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Bildungsbild der Woche
Tambon Mae La, Myanmar
Von Zi Jian Lim


Falsch verstandene Solidarität

Wenn das Proporzdenken siegt, ist das Tenure-Track-Programm kaputt.

VERKRUSTUNGEN AUFBRECHEN soll das neue Tenure-Track-Programm.
VERKRUSTUNGEN AUFBRECHEN soll das neue Tenure-Track-Programm.

IN ZWEI MONATEN ist Deadline für die erste Antragsrunde im so genannten Tenure-Track Programm, und es gibt kaum einen Rektor oder Rektorin, die nicht auf die Nachkommastelle genau sagen könnten, wie viele der bundesweit 1000 zusätzlichen Professuren auf ihre jeweilige Universität entfallen. So wie laut Verwaltungsvereinbarung zwischen Bund und Ländern die Fördergelder nach Länderproporz verteilt werden sollen, so wollen die Universitäten innerhalb der Länder gleich weiter verteilen.

 

Es gibt da nur ein Problem. In der Förderbekanntmachung kann man nachlesen, dass der Zuschlag für die Bewerbungen „in einem wettbewerblichen Verfahren“ erfolgen soll. Entscheidend ist die „Qualität des Gesamtkonzepts“, kurz gesagt: Wollen die Unis nur mehr Stellen haben, oder sind die Laufbahnprofessuren Teil einer in sich stimmigen Strategie zur Personalentwicklung? Können die Rektoren nachweisen, dass die mit den beantragten Fördergeldern die Karrierewege ihrer Wissenschaftler wirklich und dauerhaft transparenter und planbarer machen?

 

Nimmt man die Logik des Programms ernst, liest man die Bekanntmachung wörtlich, dann muss, dann wird es Gewinner und Verlierer geben. Wer glaubt, es müssten lediglich ein paar Formulare ausgefüllt und ein paar Buzzwords in der verlangten Vorhabenbeschreibung auftauchen, der irrt also – hoffentlich. Denn dafür müssten erstmal die Wissenschaftsminister selbst ihr Programm ernst nehmen und bereit sein, massenweise Verlierer zu akzeptieren. Mit der letzten Konsequenz, dass die Universitäten anderer Bundesländer am Ende mehr abbekommen. Doch genau diese Bereitschaft lassen im Moment viele Minister, womöglich aus falsch verstandener Solidarität mit ihren Rektoren, nicht erkennen. So steigt der Druck besonders auf die zwölf Wissenschaftler in der Jury, dem so genannten „Auswahlgremium“.

 

Für einen Wettbewerb spricht übrigens mehr, als dass er nun mal so in der Vereinbarung steht. Denn nur wenn die Universitäten wirklich die Gefahr spüren, leer auszugehen, werden sie sich so reinhängen, wie sie das zum Beispiel gerade erst bei den Exzellenzclustern getan haben. Und nur wenn (wenig genug!) Universitäten mit ihrer Bewerbung erfolgreich sind, werden die siegreichen Konzepte so gefördert, dass sie angesichts des schmalen Programmvolumens mehr sein können als eine leichte Personalaufstockung. Dass sie wirklich einen Wendepunkt in der universitären Personalstrategie markieren und Modellcharakter entwickeln können.

 

Es ist verständlich, dass die Universitäten wettbewerbsmüde sind. Es ist nachvollziehbar, dass die Länder vor allem auf das zusätzliche Bundesgeld schielen. Doch: Wenn das Proporzdenken siegt, dann ist das Tenure-Track-Programm kaputt.


Föderales Stellengetrickse

Dass einige Landesminister das Tenure-Track-Programm vor allem als nette Finanzspritze des Bundesforschungsministeriums begreifen, verrät ihr Verhalten auch an anderer Stelle. In der Vereinbarung mit der Bundesregierung haben sie zugesagt, die durch die Initiative geschaffenen zusätzlichen Professorenstellen nach Programmende (offiziell 2032) dauerhaft weiterzufinanzieren. Schließlich ist es eine der Botschaften, mit denen Bundesministerin Johanna Wanka (CDU) das Programm anpreist: 1000 zusätzliche unbefristete Professorenstellen entstünden da, und zwar auf Dauer. 

 

Dass sich sechs Länder dabei Sonderkonditionen herausgehandelt haben, ist das eine. Auch dass teilweise im identischen Umfang befristete Professuren zugunsten von unbefristeten abgebaut werden sollen, könnte man bereits als föderales Getrickse bezeichnen. 

 

Problematischer ist jedoch: Mehrere Ministerien haben ihren Universitären jetzt im Vorfeld der Antragstellung signalisiert, dass sie die Anschlussfinanzierung der Tenure-Track-Stellen selbst stemmen müssen, und zwar über ihre normalen Budgets.

Diejenigen Landesminister, die ihren Hochschulen für die nächsten Jahre Zuwächse versprochen haben, argumentieren: Ihr kriegt doch schon mehr Geld. Einen Teil der Professorenstellen, die ihr daraus schafft, könnt ihr ja für die Anschlussfinanzierung reservieren.

 

Und in Ländern, deren Hochschulen zurückgehende Studentenzahlen erwarten, heißt es: Wir lassen euch weniger schrumpfen dank des Tenure-Track-Programms, also – siehe oben – nehmt euer eigenes Geld für den Anschluss. 

 

Eine Logik, gegen die schwer anzuargumentieren ist. Denn wer kann schon widerlegen, dass in einer Welt ohne Tenure-Track-Programm die Uni-Haushalte weniger gewachsen oder stärker geschrumpft wären?

 

Fakt ist: Bei einigen Rektoren sorgt die Botschaft ihrer Minister für Zurückhaltung, so dass sie in ihren Anträgen mitunter sogar weniger Stellen haben wollen, als ihnen (siehe oben) rechnerisch zustünden. Sie fürchten das böse Erwachen in zehn Jahren, wenn das Programm ausläuft. 



Eine gekürzte Fassung dieses Beitrags erschien gestern im ZEITChancen Brief.

Foto: Alastair Dunning: "Professors", CC BY-NC 2.0. 

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Wir brauchen die Deutsche Lehrgemeinschaft!

Die Hochschulen sollen "Lehrverfassungen" formulieren, fordert der Wissenschaftsrat. Damit gute Lehre sich für die Wissenschaftler lohnt, muss die Politik aber erstmal eine vorschnell verworfene Idee wiederbeleben.

Vorbild für die Lehre? Die DFG-Zentrale in Bonn. Foto: DFG
Vorbild für die Lehre? Die DFG-Zentrale in Bonn. Foto: DFG

GERADE TRIFFT SICH der Wissenschaftsrat zu seiner Frühjahrssitzung, und zu den Unterlagen, über die sich die Experten aus Wissenschaft und Politik beugen, gehört ein Positionspapier „Strategien für die Lehre“. Anfang nächster Woche soll es offiziell veröffentlicht werden, eine seiner Kernforderungen hat das Gremium aber schon 2015 in einer anderen Empfehlung formuliert:  "Lehrverfassungen" sollen sie richten, die Unwucht zwischen Forschung und Lehre.

 

Die Hochschulen, so die Idee, sollen endlich mal genau sagen, was sie unter „guter Lehre“ verstehen – und wie sie sie konzeptionell zu fördern gedenken. Und es dann verbindlich aufschreiben. Und zwar jede einzelne Hochschule für sich.

Moment, gibt es nicht schon die Leitbilder, mögen jetzt manche fragen, und wo ist der Unterschied?

 

Der Unterschied ist, dass die Leitbilder, die sich viele Hochschulen pflichtschuldig und oft auf Wunsch der Politik gegeben haben, fast alle gleich klingen – und nicht nur zufällig so, als hätten da die einen von den anderen abgeschrieben. Mit dem Ergebnis, dass selbst Rektoren nicht genau sagen können, was in ihrem eigentlich drinsteht.

 

Das soll bei den Lehrverfassungen anders werden, ein „strategischer Prozess“, so nennt man das heute wohl, soll losgetreten werden hin zur Selbstvergewisserung – gesteuert, aber nicht vorgegeben von der Hochschulleitung. Mit daraus abgeleiteten konkreten Maßnahmen. Aber kann gelingen, was bei den Leitbildern vielerorts so gründlich danebengegangen ist?

 

Es kann. Aber nicht, weil der Wissenschaftsrat einen abstrakten Begriff mehr ins Rennen geschickt hat. Es kann gelingen, wenn man sich ausgerechnet die Forschung als Vorbild nimmt. Warum werden Karrieren über die Forschung gemacht? Warum können Rektoren, die wohlwollend-schwammig über die Lehre referieren, exakt und bis ins Detail auflisten, wie ihre „institutionelle Forschungsstrategie“ aussieht? Kurz gesagt: Weil es sich für sie lohnt. Ausgerechnet die zuletzt viel gescholtenen Projektmittel, ausgeschüttet von DFG & Co, sind die Währung der Forscherreputation. Und die Exzellenzinitiative mag die ultimative Karotte sein, aber ihre Logik funktioniert.

 

Als Annette Schavan noch Bundesministerin war, machte der Begriff einer „Akademie für die Lehre“ eine kurze Karriere, von der Etablierung einer „Deutschen Lehrgemeinschaft“ analog zur DFG war die Rede: Projektförderung von Exzellenz. Daraus wurde nichts. Stattdessen kam der zeitlich befristete „Qualitätspakt Lehre“: ein guter Start, nicht mehr. Doch schon sein Erfolg zeigt, wie viel noch möglich wäre.

 

Unterdessen versuchen private Förderer, das Vakuum zu füllen, zum Beispiel der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft und die Baden-Württemberg-Stiftung, die tapfer und seit mittlerweile etlichen Jahren „Fellowships für Innovationen in der Hochschullehre“ ausschreiben. 

 

Die alte Idee einer dauerhaften Deutschen Lehrgemeinschaft sollte dringend wieder ausgemottet werden. Der Anlass ist da, wenn demnächst die Anschlussfinanzierung des auslaufenden Hochschulpakts ansteht. Der setzte bislang vor allem auf die großen Studierendenzahlen. Künftig, da sind sich Bund und Länder einig, soll er stärker auf Qualität abheben. Wie wäre es, beides zu verbinden: eine Studienplatzfinanzierung für gute Lehre in der Breite und ein von Proporz befreites, echtes Förderprogramm für exzellente Ideen?

 

Mit der Deutschen Lehrgemeinschaft zur Lehrverfassung: Das könnte funktionieren. Vielleicht ja Stoff fürs nächste Positionspapier des Wissenschaftsrates.


NACHTRAG:
Heute steht in der ZEIT ein Interview (leider noch nicht online), das Anna-Lena Scholz mit dem ehemaligen Vorsitzenden des Wissenschaftsrats, Manfred Prenzel, geführt hat. Der Bildungsforscher ist maßgeblicher Autor des Positionspapiers zur Lehre. Und erfreulicherweise endet das Gespräch mit derselben Forderung, die ich in meinem Kommentar aufgestellt habe: Eine Deutsche Lehrgemeinschaft, sagt Prenzel, wäre "ein klares Bekenntnis dazu, Innovationen und gute Konzepte in der Lehre zu fördern."

 

Übrigens habe ich mich, nachdem ich mich Anfang der Woche für mein Plädoyer für eine Deutsche Lehrgemeinschaft entschieden hatte, unter Hochschulrektoren und Professoren umgehört. Deren mehrheitliche Reaktion: Bloß nicht! Sie bezweifeln, dass eine Lehrgemeinschaft über dieselbe wissenschaftliche Unabhängigkeit verfügen würde wie die DFG, und fürchten eine neue Form des staatlichen Dirigismus. Außerdem gebe es ohnehin schon zu viele Wettbewerbe, Projekte und Drittmittel – und jetzt solle das auch in der Lehre der Normalfall werden?

 

Die zum Teil sehr deutlichen Reaktionen haben mir eines gezeigt: Ein Selbstläufer ist die Debatte über die Deutsche Lehrgemeinschaft nicht – was auch der Grund war, weswegen sie schon einmal abgesetzt wurde. Doch – und da stimme ich völlig mit Manfred Prenzel überein – es ist nötig, sie zu führen.

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"Ach, der Brexit"

Die TU Dresden und ihre Partner eröffnen eine Wissenschaftsschau in der Londoner Innenstadt. Rektor Hans Müller-Steinhagen über Dresdens Imageprobleme, eine besondere Partnerschaft und die Frage, wie Wissenschaft  an die normalen Leute herankommt.

So sah die Ausstellung in Dresden aus – jetzt geht sie nach London. Foto: René Jungnickel/TU Dresden

DIE TECHNISCHE UNIVERSITÄT Dresden präsentiert sich und ihre Forschung mit einer Ausstellung in London. Sind Sie mit der Wissenschaftskommunikation im eigenen Land nicht ausgelastet?

 

Im Gegenteil. Die DRESDEN-concept-Ausstellung ist bei uns in Dresden so gut gelaufen, dass wir selbstbewusst genug sind, sie jetzt auf Reisen zu schicken: zuerst nach London, dann nach Breslau und schließlich nach Prag. Damit wollen wir ein Signal in die Welt senden, dass vom Dresdner Neumarkt auch positive Nachrichten ausgehen können.

 

Auf dem Dresdner Neumarkt treffen sich jeden Montagabend die Pegida-Demonstranten...

 

...und dort stand auch über viele Wochen unsere Ausstellung, deren Exponate übrigens weit über die TU Dresden hinausreichen und den gesamten Wissenschaftsstandort Dresden repräsentieren.

Hans Müller-Steinhagen
Hans Müller-Steinhagen

Sie wollen den Londonern zeigen: Dresden kann nicht nur ausländerfeindlich. Dresden kann auch international?

 

Das ist ein ganz wichtiges Motiv. Die Pegida-Leute marschieren ja immer noch, wenn auch ihre Zahl – zum Glück!  – tendenziell abnimmt. Die Demonstrationen und andere ausländerfeindliche Aktionen haben einen Schatten auf das zuvor leuchtende Image Dresdens geworfen. Diesen Schaden müssen wir Dresdner jetzt alle gemeinsam reparieren.

 

Was gibt es denn zu sehen in der Ausstellung?

 

Für jeden etwas, würde ich sagen. Für Erwachsene und für Kinder. Sie können etwas über neue Krebstherapien erfahren, die Zukunft des Taktilen Internets ausprobieren oder superleichten Beton anfassen. Der ist mit Carbon verstärkt und wird, davon bin ich überzeugt, das Bauen revolutionieren. Und dann setzen Sie sich auf einen der CityTrees, die Dresdner Studierende in einem Startup entwickelt haben. Das ist eine Art Bank, hinter der eine mit Moosen und Stauden bewachsene Wand hochragt – ein natürlicher Schadstofffilter, der effektiver arbeitet als ein Baum. Und speziell für die Forscher planen wir um die Ausstellung herum eine Serie wissenschaftlicher Veranstaltungen und Symposien.

  

Das ist alles sehr schön. Zu schön, um wahr zu sein? Hand aufs Herz: Eine nette PR-Aktion des DRESDEN-concepts, dem Zusammenschluss der Dresdner Wissenschaftseinrichtungen, um im gerade angelaufenen Exzellenzstrategie-Wettbewerb zu punkten? Internationalität geht schließlich immer bei den Gutachtern...

 

Klar ist das PR, aber nur zufällig zum Auftakt der Exzellenzbewerbung. Wir wollen zeigen, welch tolle Wissenschaft in Dresden gemacht wird. Aber eben nicht nur. Wir wollen auch die Zusammenarbeit zwischen London und Dresden vertiefen, genauer: zwischen dem King’s College und der TU Dresden bzw. DRESDEN-concept. Die ist schon jetzt besonders. Zusammen haben wir den so genannten TransCampus aufgezogen, eine strategische Partnerschaft, die bislang unsere Mediziner verbindet und auf weitere Disziplinen ausgeweitet werden soll, die Mikroelektronik zum Beispiel oder die Geisteswissenschaften insbesondere auf dem Gebiet des gesellschaftlichen Wandels. Schon jetzt nutzen unsere Forscher die Labore und Einrichtungen des King’s College und umgekehrt. Es gibt ein gemeinsames Graduiertenkolleg und sogar schon Wissenschaftler, die teilweise von uns, teilweise von den Londonern bezahlt werden.  Wir steuern auf gemeinsame Studiengänge und gemeinsame Promotionen hin.

 

Sie entkräften nicht gerade meine Vermutung, dass Sie sich für die Exzellenzstrategie in Stellung bringen. Vielleicht bewerben Sie sich ja eines Tages sogar im Verbund mit dem King’s College in der Förderlinie „Exzellenzuniversitäten“?

 

Mal abgesehen davon, dass das, wie Sie wissen, von den Ausschreibungsbedingungen her gar nicht möglich ist, ergäbe es meines Erachtens auch wenig Sinn, einen Teil der für die Entwicklung der deutschen Universitäten vorgesehenen Mittel ins Ausland weiterzuleiten. Wir reden von einer Fördersumme von vielleicht 20, 25 Millionen Euro pro Jahr für Universitätsverbünde, das ist viel Geld, aber um neue Hochschulstrukturen aufzubauen, ist das erschreckend wenig und nicht im Entferntesten vergleichbar mit dem, was Eliteuniversitäten in den USA oder Großbritannien zur Verfügung steht. Wenn wir diese Mittel nun durch weitere internationale Partner ausdünnen, wir der Nutzen noch geringer. Im Übrigen dürfte es schon bei den deutschen Verbundbewerbungen in der Förderlinie „Exzellenzuniversitäten“ nicht einfach sein, die Gutachter davon zu überzeugen, dass sie mehr sind als Beutegemeinschaften. Bei den Forschungsclustern dagegen könnte ich mir gemeinsame Bewerbungen mit dem King’s College, mit Breslau oder Prag durchaus vorstellen – solange die ihren eigenen Finanzierungsanteil mitbringen.

 

Zurück zur Ausstellung. Wenn man so will, haben ja beide Partner ein Problem mit ihrem internationalen Image. Dresden wegen Pegida, das King’s College wegen des Brexits. Schweißt die Not zusammen?

 

Ach, der Brexit. Viele unserer Kollegen am King’s College können es noch immer nicht fassen und sagen, das sei doch alles der reinste Wahnsinn. Aber der Ausstieg Großbritanniens aus der Europäischen Union war nicht der Anlass für unsere Ausstellung. Als die Planungen dafür begannen, hat noch kaum einer glaubt, dass es soweit kommt.

 

Außerdem gilt London ja nun ausgerechnet als europafreundlich.

 

Insofern müssten wir, wenn das eine Ausstellung gegen den Brexit sein sollte, unsere Exponate irgendwo im Hinterland zwischen zwei Farmen aufbauen, wo die wirklichen Europagegner zu Hause sind. Dass die Wissenschaftsausstellung trotzdem in eine Großstadt gehört, in die Mitte Londons, auf den Campus einer Spitzenuniversität, das versteht sich von selbst. Genauso, dass bei allem, was Wissenschaft auf die Beine stellt, die Botschaft mitschwingt: Forschung floriert nur in einem Klima der Offenheit und der Internationalität.

 

Glauben Sie wirklich, dass sich am Ende viele Londoner die Ausstellung angucken werden? Und zwar normale Londoner, nicht die Wissenschaftler und Studenten, die ohnehin auf dem Campus herumlaufen?

 

Es gab auch in Dresden Leute, die am Anfang skeptisch waren. Und dann riss der Besucherstrom nicht mehr ab, von Einheimischen wie von Touristen. Ich weiß noch, wie ich ein paar Mal um zehn oder elf Uhr abends am Neumarkt vorbeikam, und staunend stehenblieb: Da waren immer noch Leute zwischen den Ausstellungsstücken unterwegs. 

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"Bildungsstandards behandeln Kinder wie defizitäre Erwachsene"

Seit dem Mathe-"Brandbrief" streitet die Bildungsrepublik mit besonderer Heftigkeit über Kompetenzen und Kompetenzbegriffe. Der Gastbeitrag eines hessischen Gymnasiallehrers.

Foto: Mike Wilson; Abbildung aus Lambacher Schweizer "Algebra 1", 2. Auflage, Klett-Verlag 1966.

SIE ERINNERN SICH vielleicht: Vor einem Monat habe ich an dieser Stelle die 130 Schreiber eines Mathe-Brandbriefs kritisiert. Sie unterlägen einer Fehlwahrnehmung, wenn sie einen Verfall der Matheleistungen beklagten und den Missstand dann auch noch der Etablierung von Bildungsstandards zuschrieben. Was folgte, war eine heftige Debatte in meinem Blog. Mit einigem Abstand erhielt ich nun den Brief eines Mathelehrers. Er hatte die Stellungnahme herausgekramt, die seine Fachschaft an einem hessischen Gymnasium 2010 ans Kultusministerium geschickt hatte. Gegenstand: die bevorstehende Einführung von Bildungsstandards. Die Stellungnahme von damals liest sich wie eine hervorragende Replik auf meinen Essay. Darum veröffentliche ich sie hier mit Zustimmung des Autors, der lieber ungenannt bleiben möchte.


Die Lehre vom Raben und der Ameise

 

VOR LANGER, LANGER Zeit, da gab es einen Raben, der zeigte Schülern und Lehrern, wann es besonders schwierig und anspruchsvoll wurde. Zum Beispiel im Lambacher Schweizer „Algebra 1“ von 1966. Viele schreckte der Rabe im Mathebuch ab, aber manchmal passte das Bedürfnis eines Schülers mit dem Angebot des Raben zusammen. Und hin und wieder geschah es dann, dass ein Schüler das Aha-Erlebnis seiner Schulzeit hatte, die Mathematik auf neue Weise lieben lernte und einen unumkehrbaren Entwicklungsschritt in seinem Leben machte.

 

Häufiger als der Rabe war in den Mathebüchern jener Jahre allerdings die Ameise anzutreffen. Sie kennzeichnete Aufträge, die nur durch großen Fleiß und langanhaltendes sorgfältiges Ausführen bekannter Operationen, zu bewältigen waren. Darüber möchte man heute gern die Nase rümpfen, bei Schülern, jüngeren zumal, hatten diese Aufgaben keinen schlechten Ruf. Das gute Gefühl, das der Lohn dafür war, etwas richtig zu machen sorgte dafür, dass man die Monotonie der Aufgabe nicht als ermüdend wahrnahm. Kam ein Schüler an den Punkt, sich von der Ameise zu verabschieden, dann war auch hier ein Reifungsschritt vollzogen. Viele waren aber froh, dass ihnen die Ameise im ungeliebten Fach Mathematik wenigstens zu einer befriedigenden Note verhalf.

 

Seit der Zeit des Raben und der Ameise hat die Aufgabenkultur des schulischen Mathematik­unterrichts ungeheuer an Vielfalt gewonnen. Lag früher der Blick fast ausschließlich auf der fachlichen Schwierigkeit, so hat seitdem der Blick auf den Schülerauftrag eine Vielzahl von Perspektiven hinzugewonnen. Der ungewöhnliche Auftrag, die Umkehrung von Frage und Antwort, die Skizze, die konstruierte Einkleidung in einen Bezug zur „Lebensumwelt“, die Aufforderung zur Kommunikation, - in manchen Schulbüchern ist heute die Ausnahme zur Regel geworden. Den Unterrichtserfolg eines so unterrichtenden Lehrers bewirkt dann der Paukunterricht des Nachhilfeinstituts.

 

Zweck des Raben und seiner vielen Abkömmlinge ist es, den Blick des Schülers auf die fachliche Substanz des zu behandelnden mathematischen Gegenstandes zu lenken. Damit kein Schüler denke, mit der erlernten Routine sei der Kern des neu zu Lernenden bereits erfasst. Der erfahrene Lehrer postiert deshalb seine Raben wohlüberlegt und sparsam dosiert in seinen Unterrichtsgang. Sie sind unverzichtbare Angebote, den Sachverhalt tiefergehend zu verstehen. Aber was der Rabe in einer heterogenen, kommunikativen, in rascher persönlicher Veränderung befindlichen Lerngruppe beim Einzelnen bewirkt, ist unmöglich zu kalkulieren.

 

Nicht alles muss immer so bleiben, wie es war, aber dieser Reformentwurf gehört eingestampft. Und zwar aus vier Gründen:

 

1. Kinder und Jugendliche werden durch den Bildungsstandardansatz wie defizitäre Erwachsene behandelt. Die altersgemäßen Belange und die Heterogenität der individuellen Entwicklung werden ausgeblendet. So passen zum Beispiel Wiederholen, Sammeln, Ordnen und Motorisches besser zu Zehnjährigen als das x-te Säulendiagramm als Vorübung zur Powerpoint-Präsentation.

 

2. Die entwicklungspsychologische Erkenntnis, dass sich Kinder und Jugendliche von sich aus auf ihre Weise weiterentwickeln wollen, bleibt völlig unbeachtet. Die Grundlagen lassen sich in behavioristischer Manier fortschreitend aufbauen und abprüfen. Wenn es aber anspruchsvoller wird, dann macht der Lehrer, wie jeder gute Erzieher Angebote. Angebote, die das Kind wahrnimmt, wenn alles passt.

 

3. Dass die Fachkonferenz das unlösbare Problem beschließen soll, jeden Schüler vor eine „Anforderungssituation“ zu stellen, in der die „Performanz“ seines „Kompetenzerwerbs“ „überprüfbar“ wird, das ist ein schlechter Witz! Die Bildungsstandardtests und die neuartigen Versuche, das Abitur mit Kompetenz anzureichern, zeigen jedem, der es sehen will, dass sich Kompetenz im Sinne dieser Bildungsstandards weder beibringen noch abprüfen lässt. Ein guter Lehrer wird sich natürlich freuen, wenn er einen kompetenten Schüler hat und er wird andererseits in einem Elterngespräch darauf hinweisen, was Mathematik jenseits von Routinen auf dem Gymnasium noch ist.

 

4. Die nervige Wiederholung der grauenhaften Wortbildung „Lebensumwelt“ zeigt, wie die Autoren der Bildungsstandards die Funktion von Schule vollkommen verkennen. Die „Lebensumwelt“ unserer Kinder ist oft genug die Spielkonsole, der Fernseher, vielleicht der Sport, eventuell Musik. Die Schnittmenge der Lebensumwelt hessischer Schüler mit Eltern aus allen Ländern der Welt ist, na was wohl, die Schule. 

 

Noch schlimmer: Wer je als Berufstätiger oder als Hochschulassistent mit einem Anwendungsproblem konfrontiert wurde, das unter Zeit-, Ökonomie- und Erfolgsdruck mathematisch behandelt werden musste, der kennt dessen unüberschaubare Komplexität und die rein am Ergebnis orientierten Methoden seiner Lösung.

 

Die Schule braucht das genaue Gegenteil. Ohne weltfremd zu sein, muss sie dazu stehen, eine Welt für sich zu sein, geschaffen zu dem Zweck, Kinder und Jugendliche vor altersgerechte Anforderungen zu stellen, an denen sie reifen können. Sie muss Inseln schaffen, auf denen man etwas begreifen, einsehen und verstehen kann, - wo man exemplarisch von einer Einsicht zur nächsten voranschreiten kann. Alles, was hier passt, und dazu gehören natürlich auch Anwendungsprojekte, hat seinen Platz in der Schule, egal ob „Lebensumwelt“ drin ist oder nicht.

 

Wäre ich Kultusminister, dann würde ich den alten Fachlehrplan beibehalten. Eventuell könnte man ihn jeweils in Doppeljahrgänge zusammenfassen. Wollte ich die Kompetenz der Schulabgänger im Sinne der vorgelegten Bildungsstandards erhöhen, so würde ich ein weiteres Schuljahr einführen, damit ein Schüler insgesamt neun Jahre am Gymnasium verbringt. Damit die Lehrer nicht in gar zu öden Bahnen des herkömmlichen Fachunterrichts verharren, würde ich Wettbewerbe mit kreativen Ideen wie etwa den Känguru-Wettbewerb, Mathematique sans frontières oder den Mathematikwettbewerb des Landes Hessen nach Kräften fördern. Schulen müssten genug Personal und Sachmittel für Mathematik-, Forscher- und Informatik-AGs haben, die heute wegen Lehrermangel kaum noch stattfinden. Ebenso bräuchten die Schüler genügend Muße, um daran teilnehmen zu können. Die Kompetenz der so gebildeten Schüler wird dann allemal hoch genug sein, um dazuzulernen, was im „Anwendungsbezug“ zählt, und mit welcher Technik man dafür sorgt, dass man ihnen zuhört.

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Wo Fakten allein eben nicht reichen

Wenn es um Essen geht, ist Gentechnik ist immer noch das Sorgenthema der Deutschen schlechthin – während andere Risiken massiv unterschätzt werden. Was folgt daraus für die Wissenschaft?

DIE UMFRAGE ERSCHIEN pünktlich zum Science March, und doch hat sie bislang kaum einer wahrgenommen. Dabei ist der "BfR-Verbrauchermonitor", den das Bundesinstitut für Risikobewertung alle sechs Monate veröffentlicht, alles andere als eine gewöhnliche Konsumentenumfrage. Es geht darin nicht um irgendwelche Vorlieben, Gewohnheiten oder die neusten Luxustrends; der Verbrauchermonitor handelt von Ängsten, falschen Wahrnehmungen und echten Risiken. Was lässt die Menschen in Deutschland um ihre Gesundheit fürchten? Wo vermuten sie die größten Gefahren für sich und ihre Familie?

 

Die Ergebnisse der repräsentativen Studie sind aus Sicht der Wissenschaft besorgniserregend. Zumindest wenn die Wissenschaft ihr am Samstag in die Innenstädte herausgerufenes Ziel, sich den Nicht-Wissenschaftlern stärker erklären zu wollen, ernst nimmt.

 

Bei der Frage nach den größten gesundheitlichen Risiken kommen im "Verbrauchermonitor" noch die nachvollziehbaren Antworten: zuerst das Rauchen, dann Klima- und Umweltbelastungen, ungesunde Ernährung, Alkohol. Als nächstes aber wollte das BfR von den Verbrauchern wissen, von welchen "Gesundheits- und Verbraucherthemen" sie überhaupt schon einmal gehört haben. 93 Prozent pickten "gentechnisch veränderte Lebensmittel" aus der ihnen präsentierten Liste – von keinem zweiten Thema hatten die Befragten häufiger gehört. Mit deutlichem Abstand folgten gefährliche Zusätze und Bakterien in Lebensmitteln (74 Prozent und weniger). Und welche Themen beunruhigen die Befragten am meisten? 56 Prozent antworteten wiederum: gentechnisch veränderte Lebensmittel, der zweithöchste Wert nach Antibiotikaresistenzen (59 Prozent). Fast am Ende der Skala: mangelnde Lebensmittelhygiene zu Hause, um die sich nur 13 Prozent Gedanken machen.

 

Warum das besorgniserregend ist? Weil es der Wissenschaft, den zuständigen Behörden, aber auch den Medien offenbar nicht gelungen ist, den Menschen zu vermitteln, wo die wirklichen Risiken für ihre Ernährung liegen. Und ihnen gleichzeitig zu verdeutlichen, dass es absolute Sicherheiten und Wahrheiten in der Forschung nie geben kann.

 

Genau diese aber, so scheint es, erwarten die Menschen von der Gentechnik, zu der man ja persönlich stehen kann, wie man mag. Fest steht indes: Obwohl seit über 40 Jahren daran geforscht wird, hat bislang keine Studie eindeutige Belege für eine gesundheitliche Gefährdung von Menschen durch gentechnologisch veränderte Lebensmittel, etwa den so genannten "Gen-Mais", gefunden. So sagen es zumindest die allermeisten Forscher in großer Übereinstimmung. Was nicht bedeutet, dass es die Gefahren nicht gibt, aber sollten sie da sein, verstecken sie sich sehr gut.

 

Weniger einig sind sich die Wissenschaftler beim Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat, das gerade (aber nicht nur!) beim Anbau von Genmais eingesetzt wird. Während die Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation (IARC) Glyphosat 2015 als "wahrscheinlich krebserzeugend" einstufte, halten viele Experten eine solche Aussage für nicht falsch, aber wenig informativ, weil man diese Potenzialaussage richtigerweise über sehr viele Lebensmittel, zum Beispiel über rotes Fleisch, treffen könne. Am Ende komme es wie überall auf die Dosis an. Der BfR-Pestizidexperte Roland Solecki sagte in der Süddeutschen Zeitung (nicht online): "Richtig angewendet löst Glyphosat keinen Krebs aus." >>



>> Bei anderen potenziellen Risiken fällt der Expertenstreit wiederum flach. Beispiel Kräutertees. Viele von ihnen enthielten in Tests aufgrund versehentlich mitgeernteter Wildkräuter so genannte Pyrrolizidinalkaloide, mit denen sich die Pflanzen in der Natur vor Fressfeinden schützen. Die Wissenschaftler vermuten einmütig, dass die Stoffe beim Menschen Krebs verursachen können. Besonders verbreitet sind Pyrrolizidinalkaloide übrigens in Babytees. 

 

Noch gefährlicher ist mangelnde Hygiene im Haushalt. Die so genanntem Campylobacter- Bakterien lösen ansteckende Durchfallerkrankungen aus, weswegen jedes Jahr geschätzte 75.000 Menschen klinisch versorgt werden müssen, insgesamt erleiden rund eine Million Menschen in Deutschland pro Jahr eine Lebensmittelvergiftung. BfR-Präsident Andreas Hensel nannte kürzlich in einem Interview mit den Zeitungen der Funke-Mediengruppe ein Beispiel: "Eine Gruppe junger Leute trifft sich zum Grillen. Da fasst einer den rohen Hühnerschenkel an und nimmt dann mit der gleichen Hand das fertige Würstchen vom Grill. Wer das isst, nimmt genügend Bakterien für fünf Tage Durchfall auf. " 

 

Auch eine erneute Ehec-Epidemie wird durch mangelndes Gefahrenbewusstsein der Konsumenten wahrscheinlicher. Sobald rohe tierische und pflanzliche Lebensmittel im Kühlschrank nicht getrennt würden, steige das Risiko, sich mit der bakteriellen Darmerkrankung anzustecken, sagte der Mikrobiologe Helge Karch, Direktor des Instituts für Hygiene am Universitätsklinikum Münster, laut dpa – das gelte erst recht, wenn die Leute sich nicht häufig genug die Hände wüschen. 

 

Die Risiken in Sachen Ernährung scheinen also klar verteilt – und trotzdem sorgen sich die Menschen in Deutschland seit vielen Jahren konstant vor allem um die Folgen der Grünen Gentechnik – und kaum um die Gefahren ihres eigenen gedankenlosen Verhaltens. Was läuft da falsch? Und welche Verantwortung trägt dafür die Wissenschaft? Das BfR selbst gibt in seiner Pressemitteilung zur Studie folgende, auf den Science March gemünzte Antwort: Die Ergebnisse des aktuellen Verbrauchermonitors zeigten, "wie wichtig es ist, Erkenntnisse und überprüfbare Resultate aus der Forschung stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken." 

 

Wobei das womöglich nur ein Teil der Antwort ist. Die Wissenschaft kommuniziert die aufgezählten Erkenntnisse zu Kräutertees, Ehec oder Kühlschrankhygiene ja längst aktiv in die Öffentlichkeit hinein. Wer (und das noch nicht mal besonders aufmerksam) die Nachrichten verfolgt, kommt an den Warnhinweisen nicht vorbei. Umgekehrt sagt die Forschung jedem, der es hören will oder auch nicht, dass keine belastbaren Belege zu den Gefahren zum Beispiel der Gentechnik existieren. Doch während die real vorhandnen, enormen Schadenpotenziale der alltäglichen Lebensmittelhygiene von vielen Leuten ignoriert werden, wird aus den nicht bis zum letztem ausschließbaren Restrisiko der Gentechnik für weite Teile der Bevölkerung eine Bedrohung fundamentalen Ausmaßes. 

 

Warum? Weil häusliche Hygiene irgendwie vertraut ist und man über Leute, die von der Toilette kommen, ohne sich die Hände zu waschen, den Kopf schüttelt, um es dann gleich wieder zu vergessen. Weil ein bisschen Durchfall ja jeder mal hat und das mit dem Krebs im Kräutertee seltsam abstrakt bleibt. Umgekehrt kommt die Grüne Gentechnik daher als etwas Undurchschaubares, in seiner Komplexität kaum Begreifbares, über das man keine Kontrolle hat, von dem man fürchtet, das wirtschaftliche Potenzial dahinter könnte Wissenschaft und Politik korrumpieren, nicht die ganze Wahrheit über die Gefahren zu sagen. 

 

Gegen dieses dumpfe Gefühl kommt die Wissenschaft nicht an, indem sie einfach noch mehr auf die Faktenbasis pocht. Dieses dumpfe Gefühl geht nur weg, wenn sich die Wissenschaft der Gesellschaft auf Augenhöhe nähert. Wenn aus einem "Belehren" ein "Voneinander Lernen" wird. Ein Gespräch statt einer Einweg-Kommunikation. Um den Leuten ein Stück Kontrollgefühl zurückzugeben. Dann sinkt ihre Angst, und die Akzeptanz nimmt zu. 

 

Bei der Gentechnik ist diese Chance versäumt, und das in Deutschland wohl endgültig. Stand 2017 existiert kein einziger Freilandversuch mehr mit gentechnisch veränderten Pflanzen in der Bundesrepublik. Die weltweit führenden Genforscher tun ihre Arbeit abseits von Deutschlands Hochschulen und Universitäten.

 

Doch, und ausgerechnet hier macht der aktuelle BfR-Verbrauchermonitor Mut, die Wissenschaft erhält gerade eine zweite Chance. In der Szene ist es schon seit Jahren das neue Zauberwort: Genom Editing. Die Genschere werde Aids und Krebs heilbar machen, die Gefahr zunehmender Antibiotikaresistenzen beseitigen, so erhoffen es sich zumindest die Vorreiter der neuen Technik. Das mag übertrieben sein, doch um es herauszufinden, muss das Potenzial des Genom Editings erstmal ausgeforscht werden. Doch geht das überhaupt im Gentechnik-feindlichen Deutschland? Möglicherweise ja. Denn laut BfR-Zahlen ist das Genom Editing nur 14 Prozent der befragten Verbraucher überhaupt ein Begriff bislang. Und lediglich sieben Prozent machen sich Sorgen darum.

  

Mit anderen Worten: Hier kann die Wissenschaft noch vieles, vielleicht alles richtig machen in Sachen Wissenschaftskommunikation. Die Frage ist, wie lange noch. 


Fotonachweise:

Azri: "fridge", CC BY-NC-ND 2.0; Oregon Department of Agriculture: "Corn Field", CC BY-NC-ND 2.0

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Reden ist Gold

Eine aktuelle Pisa-Auswertung zeigt in neuer Schärfe, wie stark das Elternhaus über die Zufriedenheit und auch die Lernleistung der Jugendlichen entscheidet.

Screenshot www.oecd.org: Titelseite der Studie
Screenshot www.oecd.org: Titelseite der Studie

EIN ALTER SPRUCH hat gerade Hochkonjunktur in der öffentlichen Debatte über unsere Schulen. "Leistung muss sich wieder lohnen", lautet er. Das Abitur: entwertet, weil zu viele es machen. Die Noten: inflationär, weil die Lehrer Konflikte mit den Eltern scheuen. Und: Während neue Schulformen wie die Sekundarschule die Leistungsschwachen fördern sollen, verkommen die Gymnasien. Die Schlussfolgerung: Richtig gerecht ist unser Schulsystem erst wieder, wenn die Leistungsstarken und Leistungsbereiten ihre gesellschaftliche Belohnung erhalten. Und diese gesellschaftliche Belohnung heißt Distinktion. Durch höhere Bildungsabschlüsse. Durch Erfolg im Beruf. Durch mehr Geld und Einfluss. 

 

So ähnlich, wenn auch gelegentlich verdruckster, konnte man es in zahlreichen Zeitungskommentaren der vergangenen Monate nachlesen, vor allem seit die jüngsten Pisa- und Timss-Ergebnisse eine Stagnation der Schülerleistungen in Deutschland gezeigt haben. Und stimmt es nicht auch? Haben wir uns von Bildungspolitik und Bildungsforschung zu sehr auf einen pädagogischen Kurs des Mittelmaßes und der falsch verstandenen Standardisierung einschwören lassen?

 

Ausgerechnet von den Pisa-Machern kommt nun eine Nachfolgeuntersuchung, die die gefühlte Plausibilität einer solchen Argumentation nein: nicht ins Wanken bringt. Sondern sie geradezu ad absurdum führt. Nichts gegen Leistung. Das Problem, die himmelschreiende Schieflage unseres (und nicht nur unseres!) Bildungssystems, besteht darin, dass das, was wir in der Schule unter "Leistung" verstehen, aufs Engste verknüpft ist mit den sozialen Voraussetzungen, unter denen Schüler aufwachsen. Das ist nicht, das KANN nicht gerecht sein. 

 

Allgemein formuliert und in abstrakten Korrelationen errechnet kennen wir diesen gefährlichen Zusammenhang schon lange. Doch so theoretisch daherkommend berührt er uns kaum noch, weswegen die öffentliche Debatte überhaupt in die oben beschriebene Richtung laufen konnte. Was aber bedeutet soziale Ungleichheit, die zu ungleichen Schülerleistungen und damit zu Lebenschancen führt, konkret? Mit besonderer Pointiertheit können wir es nun nachlesen in den Daten, die diese Woche von der OECD veröffentlicht wurden. Sie stammen aus einer ergänzenden Befragung unter den 15 Jahre alten Schüler aus insgesamt 68 Ländern, deren Leistungsniveau in PISA 2015 getestet wurde. Andreas Schleicher, der für Pisa verantwortliche OECD-Bildungsdirektor, nennt die Ergebnisse "den „spannendsten Pisa-Report, den wir bisher herausgegeben haben“. Und er hat Recht. 

 

In der Befragung stand das subjektive Wohlbefinden der Jugendlichen im Vordergrund und die Bedingungen, unter denen ihr Alltag abläuft. Frühstücken sie morgens, bevor sie zur Schule gehen? Treiben sie Sport? Leiden sie unter Hänseleien? Wollen sie zu den Besten in ihren Klassen gehören? Und eben auch: Wie viel Zeit verbringen sie in ihrer Familie, mit ihren Eltern? Reden die Eltern mit ihren Kindern?

Sicherlich kann man sich nun, wie die Tagesschau, in der Berichterstattung auf die Besorgnis erregenden Zahlen zum Mobbing konzentrieren. Jeder sechste Jugendliche berichtete, regelmäßig Opfer zu werden – ein im internationalen Vergleich übrigens nicht einmal besonders hoher Wert.  Man kann, wie die WELT, den mangelnden schulischen Ehrgeiz vieler Jugendliche kritisieren, weil in Deutschland nur knapp 40 Prozent antworteten, sie wollten zu den Besten in ihrer Klasse gehören. Oder man drückt, wie die Süddeutsche Zeitung, seine "Überraschung" aus: "Wenn Eltern oft mit ihren Kindern sprechen, sind diese mit größerer Wahrscheinlichkeit glücklicher und erfolgreicher in der Schule." Punkt. 

 

Kann es tatsächlich so einfach sein? Entscheiden sich Schülerkarrieren auch und gerade daran, ob Eltern mit ihren Kindern reden, ob sie sich genügend Zeit dafür nehmen und wirklich für das interessieren, was die Kinder ihnen zu sagen haben? Ja, so berichtet es die Pisa-Auswertung: Während Eltern-Lehrer-Gespräche über die schulische Situation der Jugendlichen kaum Einfluss auf deren Zufriedenheit und Leistungsbereitschaft ausüben, sind Kinder, deren Eltern regelmäßig mit ihnen reden (übrigens egal, worüber!), mit einer 60-prozentigen Wahrscheinlichkeit zufriedener als ihre Altersgenossen. Und im Schnitt bei Pisa rund 20 Leistungspunkte besser – was immerhin rund einem halben Schuljahr entspricht.


Aber, aber, kann man entgegnen: Reden mit ihren Kindern können ja nun alle Eltern. Auch die weniger gebildeten. Schon richtig. Aber viele Eltern, auch das steht in der Pisa-Auswertung, empfinden es als schwierig, mit ihren Kindern zu kommunizieren – aufgrund ihrer Arbeitszeiten, weil sie zu wenig Unterstützung bei der Kinderbetreuung haben oder weil sie schlicht keine gemeinsame Sprache finden. Gerade sozial schlechter gestellte Eltern, berichtet die OECD, sind ihren Kindern zufolge seltener interessiert an dem, was bei ihnen in der Schule los ist. Gleichzeitig wirkt sich die soziale Situation der Schüler selbst auf ihre Leistungsbereitschaft und ihren Ehrgeiz aus. Anders formuliert: Benachteiligte Schüler sind die weniger engagierten Lerner. Warum wohl? Siehe oben. 

