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Bildungsbild der Woche

Princeton University
Stacy: "Princeton University",  CC BY-SA 2.0


Masterplan Medizinstudium: Einigung möglicherweise noch vor dem Wochenende

Zwischen Bund und Ländern kursiert ein Kompromisspapier, das den Durchbruch bringen soll.

DAS RINGEN UM einen Kompromiss um den „Masterplan Medizinstudium 2020“ geht in seine entscheidende Phase. Zusammengetrommelt auf Initiative von Bremens Wissenschafts- UND Gesundheitssenatorin Eva Quante-Brandt (SPD), haben am Dienstag acht Amtschefs der Gesundheits- und Wissenschaftsministerien in Berlin zusammengesessen, um sich erstmal darüber einig zu werden, worüber genau sie eigentlich noch streiten. 

 

Vergangene Woche war die eigentlich geplante Verabschiedung des Masterplans in der Kultusministerkonferenz kurzfristig von der Tagesordnung gestrichen worden, nachdem Baden-Württembergs grüne Wissenschaftsministerin Theresia Bauer ein "Nein" angekündigt hatte. 

 

Die Atmosphäre der am Dienstag wiederaufgenommenen Verhandlungen beschreiben Anwesende als „bisweilen giftig im Ton“. Die Gesundheitsseite habe sich „wenig konziliant“ gegeben, berichtet ein Wissenschaftspolitiker. Nur den anstehenden Landtags- und Bundestagswahlen sei es geschuldet, dass der Wille zur schnellen Einigung bei den Noch-Bundeskoalitionären SPD und Union überhaupt so ausgeprägt sei.

 

Womit auch erklärbar wird, warum der offizielle Widerstand gegen den Masterplan (genauer: gegen die bislang verabredeten Modalitäten seiner Finanzierung) nur aus zwei grün geführten Wissenschaftsministerien kam: aus Niedersachsen (gegen die Landarztquote) und aus Baden-Württemberg (gegen die mangelnde finanzielle Beteiligung der Gesundheitsseite). In der kritischen Bewertung stimmten ihnen nämlich fast alle anderen Wissenschaftsminister zu.

 

Das Ergebnis der Beratungen vom Dienstag ist ein zweiseitiges Kompromisspapier zu Finanzierung und Landarztquote, das jetzt zwischen Wissenschafts- und Gesundheitsseite kursiert – mit dem Ziel, die Kuh möglichst noch vor dem Wochenende vom Eis zu holen.

 

Der Medizinische Fakultätentag (MFT) kritisiert unterdessen die mangelnde Transparenz der Verhandlungen. „Es kann nicht sein, dass jede Frage nach dem Stand des Masterplans mit dem Hinweis abgefertigt wird, dass man nichts sagen könne, solange es keinen abschließenden Beschluss gibt“, sagt MFT-Generalsekretär Frank Wissing.

 

Dabei hätten der MFT und andere Akteure im Gesundheitssektor durchaus etwas zu sagen. Beispiel Finanzierung: Weil die Gesundheitsministerien lange „Wünsch dir was“ gespielt und alle möglichen kostenintensiven Forderungen in den Masterplan geschrieben hätten, sei die Forderung der Wissenschaftsministerien, dass sich Bund, Ärztekammern oder auch Kassenärztliche Vereinigungen stärker an den Kosten beteiligen sollten, „sehr nachvollziehbar“. Doch: „Das darf nicht zu einem Flickenteppich bei der Finanzierung führen, so dass die Fakultäten am Ende das Geld für die Reform Häppchen für Häppchen selbst einsammeln müssen“, sagt Wissing. Zentraler Ansprechpartner für die Finanzierung müssten die Länder bleiben.   

 

Beispiel Studienqualität: Die Politik will den so genannte „Nationalen Kompezenzbasierten Lernzielkatalog Medizin“ (NKLM) weiterentwickeln und zum Teil der Approbationsordnung machen. Dazu soll eine Kommission mit eigener Geschäftsstelle beim Institut für medizinische und pharmazeutische Prüfungsfragen (IMPP) eingerichtet werden – mit Vertretern von Bund und Ländern und der unterschiedlichsten Akteure aus Medizin und Gesundheitssektor. „Sehr irritierend“ nennt MFT-Generalsekretär Wissing diese Pläne. Denn der NKLM sei bislang von den Fakultäten und Fachgesellschaften selbst entwickelt worden, bei ihnen liege auch das Copyright. „Wenn jetzt also die Protagonisten des Masterplans durch die Lande reisen und verkünden, der NKLM werde durch sie weiterentwickelt, ohne dass sie vorher die Fakultäten gefragt haben, wie die das überhaupt finden, ist das unangemessen.“

 

Wissing berichtet von einer „großen Verunsicherung in den Fakultäten, gerade auch in den bisherigen Modell-Studiengängen, die nicht wüssten, wie es mit ihnen weitergehen solle. „Dieser Schwebezustand muss beendet werden.“

 

Zumindest der letzte Wunsch Wissings könnte bald in Erfüllung gehen. Darauf zumindest deuten momentan alle Zeichen hin.  

Nachtrag am 24. März:
Stand heute Morgen ist eine kurzfristige Einigung nicht absehbar. Gesundheits- und Wissenschaftsministerien diskutierten immer noch über einzelne Dissenspunkte, heißt es aus den Verhandlungen.

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Bitte an die Fakten halten!

Die Abiturienten von heute können nicht mehr richtig Mathe, warnen 130 Professoren und Lehrer in einem "Brandbrief". Dabei unterliegen sie einer Fehlwahrnehmung.

Foto: Mike Wilson
Foto: Mike Wilson

DER TAGESSPIEGEL HAT gerade einen ziemlichen Scoop gelandet. 130 Professoren und Lehrer haben einen, wie das immer so schön heißt, „Brandbrief“ verschickt an die Bildungspolitik von Bund und Ländern, und der Tagesspiegel machte ihn gestern öffentlich. Den Abiturienten mangele es an mathematischem Grundwissen, warnen die Unterzeichner, selbst die Bruchrechnung werde nicht sicher beherrscht. Damit seien viele Schulabgänger nicht mehr studierfähig, zumindest nicht in Studiengängen wie Wirtschaft, Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik.  

 

Der Nachhall heute in der Medienlandschaft auf den Aufschrei ist gewaltig, viele Lehrer, Eltern und Wissenschaftler sehen sich bestätigt in ihrem gefühlten Wissen. Endlich trauen sich die Leute mal zu sagen, wie es wirklich ist!

 

Die Frage ist allerdings: Ist es wirklich so? Stimmt es, wie die Unterzeichner kritisieren, dass „die Bildungsstandards“, die nach dem Pisa-Schock von 2001 eingeführt wurden, schuld sind an der Misere, weil sie ein Mindestniveau zum Standard erklärt haben? Machen sie den Mathematikunterricht kaputt, weil sie auf eine zweifelhafte „Kompetenzorientierung“ abheben, anstatt das Erlernen der Grundlagen einzufordern? Ist es so, wie Tagesspiegel-Redakteurin Susanne Vieth-Entus heute schreibt, dass die Lehrer und Schüler sich nur auf die Pisa-spezifischen Aufgaben eingestellt und so etwas bessere Befunde eingefahren hätten, „ohne dass sich an der grundsätzlichen Einstellung zur Mathematik etwas geändert hätte“?

 

Was wundert an dem Brief selbst wie an seiner öffentlichen Kommentierung ist die unverhohlene Skepsis der empirischen Bildungsforschung gegenüber, die da zum Ausdruck kommt. Während sonst überall gewarnt wird vor der aufkommenden Wissenschaftsfeindlichkeit, die unsere Demokratie gefährde, wird der Bildungsforschung mit einem Federstrich die Aussagekraft ihrer Erkenntnisse abgesprochen. Ein erstaunlicher Vorgang.

 

Halten wir uns mal an die Fakten. Erstens: Es ist gibt unzählige Studien, die belegen, das Pisa weitaus mehr misst als nur die Fähigkeit der Schüler, sich auf bestimmte Aufgabentypen einzustellen. Natürlich kann man alle diese Untersuchungen bezweifeln, aber eigentlich nur, indem man das wissenschaftliche Fundament der empirischen Bildungsforschung insgesamt in Frage stellt.

 

Das gleiche gilt zweitens für die angegriffene Kompetenzorientierung: Es fällt schwer, einen ernsthaften Gegensatz zu konstruieren zwischen dem im Brief geforderten Beherrschen fachlicher Grundfertigkeiten und dem Anspruch moderner Bildungswissenschaft, diese Grundfertigkeiten dann auch anwenden zu können. Ohne Grundlagen keine Anwendung, so einfach ist das. Insofern sind Bildungsstandards, die über die Beschreibung solcher Problemlösekompetenzen definiert werden, sehr wohl eng verknüpft mit dem fachlichen Grundwissen.

 

Drittens: Die Aufgaben, mit denen die Einhaltung der Bildungsstandards überprüft werden sollen, werden am im Brief ebenfalls kritisierten Institut für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) entwickelt, und natürlich finden sich unter den IQB-Testaufgaben etliche, die zu leicht sind, zu schwer, wirklichkeitsfremd oder gar lächerliche Szenarien enthalten. Doch was ist diese Feststellung wert angesichts Tausender ebenfalls misslungener Aufgaben, die sich Mathematiklehrer überall im Land ausdenken (übrigens neben Tausenden anderen, die hervorragend sind)?

 

Fest steht im Gegensatz dazu, dass nur dank des zentralen Abitur-Aufgabenpools, den ebenfalls das IQB entwickelt hat, etwa in Hamburg wie selten zuvor über die Qualitätsverbesserung des Mathematikunterrichts gerungen wird – denn erst die Bildungsforschung hat die nötige Transparenz in die Auseinandersetzung gebracht.   

 

Halten wir uns an all die Fakten, gelangen wir ziemlich schnell zum Kern der Auseinandersetzung um den Brandbrief. Pisa belegt, dass die 15-Jährigen heute nicht ein klein wenig, sondern deutlich fitter sind in Mathematik als die Neuntklässler Anfang der 2000er Jahre. Sie haben bessere Grundlagen und sie können diese zielsicherer anwenden. Warum aber ignorieren das die Professoren und Lehrer? Warum sprechen Kommentatoren lieber der Bildungsforschung ihre Wissenschaftlichkeit ab, also diese Tatsache akzeptieren zu können?

 

Weil sie einer Fehlwahrnehmung unterliegen. Heute studieren 50 Prozent mehr junge Menschen als 2003. Viel mehr Jugendliche absolvieren das Abitur. Eigentlich sollte man keinem Mathematiker erklären müssen, was das bedeutet: Ein größerer Anteil eines Altersjahrgangs an den Hochschulen bedeutet trotz besserer Durchschnittsleistungen mehr Studienanfänger mit schwächeren Mathematikkenntnissen. Punkt. Es kann also sehr wohl sein, dass die Schüler in Deutschland heute besser Mathe können als vor 15 Jahren und gleichzeitig die Studienanfänger im Schnitt mit weniger Vorkenntnissen in die Hörsäle strömen.

 

Kann, soll, muss man das kritisieren? Es kommt darauf an. Wenn man der Meinung ist, dass mehr Bildungsbeteiligung das Niveau der Leistungsstarken senkt, dann ja. Dann muss man sie wohl als „Gleichmacherei“ diskreditieren. Allerdings gibt es für die These, dass die Starken unter der wachsenden Zahl der (zunächst) Leistungsschwächeren leiden, keinerlei empirischen Belege.

 

Im Gegenteil aber gibt es sehr wohl Belege dafür, dass die Öffnung von Abitur und Hochschulen nicht dümmere Schüler in neue Bildungshöhen katapultiert, sondern solche mit den schlechteren sozialen Voraussetzungen. Die sehr wohl in der Lage wären, aufzuholen und mitzuhalten – wenn man sie den gerade am Übergang zwischen Schule und Hochschule besonders unterstützt. Darauf, das weiß die Bildungspolitik längst, wird es in den nächsten Jahren besonders ankommen.

 

Und ja, keine Frage: Mit der Zahl der Studienanfänger steigt die auch Herausforderung für die Hochschullehrer, mit diesen offensichtlichen Schwächen vieler First-Generation Students umzugehen. Ist das ein Grund, sich in die 80er Jahre zurückzuwünschen? Für einige offenbar schon. Auf jeden Fall ist es für sie der Grund, unter den Stichwörtern „Pisa, Kompetenzorientierung & Co“ zu einem Rundumschlag gegen die empirische Bildungsforschung insgesamt auszuholen.

 

Produktiver wäre es freilich, ihre Erkenntnisse nutzen, um Antworten zu finden auf die eine berechtigte Frage: Wie bringen wir das mathematische Grundwissen zu jenen Schülergruppen, die es noch nie hatten – erst recht nicht in den vermeintlich guten alten Vor-Pisa-Zeiten? Genau an der Stelle wird es spannend. Und der "Brandbrief" gähnend langweilig.  

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Fingerzeig nach irgendwo

Sechs Ministerpräsidenten haben sich als Diplom-Fans geoutet. Was folgt daraus für die Hochschulpolitik?

Foto: Shirly Niv Marton
Foto: Shirly Niv Marton

DAS KOMMT DABEI heraus, wenn Ministerpräsidenten selbst Hand an die Hochschulpolitik legen. Eigentlich hätte es eine Formsache sein sollen, als die Länderchefs vergangene Woche in ihrer Konferenz dem neuen Staatsvertrag zur Akkreditierung von Studiengängen zustimmten, den ihre Wissenschaftsminister über Monate ausgehandelt hatten. Doch sechs Ministerpräsidenten beließen es nicht bei dem Ja, sondern fügten eine Protokollnotiz hinzu. Mit der noch ausstehenden Erarbeitung der so genannten Musterverordnung, formulierten die sechs, „sei die Erwartung verbunden, doch noch eine für alle Länder tragfähige Lösung zur Anerkennung des Diploms zu erreichen.“

 

Hinter der konzilianten Technokratensprache verbirgt sich Sprengstoff. Durch die Hintertür wollen die Ministerpräsidenten den totgeglaubten Abschluss wiederbeleben. Und das geht so: Jeder Staatsvertrag ist nur so viel wert wie die Ausführungsverordnung, mit der jedes Bundesland für sich bestimmt, wie der Vertrag praktisch umgesetzt werden soll. Um einen föderalen Flickenteppich zu vermeiden, einigen sich alle 16 Länder normalerweise auf eine Musterverordnung, die sie dann gleichlautend in Landesrecht übernehmen.

 

Und obwohl der Staatsvertrag die Kombination der Wörter „Diplom“ und „Akkreditierung“ tunlichst vermeidet, wollen die sechs Ministerpräsidenten jetzt über diese Verordnung seinen Wirkungsbereich auf Abschlüsse mit dem alten Namen ausdehnen. Eine faktische Gleichstellung mit den neuen gestuften Abschlüssen Bachelor und Master, denen bislang die Akkreditierung vorbehalten war. Es bröckelt etwas in der Hochschullandschaft, und es bröckelt von oben nach unten.

 

So, wie Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) bereits die Rückabwicklung der Schulzeitverkürzung G8 zur „Chefsache“ erklärt hat, so wollen er und fünf Mitstreiter nun offenbar auch bei einem anderen Bildungsthema Populismuspunkte sammeln. Zwar war es ruhiger geworden um die Bologna-Studienreform, doch beliebt sind die Anfang des neuen Jahrtausends eingeführten europaweit gültigen Studienabschlüsse bei vielen Professoren bis heute nicht. Auch unter den Spitzenmanagern finden sich immer noch viele, die den „Diplom-Ingenieur“ als verloren gegangenes Aushängeschild deutscher Wertarbeit verklären.

 

Mit ihrer Diplom-Nostalgie zeigen die Ministerpräsidenten wenig Fachkenntnis. Doch auch wenn der Wunsch der Sechs dank des Einstimmigkeitsprinzips in der Kultusministerkonferenz in Sachen Akkreditierung folgenlos bleiben dürfte, ist er ein Signal. Zuallererst an die Bologna-Kritiker: Da geht noch was. Die Reform ist in der Politik nicht so fest verankert, wie die meisten Minister glaubhaft machen wollen. Das Signal geht aber auch an die Kultusminister: Wenn ihr jetzt nicht eure Chefs überzeugt, war die Protokollnotiz erst der Auftakt.

 

Die Hochschulen jedenfalls sollten sich in Acht nehmen. Der Riss, der da ganz offenbar durch die Politik geht, könnte sehr schnell auf dem Campus ankommen. Falls es noch einen Bologna-Fan gab, der dachte, es sei Zeit sich zurückzulehnen, sollte er jetzt dringend aufwachen.

Dieser Kommentar erschien heute zuerst im ZEIT Chancen Brief.

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Ein Flaschenhals, der (vielleicht) gar nicht existiert

Es gebe zu wenige Professorenstellen für qualifizierte Nachwuchswissenschaftler, heißt es immer. Plausible Schätzungen kommen zu einem anderen Ergebnis. Ein Gastbeitrag von Karl Ulrich Mayer.

Foto: Pete Wright
Foto: Pete Wright

NICHT ALLE KLAGEN, die über die Arbeitsbedingungen junger Wissenschaftler erhoben werden, sind berechtigt. Zum Beispiel die, dass „Nachwuchs“-WissenschaftlerInnen mehr als acht Stunden am Tag und mehr als 40 Stunden in der Woche arbeiten, und wohl auch nicht, dass Promovierende neben ihrer Dissertationsarbeit noch lehren und Arbeiten in Projekten übernehmen. Andere Beschwerden hingegen kann man gar nicht oft genug wiederholen. Dass die Arbeitsverträge in der Promotions- und Postdocphase immer noch viel zu kurz befristet sind etwa.

