sind die Steuereinahmen von Bund und Ländern übrigens um weitere 52 Milliarden hochgerauscht, und doch sieht es derzeit so aus, als könnte es für die Hochschulen in den nächsten Jahren eher enger werden. >>



>> Warum es so aussieht, habe ich neulich in meinem Kommentar „Jamaika und die Bildung“ aufgeschrieben. Kurz gefasst gerät die Wissenschaft auf Bundesebene gleich in mehrere Verteilungskämpfe. Innerhalb des BMBFs, weil die Prioritäten sich Richtung Schule verschieben und ein Einstieg des Bundes in die Schulfinanzierung extrem kostspielig wäre. Gleichzeitig könnte selbst bei grüner Regierungsbeteiligung der Verteidigungshaushalt rapide wachsen – auch auf Kosten der über Jahre so dynamischen Entwicklung des BMBF-Budgets. Dass die Hochschulen im innerwissenschaftlichen Verteilungskampf mit der außeruniversitären Forschung derzeit die besseren Karten zu haben scheinen, dürfte den Effekt immerhin abmildern. 

 

Die nächsten Jahre werden also ungemütlicher für Wissenschaft und Hochschulen. Hinzu kommt eine forschungspolitische Forderung, die seit Jahren erhoben wird, zurzeit aber wieder einmal ganz besonders en vogue ist und den Fiskus Milliarden kosten könnte: die Einführung einer steuerlichen Forschungsförderung zugunsten der Unternehmen. Ob sich die Wissenschaftsorganisationen, die erst vergangene Woche einen entsprechenden Appell mitunterschrieben haben, darüber im Klaren sind, welche Folgen das für sie haben könnte? Steuerliche Forschungsförderung, könnte der oder die Nachfolgerin von Noch-Finanzminister Wolfgang Schäuble denken, die kommt doch der Wissenschaft zugute, also holen wir uns einen Teil davon auch beim BMBF wieder.  

 

Ich komme zum dem eingangs erwähnten Argument zurück, das sich in der Vergangenheit vor allem bei den Linken sowie in Teilen der SPD, der Grünen und der Union großer Beliebtheit erfreute: Erhöhen wir die Steuern, dann können wir die Hochschulen sanieren. Keine Frage, theoretisch eine bestechend einfache und klare Idee. Kaum eine Steuererhöhung ließe sich ethisch besser begründen als eine für Investitionen in Bildung und Forschung.

 

Im Zusammenhang mit der Hochschulfinanzierung aber hat sich das Argument schon seit vielen Jahren als unpräzise, teilweise sogar als eine Ausflucht erwiesen. Genauso wie seine Variante, die Politik müsse halt endlich mal ihre budgetären Prioritäten in Ordnung bringen. Ist schon richtig. Die Erfahrung lehrt indes, dass sie es trotz aller Sonntagsreden vor allem in den Ländern nie wirklich getan hat und viele Wissenschaftsminister am Kabinettstisch nicht gerade die dicksten Muskeln zur Schau stellen können. >>



>> Eigentlich wissen das auch alle, die Verantwortung tragen in der Wissenschafts- und Bildungspolitik. Trotzdem wiederholten die meisten von ihnen über Jahre hinweg gebetsmühlenartig das Steuer- und Prioritätenargument. Und alles, was den Landespolitikern sonst noch zum Thema Hochschulfinanzierung einfiel, erschöpfte sich in der an sich ja ebenfalls richtigen, aber eben längst nicht ausreichenden Forderung nach mehr Bundesmitteln. Was bislang nur einfallslos war, tendiert angesichts der beschriebenen finanzpolitischen Ausgangslage für die kommenden Jahre ins Fahrlässige. Erst recht, wenn gleichzeitig Milliarden von Euro für die Hochschulen in erreichbarer Nähe lägen.

 

Ja, ich rede von Studiengebühren. Aber nicht so, wie sie beim ersten hoffnungslos vergeigten Versuch ihrer Einführung gemacht wurden. Damit sie im zweiten Anlauf funktionieren, müssen sie so gestaltet werden, dass kein Studienanfänger Sorge haben muss, am Ende mit unbezahlbaren Schulden dazustehen. Das geht. Wie das gehen könnte, habe ich vor gut anderthalb Jahren einmal ausführlich in einem Artikel für brand eins aufgeschrieben. 

 

Als einzige Partei hatte die FDP die Forderung nach „nachgelagerten Studienbeiträgen“ in ihr Programm zur Bundestagswahl aufgenommen. Ein wenig verstohlen allerdings, zumal seit der Wahl kaum einer mehr von ihnen redet. Und das im FDP-Programm formulierte Prinzip, die Hochschulen sollten Beiträge „erheben dürfen“ deutet daraufhin, dass die Liberalen gern die Entscheidung über die Einführung den einzelnen Standorten überlassen möchte. Was eigentlich schon das Ende der Idee bedeuten würde – weniger, weil es nicht genügend Rektoren gäbe, die in ihren Hochschulen für das Modell zu streiten bereit wären, sondern weil, siehe die Berechnungen in meinem brand eins – Artikel, die Voraussetzung für wirklich sozialverträgliche, nachgelagerte Studiengebühren massive staatliche Zuschüsse nötig wären. Ohne sie hat das Modell – zu Recht! – keine wirkliche Realisierungschance.

 

Wenn die Unterfinanzierung der Hochschulen nun so drängend ist, die gesamtstaatliche Prioritätensetzung für die Hochschulen aber bislang nie richtig geklappt hat und die Verteilungskämpfe in den kommenden Jahren absehbar noch härter werden, wie lässt es sich da rechtfertigen, das Thema weiter links liegen zu lassen? Wie lässt es sich noch rechtfertigen, dass  Bund und Länder gar nicht erst einsteigen in eine Debatte, wie sich möglicherweise viele Milliarden Euro zusätzlich für die Hochschulen sichern ließen – von Menschen, die für ihr Hochschulbildung einen Beitrag zahlen könnten und sollten.

 

Die gute Nachricht ist, dass viele Wissenschaftspolitiker (übrigens aller Parteien!) längst wissen, welche Stunde geschlagen hat, und in den Startlöchern stehen. Die nächsten Monate dürften also spannend werden. Angefangen – hoffentlich – mit den Koalitionsverhandlungen.

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Wer wird's? Chefin/in fürs BMBF gesucht

Die Grünen haben ihre Ambitionen auf das Ressort offenbar schon aufgegeben. Dabei bezeichnen auch sie Bildung und Forschung gern als die Zukunftsthemen. Der Union ist ihr Favorit auf die Nachfolge von Johanna Wanka durch den Verlust seines Bundestagsmandats abhanden gekommen. Allein die FDP scheint an ihren Plänen, das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) zu übernehmen und möglicherweise sogar auszubauen, festzuhalten. 

 

Die Grünen haben mit der baden-württembergischen Wissenschaftsministerin Theresia Bauer die womöglich bundesweit profilierteste Fachpolitikerin in ihren Reihen. Doch parteiinterne Hierarchien und der parteiübergreifend übliche Regionalproporz schmälern Bauers Chancen auf das BMBF erheblich. Die beiden – fachfremden – Spitzenkandidaten Cem Özdemir und Katrin Göring-Eckardt gelten als gesetzt für zwei der wahrscheinlich drei grünen Ministerien, und mit Özdemir ginge dann schon ein Ressort an den baden-württembergischen Landesverband. Eine Alternative zu Bauer wäre womöglich der aus Nordrhein-Westfalen stammende Kai Gehring, bislang Sprecher für Hochschule und Wissenschaft. Doch dafür müsste es den Grünen erstmal richtig nach dem Ressort verlangen.

 

In der CDU wird Michael Kretschmer weiter als großes Talent gehandelt. Der Mann aus Sachsen war Vize-Vorsitzender der CDU-/CSU-Bundestagsfraktion, unter anderem für Bildung und Forschung zuständig, und galt parteiübergreifend als kenntnisreich und verbindlich. Doch der Verlust seines Bundestagsmandats an die AfD hat ihn – zumindest vorübergehend – so weit geschwächt in seinem Landesverband, dass ein Bundesminister ohne Bundestagsmandat derzeit kaum vermittelbar wäre. 

 

Kundige Alternativen stünden zwar  bereit, der bisherige Obmann der CDU-CSU-Fraktion im Ausschuss für Bildung und Forschung, Stefan Kaufmann etwa, doch wird spekuliert, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel längst andere

Pläne haben könnte. Die finanzpolitische Großwetterlage deutet auf geringere Zuwächse für das BMBF hin, insofern böte sich doch eigentlich an, das Ministerium abzugeben. Zumal die FDP unbedingt zu wollen scheint. Spitzenkandidat Christian Lindner hatte den Wahlkampf der Liberalen zu einem guten Teil auf dem Thema Bildung aufgebaut und beim Thema Kooperationsverbot demonstrativ die rot-rot-grüne Position („Weg damit!“) unterstützt.

 

Allerdings hat Andreas Pinkwart, der FDP-Experte für Bildung und Wissenschaft schlechthin, signalisiert, dass er auf jeden Fall Wirtschaftsminister in Nordrhein-Westfalen bleiben möchte. Für den Fall, dass er seine Meinung nicht ändert, kursieren in der Partei zwei Namen als mögliche Ressortchefinnen: Zum einen die FDP-Generalsekretärin Nicola Beer, die sogar schon einmal anderthalb Jahre hessische Kultusministerin und zuletzt hochschulpolitische Sprecherin im Landtag war. 

 

Zum anderen ist da die PR-Beraterin Katja Suding, die stellvertretende Chefin der Bundespartei ist, dazu Fraktionschefin in der Hamburger Bürgerschaft und äußert beliebt: Ihren Bürgerschafts-Wahlkreis Blankenese hat sie, extrem ungewöhnlich für eine FDP-Politikerin, zweimal direkt gewonnen. Doch auch wenn Suding vor der Wahl viel über Bildung ("die soziale Frage schlechthin") sprach: Ihre politische Erfahrung bei den Themen Schule und Hochschule gilt als gering.

 

Die liberalen Bildungsambitionen scheinen sich unterdessen neben der Schule vor allem auf das Feld der Digitalisierung zu erstrecken. Ein eigenes Digitalministerium, das die Querschnittsaufgabe unter einem Dach vereinen soll, könnte unter dem Dach des bisherigen BMBF untergebracht werden oder – alternativ und Pinkwarts Schema in NRW folgend – im Wirtschaftsministerium. Die Intensität, mit der auch in der FDP über die Abschaffung des Kooperationsverbots, mehr Bundesengagement in den Schulen und die Digitalisierung gesprochen wird, verheißt denn auch – bei aller Dringlichkeit dieser Themen – wenig Gutes für die Wissenschaft.  



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Runter geht's

Der "IQB-Bildungstrend 2016" bestätigt die befürchtete Trendwende bei den Schülerleistungen. Die Suche nach den Ursachen ist allerdings komplexer, als sie auf den ersten Blick aussehen mag.

Foto: HolgersFotografie/Pixabay

ES MUSS SUSANNE EISENMANN wie ein schlechter Witz vorkommen. Seit die frühere Stuttgarter Schulbürgermeisterin im Mai 2016 das baden-württembergische Kultusministerium übernommen hat, darf sie immerzu miese Nachrichten entgegennehmen. „Baden-Württemberg schmiert ab“, titelte Spiegel Online im Oktober 2016, als das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen den „IQB-Bildungstrend 2015“ veröffentlichte. Damals hatten die Forscher sich die Neuntklässler vorgenommen, und während ihre Leistungen bundesweit in Englisch stiegen und in Deutsch stagnierten, ging es für den Südwesten in beiden Fächern deutlich bergab.

 

Dieses Jahr ist die CDU-Politikerin Eisenmann zudem Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK), und so musste sie auch noch das Vorwort zum „IQB-Bildungstrend 2016“ schreiben, den KMK und IQB heute Vormittag präsentiert haben. Antreten zu den repräsentativen Leistungstests mussten diesmal mehr als 29.000 Schülerinnen und Schüler der 4. Jahrgangsstufe aus ganz Deutschland. Geprüft wurden sie in Deutsch und Mathematik, und wieder: Die baden-württembergischen Viertklässler haben sich fast durchgängig verschlechtert im Vergleich zu den Viertklässlern fünf Jahre zuvor.

 

Wenn Eisenmann eine Zynikerin wäre, und das ist sie nicht, könnte sie sich immerhin damit trösten, dass Baden-Württemberg anders als im Vorjahr diesmal nur der allgemeinen Richtung folgt. Dass etwas im Busch ist, ließ sich bereits nach den deutschlandweit durchwachsenen IQB-Ergebnisse im Oktober 2016 vermuten. Der Verdacht bekam Nahrung durch die im November 2016 veröffentlichte Tims-Grundschulstudie (Stagnation) und nur eine Woche danach noch einmal durch die Ergebnisse von Pisa 2015 (ein leichter, statistisch aber noch nicht signifikanter Leistungsabfall). Die aktuellen IQB-Zahlen bestätigen jetzt: Nach einem guten Jahrzehnt steigender Leistungskurven sind Deutschlands Schulen, zumindest mal Deutschlands Grundschulen, mit einer Trendumkehr konfrontiert. Sowohl in Deutsch als auch in Mathe zeigen die Schüler deutlich schwächere Leistungen als vor fünf Jahren, im Lesen noch am wenigsten, in Orthografie ist der Rückgang am größten. Um allerdings zu großer Schwarzmalerei vorzubeugen: „Niederschmetternd“ sind die heutigen Ergebnisse deshalb auch nicht. Dazu später mehr.

 

Zunächst noch ein paar Fakten. Die deutschen Viertklässler des Jahres 2016 konnten statistisch signifikant schlechter schreiben als ihre Vorgänger 2011. Der Anteil der Schüler, die in Orthografie den sogenannten Regelstandard erreichen, ist um zehn Prozentpunkte auf nur noch 54 Prozent gefallen. Das heißt: Knapp jeder zweite Viertklässler erreicht nicht die Schreibkompetenz, die Schüler am Ende der vierten Klasse eigentlich im Schnitt haben sollten. Auch zuhören können die Grundschüler schlechter als früher, allein mit dem Lesen klappt es noch ähnlich gut. Und genau dort, beim Lesen, versteckt sich eine der guten Nachrichten, auf die IQB-Direktorin Petra Stanat Wert legt: Nur noch 12,5 Prozent der Schüler verfehlen hier den sogenannten Mindeststandard, im Umkehrschluss erreichen also 87,5 Prozent das grundlegende Klassenziel. „Dieser Wert sollte zwar bei Null liegen“, sagt Stanat, doch sei dieser Wert „weitaus weniger dramatisch“ als etwa bei der ersten Pisastudie im Jahr 2000, als fast ein Viertel der Schüler unter dem Mindeststandard lag.

 

Bedenklich fallen die Ergebnisse allerdings auch in Mathe aus: 62 Prozent der Schüler erreichen den Regelstandard, sechs Prozentpunkte weniger als 2011.

 

Selbst in Bayern muss man die Aufwärtsbewegungen mit der Lupe suchen; fast überall und in allen Ländern fällt der Vergleich zu 2011, wenn auch in unterschiedlicher Stärke und an unterschiedlicher Stelle, negativ aus. Signifikant schwächere Durchschnittswerte in beiden Fächern und damit eine durchgängige Verschlechterung melden die Forscher für Bremen, Sachsen-Anhalt und Thüringen.

 

Kein einziges Land konnte die durchschnittlichen Leistungen seiner Schüler steigern. Lediglich in einer einzigen Dimension schneiden zwei Bundesländer bei den Standards signifikant besser ab, und zwar beim Lesen: Hamburg (dort mehr erreichen den Regelstandard) und Schleswig-Holstein (weniger verfehlen den Mindeststandard). Die Liste der Länder, die sich hier oder da verschlechtert haben, ist dagegen zu lang, um sie hier im Einzelnen aufzuführen. 

 

Das IQB gibt sich große Mühe, einen Ländervergleich in Form von Bundesligatabellen zu erschweren, und sortiert in seinen Grafiken Bayern bis Thüringen konsequent alphabetisch. Doch klar ist, wie die Forscher selbst hervorheben, dass es nur Bayern und mit Abstrichen Sachsen gelingt, sich positiv von den übrigen Bundesländer abzuheben. Am Ende der Skala befinden sich Bremen und Berlin, wo, Zitat IQB-Studie, „in allen Kompetenzbereichen die Regelstandards seltener erreicht oder übertroffen und die Mindeststandards häufiger verfehlt (werden), als dies deutschlandweit der Fall ist“. 

 

Bei den übrigen Bundesländern fällt die Bilanz wiederum gemischter aus. Saarlands Viertklässler sind vergleichsweise stark in der Rechtschreibung, die Schleswig-Holsteiner können im Schnitt ordentlich lesen und zuhören. Die Hamburger haben einen relativ hohen Anteil von Schülern mit besonders gutem Hörverstehen. In Mathe steht Sachsen-Anhalt recht gut da.

 

Eisenmanns Kommentar klang denn auch ein wenig wie das sprichwörtliche Pfeifen im Wald: "Die Länder werden die große Stärke des Bildungsföderalismus nutzen, im Wettbewerb der Ideen voneinander zu lernen." Während Baden-Württembergs Kultusministerin bei der heutigen Pressekonferenz also auf die Zukunft vertrösten musste, konnte sich ihr SPD-Kollege Ties Rabe aus Hamburg, siehe oben, auch ein Stückweit in der Gegenwart sonnen. Denn  dort setzt sich ebenfalls ein Trend fort, wie Petra Stanat sagte. Es sei „bemerkenswert, wie gut Hamburg sich insgesamt entwickelt hat.“ Inzwischen setze sich die Hanse-Metropole deutlich von den anderen beiden Stadtstaaten ab. Dies weise darauf hin, „dass die die Etablierung eines Systems der Qualitätsentwicklung, bei dem Schulen regelmäßig Rückmeldungen über Leistungen ihrer Schüler erhalten und bei der Interpretation dieser Ergebnisse unterstützt werden, Früchte getragen hat.“

 

So stellt der „Bildungstrend 2016“ weiter die vertrauten Hackordnungen des Bildungssystems in Frage, zählt doch neben Hamburg erneut Schleswig-Holstein zu den wenigen Ländern, die wirklich auch positive Nachrichten zum Verkaufen haben. Dass ausgerechnet in Norddeutschland gegen den Deutschlandtrend mehr Kinder die erwarteten Standards im Lesen erreichen, ist längst kein überraschender Ausreißer mehr. Schleswig-Holsteins Förderprogramm „Lesen macht stark“ hat Susanne Eisenmann schon nach den 2015er Ergebnissen zum nachahmenswerten Vorbild erklärt.

 

Zurückhaltender sollten Eisenmann und ihre Kollegen dagegen an anderer Stelle sein, wenn sie die die IQB-Zahlen interpretieren. Die Methode „Schreiben nach Gehör“, bei der die Grundschüler erst einmal drauflosschreiben dürfen, ohne sich um Orthografieregeln kümmern zu müssen, ist arg in Verruf geraten in den vergangenen Jahren. Auch Eisenmann schimpft gern auf sie. Doch liefern die heute veröffentlichten keine klaren Belege für ihre Position, da die Methode zum Beispiel auch an Schulen in Schleswig-Holstein und Hamburg praktiziert wird. Doch auch wenn die Suche nach den Ursachen der deutschen Rechtschreibschwäche komplexer sein mag, mahnt Stanat, die Debatte nicht zu verschleppen: „Man wird darüber sprechen müssen, wie orthografische Kompetenzen besser gefördert werden können, ohne dass dies zum Selbstzweck wird."

 

Warum aber sind insgesamt enttäuschenden Ergebnisse des IQB-Bildungstrends am Ende doch nicht so niederschmetternd? Weil man sie im Zusammenhang sehen muss. Das, was die Bildungsforscher als „Heterogenität“ bezeichnet, also die Vielfalt an den Schulen, hat merklich zugenommen in den vergangenen fünf Jahren. Das ist normal in einer offenen Gesellschaft, und wer im gleichen Atemzug von „Heterogenität“ und „Problem“ spricht, sollte bei seiner Wortwahl aufpassen. Doch so sehr wachsende Vielfalt einen Gewinn für die Gesellschaft als Ganzes darstellt, so herausfordernd ist es für die Schulen, alle Kinder unabhängig von ihrer Herkunft und ihren Lebensumständen zum schulischen Erfolg zu führen.

 

So ist der Anteil der Viertklässler mit mindestens einem Elternteil, das im Ausland geboren ist, zwischen 2011 und 2016 deutschlandweit um neun Prozentpunkte auf 34 Prozent gestiegen. Und in dieser Steigerung sind die hunderttausenden seit Ende 2015 nach Deutschland geflüchteten Kinder noch nicht einmal enthalten, da vom IQB nur Kinder getestet werden, die bereits seit mehr als einem Jahr in deutscher Sprache unterrichtet werden. Auch besuchen heute deutlich mehr Kinder mit sogenanntem sonderpädagogischen Förderbedarf eine allgemeine Schule als noch 2011. Die zunehmende Migration und Inklusion, sagt IQB-Chefin Stanat, erklärten zwar nicht „die ungünstigen Entwicklungen“, zeige aber doch, „dass die Optimierung des Umgangs mit Heterogenität eine besonders wichtige Zukunftsaufgabe ist.“ 

 

Der Bildungsexperte Axel Plünnecke vom IW Köln kommentierte dagegen auf Twitter: "Keine signifikante Veränderung bei Migranten und Nichtmigranten von 2011 zu 2016, aber Änderung der Schülerstruktur."

 

Zum IQB-Bildungstrend gehörte auch eine repräsentative Befragung unter Lehrern, und diese berichteten von einem hohen Fortbildungsbedarf, aber auch von einer hohen Bereitschaft, sich vor allen in den Bereichen „Inklusion“ und „Binnendifferenzierung/individuelle Förderung“ weiterqualifizieren zu wollen. Die Motivation der Lehrer ist somit eine der wirklich erfreulichen Nachrichten des heutigen Tages. Weniger erfreulich ist, dass der Zusammenhang zwischen der sozialen Herkunft und den Schülerleistungen in den vergangenen Jahren im Schnitt nicht verringert hat. 

 

Klar ist: Wenn es heute an die Interpretation der Ergebnisse geht, wird ein Satz selten fehlen. Und zwar der, dass parallel zum Negativtrend bei den Schülerleistungen der Lehrermangel gerade in den Grundschulen drastische Dimensionen angenommen hat. Das Ausmaß, in dem die meisten Kultusministerien danebengelegen haben mit ihren Prognosen zu den künftigen Schülerzahlen, ist von einer kaum noch zu steigernden politischen Brisanz – zumal die Abhilfe jahrelang dauern wird. Das weiß auch die Kultusministerkonferenz (KMK) und hat am Vortag der IQB-Veröffentlichung demonstrativ einen Maßnahmenkatalog zum Umgang mit dem „Thema Lehrkräftebedarf“ beschlossen. Die Beschwichtigung wird indes wenig helfen, konstatierte die KMK doch in ihrer begleitenden Pressemitteilung gestern selbst, es sei zu erwarten, dass ich die Situation zunächst noch verschärfen werde.  

 

Umso frappierender, dass gerade die IQB-Ergebnisse nicht herhalten können als Beispiel für die erschreckenden Folgen des Lehrermangels. Zwar erreicht der Anteil der Grundschullehrer, die das von ihnen unterrichtete Fach weder studiert noch als Schwerpunkt im Studium hatten, in Mathe 31 Prozent und in Deutsch immerhin noch 19 Prozent. In Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und im Saarland liegen die Werte für Mathe sogar noch höher. Doch: Schüler, deren Lehrer fachfremd unterrichten, konnten deshalb im Schnitt nicht schlechter lesen, schreiben, zuhören oder rechnen. Freilich weisen das IQB daraufhin, dass Analysen für die Sekundarstufe I zu anderen Ergebnissen gekommen sind. Wie gesagt: So plakativ die Debatte in den nächsten Tagen ausfallen dürfte, so komplex sind die Hintergründe der Verschlechterung tatsächlich. 

 

Einer hatte die Entwicklung übrigens schon vor sechs Jahren vorausgesehen: Jürgen Baumert, der die erste Pisa-Studie für Deutschland koordinierte und als Nestor der Bildungsforschung gilt. 2011 prognostizierte er im ZEIT-Interview, Deutschland könne die erreichten Verbesserungen verspielen, wenn es „in den nächsten Jahren nicht gelingt, die Gruppe derjenigen deutlich zu verkleinern, die die Mindestvoraussetzungen für das Erlernen eines zukunftsfähigen Berufs nicht erfüllen.“ Der Anteil der Zuwanderer aus sozial schwächeren Verhältnissen werde steigen. „Der Zusammenhang zwischen Herkunft und Bildungserfolg wird dann zu einem nicht tolerierbaren Problem, wenn die für gesellschaftliche Teilhabe notwendigen Grundkompetenzen nicht erworben werden“, warnte Baumert. Das Gutachten, auf das er sich im damaligen Interview bezog, hatte eine Kultusministerin in Auftrag gegeben. Aus Baden-Württemberg. 

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So könnte es gehen

Wie Deutschlands Universitäten den Sprung aus der Lehrstuhl-Erstarrung schaffen könnten: Die Junge Akademie veröffentlicht ein lesenswertes Plädoyer für den Siegeszug der Department-Struktur.

Abbildung: Junge Akademie

DIE TRAUEN SICH WAS. Fünf Mitglieder der Jungen Akademie nehmen es mit der geballten Macht der deutschen Lehrstuhlinhaber auf. In ihrem Papier, das heute veröffentlicht wird, fordern sie erneut "die Schaffung einer modernen Departmentstruktur" oder griffiger: "Departments statt Lehrstühle!" Man kann sich das Augenrollen der arrivierten Hochschullehrer vorstellen, ihre verschränkten Arme, ihr Achselzucken, bevor sie antworten: "Das lassen wir mal lieber. Ist doch alles gut, wie es läuft."

 

Ist es eben nicht. Oder zumindest nur für eine Minderheit – eben jene Glücklichen, die es auf einen Lehrstuhl geschafft haben. Allein das wäre Grund genug, über die Zukunftsfähigkeit eines Organisationsprinzips nachzudenken, dass sich aus längst vergangenen Jahrhunderten herübergerettet hat, aus Universitäten, an denen nur ein paar hundert Studenten eingeschrieben waren, um "bei Professor Soundso" zu studieren. Aber der deutsche Sonderweg des Lehrstuhls gefährdet auch die Zukunftsfähigkeit des zuletzt so oft gepriesenen Forschungsstandortes Bundesrepublik.

 

Übrigens will ich das mit dem Augenrollen zurücknehmen. Ich bin davon überzeugt, dass auch unter den Lehrstuhlinhabern von heute viele sind, die genau wissen, dass die Strukturreform überfällig ist. Die nur nicht wissen, wie sie anzustellen wäre.  

 

Wo wieder der Vorstoß von Jule Specht, Christian Hof, Julia Tjus, Wolfram Pernice und Ulrike Endesfelder ins Spiel kommt. Die Junge Akademie hat schon 2013 vorgerechnet, wie bei Abschaffung des haushaltsfinanzierten Mittelbaus die Zahl der Professuren in Deutschland kostenneutral verdoppelt werden könnte. In ihrem aktuellen Vorstoß sagen die fünf von der "AG Wissenschaftspolitik" nun, was die Umstellung wem bringen und wie genau sie funktionieren könnte. 

 

Im Kern läuft ihre Beschreibung auf den Verlust symbolischen Kapitals für künftige Professoren hinaus, die anders als die gelegentlich als "Sonnenkönige" bezeichneten Lehrstuhlinhaber keine eigenen Sekretärinnen mehr hätten, keine eigenen haushaltsfinanzierten Mitarbeiter und keine eigenen Forschungsgeräte. All das müssten sie sich mit ihren Kolleginnen und Kollegen teilen, würde doch die gesamte Infrastruktur dem Department gehören und nicht mehr ihnen persönlich. Was mancher als schmerzhafte Statusaufgabe empfinden mag, würde den Druck (oder besser: die Motivation) zur Kooperation und zum gemeinsamen Nachdenken über Forschung und Lehre erhöhen.

 

Ein Trost für die Drittmittelkönige: Sie könnten ihre projektfinanzierten Doktoranden und Postdocs behalten, doch würden sich wahrscheinlich auch diese viel stärker integriert fühlen in einem Department. Gewonnen wäre also nicht nur ein stärkeres Miteinander, ein größeres Wir-Gefühl über bisherige Lehrstuhlgrenzen hinweg, sondern auch mehr Dynamik in Forschung und Lehre – und mehr Karrierechancen, weil im Department-System nur noch Professoren mit Karriereperspektiven (was nicht zwangsläufig und in jedem Fall Entfristung bedeuten darf!) arbeiten würden. 

 

Die fünf Autoren der Jungen Akademie wissen freilich, dass sie nicht nur ihre eigenen Vorteile als Professoren der nächsten Generation in den Vordergrund stellen dürfen, wenn sie eine breite Unterstützung für ihren Vorstoß aktivieren wollen. Darum verwenden sie einen Großteil ihres Papiers darauf, die Auswirkungen, sprich: Vorteile, für die einzelnen Statusgruppen auszubuchstabieren. Das Lockmittel für die Professoren: mehr Zeit für Forschung und Lehre, weniger Aufgaben in Management, weil sich die administrative Last auf mehr professorale Schultern verteilen würde. Dem derzeitigen Mittelbau versprechen die Autoren: Ihr seid diejenigen, die in einer Department-Struktur eher auf eine Professur hoffen können; und falls es damit nicht klappt, bleiben ja die bisherigen Drittmittelstellen bestehen.

 

Das Ganze versieht die Junge Akademie mit einer nett anzusehenden Grafik (siehe oben). Erstens die Lehrstuhlstruktur: schön hierarchisch, ein paar oben, sehr viele von Abhängige unten. Zweitens die Department-Struktur: ein zumindest optisch ausbalanciertes Verhältnis zwischen Profs und drittmittelfinanzierten Wissenschaftlern.

 

Den Studenten versprechen die Autoren bessere Betreuungsverhältnisse, wobei das ein wenig schön gerechnet ist, denn ob die Lehre besser ist, wenn sie künftig nur noch von Professoren anstatt von wissenschaftlichen Mitarbeitern kommt, ist fraglich. Eine wundersame Vermehrung von Lehrpersonen insgesamt bringt zumindest auch die Department-Struktur nicht. 

 

Den Universitätspräsidien wiederum stellt die Junge Akademie in Aussicht, dass sie dank der Reform neue strategische Spielräume erhielten, weil die vergrößerte Professorenschaft eine "flexiblere, breitere und differenzierte Forschungsausrichtung" zulasse. Und, ganz wichtig, an der Einstellung von Professoren sind die Präsidien immer beteiligt – also ein Machtgewinn für die Chefs? Sogar die Drittmittel, sagen die fünf Autoren, könnten steigen, weil es ja dann mehr potenzielle Antragsteller gebe. Zuletzt die Ansage an die Politik: Die Department-Struktur mache die deutschen Hochschulen "international sichtbar und konkurrenzfähig", die Profilbildung der Universitäten werde unterstützt. 

 

In der Summe eine Menge Segnungen, die die Junge Akademie allen Beteiligten verspricht, so viele, dass es schon zu dick aufgetragen wirkt. Womöglich ist es ja gar nicht nötig, dass alle profitieren, um eine Reform in der Summe sinnvoll zu machen? In jedem Fall ist es ein Verdienst der Autoren, einmal alle Argumente pro Department zusammengetragen zu haben. 

 

Ebenso lesenswert ist der Abschnitt, in dem die Autoren beschreiben, wie die Umstellung weg vom Lehrstuhl-Prinzip zeitlich gestaffelt ablaufen könnte, nach dem Motto: Jeder Lehrstuhl, dessen Inhaber in Pension geht, fließt mit seiner Ausstattung ins Department. Ergänzend (die Autoren schreiben "alternativ") könnte die Umwandlung natürlich mit zusätzlichen Finanzspritzen beschleunigt werden. Zu Recht weist das Papier darauf hin, dass das gegenwärtige Kapazitätsrecht mit der Reform unvereinbar wäre, weil die scheinbare Verbesserung der Lehrkapazität durch mehr Professoren zu mehr Studienplätzen führen würde, was wiederum eine reale Verschlechterung der Lehrqualität zu Folge hätte. 

 

Weitere Details im Papier, etwa die Folgen für die Förderregularien der Deutschen Forschungsgemeinschaft, können an dieser Stelle unerwähnt bleiben, sind aber für die konkrete Umsetzung des Department-Prinzips grundlegend und werden daher richtigerweise von der Jungen Akademie ausgeführt.

 

Beeindruckend ist die Zahl der Kommentatoren, die die Sprecherin der Jungen Akademie, Jule Specht, und ihre Mitstreiter im zweiten Teil ihres Papiers zu Wort kommen lassen, darunter der Mannheimer Unirektor Ernst-Ludwig von Thadden, der neue schleswig-holsteinische Wissenschaftsstaatssekretär Oliver Grundei, die sächsischen Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange (SPD) und die Bundestags-Hochschulexperten Stefan Kaufmann (CDU) und Kai Gehring (Grüne). Nicht alle rufen "Hurra", einige sagen "Ja, aber", doch sie alle zeigen, dass es Zeit ist, die Debatte über das Ende des Lehrstuhl-Prinzips neu zu führen. Und zwar jetzt. Ideal wäre, wenn am Ende wirklich mal ein Ergebnis stehen würde. Ein mögliches – ein inspirierendes! – hat die Junge Akademie mit ihrem Debattenbeitrag geliefert.

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Müder Weckruf

Wissenschaft und Wirtschaft einigen sich erstmals auf einen gemeinsamen Forderungskatalog zur Innovationspolitik. Die Zahl der Unterzeichner übersteigt allerdings das Gewicht ihrer Argumente.

ANFANG JANUAR HABEN die Chefs der fünf größten Wissenschaftssorganisationen einen Brief an die Politik geschrieben, Titel: "Empfehlung zur Fortsetzung des Paktes für Forschung und Innovation". Das Schreiben kam bei den Adressaten (Bundestag, Bundesforschungsministerium und Gemeinsame Wissenschaftskonferenz) nicht wirklich gut an. Zu allgemein, lautete der Tenor, dem Positionspapier mangele es an richtungsweisenden neuen Ideen. "Konkret werden die fünf vor allem  bei ihren Forderungen an die Politik", kommentierte auch ich damals, "ein erwartbares Papier, dem die Vision, das mutige Angebot in Richtung Gesellschaft fehlt." Die informelle Reaktion der Autoren auf all die Kritik: leicht resigniertes Achselzucken. So sei das halt gelegentlich, wenn man so viele unterschiedliche Interessen unter einen Hut bringen müsse. 

 

Deutlich formulierten Max Planck, Helmholtz, Fraunhofer, Leibniz und die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) in ihrem damaligen Papier eigentlich nur, dass sie "weiterhin anhaltende jährliche Zuwächse" im Rahmen des Paktes erwarten. Deutlich formulierte die Politik daraufhin in Richtung von Max Planck & Co, dass da noch mehr kommen müsse.

 

Monatelang kam erstmal gar nichts. Bis gestern die Frankfurter Allgemeine Zeitung vorab über ein weiteres Papier berichtete. Diesmal nicht nur unterzeichnet von den Big Five, sondern von insgesamt 22 Organisationen und Verbänden. "Ein Weckruf von Wirtschaft und Wissenschaft" sei das, titelte die FAZ, und die DFG verkündete in der begleitenden Pressemitteilung, anlässlich der beginnenden Regierungsbildung hätten sich "erstmals führende Wissenschaftsorganisationen und Wirtschaftsverbände auf gemeinsame Empfehlungen für eine wirksame Innovationspolitik verständigt". Der Stolz über ihre konzertierte Aktion ist vor allem in der Wissenschaft groß, ist das doch die kraftvolle Positionierung, die die Politik immer gefordert hat. Wobei die Frage erlaubt ist, ob sich die Wirkung eines solchen Papiers vor allem aus der Zahl der Unterzeichner oder aus den enthaltenen Vorschlägen ableitet.

 

Ein kurzer Inhaltscheck. Die Unterzeichner, darunter auch der Bundesverband der Deutschen Industrie, die Leopoldina, der Pharma-Verband VFA und der Wissenschaftsrat, "unterstützen das Ziel", die Ausgaben für Forschung und Entwicklung auf einen Anteil von 3,5 Prozent am Bruttoinlandsprodukt zu steigern – freilich ein Ziel, das zu unterstützen vor ein, zwei Jahren wegweisender gewesen wäre als heute, nachdem sich vor der Wahl als letzte Bundestagsfraktion auch die Union dazu bekannt hat. Was nichts über seine Realisierungschancen aussagt, die sich mehr in der Dimension des künftigen Verteidigungshaushaltes entscheiden dürften.

 

Aber gut. Die Hinweise, wie die 3,5 Prozent laut Wissenschaft und Wirtschaft zu erreichen sind, lauten kurz zusammengefasst: 1. die steuerliche Forschungsförderung für F&E in Unternehmen einführen, aber (Kompromiss!) dafür bitte nicht die "bewährte Projektförderung" einschränken. 2. Die Wissenschaftspakte, inklusive Pakt für Forschung und Innovation (siehe oben), fortsetzen, Begründung: "Die Kombination von forschungspolitischen Zielen und kontinuierlichem Aufwuchs der Grund nanzierung hat sich außerordentlich bewährt." Ausgeblendet wird erneut die Unzufriedenheit vor allem in den Bundestagsfraktionen mit der bisher zu schwammigen Zielformulierung im Pakt und dem unzureichenden Monitoring. Auch diesmal: Kein Wort dazu von den Wissenschaftsorganisationen. Zumindest nicht an dieser Stelle.

 

Die Hochschulen dürften dagegen zufrieden sein: Das Papier fordert, nach Ende des Hochschulpakts die Mittel "unbefristet und umfassend verwendbar" weiterfließen zu lassen. Fehlt eigentlich nur noch (zum Glück!) das Stichwort "konditionslos". Punkt 3 fordert: Die technologieoffene Forschungsförderung der Industriellen Gemeinschaftsforschung und des Zentralen Innovationsprogramms Mittelstand sollen auch Zuwächse erhalten, die "dem tatsächlichen Bedarf" entsprechen.

 

Punkt 4: Die Spitzenforschung soll gestärkt, Innovationen sollen gefördert werden. Sowohl "herausragende Grundlagenforschung" (hier spricht die DFG) als auch" exzellente anwendungsnahe Forschung" (darauf kann man sich immer einigen) müssten ihren "hohen Stellenwert" behalten. Ach ja, und dann gelte es noch neue Förderformate (kommen bei Punkt 5 nochmal) in den Blick zu nehmen, "die auf disruptive Innovationen" abzielen. Schade nur, dass keiner so genau weiß, wie disruptive Innovationen gezielt zu fördern sind und auch das Papier keinerlei Beispiele solcher neuer Förderformate vorschlägt. 

 

In Punkt 5 werden die Reallabore von Fraunhofer als Erfolgsmodelle (sind sie wirklich!) gepriesen, doch dann stehen da wieder so aussagefreie Sätze wie der folgende: "Die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Wirtschaft ist weiter zu fördern und mit dem Ziel zu stärken, vollständige Innovationskreisläufe von der Grundlagenforschung bis in die Anwendung und zurück abzubilden." Positiv ist die Forderung, im Rahmen sogenannter  "Validierungs- und Transferaktivitäten" Technologie- und Wissenstransfer gleichermaßen zu berücksichtigen, wenn die Wissenschaft in den stärkeren inhaltlichen Austausch mit der Gesellschaft tritt also – wobei auch hier zu fragen ist, ob die Wissenschaft nicht längst von sich aus viel mehr tun könnte und sollte, anstatt erst auf mehr Förderung zu pochen.

 

Der letzte – 6. – Punkt schließlich ist symbolisch für fast den gesamten Punktekatalog: Die Hochschulbildung, heißt es da, bleibe wichtig, die Nachfrage hoch. Aber die duale Ausbildung und die betriebliche Weiterbildung seien "ebenfalls entscheidend". Auch an dieser Stelle sollen also alle alles bekommen. Der Orientierungswert für die Politik tendiert gegen null. Das "Lastenheft für die Politik", das die FAZ lobte, ist mehr eine Wünsch-dir-was-Liste ohne Überraschungseffekte und ohne zwingende Argumentation. Bis zu dieser Stelle.

 

Denn zum Glück ist das Papier mit Punkt 6 noch nicht zu Ende. Nach all den Kompromissen folgen zwei wirklich wertvolle Forderungen an die Politik: Regierung und Parlament sollten künftig stärker die Auswirkungen berücksichtigen, die geplante Gesetze auf Forschung und Innovation haben können. Implizit kann man daraus die Erwartung ableiten, dass die Politik zusätzlich die Auswirkung geltender Gesetze und Fördervorhaben nach einigen Jahren ernsthaft evaluieren sollte. Eine starke, eine wichtige Empfehlung, die unterstützt wird durch eine weitere im vorletzten Absatz des Positionspapiers: Die Förderschwerpunkte müssten "stärker als bisher ressortübergreifend und methodisch konsistent" festgelegt werden, inklusive einem Mehr an Transparenz und (ja, bitte!) einer nachvollziehbaren Förderberichterstattung. 

 

So sind es ausgerechnet diese letzten Absätze, die wie ein Nachklapp wirken, diejenigen, die mit dem Papier ein Stückweit versöhnen. "Toll, dass Ihr 22 Euch habt einigen können", möchte man Wissenschaft und Wirtschaft zurufen, "nur bitte macht mehr aus dieser geballten Kraft." Auch wenn das mal bedeutet, das nicht jeder jeden Wunsch formulieren kann. 

 

Das Papier finden Sie auf den Websites der unterzeichnenden Organisationen, zum Beispiel hier

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Neue Verhältnisse

Wie man die Studentenströme zwischen Universitäten und Fachhochschulen neu verteilen könnte, wieso alle davon etwas hätten und was das mit der ungeliebten Kapazitätsverordnung zu tun hat: ein Gastkommentar von Oliver Günther.

Foto: ulrichw

DIE KAPAZITÄTSVERORDNUNG (KapVO) regelt, wieviel Lehrkapazität für die Ausbildung eines Studierenden erforderlich ist. Sie hat sich nie besonderer Beliebtheit erfreut. Als ein in dieser Form international wohl einmaliges Konstrukt versucht sie, landes- bzw. bundesweit einheitlich zu regeln, wie viele Lehrstunden in die Ausbildung eines Mediziners (viele!), Juristen (eher weniger) oder Historikers (ganz wenige) zu investieren sind. Schon die normative Idee, die diesen Beispielen zugrunde liegt, ist nicht immer nachzuvollziehen. Zudem ist die KapVO schwer zu verstehen, nur wenige Spezialisten durchschauen sie im Detail. Unterschiede zwischen Hochschulen ebnet sie ein, abgesehen von dem Bekenntnis zu einem zweistufigen Studiensystem, das Fachhochschulen dezidiert von Universitäten abgrenzt. Aber dazu später mehr. Im Ergebnis fordern viele die ersatzlose Abschaffung der Kapazitätsverordnung.

 

Ihren Kern bildet das Konzept des Curricularnormwerts (CNW) – laut Wikipedia „eine Festlegung, wie viele Deputatsstunden für die Ausbildung eines Studenten in einem bestimmten Studiengang an Hochschulen erforderlich sind.“ Höhere CNWs indizieren einen Bedarf an mehr Personal, das in dem entsprechenden Studiengang pro Studierendem vorzusehen ist. Die CNWs waren ursprünglich festgelegt in den eingangs angesprochenen Kapazitätsverordnungen der Bundesländer, inzwischen sind sie in den unwesentlich flexibleren Curricularwerten (CWs) aufgegangen. Der Öffentlichkeit sind die jeweils angewandten CNWs bzw. CWs nur beschränkt zugänglich.

 

KapVOs und CWs sind gerade wegen ihrer Sperrigkeit ein praktisches Konstrukt, wenn es um das so genannte „Einklagen“ von Studienplätzen geht. Richter berechnen hier aufgrund der Personaltableaus der Hochschulen das insgesamt verfügbare Lehrdeputat einer Fakultät oder eines Instituts. Einschlägige Prozessakten beeindrucken durch den Detaillierungsgrad, mit dem hier gerechnet wird. Dieser Wert geteilt durch den CW eines Studiengangs ergibt die theoretisch verfügbare Kapazität. Ist diese nicht durch die immatrikulierten Studierenden ausgeschöpft, wird der Klage stattgegeben und der Klagesteller ist zuzulassen. 

 

So weit so gut. Oder vielleicht nicht so gut. Denn seit Einführung der KapVO hat sich in der bundesdeutschen Hochschullandschaft doch einiges verändert. Als die KapVO in der alten Bundesrepublik das Licht der Welt erblickte, gingen dort gerade einmal rund 15 Prozent eines Altersjahrgangs auf eine Hochschule. In der DDR waren es damals wohl knapp über 10 Prozent. Fachhochschulen waren in der Bundesrepublik gerade eingeführt worden, als praxisorientierte Alternative zu den scheinbar theorielastigen Universitäten. Eine Kernidee war, Bildungsaufsteigern und junge Menschen mit Berufserfahrung über ein praxisorientiertes, betreuungsintensives Studium den Weg in die Führungsetagen zu ebnen. Die hohe Betreuungsintensität hat sich auch von vornherein in den vergleichsweise hohen CWs der Fachhochschulen niedergeschlagen. 

 

Trotz aller anfänglichen Skepsis gegenüber dem „Dipl.-Ing. (FH)“ oder auch dem „Dipl-Kfm. (FH)“ hat sich das Modell Fachhochschule als Erfolgsmodell erwiesen. Heute besuchen rund ein Drittel aller Studierenden in Deutschland eine Fachhochschule. Das diskriminierende Kürzel „(FH)“ ist verschwunden, viele Fachhochschulen sind zu „Hochschulen für angewandte Wissenschaften (HAW)“ mutiert. Die Absolventen haben gute Chancen am Arbeitsmarkt, sie verdienen nicht selten mehr als ihre Kommilitoninnen von der Universität. 

 

Statt den erwähnten 10 bis 15 Prozent eines Altersjahrgangs beginnt derzeit mehr als die Hälfte ein Hochschulstudium. Nur ein Bruchteil dieser jungen Menschen ist an einer wissenschaftlichen Laufbahn interessiert. Gefragt ist vielmehr ein wissenschaftlich fundiertes Studium, das auf die berufliche Laufbahn in einem Unternehmen oder einer Behörde vorbereitet. Genau das leisten unsere Fachhochschulen. Aber warum studiert trotzdem nur gut ein Drittel an einer Fachhochschule? Wäre es andersherum nicht besser für alle Beteiligten?

 

Drei Gründe lassen sich ausmachen. Erstens bieten die Fachhochschulen nicht alle Fächer an. So lassen sich zum Beispiel Jura oder Medizin nur an einer Universität studieren, auch das Lehramtsstudium ist traditionell eine Domäne der Universitäten. Zweitens gilt das Studium an einer Fachhochschule vielerorts noch als Studium zweiter Klasse; dies gilt insbesondere für die Eltern- und Großelterngeneration des Bildungsbürgertums, die dem Nachwuchs dann „sicherheitshalber“ doch zum universitären Studium raten. Und drittens haben die Universitätsleitungen gemischte Gefühle hinsichtlich einer Umschichtung: Einerseits hätten viele nichts gegen geringere Jahrgangsstärken, weil sich so schnell Verbesserungen in der Studienqualität erzielen ließen. Andererseits hat man Sorge, dass derartige Verschiebungen Haushaltskürzungen zur Folge haben könnten. Dies wäre insbesondere bei den forschungsstarken Universitäten auch volkswirtschaftlich problematisch, da diese im internationalen Vergleich ohnehin schon strukturell unterfinanziert sind.

 

Die politische Herausforderung besteht also darin, das Image der Fachhochschulen weiter zu verbessern und vielleicht auch über neue Berufsbilder in den traditionell universitär verankerten Studienfächern nachzudenken. So engagieren sich viele Fachhochschulen bereits im Bereich der Gesundheitsberufe oder in der Rechtspflege. Darüber hinaus müssen die angestrebten Verschiebungen der Kapazitäten aber auch finanziell unterlegt werden. Hier schlägt nun, siehe oben, wieder die Stunde der ungeliebten KapVO. Denn der gordische Knoten könnte durch folgenden Viersprung elegant zerschlagen werden:

 

(1) Eine schrittweise Erhöhung der CWs für die Universitäten, möglicherweise abhängig von deren Forschungsleistung;

(2) Konstanz oder leichte schrittweise Absenkung der CWs für die Fachhochschulen;

(3) Eine privilegierte Behandlung der Fachhochschulen bei der Verteilung zusätzlicher Finanzmittel – ohne dass dies zu Absenkungen bei den Haushalten der Universitäten führt;

(4) Die Einführung von Fachhochschulstudiengängen auch in traditionell universitätsdominierten Studiengängen wie der Jura und der Medizin. >>

Wie die Verteilung der Studenten sich verändern würde

>> Diese Maßnahmen würden zu deutlich mehr Studienplätzen an den Fachhochschulen führen, ohne dass dort unzumutbare Zustände zu befürchten wären. Mit Maßnahme (2) würde die Anzahl der Studienplätze an den Universitäten tendenziell sinken und die Studienqualität entsprechend steigen. Maßnahme (3) würde bewirken, dass letztlich alle – jedenfalls alle, die eine angemessene Leistung erbringen – gewinnen. Denn Zuwächse würden den Universitäten ebenso wie den Fachhochschulen zuteil, und der Steuerzahler bekäme letztlich mehr „bang for the buck“, mehr von dem, was das Land wirklich braucht.

 

Auf diese Weise ließe sich das derzeitige Verhältnis ein Drittel FHs zu zwei Drittel Unis schrittweise zugunsten der Fachhochschulen erhöhen. Unsere Berechnungen zeigen, dass sich dieser Effekt vergleichsweise zügig erzielen lässt (für die genauere Berechnung kontaktieren Sie den Autor). Ein mögliches Szenario sähe so aus, dass es pro Jahr für die Hochschulen 3,5 Prozent mehr Budget gibt, die Universitäten aber nur eine Erhöhung von 2,5 Prozent Prozent Jahr erhielten und im Gegenzug (wegen der niedrigeren Haushaltszahlen insgesamt) pro Jahr 7,5 Prozent zusätzlich den Fachhochschulen zugutekommen. Parallel hierzu würden die CWs der Universitäten pro Jahr um 5 Prozent erhöht, die CWs der FHs pro Jahr nur um ein Prozent. Ein solches Szenario würde nach 8 Jahren dazu führen, dass die Kapazitäten von Universitäten und Fachhochschulen ungefähr gleich hoch wären. Wobei offen ist, ob die Nachfrage nach FH-Studienplätzen einer solchen Verschiebung von Kapazitäten folgen würde. >>

Mit welchen Budgets Unis und Fachhochschulen rechnen könnten

>> Auch diese teilweise überraschende Berechnung kann allerdings die eigentliche Schlussfolgerung nicht beseitigen: Die Curricular(norm)werte sind kein sachgerechtes Konstrukt für Hochschulbildung im 21. Jahrhundert.  Eigentlich gehört die Kapazitätsverordnung abgeschafft. Aber wenn die Politik schon davon absieht, den großen Schritt zu gehen, sollte das Konstrukt wenigstens an die derzeitigen Verhältnisse angepasst und für die vereinbarten politischen Ziele genutzt werden. Dabei sollte auch darüber nachgedacht werden, ob das Zwei-Klassen-System Universität versus Fachhochschule überhaupt noch den aktuellen Verhältnissen entspricht. Vielleicht wäre eine Lösung entlang eines Spektrums sachgerechter. Dies würde freilich mehr Flexibilität bedingen, was die Aushandlung von CWs und Lehrdeputaten zwischen Landesregierung und Hochschule angeht. Dabei wären auch Sondertatbestände wie etwa die Lehramtsausbildung zu berücksichtigen. Doch auch davor scheuen viele Landesministerien noch zurück.

 

Oliver Günther ist Präsident der Universität Potsdam. Sie erreichen ihn unter oliver.guenther@uni-potsdam.de. 

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Verlorene Kompetenz

Viele erfahrene Bildungspolitiker sind im neuen Bundestag nicht mehr dabei. Das hat nicht nur mit Pech zu tun.

Özcan Mutlu, Simone Raatz, Rosemarie Hein, Michael Kretschmer Fotos (von oben links im Uhrzeigersinn)

ZUM BEISPIEL ÖZCAN MUTLU, vier Jahre lang Fraktionssprecher für Bildungspolitik: Kaum ein Abgeordneter setzte so viele Pressemitteilungen ab wie der Grüne, wenige kämpften so leidenschaftlich für mehr Chancengerechtigkeit und – vor allem – für mehr Bundeszuständigkeit in der Bildung. 

 

Zum Beispiel Michael Kretschmer, zuletzt Vize-Vorsitzender der CDU-/CSU-Fraktion, verantwortlich für Bildung, Forschung, Kultur: Der kennt sich aus, sagten sie über ihn, der kann auch mit den Forschungspolitikern der anderen Parteien. Kurz vor der Wahl spekulierte die ZEIT, Kretschmer, seit 2002 im Bundestag, könnte Chef im Bundesbildungsministerium werden.

 

In zwei Wochen trifft sich erstmals der neu gewählte Bundestag. Viele erfahrene Experten für Bildung und Wissenschaft werden nicht mehr dabei sein. So geht Demokratie, und doch ist es bitter zu sehen, wenn dem Parlament so viel Kompetenz auf einmal verloren geht – Kompetenz, die nichts mit Parteizugehörigkeit zu tun hat. Kretschmer verpasste sein Direktmandat, Mutlu hatte seine Partei auf Listenplatz vier in Berlin gesetzt. Die ersten drei kamen rein. >>



>> Zum Beispiel Rosemarie Hein. Die Lehrerin kam 2009 für die Linke in den Bundestag, in den vergangenen vier Jahren stand sie als Fraktionssprecherin für allgemeine Bildung 44 Mal am Rednerpult. Sie warb für die Gemeinschaftsschule, für Schulsozialarbeit und für ausfinanzierte Hochschulen. Die 64-Jährige verzichtete auf eine erneute Kandidatur.

 

Simone Raatz wäre gern wieder dabei gewesen. Die SPD in Sachsen wählte sie mit 97,5 Prozent auf die Landesliste, das beste Ergebnis von allen. Aber eben nur auf Platz fünf. Vier schafften den Sprung. Auf Raatz’ Website stand bis vergangene Woche: „Ich bin Ihre Stimme im Bundestag“. Vor allem war sie eine Stimme für Schulen und Hochschulen, als stellvertretende Vorsitzende des Bundestagsbildungsausschusses. 

 

Dass viele Politiker, die sich in Berlin um Bildung und Wissenschaft verdient gemacht haben, daheim um ihr politisches Überleben kämpfen mussten, hatte sich im Frühjahr abgezeichnet, als die Landesverbände ihre Wahllisten aufstellten. So sehr Schulen und Hochschulen von den Spitzenpolitikern hochgejubelt werden, in der Hackordnung der Fachthemen rangieren sie unten: Zu komplex, zu oft gibt’s Ärger. Tatsächlich ist es leichter, über Rentenerhöhungen zu schwadronieren, als Kollegen und Wählern zu erklären, was Inklusion ist, der Hochschulpakt oder gar der Pakt für Forschung und Innovation.  

 

Misserfolg hat immer mehrere Gründe. Der Listenplatz sei auch die Quittung für seine ruppige Art gewesen, heißt es über einen Kandidaten. Beim nächsten hat die AfD-Stärke zum Mandatsverlust beigetragen. Doch auch wenn andere Bildungspolitiker den Wiedereinzug geschafft haben, auch wenn neue Leute nachrücken, die sich genauso reinhängen werden, ist die Botschaft der Wahl 2017 deprimierend deutlich: Wer politisch Karriere machen will, sucht sich ein anderes Betätigungsfeld. Zum Glück gibt es immer wieder Überzeugungstäter. 

 

Dieser Beitrag erschien heute zuerst in meiner Kolumne "Wiarda will's wissen" im Tagesspiegel.

 

Fotonachweise: Heinrich-Böll-Stiftung: "Öczan Mutlu", CC BY-SA 2.0; Foto-AG Gymnasium Melle: "Simone Raatz", CC BY 3.0; Gerd Seidel: "Rosemarie Hein", CC BY-SA 3.0; Angelika Kohlmeier: "Michael Kretschmer", CC BY-SA 3.0 DE

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Blick zurück (9)

Seit 20 Jahren beschäftigte ich mich mit Hochschulen, Bildung und Wissenschaft. Viel ist passiert in dieser Zeit, vieles davon durfte ich als Journalist begleiten. Der Blick zurück zeigt, wie aktuell einige meiner Themen von einst geblieben sind – obwohl sich fast alles verändert hat. Machmal allerdings auch, weil sich fast gar nichts verändert hat. Der neunte Teil einer Serie.

Tim Reckmann: "BAföG", CC BY-NC-SA 2.0

Minenräumer im Einsatz

Die große Bafög-Reform bleibt bislang im ideologischen Kleinkrieg der Parteien stecken. Die Koalitionsgespräche zwischen Union und SPD verheißen Besserung.

(erschienen in der ZEIT vom 03. November 2005)

 

DIE BEIDEN HAUPTAKTEURINNEN sind mit einem Mal ganz schmallippig. Noch-Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) lässt ein bereits vereinbartes Interview durch ihren Sprecher absagen mit der Begründung, sie wolle die Verhandlungen nicht durch das Wiederholen bekannter Positionen belasten. Bald-Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) verliert sich in allgemeinen Andeutungen und sagt: "Es darf auf keinen Fall der Eindruck entstehen, dass wir alles infrage stellen."

 

Es ist ein vermintes Terrain, das die führenden Bildungspolitiker beider großen Parteien in den Berliner Koalitionsgesprächen diese Woche abschreiten. Die Themen lauten Studiengebühren, Studienfinanzierung und, allem voran, Reform des Bafög, das Studenten derzeit nur dann erhalten, wenn ihre Eltern nicht zu viel verdienen. Veränderungen an der Ausbildungsförderung sind seit der Ankündigung von Studiengebühren in einigen Bundesländern noch komplizierter geworden, weil der Bund zu zwei Dritteln das Bafög finanziert und auf keinen Fall den Ländern indirekt die Studiengebühren bezahlen will. Schavan wollte sich daher vor den Verhandlungen noch nicht einmal die Aussage entlocken lassen, dass sie eine solche Reform überhaupt anstrebe, was wohl auch mit unschönen Erinnerungen zu tun hat: Im April erst hatte sie dem Bulmahn-Lager eine Steilvorlage gegeben mit der an sich wenig spektakulären Bemerkung, Studiengebühren und Studienfinanzierung müssten im Zusammenhang gesehen werden. Schavan wolle die Bafög-Förderung ersatzlos streichen, empörte sich die SPD: eine im höchsten Maße unsoziale Bildungspolitik zugunsten der Reichen. Noch einmal, so hat sich Schavan offenbar geschworen, passiert ihr das nicht.

 

Andere Unterhändler der Arbeitsgruppe Bildung äußern sich da, wenn auch hinter vorgehaltener Hand, unbefangener. Natürlich stehe eine große Reform des Bafögs auf dem Programm. Stichwort Drei-Körbe-Modell, das eine Grundförderung für alle mit einkommensabhängigen Zuschüssen und Studienkrediten verbindet: Wenn Schavan das als Vorschlag auf den Tisch legt, könnte sie ihr Gegenüber Bulmahn womöglich aus der Reserve locken, schließlich waren die drei Körbe einmal auch Bulmahns Reformidee, bevor Gerhard Schröder sie 1999 einkassierte. Die rasche Einigung auf einen umfassenden Umbau der Studienfinanzierung, die über die Gummiformulierung "Sicherung und Weiterentwicklung" hinausgeht, wäre allerdings in der Tat eine Sensation. In der Bestandsaufnahme immerhin sind sich beide Seiten schon einig: Das bisherige System, in dem nur ein knappes Viertel aller Studenten eine Förderung erhält, reicht bei weitem nicht aus.