 

Wenn und solange basale Unterschiede wie die Kommunikation im Elternhaus oder auch das gemeinsam eingenommene Abendessen über die Lebenszufriedenheit der Schüler mitbestimmen, solange der soziale Wohlstand der Familie signifikanten Einfluss auf die schulischen Leistungen eines Schülers hat, so lange hört sich die plakative Forderung "Leistung muss sich wieder lohnen!" schief an. Bitte, gern, möchte man antworten, aber lasst uns zunächst einmal ähnliche Voraussetzungen für Leistung schaffen – und genau das war und ist eines der zentralen Ziele der zuletzt heftig kritisierten Bildungsexpansion. Durch mehr Beratung für die Eltern. Durch bessere Betreuungsangebote für die Kinder und Jugendlichen. Und durch Schulen, die nicht einfach blind davon ausgehen, dass alle schon irgendwie dieselben Chancen haben. Und wenn die einen dann schlechtere Leistungen bringen, sind sie selber schuld. 

 

An ausgerechnet dieser Stelle stimmen die Pisa-Ergebnisse optimistisch. Schulen und Lehrer seien sehr wohl imstande, steht da, die ungleichen Lebensbedingungen der Schüler zumindest teilweise auszugleichen – indem sie ihnen Mut machen, sie unterstützen und ihnen gute Leistungen zutrauen. Tun die Lehrer letzteres, ist das schon die halbe Miete – und eine bessere Note wahrscheinlicher. 

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"Wir müssen das konfrontative Denken hinter uns lassen"

Thüringens neues Hochschulgesetz ebnet den Weg zur Viertelparität. Wissenschaftsminister Tiefensee widerspricht Vorwürfen, das sei Symbolpolitik, und sagt, warum er nur dieses Modell für demokratisch hält.

Wolfgang Tiefensee. Foto: TMWWDG
Wolfgang Tiefensee. Foto: TMWWDG

Die rot-rot-grüne Koalition in Thüringen will die Viertelparität einführen. Ist das jetzt besonders fortschrittlich oder einfach nur rückwärtsgewandt?

 

Wir haben im Koalitionsvertrag verabredet, die Demokratie an den Hochschulen zu stärken. Das geht nur, wenn alle Statusgruppen im Senat auf Augenhöhe miteinander kommunizieren.

 

„Statusgruppen“: Hinter dem sperrigen Begriff steckt die Idee der Gruppenhochschule, entstanden in den 1960er Jahren als Gegenentwurf zur „Ordinarienuniversität“, in der die Professoren allein das Sagen hatten. Studenten, wissenschaftliche Mitarbeiter, die übrigen Mitarbeiter und die Professoren regieren gemeinschaftlich die Hochschule: Ist diese Vision der 68er nicht längst an der Realität gegenseitigen Blockierens gescheitert?

 

Das glaube ich nicht. Eine Hochschule gründet eben nicht nur auf der Professorenschaft und der Hochschulleitung. Gerade wenn wichtige Zukunftsentscheidungen anstehen, die mittelbar und unmittelbar die unterschiedlichsten Gruppen betreffen, braucht es eine gründliche Vorbereitung, die Rückbindung in die Mitte der Hochschule hinein. Meine langjährige politische Erfahrung lehrt mich, dass mehr Mitbestimmung nicht der Blockade Vorschub leistet, sondern die gemeinsame Motivation und den Gestaltungswillen stärkt. Vielerorts wird dieses kollegiale Miteinander auf Augenhöhe ja auch in den jetzigen Strukturen längst gelebt, wir wollen das befördern und zur Regel machen. >>


Die Thüringer Rektoren sind gegen die Pläne

"Hochschulreform soll Macht der Professoren brechen", titelte die Thüringer Allgemeine Anfang vergangener Woche in einem Artikel zu Tiefensees Hochschulreform. Die Viertel- bzw. an den Fachhochschulen die Drittelparität bringe eine paritätische Besetzung des wichtigsten universitären Entscheidungsgremiums, des Senats: "Damit werden die Studenten den Professoren gleichgestellt."

 

Klingt sensationell. Tatsächlich treibt das Thema "Viertelparität" die deutschen Hochschulen seit Jahren um. Nordrhein-Westfalens rot-grüne Landesregierung schrieb schon 2014 die Stimmengleichheit ins Hochschulgesetz – räumte allerdings den Hochschulen die Möglichkeit ein, auch alternative Modelle zu entwickeln – solange sie auf mehr Teilhabe hinausliefen. Schleswig-Holstein wiederum hat vergangenes Jahr im Erweiterten Akademischen Senat der Hochschulen die Viertelparität eingeführt.

Sowohl in NRW als auch in Schleswig-Holstein gilt allerdings eine entscheidende Einschränkung, die auch das neue Thüringer Hochschulgesetz vorsieht: In Angelegenheiten, die Forschung und Lehre betreffen, entscheidet auch künftig die Professorenmehrheit. 

Zuletzt hatte es an der Technischen Universität Berlin Streit um die Stimmenverteilung  gegeben. Vergangenen Juni hatte der dortige Erweiterte Akademische Senat (EAS) mit nur einer Stimme Mehrheit für die Viertelparität gestimmt, doch musste

die Abstimmung wegen eines Formfehlers wiederholt werden. Im Februar einigte man sich nach heftigen Debatten im EAS, einen Kompromissentwurf der eigens eingerichteten "AG Partizipation" abzuwarten, der nun im Juni kommen soll.  Darin soll es jedoch nicht mehr um Viertelparität im EAS gehen, sondern um die "Einrichtung eines viertelparitätisch besetzten neuen Gremiums für die Präsidiumswahl".  

 

Die Thüringer Landesrektorenkonferenz (LRK) lehnt die geplanten Änderungen der Hochschulgovernance ab. Es gebe keine Notwendigkeit, die derzeitige Struktur grundsätzlich neu auszurichten.  "Die bisherige Praxis von Zuständigkeiten, Entscheidungskompetenz und Verantwortung (hat sich) bewährt“, sagte der LRK-Vorsitzenden und Illmenauer Rektor, Peter Scharff schon im vergangenen Herbst. Der Präsident der Universität Jena, Walter Rosenthal sieht das genauso, ergänzt jedoch: "Wenn schon Viertelparität, dann nach dem Modell, wie es das Ministerium jetzt vorgeschlagen hat." (zu den geplanten Zahlenverhältnissen siehe Interview)


Die Neuformulierung des Thüringer Hochschulgesetzes ist auch deshalb spannend, weil der Freistaat das erste Bundesland ist, das nach einem viel beachteten Urteil des Verfassungsgerichtshofs von Baden-Württemberg zur Reform schreitet. Der Verfassungsgericht, dessen Entscheidungen für Thüringen nicht bindend sind, hatte die Macht der Professoren deutlich gestärkt. 



>> Braucht es dafür aber überhaupt die Stimmengleichheit aller vier Gruppen? Im Gegensatz zur Viertelparität haben die Professoren in den meisten Hochschulsenaten in Deutschland so viele Stimmen wie die anderen drei Statusgruppen zusammen.

 

Und genau das ist unseres Erachtens nicht demokratisch. Wer den drei Statusgruppen lediglich ein Beratungs- oder Anhörungsrecht anräumt, macht sie zu Zaungästen, verschleudert Potenzial und verringert die Akzeptanz gegenüber den getroffenen Entscheidungen. Übrigens reden wir nicht nur von Demokratie und Transparenz, wir leben sie selbst, auch und gerade bei der Formulierung unseres neuen Hochschulgesetzes. In Dialogforen an den sieben Hochschulstandorten haben wir unser Vorhaben mit 700 Vertretern aller Statusgruppen öffentlich diskutiert und ihre Anregungen entgegengenommen. Anschließend hatten Hochschulexperten in zwei Werkstattgesprächen die Gelegenheit, unsere Eckpunkte zum Gesetz zu kommentieren. Das soll Markenzeichen unseres Hause sein: frühzeitige Beteiligung. Betroffene werden nicht erst einbezogen, wenn der Gesetzesentwurf längst fertig und quasi in Stein gemeißelt ist.

 

Wenn wir schon über Symbolhandlungen sprechen: Ist nicht auch die von Ihnen so beschworene Viertelparität in Wirklichkeit eine? Tatsächlich haben die Professoren ja doch das letzte Wort.

 

Nur bei exakt festgelegten Entscheidungen!

 

1973 hat das Bundesverfassungsgericht entschieden, dass die Professoren bei allen Belangen, die Forschung und Lehre unmittelbar betreffen, mindestens die Hälfte der Stimmen oder sogar die Mehrheit der Stimmen in Senat und Fakultätsräten haben müssen. Neuere Verfassungsgerichtsurteile haben das zuletzt bestätigt. Wie wollen Sie das mit der Viertelparität zusammenbekommen?

 

Das war in der Tat eine zentrale Fragestellung: Wie definiert man die unterschiedlichen Beratungsgegenstände. Ich bin überzeugt, dass wir eine gute und verfassungskonforme Lösung gefunden haben, indem wir einem Katalog ins Gesetz aufgenommen haben, der festlegt, was die von Ihnen zitierten Belange von Forschung und Lehre sind. Und wenn es an den Hochschulen doch einmal unterschiedliche Auffassungen dazu zwischen den Statusgruppen gibt, dann regelt das Gesetz auch, wie solche Streitigkeiten zu lösen sind.

 

Wie aber muss man sich das praktisch vorstellen? Mal haben die Professorenvertreter im Senat mehr Stimmen, mal weniger?

 

Genau das wollten wir vermeiden. Wir wollen, dass das Prinzip „eine Person=eine Stimme“ weiter gilt. Darum erweitern wir bei den Entscheidungen, die die Professorenmehrheit erfordern, den Senat um zusätzliche Professorenvertreter. So wird verhindert, dass eine zahlenmäßig extrem kleine Gruppe mit aufgewerteten Stimmen für die Professorenschaft insgesamt entscheiden kann.

 

Die Statusgruppe der Professoren wächst dann je nach Entscheidung auf ihre dreifache Größe?

 

So ist es.

 

Das klingt kompliziert. Vor allem, wenn man bedenkt, dass vermutlich die große Mehrheit der Entscheidungen, die ein Senat oder ein Fakultätsrat zu treffen hat, unmittelbar Forschung und Lehre betrifft. Darum nochmal meine Frage: Ist die Viertelparität nur eine schöne Kulisse, hinter der die Macht der Professoren sogar noch wächst?

 

Sie haben Recht, ein großer Teil der Entscheidungen erfordert die Professorenmehrheit. Aber es gibt darüber hinaus äußerst wichtige Weichenstellungen für eine Hochschule, die die Viertelparität erfordern. Das betrifft zum Beispiel die Stellungnahme zum Wirtschaftsplan einer Hochschule oder die Entscheidung über die Gebührenordnung, die Bestellung der Gleichstellungs- und Diversitätsbeauftragten. Sie bekommen übrigens auch zusätzliche Antragsrechte. Überhaupt darf man das Thema Mitbestimmung nicht nur auf den Senat verengt betrachten. So werden die Hochschulen künftig auch so genannte Studienkommissionen einrichten, in denen die Studierenden über Prüfungs- und Studienangelegenheiten mitentscheiden können. 

 

Gleichzeitig wird aber die Macht von Präsidium und Hochschulrat zurückgeschnitten zugunsten der Professoren im Senat.

 

Auch das ist eine Folge jüngerer Verfassungsgerichtsentscheidungen, vor allem des so genannten MHH-Urteils zur Medizinischen Hochschule Hannover. Der Hochschulrat bleibt aber kritischer Freund der Hochschule, er bekommt sogar zusätzliche Verantwortung in Budgetfragen. Er muss als eine Art Aufsichtsrat dem Wirtschaftsplan zustimmen, den die Hochschule aufstellt. Das Ressortprinzip im Präsidium wird gestärkt, wodurch die Vizepräsidenten an Einfluss gewinnen. Der Präsident oder die Präsidentin hat die Richtlinienkompetenz, erhält sogar zusätzlich neu die Ernennungszuständigkeit für Professoren vom Ministerium übertragen. Kurzum: Wir haben künftig eine klare Aufgaben- und Kompetenzverteilung zwischen Senat, Hochschulrat und Präsidium.

 

Aber anders als bislang kann kein Präsidiumsmitglied mehr gewählt werden, ohne die Professorenmehrheit im Senat zu haben – selbst wenn Hochschulrat und alle anderen Senatsmitglieder dafür sind. Und der Hochschulrat selbst wird komplett vom Senat gewählt und abgewählt. Welches Präsidium, welcher Hochschulrat legt sich da noch mit den Professoren an?

 

Die Präsidien und Hochschulräte haben weiter eine starke Stellung. Das können Sie schon daran sehen, dass eine Zweidrittelmehrheit im Senat nötig wäre, um ihre Mitglieder abzuwählen. Ich glaube aber, wir müssen ein gelegentlich anzutreffendes konfrontatives Denken hinter uns lassen. Auch hier zeigt das neue Hochschulgesetz Wege auf. 

 

Welche meinen Sie?

 

Bislang gab es ein ständiges Gremium, das Senat und Hochschulrat vereint, nur an einer Thüringer Hochschule und zwar unter Nutzung einer Experimentierklausel. Künftig kommen Senat und Hochschulrat an allen Hochschulen mindestens einmal im Jahr zur so genannten Hochschulversammlung zusammen, um übergeordnete strategische Fragen zu besprechen oder Präsidiumsmitglieder zu wählen. Die Hochschulen können sich sogar entscheiden, Senat und Hochschulrat dauerhaft zusammenzulegen, die Hochschulversammlung wird dann zur ständigen Einrichtung und ersetzt das separate Tagen der beiden Gremien. Das ergibt ganz neue, faszinierende Debattenkonstellationen. Wer neue Formen der Mitbestimmung an den Hochschulen für rückwärtsgewandt hält, der sollte da mal zuhören kommen.

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"Für eine Gesellschaft, in der sich das Lügen nicht mehr lohnt"

Kurz vor dem Science March habe ich mit Claus Martin, einem der deutschen Initiatoren, über seine Motive und die Erfahrungen der vergangenen Monate gesprochen.

Claus Martin. Foto: privat
Claus Martin. Foto: privat

CLAUS MARTIN IST Opern-Regisseur und Musical-Komponist. Und einer der Initiatoren des Science March Germany. Wie passt das zusammen, habe ich mich gefragt – und dann im Auftrag von Spektrum.de ihn. Martins Antwort: Sehr gut. Wissenschaft sei ja nichts, was nur die Wissenschaftler angeht. "Wir wollen für eine Gesellschaft auf die Straße gehen, in der sich das Lügen nicht mehr lohnt. In der sich Politiker Fakten nicht einfach zurechtbiegen können, in der Populisten auffliegen, wenn sie gefühlte Wahrheiten als Wahrheiten deklarieren."

 

Martin räumt im Interview ein, dass der deutsche March ein Wahrnehmungsproblem habe – "weil wir zu stark mit dem US-March gleichgesetzt werden, der in der Tat eher eine Kundgebung der Wissenschaft ist." Genau das wolle der deutschen March nicht sein, "sondern eine Demonstration aus der Mitte der Gesellschaft heraus von Leuten, die sich Sorgen um die Demokratie machen. Das ist keine Lobbyveranstaltung aus der Wissenschaft für die Wissenschaft."

Gerade weil in Deutschland die Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit nicht direkt bedroht sei, "können und müssen wir uns solidarisch mit den Ländern zeigen, wo Wissenschaftler unter Druck geraten sind, in den USA, aber vor allem auch in der Türkei, Ungarn und anderswo."

 

In der März-Ausgabe des DSW Journals habe ich einen Blick in einige der genannten Länder geworfen. Ich habe mit US-Forschern gesprochen, mit einem deutschen Wissenschaftler in Ägypten und mit der türkischen Juraprofessorin Ece Göztepe, die von den fortwährenden Entlassungen und Ausreiseverboten berichtete. Zum von Präsident Erdogan initiierten Verfassungsreferendum sagte sie damals: „Wenn er damit durchkommt, ist das Parlament seiner Funktion beraubt, die Gewaltenteilung ist am Ende, und die Türkei ist eine Ein-Mann-Diktatur. "Und ihre Rolle als Professorin, sagte Göztepe, sei, genau darauf hinzuweisen. Er ist, wie wir wissen, wenn auch nur äußerst knapp, damit durchgekommen. 

 

An diesem Samstag, den 22. April, gehen in mehr als 500 Städten weltweit Menschen für die Wissenschaft, für bedrohte Wissenschaftler und für die Meinungsfreiheit auf die Straße, auch an 20 Orten in Deutschland.  Nähere Informationen zu den Orten und Zeiten gibt es auf der Website von Science March Germany. 


EINEN AKTUELLEN ESSAY ÜBER EINE LEKTION, DIE MEINES ERACHTENS VIELE WISSENSCHAFTSMANAGER IN SACHEN WISSENSCHAFTSKOMMUNIKATION NOCH LERNEN MÜSSEN, FINDEN SIE HIER –  MITSAMT DEN ENGAGIERTEN KOMMENTAREN VON LESERN. 

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Wer auf "die Zuwendungsgeber" schielt, wird "die Gesellschaft" nicht erreichen

Alle reden vom "March for Science", natürlich auch die Chefs der Wissenschaftsorganisationen. Doch die wichtigste Lektion müssen einige von ihnen noch lernen.

Screenshot von www.marchforscience.com
Screenshot von www.marchforscience.com

DIE WISSENSCHAFT MUSS sich stärker der Gesellschaft öffnen, tönt es in diesen Tagen allenthalben. Und es stimmt ja auch: Wenn die Gesellschaft zunehmend Misstrauen gegenüber der Wissenschaft empfindet, kann das nicht nur an der Gesellschaft liegen. Und die Hochschulrektoren und Präsidenten der großen Forschungsorganisation beeilen sich zu versichern: Haben wir doch längst kapiert. In Interviews rechnen sie dann vor, wie sich ihre Kommunikationsabteilungen vergrößert haben in den vergangenen Jahren, sie holen stolz die Hochglanzmagazine hervor und berichten beseelt von Science Slams und Bürgerworkshops. Das Problem, sagen die Chefs dann nicht mehr ganz so öffentlich, sei der immer noch beachtliche Anteil zumeist älterer Wissenschaftler, die sich einfach nicht aus ihrem Elfenbeinturm zerren ließen. 

 

Das Problem ist, dass die Rektoren und Präsidenten, die so argumentieren, komplett daneben liegen. Die Kommunikationsabteilungen sind enorm gewachsen, das stimmt. Doch ihr Potenzial, einen echten Ideenaustausch mit der Gesellschaft zu organisieren, bleibt größtenteils ungenutzt. Und das hat nichts mit den Kommunikationsabteilungen zu tun oder mit vermeintlich unkommunikativen Wissenschaftlern. Es liegt an den Chefs selbst. 

 

Um das zu verstehen, muss man sich die Finanzierungslogik unseres Wissenschaftssystems vor Augen halten. Griffig lässt es sich über vermeintlich zu hohe private Spenden und zu viele von Unternehmen bezahlte Forschungsprojekte diskutieren, die schnell als Gefährdung der Wissenschaftsfreiheit interpretiert werden. Dabei gerät jedoch aus dem Blick, dass die Wissenschaftslenker die meiste Zeit auf eine andere Finanzquelle schielen: den Staat. In der Sprache öffentlich finanzierter Institutionen hat sich indes eine andere Bezeichnung eingebürgert. Der Staat, das sind "die Zuwendungsgeber". >>



>> Wobei man naturgemäß mehr an den monetären und weniger an den verbalen Zuwendungen interessiert ist. Und um sich erstere zu sichern, gilt für die Pressestellen und PR-Abteilungen der Wissenschaft ein gelegentlich unausgesprochenes, häufig aber sogar explizit formuliertes Grundgesetz: Die erste, die entscheidende Zielgruppe ihrer Arbeit ist nicht das, was so schwammig wie umfassend mit "allgemeiner Öffentlichkeit" umschrieben wird. Die erste Zielgruppe sind: die Zuwendungsgeber. In den Parlamenten. Vor allem aber in den Ministerien. Die gilt es zu überzeugen, dass das Steuergeld, das sie jedes Jahr überweisen, gut angelegtes Geld ist. Und zwar nicht irgendwo in der Wissenschaft. Sondern hier, in genau dieser und nur in dieser Wissenschaftseinrichtung. 

 

Erst wer sich diese Realität vor Augen hält, für den ergeben all die Artikel in den Wissenschaftsmagazinen und Jahresberichten dieser Universität und jenes Forschungsinstituts plötzlich einen Sinn, in denen komischerweise immer die Wissenschaftler aus dem eigenen Hause faszinierende Erkenntnisse erlangen. Der versteht, warum Pressestellen Mitteilungen versenden über irgendwelche komplizierten Fördermechanismen und deren wohltuende Wirkung, die kein Nicht-Experte "da draußen" auch nur in Ansätzen verstehen kann und die dementsprechend auch keine einzige Zeitung jemals aufnimmt. Und der wundert sich nicht mehr, warum es bei Youtube aufwändig gestaltete Werbespots von Wissenschaftsorganisationen gibt, deren Zuschauerzahl sich im dreistelligen Bereich bewegt.

 

Alles, damit die Chefs zu den Zuwendungsgebern gehen und sagen können: Guckt mal, was wir alles Tolles machen. Und das Ganze läuft dann als "Wissenstransfer" oder noch besser: als Öffnung der Wissenschaft hin zur Gesellschaft. Entsprechend können zum Beispiel die Chefs der fünf am Pakt für Forschung und Innovation beteiligten Wissenschaftsorganisationen (jede Jahr garantierte drei Prozent Budgetzuwachs) genau aufzählen, wie bravourös sie das Paktziel "Stärkung des Austauschs der Wissenschaft mit Wirtschaft und Gesellschaft" erfüllen. Sie schreiben es in ihre jährlichen Berichte zum Pakt-Fortschritt und schicken es an: die Zuwendungsgeber. Und kommunizieren derweil munter an der großen Mehrheit der Bürger vorbei. 

 

Strategisch ist das nachvollziehbar. Die erste Loyalität der Rektoren und Präsidenten muss gerade in Zeiten von Wissenschaftspakten und Exzellenzwettbewerben  der eigenen Institution gelten, erst die zweite gilt der Wissenschaft insgesamt. Ist damit eine ehrliche Öffnung hin zur Gesellschaft von vornherein ausgeschlossen?

 

Nicht unbedingt. Der wirklicher Austausch mit der Öffentlichkeit, der endgültige Auszug aus der großen Blase, beginnt, wenn zwei Grundregeln der Wissenschaft auch in ihrer Kommunikation beachtet werden. Erstens: Wissenschaft ist grenzenlos, das heißt: Sie macht auch an den Grenzen von Institutionen nicht Halt. Zweitens: Wissenschaft wird von Menschen gemacht. Sie ist dann faszinierend, wenn man von ihren Ideen und Entdeckungsgeschichten erzählt und nicht von Fördermechanismen und Strukturen, die sein müssen, die aber nur für Insider von Interesse sind. 

 

So egal es den meisten Wissenschaftlern ist und sein muss, in welcher Universität und Organisation sie forschen, solange sie forschen können, so egal ist es der Öffentlichkeit, welche Einrichtung hinter einem Forscher steht. Wer Begeisterung für Wissenschaft wecken möchte, muss also die Menschen, die forschen, mit denen ins Gespräch bringen, die sie finanzieren und im besten Fall von ihr profitieren. Nein, nicht mit den Zuwendungsgebern. Sondern mit den Bürgern. Und sie dann auch mitentscheiden lassen. Lektionen, die vor allem die Chefs an der Spitze der Organisationen lernen müssen. Um ihren Kommunikationsabteilungen dann die Freiheit zu lassen, die sie brauchen, um ihre Arbeit zu tun.

 

Möglicherweise ja mit einem überraschenden Ergebnis. Da auch die Politiker, die "Zuwendungsgeber", Menschen sind, werden auch sie sich von dieser anderen Form der Öffentlichkeitsarbeit viel stärker packen lassen als von einer mitunter mutlosen, phrasenhaften Eigen-PR. Was wiederum die Akzeptanz der Universitäten und Wissenschaftsorganisationen, also der Institutionen, in der Politik genau dadurch erhöht, dass sie das Anpreisen der eigenen Institution nein: nicht unterlassen. Aber auf ein Minimum beschränken.

 

Der March for Science diese Woche, zu dem selbstverständlich auch alle einflussreichen Rektoren und Präsidenten aufgerufen haben (bitte nicht verwechseln mit den Initiatoren!), ist ein hervorragender Anlass, die Wissenschaftslenker beim Wort zu nehmen: Steckt mehr Geld in institutionenübergreifende Aktionen! Ladet zu euren eigenen Veranstaltungen mehr Forscher anderer Organisationen ein! Lasst eure Forscher den Bürgern (wenn sie denn kommen) nicht so viele Vorträge halten, sondern setzt sie mit den Bürgern an einen Tisch. Habt nicht immer das letzte Wort, sondern lasst all das organisieren von euren Kommunikationsprofis, die sich, auch wenn ihr es manchmal kaum glaubt, besser mit dem Thema auskennen als ihr selbst. Das macht auch den Wissenschaftlern Spaß. Und der Rest ergibt sich dann von ganz allein. 

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"Ein echter Etappensieg"

Die Bildungs- und Wissenschaftsschranke ist durchs Bundeskabinett. Was bedeutet das für die Verhandlungen um die digitalen Semesterapparate?

VIEL IST NICHT mehr zu erwarten von der Großen Koalition in Sachen Wissenschaftspolitik, aber dass Union und Sozialdemokraten diese Entscheidung fünf Monate vor der Bundestagwahl noch gemeinsam durchs Kabinett gebracht haben, ist so bemerkenswert wie erfreulich: Wie Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) heute Morgen mitteilte, hat die Bundesregierung die schon im Koalitionsvertrag von 2013 versprochene und von der Wissenschaft zunehmend ungeduldig herbeigesehnte „Bildungs- und Wissenschaftsschranke“ im Urheberrecht beschlossen. Der von der Ministerrunde verabschiedete Entwurf des „Gesetzes zur Angleichung des Urheberrechts an die aktuellen Erfordernisse der Wissensgesellschaft“ enthält allerdings einige Veränderungen gegenüber dem Referentenentwurf, der noch großzügiger formuliert war. Unter anderem sollen nur 15 Prozent einer Veröffentlichung frei genutzt werden dürfen – gegenüber 25 Prozent im Referentenentwurf.
 

Wenig überrascht äußern sich die beteiligten Politiker dennoch zufrieden mit ihrer Arbeit. Maas spricht von einer „grundlegenden Modernisierung“, Bundesforschungsministerin Johanna Wanka (CDU) sagt, durch die Neufassung würden die Regelungen „verständlicher und praxistauglicher“, und der SPD-Bildungsexperte Hubertus Heil nimmt sogar das arg strapazierte Sprachbild vom „großen Wurf“ in den Mund – nicht ohne, da ist dann doch schon Wahlkampf, seinen Parteikollegen Maas gleich zweimal in einem Absatz herauszustellen. Komme der Entwurf durch, so Heil, reiche künftig wieder "ein Blick ins Gesetz um zu wissen, was erlaubt ist und was nicht.“

 

Naturgemäß skeptischer hört sich der wissenschaftspolitische Sprecher der Grünen, Kai Gehring an. Es sei „intensiv zu hinterfragen, ob die vom Kabinett vorgeschlagene Alternative trägt.“ Der Bundestag werde das nun „auch mit Sachverständigen“ prüfen und entscheiden.“

 

Unterdessen beobachten Hochschulrektoren und Landeswissenschaftsminister den Gesetzgebungsprozess besonders aufmerksam, laufen doch parallel Verhandlungen um die künftige Vergütung digitaler Semesterapparate (eine aktuelle Zusammenfassung der Ereignisse finden Sie hier). Der Bundesgerichtshof (BGH) hatte 2013 geurteilt, dass die Bundesländer künftig keine Pauschale mehr an die Verwertungsgesellschaft (VG) Wort zahlen dürfen, um die digitale Nutzung von urheberrechtlich geschützten Texten in den Hochschulen abzugelten. Die Autoren hätten das Recht auf eine Einzelabrechnung. Und genau über die Frage, wie die praktisch vonstatten gehen soll, ohne den befürchteten administrativen Alptraum auszulösen, verhandelt derzeit eine Arbeitsgruppe von Hochschulrektorenkonferenz (HRK), Kultusministerkonferenz (KMK) und VG Wort. Der vom Bundeskabinett beschlossene Gesetzentwurf sagt nun: Eine Einzelabrechnung ist nicht nötig, eine pauschale Vergütung reicht aus.

 

Die HRK begrüßt den Kabinettsbeschluss denn auch als "sehr wichtigen und guten Schritt für die Wissenschaft", und aus der KMK heißt es inoffiziell, das sei „ein echter Etappensieg“. Doch sei, dem alten Spruch entsprechend, noch nie ein Gesetz aus dem Bundestag herausgekommen, wie es hineingekommen sei. Es sei davon auszugehen, dass die Verwertungsgesellschaften, die die Interessen der Autoren und Verlage vertreten, bis zum Schluss versuchen würden, auf Änderungen zu drängen. Insofern, steht es auch in der offiziellen KMK-Stellungnahme, hätten sich die Verhandlungen „nicht erledigt, sie werden aber ganz sicher unter Berücksichtigung des weiteren Gesetzgebungsverfahrens geführt werden.“

 

Was man so übersetzen könnte, dass die Wissenschaftsminister und Hochschulrektoren ihre Verhandlungsposition gegenüber der VG Wort gestärkt sehen, hatte die doch bislang ein Gerichtsurteil im Rücken – dessen Hauptaussage durch das Gesetz, sollte es im Kern so bleiben, aufgehoben würde. So gestärkt fühlt sich die HRK, dass sie heute im Gegensatz zur KMK sogar ein Aussetzen der Verhandlungen ins Gespräch brachte, "bis zur Verabschiedung des Gesetzes im Bundestag". Dies sei aber zwischen den Verhandlungspartnern zu besprechen. Sätze, die den Fans eines VG-Wort-Verhandlungsboykotts um den Hannoveraner Universitätspräsidenten Volker Epping enorm Auftrieb geben dürfte. 

Dass das Gesetz eine Einigung mit der VG Wort gänzlich überflüssig machen würde, ist indes unwahrscheinlich. Auch eine pauschale Vergütung braucht schließlich eine gemeinsam vereinbarte Grundlage, „eine exemplarische Erfassung der Realität“, wie ein Beteiligter es formuliert, auf die man sich einigen müsse. Wie genau aber würden diese Stichproben aussehen, wo und wie oft würden sie stattfinden? Alles offene Fragen.

 

So dürfte nach dem heutigen „großen Wurf“, dem „Etappensieg“,  statt eines Aussetzens der Verhandlungen doch wieder die Detailarbeit beginnen, sowohl beim laufenden Praxistest an fünf Hochschulen bundesweit als auch in der KMK-HRK-VG-Wort-Arbeitsgruppe. Das Ende 2016 verhandelte Moratorium für eine Neulösung verstreicht Ende September. Und die Bildungspolitiker von Union und SPD müssen nun im Bundestag weiter die Anstürme seitens der Nicht-Bildungspolitiker abwehren – so, wie sie es bislang in fast schon bravouröser Gemeinsamkeit getan haben. 

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Zwei Kapitäne, ein Boot

Johanna Wanka und Peter Strohschneider: Was ihre besondere Beziehung über unser Wissenschaftssystem aussagt.

ES WAR EINER dieser Texte, mit denen man lange unterwegs ist, bevor man auch nur ein Wort aufgeschrieben hat. Ich habe ihn vor mir hergeschoben, weil mir klar war: In dem Artikel muss wirklich jeder Satz sitzen. Nicht nur, weil ich zwei Menschen und ihren Verdiensten gerecht werden wollte, sondern auch, weil ihr Verhältnis zueinander so zentral ist für die deutsche Wissenschaftspolitik.

 

Dass ich über Johanna Wanka, Peter Strohschneider und ihre lange gemeinsame Geschichte schreiben wollte, wusste ich schon, bevor ich von Helmholtz in den Journalismus zurückgekehrt war. Kein Wunder. In meinem Job gehören sie seit mehr als zehn Jahren zu meinen wichtigsten Gesprächspartnern: Wanka erst als langjährige Landeswissenschaftsministerin, dann als Bundesministerin für Bildung und Forschung. Peter Strohschneider als Vorsitzender des Wissenschaftsrats und später als Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Die beiden sind über so viele Ebenen in Vergangenheit und Gegenwart miteinander verschränkt, sie sind so oft verschiedener Meinung gewesen und haben doch gemeinsam eine Menge erreicht, dass man ohne die beiden und ihr Wirken nicht verstehen kann, warum die deutsche Wissenschaftslandschaft heute aussieht, wie sie ist.

 

An der Ministerin und dem Forschungsmanager kann man ihn gut beobachten, den großen Konflikt der deutschen Forschungsszene: Wie stark darf die Politik sich einmischen? Darf der Staat, der Milliarden in die Wissenschaft pumpt, auch bestimmen, was mit ihnen passiert?

 

Das feinziselierte Geflecht zwischen Grundlagen- und Programmforschung, zwischen Grundfinanzierung und Drittmitteln, zwischen Länderhoheit und Bundesinitiativen dreht sich eigentlich immerzu um diese eine Frage. Es gibt Stimmen, die einen stärkeren Einfluss der Politik auf die Forschungsagenda fordern, und wenn sie laut werden, dauert es nicht lange, bis die Gegenrede ertönt. Oft genug stammt letztere von Strohschneiders DFG. Und so, wie es nachvollziehbar ist, dass die Politik mit ihren sich wandelnden Erwartungen die Wissenschaft nicht in Ruhe lässt, muss es Organisationen wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft geben, die diese Ansinnen abpuffern, die als Scharnier dienen kann zwischen politischen Wünschen und der erkenntnisgeleiteten Forschung.

 

Wanka und Strohschneider reden viel miteinander. Sie reden aber auch gern übereinander. Gelegentlich arbeiten sie sich eher aneinander ab als miteinander. Dann wieder, wenn es darauf ankommt, können sie sich aufeinander verlassen. Sagen sie zumindest beide voneinander, und ich glaube, das stimmt auch.

 

Jetzt ist mein Artikel über die Mathematikerin und den Mediävisten erschienen, und zwar in der ZEIT. „Zwei Kapitäne, ein Boot“, so heißt er. Vielleicht haben Sie die Gelegenheit, ihn an den freien Tagen zu lesen. Ob mit oder ohne Lektüre: Ich wünsche frohe Ostern. 

 

Fotos: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung/Steffen Kugler – DFG/David Ausserhofer

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Wann kommt der Masterplan Lehramtsstudium?

Jedes Bundesland geht seinen eigenen Weg, die Hochschulen stricken munter Studienmodelle – und wo bleibt die Koordination? Was für Ärzte möglich ist, sollte auch bei künftigen Lehrern funktionieren.

Sharon Hinchliffe: "teacher", CC BY-NC-ND 2.0

ZUGEGEBEN, AM ENDE der Verhandlungen hatte der Masterplan, der das Medizinstudium revolutionieren sollte, ein bisschen an Glanz eingebüßt. Schuld war ein ärgerlicher Streit zwischen Wissenschafts- und Gesundheitsministern über die ungesicherte Finanzierung des Großprojekts. Ärgerlich insofern, weil jede gute Idee nur so viel wert ist wie ihre Umsetzung, und die wird im Falle des „Masterplan Medizinstudium 2020“ nach ersten internen Schätzungen mit rund 250 Millionen Euro jährlich zu Buche schlagen.

 

Trotzdem war die Begeisterung über das Erreichte, die besonders Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) bei der Präsentation Ende März zur Schau trug, mehr als die Selbstinszenierung von Politikern im Vorwahlkampfmodus. Wer weiß, wie vielfältig, wie unterschiedlich und häufig genug konträr die Interessen im Gesundheitssektor sind, der kann erst so recht einzuschätzen, was es bedeutet, das Ziel und die Inhalte der gesamten Ärzteausbildung von Grund auf neu zu formulieren (die Details finden Sie hier). Aber es ist möglich.

 

Warum diese Erkenntnis so wichtig ist: Es gibt einen zweiten Sektor öffentlichen Gemeinwohls, dessen Ausbildungsgrundlagen einer dringenden und nicht weniger grundlegenden Überholung bedürfen. „Wann wird es einen Masterplan Lehramtsstudium geben?“, fragte vorvergangene Woche jemand auf Twitter. Auf den ersten Blick mag man darüber schmunzeln. Und auf den zweiten fragen: Ja, wann eigentlich? Und warum redet keiner drüber?

 

Von der zielgenaueren (Selbst-)Auswahl künftiger Lehrer über ihre Beratung vor Studienbeginn und die Orientierung in den ersten Semestern bis hin zur richtigen Verknüpfung frühzeitiger Unterrichtspraxis mit den fachlichen Inhalten, den Fachdidaktiken und der allgemeinen Pädagogik: Jedes Bundesland geht seinen eigenen Weg. Und es mangelt an mutigen Ideen, die das Lehramtsstudium endlich ins 21. Jahrhundert (vielleicht sogar gleich ins Jahr 2020?) katapultieren. Ein Jahrhundert, in dem die Vielfalt der Schüler immer weiter wächst und die soziale Zusammensetzung der Elternhäuser genauso im Wandel begriffen ist wie die Gesellschaft, deren aktive Mitgestalter die Schulabgänger werden wollen.  >>



>> Es ist schon ein frappierender Gegensatz: Während Bildungsstandards für eine stärkere Vergleichbarkeit des im Unterricht Gelernten sorgen sollen, und zwar über ganz Deutschland hinweg, während landauf, landab über die zentrale Bedeutung des Lehrerberufs für die Zukunft unseres Landes schwadroniert wird, listet der „Monitor Lehrerbildung“ nach eigenen Angaben „mehr als 8000 relevante Daten und Fakten“ auf, um das Lehramtsstudium in Deutschland auch nur halbwegs erfassen zu können.

 

Wie viele weitere Daten wären wohl nötig, um auch die zweite Phase der Lehrerbildung (Referendariat) und danach die Fort- und Weiterbildung der Lehrkräfte deutschlandweit beschreiben zu können?

 

Worauf sich die Kultusminister in den vergangenen 15 Jahren geeinigt haben, sind elf mit so genannten „Standards“ gekoppelte Kernkompetenzen für die Bildungswissenschaften, deren Verbindlichkeitsgrad schon aus den Formulierungen deutlich wird. Beispiel Kompetenz 1: „Lehrerinnen und Lehrer planen Unterricht unter Berücksichtigung unterschiedlicher Lernvoraussetzungen und Entwicklungsprozesse fach- und sachgerecht und führen ihn sachlich und fachlich korrekt durch.“ Oder Kompetenz 10: „Lehrerinnen und Lehrer verstehen ihren Beruf als ständige Lernaufgabe.“

 

Auf die einzelnen Fächer heruntergebrochen gibt es die „ländergemeinsamen inhaltlichen Anforderungen für die Fachwissenschaften und Fachdidaktiken in der Lehrerbildung“, aber die stammen schon von 2008. Darüber hinaus existiert lediglich eine Reihe kurzer Empfehlungen zur Inklusion oder zur „Eignungsabklärung“ von Studienanfängern.

 

Bei den Vorgaben zum Referendariat (Vorbereitungsdienst) und dem Staatsexamen wird es noch dünner, die diesbezüglichen „Ländergemeinsamen Anforderungen“ sind inklusive Titelblatt gerade mal vier Seiten lang, und in Bezug auf die Fort- und Weiterbildung findet sich auf der Website der Kultusministerkonferenz (KMK) nur ein Link zu den zuständigen Landesinstituten.

 

Zu wenig, zu zerfasert, zu allgemein: So lassen sich die bisherigen Anstrengungen der Kultusminister zusammenfassen, die Lehrerbildung, diese ewige, aber nie richtig umgegrabene Reformbaustelle, strategisch abzustimmen und auf die Zukunft auszurichten. Und selbst das Bisschen, was sie machen, wird mitunter von den Hochschulen konterkarriert, die sich dank ihrer (an sich sinnvollen) Autonomie jeweils ganz eigene Versionen des Lehramtsstudiums stricken können.

 

Immerhin: Angestoßen ausgerechnet von der eigentlich gar nicht zuständigen Bundesregierung, fördern Bund und Länder in der zeitlich befristeten „Qualitätsoffensive Lehrerbildung“ neue Studienmodelle. Ertrag: offen. Und sonst? Müssen Studenten, Lehrer und Schulen sich also hilflos seufzend dem Schicksal beugen, das der Föderalismus ihnen zugedacht hat? Werden die Kultusminister auch künftig entschuldigend mit den Händen ringen, wann immer die Rede auf die immer noch ausstehende grundsätzliche Reform des Lehramtsstudiums kommt?

 

Der „Masterplan Medizinstudium 2020“ sagt: Nein. Groß denken lohnt sich. Die Entgegnung, dass sich dafür nicht nur die Wissenschafts-, sondern auch die Schulminister aus allen 16 Ländern einig werden müssten, überzeugt nicht wirklich. Denn auch wenn beim Masterplan am Ende vor allem über den Streit berichtet wurde, gehört zur Bilanz, dass sich über die inhaltliche Neuausrichtung des Medizinstudiums nicht nur 16 Wissenschaftsminister und 16 Gesundheitsminister, sondern sogar Bund und Länder einig geworden sind. Und beim Lehramt hat der Bund noch nicht einmal etwas zu sagen.   

 

Ein Masterplan Lehramtsstudium wäre mehr als ein Zusammenfassen verstreuter Einzelempfehlungen. Er wäre mehr als das Sammeln zukunftweisender Ideen aus Pädagogik und Bildungsforschung als Reaktion auf Inklusion, Digitalisierung und die Etablierung neuer Schulformen. Ein Masterplan Lehramtsstudium wäre ein Symbol, ein Signal der Bildungspolitik: Wir wollen nicht nur immer ein besseres Lehramtsstudium. Wir gehen es an. Und zwar gemeinsam.

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War das jetzt enttäuschend oder nicht?

Die Wissenschaftsminister aus Bund und Ländern haben heute wichtige Beschlüsse in Sachen Professorinnenprogramm und FH-Nachwuchsinitiative gefasst. Wäre noch mehr drin gewesen?

IN DER POLITIK liegen Erfolg und Misserfolg häufig dicht beieinander, und manchmal weiß man nicht einmal so recht, womit man es gerade zu tun hat. Darum hat dieser Artikel zwei Anfänge. 

Erster Anfang:
Heute hat die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz (GWK) entschieden, das Professorinnen-Programm fortzuführen, das 2008 startete, um den Frauenanteil an den Professuren zu steigern. Die Bund-Länder-Initative habe maßgebliche Anstöße gegeben, sagt die GWK-Vorsitzende und Bremer Wissenschaftssenatorin, Eva Quante-Brandt (SPD), und ihre Stellvertreterin, Bundesforschungsministerin Johanna Wanka (CDU), ergänzte, das Programm habe die "Chancengerechtigkeit an deutschen Hochschulen nachhaltig verbessert." 

 

Zweiter Anfang:
Der grüne Wissenschaftsexperte Kai Gehring kritisierte heute die Bundesregierung, sie habe bei dem Ziel, bessere Bedingungen für Frauen in der Wissenschaft zu schaffen, "keinen Ehrgeiz und Weitblick gezeigt." Es fehle ihr an neuen Initiativen, an neuen Ansätzen, sagte Gehring. "Dazu passt, dass die Fortsetzung des Professorinnen-Programms in dieser Wahlperiode nicht mehr kommen wird, obwohl es in diesem Jahr ausläuft."

 

Erfolg oder Misserfolg: Am Ende kommt es darauf an, welche Erwartungen man im Vorfeld der GWK-Sitzung hatte bzw. haben durfte. Könnte eine Bundesministerin fünf Monate vor der Bundestagswahl überhaupt noch das nötige Geld versprechen, um ein Programm, das in den vergangenen neun Jahren rund 300 Millionen Euro gekostet und die Berufung von 524 Professorinnen gefördert hat, nahtlos zu verlängern? Oder sogar, wie alle es für nötig halten, das Programm noch aufstocken? 