 

Das eigentliche Skandalon wäre jedoch, wenn junge WissenschaftlerInnen, die den mühsamen Weg der Qualifizierung, der Publikationen und Konferenzarbeit hinter sich gebracht haben, die höchst qualifiziert und spezialisiert sind, im schon nicht mehr sehr jungen Alter von um 42 Jahren feststellen müssten, dass ihnen trotz allem keine Stellen als Hochschullehrer offen stünden. Ein bekannter Sprecher der Juniorprofessoren, Remigius Bunia, hat 2014 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vermutet, dass es ungefähr zwei Drittel aller Berufungsfähigen nicht auf eine Dauerstelle schafften Der Präsident der Freien Universität, Peter-André Alt, konstatierte schon 2012 ebenfalls in der FAZ ein Glücksspiel von 1: 300 für die Berufungschancen von Promovierten. Nach einem Beitrag von Neufeld und Johann (in Forschung&Lehre 9/2016) bleibt 82 Prozent der Aspiranten eine Professur verwehrt.

Doch was wissen wir wirklich über Angebot und Nachfrage an der Schwelle zur Professur? Wie groß und daher empörend ist dieses Skandalon?  Der neue Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs erlaubt dazu einige Aufschlüsse.

 

Gefragt, was sie in zehn Jahren beruflich machen werden bzw. wollen, streben etwa die Hälfte der Promovierten an Universitäten und außeruniversitären Forschungseinrichtungen nach der Promotion eine Tätigkeit in der akademischen Forschung und Lehre an. 22 Prozent wünschen sich eine Professur oder leitende wissenschaftliche Tätigkeit im öffentlichen Hochschulsektor, 20 Prozent eine   Mitarbeiterstelle und 34 Prozent eine wissenschaftliche Tätigkeit außerhalb der Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen. 22 Prozent wiederum planen eine Tätigkeit ohne Forschungsbezug. 

 

Diese Zahlen zu den Berufszielen stammen aus der 2016 von Stifterverband und Deutschem Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) veröffentlichten Studie „Personalentwicklung“. Einer anderen Umfrage zufolge nennen 61 Prozent der befragten Nachwuchswissenschaftler als Berufsziel die Professur. Wenn von den jährlich rund 20.000 Promovierten (ohne Medizin) etwa ein Drittel in Forschung und Lehre verbleiben, sind es also je nach Studie 1500 bis 4500 Personen pro Jahr, die eine Tätigkeit in der akademischen Forschung und Lehre oder explizit eine Professur anstreben. Dem stehen jährlich etwa 2000 Vakanzen an ausgeschriebenen Professuren demgegenüber. Diese Personengruppe kann man als Rekrutierungs-, aber noch nicht als Kandidatenpool betrachten.

 

Die einzige vermutlich belastbare Zahl zu den offensichtlich schon Berufungsqualifizierten ist die jährliche Zahl der Habilitierten, die von 2128 im Jahr 2000 auf 1627 im Jahr 2014 fiel. Dazu kommen (wiederum für das Jahr 2014) die 1613 Juniorprofessoren und 921 Leiter von Nachwuchsgruppen.  Wir wissen allerdings auch, dass etwa die Hälfte der erstberufenen W2- und W3-Berufenen nicht habilitiert ist, da seit einigen Jahren auch habilitationsäquivalente Leistungen qualifizieren. Von den   Habilitierten muss man allerdings den größten Teil der Humanmediziner abziehen, da sie mit der Habilitation keine Universitätsprofessur, sondern die Leitung einer Klinik   anstreben. Die Mediziner stellten 2014 die Hälfte der Habilitationen, gleichzeitig wurden 122 habilitierte Mediziner auf eine Professur (davon 58 auf eine W2 Professur) berufen.

 

Der Pool an Berufungsqualifizierten umfasst also schätzungsweise jährlich 850 Habilitierte (ohne Mediziner), ein Sechstel der Juniorprofessuren (um 270) und ein Fünftel der Nachwuchsgruppenleiter (um 180), also insgesamt rund 1300 Personen. Davon muss man noch die Gruppe der Personen abziehen, die sowohl eine Juniorprofessur haben oder eine Nachwuchsgruppe leiten. Unter den 2014 Erstberufenen gab es etwa ein Fünftel, die sowohl aus einer Juniorprofessur kamen als auch habilitiert waren. Unterstellt man, dass es auch unter den Leitern von Nachwuchsgruppen ähnlich viele Habilitierte gab, so gelangt man zu einer Zahl von Berufungsqualifizierten für 2014 von etwa 1220 Personen. Dem standen 2014 887 Erstberufungen (ohne Fachhochschulen) gegenüber. Dies ergäbe ein Chancenverhältnis von ca. 1: 1,4.  

 

Alle diese Schätzungen sind freilich mit hohen Unsicherheiten verbunden. So dürften etwa von den Bewerbern mit habilitationsäquivalenten Leistungen, im Jahr 2014 insgesamt 345 Personen, etliche   aus der Gruppe der Juniorprofessoren und Nachwuchsgruppenleiter gekommen sein. Das könnte leicht zu einer Minderung der Chancen führen. In Rechnung zu stellen ist aber auch, dass die Fachhochschulen ihre Professoren zum Teil aus der Gruppe der wissenschaftlichen Mitarbeiter an Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen rekrutieren. Die vielen unterschiedlichen, teilweise widersprüchlichen Zahlen, die in dieser Debatte genannt werden, zeigen den morastigen Boden in der Abschätzung des Flaschenhalses. Zwischen 1999 und 2011 gab es laut Deutschem Hochschulverband (DHV) jährlich rund 1500 Ausschreibungen für W2- und W3-Professuren, 2014 kamen 40.000 Bewerbungen auf 1648 W2- und W3-Berufungen. Daraus wird im BuWiN eine Berufungsquote von etwa vier Prozent abgeleitet, also ein Chancenverhältnis von 1:25.

 

Die Angebotsseite des Professoriats wird in hohem Maße durch das altersbedingte Ausscheiden bestimmt. Von 2015 bis 2024 sollen 7866 Professoren altersbedingt ausscheiden; im EFI-Bericht 2017 werden für den kleineren Zeitraum von 2017 bis 2024 11.770 altersbedingte Vakanzen errechnet. Das würde durchschnittlich eine jährliche Anzahl von 800 bis 1400 Vakanzen produzieren.  Dazu kommen über die nächsten 15 Jahre 1000 Stellen für Tenure-Track-Professuren aus dem 2016 beschlossenen Nachwuchswissenschaftlerprogramm der Bundesregierung, also jährlich weitere 100 Vakanzen ab 2023. Könnte es angesichts solch annähernd ausgeglichener Zahlen also sein, dass das Skandalon in massiver Form gar nicht existiert?


HABEN SIE EINE ANDERE POSITION?
SAGEN ZAHLEN, DIE SIE KENNEN, ETWAS ANDERES?
FOLGEN SIE KARL ULRICH MAYERS AUFFORDERUNG UND SCHREIBEN SIE ES AUF. 


Woher kommt aber dann die Diskrepanz zwischen den subjektiv gefühlten und in der Öffentlichkeit dramatisierten Unsicherheiten und diesen meines Erachtens plausiblen Schätzungen?  Es ist höchste Zeit, durch bessere (Längsschnitt-)Daten diese Diskrepanz in der einen oder anderen Richtung aufzulösen. Und ich fordere zu mindestens ebenso detaillierten Alternativrechnungen und –simulationen auf. Denn das potenzielle Problem ist nicht nur für die jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler viel zu wichtig, um Ad-Hoc-Spekulationen überlassen zu bleiben.

 

Unbestritten ist darüber hinaus, dass die Betreuungsverhältnisse zwischen Professoren und Studierenden auch im internationalen Vergleich himmelsschreiend sind und die Qualifizierungszeiten des wissenschaftlichen Nachwuchses nach der Promotion viel zu lang dauern.

 

Der Soziologe Karl Ulrich Mayer ist emeritierter Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, war Präsident der Leibniz-Gemeinschaft und leitet den wissenschaftlichen Beirat des "Bundesberichts Wissenschaftlicher Nachwuchs".

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Leise Grüße vom Digitalpakt

SPD-Haushaltsexperte Swen Schulz warnt: Finanzminister Schäuble legt Wankas Fünf-Milliarden-Plan trocken. Die Realität ist noch etwas komplexer.

Foto: Thomas Kvistholt
Foto: Thomas Kvistholt

DAS HABEN DIE Sozialdemokraten Johanna Wanka bis heute nicht vergessen. Ende September war es, und die SPD versuchte sich an der großen Geste. Eine „nationale Bildungsoffensive“ forderte sie, eine „gemeinsame Kraftanstrengung von Bund, Ländern und Gemeinden für eine bessere Bildung an unseren Schulen“. Doch kaum einer hörte zu. Dann gab die CDU-Bundesbildungsministerin ein unabgesprochenes Interview in der Bild am Sonntag, stellte einfach mal fünf Milliarden Euro in Aussicht und versprach, Deutschlands Schulen informationstechnisch ins 21. Jahrhundert zu katapultieren. Einen schnittigen Namen für ihre Initiative lieferte Wanka den BamS-Leuten auch gleich dazu – DigitalPakt#D – und die Presse fraß ihr aus der Hand. Was war nochmal die „nationale Bildungsoffensive“?

 

Fünf Bundesmilliarden für funktionierende Netze an den Schulen, ein knappes Jahr vor der Bundestagswahl und zwei Monate, bevor die Kultusminister ihre eigene, viel beachtete Strategie zur „Bildung in der digitalen Welt“ verabschieden wollten:  Was sollte die SPD machen, außer schnell auf den Zug aufzuspringen, wenn man nicht als miesepetrig dastehen will. Kurzum: 1:0 für Wanka, und das obwohl sie vorher nicht gerade als Vordenkerin der digitalen Bildungsrevolution in Erscheinung getreten war.

 

Und so verhandelt seit Ende Januar eine gemeinsame Staatssekretärsgruppe „die Einzelheiten“ einer Bund-Länder-Vereinbarung, wie die Kultusministerkonferenz damals in einer Pressemitteilung mitteilte. Eine gewagt niedliche Formulierung angesichts des Wusts technischer, administrativer und auch datenschutzrechtlicher Probleme, die es zu regeln gilt. Vor allem aber muss man sich erstmal einig werden über die Zahlungsmodalitäten: Einzelüberweisung (das will der Bund, und zwar für die technische Ausstattung) oder Dauerauftrag (das fordern die Länder, und zwar auch für den Unterhalt). Wobei letzteres langfristig auf deutlich mehr als fünf Milliarden hinauslaufen würde.

 

Vergangene Woche nun hat der SPD-Haushaltsexperte Swen Schulz sich zu Wort gemeldet. Er ist Berichterstatter für Bildung und Forschung im Haushaltsausschuss und hat sich den Eckwerte-Beschluss für 2018 angeschaut, den Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) durchs Kabinett gebracht hat. Deutlich mehr Geld für Verteidigung und sinkende Ausgaben für Bildung und Forschung seien darin vorgesehen, beklagt Schulz – und „kein Geld für die Digitalisierung“. Seine Schlussfolgerung: Der von Bildungsministerin Wanka groß angekündigte Digitalpakt von Bund und Ländern für Schulen und Berufsschulen hängt jetzt erst einmal finanziell in der Luft.“ >>



>> Es ist nicht die erste, aber eine besonders heftige Retourkutsche für Wankas Vorpreschen im Oktober. Wanka macht „viel Lärm um nichts“, lautet die Kernbotschaft. Endlich die Gelegenheit für die Sozialdemokraten, ihr den BamS-Move zurückzuzahlen?

 

Logisch, dass die Bundesministerin das nicht auf sich sitzen lassen will. „Das Geld kann ja in keiner mittelfristigen Finanzplanung stehen, weil es noch nicht haushaltsrelevant ist“, sagt Wanka. Damit meint sie, dass für ein noch nicht beschlossenes Bund-Länder-Programm auch keine Milliarden reserviert werden können. Was haushaltsrechtlich sicherlich stimmt. Wobei kaum vorstellbar ist, dass Schäuble oder sein Nachfolger nach der Bundestagswahl angesichts der internationalen Sicherheitslage auf wundersame Weise zusätzliche Milliarden für die digitale Bildung finden wird.

 

So ist Schulz' Kritik ein Stückweit wohlfeil, und doch trifft sie Wanka an einem empfindlichen Punkt. Spätestens seit Bundeskanzlerin Angela Merkel ständig von der veränderten weltpolitischen Sicherheitslage und höheren Verteidigungsetats redet, weiß ihre Bildungsministerin, sie wird kämpfen müssen um jeden (und nicht nur jeden zusätzlichen) Euro für ihr Ressort. Für digitale Bildung genauso wie für andere Aufgaben. Klar sei, sagt Wanka, dass die Bund-Länder-Vereinbarung nicht bis zum Sommer fertig sein könne, „dafür ist der Vorgang zu komplex.“ Doch wichtig sei, dass die Bund und Länder sich so weit verständigten, „dass man in neuen Koalitionsverhandlungen die entsprechenden Mittel für einen Digitalpakt einwerben kann.“ Sonst habe man beim Finanzminister keine guten Argumente.

 

Ist der Digitalpakt wirklich so schwierig auszuverhandeln? Nordrhein-Westfalens grüne Bildungsministerin Sylvia Löhrmann widerspricht. „Von Länderseite aus gibt es meines Erachtens keinen Grund, nicht bis zum Sommer zu einer Bund-Länder-Vereinbarung zu kommen.“ Die KMK-Strategie zur digitalen Bildung stehe seit Ende vergangenen Jahres, auch seien sich die Landesregierungen unabhängig von ihrer Couleur einig, was sie vom Bund – siehe oben – erwarten. Die Komplexität der Materie sei jedenfalls nicht dafür verantwortlich, dass nichts vorangehe. "Es muss der Wille dazu da sein, auch beim Bund.“

 

Löhrmann zufolge stellt sich die Realität also anders herum da: Die Schwierigkeit bestehe nicht darin, dass die Verhandlungen so schwierig seien und daher das Geld nicht fließen könne. Das Problem sei, dass Wanka auf Zeit in den Verhandlungen spiele, weil sie das Geld nicht habe. Löhrmanns Schlussfolgerung: „Frau Wanka hat die fünf Milliarden Euro in die Welt gesetzt, da muss sie auch gegenüber dem Finanzminister Sorge tragen, dass das Geld am Ende auch zur Verfügung steht.“ 

 

Dass Wanka Schäuble gegenüber gute Argumente habe, bezweifelt SPD-Politiker Schulz grundsätzlich. Die Ministerin erweise sich „leider als unambitioniert und wenig durchsetzungsfähig“, sagt er – was er an einem weiteren vermeintlichen Versäumnis der Ressortchefin festmacht. Für die Fortschreibung der auslaufenden Pakte im Bereich Hochschule und Wissenschaftsorganisationen nach 2020 werde ebenfalls keine Vorsorge in der Finanzplanung getroffen, sagte Schulz. „Das Problem wird damit der nächsten Bundesregierung vor die Füße gekippt.“

 

Aus Wankas Ministerium heißt es indes, an der Stelle liege der SPD-Haushaltspolitiker komplett falsch. Die bisherigen Volumina würden in der Finanzplanung des Jahres 2021 auf der Höhe von 2020 fortgeschrieben.

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Brodkorb verliert und triumphiert

Die Ministerpräsidenten beschließen den Staatsvertrag zur Akkreditierung. Doch sechs Länderchefs fordern zugleich die Rehabilitierung des Diplomabschlusses.

Martin Abegglen: "diplom", CC BY-SA 2.0

DIE MINISTERPRÄSIDENTEN HABEN in ihrer Sitzung am Donnerstag dem Staatsvertrag zur Akkreditierung zugestimmt. Am 1. Juni wollen sie ihn unterzeichnen, am 31. Dezember 2017 soll er in Kraft treten. Soweit die Formalia, wie sie sich im vorläufigen Ergebnisprotokoll der Ministerpräsidentenkonferenz (MPK) nachlesen lassen. Was dann unter "Protokollerklärung" folgt, ist allerdings ein Hammer. Mit der Erarbeitung der Musterrechtsverordnung werde "die Erwartung verbunden, doch noch eine für alle Länder tragfähige Lösung zur Anerkennung des Diploms zu erreichen". 

 

Eine Protokollerklärung als Zusatz eines MPK-Beschlusses ist an sich nichts Ungewöhnliches; ausschlaggebend ist der Beschluss selbst. Auch in diesem Fall war mit einem solchen Zusatz gerechnet worden, hatte doch Mecklenburg-Vorpommerns Finanzminister Mathias Brodkorb (SPD) im Vorfeld der Sitzung ein letztes Mal die Trommel fürs Diplom gerührt – womit er oberflächlich betrachtet scheiterte, denn das Bekenntnis zum "Dipl.Ing." schaffte es eben nicht in den Beschluss selbst.

 

Weswegen die Protokollerklärung dennoch eine kleine Sensation ist: Weil nicht nur der von Brodkorb umfassend bearbeitete Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern, Erwin Sellering, sie unterschrieben hat, sondern auch die Regierungschefs fünf weiterer Länder: Horst Seehofer aus Bayern, Dietmar Woidke aus Brandenburg, Volker Bouffier aus Hessen, Stanislaw Tillich aus Sachsen und Reiner Haseloff aus Sachsen-Anhalt. Sie alle sagen: Gebt uns das Diplom zurück. Zumindest ein bisschen. Sie sagen es übrigens zum Teil gegen den erklärten Willen ihrer eigenen Wissenschaftsminister. Dem muss sich die Kultusministerkonferenz jetzt stellen und nochmal ran, getreu dem Motto, "oben" (Ministerpräsidenten) schlägt "unter" (Kultusminister).