 

Drei Körbe für ein
sorgenfreies Studieren

 

Die größten Chancen zur Verwirklichung hätte derzeit folgende Version des Drei-Körbe-Modells: Die Bundesregierung zahlt eine elternunabhängige Grundförderung, zum Beispiel indem sie das Kindergeld, den so genannten Ortszuschlag und die Steuerfreibeträge direkt an die Studenten überweist (Korb 1). Zusätzlich wandeln Bund und Länder das bisher gemeinsam finanzierte Bafög in einen Zuschuss um, der abhängig vom Elterneinkommen in der Höhe variiert (Korb 2). Den dritten Korb füllen öffentliche wie private Studienkredite, die jedem Studenten wiederum unabhängig vom Elterneinkommen zu möglichst günstigen Konditionen zur Verfügung stehen. Der entscheidende Vorteil des Drei-Körbe-Modells: Es ist weitgehend kostenneutral, es berücksichtigt die komplizierte Kostenverteilung zwischen Bund und Ländern, und Teile davon existieren bereits: Immer mehr Banken bieten Studienkredite an (siehe Kasten), allen voran die staatliche KfW-Bankengruppe. "Hauptsache, Schavan bringt die drei Körbe nicht in Zusammenhang mit den Studiengebühren", sagt ein SPD-Unterhändler. "Dann könnte die Einigung vielleicht gelingen." Beim Stichwort Studiengebühren nämlich fällt bei Edelgard Bulmahn die Klappe, sie will nicht als Verräterin ureigener SPD-Positionen dastehen, indem sie durch ihre Mitarbeit an der Reform die Einführung der Gebühren indirekt auch noch erleichtert.

 

Einige Bildungsexperten befürchten daher eine "Große Stillhalte-Koalition" in Sachen Studienfinanzierung. Dieter Dohmen, Leiter des Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS) in Köln, sagt: "Die SPD will keine Studiengebühren, die CDU will den Bund aus der Hochschulpolitik heraushalten. Beides spricht nicht dafür, dass wir eine bundesweite Lösung sehen werden." Doch sogar die Bildungsdenkfabrik CHE (Centrum für Hochschulentwicklung), die sich in der Vergangenheit für Studiengebühren und gegen eine bundeseinheitliche Hochschulpolitik stark gemacht hat, fordert eine bundesweite, elternunabhängige Grundsicherung der Studenten. "Die Sozialverträglichkeit der Studiengebühren ist ansonsten gefährdet", warnt CHE-Leiter Detlef Müller-Böling.

 

Kleine Schritte statt
des großen Wurfs

 

Für Baden-Württembergs Wissenschaftsminister sind das Problem jedoch nicht die Studiengebühren. "Die bisherige Diskussion verkennt, dass die Lebenshaltungskosten um ein Vielfaches höher liegen", sagt Peter Frankenberg (CDU), der vergangene Woche sein Studiengebührenmodell vorgestellt hat. Demnach bietet die landeseigene L-Bank baden-württembergischen Studenten ein Darlehen von 500 Euro pro Semester, aber nur zur Finanzierung der Gebühren. Zum Bestreiten der Lebenshaltungskosten sei eine grundlegende Reform des Bafögs im Sinne des Drei-Körbe-Modells unumgänglich, betont Frankenberg und baut so elegant eine Brücke für die Gebührengegner. "Ich hoffe, dass dies in den Koalitionsverhandlungen zumindest thematisiert wird."

 

Frankenbergs Hamburger Kollege dagegen bremst die Erwartungen: "Es sollte keine großen Sprünge geben, sondern einen schrittweisen Prozess weg von der Ausrichtung der Förderung am Elterneinkommen hin zu einer nachgelagerten Finanzierung für alle", sagt Wissenschaftssenator Jörg Dräger. Nachgelagerte Finanzierung heißt, dass Studiendarlehen erst nach dem Examen und mit dem Erreichen einer bestimmten Einkommenshöhe beglichen werden müssen. Anderswo, etwa in Australien, ist das seit langem Praxis. "Der KfW-Studienkredit ist ein guter Einstieg, um erste Erfahrungen zu sammeln", so Dräger.

 

Die beiden Chefunterhändlerinnen lassen sich indes auf keinerlei öffentliche Diskussionen ein. Annette Schavan begnügt sich mit der wolkigen Formulierung, dass sie das Thema Bildungssparen, einen Unionsvorschlag aus dem vergangenen Jahr, in den Koalitionsverhandlungen zur Sprache bringen werde. Demnach könnten Eltern nach der Geburt eines Kindes jeden Monat Geld für dessen spätere Ausbildung zurücklegen – mit staatlicher Förderung. Auf dieser Grundlage könne man überlegen, "wie wir weiter vorgehen", sagt Schavan. Die SPD signalisiert bereits Zustimmung. Das war es dann aber auch schon mit den Andeutungen. Denn eines ist für die künftige Bundesbildungsministerin entscheidend: "Wir dürfen nichts tun, was die Studierenden verunsichert."

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Wege aus dem Stimmungstief

Der Staatsvertrag zur Akkreditierung beseitigt nur die legale Schlagseite des Systems. Damit die externe Qualitätssicherung auch inhaltlich an Akzeptanz gewinnt, muss der Neuanfang noch viel grundsätzlicher werden. Ein Gastkommentar von Siegfried Hermes.

DER BESCHLUSS DES BUNDESVERFASSUNGSGERICHTS vom Februar 2016 hat die gegen das deutsche Akkreditierungssystem von vielen Seiten erhobenen Bedenken gleichsam höchstrichterlich bestätigt. Die Richter haben verdeutlicht, dass der Eingriff in die Wissenschaftsfreiheit, den die Akkreditierung bedeutet, grundsätzlich zulässig ist im Sinne der externen Qualitätssicherung von Lehre, dass das System jedoch auf eine tragfähige gesetzliche Grundlage gestellt werden muss.

 

Der jetzt im Ratifizierungsprozess der Länder befindliche „Studienakkreditierungsstaatsvertrag“ soll diesen gesetzlichen Rahmen schaffen, indem er Ziele, Verfahren, Akteure und Bewertungskriterien der Akkreditierung allgemein regelt. Aber indem der Staatsvertrag dem Akkreditierungssystem ein neues formalisiertes Fundament gibt, wird er unmittelbar nur dessen offenkundiges Legalitätsproblem lösen; das viel schwerer wiegende Legitimitätsdefizit hingegen, das der Akkreditierung seit seinen Anfängen anhaftet, wird er nicht ohne Weiteres beheben. Dass es der Akkreditierung bei vielen Professoren, Hochschulen und auch Studierenden an Akzeptanz mangelt, hat die nahezu ungeteilte Zustimmung zu dem Beschluss des Bundesverfassungsgerichts noch einmal nachdrücklich bestätigt. Warum aber ist das so? Und welche Chancen für das System eröffnet die Entscheidung?

 

Die Rolle der Gutachter muss sich wandeln

 

Speziell die Programmakkreditierung wird von vielen immer noch als eine bürokratische Urteilsmaschinerie wahrgenommen – oder gar als Quelle willkürlicher Urteile über Studiengänge, deren fachlich-wissenschaftliche Bewertungsgrundlagen sie nicht kennen oder teilen. Daher darf die mangelnde Akzeptanz gerade bei den Hochschulen und Lehrenden nicht verwundern. Solche Perzeptionen sind jedoch umso bedenklicher, als einer der Leitgedanken des Akkreditierungssystems gerade das Gegenteil bezweckte: Über das Peer- Review-Prinzip sollen statt der Ministerialbürokratie Fachexperten mit Fachexperten einen Diskurs über die Qualität von Lehre und Studium führen. Faktisch kann dies jedoch nur gelingen, wenn die Fachgutachter ihre Aufgabe mit großer Zustimmung aller Beteiligten führen können. Deshalb muss sich ihre Rolle wandeln, und zwar in zweifacher Hinsicht: Erstens müssen sie von der Bewertung rein formaler Aspekte des Studiums entlastet werden, und zweitens müssen sie ihre fachlich-inhaltliche Bewertung auf der Grundlage möglichst breit konsentierter Bewertungsgrundlagen treffen können. 

 

Für eine solche Fokussierung der Expertentätigkeit in der (Programm-) Akkreditierung enthält der Verfassungsgerichtsbeschluss wichtige Anhaltspunkte. Zwar beschränkt er sich auf die Nennung der wesentlichen Regelungsmaterien und sagt speziell zu den Bewertungskriterien inhaltlich nichts. Und doch werden unter Bezug auf die im Grundgesetz verbriefte Berufsfreiheit der Studierenden die Themen „Fachlichkeit“ und „Beruflichkeit“ ins helle Licht gerückt. >>



>> Der Staatsvertrag nimmt die Argumentation des Verfassungsgerichts auf, indem er nähere Bestimmungen zu den fachlich-inhaltlichen Bewertungskriterien enthält und dazu unter anderem „auf dem aktuellen Stand von Wissenschaft und Forschung befindliche fachlich-inhaltliche Standards“ anführt (Artikel 2, Absatz 3). Indem die Länder an dieser Stelle die bisherigen Kriterien für die Programmakkreditierung entlang der Merkmale „formal/inhaltlich“ aufspalten, sollen die Gutachter in die Lage versetzt werden, sich auf die fachlich-inhaltliche Dimension von Studienqualität zu konzentrieren. So sinnvoll das erscheint, so problematisch ist die vorgenommene Unterscheidung in ihrer praktischen Konsequenz, weil zahlreiche auf den ersten Blick scheinbar rein formale Aspekte von Studienprogrammen sich nur im Zusammenhang mit der inhaltlichen Analyse sinnvoll bewerten lassen – und die Entscheidung darüber können wiederum nur die Gutachter treffen. Für die verbleibenden rein formalen Kriterien wäre zudem zu hinterfragen, warum sie überhaupt Prüfgegenstand von Akkreditierungsverfahren sein müssen. Sie könnten ebenso gut der internen Qualitätssicherung der Hochschulen (den Justiziariaten im Zusammenspiel mit ihren Ministerien) überlassen werden. 

 

Fachliche Qualitätssicherung statt „Vollkontrolle“

 

In der Fokussierung der Gutachtertätigkeit auf die fachlich-inhaltliche Bewertung liegt hingegen eine wirkliche Chance der Reform. Hier könnten substantielle Akzeptanz- und damit Legitimitätsgewinne errungen werden, wenn innerhalb der Fächer ein Konsens erzielt wird, was die inhaltliche Qualität von Studienprogrammen ausmacht und wie man sie verbindlich formuliert. Die Frage, welche fachlichen Kriterien die Gutachter bei ihrer Bewertung denn eigentlich anlegen, wäre dann nämlich für alle Beteiligten nachvollziehbar geklärt. Dieser Punkt ist naturgemäß besonders sensibel, denn hier ist der Kern der Freiheit von Forschung und Lehre betroffen. An dieser Stelle entscheidet sich, wie tief die Akkreditierung eingreift und in welchem Maße sie dabei zwangsläufig die Autonomie der Hochschulen berührt.

 

Bei dem Versuch, die fachlich-inhaltlichen Kriterien näher zu bestimmen, räumt der Staatsvertrag den von den Fachbereichen selbstgesetzten Qualifikationszielen eines Studiengangs zu Recht eine prominente Stelle ein. Schon bisher bildeten diese den implizit wesentlichen Maßstab zur Beurteilung der Studiengänge. Indem die Fächer selbst ihre Qualifikationsziele formulieren, werden diese wie schon bisher zum Garant für die im Rahmen der externen Qualitätssicherung anerkannte Autonomie der Fakultäten und Fachbereiche in der Gestaltung von Studium und Lehre. Wie wichtig die Qualifikationsziele sind, um der fachinhaltlichen Bewertung der Studiengänge Plausibilität und Akzeptanz zu verschaffen, wird jedoch vielfach immer noch nicht gesehen – was nicht zuletzt daran liegt, dass sie innerhalb einer kaum systematisierten Vielfalt gleichrangiger Kriterien leicht unterschätzt werden konnte. 

 

In diesem Punkt leistet der neue Staatsvertrag zur Akkreditierung zwar weniger als wünschenswert wäre, trifft aber neben dem Bekenntnis zu selbstgesetzten Qualifikationszielen eine weitere wichtige Festlegung: Die Qualifikationsziele sollen auf Kompetenzen ausgerichtet sein, die auf dem Arbeitsmarkt verwertbar sind, auch weil sie den „auf dem aktuellen Stand von Wissenschaft und Forschung befindlichen fachlich-inhaltlichen Standards“ entsprechen (Artikel 2, Absatz 3). Wie der Prozess für die Entwicklung solcher Standards organisiert werden muss, um eine möglichst breite Zustimmung an den Fakultäten und Fachbereichen zu gewinnen, wird damit zur zentralen Frage. 

 

Das Modell disziplinspezifischer Qualitätsstandards

 

Damit ein für die Qualifikationsziele erforderlicher maßgebender Referenzrahmen innerhalb der jeweiligen fachlichen Community abgestimmt werden kann, erscheint die Zusammenarbeit maßgeblicher Akteure der Fachwissenschaften als vielversprechender Weg. Vorrangig zu diesem Zweck wurde beispielsweise die sogenannte Strategische Partnerschaft von Fakultäten- und Fachbereichstagen der MINT-Disziplinen gegründet. Für den Bereich der ingenieur- und naturwissenschaftlichen Disziplinen ist sie der Versuch, zunächst innerhalb des Wissenschaftssystems gemeinsam fachlich-inhaltliche Standards zu definieren. Zugleich ist das so entstandene Forum grundsätzlich offen für den Austausch mit Studierenden, Berufspraxis, Politik und Gesellschaft.

 

Vor diesem Hintergrund ist es bedauerlich, dass das Thema fachspezifischer Qualifikationsrahmen in der Reformdiskussion lange Zeit eine allenfalls nachrangige Rolle gespielt hat. Unter der Flagge der Freiheit von Forschung und Lehre wurde für die Hochschulen ein lediglich optionaler Einsatz derartiger Referenzrahmen in der Akkreditierung favorisiert. Gleichzeitig waren entsprechende Standards in sogenannten staatlich reglementierten Studiengängen schon seit einiger Zeit zu berücksichtigen. Das provoziert natürlich die Frage, warum, was für die „berufszulassungsrechtlich reglementierten Berufe“ und die damit verbundenen präzisen Qualifikationsanforderungen gilt, nicht ein generell für die akademische Ausbildung sinnvoller Ansatz sein soll. 

 

Die bloße Existenz „irgendwelcher“ (nationaler oder internationaler) fachbezogenen Referenzrahmen und deren am Ende unklare Verbindlichkeit im Rahmen der Qualitätssicherung werden dabei nicht ausreichen. Denn wenn es den Beteiligten ernst ist mit dem Ziel, durch die Reform auch die Akzeptanz des Akkreditierungssystems zu steigern, wird das ohne die gemeinsame Entwicklung anerkannter Fachstandards kaum zu realisieren sein. Politik, Wissenschaft und Gesellschaft haben einen Anspruch darauf, dass die Bewertung von Studienprogrammen in der Akkreditierung nicht divinatorisch, sondern auf der Basis vereinbarter und geteilter Qualitätsstandards erfolgt.

 

Siegfried Hermes ist Senior Project Manager bei der Akkreditierungsagentur ASIIN.

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Aufnahmetests statt Abinote

Das Bundesverfassungsgericht verhandelt am Mittwoch über die Rechtmäßigkeit des Numerus Clausus. Wie eine sinnvolle Reform aussehen könnte und warum sie vermutlich nicht kommen wird.

Foto: Musterbescheid auf der Website von hochschulstart.de
Foto: Musterbescheid auf der Website von hochschulstart.de

DASS DAS LEBEN eine insgesamt eher unfaire Angelegenheit ist, verdient als triviale Erkenntnis kaum eine Zeile dieser Kolumne. Anders verhält es sich mit Regeln, die pseudo-objektiv mit eben jener Ungerechtigkeit aufräumen sollen und das Gegenteil erreichen. Womit wir beim Numerus Clausus (NC) wären. In den 70er Jahren hat das Bundesverfassungsgericht entschieden: Solange es nicht genügend Studienplätze gibt, muss ihre Vergabe umso transparenter ablaufen. Die besten Bewerber müssen zuerst an die Reihe kommen. Eine Vorgabe, wie Juristen sie lieben: einfach, eindeutig, brillant. 

 

Wenn nur die Realität nicht wäre. Eine Realität, in der bayerische Abiturienten im Schnitt mit einer 2,30 nach Hause gehen und damit fast exakt gleichauf liegen mit ihren Altersgenossen aus Nordrhein-Westfalen (2,31). Auch die Berliner sind den Bayern hart auf den Fersen und haben seit 2006 einen Sprung nach vorn gemacht: von 2,68 auf 2,40. Man muss gar nicht erst die ganz anders ausfallenden Pisa-Ergebnisse bemühen, um zu merken, dass da was schräg ist. Übrigens auch innerhalb der Bundesländer beim Vergleich von Schule zu Schule. Doch ausgerechnet die Abinote zählt am meisten, wenn es um die Verteilung der Studienplätze mit bundesweitem NC (Medizin &Co) geht.


Wie es nach der Anhörung weitergeht

Das Bundesverfassungsgericht will voraussichtlich Ende 2017 oder Anfang 2018 beschließen, was aus dem NC wird. Dass eine Grundsatzentscheidung ansteht, ließen am Mittwoch Äußerungen der Richter zu den überlangen Wartezeiten vermuten. „Irgendwann kommen nur noch die Graubärte rein“, sagte zum Beispiel Ferdinand Kirchhof, der Vizepräsident des Gerichts, in der Anhörung. Uneinig waren sich die Beobachter im Anschluss, ob die Abiturnote als entscheidendes Kriterium daran glauben muss und die Hochschulen künftig noch freier über für sie 

geeignete Kriterien entscheiden können – oder ob das Gegenteil passiert und die Richter eine stärkere Standardisierung der Verfahren auf Kosten der Hochschulautonomie verlangen. Relativ sicher scheint, dass das Verfassungsgericht eine Obergrenze für die zumutbare Wartezeit festlegen wird – und sei es nur durch eine Ansage, dass bis zu 15 Semestern "deutlich zu viel" seien. Wodurch im Umkehrschluss auf jeden Fall mehr Studienplätze und höhere Kosten auf die Länder zukämen. 



Das sei ungerecht, argumentiert das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen und hat das Verfassungsgericht aufgefordert zu entscheiden, ob die geltenden NC-Vorschriften noch mit dem Grundgesetz, genauer mit dem Recht auf freie Berufswahl, vereinbar sind. Man kann nicht sagen, dass die Karlsruher Richter der Bitte begeistert nachgekommen wären. Beim ersten Mal hatten sie sich noch rausgeredet mit dem Vorwurf, die Vorlage sei schlecht begründet gewesen. Den zweiten Anlauf aus Gelsenkirchen konterten sie nun mit einem Seufzen und dem Versprechen, die Sache am 4. Oktober zu verhandeln.

 

Das dürfte spannend werden, zumal sich das Gros der lokalen Vergabeverfahren (42 Prozent der deutschen Studiengänge sind zulassungsbeschränkt!) an den Regeln für bundesweite NCs orientiert. Welche Lösung haben die Verfassungsrichter parat: den NC abschaffen? Sicher nicht. Das Chaos wäre total. Dekretieren, dass die Wartezeit von Bewerbern mit schlechten Abinoten nicht mehr länger sein darf als das Studium, das sie absolvieren wollen? Klingt plausibel und hätte den Nebeneffekt, dass die Länder mehr Studienplätze schaffen müssten. 

 

Viel wichtiger ist aber, ob sich die Richter an die Allmacht der Abinote trauen. Standardisierte Eignungstests, kombiniert mit Bewerbungsgesprächen, wären als Eingangshürde viel geeigneter, da vergleichbarer. Aber, und es ist ein großes Aber, eben auch viel aufwändiger und teurer. Und politisch brisant, würde dann doch die Gymnasiallobby auf die Barrikaden gehen. 

 

Immerhin: Beim kürzlich verabschiedeten „Masterplan Medizin“ hat die Politik in vorauseilendem Gehorsam reagiert und beschlossen, dass die Hochschulen zusätzlich zur Abinote mindestens zwei weitere Auswahlkriterien anwenden müssen, Berufserfahrung etwa. 

 

Die große Revolution allerdings dürfte auch Karlsruhe nicht bringen. Die Pseudo-Objektivität bleibt politisch opportun.

 

Dieser Beitrag erschien zuerst am 14. August in meiner Kolumne "Wiarda will's wissen" im Tagesspiegel. Aus aktuellem Anlass veröffentliche ich ihn hier erneut.

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"Die Marktideologie bei der Schulwahl macht die Leute kirre"

Forscher haben Eltern über die Schulwahl für ihre Kinder befragt. Warum all das Schulshopping womöglich wenig bringt, sagt der Berliner Erziehungswissenschaftler Thomas Koinzer.

Herr Koinzer, fängt die Karriereplanung schon bei der Einschulung an?

 

Zumindest denken viele Eltern das und nehmen an, dass in den ersten Schuljahren und sogar schon in der Kita entscheidende Weichen für erfolgreiche Bildungsbiographien gestellt werden. Allerdings ist der Druck, unter den viele Eltern sich und ihre Kinder bei der Suche nach der geeigneten Grundschule setzen, enorm. Die Markt- und Wettbewerbsideologie, die sich bis in den Bildungsbereich durchgesetzt hat, muss die Leute ja kirre machen.

 

In den nächsten Wochen veranstalten die Grundschulen überall im Land wieder Tage der Offenen Tür für die künftigen Erstklässler. Viele werden von ihren Eltern gleich in ein halbes Dutzend Schulen geschleppt. Bringt dieses Schulshopping überhaupt etwas?

 

Das war eine der Fragen, die meine Kollegen und ich uns auch gestellt haben. Deshalb haben wir im vergangenen Jahr die Eltern von Berliner Erstklässlern befragt, und zwar einmal vor der Einschulung und dann ein zweites Mal gegen Ende des ersten Schuljahres. Und in der Tat betreiben zahlreiche Eltern einen großen Aufwand bei der Schulsuche.

 

Wieso haben die Eltern eigentlich überhaupt die Auswahl? In Berlin gibt es wie in vielen anderen Städten doch feste Schulsprengel abhängig vom Wohnort.

 

Theoretisch ist das so, und viele Eltern schicken ihre Kinder deswegen auch ohne langes Nachdenken in die zuständige Grundschule. Wir beobachten aber, dass mit steigendem Bildungsniveau die Eltern ihr Suchmuster immer weiter ausweiten. Und in einer großen Stadt wie Berlin existieren trotz der Schulsprengel viele Optionen. Eltern können bei der Schulanmeldung Wechselwünsche angeben und Schulen mit einem besonderen Profil, künstlerisch, musisch oder sprachlich zum Beispiel, wählen. Von den privaten Grundschulen ganz zu schweigen. Das sind auch subtile Prozesse sozialer Selbstauswahl, die da ablaufen. >>



>> Die Arbeiterkinder gehen in die Schule um die Ecke, die Akademikerkinder werden möglicherweise durch die halbe Stadt gekarrt?

 

Das ist sehr zugespitzt formuliert, zumal uns die vergleichende Bewertung schwerfällt. Wir haben uns sehr bemüht, zum Beispiel die Fragebögen auch auf Englisch und Türkisch verschickt, doch diejenigen Eltern, die am Ende bei der Befragung mitgemacht haben, waren zu einem großen Teil genau jene, die sich besonders viele Gedanken um die Schulwahl machen. Geschlagene 80 Prozent von ihnen waren Akademiker. Man könnte sie neudeutsch als Privileged Choosers bezeichnen. Das nimmt unserer Studie die Repräsentativität.

 

Was macht diese Privileged Choosers aus?

 

Zunächst mal, dass sie im Schnitt vier Schulen besuchen, bevor sie sich für eine entscheiden. Und dass sie sich staatliche Grundschulen anschauen, aber auch sehr häufig private. Denn sie sind sich im Gegensatz zu vielen weniger bildungsaffinen Eltern von Anfang an bewusst, dass es eine Alternative zum staatlichen Schulsystem gibt.

 

Warum entscheiden sich Eltern für Privatschulen?

 

Weil sie dort eine weniger problematische Situation erwarten. Sie glauben, die technische Ausstattung an Privatschulen sei moderner, die Klassenzimmer seien in einem besseren Zustand. Und sie erwarten eine wie auch immer geartete andere Pädagogik, etwa eine kindzentrierte, wobei viele Eltern das gar nicht genauer definieren können. 

 

Und? Erfüllen sich die Erwartungen?

 

Das ist das Interessante. Oftmals folgt die Schulwahl einem wahrgenommenen positiven Image der speziellen Schule oder von Privatschulen im Allgemeinen; ein Image, das die Eltern nicht wirklich überprüft haben und auch nicht überprüfen konnten. Schule ist für sie trotz aller Tage der Offenen Tür eine Black Box. Die sympathische Lehrerin, die den Eltern die Schule gezeigt hat, ist bei der Einschulung plötzlich in Elternzeit, die Schulleiterin hat gewechselt, oder der versprochene Anbau ist nicht fertig geworden. Auch wenn die meisten Eltern gegen Ende des ersten Schuljahres sagen, dass sich ihre Erwartungen erfüllt haben, bewerten sie die Ausstattung der Schule oder das Engagement der Lehrkräfte etwas schlechter als vor der Einschulung – und das unabhängig davon, ob ihr Kind eine staatliche oder private Schule besucht. Während jene Eltern, die nicht mit dem gleichen Aufwand gesucht haben, ähnliche Zufriedenheitsniveaus mit der Schule ihrer Kinder erreichen. >>


Das Forschungsprojekt "Choice"

In  der von Thomas Koinzer und Sabine Gruehn geleiteten Kooperation der Berliner Humboldt-Universität und der Universität Münster erkunden die Forscher, warum manche Eltern viel Zeit auf die Suche nach der geeigneten Grundschule verwenden und andere nicht. Zusätzlich werden die Eltern befragt, wie sie die Qualität der Schule 

wahrnehmen, etwa das Schulklima, Klassengrößen oder das Engagement der Lehrkräfte. Schließlich drehen die Forscher die Frage der Schulwahl um und untersuchen, wie Schulen ihre Schüler aussuchen – und welche Rolle dabei die Schulleitungen spielen. Weitere Informationen finden Sie hier. 



Der ganze Aufwand lohnt am Ende gar nicht?

 

Das kommt auf den Standpunkt an. Die objektiven Rahmenbedingungen unterscheiden sich nicht so stark, das heißt: Die technische und pädagogische Ausstattung der normalen Sprengel-Grundschulen wird von den Eltern als ähnlich positiv wahrgenommen, wenn auch an privaten Schulen etwas besser eingeschätzt. Aber natürlich bleibt der Effekt der sozialen Selbstselektion, der dazu führt, dass die angeblich beste Schule schon deshalb einen Vorteil hat, weil die engagiertesten Eltern ihre Kinder dorthin schicken. So wird das Image zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung, und die soziale Segregation verschärft sich möglicherweise immer weiter. 

 

Was genau meinen Sie damit?

 

Der Druck, unbedingt die „richtige“ Schule für ihre Kinder finden zu müssen, versetzt die Eltern in Unruhe, möglicherweise sogar in Angst. Und rational ist diese Wahl ja wohl auch nicht. Ich glaube, gegen diese Angst müssen wir etwas tun, indem wir mehr Ruhe und Sachlichkeit in die Schulwahl bringen.

 

Wie kann das gelingen?

 

Ich bin kein Bildungspolitiker und auch kein Schulkarriereberater, der den Eltern sagen könnte, was sie tun sollen. Ich stelle nur fest, dass die vermeintlich so großen Qualitätsunterschiede etwa zwischen staatlichen und privaten Schulen womöglich nicht wirklich bestehen. Dass aber jene Eltern, die ihr Kind auf eine „besondere“ – ob nun private oder staatliche –Schule schicken, sich das nur schwer eingestehen können. Das ist so ähnlich, wie wenn ich mir für 1000 Euro das neue iPhone kaufe. Allein schon, weil das so teuer ist, muss es auch gut sein. Und wenn ich so viel Geld und Zeit in die Schulwahl meiner Kinder stecke, muss sich die Schule am Ende auch als außergewöhnlich erweisen. Etwas mehr Entspannung ist hier sicherlich angebracht. Aber letztlich ist doch die Politik und Verwaltung gefragt, allen Grundschulen ihren pädagogischen Herausforderungen entsprechend die nötigen Ressourcen zu geben, um ihnen allen ein „gutes Image“ zu verschaffen. Und so den Druck von den Eltern zu nehmen.

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88 sind noch drin

Wie die heutige Cluster-Vorentscheidung in der Exzellenzstrategie die Universitätslandschaft (neu) sortiert: eine erste Analyse.

ZUERST DIE ZAHLEN. 88 Antragsskizzen haben es in die nächste Runde geschafft, weit weniger als die Hälfte der 195 Projekte, die sich insgesamt um die Förderung als Exzellenzcluster bewerben wollten. Damit haben sich die Mitglieder des "Expertengremiums" der Exzellenzstrategie als rigoroser erwiesen, als viele es vorab von ihnen erwartet hatten. Die 39 größtenteils aus dem Ausland stammenden Wissenschaftler hatten in ihrer zweitägigen Sitzung, die gestern Abend zu Ende ging, über die wissenschaftliche Qualität der Skizzen zu befinden; Anhaltspunkte gaben ihnen die Berichte der 21 ebenfalls international besetzten Panels, die im Vorfeld die 195 Bewerbungen gesichtet hatten.

 

Die 88 Projekte, die nun bis zum 21. Februar 2018 Zeit haben, ihre Vollanträge auszuarbeiten, stammen von 41 Universitäten – was im Umkehrschluss heißt, dass von den ursprünglich 63 Hochschulen, die sich mit Skizzen am Wettbewerb beteiligt hatten, 22 nicht mehr dabei sind. Als leicht überdurchschnittlich erfolgreich erwiesen sich Verbundanträge: Machten 47 Gemeinschaftsskizzen, eingereicht von zwei oder drei Universitäten, rund 24 Prozent aller 195 Bewerbungen aus, befinden sich unter den 88 verbliebenen Projekten noch 26 Ko-Anträge, was knapp 30 Prozent entspricht.  Laut Deutscher Forschungsgemeinschaft (DFG) knüpfen rund 40 Prozent der Projekte knüpfen an bereits geförderte Exzellenzcluster an, rund 60 Prozent wurden für die Exzellenzstrategie neu konzipiert.

 

NUN ZU DEN HOFFNUNGEN – UND DEN ENTTÄUSCHUNGEN. Erfolgreichste Universität ist – eine echte Überraschung! – die Universität Bonn, die fünf erfolgreiche Skizzen eingereicht hat und an zwei weiteren beteiligt ist. Ausgerechnet Bonn, das in den vergangenen Jahren im Schatten der nahen Exzellenzuniversität Köln stand. Köln wiederum hat eine eigene Skizze durchbekommen und ist an drei weiteren beteiligt. Worauf sie im Rheinland Wert legen: Sie sind die Wissenschaftsregion mit den bundesweit meisten Hauptanträgen, insgesamt 13. Die neue Betonung der Gemeinsamkeit – deutet sich hier eine fast schon ausgeschlossene gemeinsame Bewerbung in der Förderlinie "Exzellenzuniversitäten" an?

 

Doch bleiben wir zunächst bei den bisherigen Exzellenzuniversitäten. Am längsten sind die Gesichter heute vermutlich an der Weser, nur bei den Ozeanforschern nicht, denn die Universität Bremen darf für lediglich einen Cluster einen Vollantrag stellen ("Der Ozeanboden – unerforschte Schnittstelle der Erde"). Eine erneute Bewerbung Bremens als Exzellenzuniversität ist damit schon jetzt ausgeschlossen. Konsterniert dürften sie in Heidelberg sein, dem nur drei Cluster im Rennen verbleiben, davon einer allein und zwei gemeinsam mit dem Karlsruher Institut für Technologie (KIT, das insgesamt vier Anträge stellen darf). Eine überraschend schwache Bilanz für Heidelberg, das sonst gemeinhin als eine der stärksten Wissenschaftsregionen in Deutschland gehandelt wird.

 

Stark schneiden dagegen die TU Dresden (sechs Cluster, fünf davon allein) und die RWTH Aachen (fünf, davon vier allein) ab. Auch Tübingen mit fünf erfolgreichen Skizzen liegt sehr gut im Rennen wie übrigens – und das ist angesichts ihrer überschaubaren Größe besonders erfreulich – die Universität Konstanz ebenfalls, die vier Skizzen eingereicht hatte und nun dreimal zur Vollantragstellung aufgefordert wurde. Die Münchner Universitäten dürfen insgesamt sechs Vollanträge stellen – bei 14 eingereichten Skizzen keine so starke Quote. Vier der sechs Anträge werden Ludwig-Maximilians-Universität und die TU München gemeinsam ausarbeiten, jeweils einen für sich. Die hohe Rate an erfolgreichen Ko-Produktionen ist ironisch, weil die LMU und TUM eine gemeinsame Bewerbung in der zweiten Förderlinie (Exzellenzuniversitäten) kategorisch ausgeschlossen haben.

 

APROPOS VERBUNDBEWERBUNGEN. Hier sticht Berlin positiv hervor, genauer gesagt: größtenteils positiv. 16 Skizzen hatten die Berliner eingereicht, neun dürfen nun in die Hauptrunde. Eine gute Quote und eine brauchbare Vorlage für die geplante universitätenübergreifende Bewerbung in der zweiten Förderlinie. Zumal fünf der neun Skizzen Verbundanträge sind, in jeweils wechselnder Besetzung von Humboldt-, Technischer und Freier Universität. Auch die Universität der Künste ist einmal im Verbund mit der TU dabei. Warum dann nur größtenteils positiv? Weil die Charité lediglich eine Skizze durchbekam (ihren bereits bestehenden Cluster NeuroCure) – im Vergleich zu drei Vollanträgen, die etwa die Konkurrenz der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) stellen darf. Insgesamt aber können die Berliner vorerst aufatmen, zumal sie vermutlich die einzige ernstzunehmende Verbundbewerbung in der Förderlinie Exzellenzuniversitäten zu Stande bekommen werden.

 

Denn die eng miteinander verdrahteten Ruhr-Universitäten Bochum, Dortmund und Duisburg-Essen, die ebenfalls als heiße Kandidaten für die Team-Bewerbung galten, scheiden mangels realisierbaren Clustern schon jetzt aus. Sie dürfen mit nur zwei Skizzen in die Hauptrunde gehen, doch wären für eine Verbundbewerbung drei erforderlich. Immerhin ein Trostpflaster: Die Ruhruniversität Bochum ist bei beiden Skizzen Antragsteller, so dass sie sich allein bewerben könnte, wenn ihre beiden Skizzen (eine davon gemeinsam mit Dortmund) am Ende durchkämen. Vielleicht macht sie ja offiziell einen Alleingang, nimmt aber symbolisch die anderen beiden doch mit? Wir werden sehen. 

 

Ernüchternd ist das Ergebnis für die Frankfurter Goethe-Universität, die schon als Anwärter auf die Exzellenzkrone gehandelt wurde. Einen einzigen Cluster-Vollantrag darf sie stellen ("Cardio-Pulmonales Institut") – zusammen mit der viel kleineren Universität Gießen, die ihrerseits sogar noch ein weiteres Mal zum Zug kommt, und zwar mit Marburg (Thema: "Adaptives Verhalten"). Auch die Universität Mainz, die gemeinsam mit Frankfurt und der TU Darmstadt Ende 2015 die die länderübergreifende Allianz „Rhein-Main-Universitäten“ gegründet hatte, ist mit der "Präzisionsphysik" nur noch einmal im Rennen. So sind nun ausgerechnet die Darmstädter, die bei den Verbundanträgen der beiden anderen nicht dabei waren, mit zwei zugelassenen Vollanträgen die erfolgreichsten im Trio und werden zum Zünglein an der Waage. Was ebenfalls ironisch ist, denn während die Darmstädter sich für eine Dreier-Bewerbung in der zweiten Förderlinie stark gemacht hatten, zierten sich vor allem die Frankfurter. Jetzt haben letztere nur noch eine theoretische Chance auf den Exzellenzstatus, und zwar lediglich dann, wenn die Darmstädter und Mainzer doch noch mit ihnen in eine gemeinsame Bewerbung der Rhein-Main-Universitäten gingen und von vier Clustern drei durchkämen. 

 

Die ehemalige Exzellenuni Freiburg hat es mit zwei von fünf Skizzen in die Antragsrunde geschafft – und müsste jetzt schon 100 Prozent bewilligt bekommen, um überhaupt noch als erneute Exzellenzuniversität in Frage zu kommen. 

 

EIN PAAR ÜBERRASCHUNGEN GEFÄLLIG? Die 2012 so schmerzlich abgestiegene Ex-Exzellenzuniversität Göttingen hat viermal das Wohlwollen der Experten errungen, die Universität Hamburg darf von fünf eingereichten Skizzen ebenfalls vier weiter verfolgen, genau wie das bereits erwähnte gleichzeitig mit Göttingen als Exzellenzuniversität ausgeschiedene KIT. Bemerkenswert ist zudem das Abschneiden der Universität Stuttgart mit vier für antragswürdig befundenen Skizzen. Stark ist der Standort Hannover mit insgesamt fünfmal Daumen hoch für die Leibniz-Universität und die MHH. 

 

Überschäumend sein wird die Freude heute in einer Reihe kleinerer und mittelgroßer Universitätsstädte, in Jena zum Beispiel, dessen Universität schon länger einen Lauf hat und nun zwei Anträge stellen darf, davon einen zum "Gleichgewicht im Mikrokosmos". In Ulm herrscht ebenfalls Hochstimmung dank zwei durchgewunkener Anträge und – auch das eine beachtliche Leistung – ebenso in Würzburg, das sich besonders breit aufgestellt hat und an drei Erfolgsskizzen beteiligt ist: gemeinsam mit Dresden, Bayreuth (das eine zweite erfolgreiche Skizze vorweisen kann) und mit Jena (zur "Aufklärung des Rezeptoms"). Die Universität Münster darf drei Anträge stellen, Braunschweig immerhin zwei. Auch im hohen Norden, in Schleswig-Holsteins Landeshauptstadt Kiel ist der Jubel heute groß: Drei Vollanträge aus vier eingereichten Skizzen – eine Traumquote. 

 

EIN PAAR SCHLUSSFOLGERUNGEN AM ENDE. Obwohl das Expertengremium so stark gesiebt hat, ist eine erstaunliche Breite an Universitäten und Clusterthemen übrig geblieben. Theoretische Chancen auf mindestens zwei Cluster und damit auf ein Mitmischen in der zweiten Förderlinie "Exzellenzuniversitäten" haben noch 29 Hochschulen. Sehr gute Chancen auf eine institutionelle Bewerbung mit vier oder mehr Vollanträgen haben 15 Unis, weitere sieben haben noch drei Anträge im Rennen und damit mittelprächtige Aussichten, eine Bewerbung einreichen zu dürfen. 

 

Das schwache Abschneiden einiger hoch gehandelter Favoriten wie auch der Aufstieg unerwarteter Erfolgskandidaten beweist, wie anarchisch Wissenschaft dann doch ist – wenn man wie bei dem Treffen des Expertengremiums ernst macht mit dem viel zitierten "wissenschaftsgeleiteten Verfahren". Am Ende zählte die erwartete Qualität der Anträge offenbar mehr als das vermeintliche oder tatsächliche Prestige der Antragsteller-Universitäten.

 

Unter den verbliebenen Anträgen, das zeigen die paar konkreten Beispiele oben, ist die disziplinäre Vielfalt weiter beachtlich. Allerdings haben sich die Gewichte zwischen den vier Fächergruppen – Geistes- und Sozialwissenschaften, Ingenieurwissenschaften, Lebenswissenschaften und Naturwissenschaften – verschoben. Waren die eingereichten Skizzen von ihren thematischen Schwerpunkten her noch in etwa gleich verteilt auf die vier Felder, kommen die Geistes- und Sozialwissenschaften nun laut DFG auf 19 Prozent der Vollanträge, die Naturwissenschaften erreichen 31 Prozent. 

 

Der Vergleich der Bundesländer schließlich zeigt, wie die Wissenschaftsrepublik auseinanderdriftet. Während Nordrhein-Westfalen als größtes Land sein Soll mit 19 erfolgreichen Skizzen erfüllt hat, ist Bayern mit elf Vollanträgen (nur zwei mehr als Berlin und einer mehr als Niedersachsen) relativ schwach. Die Erklärung: Während NRW in der Breite gut abschneidet, konzentriert sich in Bayern zu viel, Ausnahmen siehe oben, auf die Landeshauptstadt, wobei selbst München (von der Zahl der erfolgreichen Skizzen her) nicht mit Berlin mithalten kann. Bayerns Schwäche in der Fläche wird überdeutlich in der direkten Gegenüberstellung mit dem benachbarten Baden-Württemberg, in dem sieben Universitäten zu 18 Vollanträgen aufgefordert wurden. Sachsen lässt mit sieben verbliebenen Clustern das einwohnerstärkere Hessen hinter sich. Universitäten aus Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt sind gar nicht mehr im Rennen; dem Saarland und Rheinland-Pfalz bleibt jeweils nur ein Vollantrag zum Hoffen. 

 

Die Entscheidung, welche 45 bis 50 Exzellenzcluster am Ende gefördert werden, fällt in genau einem Jahr, am 27. September 2018. Gut zwei Monate später, am 10. Dezember 2018, sind dann die Anträge für die Förderlinie Exzellenzuniversitäten fällig – wobei auch dort jetzt die heiße Phase beginnt. In wenigen Tagen will der Wissenschaftsrat die dazu gehörigen Antragsmuster veröffentlichen, und am 21. Februar nächsten Jahres, wenn die Cluster-Vollanträge eingereicht werden, müssen die Universitäten in Sachen institutioneller Bewerbung aus der Deckung. Dann endet die Frist für "die Abgabe der Absichtserklärungen zur geplanten Einreichung von Einzel- oder Verbundanträgen zu Exzellenzuniversitäten". Was die heutige Cluster-Vorentscheidung für mögliche weitere Verbundanträge (neben dem Berliner) bedeutet, dazu ein anderes Mal mehr.  


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Jamaika und die Bildung

Die Koalitionsverhandlungen werden schwierig. Was bringen sie für Schulen und Hochschulen? Drei Prognosen.

JOHANNA WANKA WILL nicht mehr. Am Dienstag hat sie im CDU-Bundesvorstand mitgeteilt, was sich die meisten schon seit Monaten dachten: Sie wird das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) abgeben. Wer auch immer ins Ministerbüro am Kapelle-Ufer einzieht, mit direktem Blick aufs Kanzleramt, hat eine turbulente Legislaturperiode vor sich. Die Weichen dafür werden in den bevorstehenden Koalitionsverhandlungen gestellt. Lassen Sie mich drei Prognosen wagen.

 

Prognose eins: Klappt Jamaika, wird die Bildung im Ministeriumsnamen künftig großgeschrieben. Sowohl Liberale als auch Grüne fordern mehr Zusammenarbeit zwischen Bund und Ländern in der Schulpolitik. Im BMBF geht man davon aus, dass Kanzlerin Merkel schon in den Verhandlungen ein konkretes Angebot vorlegen wird, wie das sogenannte Kooperationsverbot im Grundgesetz weiter gelockert werden kann. Das ist umso ironischer, weil sie in der Union gern behaupten, ein solches Verbot existiere gar nicht. Der Digitalpakt wird kommen und im Koalitionsvertrag stehen. In der Summe dürften die zuletzt doch arg unterforderten Bildungspolitiker im Bundestag also künftig mehr zu kontrollieren haben als in den vergangenen Jahren. >>


Foto: Armin Kübelbeck, Nachweis siehe unten

WAS HAT ANGELA MERKEL FÜR
DIE FORSCHUNG GELEISTET?

 

Meine Analyse für Spektrum.de
finden Sie hier



>> Prognose zwei: Die Wissenschaft gerät in Verteilungskämpfe. Innerhalb des BMBFs – denn statt in Forschung und Hochschulen wird künftig deutlich mehr Geld in die Schulen fließen. Innerhalb des Bundeshaushalts – denn selbst bei grüner Regierungsbeteiligung dürfte der Verteidigungshaushalt rapide zunehmen in den kommenden Jahren. Das wird auch auf Kosten des BMBF-Budgets gehen, dessen Wissenschaftsteil nicht schrumpfen, aber merklich langsamer wachsen dürfte. Und schließlich innerwissenschaftlich, zwischen den Hochschulen und den außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Derzeit scheinen die Hochschulen dabei die besseren Karten zu haben. Womöglich werden Max Planck & Co nur noch mit einem Inflationsausgleich rechnen können.

 

Womit ich zu meiner dritten Prognose komme: Union, Grüne und FDP werden mit den Ländern sehr schnell die Grundzüge der künftigen Hochschulfinanzierung aushandeln, sprich: den Übergang vom auslaufenden Hochschulpakt in eine langfristige Mitfinanzierung durch den Bund. Der Mechanismus, nach dem die Gelder künftig verteilt werden, ist nicht absehbar, aber er dürfte komplizierter werden, als die meisten erwarten. In jedem Fall werden die Länder sich auf eine stärkere Kontrolle einlassen müssen, was sie mit den Bundesgeldern anstellen.

 

Aber erstmal muss Jamaika überhaupt mal am Horizont auftauchen. Scheiterte die Regierungsbildung, droht auch in Bildung und Wissenschaft: kein Land in Sicht.

 

Dieser Kommentar erschien heute zuerst im ZEITChancen Brief. 

 

Foto: Armin Kübelbeck: Angela Merkel anlässlich der Eröffnung des Materials Research Center der Merck KGaA in Darmstadt 2010CC BY-SA 3.0

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Aufgeschlossene Gesellschaft

Die Quinoa-Schule in Berlin zeigt: Privatschulen können auch das Gegenteil von elitär sein.

Fotos: Quinoa-Schule

VOR EINIGEN WOCHEN habe ich in der ZEIT über eine Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) berichtet, die, wie ich fand, auf beklemmende Weise zeigte, wie sich viele private Schulen sozial abschotten. In Berlin zum Beispiel erheben 38 von 67 untersuchten Oberschulen zum Teil deutlich überhöhe Gebühren von 100 und mehr Euro im Monat – was den Wissenschaftlern zufolge gegen das Grundgesetz verstößt. Dort heißt es in Artikel 7, an privaten "Ersatzschulen" dürfe "eine Sonderung der Schüler nach den Besitzverhältnissen der Eltern nicht gefördert" werden. Die Realität laut WZB: An den privaten Oberschulen in der Hauptstadt stammen nur knapp acht Prozent aus finanzschwachen Familien – im Vergleich zu 32,3 Prozent berlinweit.

 

Nun hatte ich die Gelegenheit, eine Privatschule zu besuchen, die genau den entgegengesetzten Weg geht. 83 Prozent ihrer Schüler leben von Sozialleistung, nur 17 Prozent der Eltern können überhaupt das Schulgeld zahlen, das bei 25 Euro monatlich anfängt. Quinoa heißt diese besondere Schule, wie die Frucht, die der damalige UN-Generalsekretär Ban Ki-moon 2013 zur Pflanze des Jahres erklärte, weil sie in klimatisch ungünstigen Bedingungen gedeiht. Sie könne helfen, den Hunger in der Welt zu bekämpfen. Die Quinoa-Schule, gegründet 2014 in Berlin-Wedding, will helfen, den Hunger nach Bildung zu bekämpfen in einem Stadtbezirk, dessen Schüler bislang regelmäßig am Ende der Bildungsstatistiken auftauchen. Eine "Schule für alle" will Quinoa sein.

 

Was das für den Unterricht bedeutet und wie die Schüler allmählich ihr Selbstbewusstsein entdecken, habe ich für die Süddeutsche Zeitung aufgeschrieben. In meinem Artikel stelle ich auch die Frage, inwieweit die Quinoa-Schule Einzelfall bleiben wird oder als Vorbild für weitere Schulprojekte gelten kann. 

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"TU Munich forty points, LMU Munich zero points?"

Warum die Gießkanne beim Tenure-Track-Programm besser gewesen wäre als der Hochdruckstrahl. Ein Gastkommentar von Axel Radlach Pries.

DIE CHARITÉ HAT sich mit ihrer Bewerbung im Tenure-Track-Programm leider nicht durchsetzen können. Auch wenn sich die Position des „Verlierers“ nicht unbedingt für eine Verfahrenskritik anbietet, möchte ich als zuständiger Dekan auf Jan-Martin Wiardas Kommentierung der Auswahlentscheidung reagieren. Denn Wiardas Interpretation in der Titelzeite („Gut so!“) scheint mir zu 180 Grad von der Realität abzuweichen.

 

Das Programm soll laut Homepage des Bundesforschungsministeriums die Attraktivität und Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Wissenschaftssystems erhöhen durch „die Etablierung der Tenure-Track-Professur als international bekannten und akzeptierten Karriereweg“. Über das Programm sollen 1000 Tenure-Track-Professuren gefördert werden, die „Karriereperspektiven für den wissenschaftlichen Nachwuchs“ sollen dadurch erweitert werden, dass diese 1000 Professuren zusätzlich im System bleiben. Im Regelfall soll die Entscheidung, ob eine Nachwuchswissenschaftler oder ein Nachwuchswissenschaftler dauerhaft in der Wissenschaft verbleiben kann, früher fallen. Und schließlich soll mithilfe des Programms ein Kulturwandel eingeleitet werden, die Personalstrategie an der gesamten Universität soll weiterentwickelt werden, so dass sie den neuen Karriereweg Tenure Track „optimal ergänzt und auch Karrierewege außerhalb der Professur aufzeigt“. All dies soll auch die Chancengerechtigkeit und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie an deutschen Universitäten verbessern. 

 

Im Vorspann wird auf der Website die globale Motivation der Initiative dargestellt: Mit dem neuen Bund-Länder-Programm wird die Tenure-Track-Professur erstmals flächendeckend an den Universitäten in Deutschland etabliert. 

 

Fassen wir zusammen: Es wurde kein Wettbewerb zu den innovativsten Tenure-Track-Konzepten oder Programmen ausgerufen. Es ging auch nicht um die x’te kompetitive Projektförderung mit hohem Wettbewerbs-Aufwand bei weiterhin kritischer Grundausstattung der Universitäten. Ziel war die Etablierung eines neuen nachhaltigen flächendeckenden (!) Zugangs zur unbefristeten Professur an deutschen Universitäten.

 

Für eine flächendeckende Verteilung ist allen Vorurteilen zum Trotz die von Wiarda kritisierte „Gießkanne“ nach wie vor das beste Instrument und nicht etwa der fokussierte Hochdruckstrahl! Natürlich wässert man nicht dort, wo nichts wachsen kann, weil nicht gesät wurde. Ergo wurde von den Bewerbern ein Professuren- und Tenure-Track-Konzept verlangt – und natürlich auch vorgelegt.

Aber es wird den proklamierten, sehr sinnvollen Zielen und besonders der generellen Etablierung des Tenure-Prinzips in Deutschland nicht helfen, wenn in München oder Berlin nun je eine Universität alle beantragten Professuren (inklusive von Sicherheitsüberbuchungen) unterbringen darf bzw. muss, während an anderen Einrichtungen das relevante Instrument gar nicht etabliert werden kann. 

 

Hier hat sich ein fehlgeleitetes Verständnis des Wettbewerbsprinzips gegenüber der notwendigen Struktur-Unterstützung durchgesetzt. Eine solche Wettbewerbslogik ist auch deshalb nicht nachvollziehbar, weil für die Bewertung von Tenure-Programmen im Unterschied zur Bewertung von wissenschaftlicher Exzellenz kaum anerkannte oder kommunizierte Qualitätsmaßstäbe existieren.

Trotzdem hat das „mutige“ Auswahlgremium befunden: „TU Munich forty Points; LMU Munich zero Points“. Die Ähnlichkeit zum European Song Contest ist nicht zufällig gewählt, obwohl es selbst für die Beurteilung von Sangeskunst härtere und transparentere Kriterien gegeben hat und beim ESC wenigstens nicht nur die Wahl zwischen alles oder nichts zugelassen ist.

 

Eine ähnliche (eigentlich eine deutlich höhere) Transparenz und Stringenz sollte bei der Vergabe von einer Milliarde an Euro Steuergeldern eigentlich selbstverständlich sein und nicht als zu viel Aufwand zurückgewiesen werden – wenn man denn schon nicht die sinnvollere und kostensparendere Gießkanne für gut angelegte Beete nutzen will.

 

Axel Radlach Pries ist Dekan der Charité Universitätsmedizin in Berlin.

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Das U-Boot in der Musterechtsverordnung

Die Lehrverfassung wäre der Gesellschaftsvertrag einer Hochschule. Nun steht sie kurz vor ihrer verbindlichen Einführung.

VIELLEICHT IST DIESE Kolumne ein Fehler. Womöglich stoße ich einige Wissenschaftsminister erst auf das U-Boot, das ihnen ihre Beamten untergejubelt haben. Andererseits wäre es sehr seltsam, wenn plötzlich in der nächsten Version des Kleingedruckten die „Lehrverfassung“ nicht mehr auftauchen würde.

 

Der Reihe nach. Seit bald anderthalb Jahren verhandeln die Bundesländer über die Reform eines Systems, dessen Name so abschreckend klingt, wie es laut seiner Kritiker überflüssig ist: die Akkreditierung. Kurz gesagt überprüfen Experten von außen die Qualität von Studiengängen, um sie, logisch, besser zu machen.

 

Wen die Details nicht interessieren, kein Problem. Wichtig ist nur, dass das Verfassungsgericht den Ländern gesagt hat: So dürft ihr das nicht machen. Dabei ging es gar nicht um die Begutachtungen und deren (Un-)Sinn als solche, sondern um ihre „grundgesetzkonforme“ Organisation zwischen privaten Agenturen und staatlichem Akkreditierungsrat. >>



>> Ein Thema für juristische Feinschmecker, könnte man denken, erst recht wenn ich noch den Begriff „Musterrechtsverordnung“ einwerfe. Auf einen neuen Staatsvertrag haben sich die Länder inzwischen geeinigt, jetzt wollen sie in der Verordnung die Details regeln. Da steht nun in Paragraph 17: „Die Hochschule verfügt über eine Lehrverfassung, die sich in ihren Studiengängen widerspiegelt.“

 

Trockener Satz, große Wirkung. Keine Akkreditierung mehr ohne Lehrverfassung, genauer: keine Systemakkreditierung, auf die zumindest die größeren Hochschulen spitzen, weil sie sich damit die externe Akkreditierung von Studiengängen sparen können.  

 

Und nein, so eine Lehrverfassung wäre kein Papiertiger, sie könnte, wie der Name sagt, nicht von oben durchgedrückt werden. Die Rektorate wären gezwungen, eine hochschulweite Debatte anzustoßen. Fertig wäre die Verfassung erst, wenn Professoren, Mitarbeiter und Studenten ihre Inhalte gemeinsam ausgehandelt haben.

 

Die Hochschulen müssten endlich verbindlich festlegen, mit welchen Maßnahmen sie die Lehre im Verhältnis zur Forschung aufwerten wollen, runtergebrochen auf jeden Studiengang. Eine Hochschule könnte beschließen, dass alle Studenten ein Semester im Ausland verbringen. Die Professoren müssten sich verpflichten, die Voraussetzungen zu schaffen; die Studenten, dann auch zu gehen. Unis könnten nicht mehr nur behaupten, Jungwissenschaftler, die sich in der Lehre engagieren, genauso zu fördern wie erfolgreiche Forscher. Sie müssten zeigen, wie. Die Lehrverfassung wäre der Gesellschaftsvertrag einer Hochschule. Wer das für illusorisch hält, erkennt nicht den tiefen Pragmatismus, der in der Idee steckt.

 

Sie stammt vom Wissenschaftsrat, und als er sie zuletzt im Mai veröffentlichte, reagierten viele Minister, nun ja, zurückhaltend. Das wollen wir mal sehen, sagten sie. Doch – zack – haben ihre Beamten sie ihnen in die Verordnung geschrieben, und da steht sie nach Durchsicht durch die Staatssekretäre immer noch. Wünschen wir dem U-Boot weiter sichere Fahrt.

 

Dieser Beitrag erschien heute zuerst in meiner Kolumne "Wiarda will's wissen" im Tagesspiegel.

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Ein Auswahlgremium, das seinen Job ernst genommen hat

Die erste Runde im Tenure-Track-Programm lief anders, als viele es erwartet haben. Gut so.

GESTERN WAR ES soweit: Die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz (GWK) hat bekanntgegeben, an welche Universitäten die ersten 468 Tenure-Track-Professuren gehen. Bund und Länder wollen mit ihrem gemeinsamen Programm den "wissenschaftlichen Nachwuchs" fördern, auch wenn ihnen dieser Begriff selbst mittlerweile nicht mehr so zusagt. Aber dazu ein anderes Mal mehr. Wissenschaftspolitisch schien die gestrige Entscheidung auf den ersten Blick wenig spannend, weil die Wissenschaftsminister vergangenes Jahr vereinbart hatten, dass die insgesamt 1000 Professuren schön nach Länderproporz vergeben werden sollen. Sprich: Alle bekommen ihren Anteil, eher Gießkanne als Wettbewerb. Doch es kam anders. Drei Schlussfolgerungen.

 

1. Die 18-köpfige Jury aus Wissenschaftlern, Hochschulmanagern, Nachwuchswissenschaftlern und sechs Ministerialbeamten hat eine Auswahl-Entscheidung getroffen, die wie die Quadratur des Kreises aussieht. In der ersten Runde gab es die Vorgabe: Jedes Land darf maximal die Hälfte der ihm laut Verteilungsschlüssel zustehenden Professuren abräumen. Aber keiner, und das haben die Juroren ausgenutzt, hat gesagt, dass einige Länder nicht auch weniger bekommen können. Genauso wenig wie verboten war, die Länderkontingente auf einzelne Universitäten zu konzentrieren, anstatt sie feinsäuberlich aufzuteilen. Kurzum: Die Jury hat in der ersten Runde wirklich "Hopp" oder "Top" gesagt, "alles" oder "nichts". Universitäten, die womöglich dachten, mit ihrem Konzeptantrag irgendwie durchrutschen und zumindest ein paar der beantragten Professuren abbekommen zu können, gingen leer aus. Und andere, deren Strategie bereits gut durchdacht war, ebenfalls – weil andere eben noch besser bewertet wurden. So meldet die TU München, die mit ihrem Tenure-Track-Modell schon seit Jahren hausieren geht, stolz, sie sei "in Fakultätsstärke" gewachsen. Tatsächlich haben die Gutachter der TUM mit Abstand am meisten Stellen zugesagt, insgesamt 40, fast ein Zehntel aller gestern vorgegebenen Professuren. Die benachbarte Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) dagegen scheiterte mit ihrem Antrag. In Berlin sahnte die Humboldt-Universität 26 Professuren (die drittgrößte Zahl) ab, die Freie Universität, die Technische Universität und die Charité erhielten: null.

 

2. Auch wenn man die Bedeutung der Tenure-Track-Vergabe nicht überbewerten sollte, so haben viele Universitätsrektoren die gestrige Entscheidung doch als Omen gesehen für die nächste Woche anstehende Cluster-Vorentscheidung in der Exzellenzstrategie. Berlins Verbundstrategen dürften also heute recht gemischte Gefühle haben, während sie zum Beispiel im Ruhrgebiet jubeln: Dortmund, Bochum, Duisburg-Essen, alle erfolgreich, zusammen 54 Professuren. Auch sonst ist es interessant zu schauen, wer leer ausgegangen ist – und wer von den jetzigen Exzellenzuniversitäten auf der Liste der Gewinner steht. Dabei sind (neben HU und TUM): Bremen, Dresden, Heidelberg, Köln, Konstanz, Tübingen. Nicht dabei, siehe oben: LMU, Freie Universität – und Aachen. 