An einer zweiten Entscheidung, die heute von der GWK getroffen wurde, wird der Zwiespalt noch deutlicher. Vor zwei Monaten hatte Wanka im Interview angekündigt, noch vor der Bundestagswahl in Verhandlungen mit den Ländern über ein Fachhochschul-Nachwuchsprogramm treten zu wollen. "Bis zum Sommer" wolle sie mit den Ländern im Kern einig sein.  "Zu spät, zu unkonkret!", kritisierten nicht nur die Fachhochschulen, aus einigen SPD-regierten Wissenschaftsministerien hieß es sogar, "Ankündigungen, die keine Finanzierungsvorschläge enthalten, können keine Grundlage für Diskussionen, geschweige denn für Verhandlungen sein."

 

Heute nun beschloss die GWK: Die Staatssekretäre aus Bund und Ländern sollen den Ministern "Eckpunkte für ein gemeinsames Bund-Länder-Programm" vorlegen, und zwar auf der Grundlage der "Wissenschaftsratsempfehlungen zur Personalgewinnung und -entwicklung an den Fachhochschulen und sowie bestehende(n) Best-Practice-Beispiele(n)".  Bis November. Also nicht bis zum Sommer. Aber Verhandlungen.

 

Beim FH-Programm gilt: Dass überhaupt noch etwas passiert vor der Bundestagswahl, ist mehr, als zwischendurch zu erwarten war, und insofern ein Erfolg vor allem für Wanka – während umgekehrt bei den Professorinnen das "Ob" der Verlängerung nie wirklich in Frage stand. Daher ist der auch hier an die Staatssekretärs-AG ergangene Auftrag, bis November eine Neuauflage der Initiative zu formulieren, das Minimum dessen, was erwartet werden konnte. Selbst wenn man in Rechnung stellt, dass die Evaluation des Programms einige Änderungen am Vergabeverfahren nahelegt und auch die Minister keine 1-zu-1-Neuauflage wollen und all das jetzt erst ausgearbeitet werden muss.

 

Eine weitere mögliche Verzögerung ist dabei noch gar nicht eingerechnet. Sollte es nach der Bundestagswahl eine neue Hausherrin bzw. einen neuen Hausherr im BMBF geben, wird diese so kurz nach der Bundestagswahl vermutlich nicht einfach ihre Unterschrift unter den vorgelegten Entwurf setzen – sondern gleich mal eigenes Profil zeigen wollen.

Der einzige Ausweg wäre gewesen, sowohl die Verlängerung des Professorinnen-Programms als auch die neue FH-Initiative früher in der GWK anzugehen und nicht erst im Wahljahr. Doch selbst den Vorwurf kann man Wanka und ihren Länderkollegen nur bedingt machen. Es geht eben nicht alles gleichzeitig, und dass sie mit der Exzellenzstrategie, dem Uni-Nachwuchspakt und der "Innovativen Hochschule" vergangenes Jahr gleich drei teilweise milliardenschwere Großprogramme auf den Weg gebracht haben, ist eine bleibende wissenschaftspolitische Leistung. 

 

Waren die GWK-Beschlüsse heute also Erfolge oder Misserfolge? Die Antwort muss sich am Ende jeder selbst geben. 

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Seehofer genießt den Beifall

Die Medien feiern Bayerns Rückkehr zu G9 in einer Einhelligkeit, die nur auf den ersten Blick erstaunt.

BAYERNS MINISTERPRÄSIDENT HORST SEEHOFER dürfte heute mit sich zufrieden sein. Das Medienecho, nachdem die CSU-Landtagsfraktion am Mittwoch die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium (G9) beschlossen hat, ist überwältigend. Und zwar überwältigend positiv. Der Tagesspiegel zitiert den "neoliberalen Zeitgeist", der vor 14 Jahren die Schulzeitverkürzung beschert habe; die FAZ feiert den "Sieg der Eltern" und bescheinigt Seehofers Staatsregierung, sie habe "sogar doppelt gelernt", weil sie sich für die Rückkehr zu G8 Zeit lasse. Fast schon skurril mutet der Kommentar des stellvertretenden Handelsblatt-Chefredakteurs, Thomas Tuma, an, der das einst von Wirtschaftslenkern gefeierte G8 zum "Rohrkrepierer" und zu einer "Ideologie" erklärt (leider nicht online abrufbar). Der Schulstoff sei "brutal komprimiert worden", die "Zeit für Muße" hätten die G8-Reformer weggespart: "Wir wollten global taugliche Überholspur-Studenten und schufen Interrailer auf der Suche nach der verlorenen Zeit."

 

Na, ein Glück, dass Horst Seehofer die Sache in Ordnung gebracht hat. Dass er damit vor allem sich selbst und seinen Wiederwahlchancen dient, hält abgesehen von der Süddeutschen Zeitung kaum ein Kommentar für erwähnenswert. Immerhin bezeichnet die Tagesspiegel-Kollegin Anja Kühne, tapfer dialektisch argumentierend, die "Rolle rückwärts" einerseits als "überflüssig", da nur neun Prozent der Eltern ihre Kinder von G8 überfordert sehen, andererseits meint aber auch sie, es mache die jungen Leute nicht dümmer, wenn sie ein paar Jahre länger als nötig im Bildungssystem zubringen. "Deutschlands Sozialkassen werden es aushalten." Übrigens ein Satz, den vor 15 Jahren angesichts von Rekordarbeitslosigkeit und maximaler Neuverschuldung keiner gesagt hätte. 

 

Die enorme Diskrepanz zwischen gefühlter Wirklichkeit (die heute wie kein zweiter der Handelsblatt-Kollege Tuma recht faktenfrei beschreibt) und der nicht wirklich schlechten Bilanz von G8 (siehe hierzu auch meinen Blogbeitrag vom 13. März) zieht sich durch die Zeitungskommentare wie durch die gesamte Riege der Bildungspolitik. Ertragen können oder wollen sie immer weniger Kultusminister bzw. ihre Regierungschefs, die endlich mal Ruhe fordern an der Schulfront. Eigentlich erstaunlich, dass Annegret Kramp-Karrenbauer ihre CDU im Saarland gerade zum Wahlsieg geführt hat, obwohl sie standhaft bei G8 blieb. Wir werden sehen, ob sie es auch in den anstehenden Koalitionsverhandlungen tut.

 

Wie sehr sich die "Turbo-Abi"-Diskussion von den Realitäten abgekoppelt hat, merkt man auch daran, wie bestimmte Behauptungen, von wem auch immer in die Welt gesetzt, in fast keinem Artikel zum Thema unerwähnt bleiben: Der damalige bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber habe die Reform "überstürzt" eingeführt, heißt es – im Gegensatz zu Seehofer, der jetzt bei der Umkehr richtig behutsam vorgehe. Tatsächlich hatte Stoiber G8 Ende 2003 angekündigt, und los ging es schon zum Schuljahr 2004/2005. Der Teil stimmt. Aber: Horst Seehofer macht es genauso. Er betätigt sich nur als Verpackungskünstler. Zwar soll G9 offiziell erst 2018/19 beginnen, also mit 17 Monaten Vorlauf statt mit 10 wie einst bei Stoiber (Riesen-Unterschied, oder?), aber faktisch sollen schon die jetzigen Viertklässler, die diesen Herbst aufs Gymnasium kommen, erst nach 13 Jahren Abitur machen. Ist das weniger weniger "blinde Hast" (Süddeutsche Zeitung über Stoibers G8-Reform)? Und wenn SZ-Kollege Paul Hunzinger schreibt, Stoibers G8-Reform "entsprang einer Mischung aus Panik und Hybris" – ist das nicht auch eine recht passende Beschreibung für Seehofers Vorgehen?

 

Und schließlich, wenn Stoibers Kultusminister Ludwig Spaenle ankündigt, die Gymnasien in den nächsten 25 (!) Jahren von Reformen verschonen zu wollen, sei auch diese Frage erlaubt: Was ist denn der Wechsel zu G9? Aber was soll's. Die Kritik an der vermeintlichen Hechelbildung hat Konjunktur. Da guckt man nicht so genau hin. Das hat auch Horst Seehofer gemerkt. Und genießt jetzt den Beifall. 

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"Wissenschaftliche Qualität" ist keine Frage der Disziplin

Die DFG hat ihre Statistik zu den ExStra-Antragsskizzen vorgelegt – inklusive Fächerverteilung. Mal sehen, was die Gutachter daraus machen.

Foto: Leo Hidalgo: "Research", CC BY-NC 2.0

DIE EXZELLENZSTRATEGIE IST nicht die Exzellenzinitiative. Wissenschaftspolitisch eine triviale Feststellung, sobald man über Bewerbungsregeln, über Förderperioden (bei der ExStra länger), oder auch die Lebensdauer des neuen Bund-Länder-Programms (Plan: für immer) redet. In anderer Hinsicht dagegen ist es ein Satz, der – trotz vieler Verdiensten der alten Exzellenzinitiative – vor allem eine Hoffnung ausdrückt.

 

Gestern hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) mitgeteilt, wie viele Antragsskizzen für ExStra-Exzellenzcluster eingegangen sind, 195, und wie diese sich von ihren thematischen Schwerpunkten her auf vier von der DFG definierte Wissenschaftsgebiete verteilen. Naturwissenschaften, Lebenswissenschaften, Ingenieurwissenschaften und Geistes- bzw. Lebenswissenschaften: Alle vier kommen auf rund ein Viertel. Soweit alles ganz beim Alten. Auch 2010, als die DFG die Antragsskizzen für die zweite Runde der Exini-Cluster vermeldete, stand in der Pressemitteilung, die „großen Wissenschaftsgebiet“ seien „etwa gleich stark vertreten“.

 

Aber dann. Als die DFG 2012 bekanntgab, wie viele der schlussendlich eingereichten Vollanträge erfolgreich waren, las sich die Statistik anders. Von den insgesamt bewilligten 43 Exzellenzclustern stammten 17 aus den Lebenswissenschaften, 11 aus den Naturwissenschaften, 9 aus den Ingenieurwissenschaften und sechs aus den Geistes- und Sozialwissenschaften. 

 

Dass Exini und ExStra nur teilweise vergleichbar seien, war auch gestern aus der DFG-Geschäftsstelle zu hören. Das stimmt. Schon deshalb, weil diesmal auch die Alt-Cluster Skizzen abgeben mussten, während Verlängerungsanträge 2012 direkt in die Hauptauswahl durchsegeln konnten.

 

Doch der Beweis, dass sich die beiden Wettbewerbe nicht nur von den Regeln unterscheiden, sondern auch von ihrem Geist her, der steht noch aus. Man möchte den international besetzten Panels, schon jenen 21, die in den nächsten Monaten die Skizzen nach „wissenschaftlichen Qualitätskriterien“ (DFG-Formulierung) begutachten und die besten zur Vollantragstellung empfehlen, zurufen: Beweist es. Und zwar inhaltlich. Es ist einfach nicht einleuchtend, warum die Lebens- und Naturwissenschaften im Schnitt die höhere wissenschaftliche Qualität haben sollten. Genau hier, in der nach Meinung vieler ungleichen Beurteilung der verschiedenen Wissenschaftsgebiete, lag eine entscheidende Schwäche der alten Exzellenzinitiative – was wiederum ihre Akzeptanz in Teilen der Universitäten schwächte.

 

Die Exzellenzstrategie ist nicht die Exzellenzinitiative: Ob das wirklich stimmt, erfahren wir im September 2018. Dann nämlich wissen wir, welche Cluster das Rennen machen.

 

Dieser Kommentar erschien heute zuerst im ZEITChancen Brief.


Wenige Gemeinschaftsproduktionen, gute Aussichten

Insgesamt haben sich 67 Universitäten aus allen 16 Bundesländern an der Ausschreibung beteiligt. Von den 195 Antragsskizzen wurden nach DFG-Angaben 41 von zwei Universitäten gemeinsam eingereicht, sechs weitere von drei Hochschulen. Wie viele der 67 Universitäten insgesamt an Verbundbewerbungen beteiligt sind, teilte die DFG nicht mit. 

 

Fest steht: Nur 21 Prozent der Skizzen sind universitäre Gemeinschaftsproduktionen, während zwei Drittel die Beteiligung außeruniversitärer Forschungsinstitute vorsehen. Ein frappierender Unterschied, soll doch die ExStra vor allem die universitäre Zusammenarbeit stärken.

 

In den kommenden Monaten begutachten international besetzte Panels die Antragsskizzen. Sie berichten ihre Ergebnisse an das so genannte

„Expertengremium“, bestehend aus 39 größtenteils internationalen Wissenschaftlern, das am 28. September entscheidet, welche Universitäten zu Vollanträgen aufgefordert werden.

 

Diesmal mussten auch die bestehenden Exzellenzcluster, so sie in der ExStra erneut gefördert werden wollen, in die Skizzen-Vorauswahl. Für die neuen Projekte könnte darin eine Chance liegen. 2012 waren von 107 Neuantragsskizzen gerade einmal 12 zu Exzellenclustern erwählt worden. Diesmal stehen die 195 Antragsskizzen geplanten 45 bis 50 ExStra-Clustern gegenüber.

Weitere Details zu den Antragsskizzen und dem weiteren Verfahren finden Sie auf der Website der DFG. 


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"Diese Leute stellen die Machtfrage"

DFG-Präsident Peter Strohschneider über Wissenschaftsfeindlichkeit in Ungarn, den USA und anderswo – und wie man sie bekämpfen kann.

Foto: DFG/David Ausserhofer
Foto: DFG/David Ausserhofer

Die Türkei entlässt zehntausende Wissenschaftler, Polens Regierung fördert polenfreundliche Wissenschaftsdisziplinen, und Donald Trump forderte kurz nach seiner Wahl Namenslisten von Klimaforschern an: Ist Wissenschaftsfreiheit ein Auslaufkonzept?

 

Was wir erleben, ist paradoxerweise ein Beleg für die umfassende Bedeutung, die Wissenschaft erlangt hat. Je abhängiger sie von den Wissenschaften wird, umso anspruchsvoller ist es für die Gesellschaft, diesen die nötige Unabhängigkeit einzuräumen. Die Wissenschaften verändern die Grundlagen unseres Zusammenlebens, sozial, kulturell, ökonomisch. Der technologische Fortschritt zwingt uns, öffentliche Kommunikation neu definieren und zu regulieren. Wir müssen unser Verständnis von Leben neu denken, weil nicht mehr eindeutig ist, wann es anfängt, wann es aufhört. All dies und vieles andere gehört zu den langfristigen Entwicklungsdynamiken hoch entwickelter Wissenschaftsnationen. Und die treffen nun auf eine Krise des demokratischen Konstitutionalismus: Neue Formen des autoritären Cäsarismus entstehen, in Polen, in Ungarn, in Russland, und sie haben Implikationen, auch für die Wissenschaften. 

 

Welche Implikationen meinen Sie?

 

Die Reflexivität, die kritische Wissenschaft einer Gesellschaft bietet, wird als etwas Riskantes verstanden und eingeschränkt. An ihre Stelle tritt ein bloß noch instrumentelles Verständnis von Forschung, das einhergeht mit einem instrumentellen Verständnis von Medien, von Kunst und anderen Feldern unabhängigen Denkens. Nehmen Sie Japans Ministerpräsident Shinzo Abe: Eine nationalistische Geschichtspolitik, wie sie der Besuch des Yasukuni-Schreins für die japanischen Kriegstoten symbolisiert, und die Umstrukturierung der  Geisteswissenschaften an den wichtigsten japanischen Universitäten und ihre Ausrichtung hin zu mehr gesellschaftlicher Relevanz muss man doch zusammensehen. Auch Donald Trump hat als eine seiner ersten Amtshandlungen angekündigt, das National Endowment for the Humanities abzuschaffen. Um die gerade einmal 50 Millionen Dollar, die dort jährlich für Forschungsförderung in unserem Sinne ausgegeben werden, ging es dabei kaum. Es ging vielmehr um ein politisches Signal. >>  


UNGARNS PARLAMENT BESCHLIESST GESETZ GEGEN AUSLÄNDISCHE HOCHSCHULEN

Heute Nachmittag hat das Parlament auf Betreiben von Präsident Victor Orbán beschlossen, dass ausländische Hochschulen in seinem Land nur noch dann operieren und Abschlüsse vergeben dürfen, wenn a) ein Staatsvertrag zwischen Ungarn und dem Herkunftsland den Rahmen regelt und b) die jeweilige Hochschule auch in ihrem Herkunftsland Studiengänge anbietet. Was abstrakt klingt, hat ein konkretes Ziel: Es geht offenbar darum, die in den USA akkreditierte Central European University in Budapest auszuschalten, die einst vom bei Orbán verhassten US-Milliardär George Soros gegründet wurde. Weltweit protestieren Wissenschaftler, Forschungseinrichtungen und Politiker gegen die Änderung des Hochschulgesetzes, in Deutschland unter anderem die Junge Akademie, der Historikerverband, der Wissenschaftsrat und zuletzt sogar Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.


>> Hinter den Akten gegen die Wissenschaftsfreiheit steckt die Angst der Gesellschaft, den Spiegel vorgehalten zu bekommen?

 

Das Populistische am Populismus ist die abwegige Vorstellung, die Gesellschaft sei eine homogene Einheit. Alles, was diese Einheitlichkeit stört, muss dann exkludiert werden, ob das nun Ausländer sind, Andersgläubige oder kritische Geister. Beispiel Türkei: Für Erdogan und seine Anhänger gehört eine bedrohlich große Zahl von Professorinnen und Professoren  zur Gülen-Bewegung und deswegen ins Gefängnis. Mit einer alten Differenzierung des Soziologen Ferdinand Tönnies von 1887 gesagt: Gemeinschaft soll an die Stelle von Gesellschaft treten. Gesellschaft ist auf Distanz gebaut, auf Indirektheit und Pluralität. Medien erzeugen Mittelbarkeiten, genauso wie die repräsentative Demokratie, die Herrschaft vom direkten Willen der Bürger entkoppelt. Gemeinschaften hingegen sind auf Unmittelbarkeit gebaut, auf Nähe – oder deren Anschein. Den unmittelbaren autoritären Durchgriff stört alles, was Vielfalt erzeugt, Indirektheiten, und zeitliche, räumliche, sachliche Distanzen schafft. Wie die Wissenschaft.

 

Manche sagen über Trump: Der redet doch nur.

 

Dass Trump über Jahre vorbereitete Investitionsentscheidungen internationaler Konzerne mit einem Tweet knacken kann, zeigt, dass diese simple Entgegensetzung von Worten und Taten nicht greift. Und es geht auch um mehr als bloß um Fragen des politischen Stils. Die amerikanischen Verfassungsväter haben gewusst, dass es die Verfassung braucht, um Mittelbarkeiten herzustellen. Sie wussten aber auch, dass sie allein dann funktionieren kann, wenn der Bürger, wie man im späten 18. Jahrhundert sagte, sich zugleich tugendhaft verhält. Trumps Vulgarisierung der Politik ist ein ganz praktischer, unmittelbar machtförmiger Angriff auf die Tugend des Bürgers als Konstituens der Republik. Ähnliches war schon bei Sarah Palin zu beobachten, und ebenso auch jene Wissenschaftsfeindlichkeit, die mit den jeweils neuesten hightech-gadgets protzt und zugleich die gesellschaftlichen Grundlagen von Wissenschaft unentwegt in Frage stellt. Wir haben es nicht zu tun mit ein paar bornierten Äußerungen von Politikern, die sich nicht für Wissenschaft interessieren. Diese Leute stellen ganz machiavellistisch die Machtfrage. >>

 

Wenn wir ehrlich sind, war die Wissenschaftsfreiheit in den meisten Ländern der Welt noch nie gefestigt. Richtig nahe geht uns das erst, seit unsere Kollegen in den USA oder in Osteuropa unter Druck geraten.

 

Weil dies Länder sind, die für uns als Wissenschaftsnation eine besondere Bedeutung haben. Und im Falle der Vereinigten Staaten kommt eine soziokulturelle Leitbildfunktion hinzu. Viele sind ja ganz ernsthaft erschüttert, dass ein Land, das die Nachkriegsdeutschen als Modell von Wohlstand, coolness und Freiheit wahrnahmen, so ins Vulgäre, ins Brachiale, ins Antidemokratische abzudriften droht. Und was die Türkei angeht: Sie ist nah, weil eben sehr viele Türken und türkischstämmige Deutsche hier leben. Wenn sich auf den Philippinen der Staatspräsident damit rühmt, er habe schon eigenhändig Leute auf der Straße abgeknallt, dann wendet man sich mit Grausen, aber das Grausen ist weiter weg.

 

Welche Verantwortung ergibt sich aus all dem für uns?

 

Ich habe 2008 in einem Anflug von Zynismus gesagt: Das deutsche Wissenschaftssystem könnte jetzt auf Shoppingtour gehen. Das war, als die US-Universitäten unter der Finanzkrise litten und nicht wenige Forscher empfindliche Einbußen ihrer Forschungsmöglichkeiten und Gehälter erlebten. Doch wäre das eine Art Kriegsgewinnerlogik, und die hat einen moralischen Gout. Ganz anders ist die Philipp-Schwartz-Initiative der Alexander-von-Humboldt Stiftung. Sie gründet in dem Bewusstsein historischer Verantwortung für verfolgte Wissenschaftler, und ich finde sie sehr wichtig. Die intellektuelle Geschichte der Deutschen ist in besonderer Weise durch Exile geprägt. Das verpflichtet uns.

 

Wir helfen einigen wenigen Forschern, und ansonsten business as usual?

 

Dies eben gerade nicht! Ich meine, dass die gesellschaftliche Verantwortung von Wissenschaft derzeit in neuer Weise sichtbar wird. Die Frage ist nicht mehr allein: Was muss die Gesellschaft den Wissenschaften geben, damit diese gut funktionieren – also Geld, Freiheiten, Rechte? Die Frage lautet nun auch: Wenn die pluralistische Gesellschaft bedroht ist, welche Verantwortung folgt daraus für die Wissenschaft? Und diese Frage stellt sich auch bei der internationalen Zusammenarbeit. Denn einerseits: Je schwieriger politische Beziehungen werden, desto wichtiger sind wissenschaftliche Kooperationen als ein tragendes Gewebe, das Zusammenhalt schaffen kann, wo sonst vieles auseinanderdriftet. Ein Gewebe, das man nicht einfach aufgibt, weil etwa nationalpopulistische Strömungen an Gewicht gewinnen. Mit Russland pflegen wir derzeit ein solches Gewebe, mit Polen ebenfalls.

 

Und andererseits?

 

Andererseits muss unentwegt und aufmerksam jene Schwelle zwischen autoritären und offen diktatorischen Regimen im Blick gehalten werden, jenseits welcher wissenschaftliche Zusammenarbeit nicht mehr verantwortbar ist.

 

Viele Wissenschaftler in der Türkei oder in Ägypten fordern von Deutschland: Macht endlich mehr Druck, ihr habt die Macht!

 

Das sind Hilferufe, und auf die angemessen zu reagieren, fällt uns immer noch schwer. Das hat nicht zuletzt mit jenem gesellschaftlichen Selbstverständnis zu tun, das für die alte Bundesrepublik kennzeichnend war: ein ökonomisches Schwer- als außenpolitisches Leichtgewicht. Dieser kulturelle Habitus der Deutschen verändert sich, aber erst allmählich. Ein gelassenes Verhältnis zur eigenen Interventionsmacht lässt sich nicht verordnen, auch nicht im Bereich der science diplomacy.

 

Auch die deutsche AfD gibt wissenschaftsfeindliche Töne von sich. Dennoch ist hierzulande die gesellschaftliche Akzeptanz der Wissenschaft Umfragen zufolge hoch. Bleibt das so?

 

Nur, wenn wir ernsthaft dafür streiten. Im AfD-Programm haben wissenschaftsfeindliche und reflexionsaverse Strömungen eine eigene Prägnanz gewonnen. Da kann man nachlesen, was von der Erdsystemwissenschaft zu halten sei oder von der Genderforschung. Doch es geht mir weniger um eine einzelne Partei als um eine aufgeheizte gesellschaftliche Stimmungslage. Gegen die Populismen muss auf den verschiedensten Ebenen gestritten werden: Wissenschaftlich, in politischen Auseinandersetzungen, in den Medien, im persönlichen Austausch. Auch in Alltagssituationen, morgens in der S-Bahn und immer häufiger auch im Hörsaal kann die Zivilität der pluralistischen Bürgergesellschaft gefährdet sein, muss sie also gewonnen und verteidigt werden.

Dieses Interview erschien zuerst im DSW Journal als Teil der Titelgeschichte "Grenzen der Freiheit: Wird Studieren und Forschen zum Risiko?" Für die Geschichte habe ich mit Forschern in Ägypten, der Türkei, Polen und den USA gesprochen. Am meisten beeindruckt hat mich der Mut der türkischen Juraprofessorin Ece Göztepe, die sich entschied, mit Foto und vollem Namen zitiert zu werden. Sie müsse leben, was sie lehrt, sagte sie.

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Deprimierend erfolgreich

Beim Förderprogramm "Innovative Hochschule" haben 118 Hochschulen Anträge gestellt, nur ein Bruchteil kann gefördert werden. Was tun?

Christian Heilmann: Innovation Drive, CC BY 2.0

BEGEISTERUNG KLINGT ANDERS. Als die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz (GWK) von Bund und Ländern im vergangenen Mai die "Förderinitiative Innovative Hochschule" beschloss, mahnte die SPD-Fachhochschulexpertin Daniela De Ridder, das Programm dürfe nicht "bloß ein Trostpflaster für fehlende Antragsmöglichkeiten bei der Exzellenzinitiative sein".

 

De Ridder formulierte, was viele FH-Rektoren dachten: Tolle Idee, aber 55 Millionen Euro Fördervolumen pro Jahr, davon nur zehn Prozent Länderanteil, das wird vorne und hinten nicht reichen. Zum Vergleich: Für die große, mittlerweile "Exzellenzstrategie" genannte Schwester der "Innovativen Hochschule" machen Bund und Länder gemeinsam aufs Jahr gerechnet fast zehnmal so viel locker, und die Länder beteiligen sich mit 25 Prozent. Und während die Exzellenzstrategie nur den forschungsstarken Universitäten offen steht, müssen sich Fachhochschulen und kleine Universitäten die 55 Millionen auch noch teilen.

 

So kam es, wie es kommen musste: Das Programm ist drastisch überzeichnet. Aktuellen Zahlen des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) zufolge sind allein in der ersten von zwei Bewerbungsrunden 118 Förderanträge für die "Innovative Hochschule" eingetrudelt. Nur jede fünfte Bewerbung dürfte damit zum Zuge kommen, erwarten Experten wie Karim Khakzar, Sprecher der Fachhochschulen in der Hochschulrektorenkonferenz (HRK). Khakzar warnt: "Wenn die überwiegende Mehrheit der Anträge trotz überzeugender Qualität und hohem Potenzial abgelehnt werden muss, weil zu wenig Geld bereitgestellt wurde, ist das nicht nur eine vertane Chance, sondern wird auch bei den vielen Praxispartnern zu erheblicher Frustration führen und die Bereitschaft zur zukünftigen Kooperation mit den Hochschulen sehr negativ beeinflussen." 

 

Was der HRK-Vize mit den Praxispartnern meint, ergibt sich aus der Logik des Wettbewerbs: In ihren Förderanträgen sollen sich Hochschulen mit den regionalen Unternehmen, Organisationen, Vereinen und Bildungseinrichtungen verknüpfen und so neue Brücke bauen zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Experten sprechen deshalb neuerdings auch von der "Third Mission" der Hochschulen neben Lehre und Forschung. Im BMBF-Sprech klingt das so: Das Programm trage dazu bei, "dass aus Erkenntnissen der Forschung in allen Wissenschaftsdisziplinen noch effizienter kreative Lösungen für die drängenden Herausforderungen unserer Zeit werden". Werden diese Praxispartner, die sich vielleicht erstmals auf ein gemeinsames Projekt mit der Wissenschaft eingelassen haben, nun verschreckt durch die in Khakzar Augen hoffnungslose Überzeichnung des Wettbewerbs?

 

Das BMBF beschwichtigt, eine Abschätzung der Zahl der Förderfälle sei noch gar nicht möglich, "da diese davon abhängt, wie viele Einzel- bzw. Verbundvorhaben ausgewählt werden und wie viele Mittel die am Ende ausgewählten Hochschulen mit ihren Partnern tatsächlich beantragt haben." Die finale Auswahlentscheidung werde "im Sommer" fallen. Einzeln konnte eine Hochschule bis zu zwei Millionen Euro pro Jahr beantragen, mehrere Hochschulen im Verbund können bis zu drei Millionen Euro erhalten. Die Erfahrung mit bisherigen Förderprogrammen lehrt allerdings, dass die Hochschulen fast immer den zulässigen Maximalbetrag anmelden – was bei 55 Millionen Euro jährlich wiederum die Zahl der möglichen Förderfälle senkt und zwar in Richtung der von Khakzar vermuteten 20 Prozent. 

 

Bundesforschungsministerin Johanna Wanka (CDU), die früher selbst Fachhochschulrektorin war, sendet bereits versöhnliche Signale. Sie persönlich könne sich einen finanziellen Nachschlag für die "Innovative Hochschule" gut vorstellen, deutete sie bei einer FH-Tagung im März an – und schickte gleich noch einen harschen Vorwurf in Richtung der Länder hinterher: Schon bei den Verhandlungen vergangenes Jahr habe sie angeboten, mehr als die 495 Bundesmillionen auf den Tisch zu legen, die es am Ende wurden. Doch einigen Bundesländern sei selbst das Aufstocken ihres 10-Prozent-Anteils zu viel gewesen. 

Kann das wirklich sein? Und wer sind "die Länder"? >>



>> Spricht man Landesminister auf Wankas Vorwurf an, ist es schwierig, eine eindeutige Antwort zu bekommen. Ja, sagen einige, da sei schon etwas dran. Wanka habe mal so etwas angedeutet. Theresia Bauer aus Baden-Württemberg etwa erinnert sich, das sei in einem der zahlreichen informellen Kamingespräche gewesen, zu denen die GWK-Vorsitzende, vergangenes Jahr war das Wanka, ihre Ministerkollegen regelmäßig einlädt. "Eine formale Vorlage dazu hat es aber nie gegeben." Ihr Gefühl, sagt Bauer, sei schon damals gewesen, dass "Frau Wanka damit eines Tages wieder um die Ecke kommt und sagt: Ich habe es den Ländern doch angeboten." Wenn die Bundesministerin es wirklich ernst meine, sagt ihre grüne Kollegin aus Baden-Württemberg, dann "wird das an uns nicht scheitern, und sicher auch an den übrigen Ländern nicht."

 

Andere Wissenschaftsminister dagegen springen Wanka zur Seite und reichen den schwarzen Peter hinter vorgehaltener Hand schwammig an "die ärmeren Bundesländer" weiter. Von denen hätten in den informellen Gesprächen tatsächlich einige ihr Veto eingelegt und ein höheres Volumen ausgebremst. Eine kaum überprüfbare Behauptung, da es keine Protokolle bei den Kaminrunden gibt. 

 

Zumal die Logik eines solchen Verhaltens schwer nachvollziehbar wäre. Geht man von einem erfolgreichen Antrag pro kleinem Bundesland aus (was eine gute Quote wäre!), müsste das zuständige Wissenschaftsministerium pro Einzelbewerbung lediglich 200.000 Euro jährlich kofinanzieren – für 1,8 Millionen Euro Bundesgelder. Ein unglaublich lohnendes Geschäft sollte man denken. "Die Logik der Finanzpolitiker ist aber eine andere", widerspricht ein Wissenschaftsstaatssekretär.

 

Nachfrage im Saarland, das besonders oft genannt wird als eines der angeblichen Bremser. Die Wissenschaftsministerin dort heißt Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) und ist in Personalunion Ministerpräsidentin. Ihre Sprecherin versichert: "Die von Ihnen dem Saarland zugeschriebenen Äußerungen können wir nicht zuordnen." Die Verabschiedung des Programms sei seitens Bund und Ländern "einstimmig und ohne Protokollnotizen" erfolgt. Was indes nichts aussagt über die zuvor zwischen den Wissenschaftsministern gelaufenen Gespräche. 

 

Ein anderer Insider bestreitet, dass es "den Ländern", und zwar nicht nur den armen, überhaupt um das Geld gegangen sei, als sie Wankas nur informell gemachten Vorschlag ignorierten.  "Das war Wankas Programm, da wollte sich kaum einer für aus dem Fenster lehnen." 

 

Fest steht: Stand heute können sich viele Wissenschaftsminister, auch Kramp-Karrenbauer, einen Nachschlag vorstellen. Das Saarland, sagt ihre Sprecherin, würde, "sofern es die Absicht des Bundes gäbe, die Mittel für das Programm aufzustocken – ein solches Signal kennen wir allerdings nicht – dies begrüßen." Wobei, wenn man genau liest, die Sprecherin der saarländischen Ministerpräsidentin, nur vom Bundesanteil redet. 

 

Denn auch hierüber hat es vergangenes Frühjahr in der GWK offenbar Diskussionen gegeben. Einige Landesminister hatten vorgeschlagen, von ihren eigenen Finanzministerkollegen einen höheren Anteil – zum Beispiel 25 Prozent wie bei der Exzellenzstrategie – einzufordern, was das Volumen der "Innovativen Hochschule" ebenfalls spürbar vergrößert hätte. Andere Ressortchefs hätten das jedoch sofort als unrealistisch zurückgewiesen, heißt es.

 

Wie auch immer es genau gewesen sein mag in den Verhandlungen, am Ende, sagt HRK-Fachhochschulsprecher Karim Khakzar zähle vor allem eines: "Frau Wanka hat ihre Bereitschaft signalisiert, jetzt wären vor allem die Länder am Zug." Und dann schwärmt Khakzar noch ein bisschen von der Breite der 118 Anträge, mit denen "praktisch eine flächendeckende Strategie zur Förderung des Transfers zwischen Hochschulen und kleinen und mittleren Unternehmen, sozialen Einrichtungen, Städten und Gemeinden" vorliege: "Eine bessere Basis zur Förderung der Innovationskraft in den Regionen kann man sich kaum vorstellen."

Eine bessere Finanzierung allerdings schon.  

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Jetzt ist Schluss

Bei der Exzellenzstrategie ist am Montag Deadline für die Antragsskizzen. Doch der Tag markiert nur eine kurze Verschnaufpause für die Forscher.

AN DIESEM MONTAG erreicht die Exzellenzstrategie (ExStra) ihre erste wichtige Zwischenstation. Bis spätestens 24 Uhr müssen die Universitäten ihre Antragsskizzen zu den Exzellenclustern einreichen. In ein paar Tagen dann wird der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), Peter Strohschneider, mitteilen, wie viele Skizzen es insgesamt geworden sind und wie viele davon Gemeinschaftsprojekte mehrerer Universitäten werden sollen. 

 

Strohschneiders Statistik wird mit Spannung erwartet. Nicht nur behandelten die meisten Universitätsrektoren die Antragsskizzen bislang wie Top-Secret-Geheimdienstdokumente; auch die an den Clusterbewerbungen beteiligten Forscher haben eifersüchtig darüber gewacht, dass bloß keine inhaltlichen Details an die Konkurrenz gehen. 

 

Im Dezember, als die Antrags-Absichtserklärungen fällig waren, hatte deren niedrige Zahl überrascht: Nur 192 Meldungen hatten die Universitäten an die Bonner DFG-Zentrale geschickt. Dabei hatte Strohschneider noch im November gesagt, die DFG erwarte „mehrere hundert Antragsskizzen“ für die Großforschungsverbünde. Allerdings war die Abgabe von Absichtserklärungen unverbindlich. Die Zahl der tatsächlich eingereichten Antragsskizzen, die Strohschneider in den nächsten Tagen bekanntgibt, könnte niedriger oder, was wahrscheinlicher ist, höher liegen. 

 

Für die Forscher folgt auf den Vor-Deadline-Stress eine kurze Phase der ExStra-Entspannung. Erst Ende September erfahren die Antragsteller, ob sie es in die Hauptrunde schaffen, sprich: ob sie einen Vollantrag einreichen dürfen. Dann aber geht es erneut rund, und zwar auch für die Hochschulleitungen: Wenn sie, eine Neuerung gegenüber der Exzellenzinitiative, eine so genannte Universitätspauschale zusätzlich zum Cluster beantragen wollen, müssen sie das zusammen mit dem Vollantrag tun, und zwar in Form einer "schlanke(n) Darstellung der universitären strategischen Ziele", wie es in der Verwaltungsvereinbarung zur ExStra heißt. 

 

45 bis 50 Exzellenzcluster sollen in der ersten ExStra-Runde von 2019 an gefördert werden mit jeweils bis zu zehn Millionen Euro pro Jahr. Die bislang geförderten 43 Cluster werden wie Neuanträge behandelt. Die Verantwortlichen können also, auf den bisherigen Forschungsverbünden aufsetzend, eine neue Bewerbung einreichen – angefangen mit den Antragsskizzen. Die meisten werden das vermutlich getan haben. 

 

Viele Rektoren haben indes auch schon Anderes im Kopf. Denn Ende Mai steht laut ExStra-Zeitplan die erste Informationsveranstaltung zur zweiten Förderlinie, den Exzellenzuniversitäten, an – "auf Einladung". Während die Universitätspauschale, wenn sie denn bewilligt wird, für den ersten Cluster eine Million Euro beträgt, sollen Exzellenzuniversitäten mit jährlich 10 bis 15 Millionen Euro gefördert werden, Universitätsverbünde mit bis zu 28 Millionen Euro. 

 

Wer all diese Terminpläne und Antragsstatistiken als zu trocken empfindet, wem also noch die nötigen Emotionen im Wettbewerb fehlen, kann heute im ZEITChancen Brief von einem Streit an der Universität Bremen lesen. Den Weser Kurier zitierend, berichten die Kollegen von Kannibalisierungsvorwürfen zugunsten der ExStra. Susanne Schattenberg, Direktorin der Forschungsstelle Osteuropa, wirft Unirektor Bernd Scholz-Reiter vor, er wolle den Studiengang „Kulturgeschichte Ostmitteleuropas“ einzustellen, um Stellen für die Exzellenzanträge freizuschaufeln. „Das ist leider ein übliches Beutezugverfahren."

 

Womöglich lohnt es sich auch, heute kurz entschlossen nach München reisen, zur vom Deutschen Hochschulverband (DHV) veranstalteten "Gala der Deutschen Wissenschaft". Da erhält nämlich Mecklenburg-Vorpommerns Finanzminister Mathias Brodkorb (SPD) die Auszeichnung "Wissenschaftsminister des Jahres" (wem das komisch vorkommt, der kann hier nachlesen, wie es dazu kam). Jener Brodkorb, über den Dieter Imboden, Vorsitzender der internationalen Expertenkommission zur Zukunft der Exzellenzinitiative, einst sagte, er habe ihm von allen Wissenschaftsministern "die intelligentesten Fragen gestellt". Vielleicht hat Brodkorb in seiner Dankesrede heute Abend ja wieder ein paar von ihnen auf Lager. 

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Diesmal soll es klappen

Nach dem Scheitern kam ein neuer Anlauf: Seit Monaten ringen Hochschulen und VG Wort ums Urheberrecht. Jetzt gibt es einen überraschend positiven Zwischenstand.

Foto: Josh Felise
Foto: Josh Felise

DIE ANGST hat vier Buchstaben. DEAL heißt sie. Die Wissenschaftsorganisationen und der Großverlag Elsevier haben sich bei ihren Verhandlungen um bundesweite Lizenzverträge in die strategische Sackgasse manövriert. Theoretisch könnte Elsevier die Hochschulen und Forschungseinrichtungen jederzeit von der digitalen Belieferung mit wissenschaftlichen Journals abschneiden, da seit Anfang des Jahres die Geschäftsgrundlage fehlt. Viele Hochschulen und Wissenschaftseinrichtungen hatten vorher ihre Einzelverträge mit Elsevier gekündigt, um gemeinsam in einer vermeintlich stärkeren Verhandlungsposition bessere Konditionen, eben einen besseren DEAL, herauszuholen. Der drohende Totalboykott werde Elsevier schon einschüchtern und rechtzeitig in eine Vereinbarung drängen, versicherten sich die Wissenschaftsstrategen gegenseitig. Doch der Verlag ließ sich nicht drängen – mit dem absurden Ergebnis, dass Elsevier jetzt einerseits nicht die Leitungen kappt, weil der Verlag den damit verbundenen Imageschaden fürchtet, andererseits aber zum Beispiel Horst Hippler, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), schimpft, nach fünf Gesprächsterminen frage er sich, ob Elsevier ernsthaft mit der deutschen Wissenschaft einen zukunftsfähigen Vertrag" abschließen wolle. "Wir wollen eine Lösung", beteuerte dagegen Elsevier-Manager Hannfried von Hindenburg im ZEITChancen Brief – und dass Forscher in Deutschland "weiterhin zur Weltspitze gehören". Man habe sich halt ziemlich hoffnungslos verhakt, so lautet die Einschätzung selbst derjenigen, die mitverhandeln. 

 

Deshalb ist DEAL auch das Stichwort, das häufig fällt, wenn man in diesen Tagen mit Hochschulrektoren über die Verhandlungen mit der Verwertungsgesellschaft (VG) Wort spricht. Auch hier geht es um Nutzungsrechte und Zugänge. Der Bundesgerichtshof (BGH) hatte 2013 geurteilt, dass die Bundesländer künftig keine Pauschale mehr an VG Wort zahlen dürfen, um die digitale Nutzung von urheberrechtlich geschützten Texten in den Hochschulen abzugelten. Die Autoren hätten das Recht auf eine Einzelabrechnung. Die daraufhin zwischen Kultusministerkonferenz (KMK), HRK und VG Wort ausgehandelte Regelung erwies sich in der Praxis jedoch als derart umpraktikabel, dass die Hochschulen auf die Barrikaden gingen. Ein Pilotversuch an der Universität Osnabrück hatte zuvor ergeben, dass die Zahl der auf der hochschulinternen Lernplattform verfügbaren Texte von 4500 auf 1000 zurückging. Offenbar scheuten viele Dozenten den mit der Einzelmeldung verbundenen Aufwand. Zudem schätzte die Universität die administrativen Mehrkosten auf 26.000 Euro pro Semester – bei geschätzten 8000 Euro an die VG Wort abzuführenden Tantiemen.  

Im letzten Moment hatten sich KMK, HRK und VG Wort im Dezember 2016 darauf geeinigt, die Neuregelung bis Ende September 2017 auszusetzen und in der Zwischenzeit nach einer besseren Lösung zu suchen. Was die Sache für die Hochschulrektoren zusätzlich kompliziert macht: Ganz ähnlich wie bei DEAL hält die Gegenseite vermeintlich alle Trümpfe in der Hand. VG Wort kann auf das BGH-Urteil verweisen, die Hochschulen haben nur Möglichkeit, über die Öffentlichkeit Druck zu erzeugen – und gleichzeitig an die Vernunft der VG Wort - Vertreter zu appellieren. Etwa, indem man warnend auf das DEAL-Patt verweist. 

 

Letzteres scheint zu funktionieren, denn aus den Verhandlungen lässt sich ein erstaunlich positiver Zwischenstand vermelden. VG Wort hat sich bereit erklärt, einen Großteil der Texte aus der Einzelerfassung herauszunehmen. So soll die gesamte Nutzung wissenschaftlicher Zeitschriften auch künftig pauschal abgegolten werden, und unter den so genannten Monografien, also Büchern, müssen die Hochschulen nur noch jene melden, die im so genannten Verzeichnis lieferbarer Bücher (VLB) verzeichnet sind. "Damit haben wir 70 Prozent des Aufkommens raus aus der Einzelerfassung", sagt ein Teilnehmer der Verhandlungen. Und auch bei den verbleibenden Titeln ist die VG Wort offenbar bereit, sich auf einen Kompromiss einzulassen.

 

So soll ein vom 1. April an laufender Pilottest an bis zu fünf Hochschulen ergeben, inwieweit sich ein praktikabler Kompromiss zwischen der Einzelerfassung wirklich jeden einzelnen Werkes einerseits und der bisherigen Pi-mal-Daumen-Schätzung andererseits finden lässt. "Evidenzbasierte Flatrate", so lautet das Stichwort, wobei es noch unterschiedliche Interpretationen gibt, wie die am Ende aussehen könnte. Möglicherweise könnte anhand einer konkreten Zahl von Studenten und der Zahl der pro Semester auf Online-Plattformen eingestellten Titel der Betrag errechnet werden, den eine Hochschule an VG Wort zahlen muss. Oder man nimmt von den eingestellten Titeln und Buchseiten eine bestimmte Anzahl, zählt sie einzeln aus und rechnet die Vergütung auf die Gesamtzahl der Titel hoch.