 

Zehn Ministerpräsidenten waren allerdings auch anderer Auffassung, weswegen die Protokollerklärung, sagen zumindest einige aus der Kultusministerkonferenz (KMK) tapfer, wenig mehr sei als ein kaum erfüllbarer Wunschzettel. Denn das Diplom-Revival in der Musterrechtsverordnung könne ja nur im Einklang aller Länder beschlossen werden. Und dennoch ist das, was sich da gestern in der MPK zu getragen hat, mehr als eine skurrile Fußnote.  Es wird den Kritikern von Akkreditierung und Bologna-Abschlüssen gewaltig Auftrieb geben. Vor allem aber ist es eine Warnung in Richtung der Wissenschaftsminister, dass die Vorbehalte gegen die Studienreform, wie Mathias Brodkorb sie als Bildungsminister formuliert hat, in der Chefetage der Ministerpräsidenten salonfähig sind.

 

Ein paar Schlussfolgerungen.

 

Erstens: Brodkorbs Aktion auf der Zielgeraden der Akkreditierungsverhandlungen hat viele seiner ehemaligen KMK-Kollegen schwer geärgert, doch hat er damit auch einmal mehr seine strategische Kreativität unter Beweis gestellt. Auf die Idee und den Mut, seinen Chef zu schicken, um KMK-Beschlüsse von oben her auszuhebeln, muss man erstmal kommen. Erst recht, wenn man selbst gar nicht mehr der zuständige Minister ist. Zweitens: Eigentlich war dies gestern auch ein Moment der Niederlage für Brodkorb, denn die Ministerpräsidenten haben dem Akkreditierungsstaatsvertrag, dessen Zustandekommen er über Monate hinweg verhindern wollte, zugestimmt. Doch durch seine Finte schaffte er es, von diesem Umstand abzulenken und seine Ex-Kollegen schlecht aussehen zu lassen. Drittens: Der seit einem Jahr laufende Streit um die Zukunft der Akkreditierung ist damit in seiner ersten Ableitung angelangt. Ging es den Gegnern des Staatsvertrags lange um die Komplettabschaffung des Systems, werden sie sich nun, da der Vertrag kommt, auf die Aufwertung des Diploms konzentrieren. Nach dem Motto: Wenn schon weiter Akkreditierung, dann wollen wir wenigstens auch was davon haben. 

 

Viertens und am wichtigsten: Die Wissenschaftsminister tun gut daran, sich zu überlegen, wie sie künftige Querschüsse ihrer Chefs in Sachen Hochschulreform künftig verhindern können. Und zwar, indem sie denen besser erklären, worum es geht. Gefährliches Halbwissen bei den Ministerpräsidenten, verbunden mit einem Schuss Nostalgie für die Uni von gestern, ist eine brüchige Basis, wenn die Wissenschaftsminister für künftige Reformentscheidungen in einem derart umkämpften Politikfeld Rückendeckung brauchen. Schließlich ist es kein Zufall, dass sie sich beim parallel verhandelten "Masterplan Medizinstudium 2020" noch nicht einmal daran gewagt haben, die Stichworte "Bachelor und Master" in die Debatte um die Zukunft der Medizinerausbildung einzubringen. Nicht durchsetzbar bei den Gesundheitskollegen, sagen die Wissenschaftsminister einhellig. Bei ihren Chefs, den Ministerpräsidenten, aber ganz sicher auch nicht. 

 

Nie in den vergangenen zehn Jahren war das Diplom so lebendig wie seit gestern Abend. Als vor einem Jahr das Bundesverfassungsgericht die bisherige Akkreditierungspraxis als grundgesetzwidrig einstufte und die aktuelle Debatte um eine Neufassung auslöste, sei das für ihn Grund gewesen, "eine gute Flasche Wein aufzumachen", sagt Mathias Brodkorb hinterher. Gestern Abend dürfte er sich mal wieder an seinem Weinvorrat bedient haben.

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Streit ums Geld: Politik vertagt Reform der Medizinerausbildung

Baden-Württembergs Wissenschaftsministerin Theresia Bauer hatte ihr Nein angekündigt, weil sie einseitige Belastung für die Wissenschaft befürchtete.

BUNDESGESUNDHEITSMINISTER HERMANN GRÖHE (CDU) hatte schon die Pressekonferenz geplant, bei der er den Erfolg verkünden wollte: den Masterplan Medizinstudium 2020, einhellig verabschiedet von allen, die in Sachen Gesundheit etwas zu sagen haben. Von den Gesundheitsministern also. Von den Wissenschaftsministern. Von den Finanzministern. Aus allen Ländern und aus dem Bund. Kein Wunder, dass einige bereits vom „großen Wurf“ schwärmten. Daraus allerdings wird vorerst nichts. Weder aus dem großen Wurf noch aus Gröhes Pressekonferenz. Die für heute geplante Verabschiedung des Reformpapiers durch die Kultusministerkonferenz (KMK) wurde kurzfristig abgesagt. Und hinter den Kulissen beginnen bereits die Schuldzuweisungen.

 

Das sind die Fakten: Baden-Württembergs grüne Wissenschaftsministerin Theresia Bauer hatte Anfang der Woche für einige ihrer Kollegen offenbar überraschend angekündigt, dass sie dem Masterplan nicht zustimmen werde. Nach zweitägigem Hin und Her einigten sich die Kultusminister schließlich am Donnerstagnachmittag, den Masterplan von der Tagesordnung zu nehmen.

 

Wahlkampf sei das, kommentieren nun einige von Bauers Kollegen, der Masterplan sei im Großen und Ganzen eben ein Projekt der großen Koalition im Bund, und deshalb, gestehen sie großzügig zu, sei es „politisch legitim“, wenn eine grüne Ministerin ein paar Aufmerksamkeitspunkte sammeln wolle.  

 

Wenn man Bauer und ihren Leuten spricht, bekommt man einen anderen Eindruck. Die Sorgen, die sie haben, sind echt. Und sie haben natürlich mit Geld zu tun.

 

Bauer sagt, es sei ihr nicht leicht gefallen, auf die Vertagung zu drängen, weil sie 36 der 37 im Entwurf enthaltenen Punkte inhaltlich voll zustimme und bis vor wenigen Tagen von einem tragfähigen Kompromissangebot der KMK an die Gesundheitsministerkonferenz ausgegangen sei. Dies betreffe auch den Punkt 37, die Landarztquote, die sie trotz ähnlicher Bedenken wie ihre niedersächsische Kollegin Gabriele Heinen-Kljajić (siehe Blog vom 08. März) in der Kompromissform mitgetragen hätte. Schluss mit Zustimmung sei für sie allerdings gleich zu Beginn des Papiers, bei der Präambel, wo ein paar vermeintlich dürre Sätze die Finanzierung der Reform regeln sollten.

 

Klar war schon länger, dass die Finanzminister keine zusätzlichen Millionen für die Umsetzung des Masterplans zu geben bereit waren, das hatten sie zuletzt vergangene Woche in einem Beschluss deutlich gemacht – zumindest solange die Universitätskliniken weiter so hohe Defizite anhäuften. Das Signal an die Wissenschafts- und Gesundheitsminister: Macht das mal unter euch aus. Und dieses "das" ist richtig teuer. Experten gehen bei vollständiger Umsetzung des Masterplans von einem mittleren dreistelligen Millionenbetrag zusätzlich aus – pro Jahr. 

 

Schon im Februar, berichtet Bauer, habe man einen Kompromissvorschlag in Richtung Gesundheitsseite formuliert, der Tenor: Die Wissenschaftsministerien der Länder übernehmen ihren Teil, doch auch der Bund und die Krankenversicherer müssten sich „angemessen“ an den Kosten beteiligen, da die geplante Stärkung der Allgemeinmedizin durchaus eine Frage der Ausbildungsqualität, zuerst aber der Krankenversorgung sei.

 

Sätze, die die Gesundheitsminister aus Bund und Ländern nicht akzeptieren wollten. „Die stehen immer wie eine Bank“, sagt ein Wissenschaftsstaatssekretär aus einem anderen Land anerkennend und besorgt zugleich. Die „Gesundheitsseite“, wie sie in den Verhandlungen genannt wird, hatte zuvor sogar verlangt, den im Entwurf enthaltenen Finanzierungsvorbehalt zu streichen.

 

Bauers Schlussfolgerung: So bleibe die Gesamtfinanzierung des Masterplans an den Wissenschaftshaushalten hängen, und der Druck, sie anzuzapfen, werde zunehmen, „sobald der Masterplan erst einmal beschlossen ist.“

 

Hätten dann nicht mehr Wissenschaftsministerkollegen wie Bauer ihr „Nein“ ankündigen müssen? Die Sorge zumindest, von den Gesundheitsministern über den Tisch gezogen zu werden, haben sie fast alle. Und auch die Forderung, der Bund müsse Geld zuschießen, verbindet sie. Doch aus zwei Gründen entschieden sich die anderen gegen die Konfrontation auf der Zielgeraden. Erstens: die Lagerzugehörigkeit, siehe oben. Ein Projekt der Großen Koalition will offenbar keine Ressortchefin der SPD oder Union kurz vor der Bundestagswahl in Frage stellen, zumal wenn die Reform inhaltlich von allen geteilt und als extrem sinnvoll befunden wird.

 

Zweitens: Kollegen von Bauer äußern die Sorge, dass eine Rückkehr in die Verhandlungen mit der „Gesundheitsseite“ schwer werden könnte. „Was soll denn das Ergebnis eines Neins zum jetzigen Zeitpunkt sein?“ fragt einer. „Vor der Wahl kann es doch seitens des Bundes keine juristisch wasserdichten Finanzierungszusagen mehr geben.“ Doch brauche man die Verabschiedung des Plans jetzt, damit nicht am Ende irgendwer auf die Idee komme, die umfassendste Reform des Medizinstudiums seit Jahrzehnten an sich wieder in Frage zu stellen.   

 

Vielleicht lässt sich das Wahlkampfargument gegen Bauer aber auch drehen: Man braucht den Erfolg jetzt, vor den Wahlen. Auf jeden Fall kam so überhaupt erst die Idee zustande, die Finanzierungsfrage einer Expertenkommission zu überlassen.

 

Jetzt fürchten sich alle ein bisschen vor der Reaktion der „Gesundheitsseite“, mal wieder. Denn einen Vorgeschmack, wie sie ausfallen kann, haben sie schon gestern bekommen. Als die Gesundheitsminister Wind davon bekamen, dass die KMK vertagen wollte, griffen einige zum Telefon und riefen ihre Ministerpräsidenten an. Sie verlangten, die Wissenschaftsseite zur Ordnung zu rufen. Mit dem Ergebnis, dass für eine paar Stunden nochmal hektische Betriebsamkeit auf allen Seiten ausbrach. Und am Ende, siehe oben, heute Nachmittag doch vertagt wurde. Die Kollegen der Gesundheitsseite seien allesamt eher „rustikale Typen“, munkeln sie in der KMK, die intern austeilen und in der Öffentlichkeit kräftig zuspitzen könnten. Nach dem Motto: Wir wollten die große Reform, und die Wissenschaftsseite hat es kleinkrämerisch vergeigt.

 

Indes: Vergeigt ist noch gar nichts. Nur all jene, die sich schon im Vorfeld angesichts der ungeklärten Finanzierung ernüchtert über den vermeintlichen „großen Wurf“ geäußert hatten, dürften sich bestätigt fühlen. Der Medizinische Fakultätentag (MFT) etwa warnt, wenn die Landarztquote komme, werde aufgrund der entstehenden Rechtsunsicherheit die Zahl der Studienplatzklagen zunehmen. Wenn gleichzeitig die Zahl der Studienanfänger steige und die Finanzierung unklar sei, komme es zwangsläufig zu einer Überforderung der Fakultäten.


Wie es jetzt weitergeht? Bremens Wissenschaftssenatorin Eva Quante-Brandt (SPD) hätte da eine Idee. Sie will alle zu einem ergebnisoffenen Gespräch einladen. Das könnte passen – nicht nur, weil die Senatorin parteiübergreifend als integrative Persönlichkeit geschätzt wird. Sondern auch, weil sie zugleich Gesundheitssenatorin ist. Und keine eigene medizinische Fakultät im Land hat. Mehr ehrliche Maklerin, könnte man denken, geht in der Sache kaum. Schon am nächsten Dienstag wollen sich acht Staatssekretäre aus Wissenschaft und Gesundheit in Berlin treffen. Es müsse doch möglich sein, einen Kompromiss zu erreichen, sagen sie. Vielleicht ja sogar noch vor Ende des Monats.

 

Womöglich kann Bundesgesundheitsminister Gröhe ja doch bald zu seiner Pressekonferenz einladen. 

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Einen hat sie noch

Kurz vor Ende der Legislaturperiode schafft Forschungsministerin Wanka Tatsachen. So genannte "Max Planck Schools" sollen die besten Studenten und Doktoranden ins Land holen. Die ersten drei werden schon in wenigen Monaten feststehen.

ES WAR EINE hochkarätige Telefonkonferenz, die Bundesforschungsministerin Johanna Wanka (CDU) gestern unmittelbar vor der Verleihung der Leibniz-Preise einberufen hatte. Die Chefs sämtlicher außeruniversitären Forschungsorganisationen waren angekündigt, dazu der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Horst Hippler, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), musste sich dagegen entschuldigen lassen, aber das war nicht so schlimm, denn mit dem hatte Wanka in den vergangenen Wochen schon häufiger über das Thema geredet. Genauso wie mit Max-Planck-Präsident Martin Stratmann, der an der Telefonkonferenz teilnahm, aber im Gegensatz zu seinen Kollegen nichts Neues gehört haben dürfte.

 

Was Wanka den Wissenschaftschefs mitteilte: Noch in diesem Jahr sollen die ersten drei so genannten Max Planck Schools gegründet werden. Nicht ganz so, wie Stratmann sie einst beschrieben hatte. Aber auch nicht so, dass die Chefs von Leibniz, Helmholtz & Co vor Freude aufgeschrien haben dürften. Trotzdem (oder gerade deswegen) könnte es ein Erfolgsmodell werden.

 

Der Reihe nach. 2015 hatte Stratmann bei der Jahresversammlung der Max-Planck-Gesellschaft (MPG) vorgeschlagen, MPG-Direktoren und herausragende Universitätsprofessoren sollten sich in überregionalen "Max Planck Schools" zusammentun, nicht zu verwechseln mit den 60 thematisch fokussierten International Max Planck Research Schools (IMPRS), die es seit Jahren gibt, die aber immer lokal organisiert sind.

 

Die größeren, nach Fächern organisierten Max Planck Schools sollten demgegenüber "besonders talentierten Bachelor- und Masterabsolventen“ aus aller Welt „die Gelegenheit zu geben, sich mit jüngstem Wissen von der vordersten Front der Wissenschaft auseinanderzusetzen." Die neuen Schools würden auf den IMPRS "aufsetzen", als eine Art Dachstruktur. 

Ein faszinierender Gedanke: Keine Universität in Deutschland kann von ihrer Dichte an Spitzenwissenschaftlern mit Harvard oder Yale mithalten, aber wenn man die Koryphäen aus Universitäten und Max Planck deutschlandweit zusammenführt, dann müssten sich doch einige der talentiersten Studenten aus aller Welt anlocken lassen.

 

Auch Wanka „fand die Grundidee sehr gut“, wie sie sagt. Aber sie wollte eine Änderung und eine Konkretisierung. Die Änderung: Das könne keine Sache nur zwischen den Unis und Max Planck sein. „Auch Helmholtz, Leibniz, Fraunhofer haben international führende Leute“, sagt die Ministerin. „Wenn wir die besten Forscher ortsunabhängig vernetzen wollen, dann können wir nicht an den Grenzen von Max Planck halten machen.“ Und die Konkretisierung: Das Promotionsrecht, so Wanka, müsse ganz klar und ohne jede Frage bei den jeweils beteiligten Universitäten liegen. Punkt.

 

Das Ergebnis hat die Ministerin nun gestern den fernmündlich versammelten Wissenschaftschefs mitgeteilt. Möglichst schon vor der Sommerpause sollen die ersten drei Schools nach ihrem fachlichen Schwerpunkt feststehen. Welche das sein werden, sollen Max Planck und die anderen Organisationen in einem gemeinsamen Abstimmungsprozess entscheiden. Wobei Max Planck keine Sonderrechte haben soll. Wanka sagt: „Ich wünsche mir hierzu eine Diskussion unter allen auf Augenhöhe.“ Nur Vielfalt sei ihr wichtig, „also ganz sicher fördern wir keine drei Schools, die allesamt aus den Lebens- oder Naturwissenschaften stammen.“

Über fünf Jahre soll das Pilotprojekt laufen. Die Schools sollen 35 bis 60 Studenten aufnehmen pro Jahr. Für sie alle gibt es Stipendien. Die vorgesehene Projektförderung geht an die universitären Partner. Pro School und Jahr soll dem Vernehmen nach ein mittlerer einstelliger Millionenbetrag eingeplant sein, pro Professor 100.000 Euro. Zahlen, die Wanka nicht bestätigen möchte. Was die Professoren angeht, spricht sie von einem Betrag, „der bewusst nicht so hoch sein soll, dass die Leute vor allem des Geldes wegen mitmachen.“ Um die intrinsische Motivation der besten Wissenschaftler gehe es, sagt sie.

 

Ihre ideale School vereinbare dann Studenten und Promovierende aus aller Welt mit Professoren mehrerer Universitäten und möglichst auch mit Wissenschaftlern aus mehreren außeruniversitären Forschungseinrichtungen.

 

Wer die Schools institutionell trage, sei offen, sagt Wanka, aber ganz sicher werde die Max-Planck-Gesellschaft nicht stärker repräsentiert sein als die übrigen Forschungsorganisationen und die Universitäten. Was eine klare Ansage in Richtung Stratmann ist, die den nicht gefreut haben dürfte, als er sie das erste Mal hörte.