 

3. Der Blick auf die vermeintliche zweite Reihe lohnt sich. Zum wiederholten Male sticht zum Beispiel die Universität Jena hervor, deren Wissenschaftler zuletzt schon bei den Max Planck Schools erfolgreich waren und die sogar eine der Schools koordinieren wird. Jena war zudem  eine von nur fünf Universitäten, die sich beim Transfer-Wettbewerb "Innovative Hochschule" entweder allein oder als Antragskoordinatoren durchsetzen konnten. Unter den fünf war übrigens auch die Universität Potsdam, die gestern – ebenfalls genau wie Jena – 12 Tenure-Track-Professuren zugesagt bekam. 

 

Also ein unerwartet spannendes Ergebnis gestern dank des mutigen Auswahlgremiums. Was die zweite Vergaberunde 2019 nun, könnte man denken, ziemlich berechenbar macht. Denn spätestens da werden die Minister peinlich genau darauf achten, dass ihr Land am Ende nicht zu kurz kommt. Andererseits wären selbst hier laut Bund-Länder-Vereinbarung Abweichungen vom Proporz möglich wären – nämlich wenn die Universitäten eines Landes nicht gut genug sind, ihr Kontingent auszuschöpfen. Die Wissenschaftler haben im Auswahlgremium die Mehrheit. Insofern könnte auch da am Ende der Wettbewerb über den Proporz siegen. Schön wär's. 
(aktualisierter Text)


ENDE APRIL HATTE ICH VOR "FALSCH VERSTANDENER SOLIDARITÄT" IN SACHEN TENURE-TRACK-PROGRAMM GEWARNT UND ECHTEN WETTBEWERB GEFORDERT. WAS DAMALS MEINE SORGE WAR, HIER NOCHMAL ZUM NACHLESEN. 

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Künftig nur noch alle acht Jahre

Die Kultusministerkonferenz will die Akkreditierungszeiträume verlängern. Was noch in der fast fertigen Musterrechtsverordnung steht –und worüber sich die Ministerien aktuell streiten

Foto: evondue
Foto: evondue

LANGE WAR ES STILL um die Zukunft der Akkreditierung – zu still, fanden viele, denn unterdessen verhandelten die Wissenschaftsministerien das Kleingedruckte. Jetzt haben die Ministerialbeamten die Arbeit an der sogenannten „Musterrechtsverordnung“ fast beendet, und die Kultusministerkonferenz (KMK) hat sich zu einem erfreulichen Schritt entschlossen: Bevor sie die gut zwei Dutzend Seiten beschließt, will sie den Entwurf nochmal in eine „schriftliche Anhörung“ geben. Also nicht die Maximaltransparenz wie bei der Strategie zur „Bildung in der digitalen Welt“, die die KMK vorab online zur Diskussion gestellt hatte, aber immerhin sollen „alle relevanten Stakeholder“ die Möglichkeit zur Stellungnahme erhalten.

 

Diese Stakeholder sind laut KMK: die Hochschulrektorenkonferenz (HRK), die Arbeitgeber und die Gewerkschaften, die Studierenden, die Sprecher der Agenturen, der Akkreditierungsrat, die Berufsakademien, der Verband der Privaten Hochschulen und, wegen der kirchlichen Abschlüsse, die Kirchen. Wie hoch der Termindruck mittlerweile ist, zeigt, dass die Kultusminister gerade 14 Tage für die schriftlichen Rückmeldungen einräumen wollen.

 

Was aber steht nun drin im Entwurf der Musterrechtsverordnung? Ein paar Schlaglichter vorab: Die Akkreditierungszeiträume werden auf acht Jahre gestreckt, die Hochschulen sollen Lehrverfassungen beschließen, und neben Programm- und Systemakkreditierung kann es künftig „alternative Verfahren“ geben. 

 

Ein paar Details: 

 

o Hochschulen, die ihr Qualitätsmanagementsystem akkreditiert bekommen wollen, müssen künftig eine "Lehrverfassung" vorweisen können. Mit dieser Forderung setzen die Kultusminister eine Empfehlung des Wissenschaftsrats um. Die Lehrverfassungen müssen sich in den Studiengängen widerspiegeln. Weiter heißt es in der Musterrechtsverordnung: „Das Qualitätsmanagementsystem ist integraler Bestandteil der Gesamtstrategie zur Umsetzung der Lehrverfassung und zielt darauf ab, die Studienqualität kontinuierlich zu verbessern.“ 

 

o Hervorgehoben wird im Entwurf die Bedeutung eines kontinuierlichen Studiengangsmonitorings und einer vernünftigen Statistik: „Die für die Umsetzung der Lehrverfassung erforderlichen Daten werden hochschulweit und regelmäßig erhoben.“

 

o Die Agenturen sind im Akkreditierungsverfahren künftig für die Begutachtung der formalen Kriterien zuständig. Ihr Bericht geht an die Gutachter, die wiederum die fachlich-inhaltlichen Kriterien prüfen. 

 

o Bei der Formulierung der fachlichen und wissenschaftlichen Anforderungen nimmt der Entwurf der Musterrechtsverordnung Anleihen beim Qualifikationsrahmen für deutsche Hochschulabschlüsse und nennt die Aspekte "Wissen und Verstehen" (Wissensverbreiterung, Wissensvertiefung und Wissensverständnis), "Einsatz, Anwendung und Erzeugung von Wissen" (Nutzung und Transfer, wissenschaftliche Innovation) sowie "Kommunikation und Kooperation" und "wissenschaftliches Selbstverständnis / Professionalität".

 

o Einem Gutachtergremium gehören bei einer Programmakkreditierung mindestens vier „fachlich nahestehende“ Personen an: zwei Hochschullehrer, ein/e Vertreterin aus der beruflichen Praxis und ein/e Student/in.  Bei Systemakkreditierungen steigt die Mindestzahl auf fünf Gutachter, davon mindestens drei Professoren. Und in jedem Fall verfügen die Hochschullehrer über die Mehrheit der Stimmen. Das Gutachten geht dann an den Akkreditierungsrat, der die Akkreditierungsentscheidung trifft.

 

o Zur Bestellung der Gutachter heißt es lediglich, sie würden von der beauftragten Agentur benannt. „Die Agentur ist bei der Bestellung an das von der Hochschulrektorenkonferenz zu entwickelnde Verfahren gebunden.“ Wie genau dieses Verfahren aussehen soll, will die HRK voraussichtlich bei ihrer Mitgliederversammlung im November beschließen. Allerdings sind die Hochschulrektoren nur für das Verfahren für die Hochschullehrer zuständig. Wie die Berufsvertreter und die studentischen Gutachter ausgewählt werden, dürfen offenbar weiter die Agenturen festlegen. 

 

o Dass es neben Programm- und Systemakkreditierung im Rahmen einer Experimentierklausel „alternative Akkreditierungsverfahren“ geben kann, steht schon so im neuen Staatsvertrag. Die Verordnung sagt dazu, diese müssten vom Akkreditierungsrat genehmigt werden, allerdings könne der Rat die Genehmigung nur dann versagen, wenn das Verfahren den Grundsätzen des Staatsvertrags widerspricht. Die Genehmigung gilt für zunächst acht Jahre, das Verfahren muss am Ende unabhängig evaluiert werden.

 

o Und, wie bereits erwähnt: Akkreditierungen und Reakkreditierungen gelten künftig für acht Jahre. 

 

Alles in allem liest sich der Entwurf der Musterrechtsverordnung erstaunlich konkret und in sich stimmig. Bis auf eine ungeklärte Kontroverse, die sich seit dem Verfassungsgerichtsurteil wie ein roter Faden durch die Verhandlungen um die Reform der Akkreditierung zieht. Es handelt sich um die Gretchenfrage der Akkreditierung: Wie hältst du es mit dem Diplom? Wieder ist es vor allem Mecklenburg-Vorpommern, das auf der Diplom-Lösung besteht, diesmal aber mit dem Minderheitsvotum von sechs Ministerpräsidenten im Rücken, die bei der Verabschiedung des Akkreditierungsvertrages ihre Erwartung geäußert hatten: In der Musterrechtsverordnung  müsse „eine für alle Länder tragfähige Lösung zur Anerkennung des Diploms“ erreicht werden.

 

Im Entwurf ist betont nüchtern von „Entscheidungsbedarf zu folgenden Lösungsoptionen“ die Rede. Maximaloption eins: Nur die Abschlussbezeichnungen Bachelor und Master sind erlaubt. Maximaloption zwei: Will ein Land das Diplom verleihen, dann darf es. Die zuständigen Beamten in den Ministerien hatten ihren Staatssekretären für deren letzte Sitzung nicht weniger als vier Kompromisslösungen (von einer Äquivalenzlösung über eine Bestandsgarantie bestehender Diplom-Abschlüsse bis hin zu einer Diplom-Verleihung nur auf Antrag der Studenten) ausgearbeitet, einigen konnte man sich bislang auf keine. 

 

Der Verständigungsdruck ist groß, aber nicht übermächtig. Eine ländereinheitliche Musterrechtsverordnung ist keineswegs verpflichtend, im Gegenteil: Theoretisch darf jedes Land separat definieren, wie es den Staatsvertrag in konkrete Anwendungsregeln umzusetzen gedenkt. Was sicher nicht so kommen wird. Denkbar ist allerdings, dass es am Ende 15 gleichlautende und eine abweichende Verordnung geben könnte. Zumindest ist das ein Szenario, was derzeit wieder diskutiert wird. Jetzt müssen die Minister ran. 

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Weil eben nicht alles bleibt, wie ist

Manche sagen, die Debatte um die Digitalisierung in der Bildung sei übertrieben. Welch ein Irrtum. Wir müssen das Bildungssystem dringend auf die große Transformation vorbereiten. Sechs Thesen von Myrle Dziak-Mahler.

Foto: Dragons/Pixabay

ÜBER DIE SCHULEN wird derzeit viel geredet: Es gibt zu viele Schüler und zu wenig Lehrer, viele Schulgebäude sind marode und bei all den Problemen müssen die Schulen auch noch neue Aufgaben bewältigen. Eines der Schlagworte, über das derzeit mit am meisten diskutiert wird, ist die Digitalisierung. Deutsche Schulen stehen im internationalen Vergleich schlecht dar, wenn es um die Vermittlung von Medienkompetenzen geht. Da ist der von Bundesministerin Wanka angekündigte Digitalpakt nicht nur ein wichtiges Signal, sondern dringend notwendig – sollte er denn kommen. 

 

In die digitale Infrastruktur von Schulen zu investieren, ist zwingend – ohne Frage, aber nur ein Anfang. Das allein reicht nicht aus. Es braucht vor allem neue Konzepte, wie Unterricht angesichts komplett veränderter Bedingungen gelebt werden soll. An dieser Stelle setzt das Papier „Bildung in der digitalen Welt“ an, das Ende vergangenen Jahres von der Kultusministerkonferenz (KMK) beschlossen wurde. Dieses Papier ist an sich sehr begrüßenswert, da es normativ wirkt und eine strategische Ausrichtung definiert. Gleichzeitig formuliert das Papier Maßnahmen für Schulen und Hochschulen, die sehr konkret sind und sich im Wesentlichen auf den Einsatz digitaler Werkzeuge beschränken. Das Papier lässt allerdings eine Leerstelle an der Frage, auf welchem Weg die langfristigen Ziele erreicht werden können. 

 

Die Digitalisierung verändert unsere Gesellschaft derzeit tiefgreifend auf allen Ebenen. Ein Blick auf die sich zurzeit schnell weiterentwickelnde Forschung zur Künstlichen Intelligenz macht deutlich, wo es in naher Zukunft hingehen wird. Es werden Jobs entstehen, die sich heute niemand vorstellen kann und gleichzeitig werden viele Arbeitsplätze wegfallen. Diese Situation macht unsicher: Wie sollen wir Bildungsziele für junge Menschen bestimmen, wenn wir keine Vorstellung haben, welche Bildungsinhalte die Gesellschaft morgen und übermorgen benötigt? Und trotzdem müssen wir junge Menschen auf ihre Zukunft vorbereiten, intellektuell wie emotional. Und unter fairen Bedingungen. Der Einzug der Digitalisierung an die Schulen macht es notwendig, Schule komplett neu zu denken. 

 

Bis dato orientiert sich das Bildungssystem an den Normen- und Wertevorstellungen des 20. Jahrhunderts. Damit bereitet es Schülerinnen und Schüler für die Aufgaben der Vergangenheit, nicht aber auf eine sich zunehmend verändernde Gesellschaft und ihre Herausforderungen vor. Was wir benötigen, ist Pioniergeist. Eine Haltung, die keine Angst davor hat, das, was wir als nicht mehr zielführend erkannt haben, einfach abzustellen. Wir probieren das Neue, das Andere einfach aus, wir experimentieren. Behutsam, zugewendet, verantwortlich – und mutig. Die disruptiven Veränderungsprozesse der nächsten Dekaden werden uns nichts Anderes übriglassen. 

 

Wir brauchen deshalb einen mutigen und offenen Reformprozess – und der muss bereits in der Ausbildung der angehenden Lehrerinnen und Lehrer ansetzen. Dazu sechs Thesen:

 

1. Schule wird sich verändern

Die Digitalisierung unserer Gesellschaft führt dazu, dass Schülerinnen und Schüler eigenständiger und damit selbstbestimmter und selbstbewusster lernen. Sie finden Bildungsinhalte zunehmend außerhalb der Schule, insbesondere in sozialen Netzwerken. Unterricht an Schulen muss darauf angepasst werden, dass Schülerinnen und Schüler nach individuellem Interesse und individuellem Lerntempo lernen. 

 

2. Wir brauchen einen anderen Lehrertypus

Das Berufsbild „Lehrer/in“ wird sich ändern: Digitale Medien verändern den Unterricht, denn der Zugang zu Informationen über digitale Medien wird immer einfacher und erstreckt sich flächendeckend über die gesamte Gesellschaft. Damit verlieren Lehrerinnen und Lehrer ihren Wissensvorsprung und ihre Deutungshoheit über Unterrichtsthemen. In Zukunft wird es stärker darum gehen, den Schülerinnen und Schülern Haltungen und Herangehensweisen zu vermitteln und sich in einem partnerschaftlichen Verständnis als Lehr- und Lerngemeinschaft zu verstehen. Von der OECD wurden dazu vier Kernkompetenzen formuliert: Kreativität, Kollaboration, Kommunikation und kritisches Denken. 

 

3. Schulen mit digitaler Technik auszustatten, reicht nicht aus

Gesellschaftliche Veränderungen erfordern, Schule neu zu denken, Unterrichtsstoff anders zu vermitteln und Fächerstrukturen und Unterrichteinheiten auf neue Gegebenheiten anzupassen. Die Kompetenzen von Lehrern und Schülern müssen dahingehend gestärkt werden, dass sie in der Lage sind, die digitalisierte Lebenswelt nicht nur zu konsumieren, sondern auch zu verstehen, zu hinterfragen und zu gestalten. 

 

4. An Schulen muss Informatik gelehrt werden

Schülerinnen und Schülern müssen IT- und Online-Kompetenzen vermittelt werden. Das Erlernen einer Programmiersprache trägt zum Beispiel dazu bei, ein Verständnis für die dahinterliegenden Prozesse zu erlangen. Dieses Verständnis hilft, im Berufsleben aber auch im Alltag digitale Prozesse zu verstehen und hinterfragen zu können. Dabei müssen sich Lehrer und Schüler auf eine (Berufs-) Welt einstellen, die wir heute noch gar nicht kennen. 

 

5. Der Austausch zwischen Schülern und Lehrern muss auf Augenhöhe stattfinden

Digitalisierung demokratisiert das Bildungssystem: Diskussion und Meinungsaustausch in sozialen Medien findet in der Regel auf Augenhöhe statt. Status, Beruf, Bildungshintergrund oder Einkommen werden in den sozialen Medien nicht gelebt. Das Netz sorgt für Transparenz und macht Informationen in hoher Geschwindigkeit allen zugänglich. Der Wissensvorsprung der Eliten schrumpft. Auch in der Schule wird der Austausch auf Augenhöhe zwischen Lehrern und Schülern gelebt werden müssen.

 

6. Digitalisierung muss bereits an den Hochschulen gelebt werden

Hochschulen bilden die Lehrer von morgen aus, die wiederum Schülerinnen und Schüler auf die (Arbeits-)Welt von übermorgen vorbereiten. Darauf müssen die Lehramtsstudierenden im Studium vorbereitet werden. Das erfordert digitale Lehr- und Lernmodule, die nicht nur Methoden und Techniken vermitteln, sondern die angehenden Lehrkräfte befähigen, Schülerinnen und Schülern einen kompetenten Umgang und die Fähigkeit zu einer reflektierten Auseinandersetzung mit neuen Medien zu vermitteln. 

 

Wir brauchen in Zukunft ganz andere Bedingungen an den Schulen, weil wir ganz anders werden unterrichten müssen. Wir brauchen also nicht nur neue Medien, sondern auch neue Lernkonzepte.

 

Myrle Dziak-Mahler ist Geschäftsführerin des Zentrums für LehrerInnenbildung an der Universität zu Köln.

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"Wenn 25 Prozent der Professoren einen Rektor in Frage stellen, ist eine hochschulweite Debatte nötig"

Baden-Württembergs grüne Wissenschaftsministerin Theresia Bauer präsentiert heute im Kabinett ihre Runderneuerung des Hochschulgesetzes. Zwei Ideen dürften für Aufsehen sorgen: Professoren sollen per Ur-Wahl Rektoren abwählen können und Doktoranden eine eigene Stimme im Senat erhalten.

Foto: J. Potente/MWK
Foto: J. Potente/MWK

Frau Bauer, ist Ihre Hochschulreform das Ende der starken Rektorate?

 

Ganz und gar nicht. Wir folgen mit der Reform den Auflagen, den wir im vergangenen Herbst durch den baden-württembergischen Verfassungsgerichtshof bekommen haben, und versuchen gleichzeitig, die Hochschulen handlungsfähig zu halten. 

 

Die Richter hatten unter anderem verlangt, dass die Hochschullehrer allein mit ihrer Mehrheit das Rektorat abwählen können müssen. 

 

Nicht ganz. Der Verfassungsgerichtshof hatte gesagt, dass wir alternativ auch dem Rektorat Entscheidungskompetenzen wegnehmen und dem Senat geben könnten. Dann hätten wir das Wahlrecht lassen können, wie es ist. Das wollen wir aber bewusst nicht, eben weil wir starke Hochschulleitungen für unverzichtbar halten. Deswegen schaffen wir ein neues exklusives Abwahlrecht für die Mehrheit der Professoren.

 

Das mit den starken Rektoraten sehen nicht alle so. Am Wochenende konnte man etwa in baden-württembergischen Regionalzeitungen lesen, die Chefs würden durch die Reform „geschwächt“, die Heilbronner Stimme kommentierte: „Durch das neue Hochschulgesetz wird der Alltag für die Rektoren zweifelsohne schwerer.“ 

 

Das Gegenteil ist der Fall. Im Fall einer tiefgreifenden Vertrauenskrise können die Hochschullehrer künftig den Rektor über eine Ur-Abwahl des Amtes entheben, das ist bundesweit ein Novum. Aber nur ab einer bestimmten Wahlbeteiligung und nur wenn in der Mehrheit der Fakultäten die Mehrheit der Professoren dafür votiert. Vorher muss es die Gelegenheit für Anhörungen und Stellungnahmen geben. 

 

Zum Einleiten eines Abwahlverfahren reichen aber schon 25 Prozent der Professoren. An kleinen Hochschulen könnten sich also ein, zwei Dutzend Kollegen gegen das Rektorat zusammentun und richtig Stimmung machen.

 

Wenn 25 Prozent der Professoren die Amtsführung des Rektors in Frage zu stellen, ist eine hochschulweite Debatte sicherlich auch nötig. Im besten Fall führt sie dazu, dass die Unterstützer des Rektorats sich ebenso lautstark zu Wort melden. Ich sehe in der Reform eine Stärkung der Rektorate und eine Demokratisierung der Hochschulen zugleich. Wir wollten die Abwahl nämlich nicht in das Belieben einer kleinen Gruppe von Professoren im Senat überlassen, die mit ihrer Mehrheit in einem vermeintlich günstigen Moment Fakten schafft. Die Abwahloption soll für eine Ausnahmesituation den Weg ebnen, aber nicht das Tagesgeschäft bestimmen. 

 

Was ändern Sie noch an der Hochschulgovernance, um den Auflagen des Urteils gerecht zu werden?  

 

Der Verfassungsgerichtshof hat uns ganz grundsätzlich aufgetragen, dem Gebot der Wissenschaftsfreiheit gerecht zu werden, was die Richter insbesondere als individuelles Freiheitsrecht der Hochschullehrer und ihrer Vertretung im Senat interpretiert haben. Anders formuliert: Die Professoren müssen bei allen wesentlichen Entscheidungen von Forschung und Lehre die Mehrheit haben.

 

Was das Bundesverfassungsgericht eigentlich schon in den 70er Jahren so festgelegt hat. War Baden-Württembergs Hochschulpolitik da über die Jahrzehnte schludrig geworden?

 

Wir stellen die geforderte Mehrheit ja sicher. Aber in einer Art und Weise, die die Wissenschaftsfreiheit nicht nur als individuelles Recht begreift, sondern auch als Recht der Institution. Die Wissenschaftsfreiheit steht nämlich auf zwei Beinen, und in diesem Sinne ändern wir das Gesetz. 

 

Was heißt das konkret?

 

Die Richter haben bestimmt, dass Dekane nicht qua Amt Mitglied im Senat sein dürfen, weil das die Professorenmehrheit verwässere. Darum werden wir künftig alle professoralen Senatsmitglieder als Vertreter ihrer Fakultäten wählen lassen, und dabei können sich auch die Dekane zur Wahl stellen. Wir setzen also das Gebot des Verfassungsgerichts um, ohne den Senat aufzublähen.   

 

Sie gelten ja als Liebling der Hochschulrektoren, Frau Bauer, aber eine andere Reform im Gesetz dürfte für Seufzer bei den Chefs sorgen. Noch dazu eine Reform, die so vom Verfassungsgerichtshof gar nicht verlangt war. Doktoranden sollen an den baden-württembergischen Universitäten nämlich eine eigene „Statusgruppe“ werden. Für die Nicht-Experten: Was genau bedeutet denn das?

 

Das bedeutet, dass die Doktoranden in der akademischen Selbstverwaltung eine eigene Stimme erhalten und mitbestimmen können, wenn es um den künftigen Kurs ihrer Universität geht. Die anderen so genannten Statusgruppen, die eigene Repräsentanten in den Unisenat wählen dürfen, sind die Professoren, die wissenschaftlichen Mitarbeiter und die Studierenden. 

 

Also noch mehr Gremiengeschiebe an den Universitäten, von denen nicht nur die Rektoren sagen, sie seien ohnehin schon mit zu vielen Gremien ausgestattet?

 

Wir schaffen ja keine neuen Gremien, wir erhöhen nur die Sichtbarkeit einer Gruppe, die immer schon da war, aber bei den anderen mitlief: als Minderheit bei den wissenschaftlichen Mitarbeitern oder bei den Studierenden. Unsere Reform macht die Welt nicht komplizierter und die Gremien nicht unübersichtlicher, doch endlich wird die Stimme der jungen Wissenschaftler gehört, von der ich glaube, dass sie eine ganz besondere ist. 

 

Wie meinen Sie das? 

 

Die Doktoranden markieren immer den Beginn einer neuen Forschergeneration. Sie lernen die Wissenschaft und ihre Regeln kennen – und hinterfragen sie noch unvoreingenommen. Gleichzeitig ist ihre Arbeit grundlegend für die Forschungskraft und Qualität unserer Hochschulen. 

 

Wenn das so ist, warum ist Baden-Württemberg dann das einzige Land, das bislang auf die Idee mit der Statusgruppe gekommen ist?

 

Über lange Zeit hinweg war das Promotionsrecht vor allem ein Recht der Fakultäten und der einzelnen Wissenschaftler, also eine sehr individuelle Angelegenheit. Die Universität als Ganzes kam da nur schwer ran und konnte ihre Verantwortung als Institution kaum einmal systematisch wahrnehmen. Insofern ist das schon ein kultureller Wechsel, den wir da einfordern, aber er ist angemessen.  

 

Wollen die Doktoranden überhaupt mehr Mitbestimmung? Haben die nicht mit dem Promovieren genug zu tun? 

 

Wir waren uns da anfangs auch nicht sicher. Darum hatten wir in der vorgehenden Novelle des Hochschulgesetzes nur so genannte Konvente für Promovierende eingeführt, in denen sie überhaupt erstmals ihre speziellen Anliegen formulieren konnten. Angesichts des großen Engagements, das sie dort gezeigt haben, war uns dann klar: Ja, sie wünschen sich mehr Beteiligung. Sie wollen, dass ihr Sichtweise stärker Berücksichtigung findet.

 

Damit die Doktoranden ihre Vertreter wählen können, müssen Sie wissen, wer überhaupt alles promoviert. In der Vergangenheit hieß es bei entsprechenden Anfragen an die Universitäten stets: Keine Ahnung.

 

Das war nicht nur in Baden-Württemberg so und hängt wiederum mit diesem traditionell sehr persönlichen Verhältnis eines Doktoranden mit seinem Doktorvater – oder seiner Doktormutter zusammen. Bevor die Dissertationsschrift eingereicht wurde, wusste oft nur der Professor davon. Auch das haben wir schon bei der letzten Reform geändert. Seitdem ist eine schriftliche Betreuungsvereinbarung gleich zu Beginn Pflicht, die Fakultät muss das Promotionsvorhaben annehmen. Mit Heidelberg haben wir eine Universität, die schon sehr weit ist im Aufbau der notwendigen Strukturen, und die Rückmeldungen, die von dort kommen, sind echt spannend. Früher ging die Unileitung von 4000 Doktoranden in Heidelberg aus, jetzt weiß sie: Es sind 7500. 

 

Was im Umkehrschluss heißt: Das Missverhältnis zwischen begonnenen und abgeschlossenen Promotionen ist noch viel größer als lange befürchtet. 

 

In der Tat lernen wir da gerade viel Neues. Wir sehen nicht nur, wie viele Promovierende unterwegs verloren gehen, sondern auch, woher sie kommen: von Fachhochschulen, aus den Betrieben. Und wir erfahren welche Hochschullehrer besonders viele Doktoranden betreuen. Wir werden aber auch lernen müssen, dass wir an all diese Zahlen nicht mit derselben Erwartung herangehen können wie an die Studienabbrecher-Statistik. 

 

Wenn die Doktoranden jetzt einen Sitz in den Senaten kommen, verändert sich die feinziselierte Stimmenarithmetik der anderen Statusgruppen. Wollen Sie da detaillierte Vorgaben machen?

 

Nein, das überlassen wir den Universitäten, wie genau sie die Statusgruppe in ihre Grundordnungen definieren und wie stark sie Stimmen der Doktoranden gewichten. Es macht doch einen Unterschied, ob eine forschungsintensive Universität wie Heidelberg 7500 Doktoranden hat oder eine andere nur ein paar hundert. Außerdem ändert sich die Arithmetik in den Senaten ohnehin.

 

Bis März 2018 muss das neue Hochschulgesetz stehen, haben die Richter verlangt. Wird langsam eng, oder?

 

Das schaffen wir. Jetzt geht der Entwurf ins Kabinett, möglichst im Januar ins Parlament. Ich bin jetzt vor allem mal gespannt, was meine Ministerkollegen in den anderen Bundesländern dazu sagen.

 

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Im Zweifel allein

In zehn Tagen fällt die wichtigste Vorentscheidung im Wettbewerb um die Exzellenzcluster. Bald danach müssen die Universitäten auch bei einer anderen Frage aus der Deckung: Wer will Exzellenzuniversität werden, und wer zieht die Verbundoption?

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DIE EXSTRA-SPANNUNG STEIGT. Am Donnerstag nach der Bundestagswahl treffen sich in Bonn die internationalen Experten, die über Sieg und Niederlage in der Exzellenzstrategie entscheiden. Aus den 195 eingereichten Antragsskizzen sollen sie diejenigen Projekte herausfiltern, die in der Hauptrunde einen Vollantrag auf Förderung als Exzellenzcluster einreichen dürfen.

 

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), die für die Administration der ersten ExStra-Förderlinie zuständig ist, mahnt auf ihrer Website schon mal Geduld an. Die Sitzung des Expertengremiums werde am 28. September "voraussichtlich bis in die Abendstunden dauern", so dass die Ergebnisse erst am Vormittag des nächsten Tages veröffentlicht werden. 

 

Erwartet wird, dass das so genannte Expertengremium etwa die Hälfte der Projekte aus dem Rennen nehmen wird, was bedeutet, dass bei der anschließenden Vollantragstellung die Erfolgschancen bei etwa 1:1 liegen dürften: Im Juni 2016 hatten Bund und Länder vereinbart, dass 45 bis 50 Exzellenzcluster in der ersten ExStra-Runde von 2019 an gefördert werden sollen mit jeweils bis zu zehn Millionen Euro pro Jahr. Die Vorauswahl will die DFG auf ihrer Website, über den Informationsdienst Wissenschaft und als Pressemitteilung bekanntgeben, zusätzlich sollen die Antragsteller und ihre Hochschulleitungen eine E-Mail erhalten. >>



>> Einige der Rektoren werden am 29. September besonders nervös auf ihren Posteingang starren – jene nämlich, die auch für die zweite Förderlinie (Exzellenzuniversitäten) Ambitionen hegen. Eine Einzel-Bewerbung erfordert zwei erfolgreiche Exzellenzcluster-Bewerbungen; tun sich mehrere Universitäten zu einem Verbund zusammen, müssen sie drei Cluster vorweisen können. So dürften nächste Woche schon einige hochfliegende Pläne beendet sein, bei anderen beginnt dann erst recht das große Zittern. Wer zum Beispiel nach dem 29. September nur noch drei Anträge im Rennen hat, muss schon heftig Daumen drücken, damit am Ende zwei Förderungen herauskommen. 

 

Neben dem Daumendrücken steht für die Rektoren jedoch auch ganz praktische Arbeit an: Wenn sie, eine Neuerung gegenüber der bisherigen Exzellenzinitiative, eine so genannte Universitätspauschale zusätzlich zum Cluster beantragen wollen, müssen sie das zusammen mit dem Vollantrag tun, und zwar in Form einer "schlanke(n) Darstellung der universitären strategischen Ziele", wie es in der Verwaltungsvereinbarung zur ExStra heißt. Kaum vorstellbar, dass auch nur ein Rektor oder eine Rektorin diese Gelegenheit auslassen wird.

 

Die Sache hat allerdings Konfliktpotenzial: Auch wenn die mit einer Million Euro pro Jahr dotierte Universitätspauschale der Gesamt-Universität zu Gute kommen soll, berichten viele Rektoren schon jetzt vom Erwartungsdruck der an den Clustern beteiligten Wissenschaftler, dass ihre Disziplinen besonders Berücksichtigung finden. Wieviel Konfrontation ist nötig, wie viel Appeasement nötig? Diese Frage stellen sich viele Unichefs seit längerem. 

 

Noch haariger wird die Sache, wenn eine Universität am Ende auch in der zweiten Förderlinie erfolgreich sein sollte: Für die "Exzellenzuniversitäten" gibt es zwar zwischen 10 und 15 Millionen jährlich extra, doch wird die Prämie um die Cluster-Pauschalen gekürzt. Sprich: Die Rektoren müssen sich nicht nur mit den Clustern arrangieren, sie müssen auch schon genau wissen, was sie für eine Strategie für die zweite Förderlinie fahren wollen. Am 21. Februar 2018 ist dann zweierlei fällig: Die endgültigen Anträge für die Exzellenzcluster und die Absichtserklärungen der Hochschulleitungen, ob sie sich zusätzlich als Exzellenzuniversitäten, einzeln oder im Verbund, bewerben wollen. Die Weihnachtspause dürfte bei vielen Forschern und Rektoren dieses Jahr entsprechend kurz ausfallen. >>



>> Apropos Verbünde: Schon bei den Cluster-Skizzen konnte wie berichtet von "Verbunderitis" keine Rede sein. Lediglich 44 der Absichtserklärungen wurden von mehreren Universitäten im Verbund abgegeben, davon sieben von drei Universitäten. Und was mögliche Verbundbewerbungen um das Label "Exzellenzuniversitäten" angeht, so würden die zwar mehr Geld bekommen (bis zu 28 Millionen Euro pro Jahr), doch bestätigt sich auch hier ein Trend, der sich schon Ende vergangenen Jahres abzeichnete: Die von der Hochschulpolitik als Innovation gefeierte Option ist für die meisten Universitäten offenbar keine. Oder zumindest nicht die erste Wahl.

 

Lediglich Berlin und die Universitäten im Ruhrgebiet wären sichere Verbund-Kandidaten für die zweite Förderlinie. Wobei Bochum, Dortmund und Duisburg-Essen insgesamt nur sieben Skizzen ins Rennen geschickt haben, was die Möglichkeit, einen gemeinsamen Strategie-Antrag stellen zu dürfen, statistisch zumindest fraglich macht. Gut denkbar also, dass am Ende nur Berlin als Kandidat für einen Universitätsverbund übrig bleibt. Es sei denn... aber dazu unten mehr.

 

Was aus den übrigen potenziellen Universitätsverbünden geworden ist? Die Exzellenzuniversitäten Köln und Aachen werden definitiv nicht zusammengehen, ist hören, wobei sich die Verantwortlichen offiziell noch nicht äußern möchte, solange die Clusterentscheidungen anstehen. Eine Hintertür, falls man doch allein nicht genügend Anträge durchbekommt? Es sei "ein wissenschaftsgeleitetes Verfahren", sagt zum Beispiel RWTH-Rektor Ernst Schmachtenberg lediglich und verweist im Übrigen auf den 29. September: Dann "erhalten wir von den Gutachtern eine Einschätzung, welche Themen in welcher Konstellation besonders förderwürdig sind." Anderswo im Rheinland sind sie da schon auskunftsfreudiger, etwa in Bonn. Denn auch diese Verbund-Alternativoption, die in Köln zwischenzeitlich diskutiert wurde, ist keine mehr. Aus dem dortigen Rektorat heißt es: "Die Universität Bonn hat die Möglichkeiten für einen Verbundantrag in der zweiten Förderlinie eruiert. Unter den gegebenen Rahmenbedingungen glauben wir aber nicht, dass dies für uns die beste Lösung sein wird."

 

Bleiben die in einer länderübergreifenden Allianz zusammengeschlossenen Universitäten Darmstadt (TU), Frankfurt und Mainz. Auch hier halten sich die Rektoren, wohl aus der gleichen Logik wie im Rheinland, offiziell noch bedeckt: Die Frankfurter Universitätspräsidentin Birgitta Wolff sagt, eine endgültige Entscheidung sei "bekanntermaßen ganz stark davon abhängig, wie die drei Universitäten in der ersten Runde abschneiden werden". Daher könne man derzeit keine Stellung beziehen. Hinter den Kulissen hört man allerdings auch hier, die Sache sei gelaufen. Schon im vergangenen Dezember hatte Wolff gesagt, es wäre doch auch "ein schöner Erfolg", wenn die Universitätsallianz "drei starke, aufeinander bezogene Einzelbewerbungen" nach sich zöge, „das zeigte doch ebenfalls, dass wir eine dynamische Wissenschaftsregion sind“. Die Frankfurter und Mainzer hatten vergangenes Jahr übrigens drei gemeinsame Antragsskizzen an die DFG gemeldet, doch die Darmstädter waren als Haupt-Antragsteller nirgendwo dabei. 

 

Soweit die bislang gehandelten Kandidaten um Verbundbewerbungen. Also Berlin als einzige sichere Gemeinsam-Option? Ja, es sei denn: Einige Universitäten könnten sich auch noch kurzfristig zum Zusammengehen entscheiden – etwa wenn nach der anstehenden Vorentscheidung klar wird, dass sie allein voraussichtlich nicht auf die nötigen zwei Cluster kommen werden. Sinn ergäbe das freilich nur für einen Dreierbund, und den Experten, die darüber zu befinden hätten, dürfte ein solcher Plan B dann doch reichlich pragmatisch und nicht in jedem Fall, wie es erwartet wird, inhaltlich zwingend vorkommen. 

 

So erklärt ausgerechnet der Münchner TU-Präsident Wolfgang Herrmann, der von Anfang an als Verbund-Skeptiker galt, im Interview die Verbund-Zurückhaltung fast aller seiner Kollegen bundesweit: Um beim Expertengremium erfolgreich zu sein, müssten Verbünde" eine gemeinsame Geschichte erzählen, die wahr ist und wahrhaftig. Da wäre es nicht opportun, wenn sie starke, aber unterschiedliche Universitätsprofile künstlich zusammenbiegen." 


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"Natürlich werde ich da fuchtig"

Wolfgang Herrmann, Präsident der TU München, über Bedenkenträger an den Unis, die Forschheit der Außeruniversitären und die Frage, was er nach 2019 macht.

Der Chemiker Wolfgang Herrmann ist seit 1995 Präsident der Technischen Universität München. Foto: TU München
Der Chemiker Wolfgang Herrmann ist seit 1995 Präsident der Technischen Universität München. Foto: TU München

Herr Herrmann, Hochschulrektorenkonferenz und Max-Planck-Gesellschaft haben über Monate um die Max-Planck-Schools gerungen. Der Universitätsverbund German U 15 warnte noch im Mai in einem Brandbrief an die Bundesforschungsministerin, der Einfluss der Universitäten auf die Promotion könnte durch sie „schleichend ausgehöhlt werden“. Als Johanna Wanka dann neulich die Gründung der ersten drei Schools verkündete, gab es aus Ihrem Haus eine aufschlussreiche Pressemitteilung. „Bedenkenträger sehen die außeruniversitäre Forschung der MPG als Konkurrenz, anstatt die ungenutzten Synergiepotentiale zu sehen“, stand dort. „Demgegenüber forciert die TU München nun ihr Engagement, die jeweiligen Stärken von universitärer und außeruniversitärer Forschung zu bündeln.“ Wem wollten Sie denn damit vors Schienbein treten?

 

Die Pressemitteilung war zugespitzt formuliert, das stimmt. Aber mein Vizepräsident Thomas Hoffmann, den Sie da zitieren, hat Recht mit seiner Analyse. Wir konnten die Langwierigkeit der Debatte nicht nachvollziehen, von wegen dass Max Planck das Promotionsrecht verwässere und so. Als Max-Planck-Präsident Martin Stratmann mich vor einem Jahr das erste Mal vorsichtig, aber entschieden fragte, was ich von solch einer Idee halten würde, habe ich gleich gesagt: Klar, wir sind dabei! 

 

Mäkeln Ihre Rektorenkollegen zu viel herum, anstatt eine gute Idee als solche zu erkennen?

 

Am Ende hängt Ihr Erfolg im Umgang mit Max Planck & Co immer davon ab, wie selbstbewusst Sie als Universität auftreten. Die Außeruniversitären reagieren auf eine Politik der Stärke. Wenn Sie sich denen nicht als Institution gewachsen fühlen, dann haben Sie natürlich ein Problem. Dann haben Sie bei allem Angst, dann wiegeln Sie ab und beharren umso lautstärker auf dem Promotionsrecht. Ich muss das aber gar nicht mit Zähnen und Klauen verteidigen, weil ich weiß, dass wir uns da nicht über den Tisch ziehen lassen. Punkt. Die Promotion als Vorrecht der Universitäten ist sakrosankt, da kommt Max Planck nicht ran, und die wollen das auch gar nicht! Die Bedenkenträger haben noch etwas Anderes nicht begriffen.

 

Und das wäre?

 

Wenn Sie jetzt nicht mitmachen bei den Schools, wenn Sie als Hochschulleitung nicht von Anfang an dahinterstehen, dann sind Sie auch nicht dabei, wenn die Regeln der Zusammenarbeit definiert werden. Die ersten Verträge zwischen den beteiligten Wissenschaftlern und Institutionen, die in den nächsten Monaten geschlossen werden, die werden zugleich die Muster für alle künftigen Verträge sein.  >>



>> "TUM und MPG forcieren ihre Kooperation zur Nachwuchsförderung", stand über besagter Pressemitteilung, als sei die Idee zu den Schools an Ihrer Universität entstanden. Übertreiben Sie es nicht mit der Betonung einer vermeintlich besonderen Partnerschaft zwischen TUM und Max Planck?

 

Sie ist besonders. Nur wir haben mit der Max-Planck-Gesellschaft ein gemeinsames Berufungsprogramm namens MaxPlanck@TUM laufen. Die Idee: Wir schreiben gemeinsam Stellen für Nachwuchsgruppenleiter bei Max Planck aus, die sich gleichzeitig auf eine Tenure-Track-Professur bei uns bewerben können. Von über 900 Wissenschaftlern, die sich bei Max Planck beworben haben, wurden 23 als Nachwuchsgruppenleiter ausgewählt, und wir haben von diesen 23 sieben als Professoren zu uns geholt. Sie können sich vorstellen, was für eine Qualität die haben. Das ist wirklich super. Unsere Standards gleichen denen von Max Planck, nur müssen unsere Leute zusätzlich noch Potenzial in der Lehre haben. 

 

Sie sprechen von Regeln der Zusammenarbeit, die Sie mit Max Planck aushandeln wollen. Was meinen Sie da konkret?

 

Der Gedanke, dass wir im Wettstreit um die besten Nachwuchstalente  als Universitäten und außeruniversitäre Forschung eine gemeinsame Adresse bilden, die Schools eben, ist richtig und bestechend. Natürlich müssen wir jetzt dafür sorgen, dass die Rolle und der Beitrag der Universitäten in dem Ganzen deutlich sichtbar werden. Deshalb wird in den Schools, an denen wir uns beteiligen, unsere Promotionsordnung gelten. Aber wir müssen auch aufpassen, dass unser Corporate Design neben dem von Max Planck und anderer Institutionen ausreichend zur Geltung kommt. Denn wir sind ja auch selbst eine internationale Marke. Gleichzeitig müssen wir  darüber reden, wie wir uns gemeinsam international vermarkten. 

 

Das klingt so, als müsste man bei den Außeruniversitären als Uni immerzu besonders aufpassen.

 

Natürlich werde ich fuchtig, wenn ich auf eine Veranstaltung von Fraunhofer gehe, wo gemeinsam berufene Professoren auftreten, die größtenteils von uns bezahlt werden, und dann taucht in den Präsentationen nirgendwo das TUM-Logo auf. Klar frage ich dann nach: Sagt mal, vom wem kriegt ihr als gutsituierte Beamte eigentlich euren monatlichen Gehaltsscheck, von Fraunhofer oder von uns? Sowas darf man sich halt nicht gefallen lassen. Auch nicht, wenn die Außeruniversitären bei den Patentrechten oder bei Fragen des geistigen Eigentums mal wieder sehr einnehmend unterwegs sind. Da müssen wir uns durchsetzen. Auch erwarte ich, dass die  Hochschulleitungen gefragt werden, wenn ihre Wissenschaftler bei Max-Planck-Schools mitmachen wollen.

 

Die Professoren sollen sich Ihr Einverständnis abholen?

 

Ja, das gehört zum guten akademischen Ton,  das werden wir mit Max Planck besprechen. Es ist umgekehrt doch genauso!

 

Am Ende läuft es doch auf die Frage hinaus, ob die betreffenden Professoren sich der TUM zugehörig fühlen oder eben Fraunhofer oder Helmholtz.

 

Es geht um Loyalität als institutioneller Wert, genau. Doch wie schaffe ich die als Universität bei meinen Leuten? Das ist für mich als Präsident immer ein zentrales Thema gewesen. Da geht es um Identitätsbildung, um die Marke TUM und wie wir sie mit Leben füllen. Viele halten selbst das Corporate Design für eine Nebensächlichkeit, dabei ist es ebenso wichtig wie bei einem Qualitätsunternehmen. Es geht aber auch darum, einen gemeinsamen Geist zu fördern, die Universität zu einem Familienerlebnis zu machen, könnte man sagen, wie bei BMW. 

 

Apropos Marke TUM. Sie haben von Anfang an gesagt, dass Sie bei der Exzellenzstrategie nicht als Verbund mit der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) antreten werden. Jetzt sieht es so aus, als würden außer den Berliner Universitäten überhaupt nur noch, wenn denn die Cluster reichen, die Ruhrgebiets-Universitäten gemeinsam ins Rennen gehen. Fühlen Sie sich in Ihrer Skepsis gegenüber den Uni-Verbünden bestätigt? 

 

Es stimmt nicht, dass ich das von Anfang an gesagt habe. Es gab einen Augenblick, da habe ich ernsthaft überlegt, ob es vielleicht doch gemeinsam mit der LMU gehen könnte. Aber dann habe ich eingesehen, und darin war ich mit meinem Kollegen Bernd Huber einig, dass unsere Universitäten von ihrer Ausrichtung, den Fächern und ihren Philosophien her so unterschiedlich sind, dass eine gemeinsame Bewerbung wahrscheinlich viele fruchtlose Abstimmungsrunden nach sich gezogen hätte. Was nicht heißt, dass wir in der Exzellenzstrategie nicht wie bisher intensiv zusammenarbeiten. Wir haben immerhin fünf gemeinsame Anträge für Exzellenzcluster gestellt, weil wir hier die fachlichen Stärken logisch und vorteilhaft kombinieren konnten.

 

Was wäre für Sie denn die Voraussetzung einer gemeinsamen Bewerbung in der Förderlinie „Exzellenzuniversitäten“ gewesen?  

 

Ich glaube, um da erfolgreich zu sein, müssen Verbünde eine gemeinsame Geschichte erzählen, die wahr ist und wahrhaftig. Da wäre es nicht opportun, wenn sie starke, aber unterschiedliche Universitätsprofile künstlich zusammenbiegen. Wir haben das in München gar nicht nötig, beide Universitäten können auch allein eine hervorragende Leistungsbilanz vorweisen. Nehmen Sie nur das Beispiel Tenure Track: Bund und Länder machen in ihrem TT1000-Programm jetzt unser Modell. Das TUM-Modell stand Pate, dasist doch klasse! 

 

Finden Sie, die Berliner haben eine solche wahrhaftige gemeinsame Geschichte zu erzählen?

 

Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass ich mich aus der Ferne zu dieser  Frage äußere. Berlin ist nicht München! Nur so viel: Es ist schwer vorstellbar, dass die Gutachter Berlin als Ganzes rausschmeißen, da müsste das vorgelegte Konzept schon grottenschlecht sein. Was ich nicht glaube. 

 

Einen Verbund ganz anderer Art geht die TUM in Baden-Württemberg ein, mit der Dieter-Schwarz-Stiftung, und baut jetzt ihren ersten deutschen Standort außerhalb Bayerns auf.

 

Gut, dass Sie das so betonen. Denn einen Standort außerhalb Bayerns haben wir schon, nur eben nicht in Deutschland, sondern seit 2001 in Singapur. Den zu gründen, war viel schwieriger, das war sauschwer, weil wir keinen einzigen Steuercent aus Bayern nach Asien schaffen durften. Da lernt man, mit Bildung umzugehen, auch im kaufmännischen Sinn. Nachdem uns das gelungen ist, dachten wir: Wer in Singapur erfolgreich ist, der kann das auch in Heilbronn! Wobei ich fairerweise sagen muss, die sind auf uns zugekommen. Immerhin haben wir schnell kapiert, dass das eine riesige Chance in einem Hightech-Umfeld ist, und darauf kommt es uns an. 

 

20 Professoren finanziert Ihnen die Schwarz-Stiftung, 13 davon in Heilbronn, sieben in München, allesamt in den Wirtschaftswissenschaften.

 

Wir werden so zu der mit Abstand größten BWL-Fakultät in Deutschland, wenn nicht in ganz Europa, und wir landen in der Hightech-Region Heilbronn-Neckarsulm. TUM-BWL ist eine begehrte Marke. Gerade bereiten wir die Ausschreibungen vor. Übrigens spricht es für die baden-württembergische Wissenschaftsministerin Theresia Bauer, dass sie sagt: Klar wäre ihr eine landeseigene Lösung lieber gewesen, aber sie legt uns keine Steine in den Weg. Prima!

 

Gehen Sie jetzt öfter außerhalb Bayerns auf die Pirsch?

 

Ob Heilbronn ein Vorbild ist, fragen Sie? Das wird sich zeigen. Legen wir erstmal los. Weitere konkrete Pläne haben wir jedenfalls nicht. Könnten aber kommen, ich kenne mich. 

 

Apropos Pläne, Herr Herrmann: Viele rechnen damit, dass Sie bald nach dem 150-jährigen Jubiläum der TUM nächstes Jahr Ihre Zelte in München abbrechen und Gründungspräsident der geplanten Universität in Nürnberg werden. Immerhin sind Sie ja schon Gründungsbeauftragter.

 

Nix da! Bis Ende 2019 mache ich weiter hier in München, und dann will ich endlich mehr Musik machen. Das hätte ich verdient. 

 

Sie entschuldigen, wenn da bei mir Restzweifel bleiben, dass Sie nach fast einem Vierteljahrhundert als TUM-Präsident die Chance auslassen, bei der Gründung einer nagelneuen Universität dabei zu bleiben?

 

Sie meinen, ich lasse mich da noch umstimmen von der Politik? Habe ich nicht vor, aber gut, ich will’s nicht ausschließen. Vielleicht werde ich am Ende wieder schwach. Aber geplant ist ein neues Pontifikat nicht. 

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Edelgard Bulmahn zieht Bilanz

Die Ex-Forschungsministerin nimmt Abschied vom Bundestag. Im ZEIT-Interview sagt sie noch einmal, was ihr wichtig ist und wie ihre Reformen in Schröders Agenda 2010 passten.

Foto: Sven Teschke
Foto: Sven Teschke

30 JAHRE LANG war sie Abgeordnete, sieben Jahre Bundesministerin, sie war Vorsitzende des Bildungsausschusses und später des Wirtschaftsausschusses. Sie hat die Exzellenzinitiative auf den Weg gebracht, die Bologna-Reform vorangetrieben, die Juniorprofessur eingeführt, die Grundlagen für den Pakt für Forschung und Innovation und für den Hochschulpakt gelegt: ein Feuerwerk an Reformen, wie es die Hochschulen selten erlebt haben. 

 

Jetzt verlässt Edelgard Bulmahn, 66, das Parlament. Und so wie in ihrem Ressort eine Reform die andere jagte, so hat die rot-grüne Koalition unter Kanzler Gerhard Schröder insgesamt mit ihrer Politik das Land verändert. Die "Agenda 2010" spaltet bis heute die Nation: Markierte sie den Aufbruch in ein neues Wirtschafts- und Beschäftigungswunder, oder war sie der Auftakt eines historisch einmaligen Sozialabbaus? Bulmahn sagt, 90 Prozent der Menschen assoziierten mit dem Begriff die Arbeitsmarktreform, und die gelte heute vielen als neoliberal. Dabei sei die grundsätzliche Idee der rot-grünen Politik eine andere gewesen: "Menschen mehr Chancen zu eröffnen, Gesellschaft und Wirtschaft zu modernisieren und innovationsfähiger zu machen." Feststeht: In ihren sieben Jahren als Ministerin von 1998 bis 2005 hat die Frau aus Hannover unserem Wissenschaftssystem seinen bis heute beherrschenden Rahmen gegeben.

 

Anfang des Jahres habe ich Edelgard Bulmahn gefragt, ob Sie Lust hat, im Interview noch einmal die zentralen Themen ihrer Amtszeit Revue passieren zu lassen. Zusammen mit meiner Kollegin Anna-Lena Scholz habe ich sie dann zum Gespräch für die heutige ZEIT (leider noch nicht online) getroffen. Es ist das letzte Interview der ehemaligen Bundesforschungsministerin als Parlamentarierin, und es liest sich wie die forschungs- und bildungspolitische Bilanz ihrer Arbeit. Ob Ganztagsschulen, Bafög oder das Paket der Wissenschaftspakte: Bulmahn sagt noch einmal, was ihr besonders wichtig war – und warum.

 

Ausführlich äußert sie sich zum Beispiel zur Bologna-Studienreform, der Einführung der gestuften Studiengänge Bachelor und Master: Sie habe selbst nicht erwartet, dass viele Universitäten so große Schwierigkeiten bei der Umsetzung haben würden, sagt Bulmahn und kritisiert die Rektoren für ihr Schwanken: "Anders als viele heute behaupten, waren die Universitäten und die Hochschulrektoren von Anfang an eine treibende Kraft. Erst hinterher haben sich manche distanziert." Die Reform hält Bulmahn weiter für richtig: "Wir brauchen in unserer heutigen Welt ein Studiensystem, das in der Lage ist, 50 Prozent eines Jahrgangs gut auszubilden."

 

Zur Exzellenzinitiative sagt Bulmahn, die sei immer "ein Herzensprojekt von mir" gewesen, zusammen mit dem Pakt für Forschung und Innovation habe der Wettbewerb eine deutlich stärkere Profilierung und Vernetzung zwischen außeruniversitären Forschungseinrichtungen und Hochschulen gebracht. "Das große Problemthema der 90er Jahre war ja das Nebeneinander und die Erstarrung der einzelnen Einrichtungen. Diese sogenannte Versäulung haben wir dann durchbrochen." Nach ihrer Ministerzeit allerdings sei allmählich "etwas aus der Balance geraten zwischen der Projektfinanzierung auf der einen Seite und der Grundfinanzierung auf der anderen." Die mangelnde Grundfinanzierung der Hochschulen mithilfe von Bundesmitteln zu beheben, sei jetzt "die hochschulpolitische Notwendigkeit unserer Zeit."

 

Bulmahn kritisiert auch die Reform des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes nach dem Ende ihrer Amtszeit, gegen die sie sich immer gesperrt habe: "dass Drei-, Fünf- oder Neun-Monatsverträge en masse erlaubt wurden. Diese Kettenverträge zu begünstigen war ein Riesenfehler meiner Nachfolgerin Annette Schavan." Die aktuelle Forschungsministerin Johanna Wanka wiederum habe "nicht couragiert" genug für eine besser Grundfinanzierung der Hochschulen gekämpft.

 

Ansonsten findet Bulmahn für ihre CDU-Nachfolgerinnen durchaus lobende Worte. So habe Schavan, die 2005 ins Amt kam, die Exzellenzinitiative nicht aus ideologischen Gründen abgeschafft, sondern weitergeführt, "obwohl sie anfangs dagegen war." Dann folgt allerdings doch noch eine Spitze: Schavan sei überhaupt "wirklich gut" darin gewesen, ihre (Bulmahns) Ideen zu verwalten. Sie habe aber auch eigene Akzente gesetzt, indem sie etwa den Hochschulpakt zu einem "richtig großen Pakt" gemacht habe. Über Schavans Nachfolgerin Wanka sagt Bulmahn, diese habe sich um die Verstetigung der Exzellenzinitiative verdient gemacht. "Und das habe ich auch in der SPD unterstützt, wo ich konnte."

 

Für die kommenden Jahre kündigt Bulmahn an, sie werde "nicht nur auf dem Sofa sitzen", sondern "weiter nach vorne denken, Ideen mitentwickeln." Womöglich wird die ehemalige Ministerin die neu gewonnene Freiheit sogar intensiver nutzen, als viele Sozialdemokraten es vermuten: Im Februar war sie gemeinsam mit weiteren SPD-Fachpolitikern erstmals seit Jahren wieder öffentlich auf dem Feld der Hochschulpolitik in Erscheinung getreten mit einem Vorschlag, wie der Bund sich an der Grundfinanzierung der Hochschulen beteiligen könnte. 

 

Eine der prägenden Wissenschafts- und Bildungspolitikerinnen der vergangenen Jahrzehnte nimmt ihren Abschied – und bleibt doch präsent. Manchmal, sagt sie, sei sie immer noch ungeduldig, "weil ich wirklich Sorge habe, dass wir nicht zeitgerecht handeln."

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Blick zurück (8)

Seit 20 Jahren beschäftigte ich mich mit Hochschulen, Bildung und Wissenschaft. Viel ist passiert in dieser Zeit, vieles davon durfte ich als Journalist begleiten. Der Blick zurück zeigt, wie aktuell einige meiner Themen von einst geblieben sind – obwohl sich fast alles verändert hat. Machmal allerdings auch, weil sich fast gar nichts verändert hat. Der achte Teil einer Serie.

Revolte Reloaded

Die Linkspartei lässt den SDS wiederauferstehen. So mancher Beobachter bejubelt die neue Politisierung der Studenten. Doch wollen sich diese heute wirklich noch politisch engagieren? Eine Spurensuche.

(erschienen in der ZEIT vom 31. Juli 2008)

 

DIE REVOLUTION IST nach Hessen gekommen. Freitagabend war das, sie bleibt bis Sonntag, und zwischendurch übernachtet sie in der Turnhalle nebenan. Ihre Frontfrau trägt eine Sonnenbrille im blonden Haar, studiert in Berlin und liebt historische Vergleiche. "Eines unserer Ziele ist eine Bewegung wie 1968. Wir stellen uns bewusst in die Tradition des SDS", sagt sie. "Die Herausforderung bleibt, den Kapitalismus zu überwinden."

 

"Enteignet Springer!" steht auf einem Transparent in dem holzgetäfelten Hörsaal der Universität Marburg, der an einem wolkenverhangenen Juniwochenende die Kulisse für den dritten Verbandstag von Die Linke.SDS abgibt. Daneben verkündet ein Spruchband: "40 Jahre – 1968 die letzte Schlacht gewinnen wir."

 

Die 40 Jahre alten Ideale sollen heute wieder die Messlatte sein

 

Die junge Frau mit der Sonnenbrille heißt Stefanie Graf, kurz Steffi. Man könnte die zufällige Namensgleichheit mit der Tennisspielerin, die heute Werbung für Designerparfum macht, ironisch nennen. Irgendwie aber auch passend. Denn wie auch immer Revoluzzer vor 40 Jahren ausgesehen haben mögen, heute tragen sie mehrheitlich weiße Blusen, Hemden und Jack-Wolfskin-Jacken.

 

Eine weitere Namensgleichheit halten viele Alt-68er für weniger passend. Mit einem Selbstbewusstsein, das an Vermessenheit grenzt, hat sich der neue Studentenverband, dessen Vorstandsmitglied Graf ist, das Kürzel, die Parolen und die Symbole des alten SDS angeeignet und damit eine mediale Aufmerksamkeit erzeugt, von der Asten und Linke Listen nur träumen konnten. So selbstbewusst ist der Umgang mit der Geschichte, dass Graf und ihre Leute nehmen, was sie brauchen, und den Rest liegen lassen. Darum ist SDS nicht mehr die Abkürzung für Sozialistischer Deutscher Studentenverband, sondern politisch korrekter für Sozialistisch-Demokratischer Studierendenverband. Auch der Umstand, dass der alte SDS nach seiner Loslösung von der SPD bewusst außerparlamentarisch und parteiunabhängig sein wollte, stört die Neuen nicht. Die Linke.SDS ist der Studentenverband der Linkspartei. Doch "sind die Ideale, denen sie sich vor 40 Jahren verschrieben haben, woran sie letzten Endes gescheitert sind, auch unsere Messlatte", sagt Steffi Graf, die auch im Bundesvorstand der Linkspartei sitzt.

 

Schon gibt es erste Kommentatoren, die angesichts der starken Sprüche und der professionellen Pressearbeit des SDS eine neue Politisierung der vermeintlich so unpolitischen Studentenmehrheit in Deutschland entdecken, die selbst Studiengebühren mit einem erstaunlichen Gleichmut hingenommen zu haben schien. Die Jugend, so der Tenor, rege sich endlich wieder, die Rückbesinnung auf das vernachlässigte emanzipatorische Erbe Rudi Dutschkes habe begonnen. Was gleich mehrere Fragen aufwirft: Erstens, waren die meisten Studenten bis jetzt tatsächlich so unpolitisch? Zweitens, zünden die 68er-Anspielungen bei ihnen wirklich so gut? Und drittens, sind jene, die da in Marburg den Sozialismus feiern, so anders als der Rest?