Eine Einigung scheint möglich, und trotzdem gibt es in der HRK Stimmen, die ähnlich wie bei DEAL zu einem Totalboykott aufrufen. Am lautesten äußert seine Vorbehalte der Präsident der Universität Hannover, Volker Epping. "Die bisherige Linie", also Pauschalvergütung ohne Einzelfallerhebung, müsse "in der Geschlossenheit aller Hochschulen aufrechterhalten werden", fordert Epping. "Eine neue Mustervereinbarung mit Einzelfallerhebung, in welcher Form auch immer", sei "abzulehnen". Isoliert ist Epping mit seiner Meinung nicht. Die niedersächsische Wissenschaftsministerin Gabriele Heinen-Kljajic (Grüne) etwa outet sich zwar nicht als total auf einer Linie mit dem Chef ihrer zweitgrößten Landeshochschule liegend. Man setze sich weiter für "konstruktive Verhandlungen" ein, heißt es aus ihrem Ministerium. Aber: "Einer bürokratischen und nicht hochschulkonformen Lösung werden wir nicht zustimmen."

 

Epping verfahre offenbar nach dem Motto: "Man muss nur fest genug wollen, dann kann man auch Gerichtsbeschlüsse ignorieren", kommentiert dagegen ein an den Gesprächen mit der VG Wort beteiligter Staatssekretär. Der Verhandlungsführer auf Seiten der Hochschulen, der HRK-Vizepräsident und Siegener Rektor Holger Burckhart, hält sich bedeckt und spricht nur von "positiv laufenden Verhandlungen". Hinter den Kulissen indes hat er es geschafft, die große Mehrheit der Rektoren als Unterstützer seiner Linie zu gewinnen, die da heißt: auf jeden Fall einen tragfähigen Kompromiss mit VG Wort heraushandeln, anstatt "alles oder nichts" zu spielen. Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass HRK und KMK Drohgebärden wie die Eppings durchaus in die Hände spielen, können sie so doch gegenüber der VG Wort signalisieren: Wenn ihr uns nicht entgegenkommt, dann ist der gute Wille der Rektoren schnell weg, und dann haben wir Chaos, das keinem hilft. 

 

Um die Komplexität der Angelegenheit abzurunden, läuft im Hintergrund gerade die Ressortabstimmung in der Bundesregierung für das schon lange angekündigte neue Urheberrechtgesetz. Der bekannte Referentenentwurf würde die Abrechnungsmodalitäten zugunsten der Hochschulen deutlich vereinfachen – und eine Einigung mit der VG Wort wäre überflüssig. Doch: Keiner weiß, was aus dem Gesetz wird und ob es noch vor der Bundestagswahl kommt. Selbst Niedersachsens Wissenschaftsministerium sieht daher "akuten Handlungsdruck, um Studierenden digitale Lehrangebote weiter zugänglich zu machen."

 

Erst recht, weil das mit der VG Wort ausgehandelte Moratorium Ende September ausläuft. Sogar wenn es nochmal verlängert werden könnte, was zuletzt nicht ausgeschlossen schien: Die Angst vor dem DEAL-Szenario ist immer dabei in den Verhandlungen. Der jetzt startende Pilotversuch an den Hochschulen geht bis Ende Juni. Danach heißt es dann für HRK, KMK und VG Wort endgültig: Farbe bekennen. 

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Die KMK sagt ja – und Thüringen, warum es nicht zustimmen wollte

Die Wissenschaftsminister lassen den "Masterplan Medizinstudium 2020" passieren.

DIE KULTUSMINISTERKONFERENZ (KMK) hat wie erwartet dem Masterplan zugestimmt und zusätzlich eine einseitige Erklärung beschlossen. Lediglich Thüringens Wissenschaftsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) enthielt sich der Stimme. Am Freitag um 12 Uhr laden Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe und Bundesforschungsministerin Johanna Wanka (beide CDU) Vertreter der KMK, der Gesundheitsministerkonferenz und einige Bundestagsabgeordnete ins Gesundheitsministerium ein. Seitens der KMK wird ein Staatssekretär kommen – was man durchaus als Statement der Minister verstehen darf.

 

Neben der formalen Verabschiedung des Masterplans soll die "Expertenkommission zur Neustrukturierung des Medizinstudiums" eingesetzt und der Aufbau einer Geschäftsstelle beschlossen werden. Auch wird sich die designierte Vorsitzende, die ehemalige Generalbundesanwältin Monika Harms, offiziell vorstellen. 

 

Über den Verlauf der Verhandlungen und das Hin und Her der vergangenen Wochen  hatte ich zuletzt gestern ausführlich berichtet. 


Das Unbehagen der Wissenschaftsminister drückt sich in ersten offiziellen Statements aus. Der Berliner Wissenschaftsstaatssekretär Steffen Krach (SPD) twitterte am späten Donnerstagnachmittag: "Die vollständige Umsetzung des Masterplans ist nur möglich, wenn die Uni-Kliniken finanziell massiv gestärkt werden." Baden-Württembergs grüne Wissenschaftsministerin Theresia Bauer sagte, es sei "zwingend für den Erfolg und die Umsetzung des Masterplans", dass die Finanzierung klar geregelt sei und dass sich auch der Bund und die Träger der Gesundheitsversorgung angemessen beteiligten." Die Kosten können am Ende nicht an den bereits heute überlasteten Haushalten der Hochschulmedizin, der Universitätskliniken und der Wissenschaftsressorts hängen bleiben." Deshalb sei sie froh, dass dieser Finanzierungsvorbehalt am Ende so klar von der KMK betont worden sei. 

Im Gegensatz dazu war für Thüringens Wissenschaftsstaatssekretär Markus Hoppe die einseitige KMK-Erklärung genau der Grund, weswegen sein Ministerium sich der Stimme enthalten habe. Er bedaure, dass keine gemeinsame Erklärung mit der Gesundheitsministerkonferenz zustande gekommen sei, sagte Hoppe. „Nach wie vor ist unklar, wie die Finanzierung des Masterplans gesichert werden soll. Dazu finden sich leider keine belastbaren Aussagen." Immerhin solle die Expertenkommission die Kosten der Umsetzung ermitteln. "Hier müssen dann der Bund und die Träger der medizinischen Versorgung einen angemessenen Finanzierungsbeitrag leisten. Neue finanzielle Belastungen für die Hochschulkliniken lehne ich ab.“

 

Der Medizinische Fakultätentag (MFT) lobte "viele sinnvolle Punkte" im Masterplan, "etwa die Kompetenzorientierung der Ausbildung oder die frühe Verknüpfung theoretischer und klinischer Lehrinhalte über den gesamten Verlauf des Studiums." Umso bedauerlicher, sagte MFT-Präsident Heyo K. Krömer, sei daher, "dass die Hängepartie für den weiteren Reformprozess, was die Finanzierung betrifft, auch nach der heutigen Entscheidung weitergeht."

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Ausgepokert

Die Wissenschaftsminister stimmen dem "Masterplan Medizinstudium 2020" heute voraussichtlich doch zu – obwohl ihre Forderungen nicht erfüllt wurden.

MINDESTENS EINER DÜRFTE  heute Mittag schmunzeln. Voraussichtlich wird das Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe sein, der schon vor drei Wochen eine Einladung für den 31. März versandt hatte, um an dem Tag den „Masterplan Medizinstudium 2020“ offiziell zu verabschieden. Zwischendurch drohten einige Wissenschaftsminister mit Ablehnung, und die Kultusministerkonferenz (KMK) verschob die Abstimmung. Ein Kompromisspapier zwischen Gesundheits- und Wissenschaftsministern kursierte und scheiterte. Doch Gröhe blieb unverdrossen und erneuerte sogar seine Einladung, mit der er Wissenschaftsminister, Gesundheitsminister und Bundestagsabgeordnete zum feierlichen Abschluss an einen Tisch holen wollte. 

 

Seit gestern sieht es so aus, als hätte sich die Abgebrühtheit des CDU-Politikers ausgezahlt: Bis heute Mittag 12 Uhr sollen die Wissenschaftsminister einem so genannten Umlaufbeschluss der KMK zustimmen, mit dem sie per E-Mail den Masterplan durchwinken. Und zwar so wie gehabt. Ohne Kompromisspapier. Trotzdem konnte sich gestern keiner der Ressortchefs ernsthaft vorstellen, dass das Ding noch danebengeht, so dass Gröhe, wie er es seit Wochen beabsichtigt, am Freitag in seinem Ministerium den strahlenden Gastgeber spielen kann.

Im Ergebnis haben die Wissenschaftsminister damit weder, wie von ihnen gefordert, die Zusicherung vom Bund erhalten, dass er sich an den Kosten der Reformen beteiligt, auch die „für die ärztliche Versorgung verantwortlichen Träger“ werden durch den verabschiedeten Masterplan nicht in die Pflicht genommen. Vor allem Baden-Württembergs grüne Wissenschaftsministerin Theresia Bauer hatte zuletzt vor einer einseitigen Überlastung der Wissenschaftshaushalte durch die Umsetzung gewarnt. Schließlich steht auch die Landarztquote, die unter anderem Niedersachsens grüne Wissenschaftsministerin Gabriele Heinen-Kljajic ablehnte, ohne die von den Wissenschaftsministern verlangten Einschränkungen in dem Papier. 

 

Warum sie dennoch voraussichtlich zustimmen? Die Motive sind sehr unterschiedlich. Das Wichtigste formuliert ein Landesstaatssekretär: „Die Reform ist so bedeutend, so grundlegend, dass wir die Gelegenheit, sie jetzt zu verabschieden, nicht verstreichen lassen dürfen.“ Natürlich habe der Termindruck, den Gröhe aufgebaut habe, sein Übriges getan. Besonders, so ist zu vermuten, in den von SPD oder Union geführten Wissenschaftsministerien, ist doch der Masterplan eines der letzten großen gemeinsamen Vorhaben der Großen Koalition.

 

Getröstet haben sich die Wissenschaftsminister, indem sie statt einer gemeinsamen Erklärung mit den Gesundheitskollegen jetzt eine, wie es heißt, „starke einseitige Stellungnahme“ zu ihrem Beschluss hinzufügen. Da haben sie alles hineingeschrieben, was die Gesundheitsminister ihnen nicht zugestehen wollten. Dort kann man jetzt nachlesen, dass „ein angemessener Finanzierungsbeitrag des Bundes“ erwartet werde und natürlich auch der Träger. Auch dass die vollständige Umsetzung des Masterplans unter Haushaltsvorbehalt stehe, betonen die Wissenschaftsminister noch einmal, und dass die Bundesregierung sich für finanzielle Verbesserungen für die Hochschulkliniken einsetzen soll. Bei der Durchsetzung der Landarztquote sprechen sie sich für Sanktionen aus, falls eingegangene Verpflichtungen nicht erfüllt werden – Sanktionen, für die, so die Wissenschaftsminister, die Gesundheitsminister verantwortlich sein sollen. Überhaupt komme die Quote nur in Betracht, wenn alle anderen Maßnahmen „nachweislich“ nicht ausreichten, um die ländliche Versorgung sicherzustellen.

 

Klare Worte haben sie da formuliert ­– nur sind sie allesamt nicht Teil des Masterplans. Denn das haben die Gesundheitsminister verhindert. Entsprechend groß ist das Gemurre in der KMK. „Mit vollem Herzen stimmt da kaum einer zu“, sagt ein hoher Beamter in einem Landesministerium. „Aber sie stimmen halt zu, weil keiner Schuld daran sein will, dass die Reform scheitert.“

 

Genau darauf haben die Gesundheitsminister offenbar gesetzt: auf das Verantwortungsgefühl ihrer Wissenschaftskollegen. Denn tatsächlich enthalten die 37 Punkte des Masterplans so viele überfällige Verbesserungen des Medizinstudiums, dass an vielen Stellen die Umschreibung „großer Wurf“ durchaus angebracht ist (zu den inhaltlichen Details siehe den Blogeintrag vom 08. März). „Allerdings“, sagt ein Staatssekretär, „die letzten Meter, die zur wirklichen Qualität der Reform geführt hätten, die haben am Ende gefehlt“ – und meint damit vor allem die unsichere Finanzierung der zum Teil sehr teuren Maßnahmen.

 

Wobei das nicht alle so negativ sehen. Ausgerechnet aus Niedersachsens Wissenschaftsministerium heißt es, mit der scharfen einseitigen Erklärung der KMK könne man jetzt viel besser leben als mit der „verwaschenen gemeinsamen Erklärung“, die vor dem vergangenen Wochenende kursierte, aus der nämlich „die Gesundheitsminister alle Klarheit und Verbindlichkeit herausgestrichen hatten“. Und die deshalb auch keine Mehrheit in der KMK gefunden habe. Die Mehrheit der Wissenschaftsministerien hingegen hatte sich für das Kompromisspapier ausgesprochen.

 

So reflektiert die voraussichtliche Zustimmung samt Extra-Erklärung an diesem Donnerstag auch das Bemühen der Wissenschaftsminister, trotz aller Dissensen wieder geschlossen gegenüber den Gesundheitskollegen und der Bundesregierung aufzutreten. „Was schon schwer genug ist, weil wir es uns aus sachlichen Gründen und den unterschiedlichen Länderperspektiven wirklich nicht leichtgemacht haben,“ sagt ein Staatssekretär. Insofern wäre alles andere als eine Zustimmung bis heute Mittag eine Blamage für die KMK.

 

Dass die Gesundheitsminister aus Bund und Ländern dagegen „wie eine Bank“ gestanden hätten, konnte man unter den Wissenschaftsministern immer wieder vernehmen – mit einer Mischung aus Anerkennung und Besorgnis. Das seien eben „rustikalere Typen“. Gestern kommentierte ein Wissenschaftsstaatssekretär frustiert: „Wir stimmen jetzt zu und üben daran, uns künftig so nicht mehr behandeln zu lassen.“ 

 

Gröhes Einladung wollten übrigens, Stand Mittwochabend, offenbar keine Wissenschaftsministerin und kein Wissenschaftsminister folgen. Vermutlich schicken sie ihre Staatssekretäre.


Foto: lobstar28: „surgeon“, CC BY-NC-ND 2.0. Die Skulptur heißt "Hope and Help" und steht steht vor dem International Museum of Surgical Science in Chicago.

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Eine Kehrtwende, die gerade noch rechtzeitig kommt

Berlins SPD-Regierungschef Michael Müller verkündet die neuen Hochschulverträge und ein erstaunliches Plus für die Hochschulen. Derweil sollte sich SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz ehrlich machen in Sachen Wissenschaftsfinanzierung.

EIGENTLICH WAR VORHER schon alles Wesentliche durchgesickert. So ungewohnt waren die Zuwächse für die Berliner Hochschulen, dass es einigen Chefs offenbar schwer fiel, bis zur heutigen Pressekonferenz des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller (SPD) das von oben verordnete Stillschweigen zu bewahren. In den vergangenen Tagen berichteten schon Tagesspiegel und Berliner Morgenpost ausführlich über Details der neuen Hochschulverträge. 

 

Irgendwie kann man es verstehen. Nach anderthalb Jahrzehnten der Sparrunden für die Berliner Wissenschaft sind die Zahlen, die der in Personalunion als Regierender und Wissenschaftssenator agierende Müller als gefühlt letzter, aber dafür offiziell verkündete, in sich eine kleine Sensation für die Hauptstadt. Das von Rot-Rot-Grün im Koalitionsvertrag gemachte Versprechen soll Wirklichkeit werden: Innerhalb von fünf Jahren steigt das Jahresbudget der staatlichen Berliner Hochschulen um 221 Millionen Euro, das entspricht fast einem Fünftel. "Rekord!", schreit die Pressemitteilung der Senatskanzlei, Müller selbst formuliert den Fast-schon-Gänsehautsatz: "Unsere Hochschulen sind das Rückgrat Berlins, die Wissenschaft und Forschung seine Zukunft."

 

Auch dass die Verhandlungen um die Hochschulverträge, bei denen das seit Herbst bekannte Plus auf die Hochschulen verteilt wurde, ebenfalls in Rekordzeit vonstatten gingen, rühmte Müller. Obgleich sie sich in den Hochschulen mitunter etwas weniger Zeitdruck und mehr Verhandlungsführung auf Augenhöhe gewünscht hätten. Ebenfalls festgelegt wurden in den Verträgen die Gegenleistungen, die die Hochschulen für das Geld bringen sollen. So sollen sie zum Beispiel unter dem Strich deutlich mehr Stellen entfristen.

 

Vor allem die Fachhochschulen feiern das Plus, aber auch die Universitäten, die mutig geworden von den guten Zahlen zuletzt noch mehr forderten, können, wie der Berliner sagt "kaum meckern". Ein bisschen taten sie es aber doch: über die hohe und aus ihrer Sicht kaum erfüllbare Vorgabe von künftig 2000 Lehramtsabsolventen pro Jahr zum Beispiel.

 

Mit seiner Kehrtwende in Sachen Hochschulfinanzierung reiht sich Berlin ein in den Club der Bundesländer, die ernst machen mit mehr Grundmitteln für die Hochschulen – wie etwa auch, um nur ein paar Große zu nennen, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen. Womöglich gerade noch rechtzeitig, wenn man die Signale aus der Bundespolitik beachtet. Die bundesweite Debatte um mehr Militärausgaben, die in den vergangenen Wochen an Schärfe gewonnen hat, zeigt: Das von den Ländern lange favorisierte Prinzip, nach Bundesprogrammen zu rufen, die dann mit einem möglichst geringen Anteil von Ländermitteln kombiniert werden, stößt an seine Grenzen. Der Bund wird künftig schlicht und einfach nicht mehr alle Bedürfnisse der Länder bedienen können. Er könnte es im Übrigen, siehe Neuordnung der Bund-Länder-Finanzbeziehungen und die Verteilung des Steueraufkommens, auch ohne die in der NATO geforderte Aufstockung der Verteidigungsausgaben nicht. 

 

Die Länder geraten dadurch ebenfalls in eine Situation, die sie lange nicht mehr erlebt haben: Sie werden in Sachen Wissenschaftsfinanzen ein Stückweit auf sich selbst zurückgeworfen. Und stärker als in den vergangenen zehn Jahren wird dadurch die Schere aufgehen zwischen den Bundesländern, die wie Berlin eine verlässliche Schippe auf die Hochschulbudgets drauflegen, und anderen, die das nicht können oder (was es leider auch immer noch gibt) politisch nicht wollen. 

 

An dieser Stelle wäre es an der Zeit auch für die Sozialdemokraten im Bund, sich ehrlich zu machen. Kanzlerkandidat Martin Schulz tut demonstrativ so, als gingen ihn die von den NATO-Mitgliedstaaten (allen voran, aber nicht nur von den USA) erhobenen Forderungen, auch Deutschland müsse mehr fürs Militär tun, nichts an. Sigmar Gabriel verkündet sogar, die NATO-Abmachung sei gar nicht bindend. Natürlich: Es geht um einen Wahlkampfschlager, der da in den nächsten Monaten gesungen werden soll nach dem Motto: Die Merkel-Union will raus aus Bildung und Wissenschaft, wir halten die Priorität und die Finanzierung weiter hoch. Das ist allerdings etwas einfach und durchsichtig vor dem Hintergrund, dass man Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) alles Mögliche vorwerfen kann, ganz sicher aber nicht, sich seit 2005 nicht nach ihren Möglichkeiten für eine Erhöhung der Forschungs- und Bildungsausgaben der Bundesregierung eingesetzt zu haben. Auch als begeisterte Militaristin ist sie bislang nicht in Erscheinung getreten. 

 

Ohne Merkels Leistung überhöhen zu wollen: Eine gewiefte Taktikerin wie die Bundeskanzlerin ist viel zu schlau, um ohne Not das BMBF-Budget einfrieren zu wollen. Wissenschaft ist populärer als Militär. Dass sie ihrem Finanzminister Wolfgang Schäuble erlaubt, genau dies zumindest in der Haushaltsplanung zu tun, deutet auf die Zwangssituation hin, die entstanden ist. Einer Zwangssituation, der sich – soviel steht fest – auch ein Bundeskanzler Martin Schulz auf die eine oder andere Weise würde stellen müssen. Es wird in den nächsten vier Jahren nicht darauf ankommen, zusätzliche BMBF-Milliarden zu verteilen; es wird darauf ankommen, den harten Verteilungskampf mit den Sozial- und Verteidigungspolitikern so zu absolvieren, dass es bestenfalls, so ist zu hoffen, keine realen Einbußen gibt. Doch genau an dieser Stelle jedoch bleibt die SPD plausible Antworten schuldig. 

 

Die Berliner Sozialdemokraten und ihre Koalitionspartner von den Grünen und der Linken hingegen geben sie auf ihre Weise. Auch zeigt sich, dass die Personalunion von Bürgermeister und Wissenschaftssenator von Vorteil für die Wissenschaft sein kann – solange, wie im Falle Müllers, der Regierungschef sich tatsächlich fürs Thema interessiert. Wie sollte jetzt noch der Finanzsenator dem Wissenschaftssenator Müller die Finanzierung der Hochschulverträge verweigern? Das Konstrukt funktioniert auch deshalb, weil hinter Müller ein so ehrgeiziger wie gewiefter Staatssekretär, Steffen Krach, wirbelte. Der Schwerpunkt, den sie gemeinsam in den nächsten Jahren auf die Hochschulfinanzierung legen wollen, wird indes nicht dazu führen, dass an den Unis der Luxus ausbricht. Im Gegenteil: Zunächst wird er die über Jahre angestaute Unterfinanzierung mildern, um dann ein Stückweit abzufedern, falls (oder wenn?) die Bundesmittel ins Stocken geraten. Hochschulchefs in manch anderem Bundesland werden heute neidisch nach Berlin schauen.

Fotos: Senatskanzlei; Foto-AG Gymnasium Melle: "Martin Schulz", CC BY-SA 3.0 CC

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Haken dran an den 91b

Die Wissenschaftsstaatssekretäre aus Bund und Ländern haben ihr Papier zur Wissenschaftsfinanzierung fertiggestellt. Was drinsteht und wie es jetzt damit weitergeht.

IRGENDWIE MUSS DEN Staatssekretären ihre eigene Arbeit hin und wieder absurd vorgekommen sein. Da saßen sie über Monate hinweg immer wieder zusammen in der Arbeitsgruppe „91b GG“, um neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit zwischen Bund und Ländern in der Wissenschaft auszuloten. Sie hantierten mit virtuellen Milliarden zwischen Studienplätzen, Hochschulbau und Programmkostenpauschalen, und parallel verkündete Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) fast wöchentlich und immer unverhohlener, dass sich die Haushaltsprioritäten des Bundes in Richtung Verteidigung und innerer Sicherheit verschieben müssten. 2,0 Prozent der Wirtschaftsleistung, wie die NATO sie fürs Militär fordert, entsprächen 25 Milliarden Euro zusätzlich, die laut Merkel eine wie auch immer geartete Bundesregierung nach der Bundestagswahl im September auftreiben müsste. Pro Jahr. Und das ziemlich bald.* 

 

So taten die Staatssekretäre das einzig Richtige in so einer Situation: Sie beeilten sich, ihre Arbeit fristgerecht abzuschließen, damit das Ergebnis in die politischen Verteilungsdiskussionen der nächsten Monate einfließen kann. Seit vergangener Woche liegt ihr fertiges Papier vor, „Möglichkeiten zur Anwendung des neuen Artikels 91b GG im Hochschulbereich“ heißt es. Und damit passiert nun was? Ja, da fängt der Streit schon wieder an. Doch dazu später.

 

Das wichtigste Ergebnis der Arbeitsgruppe habe ich in einem früheren Blogeintrag bereits vermeldet: Die Mittel, die der Bund bislang in den Hochschulpakt investiert hat, sollen auch nach 2020 weiter in die Hochschullehre fließen, und zwar dauerhaft. Über die Mechanismen gibt es besonders zwischen Union und SPD noch Diskussionen; tendenziell will die SPD stärker in die Breitenförderung aller Hochschulen, während die Union eher Schwerpunkte fördern will. Beide Seiten wollen im Vergleich zu bislang allerdings vermehrt Innovationen in der Lehre belohnen. Im Papier klingt das dann so: Bund und Länder könnten auf den Erfahrungen aus dem Hochschulpakt 2020 und dem Qualitätspakt Lehre „mit ihren kapazitäts- und qualitäts- steigernden Komponenten aufbauen und nach Auslaufen beider Programme im Jahr 2020 die hierfür bislang bereitgestellten Mittel weiterhin in diesem Sinne für die Hochschulen einsetzen“.

Allein für dieses klare Bekenntnis von Bund und Ländern habe sich ihre Arbeit gelohnt, sagen einige der beteiligten Staatssekretäre nicht ohne Selbstzufriedenheit. >>



>> Tatsächlich ist die Passage zum Hochschulpakt aber auch eine der wenigen, die nicht ambivalent daherkommt. So besteht zwar grundsätzlich Übereinstimmung zwischen Bund und Ländern, was die heilsame Wirkung des Paktes für Forschung und Innovation (PFI) angeht, der die vier großen außeruniversitären Wissenschaftsorganisationen und die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziert. Die Zukunft des Pakts adressiert allerdings ein einziger Absatz, der noch dazu nur die Position des Bundes wiedergibt. Eine mögliche Fortsetzung des PFI sei an die Rückkehr zu einer schlüsselgerechten Finanzierung zwischen Bund und Ländern gebunden, hat Cornelia Quennet-Thielen, die Staatssekretärin von Bundesforschungsministerin Johanna Wanka (CDU), dort aufschreiben lassen. Im Klartext: Wenn die Länder nicht wieder mitmachen, gibt es auch keinen neuen Pakt. In der aktuellen Paktperiode hatte der Bund das jährliche Drei-Prozent-Plus allein übernommen. Warum die Länder sich in dem Papier auf keine Zusagen einlassen wollten, bleibt fraglich, zumal etliche Landesminister in kleiner Runde bestätigen, dass der Bund da natürlich Recht habe. Fürchten sie die Reaktion ihrer Ministerpräsidenten?

 

Ähnlich zwiespältig sind die Passagen zu einer etwaigen Verstetigung der DFG-Programmpauschalen. Während die Länder sich eine dauerhafte Zahlung wünschen und (sehr dialektisch!) bekräftigen, sie trügen ja schon über die Grundfinanzierung der Hochschulen zur Programmfinanzierung bei, notiert der Bund klipp und klar: Das Thema habe nichts mit der Grundgesetzänderung zu tun, weil Änderungen bei der Projektförderung auch schon vorher möglich gewesen seien. Bislang allerdings sei eine Verstetigung an der mangelnden Bereitschaft der Länder gescheitert, ihren Anteil beizusteuern. Die Botschaft lautet also: Da ginge mehr, aber nur, wenn die Länder mitgehen.

 

Nicht mehr geht laut Bund beim Thema Hochschulbau: Für eine Anwendung des Artikels 91b bestehe „weder rechtlich noch politisch Raum“, gleiches gelte für die den Ausbau der sozialen Infrastrukturen. Auch den Ruf der Länder, beim Aufbau von mehr Dauerstellen in der Wissenschaft zu helfen, weist der Bund zurück mit dem Hinweis, Karrierekonzepte und mehr Stellen für den Mittelbau seien „Sache jeder einzelnen Hochschule“ – und bei den Professoren habe der Bund ja über das Tenure-Track-Programm bereits Akzente gesetzt. Und dann sind da noch die von den Ländern gewünschten „thematischen Zentren“ an Hochschulen, die, so die Länder, einen „Beitrag zur überregionalen Bedeutung und Profilierung des jeweiligen Feldes im internationalen Wettbewerb leisten“ könnten. Die Antwort des Bundes: Wenn die Länder solche Zentren wollten, könnten sie ja jederzeit die Grundfinanzierung ihrer Hochschulen erhöhen.

 

Eine Reihe weiterer Ideen, allesamt unstrittig, werden in dem Papier munter diskutiert, von der gemeinsamen Unterstützung digitaler Lehrinnovationen bis zu themenübergreifenden Verbünden, in denen eine oder mehrere Hochschulen mit einer oder mehreren außeruniversitären Forschungseinrichtungen zusammen neue „institutionelle Kooperationen“ eingehen könnten, langfristig, standortbezogen oder standortübergreifend. Dank des 91b könnten die Länder nun bei solchen länderübergreifenden „Verbünden, Zentren oder Konsortien“ gleichberechtigte Partner sein. Hört sich irgendwie vertraut an? Zu diesem Ergebnis könnte man zumindest kommen, wenn man die Ankündigung von Bundesforschungsministerin Johanna Wanka (CDU) in Sachen „Max Planck Schools“ verfolgt hat.

 

„Großen Schnittmengen“ habe man gefunden und „kleine Dissensen“ festgehalten, bilanziert ein Staatssekretär. Eine optimistische Sichtweise, zumindest was die Dimension der Dissense angeht. Dennoch könnte das Papier eine Grundlage für schnelle Beschlüsse in der neuen Legislaturperiode bieten. Die Optimisten sehen schon ganze Passagen davon in künftigen Koalitionsverträgen auftauchen. In jedem Fall kann sich das Ergebnis in seiner Klarheit sehen lassen. In der Klarheit dessen, was alle wollen, und auch in Bezug auf das, wo Länder und Bund nicht zusammengefunden haben.

 

Kein Glanzstück war hingegen der Schlagabtausch, den sich Bund und Länder in ihrer finalen Sitzung zu dem Papier geliefert haben. Wankas Staatssekretärin Quennet-Thielen beharrte darauf, dass das fertige Papier nur den Ministerpräsidenten und nicht der Bundeskanzlerin vorgelegt werden soll. Was viele ihrer Kollegen aus den Ländern als unsinnig kritisieren, schließlich handle es sich um ein Dokument im Auftrag der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz (GWK) von Bund und Ländern. Quennet-Thielen berief sich jedoch auf den Auftrag, den die GWK der Arbeitsgruppe von Anfang an erteilt hatte, und darin sei eben nur von den Ministerpräsidenten die Rede gewesen.

 

Was soll das?“, könnte man jetzt in der Tat fragen, wenn die Antwort nicht so offensichtlich wäre: Wenn die Bundeskanzlerin nicht offiziell Kenntnis von dem Papier erhält, macht sie es sich weniger zueigen und behält mehr Spielraum. Spielraum, vor dem sich einige in den Ländern bereits fürchten. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) hat kürzlich die Haushaltseckpunkte für 2018 und die Finanzplanung bis 2021 vorgelegt, denen zufolge das Budget von Wankas Ministerium sinken soll. Das werde am Ende sicher anders kommen, versichern Wankas Leute, doch, siehe Merkels Ansagen in Sachen Verteidigungshaushalt, die Nervosität steigt angesichts der im 91b-Papier festgehaltenen Absicht von Bund und Ländern, den Hochschulpakt nach 2020 zu verstetigen.

 

Indes hat selbst dieses unschöne Gezerre am Ende einen gewissen Unterhaltungswert: Der Termin im Frühjahr, an dem die Ministerpräsidenten allein das Papier vorgelegt bekommen sollen, ist einer, bei dem Bundeskanzlerin Merkel vorraussichtlich auch dabei ist. „Wenn sie das nicht mitkriegen will, muss sie schon aus dem Raum gehen“, sagt eine Wissenschaftsministerin.

 

Fotonachweis: David~: "Ufo-Lampen", CC BY 2.0


*Eine spannende Analyse zum 2-Prozent-Ziel der NATO und den sich darüber abzeichnenden Streit zwischen Union und SPD findet sich im aktuellen SPIEGELDas Nachrichtenmagazin zitiert Außenminister Sigmar Gabriel mit dem Satz, die Nato habe "niemals beschlossen, dass wir in acht Jahren zwei Prozent unseres Sozialprodukts für Verteidigung ausgeben sollen". Dann hätten es die 27 Länder falsch verstanden, habe dagegen CDU-Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen gefragt. 

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Masterplan Medizinstudium: Einigung möglicherweise noch vor dem Wochenende

Zwischen Bund und Ländern kursiert ein Kompromisspapier, das den Durchbruch bringen soll.

DAS RINGEN UM einen Kompromiss um den „Masterplan Medizinstudium 2020“ geht in seine entscheidende Phase. Zusammengetrommelt auf Initiative von Bremens Wissenschafts- UND Gesundheitssenatorin Eva Quante-Brandt (SPD), haben am Dienstag acht Amtschefs der Gesundheits- und Wissenschaftsministerien in Berlin zusammengesessen, um sich erstmal darüber einig zu werden, worüber genau sie eigentlich noch streiten. 

 

Vergangene Woche war die eigentlich geplante Verabschiedung des Masterplans in der Kultusministerkonferenz kurzfristig von der Tagesordnung gestrichen worden, nachdem Baden-Württembergs grüne Wissenschaftsministerin Theresia Bauer ein "Nein" angekündigt hatte. 

 

Die Atmosphäre der am Dienstag wiederaufgenommenen Verhandlungen beschreiben Anwesende als „bisweilen giftig im Ton“. Die Gesundheitsseite habe sich „wenig konziliant“ gegeben, berichtet ein Wissenschaftspolitiker. Nur den anstehenden Landtags- und Bundestagswahlen sei es geschuldet, dass der Wille zur schnellen Einigung bei den Noch-Bundeskoalitionären SPD und Union überhaupt so ausgeprägt sei.

 

Womit auch erklärbar wird, warum der offizielle Widerstand gegen den Masterplan (genauer: gegen die bislang verabredeten Modalitäten seiner Finanzierung) nur aus zwei grün geführten Wissenschaftsministerien kam: aus Niedersachsen (gegen die Landarztquote) und aus Baden-Württemberg (gegen die mangelnde finanzielle Beteiligung der Gesundheitsseite). In der kritischen Bewertung stimmten ihnen nämlich fast alle anderen Wissenschaftsminister zu.

 

Das Ergebnis der Beratungen vom Dienstag ist ein zweiseitiges Kompromisspapier zu Finanzierung und Landarztquote, das jetzt zwischen Wissenschafts- und Gesundheitsseite kursiert – mit dem Ziel, die Kuh möglichst noch vor dem Wochenende vom Eis zu holen.

 

Der Medizinische Fakultätentag (MFT) kritisiert unterdessen die mangelnde Transparenz der Verhandlungen. „Es kann nicht sein, dass jede Frage nach dem Stand des Masterplans mit dem Hinweis abgefertigt wird, dass man nichts sagen könne, solange es keinen abschließenden Beschluss gibt“, sagt MFT-Generalsekretär Frank Wissing.

 

Dabei hätten der MFT und andere Akteure im Gesundheitssektor durchaus etwas zu sagen. Beispiel Finanzierung: Weil die Gesundheitsministerien lange „Wünsch dir was“ gespielt und alle möglichen kostenintensiven Forderungen in den Masterplan geschrieben hätten, sei die Forderung der Wissenschaftsministerien, dass sich Bund, Ärztekammern oder auch Kassenärztliche Vereinigungen stärker an den Kosten beteiligen sollten, „sehr nachvollziehbar“. Doch: „Das darf nicht zu einem Flickenteppich bei der Finanzierung führen, so dass die Fakultäten am Ende das Geld für die Reform Häppchen für Häppchen selbst einsammeln müssen“, sagt Wissing. Zentraler Ansprechpartner für die Finanzierung müssten die Länder bleiben.   

 

Beispiel Studienqualität: Die Politik will den so genannte „Nationalen Kompezenzbasierten Lernzielkatalog Medizin“ (NKLM) weiterentwickeln und zum Teil der Approbationsordnung machen. Dazu soll eine Kommission mit eigener Geschäftsstelle beim Institut für medizinische und pharmazeutische Prüfungsfragen (IMPP) eingerichtet werden – mit Vertretern von Bund und Ländern und der unterschiedlichsten Akteure aus Medizin und Gesundheitssektor. „Sehr irritierend“ nennt MFT-Generalsekretär Wissing diese Pläne. Denn der NKLM sei bislang von den Fakultäten und Fachgesellschaften selbst entwickelt worden, bei ihnen liege auch das Copyright. „Wenn jetzt also die Protagonisten des Masterplans durch die Lande reisen und verkünden, der NKLM werde durch sie weiterentwickelt, ohne dass sie vorher die Fakultäten gefragt haben, wie die das überhaupt finden, ist das unangemessen.“

 

Wissing berichtet von einer „großen Verunsicherung in den Fakultäten, gerade auch in den bisherigen Modell-Studiengängen, die nicht wüssten, wie es mit ihnen weitergehen solle. „Dieser Schwebezustand muss beendet werden.“

 

Zumindest der letzte Wunsch Wissings könnte bald in Erfüllung gehen. Darauf zumindest deuten momentan alle Zeichen hin.  

Nachtrag am 24. März:
Stand heute Morgen ist eine kurzfristige Einigung nicht absehbar. Gesundheits- und Wissenschaftsministerien diskutierten immer noch über einzelne Dissenspunkte, heißt es aus den Verhandlungen.

 

Nachtrag am 25. März:
Die Verhandlungen sind vertagt. Über das kursierende Kompromisspapier ließ sich entgegen aller zwischenzeitlichen Hoffnungen bislang kein Kompromiss finden in Sachen Finanzierung und Anwendung der Landarztquote. Nächste Woche soll es weitergehen. 

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Bitte an die Fakten halten!

Die Abiturienten von heute können nicht mehr richtig Mathe, warnen 130 Professoren und Lehrer in einem "Brandbrief". Dabei unterliegen sie einer Fehlwahrnehmung.

Foto: Mike Wilson
Foto: Mike Wilson

DER TAGESSPIEGEL HAT gerade einen ziemlichen Scoop gelandet. 130 Professoren und Lehrer haben einen, wie das immer so schön heißt, „Brandbrief“ verschickt an die Bildungspolitik von Bund und Ländern, und der Tagesspiegel machte ihn gestern öffentlich. Den Abiturienten mangele es an mathematischem Grundwissen, warnen die Unterzeichner, selbst die Bruchrechnung werde nicht sicher beherrscht. Damit seien viele Schulabgänger nicht mehr studierfähig, zumindest nicht in Studiengängen wie Wirtschaft, Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik.  

 

Der Nachhall heute in der Medienlandschaft auf den Aufschrei ist gewaltig, viele Lehrer, Eltern und Wissenschaftler sehen sich bestätigt in ihrem gefühlten Wissen. Endlich trauen sich die Leute mal zu sagen, wie es wirklich ist!

 

Die Frage ist allerdings: Ist es wirklich so? Stimmt es, wie die Unterzeichner kritisieren, dass „die Bildungsstandards“, die nach dem Pisa-Schock von 2001 eingeführt wurden, schuld sind an der Misere, weil sie ein Mindestniveau zum Standard erklärt haben? Machen sie den Mathematikunterricht kaputt, weil sie auf eine zweifelhafte „Kompetenzorientierung“ abheben, anstatt das Erlernen der Grundlagen einzufordern? Ist es so, wie Tagesspiegel-Redakteurin Susanne Vieth-Entus heute schreibt, dass die Lehrer und Schüler sich nur auf die Pisa-spezifischen Aufgaben eingestellt und so etwas bessere Befunde eingefahren hätten, „ohne dass sich an der grundsätzlichen Einstellung zur Mathematik etwas geändert hätte“?

 

Was wundert an dem Brief selbst wie an seiner öffentlichen Kommentierung ist die unverhohlene Skepsis der empirischen Bildungsforschung gegenüber, die da zum Ausdruck kommt. Während sonst überall gewarnt wird vor der aufkommenden Wissenschaftsfeindlichkeit, die unsere Demokratie gefährde, wird der Bildungsforschung mit einem Federstrich die Aussagekraft ihrer Erkenntnisse abgesprochen. Ein erstaunlicher Vorgang.

 

Halten wir uns mal an die Fakten. Erstens: Es ist gibt unzählige Studien, die belegen, das Pisa weitaus mehr misst als nur die Fähigkeit der Schüler, sich auf bestimmte Aufgabentypen einzustellen. Natürlich kann man alle diese Untersuchungen bezweifeln, aber eigentlich nur, indem man das wissenschaftliche Fundament der empirischen Bildungsforschung insgesamt in Frage stellt.

 

Das gleiche gilt zweitens für die angegriffene Kompetenzorientierung: Es fällt schwer, einen ernsthaften Gegensatz zu konstruieren zwischen dem im Brief geforderten Beherrschen fachlicher Grundfertigkeiten und dem Anspruch moderner Bildungswissenschaft, diese Grundfertigkeiten dann auch anwenden zu können. Ohne Grundlagen keine Anwendung, so einfach ist das. Insofern sind Bildungsstandards, die über die Beschreibung solcher Problemlösekompetenzen definiert werden, sehr wohl eng verknüpft mit dem fachlichen Grundwissen.

 

Drittens: Die Aufgaben, mit denen die Einhaltung der Bildungsstandards überprüft werden sollen, werden am im Brief ebenfalls kritisierten Institut für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) entwickelt, und natürlich finden sich unter den IQB-Testaufgaben etliche, die zu leicht sind, zu schwer, wirklichkeitsfremd oder gar lächerliche Szenarien enthalten. Doch was ist diese Feststellung wert angesichts Tausender ebenfalls misslungener Aufgaben, die sich Mathematiklehrer überall im Land ausdenken (übrigens neben Tausenden anderen, die hervorragend sind)?

 

Fest steht im Gegensatz dazu, dass nur dank des zentralen Abitur-Aufgabenpools, den ebenfalls das IQB entwickelt hat, etwa in Hamburg wie selten zuvor über die Qualitätsverbesserung des Mathematikunterrichts gerungen wird – denn erst die Bildungsforschung hat die nötige Transparenz in die Auseinandersetzung gebracht.   

 

Halten wir uns an all die Fakten, gelangen wir ziemlich schnell zum Kern der Auseinandersetzung um den Brandbrief. Pisa belegt, dass die 15-Jährigen heute nicht ein klein wenig, sondern deutlich fitter sind in Mathematik als die Neuntklässler Anfang der 2000er Jahre. Sie haben bessere Grundlagen und sie können diese zielsicherer anwenden. Warum aber ignorieren das die Professoren und Lehrer? Warum sprechen Kommentatoren lieber der Bildungsforschung ihre Wissenschaftlichkeit ab, als diese Tatsache akzeptieren zu können?

 

Weil sie einer Fehlwahrnehmung unterliegen. Heute studieren 50 Prozent mehr junge Menschen als 2003. Viel mehr Jugendliche absolvieren das Abitur. Eigentlich sollte man keinem Mathematiker erklären müssen, was das bedeutet: Ein größerer Anteil eines Altersjahrgangs an den Hochschulen bedeutet trotz besserer Durchschnittsleistungen mehr Studienanfänger mit schwächeren Mathematikkenntnissen. Punkt. Es kann also sehr wohl sein, dass die Schüler in Deutschland heute besser Mathe können als vor 15 Jahren und gleichzeitig die Studienanfänger im Schnitt mit weniger Vorkenntnissen in die Hörsäle strömen.

 

Kann, soll, muss man das kritisieren? Es kommt darauf an. Wenn man der Meinung ist, dass mehr Bildungsbeteiligung das Niveau der Leistungsstarken senkt, dann ja. Dann muss man sie wohl als „Gleichmacherei“ diskreditieren. Allerdings gibt es für die These, dass die Starken unter der wachsenden Zahl der (zunächst) Leistungsschwächeren leiden, keinerlei empirischen Belege.

 

Im Gegenteil aber gibt es sehr wohl Belege dafür, dass die Öffnung von Abitur und Hochschulen nicht dümmere Schüler in neue Bildungshöhen katapultiert, sondern solche mit den schlechteren sozialen Voraussetzungen. Die sehr wohl in der Lage wären, aufzuholen und mitzuhalten – wenn man sie den gerade am Übergang zwischen Schule und Hochschule besonders unterstützt. Darauf, das weiß die Bildungspolitik längst, wird es in den nächsten Jahren besonders ankommen.

 

Und ja, keine Frage: Mit der Zahl der Studienanfänger steigt die auch Herausforderung für die Hochschullehrer, mit diesen offensichtlichen Schwächen vieler First-Generation Students umzugehen. Ist das ein Grund, sich in die 80er Jahre zurückzuwünschen? Für einige offenbar schon. Auf jeden Fall ist es für sie der Grund, unter den Stichwörtern „Pisa, Kompetenzorientierung & Co“ zu einem Rundumschlag gegen die empirische Bildungsforschung insgesamt auszuholen.