 

Bei einer anderen Ansage Wankas wiederum dürften Stratmanns Kollegen gestern besonders geschluckt haben. Der Name "Max Planck Schools", sagt die Ministerin, sei für sie nicht verhandelbar. „Max Planck hat international die größte Strahlkraft, das müssen alle akzeptieren.“

Die Max-Planck-Gesellschaft selbst wollte sich gestern nicht zu den Plänen der Bundesministerin äußern. 

So ist es eine absurde Vorstellung, die bald Wirklichkeit werden könnte: Helmholtz und Fraunhofer betreiben zusammen mit Universitäten eine Max-Planck-School, um die schlausten Köpfe nach Deutschland zu holen. Das sei in der Tat denkbar, sagt Wanka. „Doch ich bin mir sicher, dass Max Planck auch viele sehr gute Leute ins Rennen schicken wird.“

 

Wer Wanka zuhört, spürt ihre Begeisterung für die Schools. Kein Wunder, es dürfte das letzte Großprojekt sein, das sie noch vor der Bundestagswahl erfolgreich auf den Weg bringen kann. Keine schlechte Wahl, könnte man sagen.

Fotonachweise: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung/Steffen Kugler -- unbekannter Fotograf/gemeinfrei 

 

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Da bin ich wieder

Mathias Brodkorb meldet sich zurück im Gezerre um die Zukunft der Akkreditierung. Mit einem Manöver, das seine Ex-Kollegen als "dreist" bezeichnen.

Foto: Ralf Roletschek/roletschek.at
Foto: Ralf Roletschek/roletschek.at

SEIT WOCHEN SCHON keine professoralen Aufschreie gegen den vermeintlichen „Akkreditierungswahn“, keine demonstrativen Zerwürfnisse in der Kultusministerkonferenz (KMK). Neulich fragte mich jemand: „Geht bei der Reform jetzt alles ganz geräuschlos über die Bühne?“

 

Das gleiche hat sich Mecklenburg-Vorpommers ehemaliger Bildungsminister Mathias Brodkorb (SPD), der inzwischen das Finanzressort übernommen hat, offenbar auch gefragt. Und entschieden, mal wieder dazwischenzugrätschen.

 

Seine Nachfolgerin Birgit Hesse hatte nach einem monatelangen Hickhack im Dezember in der KMK einen Kompromiss mitgetragen, indem sie sich bei der entscheidenden Abstimmung enthielt. Der neue Staatsvertrag, der nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts das Akkreditierungswesen auf rechtlich sichere Füße stellen soll, wird demzufolge im Frühjahr von den Ministerpräsidenten unterschrieben, voraussichtlich am 1. Juni. Was drinsteht, habe ich in mehreren Blogeinträgen berichtet.

Damit der Staatsvertrag wirksam werden kann, müssen die Länder noch Rechtsverordnungen erlassen, die „das Nähere“ regeln, wie das so schön heißt, und zwar, so steht es in Artikel 4 des Akkreditierungs-Staatsvertrags, „zu den formalen Kriterien“, den „fachlich-inhaltlichen Kriterien“ und „zum Verfahren“. Gewöhnlich steht so eine Musterrechtsverordnung schon, wenn ein Staatsvertrag in der KMK beschlossen wird, sprich: Die Länder haben sich dann schon auf eine gemeinsame Vorgehensweise bei der Umsetzung geeinigt.

 

In diesem Fall aber war die Rechtverordnung noch mehr als der Staatsvertrag selbst der Streitpunkt mit MV, so dass man sich einigte, die einfach später auszuhandeln – möglichst im Konsens, zur Not aber auch so, dass 15 Länder die gleiche Verordnung haben und ein Land, eben Mecklenburg-Vorpommern, eine andere.

 

Das war der Stand, bis die Staatskanzlei von Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD), der zurzeit Vorsitzender der Ministerpräsidentenkonferenz ist, die Sitzungsunterlagen an seine Kollegen versendet hat. Da stand plötzlich unter Ziffer 4 des Beschlussvorschlages zum Staatsvertrag, die KMK solle verpflichtet werden, bei der Ausarbeitung der Musterrechtsverordnung ein Diplom-Privileg zu berücksichtigen. Anders formuliert: All das, worüber die KMK monatelang gestritten hatte (im Kern die Frage, ob auch Diplom-Studiengänge gleichberechtigt akkreditiert werden können, Antwort von 15 Kultusministern: Nein), will MV jetzt durch die Hintertür der Ministerpräsidentenkonferenz wieder durchdrücken.  

 

Ein erstaunlicher Vorgang. Und noch erstaunlicher, dass dahinter Finanzminister Brodkorb steckt, der offenbar an seiner Nachfolgerin Hesse vorbei seinen Chef Sellering so lange bearbeitet hat, bis der sich losschicken ließ. Ein böser Affront gegen Hesse, die sich denn auch genötigt sah, im Kreise ihrer KMK-Kollegen ihr Bedauern über Brodkorbs Verhalten auszudrücken. Das Mitgefühl der anderen Minister ist ihr sicher. Nur zurück in Schwerin wird ihr das bei so einem Finanzminister wenig nützen.

 

Die anderen 15 Länder haben übrigens dem Beschlussvorschlag in der Ministerpräsidentenkonferenz ihr eigenes Votum beigefügt. Ihre Antwort auf Ziffer 4: Auf keinen Fall.

 

Fortsetzung folgt. Wie eigentlich immer bei Mathias Brodkorb.

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Eine Frage der Zeit

Horst Seehofer will G8 beseitigen. Was er gemeinsam hat mit vielen anderen Gegnern der Schulzeit-Verkürzung: Um Pädagogik  geht es ihm zu allerletzt.

JETZT ALSO BAYERN. Zwar steht noch kein Termin für den Ausstieg aus G8 fest, aber dass der Freistaat Abschied nehmen wird von dem, was Kritiker verächtlich „Turbo-Abi“ nennen, scheint ausgemacht.

 

Horst Seehofer, CSU-Ministerpräsident und selbsterklärter Stimmungsseismograph, ist zu dem Ergebnis gekommen, dass die vor knapp anderthalb Jahrzehnten beschlossene Schulzeitverkürzung die Wiederwahlchancen seiner Partei schmälert. Weswegen er das Thema im Februar demonstrativ zur „Chefsache“ machte und seitdem die Gespräche um die Zukunft von G8 selbst führt. Sein Kultusminister Ludwig Spaenle, maximal gedemütigt, nehme selbstverständlich an allen Runden teil, wird mitgeteilt.

 

Wer Seehofers Äußerungen der vergangenen Wochen nach einer pädagogischen Begründung für die Rückkehr zu 13 Jahren Schule durchsucht, wird kaum fündig werden. Um Pädagogik geht es Bayerns Regierungschef auch zu allerletzt.

 

Es ist eine der zahlreichen Paradoxien im G8-Streit: Die Erkenntnisse der Bildungsforschung, ihre Bestandsaufnahme der Stärken und Schwächen der Reform, haben die Politik eigentlich nie so richtig interessiert. Weil sie die Lehrer und Eltern nicht interessierte. Da konnten Wissenschaftler noch so oft betonen, dass G8 sich nicht negativ auf die Persönlichkeitsentwicklung auswirke, dass die Schüler trotzdem noch Zeit für ihre Hobbys hätten, sie genauso fit für die Uni seien und nur geringfügig gestresster. Am Ende zählte nur die Ansage der Verbände in Richtung Politik: Wir wollen das nicht. >>



>> Als G8 eingeführt wurde, habe der neoliberale Zeitgeist die Reform diktiert: Dieser Vorwurf klingt bis heute nach. Das Ziel sei gewesen, jüngere Absolventen für den Arbeitsmarkt zu produzieren. Da ist sogar etwas dran. Tatsächlich waren die deutschen Studienanfänger Anfang des neuen Jahrtausends so alt wie nirgendwo sonst in Europa.

 

War es also ein Argument, für das sich die Bildungspolitik schämen musste? Und stand nicht ohnehin längst an, die überladenen Gymnasiallehrpläne zu entschlacken, sie auf ihre Sinnhaftigkeit für die Welt von morgen abzuklopfen? Tatsächlich ist nach dem übereilten Fehlstart von G8 viel passiert. Die Stundentafeln wurden durchforstet, überflüssige Inhalte weggeschnitten. Gleichzeitig hielt an vielen Gymnasien der Ganztagsunterricht Einzug – wenn auch in vielen Fällen nur die offene Variante, also ohne regulären Unterricht in den Nachmittagsstunden.

 

Eine Rückkehr zum alten G9 dürfe es denn auch nicht geben, sagte Heinz-Peter Meidinger vom Philologenverband im Tagesspiegel – um anschließend doch von „mehr Lernstoff“ und „mehr Vertiefung“ zu reden. Die von der Kultusministerkonferenz vorgegebene Zahl von 265 Jahreswochenstunden bis zum Abitur wolle Bayern künftig überschreiten – um bis zu 19 Stunden. Wie passt das nun wieder damit zusammen, dass viele Lehrer vor allem in den ersten G8-Jahren davor gewarnt hatten, ihre Schüler seien überlastet?

 

Die Wahrheit ist: In der Debatte um G8/G9 passt fast gar nichts zusammen. Was der entscheidende Grund dafür sein dürfte, dass die Schulpolitik in Bayern und anderswo den eingeschlagenen Weg des geringeren Widerstands weitergehen wird. Niedersachsen ist bereits zu G9 zurückgekehrt. In Hessen, Schleswig-Holstein und in Baden-Württemberg ist G8 in unterschiedlichen Ausmaßen durchlöchert, und in Nordrhein-Westfalen spricht die grüne Kultusministerin Sylvia Löhrmann, die die Schulzeitverkürzung lange wacker verteidigt hat, von „G8- und G9-Optionen für alle Gymnasien“. So hofft sie, die 12 Jahre bis zum Abitur auch künftig möglichst flächendeckend anbieten zu können.

 

Bayerns Finanzminister Markus Söder (CSU) hat derweil schon einmal klargestellt, dass sich das Land die Mehrkosten, die durch die Rückkehr zu G9 entstünden, leisten könne. Man wünschte sich, eine ähnliche Ankündigung, die Einführung von G8 finanziell zu flankieren, hätte es vor 15 Jahren gegeben.

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Mehr Tiefgang bitte!

Warum wir von der amerikanischen Liberal-Arts-Tradition lernen sollten.

DER WIDERSPRUCH IST offensichtlich. Auf der einen Seite klagen viele den Verlust des akademischen Tiefgangs seit der Bologna-Studienreform, auf der anderen Seite wagt sich kaum eine Hochschule an mutige Studienmodelle. Die Politik lasse das nicht zu, so lautet die Standardausrede. Oder: Die engstirnigen Akkreditierer sind schuld.

 

Wer so argumentiert, redet den eigenen Spielraum klein – und unterschlägt die eigene Verantwortung für zu kleinteilige Studienprogramme, eine zu frühzeitige Spezialisierung und zu wenig Studium generale in den ersten Semestern.

 

Es ist doch ironisch: Ausgerechnet in den Vereinigten Staaten, die für ihre Studiengebührenexzesse gescholten werden, existiert eine Vielzahl so genannter Liberal-Arts-Colleges, die als Kern vierjähriger Bachelor-Programme das Sich-Bilden anbieten, die eingehende Beschäftigung mit den großen gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Fragen. Darüber hinaus gibt es ohnehin kaum ein Bachelor-Programm in den USA, das nicht in den ersten Semestern ein fachübergreifendes Überblicksstudium vorsieht, bevor die Studenten sich auf zumeist ein Haupt- und ein Nebenfach festlegen müssen.

 

Zuletzt hat die Zahl ähnlicher Modelle in Deutschland in homöopathischen Dosen zugenommen, doch die erdrückende Mehrheit der Studiengangsverantwortlichen versteht hierzulande unter „mehr Tiefgang“ immer noch mehr Grundlagen aus dem eigenen Fach; „mehr Breite“ erschöpft sich meist in fachnahen Wahlmöglichkeiten. Und die gleichen Studiengangsverantwortlichen beschweren sich dann die übergroße Spezialisierung der Studienangebote und die Diktatur der „Verwertungslogik“.

 

Wie wäre es, mal weniger über die Grenzen zu klagen, die Bologna und über 50 Prozent Studienanfänger setzen, und statt dessen über die Möglichkeiten nachzudenken, die sich hier eröffnen? Wenn dann die Politik und die Akkreditierer nicht mitspielen, kann man sich wirklich zu Recht über sie aufregen.

 

Dieser Kommentar erschien heute zuerst im ZEITChancen Brief. 

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So soll das Medizinstudium der Zukunft aussehen

Nächsten Donnerstag wollen die Kultusminister den "Masterplan Medizinstudium 2020" verabschieden. Bund und Länder, Gesundheits- und Hochschulpolitiker sind sich weitgehend einig. Streit gibt es um die geplante Landarztquote.

Foto: Paul Sableman: "Arzt", CC BY 2.0

SCHON DER TITEL des Dokuments verrät den Anspruch. „Masterplan Medizinstudium 2020“ haben Bund und Länder die Vereinbarung genannt, die die Kultusminister am 16. März beschließen wollen. Das Papier stelle „die Weichen für die Ausbildung der nächsten Medizinergeneration“, heißt es im Vorwort des Entwurfs, eine Ausbildung, „die den Herausforderungen einer Gesellschaft des längeren Lebens gerecht werden“ könne.

Ein bisschen hochgehängt, könnte man sagen, angesichts von 37 Punkten auf 12 Seiten, verfasst in der üblichen Ministerialprosa. Andererseits: Am Widerstand der versammelten Ärzteschaft haben sich schon ganz andere die Zähne ausgebissen, insofern ist das zwischen den Wissenschafts- und Gesundheitsministerien des Bundes und aller 16 Länder verhandelte Papier doch ein erstaunliches Signal in Richtung der medizinischen Fakultäten in der Bundesrepublik. Ein Signal, dass die Politik wirklich ran will an die Ärzteausbildung. Von einer „großartigen Leistung“ schwärmen schon einige in den beteiligten Ministerien, andere Minister gestehen selbstkritischer ein, dass die Finanzierung der Pläne noch überhaupt nicht gesichert sei. Und wenn es ein hochschulpolitisches Naturgesetz gibt, dann dieses: Sobald es ans Medizinstudium geht, wird’s immer teuer.

 

Doch was steht drin in dem noch unveröffentlichten Papier, und wie realistisch ist die Umsetzung dessen, was Bund und Länder beschließen wollen?

 

Die wichtigste Nachricht: Das Medizinstudium soll neu strukturiert werden, quantitativ, vor allem aber qualitativ.  Quantitativ: Die Zahl der Leistungsnachweise soll hinterfragt und die Notenpflicht je nach Kurs überprüft werden. Qualitativ: Das Prinzip der Modellstudiengänge, die seit mehr als 15 Jahren die Vermittlung so genannter arztbezogener Kompetenzen in den Vordergrund stellten, soll nun auch im Mainstream-Studium Einzug halten: eine frühzeitige Praxisorientierung „am Patienten und seinen Bedürfnissen“.  

 

Klinische und theoretische Inhalte sollen „vom ersten Semester an bis zum Ende der Ausbildung miteinander verknüpft“ werden: „Teilzeitstudienplätze gehören damit der Vergangenheit an“, heißt es in dem Papier. Angesichts von Plagiatsskandalen (gerade erst hat an der Universität Münster eine Untersuchungskommission ihre Ergebnisse vorgelegt) und von getürkten Studienergebnisse, mit denen die medizinische Forschung in Deutschland und anderswo im vergangenen Jahrzehnt von sich hat reden machen, soll gleichzeitig der „Vermittlung wissenschaftlichen Arbeitens ein größerer Stellenwert eingeräumt“ werden, der „routinierte Umgang mit wissenschaftlichen Konzepten und Methoden bereits während der Ausbildung“ systematischer als bislang an den oder die Studentin gebracht werden. Eine implizite, aber dadurch nicht weniger krasse Kritik an der bisherigen wissenschaftlichen Qualität eines Medizinstudiums.

 

Zu der Grundlogik, das Studium stärker an den Patientenbedürfnissen auszurichten, passt die Aufwertung der „Arzt-Patienten-Kommunikation“ und die Stärkung der Allgemeinmedizin. „Die Allgemeinmedizin muss im Studium den Stellenwert erhalten, der ihr auch in der Versorgung zukommt“, haben die Politiker formuliert. Erreichen wollen sie all das vor allem, indem der so genannte „Nationale Kompezenzbasierte Lernzielkatalog Medizin“ weiterentwickelt und Teil der Approbationsordnung werden soll – auch wenn ausgerechnet der bislang gar nicht aus der Feder der Politik, sondern vom Medizinischen Fakultätentag, der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung und weiteren Praktikern stammt. Das soll in der nächsten Fassung anders werden, eine Kommission mit eigener Geschäftsstelle soll dafür eingerichtet werden – mit Vertretern von Bund und Ländern und der unterschiedlichsten Akteure aus Medizin und Gesundheitssektor.

Auch sollen künftig alle Studenten im Staatsexamen am Ende ihres Studiums eine Prüfung in Allgemeinmedizin ablegen. Und an den Hochschulen sollen Lehrstühle für Allgemeinmedizin eingerichtet werden.

 

All die neuen Anforderungen an die Mediziner von morgen, so folgert der Masterplan, werde auch Auswirkungen auf die Auswahl der künftigen Mediziner haben: Bei ihrer Zulassung soll künftig ein größeres Augenmerk gelegt werden auf die vorhandenen sozialen und kommunikativen Kompetenzen und die besondere Motivation der Bewerber, Medizin zu studieren. Denn der Abischnitt erlaube keine Aussage über die „Eignung und die Bereitschaft für eine spätere Tätigkeit in der kurativen Versorgung“. Die Note bleibe wichtig, doch sollen die Hochschulen, über deren Auswahlverfahren 60 Prozent der Studienplätze vergeben werden, in Zukunft neben der Abiturnote mindestens zwei weitere Kriterien zugrunde legen, einschlägige Berufserfahrung zum Beispiel.