 

Auf einer Bierbank, ein paar Hundert Kilometer von Marburg entfernt, sitzt Adrian Kreller, Locken, Kapuzenpulli und Shorts. Die Marketing-Vorlesung ist zu Ende, er lässt die Beine baumeln. Sein Blick geht in die Ferne, hinüber zum frisch renovierten Henry-Ford-Bau der Berliner Freien Universität (FU). Nach einer Weile sagt er: "Manchmal muss man sich entscheiden im Leben. Effizient studieren, Spaß haben und dann noch irgendwelche Gremienarbeit, das geht nicht." Man könnte denken: Kreller, 20, BWL-Bachelor, ist der Prototyp des unpolitischen Studenten, der zwischen Campus und Partykeller pendelt, der noch zu Hause wohnt und daher nicht jobben muss, sondern mit gelegentlichem Rasenmähen davonkommt. Doch dann sagt Kreller Sätze wie diesen: "Die Leute wehren sich gegen Ideologien und Schlagwörter. Die Dinge sind nie schwarz-weiß, doch Parteien und Verbände tun immer noch so, als ob es den einen selig machenden Weg gäbe." Klar, fügt er dann noch hinzu, er sei auch mal bei einer Veranstaltung der Jungen Liberalen gewesen, "aber da auf Dauer durchzusteigen mit all den Parteiprogrammen, Satzungen und Mail-Listings wäre fast ein Vollzeitjob. Da investiere ich meine Zeit lieber anders."

 

Passiv-unpolitisch klingt das nicht. Eher nach dem, was der bekannte Bielefelder Jugendforscher Klaus Hurrelmann als "fast schon unheimlichen Pragmatismus" bezeichnet. Und es erklärt, warum traditionelle Parteistrukturen viele junge Menschen abschrecken und dass man die Abwendung von den Parteien keineswegs als fehlende Politisierung beklagen sollte, wie Hurrelmann betont: "Man muss sie da abholen, wo sie sind, dann kann man sie auch für Politik begeistern." >>


10 Jahre nach der Gründung: Die Website des neuen SDS.


Projekte, die irgendwie mit dem eigenen Leben zu tun haben

 

Zum Beispiel in Berlin, Prenzlauer Berg: An einem heißen Sommertag rattert die Hochbahn an einem alten Fabrikgebäude vorbei, im obersten Stock stellt Gregor Scheppan, blond, verwuschelte Haare, den Ventilator auf die höchste Stufe. Ein paar Tische, ein kastiger Uraltcomputer und ein Flipchart: das ist die Politikfabrik, die Scheppan vor sechs Jahren mit Freunden gegründet hat.

 

Früher haben sie hier oben Nähmaschinen hergestellt, heute Projekte für politische Bildung. Vor der vergangenen Bundestagswahl sind sie mit ihrem »Wahl-O-Mat« in die Schulen gegangen und haben den 18-Jährigen erzählt, warum sie wählen gehen sollen. Vor dem G-8-Gipfel in Rostock haben sie ein Modell-G-8 mit 80 Teilnehmern aus 12 Staaten organisiert. Diesen Sommer schicken sie zum zweiten Mal Jugendliche auf "Stadt-Land-Plus"-Tour nach Osteuropa, wo sie auf Entdeckungsreise gehen und auf Websites regelmäßig berichten sollen. Alle Mitglieder der Politikfabrik sind noch Studenten, Politikwissenschaftler wie Scheppan, aber auch Geisteswissenschaftler und ein Architekt. "Ist all das unpolitisch? Ich würde sagen: Eher die treuen Parteigänger, die nicht selbst denken, sind unpolitisch", sagt Scheppan.

 

Studenten da abholen, wo sie sind, hier klappt es offenbar über Projekte und Initiativen, die irgendwie mit dem eigenen Leben zu tun haben oder gleich mehrere Ziele miteinander verbinden: die Gesellschaft voranbringen, Praxiserfahrung sammeln, am eigenen Lebenslauf arbeiten. "Die Geisteswissenschaftler, die bei uns gearbeitet haben", sagt Scheppan, "haben nach dem Examen bis zu fünf Jobangebote bekommen."

 

Gesellschaftliches Engagement, das die Bewerbungschancen erhöht – früher hätte man das als Karrierismus bezeichnet. Klaus Hurrelmann, der auch die Shell-Jugendstudie leitet, warnt vor derart einfachen Deutungen. "Ich würde die Haltung vieler junger Leute nicht so einfach abwerten wollen", sagt er. "Der gegenwärtige Pragmatismus ist auch Folge der Wirtschaftskrise, die die Ängste der Jugendlichen vor Abstieg und Arbeitslosigkeit verstärkt hat. Selbstlosigkeit muss man sich auch leisten können."

 

Es gibt zwei Millionen Studenten in Deutschland. Der 68er-Kongress, den der Studentenverband als einen Riesenerfolg feierte, hatte nach Verbandsangaben 1600 Teilnehmer. Mit Die Linke.SDS habe man endlich einen Weg gefunden, meint Steffi Graf, das "riesige Potenzial" bislang nicht engagierter Studenten in eine neue linke Bewegung münden zu lassen. In Marburg waren 60 Leute dabei. Vermutlich tut man dem SDS nicht Unrecht, wenn man Selbstironie nicht als die größte Stärke der Delegierten bezeichnet.

 

Vor der Tafel im Marburger Hörsaal steht eine Studentin im schwarzen T-Shirt am Mikrofon, daneben sitzt ein junger Mann mit kurzen Haaren und Dreitagebart. Sie sind die Versammlungsleiter. Und da gibt es einiges zu leiten. Ein ganzes Heft voller Satzungs-, Änderungs- und politischer Anträge gilt es abzuarbeiten, es geht um die Fahne des Verbands und die immergleiche Diskussion, ob man nicht doch lieber nur "SDS" heißen wolle. Wenn jemand nach drei Stunden Debatte eine Pause will, wird darüber zunächst abgestimmt mit Rede und Gegenrede und Enthaltungen.

 

Wie sie sich dann sogar in der Pause neben dem Büchertisch mit marxistischer Literatur die Köpfe heißreden über Geschäftsordnungsanträge, wird dem Beobachter schnell klar: Die Revolution ist hier nur auf Antrag zu haben, und sie wird gemacht von einer Handvoll Anzugträgern mit Che-Guevara-Mützen und Mädchen mit dickem rotem Stern auf ihrem T-Shirt. Während sich die einen wohl aus Angst vor dem Verfassungsschutz nicht filmen lassen wollen, lösen die anderen schon mal ein paar Matheaufgaben aus dem Brückenkurs. Und plötzlich sieht es so aus, als wären die SDSler gar nicht so anders als der Rest ihrer Studentengeneration. Da nennt dann schon einmal ein Vorstandsmitglied als Beweis der Unangepasstheit den Umstand, dass die SDSler in der Turnhalle übernachten und nicht in gemütlichen Jugendherbergen wie die Kollegen von den anderen Verbänden.

 

Auch wenn Steffi Graf und ihre Mitstreiter das nie zugeben würden: Am Ende ähneln ihre Probleme sogar denen junger Christdemokraten. "Wer sich in politischen Parteien engagiert, fällt leider ein bisschen aus dem Mainstream", sagt der VWL-Student Sebastian Millies, der seit 2007 stellvertretender Kreisvorsitzender der Jungen Union in Berlin-Spandau ist. Als er jüngst in einer Info-Veranstaltung zur Karriereplanung laut fragte, ob parteipolitisches Engagement von Arbeitgebern unterstützt werde, ging ein genervtes Murren durch den Saal. "Viele Leute wollen nur meckern", sagt er. "Ich will etwas verändern. Und gute Abgeordnete fallen auch nicht vom Himmel."

 

Da ist es wieder: das Arbeiten durch die Parteistrukturen, ohne das es kaum politische Karrieren geben kann. Das extrem zeitaufwendig ist. Das Anpassung und Unterordnung unter die Parteiideologie erfordert. Womöglich spricht Politikfabrik-Macher Scheppan für die Mehrheit der Parteilosen, wenn er sagt: "Ich will nicht Claqueur für irgendeine Ideologie sein. Ich will mich nicht von Parteistrukturen und Seilschaften plätten lassen. Ich will nur ein politischer Mensch sein und meinen dürfen, was ich will."

 

Eine neue Studentenbewegung dürfte so noch lange auf sich warten lassen. Zumindest, wie sie sich der neue SDS vorstellt. Denn vielleicht ist das ja bereits die neue Studentenbewegung: individualistisch, pragmatisch und trotzdem politisch.

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Entscheidet Euch!

Die OECD-Studie "Bildung auf einen Blick" zeigt neben einigen Highlights vor allem eine Schattenseite der deutschen Bildungspolitik: die mickrige Finanzierung der Hochschulen.

WÄHREND BUND UND LÄNDER sich angesichts der OECD-Studie "Bildung auf einen Blick 2017" in einer gemeinsamen Pressemitteilung gegenseitig auf die Schultern klopfen, veröffentlicht Andreas Schleicher seine Warnung anderswo. Eine Reihe europäischer Staaten falle bei der Hochschulfinanzierung zurück, warnt der OECD-Bildungsdirektor heute bei Times Higher Education, diese Länder seien „echt in Schwierigkeiten“. 

 

Als Beispiele nennt Schleicher Spanien, Italien, Slowenien und Portugal, aber selbst Länder wie Deutschland oder Finnland hielten bei ihren Ausgaben pro Student nicht Schritt mit der Konkurrenz in den USA oder Großbritannien. Dies belegen die Statistiken im heute erschienenen "Bildung auf einen Blick" drastisch: Deutschland investiert nur 17.180 Dollar pro Kopf, Tendenz fallend, die Vereinigten Staaten knapp 29.300, Großbritannien 24.500 Dollar – Tendenz steigend.

 

Was Schleicher noch im Times-Interview sagte, dürfte direkt in Richtung der Deutschen gemünzt sein: Es gebe Länder, die blockierten sich selbst, indem sie nicht in der Lage oder willens seien, ausreichend Steuergelder in die Hochschulen zu investieren, ihnen andererseits aber auch nicht erlaubten, Studiengebühren zu kassieren. Im Grunde seien zwei Modell denkbar: das schwedisch-norwegische, wo hohe Steuern und Staatsausgaben die Qualität der Hochschulen sicherten, „oder Sie können den britischen Weg gehen und die Gebühren erhöhen“.

 

So gaben die Vereinigten Staaten 2014 2,7 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung für die Hochschulen aus, wovon (und das ist der Unterschied zu Deutschland!) 1,7 Prozentpunkte nichtstaatlich finanziert waren. Großbritannien kam insgesamt auf 1,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts – davon klägliche 0,6 Prozent staatlich und enorme 1,3 Prozentpunkte aus privater Hand. Deutschland meldete lediglich gut 1,2 Prozent, davon 0,2 Prozentpunkte privat finanziert. Punkt. Was übrigens auch bedeutet, dass (Achtung Vorurteile!) der Staat in den USA genauso viel in die Hochschulen investiert wie Bund und Länder bei uns.

 

Schleichers Analyse zeigt schonungslos, dass sich Deutschlands Hochschulfinanzierung am Scheideweg befindet: Während die Chefs der großen Forschungsorganisationen hierzulande angesichts von Brexit und Trump-Regierung davon schwärmen, bessere Karten als je zuvor zu haben im Wettstreit um die talentiertesten Studenten und Nachwuchswissenschaftler, vergrößerte sich der qualitative Rückstand der deutschen Hochschulen zuletzt sogar noch. Denn auch wenn die Bundesrepublik absolut gesehen in den vergangenen Jahren wie kaum ein zweites europäisches Land ihre Hochschulausgaben gesteigert hat, verpuffte der Effekt qualitativ, weil ebenfalls nirgendwo sonst im gleichen Zeitraum die Studentenzahlen so stark kletterten. Und selbst die absoluten Ausgaben für die Hochschulen bleiben, siehe oben, immer noch schmal. Kurzum: Selbstzufriedenheit angesichts der internationalen Konkurrenz ist nicht angebracht.

 

Womit wir bei der Pressemitteilung von Bundesforschungsministerium und Kultusministerkonferenz (KMK) angekommen wären. Deutschland sei OECD-Spitze in der MINT-Bildung, wird da gejubelt, die Studie bescheinige Deutschland „ein für die Zukunft gerüstetes Bildungssystem“. 

 

In der Tat berichtet das OECD-Bildungsdirektorat in seiner „Ländernotiz“ anerkennend, Deutschland habe unter allen Industriestaaten den höchsten Anteil junger Menschen, die einen Studienabschluss oder Meister in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften oder Technik machen (37 Prozent). Darin spiegele sich Deutschland starke technologische Ausrichtung wider. Allerdings seien Frauen weiter unterrepräsentiert und machten nur 28 Prozent der MINT-Studienanfänger aus. 

 

Die Bundesregierung habe die Förderung der mathematisch-naturwissenschaftlichen Bildung in den vergangenen Jahren kontinuierlich ausgebaut“, sagt Bundesforschungsministerin Johanna Wanka (CDU). „Diese Anstrengungen lohnen sich, wie die Zahlen der OECD verdeutlichen.“ Weiterhin müssten Frauen in diesem Bereich besonders gefördert werden. Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU), die derzeit als Präsidentin der KMK fungiert, betonte, dass, übrigens anders als in der Vergangenheit, gerade auch das deutsche Berufsbildungssystem gute Noten von der OECD bekommen habe. „Nicht nur die Studiengänge im Bereich der MINT-Fächer, sondern auch das Ausbildungsniveau bei technischen Berufen gelten international als Aushängeschilder Deutschlands.“

 

Positiv vermerkt die OECD für Bildungsausgaben außerhalb des Hochschulsektors, diese seien zwischen 2010 und 2014 nur um zwei Prozent gesunken, während die Zahl der Schüler um sechs Prozent zurückgegangen sei. Weiter geht ein großer Teil der deutschen Bildungsbudgets für die traditionell besonders hohen Lehrergehälter drauf, gleichzeitig habe sich die Lehrerschaft verjüngt, gehöre aber im OECD-Vergleich immer noch zu den ältesten. Positiv hervorgehoben wird in „Bildung auf einen Blick“ außerdem die mittlerweile „nahezu universelle“ Beteiligung der 3- bis 5-Jährigen in Deutschland an der frühkindlichen Bildung. 

 

Und wie ist das nun mit dem richtigen Verhältnis zwischen Studium und Ausbildung, ein Thema, bei dem sich die Deutschen mit ihrer dualen Ausbildung in der Vergangenheit stets von der OECD missverstanden fühlten? Das Bildungsdirektorat schreibt reichlich technisch: „Deutschlands Berufsbildungssystem stellt eine hohe Beschäftigungsfähigkeit für Personen sicher, die ihre Ausbildung nicht im Tertiärbereich fortsetzen.“ Denn das darf man nicht vergessen: Trotz der jüngsten Explosion bei den Studienanfängern liegt der Anteil der Hochschulabsolventen in Deutschland immer noch unter dem OECD-Schnitt. An anderer Stelle klingt die verspätete Anerkennung des deutschen Berufsbildungssystems durch die OECD weniger verklausuliert: Die „guten Ergebnisse des deutschen Berufsbildungssystems“ zeigten sich auch in dem geringen Anteil der 20- bis 24-Jährigen (10,8 Prozent), die weder Job noch Ausbildungsplatz hätten. 

 

Wobei die Autoren der Studie auch darauf hinweisen, dass vor gerade mal gut zehn Jahren, 2005, die Lage noch ganz anders aussah: Damals waren in Deutschland 18,7 Prozent der jungen Erwachsenen (und damit mehr als der damalige OECD-Schnitt von 17,3 Prozent) arbeits- oder ausbildungslos. Die Schlussfolgerung ist klar: Womöglich ist das wahre Erfolgsmodell nicht die duale Ausbildung, sondern der wirtschaftliche Boom, den Deutschland im vergangenen Jahrzehnt erlebt hat. 

 

Ein wirtschaftlicher Boom übrigens, und damit sind wir wieder am Anfang, der zwar Rekord-Steuereinnahmen und Budgetüberschusse bescherte, aber die Unterfinanzierung der Hochschulen nicht beendete. Sich mit den so stark gestiegenen Studentenzahlen herauszureden, mag kurzfristig funktionieren, langfristig aber gilt dann doch Schleichers Ansage: Deutschland wird sich entscheiden müssen in Sachen Hochschulfinanzierung.

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Der traurige Tod der Experimentierfreude

Wissenschaftliche Erkenntnis lebt vom Ausprobieren. Doch geht es um die Hochschulpolitik, werden die meisten Wissenschaftler plötzlich zu Fundamentalisten und rufen: Bloß keine Experimente! Schade eigentlich. Ein Gastbeitrag von Stefan Winter.

Foto: Max Pixel

WIE KOMMT DER Mensch zu Erkenntnissen? Er pflückt eine unbekannte Beere und probiert sie. Wenn er tot umfällt, macht er das nicht wieder. Seine Horde auch nicht. Irgendwann isst einer aus der Horde eine andere unbekannte Beere. Da nicht alle Beeren giftig sind, gibt es heute Lammschulter mit Rosmarin und Johannisbeeren. Lecker!

 

Nun ist zu konstatieren, dass die Techniken des Experimentierens seit der Zeit der ersten Johannisbeeren sehr viel ausgefeilter geworden sind. Ob in der Physik, beim Testen von Medikamenten oder in der Psychologie: Wir experimentieren, um zu neuen Erkenntnissen zu kommen. Ich kann das zwar nicht beweisen, aber ich vermute doch, dass von allen Methoden der Erkenntnisgewinnung das Experiment das erfolgreichste Verfahren der Menschheit ist. Dabei sollte man den Begriff des „Experiments“ nicht zu eng fassen. Es geht nicht unbedingt um statistische Evidenz auf Basis hinreichender Fallzahlen. Auch der Bau eines Prototyps ist ein Experiment. Wenn der neue Flieger vom Himmel fällt, stimmt was nicht und gegebenenfalls muss man die Stelle der Testpiloten neu ausschreiben. Wenn der Flieger nicht vom Himmel fällt, geht’s zwei Jahre später damit nach Mallorca. 

 

Und was passiert in der Hochschulpolitik? Keiner will experimentieren, keiner will Prototypen testen! Stattdessen toben allenthalben die Schlachten von Ideenfundamentalisten, von denen jeder absolut sicher ist, Recht zu haben. Für mich besonders deprimierend ist, dass sich an diesen Schlachten stets auch Wissenschaftler beteiligen. In ihren eigenen Disziplinen würden die den Skeptikern einfach sagen: „Machen wir doch ein Experiment, dann sind wir hinterher schlauer“. Aber kaum verlassen sie ihr Fachgebiet, werden sie selbst zu Fundamentalisten, die keinesfalls mehr experimentieren wollen. Wozu auch, als Fundamentalist hat man ja schließlich Recht. 

 

Wir haben die Diplomstudiengänge abgeschafft. Es gab Gründe dafür und Gründe dagegen. Wären wir wirklich an Erkenntnissen interessiert gewesen, hätten wir uns Gedanken darüber gemacht, nach welchen Kriterien wir die Systeme „Diplom“ vs. „BA/MA“ bewerten wollen und wie wir die Ausprägungen dieser Kriterien hinterher messen. Dann hätten wir noch versucht, Selbstselektionseffekte der Studierenden herauszurechnen. Und am Ende hätten wir sagen können, was besser ist. Diese Aussage wäre aufgrund der Vielzahl möglicher Einflussgrößen nicht perfekt. Aber sie wäre um Welten besser als eine Entscheidung auf Basis fundamentaler Vorurteile in der einen oder der anderen Richtung. Der Mangel an Experimentierfreude beschränkt sich natürlich nicht auf den Hochschulbereich. Die Debatte um G8/G9, die Debatte um Inklusion? Fast nirgends wird erstmal ausprobiert, wie man etwas machen sollte. Vor allem: Wie man es richtig machen könnte.

 

An der Beerdigung der Experimentierfreude nimmt unsere Gesellschaft Tag für Tag mit großer Hingabe teil. Das schönste Format der Trauerfeier ist sicherlich die Talkshow. Hier haben immer alle gleichzeitig uneingeschränkt Recht. Und am Ende schließt sich jeder Zuschauer der einen oder anderen Position an und hat ab dann auch uneingeschränkt Recht. Ich habe Jahrzehnte darauf gewartet, dass mal einer sagt: „Lasst es uns doch ausprobieren“, und alle anderen hätten dann freudig erregt voller Neugier auf die Wahrheit zugestimmt. Ach, was wäre das ein Fest gewesen. Eine gute Flasche Rotwein, zur Abwechslung mal aus Freude! Aber es hat nicht sein sollen. Daher, liebe Anne, liebe Sandra, ich kann Euren Trauerfeiern nicht mehr beiwohnen. Ich feile vielmehr sogar schon an meiner Karriere als Nichtwähler.

 

Mit der Weigerung, selbst zu experimentieren, ist es jedoch nicht getan. Selbst dort, wo in der Hochschulpolitik Experimente laufen, ignoriert man dann die Ergebnisse. Das bedrückendste Beispiel sind die Studiengebühren. An den staatlichen Hochschulen sind sie überall wieder abgeschafft worden. Die Abschaffung wurde allenthalben mit sozialer Selektion, Ungerechtigkeit und Abschreckung begründet. Was aber sagt das Experiment? Das Experiment sagt, dass Privathochschulen seit mehr als anderthalb Jahrzehnten rasant wachsen und damit Studiengebühren auf dem Vormarsch sind. Das Ergebnis dieses Experiments ist, dass es massenhaft Menschen gibt, die bezahlen können und dazu offensichtlich auch bereit sind. Vermutlich gibt es auch welche, die das nicht können. Von ersteren könnte man problemlos Geld nehmen, von letzteren sollten wir es lassen. Das wissen wir, weil wir experimentiert haben. Aber Schlussfolgerungen ziehen wir daraus nicht, wie leben lieber mit Unterfinanzierung, überfüllten Hörsälen und NC.

 

Das nächste Nichtexperiment kommt auch schon wieder in Sicht. Je nach Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Medizin-NC muss vermutlich demnächst die Hochschulzulassung neu geregelt werden. Dabei wird es dann in der Politik nicht darum gehen, etwas gegen die Mangelwelt des Numerus Clausus zu unternehmen, sondern den Mangel nur nach neuen Kriterien zu verteilen. Abinote versus Zulassungstest wird dann eines der nächsten Schlachtfelder der Fundamentalisten. Hätten wir vor 20 Jahren das einfach mal ausprobiert, dann wüssten wir heute, ob wir mit oder ohne Zulassungstests die besseren Ärzte hätten. Ich wette aber, dass wir uns das Ausprobieren auch diesmal ersparen werden. Wozu auch, es gibt ja Experten, die es absolut sicher wissen.

 

Stefan Winter ist Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Ruhr-Universität Bochum.

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Falscher Abgesang aufs Abi

Früher war das Abitur noch was wert, aber heute? Wird nicht jeder durchs Gymnasium gewinkt? Über unsere Vorurteile und was wirklich hinter der Debatte ums Abi für alle steckt.

War früher alles besser? Abiturjahrgang 1912 in Schlettstadt/Elsaß:  

WIE SCHÖN, WENN wir uns in unseren Vorurteilen bestätigt fühlen. Immer mehr Leute machen Abi, hören wir, die Ausbildungsbetriebe verwaisen, dafür laufen die Unis über. Das kann nicht gutgehen, denken wir, und tatsächlich findet sich immer irgendein Professor, der sagt: Die Schulabgänger können nicht mehr richtig schreiben. Rechnen können sie auch nicht, flucht ein Ausbildungsleiter über die ihm verblieben Azubis. Und ein Lehrer stimmt ein: Guckt euch die Noten an. Bald kriegt jeder für alles eine Eins. Spätestens dann raunt jemand von einem Komplott: Die Politik habe auf Druck des Industriestaaten-Clubs OECD unser Bildungssystem der Verflachung preisgegeben. Hauptsache, die Zahl der Abiturienten steigt, winkt jeden durch, dann ist die internationale Wirtschaftslobby zufrieden – während die deutsche Wirtschaft leidet. Das Abi für alle ist das Ende fürs Abi?

 

Zeit für ein paar Fakten, die irritieren. Schulleistungsstudien wie Pisa zeigen, dass deutsche Schüler im Schnitt heute besser in Mathe oder Deutsch sind als vor 15 Jahren. Und obwohl anderthalbmal so viele junge Leute studieren vor einem Jahrzehnt, sind die (zu hohen!) Bachelor-Abbrecherquoten kaum gestiegen. Selbst die vermeintliche Noteninflation ist seit Jahren eine homöopathische: Von 2015 auf 2016 etwa verbesserte sich der bundesweite Abischnitt um sage und schreibe 0,01. Unterdessen liegt die Arbeitslosigkeit unter Akademikern niedrig wie nie.  >>



>> Kurzum: Abitur und Studium eröffnen mehr jungen Leuten als je zuvor die Aussicht auf sichere Jobs und gute Bezahlung, während die Betriebe – der wahre Grund für den Azubi-Mangel – es versäumt haben, die Ausbildung attraktiver zu machen. Soviel zum angeblichen Komplott.

 

Die Wurzeln der Abi-Debatte liegen denn auch woanders. Da sind zum einen die Akademikereltern, die das Abitur ihrer Kinder entwertet sehen, wenn so viele andere plötzlich auch den Abschluss machen. Wie soll man sich noch herausheben aus der Masse? Und dann sind da die traditionsbewussten Studienräte an den Gymnasien, konfrontiert mit Jugendlichen, die sich so anders ausdrücken als die ihnen vertrauten Bildungsbürgerkinder. Wie einfach ist es, diesen Habitus mit mangelnder Eignung gleichzusetzen, zu sagen: Die gehören nicht hierher. Und dabei auszublenden, wie viele Akademiker ihre Kinder seit Generationen mithilfe von Nachhilfelehrern Richtung Abi pauken.

 

Und an den Unis? Nie gab es so viele leistungsstarke Studenten wie heute. Aber natürlich, wenn es insgesamt so viel mehr Studenten sind, gibt es auch mehr leistungsschwächere – was über die Qualität der Schulen rein gar nichts aussagt, sondern ein trivialer Effekt ist. Und wenn viele Erstsemester ihre Profs zum Stöhnen bringen, weil sie die Orientierung verlangen, die ihnen ihre Eltern nicht geben können: Macht sie das zu Studenten mit dem geringeren Potenzial?

 

Einfache Erklärungsmuster mögen befriedigend sein. Wir aber sind es den jungen Leuten schuldig, nicht auf sie reinzufallen.

 

Dieser Beitrag erschien heute zuerst in meiner Kolumne "Wiarda will's wissen" im Tagesspiegel.

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Beim Geld hört die Bildungsrepublik auf

Haben sich die Versprechungen des Bildungsgipfels von 2008 erfüllt? Der DGB präsentiert zum letzten Mal seinen jährlichen Monitoring-Bericht.

Foto: geralt

KLAUS KLEMM ZIEHT seine Abschlussbilanz. 2008 haben Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die damaligen Ministerpräsidenten (von denen übrigens nur noch der Gastgeber Stanislaw Tillich im Amt ist) in Dresden die "Bildungsrepublik" ausgerufen. Seitdem hat der Essener Erziehungswissenschaftler Klemm im Auftrag des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) jedes Jahr nachgeprüft, wie weit Bund und Länder mit der Erfüllung ihrer Versprechen gekommen sind. Dass das überhaupt so möglich war, hängt mit einem ersten oft unterschlagenen Verdienst der damaligen Gipfelrunde zusammen: Die Regierungschefs gaben in der sächsischen Landeshauptstadt nicht nur die üblichen nett-wolkigen Gemeinplätze von sich, nein, sie benannten konkrete, messbare Ziele, versehen mit einem Erledigungsdatum: bis 2015.

 

Jetzt liegen die finalen Bildungsstatistiken des Jahres 2015 vor, und Klemm zieht sein Fazit. Damit endet zugleich ein bildungspolitisches Monitoring-Experiment, das der DGB in bewundernswerter Konsequenz zusammen mit dem angesehenen Experten für Bildungsforschung und Bildungsplanung durchgezogen hat. Also schon bevor wir zu den eigentlichen Ergebnissen kommen, zweimal Lob: einmal für die Politik, die bereit war, sich messen zu lassen; und für den Gewerkschaftsbund, der es dann auch getan hat. 

 

Kommen wir zur Statistik und den sechs wesentlichen Zielen des Bildungsgipfels.

 

Nummer eins war, die Quote der Schulabbrecher bis 2015 von acht auf vier Prozent zu verringern. Im Zieljahr lag sie bei 5,9 Prozent –  war aber schon wieder angestiegen vom 2013 erreichten Tiefstand (5,7 Prozent, siehe auch die entsprechenden Warnungen im Bildungsmonitor 2017). Ziel zur Hälfte erreicht, könnte man sagen – mit zuletzt Besorgnis erregender Tendenz. Klemm weist in seiner Studie übrigens darauf hin, dass bundesweit der Anteil der Abbrecher eng korreliert mit der Prozentzahl der Neuntklässler, die in Deutsch nicht die Mindest-Bildungsstandards erreichen. Schaut man sich die einzelnen Bundesländer an, löst sich dieser Zusammenhang zwischen Abbrecherquote und verfehlten Mindeststandards allerdings auf. 

 

Zweites Ziel des Bildungsgipfels: den Anteil der jungen Erwachsenen ohne Berufsabschluss von 17 Prozent auf 8,5 Prozent zu halbieren. Das ging ziemlich schief: Bis 2015 ging die Quote gerade mal um 3,4 Prozentpunkte auf 13,8 Prozent zurück. Immerhin, ausgerechnet zwei Stadtstaaten haben deutliche Fortschritte erzielt: Hamburg drückte seinen Anteil von 20,7 auf 13,9 Prozent; Berlin kam von 21,5 auf 16,0 Prozent. Einzig in Brandenburg ging die Ohne-Abschluss-Quote leicht hoch, von 12,8 auf 13,1 Prozent. Klemm sagt: Angesichts von 299.000 Jugendlichen, die sich 2016 im so genannten Übergangssystem befanden, sei ein echter Fortschritt "auch für die absehbare Zukunft nicht zu erwarten".

 

Rasant verlief die Entwicklung bei der Kinderbetreuung, allerdings waren hier die Ziele der Politik, vereinbart beim "Krippengipfel 2007", auch älter und besonders ehrgeizig: Wurden 2008 unter 20 Prozent der Kinder unter drei Jahren in Kitas betreut, sollte bis 2013 ein Betreuungsangebot für 35 Prozent aufgebaut werden. 2015 gab es zwar fast 693.000 Plätze, rund 280.000 mehr als 2009, doch die Betreuungsquote war lediglich auf 32,9 Prozent gestiegen. Zum Stichtag 1. März 2016 ging sie angesichts der gestiegenen Geburtenrate sogar auf 32,7 Prozent zurück, und Klemm betont, der Ausbau der Plätze müsse "deutlich beschleunigt werden, damit wenigstens die aktuelle Betreuungsquote gehalten werden kann".

 

Stichwort Weiterbildung: Das Ziel lautete 2008, dass sich 2015 statt 43 Prozent 50 Prozent der Erwerbstätigen weiterbilden sollten. Quantitativ hätten Bund, Länder und Sozialpartner das schon 2014 geschafft, vermeldet Klemm, aber: Hinter dem Erfolg verberge sich eine "bedenkliche Konstanz von Ungleichheit". Arbeitslose, Menschen ohne abgeschlossene Berufsausbildung und Migranten nähmen deutlich seltener an einer Weiterbildung teil und seien "abgehängt". 

 

Beim vorletzten Ziel des Bildungsgipfels ist die Bilanz (einerseits) sehr einfach: übererfüllt. Bund und Länder wollten 40 Prozent eines Jahrgangs an den Hochschulen sehen, 2015 nahmen 58 Prozent ein Studium auf. Andererseits, warnt Klemm, bleibe die soziale Schieflage und verweist auf die Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks, derzufolge Akademikerkinder weitaus häufiger studieren als der Durchschnitt der Bevölkerung. Dass das Hochschnellen der Studienanfängerquote darüber hinaus zu einer leidenschaftlichen Debatte über den vermeintlichen "Akademisierungswahn" geführt hat, vermerkt auch der Erziehungswissenschaftler, setzt ihr jedoch Argumente entgegen: So seien unter den gut 500.000 Studienanfängern fast 71.000 internationaler Studenten, zudem verfüge ein Fünftel der Erstsemester bereits über eine abgeschlossene Berufsausbildung. "Vor diesem Hintergrund erscheint es wenig erfolgversprechend, jungen Menschen, die eine Studienberechtigung erworben haben, vom Studium abzuraten und ihnen statt dessen eine Ausbildung im Dualen System nahezulegen", sagt Klemm. Aussichtsreicher sei es, sich angesichts des drohenden Fachkräftemangels verstärkt um die jungen Menschen ohne Berufsausbildung zu kümmern, fordert der Bildungsforscher – womit sich der Kreis zum verfehlten Ziel 2 des Bildungsgipfels schließt.

 

Zuletzt der Blick auf die Finanzen. Bund und Länder wollten bis 2015 die öffentlichen und die privaten Ausgaben für Bildung und Forschung auf 10 Prozent der Wirtschaftsleistung steigen sehen, davon sieben Prozent für Bildung, drei Prozent für Forschung. Letzteres wurde 2015 laut Bundesforschungsministerium tatsächlich erreicht, doch Klemm befindet mit Verweis auf die Daten des Statistischen Bundesamtes: Ziel doppelt verfehlt. Eine interessante Diskrepanz, wobei Klemm wie gesagt die amtliche Statistik hinter sich weiß. Demnach flossen 2015 6,4 Prozent der Wirtschaftsleistung in Bildung, 2,7 Prozent in die Forschung, womit die Ausgaben insgesamt von 8,5 auf 9,1 Prozent Anteil am Bruttoinlandsprodukt stiegen – immerhin, aber eben deutlich unterhalb der Dresdner Ankündigung. Zwischen 2014 und 2015 ist die Quote sogar wieder um 0,1 Prozentpunkte gesunken – weswegen Klemm auch bei der Bildungsfinanzierung auf absehbare Zeit pessimistisch bleibt: Die zu schließende Lücke habe allein 2015 bei etwa 27,2 Milliarden Euro gelegen. 

 

Insgesamt endet das Langzeit-Monitoring von Klaus Klemm und dem DGB mit einer nach eigenen Worten "gemischten" Bilanz. So richtig leer waren die hochfliegenden Versprechungen von der Bildungsrepublik nicht. Die Abschlussbilanz verzeichnet durchaus Fortschritte, doch: "Die soziale Schieflache bleibt die Achillesferse unseres Bildungssystems", befindet die stellvertretende DGB-Vorsitzende Elke Hannack. Womit sie zweifellos Recht hat. Richtig ist aber auch: Im Vergleich zu den Bildungssystem vieler anderer Länder hat sich Deutschland zuletzt dynamisch entwickelt, was zeigt, dass trotz Föderalismus viel möglich ist, wenn Bund und Länder an einem Strang ziehen und öffentlichkeitswirksame Versprechen abgeben.

 

Peinlich und enttäuschend bleibt hingegen tatsächlich die Bildungsfinanzierung, und auch wenn Klemm die Zahlen in seiner Studie nicht in ihre Einzelteile zerlegt: Einen Großteil der Verantwortung daran müssen sich die Länder zuschreiben. Wobei viele Ministerpräsidenten (und das nicht nur wahlkampfbedingt) trotz Milliardenüberschüsse auf Seiten der Ländergemeinschaft die Statistik anders lesen: Mehr Bundesgeld muss her. Was im Falle einiger besonders klammer Länder sicherlich auch stimmt, bei anderen jedoch eher eine nette Strategie ist, die eigenen Finanzen zu schonen.

 

Zwei der Ministerpräsidentinnen, Malu Dreyer (SPD) aus Rheinland-Pfalz und Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) aus dem Saarland, sind heute auch bei der Veranstaltung dabei, die der DGB begleitend zur Veröffentlichung der Klemm-Studie organisiert hat. Rheinland-Pfalz hat 2016 zum ersten Mal seit 2016 zum ersten Mal seit 1969 einen Überschuss erwirtschaftet, das Saarland ist weiter Haushaltsnotgebiet. "Wo bleibt die Bildungsrepublik?", will der Gewerkschaftsbund wissen und fügt noch eine rhetorische Frage hinzu: "Brauchen wir eine gesellschaftliche Bildungsstrategie?" Und gibt in ihrer Pressemitteilung heute Morgen gleich ihre Antwort dazu. DGB-Vize Hannack fordert, eine Reformkommission Bildung einzusetzen, „in der Bund, Länder und Kommunen gemeinsam mit den Sozialpartnern eine echte gesellschaftliche Bildungsstrategie ausarbeiten“. 

 

Eines immerhin lässt sich abgesehen von allem Bund-Länder-Gerangel ganz sicher sagen: Im Jahr 10 der verkündeten Bildungsrepublik ist die Bildungsfinanzierung immer noch kein Selbstgänger.

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"Zufällig, zersplittert, ineffizient"

Der Bildungsforscher Eckhard Klieme über vermeintliche Testeritis, den Einfluss von Stiftungen in der Schulpolitik und die mangelnde Koordination zwischen den Bundesländern.

Foto: fotorismus für DIPF
Foto: fotorismus für DIPF

Herr Klieme, seit einer Weile ist die Forderung, das Kooperationsverbot abzuschaffen, schwer in Mode. Erst kürzlich hat SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz die dafür nötige Verfassungsänderung zur Grundlage seiner „Nationalen Bildungsallianz“ erklärt. Zu Recht?

 

In der Tat würde ich als Bürger, dem Bildungspolitik ein wichtiges Anliegen ist, die Abschaffung begrüßen, weil der Investitionsstau so gewaltig ist und gleichzeitig die Aufgaben, vor denen unsere Kitas und Schulen stehen, beständig wachsen. Sie sollen Integration und Inklusion bewältigen, sie müssen ihre IT-Infrastruktur aufbauen, gleichzeitig sind viele Standorte marode, und angesichts steigender Schülerzahlen werden auch Neubauten gebraucht. Am wichtigsten ist aber: Wenn wir die Erzieherinnen und Lehrerinnen halten und laufend fortbilden, wenn wir zusätzliche hoch qualifizierte Menschen für den Bildungsbereich gewinnen wollen, kostet das ebenfalls Geld. Geld, das Länder, zumindest die klammen unter ihnen, offenbar nicht haben.  

 

Also alles nur eine Frage des Geldes?

 

Eben nicht. Fast noch drängender ist, dass wir in Deutschland mehr inhaltliche Koordination in der Schulpolitik wagen. Mit am deutlichsten wird der Mangel an Koordination bei der Evaluation von Schulen und beim Umgang mit Tests. Wir Bildungsforscher halten die Evaluation von Schulen und Schülerleistungen für unverzichtbar, und tatsächlich haben alle Bundesländer in den vergangenen 20 Jahren daran gearbeitet. Aber die Reformen sind unkoordiniert, man hat nicht systematisch aus Fehlern gelernt und die Lehrkräfte nicht genug eingebunden. Inzwischen kursieren Parolen gegen eine angebliche Testeritis – obwohl die Wahrscheinlichkeit eines deutschen Schülers, beim Pisatest dranzukommen, nur 1 zu 500 beträgt und Vergleichsarbeiten lediglich zweimal in der Laufbahn einer Schülerin stattfinden. Fast nirgendwo auf der Welt wird so wenig getestet wie in Deutschland, Österreich und der Schweiz.  

 

Woher stammen dann die Klagen?

 

Sie stammen daher, dass wir in Deutschland keine kongruente Strategie haben, um Evaluationen sinnvoll einzusetzen für die Schulentwicklung. Da wirkt vieles beliebig und unüberlegt. Es gibt Bundesländer, in denen die Daten der Vergleichsarbeiten veröffentlicht wurden, obwohl sie als interne Rückmeldung gedacht sind und einen solchen Pseudo-Wettbewerb gar nicht hergeben. Und jedes Land macht es anders. >>


Eckhard Klieme leitet die Abteilung „Bildungsqualität und Evaluation“ am Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF), dessen Direktor er von 2004 bis 2008 war. Der Erziehungswissenschaftler forscht über Unterrichtsqualität und ist seit 2013 auf internationaler Ebene verantwortlich für die Pisa-Fragebögen.


>> Das verstehe ich nicht. Es heißt doch immer, allein die Tatsache, dass wir nach dem Pisa-Schock von 2001 Bildungsstandards und die von Ihnen angesprochenen Vergleichsarbeiten eingeführt haben, sei schon die große Revolution für die Schulentwicklung gewesen.

 

Na ja, die Revolution besteht vorrangig darin, dass die Länder sich überhaupt auf länderübergreifende Standards und Testprogramme einigen konnten. Ein  Riesenschritt war es, als die Kultusministerkonferenz (KMK) dafür sogar ein eigenes Institut gründete, das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB), aber es hat auch zehn Jahre gedauert, dessen Aufgaben und Budget halbwegs in eine Balance zu bringen. Bis heute ist das IQB kleiner als viele Landesinstitute oder vergleichbare Forschungseinrichtungen. Und damit hörte die Einigung in der KMK auch schon auf. Nehmen wir das Beispiel Schulinspektion, die wichtig ist, um Evaluation mit Schulentwicklung vor Ort zu verbinden: Jedes Land zieht sie anders auf, und gibt es einen Regierungswechsel, ändert sich das System schon wieder. Es gibt wenig inhaltliche Abstimmung zwischen den Ländern, und da geht es um viel mehr, als dass die Länder mehr Bundesgeld erhalten. Wir müssen eine nationale Koordination in der Gestaltung, Evaluation und Weiterentwicklung von Schulen aufbauen. 

 

Also doch das Bundesschulministerium, das keiner will? Das Ende des Föderalismus, wie wir ihn kennen?

 

Das muss und sollte es nicht heißen. Damit Sie mich nicht falsch verstehen: Ich bin überhaupt nicht dagegen, dass jedes Land seinen eigenen Weg geht bei der Unterrichtsentwicklung und bei der Schulgestaltung, doch ich halte es für extrem ineffizient, dass die Länder nicht systematisch von den Erfahrungen der anderen lernen, etwa bei der Gestaltung von Inklusion und Integration, der Schulentwicklung, der Qualifizierung von Quereinsteigern im Lehrerberuf und lernförderlichen Verfahren der Leistungsbeurteilung.

 

Gibt es so eine Koordination, ein Voneinanderlernen nicht längst und heißt KMK?

 

Die KMK ist genau das, wie sie heißt: eine Konferenz mit sehr kleinem Apparat. Sie hat keinerlei Mittel, um in Eigenregie innovative Förderprogramme aufzulegen, sie kann keine wissenschaftlichen Studien in Auftrag geben, für jede größere Veranstaltung muss sie erstmal Geld zusammenbetteln bei den Ländern. Wie sollte sie da so eine Koordinatorenrolle übernehmen? Was uns im Moment fehlt, sind nachhaltige Institutionen, die ein Gedächtnis bildungspolitischer Wirksamkeit schaffen und ein Motor für Innovationen sind. Wenn die Länder allein das schaffen: gut. Wenn es nur mit dem Bund geht: meinetwegen auch gut.

 

Schön gesagt. Von was für einer Institution sprechen Sie?

 

Ich bin kein Politiker. Ich kann nur sagen, dass die Strukturen, wie wir sie im Moment haben, unzulänglich sind, um drängende Fragen zu beantworten: Wie organisieren wir nachhaltige Lernprozesse? Wie finden wir heraus, was gute Praxis in unserem Bildungssystem ist? Wer kann in Deutschland systematisch das Wissen aus Wissenschaft und Praxis zusammenfassen, neue Forschung anstoßen und ihre Ergebnisse in die Schulen vermitteln? In anderen Staaten haben sich beispielsweise so genannte „Systematic reviews“ bewährt, die empirische Erkenntnisse bündeln. Weil unsere Bildungspolitik aber keine Institution geschaffen hat, die so etwas in die Hand nehmen könnte, überträgt sie die Aufgabe dem Zentrum für Internationale Bildungsstudien (ZIB), bei dem schon der Name sagt, dass es von Verfassung wegen eigentlich für internationale Bildungsvergleiche wie PISA zuständig ist. Hinzu kommt, dass das ZIB, anders als sein Name suggeriert, nur ein Projekt ist, das alle paar Jahre neu aufgesetzt werden muss. 

 

In den 70er Jahren gab es einen nationalen Bildungsrat, der analog zum Wissenschaftsrat die Bildungsreformen der Länder diskutierte, Studien finanzierte und Empfehlungen formulierte. Nach ein paar Jahren scheiterte der Bildungsrat am Widerstand der Kultusministerien. Wollen sie echt einen Neuanlauf unternehmen?  

 

Er müsste ja nicht genauso aufgebaut sein wie damals. Auf jeden Fall ist es ein unbefriedigender Zustand, dass zentrale Fragen eher zufällig, zersplittert und damit ineffizient bearbeitet werden  – mit dem Ergebnis, dass in der bildungspolitischen Debatte Stiftungen und Verbände in die Lücke stoßen und Themen besetzen. Also Gruppen, die auch Eigeninteressen verfolgen. 

 

Sie meinen die Bertelsmann-Stiftung, die gefühlt alle vier Wochen eine neue Studie zum Zustand unseres Bildungssystems auswirft?

 

Sie nennen ein Beispiel unter mehreren. Es ist ja gut, dass die Stiftungen sich für unser Bildungswesen engagieren, doch wenn der Mangel an Diskurs auf nationaler Ebene ersetzt wird durch Verlautbarungen von Stiftungen, dann zeigt das unser Problem. 

 

Bis zur Föderalismusreform von 2006, die das Kooperationsverbot in seiner heutigen scharfen Form in die Verfassung schrieb, hat die Bund-Länder-Kommission (BLK) dazu beigetragen, die Schulpolitik zu koordinieren. Wollen Sie die wiederhaben?

 

Fest steht, dass die BLK in ihren letzten Jahren grundlegende Programme auf den Weg gebracht hat. Die Kommission hatte gelernt, wie man Bildungsinitiativen auf wissenschaftlich fundierter Grundlage aufsetzt und wie man sie sorgfältig evaluiert, um später aus den Erfahrungen zu lernen. Mein Lieblingsbeispiel sind die Sinus-Programme, mit denen Bund und Länder auf die mäßigen Leistungen deutscher Jugendlicher in Mathematik und in den Naturwissenschaften reagiert haben. Das Tragische war: Genau in dem Moment, in dem Sinus als effektives Mittel zur Unterrichtsentwicklung endlich seine Form gefunden hatte, und zwar unter dem Dach der BLK, kam die Verfassungsänderung, und die BLK wurde abgeschafft.  

 

So wie es klingt, müssten Sie alles in allem ein ziemlicher Fan von Schulz’ Bildungsallianz sein.

 

Ich habe die SPD eher so verstanden, dass es mal wieder darum geht, dass die Länder in ihrer eigenen Hoheit Mittel des Bundes verwalten und nutzen dürfen. Das ist gerade nicht die inhaltliche Koordination, von der ich spreche, und lässt eher noch mehr Zersplitterung  befürchten. Und was die Vereinheitlichung von Abschlussprüfungen angeht, die die Sozialdemokraten obenan stellen: Das ist ein kleiner Ausschnitt einer koordinierten Bildungspolitik, noch dazu einer, der die Qualität des Lehrens und Lernens kaum verbessert.  

 

Was würden Sie stattdessen tun?

 

Die Bildungsadministration – und unterstützend auch die Bildungsforschung –  muss mit den Lehrkräften ins Gespräch darüber kommen, wie sie selbst Bildungsstandards und Vergleichsarbeiten nutzen können, um das Lehren und Lernen zu verbessern. Als wir vor 16 Jahren anfingen, in Deutschland über gemeinsame Standards nachzudenken, ging es nicht nur um Testuntersuchungen, sondern um die pädagogische Philosophie, die dahinter liegt. Doch das hat man bis heute in vielen Schulen nicht vermitteln können. Das IQB müht sich redlich, Informationsmaterialien in die Schulen zu bringen, damit sie die Daten der Vergleichsarbeiten richtig zu lesen und für ihren Unterricht zu nutzen verstehen. Es gibt sehr erfolgreiche Beispiele, wo in die Verbindung von Tests, Beratung und Schulentwicklung investiert wurde, aber das wird gar nicht in der Breite umgesetzt. Viele Länder wollen das nicht oder können es nicht. 

 

Die dahinter liegende Philosophie: Bildungsforscher nennen sie Kompetenzorientierung. Auch so ein Wut-Begriff vieler Lehrer. 

 

Im Kern heißt Kompetenzorientierung für mich nichts anderes, als fachliche Bildung danach zu befragen, ob sie ein vertieftes Verständnis der Welt aus ihrer jeweiligen Perspektive ermöglicht. Früher hat man das den Bildungsgehalt von Unterricht genannt. Doch der Begriff „Kompetenzorientierung“ wird leider oft missverstanden oder karikiert, als ginge es nur noch darum, oberflächliche Lebenswelt- und Anwendungsorientierung zu machen und fächerübergreifende Kompetenzen zu fördern wie zum Beispiel die Kooperationsfähigkeit. Tatsächlich sprechen kompetenzorientierte Standards  die Kernthemen eines Fachs an. Sie zielen darauf ab,  bei den Schülerinnen und Schülern ein Verständnis für diese Kernthemen zu entwickeln, das dann auch bei unbekannten, komplexen Anforderungen genutzt werden kann. 

 

Aber was heißt denn das konkret für den Unterricht? 

 

Es geht um die Zielsetzung. Lehrkräfte sollten sich immer wieder fragen: trägt mein Unterricht wirklich zum systematischen Verständnis der Kernthemen bei, oder nehmen meine Schüler nur Splitter von Wissen mit? Kann ich das Potenzial meiner Schülerinnen und Schüler nutzen? Bildungsstandards und Vergleichstests sollen helfen, dies zu reflektieren, ausgehend von den tatsächlichen Lernergebnissen. Aber damit ist nicht festgelegt, was guter Unterricht ist. Der muss fachliche Konzepte darstellen und verknüpfen, die Kinder und Jugendlichen zum eigenen Denken herausfordern, ihnen aber auch Anerkennung und Wertschätzung vermitteln und das Ganze gut orchestrieren. Das Schlagwort vom „kompetenzorientierten Unterricht“ hilft hier wirklich nicht weiter, da haben die Kritiker schon einen Punkt.

 

Nochmal zu den Standards: Neuerdings träumen viele von bundesweit einheitlichen Abiturprüfungen. Zu Recht? 

 

Ich denke, wir brauchen für das Abitur und den mittleren Schulabschluss eine Mischung aus zentral entwickelten bundesweiten Aufgaben und Fragestellungen, die von Land zu Land variieren. Ich würde sogar noch weitergehen. Jede Schule müsste zu diesem Mix auch eigene Aufgaben beisteuern können. 

 

Modern nennt man so etwas wohl Modullösung.

 

Entscheidend ist: Ein ausschließlich aus standardisierten, bundesweit einheitlichen Aufgaben bestehendes Abitur wäre unfair und unrealistisch, aber ganz ohne zentrale Komponenten zersplittert das Bildungswesen.

 

Wenn ich Sie richtig verstehe, loben Sie gerade das Abitur, wie wir es längst haben in der Mischung aus zentralen und dezentralen Komponenten. Dabei steht es enorm unter Druck. Anfang Oktober beschäftigt sich sogar das Bundesverfassungsgericht mit der Frage, was die Vergleichbarkeit der Abiturnoten angesichts von Zensureninflation und Rekordjahrgängen noch wert ist.  

 

Das ist eine uralte Debatte. Ich habe in den 80er und 90er Jahren am bundesweiten Medizinertest mitgearbeitet, der die Verteilung von Studienplätzen fairer machen sollte. Das Ergebnis aller Evaluationen war damals: Die Abiturnote ist etwa gleich gut geeignet, den Studienerfolg vorherzusagen, wie der Test, was vor allem daran liegt, dass die Gymnasien diejenige Schulform sind in Deutschland, die über alle Ländergrenzen hinweg am stärksten normiert ist. 

 

Manche fordern, man solle die Abiturnote durch standardisierte Eingangstests, ähnlich dem Medizinertest, ersetzen, verbunden mit Bewerbungsgesprächen. Das wäre fairer. 

 

Wäre es nicht. Am fairsten ist die Auswahl beim Numerus Clausus, wenn er eine Mischung verschiedener Aufnahmekriterien ist, bei der die Abiturnote weiter eine Rolle spielt. Darüber hinaus ist es natürlich auch pädagogisch sinnvoll, einen Abschluss, auf den Schüler und Lehrkräfte jahrelang hinarbeiten, bei der Verteilung von Chancen zu berücksichtigen. Aber ja, man kann die Aussage der Abiturnote ergänzen und korrigieren durch Interviews und Standardtests. Das Problem bei der Debatte um den Numerus Clausus ist: Sie ist wieder darauf fixiert, ob Bundesländer unterschiedlich abschneiden.

 

Und das ist falsch?

 

Zumindest wird in der Schulpolitik die Bedeutung der Länderunterschiede häufig überschätzt, was verständlich ist: Die Länder scheinen die politische Handlungsebene zu sein, dort spielen sich die Debatten ab. Doch in Wirklichkeit haben fast alle Bundesländer dieselben Probleme. Es gibt große Unterschiede zwischen städtischen Zentren mit hohem Migrationsanteil und wohlhabenderen Regionen, es gibt sogar große Unterschiede zwischen einzelnen Schulen derselben Schulform. Das wiegt meines Erachtens stärker als die Unterschiede zwischen den Bundesländern. Auch deshalb liegt die Zukunft in mehr länderübergreifender Koordination. Nicht in der eifersüchtigen Konkurrenz der Länder, aber auch nicht in der einen bundesweiten Lösung für alle. 

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Zu teuer, zu kompliziert

Die Hochschulen sind konsterniert, die Kultusminister verärgert: Neue Verzögerungen bei der Online-Studienplatzvergabe DoSV.

Die Stiftung für Hochschulzulassung in Dortmund. Norbert Schnitzler: "Dortmund ZVS 1", CC BY-SA 3.0

DIE SCHLECHTEN NACHRICHTEN kommen weiter in Scheibchen. Die Stiftung für Hochschulzulassung (SfH) hat den Wissenschaftsministern der Länder mitgeteilt, dass sie mit ihrer Online-Studienplatzvergabe DoSV voraussichtlich erst zum Wintersemester 2020/21 alle relevanten Hochschulen in Deutschland erreichen wird.

 

Dass der ursprünglich Zieltermin 2018 verfehlt würde, hatte sich bereits im vergangenen Herbst abgezeichnet. Von rund 4000 örtlich zulassungsbeschränkten Studienangeboten nahmen zu dem Zeitpunkt 19 Prozent am so genannten DoSV teil, ingesamt waren 103 Hochschulen eingebunden. Jetzt, ein Jahr später, sind nach SfH-Angaben immerhin 129 von 175 Hochschulen dabei, die Anteil der teilnehmenden Studiengänge kletterte jedoch nur auf ein gutes Viertel.

  

Das vor neun Jahren initiierte „Dialogorientierte Serviceverfahren“ sollte das sich jährlich wiederholende bundesweite Zulassungschaos bei der Studienplatzvergabe beenden: Keine Bewerber mehr, die monatelang auf eine Zusage warten und dann mitunter anderswo leer ausgehen, während anderswo Plätze frei werden. 15 Millionen Euro spendierte Bundesregierung für die Entwicklung einer Software, die international Standards setzen sollte.

 

Eine vom brandenburgischen Wissenschaftsministerium in diesem Frühjahr unter 171 Hochschulen bundesweit durchgeführte Befragung hatte ergeben, dass zu dem Zeitpunkt zwar 108 in irgendeiner Form ans DoSV angeschlossen waren, doch wickelten sie bei ihrer Studienplatzvergabe lediglich ein Drittel der Einfachstudiengänge und zwei Prozent der Mehrfachstudiengänge über die Online-Plattform ab. Die Software für die Mehrfachstudiengänge sei ungeeignet, berichteten die Hochschulen. Das Verhältnis zwischen dem hohen technischen Aufwand und dem Nutzen stimme nicht, ein tatsächlicher Entlastungseffekt durch die Plattform sei nicht erkennbar und den Hochschulen seien durch DoSV nicht kalkulierbare Kosten entstanden. >>



>> Insgesamt eine erschütternde Bilanz, auch wenn die Umfrage nicht alle relevanten Rektorate erreichte und einige der geäußerten Bedenken auch von Hochschulen kamen, die selbst noch gar nicht an DoSV teilgenommen haben. Ein sich selbst verstärkender Effekt entsteht: Die Hochschulen werden immer skeptischer und schieben den Einstieg in die Plattform auf. Dadurch, dass so viele Studiengänge außen vor bleiben, reißt die Stiftung ihre Ziele – womit sie die vorhandene Skepsis weiter füttert. Die Ministerialbeamten zeigten sich ihrerseits verärgert über die Informationspolitik der Stiftung, die Fristversäumnisse in der Vergangenheit nur nach und nach eingeräumt habe.

 

Die Probleme begannen schon vor Jahren bei der Entwicklung der Software für die Einfach-Studiengänge (DoSV 1.0). Diese läuft nun weitgehend störungsfrei, massive Probleme gibt es wie beschrieben vor allem bei der Anbindung der lokal beschränkten Mehrfach-Studiengänge. Trotzdem ist der nächste Schritt ist schon lange geplant: die Einbeziehung der bundesweiten NC-Studiengänge (Medizin & Co). Allerdings hatte die Stiftung auch hier Anfang des Jahres Verzögerungen gemeldet und den zum Wintersemester 2018/19 vorgesehenen Start von DoSV 2.0 auf unbestimmte Zeit verschoben. 

 

Holger Burckhart, Präsident der Universität Siegen und Vorsitzender des SfH-Stiftungsrates, sagt jetzt, er gehe davon aus, dass die für die zentralen Studiengänge nötige Software ebenfalls 2020/21 sicher laufen werde – also zwei Jahre später als zuvor geplant. Zudem habe er die berechtigte Hoffnung, dass große Fächer wie Jura oder Jura schon deutlich früher vollständig ins DoSV 1.0 eingebunden sein werden.

 

Dabei hatte doch im zweiten Anlauf alles anders laufen sollen: 2014 hatte die Kultusministerkonferenz entschieden, DoSV 2.0 nicht von externen Dienstleistern, sondern von der Stiftung selbst konzipieren zu lassen. Die in Dortmund ansässige SfH, die sich selbst in Anlehnung an ihre Website als „hochschulstart.de“ vermarktet, eröffnete zu diesem Zweck in Berlin eine eigene Software-Entwicklungsabteilung. 

 

Doch auch da häuften sich die Probleme. Der Stiftung gelang es offenbar nicht, angesichts des leergefegten Arbeitsmarkts für Informatiker und Software-Entwickler ausreichend versierte Fachleute zu verpflichten. Schon bei der Entscheidung der KMK, eine stiftungseigene Entwicklungsabteilung einzurichten, hatten mehrere Amtschefs ihre Skepsis geäußert; die Mehrheit hatte jedoch nicht auf die Warnungen hören wollen.

 

Im Januar entschied dann der damalige Co-Stiftungsratsvorsitzende und Wissenschaftsstaatssekretär in Nordrhein-Westfalen, Thomas Grünewald, dem langjährigen Stiftungschef Ulf Bade einen „Beauftragten des Stiftungsratsvorsitzenden“ für die Gesamtkoordination zur Seite stellen, und zwar den ehemaligen Kanzler (hauptamtlichen Vizepräsidenten) der Universität Hannover, Günter Scholz. Zudem wurde ein „Beirat“ als erweiterter Vorstand eingesetzt, was einer faktischen Entmachtung Bades gleichkam, und die stiftungseigene Entwicklungsabteilung in Berlin erhielt mit den Programmierexperten Peter Pepper von der Technischen Universität Berlin einen führenden deutschen Informatiker als eine Art zusätzlichen externen Chef auf Zeit.

 

Ein Stück für die Galerie ist die Pressemitteilung, mit der die Stiftung, übrigens erst zwei Monate später, die neuen Probleme verkaufte und einfach mal behauptete: "Das Software-Projekt für eine technisch neu aufgestellte Abwicklung des Zentralen Vergabeverfahrens für bundesweit zulassungsbeschränkte Studiengänge (ist) auf einem guten Weg." Den massiven Eingriff in ihre bestehenden Führungsstrukturen kommentierte die Stiftung in der Pressemitteilung so: "Tatkräftige Unterstützung erfährt dieses Großprojekt nun durch die Wissenschaftsministerien der Länder und von Vertretern der Hochschullandschaft, die ab sofort im engen Dialog mit externen Experten in Form eines eigens eingesetzten Beirats die Arbeiten begleiten werden."