 

Produktiver wäre es freilich, ihre Erkenntnisse nutzen, um Antworten zu finden auf die eine berechtigte Frage: Wie bringen wir das mathematische Grundwissen zu jenen Schülergruppen, die es noch nie hatten – erst recht nicht in den vermeintlich guten alten Vor-Pisa-Zeiten? Genau an der Stelle wird es spannend. Und der "Brandbrief" gähnend langweilig.  

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Fingerzeig nach irgendwo

Sechs Ministerpräsidenten haben sich als Diplom-Fans geoutet. Was folgt daraus für die Hochschulpolitik?

Foto: Shirly Niv Marton
Foto: Shirly Niv Marton

DAS KOMMT DABEI heraus, wenn Ministerpräsidenten selbst Hand an die Hochschulpolitik legen. Eigentlich hätte es eine Formsache sein sollen, als die Länderchefs vergangene Woche in ihrer Konferenz dem neuen Staatsvertrag zur Akkreditierung von Studiengängen zustimmten, den ihre Wissenschaftsminister über Monate ausgehandelt hatten. Doch sechs Ministerpräsidenten beließen es nicht bei dem Ja, sondern fügten eine Protokollnotiz hinzu. Mit der noch ausstehenden Erarbeitung der so genannten Musterverordnung, formulierten die sechs, „sei die Erwartung verbunden, doch noch eine für alle Länder tragfähige Lösung zur Anerkennung des Diploms zu erreichen.“

 

Hinter der konzilianten Technokratensprache verbirgt sich Sprengstoff. Durch die Hintertür wollen die Ministerpräsidenten den totgeglaubten Abschluss wiederbeleben. Und das geht so: Jeder Staatsvertrag ist nur so viel wert wie die Ausführungsverordnung, mit der jedes Bundesland für sich bestimmt, wie der Vertrag praktisch umgesetzt werden soll. Um einen föderalen Flickenteppich zu vermeiden, einigen sich alle 16 Länder normalerweise auf eine Musterverordnung, die sie dann gleichlautend in Landesrecht übernehmen.

 

Und obwohl der Staatsvertrag die Kombination der Wörter „Diplom“ und „Akkreditierung“ tunlichst vermeidet, wollen die sechs Ministerpräsidenten jetzt über diese Verordnung seinen Wirkungsbereich auf Abschlüsse mit dem alten Namen ausdehnen. Eine faktische Gleichstellung mit den neuen gestuften Abschlüssen Bachelor und Master, denen bislang die Akkreditierung vorbehalten war. Es bröckelt etwas in der Hochschullandschaft, und es bröckelt von oben nach unten.

 

So, wie Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) bereits die Rückabwicklung der Schulzeitverkürzung G8 zur „Chefsache“ erklärt hat, so wollen er und fünf Mitstreiter nun offenbar auch bei einem anderen Bildungsthema Populismuspunkte sammeln. Zwar war es ruhiger geworden um die Bologna-Studienreform, doch beliebt sind die Anfang des neuen Jahrtausends eingeführten europaweit gültigen Studienabschlüsse bei vielen Professoren bis heute nicht. Auch unter den Spitzenmanagern finden sich immer noch viele, die den „Diplom-Ingenieur“ als verloren gegangenes Aushängeschild deutscher Wertarbeit verklären.

 

Mit ihrer Diplom-Nostalgie zeigen die Ministerpräsidenten wenig Fachkenntnis. Doch auch wenn der Wunsch der Sechs dank des Einstimmigkeitsprinzips in der Kultusministerkonferenz in Sachen Akkreditierung folgenlos bleiben dürfte, ist er ein Signal. Zuallererst an die Bologna-Kritiker: Da geht noch was. Die Reform ist in der Politik nicht so fest verankert, wie die meisten Minister glaubhaft machen wollen. Das Signal geht aber auch an die Kultusminister: Wenn ihr jetzt nicht eure Chefs überzeugt, war die Protokollnotiz erst der Auftakt.

 

Die Hochschulen jedenfalls sollten sich in Acht nehmen. Der Riss, der da ganz offenbar durch die Politik geht, könnte sehr schnell auf dem Campus ankommen. Falls es noch einen Bologna-Fan gab, der dachte, es sei Zeit sich zurückzulehnen, sollte er jetzt dringend aufwachen.

Dieser Kommentar erschien heute zuerst im ZEIT Chancen Brief.

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Ein Flaschenhals, der (vielleicht) gar nicht existiert

Es gebe zu wenige Professorenstellen für qualifizierte Nachwuchswissenschaftler, heißt es immer. Plausible Schätzungen kommen zu einem anderen Ergebnis. Ein Gastbeitrag von Karl Ulrich Mayer.

Foto: Pete Wright
Foto: Pete Wright

NICHT ALLE KLAGEN, die über die Arbeitsbedingungen junger Wissenschaftler erhoben werden, sind berechtigt. Zum Beispiel die, dass „Nachwuchs“-WissenschaftlerInnen mehr als acht Stunden am Tag und mehr als 40 Stunden in der Woche arbeiten, und wohl auch nicht, dass Promovierende neben ihrer Dissertationsarbeit noch lehren und Arbeiten in Projekten übernehmen. Andere Beschwerden hingegen kann man gar nicht oft genug wiederholen. Dass die Arbeitsverträge in der Promotions- und Postdocphase immer noch viel zu kurz befristet sind etwa.

 

Das eigentliche Skandalon wäre jedoch, wenn junge WissenschaftlerInnen, die den mühsamen Weg der Qualifizierung, der Publikationen und Konferenzarbeit hinter sich gebracht haben, die höchst qualifiziert und spezialisiert sind, im schon nicht mehr sehr jungen Alter von um 42 Jahren feststellen müssten, dass ihnen trotz allem keine Stellen als Hochschullehrer offen stünden. Ein bekannter Sprecher der Juniorprofessoren, Remigius Bunia, hat 2014 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vermutet, dass es ungefähr zwei Drittel aller Berufungsfähigen nicht auf eine Dauerstelle schafften Der Präsident der Freien Universität, Peter-André Alt, konstatierte schon 2012 ebenfalls in der FAZ ein Glücksspiel von 1: 300 für die Berufungschancen von Promovierten. Nach einem Beitrag von Neufeld und Johann (in Forschung&Lehre 9/2016) bleibt 82 Prozent der Aspiranten eine Professur verwehrt.

Doch was wissen wir wirklich über Angebot und Nachfrage an der Schwelle zur Professur? Wie groß und daher empörend ist dieses Skandalon?  Der neue Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs erlaubt dazu einige Aufschlüsse.

 

Gefragt, was sie in zehn Jahren beruflich machen werden bzw. wollen, streben etwa die Hälfte der Promovierten an Universitäten und außeruniversitären Forschungseinrichtungen nach der Promotion eine Tätigkeit in der akademischen Forschung und Lehre an. 22 Prozent wünschen sich eine Professur oder leitende wissenschaftliche Tätigkeit im öffentlichen Hochschulsektor, 20 Prozent eine   Mitarbeiterstelle und 34 Prozent eine wissenschaftliche Tätigkeit außerhalb der Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen. 22 Prozent wiederum planen eine Tätigkeit ohne Forschungsbezug. 

 

Diese Zahlen zu den Berufszielen stammen aus der 2016 von Stifterverband und Deutschem Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) veröffentlichten Studie „Personalentwicklung“. Einer anderen Umfrage zufolge nennen 61 Prozent der befragten Nachwuchswissenschaftler als Berufsziel die Professur. Wenn von den jährlich rund 20.000 Promovierten (ohne Medizin) etwa ein Drittel in Forschung und Lehre verbleiben, sind es also je nach Studie 1500 bis 4500 Personen pro Jahr, die eine Tätigkeit in der akademischen Forschung und Lehre oder explizit eine Professur anstreben. Dem stehen jährlich etwa 2000 Vakanzen an ausgeschriebenen Professuren demgegenüber. Diese Personengruppe kann man als Rekrutierungs-, aber noch nicht als Kandidatenpool betrachten.

 

Die einzige vermutlich belastbare Zahl zu den offensichtlich schon Berufungsqualifizierten ist die jährliche Zahl der Habilitierten, die von 2128 im Jahr 2000 auf 1627 im Jahr 2014 fiel. Dazu kommen (wiederum für das Jahr 2014) die 1613 Juniorprofessoren und 921 Leiter von Nachwuchsgruppen.  Wir wissen allerdings auch, dass etwa die Hälfte der erstberufenen W2- und W3-Berufenen nicht habilitiert ist, da seit einigen Jahren auch habilitationsäquivalente Leistungen qualifizieren. Von den   Habilitierten muss man allerdings den größten Teil der Humanmediziner abziehen, da sie mit der Habilitation keine Universitätsprofessur, sondern die Leitung einer Klinik   anstreben. Die Mediziner stellten 2014 die Hälfte der Habilitationen, gleichzeitig wurden 122 habilitierte Mediziner auf eine Professur (davon 58 auf eine W2 Professur) berufen.

 

Der Pool an Berufungsqualifizierten umfasst also schätzungsweise jährlich 850 Habilitierte (ohne Mediziner), ein Sechstel der Juniorprofessuren (um 270) und ein Fünftel der Nachwuchsgruppenleiter (um 180), also insgesamt rund 1300 Personen. Davon muss man noch die Gruppe der Personen abziehen, die sowohl eine Juniorprofessur haben oder eine Nachwuchsgruppe leiten. Unter den 2014 Erstberufenen gab es etwa ein Fünftel, die sowohl aus einer Juniorprofessur kamen als auch habilitiert waren. Unterstellt man, dass es auch unter den Leitern von Nachwuchsgruppen ähnlich viele Habilitierte gab, so gelangt man zu einer Zahl von Berufungsqualifizierten für 2014 von etwa 1220 Personen. Dem standen 2014 887 Erstberufungen (ohne Fachhochschulen) gegenüber. Dies ergäbe ein Chancenverhältnis von ca. 1: 1,4.  

 

Alle diese Schätzungen sind freilich mit hohen Unsicherheiten verbunden. So dürften etwa von den Bewerbern mit habilitationsäquivalenten Leistungen, im Jahr 2014 insgesamt 345 Personen, etliche   aus der Gruppe der Juniorprofessoren und Nachwuchsgruppenleiter gekommen sein. Das könnte leicht zu einer Minderung der Chancen führen. In Rechnung zu stellen ist aber auch, dass die Fachhochschulen ihre Professoren zum Teil aus der Gruppe der wissenschaftlichen Mitarbeiter an Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen rekrutieren. Die vielen unterschiedlichen, teilweise widersprüchlichen Zahlen, die in dieser Debatte genannt werden, zeigen den morastigen Boden in der Abschätzung des Flaschenhalses. Zwischen 1999 und 2011 gab es laut Deutschem Hochschulverband (DHV) jährlich rund 1500 Ausschreibungen für W2- und W3-Professuren, 2014 kamen 40.000 Bewerbungen auf 1648 W2- und W3-Berufungen. Daraus wird im BuWiN eine Berufungsquote von etwa vier Prozent abgeleitet, also ein Chancenverhältnis von 1:25.

 

Die Angebotsseite des Professoriats wird in hohem Maße durch das altersbedingte Ausscheiden bestimmt. Von 2015 bis 2024 sollen 7866 Professoren altersbedingt ausscheiden; im EFI-Bericht 2017 werden für den kleineren Zeitraum von 2017 bis 2024 11.770 altersbedingte Vakanzen errechnet. Das würde durchschnittlich eine jährliche Anzahl von 800 bis 1400 Vakanzen produzieren.  Dazu kommen über die nächsten 15 Jahre 1000 Stellen für Tenure-Track-Professuren aus dem 2016 beschlossenen Nachwuchswissenschaftlerprogramm der Bundesregierung, also jährlich weitere 100 Vakanzen ab 2023. Könnte es angesichts solch annähernd ausgeglichener Zahlen also sein, dass das Skandalon in massiver Form gar nicht existiert?


HABEN SIE EINE ANDERE POSITION?
SAGEN ZAHLEN, DIE SIE KENNEN, ETWAS ANDERES?
FOLGEN SIE KARL ULRICH MAYERS AUFFORDERUNG UND SCHREIBEN SIE ES AUF. 


Woher kommt aber dann die Diskrepanz zwischen den subjektiv gefühlten und in der Öffentlichkeit dramatisierten Unsicherheiten und diesen meines Erachtens plausiblen Schätzungen?  Es ist höchste Zeit, durch bessere (Längsschnitt-)Daten diese Diskrepanz in der einen oder anderen Richtung aufzulösen. Und ich fordere zu mindestens ebenso detaillierten Alternativrechnungen und –simulationen auf. Denn das potenzielle Problem ist nicht nur für die jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler viel zu wichtig, um Ad-Hoc-Spekulationen überlassen zu bleiben.

 

Unbestritten ist darüber hinaus, dass die Betreuungsverhältnisse zwischen Professoren und Studierenden auch im internationalen Vergleich himmelsschreiend sind und die Qualifizierungszeiten des wissenschaftlichen Nachwuchses nach der Promotion viel zu lang dauern.

 

Der Soziologe Karl Ulrich Mayer ist emeritierter Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, war Präsident der Leibniz-Gemeinschaft und leitet den wissenschaftlichen Beirat des "Bundesberichts Wissenschaftlicher Nachwuchs".

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Leise Grüße vom Digitalpakt

SPD-Haushaltsexperte Swen Schulz warnt: Finanzminister Schäuble legt Wankas Fünf-Milliarden-Plan trocken. Die Realität ist noch etwas komplexer.

Foto: Thomas Kvistholt
Foto: Thomas Kvistholt

DAS HABEN DIE Sozialdemokraten Johanna Wanka bis heute nicht vergessen. Ende September war es, und die SPD versuchte sich an der großen Geste. Eine „nationale Bildungsoffensive“ forderte sie, eine „gemeinsame Kraftanstrengung von Bund, Ländern und Gemeinden für eine bessere Bildung an unseren Schulen“. Doch kaum einer hörte zu. Dann gab die CDU-Bundesbildungsministerin ein unabgesprochenes Interview in der Bild am Sonntag, stellte einfach mal fünf Milliarden Euro in Aussicht und versprach, Deutschlands Schulen informationstechnisch ins 21. Jahrhundert zu katapultieren. Einen schnittigen Namen für ihre Initiative lieferte Wanka den BamS-Leuten auch gleich dazu – DigitalPakt#D – und die Presse fraß ihr aus der Hand. Was war nochmal die „nationale Bildungsoffensive“?

 

Fünf Bundesmilliarden für funktionierende Netze an den Schulen, ein knappes Jahr vor der Bundestagswahl und zwei Monate, bevor die Kultusminister ihre eigene, viel beachtete Strategie zur „Bildung in der digitalen Welt“ verabschieden wollten:  Was sollte die SPD machen, außer schnell auf den Zug aufzuspringen, wenn man nicht als miesepetrig dastehen will. Kurzum: 1:0 für Wanka, und das obwohl sie vorher nicht gerade als Vordenkerin der digitalen Bildungsrevolution in Erscheinung getreten war.

 

Und so verhandelt seit Ende Januar eine gemeinsame Staatssekretärsgruppe „die Einzelheiten“ einer Bund-Länder-Vereinbarung, wie die Kultusministerkonferenz damals in einer Pressemitteilung mitteilte. Eine gewagt niedliche Formulierung angesichts des Wusts technischer, administrativer und auch datenschutzrechtlicher Probleme, die es zu regeln gilt. Vor allem aber muss man sich erstmal einig werden über die Zahlungsmodalitäten: Einzelüberweisung (das will der Bund, und zwar für die technische Ausstattung) oder Dauerauftrag (das fordern die Länder, und zwar auch für den Unterhalt). Wobei letzteres langfristig auf deutlich mehr als fünf Milliarden hinauslaufen würde.

 

Vergangene Woche nun hat der SPD-Haushaltsexperte Swen Schulz sich zu Wort gemeldet. Er ist Berichterstatter für Bildung und Forschung im Haushaltsausschuss und hat sich den Eckwerte-Beschluss für 2018 angeschaut, den Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) durchs Kabinett gebracht hat. Deutlich mehr Geld für Verteidigung und sinkende Ausgaben für Bildung und Forschung seien darin vorgesehen, beklagt Schulz – und „kein Geld für die Digitalisierung“. Seine Schlussfolgerung: Der von Bildungsministerin Wanka groß angekündigte Digitalpakt von Bund und Ländern für Schulen und Berufsschulen hängt jetzt erst einmal finanziell in der Luft.“ >>



>> Es ist nicht die erste, aber eine besonders heftige Retourkutsche für Wankas Vorpreschen im Oktober. Wanka macht „viel Lärm um nichts“, lautet die Kernbotschaft. Endlich die Gelegenheit für die Sozialdemokraten, ihr den BamS-Move zurückzuzahlen?

 

Logisch, dass die Bundesministerin das nicht auf sich sitzen lassen will. „Das Geld kann ja in keiner mittelfristigen Finanzplanung stehen, weil es noch nicht haushaltsrelevant ist“, sagt Wanka. Damit meint sie, dass für ein noch nicht beschlossenes Bund-Länder-Programm auch keine Milliarden reserviert werden können. Was haushaltsrechtlich sicherlich stimmt. Wobei kaum vorstellbar ist, dass Schäuble oder sein Nachfolger nach der Bundestagswahl angesichts der internationalen Sicherheitslage auf wundersame Weise zusätzliche Milliarden für die digitale Bildung finden wird.

 

So ist Schulz' Kritik ein Stückweit wohlfeil, und doch trifft sie Wanka an einem empfindlichen Punkt. Spätestens seit Bundeskanzlerin Angela Merkel ständig von der veränderten weltpolitischen Sicherheitslage und höheren Verteidigungsetats redet, weiß ihre Bildungsministerin, sie wird kämpfen müssen um jeden (und nicht nur jeden zusätzlichen) Euro für ihr Ressort. Für digitale Bildung genauso wie für andere Aufgaben. Klar sei, sagt Wanka, dass die Bund-Länder-Vereinbarung nicht bis zum Sommer fertig sein könne, „dafür ist der Vorgang zu komplex.“ Doch wichtig sei, dass die Bund und Länder sich so weit verständigten, „dass man in neuen Koalitionsverhandlungen die entsprechenden Mittel für einen Digitalpakt einwerben kann.“ Sonst habe man beim Finanzminister keine guten Argumente.

 

Ist der Digitalpakt wirklich so schwierig auszuverhandeln? Nordrhein-Westfalens grüne Bildungsministerin Sylvia Löhrmann widerspricht. „Von Länderseite aus gibt es meines Erachtens keinen Grund, nicht bis zum Sommer zu einer Bund-Länder-Vereinbarung zu kommen.“ Die KMK-Strategie zur digitalen Bildung stehe seit Ende vergangenen Jahres, auch seien sich die Landesregierungen unabhängig von ihrer Couleur einig, was sie vom Bund – siehe oben – erwarten. Die Komplexität der Materie sei jedenfalls nicht dafür verantwortlich, dass nichts vorangehe. "Es muss der Wille dazu da sein, auch beim Bund.“

 

Löhrmann zufolge stellt sich die Realität also anders herum da: Die Schwierigkeit bestehe nicht darin, dass die Verhandlungen so schwierig seien und daher das Geld nicht fließen könne. Das Problem sei, dass Wanka auf Zeit in den Verhandlungen spiele, weil sie das Geld nicht habe. Löhrmanns Schlussfolgerung: „Frau Wanka hat die fünf Milliarden Euro in die Welt gesetzt, da muss sie auch gegenüber dem Finanzminister Sorge tragen, dass das Geld am Ende auch zur Verfügung steht.“ 

 

Dass Wanka Schäuble gegenüber gute Argumente habe, bezweifelt SPD-Politiker Schulz grundsätzlich. Die Ministerin erweise sich „leider als unambitioniert und wenig durchsetzungsfähig“, sagt er – was er an einem weiteren vermeintlichen Versäumnis der Ressortchefin festmacht. Für die Fortschreibung der auslaufenden Pakte im Bereich Hochschule und Wissenschaftsorganisationen nach 2020 werde ebenfalls keine Vorsorge in der Finanzplanung getroffen, sagte Schulz. „Das Problem wird damit der nächsten Bundesregierung vor die Füße gekippt.“

 

Aus Wankas Ministerium heißt es indes, an der Stelle liege der SPD-Haushaltspolitiker komplett falsch. Die bisherigen Volumina würden in der Finanzplanung des Jahres 2021 auf der Höhe von 2020 fortgeschrieben.

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Brodkorb verliert und triumphiert

Die Ministerpräsidenten beschließen den Staatsvertrag zur Akkreditierung. Doch sechs Länderchefs fordern zugleich die Rehabilitierung des Diplomabschlusses.

Martin Abegglen: "diplom", CC BY-SA 2.0

DIE MINISTERPRÄSIDENTEN HABEN in ihrer Sitzung am Donnerstag dem Staatsvertrag zur Akkreditierung zugestimmt. Am 1. Juni wollen sie ihn unterzeichnen, am 31. Dezember 2017 soll er in Kraft treten. Soweit die Formalia, wie sie sich im vorläufigen Ergebnisprotokoll der Ministerpräsidentenkonferenz (MPK) nachlesen lassen. Was dann unter "Protokollerklärung" folgt, ist allerdings ein Hammer. Mit der Erarbeitung der Musterrechtsverordnung werde "die Erwartung verbunden, doch noch eine für alle Länder tragfähige Lösung zur Anerkennung des Diploms zu erreichen". 

 

Eine Protokollerklärung als Zusatz eines MPK-Beschlusses ist an sich nichts Ungewöhnliches; ausschlaggebend ist der Beschluss selbst. Auch in diesem Fall war mit einem solchen Zusatz gerechnet worden, hatte doch Mecklenburg-Vorpommerns Finanzminister Mathias Brodkorb (SPD) im Vorfeld der Sitzung ein letztes Mal die Trommel fürs Diplom gerührt – womit er oberflächlich betrachtet scheiterte, denn das Bekenntnis zum "Dipl.Ing." schaffte es eben nicht in den Beschluss selbst.

 

Weswegen die Protokollerklärung dennoch eine kleine Sensation ist: Weil nicht nur der von Brodkorb umfassend bearbeitete Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern, Erwin Sellering, sie unterschrieben hat, sondern auch die Regierungschefs fünf weiterer Länder: Horst Seehofer aus Bayern, Dietmar Woidke aus Brandenburg, Volker Bouffier aus Hessen, Stanislaw Tillich aus Sachsen und Reiner Haseloff aus Sachsen-Anhalt. Sie alle sagen: Gebt uns das Diplom zurück. Zumindest ein bisschen. Sie sagen es übrigens zum Teil gegen den erklärten Willen ihrer eigenen Wissenschaftsminister. Dem muss sich die Kultusministerkonferenz jetzt stellen und nochmal ran, getreu dem Motto, "oben" (Ministerpräsidenten) schlägt "unter" (Kultusminister).

 

Zehn Ministerpräsidenten waren allerdings auch anderer Auffassung, weswegen die Protokollerklärung, sagen zumindest einige aus der Kultusministerkonferenz (KMK) tapfer, wenig mehr sei als ein kaum erfüllbarer Wunschzettel. Denn das Diplom-Revival in der Musterrechtsverordnung könne ja nur im Einklang aller Länder beschlossen werden. Und dennoch ist das, was sich da gestern in der MPK zu getragen hat, mehr als eine skurrile Fußnote.  Es wird den Kritikern von Akkreditierung und Bologna-Abschlüssen gewaltig Auftrieb geben. Vor allem aber ist es eine Warnung in Richtung der Wissenschaftsminister, dass die Vorbehalte gegen die Studienreform, wie Mathias Brodkorb sie als Bildungsminister formuliert hat, in der Chefetage der Ministerpräsidenten salonfähig sind.

 

Ein paar Schlussfolgerungen.

 

Erstens: Brodkorbs Aktion auf der Zielgeraden der Akkreditierungsverhandlungen hat viele seiner ehemaligen KMK-Kollegen schwer geärgert, doch hat er damit auch einmal mehr seine strategische Kreativität unter Beweis gestellt. Auf die Idee und den Mut, seinen Chef zu schicken, um KMK-Beschlüsse von oben her auszuhebeln, muss man erstmal kommen. Erst recht, wenn man selbst gar nicht mehr der zuständige Minister ist. Zweitens: Eigentlich war dies gestern auch ein Moment der Niederlage für Brodkorb, denn die Ministerpräsidenten haben dem Akkreditierungsstaatsvertrag, dessen Zustandekommen er über Monate hinweg verhindern wollte, zugestimmt. Doch durch seine Finte schaffte er es, von diesem Umstand abzulenken und seine Ex-Kollegen schlecht aussehen zu lassen. Drittens: Der seit einem Jahr laufende Streit um die Zukunft der Akkreditierung ist damit in seiner ersten Ableitung angelangt. Ging es den Gegnern des Staatsvertrags lange um die Komplettabschaffung des Systems, werden sie sich nun, da der Vertrag kommt, auf die Aufwertung des Diploms konzentrieren. Nach dem Motto: Wenn schon weiter Akkreditierung, dann wollen wir wenigstens auch was davon haben. 

 

Viertens und am wichtigsten: Die Wissenschaftsminister tun gut daran, sich zu überlegen, wie sie Querschüsse ihrer Chefs in Sachen Hochschulreform künftig verhindern können. Und zwar, indem sie ihnen besser erklären, worum es geht. Gefährliches Halbwissen bei den Ministerpräsidenten, verbunden mit einem Schuss Nostalgie für die Uni von gestern, ist eine brüchige Basis, wenn die Wissenschaftsminister für künftige Reformentscheidungen in einem derart umkämpften Politikfeld Rückendeckung brauchen. Schließlich ist es kein Zufall, dass sie sich beim parallel verhandelten "Masterplan Medizinstudium 2020" noch nicht einmal daran gewagt haben, die Stichworte "Bachelor und Master" in die Debatte um die Zukunft der Medizinerausbildung einzubringen. Nicht durchsetzbar bei den Gesundheitskollegen, sagen die Wissenschaftsminister einhellig. Bei ihren Chefs, den Ministerpräsidenten, aber ganz sicher auch nicht. 

 

Nie in den vergangenen zehn Jahren war das Diplom so lebendig wie seit gestern Abend. Als vor einem Jahr das Bundesverfassungsgericht die bisherige Akkreditierungspraxis als grundgesetzwidrig einstufte und die aktuelle Debatte um eine Neufassung auslöste, sei das für ihn Grund gewesen, "eine gute Flasche Wein aufzumachen", sagt Mathias Brodkorb hinterher. Gestern Abend dürfte er sich mal wieder an seinem Weinvorrat bedient haben.

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Streit ums Geld: Politik vertagt Reform der Medizinerausbildung

Baden-Württembergs Wissenschaftsministerin Theresia Bauer hatte ihr Nein angekündigt, weil sie einseitige Belastung für die Wissenschaft befürchtete.

BUNDESGESUNDHEITSMINISTER HERMANN GRÖHE (CDU) hatte schon die Pressekonferenz geplant, bei der er den Erfolg verkünden wollte: den Masterplan Medizinstudium 2020, einhellig verabschiedet von allen, die in Sachen Gesundheit etwas zu sagen haben. Von den Gesundheitsministern also. Von den Wissenschaftsministern. Von den Finanzministern. Aus allen Ländern und aus dem Bund. Kein Wunder, dass einige bereits vom „großen Wurf“ schwärmten. Daraus allerdings wird vorerst nichts. Weder aus dem großen Wurf noch aus Gröhes Pressekonferenz. Die für heute geplante Verabschiedung des Reformpapiers durch die Kultusministerkonferenz (KMK) wurde kurzfristig abgesagt. Und hinter den Kulissen beginnen bereits die Schuldzuweisungen.

 

Das sind die Fakten: Baden-Württembergs grüne Wissenschaftsministerin Theresia Bauer hatte Anfang der Woche für einige ihrer Kollegen offenbar überraschend angekündigt, dass sie dem Masterplan nicht zustimmen werde. Nach zweitägigem Hin und Her einigten sich die Kultusminister schließlich am Donnerstagnachmittag, den Masterplan von der Tagesordnung zu nehmen.

 

Wahlkampf sei das, kommentieren nun einige von Bauers Kollegen, der Masterplan sei im Großen und Ganzen eben ein Projekt der großen Koalition im Bund, und deshalb, gestehen sie großzügig zu, sei es „politisch legitim“, wenn eine grüne Ministerin ein paar Aufmerksamkeitspunkte sammeln wolle.  

 

Wenn man Bauer und ihren Leuten spricht, bekommt man einen anderen Eindruck. Die Sorgen, die sie haben, sind echt. Und sie haben natürlich mit Geld zu tun.

 

Bauer sagt, es sei ihr nicht leicht gefallen, auf die Vertagung zu drängen, weil sie 36 der 37 im Entwurf enthaltenen Punkte inhaltlich voll zustimme und bis vor wenigen Tagen von einem tragfähigen Kompromissangebot der KMK an die Gesundheitsministerkonferenz ausgegangen sei. Dies betreffe auch den Punkt 37, die Landarztquote, die sie trotz ähnlicher Bedenken wie ihre niedersächsische Kollegin Gabriele Heinen-Kljajić (siehe Blog vom 08. März) in der Kompromissform mitgetragen hätte. Schluss mit Zustimmung sei für sie allerdings gleich zu Beginn des Papiers, bei der Präambel, wo ein paar vermeintlich dürre Sätze die Finanzierung der Reform regeln sollten.

 

Klar war schon länger, dass die Finanzminister keine zusätzlichen Millionen für die Umsetzung des Masterplans zu geben bereit waren, das hatten sie zuletzt vergangene Woche in einem Beschluss deutlich gemacht – zumindest solange die Universitätskliniken weiter so hohe Defizite anhäuften. Das Signal an die Wissenschafts- und Gesundheitsminister: Macht das mal unter euch aus. Und dieses "das" ist richtig teuer. Experten gehen bei vollständiger Umsetzung des Masterplans von einem mittleren dreistelligen Millionenbetrag zusätzlich aus – pro Jahr. 

 

Schon im Februar, berichtet Bauer, habe man einen Kompromissvorschlag in Richtung Gesundheitsseite formuliert, der Tenor: Die Wissenschaftsministerien der Länder übernehmen ihren Teil, doch auch der Bund und die Krankenversicherer müssten sich „angemessen“ an den Kosten beteiligen, da die geplante Stärkung der Allgemeinmedizin durchaus eine Frage der Ausbildungsqualität, zuerst aber der Krankenversorgung sei.

 

Sätze, die die Gesundheitsminister aus Bund und Ländern nicht akzeptieren wollten. „Die stehen immer wie eine Bank“, sagt ein Wissenschaftsstaatssekretär aus einem anderen Land anerkennend und besorgt zugleich. Die „Gesundheitsseite“, wie sie in den Verhandlungen genannt wird, hatte zuvor sogar verlangt, den im Entwurf enthaltenen Finanzierungsvorbehalt zu streichen.

 

Bauers Schlussfolgerung: So bleibe die Gesamtfinanzierung des Masterplans an den Wissenschaftshaushalten hängen, und der Druck, sie anzuzapfen, werde zunehmen, „sobald der Masterplan erst einmal beschlossen ist.“

 

Hätten dann nicht mehr Wissenschaftsministerkollegen wie Bauer ihr „Nein“ ankündigen müssen? Die Sorge zumindest, von den Gesundheitsministern über den Tisch gezogen zu werden, haben sie fast alle. Und auch die Forderung, der Bund müsse Geld zuschießen, verbindet sie. Doch aus zwei Gründen entschieden sich die anderen gegen die Konfrontation auf der Zielgeraden. Erstens: die Lagerzugehörigkeit, siehe oben. Ein Projekt der Großen Koalition will offenbar keine Ressortchefin der SPD oder Union kurz vor der Bundestagswahl in Frage stellen, zumal wenn die Reform inhaltlich von allen geteilt und als extrem sinnvoll befunden wird.

 

Zweitens: Kollegen von Bauer äußern die Sorge, dass eine Rückkehr in die Verhandlungen mit der „Gesundheitsseite“ schwer werden könnte. „Was soll denn das Ergebnis eines Neins zum jetzigen Zeitpunkt sein?“ fragt einer. „Vor der Wahl kann es doch seitens des Bundes keine juristisch wasserdichten Finanzierungszusagen mehr geben.“ Doch brauche man die Verabschiedung des Plans jetzt, damit nicht am Ende irgendwer auf die Idee komme, die umfassendste Reform des Medizinstudiums seit Jahrzehnten an sich wieder in Frage zu stellen.   

 

Vielleicht lässt sich das Wahlkampfargument gegen Bauer aber auch drehen: Man braucht den Erfolg jetzt, vor den Wahlen. Auf jeden Fall kam so überhaupt erst die Idee zustande, die Finanzierungsfrage einer Expertenkommission zu überlassen.

 

Jetzt fürchten sich alle ein bisschen vor der Reaktion der „Gesundheitsseite“, mal wieder. Denn einen Vorgeschmack, wie sie ausfallen kann, haben sie schon gestern bekommen. Als die Gesundheitsminister Wind davon bekamen, dass die KMK vertagen wollte, griffen einige zum Telefon und riefen ihre Ministerpräsidenten an. Sie verlangten, die Wissenschaftsseite zur Ordnung zu rufen. Mit dem Ergebnis, dass für eine paar Stunden nochmal hektische Betriebsamkeit auf allen Seiten ausbrach. Und am Ende, siehe oben, heute Nachmittag doch vertagt wurde. Die Kollegen der Gesundheitsseite seien allesamt eher „rustikale Typen“, munkeln sie in der KMK, die intern austeilen und in der Öffentlichkeit kräftig zuspitzen könnten. Nach dem Motto: Wir wollten die große Reform, und die Wissenschaftsseite hat es kleinkrämerisch vergeigt.

 

Indes: Vergeigt ist noch gar nichts. Nur all jene, die sich schon im Vorfeld angesichts der ungeklärten Finanzierung ernüchtert über den vermeintlichen „großen Wurf“ geäußert hatten, dürften sich bestätigt fühlen. Der Medizinische Fakultätentag (MFT) etwa warnt, wenn die Landarztquote komme, werde aufgrund der entstehenden Rechtsunsicherheit die Zahl der Studienplatzklagen zunehmen. Wenn gleichzeitig die Zahl der Studienanfänger steige und die Finanzierung unklar sei, komme es zwangsläufig zu einer Überforderung der Fakultäten.


Wie es jetzt weitergeht? Bremens Wissenschaftssenatorin Eva Quante-Brandt (SPD) hätte da eine Idee. Sie will alle zu einem ergebnisoffenen Gespräch einladen. Das könnte passen – nicht nur, weil die Senatorin parteiübergreifend als integrative Persönlichkeit geschätzt wird. Sondern auch, weil sie zugleich Gesundheitssenatorin ist. Und keine eigene medizinische Fakultät im Land hat. Mehr ehrliche Maklerin, könnte man denken, geht in der Sache kaum. Schon am nächsten Dienstag wollen sich acht Staatssekretäre aus Wissenschaft und Gesundheit in Berlin treffen. Es müsse doch möglich sein, einen Kompromiss zu erreichen, sagen sie. Vielleicht ja sogar noch vor Ende des Monats.

 

Womöglich kann Bundesgesundheitsminister Gröhe ja doch bald zu seiner Pressekonferenz einladen. 

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Einen hat sie noch

Kurz vor Ende der Legislaturperiode schafft Forschungsministerin Wanka Tatsachen. So genannte "Max Planck Schools" sollen die besten Studenten und Doktoranden ins Land holen. Die ersten drei werden schon in wenigen Monaten feststehen.

ES WAR EINE hochkarätige Telefonkonferenz, die Bundesforschungsministerin Johanna Wanka (CDU) gestern unmittelbar vor der Verleihung der Leibniz-Preise einberufen hatte. Die Chefs sämtlicher außeruniversitären Forschungsorganisationen waren angekündigt, dazu der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Horst Hippler, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), musste sich dagegen entschuldigen lassen, aber das war nicht so schlimm, denn mit dem hatte Wanka in den vergangenen Wochen schon häufiger über das Thema geredet. Genauso wie mit Max-Planck-Präsident Martin Stratmann, der an der Telefonkonferenz teilnahm, aber im Gegensatz zu seinen Kollegen nichts Neues gehört haben dürfte.

 

Was Wanka den Wissenschaftschefs mitteilte: Noch in diesem Jahr sollen die ersten drei so genannten Max Planck Schools gegründet werden. Nicht ganz so, wie Stratmann sie einst beschrieben hatte. Aber auch nicht so, dass die Chefs von Leibniz, Helmholtz & Co vor Freude aufgeschrien haben dürften. Trotzdem (oder gerade deswegen) könnte es ein Erfolgsmodell werden.

 

Der Reihe nach. 2015 hatte Stratmann bei der Jahresversammlung der Max-Planck-Gesellschaft (MPG) vorgeschlagen, MPG-Direktoren und herausragende Universitätsprofessoren sollten sich in überregionalen "Max Planck Schools" zusammentun, nicht zu verwechseln mit den 60 thematisch fokussierten International Max Planck Research Schools (IMPRS), die es seit Jahren gibt, die aber immer lokal organisiert sind.

 

Die größeren, nach Fächern organisierten Max Planck Schools sollten demgegenüber "besonders talentierten Bachelor- und Masterabsolventen“ aus aller Welt „die Gelegenheit zu geben, sich mit jüngstem Wissen von der vordersten Front der Wissenschaft auseinanderzusetzen." Die neuen Schools würden auf den IMPRS "aufsetzen", als eine Art Dachstruktur. 

Ein faszinierender Gedanke: Keine Universität in Deutschland kann von ihrer Dichte an Spitzenwissenschaftlern mit Harvard oder Yale mithalten, aber wenn man die Koryphäen aus Universitäten und Max Planck deutschlandweit zusammenführt, dann müssten sich doch einige der talentiersten Studenten aus aller Welt anlocken lassen.

 

Auch Wanka „fand die Grundidee sehr gut“, wie sie sagt. Aber sie wollte eine Änderung und eine Konkretisierung. Die Änderung: Das könne keine Sache nur zwischen den Unis und Max Planck sein. „Auch Helmholtz, Leibniz, Fraunhofer haben international führende Leute“, sagt die Ministerin. „Wenn wir die besten Forscher ortsunabhängig vernetzen wollen, dann können wir nicht an den Grenzen von Max Planck halten machen.“ Und die Konkretisierung: Das Promotionsrecht, so Wanka, müsse ganz klar und ohne jede Frage bei den jeweils beteiligten Universitäten liegen. Punkt.

 

Das Ergebnis hat die Ministerin nun gestern den fernmündlich versammelten Wissenschaftschefs mitgeteilt. Möglichst schon vor der Sommerpause sollen die ersten drei Schools nach ihrem fachlichen Schwerpunkt feststehen. Welche das sein werden, sollen Max Planck und die anderen Organisationen in einem gemeinsamen Abstimmungsprozess entscheiden. Wobei Max Planck keine Sonderrechte haben soll. Wanka sagt: „Ich wünsche mir hierzu eine Diskussion unter allen auf Augenhöhe.“ Nur Vielfalt sei ihr wichtig, „also ganz sicher fördern wir keine drei Schools, die allesamt aus den Lebens- oder Naturwissenschaften stammen.“

Über fünf Jahre soll das Pilotprojekt laufen. Die Schools sollen 35 bis 60 Studenten aufnehmen pro Jahr. Für sie alle gibt es Stipendien. Die vorgesehene Projektförderung geht an die universitären Partner. Pro School und Jahr soll dem Vernehmen nach ein mittlerer einstelliger Millionenbetrag eingeplant sein, pro Professor 100.000 Euro. Zahlen, die Wanka nicht bestätigen möchte. Was die Professoren angeht, spricht sie von einem Betrag, „der bewusst nicht so hoch sein soll, dass die Leute vor allem des Geldes wegen mitmachen.“ Um die intrinsische Motivation der besten Wissenschaftler gehe es, sagt sie.

 

Ihre ideale School vereinbare dann Studenten und Promovierende aus aller Welt mit Professoren mehrerer Universitäten und möglichst auch mit Wissenschaftlern aus mehreren außeruniversitären Forschungseinrichtungen.

 

Wer die Schools institutionell trage, sei offen, sagt Wanka, aber ganz sicher werde die Max-Planck-Gesellschaft nicht stärker repräsentiert sein als die übrigen Forschungsorganisationen und die Universitäten. Was eine klare Ansage in Richtung Stratmann ist, die den nicht gefreut haben dürfte, als er sie das erste Mal hörte.

 

Bei einer anderen Ansage Wankas wiederum dürften Stratmanns Kollegen gestern besonders geschluckt haben. Der Name "Max Planck Schools", sagt die Ministerin, sei für sie nicht verhandelbar. „Max Planck hat international die größte Strahlkraft, das müssen alle akzeptieren.“

Die Max-Planck-Gesellschaft selbst wollte sich gestern nicht zu den Plänen der Bundesministerin äußern. 

So ist es eine absurde Vorstellung, die bald Wirklichkeit werden könnte: Helmholtz und Fraunhofer betreiben zusammen mit Universitäten eine Max-Planck-School, um die schlausten Köpfe nach Deutschland zu holen. Das sei in der Tat denkbar, sagt Wanka. „Doch ich bin mir sicher, dass Max Planck auch viele sehr gute Leute ins Rennen schicken wird.“

 

Wer Wanka zuhört, spürt ihre Begeisterung für die Schools. Kein Wunder, es dürfte das letzte Großprojekt sein, das sie noch vor der Bundestagswahl erfolgreich auf den Weg bringen kann. Keine schlechte Wahl, könnte man sagen.

Fotonachweise: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung/Steffen Kugler -- unbekannter Fotograf/gemeinfrei 

 

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Da bin ich wieder

Mathias Brodkorb meldet sich zurück im Gezerre um die Zukunft der Akkreditierung. Mit einem Manöver, das seine Ex-Kollegen als "dreist" bezeichnen.

Foto: Ralf Roletschek/roletschek.at
Foto: Ralf Roletschek/roletschek.at

SEIT WOCHEN SCHON keine professoralen Aufschreie gegen den vermeintlichen „Akkreditierungswahn“, keine demonstrativen Zerwürfnisse in der Kultusministerkonferenz (KMK). Neulich fragte mich jemand: „Geht bei der Reform jetzt alles ganz geräuschlos über die Bühne?“

 

Das gleiche hat sich Mecklenburg-Vorpommers ehemaliger Bildungsminister Mathias Brodkorb (SPD), der inzwischen das Finanzressort übernommen hat, offenbar auch gefragt. Und entschieden, mal wieder dazwischenzugrätschen.

 

Seine Nachfolgerin Birgit Hesse hatte nach einem monatelangen Hickhack im Dezember in der KMK einen Kompromiss mitgetragen, indem sie sich bei der entscheidenden Abstimmung enthielt. Der neue Staatsvertrag, der nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts das Akkreditierungswesen auf rechtlich sichere Füße stellen soll, wird demzufolge im Frühjahr von den Ministerpräsidenten unterschrieben, voraussichtlich am 1. Juni. Was drinsteht, habe ich in mehreren Blogeinträgen berichtet.

Damit der Staatsvertrag wirksam werden kann, müssen die Länder noch Rechtsverordnungen erlassen, die „das Nähere“ regeln, wie das so schön heißt, und zwar, so steht es in Artikel 4 des Akkreditierungs-Staatsvertrags, „zu den formalen Kriterien“, den „fachlich-inhaltlichen Kriterien“ und „zum Verfahren“. Gewöhnlich steht so eine Musterrechtsverordnung schon, wenn ein Staatsvertrag in der KMK beschlossen wird, sprich: Die Länder haben sich dann schon auf eine gemeinsame Vorgehensweise bei der Umsetzung geeinigt.

 

In diesem Fall aber war die Rechtverordnung noch mehr als der Staatsvertrag selbst der Streitpunkt mit MV, so dass man sich einigte, die einfach später auszuhandeln – möglichst im Konsens, zur Not aber auch so, dass 15 Länder die gleiche Verordnung haben und ein Land, eben Mecklenburg-Vorpommern, eine andere.