Soweit, so einig sind sich Bund und Länder, Wissenschafts- und Gesundheitsseite. Dann kommen die Knackpunkte. Erstens: Landarztquote. Um den Mangel an Ärzten in ländlichen Regionen zu verringern, soll in der Vergabeordnung der Stiftung für Hochschulzulassung „unverzüglich“ die Möglichkeit eröffnet werden, bis zu zehn Prozent der Studienplätze vorab an Bewerber zu vergeben, „die sich verpflichten, nach Abschluss des Studiums und der fachärztlichen Weiterbildung in der Allgemeinmedizin für bis zu zehn Jahre in der hausärztlichen Versorgung“ in ländlichen Regionen „tätig zu sein.“

 

Viele Kultusministerien halten eine solche Quote für „rechtlich höchst problematisch“, doch der Bund beharrt auf der Veränderung des Zulassungsrechts – wenn auch nicht über eine grundsätzliche Reform des Staatsvertrags zur Hochschulzulassung, sondern über die Vergabeordnung, womit jedes Land selbst entscheiden könnte, ob es die Quote anwendet oder nicht. Und in jedem Fall, versprechen sich Bund und Länder gegenseitig, soll die Quote nur ultima ratio sein, nachdem alle anderen Möglichkeiten, mehr Ärzte fürs Landleben zu gewinnen, ausgeschöpft worden sind.

 

Eine Lösung, der die meisten Länder voraussichtlich zustimmen werden. Im Gegensatz zu Niedersachsens grüner Wissenschaftsministerin Gabriele Heinen-Kljajić die ihr „Nein“ zu diesem Punkt 37 des Masterplans angekündigt hat. Die Landarztquote sei „unvereinbar mit dem Anspruch, die Hochschulzulassung chancengerecht zu gestalten“, sagt Heinen-Kljajić. „Sie würde die Vergabe von Medizin-Studienplätzen kommerzialisieren und die Zulassungschancen aller Studienbewerberinnen und Studienbewerber beeinträchtigen.“

 

Wenn mit Niedersachsen am 16. März nur ein Land in der Kultusministerkonferenz (KMK) gegen den Masterplan stimmte, läge der erstmal auf Eis. Doch hat Heinen-Kljajić signalisiert, dass sie der Verabschiedung des Reformwerks als Ganzes nicht im Weg stehen und es wohl bei einer Enthaltung belassen will.

 

Zweiter Knackpunkt: die Finanzierung. Die Verfasser des Masterplans sind sich einig, dass all die neuen Anforderungen an Studium und Absolventen zusätzliches Geld kosten werden. Einerseits reden sie das Problem zwar klein und schreiben, es werde voraussichtlich allenfalls zu einem „moderaten Aufwuchs“ bei den Studienplätzen kommen, und schieben die Verantwortung (sehr praktisch aus Sicht der Politik) den Hochschulen zu, die angesichts der Wissenschaftsfreiheit „weitreichende Spielräume“ zum Ausschöpfen hätten.

 

Andererseits stand jedoch in der Beschlussvorlage der KMK-Amtschefs, die KMK-Vertreter hätten erneut „die erhebliche Kostenbelastung der Wissenschaftsressorts und Universitäten durch die Umsetzung des Masterplans“ dargelegt. Dass da ein dicker Brocken auf Bund und Länder zukommt, lässt sich auch daran ablesen, dass Kultus- und Gesundheitsministerkonferenz die vollständige Umsetzung des Masterplans unter Haushaltsvorbehalt stellen und eine Arbeitsgruppe einsetzen wollen, die den zusätzlichen Finanzbedarf überhaupt erst einmal ermitteln soll.

 

An dieser Stelle ist der Masterplan dann doch nicht mehr so meisterhaft, sondern die übliche Gremienpolitik von Feinsten. Was Hoffnung macht: Die externe Expertenkommission soll geführt werden von der angesehenen ehemaligen Generalbundesanwältin Monika Harms. 

 

Werden Modellstudiengänge damit in Zukunft überflüssig, weil das Medizinstudium überall modellhaft wird? Im Gegenteil, sagt ein an den Verhandlungen beteiligter Staatssekretär: „Nur dank der Erfahrungen aus den Modellstudiengängen können wir das Studium so umfassend neu strukturieren. Genau dieselben Denkanstöße brauchen wir auch für die Zukunft.“  

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Haben wir doch die schlaueren Studenten?

Eine Studie belegt: Deutsche Wirtschaftswissenschaftler wissen mehr als ihre Kollegen aus den USA und Japan

ES IST EINES dieser Studienergebnisse, die schon eine Weile alt sind und die doch kaum einer zur Kenntnis genommen hat. Ich hörte zum ersten Mal bei einer Tagung davon, es ging um die Frage, welche Fertigkeiten Hochschulen ihren Studenten künftig beibringen sollen. Auf dem Podium saß auch ein hoher Beamter aus dem Bundesbildungsministerium, und der erzählte etwas von einem internationalen Leistungsvergleich, demzufolge deutsche Studenten als besonders kenntnisreich abgeschnitten hätten. Moment mal, fragte ich nach, wovon reden Sie da eigentlich? Von KoKoHS, sagt er. Und ich fragte: Wovon?

 

KoKoHS steht für "Kompetenzmodellierung und Kompetenzerfassung im Hochschulsektor". Die Bundesregierung fördert KokoHS mit jährlich drei Millionen Euro, will man doch endlich die Antwort wissen auf eine Frage, die die Bildungsforschung seit Langem umtreibt: Woher wissen wir, ob die Studenten das, was sie können sollen, auch wirklich lernen? Und vor allem, ob sie es auch praktisch anwenden können?

 

Ein Teilprojekt von KokoHS, erfuhr ich, bestand darin, dass Forscher einen in Amerika entwickelten Standardtest, der ökonomisches Fachwissen messen soll, von Studenten wirtschaftswissenschaftlicher Studiengänge an 31 Hochschulen bundesweit bearbeiten lassen: insgesamt 60 Multiple-Choice-Aufgaben je zur Hälfte aus der Makro- bzw. der Mikroökonomie. Die Antworten von 1600 Studenten verglichen sie anschließend mit denen Tausender Studenten an 51 US-Hochschulen, und siehe da: Die Amerikaner lagen viel häufiger daneben. Auch die 1200 Studenten von zehn japanischen Hochschulen, die den Test bearbeiteten, wussten seltener die richtige Lösung.

 

Erstaunlich. Sind deutsche Studenten am Ende doch die besseren Studenten? Müssen wir mit unseren Vorurteilen in Zeiten von Studienanfängerrekorden und Turbo-Abi aufräumen? Und wenn ja, was machen die Deutschen anders als die Amerikaner und die Japaner?

 

Fragen, denen ich in meinem Artikel für Spiegel Online nachgespürt habe. Die Antworten, so sich sie erhalten habe, können Sie hier nachlesen. 

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Wenn wichtig doch genug wäre

Die Bundestagsabgeordneten aller Fraktionen kämpfen um ihre Wiederwahl. Der Weg zur Parteibasis wird für einige Wissenschaftspolitiker besonders hart.

Foto: sfreimark: "Bundestag", CC BY-SA 2.0

HEUTE STARTE ICH mit einem sehr persönlichen Artikel in die neue Woche, der trotzdem komplett ohne Namen auskommt. Vielleicht gerade weil er so persönlich ist. Ich habe mich in den vergangenen Jahren unzählige Male mit Bundestagsabgeordneten aller Fraktionen getroffen, im Abgeordnetenrestaurant oben im Reichstag, in Cafés irgendwo unten an der Spree, oft auch einfach in ihren überraschend engen Büros, umgeben von Aktenbergen und jungen Mitarbeitern, die erstaunlich forsch und kenntnisreich mitdiskutierten. Es ging um Bildung, natürlich, um Wissenschaft und Forschung und das richtige Verhältnis zwischen konzeptionellem Mut und politischen Realismus.

 

Wer zu Politikerbashing neigt, wer glaubt, da säßen Menschen mit oberflächlichen Interessen und ohne echtes Gespür für Details, den würde ich gern mal zu so einem Gespräch mitnehmen. Auch wenn ich als Journalist inhaltlich Distanz halte, auch wenn ich bei vielen konkreten Fragen anderer Meinung bin und diese auch in zahlreichen Kommentaren formuliert habe, so empfinde ich für die meisten Abgeordneten, denen ich in meiner Arbeit als Journalist für Bildung und Wissenschaft begegne, große Achtung. Gerade weil sie sich ein Feld ausgesucht haben, das unter den Machtpolitikern als wenig glanzvoll gilt. Gerade weil sie sich, vor allem in der Forschung, für Themen stark machen, die von der Lebenswirklichkeit der meisten Wähler in ihrem Wahlkreis weit entfernt zu sein scheinen. Themen allerdings, die eine enorme Relevanz für unser aller Zukunft haben. Was sie, die sie diese Zeilen lesen, so gut wissen wie ich. Was aber nicht nur „den Menschen da draußen“ oft schwer zu vermitteln ist, sondern auch den regionalen Strippenziehern in den Parteien, die gerade vor den Wahlen über Sein und Nichtsein von Politikerkarrieren entscheiden. >>



>> Warum ich das so betone: weil wir es gerade wieder erleben können. Wie Politiker, die sich in Berlin um Bildung und Wissenschaft verdient machen, die hier in der Hauptstadt ein Stück Autorität haben und größtenteils (zum Glück!) anständig mit ihr umgehen, in ihrer Heimat die totale Machtlosigkeit erleben und um ihr politisches Überleben kämpfen. Stellt die Basis sie erneut als Kandidaten auf? Erhalten sie einen Listenplatz, der ihnen eine realistische Chance gibt, wieder in den Bundestag einzuziehen? Im beginnenden Wahlkampf geht es eben nicht so sehr um die Frage, ob Politiker über die Deutschlands Innovationskraft in 20, 30 Jahren nachdenken, ob sie sich um die allzu lang liegen gelassene Digitalisierung kümmern, die Zukunft der Fachhochschulen oder die Teilhabe bildungsfern aufwachsender Kinder. Es geht darum, ob der Horst und die Sigrid und der Helmut daheim denken, dass sie genügend für „die eigenen Leute“ getan haben, womit im Zweifel die Partei gemeint ist, dass sie sich oft genug haben sehen lassen bei den lokalen Parteiversammlungen in den Wirtshäusern und dass sie sich vor allem für das interessieren, was die Unternehmen und Verbände in Ihrem Wahlkreis bewegt. 

 

Positiv gewendet kann man das „Bürgernähe“ nennen, kritischer formuliert bedeutet es, dass sie sich ihre Themen und Gesprächspartner ausgesucht haben mit dem Ziel, ihre eigenen Wiederwahlchancen zu maximieren. Sozialpolitik zum Beispiel, damit sie den Rentnern im Wahlkreis sagen können: Die Rentenerhöhung, auf die habe ich ganz besonders gedrängt. Oder Verkehrspolitik. Um in der Bewerbungsrede beim Parteitag den Leuten zuzurufen: Dass wir jetzt mehr Geld für den Straßenbau kriegen, das habe ich von Anfang an gefordert. 

 

Sicher: Der Wunsch, wiedergewählt zu werden, muss nicht zwangsläufig im Gegensatz dazu stehen, sich für die Zukunft von Wissenschaft und Forschung einzusetzen, doch oft genug jedoch tut er es. Zum Beispiel weil es schwierig sein kann, den Wählern zu erklären, warum der Hochschulpakt für sie wichtig ist, wenn doch in ihrem Wahlkreis keine Universität liegt. Oder auch, warum der „Pakt für Forschung und Innovation“ zu Recht so viel Geld kostet, wenn doch die meisten Wähler noch nie ein Max-Planck- oder Leibniz-Institut von innen gesehen haben. Vor allem aber entsteht der Gegensatz  dadurch, dass ihre eigenen Parteifreunde vor Ort so weit weg sind von ihren Themen. Denn diese Parteifreunde müssen sie, siehe oben, aufstellen für die nächste Bundestagskandidatur, diese Parteifreunde entscheiden darüber, ob sie einen aussichtsreichen Listenplatz erhalten oder einen, der faktisch schon vor der Wahl das Ende Ihres Mandats bedeutet. 

 

Was folgt daraus? Eigentlich noch ein bisschen mehr Achtung und ziemlich viel Sorge. Ich empfinde noch mehr Achtung für die Forschungspolitiker aller Parteien, dass sie sich gerade dieses Themenfeld ausgesucht haben, obwohl „Innovation“ oder „Grundlagenforschung“ höchstens für eine Minderheit schillernde Begriffe sind. Dass sie sich für Hochschulen und Forschungseinrichtungen einsetzen, obwohl Milliarden für die Wissenschaft für viele ihrer Parteifreunde vor allem Milliarden bedeuten, die man nicht öffentlichkeitswirksam in Kitas, Renten oder Straßen stecken kann. Und ich mache mir Sorgen, weil ausgerechnet das Expertentum, das wir im Bundestag brauchen, gefährdet ist durch seine mitunter mangelnde Anschlussfähigkeit an lokalpolitische Diskurse.

 

Wie sich dieser Widerspruch auflösen lässt? Keine Ahnung. Ich könnte jetzt sagen: Indem Wissenschafts- und Bildungspolitiker ihre Ideen und Ziele noch besser und verständlicher erklären, aber das wäre eine zu einfache, eine zu wohlfeile Antwort. Es bleibt ein Stück Ratlosigkeit. Aber ich finde, in einem persönlichen Artikel wie diesem darf ich die mal einräumen.  

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Die Folgen falscher Selbstzufriedenheit

Der "Chancenspiegel 2017" hat einigen Bundesländern und ihren Schulpolitikern richtig wehgetan. Gut so.

ÜBER DIE ROLLE der Bertelsmann-Stiftung haben sich schon viele den Kopf zerbrochen. Woraus zieht sie ihre eigentlich ihre Legitimation?, fragen vor allem jene, die mit den Forderungen der Bertelsmänner nicht einverstanden sind. Oder auch nicht mit dem Einfluss, den die Stiftung dank ihres Kapitalstocks von rund einer Milliarde Euro auf die Geschicke der Bildungs- , Gesellschafts- oder Gesundheitspolitik nehmen kann. Ein Kapitalstock, der nebenbei bemerkt im internationalen Maßstab fast schon niedlich klein ist.

 

Für das kräftige Mitmischen in deutschen Bildungsdebatten indes reichen die Ressourcen, und so schreibt Bertelsmann-Vorstandsmitglied Jörg Dräger ein viel beachtetes Buch über die "Digitale Bildungsrevolution", das von Bertelsmann mitgetragene Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) versorgt Studieninteressierte mit seinem Hochschulranking, und regelmäßig finanziert die Stiftung Bundesländervergleiche und Studien zu Kitas, Ausbildungsbetrieben oder, wie am Mittwoch, zur Chancengerechtigkeit im Schulsystem. 

 

Studien, die nicht irgendwie verhallen, sondern prompte politische Reaktionen hervorrufen. Minuten nach der Veröffentlichung des "Chancenspiegels 2017" lobte Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) die "vielen erfreulichen Entwicklungen im Schulwesen" und versprach weitere Anstrengungen für mehr Chancengerechtigkeit. SPD-Bildungsexperte Hubertus Heil zog wenig später nach und stellte fest, der "Durchbruch zu echter Chancengleichheit in der Bildung" sei auch 16 Jahre nach dem "Pisa-Schock" nicht gelungen. Und als der Grüne Özcan Mutlu ("Bildungsgerechtigkeit? Fehlanzeige!") eine Stunde später mit seiner Pressemitteilung herauskam, war er fast schon spät dran. Ein Beleg für die Übermacht der Bertelsmann-Stiftung? Zumindest ein Beleg dafür, dass sie die richtigen Themen setzt. 

 

Über die Kernaussagen des Chancenspiegels haben Medien landauf und landab berichtet, die Süddeutsche Zeitung titelte passend: "Gute Chancen, aber nicht für alle". Die Erkenntnis, dass die Bildungsteilhabe für Schüler in Deutschland insgesamt zugenommen hat, nur eben nicht überall gleichermaßen, steckt auch in der Überschrift des Tagesspiegel: "Bildungschancen? Eine Frage der Herkunft". Spiegel online formulierte ähnlich: "Falscher Wohnort? Pech gehabt". Um welchen Wohnort es sich zum Beispiel handelt, war der Überschrift in der Welt zu entnehmen: "Ganztagsschule ist in Bayern noch nicht angekommen." Das Schulsystem im Freistaat komme in der Studie unter dem Aspekt Chancengleichheit besonders schlecht weg, berichtete die Deutsche Presseagentur (dpa): zu undurchlässig, zu wenig Ganztag, niedriger Inklusionsanteil und tendenziell eher negative Veränderungen, so lauteten die Kernergebnisse, die auf amtlichen Statistiken des Schuljahres 2014/15 basieren. Ausgewertet haben sie neben Bertelsmann Forscher der TU Dortmund und der Universität Jena, die Bayern "Modernisierungsrückstände" bescheinigten, ebenso, wenn auch mit Abstufungen, Baden-Württemberg.

 

Dass die Schulen im Südwesten in der Selbstfindungskrise stecken, wissen wir spätestens seit dem IQB-Ländervergleich vom vergangenen Herbst. Und nun wird auch noch Bayern zum Minderperformer erklärt, weshalb sich SPD-Politiker Heil im Vorwahlkampfmodus nicht verkneifen konnte, die Studie zu einer Ohrfeige für die CSU-Schulpolitik zu erklären. Bayern und Baden-Württemberg, ausgerechnet die zwei Bundesländer, die in den ersten Jahren nach dem Pisa-Schock die Hoffnungsträger waren und an der Spitze der deutschlandinternen Rankings lagen.