 

Alle Probleme in den Griff bekommen hat aber offenbar auch das neue Team noch nicht. Insider berichten von internen Streitigkeiten, einer weiter hohen Personalfluktuation und nicht immer transparenten Finanzentscheidungen. 

 

Immerhin: Die KMK ist seit vergangenem Jahr alarmiert, und die designierte Nachfolgerin von Thomas Grünewald als Co-Stiftungsratsvorsitzende, die brandenburgische Staatssekretärin Ulrike Gutheil, ist eine Wahl, die der Stiftung unruhige Zeiten verheißt. Die ehemalige Kanzlerin der Technischen Universität Berlin gilt als Expertin in Sachen Hochschultechnik, sie hat die zitierte Umfrage unter den Hochschulen angestoßen und leitet die eigens eingerichtete KMK-Arbeitsgruppe „Campus-Management-Systeme“. 

 

Denn wenn die Kultusminister eines bereits gelernt haben: Nochmal soll ihnen ein solches zehn Jahre andauerndes Technik-Fiasko nicht unterlaufen. Ein Fiasko, dessen Ursprung gar nicht die Stiftung zu verantworten hat, sondern das aufs Engste verbunden ist mit einem für Außenstehende schwer nachvollziehbaren Software-Chaos in der Hochschulszene. Kurz gesagt: Über die vergangenen Jahrzehnte hat jede Hochschule ihr eigenes Campus-Management-System aufgesetzt, um die Studentendaten und die digitalen Studienangebote zu verwalten. Hunderte von Systemen, die größtenteils auf der gleichen Grundsoftware beruhen, dann jedoch im Alltag so lange umgebaut, angebaut und an die lokalen Notwendigkeiten angepasst wurden, bis sie außerhalb der eigenen Hochschule mit fast gar nichts mehr zusammenpassten. Erst recht nicht mit DoSV, so dass schon die Anbindung der Einfach-Studiengänge, siehe oben, zu einer jahrelangen Verzögerung führte. 

 

Deshalb fahren die Kultusminister jetzt eine Doppelstrategie: Einerseits soll die Stiftung irgendwie eine Lösung zusammenwursteln, um DoSV doch noch zum Abheben zu bringen, andererseits soll ein sauberer Neustart bei den Campus-Management-Systemem die nötige technische Einheitlichkeit für künftige Entwicklungen herstellen. Auch da drängt die Zeit: Laut Umfrage melden 50 Prozent der Hochschulen, dass sie kurzfristig ein neues oder zumindest überarbeitetes System brauchen, langfristig sagen das sogar 90 Prozent.

 

Es müsse doch möglich sein, „ein Standardprodukt von gewisser Qualität auf den Markt zu bringen“, einen „Prototypen“, der dann reizvoll sei, „wenn es gelänge, eine kritische Größe an Hochschulen zu binden", so heißt es in der zuständigen KMK-AG. Nochmal ein großer Wurf, wie einst DoSV werden sollte, aber langfristig geplant. Doch erstmal müsste sich da KMK darauf verständigen, und dann müsste noch ein Unternehmen gefunden werden, das sich auf dieses Abenteuer mit den Hochschulen einließe.

 

Das genossenschaftlich organisierte Hochschul-Informations-System (HIS), bis heute Hauptanbieter von Hochschulsoftware, ist über das DoSV-Fiasko von Bund und Ländern in mehrere Teile zerschlagen worden. Während die Hochschulforschung ins neue Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) abwanderte, verblieb eine Rumpf-HIS als „IT-Dienstleister der Hochschulen“. Mögliche Konkurrenten sind die Hamburger Softwarefirma Datenlotsen und möglicherweise die SAP, wobei die sich bislang auf dem Hochschulmarkt sehr vorsichtig bewegt hat.

 

Was die Hochschulen angeht, macht die Not sie immerhin kooperativ: Sie seien mehrheitlich bereit, sich für die Weiterentwicklung und den Betrieb ihrer Software zusammenzuschließen, heißt es in der Umfrage. 

 

Und was ist mit dem DoSV? Die nächsten ein, zwei Jahre dürften kritisch sein und endgültig über das Schicksal des Systems entscheiden. Der Stiftungsratsvorsitzende Holger Burckhart ist davon überzeugt, dass sich die technischen Probleme überwinden lassen, sieht aber auch die Politik in der Pflicht. "Das System für die Mehrfachstudiengänge funktioniert, allerdings müssen die Länder die Hochschulen stärker dabei unterstützen, ihre Campustechnik aufzurüsten, auch finanziell, damit sie dem System beitreten können." 

 

Ausgerechnet der langjährige und zuletzt teilentmachtete SfH-Geschäftsführer Ulf Bade kann von sich behaupten, die Misere vorhergesehen zu haben. Er hatte schon 2008 Zweifel an der technischen Machbarkeit der neuen Software angemeldet und vor Chaos gewarnt. »Das kommt dabei heraus, wenn sich Leute ein System überlegen, die keine Ahnung von der Praxis haben«, sagte Bade damals.

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Blick zurück (7)

Seit 20 Jahren beschäftigte ich mich mit Hochschulen, Bildung und Wissenschaft. Viel ist passiert in dieser Zeit, vieles davon durfte ich als Journalist begleiten. Der Blick zurück zeigt, wie aktuell einige meiner Themen von einst geblieben sind – obwohl sich fast alles verändert hat. Machmal allerdings auch, weil sich fast gar nichts verändert hat. Der siebte Teil einer Serie.

Das große Campus-Chaos

Die Hochschulen gehen in einer Bewerberflut unter. Jetzt soll die Studienplatzvergabe neu organisiert werden. Aber wie?

(erschienen in der ZEIT vom 16. Oktober 2008)

 

DAS CHAOS KAM in Postsäcken. Fünfmal so viele Bewerbungen wie Studienplätze hatte die Uni Münster für dieses Wintersemester zu bewältigen, die Freie Universität in Berlin sogar neunmal so viele: 32000 Anträge, 3400 Plätze. An der Mehrheit der deutschen Hochschulen sehen die Zahlen kaum besser aus. Und so warten, während die Vorlesungen starten, noch Tausende von Abiturienten auf ihre Zulassung. »Das ist ein unhaltbarer Zustand«, sagt Joachim Weber von der Hochschulrektorenkonferenz (HRK).

 

Grund für die Misere ist die Flut an Mehrfachbewerbungen, die die Hochschulen seit Jahren in Atem hält. Genauer gesagt: Seit die Hochschulen die Mehrheit ihrer überlaufenen Studiengänge mit lokalen NCs dichtgemacht haben. Verschärfend kommt hinzu, dass die Dortmunder Zentralstelle für Studienplatzvergabe (ZVS) seit 2005 nur noch für eine Handvoll Fächer zuständig ist. Was an sich eine gute Nachricht war, schließlich können die Hochschulen ihre Bewerber jetzt größtenteils selbst auswählen. Doch haben all die lokalen Zulassungsbeschränkungen zu einem undurchsichtigen, ineffizienten Vergabesystem geführt mit zum Teil absurden Folgen.

 

Jeden Sommer ist es das Gleiche: Hunderttausende Abiturienten schicken ihre Bewerbungen ab, allerdings nicht nur an eine, sondern, um sicher zu gehen, an drei, sechs, vielleicht sogar zwölf Universitäten. In den Immatrikulationsämtern der Republik herrscht dann Urlaubssperre. Alle verfügbaren Mitarbeiter kämpfen sich durch die Berge an Post, um ihre Favoriten herauszufiltern und möglichst schnell die Bescheide herauszuschicken. Sie wissen: Je länger sie warten, desto geringer ist die Chance, die gewünschten Bewerber abzubekommen. Denn die suchen sich ihre Lieblingsuni heraus und lassen die anderen auf ihren Zusagen sitzen.

 

In ihrer Not entwickeln sich die Sachbearbeiter unversehens zu Experten in der Chaostherie: Für jedes Fach errechnen sie eine wahrscheinliche Annahmequote unter den Studenten, denen eine Einschreibung angeboten wird und überbuchen wie eine Airline die Studienplätze. Wer zum Beispiel in München Biologie auf Bachelor studieren will, konkurrierte in diesem Semester mit 1005 Bewerbern um 177 Plätze. Die Ludwig-Maximilians-Universität hat ihrer Formel entsprechend jedoch nicht 177 jungen Leuten einen Zulassungsbescheid geschickt, sondern 442. Anders formuliert: Die Uni erwartete, dass von allen erfolgreichen Bewerbern 40 Prozent auftauchen. Selbst diese Prognose erwies sich als zu optimistisch: Trotz des laufenden Nachrückverfahrens hatte die LMU Ende vergangener Woche noch 21 Plätze frei. Andere Universitäten haben die Zulassungen im Nachhinein bereits als wenig hilfreich abgeschafft . »Wir verlangen von den Bachelorstudenten, dass sie nur zweimal im Semester fehlen, und dann lassen wir sie mancherorts erst im November oder Dezember zu«, sagt Martin Scholz, Studienberater an der Universität Vechta. »Das passt nicht zusammen.«

 

Das Problem ist erkannt, doch hinter den Kulissen tobt ein erbitterter Kampf um die Lösung. Im Zentrum steht einmal mehr die totgesagte ZVS. Die Behörde soll zu einer Servicestelle umgebaut werden, die die Bewerberflut koordiniert ohne zur hoheitlichen Verteilungspraxis zurückzukehren, die jahrzehntelang als »Kinderlandverschickung« verschrien war. Nach langem Hin und Her haben sich HRK und Kultusministerkonferenz (KMK) auf ein neues Vergabeverfahren geeinigt: Über eine Online-Datenbank könnten Bewerber und Hochschulen demnach direkt miteinander in Kontakt treten, die Datenbank würde für den Datenabgleich mit den anderen Hochschulen sorgen. So könnte sich jeder Studierwillige jederzeit über den Stand seiner Bewerbungen an allen Hochschulen informieren, während die Hochschulen sofort erfahren, wenn ein Bewerber einen Studienplatz annimmt. »Das wird so ähnlich laufen wie bei eBay«, sagt Joachim Weber von der HRK.

 

Theoretisch eine klasse Idee: Sie schafft Transparenz, die Bewerber können sich weiter unter mehreren Zusagen entscheiden. Gleichzeitig können die Hochschulen eigene Aufnahmekriterien entwickeln, ohne sich an zentrale Standards halten zu müssen. Nachrückverfahren wären überflüssig. Doch die ZVS meldet seit Monaten Zweifel an der technischen Machbarkeit an, warnt vor neuem Chaos. »Das kommt dabei heraus, wenn sich Leute ein System überlegen, die keine Ahnung von der Praxis haben«, sagt Behördenchef Ulf Bade.

 

Die Atmosphäre zwischen ZVS und HRK ist eisig. Um den Druck zu erhöhen, haben die Hochschulen Ende vergangenen Jahres einen weiteren Akteur ins Spiel geholt: uni-assist, gegründet von HRK und dem Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD). uni-assist vermittelt Studienplätze an ausländische Bewerber mit einem Onlineverfahren, das in wesentlichen Zügen dem favorisierten Modell entspricht. »Natürlich ist das technisch machbar«, sagt denn auch uni-assist-Geschäftsführer Thomas Liljeberg. Uni-assist soll die ZVS bei der Software beraten, doch die Behörden-Oberen fühlen sich überfahren. »Was die für ein paar Tausend Ausländer machen, ist mit unserer Arbeit überhaupt nicht zu vergleichen«, sagt Bade. »Zumal uni-assist keiner gerichtlichen Kontrolle gerecht werden muss.«

 

Womöglich spielt bei seiner Kritik aber auch eine Rolle, dass für das Verfahren nur ein Bruchteil des Personals nötig wäre. Die ZVS beschäftigt 110 zum Teil verbeamtete Mitarbeiter und hat einen Etat von über neun Millionen Euro.

 

Alle bisherigen Gespräche zwischen ZVS und uni-assist blieben ergebnislos. Doch die Zeit wird knapp, bald droht neues Chaos in noch mehr Postsäcken. Und eins steht schon jetzt fest: Ein Spiel auf Zeit ist ein Spiel mit der Lebenszeit der Studenten.

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Böttingers sagt "Ja"

Vor zwei Monaten hat die Universität Potsdam dem Ex-BIH-Chef den Ruf erteilt. Jetzt endlich hat er geantwortet: Okay, ich komme.

MANCHMAL IST ES die Chronistenpflicht, die zum Verfassen einer Meldung führt. So in diesem Fall. In den vergangenen Monaten hatte ich mehrfach über die Krise am Berliner Institut für Gesundheitsforschung (BIG/BIH) berichtet  – und über den etwas verwirrenden Abgang von Vorstandschef Erwin Böttinger. So, wie sich das Institut wochenlang in der Schwebe befand zwischen ersten Meldungen über Böttingers möglichen Wechsel an die Universität Potsdam und seiner tatsächlichen Kündigung, so sind nochmal zwei Monate vergangen zwischen dem offiziellen Ruf des Potsdamer Uni-Präsidenten Oliver Günther an Böttinger – und seinem Bestätigungsschreiben heute. 

 

Jetzt aber steht fest: Böttinger wird Professor für Digital Health am neuerdings zur Universität Potsdam gehörenden Hasso-Plattner-Institut. Was noch nicht feststeht: Wie es am BIH weitergeht.

 

Böttingers Posten dort bleibt bis auf Weiteres vakant, Martin Lohse, Chef des Max-Delbrück-Centrums, hat die Leitung des Instituts interimsmäßig übernommen. Nach der Bundestagswahl, im Frühjahr 2018, werden strukturelle Entscheidungen zur Zukunft des BIH erwartet – sie dürften sehr grundsätzlich ausfallen.

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Das sind die ersten drei Max Planck Schools

Forschungsministerin Wanka, Max-Planck-Chef Stratmann und HRK-Präsident Hippler stellen einträchtig die Gewinneranträge vor: 21 Universitäten und 31 Forschungsinstitute sind an ihnen beteiligt.

UND DIE GEWINNER sind... die Max Planck Schools of Cognition, of Photonics und – drittens – of Physics, Chemistry and Construction of Life. Wem die Titel der Anträge jetzt auf Anhieb nichts sagen, dem sei gesagt: Macht nichts. Auch lässt sich nicht ohne Weiteres zuordnen, welche Wissenschaftsstandorte (Berlin, München, Göttingen, Heidelberg...) denn jetzt besonders erfolgreich waren. 

 

Entscheidend ist etwas Anderes: Hinter den drei Schools steht eine lange Liste beteiligter Wissenschaftler von insgesamt 21 Universitäten und 31 außeruniversitären Forschungseinrichtungen überall in Deutschland. Und genau das war die Idee der Schools, die Bundesforschungsministern Johanna Wanka (CDU) heute als "bestechend einfach" bezeichnete: ein Netzwerk herausragender Wissenschaftler schaffen, das sich über ganz Deutschland zieht. "Wir müssen versuchen, die Exzellenz, die wir haben, deutlich zu machen", sagte Wanka heute. Max-Planck-Chef Martin Stratmann sprach von "verteilter Exzellenz", die auf besondere Weise gebündelt werden müsse. 

 

Wenn man so möchte, ist die Idee der Schools die lange vermisste Ergänzung der Exzellenzinitiative, die einst aus der Idee entstand, ein deutsches "Harvard" zu gründen, dann jedoch auf das realistische Ziel zurechtkonzipiert wurde, Deutschlands stärkste Forschungsuniversitäten weiter zu stärken. Eben genau weil die Exzellenzdichte an keinem Ort in Deutschland vergleichbar ist mit der amerikanischer Spitzenuniversitäten. Und genau an der Stelle kam Stratmanns Idee ins Spiel. Wanka hatte erstmals im März hier im Blog angekündigt, sie – abgewandelt – umsetzen zu wollen. Die Debatte, die dann folgte, habe ich vor wenigen Wochen in einem Beitrag beschrieben. 

 

Die Zahl der beteiligten Wissenschaftler in den Schools, so genannter "Fellows",  schwankt derzeit jeweils zwischen 30 und 40 pro Netzwerk. Wie genau die Formate der Schools aussehen werden, ist zum Teil noch offen. Jedenfalls werde keine School der anderen gleichen, sagte Horst Hippler, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz: In der Wissenschaft müsse die Form immer der Funktion folgen. Martin Stratmann betonte, die Schools würden nicht rein virtuell sein, es werde Knotenpunkte an den Universitäten geben. Man wolle "eine wuchtige Sichtbarkeit" erreichen. Die Auswahl der potenziellen Studierenden und Promovierenden werde in einem mehrstufigen Verfahren inklusive Bewerbungsgespräche erfolgen. 

 

Hippler sagte, die Befürchtungen der Universitäten, die Außeruniversitären wollten ans Promotionsrecht, seien entkräftet worden. Er sei "sehr glücklich und zufrieden" – auch, weil die drei Schools sehr unterschiedliche Fächer abdeckten. Geisteswissenschaftler sind in den drei siegreichen Netzwerken allerdings bislang nur in geringer Anzahl vertreten. Max-Planck-Präsident Stratmann betonte, die Netzwerke der Schools seien für weitere Wissenschaftler aller Disziplinen offen und würden sich sicherlich noch weiterentwickeln.

 

Und wieviel Max Planck steckt noch in den Schools, die auf Wunsch von Wanka für alle außeruniversitären Forschungsorganisationen geöffnet wurden? Keine Frage: Ziemlich viel. Jeweils zwei "Ansprechpersonen" pro School werden in den Pressemitteilungen erwähnt, vier von den insgesamt sechs stammen von Max Planck. Einerseits. Andererseits sind an allen Schools auch Wissenschaftler der anderen Außeruniversitären beteiligt, auffallend viele davon gehören zur Leibniz-Gemeinschaft und zu Fraunhofer. 

 

Die SPD-Hochschulexpertin Simone Raatz kritisierte die Initiative. Sie sehe nicht, dass vereinzelte Prestigeprojekte wie die neuen Max Planck Schools dem wissenschaftlichen Nachwuchs und exzellenter Forschung dienen werden", sagt Ratz. "Wider alle Vernunft" sei Wanka den "Einflüsterungen von Herrn Stratmann" gefolgt – mit dem Ergebnis, dass die Forschungslandschaft weiter zerfasere und die Bedeutung der Hochschulen als "Kern des Wissenschaftssystems" geschmälert werde.

 

Der stellvertretende Vorsitzende der CDU-/CSU-Bundestagsfraktion, Michael Kretschmer, sprach dagegen von einem "entscheidenden Schritt zur Weiterentwicklung des deutschen Wissenschaftssystems". Die Schools seien ein wichtiger Beitrag, "um zukünftig mit Cambridge, Harvard oder Oxford um die weltweit besten Forscherinnen und Forscher auf Augenhöhe zu konkurrieren.“

 

Die größte Enttäuschung der Initiative war übrigens schon im Vorfeld bekannt: Nur acht Anträge wurden gestellt. Das ist zu mager und liegt in dem ungewöhnlichen Antrags- und Auswahlverfahren begründet. Das sei ja nur die Pilotphase, haben Max Planck und Forschungsministerium immer wieder betont. Und die Universitäten haben schon ultimativ gefordert: Das nächste Mal muss es anders laufen. Ist auch schon vereinbart. Die Evaluierung der Pilotphase, hieß es heute, werde darüber Auskunft geben, ob das Programm verstetigt werden soll. "Wenn man einen guten Lauf hat, dann ist das klar, dann geht das weiter", sagte Ministerin Wanka. Insofern bleibt heute eine am Ende sehr positive Bilanz.

 

Wer wissen möchte, welche School genau was machen wird, findet nähere Informationen auf der Website des Bundesforschungsministeriums, und zwar hier (in der rechten Randspalte). 

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Verunglimpfte Hoffnungsträger

Die Moderatoren im "TV-Duell" zeichneten das Bild einer Bildungs- und Sozialkatastrophe unter Geflüchteten. Fahrlässig – und noch dazu unwahr.

Geflüchtete am Flughafen Köln-Bonn im September 2015. R. Spekking: "27. September 2015-0038.jpg", CC BY-SA 4.0 

DAS KOMMT DABEI heraus, wenn vier Moderatoren zwei Kandidaten gegenübersitzen und versuchen, sich gegenseitig in ihrer vermeintlichen Volksnähe zu übertrumpfen. Dass beim "TV-Duell" zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und ihrem SPD-Herausforderer Martin Schulz gestern Abend ein beachtlicher Teil der Sendezeit auf die Themen "Flüchtlinge" und "Migration" entfiel, war nicht überraschend. Überraschend, ja bestürzend war, wie sich der Tenor der Fragen glich. Mein Kollege Bernd Ulrich von der ZEIT fasste die Schieflage schon nach wenigen Minuten in einem Tweet zusammen: "Zu #Flüchtlingen wird wieder nur von rechts gefragt." 

 

Flüchtlinge als Sicherheitsrisiko, als Belastung für die Sozialkassen, als vermeintliche Enttäuschung, weil sie sich nicht als das "Gold" erwiesen hätten, zu dem Schulz sie laut Moderator Claus Strunz einst erklärt hatte (wobei der SPD-Parteichef zu Recht auf sein von Strunz verstümmelte Original-Zitat von Mitte 2016 hinwies): Wer den vier Moderatoren lauschte, musste der Meinung sein, dass wir es praktisch nur mit radikalen Analphabeten zu tun haben, die da seit Herbst 2015 zu uns nach Deutschland gekommen sind. Wie wohltuend, dass sich die Kandidaten in diesem Punkt untereinander ebenso einig waren wie ihre Fragesteller auf der anderen Seite: Merkel wie Schulz betonten bei allen Herausforderungen die großartige Bereicherung, die wir durch die allermeisten Einwanderer und Flüchtlinge erfahren.

 

Fast schon ärgerlich ist, wenn Fragen nicht nur einen Drall bekommen, sondern auch auf einer so nicht haltbaren Faktenlage beruhen. Diese lässt sich nämlich wie folgt zusammenfassen: Der Bildungsstand der Geflüchteten, die zwischen 2013 und Anfang 2016 nach Deutschland eingereist sind, ist so schlecht nicht. Er ist von Person zu Person und Herkunftsland zu Herkunftsland extrem unterschiedlich, aber vor allem ist er etwas, auf dem man aufbauen kann. >>



>> Konkret: Erst vor wenigen Tagen haben Forscher erste Ergebnisse der bislang umfangreichsten Befragung unter Geflüchteten veröffentlicht, es flossen die Daten von 4816 Erwachsenen und 5717 Kindern ein. Demzufolge hatten 64 Prozent der Menschen einen Schulabschluss, 35 Prozent sogar den Abschluss einer weiterführenden Schule. 20 Prozent der Geflüchteten konnten zudem einen Hochschulabschluss oder eine abgeschlossene Berufsausbildung vorweisen. Erstaunlich ist die niedrige Zahl der Analphabeten. Die Forscher gehen davon aus, dass insgesamt nur acht Prozent der Geflüchteten nicht richtig lesen und schreiben können, besonders viele davon stammen aus Afghanistan und zum Teil aus Irak und Syrien. Acht Prozent – ein ähnlicher Wert wird auch für in Deutschland zur Schule Gegangene vermutet. 

 

Durchgeführt wurde die Studie "Geflüchtete Familien" (GeFam) von Forschern am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), am Forschungszentrum des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF-FZ) und am Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Sind die Zahlen, die sie zu Tage befördert haben, so schlecht?

 

Jetzt kann man einwenden: 36 Prozent haben laut Studie gar keinen Schulabschluss. Ja, auch das stimmt. Und unter diesen 36 Prozent befinden sich sogar 11 Prozent, die in ihrem Heimatland keinerlei Schule besucht haben, und elf Prozent der Befragten verfügen lediglich über eine Bildung auf Grundschulniveau. Die Forscher haben das Bildungsniveau der Flüchtlinge zudem auf einer international vergleichbaren Skala eingeordnet mit dem Ergebnis, dass es bei 56 Prozent als vergleichsweise niedrig einzustufen ist, bei 30 Prozent als mittel und bei 13 Prozent als hoch. 

 

Am Ende aber zählt, dass mindestens zwei Drittel der nach Deutschland geflüchteten Erwachsenen mittelfristig sehr gut in den Arbeitsmarkt zu integrieren sein dürften. Zumal die Studie von hohen Bildungsaspirationen berichtet: Knapp die Hälfte der Befragten ist daran interessiert, einen (weiteren) Schulabschluss in Deutschland zu machen, zwei Drittel streben einen beruflichen Abschluss an, darunter viele Menschen aus Eritrea, Somalia, Afghanistan und dem Irak. Aus Syrien Geflüchtete, von denen viele bereits ein vergleichsweise gutes Bildungsniveau vorweisen können, wollen besonders häufig studieren. Die Zahlen deuteten darauf hin, schreiben die Forscher, "dass sich die derzeitige Qualifikationsstruktur der Geflüchteten mittelfristig deutlich verändern wird, selbst wenn nur ein Teil der Befragten tatsächlich in Allgemein- und Berufsbildung investiert."

 

Die größtenteils vom BMBF finanzierte Befragung der Geflüchteten ist übrigens als so genannte Längsschnittstudie angelegt, das heißt: Sie wird jedes Jahr wiederholt werden und es den Forschern erlauben, die tatsächlichen Bildungs- und Karriereverläufe der Geflüchteten verfolgen zu können. Die Ergebnisse der ersten Befragungswelle, die am vergangenen Mittwoch veröffentlicht wurden, hätten zu keinem günstigeren Zeitpunkt kommen können. Sie zeigt die Herausforderungen und das Potenzial, das die Geflüchteten für unsere Gesellschaft darstellen. Klar ist es immer beides. Aber es ist beschämend, wenn vier Journalisten es nicht hinbekommen, in einer Debatte über Flüchtlinge die eine, die entscheidende Frage zu stellen: Wie helfen wir den Menschen, für unser Land das zu leisten, was sie zu leisten imstande wären? Wie helfen wir ihnen, anders formuliert, die Bildung zu erhalten, die sie offenbar wollen und zu der sie berechtigt sind?

 

Ein Glück, dass die Kandidaten sich nicht zu ähnlich einseitigen Antworten haben verleiten lassen.


HEUTE UM 10 UHR VERKÜNDEN BUNDESFORSCHUNGSMINISTERIN JOHANNA WANKA (CDU) UND MAX-PLANCK-PRÄSIDENT MARTIN STRATMANN, WELCHE DREI MAX-PLANCK-SCHOOLS 2018 AN DEN START GEHEN SOLLEN. DAS HAPPY END EINER MONATELANGEN DEBATTE. 

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Stop!

Die Bundesregierung will noch vor der Wahl im Schnelldurchlauf das Zahnmedizin-Studium reformieren. Das wäre ein gravierender Fehler. Ein Gastbeitrag von Frank Wissing.

Foto: Free-Photos, Pixabay

GERADE HAT BUNDESGESUNDHEITSMINISTER Hermann Gröhe (CDU) mit viel medialer Aufmerksamkeit seine Sommertournee vor der Bundestagswahl im September abgeschlossen. Weniger in der Öffentlichkeit sichtbar ist sein letztes Projekt, das er vor der Wahl schnell noch abschließen möchte: die Reform des Zahnmedizinstudiums. Damit soll ein letztes Häkchen auf der ministerialen To-Do-Liste für diese Legislaturperiode gesetzt werden.

 

Da die derzeit gültige Approbationsordnung für die Zahnmedizin (AOZ) noch aus dem Jahr 1955 ist, tut eine Überarbeitung sichtlich Not und wird auch schon seit Jahrzehnten diskutiert. Daher merkt man auch den Entwürfen an, die jetzt scheinbar noch schnell aus der Schublade gezogen wurden, dass sie schon viele Jahre alt sind. Gut ist nach wie vor die grundlegende Idee, das Studium der Zahnmedizin und der Humanmedizin inhaltlich wieder stärker anzugleichen und auf eine gemeinsame medizinische und theoretische Basis zu stellen. Auch sind die zahnmedizinischen Anteile nun endlich an die heutigen Realitäten angepasst, obgleich man im Detail sicherlich immer über einzelne Gewichtungen der Themen streiten kann. Unverständlich ist aber, dass es keinerlei inhaltliche Abstimmung mit dem ebenfalls erst kürzlich verabschiedeten Masterplan Medizinstudium 2020 zu geben scheint. 

 

So schlägt der Masterplan vor, mehr medizinisch-praktische Inhalte in die frühe Studienphase der Humanmedizin zu holen. Mehr theoretische Inhalte sollen dafür erst später im klinischen Kontext vermittelt werden. Sehr sinnvolle Vorschläge, die insbesondere auch im Rahmen von Modellstudiengängen schon gut erprobt sind. Die Vorschläge der neuen AOZ gehen aber in die ganz andere Richtung: strenge inhaltliche Trennung der ersten vier Semester von der dann folgenden zweiten Studienphase. Konkret bedeutet das: Klinische Inhalte von Beginn an, wie im Masterplan vorgesehen, sind mit der neuen AOZ kaum möglich.  Dafür liegt die Konzentration wieder auf der gemeinsamen Theorie für Humanmediziner und Zahnmediziner in der ersten Studienphase. Viele human- und zahnmedizinische Studiengänge sind da heute schon deutlich weiter und müssten das Rad zwanzig Jahre zurückdrehen. 

 

Damit die genannten Widersprüche zum Masterplan Medizinstudium 2020 nicht zu sehr auffallen, scheint man die Fristen zur Umsetzung der AOZ gegenüber früheren Entwürfen noch einmal deutlich vorverlegt zu haben. Das dürfte so manchen Planer an den Universitäten verwundern. Zu Recht, denn komplett überarbeitete Lehrpläne für beide Fächer schon zum 01.10.2018 vorzulegen, ist auf jeden Fall sehr sportlich. Immerhin kann man so für zwei Jahre reformiert Zahnmedizin studieren, bevor 2020 die nächste große Reform kommt. Schließlich muss mit dem Umbau des Medizinstudiums dann erneut das eng gekoppelte Zahnmedizinstudium erheblich angepasst werden. 

 

Auf jeden Fall stehen Studierende und Fakultäten so vor der Herausforderung, sich innerhalb kürzester Zeit auf gegenläufige Reformen einzulassen. Und es werden mehrere Jahre folgen, in denen gleich drei verschiedene Approbationsordnungen überlappend zur Anwendung kommen – je nach dem, wann sich die Studierenden eingeschrieben haben. 

 

Oder sollte man etwa aus all dem schließen, dass die Ministerien von Bund und Ländern nicht an eine Umsetzung des Masterplans bis 2020 glauben? Schließlich gibt es dafür ja auch noch keinerlei Finanzierungskonzept. 

 

Der BMG-Entwurf löst die Kostenfrage auf sehr eigene Weise. Die vermeintlich bessere Ausbildungsqualität soll mit sechs Prozent weniger Studienanfängern erkauft werden. Allerdings sind die finanziellen Folgen der AOZ selbst so reichlich optimistisch gerechnet.

 

So zum Beispiel die Annahme, dass ein Student bei einem Betreuungsverhältnis von drei Studenten pro Dozent die Füllung auf einmal viel schneller setzt als bei einer Relation von 1 zu 6. Konservative Schätzungen der Fakultäten kommen daher auf ein Mehrkosten von jährlich 66 Millionen Euro. Und ob und wie die Länder eine sechsprozentige Reduktion der Studienplätze tatsächlich umsetzen werden, ist offen.

 

Über all das ließe sich zwischen Bund und Ländern ja weiterverhandeln und vermutlich auch vernünftige Lösungen finden. Es scheint aber so, als sollte der jetzige Entwurf trotz aller Unzulänglichkeiten auf jeden Fall noch schnell vor der Wahl durch den Bundesrat gedrückt werden. Damit wären dann alle Punkte auf der Koalitionsliste des Bundesgesundheitsministeriums irgendwie abgehakt. Zwar haben einzelne Länder weiteren Diskussionsbedarf angekündigt und in den entscheidenden Ausschüssen Anfang September eine Vertagung beantragt, um den Entwurf sorgfältig prüfen zu können. So kurz vor der Bundestagswahl scheint aber jetzt die Parteiräson zu greifen. Es sieht so aus, dass die CDU/CSU-regierten Länder vor ihrem Bundesminister die Reihen schließen – selbst wenn sogar dort kaum einer an die postulierte Kostenneutralität glauben dürfte.

 

Unser dringender Appell ist daher, dass im Sinne der Studierenden und der Universitäten die Reform jetzt nicht aus wahlkampftaktischen Gründen übers Knie gebrochen werden sollte. Vielmehr sollten sich die Länder ausreichend Zeit nehmen, um die Finanzierung, die Umsetzung und die Fristen sorgfältig zu prüfen und eventuell Verbesserungsvorschläge zu unterbreiten. Auch sollte der Entwurf mit dem Masterplan Medizinstudium 2020 inhaltlich und organisatorisch besser abgestimmt werden. Dann wird es für die vermeintlich unendliche Geschichte der zahnärztlichen Approbationsordnung vielleicht doch noch ein Happy End geben anstatt eines nervenzerreibenden Cliff Hangers. 

 

Frank Wissing ist Generalsekretär des Medizinischen Fakultätentages (MFT). 

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Prädikat: ausgezeichnet

Bund und Länder verhandeln über die Fortsetzung des Profesorinnenprogramms. Ein Reformvorschlag steht besonders in der Diskussion – und wird hoffentlich umgesetzt.

HEUTE SITZEN DIE Wissenschaftsstaatssekretäre aus Bund und Ländern zusammen, um erneut über die Zukunft des Professorinnenprogramms zu beraten. 2008 gestartet, sollte es den Frauenanteil unter den Professoren steigern, und die größte Kritik an der bisherigen Initiative lässt sich in zwei Punkten zusammenfassen. Erstens: Es hätte ruhig mehr Geld dafür geben können. Und zweitens: Warum berücksichtigt das Professorinnenprogramm nur die Professorenebene? 

 

Kritik Nummer zwei ist nicht so trivial, wie sie sich zunächst anhört. Wenn doch alle von der mangelnden Planbarkeit wissenschaftlicher Karrieren sprechen und die Unsicherheit vor allem junge Frauen lange vor der Professur aus der Wissenschaft verdrängt, geht es dann an, die Gleichstellung vorrangig auf den Zielpositionen zu fördern? Andererseits: Ist nicht gerade auf der Professorenebene der zu geringe Frauenanteil am augenfälligsten?

 

Die Ministerialbeamten, die ihren Chefs die Vorlage geliefert haben für die heutige Sitzung der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz (GWK), haben einen geradezu genial einfachen Vorschlag gemacht: Es werden weiter nur Erstberufungen gefördert. Aber diejenigen Hochschulen, die sich besonders um die Nachwuchsförderung bemühen, bekommen als Belohnung eine Professur mehr als die anderen. >>



>> Konkret: Bislang ist das Profesorinnenprogramm mit 30 Millionen Euro jährlich dotiert, was auf, (Stand Anfang 2017) 250 geförderte Professorinnenstellen seit 2012 hinauslief. Die Hochschulen mussten zur Bewerbung ihre Gleichstellungskonzepte einreichen und konnten im Erfolgsfall bis zu drei Professuren gefördert bekommen. Handelte es sich – wie in vielen Fällen – nicht um vorgezogene Berufungen, sondern um Regelbesetzungen (also solche, die ohnehin anstanden) mussten die Hochschule verbindlich sagen, für welche "gleichstellungsfördernden Maßnahmen" sie die dank der Förderung eingesparten Mittel einsetzen wollen. Im künftigen Wettbewerb soll es nun zusätzlich für die 20 Hochschulen mit den „in Hinblick auf Personalentwicklung und -gewinnung auf dem Weg zur Professur besten“ Konzepten zur Belohnung eine vierte Stelle geben, dazu das Prädikat „Gleichstellung: ausgezeichnet“.

 

So haben es die Ministerialen ihren Staatssekretären vorgeschlagen, und warum man sie dafür besonders loben muss: Weil nicht alle Chefs die Idee gut finden. Einige fürchten etwa, kleine Hochschulen könnten benachteiligt werden. Die Gefahr besteht, doch wäre es schade, deshalb auf diese besondere Akzentsetzung in einem ohnehin schon recht breit angelegten Wettbewerb zu verzichten. 

 

Hoffentlich hat die GWK den Mut, bei der Idee zu bleiben. Sie würde dem Prestige des Programms guttun – und jenen Hochschulen Gerechtigkeit widerfahren lassen, die sich besonders um die Nachwuchsförderung kümmern. 

 

Noch ein bisschen mehr Mut können die GWK an anderer Stelle gebrauchen. Laut aktuellem Entwurf könnte das bisherige Programmvolumen auch das künftige sein. Es gebe bislang keinen anderslautenden einvernehmlichen Vorschlag, heißt es dazu trocken im Bericht an die Staatssekretäre. Was eine Enttäuschung wäre. Was, da die Fortsetzung schon zum 1. Januar 2018 beginnen soll, aber auch bedeutet: Eine schnelle erste Bewährungsprobe für die neue Bundesregierung. 

 

Dieser Kommentar erschien heute zuerst im ZEITChancen Brief. 


Schluss mit "Nachwuchs"

Auf Wunsch der Staatssekretäre wird in der künftigen Bund-Länder-Vereinbarung übrigens nicht mehr von "Nachwuchsförderung", sondern von "Personalentwicklung und -gewinnung auf dem Weg zur Professur" die Rede sein. Weitere geplante Neuerungen, etwa wie in der dritten Programmphase zwischen Erst-, Folge- und Drittanträgen unterschieden werden soll, hatte

ich in meinem Blogbeitrag vom 23. Juni aufgeführt. In dem damaligen Artikel hatte ich mich auch bereits ausführlich einer möglichen Aufstockung des Programmvolumens gewidmet, wie sie die Ministerialbeamten empfahlen. Womit letztere jedoch bislang offenbar kein Gehör bei ihren Chefs gefunden haben. 


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Bis die Eckpunkte rund sind

In der GWK diskutieren sie heute auch über einen ersten Entwurf des FH-Programms. Bei vielen Details ist man sich bereits einig. Größte Streitfrage: Wer zahlt wie viel?

Foto: Rhein-Mosel-Campus der Hochschule Koblenz. Hochschule KoblenzCC BY-SA 3.0

DIE TAGESORDNUNG, die die Staatssekretäre heute abzuarbeiten haben, verspricht auch abgesehen von der Zukunft des Professorinnenprogramms spannende Diskussionen. Vor allem TOP 2 hat es in sich: Personalgewinnung und -entwicklung an Fachhochschulen", kurz: das lang erwartete und viel diskutierte FH-Pendant zum Tenure-Track-Programm. 

 

Im April hatten die Minister in der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz (GWK) vereinbart, dass die Staatssekretäre ihnen bis November "Eckpunkte für ein gemeinsames Bund-Länder-Programm" vorlegen sollen, und zwar auf Grundlage der "Wissenschaftsratsempfehlungen zur Personalgewinnung und -entwicklung an den Fachhochschulen und sowie bestehende(n) Best-Practice-Beispiele(n)". November ist nun nicht mehr lange hin, und so enthält TOP 2 einen ersten Entwurf der besagten Eckpunkte, wie ihn die Fachleute in den Ministerien vorschlagen.  

 

Ziel des Programms, heißt es da in schönster Beamten-Prosa, sei es, den Fachhochschulen "bei der Gewinnung ihres professoralen Personals durch die nachhaltige Etablierung oder den Ausbau neuer struktureller Instrumente zur Rekrutierung und Qualifizierung zu unterstützen". Dass es sich eher um eine Breiten- als eine Spitzenförderung handeln wird, steht schon länger fest, wird in dem Entwurf aber noch einmal unterstrichen. 

 

Ansonsten halten sich die vorgeschlagenen Eckpunkte, was die "zu finanzierenden Maßnahmen" angeht, eng an den bereits bekannten Instrumentenkasten, wie ihn der Wissenschaftsrat in seinen Empfehlungen zu FH-Karrieren formuliert hatte, angefangen mit zeitlich begrenzten "Schwerpunktprofessuren mit durchschnittlich 11 Semesterwochenstunden Lehrdeputat", die abhängig vom jeweiligen Profil der Hochschule eine unterschiedliche Ausrichtung haben sollen.

 

Ebenfalls als mögliche Instrumente genannt werden "Kooperative Promotionen/ Promotionskollegs/ Kooperationsplattformen", darüber hinaus Tandemprogramme, die laut Entwurf "etablierte Berufspraktikerinnen und -praktiker mit fehlender Lehrerfahrung oder fehlender wissenschaftlicher Qualifikation" für eine Professur fitmachen sollen. Auch "Vernetzungsstrukturen" und nochmal "Kooperationsplattformen" werden erwähnt, die diesmal aber nicht der Promotion erfolgsversprechender Fachhochschulabsolventen dienen, sondern die "gute Vernetzung mit außerhochschulischen Partnern und anderen Hochschulen" verstärken oder überhaupt erst ermöglichen sollen, und zwar in vielen denkbaren Bereichen  von der Lehre über die Weiterbildung und die Forschung bis hin zum Transfer. 


Am Ende der Aufzählung förderfähiger Maßnahmen folgt eine Art Joker, der die Offenheit des Programms abseits der erwähnten Instrumente verdeutlichen soll: "Experimentierfeld für innovative Maßnahmen", haben die Fachleute ihn genannt, oder anders formuliert: Solange eine Fachhochschule gut begründen kann, warum ein Rekrutierungskonzept gerade zu ihr und an ihrem Standort passt, ist fast alles denkbar. 

 

Nun noch zu den Rahmenbedingungen des Programms: Die Auswahl der förderfähigen Konzepte  soll "expertengeleitet" ablaufen. Was genau das heißen könnte und wie die Experten bestimmt werden, ist noch offen. Gemessen werden die Hochschulen an der Qualität ihres strategischen Konzepts, das sich aus einer Stärken-Schwächen-Analyse ableiten soll. Das Konzept soll Fragen wie diese beantworten: Welchen qualitativen Mehrwert würde eine Förderung bringen, und wie passt es ins Profil der FH und ihres regionalen Umfelds? Wie zahlt das Konzept auf Chancengleichheit und Diversität ein, wie nachhaltig sind die beantragten Maßnahmen, wie stellt die Hochschule sicher, dass die angestrebten Ziele auch erreicht werden?

 
Nun zu den noch ungeklärten Streitpunkten. Der Bund will, dass alle Hochschulen in der Bundesrepublik in einem" rein qualitativen offenen Wettbewerb" miteinander konkurrieren, die Länder wollen – wenig überraschend – einen festen Betrag pro Land, wie es ihn beim Qualitätspakt Lehre oder dem Tenure-Track-Programm gibt. Es wäre eine –positive – Überraschung, sollte sich die Bundesregierung an dieser Stelle durchsetzen können.  

 

Die Fachhochschulen, befindet der Eckpunkte-Entwurf, seien in ihrer Strategieentwicklung und ihrer Strategiefähigkeit "unterschiedlich aufgestellt", was eine nette Untertreibung ist angesichts ihrer enormen Heterogenität. Der Bund schlägt deshalb vor, dem eigentlichen Wettbewerb eventuell eine einjährige Vorphase voranzustellen, in der zunächst die Strategieentwicklung selbst gefördert werden könnte. Eine Idee, die die meisten Länder jedoch für verzichtbar halten. 

 

Offen ist zudem, ob sich nur einzelne Fachhochschulen oder auch Verbünde um Mittel bewerben können. Auch wird diskutiert, ob anders als etwa beim Qualitätspakt Lehre oder der "Innovativen Hochschule" diesmal die privaten Hochschulen mitmachen dürfen. Der Bund will das, die Länder lehnen die Öffnung ab. 

 

Und wieviel Geld soll es für das Programm geben? Die Länder fordern wie beim Tenure-Track-Programm eine Milliarde Euro Bundesmittel auf zehn Jahre. Selbst dazu geben wollen sie nichts, ihr Beitrag sei bereits durch die Grundfinanzierung erbracht. Der Bund pokert angesichts der bevorstehenden Bundestagswahl auf recht durchsichtige Art und Weise: Das Volumen sei "abhängig von inhaltlicher Ausgestaltung", und ohne eine Mitfinanzierung der Länder in Höhe von 50 Prozent werde das nichts. 

 

Nach Sicht des Bundes soll übrigens nach maximal zwei Ausschreibungen und damit zehn (oder inklusive Strategiephase bis zu 12) Jahren Schluss sein mit dem FH-Programm. Die Länder sagen: Lasst uns das von der vorgesehenen Evaluation des Programms abhängig machen. Man könnte also auch an dieser Stelle sagen: keine Überraschung. 

 

Überraschend wäre, wenn Bund und Länder sich auf der vorliegenden Grundlage nicht bald einig werden könnten. Wobei sich beide Seiten werden bewegen müssen: Der Bund muss schnell nach der Wahl Farbe bekennen, was er zu investieren bereit ist, und die Länder müssen mehr als nur ihre Nehmerqualitäten unter Beweis stellen. Das schon aus anderen Verhandlungen altbekannte Argument, ihr Anteil sei ja durch die Grundfinanzierung längst erbracht, wäre dann vielleicht triftig, wenn diese Grundfinanzierung denn auskömmlich wäre. So aber ist es eigentlich nur peinlich. 

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13 Thesen zur Wissenschaftsfreiheit

Welche Bedeutung die Wissenschaft für unsere offene Gesellschaft hat – und wie wir sie gegen Anfeindungen verteidigen. Ein Gastbeitrag von Kai Gehring und Philipp Antony.

Foto: Science March Berlin Presse/Bernd Wannenmacher: "March for Science Berlin", CC BY 2.0

WIR LEBEN IN bewegten Zeiten. Weltweit erstarken autoritäre, nationalistische und populistische Strömungen. Sie richten sich gegen Pluralität, Weltoffenheit und Toleranz. Sie operieren mit «Fake News» und erzeugen ein wissenschaftsfeindliches Klima. Autokratische Regime beschneiden systematisch die Freiheit wissenschaftlicher Institutionen und weiten dadurch ihren Machtanspruch aus. In vielen Ländern werden Wissenschaftler/innen gegängelt oder müssen gar um ihr Leben fürchten. Andernorts stellen Populisten die Erkenntnisse der Klimaforschung in Abrede oder feinden die Genderforschung an. Sie versuchen, gesellschaftliche Wandlungsprozesse aufzuhalten und Errungenschaften zurückzunehmen.

 

Diese Entwicklungen stellen Grundfesten der Wissenschaftsfreiheit infrage. Damit stehen die offene Gesellschaft und die Demokratie in Gänze auf dem Spiel. In einer solchen Situation kommt es darauf an, Werte zu verteidigen, die für die Wissenschaft wie für eine freie Gesellschaft konstitutiv sind.

 

Längst ist die Scientific Community alarmiert: Welche Impulse müssen aus der Wissenschaft kommen, um Anfeindungen und Infragestellungen zu begegnen? Wie kann die Politik Wissenschaftler/innen darin stärken, ihre Bedeutung für eine freie, innovative und offene Gesellschaft zu vermitteln? Doch nicht nur Expert/innen, sondern wir alle sind aufgefordert zu handeln. Es geht um viel.

 

Wissenschaftsfreiheit

Die Wissenschaft ist Gradmesser einer freiheitlichen und offenen Gesellschaft. Sie ist konstitutiv für eine Gesellschaft, die es versteht, sich weiterzuentwickeln, ihre ökonomische und soziale Innovationskraft zu entfalten, sich zu hinterfragen und sich auch immer wieder neu zu erfinden. Wissenschaftsfreiheit bedeutet, der wissenschaftlichen Neugierde nachgehen zu dürfen und Thesen frei entwickeln und diskutieren zu können. Sie lebt von freiem Zugang zu bestehendem Wissen und zahlt ihre Dividenden in Erkenntnissen, Innovationen, Analysen, Gewissheiten, Zweifeln und Ideen an die Gesellschaft zurück. Dabei verlangt die Wissenschaftsfreiheit der Gesellschaft einiges ab, denn es geht um eine sogenannte unkonditionierte Freiheit: Frei von politischen oder ökonomischen Zwängen und Zwecken entfaltet die Wissenschaft erst ihr volles Erkenntnispotenzial. Um als Ideengeber, Berater, Innovator, Stütze, Treiber und auch Mahner der Gesellschaft wirken zu können, ist Wissenschaft auf ein Umfeld angewiesen, das sie fördert, stützt, kritisiert und auch mit einem Vertrauensvorschuss ausstattet. In einem freiheitlichen und demokratischen Rechtsstaat braucht die Freiheit der Wissenschaft daher klare und stabile Voraussetzungen und Rahmenbedingungen sowie aktives Engagement von Wissenschaft, Bürgerschaft und Politik.

 

Grundlagen stärken

Die Bedeutung einer freien Wissenschaft für die Gesellschaft ist in Deutschland in Artikel 5 des Grundgesetzes fest verankert. Wie alle Institutionen des demokratischen Rechtsstaates sind auch die Hochschulen und Forschungseinrichtungen nicht unabhängig von der gesellschaftlichen Entwicklung. Auch für sie gilt, was Ernst-Wolfgang Böckenförde 1976 formuliert hat: «Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.» Im Falle der Wissenschaft ist es neben der Anerkennung von Menschenrechten, demokratischen und rechtsstaatlichen Regeln vor allem die Übereinkunft, dass die Regeln der Logik und des rationalen Arguments gelten. Geht diese Übereinkunft in der Gesellschaft verloren, können auch staatliche Normen die Wissenschaft und ihre Freiheit nicht schützen. Zentrale Grundlagen der Wissenschaftsfreiheit sind daher sowohl Bildung, die zu Selbständigkeit und Freiheit befähigt, als auch der breit geführte gesellschaftliche Diskurs. Sogenannte Blasen oder «bubbles» lassen als rein bestätigende, höchstens noch kreative Räume keinerlei argumentativen Austausch mehr zu.

 

Freiheit verteidigen

In einer Zeit, in der verstärkt freiheitliche Kernpositionen infrage gestellt werden, muss sich auch die Wissenschaft als robust und wehrhaft erweisen. Ein positives Beispiel dafür war der weltweit aufgegriffene «March for Science». Die Verletzlichkeit der Wissenschaft beginnt jedoch nicht erst bei der Verfolgung von Wissenschaftler/innen oder dem Schließen von Hochschulen, sondern schon beim Druck auf die Finanzierung oder bei der politischen Instrumentalisierung von Forschungsergebnissen. Die Leidenschaft, mit der Forschende Fragen stellen und auch scheinbar Unverrückbares hinterfragen, trifft in einer komplexer werdenden Welt auf immer mehr Menschen, die ihre Gewissheiten behalten wollen, weil sich für sie schon zu vieles zu schnell ändert. Öffentlich finanzierte Wissenschaft steht daher vor einer neuen zusätzlichen Herausforderung: Neben der Qualitätssicherung durch «peer review» ist eine Kommunikation mit und in der Öffentlichkeit notwendig, die die gesellschaftliche Verantwortung der Wissenschaft spiegelt. Das ist nicht nur Aufgabe der Wissenschaft selbst, sondern auch der Politik, der organisierten gesellschaftlichen Öffentlichkeit und der Medien.

 

Mit den folgenden 13 Thesen zur Wissenschaftsfreiheit laden wir zu einem Austausch ein, von dem wir alle profitieren können.

 

1. Wissenschaftsfreiheit braucht Einsatz – von innen und außen

Wissenschaftsfreiheit braucht Rechtssicherheit als einen Rahmen von außen und «Innendruck» als Praxis von innen. Nur dann kann in einem ständigen Prozess die Balance zwischen «Freiheit wovon?» und «Freiheit wozu?» gefunden werden. Den freiheitlichen Rahmen zu setzen, zu gewähren und für die Wissenschaft positiv und förderlich zu gestalten, ist Aufgabe des Staates in seinen demokratischen und rechtsstaatlichen Verfahren. Diese Freiheit zu nutzen und in Verantwortung mit Leben zu füllen, ist ureigenste Aufgabe von Wissenschaftler/innen. Dazu gehört auch, sich um die Verbindung zur Gesellschaft zu bemühen, sie wertzuschätzen und weiterzuentwickeln. 

 

2. Wissenschaft institutionell sichern

In einem Staat, der der Wissenschaftsfreiheit verpflichtet ist, dürfen und sollen auch Fragen erforscht werden, die politisch inopportun, unbequem oder sogar unerwünscht sind. Deshalb muss es wissenschaftliche Institutionen geben, in denen Wissenschaft frei von politischem Druck sein und sich gegen Einflussnahmen von außen mit rechtsstaatlichen Mitteln wehren kann. Jenseits der Institutionen sind Rationalität und das Abwägen von Argumenten Grundpfeiler des Rechtsstaates. Bildung und Wissenschaft sind die Instrumente, mit denen eine Gesellschaft diese Grundvoraussetzungen schafft und verankert.

 

3. Wissenschaft finanziell sichern

Die Grundfinanzierung von Wissenschaftseinrichtungen – seien es Hochschulen oder außeruniversitäre Forschungseinrichtungen – muss ausreichend sein, um bei Personal, Lehre, Forschung und Transfer stabile Strukturen und Perspektiven zu ermöglichen. Die wettbewerbliche Geldvergabe muss für das Zusätzliche angeboten werden, nicht für den Kernbereich.

 

4. Unabhängigkeit der Wissenschaft sorgfältiger achten

Oft zieht die Politik zur Legitimation von Entscheidungen wissenschaftliche Erkenntnisse heran. Diese Rolle der Wissenschaft als wirkmächtige Legitimationsinstanz für politische Entscheidungen bringt Wissenschaftler/innen in eine unbequeme Rolle: Sie geraten in ein Feld der öffentlichen Auseinandersetzung, das nicht den Regeln ihres Fachs, standardisierten Methoden und Peer-Review unterliegt, sondern ganz anderen Maßstäben und Überzeugungstechniken. Gleichzeitig ist Wissenschaft selber nicht nur unabhängiger Akteur, sondern in ihrer Rolle als Politikberater auch mit Interessen unterwegs. Jeder Verdacht, dass die Unabhängigkeit der Wissenschaftler/innen bzw. ihrer Forschungseinrichtungen beeinträchtigt ist oder Interessen nicht offengelegt werden, schwächt beide Beteiligten: Wissenschaft und Politik. 

 

5. Kein politisches «Eigentum an Wissen»

Wissenschaftliche Ergebnisse, die mit öffentlichen Mitteln gefördert wurden, sind niemals Eigentum von Exekutive oder Legislative. Daher steht staatlichen Seiten auch nicht zu, öffentlich gefördertes Wissen für sich zu behalten oder den Zugang nach politischen Kriterien zu reglementieren. Wenn Sicherheitsbedenken bestehen – etwa in der biologischen oder medizinischen Forschung – müssen sie in einem transparenten Verfahren behandelt und öffentlich diskutiert werden. 

 

6. Vertrauensvorschuss sorgsam bewahren

Die öffentliche Finanzierung von Wissenschaft basiert auf einem gesellschaftlichen Vertrauensvorschuss. Dieser muss von der Wissenschaft immer wieder neu erworben werden. Dazu gehören permanentes Qualitätsbemühen und eine positive Fehlerkultur, Transparenz, Grundlagenforschung und Arbeiten zu den großen Herausforderungen, Exzellenzverpflichtung, Rechenschaftspflichten, Ernstnehmen der Lehre und gute Betreuung von Studierenden sowie ein Bemühen um Gesellschaftskontakt.

 

7. Fragen und Antworten verständlich kommunizieren

Die Wissenschaft steht vor der Herausforderung, dass ihre Fragestellungen und Erkenntnisse auch in öffentlichen Debatten auf dem Prüfstand stehen, die nicht von Fachleuten geführt werden. Stärker als bisher sollte daher die gute Kommunikation von wissenschaftlichen Prozessen und Inhalten in die Gesellschaft hinein selbstverständlicher Teil ihrer Arbeit werden.

 

8. Begegnung zwischen Wissenschaft und Gesellschaft stärken

Rationalität als Grundpfeiler eines Rechtsstaates braucht die Verankerung in der Gesellschaft. Das geschieht unter anderem durch Vielfalt bei den Forschenden wie auch durch mehr Möglichkeiten des Austausches zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Die Bedeutung von Wissenschaft muss für Menschen auch in ihrem Alltag persönlich erfahrbarer werden. Dazu sollte Wissenschaft auch Orte aufsuchen und in Zusammenhängen sichtbar werden, die bislang für sie ungewöhnlich sind, so im Quartiersmanagement. An partizipativen Forschungsansätze, bei denen sich Forschung und Gesellschaft austauschen, gibt es unterschiedliche Spielarten: von Open Science über Bürgerwissenschaft bis hin zu Reallaboren. 

 

9. Wissenschaftsdiplomatie stärken

Um die Wissenschaftsfreiheit in anderen Staaten zu fördern, ist eine «Science Diplomacy» nötig. Zu dieser Wissenschaftsdiplomatie gehört eine aktive Außenwissenschaftspolitik, die jeden internationalen Kontakt und Besuch auch zur Stärkung der dortigen nationalen Bildungs- und Forschungslandschaft wie auch der internationalen Bildungs- und Forschungskooperation nutzt. Eine besondere Rolle können dabei transnationale Bildungsprojekte, Hochschulkooperationen und der Austausch übernehmen. 

 

10. Rechtliche Absicherung international durchsetzen

Wo Hochschulgesetze zur Abschottung und zur Unterdrückung von Wissenschaft genutzt werden sollen, muss die Bundesregierung deutlich widersprechen. Wo das innerhalb der EU geschieht, müssen die vertraglich vereinbarten Konsequenzen bis hin zum Vertragsverletzungsverfahren auch gezogen werden. 

 

11. Wissenschaft auf die Agenda

Besonders erschreckend ist Wissenschaftsfeindlichkeit dort, wo sie scheinbar mit demokratischen Mitteln bestärkt und installiert wird. Von einem Militärherrscher in Ägypten überrascht es nicht, wenn er die Freiheit der Wissenschaft nicht akzeptiert. Von Regierungschefs eines EU-Mitgliedsstaates erwartet man dies jedoch, erst recht vom Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. Egal ob Physikerin, Buchhändler oder Jurist: Wer Deutschland bei Staatsbesuchen repräsentiert, sollte in Zukunft immer auch «die Wissenschaft» treffen, ihr damit Aufmerksamkeit und Anerkennung geben.

 

12. Wissenschaftler/innen im Exil unterstützen

Wo Wissenschaftler/innen verfolgt oder ins Exil getrieben werden, müssen freiheitliche Staaten für sie einstehen. Wenn die Lage in deren Heimatland nicht besser wird, sollten staatliche und zivilgesellschaftliche Initiativen den Hochschulen und Forschungseinrichtungen in Deutschland die Chance geben, bedrohte Wissenschaftler/innen aufzunehmen. Angesichts zunehmender Bedrohung sollten alle Beteiligten ihr Engagement schnellstmöglich und langfristig ausweiten.

 

13. Austausch auf allen Stufen

Auch Studierende genießen Wissenschaftsfreiheit. Ihre Freiheit geht weiter als bloß belehrt zu werden. Forscherischer Neugier nachzugehen, um die Welt verstehen zu können, ist ein Grundrecht, dem im nationalen wie internationalen Kontext weder politische Auffassungen noch religiöse Dogmen entgegengehalten werden dürfen. Wo junge Menschen aller gesellschaftlichen Gruppen und Schichten an die Hochschulen kommen, können sie den Vorwurf der Populisten überzeugend entkräften, «die Wissenschaft» sei – genauso wie «die Politik» – eine abgehobene und elitäre Gruppe. Offene Hochschulen sind daher in jeder Hinsicht eine Basis für offene Gesellschaften.

 

Kai Gehring ist grüner Bundestagsabgeordneter und Fraktionssprecher für Hochschulen und Wissenschaft. Philipp Antony ist Referent für Bildung und Wissenschaft der Heinrich-Böll-Stiftung. 


Dieser Beitrag ist die gekürzte Version eines Essays, den die Autoren heute in der E-Paper-Reihe der Heinrich-Böll-Stiftung veröffentlichen. Sie finden ihn hier. Was denken Sie zu den 13 Thesen? Diskutieren Sie mit!