 

Das war der Stand, bis die Staatskanzlei von Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD), der zurzeit Vorsitzender der Ministerpräsidentenkonferenz ist, die Sitzungsunterlagen an seine Kollegen versendet hat. Da stand plötzlich unter Ziffer 4 des Beschlussvorschlages zum Staatsvertrag, die KMK solle verpflichtet werden, bei der Ausarbeitung der Musterrechtsverordnung ein Diplom-Privileg zu berücksichtigen. Anders formuliert: All das, worüber die KMK monatelang gestritten hatte (im Kern die Frage, ob auch Diplom-Studiengänge gleichberechtigt akkreditiert werden können, Antwort von 15 Kultusministern: Nein), will MV jetzt durch die Hintertür der Ministerpräsidentenkonferenz wieder durchdrücken.  

 

Ein erstaunlicher Vorgang. Und noch erstaunlicher, dass dahinter Finanzminister Brodkorb steckt, der offenbar an seiner Nachfolgerin Hesse vorbei seinen Chef Sellering so lange bearbeitet hat, bis der sich losschicken ließ. Ein böser Affront gegen Hesse, die sich denn auch genötigt sah, im Kreise ihrer KMK-Kollegen ihr Bedauern über Brodkorbs Verhalten auszudrücken. Das Mitgefühl der anderen Minister ist ihr sicher. Nur zurück in Schwerin wird ihr das bei so einem Finanzminister wenig nützen.

 

Die anderen 15 Länder haben übrigens dem Beschlussvorschlag in der Ministerpräsidentenkonferenz ihr eigenes Votum beigefügt. Ihre Antwort auf Ziffer 4: Auf keinen Fall.

 

Fortsetzung folgt. Wie eigentlich immer bei Mathias Brodkorb.

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Eine Frage der Zeit

Horst Seehofer will G8 beseitigen. Was er gemeinsam hat mit vielen anderen Gegnern der Schulzeit-Verkürzung: Um Pädagogik  geht es ihm zu allerletzt.

JETZT ALSO BAYERN. Zwar steht noch kein Termin für den Ausstieg aus G8 fest, aber dass der Freistaat Abschied nehmen wird von dem, was Kritiker verächtlich „Turbo-Abi“ nennen, scheint ausgemacht.

 

Horst Seehofer, CSU-Ministerpräsident und selbsterklärter Stimmungsseismograph, ist zu dem Ergebnis gekommen, dass die vor knapp anderthalb Jahrzehnten beschlossene Schulzeitverkürzung die Wiederwahlchancen seiner Partei schmälert. Weswegen er das Thema im Februar demonstrativ zur „Chefsache“ machte und seitdem die Gespräche um die Zukunft von G8 selbst führt. Sein Kultusminister Ludwig Spaenle, maximal gedemütigt, nehme selbstverständlich an allen Runden teil, wird mitgeteilt.

 

Wer Seehofers Äußerungen der vergangenen Wochen nach einer pädagogischen Begründung für die Rückkehr zu 13 Jahren Schule durchsucht, wird kaum fündig werden. Um Pädagogik geht es Bayerns Regierungschef auch zu allerletzt.

 

Es ist eine der zahlreichen Paradoxien im G8-Streit: Die Erkenntnisse der Bildungsforschung, ihre Bestandsaufnahme der Stärken und Schwächen der Reform, haben die Politik eigentlich nie so richtig interessiert. Weil sie die Lehrer und Eltern nicht interessierte. Da konnten Wissenschaftler noch so oft betonen, dass G8 sich nicht negativ auf die Persönlichkeitsentwicklung auswirke, dass die Schüler trotzdem noch Zeit für ihre Hobbys hätten, sie genauso fit für die Uni seien und nur geringfügig gestresster. Am Ende zählte nur die Ansage der Verbände in Richtung Politik: Wir wollen das nicht. >>



>> Als G8 eingeführt wurde, habe der neoliberale Zeitgeist die Reform diktiert: Dieser Vorwurf klingt bis heute nach. Das Ziel sei gewesen, jüngere Absolventen für den Arbeitsmarkt zu produzieren. Da ist sogar etwas dran. Tatsächlich waren die deutschen Studienanfänger Anfang des neuen Jahrtausends so alt wie nirgendwo sonst in Europa.

 

War es also ein Argument, für das sich die Bildungspolitik schämen musste? Und stand nicht ohnehin längst an, die überladenen Gymnasiallehrpläne zu entschlacken, sie auf ihre Sinnhaftigkeit für die Welt von morgen abzuklopfen? Tatsächlich ist nach dem übereilten Fehlstart von G8 viel passiert. Die Stundentafeln wurden durchforstet, überflüssige Inhalte weggeschnitten. Gleichzeitig hielt an vielen Gymnasien der Ganztagsunterricht Einzug – wenn auch in vielen Fällen nur die offene Variante, also ohne regulären Unterricht in den Nachmittagsstunden.

 

Eine Rückkehr zum alten G9 dürfe es denn auch nicht geben, sagte Heinz-Peter Meidinger vom Philologenverband im Tagesspiegel – um anschließend doch von „mehr Lernstoff“ und „mehr Vertiefung“ zu reden. Die von der Kultusministerkonferenz vorgegebene Zahl von 265 Jahreswochenstunden bis zum Abitur wolle Bayern künftig überschreiten – um bis zu 19 Stunden. Wie passt das nun wieder damit zusammen, dass viele Lehrer vor allem in den ersten G8-Jahren davor gewarnt hatten, ihre Schüler seien überlastet?

 

Die Wahrheit ist: In der Debatte um G8/G9 passt fast gar nichts zusammen. Was der entscheidende Grund dafür sein dürfte, dass die Schulpolitik in Bayern und anderswo den eingeschlagenen Weg des geringeren Widerstands weitergehen wird. Niedersachsen ist bereits zu G9 zurückgekehrt. In Hessen, Schleswig-Holstein und in Baden-Württemberg ist G8 in unterschiedlichen Ausmaßen durchlöchert, und in Nordrhein-Westfalen spricht die grüne Kultusministerin Sylvia Löhrmann, die die Schulzeitverkürzung lange wacker verteidigt hat, von „G8- und G9-Optionen für alle Gymnasien“. So hofft sie, die 12 Jahre bis zum Abitur auch künftig möglichst flächendeckend anbieten zu können.

 

Bayerns Finanzminister Markus Söder (CSU) hat derweil schon einmal klargestellt, dass sich das Land die Mehrkosten, die durch die Rückkehr zu G9 entstünden, leisten könne. Man wünschte sich, eine ähnliche Ankündigung, die Einführung von G8 finanziell zu flankieren, hätte es vor 15 Jahren gegeben.

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Mehr Tiefgang bitte!

Warum wir von der amerikanischen Liberal-Arts-Tradition lernen sollten.

DER WIDERSPRUCH IST offensichtlich. Auf der einen Seite klagen viele den Verlust des akademischen Tiefgangs seit der Bologna-Studienreform, auf der anderen Seite wagt sich kaum eine Hochschule an mutige Studienmodelle. Die Politik lasse das nicht zu, so lautet die Standardausrede. Oder: Die engstirnigen Akkreditierer sind schuld.

 

Wer so argumentiert, redet den eigenen Spielraum klein – und unterschlägt die eigene Verantwortung für zu kleinteilige Studienprogramme, eine zu frühzeitige Spezialisierung und zu wenig Studium generale in den ersten Semestern.

 

Es ist doch ironisch: Ausgerechnet in den Vereinigten Staaten, die für ihre Studiengebührenexzesse gescholten werden, existiert eine Vielzahl so genannter Liberal-Arts-Colleges, die als Kern vierjähriger Bachelor-Programme das Sich-Bilden anbieten, die eingehende Beschäftigung mit den großen gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Fragen. Darüber hinaus gibt es ohnehin kaum ein Bachelor-Programm in den USA, das nicht in den ersten Semestern ein fachübergreifendes Überblicksstudium vorsieht, bevor die Studenten sich auf zumeist ein Haupt- und ein Nebenfach festlegen müssen.

 

Zuletzt hat die Zahl ähnlicher Modelle in Deutschland in homöopathischen Dosen zugenommen, doch die erdrückende Mehrheit der Studiengangsverantwortlichen versteht hierzulande unter „mehr Tiefgang“ immer noch mehr Grundlagen aus dem eigenen Fach; „mehr Breite“ erschöpft sich meist in fachnahen Wahlmöglichkeiten. Und die gleichen Studiengangsverantwortlichen beschweren sich dann die übergroße Spezialisierung der Studienangebote und die Diktatur der „Verwertungslogik“.

 

Wie wäre es, mal weniger über die Grenzen zu klagen, die Bologna und über 50 Prozent Studienanfänger setzen, und statt dessen über die Möglichkeiten nachzudenken, die sich hier eröffnen? Wenn dann die Politik und die Akkreditierer nicht mitspielen, kann man sich wirklich zu Recht über sie aufregen.

 

Dieser Kommentar erschien heute zuerst im ZEITChancen Brief. 

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So soll das Medizinstudium der Zukunft aussehen

Nächsten Donnerstag wollen die Kultusminister den "Masterplan Medizinstudium 2020" verabschieden. Bund und Länder, Gesundheits- und Hochschulpolitiker sind sich weitgehend einig. Streit gibt es um die geplante Landarztquote.

Foto: Paul Sableman: "Arzt", CC BY 2.0

SCHON DER TITEL des Dokuments verrät den Anspruch. „Masterplan Medizinstudium 2020“ haben Bund und Länder die Vereinbarung genannt, die die Kultusminister am 16. März beschließen wollen. Das Papier stelle „die Weichen für die Ausbildung der nächsten Medizinergeneration“, heißt es im Vorwort des Entwurfs, eine Ausbildung, „die den Herausforderungen einer Gesellschaft des längeren Lebens gerecht werden“ könne.

Ein bisschen hochgehängt, könnte man sagen, angesichts von 37 Punkten auf 12 Seiten, verfasst in der üblichen Ministerialprosa. Andererseits: Am Widerstand der versammelten Ärzteschaft haben sich schon ganz andere die Zähne ausgebissen, insofern ist das zwischen den Wissenschafts- und Gesundheitsministerien des Bundes und aller 16 Länder verhandelte Papier doch ein erstaunliches Signal in Richtung der medizinischen Fakultäten in der Bundesrepublik. Ein Signal, dass die Politik wirklich ran will an die Ärzteausbildung. Von einer „großartigen Leistung“ schwärmen schon einige in den beteiligten Ministerien, andere Minister gestehen selbstkritischer ein, dass die Finanzierung der Pläne noch überhaupt nicht gesichert sei. Und wenn es ein hochschulpolitisches Naturgesetz gibt, dann dieses: Sobald es ans Medizinstudium geht, wird’s immer teuer.

 

Doch was steht drin in dem noch unveröffentlichten Papier, und wie realistisch ist die Umsetzung dessen, was Bund und Länder beschließen wollen?

 

Die wichtigste Nachricht: Das Medizinstudium soll neu strukturiert werden, quantitativ, vor allem aber qualitativ.  Quantitativ: Die Zahl der Leistungsnachweise soll hinterfragt und die Notenpflicht je nach Kurs überprüft werden. Qualitativ: Das Prinzip der Modellstudiengänge, die seit mehr als 15 Jahren die Vermittlung so genannter arztbezogener Kompetenzen in den Vordergrund stellten, soll nun auch im Mainstream-Studium Einzug halten: eine frühzeitige Praxisorientierung „am Patienten und seinen Bedürfnissen“.  

 

Klinische und theoretische Inhalte sollen „vom ersten Semester an bis zum Ende der Ausbildung miteinander verknüpft“ werden: „Teilzeitstudienplätze gehören damit der Vergangenheit an“, heißt es in dem Papier. Angesichts von Plagiatsskandalen (gerade erst hat an der Universität Münster eine Untersuchungskommission ihre Ergebnisse vorgelegt) und von getürkten Studienergebnisse, mit denen die medizinische Forschung in Deutschland und anderswo im vergangenen Jahrzehnt von sich hat reden machen, soll gleichzeitig der „Vermittlung wissenschaftlichen Arbeitens ein größerer Stellenwert eingeräumt“ werden, der „routinierte Umgang mit wissenschaftlichen Konzepten und Methoden bereits während der Ausbildung“ systematischer als bislang an den oder die Studentin gebracht werden. Eine implizite, aber dadurch nicht weniger krasse Kritik an der bisherigen wissenschaftlichen Qualität eines Medizinstudiums.

 

Zu der Grundlogik, das Studium stärker an den Patientenbedürfnissen auszurichten, passt die Aufwertung der „Arzt-Patienten-Kommunikation“ und die Stärkung der Allgemeinmedizin. „Die Allgemeinmedizin muss im Studium den Stellenwert erhalten, der ihr auch in der Versorgung zukommt“, haben die Politiker formuliert. Erreichen wollen sie all das vor allem, indem der so genannte „Nationale Kompezenzbasierte Lernzielkatalog Medizin“ weiterentwickelt und Teil der Approbationsordnung werden soll – auch wenn ausgerechnet der bislang gar nicht aus der Feder der Politik, sondern vom Medizinischen Fakultätentag, der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung und weiteren Praktikern stammt. Das soll in der nächsten Fassung anders werden, eine Kommission mit eigener Geschäftsstelle soll dafür eingerichtet werden – mit Vertretern von Bund und Ländern und der unterschiedlichsten Akteure aus Medizin und Gesundheitssektor.

Auch sollen künftig alle Studenten im Staatsexamen am Ende ihres Studiums eine Prüfung in Allgemeinmedizin ablegen. Und an den Hochschulen sollen Lehrstühle für Allgemeinmedizin eingerichtet werden.

 

All die neuen Anforderungen an die Mediziner von morgen, so folgert der Masterplan, werde auch Auswirkungen auf die Auswahl der künftigen Mediziner haben: Bei ihrer Zulassung soll künftig ein größeres Augenmerk gelegt werden auf die vorhandenen sozialen und kommunikativen Kompetenzen und die besondere Motivation der Bewerber, Medizin zu studieren. Denn der Abischnitt erlaube keine Aussage über die „Eignung und die Bereitschaft für eine spätere Tätigkeit in der kurativen Versorgung“. Die Note bleibe wichtig, doch sollen die Hochschulen, über deren Auswahlverfahren 60 Prozent der Studienplätze vergeben werden, in Zukunft neben der Abiturnote mindestens zwei weitere Kriterien zugrunde legen, einschlägige Berufserfahrung zum Beispiel.

Soweit, so einig sind sich Bund und Länder, Wissenschafts- und Gesundheitsseite. Dann kommen die Knackpunkte. Erstens: Landarztquote. Um den Mangel an Ärzten in ländlichen Regionen zu verringern, soll in der Vergabeordnung der Stiftung für Hochschulzulassung „unverzüglich“ die Möglichkeit eröffnet werden, bis zu zehn Prozent der Studienplätze vorab an Bewerber zu vergeben, „die sich verpflichten, nach Abschluss des Studiums und der fachärztlichen Weiterbildung in der Allgemeinmedizin für bis zu zehn Jahre in der hausärztlichen Versorgung“ in ländlichen Regionen „tätig zu sein.“

 

Viele Kultusministerien halten eine solche Quote für „rechtlich höchst problematisch“, doch der Bund beharrt auf der Veränderung des Zulassungsrechts – wenn auch nicht über eine grundsätzliche Reform des Staatsvertrags zur Hochschulzulassung, sondern über die Vergabeordnung, womit jedes Land selbst entscheiden könnte, ob es die Quote anwendet oder nicht. Und in jedem Fall, versprechen sich Bund und Länder gegenseitig, soll die Quote nur ultima ratio sein, nachdem alle anderen Möglichkeiten, mehr Ärzte fürs Landleben zu gewinnen, ausgeschöpft worden sind.

 

Eine Lösung, der die meisten Länder voraussichtlich zustimmen werden. Im Gegensatz zu Niedersachsens grüner Wissenschaftsministerin Gabriele Heinen-Kljajić die ihr „Nein“ zu diesem Punkt 37 des Masterplans angekündigt hat. Die Landarztquote sei „unvereinbar mit dem Anspruch, die Hochschulzulassung chancengerecht zu gestalten“, sagt Heinen-Kljajić. „Sie würde die Vergabe von Medizin-Studienplätzen kommerzialisieren und die Zulassungschancen aller Studienbewerberinnen und Studienbewerber beeinträchtigen.“

 

Wenn mit Niedersachsen am 16. März nur ein Land in der Kultusministerkonferenz (KMK) gegen den Masterplan stimmte, läge der erstmal auf Eis. Doch hat Heinen-Kljajić signalisiert, dass sie der Verabschiedung des Reformwerks als Ganzes nicht im Weg stehen und es wohl bei einer Enthaltung belassen will.

 

Zweiter Knackpunkt: die Finanzierung. Die Verfasser des Masterplans sind sich einig, dass all die neuen Anforderungen an Studium und Absolventen zusätzliches Geld kosten werden. Einerseits reden sie das Problem zwar klein und schreiben, es werde voraussichtlich allenfalls zu einem „moderaten Aufwuchs“ bei den Studienplätzen kommen, und schieben die Verantwortung (sehr praktisch aus Sicht der Politik) den Hochschulen zu, die angesichts der Wissenschaftsfreiheit „weitreichende Spielräume“ zum Ausschöpfen hätten.

 

Andererseits stand jedoch in der Beschlussvorlage der KMK-Amtschefs, die KMK-Vertreter hätten erneut „die erhebliche Kostenbelastung der Wissenschaftsressorts und Universitäten durch die Umsetzung des Masterplans“ dargelegt. Dass da ein dicker Brocken auf Bund und Länder zukommt, lässt sich auch daran ablesen, dass Kultus- und Gesundheitsministerkonferenz die vollständige Umsetzung des Masterplans unter Haushaltsvorbehalt stellen und eine Arbeitsgruppe einsetzen wollen, die den zusätzlichen Finanzbedarf überhaupt erst einmal ermitteln soll.

 

An dieser Stelle ist der Masterplan dann doch nicht mehr so meisterhaft, sondern die übliche Gremienpolitik von Feinsten. Was Hoffnung macht: Die externe Expertenkommission soll geführt werden von der angesehenen ehemaligen Generalbundesanwältin Monika Harms. 

 

Werden Modellstudiengänge damit in Zukunft überflüssig, weil das Medizinstudium überall modellhaft wird? Im Gegenteil, sagt ein an den Verhandlungen beteiligter Staatssekretär: „Nur dank der Erfahrungen aus den Modellstudiengängen können wir das Studium so umfassend neu strukturieren. Genau dieselben Denkanstöße brauchen wir auch für die Zukunft.“  

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Haben wir doch die schlaueren Studenten?

Eine Studie belegt: Deutsche Wirtschaftswissenschaftler wissen mehr als ihre Kollegen aus den USA und Japan

ES IST EINES dieser Studienergebnisse, die schon eine Weile alt sind und die doch kaum einer zur Kenntnis genommen hat. Ich hörte zum ersten Mal bei einer Tagung davon, es ging um die Frage, welche Fertigkeiten Hochschulen ihren Studenten künftig beibringen sollen. Auf dem Podium saß auch ein hoher Beamter aus dem Bundesbildungsministerium, und der erzählte etwas von einem internationalen Leistungsvergleich, demzufolge deutsche Studenten als besonders kenntnisreich abgeschnitten hätten. Moment mal, fragte ich nach, wovon reden Sie da eigentlich? Von KoKoHS, sagt er. Und ich fragte: Wovon?

 

KoKoHS steht für "Kompetenzmodellierung und Kompetenzerfassung im Hochschulsektor". Die Bundesregierung fördert KokoHS mit jährlich drei Millionen Euro, will man doch endlich die Antwort wissen auf eine Frage, die die Bildungsforschung seit Langem umtreibt: Woher wissen wir, ob die Studenten das, was sie können sollen, auch wirklich lernen? Und vor allem, ob sie es auch praktisch anwenden können?

 

Ein Teilprojekt von KokoHS, erfuhr ich, bestand darin, dass Forscher einen in Amerika entwickelten Standardtest, der ökonomisches Fachwissen messen soll, von Studenten wirtschaftswissenschaftlicher Studiengänge an 31 Hochschulen bundesweit bearbeiten lassen: insgesamt 60 Multiple-Choice-Aufgaben je zur Hälfte aus der Makro- bzw. der Mikroökonomie. Die Antworten von 1600 Studenten verglichen sie anschließend mit denen Tausender Studenten an 51 US-Hochschulen, und siehe da: Die Amerikaner lagen viel häufiger daneben. Auch die 1200 Studenten von zehn japanischen Hochschulen, die den Test bearbeiteten, wussten seltener die richtige Lösung.

 

Erstaunlich. Sind deutsche Studenten am Ende doch die besseren Studenten? Müssen wir mit unseren Vorurteilen in Zeiten von Studienanfängerrekorden und Turbo-Abi aufräumen? Und wenn ja, was machen die Deutschen anders als die Amerikaner und die Japaner?

 

Fragen, denen ich in meinem Artikel für Spiegel Online nachgespürt habe. Die Antworten, so sich sie erhalten habe, können Sie hier nachlesen. 

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Wenn wichtig doch genug wäre

Die Bundestagsabgeordneten aller Fraktionen kämpfen um ihre Wiederwahl. Der Weg zur Parteibasis wird für einige Wissenschaftspolitiker besonders hart.

Foto: sfreimark: "Bundestag", CC BY-SA 2.0

HEUTE STARTE ICH mit einem sehr persönlichen Artikel in die neue Woche, der trotzdem komplett ohne Namen auskommt. Vielleicht gerade weil er so persönlich ist. Ich habe mich in den vergangenen Jahren unzählige Male mit Bundestagsabgeordneten aller Fraktionen getroffen, im Abgeordnetenrestaurant oben im Reichstag, in Cafés irgendwo unten an der Spree, oft auch einfach in ihren überraschend engen Büros, umgeben von Aktenbergen und jungen Mitarbeitern, die erstaunlich forsch und kenntnisreich mitdiskutierten. Es ging um Bildung, natürlich, um Wissenschaft und Forschung und das richtige Verhältnis zwischen konzeptionellem Mut und politischen Realismus.

 

Wer zu Politikerbashing neigt, wer glaubt, da säßen Menschen mit oberflächlichen Interessen und ohne echtes Gespür für Details, den würde ich gern mal zu so einem Gespräch mitnehmen. Auch wenn ich als Journalist inhaltlich Distanz halte, auch wenn ich bei vielen konkreten Fragen anderer Meinung bin und diese auch in zahlreichen Kommentaren formuliert habe, so empfinde ich für die meisten Abgeordneten, denen ich in meiner Arbeit als Journalist für Bildung und Wissenschaft begegne, große Achtung. Gerade weil sie sich ein Feld ausgesucht haben, das unter den Machtpolitikern als wenig glanzvoll gilt. Gerade weil sie sich, vor allem in der Forschung, für Themen stark machen, die von der Lebenswirklichkeit der meisten Wähler in ihrem Wahlkreis weit entfernt zu sein scheinen. Themen allerdings, die eine enorme Relevanz für unser aller Zukunft haben. Was sie, die sie diese Zeilen lesen, so gut wissen wie ich. Was aber nicht nur „den Menschen da draußen“ oft schwer zu vermitteln ist, sondern auch den regionalen Strippenziehern in den Parteien, die gerade vor den Wahlen über Sein und Nichtsein von Politikerkarrieren entscheiden. >>



>> Warum ich das so betone: weil wir es gerade wieder erleben können. Wie Politiker, die sich in Berlin um Bildung und Wissenschaft verdient machen, die hier in der Hauptstadt ein Stück Autorität haben und größtenteils (zum Glück!) anständig mit ihr umgehen, in ihrer Heimat die totale Machtlosigkeit erleben und um ihr politisches Überleben kämpfen. Stellt die Basis sie erneut als Kandidaten auf? Erhalten sie einen Listenplatz, der ihnen eine realistische Chance gibt, wieder in den Bundestag einzuziehen? Im beginnenden Wahlkampf geht es eben nicht so sehr um die Frage, ob Politiker über die Deutschlands Innovationskraft in 20, 30 Jahren nachdenken, ob sie sich um die allzu lang liegen gelassene Digitalisierung kümmern, die Zukunft der Fachhochschulen oder die Teilhabe bildungsfern aufwachsender Kinder. Es geht darum, ob der Horst und die Sigrid und der Helmut daheim denken, dass sie genügend für „die eigenen Leute“ getan haben, womit im Zweifel die Partei gemeint ist, dass sie sich oft genug haben sehen lassen bei den lokalen Parteiversammlungen in den Wirtshäusern und dass sie sich vor allem für das interessieren, was die Unternehmen und Verbände in Ihrem Wahlkreis bewegt. 

 

Positiv gewendet kann man das „Bürgernähe“ nennen, kritischer formuliert bedeutet es, dass sie sich ihre Themen und Gesprächspartner ausgesucht haben mit dem Ziel, ihre eigenen Wiederwahlchancen zu maximieren. Sozialpolitik zum Beispiel, damit sie den Rentnern im Wahlkreis sagen können: Die Rentenerhöhung, auf die habe ich ganz besonders gedrängt. Oder Verkehrspolitik. Um in der Bewerbungsrede beim Parteitag den Leuten zuzurufen: Dass wir jetzt mehr Geld für den Straßenbau kriegen, das habe ich von Anfang an gefordert. 

 

Sicher: Der Wunsch, wiedergewählt zu werden, muss nicht zwangsläufig im Gegensatz dazu stehen, sich für die Zukunft von Wissenschaft und Forschung einzusetzen, doch oft genug jedoch tut er es. Zum Beispiel weil es schwierig sein kann, den Wählern zu erklären, warum der Hochschulpakt für sie wichtig ist, wenn doch in ihrem Wahlkreis keine Universität liegt. Oder auch, warum der „Pakt für Forschung und Innovation“ zu Recht so viel Geld kostet, wenn doch die meisten Wähler noch nie ein Max-Planck- oder Leibniz-Institut von innen gesehen haben. Vor allem aber entsteht der Gegensatz  dadurch, dass ihre eigenen Parteifreunde vor Ort so weit weg sind von ihren Themen. Denn diese Parteifreunde müssen sie, siehe oben, aufstellen für die nächste Bundestagskandidatur, diese Parteifreunde entscheiden darüber, ob sie einen aussichtsreichen Listenplatz erhalten oder einen, der faktisch schon vor der Wahl das Ende Ihres Mandats bedeutet. 

 

Was folgt daraus? Eigentlich noch ein bisschen mehr Achtung und ziemlich viel Sorge. Ich empfinde noch mehr Achtung für die Forschungspolitiker aller Parteien, dass sie sich gerade dieses Themenfeld ausgesucht haben, obwohl „Innovation“ oder „Grundlagenforschung“ höchstens für eine Minderheit schillernde Begriffe sind. Dass sie sich für Hochschulen und Forschungseinrichtungen einsetzen, obwohl Milliarden für die Wissenschaft für viele ihrer Parteifreunde vor allem Milliarden bedeuten, die man nicht öffentlichkeitswirksam in Kitas, Renten oder Straßen stecken kann. Und ich mache mir Sorgen, weil ausgerechnet das Expertentum, das wir im Bundestag brauchen, gefährdet ist durch seine mitunter mangelnde Anschlussfähigkeit an lokalpolitische Diskurse.

 

Wie sich dieser Widerspruch auflösen lässt? Keine Ahnung. Ich könnte jetzt sagen: Indem Wissenschafts- und Bildungspolitiker ihre Ideen und Ziele noch besser und verständlicher erklären, aber das wäre eine zu einfache, eine zu wohlfeile Antwort. Es bleibt ein Stück Ratlosigkeit. Aber ich finde, in einem persönlichen Artikel wie diesem darf ich die mal einräumen.  

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Die Folgen falscher Selbstzufriedenheit

Der "Chancenspiegel 2017" hat einigen Bundesländern und ihren Schulpolitikern richtig wehgetan. Gut so.

ÜBER DIE ROLLE der Bertelsmann-Stiftung haben sich schon viele den Kopf zerbrochen. Woraus zieht sie ihre eigentlich ihre Legitimation?, fragen vor allem jene, die mit den Forderungen der Bertelsmänner nicht einverstanden sind. Oder auch nicht mit dem Einfluss, den die Stiftung dank ihres Kapitalstocks von rund einer Milliarde Euro auf die Geschicke der Bildungs- , Gesellschafts- oder Gesundheitspolitik nehmen kann. Ein Kapitalstock, der nebenbei bemerkt im internationalen Maßstab fast schon niedlich klein ist.

 

Für das kräftige Mitmischen in deutschen Bildungsdebatten indes reichen die Ressourcen, und so schreibt Bertelsmann-Vorstandsmitglied Jörg Dräger ein viel beachtetes Buch über die "Digitale Bildungsrevolution", das von Bertelsmann mitgetragene Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) versorgt Studieninteressierte mit seinem Hochschulranking, und regelmäßig finanziert die Stiftung Bundesländervergleiche und Studien zu Kitas, Ausbildungsbetrieben oder, wie am Mittwoch, zur Chancengerechtigkeit im Schulsystem. 

 

Studien, die nicht irgendwie verhallen, sondern prompte politische Reaktionen hervorrufen. Minuten nach der Veröffentlichung des "Chancenspiegels 2017" lobte Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) die "vielen erfreulichen Entwicklungen im Schulwesen" und versprach weitere Anstrengungen für mehr Chancengerechtigkeit. SPD-Bildungsexperte Hubertus Heil zog wenig später nach und stellte fest, der "Durchbruch zu echter Chancengleichheit in der Bildung" sei auch 16 Jahre nach dem "Pisa-Schock" nicht gelungen. Und als der Grüne Özcan Mutlu ("Bildungsgerechtigkeit? Fehlanzeige!") eine Stunde später mit seiner Pressemitteilung herauskam, war er fast schon spät dran. Ein Beleg für die Übermacht der Bertelsmann-Stiftung? Zumindest ein Beleg dafür, dass sie die richtigen Themen setzt. 

 

Über die Kernaussagen des Chancenspiegels haben Medien landauf und landab berichtet, die Süddeutsche Zeitung titelte passend: "Gute Chancen, aber nicht für alle". Die Erkenntnis, dass die Bildungsteilhabe für Schüler in Deutschland insgesamt zugenommen hat, nur eben nicht überall gleichermaßen, steckt auch in der Überschrift des Tagesspiegel: "Bildungschancen? Eine Frage der Herkunft". Spiegel online formulierte ähnlich: "Falscher Wohnort? Pech gehabt". Um welchen Wohnort es sich zum Beispiel handelt, war der Überschrift in der Welt zu entnehmen: "Ganztagsschule ist in Bayern noch nicht angekommen." Das Schulsystem im Freistaat komme in der Studie unter dem Aspekt Chancengleichheit besonders schlecht weg, berichtete die Deutsche Presseagentur (dpa): zu undurchlässig, zu wenig Ganztag, niedriger Inklusionsanteil und tendenziell eher negative Veränderungen, so lauteten die Kernergebnisse, die auf amtlichen Statistiken des Schuljahres 2014/15 basieren. Ausgewertet haben sie neben Bertelsmann Forscher der TU Dortmund und der Universität Jena, die Bayern "Modernisierungsrückstände" bescheinigten, ebenso, wenn auch mit Abstufungen, Baden-Württemberg.

 

Dass die Schulen im Südwesten in der Selbstfindungskrise stecken, wissen wir spätestens seit dem IQB-Ländervergleich vom vergangenen Herbst. Und nun wird auch noch Bayern zum Minderperformer erklärt, weshalb sich SPD-Politiker Heil im Vorwahlkampfmodus nicht verkneifen konnte, die Studie zu einer Ohrfeige für die CSU-Schulpolitik zu erklären. Bayern und Baden-Württemberg, ausgerechnet die zwei Bundesländer, die in den ersten Jahren nach dem Pisa-Schock die Hoffnungsträger waren und an der Spitze der deutschlandinternen Rankings lagen.

 

Ein Zufall? Nein, natürlich nicht. Bayern und Baden-Württemberg zeigen nicht so sehr die Auswirkungen einer bestimmten parteipolitischen Ausrichtung des Bildungssystems, sie belegen, was falscher Selbstzufriedenheit bewirken kann. Während andere Bundesländer sich auf den Weg machten, neue Schulformen schufen, die Bildungsabschlüsse durchlässiger machten und sich (bei allem didaktischen Risiko!) an neue Strategien der Stoffvermittlung wagten, hieß es besonders in Bayern: Ganztagsschulen brauchen wir nicht, die Hauptschule bleibt, und bei der Entwertung des Abiturs machen wir nicht mit. Und während der allmähliche Abstieg Baden-Württembergs schon Mitte des vorigen Jahrzehnts einsetzte, konnten sich die Kultusminister in München noch länger in Sicherheit wiegen.

 

Das Ergebnis: siehe oben. Ein weiteres Ergebnis war am Dienstag auch in der Süddeutschen Zeitung nachzulesen, die unter der Überschrift "Der bestbezahlte Praktikant" die zunehmend fahrige CSU-Bildungspolitik beschrieb inklusive der vorläufig letzten Wendung, dass Ministerpräsident Horst Seehofer mitteilen ließ, er habe die Gespräche zur Reform des Gymnasiums "an sich gezogen", Bildungsminister Ludwig Spaenle sei "aber immer dabei". So brutal sei bislang kaum ein bayerischer Minister vom Regierungschef abgekanzelt worden, befand SZ-Autor Sebastian Beck. Unterdessen sagte Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) der Stuttgarter Zeitung, das Projekt "Lesen macht stark" biete einen vielversprechenden Ansatz zur Förderung von Kindern mit Schwierigkeiten beim Lesen und Rechtschreiben" und sei möglicherweise ein Modell auch für baden-württembergische Schulen. Herkunft des Förderprogramms: Schleswig-Holstein, wo es seit zehn Jahren praktiziert wird. Baden-Württembergs Schulen lernen von Schleswig-Holstein? Wer hätte das gedacht vor zehn Jahren. Und noch eine Lehre aus dem Chancenspiegel 2017: An Bayern vor zehn Jahren sollten alle denken, die heute sagen: Mit den Reformen im Schulsystem sei es jetzt erstmal genug

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Konkret, wenn es ums Geld geht

Die Präsidenten der größten Forschungsorganisationen wenden sich mit einem Papier an die Politik – und sagen doch zu wenig.

ES KOMMT NICHT allzu oft vor, dass sich die Präsidenten der vier großen außeruniversitären Forschungsorganisationen und der Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) mit einer gemeinsamen Stellungnahme zu Wort melden. Zu gegensätzlich, gelegentlich sogar zuwiderlaufend, sind ihre strategischen Ziele und Machtinteressen. Natürlich gibt es Ausnahmen. Zum Beispiel wenn es ums Geld geht. Genauer: um den gemeinsamen Topf, aus dem Helmholtz, Max-Planck, Leibniz, Fraunhofer und DFG in den vergangenen elf Jahren ihren relativen Wohlstand bezogen haben.

 

Entsprechend heißt ihr 4+1-Papier, das sie an Bundesforschungsministerium, Gemeinsame Wissenschaftskonferenz und Bundestag geschickt haben, auch „Empfehlung zur Fortsetzung des Paktes für Forschung und Innovation“, womit schon dessen Hauptintention umrissen ist: Natürlich muss der kurz PFI genannte Pakt weitergehen, finden die fünf, denn zusammen mit den weiteren Wissenschaftspakten sei er der Grund, dass „das deutsche Wissenschaftssystem... international attraktiv und sichtbar wie selten zuvor“ sei. Das Geheimnis des PFI den Präsidenten zufolge: Er vereine forschungspolitische Ziele und Planungssicherheit.

 

Ebenso wenig überrascht, dass die Forschungsorganisationen demonstrativ der Auffassung sind, die von der Politik vorgegebenen forschungspolitischen Ziele erfolgreich umgesetzt zu haben: vor allem eine bessere Nachwuchsförderung, eine Steigerung von Internationalisierung und Chancengleichheit, aber auch die Gewinnung von exzellenten ausländischen Wissenschaftlern. Dass die jährlichen Monitoring-Berichte, zu denen die fünf ihre Zahlen zuliefern müssen, je nach Organisation und Thema zu durchwachseneren Ergebnissen kommen, findet keine Erwähnung in dem Papier. Zahlreiche Experten haben in der Vergangenheit kritisiert, die Paktziele seien zu weich formuliert, außerdem fehlten konkrete Sanktionsmechanismen. DFG & Co preisen jedoch lieber die „Flexibilität und Veränderungsdynamik“, die Forschungsprozesse in ihrer Vielfalt und Besonderheit“ begünstigten.

 

Auch sonst bleibt die Stellungnahme punkto Selbstverpflichtungen im Ungefähren: „Die Paktorganisationen begreifen Talent-Management als eine ihrer wichtigsten Aufgaben und werden sich für attraktive Karrierewege und Laufbahnentwicklung engagieren“, heißt es. Oder auch: Kooperationen in der Forschung über die Organisationstypen, nationalen Grenzen oder Disziplinen hinweg zu ermöglichen, sei die „Aufgabe der Wissenschaftsorganisationen“, außerdem sähen sie sich in der Verantwortung, „die Chancen der Digitalisierung für die Wissenschaft zu nutzen“.

 

Konkret werden die fünf vor allem bei ihren Forderungen an die Politik: Die Länder müssten sich wieder an den künftigen Mittelzuwächsen im PFI beteiligen, überregionale Forschungsinfrastrukturen müssten nachhaltig finanziert werden, überhaupt seien „weiterhin anhaltende jährliche Zuwächse“ nötig, um die „Leistungsfähigkeit auf dem hohen Niveau“ weiter zu steigern.

 

In der Bilanz ist es ein erwartbares Papier, dem die Vision, das mutige Angebot in Richtung Gesellschaft fehlt. Genau dieses wäre jedoch nötig, um die Wissenschaftspolitik von der Zukunftsfähigkeit des PFI in seiner bisherigen Form zu überzeugen. Und zwar schleunigst. Denn die Meinungsbildung dazu in Bund und Ländern hat längst begonnen, und das nicht nur (siehe auch die jüngsten Papiere aus Union und SPD) hinter den Kulissen. Schon jetzt lassen sich mindestens drei Sichtweisen erkennen. Erstens: Angesichts der knapper werdenden Mittel sind künftig im Zweifel vor allem die Hochschulen dran. Zweitens: Wenn die Außeruniversitären weitere Zuwächse bekommen, dann nur verbunden mit klaren Missionszielen und einem zusätzlichen unabhängigen Monitoring. Drittens: Statt allen fünf das gleiche Plus zu zahlen, könnte künftig von Organisation zu Organisation variiert werden. 

 

Bislang sind es nur Grundtendenzen in der politischen Diskussion, die sich da abzeichnen, und doch wirkt schon vor ihrem Hintergrund das Papier der Paktorganisationen irgendwie aus der Zeit gefallen. Die fünf Präsidenten täten gut daran, es lediglich als Diskussionsauftakt zu verkaufen. Fortsetzung folgt? Hoffentlich.

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"Auch eine anonyme Anzeige kann möglicherweise ihre Berechtigung haben"

Die Staatsanwaltschaft äußert sich erneut zur Durchsuchung des Münchner Max-Planck-Instituts

Sitz der Münchner Staatsanwaltschaft. Foto: Mattes./Screenshot der Instituts-Website

DIE REAKTION DER Max-Planck-Gesellschaft (MPG) hatte viele überrascht. Vergangenen Mittwoch durchsuchten Polizei und Staatsanwaltschaft das Münchner Max-Planck-Institut für Psychiatrie, und das Institut teilte anschließend mit, es begrüße „ausdrücklich“ die Ermittlungen.

 

Eine fast schon skurrile Flucht nach vorn, die auch der zuständigen Staatsanwaltschaft München I aufgefallen ist. „Es ist nicht so gewesen, dass MPG oder Institut im Vorfeld aktiv auf uns zugekommen sind“, sagte eine Sprecherin am Dienstag. Die Ermittlungen gingen auf eine Anzeige zurück, die laut Staatsanwaltschaft „zumindest so plausibel war“, dass ein Ermittlungsrichter die Durchsuchung angeordnet habe.

 

Die MPG spricht in dem Zusammenhang von „anonymen Anschuldigungen“, die es seit geraumer Zeit immer wieder gegen das Institut gegeben habe. Dass „anonym“ hier zwischen den Zeilen mit „feige“ gleichgesetzt wird, ist offensichtlich. Deshalb hat Max Planck auch seinerseits Anzeige gegen Unbekannt "wegen übler Nachrede, Verleumdung und Strafvorschriften des Bundesdatenschutzgesetzes" eingereicht.

 

Die Sprecherin der Münchner Staatsanwaltschaft sagt dazu, natürlich verifiziere ihre Behörde „mit einer Vielzahl von Methoden“ im Vorfeld den Hintergrund einer solchen Anzeige, bevor sie aktiv werde. „In diesem Fall war uns bewusst, dass da jemand möglicherweise seine berechtigten Gründe haben könnte, nicht namentlich dazu stehen zu können.“ Tatsächlich, so die Sprecherin, gebe es berühmte Präzedenzfälle für berechtigte anonyme Anzeigen: die Bestechungsaffäre beim Siemens-Konzern vor zehn Jahren zum Beispiel, wo sich die erhobenen Vorwürfe bestätigt hätten.

 

Der Anfangsverdacht im aktuellen Ermittlungsverfahren beziehe sich auf die Tatbestände „Abrechnungsbetrug“ und „Untreue“, bestätigte die Sprecherin. Dazu muss man wissen, dass dass zu dem Institut eine Klinik gehört, in der Patienten behandelt werden. Bis 2013 wurden Institut und Klinik in Personalunion geleitet, seitdem hat die Klinik einen eigenen Chefarzt. In der Wissenschaftsszene kursieren seit Monaten Beschuldigungen gegen Mitarbeiter des Instituts, die, zusammen mit umfangreichen Unterlagen, unter anderem an die Geschäftsstelle der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz (GWK) von Bund und Ländern versandt wurden. Hierbei geht es auch um die Frage, ob für die Forschungsfinanzierung gedachte Gelder für den Klinikbetrieb eingesetzt wurden. 

 

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), das daraufhin in der Münchner MPG-Zentrale eine Stellungnahme angefordert hatte, meldet sich Anfang der Woche erstmals selbst zu öffentlich Wort. Wie Max Planck verweist das Ministerium auf das Gutachten einer externen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, das im Juli 2016 zum Schluss gekommen sei, dass die Vorwürfe nicht stimmten. "Die Staatsanwaltschaft hat offensichtlich trotzdem entschieden, die Vorwürfe zu untersuchen. Das BMBF nimmt dies zur Kenntnis und begrüßt, dass die MPG ihrerseits volle Kooperationsbereitschaft zugesagt hat." 

 

Nach der richterlich angeordneten Durchsuchung laufe nun die Auswertung des sichergestellten Materials, sagte die Sprecherin der Staatsanwaltschaft. Bis sie abgeschlossen sei, könne keine Einschätzung zu Schuld oder Unschuld der betroffenen Personen abgegeben werden.  

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Mogelpackung Hochschulverträge?

Wie die Wissenschaftsminister von Freiheit für die Universitäten schwärmen und ihre Beamten sie im selben Augenblick einschränken

Foto: Mari Helin-Tuominen
Foto: Mari Helin-Tuominen

JOACHIM METZNER GEHÖRT zu den erfahrendsten Hochschulrektoren der Republik. 24 Jahre lang hat er die Fachhochschule Köln geleitet, bis 2014 war er außerdem Vizepräsident der Hochschulrektorenkonferenz. Wenn einer wie er sich zu Wort meldet, sollte man besser genau hinhören. Jetzt hat Metzner zusammen mit Hans Roosendaal, Ex-Vizepräsident der Universität Twente, ein Positionspapier verfasst, das in der Szene für Diskussionen sorgen dürfte. Die Überschrift klingt trocken: „Der Zusammenhang zwischen Hochschulautonomie und strategischer Hochschulentwicklung“, doch die Thesen, die Metzner und Roosendaal,  formulieren, enthalten Sprengstoff.

 

Der Staat erweise sich gegenüber den Hochschulen als unzuverlässiger Vertragspartner, kritisieren die Autoren. Über so genannte Hochschulverträge versprächen viele Landesregierungen ihren Hochschulen finanzielle Planungssicherheit, tatsächlich jedoch müssten sich die Rektoren auf einen unfairen Tauschhandel einlassen: relative Gestaltungsfreiheit gegen „eine sukzessive Abschmelzung der Mittelzuweisung“. Zumal die Hochschulverträge in sich Mogelpackungen seien, weil sie „unter dem Vorbehalt des Haushalts“ abgeschlossen würden, seitens des Staates also einseitig jederzeit geändert werden könnten – während die Hochschulen zur Vertragstreue verpflichtet sind. Dabei sei der Haushaltsvorbehalt eigentlich unnötig, denn Landesregierungen könnten sehr wohl Verpflichtungsermächtigungen über die aktuelle Haushaltsperiode hinaus beschließen. Sie tun es jedoch nicht – laut Metzner und Roosendaal mit der Folge, dass mehr und mehr Hochschulen zumindest vorübergehend die Unterschrift unter die ihnen vorgelegten Verträge verweigert hätten.