 

Ein Zufall? Nein, natürlich nicht. Bayern und Baden-Württemberg zeigen nicht so sehr die Auswirkungen einer bestimmten parteipolitischen Ausrichtung des Bildungssystems, sie belegen, was falscher Selbstzufriedenheit bewirken kann. Während andere Bundesländer sich auf den Weg machten, neue Schulformen schufen, die Bildungsabschlüsse durchlässiger machten und sich (bei allem didaktischen Risiko!) an neue Strategien der Stoffvermittlung wagten, hieß es besonders in Bayern: Ganztagsschulen brauchen wir nicht, die Hauptschule bleibt, und bei der Entwertung des Abiturs machen wir nicht mit. Und während der allmähliche Abstieg Baden-Württembergs schon Mitte des vorigen Jahrzehnts einsetzte, konnten sich die Kultusminister in München noch länger in Sicherheit wiegen.

 

Das Ergebnis: siehe oben. Ein weiteres Ergebnis war am Dienstag auch in der Süddeutschen Zeitung nachzulesen, die unter der Überschrift "Der bestbezahlte Praktikant" die zunehmend fahrige CSU-Bildungspolitik beschrieb inklusive der vorläufig letzten Wendung, dass Ministerpräsident Horst Seehofer mitteilen ließ, er habe die Gespräche zur Reform des Gymnasiums "an sich gezogen", Bildungsminister Ludwig Spaenle sei "aber immer dabei". So brutal sei bislang kaum ein bayerischer Minister vom Regierungschef abgekanzelt worden, befand SZ-Autor Sebastian Beck. Unterdessen sagte Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) der Stuttgarter Zeitung, das Projekt "Lesen macht stark" biete einen vielversprechenden Ansatz zur Förderung von Kindern mit Schwierigkeiten beim Lesen und Rechtschreiben" und sei möglicherweise ein Modell auch für baden-württembergische Schulen. Herkunft des Förderprogramms: Schleswig-Holstein, wo es seit zehn Jahren praktiziert wird. Baden-Württembergs Schulen lernen von Schleswig-Holstein? Wer hätte das gedacht vor zehn Jahren. Und noch eine Lehre aus dem Chancenspiegel 2017: An Bayern vor zehn Jahren sollten alle denken, die heute sagen: Mit den Reformen im Schulsystem sei es jetzt erstmal genug

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Konkret, wenn es ums Geld geht

Die Präsidenten der größten Forschungsorganisationen wenden sich mit einem Papier an die Politik – und sagen doch zu wenig.

ES KOMMT NICHT allzu oft vor, dass sich die Präsidenten der vier großen außeruniversitären Forschungsorganisationen und der Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) mit einer gemeinsamen Stellungnahme zu Wort melden. Zu gegensätzlich, gelegentlich sogar zuwiderlaufend, sind ihre strategischen Ziele und Machtinteressen. Natürlich gibt es Ausnahmen. Zum Beispiel wenn es ums Geld geht. Genauer: um den gemeinsamen Topf, aus dem Helmholtz, Max-Planck, Leibniz, Fraunhofer und DFG in den vergangenen elf Jahren ihren relativen Wohlstand bezogen haben.

 

Entsprechend heißt ihr 4+1-Papier, das sie an Bundesforschungsministerium, Gemeinsame Wissenschaftskonferenz und Bundestag geschickt haben, auch „Empfehlung zur Fortsetzung des Paktes für Forschung und Innovation“, womit schon dessen Hauptintention umrissen ist: Natürlich muss der kurz PFI genannte Pakt weitergehen, finden die fünf, denn zusammen mit den weiteren Wissenschaftspakten sei er der Grund, dass „das deutsche Wissenschaftssystem... international attraktiv und sichtbar wie selten zuvor“ sei. Das Geheimnis des PFI den Präsidenten zufolge: Er vereine forschungspolitische Ziele und Planungssicherheit.

 

Ebenso wenig überrascht, dass die Forschungsorganisationen demonstrativ der Auffassung sind, die von der Politik vorgegebenen forschungspolitischen Ziele erfolgreich umgesetzt zu haben: vor allem eine bessere Nachwuchsförderung, eine Steigerung von Internationalisierung und Chancengleichheit, aber auch die Gewinnung von exzellenten ausländischen Wissenschaftlern. Dass die jährlichen Monitoring-Berichte, zu denen die fünf ihre Zahlen zuliefern müssen, je nach Organisation und Thema zu durchwachseneren Ergebnissen kommen, findet keine Erwähnung in dem Papier. Zahlreiche Experten haben in der Vergangenheit kritisiert, die Paktziele seien zu weich formuliert, außerdem fehlten konkrete Sanktionsmechanismen. DFG & Co preisen jedoch lieber die „Flexibilität und Veränderungsdynamik“, die Forschungsprozesse in ihrer Vielfalt und Besonderheit“ begünstigten.

 

Auch sonst bleibt die Stellungnahme punkto Selbstverpflichtungen im Ungefähren: „Die Paktorganisationen begreifen Talent-Management als eine ihrer wichtigsten Aufgaben und werden sich für attraktive Karrierewege und Laufbahnentwicklung engagieren“, heißt es. Oder auch: Kooperationen in der Forschung über die Organisationstypen, nationalen Grenzen oder Disziplinen hinweg zu ermöglichen, sei die „Aufgabe der Wissenschaftsorganisationen“, außerdem sähen sie sich in der Verantwortung, „die Chancen der Digitalisierung für die Wissenschaft zu nutzen“.

 

Konkret werden die fünf vor allem bei ihren Forderungen an die Politik: Die Länder müssten sich wieder an den künftigen Mittelzuwächsen im PFI beteiligen, überregionale Forschungsinfrastrukturen müssten nachhaltig finanziert werden, überhaupt seien „weiterhin anhaltende jährliche Zuwächse“ nötig, um die „Leistungsfähigkeit auf dem hohen Niveau“ weiter zu steigern.

 

In der Bilanz ist es ein erwartbares Papier, dem die Vision, das mutige Angebot in Richtung Gesellschaft fehlt. Genau dieses wäre jedoch nötig, um die Wissenschaftspolitik von der Zukunftsfähigkeit des PFI in seiner bisherigen Form zu überzeugen. Und zwar schleunigst. Denn die Meinungsbildung dazu in Bund und Ländern hat längst begonnen, und das nicht nur (siehe auch die jüngsten Papiere aus Union und SPD) hinter den Kulissen. Schon jetzt lassen sich mindestens drei Sichtweisen erkennen. Erstens: Angesichts der knapper werdenden Mittel sind künftig im Zweifel vor allem die Hochschulen dran. Zweitens: Wenn die Außeruniversitären weitere Zuwächse bekommen, dann nur verbunden mit klaren Missionszielen und einem zusätzlichen unabhängigen Monitoring. Drittens: Statt allen fünf das gleiche Plus zu zahlen, könnte künftig von Organisation zu Organisation variiert werden. 

 

Bislang sind es nur Grundtendenzen in der politischen Diskussion, die sich da abzeichnen, und doch wirkt schon vor ihrem Hintergrund das Papier der Paktorganisationen irgendwie aus der Zeit gefallen. Die fünf Präsidenten täten gut daran, es lediglich als Diskussionsauftakt zu verkaufen. Fortsetzung folgt? Hoffentlich.

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"Auch eine anonyme Anzeige kann möglicherweise ihre Berechtigung haben"

Die Staatsanwaltschaft äußert sich erneut zur Durchsuchung des Münchner Max-Planck-Instituts

Sitz der Münchner Staatsanwaltschaft. Foto: Mattes./Screenshot der Instituts-Website

DIE REAKTION DER Max-Planck-Gesellschaft (MPG) hatte viele überrascht. Vergangenen Mittwoch durchsuchten Polizei und Staatsanwaltschaft das Münchner Max-Planck-Institut für Psychiatrie, und das Institut teilte anschließend mit, es begrüße „ausdrücklich“ die Ermittlungen.

 

Eine fast schon skurrile Flucht nach vorn, die auch der zuständigen Staatsanwaltschaft München I aufgefallen ist. „Es ist nicht so gewesen, dass MPG oder Institut im Vorfeld aktiv auf uns zugekommen sind“, sagte eine Sprecherin am Dienstag. Die Ermittlungen gingen auf eine Anzeige zurück, die laut Staatsanwaltschaft „zumindest so plausibel war“, dass ein Ermittlungsrichter die Durchsuchung angeordnet habe.

 

Die MPG spricht in dem Zusammenhang von „anonymen Anschuldigungen“, die es seit geraumer Zeit immer wieder gegen das Institut gegeben habe. Dass „anonym“ hier zwischen den Zeilen mit „feige“ gleichgesetzt wird, ist offensichtlich. Deshalb hat Max Planck auch seinerseits Anzeige gegen Unbekannt "wegen übler Nachrede, Verleumdung und Strafvorschriften des Bundesdatenschutzgesetzes" eingereicht.

 

Die Sprecherin der Münchner Staatsanwaltschaft sagt dazu, natürlich verifiziere ihre Behörde „mit einer Vielzahl von Methoden“ im Vorfeld den Hintergrund einer solchen Anzeige, bevor sie aktiv werde. „In diesem Fall war uns bewusst, dass da jemand möglicherweise seine berechtigten Gründe haben könnte, nicht namentlich dazu stehen zu können.“ Tatsächlich, so die Sprecherin, gebe es berühmte Präzedenzfälle für berechtigte anonyme Anzeigen: die Bestechungsaffäre beim Siemens-Konzern vor zehn Jahren zum Beispiel, wo sich die erhobenen Vorwürfe bestätigt hätten.

 

Der Anfangsverdacht im aktuellen Ermittlungsverfahren beziehe sich auf die Tatbestände „Abrechnungsbetrug“ und „Untreue“, bestätigte die Sprecherin. Dazu muss man wissen, dass dass zu dem Institut eine Klinik gehört, in der Patienten behandelt werden. Bis 2013 wurden Institut und Klinik in Personalunion geleitet, seitdem hat die Klinik einen eigenen Chefarzt. In der Wissenschaftsszene kursieren seit Monaten Beschuldigungen gegen Mitarbeiter des Instituts, die, zusammen mit umfangreichen Unterlagen, unter anderem an die Geschäftsstelle der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz (GWK) von Bund und Ländern versandt wurden. Hierbei geht es auch um die Frage, ob für die Forschungsfinanzierung gedachte Gelder für den Klinikbetrieb eingesetzt wurden. 

 

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), das daraufhin in der Münchner MPG-Zentrale eine Stellungnahme angefordert hatte, meldet sich Anfang der Woche erstmals selbst zu öffentlich Wort. Wie Max Planck verweist das Ministerium auf das Gutachten einer externen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, das im Juli 2016 zum Schluss gekommen sei, dass die Vorwürfe nicht stimmten. "Die Staatsanwaltschaft hat offensichtlich trotzdem entschieden, die Vorwürfe zu untersuchen. Das BMBF nimmt dies zur Kenntnis und begrüßt, dass die MPG ihrerseits volle Kooperationsbereitschaft zugesagt hat." 

 

Nach der richterlich angeordneten Durchsuchung laufe nun die Auswertung des sichergestellten Materials, sagte die Sprecherin der Staatsanwaltschaft. Bis sie abgeschlossen sei, könne keine Einschätzung zu Schuld oder Unschuld der betroffenen Personen abgegeben werden.  

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Mogelpackung Hochschulverträge?

Wie die Wissenschaftsminister von Freiheit für die Universitäten schwärmen und ihre Beamten sie im selben Augenblick einschränken

Foto: Mari Helin-Tuominen
Foto: Mari Helin-Tuominen

JOACHIM METZNER GEHÖRT zu den erfahrendsten Hochschulrektoren der Republik. 24 Jahre lang hat er die Fachhochschule Köln geleitet, bis 2014 war er außerdem Vizepräsident der Hochschulrektorenkonferenz. Wenn einer wie er sich zu Wort meldet, sollte man besser genau hinhören. Jetzt hat Metzner zusammen mit Hans Roosendaal, Ex-Vizepräsident der Universität Twente, ein Positionspapier verfasst, das in der Szene für Diskussionen sorgen dürfte. Die Überschrift klingt trocken: „Der Zusammenhang zwischen Hochschulautonomie und strategischer Hochschulentwicklung“, doch die Thesen, die Metzner und Roosendaal,  formulieren, enthalten Sprengstoff.

 

Der Staat erweise sich gegenüber den Hochschulen als unzuverlässiger Vertragspartner, kritisieren die Autoren. Über so genannte Hochschulverträge versprächen viele Landesregierungen ihren Hochschulen finanzielle Planungssicherheit, tatsächlich jedoch müssten sich die Rektoren auf einen unfairen Tauschhandel einlassen: relative Gestaltungsfreiheit gegen „eine sukzessive Abschmelzung der Mittelzuweisung“. Zumal die Hochschulverträge in sich Mogelpackungen seien, weil sie „unter dem Vorbehalt des Haushalts“ abgeschlossen würden, seitens des Staates also einseitig jederzeit geändert werden könnten – während die Hochschulen zur Vertragstreue verpflichtet sind. Dabei sei der Haushaltsvorbehalt eigentlich unnötig, denn Landesregierungen könnten sehr wohl Verpflichtungsermächtigungen über die aktuelle Haushaltsperiode hinaus beschließen. Sie tun es jedoch nicht – laut Metzner und Roosendaal mit der Folge, dass mehr und mehr Hochschulen zumindest vorübergehend die Unterschrift unter die ihnen vorgelegten Verträge verweigert hätten.


Man muss kein Psychoanalytiker sein, um in dem Papier viele der Kämpfe wiederzuerkennen, die Metzner im Verlauf seiner Amtszeit mit der nordrhein-westfälischen Landesregierung ausgefochten hat, vor allem mit der noch amtierenden Wissenschaftsministerin Svenja Schulze (SPD). Doch die Kritik der beiden an der vermeintlich mangelnden staatlichen Verlässlichkeit auf NRW begrenzt zu sehen, wäre zu eng gedacht, zumal Roosendaal sich als Professor für Strategisches Management seit vielen Jahren sehr grundsätzlich mit dem Verhältnis von Staat und Hochschulen auseinandergesetzt hat. Zuletzt hatte etwa den Hochschulen in Baden-Württemberg trotz versprochenem jährlichen Drei-Prozent-Plus eine Sparrunde gedroht, weil die Finanzministerin überraschend auf die Bremse trat. Die grüne Wissenschaftsministerin Theresia Bauer steuerte gegen, indem sie Studiengebühren für internationale Studenten auf den Weg brachte. 

 

Über die Landesgrenzen hinaus angesprochen fühlen sollten sich Wissenschaftsminister auch bei der These, die den Hochschulen demonstrativ zugestandene Autonomie werde im Alltagshandeln durch die Tendenz unterminiert, immer mehr Geld über Programme thematisch gebunden zu vergeben: „Mit der Verlängerung und perspektivischen Verstetigung der Exzellenzinitiative und dem Programm Innovative Hochschule ist in dieser Hinsicht aktuell eine neue Ebene erreicht."

 

Wobei die Politik zumindest an dieser Stelle die Zeichen der Zeit erkannt zu haben scheint, gerade auch in NRW. So hat Svenja Schulze den Hochschulen im Herbst versprochen, bis 2021 aufwachsend am Ende jährlich rund um 600 Millionen Euro von der Projekt- in die Grundfinanzierung zu verlagern. Größtenteils geht es um Mittel aus dem Hochschulpakt, mit dem Bund und Länder – bislang zeitlich begrenzt – zusätzliche Studienplätze finanzieren. Die Verlagerung ergibt bei den Dauermitteln ein Plus von rund 16 Prozent, ein Inflationsausgleich für Personal und Mieten kommt noch hinzu. 


Auch der ministeriellen Rechtsaufsicht widmen sich die Autoren. Sie werde „repressiv, „präventiv“ und „extensiv“ eingesetzt, um die Hochschulautonomie einzuschränken. Im Klartext: Während die Wissenschaftsminister in Sonntagsreden die große Freiheit der Hochschulen rühmen, gängeln ihre Beamten sie mit kleinkarierten Abfragen und Vorschriften – und das nicht nur mit dem Wissen, sondern mit der Billigung ihrer Chefs. 

 

Das größte Übel der staatlichen Steuerung aber sei, so Metzner und Roosendaal, dass ihr ein grundsätzliches Missverständnis zugrunde liege. Damit Ziel- und Leistungsvereinbarungen ihren Sinn erfüllen könnten, müsste der Staat eine echte langfristige Strategie haben, in welche Richtung sich das Hochschulsystem als Ganzes, aber auch die einzelnen Hochschulen entwickeln sollten. Diese existiere jedoch nicht. Schuld daran seien vor allem die komplexen Abstimmungsprozesse zwischen den Landesministerien (siehe nochmal das baden-württembergische Beispiel oben), aber auch partei- und koalitionspolitische Vorgaben, Haushaltsordnungen und Begrenzungen durch Legislaturperioden. „Dazu tritt die Tendenz, dass Ministerien eigene strategische Ziele als Vorgaben, Leitplanken und Rahmen für die von der Hochschule erstellte Strategie verstehen und formulieren.“ Wenn der Staat aber nicht in der Lage sei, „eine echte Strategie zu formulieren, sollte seinen Hochschulen bei dieser Arbeit nicht auf die Füße treten.“

 

Wobei die Autoren zugestehen, dass auch die Hochschulen höchstens in Ansätzen strategiefähig seien, was vor allem mit ihrer Governance zusammenhänge. Kein ganz neuer Vorwurf: Zuletzt hatte ihn der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), Peter Strohschneider, erhoben. "Universitäten haben ein relativ schwaches konzeptionelles Selbstbewusstsein", befand er in einem viel beachteten ZEIT-Interview. Als Beispiel führte Strohschneider an, dass es bei Informationsveranstaltungen zur Exzellenzstrategie auch um die Frage gegangen sei, "mit welchen Schriftgrößen und Zeilenabständen die Anträge geschrieben werden sollen".  Der DFG-Präsident warnte, Fragen zur Entwicklung von Forschung und Lehre und der Profilierung von Universitäten sollten "nicht verdrängt werden durch Technikalien".