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Blick zurück (6)

Seit 20 Jahren beschäftigte ich mich mit Hochschulen, Bildung und Wissenschaft. Viel ist passiert in dieser Zeit, vieles davon durfte ich als Journalist begleiten. Der Blick zurück zeigt, wie aktuell einige meiner Themen von einst geblieben sind – obwohl sich fast alles verändert hat. Machmal allerdings auch, weil sich fast gar nichts verändert hat. Der sechste Teil einer Serie.

"Das haben wir nicht gewollt"

Der Bachelor in sechs Semestern führt zur Überfrachtung des Studiums. Es wird Zeit, das zu ändern. 

(erschienen in der ZEIT vom 25. Oktober 2007)

 

EIGENTLICH KÖNNTE ALLES so schön sein. Harro Müller-Michaels, emeritierter Germanistik-Professor aus Bochum, könnte sich zurücklehnen, selbstzufriedene Reden halten und sich von den anderen für sein Werk loben lassen. Stattdessen muss er Fragen seiner Kollegen beantworten. »Was hast du uns da nur eingebrockt?«, klagen sie. Und er sagt: »So war das nie geplant.«

 

Harro Müller-Michaels ist einer der Väter der Bologna-Reform, der europaweiten Umstellung auf die international vergleichbaren Studienabschlüsse Bachelor und Master. Die Ruhr-Universität war die erste große Hochschule in Deutschland, die den Bachelor eingeführt hat, vor mittlerweile 15 Jahren, und Müller-Michaels hat damals voller Enthusiasmus dafür gesorgt, dass die Geisteswissenschaften ganz vorn mit dabei waren. »Wir wollten die extrem hohen Abbrecherraten senken, endlich eine didaktische Ordnung ins Studium bringen«, sagt er heute. »Das haben wir auch geschafft. Doch dass dieses modularisierte Klein-Klein der Preis für den Erfolg ist, das haben wir nicht gewollt.«

 

Kritik an Bologna ist nichts Neues, seit Europas Wissenschaftsminister sich 1999 auf das ambitionierte Reformprojekt geeinigt hatten, im Gegenteil: Zunächst waren es vor allem die Geisteswissenschaften, die Verrat an Humboldtschen Bildungsidealen witterten, später dann die Ingenieure, die ihr Diplom als vermeintlich unverzichtbares Markenzeichen zu verteidigen suchten. Bis heute stemmen sich vor allem Juristen und Mediziner gegen den Abschied vom Staatsexamen. Doch der Fall von Müller-Michaels liegt anders: Hier meldet sich einer zu Wort, der seit Jahren für die Reform kämpft, der sie selbst jetzt noch als den »einzigen Ausweg aus der Hochschulmisere« preist. Der Angst davor hat, dass die endlich schwindende Zahl erbitterter Bologna-Gegner seine Warnung für ihre Zwecke missbrauchen könnte – und deshalb mit dem Aufschrei gewartet hat. Genau das macht seine Kritik so bemerkenswert: Die Studienreform droht in Deutschland längst nicht mehr am Widerstand vermeintlicher Besitzstandswahrer zu scheitern, 61 Prozent aller Studiengänge sind bereits umgestellt. Echte Gefahr droht dem europäischen Traum inzwischen von ganz anderer Seite – von seinen Befürwortern, ihrem Übereifer und ihrer Fantasielosigkeit.

 

Die Misere, die sie zu verantworten haben, ist so einfach wie verheerend: In einer Mischung aus Herdentrieb und falsch verstandenem Streben nach bundesweiter Einheitlichkeit haben sich die Hochschulen fast ausnahmslos für einen sechssemestrigen Bachelor entschieden – und sich damit ohne Not ein allzu enges Korsett geschnürt. »Die Folge ist ein völlig überfrachtetes Studium, das keinen Raum mehr lässt für das eigentlich Wichtige«, sagt Müller-Michaels. Das eigentlich Wichtige wäre: mehr Zeit fürs Auslandsstudium, mehr Grundlagenwissen und in den Geisteswissenschaften möglichst eine Zwei-Fächer-Struktur wie früher beim Magister.

 

Dabei sieht die Bologna-Vereinbarung eine Sechs-Semester-Struktur keineswegs als verpflichtend vor. »Die nötige Flexibilität ist eigentlich da«, sagt Peter Zervakis vom Bologna-Zentrum der Hochschulrektorenkonferenz. »Die Programme können zwischen sechs und acht Semestern dauern.« Dass sich die meisten Hochschulen dennoch für die Minimalvariante entschieden haben, habe auch mit dem Spardiktat der Bundesländer zu tun, betont Dieter Lenzen, Präsident der Freien Universität: »Durch die Zielvereinbarungen mit dem Land sind wir verpflichtet, mehr Absolventen in der Regelstudienzeit zum Abschluss zu bringen. Das läuft in der Praxis auf die sechs Semester hinaus.«

 

Wie dramatisch die Folgen des Sparbachelors sind, hat eine Studie des Hochschul-Informations-Systems kürzlich bewiesen: Nur 15 Prozent der Bachelorstudenten gehen ins Ausland – im Vergleich zum 30-Prozent-Schnitt aller Studenten. Dabei war eines der meistzitierten Bologna-Versprechen ja eben, die internationale Mobilität zu erhöhen. Dafür, auch das belegt die Studie, wechseln überdurchschnittlich viele Jungakademiker für den Master ins Ausland – mit wiederum negativen Konsequenzen für den Wissenschaftsstandort Deutschland, denn zu viele der Besten kehren auch für die Promotion nicht mehr in die Heimat zurück. Der einzig sinnvolle Ausweg, darin sind sich die meisten Experten einig, wären sogenannte Mobilitätsfenster, die den Auslandsaufenthalt als verpflichtenden Bestandteil des Studiums vorsehen. An der Freien Universität haben sie das kürzlich wieder einmal diskutiert – und sich einhellig dagegen entschieden: In sechs Semestern sei das nicht zu machen.

 

Der Generalsekretär des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD), Christian Bode, schlägt daher vor, Interessierte sollten »ein weiteres Semester oder auch ein ganzes Jahr« an den Bachelor dranhängen, das diese dann an einer Uni im Ausland verbringen würden, um sich anschließend im Unterschied zu den Nesthockern »internationale Bachelor« nennen zu dürfen. Anderen Experten geht Bodes Vorschlag indes nicht weit genug: Sie wollen ein zusätzliches Semester für alle Studenten, damit feste Auslandsfenster in allen Studiengängen möglich werden.

 

Der Sechs-Semester-Bachelor errichtet nicht nur Schranken auf dem Weg ins Ausland, auch in anderer Hinsicht erweist er sich als Irrweg. So wollen bis 2012 fast alle Bundesländer die Schulzeit auf zwölf Jahre verkürzen. Dabei galt ebenjenes deutsche Extrajahr bis zum Abi als Rechtfertigung dafür, warum der deutsche Bachelor etwa im Vergleich zu seinem US-Pendant zwei Semester kürzer war. Dieses Argument entfällt jetzt. »Die Erstsemester werden in Zukunft deutlich jünger sein, weniger Grundlagenwissen mitbringen«, sagt Müller-Michaels. »Die Hochschulen müssen das ausgleichen« – etwa in einer fächerübergreifenden Eingangsphase von einem oder zwei Semestern – die Leuphana Universität Lüneburg hat sie bereits eingeführt.

 

Schließlich könnte ein längerer Bachelor ein weiteres Problem lösen, das durch den Übereifer einiger Reformer entstanden ist. Ein großes Plus der Magisterstudiengänge war die Praxis, zwei oder mehr Fächer kombinieren zu können. Allzu viele Hochschulen stellten jedoch auf Ein-Fach-Bachelor um. Dabei ist es gerade in den Geisteswissenschaften sinnvoll, sich auch beim Bachelor eine große Breite und Flexibilität zu erhalten. Zurzeit gibt es nur einige wenige Universitäten wie die Ruhr-Uni oder die FU Berlin, die überhaupt noch Kombinationsmodelle anbieten.

 

Doch während etwa die Ruhr-Uni einen echten Zwei-Fach-Bachelor anbietet, hat die FU sich angesichts der knappen Zeit für ein Ein-Fach-Modell mit Zusatzfach entschieden. »Wir gehen den Mittelweg, damit man wenigstens ein Fach richtig beherrscht«, sagt Dieter Lenzen. Doch genau diese Angst vor der Doppelschmalspur ist es, die an den meisten Unis zum Totalabbau des alten Kombinationsmodells geführt hat – ein Verlust, den ein längerer Bachelor beheben könnte.

 

»Die Hochschulen sollten ihren Gestaltungsspielraum voll nutzen«, sagt Zervakis von der HRK. Acht Semester bis zum Bachelor, das könnte die Lösung sein. Das strebt auch Lenzen an – unter zwei Bedingungen: »Alle müssen mitmachen. Und der Master muss so verkürzt werden, dass das Studium insgesamt nicht länger als zehn Semester dauert.« Zwei Bedingungen, die so grundlegend sind, dass ihre Erfüllung in absehbarer Zeit praktisch ausgeschlossen ist. So bleibt es bei der nüchternen Bilanz: Bologna macht die Uni studentennäher, schneller, effizienter. Aber auch starrer, langweiliger, weniger vielfältig. Die Vorteile darf man getrost der Reform zuschreiben. Die Nachteile dagegen ihrer allzu deutschen Auslegung.

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Eine "Nationale Bildungsallianz", die vor allem Symbolwert hat

Das Versprechen von SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz, massiv in Kitas und Schulen zu investieren, ist nicht neu. Trotzdem hat seine Botschaft von heute große Bedeutung.

Martin Schulz (mit Mikrofon) und die sieben SPD-Ministerpräsidenten Michael Müller, Stephan Weil, Malu Dreyer, Manuela Schwesig, Dietmar Woidke, Carsten Sieling und Olaf Scholz. Foto: SPD-Parteivorstand

NATÜRLICH IST DAS Wahlkampf. Natürlich sagt es in Wirklichkeit recht wenig über die Bereitschaft der Länder aus, den Bund bei der Bildung mitreden zu lassen, wenn die SPD vier Wochen vor der Wahl die SPD-Ministerpräsidenten auffährt, um gemeinsam mit Martin Schulz die "Nationale Bildungsallianz" auszurufen. Aber ein eindrucksvolles Bild ist es schon, eines mit Symbolkraft: Bund und Länder wollen an einem Strang ziehen. Na ja, zumindest die anwesenden sieben SPD-Regierungschefs und der Mann, der Bundeskanzler werden will. 

 

Der heutige Pressetermin, bei dem die Sozialdemokraten ihre Bildungsstrategie für nach der Bundestagswahl vorstellten, war gleich in mehrfacher Hinsicht ein Einerseits-Andererseits. 

 

Einerseits: Wirklich neu war schon die Idee der Bildungsallianz nicht, die Sozialdemokraten haben sie unter exakt demselben Titel im vergangenen Herbst schon einmal präsentiert. Auch die 12 Milliarden Euro, die allein der Bund nach Wunsch der Sozialdemokraten nach dem Wegfall des Kooperationsverbots in selbige Allianz von Bund, Ländern und Kommunen investieren soll, gehören seit Monaten zu den SPD-Standardversprechen.

 

Andererseits war der heutige Auftritt von Martin Schulz und aller amtierenden SPD-Ministerpräsidenten eben doch ein wichtiger – und ein richtiger dazu. Die Sozialdemokraten stellen die Bildung einmal mehr in den Mittelpunkt ihrer Kampagne, man könnte sogar sagen: In der Endphase eines schwierig verlaufenden Wahlkampfes setzt Schulz wenn auch nicht alles, so doch ziemlich viel auf die Karte Bildung. Zumindest schon einmal rhetorisch. Was man von der Union nicht behaupten kann. Für den Stellenwert der Kitas und Schulen, der Hochschulen und Ausbildungsbetriebe im Land hat das nie so schön wie heute inszenierte SPD-Commitment große Bedeutung.

 

Einerseits: Auch heute wieder haben die Sozialdemokraten das Ärgernis Kooperationsverbots höher gehängt, als ihm zusteht. Seine Abschaffung per se spielt eben nicht die zentrale Rolle für mehr Bildungsgerechtigkeit und eine auskömmlichere Finanzierung von Schulen und Kitas, die Sozialdemokraten, Linke, neuerdings die FDP und weite Teile der Grünen sich demonstrativ von ihr erhoffen. Warum das so ist, habe ich in meinem Beitrag vom Freitag aufgeschrieben.

 

Andererseits wäre es eben doch zu begrüßen, schon aus verfassungsästhetischen Gründen, wenn das Kooperationsverbot beseitigt würde. Da sei SPD-Generalsekretär Hubertus Heil sogar die Behauptung verziehen, es sei 2006 die Union gewesen, die dieses „unselige Kooperationsverbot“ durchgesetzt habe. In Wahrheit gab es in der damaligen Großen Koalition auch viele Sozialdemokraten, die das Verbot nicht nur aus machttaktischen Gründen, sondern aus Überzeugung befürworteten, und die Verfassungsänderung wurde mit den Stimmen der Union UND der Sozialdemokraten gegen den Widerstand der Grünen und der Linken beschlossen – und übrigens auch gegen die Stimmen der FDP. 

 

Einerseits ist die vollmundige Ankündigung, durch die Bildungsallianz mehr Vergleichbarkeit im Schulwesen schaffen zu wollen, irgendwie unscharf, weil die Kultusministerkonferenz in einem seit Jahre andauernden Prozess an mehr Einheitlichkeit und gemeinsamen Standards arbeitet – und die ersten fünf Länder, die 2010 einen gemeinsamen Abituraufgaben-Pool vereinbart hatten, waren mehrheitlich unionsregiert.

 

Andererseits ist es eben doch eine bemerkenswerte Botschaft, wenn sieben Ministerpräsidenten öffentlich erklären, sich einer stärkeren Standardsetzung auch unter Mitwirkung des Bundes nicht verweigern zu wollen. 

 

Einerseits klingt es gut, wie Schulz heute bei der Pressekonferenz erklärte, bei der Bundestagswahl am 24. September werde auch darüber entschieden, ob Deutschland Haushalts-Überschüsse in Bildung oder in Aufrüstung investieren werde.

 

Andererseits ist so eine Aussage dann aber doch allzu holzschnittartig, weil sicherlich auch ein SPD-Bundeskanzler mehr für Verteidigung wird ausgeben müssen. Die Frage ist eben nur: wieviel mehr.  

 

Womit Schulz jedoch vollkommen Recht hat und wir wieder am Anfang sind: Wie gut es um Schulen, Kitas und Hochschulen tatsächlich bestellt ist, hat wenig mit Paragraphen (und dem Kooperationsverbot) und viel mit den Haushaltsprioritäten zu tun – übrigens auch und gerade in den Bundesländern. Die 12 Milliarden Euro vom Bund, wenn sie denn kommen, können da nur der Anfang sein. Erst recht wenn man bedenkt, dass angesichts der SPD-Versprechungen von kostenfreien Kitas und einer Million neuer Ganztagsplätze das Geld schon verfrühstückt sein wird, bevor überhaupt an eine Beseitigung des Investitionsstaus im Bildungssystem gedacht werden kann (siehe hierzu auch die heute von der Bertelsmann-Stiftung erhobene Forderung, um des qualitativen Ausbaus willen erstmal nicht auf die Elternbeiträge zu verzichten). Wobei die SPD abwinkt: Nein, nein, die 12 Milliarden seien allein für die Investitionen gedacht – aber wie dann der Rest finanziert werden soll, sagt sie nicht.

 

Und doch: Auch wenn nicht nur Erhellendes, höchstens teilweise Neues, aber auch viel Ungefähres in den heute veröffentlichten "sieben Eckpunkten für eine Nationale Bildungsallianz" steht, am Ende ist es vor allem die Geste, die zählt. Und mit der ist Schulz heute erfolgreich in die Offensive gegangen. 


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Das große Schaulaufen

In San Francisco trafen sich am Wochenende hunderte deutsche Postdocs mit der deutschen Wissenschaftselite. Eine erfolgreiche Veranstaltung – und doch muss die GAIN-Jahrestagung neu ausgerichtet werden.

Foto: Screenshot der GAIN-Website
Foto: Screenshot der GAIN-Website

HEUTE MORGEN DÜRFTE auf den Transatlantikflügen, die von der US-Westküste nach Europa unterwegs sind, auffällig viel Deutsch gesprochen werden. Die deutsche Wissenschaftselite befindet sich auf der Rückreise. 

 

Gestern ist sie zu Ende gegangen, die 17. GAIN-Jahrestagung, bei der 500 Deutsche in einem Hotel in San Francisco drei Tage lang über Exzellenzstrategie, Tenure Track und Karrierechancen an Fachhochschulen diskutiert haben. 

 

GAIN steht für „German Academic International Network“, laut Selbstbeschreibung handelt es sich um ein „Netzwerk für deutsche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Nordamerika“, doch wer deshalb eine Graswurzelbewegung vermutet, irrt. Hinter der Initiative stehen drei Tanker der staatlichen Wissenschaftsförderung, die Deutsche Forschungsgemeinschaft, der Deutsche Akademische Austauschdienst sowie die Humboldt-Stiftung, und ihr erklärtes Ziel lautet: die zumeist jungen Forscher auf die Rückkehr nach Deutschland „vorzubereiten“.  >>



>> Allerdings hat sich die GAIN-Tagung über die Jahre auch zu einem Forum der Beschäftigung der eigens angereisten Hochschulrektoren, Forschungslenker und Politiker mit sich selber entwickelt. Fernab der Heimat habe man noch Zeit, in Ruhe miteinander ins Gespräch zu kommen, schwärmen sie. Und so kommt es vor, dass zu Mittag an einem Tisch hoffnungsfrohe Postdocs sitzen, während am nächsten die Wissenschaftsstrategen die neuesten Deals bereden oder Insider-Infos austauschen. Immerhin: Bei der Talentmesse, der digital angebahnten Kontaktbörse oder den vielen Podien kommen die Jungen mit den Alten dann doch in intensive Gespräche. 

 

Mit Spannung war vor der diesjährigen Tagung erwartet worden, ob sich das Werben um die Gunst des Nachwuchses mit kriegsgewinnlerischen Untertönen vermischen würde nach dem Motto: Je stärker US-Präsident Donald Trump die Wissenschaft mit Füßen tritt, desto strahlender stehen wir in Deutschland da. Bis auf grenzwertige Ausnahmen (Humboldt-Präsident Helmut Schwarz nannte Trump einen „Trottel“) beherrschte jedoch eine angenehme Zurückhaltung die Reden. Die USA seien ein herausragender Wissenschaftsstandort und würden es bleiben, sagte etwa Cornelia Quennet-Thielen, Staatssekretärin im Bundesforschungsministerium. Dies liege auch im deutschen Interesse. 

 

Also alles fein? Nicht ganz. GAIN sieht sich zunehmend mit einer existentiellen Herausforderung konfrontiert: Ist es in einer globalisierten Wissenschaftswelt noch angemessen, auf einer größtenteils deutschsprachigen Veranstaltung in Nordamerika fast ausschließlich um Deutsche zu werben? Oder lässt sich das teure Schaulaufen künftig nur rechtfertigen, wenn man die besten Nachwuchswissenschaftler in den USA, unabhängig von ihrer Herkunft, einlädt – und zwar nicht für ein paar Stunden, sondern für die ganze Tagung? Die Antwort liegt auf der Hand. Die Frage ist, ob die Chefs bereit sind, Hand anzulegen an ihren so lieb gewordenen Klassenausflug.  

 

Dieser Beitrag erschien heute zuerst in meiner Kolumne "Wiarda will's wissen" im Tagesspiegel.


Nächstes Jahr sind sicher auch die Abgeordneten wieder dabei

So groß der Auflauf an Rektoren und Wissenschaftsmanagern war: Einige von ihnen äußerten dennoch die Meinung, in früheren Jahren seien noch mehr von ihnen dabei gewesen. Und die Riege der Politiker erst, sagten andere: Gerade mal ein Landesminister (Boris Rhein aus Hessen) und eine Staatssekretärin aus dem BMBF (Cornelia Quennet-Thielen).

 

Ein Zeichen für die abnehmende Attraktivität der Veranstaltung? Höchstens, wenn man die Rektoren als erste Zielgruppe sähe und nicht die Postdocs. Von denen kamen so viele wie nie. Was meinen oben formulierten Einwand nicht weniger dringlich macht.

 

Für die Knappheit an angereisten Politikern gibt es übrigens eine naheliegendere Begründung, noch dazu eine, die ich im Kern sehr erfreulich finde. Anders als in den Vorjahren, in denen jeweils rund ein halbes Dutzend Bundestagsabgeordnete an der GAIN-Jahrestagung teilnahm, verweigerte die Bundestagsverwaltung ihnen diesmal die Reise, weil vier Wochen vor der Wahl keine Rückbindung mehr in den parlamentarischen Betrieb zu erwarten sei.

 

Eine plausible Begründung, so sehr die Jung-Wissenschaftler in den vergangenen Jahren auch vom Austausch mit den Politikern profitiert haben mögen. Und eine Begründung, die den Glauben in das Funktionieren unserer Bürokratie stärkt. 

Nächstes Jahr dürfen die neu  gewählten Abgeordneten dann sicher wieder dabei sein – vielleicht schon bei einem anders gestalteten Event?

 

Mein Vorschlag wäre wie folgt: Drei Tage Diskussionen auf Englisch, davon möglichst viele in kleiner Runde, dazu die Talentmesse und die Kontaktbörse – und eingeladen werden herausragende Jung-Wissenschaftler in Nordamerika gleich welcher Nationalität, die ihr Interesse an Deutschland in einer kurzen, aber aussagekräftigen Bewerbung formulieren müssen.

 

Und was ist mit den Deutschen? Von denen werden sicherlich noch überdurchschnittlich viele dabei sein, und so, wie es momentan einen Nachmittag an den drei Tagen auf Englisch gibt, könnte man ja künftig einen Nachmittag auf Deutsch anbieten – mit Workshops, die sich speziell den Fragen und Belangen der Deutschen widmen. 

 

Fazit: So unangemessen und allzu simpel es wäre, diese erfolgreiche  Veranstaltung aufgrund ihrer hohen Kosten per se für überflüssig zu erklären, so fahrlässig wäre es, das Format nicht noch entschiedener weiterzuentwickeln. Immerhin: Die Diskussionen über eine wie auch immer geartete Neuausrichtung der GAIN-Jahrestagung schien mir in den vergangenen Tagen Fahrt aufzunehmen.



Nachtrag vom 30. August: Wie ein Postdoc die GAIN-Tagung erlebt hat

Am Tag nach meinem obigen Artikel erreichte mich folgende Zuschrift. Da sie für die Kommentarspalte zu lang ist, veröffentliche ich sie an dieser Stelle. 

 

Aus der Sicht eines Postdocs im Bereich der Biowissenschaften stand die 17. GAIN Jahrestagung unter dem Leitbild "Deutsche Universitäten brauchen Euch nicht”.  Die Tagung begann mit vielversprechenden Vorträgen der Präsidenten/innen der drei größten Förderinstitutionen über wissenschaftliche Verantwortung und der Wertschätzung von Diversität in der deutschen Wissenschaft. Ziel dieser 17. GAIN-Tagung war die Vernetzung der Wissenschaftsgemeinschaft aus Nordamerika mit deutschen “wissenschaftspolitischen Schlüsselfiguren” aber auch „praktische Tipps für die Zeit nach dem Postdoc” zu erhalten.

 

Während sich die Vertreter aus Wirtschaft und Administration offen den Fragen stellten und hilfreiche Hinweise vergaben, vor allem in persönlichen Gesprächen, schienen die Vertreter der Universitäten und der Forschungsförderinstitutionen die Verbindung zu den nachkommenden Generationen größtenteils verloren zu haben und/oder sich nicht zu interessieren. So zeigten sich Universitätspräsidenten erstaunt, dass ein Großteil der anwesenden Postdocs eine Karriere an der Universität anstrebte. Wenn man jedoch bedenkt, dass eine akademische Karriere die Einzige ist, die einem während der mehr als zehnjährigen Ausbildung täglich vorgelebt wird, ist dieser Berufswunsch kaum verwunderlich. Eine Vertreterin der DFG schien die Lebensläufe aller Beteiligten in der fachbezogenen Arbeitsgruppe “Biowissenschaften” zu kennen, da Sie mehrfach betonte, dass man weder unsere noch ihre Zeit verschwenden solle und sich gar nicht erst auf das Emmy Noether-Programm für Junior-Gruppenleiterstellen bewerben solle. Dieses Programm sei nur für die “absolute Elite”, zu der man als DFG-geförderter Postdoc scheinbar mit Sicherheit nicht gehörte. Während eine realistische Einschätzung natürlich wichtig und gewünscht war, so kann man mit dem Sprichwort „der Ton macht die Musik“ argumentieren. 

 

Anstatt aus der aktuellen politischen Situation in den USA zu lernen oder gar zu profitieren, lobten sich die Vertreter der deutschen Universitäten größtenteils selbst und sahen wenig Anlass für Änderungen im System. Kritischen Stimmen, ob denn die Forscher mit den “besten Ideen” auch die talentiertesten Lehrer seien, da Universitäten schließlich auch einem Lehrauftrag folgten, wurden genauso abgeschmettert wie die Fragen, ob es nicht auch Verbesserungsbedarf im System gebe, um Forschern an den Universitäten eine bessere Vereinbarkeit von Arbeits-und Privatleben zu bieten (etwa durch mehr unbefristete Stellen im Mittelbau), oder ob man Doktoranden nicht besser auf alternative Karrierewege vorbereiten müsse. Von außen betrachtet schien das deutsche Universitätssystem selbstgefällig und gesättigt, was sicherlich auch eine Konsequenz aktueller weltpolitischer Umstände ist. Daher scheint es momentan ratsam, sich schon während oder kurz nach der Promotion nach alternativen Karrierewegen wie Wirtschaft, Management, Kommunikation und Politik umzuschauen.

 

Das Frustrierende an der Selbstgefälligkeit der Vertreter der Universitäten war nicht etwa zu hören, dass ein Großteil der Postdocs, die sich auf akademische Stellen bewerben werden, keine Zukunft in der akademischen Wissenschaft haben, das wussten wir auch schon vor der GAIN-Tagung. Das Frustrierende ist, dass genau dieselben Professoren uns mehr als zehn Jahre lang ins Gewissen redeten, dass sich der Frust des ständigen wissenschaftlichen Scheiterns, der fehlenden Anerkennung von Familie, Gesellschaft, aber auch anderen Wissenschaftlern, so wie auch private Entbehrungen durch häufige Umzüge, erwartete Flexibilität, geringe Vergütung und damit verbundene Existenzangst lohnen, um später seiner Leidenschaft folgen zu können und somit einen wichtigen gesellschaftlichen Beitrag zu leisten. Wenn von vornherein jedoch klar ist, dass „95 Prozent aller promovierter Biologen“ nicht mit einer Professur an einer deutschen Hochschule rechnen können, dann muss man sich doch fragen, ob die Professoren motivierte, und wissenshungrige Doktoranden/innen und Postdocs nicht unnötig lange im System halten, nur um für ihre eigene Karriere wichtige Publikationen zu generieren. 

 

Trotz der unglücklichen Vertretung der deutschen Universitäten an der diesjährigen GAIN-Tagung glaube ich an die Bedeutung der akademischen Wissenschaft und den Stellenwert der deutschen Universitäten in der internationalen Forschung und hoffe, dass sich Deutschland nicht zu lange auf seiner Führungsrolle ausruhen wird. Wären die Universitätspräsidenten an ernst gemeinten Dialogen mit Postdocs interessiert gewesen, hätten sie vielleicht gemerkt, dass auch wir Ideen für und Vorstellungen von einem gut funktionierenden Wissenschaftssystem haben, und dass die amerikanische „anything is possible“-Mentalität mit deutlich flacheren Hierarchien motivierend und inspirierend sein kann.

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Wo Geld ist, ist auch ein Weg

Wenn so viel vom Kooperationsverbot geredet wird, mache ich das auch nochmal: Eine Bestandsaufnahme

EIN ZIEL ZUMINDEST hat das ständige Gerede vom Kooperationsverbot schon mal erreicht: Die Leute wollen wissen, was es eigentlich auf sich hat mit diesem sperrigen Wort, das in kaum einem Tweet, keiner Pressemitteilung und erst recht bei keinem Wahlkampfauftritt sozialdemokratischer oder linker (Bildungs-)Politiker fehlen darf.

 

Und das Interesse wächst in diesen letzten Wochen vor der Bundestagswahl. Woher ich das so genau weiß? Weil kein zweiter Artikel auf meiner Website so beständig, so häufig und gleichbleibend geklickt wird wie der, den ich bereits im vergangenen Oktober mit der Überschrift „Was ist eigentlich das Kooperationsverbot?“ versehen habe. Und jedes Mal, wenn SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz das Wort in den Mund nimmt, springen die Zahlen dieses recht kurzen Erklärstücks nochmal nach oben. Ein suchmaschinentaktischer Glücksgriff meinerseits, so scheint mir, wenn auch kein beabsichtigter. 

 

Belegen die vielen Klicks automatisch die bildungspolitische Relevanz? Fest steht: Die vermeintliche Problematik, die der Begriff umschreiben soll, besteht schon länger als die aktuelle Wahlkampfphase, doch erst durch die zuletzt gehäuften Politikerreden scheinen viele Menschen sich ernsthaft mit dem Kooperationsverbot zu befassen. Vielleicht, weil es doch nicht so wichtig für ihr tägliches Leben ist? Oder weil viele von ihnen vorher dem Übel keinen Namen zu geben wussten?

 

Aufregung kam in die Angelegenheit erst so richtig im vergangenen Herbst, als der heutige SPD-Generalsekretär Hubertus Heil zunächst triumphierend ausrief, das Kooperationsverbot sei "Geschichte", nach Zureden seiner Parteikollegen dann jedoch auf eine andere Formulierung umschwenkte: Das Verbot sei durch die Bund-Länder-Verhandlungen um die Reform des Finanzausgleichs „aufgebohrt“ worden, ergo: Noch genug Stoff für Wahlkampfreden. Von damals stammt auch mein oben erwähntes persönliches Klickwunder.

 

Heftigen Widerspruch erntete Heil damals übrigens vor allem aus Baden-Württemberg vom dortigen grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann, dem schon das vermeintliche Aufbohren zu weit ging. Die lautstarken Einlassungen von Kretschmanns Sprecher offenbarten die ambivalente Haltung der Grünen zum Thema selten eindeutig, denn bis heute ist der bildungspolitische Sprecher der grünen Bundestagsfraktion, Özcan Mutlu, einer der eifrigsten Anti-Kooperationsverbots-Twitterer.  

 

Je länger ich mich mit dem Thema befasse, desto mehr glaube ich, dass die Debatte sich in einer erstaunlichen Schieflage befindet. Dass Deutschlands Bildungssystem viele Probleme hat, dass für einige davon auch der Föderalismus verantwortlich ist, aber dass die Abschaffung des Kooperationsverbots sicherlich nicht die Lösung wäre, die einige daraus machen wollen. 

 

Keine Sorge, ich werde hier nicht in die Spitzfindigkeiten mancher Unionspolitiker verfallen, die schon den Begriff für falsch halten, schief und irreführend. Nach dem Motto: Es gibt doch gar kein Kooperationsverbot. Doch, das gibt es. Fest steht allerdings auch, dass den meisten Menschen, wenn sie über die Tücken des Föderalismus klagen, und das tun sie häufig, zuerst die mangelnde Vergleichbarkeit von Lehrplänen und Noten einfällt, sicher aber nicht die Richtung bildungspolitischer Finanzströme. 

 

Mir aber geht es aber um noch etwas Anderes, und um das zu erklären, muss ich kurz die übliche Argumentationslinie pro Verbotsabschaffung wiedergeben.

 

Die Beobachtung: Das Bildungssystem, vor allem Kitas und Schulen, sind unterfinanziert, personell, konzeptionell, baulich. Die Ursache: Die klammen Länder können die Kosten allein nicht stemmen. Die Lösung, Teil 1: Der Bund könnte die Finanzierungslücke schließen, doch das darf er derzeit nicht, weil das Kooperationsverbot es ihm verbietet. Die Lösung, Teil 2: Das Verbot muss weg, schleunigst.

 

Was falsch ist an dieser Argumentationslinie? Bis auf die Ursachenbeschreibung so ziemlich alles. Über den maroden Zustand vieler Bildungseinrichtungen und den Mangel an Pädagogen und Erziehern müssen wir hier nicht diskutieren. Sehr wohl aber über die Verantwortung, die die Länder für die Misere tragen. Schon im vergangenen Jahr habe ich in einem ausführlichen Beitrag dargestellt, dass die Annahme, die Bundesländer seien kollektiv ärmer als der Bund, falsch ist. Seitdem hat sich die Finanzlage der Länder sogar weiter verbessert – nicht von allen, schon klar. Aber warum bitte sollte der Bund dann allen gleichermaßen helfen?

 

Wichtiger als diese Frage ist aber eine Feststellung: Offenbar fällt es vielen Bildungspolitikern, auch Bildungsministern, leichter, beim Bund mehr Geld zu fordern als beim eigenen Finanzminister oder der eigenen Ministerpräsidentin. Was wenig verwunderlich ist, schließlich sieht man letztere jeden Tag. Auch wenn die Bildungsfinanzierung sich in den vergangenen zehn Jahren verbessert hat: Ihre immer noch mangelnde Priorisierung hat wenig mit dem Bund und sehr viel mit den Landesregierungen zu tun. Und die Spielräume wären, sie oben, vielfach da. 

 

Nun zur Lösung, Teil 1: Der Bund könnte die Finanzierungslücke schließen? Sicherlich nicht. Es war ein großer Glücksfall, wie stark das Budget das Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) in den vergangenen 19 Jahren gewachsen ist (+127 Prozent!), und es wäre ein noch größerer Glücksfall, wenn diese Steigerungsrate sich in den kommenden vier Jahren fortsetzen würde. Was nicht ausgemacht ist, siehe Trumps 2-Prozent-Nato-Forderung und Bundeskanzlerin Angela Merkels vorsichtige Andeutungen, ihr zumindest teilweise nachkommen zu müssen. Und genug Geld wäre es ohnehin nicht, denn in absoluten Zahlen stieg der BMBF-Haushalt zwischen 1998 und 2017 nur um knapp knapp 10 Milliarden Euro pro Jahr. Auch die Versprechungen von Merkels Herausforderer Schulz, zusätzliche Milliarden in die Bildung zu investieren, wären im besten Fall ein weiterer quantitativer Ausbau (Stichwort Ganztagsschulen, siehe Beitrag vom 07. August), kein qualitativer. Und ebenfalls bei weitem nicht ausreichend. Zumal auch ein Bundeskanzler Schulz sich mit den NATO-Partnern würde arrangieren müssen. 

 

Und was die Lösung, Teil 2 angeht: Sicherlich wäre es symbolisch und von der Verfassungsästhetik her schön, reinen Tisch zu machen in Sachen Kooperationsverbot, es wäre darüber hinaus auch bildungspolitisch richtig. Aber: Einen echten Unterschied macht am Ende allein, ob der Bund Geld hat, das er den Ländern anbieten will oder nicht. Hat er es und will er es, wird er gemeinsam mit den Ländern immer einen Weg finden, die Milliarden auszugeben, ganz gleich, was in der Verfassung steht.

 

Diese simple Wahrheit zeigte sich ausgerechnet bei den lange so verfahrenen Verhandlungen um den Digitalpakt, bei denen Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) den Ländern (bzw. Kommunen) fünf Milliarden Euro für die digitale Ausstattung der Schulen anbot, die Eckpunkte für eine Bund-Länder-Vereinbarung rasch bestimmt waren, dann jedoch plötzlich Funkstille herrschte. Aber nicht etwa wegen des Kooperationsverbots, nein, denn da hatte der Koordinator der SPD-Kultusminister, Hamburgs Bildungssenator Ties Rabe, längst gesagt: Das sei eine verfassungsrechtlich wackelige Brücke, über die Wanka da gehen wolle, aber sicher werde kein Landesminister sie herunterschubsen.

 

Wo das Geld da ist, ist auch ein Weg. So einfach ist das. Und wo Länder, gleich welcher parteipolitischen Coleur, ihre Schulen besser finanzieren würden, müssten Bildungspolitiker weniger übers Kooperationsverbot reden – und damit von den eigenen Versäumnissen ablenken. 

 

Wobei speziell die Union ihrerseits extrem schlecht beraten wäre, sich zurückzulehnen und die ganze Kooperationsverbots-Debatte gemütlich an sich abprallen zu lassen. Die Wähler, das zeigen auch besagte Klicks, hören genau hin, und was von Merkel in den vergangenen Monaten zur künftigen Finanzierung der Schulen und Hochschulen gekommen ist, war angesichts der Trump-NATO-Tiraden dürftig und regt zur Sorge an.

 

Peinlich ist auch, wenn ausgerechnet Schleswig-Holsteins neue CDU-Bildungsministerin Karin Prien per Twitter verkündet, "Bildung statt Bomben" sei "alter DKP-Kaffee", als wäre die Diskussion über das angemessene Verhältnis zwischen Verteidigungs- und Bildungshaushalt per se überflüssig, ideologisch und langweilig noch dazu. Dass die Union dann auch noch ausgerechnet wenige Monate vor der Bundestagswahl das Ziel, 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Forschung und Entwicklung zu investieren, ausgab, wirkte bemüht und arg durchsichtig, wenn Ministerin Wanka doch ebenfalls schon im Februar im Interview sagte, sie werde „kämpfen“ um die Mittel für Bildung, Wissenschaft und Forschung. 

 

Der wahre Kampf um die Bildungsfinanzierung der kommenden Jahre wird sich nicht durch eine wie auch immer geartete Änderung des Grundgesetzes entscheiden, sondern an den folgenden Orten: an den Kabinettstischen in den Ländern, wenn es um Schulen versus Straßen, Polizisten oder lokale Wirtschaftsförderung geht. Und im Bundeskanzleramt, wenn die Außen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitiker das Wort erheben. Die Frage: Wer wird am Ende die stärkeren (nichts zwangsläufig die besseren) Argumente haben? Hoffen, wünschen, träumen wir einfach mal: die Bildung. 

 

EINE ERSTE EINSCHÄTZUNG ZUR "NATIONALEN BILDUNGSALLIANZ", DIE DIE SPD AM MONTAG VERKÜNDEN WILL, FINDEN SIE HIER. 

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Blick zurück (5)

Seit 20 Jahren beschäftigte ich mich mit Hochschulen, Bildung und Wissenschaft. Viel ist passiert in dieser Zeit, vieles davon durfte ich als Journalist begleiten. Der Blick zurück zeigt, wie aktuell einige meiner Themen von einst geblieben sind – obwohl sich fast alles verändert hat. Machmal allerdings auch, weil sich fast gar nichts verändert hat. Der fünfte Teil einer Serie.

Studium

Nummer 250 000

Die Zahl ausländischer Studenten in Deutschland hat eine Rekordhöhe erreicht. Doch viele von ihnen tun sich schwer – sie klagen über zu wenig Service und zu viel Bürokratie.

(erschienen in der ZEIT vom 24. Juni 2004)

 

WAHRSCHEINLICH IST NUMMER 250 000 schon da. Vielleicht hockt er oder sie in dieser Sekunde in einem Hörsaal irgendwo in Deutschland und denkt sich nichts Besonderes. Dabei ist der Rekord, der sich da anbahnt, tatsächlich bemerkenswert: In diesem Sommersemester studieren aller Voraussicht nach erstmals mehr als eine viertel Million ausländische Studenten in Deutschland – so viele wie nie zuvor. Irgendwann in den vergangenen Wochen dürfte Student oder Studentin Nummer 250 000 eingereist sein, aus China möglicherweise, aus Polen oder Bulgarien, wo ein Studium in Deutschland zurzeit besonders beliebt ist.

 

Der Run auf deutsche Hochschulen war wirklich gewaltig in den vergangenen fünf Jahren: Die Zahl der ausländischen Studenten stieg um mehr als 50 Prozent. Fast ebenso lange läuft die konzertierte Aktion „Internationales Marketing für den Bildungs- und Forschungsstandort Deutschland“, die Bund und Länder im Oktober 2000 ins Leben gerufen haben, um mehr ausländische Akademiker ins Land zu holen und Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. Was daneben oft vergessen wird: Die Studenten bringen auch Kaufkraft ins Land, nach Hochrechnungen des Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie immerhin 1,2 Milliarden Euro. >>


Quelle: Wissenschaft weltoffen 2017
Quelle: Wissenschaft weltoffen 2017

Wie es nach 2004 weiterging:

Nachdem die 250 000er Marke geknackt war, passiert erstmal nicht mehr viel – über Jahre hinweg. Bis 2012 die Zahl der ausländischen Studenten in Deutschland plötzlich erneut abhob. Im April 2013 gab der DAAD zudem seine neue "Strategie 2020" bekannt, Ziel unter anderem: 350 000 ausländische Studenten an deutschen Hochschulen bis 2020. Erfolg vermelden konnte der DAAD bereits in diesem Jahr. Warum Deutschlands Wissenschaft trotzdem nicht nur glänzt in Sachen Internationalität, habe ich in meiner Analyse zu "Wissenschaft weltoffen 2017" aufgeschrieben, und die findet sich hier. In der ZEIT von 2004 hatte ich übrigens auch drei ausländische Studenten porträtiert und ihre Erfahrungen geschildert. Diese Texte finden Sie hier. 


>> Mittlerweile hat sich die Bundesrepublik fest als Gastland Nummer drei hinter Großbritannien und den USA etabliert. Mission erfüllt? Statistisch gesehen schon. Trotzdem sind nicht alle glücklich mit dem Ergebnis der Kampagne. „Es kann nicht nur darum gehen, die Zahl der Ausländer zu erhöhen“, warnt Dieter Maßberg, Geschäftsführer des Studentenwerks in München, wo der Ausländeranteil an den Hochschulen mit 17 Prozent über dem bundesweiten Uni-Durchschnitt von 12 Prozent liegt. „Wir müssen stärker auf die Qualität der Bewerber achten.“ Die guten Studenten gehen nach Nordamerika und Großbritannien, der Rest nach Deutschland, klagen Professoren. Was natürlich übertrieben ist. Doch selbst Jürgen Schlegel, Generalsekretär der Bund-Länder-Kommission (BLK), sagt: „Wir hätten gerne mehr Studenten, die auch nach Harvard gehen könnten.“ Offenbar scheint bei der Entscheidung für Deutschland weniger die akademische Exzellenz der Hochschulen eine Rolle zu spielen als die Studiengebührenfreiheit und eine Bewerberauswahl, die nicht so streng ist wie etwa in den USA. Auffallend ist, dass sich immer weniger Westeuropäer und Nordamerikaner für ein Studium in Deutschland interessieren, während der Zuwachs hauptsächlich aus Südostasien und Osteuropa kommt. 

 

Dass sich die ausländischen Studenten an Deutschlands Hochschulen tatsächlich schwer tun, belegt eine Studie, die der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) beim Hochschulinformationssystem in Auftrag gegeben hat: Von 100 ausländischen Studenten kommen weniger als 50 bis zum Examen, der Rest geht irgendwo unterwegs verloren. Ein gewaltiger Schwund. „Die Ergebnisse sind teilweise erschütternd“, sagt Christian Thimme vom DAAD. Beispiel Rheinisch-Westfälische Hochschule Aachen: Hier erreichen innerhalb von acht Jahren gerade 21 Prozent der ausländischen Studenten einen Abschluss.

 

Die Zahlen sind eindeutig. Die Ursachen sind es nicht. Sind viele Studenten tatsächlich überfordert vom Leistungsdruck an deutschen Hochschulen, oder stimmen die Rahmenbedingungen noch immer nicht? Der Bundesverband Ausländischer Studierender (BAS) wirft den Hochschulen vor, nicht genug für die fachliche Betreuung der Gastakademiker zu tun. „Die Professoren kümmern sich nicht um die besonderen Probleme von Ausländern“, sagt BAS-Geschäftsführer Johannes Glembek.

 

Tatsächlich tut sich vielerorts eine Kluft auf zwischen den Akademischen Auslandsämtern, die mit Unterstützung des DAAD ihr Angebot an Orientierungsveranstaltungen und Lebensberatung ausgebaut haben, und den einzelnen Fachbereichen, die sich bislang kaum auf den internationalen Zustrom eingestellt haben. „Die soziale Betreuung ist sehr gut mittlerweile. Doch bei der fachlichen Betreuung hinken wir weit hinterher“, sagt Christian Thimme.

 

Gerade die wäre wichtig: Nirgendwo sonst wird so selbstbestimmt studiert wie in Deutschland, doch um die Freiheit nutzen zu können, sind die meisten ausländischen Studenten, wie viele ihrer deutschen Studienkollegen übrigens auch, auf Rat angewiesen. Dabei sind die Studenten, die ein, zwei Semester in Deutschland verbringen und eigene Programmkoordinatoren haben, noch besser dran als ihre Kommilitonen, die für ein komplettes Studium herkommen und alles selbst organisieren müssen.

 

Die Universität zu Köln zeigt, wie eine bessere fachliche Beratung an den Massenuniversitäten aussehen könnte: In den Fakultäten sitzen Mitarbeiter und Hilfskräfte, die eigens für die ausländischen Studenten abgestellt sind, zusätzlich zum zentralen Akademischen Auslandsamt, das jede Hochschule hat. „Die Betreuung der Studenten lebt vom Engagement Einzelner, das darf auf keinen Fall unterdrückt werden“, sagt Stefan Bildhauer, Leiter des Kölner Auslandsamtes. Nach einem revolutionären Konzept klingt das nicht gerade, aber selbst solch ein überschaubares Maß an Service ist an Deutschlands Hochschulen selten und dem DAAD dieses Jahr einen Preis für besonders gute Betreuung wert.

 

Doch nicht nur die mangelnde Fachberatung macht den Gästen zu schaffen, zu ihren Deutschland-Erfahrungen zählen auch nervenaufreibende Auseinandersetzungen mit der einheimischen Bürokratie: beschränkte Arbeitserlaubnis, befristete Aufenthaltsgenehmigung, das zeitraubende Vorsprechen in der Ausländerbehörde. Viele Ausländer müssen zudem erst Sprachkurse belegen, bevor sie sich nach bestandener Sprachprüfung an einer Hochschule bewerben dürfen. Für all das bleibt ihnen nur ein Jahr Zeit. Haben sie dann keinen Studienplatz, droht die Abschiebung. Ein Regelung, die dazu führt, dass sich viele erst mal für irgendein Fach bewerben, um eine Verlängerung ihres Visums zu erhalten: noch ein Grund für die niedrige Abschlussquote.

 

Immerhin, das Zuwanderungsgesetz soll Arbeitsrecht und Melderegeln vereinfachen, doch zeigt schon die erbitterte Debatte um das Gesetz, dass sich Deutschland mit seinen Gastakademikern noch schwer tut. „Gegen das, was die Amerikaner machen, ist unser Ausländerrecht aber noch eher spaßig“, sagt Elke Löschhorn vom Auslandsamt der Berliner Freien Universität.

 

Tatsächlich leiden die US-Hochschulen seit den Terroranschlägen unter einer restriktiveren Einwanderungspolitik und beklagen das Wegbleiben der ausländischen Studenten – obwohl sich deren Mobilität nach DAAD-Schätzungen in den nächsten 20 Jahren vervierfachen soll.

 

Im Wettbewerb um die besten Studenten hat allerdings auch Deutschland einen gravierenden Nachteil: seine Sprache. Eine Marketingaktion dürfte da in Zukunft nicht mehr reichen. „Die Qualität der ausländischen Studenten wird automatisch besser, wenn das Angebot der Hochschulen besser wird“, glaubt BLK-Generalsekretär Jürgen Schlegel. Viele Hochschulen haben das begriffen und machen es inzwischen wie die Kölner. Gute Aussichten also: „Stimmt die Betreuung, hört auch der Schwund bei den Absolventen auf“, sagt Christian Thimme. So kriegt dann auch Nummer 250 000 ihren Abschluss.

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18 Jahre sind nicht genug

Wie inkonsequent die Kultusminister immer noch bei der Akkreditierung agieren: ein aktuelles Beispiel aus Bayern.

Foto: evondue
Foto: evondue

DAS PASSIERT ALSO, wenn man die Kultusministerkonferenz (KMK) an ihren eigenen Ansprüchen misst. Ende 1998 verabredeten die Minister die Gründung des Akkreditierungsrates. Parallel zur Einführung der Abschlüsse Bachelor und Master sollte die Akkreditierung der neuen Studiengänge „Vielfalt ermöglichen, Qualität sichern und Transparenz schaffen“, hieß es im damaligen KMK-Beschluss. Auch sei erforderlich, den Studienbewerbern bei ihrer Studienentscheidung eine verlässliche Orientierung zu geben – und den Arbeitgebern ebenfalls. 

 

18 Jahre später dachten die Arbeitgeber, in dem Fall die kommunalen: Dann nehmen wir die KMK doch mal beim Wort und handeln einen Tarifvertrag aus, der die Akkreditierung berücksichtigt. Seitdem bestimmt die zum Tarifvertrag gehörende Entgeltordnung, dass Hochschulabschlüsse bei der Eingruppierung von Mitarbeitern in die entsprechenden Entgeltgruppen nur noch anerkannt werden, wenn der absolvierte Studiengang „nach den Regelungen des Akkreditierungsrates“ akkreditiert worden ist. Sprich: Ohne Akkreditierung gibt es weniger Gehalt. >>



>> Was zumindest im bayerischen Kultusministerium Aktivitäten auslöste, wenn auch nicht gerade hektische. In einem am 14. Juli an alle Hochschulen im Freistaat verschickten Brief teilt Amtschef Peter Müller mit, dass man sich mit dem Kommunalen Arbeitgeberverband Bayern geeinigt habe, die "im bundesweit geltenden TVöD-K" zum 01. Januar 2017 in Kraft getretene Regelung zunächst für drei Jahre, also bis Ende 2019, nicht anzuwenden. Ob auch für das übrige Bundesgebiet eine entsprechende Lösung gefunden werden könne, sei offen. 

 

So viel also zur Ende der 90er Jahre von der KMK versprochenen Orientierung der Arbeitgeber. In Bayern sind sie schon stolz, dass sie in den vergangenen Jahren zum bundesweiten Schnitt aufgeschlossen haben und nun um die 60 Prozent aller Studiengänge akkreditiert sind. 60 Prozent. Nach jetzt schon fast 19 Jahren. 

 

Und da die Kultusminister und ihre zahlreichen Vorgänger selbst nicht vermocht haben, den Akkreditierungszug zu beschleunigen, verstecken sie sich jetzt hinter den vermeintlich so überstrengen Arbeitgebern. Da „nicht auszuschließen“ sei, dass demnächst in weiteren Tarifverträgen vergleichbare Bestimmungen auftauchen, schreibt Amtschef Müller, „wird zudem gebeten, grundsätzlich dafür Sorge zu tragen, noch nicht akkreditierte Bachelor- und Masterstudiengänge baldmöglich zu akkreditieren, um Nachteil für Absolventinnen und Absolventen zu vermeiden.“ Auch sei im Interesse der Studenten eine „lückenlose Reakkreditierung“ anzustreben.

 

In Zeiten des Akkreditierungs-Bashings muss man ja fast noch dankbar sein, dass sich das bayerische Staatsministerium nicht für die Dummheit der Arbeitgeber entschuldigt. Nach dem Motto: Wer braucht schon diese lästige Akkreditierung. Noch dankbarer wären die Studenten und ihre künftigen Chefs indes, wenn die Ministerien im dritten Akkreditierungsjahrzehnt bei den staatlichen Hochschulen dann mal mit dem Bitten aufhören und mit dem Fordern anfangen würden.

 

Bei der privaten Konkurrenz klappt das schließlich auch: Ein Studiengang, der nicht akkreditiert ist, erhält keine ministerielle Genehmigung. Übertragen auf die staatlichen Hochschulen könnte das heißen: Wer nicht schleunigst akkreditiert, bekommt weniger Geld... Und zwar die Hochschulen, nicht die Absolventen. Wie wär's? 

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Das Ende des Bildungsaufschwungs?

Der "Bildungsmonitor 2017" zeigt: Die Politik darf sich nicht auf den Fortschritten der vergangenen Jahre ausruhen.

Foto: Gerd Altmann

SACHSEN ERNEUT AN der Spitze, das zweitplatzierte Thüringen schwächelt, das Saarland und Hamburg setzen ihren bemerkenswerten Aufstieg fort, und die rote Laterne halten Bremen und Berlin: So lässt sich die Bundesliga-Tabelle zusammenfassen, die das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) Köln heute als Teil seines "Bildungsmonitors 2017" veröffentlicht hat.

 

Den Zeitpunkt hat das IW Köln geschickt gewählt. Sechs Wochen vor der Bundestagswahl kommt die Meta-Studie, die alle 16 Bundesländer anhand ihrer Performance in 12 so genannten "Handlungsfeldern" rankt, und stößt in einen Wahlkampf hinein, in dem die Parteien Bildung zur Top-Priorität erklären, konzeptionell jedoch den Gestaltungswillen vermissen lassen


Umso mehr Gestaltungswillen zeigt dafür die von den Arbeitgebern getragene "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft" (INSM), die den Bildungsmonitor seit 2004 alljährlich in Auftrag gibt. Mit der entsprechenden Zurückhaltung zu genießen ist daher die "bildungspolitische Agenda", in die die 256 Seiten lange Studie diesmal deutlich wie nie mündet. Abgesehen davon aber besticht der Bildungsmonitor erneut durch die Vielzahl akribisch zusammengetragener Daten und einen Besorgnis erregenden Kernbefund: "Während die Herausforderungen für das Bildungssystem angesichts von Flüchtlingskrise, demographischem Wandel und Digitalisierung wachsen, hat die Dynamik in der Bildungspolitik in den vergangenen Jahren spürbar nachgelassen", sagt Axel Plünnecke, der wissenschaftliche Leiter der Studie.

 

Zunächst die guten Nachrichten: In den vergangenen zehn Jahren haben Bund, Länder und Gemeinden die Ausgaben für Bildung deutlich gesteigert auf 20,3 Prozent ihrer Budgets in 2016 gegenüber 17,7 Prozent in 2006. Im gleichen Zeitraum verbesserte sich die bundesweite Lehrer-Schüler-Relation von 20,6 auf 17 Kinder pro Lehrer. Die vielbeschworene "demographische Rendite" angesichts zwischenzeitlich zurückgehender Schülerzahlen hat es also tatsächlich gegeben, allerdings dürfte der Effekt durch die verstärkte Einwanderung zuletzt zum Stillstand gekommen sein. Ebenso erfreulich: Der Anteil von Grundschülern an Ganztagsschulen ist von unter 15 Prozent Mitte des vergangenen Jahrzehnts auf 34,4 Prozent in 2015 gestiegen. Einen vergleichbaren Sprung gab es auch beim Ausbau der Kitas:2015 wurden 45 Prozent der 3- bis 6-Jährigen ganztägig betreut, gegenüber 22 Prozent 2006. Die Liste der im Bildungsmonitor aufgeführten positiven Befunde ist noch viel länger, von weniger Sitzenbleibern und  Schulabbrechern über jüngere und vor allem deutlich mehr Hochschulabsolventen bis hin zum stark erhöhten Anteil von MINT-Studenten. 

 

Allerdings: Viele der positiven Trends enden nach 2013. So stieg zuletzt wieder der Anteil der Schulabbrecher, nachdem er von über neun Prozent (2001) auf sechs Prozent gefallen war. Auch die Wachstumskurve bei den Kita-Plätzen flachte sich ab, obwohl der Bedarf längst nicht gestillt ist. Ebenso stagniert der Anteil der MINT-Studenten. Besonders krass hat sich die Quote der Studienberechtigten an der 18- bis 21-jährigen ausländischen Bevölkerung entwickelt. Sie brach von 30,8 Prozent im Jahr 2011 auf 16,4 Prozent ein. "Und der Rückgang ist nur zu gut zwei Prozentpunkten auf die doppelten Absolventenjahrgänge im Jahr 2011 zurückzuführen", sagt IW-Forscher Plünnecke. Auch werde die Bildungsarmut, also der Anteil der 20- bis 29-Jährigen ohne abgeschlossene Berufsausbildung, wieder zunehmen, prognostiziert das Forschungsinstitut, nachdem diese Quote zuletzt von 16,5 Prozent im Jahr 2005 auf 12,7 Prozent in 2014 zurückgegangen war. 

 

Insgesamt sprechen die vom IW Köln präsentierten Statistiken eine deutliche Sprache: Das Jahrzehnt des Bildungsaufschwungs, das nach dem Pisa-Schock 2001 eingeleitet wurde, ist zu Ende gegangen. So vorsichtig man die "bildungspolitische Agenda", die der "Bildungsmonitor 2017" daraus ableitet, angesichts des Auftraggebers INSM betrachten sollte, so schlüssig fallen viele der genannten Forderungen aus: nicht nachlassen bei den Themen Durchlässigkeit und Integration, mindestens 3,5 Milliarden Euro zusätzlich für Schulen und Hochschulen, um die Integration der Flüchtlinge zu meistern, und anstatt über G8 versus G9 zu diskutieren, lieber über die Schulqualität nachdenken. 

 

Apropos Schulqualität: Der Bildungsmonitor definiert sie anhand der Kompetenztests des Instituts für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB), und laut IW Köln ist sie unter den 12 untersuchten Handlungsfeldern in der Gesamtschau aller Bundesländer dasjenige mit dem größten Rückschritt: von 56,3 Indexpunkten 2013 auf 49,0 Punkte 2017. Allerdings wäre ein Alarmismus ausgerechnet an dieser Stelle fehl am Platze: Der Rückgang ergibt sich vor allem aus den schlechteren Ergebnissen in der Lese-Kompetenz. Gleichzeitig haben sich die Schülerleistungen in Englisch verbessert, was die IW-Forscher jedoch nicht unter dem Stichwort "Schulqualität", sondern unter "Internationalisierung" subsummiert haben. Mit dem Ergebnis, dass die Bundesländer in letzterem Handlungsfeld deutlich besser abschneiden.

 

Auch wenn der anfangs erwähnte Bundesliga-Vergleich heute in der Presse sicherlich die meiste Aufmerksamkeit finden wird, soll er hier nur kurz am Ende betrachtet werden. So viel lässt sich aus ihm nämlich gar nicht lernen, liefern doch selbst die bestplatzierten Bundesländer ein recht gemischtes Bild ab. Sachsen zum Beispiel ist super in Sachen Schulqualität und Verringerung der Bildungsarmut, hat aber eine besonders hohe Abbrecherquote bei den ausländischen Schülern. Thüringen wiederum hat hervorragende Betreuungsbedingungen, ist aber abgestürzt bei der Integration ausländischer Schüler. Das Saarland verdankt seinen Aufstieg einer besonders stark ausgefallenen demographischen Rendite bei den Schülerzahlen und – angesichts der Sparrunden der vergangenen Jahre überraschend – der gestiegenen Forschungsleistung der Hochschulen. Hamburg hat kräftig seine Ganztagsschulen ausgebaut und den Fremdsprachenunterricht verstärkt. Und sogar Berlin, das besonders mies bei Schulqualität und Bildungsarmut abschneidet, belegt in einer Kategorie einen einsamen Spitzenplatz: Was die Leistung ihrer Hochschulen angeht, kann es laut Bildungsmonitor keiner mit der Hauptstadt aufnehmen. 

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Blick zurück (4)

Seit 20 Jahren beschäftigte ich mich mit Hochschulen, Bildung und Wissenschaft. Viel ist passiert in dieser Zeit, vieles davon durfte ich als Journalist begleiten. Der Blick zurück zeigt, wie aktuell einige meiner Themen von einst geblieben sind – obwohl sich fast alles verändert hat. Machmal allerdings auch, weil sich fast gar nichts verändert hat. Der vierte Teil einer Serie.