Man muss kein Psychoanalytiker sein, um in dem Papier viele der Kämpfe wiederzuerkennen, die Metzner im Verlauf seiner Amtszeit mit der nordrhein-westfälischen Landesregierung ausgefochten hat, vor allem mit der noch amtierenden Wissenschaftsministerin Svenja Schulze (SPD). Doch die Kritik der beiden an der vermeintlich mangelnden staatlichen Verlässlichkeit auf NRW begrenzt zu sehen, wäre zu eng gedacht, zumal Roosendaal sich als Professor für Strategisches Management seit vielen Jahren sehr grundsätzlich mit dem Verhältnis von Staat und Hochschulen auseinandergesetzt hat. Zuletzt hatte etwa den Hochschulen in Baden-Württemberg trotz versprochenem jährlichen Drei-Prozent-Plus eine Sparrunde gedroht, weil die Finanzministerin überraschend auf die Bremse trat. Die grüne Wissenschaftsministerin Theresia Bauer steuerte gegen, indem sie Studiengebühren für internationale Studenten auf den Weg brachte. 

 

Über die Landesgrenzen hinaus angesprochen fühlen sollten sich Wissenschaftsminister auch bei der These, die den Hochschulen demonstrativ zugestandene Autonomie werde im Alltagshandeln durch die Tendenz unterminiert, immer mehr Geld über Programme thematisch gebunden zu vergeben: „Mit der Verlängerung und perspektivischen Verstetigung der Exzellenzinitiative und dem Programm Innovative Hochschule ist in dieser Hinsicht aktuell eine neue Ebene erreicht."

 

Wobei die Politik zumindest an dieser Stelle die Zeichen der Zeit erkannt zu haben scheint, gerade auch in NRW. So hat Svenja Schulze den Hochschulen im Herbst versprochen, bis 2021 aufwachsend am Ende jährlich rund um 600 Millionen Euro von der Projekt- in die Grundfinanzierung zu verlagern. Größtenteils geht es um Mittel aus dem Hochschulpakt, mit dem Bund und Länder – bislang zeitlich begrenzt – zusätzliche Studienplätze finanzieren. Die Verlagerung ergibt bei den Dauermitteln ein Plus von rund 16 Prozent, ein Inflationsausgleich für Personal und Mieten kommt noch hinzu. 


Auch der ministeriellen Rechtsaufsicht widmen sich die Autoren. Sie werde „repressiv, „präventiv“ und „extensiv“ eingesetzt, um die Hochschulautonomie einzuschränken. Im Klartext: Während die Wissenschaftsminister in Sonntagsreden die große Freiheit der Hochschulen rühmen, gängeln ihre Beamten sie mit kleinkarierten Abfragen und Vorschriften – und das nicht nur mit dem Wissen, sondern mit der Billigung ihrer Chefs. 

 

Das größte Übel der staatlichen Steuerung aber sei, so Metzner und Roosendaal, dass ihr ein grundsätzliches Missverständnis zugrunde liege. Damit Ziel- und Leistungsvereinbarungen ihren Sinn erfüllen könnten, müsste der Staat eine echte langfristige Strategie haben, in welche Richtung sich das Hochschulsystem als Ganzes, aber auch die einzelnen Hochschulen entwickeln sollten. Diese existiere jedoch nicht. Schuld daran seien vor allem die komplexen Abstimmungsprozesse zwischen den Landesministerien (siehe nochmal das baden-württembergische Beispiel oben), aber auch partei- und koalitionspolitische Vorgaben, Haushaltsordnungen und Begrenzungen durch Legislaturperioden. „Dazu tritt die Tendenz, dass Ministerien eigene strategische Ziele als Vorgaben, Leitplanken und Rahmen für die von der Hochschule erstellte Strategie verstehen und formulieren.“ Wenn der Staat aber nicht in der Lage sei, „eine echte Strategie zu formulieren, sollte seinen Hochschulen bei dieser Arbeit nicht auf die Füße treten.“

 

Wobei die Autoren zugestehen, dass auch die Hochschulen höchstens in Ansätzen strategiefähig seien, was vor allem mit ihrer Governance zusammenhänge. Kein ganz neuer Vorwurf: Zuletzt hatte ihn der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), Peter Strohschneider, erhoben. "Universitäten haben ein relativ schwaches konzeptionelles Selbstbewusstsein", befand er in einem viel beachteten ZEIT-Interview. Als Beispiel führte Strohschneider an, dass es bei Informationsveranstaltungen zur Exzellenzstrategie auch um die Frage gegangen sei, "mit welchen Schriftgrößen und Zeilenabständen die Anträge geschrieben werden sollen".  Der DFG-Präsident warnte, Fragen zur Entwicklung von Forschung und Lehre und der Profilierung von Universitäten sollten "nicht verdrängt werden durch Technikalien".

 

Metzner und Roosendaal nennen ein weiteres leidiges und viel zitiertes Beispiel für das hochschulische Strategieproblem: die immer noch große Austauschbarkeit so genannter Leitbilder, die Hochschulen formulieren, um ihre Ziele und ihre Besonderheiten zu definieren. Die vorhandenen Leitbilder wiederholten im Wesentlichen nur die in den Gesetzen vorgeschriebenen Aufgaben mit anderen Worten und seien insofern „rein politisch korrekte Dokumente“ mit kaum vorhandenem strategischen Wert.  

 

Ein Disclaimer gegen Ende: So stark die Analyse der beiden ist, man sollte sie dennoch mit ein wenig Vorsicht genießen. Denn dass mit Roosendaal der Geschäftsführer einer Beratungsfirma, die sich auf die Strategieberatung von Hochschulen spezialisiert hat, die mangelhafte Durchsetzung der Hochschullandschaft mit Strategie beklagt, ist dann doch weder uneigennützig noch überraschend.

 

Und dennoch: Selten sind die Selbsttäuschung der Wissenschaftspolitik, aber auch die Mutlosigkeit der Hochschulen so klar beschrieben worden wie in dem Positionspapier von Joachim Metzner und Hans Roosendaal. Das Problem allerdings ist, dass auch die beiden nicht so richtig wissen, welche Schlussfolgerungen sie aus der Misere ziehen sollen. Ihre Kernforderung, der Staat solle sich zurückziehen, damit die Hochschulen in Deutschland „unabhängig von Auftrag und Größe, ihre vollständige Strategiefähigkeit entfalten“ könnten, haben sie zuvor mit der Beschreibung der Selbstblockade an vielen Hochschulen selbst entwertet. Tatsächlich ist es so, dass viele Hochschulrektoren immer noch, wenn es eng wird, aufs ein ministerielles Machtwort setzen, um hochschulinterne Konflikte zu lösen. Dass sie sich hinter der Autorität des Ministeriums verstecken, wenn es darum geht, unangenehme Veränderungen durchzusetzen.

Wer deshalb allerdings glaubt, die Antwort seien „mehr Vorgaben“ und „mehr Staat“ in der Hochschulsteuerung, hat weder die Analyse der beiden Autoren noch die Verschränktheit der gegenseitigen Beschränktheiten richtig verstanden. So bleiben zwei Konsequenzen allemal richtig. Erstens: Ohne auskömmliche Grundfinanzierung – oder die Erschließung zusätzlicher Finanzquellen wie etwa Studiengebühren – gibt es keine strategiefähigen Hochschulen. Zweitens: Echte Hochschulverträge, also auf Augenhöhe, bei gegenseitiger Verlässlichkeit, gibt es nur, wenn die Landesregierungen sich trauen, Schluss zu machen mit der Mogelpackung namens "Haushaltsvorbehalt".  

 

Das so genannte "White Paper" kann hier heruntergeladen werden. 

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"Von wegen Streicheleinheiten und Lobeshymnen"

Manfred Prenzel ist ein ruhiger Typ. Womöglich war er genau deshalb als Vorsitzender des Wissenschaftsrats so auffällig. Ein Gespräch über das, was von seiner Amtszeit bleibt.

Der Münchner Bildungsforscher Manfred Prenzel, 64, war seit Juli 2014 WR-Vorsitzender. Foto: privat
Der Münchner Bildungsforscher Manfred Prenzel, 64, war seit Juli 2014 WR-Vorsitzender. Foto: privat

Herr Prenzel, wenn Sie draußen auf der Straße die Leute fragen, ob sie schon mal was vom Wissenschaftsrat (WR) gehört haben, sagen bestimmt 99 Prozent: „Wovon?“ Stört Sie das?

 

Ehrlich gesagt nicht sehr. Wenn wir eine Empfehlung verabschieden, ist das natürlich nichts, was die überwiegende Mehrheit der Menschen in unserem Land angeht. Wobei es sie womöglich stärker tangiert, als sie denken. Doch sie können es nicht einordnen. Für eine Teilöffentlichkeit allerdings, nämlich immer die, die unsere Empfehlungen betreffen, sind die Äußerungen des WR hochgradig interessant.

 

Sie sagen „Wir“, wenn Sie vom WR reden. Tatsächlich sind Sie zum 1. Februar als Mitglied ausgeschieden, auch den Vorsitz haben Sie an die Agrarökonomin Martina Brockmeier abgegeben.

 

Das sehen die Regeln im WR so vor. Nach maximal sechs Jahren Mitgliedschaft ist Schluss, und die waren bei mir erreicht.

 

Schade? Oder sind Sie eigentlich ganz erleichtert?

 

Ich fühle mich schon entlastet von dieser großen Verantwortung. Aber ich arbeite ja noch in einigen Arbeitsgruppen weiter, da sind noch Aufgaben zu Ende zu bringen.

 

Machen Sie doch mal Werbung für die Institution Wissenschaftsrat, die für viele der Inbegriff des kleinsten gemeinsamen Nenners in der Wissenschaftspolitik ist.

 

Die beste Werbung ist die Geschäftsstelle. Da sind Profis am Werk, die unaufgeregt die Sitzungen vorbereiten, die Unterlagen zusammenstellen, die Kommunikation zwischen den Beteiligten strukturieren, kurzum: dafür sorgen, dass im Zusammenwirken mit einer höchst kompetenten und engagierten Wissenschaftlichen Kommission überhaupt gute Empfehlungen entstehen können.

 

Gute Empfehlungen? Oder Empfehlungen, die keinem wehtun? >>



>> Die Kritik ist mir zu einfach. Ich fand es zum Beispiel durchaus mutig, dass der WR in seinen Empfehlungen zur Zukunft wissenschaftlicher Karrierewege einstimmig, also mit den Stimmen von Wissenschaft und Politik, gefordert hat, 7500 zusätzliche Professorenstellen zu schaffen.

 

Mit dem Ergebnis, dass es in einem befristeten Bund-Länder-Programm 1000 Tenure-Track-Stellen geben soll und die Länder bei der Nachhaltigkeit tricksen.

 

Aber die Zahl steht im Raum, man kann sie immer wieder herausziehen, und die Politik muss sich damit auseinandersetzen. Zugleich darf man nicht vergessen: Der WR ist nur ein Beratungsgremium, seine Empfehlungen werden aber nie eins zu eins umgesetzt. Das schwächt ihn jedoch nicht, das macht ihn aus. Und langfristig verändert sich dadurch mehr, als man zunächst denkt. Das Bemerkenswerte ist doch, dass die Wissenschaftsminister sich generell auf so eine Forderung eingelassen haben, was für mich zeigt, dass das Prinzip Wissenschaftsrat funktioniert.

 

Beschreiben Sie bitte mal dieses Prinzip.

 

Welche Themen sind heiß, welche sind reif und wichtig genug, um sie auf die politische Agenda zu setzen? Das ist die Entscheidung, mit der alles anfängt. Eine Entscheidung, die in den meisten Fällen von den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern kommt, aus ihrer Wahrnehmung dessen, was los ist an den Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Dann macht sich eine Arbeitsgruppe an die Arbeit, und weil schon in jeder Arbeitsgruppe zwei, drei Vertreter der Ministerien sitzen, kommt der Realitätscheck recht früh: Wie lässt sich in der Sache politisch etwas bewegen? Der erste Entwurf der Empfehlung geht dann in die so genannte Wissenschaftliche Kommission, zu der 24 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler  zählen und nochmal acht so genannte Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die einen Außenblick einbringen sollen.

 

Da könnte die Wissenschaft doch unbeeindruckt von politischem Druck das Papier zuspitzen und so klare Kante zeigen.

 

So funktioniert das aber nicht. Nach der Wissenschaftlichen Kommission wandert das Papier in die Verwaltungskommission mit 32 Stimmen von Bund und Ländern. Wenn Sie anfangen, da mit unrealistischen Papieren hereinzugehen, hat man den Dialog zwischen Wissenschaft und Politik in kürzester Zeit zerstört. Das Geheimnis des Wissenschaftsrats ist die gegenseitige Perspektivenübernahme, das Ausloten dessen, was man einander zumuten kann. Wir Wissenschaftler müssen den Rahmen des Möglichen erkennen, ohne vorschnell einzuknicken. Das ist die Kunst des Ausbalancierens. Und das gelingt ziemlich gut, finde ich, zumal Wissenschaftspolitik und Wissenschaft im Wissenschaftsrat ohnehin oft im selben Boot sitzen. 

 

Erklären Sie das.

 

Ich könnte mir vorstellen, dass die Wissenschaftsminister aus Bund und Ländern manchmal froh sind, wenn sie mit einem fundierten Gutachten des WR zu ihren Finanzministerkollegen oder ihren Ministerpräsidenten gehen und das nötige Geld einfordern können. Die Empfehlungen werden im Übrigen auch von interessierten Parlamentariern gelesen. Und die können die Empfehlungen nicht einfach beiseite wischen, denn sie sind ja in einem fundierten Prozess auf Augenhöhe zwischen Wissenschaft und Politik entstanden. Insofern stärken wir den Wissenschaftspolitikern den Rücken, was wiederum der Wissenschaft hilft.

 

Klingt alles sehr ausgewogen.

 

Ausgewogen ja, aber nicht frei von Ecken und Kanten. Es ist ja nicht so, dass die Papiere des Wissenschaftsrats nur aus Streicheleinheiten und Lobeshymen bestehen. Oft rühren unsere Empfehlungen an handfesten Interessen, an womöglich überkommenen Traditionen, am im Alltag Eingeschliffenen. Nehmen wir als Beispiel nochmal unser Papier zu den Karrierewegen: Wenn wir 7500 Professuren zusätzlich fordern, kostet das nicht nur Geld und fordert die Politik heraus. Gleichzeitig bedeutet unsere Empfehlung in der Konsequenz das Ende eines überzogenen Lehrstuhlprinzips, also ein weniger übermächtiges Verständnis der Professur. Das geht auch an den Hochschulen vielen gegen den Strich.

 

Seit einigen Jahren berät der WR Bundesländer dabei, ihr Wissenschaftssystem neu auszurichten, im Fall des Saarlands oder Bremens verbunden mit Kürzungsvorschlägen. Ein Tabubruch?

 

Natürlich ist das ein Dilemma, vor dem wir stehen, wenn ein Land um ein Gutachten bittet, und die Empfehlungen sollen nichts kosten, sondern möglichst noch Geld einsparen. Natürlich könnten wir dann sagen, wir lassen die Finger davon. Aber wenn dann private Unternehmensberatungen den Job übernehmen, wird das Ergebnis ein besseres für die Wissenschaft sein? Ich glaube, es kommt mehr Gutes dabei heraus, wenn in Bezug auf Wissenschaft Wissenschaftler die Politik beraten, wenn wir so am Ende auch manche Kürzungsidee als vollkommen unrealistisch zurückweisen können. Aber klar, das ist und bleibt ein Spannungsverhältnis.

 

Als ehemaliger Vorsitzender des Wissenschaftsrats müssen Sie nicht mehr ein Höchstmaß an Diplomatie walten lassen. Gibt es etwas, was Sie der Politik immer schon mal sagen wollten?

 

Ich finde, das Prinzip Wissenschaftsrat funktioniert weiterhin sehr gut. Doch die Politik sollte im Blick haben ihn als Institution nicht mit Aufgaben zu überfrachten. Die Mitglieder der Wissenschaftlichen Kommission wirken mittlerweile in so vielen Arbeitsgruppen mit, sie bearbeiten so viele unterschiedliche Themen von der institutionellen Akkreditierung über die Evaluation von Wissenschaftseinrichtungen bis hin zur Betreuung wichtiger Bund-Länder-Programme. Das schränkt die Zeit ein für das, was ich für das Kerngeschäft des WR halte: nach vorn zu denken, sich mit Zukunftsszenarien auseinanderzusetzen und Ideen zu formulieren, wie das System Wissenschaft seine Aufgabe besser als heute erfüllen kann.

 

Der Think Tank leidet unter den Alltagsmühen?

 

Wenn Sie so wollen. Der Wissenschaftsrat ist von seiner Art und Zusammensetzung her eine einzigartige Institution, und das wirkt sich auf die Vielzahl der Aufgaben aus, die die Politik ihm zuschreiben möchte... Darf ich noch einen zweiten Wunsch äußern?

 

Aber immer.

 

Die Politik darf nicht das Momentum verpassen, das endlich bei der Debatte um die Digitalisierung in Bildung und Wissenschaft entstanden ist. Lange hat sich das Thema vor sich hingeschleppt, jetzt ist eine Aufmerksamkeitswelle da. Doch all die unterschiedlichen Initiativen von Bund, Ländern, Kommunen, von verschiedenen Ministerien, Behörden sowie wissenschaftlichen Einrichtungen, die laufen zu unkoordiniert nebeneinander. Voraussetzung für mehr Koordination ist, dass die einzelnen politischen Akteure ihre Einzelinteressen, besonders zur Geltung zu kommen, zurückstellen.

 

Wollen Sie noch deutlicher werden, welche Akteure Sie genau meinen?

 

Ich denke, das war deutlich genug.

 

Und was wollen Sie der Wissenschaft zum Abschied vom Wissenschaftsrat mit auf den Weg geben?

 

Wenn es ein Thema gibt, das mich in meiner Zeit als Vorsitzender, aber auch schon davor im WR, am meisten umgetrieben hat, so war das die Frage nach der Integrität von Wissenschaft. Und damit meine ich viel mehr als nur das Ziel, Plagiate früher erkennen und verhindern zu können. Wie sichern wir die Qualität der wissenschaftlichen Erkenntnisse etwa in den Lebenswissenschaften? Wie machen wir junge Menschen von Anfang an standhaft gegen Verlockungen, sich mit Kniffs und Tricks ein bisschen mehr Aufmerksamkeit, einen höheren „Impact“ zu verschaffen? Das fängt bei Salami-Publikationen an und endet bei Zitierkartellen. Noch ist das gesellschaftliche Ansehen von Wissenschaft hoch. Doch wenn Wissenschaft nicht selbst die höchsten Maßstäbe entwickelt, um sich gegen Kompromittierungen von Qualität und Ethik abzusichern, dann gefährdet sie ihre eigene Autonomie.

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Ab ins Labor, Papa!

Damit ihre Kinder später keine Chemiemuffel werden, gehen Bochumer Eltern einmal im Monat mit ihren Kindern an die Uni.

Lea Feinermann und ihr Vater. Foto: Jan-Martin Wiarda
Lea Feinermann und ihr Vater. Foto: Jan-Martin Wiarda

BLDUNGSFORSCHER HABEN NACHGEWIESEN, dass Grundschulkinder eine hohe Motivation mitbringen, sich mit Naturwissenschaften zu beschäftigen – übrigens unabhängig von ihren schulischen Leistungen. Allerdings weiß die Wissenschaft auch, dass sich Kinder langfristig vor allem für das interessieren, was ihre Eltern interessiert. Was das für ein schon bei vielen Eltern unbeliebtes Fach wie Chemie bedeutet, kann man sich denken. Heißt im Umkehrschluss: Will man die Kinder mit ihrer natürlichen Neugier bei der Stange halten, muss man ihre Eltern mitbegeistern, und zwar frühzeitig.

 

Wie das funktioniert, kann man in Bochum beobachten. Vor einigen Wochen bin ich an die dortige Ruhr-Universität gereist, um mir ein ungewöhnliches Projekt anzuschauen. KEMIE heißt es, die Abkürzung für "Kinder erleben Chemie mit ihren Eltern". Ausgedacht hat es sich die Chemiedidaktik-Professorin Katrin Sommer. Was ich dort erlebt habe und warum die 10 Jahre alte Lea mit einem Mal einen Faible für exotherme Reaktionen hat, können Sie in meinem aktuellen Artikel bei Spiegel Online nachlesen. 

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Polizei durchsucht Institut, und Max Planck sagt: Danke

Die Münchner Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Vorwurfs der Untreue gegen Mitarbeiter des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie

Screenshot: Website des Instituts
Screenshot: Website des Instituts

AM MITTWOCH HABEN Polizei und Staatsanwaltschaft das Münchner Max-Planck-Institut für Psychiatrie durchsucht, und was sagt das Institut: Danke. So zumindest liest sich das Statement, das das Institut in Absprache mit der Generalverwaltung der Max-Planck-Gesellschaft (MPG) herausgegeben hat. Seit geraumer Zeit habe es „immer wieder anonyme Anschuldigungen“ gegen das Institut gegeben, heißt es darin. „Den Vorwürfen, die die Abrechnungspraxis in unserem Hause betreffen, geht die Staatsanwaltschaft nun nach und prüft sie auch zur Entlastung der Betroffenen, was wir ausdrücklich begrüßen.“

Eine auf den ersten Blick skurril anmutende Kommunikationsstrategie, so mit einem einschneidenden Ereignis wie einer staatsanwaltlichen Ermittlung im eigenen Haus umzugehen. Die Staatsanwaltschaft München I teilte ihrerseits laut Deutscher Nachrichtenagentur (dpa)  mit, es werde der Vorwurf der Untreue untersucht, es läge eine Strafanzeige gegen mehrere Personen vor. Die Süddeutsche Zeitung zitiert eine Sprecherin mit der Formulierung, es gebe "einen Anfangsverdacht auf Abrechnungsbetrug". Abrechnungsbetrag an einem Max-Planck-Institut? Dafür muss man wissen, dass dass zu dem Institut eine Klinik gehört, in der Patienten behandelt werden. Bis 2013 wurden Institut und Klinik in Personalunion geleitet, seitdem hat die Klinik einen eigenen Chefarzt. 

 

Tatsächlich kursieren in der Szene seit Monaten Beschuldigungen gegen Mitarbeiter des Instituts, die, zusammen mit umfangreichen Unterlagen, unter anderem an die Geschäftsstelle der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz (GWK) von Bund und Ländern versandt wurden. Hierbei geht es auch um die Frage, ob für die Forschungsfinanzierung gedachte Gelder für den Klinikbetrieb eingesetzt wurden. Die GWK hat deshalb das zuständige Bundesministerium für Bildung und Forschung informiert, das wiederum von der MPG-Führung bis vergangene Woche eine Stellungnahme angefordert hatte.

 

Die MPG-Generalverwaltung sah sich schon im Vorfeld der Institutsdurchsuchung mit einer Reihe von Presseanfragen zu den Vorwürfen konfrontiert und hatte immer wieder betont, die Untersuchungen einer unabhängigen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft seien 2016 zu dem Ergebnis gekommen, „dass die aktuelle Abrechnungspraxis keinen Grund zur Beanstandung gibt.“  

 

Insider beschreiben die Stimmung am Institut seit langem als „schwierig“. Das Institut stelle sich mit dem Wechsel in der Leitung seit 2013 „organisatorisch in vielerlei Hinsicht neu auf“, äußerte sich die Generalverwaltung schon vor zwei Wochen auf die Presseanfragen hin, viele Prozesse müssten „vor dem Hintergrund veränderter Strukturen und aktueller gesetzlicher Vorgaben neu justiert werden.“ Seither sei es „zu einer nicht abreißenden Kette anonymer Anschuldigungen“ gegen die Betroffenen gekommen, die sich allesamt als haltlos erwiesen hätten. Deshalb habe die MPG ihrerseits Anzeige wegen Rufschädigung gegen unbekannt eingereicht.

 

Die von dem oder den anonymen E-Mailschreibern versandten Unterlagen sind nicht nur umfänglich und detailreich, sie lassen, verbunden mit den empfindlichen Reaktionen der MPG-Führung, auf eine – gelinde gesagt – komplexe Gemengelage schließen. Ist etwas dran an den Vorwürfen? Oder handelt es sich tatsächlich um eine Kampagne gegen Mitarbeiter des Instituts? Das kann nur und wird die Staatsanwaltschaft nun ermitteln. So gesehen ist die Erleichterung in der MPG-Generalverwaltung über die heutigen Ermittlungen dann doch nachvollziehbar. Spannende Wochen liegen vor dem Institut.  

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Die Hochschulen müssen umdenken. Der wissenschaftliche Nachwuchs aber auch

Der Karrieredruck führt dazu, dass viele junge Wissenschaftler ihren Kinderwunsch unterdrücken. Dabei zeigt der Bundesbericht: Wer sich traut, hat nicht zwangsläufig die schlechteren Aufstiegschancen. Ein Gastbeitrag von Karl Ulrich Mayer.

Foto: bady qb
Foto: bady qb

DAS SCHWERPUNKTTHEMA DES dritten, gerade von Bundesbildungsministerium und Kultusministerkonferenz veröffentlichten „Bundesberichts Wissenschaftlicher Nachwuchs“, ist die Vereinbarkeit von wissenschaftlichem Beruf und Familie. Das war eine politische Vorgabe. Und in der Tat könnte man sich fragen, ob es für junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler keine wichtigeren Probleme gibt als die Familiengründung. Den wissenschaftlichen Erfolg etwa. Oder die Frage, ob sie eine Möglichkeit finden, auf Dauer in der Wissenschaft arbeiten zu können. Und schließlich könnte man noch einen draufsetzen und fragen: Ist die Familiengründung für junge Wissenschaftler nicht sogar leichter als für andere Berufsgruppen, schließlich bietet die Tätigkeit an einer Hochschule im Vergleich zur Privatwirtschaft eher größere Freiräume und zeitliche Autonomie.

 

Wer so fragt, hat den Kern der Problematik nicht verstanden. Der außerordentlich sorgfältig argumentierte und dokumentierte Bericht zeigt, dass die Arbeitsbedingungen der Doktoranden und Postdoktoranden sehr wohl in einem ursächlichen Zusammenhang stehen mit der Chance, eine Familie zu gründen und als Wissenschaftlerin oder Wissenschaftler Mutter oder Vater zu werden.

 

Zunächst die schlechten Nachrichten: Neun von zehn jungen WissenschaftlerInnen wünschen sich Kinder, aber  fast die Hälfte bleibt schließlich kinderlos. Genauer: 49 Prozent der Wissenschaftlerinnen an Universitäten und 42 Prozent ihrer männlichen Kollegen, was nicht an Ihrer hochqualifizierten Ausbildung liegt, sondern an ihrer Tätigkeit. Das kann man daran erkennen, dass von jenen HochschulabsolventInnen, die außerhalb der Hochschulen eine Karriere verfolgen, nur zu 25 Prozent kinderlos bleiben. Zwar stammen diese Daten von 2006, doch es gibt keinen Grund für die Annahme, die Situation habe sich gebessert. Der aktuelle Elternanteil unter den Nachwuchswissenschaftlern liegt nach den besten Studien zwischen 13 und maximal 30 Prozent.

 

Die geringe berufliche Planungssicherheit, verbunden mit der deshalb fehlenden finanziellen Langzeit-Perspektive, führt bei vielen von ihnen zur Entscheidung, den vorhandenen Kinderwunsch zurückzustellen. Dabei unterscheiden sich Frauen und Männer kaum. Benachteiligungen auf Grund ihrer Elternschaft nehmen allerdings vor allem Frauen wahr. Häufiger als die Väter erleben sie, dass ihre Leistungen weniger geschätzt und dass sie von ihren Vorgesetzten weniger gefördert werden. Frauen schätzen daher die Möglichkeit, Familie und Karriere vereinbaren zu können, geringer ein als Männer, nicht zuletzt weil Frauen ihrer Erwerbstätigkeit nach Geburt eines Kindes häufiger unterbrechen und sie eher die Hauptverantwortung für die Familien-und Hausarbeit übernehmen.

 

Es gibt aber auch gute Nachrichten. Die wenigen WissenschaftlerInnen im öffentlichen Sektor, die während ihrer Qualifizierungsphase tatsächlich Eltern werden, erleben die Vereinbarkeit von Familie und Beruf weniger kritisch, obgleich sie sich auch nicht begeistert über die Möglichkeiten äußern. Zugleich finden sie ihre wissenschaftliche Tätigkeit hoch attraktiv. Kritisch erleben sie die hohe Arbeits- und Mobilitätsbelastung, die Konkurrenz von Familiengründungs- und Qualifizierungsphase und die mangelnden Möglichkeiten der Kinderbetreuung. Zusammengefasst sind die Eltern unter den jungen WissenschaftlerInnen nicht weniger glücklich als Kinderlose. Im Gegenteil: Sie äußern sich sogar häufiger zufrieden mit ihrer Gesamtsituation und sind weniger gestresst.

 

Lassen sich promovierende oder promovierte Eltern stärker von einer akademischen Karriere abschrecken als kinderlose Promovierte? Nein, es sind keinerlei Unterschiede nachweisbar, keine negativen Auswirkungen des Elternseins auf akademische Karrierepläne. Bei promovierenden Vätern ist sogar das Gegenteil der Fall: Sie wollen eher in der Wissenschaft bleiben als kinderlose.

 

Zu den guten Nachrichten gehört auch, dass die Unterstützungsangebote für junge Eltern massiv zugenommen haben. Dazu gehören sowohl für alle Eltern zugängliche Maßnahmen wie Elterngeld und Elternzeit, aber auch speziell in von Hochschulen und Forschungseinrichtungen entstandene neue Möglichkeiten wie flexible Arbeitszeiten, Eltern-Kind Zimmer oder Kinderbetreuung bei Kongressreisen. Allerdings lässt die Kenntnis vieler solcher Angebote bei den jungen Wissenschaftlern, die Eltern sind oder es gern wären, zu wünschen übrig.

 

Insgesamt muss man die Politik dafür loben, dass sie dieses scheinbare Randthema zum Schwerpunkt des Bundesberichts Wissenschaftlicher Nachwuchs 2017 gemacht hat. Eine Botschaft des Berichts geht direkt an die Adresse der jungen Wissenschaftler: Traut euch das Elternsein zu, die Realität zeigt, dass ihr eure Karriereaussichten dadurch nicht verschlechtert. Und es gibt viele Hilfen – nutzt sie.

 

Eine zweite Botschaft geht an die Wissenschaftspolitik und an die Hochschulen: Wenn die in den anderen Teilen des Bundesberichts behandelten Beschäftigungsbedingungen und Karrierechancen verbessert würden, hätte dies auch positive Folgen für das, was in dieser Republik eigentlich selbstverständlich sein sollte: dass junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler akademischen  Beruf  ausüben können, ohne auf Partnerschaft, Familie und Elternschaft verzichten müssen.

Der Soziologe Karl Ulrich Mayer ist emeritierter Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, war Präsident der Leibniz-Gemeinschaft und leitet den wissenschaftlichen Beirat des "Bundesberichts Wissenschaftlicher Nachwuchs".

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Alles eine Frage des Zeitpunkts

Die Grünen fordern eine Bafög-Erhöhung jetzt. Ziemlich durchsichtig. Und trotzdem haben sie Recht.

Logo auf der BAföG-Website
Logo auf der BAföG-Website

MEINEN DIE GRÜNEN das ernst? Sieben Monate vor der Bundestagswahl fordert ihr hochschulpolitischer Sprecher Kai Gehring einen sechsprozentigen Nachschlag beim BAföG. Und er fordert nicht nur, seine Fraktion hat den Antrag vergangene Woche sogar in den Bundestag eingebracht.

 

Wahlkampf-Politik? Vielleicht. Der Zeitpunkt ist jedenfalls clever. Denn vor wenigen Tagen erst hat der „Alternative BAföG-Bericht“ des Deutschen Gewerkschaftsbundes vermeldet, dass die Quote der Förderberechtigten zwischen 2012 und 2015 gesunken sei, der DGB-Rechnung zufolge von 19 auf 15 Prozent. Regelrecht „eingebrochen“ sei die Zahl der Unterstützten, wie die Gewerkschafter es formulieren. Auch die starren Altersgrenzen bei der Förderung widersprechen zunehmend der Lebenswirklichkeit vieler Studenten. Die Bundesregierung hingegen will ihren eigenen BAföG-Bericht erst vorlegen, nachdem das Statistische Bundesamt voraussichtlich Anfang August die aktuelle Bafög-Statistik veröffentlicht hat. >>



>> Ärgerlich war schon, wie die Große Koalition das letzte, seit Jahren überfällige Plus in der BAföG-Kasse verschleppt hatte. So lange, dass ein Teil der Erhöhung zwischen Ankündigung und Inkrafttreten schon von der Inflation verfrühstückt worden war. Nicht nachvollziehbar auch, wie das Ministerium von Bundesforschungsministerin Johanna Wanka (CDU) 2014 das Allzeithoch bei den BAföG-Empfängern feierte, wohl wissend, dass es allein auf den im Rekordtempo gestiegenen Studentenzahlen beruhte.  

 

Der Handlungsdruck beim BAföG ist jetzt da. Nicht erst, wenn sich Ende des Jahres die neue Bundesregierung konstituiert hat und sich dann – mit viel Glück – irgendwann im Laufe von 2018 dem Thema widmet. Steigen dadurch die Chancen für den Grünen-Vorschlag? Wohl kaum. Schade eigentlich.

Dieser Kommentar erschien heute zuerst im ZEITChancen Brief. 

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"Keine Grundlage für Verhandlungen"

Solange Bildungsministerin Wanka nicht sagt, wieviel Geld sie für ein FH-Programm ausgeben will, ergeben Gespräch keinen Sinn. Eine Replik auf die Vorschläge der Ministerin von Steffen Krach.

Steffen Krach
Steffen Krach

ES SIND NOCH rund sieben Monate bis zur Bundestagswahl, und die Bundesministerin für Bildung und Forschung kündigt eine Initiative für die Fachhochschulen an. Das hätten wir früher haben können. Im vergangenen Jahr haben Bund und Länder drei Verwaltungsvereinbarungen verabschiedet. Neben der Exzellenzstrategie waren es das Abkommen zum sogenannten Nachwuchspakt und das Programm Innovative Hochschulen.

 

Berlin hat von Anfang an mit Nachdruck gefordert, die Fachhochschulen bei den beiden letzteren Initiativen relevant zu berücksichtigen. Beim Programm Innovative Hochschulen konnten sich die Länder nach längerem Kampf durchsetzen. Ein gutes Ergebnis.

 

Beim Nachwuchspakt allerdings hat sich Johanna Wankas Ministerium bis zum Schluss mit großer Vehemenz gegen eine Einbeziehung der Fachhochschulen versperrt. Eine vertane Chance! Als Land Berlin haben wir daraus unsere Schlüsse gezogen und selbst gehandelt. So stärken wir die Fachhochschulen nun beispielsweise in den kommenden Hochschulverträgen mit einem personellen Aufwuchs im Mittelbau.

 

Wir sind natürlich stets offen für gute Ideen aus dem Bundesforschungsministerium und werden weiter mit Entschlossenheit um Lösungen ringen, die die Stärkung der Fachhochschulen zum Ziel haben. Eines ist aber klar: Ankündigungen, die keine Finanzierungsvorschläge enthalten, können keine Grundlage für Diskussionen, geschweige denn für Verhandlungen sein.

Steffen Krach, SPD, ist Wissenschaftsstaatssekretär in Berlin.
Weitere Reaktionen auf die Vorschläge für ein FH-Professorenprogramm finden Sie hier. 

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"Die Hochschulen müssen kreativer werden"

Die Befristungsquote in der Wissenschaft verharrt auf Rekordniveau, so vermeldet es der heute veröffentlichte "Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs". Der Soziologe Karl Ulrich Mayer sagt, woran das liegt – und warum die Lage sich bald bessern könnte.

Karl Ulrich Mayer leitet den wissenschaftlichen Beirat des Berichts.
Karl Ulrich Mayer leitet den wissenschaftlichen Beirat des Berichts.

Professor Mayer, bitte helfen Sie mir bei der Suche.

 

Der Suche wonach?

 

Nach den positiven Nachrichten im heute veröffentlichen „Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs 2017“.

 

Es gibt ganz viele gute Nachrichten in dem Bericht. Zum Beispiel: Deutschland ist Weltmeister in der Produktion von wissenschaftlichen Höchstqualifikationen. 2015 gab es rund 28.000 abgeschlossene Promotionen. Es ist absehbar, dass es in wenigen Jahren mehr als 35.000 sein werden.

 

Ist das positiv? Viele sagen, es gebe schon viel zu viel Promovierte.

 

Dieser Meinung bin ich nicht. Eine Promotion ist hervorragend investierte Lebenszeit – ganz gleich, ob man danach in der Wissenschaft bleibt oder nicht. Ich denke eher, dass etwa die USA ein Problem haben mit gerade einmal 53.000 Promovierten pro Jahr, von denen auch noch die Hälfte aus dem Ausland stammen. Eine weitere gute Nachricht im Bericht ist, dass ein großer Anteil der Nachwuchswissenschaftler ihre Tätigkeit hochattraktiv findet und damit sehr zufrieden ist. Ebenso erfreulich ist, dass sich die Internationalisierung  verstärkt: Die Zahl der Ausländer unter den Nachwuchswissenschaftlern hat sich in den vergangenen Jahren verdoppelt. >>


DIE WICHTIGSTEN ERGEBNISSE UND HINTERGRÜNDE

DES BUNDESBERICHTS FINDEN SIE HIER.


>> Aber die Beschäftigungsbedingungen bleiben mies. Wenn man die Zahlen und Statistiken in der 300-Seiten-Studie durchblättert, denkt man: All die Sonntagsreden, Gesetzesnovellen und Förderprogramme, und trotzdem liegt die Befristungsquote bei unter 45 Jahre alten Wissenschaftlern bei 93 Prozent – auf demselben Level wie 2010 und sieben Prozentpunkte über dem Stand von 2005. Also viel geredet, nichts geschehen?

In der Tat ist die Unsicherheit in den Karrieren von Wissenschaftlern weiter groß. Allerdings stammen die jüngsten Zahlen im Bericht von 2014, und die großen Veränderungen wurden erst danach angestoßen. Eine wesentliche Verbesserung liegt in der Novelle des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes. Das schreibt jetzt klar vor, dass die Dauer der Befristung sich an der Dauer des Qualifikationsprojekts, also in der Regel der Promotion, orientieren muss. Das halte ich für einen großen Fortschritt.

 

Der auf dem Papier steht. In der Realität ist davon bislang nichts zu spüren.

 

Das können wir doch noch gar nicht abschätzen, dafür ist viel zu wenig Zeit vergangen. Was richtig ist: Der entscheidende Treiber der Befristung sind die weiter steigenden und eben befristeten Drittmittel. In den vergangenen Jahren ist aber selbst bei Stellen, die aus der Grundfinanzierung der Hochschulen gespeist werden, und bei den außeruniversitären Forschungseinrichtungen die Befristungsquote gestiegen. Trotzdem plädiere ich dafür, differenziert auf die Zahlen zu schauen. Dass Promotionsverträge grundsätzlich befristet sind, wird hoffentlich keiner ändern wollen. Logischerweise hat die starke Zunahme bei den Promotionen seit dem Jahr 2000 den Anteil der Befristungen erhöht. Das große Problem bestand bislang darin, dass manche Verträge zu kurz liefen und die Promotionsdauer eben häufig nicht abdeckten. Das ändert sich wie gesagt. Eine weitere gute Nachricht ist, dass der Stipendienanteil bei den Wissenschaftlern gesunken ist und die Zahl der Arbeitsverträge steigt, womit der Missstand abgestellt wird, dass viele Doktoranden nicht sozialversichert waren.

 

Wie aber kann es sein, dass selbst bei den grundfinanzierten Stellen 75 Prozent befristet sind?

 

Das hat ironischerweise auch mit der Jobzufriedenheit der meisten jungen Wissenschaftler zu tun. Sie berichten in den Umfragen von der Erfüllung, die sie in ihrer wissenschaftlichen Arbeit finden. Und weil das so ist, sind sie offenbar bislang bereit, solche Befristungsquoten hinzunehmen. Die gibt es im übrigen auch – wenn auch nicht in dem extremen Maße – bei Tätigkeiten von vergleichbaren Gruppen außerhalb der Hochschule.

 

Die Hochschulen nutzen ihre Marktmacht aus?

 

Das hat nichts mit Marktmacht zu tun, sondern die hohe Befristungsquote folgt logisch daraus, dass die einzelnen Professoren und Projektleiter rational mit befristeten Mitteln umgehen.

Also können die Hochschulen gar nicht anders?

 

Das stimmt auch wiederum nicht ganz. Der Bericht zeigt: Es gibt auch rund 40.000 unbefristete wissenschaftliche Mitarbeiter an den Hochschulen, und sie sind tendenziell im Wissenschaftsmanagement zu verorten und mit Daueraufgaben verbunden. Spekulativ könnte man vermuten: Je näher Mitarbeiterstellen mit der Fakultäts- oder Hochschulleitung verknüpft sind, desto höher ist ihr Entfristungsgrad. Es kommt auch auf die Kreativität der Einrichtungen an.

 

Wie meinen Sie das?

 

Ein Beispiel aus der Leibniz-Gemeinschaft, die ich als ihr ehemaliger Präsident naturgemäß besonders gut kenne. Da gibt es Institute, die mit Grundmitteln einen Topf füllen, aus dem projektfinanzierte Mitarbeiterstellen abgesichert werden können. So dass Vertragsdauern über das Ende von Projekten hinaus finanziert werden können – zum Beispiel, bis ein neues Projekt startet. Aber natürlich, das sind begrenzte Möglichkeiten. Grundsätzlich wird sich die Situation erst entspannen, wenn der Projektanteil in der Wissenschaftsfinanzierung wieder zurückgeht und der Anteil der Grundfinanzierung ansteigt.

 

Haben Sie nicht vorhin gesagt, die Befristungen an sich seien gar nicht schlimm? In der Tat könnte man doch sagen: Liebe Leute, habt euch nicht so, dafür habt ihr einen Traumjob.

 

Vorhin habe ich von Befristungen in der Promotionsphase gesprochen. Die halte ich für gut und richtig, wenn die Vertragsdauer stimmt. Und natürlich hat die künstliche Erhöhung der Promotionsstellen durch die projektbasierten Bund-Länder-Programme dazu geführt, dass ein immer geringerer Anteil von denen, die ihre Promotion erfolgreich abschließen und danach an den Hochschulen bleiben, die Chance auf eine Professur haben. Je nach Studie streben zwischen 20 und 60 Prozent der Postdocs eine Professur an. Da wir bisher keine guten Längsschnittuntersuchungen haben, ist ganz unklar, welcher Anteil  der dann schließlich Berufungsfähigen eine Professur bekommen kann. Meine Vermutung liegt bei etwa der Hälfte.

 

Eine schwer zu ertragende Unsicherheit.

 

Die sich dramatisch bei der Familiengründung zeigt. Das durchschnittliche Berufungsalter deutscher Professoren liegt bei 42 Jahren. Dadurch, dass sie so lange in der Luft hängen, schieben viele junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Familiengründung auf – mit dem Ergebnis, dass doppelt so viele von ihnen am Ende kinderlos bleiben wie in der übrigen Bevölkerung und vergleichbar hochqualifizierten Gruppen. Dabei hätten die meisten von ihnen gern Kinder, in Sachen Kinderwunsch unterscheiden sich Wissenschaftler nicht signifikant von anderen Berufsgruppen.

Was folgt daraus?


Auf das ganze Leben betrachtet ist eine Qualifizierung als Wissenschaftler selbst dann eine außerordentlich positive Sache, wenn sie zu einer Tätigkeit außerhalb der Wissenschaft führt. Doch die positive Bilanz verkehrt sich in ihr komplettes Gegenteil, wenn die Phase der Unsicherheit und Orientierung zu lang dauert.