 

Metzner und Roosendaal nennen ein weiteres leidiges und viel zitiertes Beispiel für das hochschulische Strategieproblem: die immer noch große Austauschbarkeit so genannter Leitbilder, die Hochschulen formulieren, um ihre Ziele und ihre Besonderheiten zu definieren. Die vorhandenen Leitbilder wiederholten im Wesentlichen nur die in den Gesetzen vorgeschriebenen Aufgaben mit anderen Worten und seien insofern „rein politisch korrekte Dokumente“ mit kaum vorhandenem strategischen Wert.  

 

Ein Disclaimer gegen Ende: So stark die Analyse der beiden ist, man sollte sie dennoch mit ein wenig Vorsicht genießen. Denn dass mit Roosendaal der Geschäftsführer einer Beratungsfirma, die sich auf die Strategieberatung von Hochschulen spezialisiert hat, die mangelhafte Durchsetzung der Hochschullandschaft mit Strategie beklagt, ist dann doch weder uneigennützig noch überraschend.

 

Und dennoch: Selten sind die Selbsttäuschung der Wissenschaftspolitik, aber auch die Mutlosigkeit der Hochschulen so klar beschrieben worden wie in dem Positionspapier von Joachim Metzner und Hans Roosendaal. Das Problem allerdings ist, dass auch die beiden nicht so richtig wissen, welche Schlussfolgerungen sie aus der Misere ziehen sollen. Ihre Kernforderung, der Staat solle sich zurückziehen, damit die Hochschulen in Deutschland „unabhängig von Auftrag und Größe, ihre vollständige Strategiefähigkeit entfalten“ könnten, haben sie zuvor mit der Beschreibung der Selbstblockade an vielen Hochschulen selbst entwertet. Tatsächlich ist es so, dass viele Hochschulrektoren immer noch, wenn es eng wird, aufs ein ministerielles Machtwort setzen, um hochschulinterne Konflikte zu lösen. Dass sie sich hinter der Autorität des Ministeriums verstecken, wenn es darum geht, unangenehme Veränderungen durchzusetzen.

Wer deshalb allerdings glaubt, die Antwort seien „mehr Vorgaben“ und „mehr Staat“ in der Hochschulsteuerung, hat weder die Analyse der beiden Autoren noch die Verschränktheit der gegenseitigen Beschränktheiten richtig verstanden. So bleiben zwei Konsequenzen allemal richtig. Erstens: Ohne auskömmliche Grundfinanzierung – oder die Erschließung zusätzlicher Finanzquellen wie etwa Studiengebühren – gibt es keine strategiefähigen Hochschulen. Zweitens: Echte Hochschulverträge, also auf Augenhöhe, bei gegenseitiger Verlässlichkeit, gibt es nur, wenn die Landesregierungen sich trauen, Schluss zu machen mit der Mogelpackung namens "Haushaltsvorbehalt".  

 

Das so genannte "White Paper" kann hier heruntergeladen werden. 

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"Von wegen Streicheleinheiten und Lobeshymnen"

Manfred Prenzel ist ein ruhiger Typ. Womöglich war er genau deshalb als Vorsitzender des Wissenschaftsrats so auffällig. Ein Gespräch über das, was von seiner Amtszeit bleibt.

Der Münchner Bildungsforscher Manfred Prenzel, 64, war seit Juli 2014 WR-Vorsitzender. Foto: privat
Der Münchner Bildungsforscher Manfred Prenzel, 64, war seit Juli 2014 WR-Vorsitzender. Foto: privat

Herr Prenzel, wenn Sie draußen auf der Straße die Leute fragen, ob sie schon mal was vom Wissenschaftsrat (WR) gehört haben, sagen bestimmt 99 Prozent: „Wovon?“ Stört Sie das?

 

Ehrlich gesagt nicht sehr. Wenn wir eine Empfehlung verabschieden, ist das natürlich nichts, was die überwiegende Mehrheit der Menschen in unserem Land angeht. Wobei es sie womöglich stärker tangiert, als sie denken. Doch sie können es nicht einordnen. Für eine Teilöffentlichkeit allerdings, nämlich immer die, die unsere Empfehlungen betreffen, sind die Äußerungen des WR hochgradig interessant.

 

Sie sagen „Wir“, wenn Sie vom WR reden. Tatsächlich sind Sie zum 1. Februar als Mitglied ausgeschieden, auch den Vorsitz haben Sie an die Agrarökonomin Martina Brockmeier abgegeben.

 

Das sehen die Regeln im WR so vor. Nach maximal sechs Jahren Mitgliedschaft ist Schluss, und die waren bei mir erreicht.

 

Schade? Oder sind Sie eigentlich ganz erleichtert?

 

Ich fühle mich schon entlastet von dieser großen Verantwortung. Aber ich arbeite ja noch in einigen Arbeitsgruppen weiter, da sind noch Aufgaben zu Ende zu bringen.

 

Machen Sie doch mal Werbung für die Institution Wissenschaftsrat, die für viele der Inbegriff des kleinsten gemeinsamen Nenners in der Wissenschaftspolitik ist.

 

Die beste Werbung ist die Geschäftsstelle. Da sind Profis am Werk, die unaufgeregt die Sitzungen vorbereiten, die Unterlagen zusammenstellen, die Kommunikation zwischen den Beteiligten strukturieren, kurzum: dafür sorgen, dass im Zusammenwirken mit einer höchst kompetenten und engagierten Wissenschaftlichen Kommission überhaupt gute Empfehlungen entstehen können.

 

Gute Empfehlungen? Oder Empfehlungen, die keinem wehtun? >>



>> Die Kritik ist mir zu einfach. Ich fand es zum Beispiel durchaus mutig, dass der WR in seinen Empfehlungen zur Zukunft wissenschaftlicher Karrierewege einstimmig, also mit den Stimmen von Wissenschaft und Politik, gefordert hat, 7500 zusätzliche Professorenstellen zu schaffen.

 

Mit dem Ergebnis, dass es in einem befristeten Bund-Länder-Programm 1000 Tenure-Track-Stellen geben soll und die Länder bei der Nachhaltigkeit tricksen.

 

Aber die Zahl steht im Raum, man kann sie immer wieder herausziehen, und die Politik muss sich damit auseinandersetzen. Zugleich darf man nicht vergessen: Der WR ist nur ein Beratungsgremium, seine Empfehlungen werden aber nie eins zu eins umgesetzt. Das schwächt ihn jedoch nicht, das macht ihn aus. Und langfristig verändert sich dadurch mehr, als man zunächst denkt. Das Bemerkenswerte ist doch, dass die Wissenschaftsminister sich generell auf so eine Forderung eingelassen haben, was für mich zeigt, dass das Prinzip Wissenschaftsrat funktioniert.

 

Beschreiben Sie bitte mal dieses Prinzip.

 

Welche Themen sind heiß, welche sind reif und wichtig genug, um sie auf die politische Agenda zu setzen? Das ist die Entscheidung, mit der alles anfängt. Eine Entscheidung, die in den meisten Fällen von den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern kommt, aus ihrer Wahrnehmung dessen, was los ist an den Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Dann macht sich eine Arbeitsgruppe an die Arbeit, und weil schon in jeder Arbeitsgruppe zwei, drei Vertreter der Ministerien sitzen, kommt der Realitätscheck recht früh: Wie lässt sich in der Sache politisch etwas bewegen? Der erste Entwurf der Empfehlung geht dann in die so genannte Wissenschaftliche Kommission, zu der 24 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler  zählen und nochmal acht so genannte Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die einen Außenblick einbringen sollen.

 

Da könnte die Wissenschaft doch unbeeindruckt von politischem Druck das Papier zuspitzen und so klare Kante zeigen.

 

So funktioniert das aber nicht. Nach der Wissenschaftlichen Kommission wandert das Papier in die Verwaltungskommission mit 32 Stimmen von Bund und Ländern. Wenn Sie anfangen, da mit unrealistischen Papieren hereinzugehen, hat man den Dialog zwischen Wissenschaft und Politik in kürzester Zeit zerstört. Das Geheimnis des Wissenschaftsrats ist die gegenseitige Perspektivenübernahme, das Ausloten dessen, was man einander zumuten kann. Wir Wissenschaftler müssen den Rahmen des Möglichen erkennen, ohne vorschnell einzuknicken. Das ist die Kunst des Ausbalancierens. Und das gelingt ziemlich gut, finde ich, zumal Wissenschaftspolitik und Wissenschaft im Wissenschaftsrat ohnehin oft im selben Boot sitzen. 

 

Erklären Sie das.

 

Ich könnte mir vorstellen, dass die Wissenschaftsminister aus Bund und Ländern manchmal froh sind, wenn sie mit einem fundierten Gutachten des WR zu ihren Finanzministerkollegen oder ihren Ministerpräsidenten gehen und das nötige Geld einfordern können. Die Empfehlungen werden im Übrigen auch von interessierten Parlamentariern gelesen. Und die können die Empfehlungen nicht einfach beiseite wischen, denn sie sind ja in einem fundierten Prozess auf Augenhöhe zwischen Wissenschaft und Politik entstanden. Insofern stärken wir den Wissenschaftspolitikern den Rücken, was wiederum der Wissenschaft hilft.

 

Klingt alles sehr ausgewogen.

 

Ausgewogen ja, aber nicht frei von Ecken und Kanten. Es ist ja nicht so, dass die Papiere des Wissenschaftsrats nur aus Streicheleinheiten und Lobeshymen bestehen. Oft rühren unsere Empfehlungen an handfesten Interessen, an womöglich überkommenen Traditionen, am im Alltag Eingeschliffenen. Nehmen wir als Beispiel nochmal unser Papier zu den Karrierewegen: Wenn wir 7500 Professuren zusätzlich fordern, kostet das nicht nur Geld und fordert die Politik heraus. Gleichzeitig bedeutet unsere Empfehlung in der Konsequenz das Ende eines überzogenen Lehrstuhlprinzips, also ein weniger übermächtiges Verständnis der Professur. Das geht auch an den Hochschulen vielen gegen den Strich.

 

Seit einigen Jahren berät der WR Bundesländer dabei, ihr Wissenschaftssystem neu auszurichten, im Fall des Saarlands oder Bremens verbunden mit Kürzungsvorschlägen. Ein Tabubruch?

 

Natürlich ist das ein Dilemma, vor dem wir stehen, wenn ein Land um ein Gutachten bittet, und die Empfehlungen sollen nichts kosten, sondern möglichst noch Geld einsparen. Natürlich könnten wir dann sagen, wir lassen die Finger davon. Aber wenn dann private Unternehmensberatungen den Job übernehmen, wird das Ergebnis ein besseres für die Wissenschaft sein? Ich glaube, es kommt mehr Gutes dabei heraus, wenn in Bezug auf Wissenschaft Wissenschaftler die Politik beraten, wenn wir so am Ende auch manche Kürzungsidee als vollkommen unrealistisch zurückweisen können. Aber klar, das ist und bleibt ein Spannungsverhältnis.

 

Als ehemaliger Vorsitzender des Wissenschaftsrats müssen Sie nicht mehr ein Höchstmaß an Diplomatie walten lassen. Gibt es etwas, was Sie der Politik immer schon mal sagen wollten?

 

Ich finde, das Prinzip Wissenschaftsrat funktioniert weiterhin sehr gut. Doch die Politik sollte im Blick haben ihn als Institution nicht mit Aufgaben zu überfrachten. Die Mitglieder der Wissenschaftlichen Kommission wirken mittlerweile in so vielen Arbeitsgruppen mit, sie bearbeiten so viele unterschiedliche Themen von der institutionellen Akkreditierung über die Evaluation von Wissenschaftseinrichtungen bis hin zur Betreuung wichtiger Bund-Länder-Programme. Das schränkt die Zeit ein für das, was ich für das Kerngeschäft des WR halte: nach vorn zu denken, sich mit Zukunftsszenarien auseinanderzusetzen und Ideen zu formulieren, wie das System Wissenschaft seine Aufgabe besser als heute erfüllen kann.

 

Der Think Tank leidet unter den Alltagsmühen?

 

Wenn Sie so wollen. Der Wissenschaftsrat ist von seiner Art und Zusammensetzung her eine einzigartige Institution, und das wirkt sich auf die Vielzahl der Aufgaben aus, die die Politik ihm zuschreiben möchte... Darf ich noch einen zweiten Wunsch äußern?

 

Aber immer.

 

Die Politik darf nicht das Momentum verpassen, das endlich bei der Debatte um die Digitalisierung in Bildung und Wissenschaft entstanden ist. Lange hat sich das Thema vor sich hingeschleppt, jetzt ist eine Aufmerksamkeitswelle da. Doch all die unterschiedlichen Initiativen von Bund, Ländern, Kommunen, von verschiedenen Ministerien, Behörden sowie wissenschaftlichen Einrichtungen, die laufen zu unkoordiniert nebeneinander. Voraussetzung für mehr Koordination ist, dass die einzelnen politischen Akteure ihre Einzelinteressen, besonders zur Geltung zu kommen, zurückstellen.

 

Wollen Sie noch deutlicher werden, welche Akteure Sie genau meinen?

 

Ich denke, das war deutlich genug.

 

Und was wollen Sie der Wissenschaft zum Abschied vom Wissenschaftsrat mit auf den Weg geben?

 

Wenn es ein Thema gibt, das mich in meiner Zeit als Vorsitzender, aber auch schon davor im WR, am meisten umgetrieben hat, so war das die Frage nach der Integrität von Wissenschaft. Und damit meine ich viel mehr als nur das Ziel, Plagiate früher erkennen und verhindern zu können. Wie sichern wir die Qualität der wissenschaftlichen Erkenntnisse etwa in den Lebenswissenschaften? Wie machen wir junge Menschen von Anfang an standhaft gegen Verlockungen, sich mit Kniffs und Tricks ein bisschen mehr Aufmerksamkeit, einen höheren „Impact“ zu verschaffen? Das fängt bei Salami-Publikationen an und endet bei Zitierkartellen. Noch ist das gesellschaftliche Ansehen von Wissenschaft hoch. Doch wenn Wissenschaft nicht selbst die höchsten Maßstäbe entwickelt, um sich gegen Kompromittierungen von Qualität und Ethik abzusichern, dann gefährdet sie ihre eigene Autonomie.

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Ab ins Labor, Papa!

Damit ihre Kinder später keine Chemiemuffel werden, gehen Bochumer Eltern einmal im Monat mit ihren Kindern an die Uni.

Lea Feinermann und ihr Vater. Foto: Jan-Martin Wiarda
Lea Feinermann und ihr Vater. Foto: Jan-Martin Wiarda

BLDUNGSFORSCHER HABEN NACHGEWIESEN, dass Grundschulkinder eine hohe Motivation mitbringen, sich mit Naturwissenschaften zu beschäftigen – übrigens unabhängig von ihren schulischen Leistungen. Allerdings weiß die Wissenschaft auch, dass sich Kinder langfristig vor allem für das interessieren, was ihre Eltern interessiert. Was das für ein schon bei vielen Eltern unbeliebtes Fach wie Chemie bedeutet, kann man sich denken. Heißt im Umkehrschluss: Will man die Kinder mit ihrer natürlichen Neugier bei der Stange halten, muss man ihre Eltern mitbegeistern, und zwar frühzeitig.

 

Wie das funktioniert, kann man in Bochum beobachten. Vor einigen Wochen bin ich an die dortige Ruhr-Universität gereist, um mir ein ungewöhnliches Projekt anzuschauen. KEMIE heißt es, die Abkürzung für "Kinder erleben Chemie mit ihren Eltern". Ausgedacht hat es sich die Chemiedidaktik-Professorin Katrin Sommer. Was ich dort erlebt habe und warum die 10 Jahre alte Lea mit einem Mal einen Faible für exotherme Reaktionen hat, können Sie in meinem aktuellen Artikel bei Spiegel Online nachlesen. 

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Polizei durchsucht Institut, und Max Planck sagt: Danke

Die Münchner Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Vorwurfs der Untreue gegen Mitarbeiter des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie

Screenshot: Website des Instituts
Screenshot: Website des Instituts

AM MITTWOCH HABEN Polizei und Staatsanwaltschaft das Münchner Max-Planck-Institut für Psychiatrie durchsucht, und was sagt das Institut: Danke. So zumindest liest sich das Statement, das das Institut in Absprache mit der Generalverwaltung der Max-Planck-Gesellschaft (MPG) herausgegeben hat. Seit geraumer Zeit habe es „immer wieder anonyme Anschuldigungen“ gegen das Institut gegeben, heißt es darin. „Den Vorwürfen, die die Abrechnungspraxis in unserem Hause betreffen, geht die Staatsanwaltschaft nun nach und prüft sie auch zur Entlastung der Betroffenen, was wir ausdrücklich begrüßen.“

Eine auf den ersten Blick skurril anmutende Kommunikationsstrategie, so mit einem einschneidenden Ereignis wie einer staatsanwaltlichen Ermittlung im eigenen Haus umzugehen. Die Staatsanwaltschaft München I teilte ihrerseits laut Deutscher Nachrichtenagentur (dpa)  mit, es werde der Vorwurf der Untreue untersucht, es läge eine Strafanzeige gegen mehrere Personen vor. Die Süddeutsche Zeitung zitiert eine Sprecherin mit der Formulierung, es gebe "einen Anfangsverdacht auf Abrechnungsbetrug". Abrechnungsbetrag an einem Max-Planck-Institut? Dafür muss man wissen, dass dass zu dem Institut eine Klinik gehört, in der Patienten behandelt werden. Bis 2013 wurden Institut und Klinik in Personalunion geleitet, seitdem hat die Klinik einen eigenen Chefarzt. 