Die Ludwig-Maxmilians-Universität in München, Wulfs damalige Wirkungsstätte. Foto: dustpuppy: "Vor der Uni, Geschwister-Scholl-Platz", CC BY 2.0

Universalist im fünfzigsten Semester

Warum sich ein ewiger Student nicht damit abfinden will, dass Zweitstudien in Bayern neuerdings 2000 Mark im Jahr kosten.

(erschienen in der Süddeutschen Zeitung vom 26. Januar 1999)

 

AUF DEM HERD stapeln sich die Magazine. „Kochen ist nicht mein Ding”, sagt Wulf, 58 Jahre, Student im fünfzigsten Semester. „Dazu bin ich zu intellektuell. ” Er braucht jeden Quadratzentimeter der Ein-Zimmer-Wohnung, um die Überbleibsel seines akademischen Lebens unterzubringen: vergilbte Zeitungen in Plastikkisten, angestaubte Lehrbücher auf Klavier und Fußboden. Seit 1974 studiert er an der Universität München, da hat sich eine Menge angesammelt. Seine Garderobe musste er in einen Einkaufswagen an der Wohnungstür auslagern, im Zimmer war kein Platz mehr.

 

Wulf ist einer von mehreren tausend Studenten in Bayern, die in diesen Tagen Post von ihrer Hochschule bekommen. In dem freundlichen Brief steht, dass Zweitstudiengänge vom Sommersemester an Geld kosten, 1000 Mark pro Semester. So steht es im heiß diskutierten neuen Landeshochschulgesetz. Die Regelung trifft Studenten, die schon ein Uni-Studium abgeschlossen haben. Bei Wulf ist das nicht nur eines. „Ich führe ein Leben für die Bildung”, sagt er nicht ohne Stolz. Und er ist bereit, dieses Leben zu verteidigen: „Ich werde Einspruch einlegen. ”

 

Wie schafft man das überhaupt, fünfzig Semester an der Uni? Wulf rückt den Stuhl zurecht. „Eigentlich wollte ich gar nicht studieren”, sagt er nachdenklich. Ein Lebenslauf im Zeitraffer: Gymnasium, in der zwölften Klasse ein schizophrener Anfall, wie er es nennt, ein Jahr später noch einer. Dann nie wieder. Schulabbruch, Ausbildung zum Gärtner, später Gartenbau-Diplom an der Fachhochschule, acht Anstellungen und sieben Kündigungen, mit 31 Jahren frühverrentet. „Das mit der Rente war mehr Glück als Verstand”, sagt er grinsend. „Chronische Leistungsschwäche” nennt der Junggeselle seine Krankheit. Zusammen mit seiner Vorgeschichte reichte das in Zeiten der Vollbeschäftigung für eine fünfzigprozentige Erwerbsminderung und eröffnete ihm drei Jahre später die Möglichkeit, ganz aus dem Arbeitsalltag auszusteigen. Ein neues Leben nahm seinen Anfang: das Studium.

 

Los ging es mit vier Semestern Anglistik und Germanistik, doch konnte sich der hoffnungsfrohe Jungstudent mit der Literaturwissenschaft nie richtig anfreunden. „Da wurde total gesiebt. Ein Professor hat mich mal über eine Stunde lang geprüft – und durchfallen lassen. Der war gründlich. ” 1976 kam Wulf auf die Idee, es mit Medizin zu versuchen. „Das lag mir viel näher, schließlich war ich auf einem naturwissenschaftlichen Gymnasium gewesen. ” Nach vierzehn Semestern Examen und Anmeldung zur Promotion. „Mein Doktorvater sagte, ich sei intelligent und würde das schaffen. Aber am Ende ist es keine runde Sache geworden. ” Der Professor lehnte die Arbeit ab, eine riesige Enttäuschung nach drei Jahren Plackerei.

 

Fleißkärtchen
und Mensamarken

 

Gut nachvollziehen kann der gescheiterte Doktorand, wie sich Promotionsstudenten nun über eine weitere Neuerung des Hochschulgesetzes ärgern. Sie sollen nach sechs Semestern automatisch exmatrikuliert werden – ohne Rücksicht auf das Einzelschicksal. „Man weiß doch nie, was passiert”, sagt Wulf, und seine heisere Stimme macht einen Sprung.

 

Doch der passionierte Student hat sich aufgerappelt damals, und ein dritter Abschnitt in seinem Leben begann, ein Abschnitt, der bis heute andauert. „Ich verbringe meine Zeit mit Büchern, als Autodidakt. ” Besonders schätzt er die Bibliothek des Studentenwerks, die ist sehr umfangreich. Er beschäftigt sich mit Anglistik, Psychologie, Philosophie und neuerdings Portugiesisch. So gehen die Tage dahin, ohne dass er richtig sagen könnte, womit er sie füllt. „Früher habe ich viel Zeit verbummelt”, gibt er zu. „Doch jetzt bin ich viel motivierter. ”

 

Auf dem kleinen Tisch liegen Berge von Karteikärtchen. Wulf lernt fleißig Vokabeln und weiß auch einen Grund dafür. „Ich habe eine Freundin in Brasilien”, sagt er lächelnd. 

 

Es tut ihm weh, von seinen Mitmenschen ausgegrenzt zu werden, nur weil er anders ist. Aufdringliche Blicke begleiten ihn, wenn er sich in der Mensa einen Weg durch die wartenden Kommilitonen bahnt. Dreißig, vierzig Jahre älter, lange weiße Haare, zotteliger Vollbart – das fällt auf. Einen einzigen Studenten in seinem Alter kennt er: Aber der, findet Wulf, sei ein komischer Kauz. „Als ich 1974 mit Anglistik anfing, waren wir zwölf Leute im Seminar. Da war noch ein Gemeinschaftsgefühl. Das gibt es heute an der Massenuni nicht mehr. ”

 

Einen Funken Resignation, mehr leistet er sich nicht: Trotz seiner Einsamkeit bleibt er freundlich und zuvorkommend. An der Essensausgabe reiht er sich geduldig in die Schlange der Vegetarier ein, wechselt hier und dort ein Wort. In der Hand trägt er ein kleines Plastiksäckchen mit Essensmarken. Die hat er gebunkert, damit er sich nicht jeden Tag aufs Neue anstellen muss. In manchen Dingen kann er sehr organisiert sein.

 

„Die Uni hat in Deutschland eine umfassende Aufgabe, nicht so wie die Klippschulen in England”, sagt Wulf und genehmigt sich ein Gemüsegulasch. „Ich versuche, ihre Angebote zu nutzen und Universalist zu sein. Fachidiotentum ist nichts für mich. Ich stöbere einfach gern. ” Und wenn sein Einspruch scheitert? Wenn er doch zahlen muss?

 

Wulf überlegt ein paar Augenblicke, dann sagt er: „Ich habe im Prinzip nichts gegen Studiengebühren. ” Es folgt eine Argumentation, die von Jahrzehnten dialektischen Denkens zeugt. These: „Die Politiker haben recht, wenn sie die mangelnde Beteiligung der Bürger an ihrer Ausbildung beklagen. ” Antithese: „Allerdings trifft es bei einer Zahlungsaufforderung stets die falschen. Dann müssen Leute wie ich zahlen, während die wirklich Vermögenden drum herumkommen. ” Synthese: „In der Praxis lassen sich gerechte Studiengebühren nicht verwirklichen. ”

 

Lebenshilfe auf
dem Lehrplan

 

Einspruch hin oder her, Wulf wird auch mit dem neuen Gesetz weiterstudieren. Und so leicht kriegen sie ihn nicht. Zum Sommersemester trägt er sich für ein Aufbaustudium ein, das bleibt ohnehin gebührenfrei. Wahrscheinlich wechselt er auch nochmal, zu den Wirtschaftswissenschaften. Denn der ewige Student hat geerbt. Seine Mutter ist gestorben, und nun muss er sehen, wohin mit dem Geld. „Ich spekuliere an der Börse. Nun habe ich schon so viel studiert, doch wie man mit Geld umgeht, natürlich nicht. Aber das lässt sich ja nachholen. ”

 

Wieder zu Hause, zwängt er sich mühsam durch den engen Türspalt, den der Garderoben-Einkaufswagen freilässt. Was seine Aussichten betrifft, mit fast 59 Jahren nochmal einen Job zu finden, sieht Wulf zwischen all seinen Büchern glasklar: „Ich würde liebend gerne in meinem Beruf als Arzt arbeiten, irgendwo in der Wissenschaft oder so. Aber das ist wohl aussichtslos. ” Oft raten ihm Bekannte, er solle auf die Rente verzichten und sich irgendwo bewerben. Doch dieses Risiko möchte er nicht eingehen. „Es gibt kein Verfahren der Rehabilitation für mich”, sagt er. „Wenn die mir dann auch kündigen, stehe ich auf der Straße, ganz ohne alles. ” Bevor ihm das zustößt, gibt sich Wulf lieber seinem Schicksal hin und tut das, was er ohnehin am besten kann: studieren.

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Als wäre nichts gewesen

Bundesbildungsministerin Wanka teilt KMK-Präsidentin Eisenmann mit: Alles klar, Zeitplan und vereinbarte Eckpunkte gelten. Was das für den Digitalpakt bedeutet.

ZUERST DIE FAKTEN. Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) hat heute gegen Mittag mit Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann (ebenfalls CDU) telefoniert. Nach dem Gespräch hat sie ihr ein offizielles Schreiben geschickt, als Antwort auf Eisenmanns Brief von Anfang Juli, in dem die derzeitige Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK) auf die Fortsetzung der Gespräche zum Digitalpakt gedrängt hatte. Inhalt des Telefonats und von Wankas Schreiben: Wir machen weiter wie besprochen. 

 

Wie im Januar festgelegt soll also die zuständige Arbeitsgruppe der Staatssekretäre bis Ende des Jahres eine Bund-Länder-Vereinbarung erarbeiten, die, wie Wanka heute noch einmal betonte, "Voraussetzung für die Umsetzung des Digitalpakts und die Bereitstellung der erforderlichen Mittel in den Haushalten von Bund und Ländern ist". Direkt nach dem Telefonat ging Wanka an die Presse. Ihr per Pressemitteilung verbreitetes Statement beendete sie mit dem Satz: "Wir sind auf einem guten Weg, um den Digitalpakt Schule Wirklichkeit werden zu lassen."

 

KMK-Präsidentin Eisenmann sprach von einem "guten Signal", sie sei jetzt zuversichtlich, "das wir das gemeinsame Ziel einer unterschriftsreifen Bund-Länder-Vereinbarung zum Digitalpakt noch in diesem Jahr erreichen werden." Damit sei man jetzt tatsächlich wieder im Anfang des Jahres zwischen Bundesbildungsministerium und KMK besprochenen Zeitplan drin.

 

Soweit die Ereignisse des heutigen Tages. Nun zur Frage, was sie bedeuten. Der bildungspolitische Sprecher der grünen Bundestagsfraktion, Özcan Mutlu sagte, Wankas Auftritt heute habe einem Trauerspiel geglichen. Noch im November 2016 habe die Ministerin ausdrücklich erklärt, die Länder schon von 2017 an beim Ausbau der digitalen Bildung an den Schulen unterstützen zu wollen. Wer sich darauf verlassen habe, habe offensichtlich Pech gehabt. "Von den großspurigen Versprechungen der Bundesregierung ist nicht mehr viel übrig." 

 

Die SPD-Expertin für digitale Bildung, Saskia Esken, kommentierte bei Twitter: "Wankas DigitalPakt war die Torschlusspanikreaktion eines untätigen BMBF, zum ITGipfel16 etwas vorweisen und die KMK überstrahlen zu können."

 

Tatsächlich hatte Wanka in und nach ihrem ersten Interview in der Bild am Sonntag, mit dem sie im Oktober Parteifreunde wie politische Gegner überrumpelt hatte, von fünf Milliarden Euro für die Jahr 2017 bis 2021 gesprochen, und vielleicht hat es in besagten Wochen wirklich kurzfristig ein Zeitfenster gegeben, in dem die Ministerin dachte, sie bekäme die erste Milliardenrate noch im Haushalt 2017 unter. Doch rasch muss ihr klar geworden sein, dass die dazu gehörige Vereinbarung mit den Ländern so schnell nicht mehr realisiert werden konnte, und so hatte Wanka ihr reichlich optimistisches Versprechen im Einvernehmen mit den Länderkollegen schon im Januar kassiert. Im Eckpunkte-Papier, dessen für den 1. Juni geplante Unterzeichnung durch Wanka bzw. ihre Staatssekretärin Cornelia Quennet-Thielen kurzfristig ausgefallen war, stand dementsprechend längst 2018 bis 2022. Also keine Überraschungen hier. 

 

Skurril mutet indes an, dass Wanka offenbar so tun möchte, als habe es ihre zehnwöchige Sendepause gar nicht gegeben. Als könne sie einfach dort weitermachen, wo sie Anfang Juni ausgestiegen ist. Dass dem nicht so ist, dürfte sie selbst am besten wissen: Die Kultusminister sind immer noch schwer irritiert von der Art, wie Wanka sie ihrer Meinung nach hat auflaufen lassen, und zwar parteiübergreifend. Die für derartige Bund-Länder-Verhandlungen so wichtigen informellen Kanäle sind weiter verstopft. Wanka drehte heute abermals den Spieß um und sagte, in der Debatte mit den Ländern seien Wahlkampf und "bewusste Fehlinformation" dabei gewesen. Während zuletzt stets Wankas Verlässlichkeit angezweifelt worden war, betonte die Ministerin, es sei noch unklar, welche Verlässlichkeit eigentlich die Zusage der Länder habe, ihrerseits mehr für Aus- und Weiterbildung der Lehrer zu tun.

Faktisch jedenfalls hat die zweieinhalb Monate lange Gesprächspause dazu geführt, dass vor der Bundestagswahl gar nichts mehr passieren wird. Bestenfalls noch ein Treffen auf Arbeitsebene im September, dann nichts mehr. 

 

War genau das Wankas Ziel? Und wenn ja, warum? Wie gesagt: Dass erst der neue Bundestag die Gelder freigeben wird, war schon im Januar klar. Doch was hätte es geschadet, schon vor der Wahl im Formulieren der Bund-Länder-Vereinbarung weiter zu sein? Wollte man verhindern, dass mögliche Koaltionsverhandlungen mit einer nahezu fertigen Vereinbarung zu stark vorbestimmt werden? Wanka selbst sagte heute, es solle schon bald nach der Bundestagswahl ein weiteres Staatssekretärs-Treffen geben, außerdem werde der Digitalpakt "ein Kernprojekt für die Koalitionsverhandlungen". Was könnte sonst noch der Grund sein für die Verzögerung? Wurde aus Richtung Kanzleramt und/oder Finanzministerium gebremst, weil Anfang Juni das CDU-/CSU-Wahlprogramm noch nicht fertig war? All das fragen sich auch Wankas Länderkollegen, und sie haben keine wirkliche Antwort. Am wenigsten taugt die immer wieder genüsslich von Opposition und SPD hervorgeholte Erklärung, Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) habe die Berücksichtigung des Digitalpakts im Haushalt 2018 als "nicht etatreif" verweigert. Denn das ist Standard, solange noch kein formaler Beschluss vorliegt. 

 

Zur Haben-Seite des heutigen Tages. Dass der Digitalpakt am Ende kommt, ist heute nicht weniger wahrscheinlich, als es nach einer pünktlichen Eckpunkte-Unterzeichnung am 1. Juni gewesen wäre. Wie wahrscheinlich das ist? Sehr. Übrigens unabhängig davon, ob Wanka nach der Bundestagswahl im Amt bleibt. Weil nämlich nicht nur die aktuelle Bundesbildungsministerin, sondern auch Bundeskanzlerin Angela Merkel selbst (sollte sie nach der Wahl noch im Amt sein) das Gesicht verlöre, wenn sie den fertig ausgehandelten Pakt Ende des Jahres noch kassieren würde. Weil die Länder Druck den Druck weitergeben, den sie ihrerseits von den klammen Kommunen zu spüren bekommen. Weil zudem der Digitalpakt in besagtem CDU-/CSU-Wahlprogramm, das Anfang Juni noch nicht fertig war, drinsteht. Und weil keine Bundesregierung, gleich ob Merkel oder ihr SPD-Opponent Martin Schulz sie führt, mit dem nie da gewesenen Affront in die neue Legislaturperiode starten wollte, allen 16 Kultusministerien mitteilen zu müssen: Sorry, machen wir doch nicht. 

 

Der Digitalpakt kommt, und es ist eine gute Initiative im Zusammenspiel des Bundes mit der KMK-Strategie "Bildung in der digitalen Welt", auch dank Wankas Einsatz zu Beginn der Verhandlungen. 

 

Am Ende freilich bleibt die Ironie, dass Ministerin Wanka die kurzfristige Genugtuung, alle mit ihrer Digitalpakt-Ankündigung überrascht zu haben, bezahlen musste mit der Erkenntnis, dass sich ein Fünf-Milliarden-Projekt so spät in der Legislaturperiode kaum noch realisieren lässt. Zumindest nicht in einer Art und Weise, dass sie mit dem gleichen Glanz aus der Sache herauskommt, mit dem sie im Oktober in den Pakt gestartet ist. Dafür aber mit umso mehr Ärger.

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Aufnahmetests statt Abinote

Das Bundesverfassungsgericht verhandelt im Oktober über die Rechtmäßigkeit des Numerus Clausus. Wie eine sinnvolle Reform aussehen könnte und warum sie vermutlich nicht kommen wird.

Foto: Musterbescheid auf der Website von hochschulstart.de
Foto: Musterbescheid auf der Website von hochschulstart.de

DASS DAS LEBEN eine insgesamt eher unfaire Angelegenheit ist, verdient als triviale Erkenntnis kaum eine Zeile dieser Kolumne. Anders verhält es sich mit Regeln, die pseudo-objektiv mit eben jener Ungerechtigkeit aufräumen sollen und das Gegenteil erreichen. Womit wir beim Numerus Clausus (NC) wären. In den 70er Jahren hat das Bundesverfassungsgericht entschieden: Solange es nicht genügend Studienplätze gibt, muss ihre Vergabe umso transparenter ablaufen. Die besten Bewerber müssen zuerst an die Reihe kommen. Eine Vorgabe, wie Juristen sie lieben: einfach, eindeutig, brillant. 

 

Wenn nur die Realität nicht wäre. Eine Realität, in der bayerische Abiturienten im Schnitt mit einer 2,30 nach Hause gehen und damit fast exakt gleichauf liegen mit ihren Altersgenossen aus Nordrhein-Westfalen (2,31). Auch die Berliner sind den Bayern hart auf den Fersen und haben seit 2006 einen Sprung nach vorn gemacht: von 2,68 auf 2,40. Man muss gar nicht erst die ganz anders ausfallenden Pisa-Ergebnisse bemühen, um zu merken, dass da was schräg ist. Übrigens auch innerhalb der Bundesländer beim Vergleich von Schule zu Schule. Doch ausgerechnet die Abinote zählt am meisten, wenn es um die Verteilung der Studienplätze mit bundesweitem NC (Medizin &Co) geht. >>



>> Das sei ungerecht, argumentiert das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen und hat das Verfassungsgericht aufgefordert zu entscheiden, ob die geltenden NC-Vorschriften noch mit dem Grundgesetz, genauer mit dem Recht auf freie Berufswahl, vereinbar sind. Man kann nicht sagen, dass die Karlsruher Richter der Bitte begeistert nachgekommen wären. Beim ersten Mal hatten sie sich noch rausgeredet mit dem Vorwurf, die Vorlage sei schlecht begründet gewesen. Den zweiten Anlauf aus Gelsenkirchen konterten sie nun mit einem Seufzen und dem Versprechen, die Sache am 4. Oktober zu verhandeln.

 

Das dürfte spannend werden, zumal sich das Gros der lokalen Vergabeverfahren (42 Prozent der deutschen Studiengänge sind zulassungsbeschränkt!) an den Regeln für bundesweite NCs orientiert. Welche Lösung haben die Verfassungsrichter parat: den NC abschaffen? Sicher nicht. Das Chaos wäre total. Dekretieren, dass die Wartezeit von Bewerbern mit schlechten Abinoten nicht mehr länger sein darf als das Studium, das sie absolvieren wollen? Klingt plausibel und hätte den Nebeneffekt, dass die Länder mehr Studienplätze schaffen müssten. 

 

Viel wichtiger ist aber, ob sich die Richter an die Allmacht der Abinote trauen. Standardisierte Eignungstests, kombiniert mit Bewerbungsgesprächen, wären als Eingangshürde viel geeigneter, da vergleichbarer. Aber, und es ist ein großes Aber, eben auch viel aufwändiger und teurer. Und politisch brisant, würde dann doch die Gymnasiallobby auf die Barrikaden gehen. 

 

Immerhin: Beim kürzlich verabschiedeten „Masterplan Medizin“ hat die Politik in vorauseilendem Gehorsam reagiert und beschlossen, dass die Hochschulen zusätzlich zur Abinote mindestens zwei weitere Auswahlkriterien anwenden müssen, Berufserfahrung etwa. 

 

Die große Revolution allerdings dürfte auch Karlsruhe nicht bringen. Die Pseudo-Objektivität bleibt politisch opportun.

 

Dieser Beitrag erschien heute zuerst in meiner Kolumne "Wiarda will's wissen" im Tagesspiegel.

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Letzter Abschied vom Schreckgespenst

Kultusminister und VG Wort verlängern Abrechnungsprovisorium, bis neues Urheberrecht gilt. Aufwändige Einzelerfassungen sind damit weiter ausgeschlossen.

NACH DEM DURCHBRUCH beim Urheberrecht Ende Juni war eine entscheidende Frage offen geblieben: Was passiert, wenn die zwischen Kultusministern, Hochschulrektoren und Verwertungsgesellschaft (VG) Wort Ende 2016 ausgehandelte Übergangslösung zur Abrechnung digitaler Semesterapparate zum 1. Oktober ausläuft, das neue Wissenschafts- und Bildungsschranke aber erst am 1. März 2018 in Kraft tritt? Die Vertragspartner hatten versprochen, rechtzeitig und einvernehmlich einen Abrechnungsmodus zu finden, damit kein rechtsfreier Zustand eintritt, und diese Lösung ist jetzt da. Kultusminister und VG Wort haben sich darauf verständigt, die die Übergangslösung bis zum 28. Februar zu verlängern, dass heißt: Bis dahin wird die Nutzung urheberrechtlich geschützter Werke weiter pauschal vergütet. Danach gilt dann das neue Urheberrechts-Wissensgesellschafts-Gesetz (UrhWissG), das ohnehin eine Pauschalabrechnung vorsieht und damit das (aus Sicht der Hochschulen) Schreckgespenst der Einzelerfassung aller genutzten Texte endgültig vertreiben soll. Horst Hippler, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), zeigte sich "erleichtert".

 

Wie genau das neue Gesetz angewandt wird und wie die künftigen Abrechnungsmodalitäten an den Hochschulen konkret aussehen werden, muss freilich noch fertig verhandelt werden zwischen KMK, HRK und VG Wort. Doch drohen den Hochschulen wohl keine unangenehmen Überraschungen mehr, weil sie sich dank der Novelle in einer ungleich besseren Verhandlungsposition als noch vor ein paar Monaten befinden. Trotzdem betonte Hippler am Freitag zur Sicherheit nochmal, dass die geplante Pauschalvergütung "nicht auf einer versteckten Einzelfallerhebung beruhen" dürfe. 

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Die Geschichte eines angekündigten Telefonats

Endlich Bewegung beim Digitalpakt: Wanka will KMK-Präsidentin Eisenmann anrufen.

DAS WAR ÜBERFÄLLIG. Johanna Wanka hat ihr Schweigen in Sachen Digitalpakt gebrochen. Sie habe für kommenden Montag ein Telefonat mit Susanne Eisenmann, der Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK) vereinbart, bestätigt die Bundesbildungsministerin. Dass der angekündigte Anruf einer CDU-Politikerin bei einer Parteifreundin überhaupt Schlagzeilen macht, zeigt die Brisanz, die sich in den vergangenen Wochen entwickelt hatte. Anfang Juli hatte Eisenmann, die im Hauptamt baden-württembergische Kultusministerin ist, Wanka einen Brief geschrieben. Dringlich im Ton hatte sie ihre Bundeskollegin um einen Hinweis geben, wann diese die Anfang Juni ausgefallene gemeinsame Verabschiedung des Digitalpakts nachzuholen gedenke. Solange die ausstehe, sehe sie "für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unserer Häuser keine Grundlage für in die Tiefe gehende Erörterungen".

 

Mehr als einen Monat Zeit hat sich Wanka gelassen, um auf den Brief zu reagieren. Sie werde auf das Schreiben der KMK-Präsidentin antworten, sagt sie nun und fügt hinzu: "Es war und bleibt mein Ziel, wie mit den Länderministerinnen und -ministern im Januar vereinbart, dass die Staatssekretärsgruppe bis Ende des Jahres den Entwurf einer Bund-Länder-Vereinbarung erarbeitet."

 

Zuletzt war in immer mehr Presseartikeln die Frage gestellt worden, ob der Pakt noch komme und ob Wanka überhaupt das Geld habe. Der grüne Bildungsexperte Özcan Mutlu hatte nach einem entsprechenden Bericht der Süddeutschen Zeitung (SZ) getwittert, der Pakt sei "von Anfang nur Wahlkampfgetöse" gewesen, "ohne echte Substanz" und sei auch nie finanziell abgesichert gewesen. Hamburgs SPD-Schulsenator Ties Rabe sagte vor zwei Wochen hier im Blog, "das lange Schweigen von Bundesministerin Wanka bestätigt unsere schlimmsten Befürchtungen: Sie kann oder will ihr Versprechen offensichtlich nicht halten." Einen solchen Vorgang habe er als Kultusminister in seiner sechsjährigem Amtszeit noch nicht erlebt. Selbst Wankas Parteikollegin Eisenmann zeigte sich zuletzt sogar in offiziellen Statements irritiert. Natürlich stehe die Sorge im Raum, dass der Digitalpakt nicht zustande komme, sagte sie der SZ. Es sei nun an Wanka klarzustellen: "Steht das Bildungsministerium noch zu unserem Verhandlungsergebnis?"

 

Vermutlich war das der Punkt, an dem Wanka spürte: Sie muss jetzt in die Offensive gehen. Zu dem immer wieder erhobenen Vorwurf, sie habe das Geld nicht, dreht sie den Spieß um und sagt: Natürlich gebe es das Geld erst, wenn die Bund-Länder-Vereinbarung stehe. "Dies gebietet auch der Respekt vor dem neu gewählten Parlament als Haushaltsgesetzgeber."

 

Ein wichtiges Signal der Ministerin, die ja überhaupt erst die Idee zu einem Digitalpakt gehabt und sich in den ersten Monaten mit Verve für das Projekt engagiert hatte.  Dann hatte sie sich offenbar so über die einseitige Verkündung des Paktes durch die KMK Anfang Juni geärgert, dass sie auf stur schaltete. Aber war Wankas Ärger wirklich der einzige Grund?  Eisenmann hatte der SZ gesagt, für das "abrupte Abbremsen" der Verhandlungen habe sie keine Erklärung. "Wir sind alle ein bisschen ratlos." 

 

Am Ende aber zählt vor allem eine Erkenntnis, aus der sich eine Forderung ergibt. Ich hatte sie schon in einem Artikel im Juni skizziert: Absehbar wird es künftig wieder häufiger zu Bund-Länder-Pakten für den Bereich Schule kommen. Darum muss auch wieder eine Institution analog zur Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz (GWK) her, die die Verhandlungen im Vorfeld in geordnete Bahnen lenkt. Wenn eine Art Schul-GWK die Folge der jetzigen Ratlosigkeit wäre, hätten sich ein paar Wochen Irritation mehr als gelohnt. 


NACHTRAG AM 14. AUGUST:

Direkt im Anschluss an das für heute angekündigte Telefonat mit KMK-Präsidentin Eisenmann hat Bundesbildungsministerin Wanka kurzfristig für heute Nachmittag zu einer Pressekonferenz eingeladen, Thema: "Statement Digitalpakt". Es wird also spannend. 

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Dann mal los

Die Universitäten haben nach monatelangem Zögern grünes Licht für die Max Planck Schools gegeben. Warum sie so lange brauchten und wie sich die Geduld der Max-Planck-Gesellschaft jetzt bezahlt macht.

DIE MAX-PLANCK-GESELLSCHAFT (MPG), die Universitäten und die übrigen außeruniversitären Forschungsorganisationen haben die ersten drei Max Planck Schools bestimmt. Die Auswahlentscheidung fiel bereits vor über zwei Wochen, doch um verbindlich zu werden, musste auch noch die Mitgliedergruppe der Universitäten in der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) ihre formale Zustimmung erteilen. Das habe sie jetzt in großem Einvernehmen getan, bestätigte gestern der zuständige HRK-Vizepräsident Ulrich Rüdiger, der als einer von drei stimmberechtigten Universitätsvertretern im neunköpfigen Auswahlgremium für die Schools gesessen hatte. Die siegreichen Anträge wird Bundesforschungsministerin Johanna Wanka (CDU) in wenigen Wochen bekanntgeben. 

 

Damit endet die monatelange Hängepartie um die zwei Jahre alte Idee von MPG-Präsident Martin Stratmann, deren Umsetzung Wanka im März hier im Blog angekündigt und damit zu ihrem letzten wissenschaftspolitischen Großprojekt in dieser Legislaturperiode erklärt hatte. Die drei ausgewählten Schools sollen 2018 starten: ein großartiger Verhandlungserfolg für die MPG, aber auch für die Hochschulen. Und eine selten gute Gelegenheit für die Wissenschaft insgesamt, die Förderung der talentiertesten Nachwuchswissenschaftler ein Stückweit neu zu erfinden. Die Schools könnten die Universitäten kräftig durchwirbeln, und damit sie das können, war zwingende Voraussetzung, dass die Universitäten sich auch durchwirbeln lassen wollen. 

 

Noch unmittelbar vor dem für den 20. Juli angesetzten Treffen des Auswahlgremiums hatte die HRK signalisiert: Nichts sei in trockenen Tüchern. Bevor man daran denken könne, Anträge durchzuwinken, sei ein offizielles, von den HRK-Gremien akzeptiertes Protokoll unerlässlich, in dem endlich alle offenen Fragen beantwortet und die verbliebenen Kritikpunkte der Universitäten endgültig ausgeräumt würden. Dieses Protokoll erarbeiteten MPG und HRK gemeinsam nach einem Spitzengespräch zwischen Stratmann, HRK-Präsident Horst Hippler und weiteren Universitätsvertretern am Vorabend der Auswahlsitzung – zur großen Zufriedenheit der Hochschulen, die es jetzt absegneten, wie Rüdiger, Rektor der Universität Konstanz, sagt: "Gerade angesichts der Startschwierigkeiten, die wir hatten, ist das bemerkenswert."

 

Die MPG, so steht es in dem "Gemeinsamen Beschluss des HRK-Präsidiums, des Sprecherkreises der Mitgliedergruppe Universitäten und der HRK-Konzeptgruppe Max Planck Schools", werde keinerlei akademischen Abschlüsse vergeben, in allen Studien- und Promotionsangelegenheiten seien die jeweiligen Gremien der beteiligten Universitäten zuständig. Das Konsenspapier ist gestern Abend kurzfristig an alle Uni-Rektoren in der HRK versandt worden.

 

Es war eine faszinierende Idee, die Stratmann erstmals bei der Max-Planck-Jahresversammlung vorgeschlagen hatte: MPG-Direktoren und herausragende Universitätsprofessoren sollten sich als so genannte Fellows in überregionalen "Max Planck Schools" zusammentun, um nach Fächern organisiert "besonders talentierten Bachelor- und Masterabsolventen“ aus aller Welt „die Gelegenheit zu geben, sich mit jüngstem Wissen von der vordersten Front der Wissenschaft auseinanderzusetzen." Auch Forschungsministerin Wanka „fand die Grundidee sehr gut“, wie sie im März sagte und versprach, drei Piloten zu fördern, allerdings unter zwei Voraussetzungen: dass erstens auch Forscher der anderen außeruniversitären Forschungsorganisationen mitmachen können und dass zweitens das Promotionsrecht klipp und klar bei den Universitäten verbleibe. 

 

Faszinierend ist die Idee vor allem deshalb, weil sie einen Standortnachteil Deutschlands ausgleichen könnte: Keine Universität hierzulande kann von ihrer Dichte an Spitzenwissenschaftlern mit Harvard oder Yale mithalten, aber wenn man die Koryphäen aus Universitäten und außeruniversitären Forschungsorganisationen deutschlandweit zusammenführt, dann müssten sich doch einige der talentiersten Studenten aus aller Welt anlocken lassen.

 

Warum gab es dann so lange Ärger um die Schools, und hätte man all die Nervereien verhindern können? Die kurze Antwort auf beide Fragen. Erstens: Weil die Universitäten sind, wie sie sind, und zweitens: Nein – und die Nervereien waren sogar notwendig. 

 

Zu erstens: Die meisten Universitäten sind zwar Tanker, aber das Ruder, das ihre Kommandobrücke bedienen kann, passt eher zu einem Fischkutter. Dieser Vergleich ist nicht spöttisch gemeint, im Gegenteil: Ließe sich eine gesellschaftlich so zentrale Institution wie eine Volluniversität durch einen leichten Tipp ans Steuerrad einfach so vom Kurs abbringen, könnte sie ihrer komplexen Aufgabe in Forschung und Lehre nicht gerecht werden. Sie soll Wissen bewahren und weitergeben, wissenschaftliche Standards sichern, breiten Raum für unterschiedliche Meinungen und Forschungsansätze bieten und, anstatt dauernd irgendwelchen kurzfristigen Mainstream zu produzieren, soll sie hin und wieder mit einer echten Neuerung aufwarten. Die meisten Mitglieder einer Universität haben diese Mission verinnerlicht und reagieren erst einmal ablehnend auf grundlegende Veränderungen. Nicht immer zu Recht, aber sie tun es.

 

Die Max Planck Schools sind aus der Sicht vieler Professoren noch dazu die Art von Veränderung, der sie am skeptischsten gegenüberstehen: Sie kommt vermeintlich schlicht daher, verbunden mit einem strahlenden Erfolgsversprechen, könnte sich aber im Nachhinein als grundlegender erweisen als zunächst gedacht. Forschungsministerin Wanka hatte das genau erkannt im März und deshalb von Anfang so auf Klarheit beim Promotionsrecht gepocht.

 

Zu zweitens: Weil die Universitäten so sind, mussten ihre Rektoren sie in der Art repräsentieren, wie sie es in den vergangenen Monaten getan haben. Sie mussten es Max Planck und Wankas Ministerium schwer machen, um genau dies ihren eigenen Leuten melden zu können: Wir haben uns nicht für ein paar Euro Bundesgeld verkauft. Wir haben uns das Promotionsrecht nicht von den Außeruniversitären abluchsen lassen. Wir haben dafür gesorgt, dass keine Weichenstellung an keiner School ohne Zustimmung von uns Universitäten erfolgen wird. Symbolhandlungen, natürlich. Genauso wie der Brandbrief, den der Universitätsverbund German U15 im Mai an Wanka versandt hat und in dem die Rektoren vor einer schleichenden Aushöhlung der Promotion warnten und konstatierten: Die konzeptionellen Überlegungen lösten "in ihrer aktuellen Fassung die Spannung zwischen einer notwendigen Anbindung von Doktorandinnen und Doktoranden an einen bestimmten Standort und der standortübergreifend angelegten Struktur nicht auf." Adressat solcher Zeilen waren Wanka und die MPG, aber mindestens so sehr die eigenen Professoren.

 

Auch die zunehmende Genervtheit, mit der etwa Max-Planck-Vizepräsident Ferdi Schüth im Interview auf die konzentrischen Kreise der Universitätsvertreter reagierte ("Es kommt der Tag, da will die Säge sägen"), kam zwar aus ehrlichem Herzen, erfüllte aber zugleich eine wichtige Funktion im Spiel der Rektoren: Schaut, liebe Unis, wie wir die MPGler pieksen.

 

Alle Kooperationen, so steht es jetzt in der Vereinbarung, sollen durch jeweils eigene Verträge durch die Partner abgesichert werden, unterzeichnen müssen die Leitungen der Forschungsorganisationen und der Hochschulen, aus denen die Fellows kommen. In den Verträgen, für die Musterdokumente abgestimmt werden sollen, werden alle Details etwa zu den zu verleihenden Abschlüssen geregelt. 

 

Expliziter geht es nicht. Dabei war den meisten Rektoren schon ohne Vereinbarung längst klar, dass Max Planck sich nie wirklich das Promotionsrecht erschleichen wollte. Aber um ihre persönliche Meinung ging es, siehe oben, gar nicht. Gerade deshalb ist es der MPG hoch anzurechnen, dass sie nicht getan hat, woran Schüth als Option laut gedacht hatte: Wenn nichts Anderes helfe, "planen wir am Ende eben doch nur mit internen Verbünden, aber der Nutzen für das Wissenschaftssystem wäre dann natürlich geringer." Die MPG hat durchgehalten und abgewartet, bis die Rektoren ihre Kreise fertig gezogen hatten, und als Dank können die Univertreter den Außeruniversitären jetzt eine Verlässlichkeit bieten, die ihr spontanes "Machen wir so!" nie beinhaltet hätte. Ein "Machen wir so" hätte statt dessen das ständige Risiko in sich getragen, dass die Schools im letzten Moment noch abgeschossen worden wären. 

 

Also: Die Nervereien mussten sein, weil die Universitäten so sind, wie sie sind. Und ihr Ergebnis ist eine Übereinkunft, die aus der großartigen Idee von vor zwei Jahren eine echte Zukunftsoption fürs deutsche Wissenschaftssystem machen könnte. Das "könnte" ist bewusst gewählt. Die nächsten fünf Jahre ist Zeit, das Potenzial der Schools zu ergründen, herauszufinden, ob sie wirklich in der Virtualität funktionieren, in der Schüth sie beschreibt: "Eine Max Planck School wird kein Ort sein, sondern eine Gemeinschaft der Köpfe, der Lehrenden, die sich in ihr zusammenschließen, und für diese Gemeinschaft entscheiden sich die Studierenden." 

 

Woraus gleich die nächste wissenschaftspolitische Aufgabe erwächst. So unverzichtbar das Hin und Her der vergangenen Monate war, so essentiell für die dauerhafte Akzeptanz der Schools wird am Ende der Pilotphase ihre ehrliche Evaluation sein. Also keine, deren Ergebnis politisch schon vorgegeben ist, sondern die die Stärken und Defizite des Konzepts offen benennt. Den Hochschulen war dieser Punkt sogar so wichtig, dass er Nummer eins der gemeinsamen Erklärung mit der MPG geworden ist und am Ende des Papiers sogar noch ein zweites Mal auftaucht. Die Evaluation müsse "international hohen Qualitätsmaßstäben" entsprechen. Und: Sollte das Format auf Dauer gestellt werden, heißt es in dem Papier, könne die Ausgestaltung und Weiterentwicklung über die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) erfolgen. "Das ist aber nur eine Überlegung", sagt Ulrich Rüdiger. "Entscheidend ist, dass wir ein wissenschaftsgeleitetes Verfahren sicherstellen."

 

Anders formuliert: Nochmal so wie in der Pilotphase soll es bei der Auswahl der Schools nicht laufen. Apropos, wer nun wissen will, welche drei Anträge durchgekommen sind und welche Disziplinen damit zum Zuge kommen, der muss sich bis zum 4. September gedulden. Laut Abmachung will Johanna Wanka erst dann die Entscheidung des Auswahlgremiums verkünden. Wobei die Gesprächigkeit aller Beteiligten nun, da die Schools in trockenen Tüchern sind, exponentiell steigen dürfte. Schon munkelt man, der Termin könne auch nach vorn verlegt werden.

 

Am Ende eine Fußnote: In den vergangenen Monaten war fast nur noch von den Verhandlungen zwischen MPG und Hochschulen die Rede, dabei hatten doch Fraunhofer, Helmholtz und Leibniz auf Wunsch der Ministerin auch eine Stimme im Auswahlgremium und vor allem angesichts des Namens "Max Planck Schools" ihre eigenen Vorbehalte. Die Stille an der außeruniversitären Front hatte einen Grund: Die Chefs der drei Organisationen haben ihre Kritik heruntergeschluckt und sich in den Dienst der Sache gestellt – bemerkenswert uneitel und zugleich mit Sinn für Realität. Wie hatte Wanka schon im März gesagt: Der Name Max Planck habe international die größte Strahlkraft: "Das müssen alle akzeptieren.“ Und das haben sie. 

 

Foto: ANKAWÜ: "Ampelmännchen ("gehen") in Berlin", CC BY SA 2.0

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Blick zurück (3)

Seit 20 Jahren beschäftigte ich mich mit Hochschulen, Bildung und Wissenschaft. Viel ist passiert in dieser Zeit, vieles davon durfte ich als Journalist begleiten. Der Blick zurück zeigt, wie aktuell einige meiner Themen von einst geblieben sind – obwohl sich fast alles verändert hat. Machmal allerdings auch, weil sich fast gar nichts verändert hat. Der dritte Teil einer Serie.

Minsk, Oktober 2005: Polizisten entreißen Mikita Sasim eine weiß-rot-weiße Flagge. Sasim war eine der Leitfiguren der Protestbewegung. Foto: Yuliya Darashkevich.

Weißrussland

Die Jeans-Rebellen

In Weißrussland herrscht der letzte Diktator Europas. Doch seit der manipulierten Wahl im März protestieren die Studenten offen gegen ihn. Sie sind jung, optimistisch – und riskieren viel. Auch wenn sie bisher nur kleine Siege errungen haben: Sie geben nicht auf.

(erschienen in ZEIT Campus 01/2007)

 

GLEICH GIBT ES kein Zurück mehr, dann wird er sie sehen, der Mann im Trainingsanzug. Die Studentin im Halbdunkel zögert, greift nach dem Feuerzeug. Der Mann bemerkt die Flamme schon aus den Augenwinkeln, wirbelt herum, sieht, wie auch das zweite Mädchen etwas anzündet. Er rennt los, schreit in sein Mikro; deutet auf die beiden Gestalten, die allein unter den Marmorsäulen sitzen, auf den Stufen vor dem Palast der Republik – mit brennenden Kerzen in der Hand.

 

Kerzen auf dem Oktoberplatz von Minsk, und das an einem 16. September. So wenig und doch so viel: Es gibt kaum eine größere Provokation in einem Land, dessen Präsident am 16. September vor sieben Jahren zwei der wichtigsten Regimegegner verschwinden ließ. Der im Frühjahr, nach der gefälschten Präsidentschaftswahl, das Protestzeltlager auf dem Oktoberplatz stürmen ließ, wo dann Hunderte von Studenten in Lastwagen verladen und für Tage, manchmal Wochen eingesperrt wurden – von der Geheimpolizei KGB, die ihren Namen aus der Sowjetzeit hinübergerettet hat.

 

Erlaubt ist heute Abend nur eine Art von Licht. Es flackert von der Videowand mit den Handy-Werbeclips hinüber zu der Kette Uniformierter, die langsam vorrücken und die paar Demonstranten wie Schutt vom Platz räumen. Das Licht spiegelt sich in den gelben Buchstaben ihrer Overalls, auf denen in kyrillischer Schrift "Polizei" steht. Die Jacken der Männer mit den Ohrstöpseln bleiben dunkel. Es sind KGB-Agenten, die dafür sorgen, dass im Zentrum der weißrussischen Hauptstadt, der Stadt von Alexander Lukaschenko, kein Demonstrant mehr eine Kerze anzündet.

 

Und dann sitzen sie plötzlich da, die beiden Mädchen um die 20, haben sich irgendwie vorbeigeschlichen an den Polizisten, dorthin, wo im März für vier Tage die Protestzelte standen. Vielleicht denken sie an diesen Frühling, als ein Dutzend kräftiger Männer mit Stöpsel im Ohr sie umringt. Die Mädchen haben vor Angst geweitete Augen, doch zucken sie kaum zusammen, als einer der Männer ausholt und die Kerzen zertritt; auch nicht, als die anderen sie fortzerren. Sie sagen kein Wort, nur ein Lächeln umspielt ihre Lippen: Egal, was jetzt kommt, hier, in diesem Moment, haben sie gewonnen.

 

Nach Jahren der Angst ist etwas in Gang gekommen im kleinen Weißrussland, das zwischen Polen und Russland eingeklemmt ist und über dessen Schicksal alle, nur nie die Weißrussen entschieden haben. Seit vergangenem Jahr zünden die Studenten vom Aktionsbündnis Solidarität 16 am 16. jeden Monats Lichter an und gehen mit den Bildern der Verschwundenen auf die Straße, um gegen den Mann zu demonstrieren, der als Europas letzter Diktator gilt. Seitdem merken die Menschen in Europa, vor allem aber die Menschen in Weißrussland, dass es sie überhaupt gibt in ihrem Land: eine Opposition.

 

Noch sind es nur kleine Siege. Die zwei Mädchen bleiben an diesem Abend die Einzigen, die es auf die Stufen vor dem stalinistischen Protzpalast schaffen. Die Polizei drängt den versprengten Rest Jugendlicher Richtung Altstadt zurück, die KGB-Männer patrouillieren über den weiten Platz. Plötzlich knarrt eine Stimme in den Ohrstöpseln. Die Männer stehen still, lauschen. Dann setzen sie sich im Gleichschritt in Bewegung, klettern in die Busse, die am Bordstein warten. Gespenstische Stille senkt sich über den Platz, nur die Polizeikette bleibt noch eine Weile in der feuchtkalten Nacht stehen. Das Regime hat es wieder einmal geschafft. Es ist das Ende einer Woche, die so hoffnungsvoll begann.

 

Rückblick. Am Dienstag, vier Tage vor dem diesjährigen 16. September, steht ein Junge vor dem Plattenbau der Linguistischen Universität: schmal, kurze Haare, Sonnenbrille. Um seinen Hals baumelt ein MP3-Player. Nichts an ihm sieht nach Widerstandskämpfer aus, doch wer ihn treffen möchte, muss zunächst einen Freund kontaktieren. "Nicht übers Handy", raunt der dann, und wenn man Glück hat, ruft jemand von einer Telefonzelle zurück, nennt Treffpunkt und Zeit. Denn Mikita Sasim, 22, der unscheinbare Junge mit der Sonnenbrille, ist die Symbolfigur der Studentenbewegung.

 

Wobei die meisten ihrer Mitglieder streng genommen Exstudenten sind. Sie wurden exmatrikuliert. Ihre Noten seien nicht gut genug gewesen, sagt die Uni-Leitung. Politische Gründe? Ach was, eine Erfindung der Opposition. Diese indirekten Gemeinheiten sind es, mit denen die Regierung die Menschen einschüchtert. "Das ist noch wirkungsvoller, als wenn sie ihre Prügeltrupps losschickt", sagt Mikita. Ein kurzes Hallo, dann schnell weiter, die Straße runter. Mikita weiß: Wenn sie ihn so kurz vor dem heiklen 16. September erwischen, sperren sie ihn wieder ein. In einem Jahr hat Lukaschenko ihn 25-mal verhaften lassen; schließlich hat er den Präsidenten gleich mehrfach blamiert.

 

Das erste Mal im Frühjahr 2004. Da studierte Mikita BWL, war sogar Gruppenführer der staatlichen Jugendorganisation. Das Regime selbst hatte ihm den Posten angeboten, um ihn auf seine Seite zu ziehen. "Ich dachte, ich mache mal eine Weile mit, kann nicht schaden, wenn da ein paar Andersdenkende sind", erzählt Mikita. Er hat Bäume gepflanzt und Partys auf Staatskosten organisiert, ein Jahr lang. Dann wollte die Regierung, dass seine Gruppe Propaganda macht. "Das kam natürlich nicht infrage." Sie haben abgestimmt, er und seine hundert Jugendlichen – und dann traten sie geschlossen zu Zubr über, dem oppositionellen Verband, dessen Aufkleber auf Papierkörben und Straßenschildern klebten, bis die Regierung plötzlich die Mitgliedschaft in solchen "nicht staatlich registrierten Organisationen" für illegal erklärte. Die internationale Presse berichtete, und Mikita flog von der Fachhochschule.

 

Am 16. September 2005 hat der Exstudent den Präsidenten ein zweites Mal bloßgestellt und nebenbei der weißrussischen Revolution, die Gegenstück zur orangefarbenen Revolution in der Ukraine werden will, ihren Namen gegeben: Jeans-Revolution. Als Polizisten auf einer Demo alle rot-weißen Flaggen konfiszierten, zog Mikita sein Jeanshemd aus und befestigte es an einem Fahnenmast. Danach haben ihn KGB-Leute so brutal verprügelt, dass er mit einer Gehirnerschütterung ins Krankenhaus musste. Das erzählt er jedoch nicht, wenn man ihn nach dem Tag fragt. Mikita sagt: "An dem Abend haben wir Solidarität 16 gegründet."

 

Studenten wie Mikita meint Alexander Milinkewitsch, der 58 Jahre alte Expräsidentschaftskandidat, wenn er behauptet: "Die Opposition wird von der Jugend getragen, und die Jugend hat keine Angst vor Lukaschenko, Lukaschenko hat Angst vor der Jugend." Darum muss Mikita immer auf der Hut sein. "Ich habe eine Wohnung", sagt er und grinst, "aber wo die ist, das weiß nur ich." Es ist kein verbittertes Grinsen, sondern ein verschmitztes, und als er seine Sonnenbrille hochschiebt, sieht man, dass die Augen mitlachen. Auch das ist für ihn einer dieser kleinen Siege: zu wissen, dass die Staatsmacht ihn nicht hat brechen können, auch nicht in den drei Monaten Gefängnis, die er zwischen März und Juni wegen angeblicher Wehrdienstverweigerung abgesessen hat. "Am Tag nach der Entlassung habe ich Flugblätter verteilt", sagt Mikita, der coole Aktivist, den nichts schockieren kann. Würde er sich nicht eine Zigarette nach der anderen anstecken; wären da nicht seine Augen, die am Display seines dauerklingelnden Handys hängen.

 

Sein Name ist die weißrussische Version von Nikita. Der Widerstand beginnt beim Vornamen, wenn man einen Präsidenten hat, der Englisch und Russisch als die einzigen großen Sprachen lobt und sagt, auf Weißrussisch lasse sich "nichts Großartiges" formulieren. Lukaschenko hat die traditionelle rot-weiße Fahne verboten und die Flagge der Sowjetrepublik wieder eingeführt. Klar, dass der Button mit der Aufschrift "Für Freiheit" auf Mikitas Jeanshemd rot-weiß ist. Klar, dass er Weißrussisch spricht. Patriotismus ist gleich Opposition in Weißrussland.

 

Irgendwann setzt er sich auf eine Bierbank vor einem geschlossenen Café, starrt auf die Straße, grübelt. Seit Wochen planen sie das "Big Jeans Festival", ein Popkonzert, das am Samstag vor der abendlichen Demonstration am Oktoberplatz stattfinden soll. Und was macht die Stadtregierung von Minsk? Erteilt eine offizielle Erlaubnis. Diese Großzügigkeit passt nicht. Mikita knabbert auf seiner Unterlippe. "Wahrscheinlich stellen sie uns mittendrin den Strom ab, damit wir mit ein paar tausend enttäuschten Jugendlichen dastehen", sagt er schließlich und hebt die Achseln. Sollen sie doch, heißt das wohl. Sein Blick fällt auf einen Papierkorb, an dem ein verblichener Aufkleber hängt: ein schwarzer Bison auf weißem Grund. Das weißrussische Wort für Bison ist zubr. Mikita grinst. Er habe seine Angst verloren, sagt er einmal mehr, einmal zu oft, und erzählt von konspirativen Treffen, bei denen sie das Festival vorbereiten, in Cafés, zu zweit oder zu dritt, nur nicht zu viele an einem Ort. Als sein Handy wieder klingelt, hat er es plötzlich eilig. "Wir sehen uns Samstag", sagt er, schiebt sich die Sonnenbrille ins Gesicht und rennt die Stufen zur U-Bahn hinunter.

 

Ein paar hundert Meter von der Linguistischen Universität entfernt ist die Sowjetunion noch nicht zusammengebrochen. Dort ragt ein gewaltiger Obelisk in den Himmel, davor brennt ein ewiges Feuer. Das ist der Siegesplatz. Laternenmasten mit roten Sternen säumen den Kreisverkehr, eine Ehrenwache marschiert im Stechschritt; hier hält Lukaschenko noch heute gerne seine Paraden ab. Als Viachaslau Koran am Mittwoch, drei Tage vor dem 16. September, über den breiten Boulevard Richtung Obelisk geht, drehen sich die Leute nach ihm um. Sie kennen ihn irgendwoher, den in Schwarz gekleideten Mann, mit den langen Haaren, dem faltigen Gesicht und dem kupfernen Halbmond-Ohrring.

 

Früher war Koran, 49, einer der bekanntesten Rockmusiker von Weißrussland, seine Band Ulis hat den Titelsong für Radio Free Europe produziert. Doch seit Koran in Weißrussland nicht mehr auftreten darf, seit seine Platten nicht mehr in den Läden stehen, sind es nur noch die über 20-Jährigen, die sich nach ihm umdrehen. "Die jungen Leute kennen unsere Musik nicht mehr", sagt er. "Sie hören nur die offizielle Rockmusik, all das, was aus Russland kommt. Und vergessen ihre weißrussische Kultur." Um zu überleben, jobbt Koran mal hier, mal da, seine Songs vertreibt er über das Internet. Viele seiner Kollegen, die wie er keine Chance haben in den Radiosendern des Landes, verdienen Geld in den wenigen Plattenläden der Opposition. Vor kurzem konnte Koran mal wieder auftreten, die US-Botschaft hat ein Konzert für regimekritische Musiker veranstaltet, 200 Leute waren da. "200 Leute", sagt Koran hilflos. Das ist so, als würde man die Toten Hosen in der Eckkneipe auftreten lassen. Sein alter Produzent hat ihm versprochen, zu seinem 50. Geburtstag werde er hier in Minsk auftreten, in einem großen Theater, doch Koran glaubt nicht mehr daran. "Das System funktioniert genau wie zu Sowjetzeiten, nur noch besser." Er hebt den Blick zur Spitze des Obelisken. "Das Schlimmste ist: Den Menschen ist es egal."

 

Vielleicht ist das die große Stärke der jungen Regimegegner: Sie haben die Sowjetunion nicht mehr erlebt, sie haben nicht wie Koran ein Leben des Widerstands hinter sich, der immer wiederkehrenden Enttäuschungen. Sie glauben an die kleinen Siege und daran, dass Weißrussland sich ändern kann. "Spätestens nächstes Jahr ist Lukaschenko weg", sagt Alena, 21, die Vorsitzende des verbotenen Weißrussischen Studentenverbandes. "Der Wandel ist nicht aufzuhalten", sagt auch Tatsiana, 22, die auf ihrer Internet-Seiteadukacyja.info Studenten, die nicht weiterstudieren dürfen, Tipps gibt. Deutschland hat allein 70 Studenten der einzigen privaten Hochschule Weißrusslands, der Europäischen Humanistischen Universität, aufgenommen, als Lukaschenko sie 2004 schließen ließ. Viele von ihnen sind längst zurück, weil auch sie glauben, dass Lukaschenkos Zeit abläuft. Bis dahin allerdings, sagt Tatsiana, wird das Regime nicht müde werden, sich Schikanen auszudenken. Die nächsten, da ist sie sicher, am Samstag, beim Jeans-Festival: "Das erlauben die nicht einfach so." Die ganze Woche über liegt eine seltsame Spannung über der Stadt. Hinter vorgehaltener Hand diskutieren die Studenten in den Hörsälen und auf dem Rasen vor der Staatlichen Universität die Frage, die sich auch Mikita stellt: "Was passiert am Wochenende?"

 

Samstag, der 16. September. Der Tag beginnt mit einer Enttäuschung. Die Polizei zerschlägt einen Protestmarsch vor der Akademie der Wissenschaften und verhaftet zehn Studenten. Geheimpolizisten riegeln den nahen U-Bahnhof ab, verscheuchen die Menschen und erzählen mit drohender Stimme, die Rolltreppen seien ausgefallen. Dabei hat der Bahnhof gar keine Rolltreppen. Das war es dann wohl, denkt Irina Khalip da schon, die blonde Journalistin, die zusammen mit Mikita Solidarität 16 gegründet hat. Doch als sie Stunden später auf die Bühne im Park klettert, strahlt die Sonne vom Himmel und die Lautsprecheranlage steht unter Strom. Ein paar Sekunden blinzelt Irina ungläubig, starrt auf Tausende von Jugendlichen mit rot-weißen Fahnen, Jeanshemden und Solidarität-16-Shirts, die von allen Seiten in den Park strömen und dabei die Männer in den Gebüschen ignorieren, die Stöpsel in den Ohren haben.

 

"Ich weiß, dass wir das Regime besiegen werden, denn es ist schwach, dumm und ekelhaft!", schreit Irina ins Mikrofon. Hinter ihr hängen die Fotos der Verschwundenen, neben ihr steht ein blaues Zelt, das ein paar Studenten unter tosendem Applaus auf die Bühne geworfen haben. Eines der Zelte, in denen sie im Frühling auf dem Oktoberplatz übernachtet haben. Irina ist stellvertretende Chefredakteurin der Oppositionszeitung Delovaya Gazeta; in Deutschland wurde die 37-Jährige vergangenes Jahr mit dem Henri-Nannen-Preis ausgezeichnet, der damalige Außenminister Joschka Fischer hat ihr die Hand geschüttelt und eine flammende Rede für die Pressefreiheit gehalten. An die denkt sie, wenn sie wieder eine Nacht auf der Polizeistation verbringt.

 

Es ist eine unwirkliche Szene mit all den jubelnden Jugendlichen und Irina auf der Bühne; eine Szene, die noch unwirklicher wird, als Mikita auftaucht, mit schwarzer Jeans, grauer Jeansjacke und Sonnenbrille. Er greift sich das Mikro, die Menge kreischt wie bei einem Popstar, und Mikita sagt mit ruhiger Stimme: "Im Gefängnis habe ich erfahren, welch eine Macht Solidarität sein kann. Es ist die Solidarität, welche die Freiheit nach Weißrussland bringen wird!" Ein paar Meter hinter ihm steht Irina. "Jedes Land, das um seine Freiheit kämpft, braucht junge Menschen wie Mikita, die bereit sind, ihre Zukunft aufs Spiel zu setzen", sagt sie leise. Doch sie ahnt: Während Mikita und seine Freunde Lukaschenko ihre kleinen Siege abtrotzen, machen andere brav ihren Uni-Abschluss. Und wenn eines Tages Lukaschenko stürzt, werden die Angepassten die guten Posten besetzen, während junge Regimegegner wie Mikita ohne Abschluss dastehen.

 

Die Sonne senkt sich allmählich. Die Reden sind vorbei, die erste Band stürmt die Bühne und füllt den Park mit vibrierenden Bässen. Es ist zehn Minuten nach sieben, als sie verstummen. Stromausfall. "Auf die Regierung ist doch Verlass", sagt Mikita. Natürlich haben sie sich darauf eingestellt. Kerzen werden angezündet, Feuerwerksraketen zischen zum Himmel. Die Menge singt auch ohne Musik weiter. Noch so ein kleiner Sieg. "Und nächsten Monat ist wieder ein Sechzehnter", sagt Mikita.


Info: Weißrussland

Der Zehn-Millionen-Einwohner-Staat östlich von Polen wird seit 1994 von Alexander Lukaschenko zunehmend autoritär regiert. Er unterdrückt die Opposition und bindet das Land eng an Russland. Den letzten Anschein von Demokratie

 hat er mit einer Verfassungsänderung aufgegeben: Damit kann er nach Ablauf seiner zweiten Amtszeit Präsident bleiben. Populär ist Lukaschenko vor allem bei der Landbevölkerung. 