 

Die Leute brauchen also frühzeitig eine klare Ansage, damit sie das Weite suchen, bevor es zu spät ist?

Ganz klar. Es gibt eine Verantwortung nicht nur auf der Ebene einzelner Professoren und Projektleiter, sondern auf der Ebene der Fachbereiche oder Institutsleitungen, solche Rückmeldungen zu geben, durch Statusgespräche zum Beispiel. Diese Verantwortung wird bislang zu oft nicht wahrgenommen. Ich hoffe, das wird sich durch die zunehmende Einführung von Tenure-Track-Modellen ändern. Dann gibt es festgelegte Laufbahnen, ohne Jobgarantie, aber mit der Garantie der Planbarkeit und Transparenz. Denn spätestens nach der Zwischenevaluation weiß man, ob man im System bleiben kann oder nicht.

 

Warum sollten sich solche Modelle in der Fläche etablieren?

 

Weil die Marktmacht in zwei Richtungen geht. Wenn die guten Leute anfangen, sich die Stellen nach dem Vorhandensein von Tenure-Track-Optionen auszusuchen, kommen die Hochschulen in Bewegung. In den nächsten Jahren besteht die größte Herausforderung darin, Tenure Track flächendeckend als den ganz überwiegenden akademischen Karriereweg durchzusetzen.

Lassen Sie uns noch einmal über die Promotionsphase sprechen. Der Bericht stellt fest, dass es keine einheitlichen und verlässlichen Zahlen zum Anteil derjenigen gibt, die in strukturiertem Programmen promovieren, aber mehr als 23 Prozent seien es in keinem Fall. Dennoch haben die internationalen Experten der Imboden-Kommission mit der Begründung, die strukturierte Promotion habe sich etabliert in Deutschland, angeregt, die Förderlinie für Graduiertenschulen in der Exzellenzstrategie zu streichen. Was die Politik auch getan hat. Ein Fehler? 

 

Ich glaube, die Imboden-Kommission lag richtig mit ihrer Einschätzung, dass die organisatorische Verantwortung für die Promotionsphase eine Standardaufgabe der Hochschulen ist und insofern nicht über Projektmittel finanziert werden sollte. Gleichzeitig ist es eine Tatsache, dass die Hochschulen nicht das Geld haben, um ihre Aufgabe hier zu erfüllen. Insofern hängen die Graduiertenschulen tatsächlich in der Luft.

An fast allen Universitäten gibt es mittlerweile so genannte Graduiertenschulen als Dach über der Doktorandenausbildung.

 

Das sind zum Teil doch sehr löchrige Dächer, und sie sind so unterschiedlich konzipiert, dass daraus schon das Fehlen eines verbindlichen Modells deutlich wird. Da muss noch mehr kommen. Andererseits sollte man wissen, dass von 196.000 erfassten Doktoranden 77.000 extern promovieren, viele davon mit einer Tätigkeit außerhalb der Hochschulwelt. Die bekommen Sie nicht in so eine Struktur, und man sollte es auch gar nicht.

Haben wir ein Qualitätsproblem bei der Promotion, wenn die Abbruchquote bei 30 oder sogar 40 Prozent liegt?

Das finde ich nicht. Warum sollte jeder, der eine Doktorarbeit beginnt, Erfolg haben? Eine Dissertation sollte sogar ein riskantes Geschäft sein.

 

Müssen die Auswahlverfahren verschärft werden?

Nein. Die haben sich längst verbessert. Schon weil es eine europäische Vorgabe gibt, dass alle Promotionsgelegenheiten ausgeschrieben werden müssen.

Womit die externen Doktoranden wiederum nicht erfasst werden. Laut Bundesbericht betreut ein Professor im Schnitt sechs Doktoranden. Zu viel?

In dieser Pauschalität sagt der Wert gar nichts, weil die Realität von Ort zu Ort und Fach zu Fach ganz unterschiedlich aussieht. Das bleibt mein Plädoyer: An einigen Stellen ist Kritik gerechtfertigt, an anderen nicht. Lasst uns genau auf die Zahlen sehen, und vor allem brauchen wir belastbarere Daten, als gegenwärtig zur Verfügung stehen.

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Was steht drin im BuWiN?

SEIT 2008 ERSCHEINT der Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs (BuWiN) alle paar Jahre regelmäßig, zuletzt 2013. Die am Donnerstag veröffentlichte dritte Ausgabe enthält eine Vielzahl an Statistiken und Vergleichswerten.

 

So ist der wissenschaftliche Nachwuchs an den Hochschulen seit 2000 um 76 Prozent gewachsen, während die Zahl der Professoren im gleichen Zeitraum um lediglich 21 Prozent stieg. Unter den Nachwuchswissenschaftlern  – zu denen auch die meisten Promovierenden zählen –  variiert die Befristungsquote zwischen 93 Prozent an den Hochschulen und 84 Prozent an außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Sie verharrt damit auf dem Rekordniveau des letzten Berichts. Die Autoren des Berichts verzeichnen zuletzt sogar eine Zunahme der Befristung beim grundfinanzierten wissenschaftlichen Personal.

 

Kaum verlässliche Informationen gibt es dem Bericht zufolge bei der Beschäftigungsdauer und bei den Vertragslaufzeiten. Die durchschnittliche Beschäftigungsdauer liegt bei den Nachwuchswissenschaftlern einer Studie zufolge bei rund sechs Jahren. Eine andere, nicht repräsentative Studie zeige, dass 53 Prozent der Arbeitsverträge mit wissenschaftlichen Mitarbeitern an Hochschulen Laufzeiten von unter einem Jahr haben.

 

Ein Professor betreut im Schnitt sechs Promovierende, wobei der Trend weggeht vom übermächtigen Doktorvater oder der Doktormutter: Mehr als die Hälfte der Doktoranden wird mittlerweile von mehr als einem Hochschullehrer betreut. Doch die Fachunterschiede sind enorm. Während in der Biologie die Mehrpersonenbetreuung bei 73 Prozent berichtet wird, haben bei den Juristen nur 19 Prozent mehr als einen Betreuer. Ein erstaunlich positiver Wert: Zwischen 55 und 65 Prozent der Promovierenden sind mit ihrer Betreuung insgesamt zufrieden oder sogar sehr zufrieden. Die große Mehrheit von ihnen promoviert immer noch in der traditionell deutschen Art. Nur 23 Prozent lassen sich einem strukturierten Programm zuordnen, wobei in diesem Wert jede Form der Dachstruktur enthalten ist.

 

Zu den BuWiN-Ergebnissen tragen unter anderem das Institut für Innovation und Technik (iit), das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW), das Statistische Bundesamt und das INCHER in Kassel bei. Die Arbeit des Konsortiums wird durch einen wissenschaftlichen Beirat unterstützt, dessen Vorsitzender der Soziologe Karl Ulrich Mayer ist. 

Die Vollversion des Berichts ist hier abrufbar.

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Liest sich gar nicht so schlimm

In einem Brief an die Hochschulen räumt die Stiftung für Hochschulzulassung die neuen Softwareprobleme offiziell ein.

EIN KURZER NACHTRAG zu meinem drei Wochen alten Artikel über "Chaos 2.0", die neue Softwarekrise bei der Stiftung für Hochschulzulassung. Anfang der Woche endlich hat die Stiftung dann auch mal einen Brief an alle Hochschulen losgeschickt, in dem sie die Probleme offiziell einräumt. Allerdings erst auf Seite zwei, nachdem sie vorher in vielen Worten betont, dass sie "mit Hochdruck" am neuen Zulassungsverfahren für die bundesweiten Numerus-Clausus-Fächer arbeite und dass das alte (in Worten: sehr alte) bisherige Verfahren "technisch störungsfrei" laufe. Die eigentliche Botschaft des langen Schreibens folgt dann in zwei knappen Sätzen: "Die Testergebnisse zu den ersten Kernkomponenten des neuen Verfahrens lassen jedoch erkennen, dass die vorliegende Aufgabe noch komplexer ausfällt, als ursprünglich abzusehen war. Somit erscheint der zum Wintersemester 2018/19 in Aussicht gestellte Ersteinsatz von DoSV 2.0 unwahrscheinlich." 

Also nicht die Ausführenden sind verantwortlich, sondern die Sache, die gemeinerweise beschlossen hat, noch komplizierter zu werden. Vom administrativen Umbau in der Stiftung und der faktischen Entmachtung des Geschäftsführers Ulf Bade ist in dem Schreiben nicht die Rede. Bade durfte es auch unterschreiben. Oder musste, je nachdem wie man es sieht. Morgen trifft sich übrigens die Amtschefskommission der Kultusministerkonferenz, Tagesordnungspunkt 2 unter anderem: DoSV. 

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Was bleibt nach der großen Geste?

Fünf SPD-Wissenschaftspolitiker haben gestern ein bemerkenswertes Papier vorgelegt. Jetzt muss die Partei die eigentliche konzeptionelle Arbeit leisten.

NACH DEM SPD-Papier zur Wissenschaftsfinanzierung gestern titelt heute der Tagesspiegel: "SPD-Politiker wollen Geld für Unis retten." Und es stimmt ja auch, so haben es die Autoren des  "Zukunftsvertrags für Wissenschaft und Forschung" dargestellt. Dass von 2019 all die Bund-Länder-Programme auslaufen, die derzeit jedes Jahr Bundesmilliarden an die Hochschulen spülen. 

 

Ganz so heldenhaft sind die Sozialdemokraten dann aber doch nicht in ihren vermeintlichen Rettungsversuchen. Denn in der Staatssekretärs-AG "91b GG", die Bund und Länder vergangenes Jahr eingesetzt haben, hat es den Durchbruch ja längst gegeben. Den Durchbruch nämlich, dass der seine Bereitschaft signalisiert hat, zumindest die Hochschulpakt-Milliarden auch nach 2020 zu zahlen, also auf Dauer in Studienplätze zu investieren. Auch dass der Pakt für Forschung und Innovation, bislang konzentriert auf die außeruniversitären Forschungsorganisationen und die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), fortgesetzt werden soll, ist Konsens. 

 

In Wahrheit geht es also nicht darum, Geld für die Unis zu retten, sondern zusätzliches Bundesgeld für die Hochschulen loszueisen. Am offensichtlichsten wird dies im SPD-Papier an dem Vorschlag, der Bund solle sich künftig an der Finanzierung von studentischen Wohnungen und Wohnheimen beteiligen. Was er von der Verfassung her nicht muss und nicht tut. Und was er zumindest bislang auch standhaft verweigert. Und genau hier liegt der eigentliche Kern und, wenn man so möchte, das Problem des gestern veröffentlichten Papiers: Das Bundesgeld für die Wissenschaft sichern, das ist das eine. Das ist eigentlich schon passiert. Neues Geld der Bundesregierung für die Wissenschaft loseisen? Das dürfte schwierig werden. Vielleicht unmöglich. 

 

Die Herausforderung der nächsten Jahre dürfte für die Wissenschaftspolitiker also darin bestehen, neue Einnahmequellen für die Wissenschaft zu finden. Denn die sich andeutenden neuen Haushaltsprioritäten im Bund, verbunden mit drohenden Zinserhöhungen, die die Überschüsse weiter schwinden lassen könnten, machen die Prognose fast schon verlässlich, dass es keine zusätzlichen Milliarden zu verteilen geben wird. Die Sozialdemokraten könnten sich also verdient machen, über neue Möglichkeiten nachzudenken, wie sich jene in der Gesellschaft verstärkt für die Bildungs- und Wissenschaftsfinanzierung heranziehen lassen, die am meisten von ihr profitieren. Und wie man das ganze wirklich sozialverträglich gestaltet. Kein beliebtes Thema, erst recht nicht, nachdem der SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz sich als beinahe erste Maßnahme auf kostenfreie Bildung ohne Wenn und Aber festgelegt hat. Kein beliebtes Thema wie gesagt, aber ein Thema, das sich von selbst auf die Tagesordnung setzen wird. 

 

Apropos "die Sozialdemokraten": Wenn man genau hinschaut, ist das gestern veröffentlichte Papier  die Meinungsäußerung von ein paar klugen SPD-Wissenschaftspolitikern, ohne dass Partei oder Fraktion sie dazu beauftragt oder ihre Vorschläge abgesegnet hätte. Insofern wird es spannend sein zu beobachten, wie sich die anderen SPD-Wissenschaftspolitiker dazu positionieren, darunter einige, die vielleicht gern mitgeschrieben hätten, aber nicht gefragt wurden.

 

Einer von ihnen hat gleich gestern eine Pressemitteilung veröffentlicht. Wolfgang Tiefensee, SPD-Wissenschaftsminister in Thüringen, begrüßte die Vorschläge und nannte eine dauerhafte Beteiligung des Bundes an der Hochschulfinanzierung "überfällig". Dann beeilte er sich darauf hinzuweisen, dass er ja schon vergangenes Jahr einen 10-Punkte-Plan für einen "Neuen Hochschulpakt" zwischen Bund und Ländern, "ähnlich dem heute vorgestellten Zukunftsvertrag", so Tiefensee. Ist da etwa jemand ein wenig eingeschnappt? 

 

Zumindest müssen die Autoren des Papiers darauf achten, die Partei nun hinter ihren Ideen zu versammeln. Und gleichzeitig die Gelegenheit nutzen, an der Finanzierungsseite ihrer Sammlung zumindest zukunftsweisender Ideen zu arbeiten.

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Pathos, Pakte und sechs Bausteine

Die SPD hat ihr Papier zur Zukunft der Wissenschaftsfinanzierung vorgestellt – mit vielen guten Ideen. Ziemlich unkreativ sind die Sozialdemokraten allerdings ausgerechnet bei der Frage, wer am Ende für all das zahlen soll.

Foto: Titelblatt des Papiers
Foto: Titelblatt des Papiers

JETZT ALSO DIE Sozialdemokraten. Drei Wochen ist es her, seit die Unionsfraktion im Bundestag ihr „Ideenpapier“ zur Zukunft von Forschung und Bildung präsentiert hat. Heute hat die SPD mit deutlich höherem medialen Aufwand nachgezogen. Das ging schon damit los, dass sie bei der begleitenden Pressekonferenz gleich eine ganze Riege erfahrener Wissenschaftspolitiker aufgefahren hatte, und zwar mit Hubertus Heil nicht nur den zuständigen stellvertretenden Vorsitzenden der Bundestagsfraktion, sondern auch Svenja Schulze, Wissenschaftsministerin in Nordrhein-Westfalen. Ebenfalls mit dabei war der wohl mächtigste Wissenschaftsstaatssekretär, den es derzeit in den Ländern gibt: Steffen Krach aus Berlin, dessen Chef, der Regierende Bürgermeister Michael Müller, persönlich das Wissenschaftsressort verantwortet. Und noch zwei prominente Namen komplettierten die Autorenliste des Papiers:  Eva Quante-Brandt, Bremer Wissenschaftssenatorin und stellvertretende Vorsitzende der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz, und Edelgard Bulmahn, letzte SPD-Bundesforschungsministerin bis 2005.

 

Womit die erste Botschaft schon mal rausgesendet war ans für Wissenschaft zu interessierende Wahlvolk (denn um das und nur um das geht es natürlich in den nächsten Monaten): Wir haben die Ideen, wir haben aber auch das Personal dazu – im Gegensatz zur Union, so der unausgesprochene Subtext, deren Liste an Landeswissenschaftsministern inzwischen stark ausgedünnt ist.

 

Zweite Botschaft der SPD: Wir haben so viel zu sagen zum Thema Wissenschaftsfinanzierung, dass wir dem ein eigenes Papier widmen und nicht mit Bildung zusammenpressen. Wobei, wenn man genau hinschaut, so viel die Sozialdemokraten dann doch nicht sagten: Nur elf Seiten lang ist ihr Papier, während im 45-Seiten-Aufschlag der Unionsfraktion allein der Abschnitt zu Wissenschaft 13 Seiten umfasst und Aspekte wie Lehre, Bafög oder auch wissenschaftlicher Nachwuchs noch extra abgehandelt werden.

 

Überhaupt kam das Unionspapier viel detaillierter daher und musste es auch, weil es sich auf den aktuellen (und angesichts der bevorstehenden Bundestagswahl naheliegenderen) Zeitraum 2017 bis 2021 bezieht. Die SPD dagegen sucht ihr Profil im Grundsätzlichen, in den langen Linien, entsprechend dick trägt sie auf. „Einen Zukunftsvertrag für Wissenschaft und Forschung“ will sie schließen und definiert dafür großzügig-plakativ „sechs Bausteine für einen Bundesbeitrag zu einer verlässlichen Finanzierungsarchitektur", und zwar für den Zeitraum 2021 bis 2030. So grundsätzlich es von seinem Ansatz her ist,  so stark fokussiert das SPD-Papier im Gegenstand: Allein die Bund-Länder-Zusammenarbeit wird diskutiert und damit die neuen Möglichkeiten, die sich seit der Lockerung des Kooperationsverbots im Bereich der Wissenschaft bieten.

Die sechs von der SPD vorgestellten Bausteine sind: erstens eine „Qualitätsstrategie für die Hochschullehre“, worunter die Autoren im Kern verstehen, dass der Bund pro Student und Jahr je nach Studienfach zwischen 1000 und 3000 Euro beisteuern soll. Und zwar dauerhaft. Kostenpunkt jährlich laut SPD-Schätzung: 3,3 Milliarden Euro, wovon die Länder „mindestens zehn Prozent“ übernehmen sollen.

 

Zweitens soll es für die Fachhochschulen einen „Perspektivpakt“ geben, der auf Forschung und Personalentwicklung an den FHs abzielt. Die Forschungsförderung durch den Bund soll bis 2025 auf 100 Millionen Euro jährlich fast verdoppelt werden, bei der Personalentwicklung will die SPD die Fachhochschulen ans Uni-Nachwuchsprogramm andocken, mit einer eigenen Förderlinie und Wettbewerbsausschreibung. Das Volumen soll rund 75 Prozent des Uni-Niveaus erreichen, also 75 Millionen Euro pro Jahr. Ein Vorschlag, der inhaltlich Sinn ergibt, jedoch von der zeitlichen Positionierung her überrascht: Die Geltungszeit des heute vorgeschlagenen „Zukunftsvertrags“ ist wie gesagt von 2021 an definiert, während SPD-Wissenschaftspolitiker sonst immer ein Nachwuchs- bzw. Professorenprogramm für die Fachhochschulen „ab sofort“ fordern. Ein Widerspruch?

 

Dritter Baustein: die Fortsetzung des Pakts für Forschung und Innovation, allerdings unter veränderten Vorzeichen: Die Hochschulen sollen stärker an dem ursprünglich für die außeruniversitäre Forschung gedachten Programm profitieren. In Sachen Finanzierung machen sich die SPD-Wissenschaftspolitiker ehrlich und stellen fest: Da der Bund die Zuwächse in der aktuellen Paktphase allein finanziert, müsse das im Rahmen eines „neuen Gesamtkonzepts von Bund und Ländern“ systematisiert werden, und zwar „missionsorientiert“. Soll wohl heißen: Wenn der Bund mehr zahlt, darf er auch stärker mitreden und bestimmen, in welche Forschungsfelder die Paktmittel fließen – als Beispiel wird die Meeresforschung genannt. Ein Vorschlag, der vor allem bei den stärker in der Grundlagenforschung engagierten Organisationen wie Max Planck oder der Deutschen Forschungsgemeinschaft – vorsichtig formuliert – gemischte Reaktionen auslösen dürfte. Allgemein Zustimmung finden dürfte in der Wissenschaft dagegen die Forderung, die Programmpauschalen auf 40 Prozent anzuheben, wovon der Bund 36 und die Länder 4 Prozentpunkte tragen sollen.

Als vierten Baustein nennen die Sozialdemokraten einen „Aktionsplan Digitalisierung“, inklusive einer Strategie für den systematischen Ausbau von Hochleistungsrechnern und einem Wettbewerb für Digitalisierungskonzepte von Hochschulen, der weitere 100 bis 200 Millionen Euro im Jahr kosten soll. Baustein fünf ist ein „Profilpakt Hochschulmedizin“ zur Stärkung der Forschung an den Universitätsklinika.

 

Besonders spannend und, wenn man so will, SPD pur ist Baustein Nummer sechs, der die „soziale Dimension“ anspricht und die Chancengerechtigkeit an den Hochschulen stärken will, einerseits durch eine „zügige Bafög-Novelle“, die „neue Bildungsbiografien und Studierformen“ angemessen berücksichtigt, andererseits durch ein Sonderprogramm studentisches Wohnen angesichts der Wohnungsnot in vielen Großstädten. Während die SPD-Experten beim Bafög auf eine Kostenschätzung verzichten, schreiben sie beim Wohnprogramm von „mindestens 600 Millionen Euro“ auf fünf Jahre, die „je zur Hälfte“ von Bund und Ländern getragen werden sollen.


Das Papier endet mit nach all den vorgeschlagenen Pakten und Aktionsplänen mit noch mehr Pathos, Zitat: „ Der Zukunftsvertrag Wissenschaft und Forschung ist eine kraftvolle gemeinsame Antwort von Bund und Ländern auf die Herausforderungen des kommenden Jahrzehnts.“

 

Wenn man allerdings ehrlich ist, fordern die Sozialdemokraten vor allem vom Bund eine kraftvolle Antwort. Denn während viele der diskutierten Ideen an sich unstrittig sind oder, wie der Passus zum Pakt für Forschung und Innovation, zumindest geeignet sind, die öffentliche Debatte voranzutreiben, liest sich das SPD-Papier in Sachen Finanzierung vor allem wie eine Wunschliste der Länder in Richtung Bund. Der soll nämlich bei der Mehrheit der Maßnahmen den Löwenanteil der Kosten tragen. Es dürfte nur eine Frage von Stunden sein, bis die politische Konkurrenz die Mehrkosten, die auf Bundesseite entstünden, wenn alle Ideen realisiert würden, zusammengerechnet hat und voller Entrüstung herausposaunen wird.

 

Und genau hier müssen sich dann die Sozialdemokraten tatsächlich den Vorwurf gefallen lassen, sich die Sache zu einfach zu machen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat zuletzt in mehreren internen Runden angekündigt, dass sich die finanzpolitischen Prioriäten durch die neue weltpolitische Situation in Richtung Sicherheit und Verteidigung und damit weg von Bildung und Forschung verschieben werden. Klar kann die SPD an der Stelle einfach mal behaupten, dass Sozialdemokraten völlig anders vorgehen würden, doch die Wahrheit ist: Ganz gleich wie die Bundesregierung nach den Bundestagswahlen im September zusammengesetzt sein wird, sie muss sich auf die neue Lage einstellen.

 

Das Papier, so scheint es, hat diesen Schritt noch nicht vollzogen, was das viele Gute, was darin steht, ein Stückweit entwertet. Man möchte den Autoren zurufen: Bitte nacharbeiten in Sachen Finanzierung. Der Bund als Quelle aller Wohltaten mag die einfachste Antwort sein. Die realistischste, soviel steht zu erwarten, ist er nicht.  

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Vorschlag mit begrenzter Haftung

Sie hat kein Geld mehr und keine Zeit. Trotzdem könnte Wanka den Fachhochschulen mit ihren Plänen einen Dienst erweisen. Ein Kommentar.

BUNDESFORSCHUNGSMINISTERIN JOHANNA WANKA (CDU) hat endlich gesagt, wie sie sich das lange versprochene FH-Professorenprogramm vorstellt, und die Fachhochschulen fühlen sich bestätigt. Zunächst einmal in ihrer Skepsis. Denn während das Uni-Pendant (Stichwort „Tenure Track“) längst läuft, bleibt Wankas Ansage Richtung Fachhochschulen im Ungefähren. Einen bundesfinanzierten Instrumentenkasten zur Personalentwicklung könne sie sich vorstellen, sagt sie und nennt ein paar Schlagworte: Schwerpunkt- und Teilzeit-Professuren, Tandemprogramme. Wenn die Fachhochschulen ganz andere Ideen hätten, sei das aber auch in Ordnung – solange sie couragierte, in sich stimmige Personalstrategien zur Begutachtung einreichten. Fragen zum Volumen oder zur Laufzeit des Wettbewerbs möchte die Ministerin gleich gar nicht beantworten. Dafür stehe fest, dass es vor der Bundestagswahl keine Bund-Länder-Vereinbarung mehr geben wird. >>



>> Was deutlich wird in dem Interview , sind die Zwänge einer Ministerin vor dem Ende der Legislaturperiode: Das Geld ist verplant, die Autorität des Amts reicht nur bis zur Abrisskante der nächsten Bundestagswahl. Dass die Große Koaliton es versäumt hat, nach Exzellenzstrategie, Innovativer Hochschule und Tenure-Track-Programm noch rechtzeitig die Weichen für die Fachhochschulen zu stellen, kann man Wanka anlasten. Allerdings haben auch andere Bildungspolitiker aus Union und SPD lange Zeit auffällig viel über Exzellenzunis und nur gelegentlich mal über die angewandte Wissenschaft gesprochen.

 

Und doch steckt in dem Vorstoß Wankas eine Gelegenheit für die Fachhochschulen. Die Idee, ihnen kein One-Fits-All-Programm vorschreiben zu wollen, sondern ihnen die Freiheit für kreative Eigenschöpfungen zu lassen, kann man als beliebig abkanzeln. Oder als mutig loben, als angemessene Form der politischen Selbstbeschränkung. Die Ministerin hat angekündigt, die Eckpunkte mit den Ländern bis zum Sommer festzuzurren. Wenn ihr das gelänge und sie dabei versprochenen Freiräume im Programm erhielte, könnten die Fachhochschulen ihr am Ende doch noch dankbar sein. Indes: Ziemlich viele Konjunktive in einem Satz. 

 

Dieser Kommentar erschien heute zuerst im ZEITChancen Brief. 

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So sieht also echtes Bedauern aus

Andrej Holm darf doch an der Humboldt-Universität bleiben. Er habe jetzt gezeigt, dass ihm die Sache mit dem Fragebogen wirklich Leid tue, sagt HU-Präsidentin Kunst. Riecht nach Kuhhandel.

ANDREJ HOLM SCHREIBT ein paar Zeilen an die Humboldt-Universität (HU), und plötzlich ist alles wieder gut. "Ich bin mir heute bewusst, dass ich gegenüber der HU falsche Angaben hinsichtlich meiner Tätigkeit für das MfS (Ministerium für Staatssicherheit) gemacht habe", schreibt der entlassene Staatssekretär und bis Freitag früh noch fristlos gekündigte HU-Wissenschaftler. Dies bedaure er – "und ebenso, dies nicht sofort gegenüber der HU zum Ausdruck gebracht zu haben."

Die Reaktion von HU-Präsidentin Sabine Kunst: Sie sehe das Vertrauensverhältnis nun zwar als gestört, aber nicht mehr als vollständig zerstört an und habe daher entschieden, statt einer Kündigung eine Abmahnung auszusprechen.

 

Der unbeteiligte Beobachter reibt sich verwundert die Augen. Wie, und damit soll die Sache jetzt erledigt sein? Warum dann vorher der ganze Aufwand?

 

Nachdem der Stadtsoziologe Holm Anfang Dezember vom neuen rot-rot-grünen Berliner Senat  zum Staatssekretär für Wohnen berufen worden war, hatte seine Stasi-Vergangenheit bundesweite Debatten ausgelöst. Oder vielmehr sein Umgang damit. Denn vor elf Jahren hat Holm, heute 46, einen Uni-Fragebogen ausgefüllt und die Frage, ob er hauptamtlicher Stasi-Mitarbeiter gewesen sei, mit „Nein“ beantwortet. Fakt ist, dass er sich mit 14, das war Mitte der 80er Jahre, zur Stasi-Offizierslaufbahn verpflichtet hatte und am 1. September 1989 seine Ausbildung begann. Am Ende der Grund, warum er als Staatssekretär gehen musste und auch von der HU fristlos gekündigt wurde.

 

Wobei sich, worauf die HU am Freitag hinwies, die Präsidentin eine Hintertür offen gehalten hatte, als sie am 18. Januar "die Beendigung des Arbeitsverhältnisses mit Herrn Dr. Holm" verkündete: In der von der HU damals angeforderten Stellungnahme Holms sei "mit keinem Wort ein Bedauern zu den Falschangaben zu erkennen. Die Falschangaben, das fehlende Bedauern und sein Beharren auf Erinnerungslücken", so Kunst, hätten sie zu der Entscheidung gebracht, das Arbeitsverhältnis zu beenden.

 

Kunsts neue Logik heute: Jetzt ist das Bedauern da, also Schwamm drüber. 

 

Die eigentliche Erklärung, warum plötzlich Versöhnung angesagt ist, dürfte eine andere sein: Die HU-Juristen, davon ist auszugehen, haben zwischenzeitlich die Rechtslage neu bewertet und sind zum selben Ergebnis gekommen, das auch andere Experten öffentlich schon so hatten verlauten lassen: Die Chancen Holms, sich vor Gericht gegen die Kündigung zu wehren, standen ausgezeichnet. Gleichzeitig begann die seit Wochen andauernde Besetzung des Instituts für Sozialwissenschaften durch protestierende Studenten dann doch zu nerven, wie vergangene Woche ein Schriftwechsel zwischen Kunst und den Studenten belegte. Der Ausweg: Der heutige Kuhhandel. Holm bedauert etwas spitzfindig, die HU schaltet auf Umarmung um.

 

Spitzfindig ist Holms Erklärung von gestern, weil er beim genauen Lesen dabei bleibt, sich keiner Schuld bewusst gewesen zu sein, als er den HU-Personalfragen ausfüllte. Falsch ausfüllte, was ihn erst in die Bredouille brachte. Immerhin: Wichtig ist der letzte Satz, in dem Holm versichert, "neben der Grundausbildung und den vor mir geschilderten Tätigkeiten in der Auswertungs- und Kontrollgruppe keine weiteren Aufgabe, weder hauptamtlich noch inoffiziell, für das MfS erledigt zu haben." Übersetzt heißt das: Ich habe wirklich keinem Menschen direkt und persönlich geschadet.

 

Was bleibt, ist ein fader Nachgeschmack. Das Dreiecksverhältnis von Andrej Holm, Humboldt-Universität und Berliner Senat hat einen so großen politisch-wissenschaftlich-moralischen Murks produziert, dass der nun von  Präsidentin Kunst gewählte Ausweg, so durchsichtig er in seiner Motivation sein mag, die womöglich beste (oder am wenigsten schlechte) Lösung ist, die überhaupt noch denkbar war. Belassen wir es dabei und fragen nicht mehr nach. 

 

Eine spannende Fußnote: Werden die protestierenden Studenten jetzt einfach abziehen, oder haben sie Gefallen gefunden an der Besetzung, die viel Medienaufmerksamkeit generierte? Zuletzt klangen ihre Forderungen deutlich grundsätzlicher als das "Holm bleibt!" der ersten Tage.

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"Nun ist es raus"

Gestern hat Bildungsministerin Wanka im Interview ihre Vorstellungen für ein FH-Professorenprogramm skizziert, heute antworten ihr Politiker und Hochschulexperten

Marcus Baumann, Rektor der Fachhochschule Aachen: 

„Die gute Nachricht ist, dass das lang angekündigte Nachwuchsprogramm jetzt konkreter wird. Die schlechte Nachricht ist, dass Ministerin Wanka keine Chance mehr sieht, es noch in dieser Legislaturperiode unter Dach und Fach zu bringen. Und auch eine Aussage zum Programmvolumen fehlt bislang. Bei den Universitäten war es immerhin eine Milliarde für den Nachwuchs." 
>> zum gesamten Beitrag von Marcus Baumann geht es hier entlang.

 

Svenja Schulze, NRW-Wissenschaftsministerin:

"Wenn am Ende einer Legislatur nicht mehr steht als die Beteuerung, die Fachhochschulen seien natürlich besonders wichtig, überzeugt das nicht. Man hätte sich nicht hinter dem Wissenschaftsrat verstecken, sondern mit den Fachhochschulen sprechen und schon ganz konkret handeln können."
>> zum gesamten Beitrag von Svenja Schulze geht es hier entlang.

 

Andreas Keller, stellvertretender GEW-Vorsitzender:

„Nun ist es raus. Das von Bundesbildungsministerin Johanna Wanka angekündigte Fachhochschul-Programm wird vor der Bundestagswahl nicht mehr kommen. Dabei sollten Bund und Länder gerade jetzt mit einem gemeinsamen Programm Impulse für Tenure-Track-Professuren und Mittelbaustellen an Fachhochschulen geben.“

>> zum gesamten Beitrag von Andreas Keller geht es hier entlang.

 

Andreas Zaby, Präsident der HWR Berlin:

"Frau Wankas klare Aussage zur zentralen Position der Fachhochschulen für Deutschlands Innovationskraft ist ermutigend. Eine Ausgestaltung des Programms als flexibler „Instrumentenkasten“, der die Ausrichtung der einzelnen FH berücksichtigt und langfristig angelegt sein soll, kann ich nur begrüßen."
>> zum gesamten Beitrag von Andreas Zaby geht es hier entlang.

 

Kai Gehring, hochschulpolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag:

"Der Eindruck der Fachhochschulen, bei dieser Koalition allenfalls die zweite Geige zu spielen, ist nicht von der Hand zu weisen. Immer augenfälliger werden ihre strukturellen Herausforderungen, vor allem bei der Gewinnung von Professuren. Obwohl der Handlungsbedarf groß und lange bekannt ist, haben weder Ministerin Wanka noch die Koalition aus Union und SPD bislang etwas dagegen unternommen."

>> zum gesamten Beitrag von Kai Gehring geht es hier entlang.

Stefan Kaufmann, CDU-Bundestagsabgeordneter und Ausschuss-Obmann:
"Johanna Wanka liegt absolut richtig, wenn sie ein für die Fachhochschulen passgenaues Bund-Länder-Programm für die Karriereentwicklung und die Gewinnung von Professoren anstrebt. Hierfür eine Art Kreativwettbewerb zu starten, um die besten Instrumente zu entwickeln und zu implementieren, ist aus meiner Sicht ein sehr guter und unterstützenswerter Ansatz."
>> zum gesamten Beitrag Stefan Kaufmann geht es hier entlang.

 

Daniela De Ridder, SPD-Bundestagsabgeordnete und Hochschulexpertin:

"Wer die Strukturprobleme und Personalnöte der Fachhochschulen ernst nimmt, muss ihnen mindestens eine Milliarde Euro für ein mittelfristiges Personal- und Forschungsprogramm zur Verfügung stellen. Schade, dass die Ministerin nun trotz der alarmierenden Empfehlungen des Wissenschaftsrates weiterhin vage bleibt."

>> zum gesamten Beitrag von Daniela De Ridder geht es hier entlang.

Fotonachweis: Ben Reay: "Big Question Mark", CC BY-NC 2.0

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"Johanna Wanka liegt absolut richtig"

Stefan Kaufmann. Foto: DBT/Inga Haar
Stefan Kaufmann. Foto: DBT/Inga Haar

"JOHANNA WANKA LIEGT absolut richtig, wenn sie ein für die Fachhochschulen passgenaues Bund-Länder-Programm für die Karriereentwicklung und die Gewinnung von Professoren anstrebt. Hierfür eine Art Kreativwettbewerb unter den Fachhochschulen zu starten, um die besten Instrumente zu entwickeln und zu implementieren, ist aus meiner Sicht ein sehr guter und unterstützenswerter Ansatz.

 

Fachhochschulen sind in Deutschland ein Garant für Innovationskraft und Ideenvielfalt. Den Fachhochschulen wird dabei sowohl ihre enge Vernetzung mit der schwerpunktmäßig mittelständischen Wirtschaft als auch mit internationalen Partnern ein großer Vorteil sein. Mit der Wirtschaft, die ein bedeutender Akteur für den Erwerb der außerhochschulischen Berufspraxis im Zugang zu einer FH-Professur ist, müssen wir gemeinsam an der Entwicklung eines solchen Förderprogrammes arbeiten.

 

Das Auslaufen des Hochschulpakts ist die perfekte Gelegenheit, dass Bund und Länder in einem nächsten Schritt die Stärkung der Fachhochschulen und der dualen Studiengänge auf die Agenda nehmen. Es gilt, die bisherigen bewährten Programme zur Förderung anwendungsorientierter Forschung an Fachhochschulen und zur Förderung der Fachhochschulen als regionale Innovationspole weiterzuentwickeln, und zwar so, dass sie die Profilbildung der Hochschulen unterstützen, die Exzellenz anwendungsorientierter Forschung stärken und die Einrichtungen in die Lage versetzen, in inhaltlich passenden anderen Forschungsprogrammen erfolgreich zu sein. Klar ist: Wir als Unionsfraktion stehen für eine weitere Stärkung der Fachhochschulen und richten dabei auch ein besonderes Augenmerk auf die Verbesserung ihrer Personalsituation."

 

Stefan Kaufmann, CDU, ist Obmann seiner Fraktion im Bundestagsausschuss für Bildung und Forschung.

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"Die Fachhochschulen brauchen mindestens eine Milliarde."

Daniela De Ridder. Foto: spdfraktion.de
Daniela De Ridder. Foto: spdfraktion.de

„ES IST ERFREULICH, dass Wissenschaftsministerin Wanka erkannt hat, dass für Fachhochschulen und Hochschulen für Angewandte Wissenschaften mehr getan werden muss. Die SPD hat ja das Wissenschaftsministerium unermüdlich auf deren großen finanziellen Nachholbedarf für Personalmanagement, Sicherung von Lehrqualität und Forschung hingewiesen. Daher haben wir auch stets den Ausbau der FH-Forschungsförderung gefordert und das Programm ‚Innovative Hochschule‘  - trotz kleiner Schönheitsfehler – begrüßt.

 

Mit unserem Vorschlag zum Programm der ‚Perspektivprofessuren‘, für das wir zahlreiche Gespräche mit Expertinnen und Kennern aus Hochschulen, Wissenschaftsinstitutionen und Verbänden führen konnten, haben wir Frau Wanka zudem bereits seit einer Weile einen sehr pragmatischen Vorschlag unterbreitet, wie personelle Engpässe, die es ja aus strukturellen und ökonomischen Gründen zweifellos gibt, behoben werden können. Auch haben wir als SPD-Bildungsexpertinnen dazu bereits klare Summen genannt: Wer die Strukturprobleme und Personalnöte der Fachhochschulen ernst nimmt, muss ihnen mindestens eine Milliarde Euro für ein mittelfristiges Personal- und Forschungsprogramm zur Verfügung stellen.

 

Schade, dass die Ministerin nun trotz der alarmierenden Empfehlungen des Wissenschaftsrates weiter vage bleibt. Es liegt nun aber an ihr, sich für deren konkrete Finanzierung stark zu machen und deutlich zu erklären, dass eine produktive Entwicklung der Fachhochschulen nicht zum Nulltarif zu haben ist.“

 

Daniela De Ridder ist die für Fachhochschulen zuständige Berichterstatterin der SPD-Bundestagsfraktion.

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"Nicht hinter dem Wissenschaftsrat verstecken!"

Svenja Schulze. Foto: Dietmar Wadewitz
Svenja Schulze. Foto: Dietmar Wadewitz

"ICH HÄTTE MIR gewünscht, dass ein Signal für die Fachhochschulen viel früher gekommen wäre. Wenn am Ende einer Legislatur nicht mehr steht als die Beteuerung, die Fachhochschulen seien natürlich besonders wichtig, man müsse sich aber genau überlegen, was ihnen hilft, und dass ein Programm sicher nicht mehr in dieser Wahlperiode kommen wird, überzeugt das nicht. Man hätte sich nicht hinter dem Wissenschaftsrat verstecken, sondern mit den Fachhochschulen sprechen und schon ganz konkret handeln können. Wir haben das in NRW mit unserem Nachwuchsprogramm für die Fachhochschulen übrigens getan und machen damit gute Erfahrungen, die ich auch schon in die Gespräche eingebracht habe.

 

Die Behauptung, Fachhochschulen würden nicht strategisch agieren und müssten mehr mit Partnern außerhalb der Hochschule zusammenarbeiten, teile ich so nicht. Sie tun das längst. Die Ankündigung, hier ein eigenes Programm als so etwas wie eine kleine Exzellenzinitiative für Fachhochschulen aufzusetzen, sehe ich skeptisch. Eine bessere Lösung wäre es, neben dem Geld für das Personal die bestehenden Programme für die FH-Forschung deutlich aufzustocken.

 

Besorgt bin ich über die Aussagen zur den Bundesfinanzen für Wissenschaft und Forschung. Hier hätte ich in Zeiten von Milliardenüberschüssen des Bundes mehr Offensive und einen klareren Plan der Wissenschaftsministerin erwartet. Der reine Blick zurück und der Verweis auf die Wichtigkeit andere Politikfelder ist da einfach zu wenig."

Svenja Schulze, SPD, ist nordrhein-westfälische Wissenschaftsministerin.

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"Die Fachhochschulen spielen bei dieser Koalition zweite Geige"

Kai Gehring. Foto: privat
Kai Gehring. Foto: privat

"SEIT VIER MONATEN liegen die Empfehlungen des Wissenschaftsrats zu Personalgewinnung und -entwicklung an Fachhochschulen vor, an der Umsetzung haben weder Ministerin noch Koalition mit Nachdruck gearbeitet. Das steht im krassen Kontrast zur Dynamik bei der Neujustierung des Exzellenzwettbewerbs. Zwischen Imboden-Bericht und dem Go von Kanzlerin und Ministerpräsidenten lagen weniger als sechs Monate. Der Eindruck der Fachhochschulen, bei dieser Koalition allenfalls die zweite Geige zu spielen, ist nicht von der Hand zu weisen.

 

Dabei wächst der Stellenwert der FHs weiter: Sie ziehen immer mehr Studierende an und sind unverzichtbarer Netzwerknoten für eine innovative regionale Wirtschaft. Immer augenfälliger werden ihre strukturellen Herausforderungen, vor allem bei der Gewinnung von Professuren. Obwohl der Handlungsbedarf groß und lange bekannt ist, haben weder Ministerin Wanka noch die Koalition aus Union und SPD bislang etwas dagegen unternommen.

 

Es gibt eine große Vielfalt der Fachhochschulen. Darum ist es richtig, kein „one-fits-all“-Programm zu stricken, sondern es den FHs zu überlassen, was sie für sich aus dem Instrumentenkasten des Wissenschaftsrats benötigen. Ein solcher Ansatz, möglichst offen für unterschiedliche Bedürfnissen von Hochschulen zu sein, verträgt sich aber nicht damit, von vornherein Förderungsmöglichkeiten für den akademischen Mittelbau auszuschließen und hier nur mit den Fingern auf die Länder zu zeigen. Das passt nicht zusammen.“

Kai Gehring ist Sprecher für Hochschule, Wissenschaft und Forschung der grünen Bundestagsfraktion. 

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"Wir brauchen jetzt ein Programm, nicht nach der Bundestagswahl"

Andreas Keller. Foto: GEW
Andreas Keller. Foto: GEW

„NUN IST ES raus. Das von Bundesbildungsministerin Johanna Wanka angekündigte Fachhochschul-Programm wird vor der Bundestagswahl nicht mehr kommen. Dabei bräuchten die Fachhochschulen gerade jetzt Unterstützung.

 

Die Fachhochschulen und Hochschulen für angewandte Wissenschaft haben heute eine deutlich erweiterte Aufgabenstellung, die sich über Lehre und Studium hinaus auf Forschung, Nachwuchsförderung und Wissenstransfer erstreckt. Dafür benötigen sie eine aufgabengerechte Personalstruktur. Dazu gehört zum einen ein akademischer Mittelbau: Qualifizierungsstellen für Doktorandinnen und Doktoranden, Dauerstellen für Daueraufgaben in Forschung, Lehre und Wissenschaftsmanagement.

 

Zum anderen muss die Hochschullehrerlaufbahn erweitert werden. Mit der Etablierung eines Tenure Track ließen sich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Wie an den Universitäten würden die Karrierewege verlässlicher und damit attraktiver. Anders als an den Universitäten ginge es aber nicht darum, eine mit der Habilitation vergleichbare Qualifikation zu erwerben, sondern die erforderliche Erfahrung in der beruflichen Praxis auch parallel zu einer Tätigkeit in Forschung und Lehre erlangen und zugleich wissenschaftlich reflektieren zu können.

 

Aus eigener Kraft werden die Fachhochschulen diese Reform nicht wuppen können. Bund und Länder sollten daher jetzt mit einem gemeinsamen Programm Impulse für Tenure-Track-Professuren und Mittelbaustellen an Fachhochschulen geben.“