Nachtrag vom 08. August 2017

Zehn Jahre nach meinem Artikel ist Lukaschenko immer noch im Amt, seit mittlerweile fast einem Vierteljahrhundert. Zubr hat im Gegensatz dazu nicht lange offiziell existiert, doch viele seiner ehemaligen Mitglieder sind weiter in der weißrussischen Opposition aktiv. Was aus Mikita Sasim selbst geworden ist, konnte ich nicht ermitteln. Man kann nachlesen, dass er im Herbst 2007 aus dem Gefängnis heraus zum Militärdienst einberufen wurde, statt dessen jedoch wenig später das Land verließ. Irina Khalip kämpft weiter gegen das Regime, wurde mehrfach festgenommen. 2012 zeichnete sie das PEN-Zentrum Deutschland mit dem Hermann-Kesten-Preis für besondere Dienste um verfolgte Autoren aus. 

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Warum Bildung als Thema bei der Bundestagswahl keine Rolle spielen wird

Die Parteien reden viel über Kitas, Schulen und Ideale, doch eigentlich haben sie nur ein Ziel: Nicht anecken.

Foto: Davie Bicker
Foto: Davie Bicker

VERGANGENE WOCHE SASS ich mit einem Kollegen beim Mittagessen zusammen, wir plauderten über dies und das, und irgendwann fragte er mich: Gibt es ein Bildungsthema, das bei der Bundestagswahl eine entscheidende Rolle spielen wird? Ich überlegte kurz, dachte an Martin Schulz und Angela Merkel, an all die Versprechen von Bildungsoffensiven, kostenlosen Kitas für alle und neuen Ganztagsschulprogrammen und antwortete: Nein. 

 

In sieben Wochen bestimmen die Deutschen, wer sie die nächsten vier Jahre regieren, sie in die so viel beschworene Zukunft führen wird, und ausgerechnet bei der Frage, die angeblich über unser aller Zukunft entscheidet: gähnende Leere, allenthalben. 

 

Dass wir uns nicht falsch verstehen: Es wird über Bildung diskutiert, am plakativsten tatsächlich von SPD-Kanzlerkandidat Schulz, der im Mai bei seinem fast schon legendären Auftritt in der Neuköllner Stadtbibliothek kurzerhand, aber mit großer Geste skandinavische Verhältnisse in Sachen Bildungsfinanzierung versprach. Woraufhin seine Leute wochenlang zu tun hatten, die dafür nötigen zusätzlichen 75 Milliarden Euro unbemerkt wieder einzukassieren und der Kandidat sich selbst im Interview relativierte. Inhaltlich tat sich Schulz ansonsten vor allem damit hervor, dass er die Rücknahme der Schulzeitverkürzung auf 12 Jahre gut hieß, die Abschaffung von Kitagebühren für gut verdienende Eltern ebenfalls und ansonsten das sozialdemokratische Lieblingsthema des Kooperationsverbots und seiner dringend nötigen Abschaffung rauf- und runterdeklinierte. Und dann war da noch seine Ankündigung, eine Million neue Ganztagsplätze in den Schulen zu schaffen. Wobei selbst die irgendwie verhallte, weil Kanzlerin Merkel in bekannter Manier dazwischenrief: Will ich doch auch. 

 

Womit wir bei der Union wären. Hier ist der Blick in die Länder aufschlussreich und deprimierend zugleich. Nach ihren Wahlsiegen in Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein haben die CDU und ihr Koalitionspartner FDP und (in Schleswig-Holstein zusätzlich die Grünen) als erste bildungspolitische Großtat ebenfalls G8 geschreddert, in Abgrenzung übrigens zu den zuvor regierenden Sozialdemokraten, die zumindest in diesen Bundesländern anders als ihr Kanzlerkandidat die Schulzeitverkürzung mehr oder weniger konsequent verteidigt hatten. Schritt zwei war in NRW das Ausrufen einer "Rettung" der Förderschulen durch den neuen CDU-Ministerpräsidenten Armin Laschet. Dass er die Inklusion auf Eis legen wolle, hatte er schon vor der Wahl gesagt. Was seinen Parteifreund Bernd Althusman, CDU-Spitzenkandidat bei der bald anstehenden niedersächsischen Landtagswahl, inspirierte, sich schon jetzt für eine "Denkpause" und gegen eine "Turbo-Inklusion mit der Brechstange“ auszusprechen.

 

Kurz gefasst orientiert sich die Bildungspolitik der beiden größeren Parteien am Erhalt des Status Quo. Oder schlimmer: an der Rückkehr zu einem Status Quo vor zehn Jahren. Wenn sich etwas ändert, wenn etwas neu ist, dann nur dort, wo es der Mittelschicht nützt. Und genau das ist der Grund, warum die Bildungspolitik bei den anstehenden Bundestagswahlen keine Rolle spielen wird. Sie macht wenig bis nichts besser für die wählende Mehrheit. Sie tut ihr aber auch nicht weh. Und vor allem ist diese Bildungspolitik so belanglos, dass sie von den Wählern getrost ignoriert werden wird. >>



>> Beispiel Ganztagsschulen: Richtig gemacht, also in ihrer gebundenen Form, würden sie den Widerstand vieler Mittelschichtseltern hervorrufen, die zwar Betreuung nach Wunsch und Bedarf wollen, aber bitte nicht verpflichtend mit echtem Unterricht am Nachmittag. Doch diese Eltern müssen sich nicht wirklich sorgen, denn das Versprechen flächendeckender "guter Ganztagsangebote" läuft angesichts der paar Milliarden, die die SPD dafür vorsieht (die Union nennt lieber gar nicht erst eine Summe), ohnehin auf einen Symbolbetrieb hinaus. Selbst das vermeintliche Winner-Schlagwort Kooperationsverbot (Zitat Schulz: "Eltern, die in ihrer Freizeit Klassenräume sanieren sollen, interessieren sich nicht für die Feinheiten des Föderalismus") reißt in seiner ständigen, aber inhaltsleeren Wiederholung kaum noch jemanden mit, wenn doch gute Bildungspolitik eher an zu wenig Mut denn an zu vielen Paragraphen scheitert. 

 

Beispiel G8/G9 und Inklusion: Um potenzielle Aufregung gegen Null zu dimmen, verspricht die Union: Wenn die Schulen wirklich wollen, können sie bei G8 bleiben, und klar machen wir mit Inklusion weiter, aber irgendwie anders als die anderen. Wir überlegen erstmal, und nach der Denkpause (wie lange wird die wohl dauern?) warten wir mit einem klasse Plan auf. Wobei dieser Plan darin bestehen dürfte, dass das Chaos doppelter Lösungen und Strukturen weiter wächst und mehr Qualität schon daran scheitert, dass man eben nicht das doppelte Geld zur Verfügung hat. 

 

Währenddessen bleibt ein entscheidendes,  womöglich sogar das einzig entscheidende Thema moderner Bildungspolitik im Kern unbearbeitet. Ein Thema noch dazu, das ernsthaft diskutiert sehr wohl das Zeug zum Wahlkampfschlager hätte: Wie ermöglichen wir endlich (wieder) Aufstieg durch Bildung? Wie sorgen wir dafür, dass Leistung sich lohnt, dass aber alle die gleichen Chancen erhalten, diese Leistung überhaupt bringen zu können? Wie also können wir Bildungsgerechtigkeit so definieren, dass sie nicht ständig als Gegenentwurf zu anspruchsvollen, leistungsbetonten Bildungsangeboten herhalten muss, sondern diese sogar bedingt?

 

Ein paar Anhaltspunkte, die mir persönlich aufschlussreich erscheinen. 

 

Erstens: die Flüchtlinge. Den ganzen Herbst 2015, den darauf folgenden Winter und Frühling hat die Politik darüber debattiert, wie sie mit diesem "Jahrhundertereignis" umgehen solle, wie unser Bildungssystem den hunderttausenden zusätzlichen Schülern gerecht werden könne. Das werde viele Jahre dauern, hieß es, viele Milliarden kosten, am Ende aber würden unsere Schulen sich auf die neue Schülervielfalt im 21. Jahrhundert einstellen. Und jetzt, nicht einmal zwei Jahre später? Stille. Keiner redet mehr von tiefgreifenden Umwälzungen, von Schulen, die sich neu erfinden müssen. Drohende neue Flüchtlingswellen werden als "hochbrisant" wahrgenommen, die Brisanz in den Schulen wird lieber ausgeblendet. Von den Bedürfnissen der Flüchtlinge, was sie brauchen, um teilhaben und "leisten" zu können, will kaum einer hören, ist gerade nicht das Thema. Und ausgerechnet das gesellschaftliche Ziel der Inklusion, das so eng verwandt ist mit dem Ideal der Integration und Chancengerechtigkeit für alle, hat vor allem dank konservativer Bemühungen für viele den Klang eines Schimpfwortes angenommen. 

 

Zweitens: Gebührenfreiheit. Natürlich ist es richtig und unverzichtbar, dass unsere Schulen nichts kosten, denn wir haben Schulpflicht, und der Staat muss im Umkehrschluss die Bildung der schulpflichtigen Kinder gewährleisten. Doch Bildungsgerechtigkeit beginnt schon in der Kita, und der dort nötige qualitative und quantitative Ausbau wird viele Milliarden kosten. Warum also dort die Gebühren abschaffen, wenn sie in den allermeisten Fällen sozial gestaffelt sind und durch ihre Abschaffung die Besserverdiener profitieren, die Bildungsgerechtigkeit aber leidet, weil der Staat das Geld in die Gebührenkompensation statt in bessere Qualität investiert? Nein, es ist fantasielos und irreführend, Bildungsgerechtigkeit und kostenfreie Bildung einfach so und um jeden Preis gleichzusetzen, zumal keine Regierung gleich welcher Couleur in Bund und Ländern je die Unterfinanzierung des Bildungssystems beendet hat.

 

Drittens: der Hochschulzugang. 2013 hat mit Niedersachsen das letzte Land die Studiengebühren abgeschafft, und welche Auswirkungen hatte das auf die soziale Zusammensetzung an den Hochschulen? 52 Prozent der Studenten stammten laut Sozialerhebung des Studentenwerks 2016 aus Familien, in denen mindestens ein Elternteil studiert hat, nochmal zwei Prozentpunkte mehr als 2012. Um Missverstände zu vermeiden: Keiner muss eine Hochschule besuchen, aber jede/r muss eine Hochschule abhängig von ihrem oder seinem Potenzial besuchen können. Das Problem mit dem Potenzial ist, dass es nicht immer von Anfang an ausgespielt werden kann, erst recht, wenn im Hintergrund keine Eltern stehen, die selbst studiert haben. Doch wir leisten uns eine Debatte über vermeintlich zu viele Akademiker und schrecken damit allein die Nicht-Akademikerkinder von den Hochschulen ab. Und um die Sache rund zu machen, kann man als Politiker immer noch reüssieren, wenn man die Bologna-Studienreform madig macht. Und so verspotten wir überparteilich die ohnehin nur zögerlich entstehenden Unterstützungsstrukturen an den Hochschulen als "Verschulung" und loben das abstrakte und so oft falsch verstandene Humboldtsche Ideal von "Freiheit und Einsamkeit". Um an dieser Stelle nochmal die Kostenfreiheits-Mär aufzugreifen: Auch Studiengebühren sind nicht automatisch sozial ungerecht und schrecken vom Studium ab. Nachgelagert hätten sie den genau gegenteiligen Effekt. Für ihr Studium würden die zahlen, die es sich leisten können – und den Hochschulen genau das Geld geben, was sie brauchen, um offener für alle zu werden. 

 

Viertens: die Rolle der Bildungsforschung. Zwar hat das Bundesforschungsministerium gerade erst ein neues, mit 250 Millionen Euro dotiertes "Rahmenprogramm Empirische Bildungsforschung" verkündet, doch hört die Politik den Wissenschaftlern nur sehr selektiv zu. Sonst wären die Landesregierungen vielerorts nicht auf dem Rückweg zu G9, sondern würden die Lehrpläne kompetenzorientiert umbauen. Sie würden Ganztag nur noch gebunden fördern, und auch bei der Inklusion würden sie keine Denkpause einlegen, denn die Erkenntnisse sind doch da. Die da lauten: Die Umsetzung von einer echten Bildungsbeteiligung für alle kostet viel zusätzliches, aber sinnvoll investiertes Geld, und sie zu lassen, ist keine Alternative. Erst recht keine Option ist es, es allen mit halbgaren Doppelstrukturen rechtmachen zu wollen, die am Ende noch mehr (aber diesmal unsinnig investiertes Geld) verschlingen und weder in den Regel- noch in den Förderschulen richtig funktionieren.  

 

Übrigens: Auch wenn ich mich in diesem Essay auf die beiden größeren Parteien konzentriert habe, bei den kleineren wäre meine Analyse kaum anders ausgefallen. So haben die Grünen in der abgewählten NRW-Regierung zwar die Inklusion hochgehalten, doch die nötigen Zusatzinvestitionen haben auch sie nicht geschafft. Und die FDP forderte im NRW-Wahlkampf zwar nachgelagerte Studiengebühren, einigte sich mit der CDU dann aber auf eine Zahlpflicht für internationale Studenten und machte ansonsten, siehe oben, mit bei den bildungspolitischen Rückwärtsrollen. 

 

Man stelle sich das vor: keine blöden Sprüche von einer vermeintlichen Akademikerschwemme, ein besseres G8 statt kein G8, ein Umschwung hin zu richtig finanzierter, ehrlich gemeinter Inklusion, zu flächendeckenden gebundenen Ganztagsschulen. Und eine Abschaffung der Kitagebühren erst dann, wenn der Ausbau abgeschlossen ist. Und zwar nicht nur der quantitative, sondern vor allem auch der qualitative. Unrealistisch? Alle politischen Zeichen deuten derzeit bei allen genannten Punkten in die Gegenrichtung? Stimmt. Und genau darum wird Bildungspolitik im September keine Rolle spielen. 

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Wirkung auf den zweiten Blick

Die Zahl der BAföG-Empfänger ist auch 2016 zurückgegangen. Trotzdem ist die jüngste Novelle nicht verpufft.

DAS STATISTISCHE BUNDESAMT hat heute Morgen die BAföG-Statistik für 2016 veröffentlicht. 823.000 Schüler und Studenten haben im vergangenen Jahr eine Ausbildungsförderung erhalten, das entspricht einem Rückgang von 5,5 Prozent gegenüber 2015. Bei den Schülern betrug das Minus 7,6 Prozent, bei den Studenten 4,5 Prozent. 

 

Ist die nach langem Warten zum Oktober 2016 erfolgte Anpassung damit auf Anhieb verpufft? Der Generalsekretär des Studentenwerks, Achim Meyer auf der Heyde, sieht das zumindest so: „Die jüngste Erhöhung der BAföG-Elternfreibeträge um sechs Prozent zum Wintersemester 2016/2017 verfehlt ganz offenbar das von der Bundesregierung selbst gesteckte Ziel, 110.000 Geförderte zusätzlich zu generieren." Es bestätige sich: "Die jüngste BAföG-Erhöhung kam zu spät, und sie fiel zu niedrig aus." Der hochschulpolitische Sprecher der grünen Bundestagsfraktion, Kai Gehring, sagte: "Diese Regierung hinterlässt eine Lücke, wo eine Leiter für den Aufstieg durch Bildung nötig ist."

 

Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) kommentierte den Rückgang etwas putzig: Die Zahl der Geförderten sei im Gesamtjahr 2016 "noch nicht so deutlich angestiegen wie ursprünglich erwartet." Wenn in Zeiten günstiger Konjunktur- und Einkommensentwicklung weniger Auszubildende auf staatliche Förderung angewiesen seien, sei dies eine erfreuliche Entwicklung.

 

Tatsächlich hatte es von Anfang an Ärger um die Novelle gegeben: Sie trat schon 2014 in Kraft, doch Geld bekamen die Schüler und Studenten erst zwei Jahre später. Ein Zugeständnis an Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU), der im Gegenzug grünes Licht gab für den Kern der Reform: Seit 2015 zahlt der Bund den kompletten Länderanteil beim BAföG mit, Kostenpunkt: mehr als eine Milliarde Euro im Jahr. Wofür einigen Ländern wiederum die Zustimmung bei einer wichtigen Grundgesetzänderung leichter gefallen ist, der Lockerung des sogenannten Kooperationsverbots. 



 

Ein Milliardenhandel, der wissenschaftspolitisch (siehe Neuauflage der Exzellenzinitative als Exzellenzstrategie) bedeutsam war. Die BAföG-Empfänger aber zahlten drauf: Die Preissteigerung hatte schon ein Stück vom 2014 beschlossenen 7-Prozent-Plus abgeknabbert, bevor die neuen Bedarfssätze überhaupt in Kraft traten. Und jetzt also die Quittung per amtlicher Statistik?

 

So eindeutig ist die Sache nicht. Auf Nachfrage berichtet das Statistische Bundesamt von den nicht veröffentlichten Quartalszahlen für 2016, und die zeigen: Während es im ersten Halbjahr einen Rückgang bei den Geförderten um rund sieben Prozent gegeben hat, betrug das Minus im letzten Quartal 2016 nur noch knapp vier Prozent. Der Trend weise also seit der BAföG-Erhöhung im Oktober nach oben, das werde sich auch in den Zahlen für 2017 niederschlagen, sagt das Amt. Die Frage sei nur: wie stark. Der Anteil der Vollgeförderten insgesamt sei 2016 kaum noch gesunken (-1,4 Prozent), bei den Studenten allein sei ihre Zahl sogar um 4000 gestiegen: ebenfalls ein Indiz für die einsetzende Wirkung der BAföG-Novelle. "Wir erwarten für 2017, die Effekte der Reform dann auch in der Statistik deutlicher zu sehen", sagt Ministerin Wanka – womit sie Recht haben dürfte.

 

Schon vergangene BAföG-Erhöhungen hatten sich erst mit Verzögerung in den Jahresstatistiken gezeigt, so etwa das kräftige Plus von August 2008, in dessen Folge die Zahl der Geförderten erst 2009 einen signifikanten Sprung nach oben machte. Spannend ist auch, wie lange der Aufwärtstrend nach der Erhöhung jeweils anhielt – und wie stark er ausfiel. Am nachhaltigsten war die von der SPD-Bildungsministerin Edelgard Bulmahn 2001 durchgeboxte Novelle, die einen bis 2005 dauernden, steilen Anstieg auslöste, der allerdings auch damit zusammenhing, dass die Regierung Kohl den BAföG-Empfängern zuvor fast zehn Jahre lang Rückgang und Stagnation beschert hatte. Die Erhöhung von 2008 wiederum, dicht gefolgt von einem weiteren Zuschlag in 2010, wirkte bis 2012 nach, danach folgten wieder vier Jahre Abbröckeln bei den Zahlen. 

 

Also doch Entwarnung, die aktuelle Novelle wirkt?

 

Ja und nein. Sie wirkt, aber sie wirkt zu spät. Und die Tatsache, dass jetzt wieder die statistische Kaffeesatzleserei beginnt, zeigt das Kernproblem: Dem BAföG fehlt ein verlässlicher Mechanismus. Die Bedarfssätze und Freibeträge müssen, da sind sich die meisten Experten einig, endlich an den Inflationsindex gekoppelt werden, so dass sie künftig automatisch der Preisentwicklung folgen. Auch das Studentenwerk erhebt diese Forderung seit langem. Generalsekretär Meyer auf der Heyde: "Eine Erhöhung im Jahr 2010, eine weitere Erhöhung im Jahr 2016: Das ist zu wenig."

 

Kurzfristig wäre die Kopplung an die Inflation womöglich etwas teurer, langfristig gesehen aber müssen die BAföG-Ausgaben ohnehin Schritt halten mit dem Bedarf der Schüler und Studenten. Und die Bildungsministerin wäre endlich die undankbare Rolle los, dass sie jedes Mal erst beim Finanzminister Geld freikämpfen muss, um anschließend zu hören: Reicht nicht, wirkt nicht. 

 

Warum es diese Automatismus dann nicht längst gibt? Weil dann noch mehr Geld wie von selbst aus dem Bundeshaushalt abfließen würde, also weniger Verfügungsmasse für aktive Politik. Was Politiker naturgemäß nicht so schätzen. 

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Wir sollten uns über ungewöhnliche Studiengänge freuen, anstatt sie als "Moden" abzutun

Die Bologna-Reform hat Menschen zu akademischer Bildung verholfen, denen der Zugang zuvor versperrt war – dank neuartiger Studienangebote. Ein Replik auf Michael Kretschmer von Barbara Veltjens.

Foto: Woodrow Blettel: "Outdoor Lecture", CC BY-NC-SA 2.0

"WEITER JA, ABER ANDERS", lautet der Titel des Blogbeitrages von Michael Kretschmer (CDU), der Bund und Länder auffordert, sich weiter für den Ausbau der Hochschul- und Universitären Kapazitäten einzusetzen und dabei besonders die Lehrqualität in den Blick zu nehmen. Er geht davon aus, dass viele junge Menschen nach wie vor eine berufliche Tätigkeit "außerhalb des Wissenschaftssystems" anstreben und kündigt für die neue Wahlperiode an, daran mitzuarbeiten, "attraktive Ausbildungs- und Studienangebote für die jungen Menschen [zu] unterbreiten." Ziel ist es für ihn, "das Erfolgsmodell Fachhochschule […] genauso aus[zu]bauen wie das duale Studium, das durch die studienbegleitende Ausbildung und die guten Übernahmechancen in den beteiligten Unternehmen für viele Absolventen besonders attraktiv ist." Im selben Beitrag resümiert Kretschmer, dass er dazu beitragen möchte, dem Trend zu immer mehr Studiengängen ("vermeintlich neue Moden") bei gleichzeitig schlechten Betreuungsverhältnissen sowie alarmierend hohen Zahlen von Studienabbrechern, wirkungsvoll entgegen zu treten. Kretschmer stellt fest, dass eine konsequente Kompetenzorientierung der richtige Weg ist. 

 

Seine Argumentation ist allerdings an entscheidender Stelle widersprüchlich. Es passt nicht zusammen, praxisnahe und duale Studiengänge, insbesondere an Fachhochschulen, fördern zu wollen und gleichzeitig innovative Studiengänge als "neue Moden" abzutun. Zudem ist es verwirrend, zutreffend einen Ist-Stand beschreiben (zunehmend schlechte Betreuungsverhältnisse, Problem mit der Lehrqualität, hohe Studienabbrecherquoten) und die beschriebenen Mängel ausgerechnet mit denjenigen Studiengängen in Verbindung zu bringen, bei welchen sie in aller Regel gerade nicht vorzufinden sind. Im Gegenteil, typisch für die "neuen Moden" sind neben den dualen Studiengangskonzepten, dass es weder große Hörsäle noch schlechte Betreuungsverhältnisse gibt. Die Lehrqualität dieser Studiengänge leidet in der Realität eher daran, dass die Lehrenden zuvor in der Praxis gearbeitet haben und sich den Hochschulanforderungen zunächst neu stellen müssen. Das kann in der Tat dauern, wird aber vielerorts mit Bravour bewältigt. >>



Vor allem Fachhochschulen, auch private, nehmen die Herausforderungen im Zuge der Bologna-Reform an und orientieren sich an den Erfordernissen kompetenzbasierter Lehre. Insbesondere für die privaten Anbieter gilt, dass sie maßgeblich duale wie berufsbegleitende Studiengänge anbieten, die sich selbstverständlich an den Bedarfen der Industrie, Wirtschaft und Gesellschaft ausrichten müssen, da sie sonst nicht existieren könnten. Dafür kooperieren die Hochschulen mit den genannten Sektoren und sorgen so für innovative und anwendungsbezogene Lehre wie Forschung, häufig in vielen bemerkenswerten regionalen Projekten, aber auch überregional. 

 

Ob an privaten oder an staatlichen Hochschulen: Die Studierenden berufsbegleitender oder dualer Studiengänge bringen ihre Arbeitgeber bereits mit oder lernen sie ebenso häufig während ihres Studiums kennen. Die meisten Absolventen und Absolventinnen werden also von den Hochschulen gar nicht erst auf einen Arbeitsmarkt entlassen, da sie bereits Teil dieses Marktes sind. Gerade duale Studiengänge halten daher ein Betreuungsverhältnis vor, in welchem die Kooperationspartner aus der Praxis genauso mit einbezogen werden (müssen) wie die Studierenden selbst. Dank Bologna ist es (Fach-)Hochschulen darüber hinaus möglich, gerade denjenigen Bewerberinnen und Bewerbern einen Zugang zu einer akademisierten Ausbildung zu ermöglichen, denen diese vor der Reform weitgehend versagt war. 

 

Um all dies zu leisten, ist vor allem Mut notwendig: Mut zur Innovation und Ungewohntem – und ja, auch der Mut, irren zu können (woraus in der Regel die Schließung eines Studiengangs folgt, der sich als nicht erfolgreich erweist). Die Vorwegnahme wirtschaftlich-technologischer oder beispielsweise gesundheitspolitischer Zukunftsthemen macht es schlicht erforderlich, dass sich jemand traut, die dazu passenden neuen Studienangebote zu entwickeln. Alte Berufsbilder erhalten einen Qualitätsschub, indem sie akademisiert werden. Neue Berufsbilder werden geschaffen, um einem erst durch den technologischen Fortschritt oder gesellschaftliche Veränderungen entstandenen Dienstleistungsbedarf zu begegnen. Das gilt nicht nur für die Pflegeberufe oder das in Deutschland gänzlich neue Berufsbild des Physician Assistance, welches etwa in den USA bereits seit den 60er Jahren einen maßgeblichen Beitrag zur Gesundheitsversorgung leistet. Ein weiteres Beispiel ist die dringliche Akademisierung und Kompetenzerweiterung der Zahntechnik in neuen Studiengängen, die zum neuen Berufsbild Digitale Dentale Technologie führen.              

 

Praxisintegrierende, duale Studiengänge fördern, um gute berufliche Chancen anzubieten, aber gleichzeitig die Innovationen begrenzen wollen, – das kann nicht funktionieren. Dass der Hochschulpakt Abbrecherquoten berücksichtigt, um die Qualität und Sinnhaftigkeit eines Studiengangs zu beurteilen, ist ein guter Schritt. Abbrecherquoten aber linear auf eine vermeintliche "Unübersichtlichkeit" von Studienangeboten oder einen fehlenden "Bedarf" zurückzuführen, halte ich vor dem geschilderten Hintergrund für gefährlich, weil unter Umständen innovationshemmend. Vielmehr zeigen Studien: Bricht jemand ein Studium ab, hat das eher etwas mit seiner oder ihrer mangelnden Integration in die Hochschule im Sinne eines (persönlichen) Ankommens zu tun.    

 

Michael Kretschmer setzt sich dafür ein, die "Berufsorientierung signifikant ausbauen" und die Kompetenzorientierung im Studium zu stärken. Das ist überaus begrüßenswert. Allerdings wird er hierfür vermutlich noch viel innerparteiliche, hochschulpolitische und universitäre Überzeugungsarbeit leisten müssen, wie etwa der Artikel von Thomas Thiel am 12. Juli in der FAZ eindrucksvoll zeigt. Dort kann man nachlesen, wie die Bologna-Studienreform und die damit einhergehende Kompetenzorientierung immer noch als "bildungspolitischer Sündenfall" beschrieben wird, der mit einem "gerasterten Menschenbild" zusammenhänge und somit einem "grundgesetzlichen Freiheitsverständnis" zuwiderlaufe. 

 

Angesichts solch tiefgreifender Sorgen bleibt ein Gefühl erstaunter Amüsiertheit nicht ganz aus. Ich für meinen Teil habe diesen Sündenfall der Bildungspolitik im Hochschulalltag bislang nicht finden können. Vielmehr erlebe ich nahezu täglich wunderbare und höchst individuelle Bildungsgeschichten und Lernereignisse, die vor allem jenen nützen, die vor noch nicht allzu langer Zeit mehr oder weniger ausgeschlossen waren von qualitätsvoller Hochschulbildung. Und genau diese verdanken wir gerade auch den so genannten "neuen Moden"!

 

Barbara Veltjens ist Professorin für Pädagogik und Vizepräsidentin für Studium und Lehre an der praxisHochschule.

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Blick zurück (2)

Seit 20 Jahren beschäftigte ich mich mit Hochschulen, Bildung und Wissenschaft. Viel ist passiert in dieser Zeit, vieles davon durfte ich als Journalist begleiten. Der Blick zurück zeigt, wie aktuell einige meiner Themen von einst geblieben sind – obwohl sich fast alles verändert hat. Machmal allerdings auch, weil sich fast gar nichts verändert hat. Der zweite Teil einer neuen Serie.

Campus

Erst pauken, dann Party

An Deutschlands Hochschulen bahnt sich eine Kulturrevolution an: Studieren wird zum bloßen Zwischenstopp auf dem Weg nach oben.

(erschienen in der ZEIT vom 06. Mai 2004)

 

NOCH LEISTET SICH Deutschland Studenten, die so alt sind wie fast nirgendwo sonst auf der Welt: Im Jahr 2002 lag das Durchschnittsalter hiesiger Universitätsabsolventen bei 28,9 Jahren, wobei sie im Westen traditionell noch älter sind als im Osten. Und 28,9 ist schon ein Fortschritt, 1996 war der typische Absolvent mehr als 30 Jahre alt. Immerhin: Auch die Studienanfänger sind seit 1996 um ein halbes Jahr jünger geworden. Jetzt sind sie im Schnitt 21,6. In ein paar Jahren könnten 18-jährige Erstsemestler an Hochschulen zum Alltag gehören, genauso wie 21 oder 22 Jahre alte Absolventen. Ein Verjüngungseffekt deutet sich an, der in diesem Ausmaß sogar Bildungsexperten überrascht; ein Verjüngungseffekt, der auch noch einhergeht mit einem ungekannten Ehrgeiz der neuen Studenten. Am Ende könnten die 28-Jährigen auf dem Campus die Exoten sein.

"Wir haben einen klaren gesellschaftlichen Trend", sagt der Hochschulforscher Tino Bargel von der Universität Konstanz. "Alle wollen jüngere Studenten." Und werden sie wohl auch bekommen, denn gleich eine Reihe von Stellschrauben wurden angezogen, um den Start ins Studium und letztlich ins Berufsleben vorzuverlegen: Die meisten Bundesländer werden bis 2010 die Regelschulzeit bis zum Abitur auf zwölf Jahre zurückgeführt haben.

 

Immer mehr Landesregierungen schieben zudem die Einschulung nach vorn. Spitzenreiter ist derzeit Berlin, wo die Schulpflicht künftig mit fünfeinhalb beginnt. Auch die Verkürzung von Wehr- und Zivildienst um insgesamt ein halbes Jahr seit der Wiedervereinigung beschleunigt den Start ins Studium. Dazu kommt die laut Hochschulinformationssystem (HIS) in Hannover seit kurzem wieder deutlich nachlassende Neigung von Abiturienten, vor dem Studium eine Lehre zu absolvieren.

 

All das wird künftigen Erstsemestlern einen Vorsprung von bis zu zwei Jahren im Vergleich zu früheren Studentengenerationen bescheren – ein enormer Sprung. Doch nicht nur das Alter der Einsteiger geht zurück, auch die Studiendauer und die gerade in den Geisteswissenschaften enorm hohe Abbrecherquote dürften abnehmen, und das nicht nur wegen der in einigen Bundesländern eingeführten Gebühren für Langzeitstudierende.

 

Viel grundlegender wird sich die europaweite Harmonisierung der Abschlüsse auswirken: Bis 2010 will Deutschland alle Studiengänge auf Bachelor und Master umstellen. Die sind deutlich strukturierter und ermöglichen eine verbesserte Leistungskontrolle. Bachelor-Studenten müssen an der Universität Erfurt zum Beispiel jedes Semester ihre Kurswahl von einem Professor, ihrem Mentor, abzeichnen lassen, und sollten sie doch einmal hinterm Zeitplan zurückbleiben, werden sie garantiert kommen, die bohrenden Fragen, was denn los sei mit ihnen.

 

In Erfurt ist durch die neue Studienstruktur schon heute sichtbar, was bislang nur einigen Bildungswissenschaftlern bewusst war: Das sinkende Alter der Studenten, verbunden mit den neuen, gestuften Studienabschlüssen, wird die in Jahrzehnten gewachsene Studentenkultur der Bundesrepublik mit ihrem Hang zur Gemächlichkeit nachhaltig verändern.

 

Bislang sei das Ende des Studiums oft nicht mehr als ein weit entferntes Ereignis gewesen, das wenig mit dem täglichen Leben zu tun hatte, sagt Klaus Schnitzer vom HIS. Wenn es nun realistisch werde, mit 22 oder 23 die Universität zu verlassen, dann schaffe das einen enormen Anreiz, effizient zu studieren. "Das Studium wird in Zukunft eine Art Zwischenstopp werden auf dem Weg zum Erwachsenwerden", folgert Schnitzer. "Immer weniger Studenten werden versuchen, daraus eine eigene, zehnjährige Lebensphase zu machen." Junge Menschen um die 20 seien noch eher zum Verzicht bereit, brauchten nicht unbedingt eine eigene Wohnung, den teuren Urlaub oder ein Auto – alles Dinge, die jenseits der 25 eine immer größere Rolle spielen, die Studenten immer mehr jobben lassen und damit ihr Studium automatisch in die Länge ziehen. "In Zukunft werden die Leute schon arbeiten, bis sie dieses Stadium erreichen. Damit haben wir eine Menge Probleme weniger."

 

Die durchstrukturierten neuen Studiengänge passen exakt zu dieser veränderten Lebenseinstellung jüngerer Studenten – im Gegensatz zu dem in den Geisteswissenschaften immer noch vorherrschenden Humboldtschen Leitbild eines selbstbestimmten Studentenlebens. "Es gibt 18Jährige, die können sehr selbstgesteuert lernen", sagt der deutsche Bildungsforscher Kai S. Cortina, der an der Universität von Michigan (USA) lehrt. "Doch im Schnitt werden weniger Studenten mit dem liberalen Studium zurechtkommen." Die meisten wollen stattdessen, dass ihnen jemand sagt, wo es langgeht; erst recht, falls das Studium in Zukunft Geld kosten sollte. Sie erwarten persönliche Betreuung und genaue Kriterien, an die sie sich halten können – so, wie sie es aus der Schule gewohnt sind. Eine ungewohnte Aufgabe für Professoren, die bislang oft nur wenige ihrer Studenten persönlich kannten und selten Rechenschaft ablegen mussten über die Kriterien ihrer Benotung. Doch die neuen Studiengänge mit ihren Mentorenmodellen und Credits statt Scheinen lassen ihnen ohnehin keine Wahl.

 

"Freizeitorientierte Schonhaltung"
statt linken Bildungsideals

 

Für die meisten Experten ist die zunehmende Leistungsorientierung der Studenten dabei mehr als eine Alterserscheinung. "Nach einer längeren Dominanz liberaler Auffassungen nähert sich unser Bildungssystem jetzt realistischeren Erwartungen", sagt etwa Rainer Lehmann von der Berliner Humboldt-Universität. Der Hochschulforscher Tino Bargel nennt dies den Sieg des "bürgerlichen Effizienzmodells". Was bedeutet, dass das Studium insgesamt einem Job ähnlicher wird. Bislang, auch das belegen Milieustudien, war das Studentendasein häufig mehr ein Lebensgefühl, bei dem Arbeit und Hobby nicht zu trennen waren – auch wenn die Hochphase der debattierenden Müsli-Studenten schon lange vor der derzeitigen Studienstrukturreform vorbei war. "Ich erwarte, dass wir eine mehr freizeitorientierte Schonhaltung unter Studenten bekommen", sagt Kai S. Cortina. Soll heißen: Büffeln für die Prüfungen, und der Rest ist Party. "Das ist der Antityp zum linken Bildungsideal."

 

Cortina kann seine Prognose aus der täglichen Erfahrung als Hochschullehrer ableiten. In den USA und anderen Ländern ist längst Normalfall, was Forscher in Deutschland als Ansätze einer neuen Studentenkultur beschreiben: Die Mehrheit der amerikanischen Studenten ist zwischen 18 und 22 Jahre alt, lebt in Wohnheimen statt in der eigenen Wohnung und schafft die Regelstudienzeit. Angesichts der Altersentwicklung rechnen mittlerweile auch die deutschen Studentenwerke mit einem spürbaren Anstieg der Nachfrage nach Wohnheimen. Die berüchtigten Alkoholexzesse amerikanischer Studenten, da sind sich die Experten einig, werden deutschen Hochschulen aber wohl erspart bleiben, hat das Ausflippen der jungen College-Studenten doch mehr mit ihrem überstrengen Elternhaus zu tun.

 

Auch wenn die Studentenaktivisten vom Freien Zusammenschluss von StudentInnenschaften den Trend zu jüngeren und erfolgsorientierteren Studenten als gefährlich bezeichnen und mehr stromlinienförmige Absolventen erwarten, die sich keine Gedanken mehr um die gesellschaftlichen Folgen ihres Handelns machen, das Absägen der Alterspyramide an deutschen Hochschulen könnte eine Erfolgsgeschichte werden. "Wenn deutsche und französische Studenten sich in Zukunft treffen, dann wird es nicht mehr so sein, als ob Erwachsene mit Kindern reden", sagt Dieter Lenzen, Präsident der Freien Universität in Berlin.

 

Eine bessere Betreuung der
Studenten gibt es nicht umsonst

 

Einer Illusion sollten sich Bildungspolitiker allerdings nicht hingeben: Billig wird sie nicht, die Reform der Studiengänge hin zu mehr Effizienz und die damit verbundene Ausrichtung der Hochschulen auf jüngere Studenten. Und der große Umbau fängt gerade erst an: Bislang studieren nur wenige deutsche Studenten in Bachelor- oder Master-Studiengängen. "Die Frage wird sein", sagt Stefanie Schwarz-Hahn vom Wissenschaftlichen Zentrum für Berufs- und Hochschulforschung, "wie kriegen wir den Wechsel in den Massenstudiengängen hin?" Die Antwort: Vor allem mit einer besseren Betreuungsquote gerade an den überfüllten westdeutschen Massenuniversitäten. Und die gibt es nur über eine bessere finanzielle Ausstattung der Hochschulen. Ansonsten könnten die Verjüngungseffekte verpuffen, und das Langzeitstudium bliebe die Regel.

 

Foto: CollegeDegrees360: College Students, CC BY-SA 2.0

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Darf's ein bisschen mehr sein?

Privatschulen dürfen sehr wohl exorbitante Schulgelder verlangen, solange der Einstieg sozial verträglich gestaltet ist, sagt die Verfassungsrechtlerin Frauke Brosius-Gersdorf und widerspricht einer heftig diskutierten WZB-Studie. Allerdings gibt es auch Gemeinsamkeiten in den Einschätzungen.

DER VERBAND DEUTSCHER PRIVATSCHULVERBÄNDE (VDP) hat als erste Reaktion eine geradezu euphorische Pressemitteilung verschickt. "Dieses Gutachten gibt den Privatschulen endlich Rechtssicherheit!", kann man da nachlesen. Gemeint ist die Studie der Verfassungsrechtlerin Frauke Brosius-Gersdorf, die die FDP-nahe Friedrich-Naumann-Stiftung gestern veröffentlicht hat. "Das missverstandene Sonderungsverbot für private Ersatzschulen", lautet der Titel, und die Kernbotschaft lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) hat Unrecht. Dessen "Vorschläge und Forderungen", so der VDP, stünden nicht im Einklang mit dem Grundgesetz.

 

Was insofern eine fast schon amüsante Retourkutsche ist, weil erst vor wenigen Wochen WZB-Forscher vielen Privatschulen vorgeworfen hatten, mit ihrer Schulgeldpraxis gegen das Grundgesetz zu verstoßen. Die Hauptverantwortung liege aber bei der Politik, so schrieben Michael Wrase, Laura Jung und Marcel Helbig in einem so genannten "Discussion Paper", da die zuständigen Stellen in den meisten Bundesländern weder eindeutige Vorgaben zum Schulgeld machten noch die Einhaltung dieser Vorgaben dann überwachten. Bezogen etwa auf Berlin folgerten die Forscher: "Wir haben es in diesem Fall mit einem Kontrollversagen seitens der Berliner Senatsverwaltung zu tun.“

Und nun also der Konter der Privatschulen oder genauer: der Friedrich-Naumann-Stiftung. Wobei auch das nicht ganz richtig ist, denn so schnell arbeiten selbst Juristen nicht. Tatsächlich bezieht sich Brosius-Gersdorf, Professorin für Öffentliches Recht an der Universität Hannover, vor allem auf die Vorgänger-Veröffentlichung des aktuellen WZB-Discussion Papers, das vergangenen Herbst erschienen war und nicht weniger Aufsehen verursacht hatte. 

 

Brosius-Gersdorf sagt: Die WZB-Forscher lägen an mehreren Stellen falsch, mehr noch: Ihre Schlussfolgerungen beruhten "auf einer fundamentalen Fehlinterpretation" der Verfassung. So bestimme der Grundgesetz-Artikel 7 zwar, dass Privatschulen sich ihre Schüler nicht nach den Besitzverhältnissen ihrer Eltern aussuchen dürfen, doch folge daraus weder ein durchschnittliches Schuldgeld (Wrase, der ebenfalls Professor für Öffentliches Recht ist, & CO hatten 160 Euro pro Monat als rechtlich abgesicherte Größe genannt), noch müsse die Schülerschaft an Privatschulen deshalb in ihrer sozialen Zusammensetzung eins zu eins derjenigen an staatlichen Schulen entsprechen. Zitat: "Das Sonderungsverbot verpflichtet nicht dazu, in der Lebenswirklichkeit bestehende faktische Ungleichheiten auszugleichen." Anders formuliert: Soziale Ungleichheit und ungleiche Bildungschancen bestünden unabhängig von Privatschulen, diese könnten und müssten sie deshalb auch nicht beheben. 

 

Bei den Ländern hingegen sieht Brosius-Gersdorf eine eindeutige Pflicht: Sie müssten die Privatschulen besser finanziell fördern, damit die wiederum ihre Schulgelder niedrig halten und nicht gegen das Sonderungsverbot verstoßen.

 

Zieht man das Getöse ab, zeigt sich allerdings, dass sich Brosius-Gersdorf auf der einen und Wrase, Jung und Helbig auf der anderen Seite in einem entscheidenden Punkt einig sind: Die Privatschulen haben die Pflicht, Kindern aus armen Familien den gleichen Zugang zu ermöglichen wie Kindern aus wohlhabenden Familien. Was sie, wie die WZB-Forscher anhand der Mindestschulgeld-Praxis Berliner Privatschulen nachgewiesen haben, in vielen Fällen nicht tun.

 

Laut Brosius-Gersdorf ist der Verfassung mit einem Schulgeldmodell genüge getan, dass einen einheitlichen Betrag für alle vorsieht, solange der bis zu einer gewissen Einkommenshöhe der Eltern vollständig erlassen wird – und zwar grundsätzlich, nicht in Form einer begrenzten Zahl von Stipendien. Erlaubt ist auch, dass das Schulgeld für alle so niedrig ist, dass gar keine Befreiung nötig ist, wobei das praktisch auf eine Rechnung von 0 Euro hinauslaufen dürfte. In der Mehrheit der Fälle indes werden zulässige Modelle Stufenregelungen aufweisen, und hier sagt auch auch Brosius-Gersdorf, dass der Staat Vorgaben machen dürfe:  "Bei der Festlegung der Einkommens- und Vermögensgruppen und der jeweiligen Schulgeldhöhe steht dem Gesetzgeber bzw. der Verwaltung (...) ein Einschätzungsspielraum zu." Nur dort, wo diese Festlegung fehlt, liegt die Gestaltung im Ermessen der Schulen. Zudem müsse die Verwaltung "die Auswirkungen der Schulgeldregelung auf die Praxis fortlaufend dahingehend beobachten, ob sich seine Annahmen als zutreffend erweisen: Zeigen sich den Anforderungen des Sonderungsverbots zuwiderlaufende Entwicklungen, ist nachzubessern."

 

Eine persönliche Anmerkung zum Schluss: Die Forderung des WZB nach einem maximalen durchschnittlichen Schulgeld habe ich von Anfang an nicht richtig verstanden. Die Offenheit des Zugangs entscheidet sich allein beim Mindestschulgeld bzw. bei den eindeutigen Regeln zur Befreiung von Gebühren. Man könnte sogar argumentieren: Je steiler die Schulgeldkurve bei zunehmenden Einkommen verläuft, desto besser ist das für die Chancengerechtigkeit – weil die Schule dann mehr Geld hat, in qualitativ hochwertige Angebote für alle zu investieren. Entscheidend ist und bleibt, dass die Schulgeldordnungen transparent sind und dass die Privatschulen sich mit einer regelmäßigen Kontrolle dieser Ordnungen konfrontiert sehen. Womit Wrase und seine Kollegen doch auch wieder Recht haben: Die größten Versäumnisse in der Vergangenheit lagen beim Staat, und der Staat muss besser regeln und kontrollieren. 

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"Man fragt sich: Wieso wird dem überhaupt nachgegangen?"

Die Leibniz-Preisträgerin Britta Nestler berichtet von ihren Monaten unter falschem Verdacht und fordert Konsequenzen für den Umgang mit anonymen Whistleblowern.

Die nachgeholte Preisverleihung am 04. Juli im Festsaal der Leopoldina in Halle. Links DFG-Präsident Strohschneider, rechts Bundesforschungsministerin Wanka. In der Mitte: Britta Nestler. Foto: DFG/Falk Wenzel
Die nachgeholte Preisverleihung am 04. Juli im Festsaal der Leopoldina in Halle. Links DFG-Präsident Strohschneider, rechts Bundesforschungsministerin Wanka. In der Mitte: Britta Nestler. Foto: DFG/Falk Wenzel

VOR VIER WOCHEN hat die Karlsruher Materialforscherin Britta Nestler mit fast viermonatiger Verspätung den Leibniz-Preis erhalten, nachdem sich die gegen sie anonym erhobenen Anschuldigungen wissenschaftlichen Fehlverhaltens als falsch erwiesen hatten. "Der bittere Preis der Integrität", hatte ich daraufhin geschrieben, und ein Kollege von Nestler, Peter Gumbsch, forderte in einer Replik auf meinen Kommentar, die Wissenschaft braucht einen Kodex für den Umgang mit anonymen Anschuldigungen.

 

Spätestens seitdem hat fast jeder, mit dem man über Nestlers Fall redet, gute Ideen, was sich aus ihm lernen ließe. Zum Beispiel, dass endlich die nationale Plattform zum Umgang mit wissenschaftlichem Fehlverhalten kommen müsse, die der Wissenschaftsrat 2015 gefordert hatte, um Ermittlungen bundesweit zu dokumentieren und den Umgang mit Vorwürfen zu standardisieren. Ausgerechnet jetzt wurde jedoch bekannt, dass die Allianz der Wissenschaftsorganisationen einer solchen Plattform eine Absage erteilt hat, wie vergangenen Donnerstag meine Kollegin Christine Prußky in der ZEIT berichtete. Man sehe keinen "klaren Mehrwert", erklärte Helmholtz-Präsident Otmar D. Wiestler, zurzeit Sprecher der Allianz. 

 

Andere meinen, es wäre besser, wenn die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) jetzt ihre gesamten Ermittlungsergebnisse in Sachen Britta Nestler öffentlich machen würde, schon um der Beschuldigten willen. Sagt zum Beispiel die Berliner Informatikprofessorin Debora Weber-Wulff, a.k.a. "WiseWoman", eine aktive Mitarbeiter von VroniPlag Wiki, das schon zahlreiche Plagiatsfälle dokumentiert hat. Weber-Wulff meint, dass das deutsche Wissenschaftssystem immer noch an zu wenig Transparenz leide, was Plagiate begünstige. 

 

Doch was sagt Britta Nestler selbst? Ich habe sie gefragt. Am schlimmsten, sagt sie, sei das Gefühl der Machtlosigkeit gewesen, nachdem die Preisverleihung an sie ausgesetzt worden war und der zuständige DFG-Ausschuss seine Ermittlungen aufgenommen hatte. „Man weiß, man ist unschuldig, und doch traut man dem System nicht. Man fragt sich: Wieso wird dem überhaupt nachgegangen?“

 

Über die Vorwürfe, die der namenlose Tippgeber am Freitag vor der Preisverleihung an die DFG schickte, will Nestler nicht im Einzelnen reden, nur dass sie bis 1999 zurückreichen. Die jüngsten beziehen sich auf 2013. Klar ist: Der Verleumder verfolgt ihre Arbeit und die ihrer Forschergruppe seit langem. Der Stoß Papier, den er an die DFG schickte, umfasste offenbar hunderte Seiten inklusive zahlreicher Anlagen. 

 

DFG-Generalsekretärin Dorothee Dzwonnek, die dem Ausschuss zur "Untersuchung von Vorwürfen wissenschaftlichen Fehlverhaltens“ vorsitzt, sagt, irgendwann habe sie selbst ein Verdacht beschlichen: Da versteckt sich jemand hinter dem Anschein eines Whistleblowers, um sich zu rächen. „Das war ein ungutes Gefühl. Man ahnt etwas und kann doch nichts tun.“ Nichts tun, weil die Vorwürfe so konkret und sachlich vorgetragen gewesen seien, versehen mit konkreten Hintergrundwissen über Abläufe und Verfahren an Nestlers Institut, "um eine Untersuchung gemäß unseren Senatsrichtlinien zwingend zu machen.“

 

Eine unmögliche Situation für die zu Unrecht Beschuldigte, aber auch eine unmögliche Situation für die DFG. Also kann man doch nichts lernen, musste alles so laufen, wie es gelaufen ist? Nicht ganz, sagt Britta Nestler: „Die DFG lässt immer noch anonyme Hinweise zu. Das muss aufhören.“ 

 

Dass man anonymen Whistleblowern überhaupt Gehör schenke, entgegnet, Dorothee Dzwonnek, sei die Reaktion auf eine Reihe von Fällen, in denen „Menschen in gutem Glauben und zum Wohl der Wissenschaft Hinweise gegeben haben und als Folge persönliche Nachteile erlitten.“ Trotzdem müsse die DFG über Konsequenzen nachdenken.

 

Über welche genau, habe ich gestern in meinem Artikel über den Fall Nestler in der Süddeutschen Zeitung aufgeschrieben. Dort schildere ich auch im Detail, was sich zwischen dem Eingang des anonymen Schreibens in der Bonner DFG-Geschäftsstelle und der Absage der Preisverleihung an Nestler zugetragen hat. Und ich berichte, was Generalsekretärin Dzwonnek zu dem Einwand Weber-Wulffs sagt, die DFG hätte die Ehrung durchziehen, ermitteln und erst bei Bestätigung der Vorwürfe den Preis gegebenenfalls zurückzuziehen müssen.

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Die Mediziner müssen springen

Seit anderthalb Jahrzehnten sperrt sich die Universitätsmedizin gegen eine tiefgreifende Reform der Promotion – und damit gegen das Votum fast aller Experten. Schluss damit.

Foto: Maxpixel, CC0
Foto: Maxpixel, CC0

WENN ES EINEN Titel gibt, der einer ganzen Berufsgruppe ihre Aura verleiht, dann ist das der „Dr. med.“ Kommt der „Herr Doktor“, stehen vielerorts immer noch die Patienten stramm. Zwei Drittel der angehenden Ärzte promovieren, fast jede vierte Promotion geht aufs Konto der Mediziner. 

 

Wenn es einen Doktortitel gibt, der die Sinnkrise des deutschen Promotionswesens in einer geradezu absurden Überspitzung in sich trägt, dann ist allerdings auch das der „Dr. med.“. Häufig ist die dazu gehörige Dissertationsschrift nur ein paar Dutzend Seiten lang, zum großen Teil entstanden in wenigen Monaten parallel zum Studium. Allzu viele Arbeiten kratzen folglich wissenschaftlich an der Oberfläche, bestenfalls. Umso produktiver erweisen sich die Mediziner in anderer Hinsicht: Von insgesamt 183 auf der Plattform VroniPlag Wiki dokumentierten Plagiatsfällen bei Dissertationen und Habilitationen stammen 100 aus der Medizin oder Zahnmedizin. >>



>> Wem das noch nicht erstaunlich genug ist: Der Europäische Forschungsrat hält den „Dr. med“ für so minderwertig, dass der Titel allein nicht zur Teilnahme an seinen Förderprogrammen berechtigt. Der Wissenschaftsrat, das wichtigste wissenschaftspolitische Beratungsgremium von Bund und Ländern, drängt seit 13 (!) Jahren auf ein Ende der Dünnbrettbohrerei: Den echten Doktor sollten nur noch diejenigen Absolventen bekommen, die eine echte, mehrjährige Forschungsleistung vorweisen können, die übrigen eine Art Berufsdoktorat, etwa mit der Bezeichnung „Medizinischer Doktor“ (MD). Vergangene Woche meldeten sich auch die Wissenschaftsakademien zu Wort und forderten dieselbe „tiefgreifende Reform“, möglichst in einer Verschränkung von Doktorarbeit und Facharztausbildung. 

 

Und was macht der Medizinische Fakultätentag (MFT)? Das, was er immer macht, wenn sich wieder mal ein Expertengremium an ihm die Zähne ausbeißt. Antwortet: Nicht nötig. Wollen wir nicht. 

 

Das Medizinstudium und die folgende Facharztausbildung seien lang genug. Darum müsse es weiter erlaubt sein, im Studium mit dem Promotionsprojekt zu beginnen. Weil der MFT aber selbst weiß, dass das Studiendauer-Argument unter Qualitätsgesichtspunkten etwas schlicht ausfällt, ermutigt er seine Mitglieder demonstrativ, „ausreichende Freiräume und Qualifikationen“ in der zweiten Studienhälfte zu schaffen und flächendeckend strukturierte Promotionsprogramme einzurichten. Und dann schickt der MFT eine Forderung hinterher, die er offenbar für eine Revolution hält: ganze neun Monate reine Forschungszeit pro Doktorarbeit, mindestens. 

 

Am Ende zwei Feststellungen und eine Frage. Erstens: Den meisten Patienten dürfte es egal sein, ob ihr Arzt einen Dr. med. oder "nur" einen MD trägt, solange er sein Handwerk versteht. Zweitens: Solange die Mediziner das Berufsdoktorat ablehnen, leidet nicht nur die Integrität der Wissenschaft als Ganzes, sondern auch die Vielzahl derjenigen Promovenden, die tatsächlich großartige Doktorarbeiten abliefern und dafür einen zweifelhaften Titel bekommen. Drittens: Wann, liebe medizinischen Fakultäten, springt ihr wirklich mal?

 

Dieser Beitrag erschien heute zuerst in meiner Kolumne "Wiarda will's wissen" im Tagesspiegel.

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Jetzt erst recht

Die Kultusminister verteidigen tapfer die Zukunft einer Initiative, die viele von ihnen anfangs gar nicht wollten. Zum Schweigen Wankas kommt jetzt noch ein Offener Brief, der vor synthetischer Beschulung durch den Digitalpakt warnt.

DER POSTEINGANG IM Berliner Sekretariat der Kultusministerkonferenz (KMK) ist derzeit für besondere Überraschungen gut. Ein Brief kam, auf den die Kultusminister lieber verzichtet hätten, und auf einen anderen warten sie bis zum heutigen Tag. 

 

Der Offene Brief, der am 20. Juni einging, trägt als Absender ein "Bündnis für humane Bildung", er ist die aktualisierte Variante einer Online-Petition mit dem Titel "Trojaner aus Berlin: Der Digitalpakt#D", die am 2. November 2016 veröffentlicht wurde und bislang 1680 Unterzeichner fand. Darunter prominente Namen wie der langjährige Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, der Ulmer Psychiater und Neurodidaktiker Manfred Spitzer oder der Mathe-Fachdidaktiker Peter Bender. Initiator der Petition war der Medienwissenschaftler Ralf Lankau von der Hochschule Offenburg, der jetzt auch den Offenen Brief publiziert hat. Überschrift diesmal: "DigitalPakt Schule der Kultusminister: Irrweg der Bildungspolitik". Womit eigentlich schon alles gesagt ist zu seiner Stoßrichtung.

 

Der Brief, auf den die Kultusminister bislang vergeblich warten, ist die Antwort von Bundesforschungsministerin Johanna Wanka (CDU) auf das Schreiben von KMK-Präsidentin Susanne Eisenmann (ebenfalls CDU). Eisenmann, die Kultusministerin in Baden-Württemberg ist, hatte vor drei Wochen in einem unter Parteikolleginnen selten offiziösen Schritt bei Wanka nachgefragt, wann genau diese die Anfang Juni ausgefallene Verabschiedung des gemeinsam ausgehandelten Paktes nachzuholen gedenke. Solange die ausstehe, sehe sie "für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unserer Häuser keine Grundlage für in die Tiefe gehende Erörterungen". Bis heute: keine Erwiderung aus Berlin. "Das lange Schweigen von Bundesministerin Wanka bestätigt unsere schlimmsten Befürchtungen: Sie kann oder will ihr Versprechen offensichtlich nicht halten", sagt Hamburgs Schulsenator Ties Rabe (SPD). "Einen solchen Vorgang habe ich als Kultusminister in meiner sechsjährigem Amtszeit noch nicht erlebt."

 

Seit der geplatzten gemeinsamen Pressekonferenz vor acht Wochen hängt das im vergangenen Herbst von Wanka überraschend angekündigte und in zahlreichen Runden zwischen Bund und Ländern ausgehandelte Fünf-Milliarden-Paket in der Luft. Ein Umstand, den sich das "Bündnis für humane Bildung" nun zu Nutze macht. Ihre Petition hatte in den vergangenen sechs Monaten nur noch gut 100 Unterzeichner hinzugewonnen und drohte in Vergessenheit zu geraten. Bis die Funkstille zwischen KMK und BMBF begann und Ralf Lankau, Manfred Spitzer & Co ihren Brief verschickten. 

 

Die Unterzeichner verweisen auf verschiedene Studien, denen zufolge der Einsatz von Computern und "softwaregesteuerter Unterricht" keinerlei nachweisbaren Nutzen und keine nennenswerten Verbesserungen der Schülerleistungen brächten, teilweise sogar das Gegenteil. Doch offenbar genüge Politikern wie Ties Rabe, dass Digitaltechnik im Unterricht nicht nachweisbar schade.

 

Etwas weiter unten im Text packen die Autoren die ganz große Keule aus: Aus der neurobiologischen Forschung sei bekannt, dass die Nutzung digitaler Medien bei Kindern zu einer Schädigung in der Gehirnentwicklung führen könne. Womit die Briefschreiber freilich noch zurückhaltender formulieren als in ihrer älteren Petition. Dort stand nachzulesen, der Digitalpakt sei "Teil einer Neudefinition von Schule und Unterricht auf dem Weg zu einer zunehmend vollautomatisierten digitalgesteuerten Lernfabrik 4.0. Lehrkräfte werden zu Sozialcoaches und Lernbegleitern degradiert. Statt Unterricht ist die automatisierte Belehrung durch Computerprogramme und Sprachsysteme das Ziel."

 

Es klingt fast wie eine Verschwörung: Ein Kartell aus Politik und Computerindustrie bei der Arbeit – wider besseres Wissen und zum Schaden der Kinder. Man kann sich vorstellen, wie nervös sie in der KMK sein dürften angesichts solcher Argumente, wissen sie doch um die Fangemeinde von Manfred Spitzer unter den Lehrern, sie kennen auch die Zustimmung, die Josef Kraus immer wieder für seine markigen Sprüche erntet. Und dass eine Mehrheit der Pädagogen schon so skeptisch auf den Einsatz digitaler Medien im Unterricht blickt, zeigte 2013 die internationale ICILS-Studie: Damals nutzten nur 34,4 Prozent der deutschen Lehrer Computer regelmäßig im Unterricht. In anderen Ländern müsse sich "kein Lehrer – wie vielerorts in Deutschland noch – rechtfertigen, wenn er Computer im Unterricht einsetzt", sagte die Leiterin der Studie, Birgit Eickelmann, der ZEIT

 

Um auch die finanzpolitische Unsinnigkeit des Unterfangens "Digitalpakt" zu verdeutlichen, fordert das "Bündnis für humane Bildung" zum Nachrechnen auf und beruft sich dabei auf den Bremer Informatiker Andreas Breiter, demzufolge die versprochenen fünf Milliarden Euro ohnehin nur einen Bruchteil der tatsächlich notwendigen Investitionen (zwischen 7 und 35 Prozent) abdecken würden. Die Message könnte eindeutiger nicht sein: So viel Geld, und dan