 

Tatsächlich kursieren in der Szene seit Monaten Beschuldigungen gegen Mitarbeiter des Instituts, die, zusammen mit umfangreichen Unterlagen, unter anderem an die Geschäftsstelle der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz (GWK) von Bund und Ländern versandt wurden. Hierbei geht es auch um die Frage, ob für die Forschungsfinanzierung gedachte Gelder für den Klinikbetrieb eingesetzt wurden. Die GWK hat deshalb das zuständige Bundesministerium für Bildung und Forschung informiert, das wiederum von der MPG-Führung bis vergangene Woche eine Stellungnahme angefordert hatte.

 

Die MPG-Generalverwaltung sah sich schon im Vorfeld der Institutsdurchsuchung mit einer Reihe von Presseanfragen zu den Vorwürfen konfrontiert und hatte immer wieder betont, die Untersuchungen einer unabhängigen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft seien 2016 zu dem Ergebnis gekommen, „dass die aktuelle Abrechnungspraxis keinen Grund zur Beanstandung gibt.“  

 

Insider beschreiben die Stimmung am Institut seit langem als „schwierig“. Das Institut stelle sich mit dem Wechsel in der Leitung seit 2013 „organisatorisch in vielerlei Hinsicht neu auf“, äußerte sich die Generalverwaltung schon vor zwei Wochen auf die Presseanfragen hin, viele Prozesse müssten „vor dem Hintergrund veränderter Strukturen und aktueller gesetzlicher Vorgaben neu justiert werden.“ Seither sei es „zu einer nicht abreißenden Kette anonymer Anschuldigungen“ gegen die Betroffenen gekommen, die sich allesamt als haltlos erwiesen hätten. Deshalb habe die MPG ihrerseits Anzeige wegen Rufschädigung gegen unbekannt eingereicht.

 

Die von dem oder den anonymen E-Mailschreibern versandten Unterlagen sind nicht nur umfänglich und detailreich, sie lassen, verbunden mit den empfindlichen Reaktionen der MPG-Führung, auf eine – gelinde gesagt – komplexe Gemengelage schließen. Ist etwas dran an den Vorwürfen? Oder handelt es sich tatsächlich um eine Kampagne gegen Mitarbeiter des Instituts? Das kann nur und wird die Staatsanwaltschaft nun ermitteln. So gesehen ist die Erleichterung in der MPG-Generalverwaltung über die heutigen Ermittlungen dann doch nachvollziehbar. Spannende Wochen liegen vor dem Institut.  

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Die Hochschulen müssen umdenken. Der wissenschaftliche Nachwuchs aber auch

Der Karrieredruck führt dazu, dass viele junge Wissenschaftler ihren Kinderwunsch unterdrücken. Dabei zeigt der Bundesbericht: Wer sich traut, hat nicht zwangsläufig die schlechteren Aufstiegschancen. Ein Gastbeitrag von Karl Ulrich Mayer.

Foto: bady qb
Foto: bady qb

DAS SCHWERPUNKTTHEMA DES dritten, gerade von Bundesbildungsministerium und Kultusministerkonferenz veröffentlichten „Bundesberichts Wissenschaftlicher Nachwuchs“, ist die Vereinbarkeit von wissenschaftlichem Beruf und Familie. Das war eine politische Vorgabe. Und in der Tat könnte man sich fragen, ob es für junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler keine wichtigeren Probleme gibt als die Familiengründung. Den wissenschaftlichen Erfolg etwa. Oder die Frage, ob sie eine Möglichkeit finden, auf Dauer in der Wissenschaft arbeiten zu können. Und schließlich könnte man noch einen draufsetzen und fragen: Ist die Familiengründung für junge Wissenschaftler nicht sogar leichter als für andere Berufsgruppen, schließlich bietet die Tätigkeit an einer Hochschule im Vergleich zur Privatwirtschaft eher größere Freiräume und zeitliche Autonomie.

 

Wer so fragt, hat den Kern der Problematik nicht verstanden. Der außerordentlich sorgfältig argumentierte und dokumentierte Bericht zeigt, dass die Arbeitsbedingungen der Doktoranden und Postdoktoranden sehr wohl in einem ursächlichen Zusammenhang stehen mit der Chance, eine Familie zu gründen und als Wissenschaftlerin oder Wissenschaftler Mutter oder Vater zu werden.

 

Zunächst die schlechten Nachrichten: Neun von zehn jungen WissenschaftlerInnen wünschen sich Kinder, aber  fast die Hälfte bleibt schließlich kinderlos. Genauer: 49 Prozent der Wissenschaftlerinnen an Universitäten und 42 Prozent ihrer männlichen Kollegen, was nicht an Ihrer hochqualifizierten Ausbildung liegt, sondern an ihrer Tätigkeit. Das kann man daran erkennen, dass von jenen HochschulabsolventInnen, die außerhalb der Hochschulen eine Karriere verfolgen, nur zu 25 Prozent kinderlos bleiben. Zwar stammen diese Daten von 2006, doch es gibt keinen Grund für die Annahme, die Situation habe sich gebessert. Der aktuelle Elternanteil unter den Nachwuchswissenschaftlern liegt nach den besten Studien zwischen 13 und maximal 30 Prozent.

 

Die geringe berufliche Planungssicherheit, verbunden mit der deshalb fehlenden finanziellen Langzeit-Perspektive, führt bei vielen von ihnen zur Entscheidung, den vorhandenen Kinderwunsch zurückzustellen. Dabei unterscheiden sich Frauen und Männer kaum. Benachteiligungen auf Grund ihrer Elternschaft nehmen allerdings vor allem Frauen wahr. Häufiger als die Väter erleben sie, dass ihre Leistungen weniger geschätzt und dass sie von ihren Vorgesetzten weniger gefördert werden. Frauen schätzen daher die Möglichkeit, Familie und Karriere vereinbaren zu können, geringer ein als Männer, nicht zuletzt weil Frauen ihrer Erwerbstätigkeit nach Geburt eines Kindes häufiger unterbrechen und sie eher die Hauptverantwortung für die Familien-und Hausarbeit übernehmen.

 

Es gibt aber auch gute Nachrichten. Die wenigen WissenschaftlerInnen im öffentlichen Sektor, die während ihrer Qualifizierungsphase tatsächlich Eltern werden, erleben die Vereinbarkeit von Familie und Beruf weniger kritisch, obgleich sie sich auch nicht begeistert über die Möglichkeiten äußern. Zugleich finden sie ihre wissenschaftliche Tätigkeit hoch attraktiv. Kritisch erleben sie die hohe Arbeits- und Mobilitätsbelastung, die Konkurrenz von Familiengründungs- und Qualifizierungsphase und die mangelnden Möglichkeiten der Kinderbetreuung. Zusammengefasst sind die Eltern unter den jungen WissenschaftlerInnen nicht weniger glücklich als Kinderlose. Im Gegenteil: Sie äußern sich sogar häufiger zufrieden mit ihrer Gesamtsituation und sind weniger gestresst.

 

Lassen sich promovierende oder promovierte Eltern stärker von einer akademischen Karriere abschrecken als kinderlose Promovierte? Nein, es sind keinerlei Unterschiede nachweisbar, keine negativen Auswirkungen des Elternseins auf akademische Karrierepläne. Bei promovierenden Vätern ist sogar das Gegenteil der Fall: Sie wollen eher in der Wissenschaft bleiben als kinderlose.

 

Zu den guten Nachrichten gehört auch, dass die Unterstützungsangebote für junge Eltern massiv zugenommen haben. Dazu gehören sowohl für alle Eltern zugängliche Maßnahmen wie Elterngeld und Elternzeit, aber auch speziell in von Hochschulen und Forschungseinrichtungen entstandene neue Möglichkeiten wie flexible Arbeitszeiten, Eltern-Kind Zimmer oder Kinderbetreuung bei Kongressreisen. Allerdings lässt die Kenntnis vieler solcher Angebote bei den jungen Wissenschaftlern, die Eltern sind oder es gern wären, zu wünschen übrig.

 

Insgesamt muss man die Politik dafür loben, dass sie dieses scheinbare Randthema zum Schwerpunkt des Bundesberichts Wissenschaftlicher Nachwuchs 2017 gemacht hat. Eine Botschaft des Berichts geht direkt an die Adresse der jungen Wissenschaftler: Traut euch das Elternsein zu, die Realität zeigt, dass ihr eure Karriereaussichten dadurch nicht verschlechtert. Und es gibt viele Hilfen – nutzt sie.

 

Eine zweite Botschaft geht an die Wissenschaftspolitik und an die Hochschulen: Wenn die in den anderen Teilen des Bundesberichts behandelten Beschäftigungsbedingungen und Karrierechancen verbessert würden, hätte dies auch positive Folgen für das, was in dieser Republik eigentlich selbstverständlich sein sollte: dass junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler akademischen  Beruf  ausüben können, ohne auf Partnerschaft, Familie und Elternschaft verzichten müssen.

Der Soziologe Karl Ulrich Mayer ist emeritierter Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, war Präsident der Leibniz-Gemeinschaft und leitet den wissenschaftlichen Beirat des "Bundesberichts Wissenschaftlicher Nachwuchs".

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Alles eine Frage des Zeitpunkts

Die Grünen fordern eine Bafög-Erhöhung jetzt. Ziemlich durchsichtig. Und trotzdem haben sie Recht.

Logo auf der BAföG-Website
Logo auf der BAföG-Website

MEINEN DIE GRÜNEN das ernst? Sieben Monate vor der Bundestagswahl fordert ihr hochschulpolitischer Sprecher Kai Gehring einen sechsprozentigen Nachschlag beim BAföG. Und er fordert nicht nur, seine Fraktion hat den Antrag vergangene Woche sogar in den Bundestag eingebracht.

 

Wahlkampf-Politik? Vielleicht. Der Zeitpunkt ist jedenfalls clever. Denn vor wenigen Tagen erst hat der „Alternative BAföG-Bericht“ des Deutschen Gewerkschaftsbundes vermeldet, dass die Quote der Förderberechtigten zwischen 2012 und 2015 gesunken sei, der DGB-Rechnung zufolge von 19 auf 15 Prozent. Regelrecht „eingebrochen“ sei die Zahl der Unterstützten, wie die Gewerkschafter es formulieren. Auch die starren Altersgrenzen bei der Förderung widersprechen zunehmend der Lebenswirklichkeit vieler Studenten. Die Bundesregierung hingegen will ihren eigenen BAföG-Bericht erst vorlegen, nachdem das Statistische Bundesamt voraussichtlich Anfang August die aktuelle Bafög-Statistik veröffentlicht hat. >>



>> Ärgerlich war schon, wie die Große Koalition das letzte, seit Jahren überfällige Plus in der BAföG-Kasse verschleppt hatte. So lange, dass ein Teil der Erhöhung zwischen Ankündigung und Inkrafttreten schon von der Inflation verfrühstückt worden war. Nicht nachvollziehbar auch, wie das Ministerium von Bundesforschungsministerin Johanna Wanka (CDU) 2014 das Allzeithoch bei den BAföG-Empfängern feierte, wohl wissend, dass es allein auf den im Rekordtempo gestiegenen Studentenzahlen beruhte.  

 

Der Handlungsdruck beim BAföG ist jetzt da. Nicht erst, wenn sich Ende des Jahres die neue Bundesregierung konstituiert hat und sich dann – mit viel Glück – irgendwann im Laufe von 2018 dem Thema widmet. Steigen dadurch die Chancen für den Grünen-Vorschlag? Wohl kaum. Schade eigentlich.

Dieser Kommentar erschien heute zuerst im ZEITChancen Brief. 

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"Keine Grundlage für Verhandlungen"

Solange Bildungsministerin Wanka nicht sagt, wieviel Geld sie für ein FH-Programm ausgeben will, ergeben Gespräch keinen Sinn. Eine Replik auf die Vorschläge der Ministerin von Steffen Krach.

Steffen Krach
Steffen Krach

ES SIND NOCH rund sieben Monate bis zur Bundestagswahl, und die Bundesministerin für Bildung und Forschung kündigt eine Initiative für die Fachhochschulen an. Das hätten wir früher haben können. Im vergangenen Jahr haben Bund und Länder drei Verwaltungsvereinbarungen verabschiedet. Neben der Exzellenzstrategie waren es das Abkommen zum sogenannten Nachwuchspakt und das Programm Innovative Hochschulen.

 

Berlin hat von Anfang an mit Nachdruck gefordert, die Fachhochschulen bei den beiden letzteren Initiativen relevant zu berücksichtigen. Beim Programm Innovative Hochschulen konnten sich die Länder nach längerem Kampf durchsetzen. Ein gutes Ergebnis.

 

Beim Nachwuchspakt allerdings hat sich Johanna Wankas Ministerium bis zum Schluss mit großer Vehemenz gegen eine Einbeziehung der Fachhochschulen versperrt. Eine vertane Chance! Als Land Berlin haben wir daraus unsere Schlüsse gezogen und selbst gehandelt. So stärken wir die Fachhochschulen nun beispielsweise in den kommenden Hochschulverträgen mit einem personellen Aufwuchs im Mittelbau.

 

Wir sind natürlich stets offen für gute Ideen aus dem Bundesforschungsministerium und werden weiter mit Entschlossenheit um Lösungen ringen, die die Stärkung der Fachhochschulen zum Ziel haben. Eines ist aber klar: Ankündigungen, die keine Finanzierungsvorschläge enthalten, können keine Grundlage für Diskussionen, geschweige denn für Verhandlungen sein.

Steffen Krach, SPD, ist Wissenschaftsstaatssekretär in Berlin.
Weitere Reaktionen auf die Vorschläge für ein FH-Professorenprogramm finden Sie hier. 

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"Die Hochschulen müssen kreativer werden"

Die Befristungsquote in der Wissenschaft verharrt auf Rekordniveau, so vermeldet es der heute veröffentlichte "Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs". Der Soziologe Karl Ulrich Mayer sagt, woran das liegt – und warum die Lage sich bald bessern könnte.

Karl Ulrich Mayer leitet den wissenschaftlichen Beirat des Berichts.
Karl Ulrich Mayer leitet den wissenschaftlichen Beirat des Berichts.

Professor Mayer, bitte helfen Sie mir bei der Suche.

 

Der Suche wonach?

 

Nach den positiven Nachrichten im heute veröffentlichen „Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs 2017“.

 

Es gibt ganz viele gute Nachrichten in dem Bericht. Zum Beispiel: Deutschland ist Weltmeister in der Produktion von wissenschaftlichen Höchstqualifikationen. 2015 gab es rund 28.000 abgeschlossene Promotionen. Es ist absehbar, dass es in wenigen Jahren mehr als 35.000 sein werden.

 

Ist das positiv? Viele sagen, es gebe schon viel zu viel Promovierte.

 

Dieser Meinung bin ich nicht. Eine Promotion ist hervorragend investierte Lebenszeit – ganz gleich, ob man danach in der Wissenschaft bleibt oder nicht. Ich denke eher, dass etwa die USA ein Problem haben mit gerade einmal 53.000 Promovierten pro Jahr, von denen auch noch die Hälfte aus dem Ausland stammen. Eine weitere gute Nachricht im Bericht ist, dass ein großer Anteil der Nachwuchswissenschaftler ihre Tätigkeit hochattraktiv findet und damit sehr zufrieden ist. Ebenso erfreulich ist, dass sich die Internationalisierung  verstärkt: Die Zahl der Ausländer unter den Nachwuchswissenschaftlern hat sich in den vergangenen Jahren verdoppelt. >>


DIE WICHTIGSTEN ERGEBNISSE UND HINTERGRÜNDE

DES BUNDESBERICHTS FINDEN SIE HIER.


>> Aber die Beschäftigungsbedingungen bleiben mies. Wenn man die Zahlen und Statistiken in der 300-Seiten-Studie durchblättert, denkt man: All die Sonntagsreden, Gesetzesnovellen und Förderprogramme, und trotzdem liegt die Befristungsquote bei unter 45 Jahre alten Wissenschaftlern bei 93 Prozent – auf demselben Level wie 2010 und sieben Prozentpunkte über dem Stand von 2005. Also viel geredet, nichts geschehen?

In der Tat ist die Unsicherheit in den Karrieren von Wissenschaftlern weiter groß. Allerdings stammen die jüngsten Zahlen im Bericht von 2014, und die großen Veränderungen wurden erst danach angestoßen. Eine wesentliche Verbesserung liegt in der Novelle des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes. Das schreibt jetzt klar vor, dass die Dauer der Befristung sich an der Dauer des Qualifikationsprojekts, also in der Regel der Promotion, orientieren muss. Das halte ich für einen großen Fortschritt.

 

Der auf dem Papier steht. In der Realität ist davon bislang nichts zu spüren.

 

Das können wir doch noch gar nicht abschätzen, dafür ist viel zu wenig Zeit vergangen. Was richtig ist: Der entscheidende Treiber der Befristung sind die weiter steigenden und eben befristeten Drittmittel. In den vergangenen Jahren ist aber selbst bei Stellen, die aus der Grundfinanzierung der Hochschulen gespeist werden, und bei den außeruniversitären Forschungseinrichtungen die Befristungsquote gestiegen. Trotzdem plädiere ich dafür, differenziert auf die Zahlen zu schauen. Dass Promotionsverträge grundsätzlich befristet sind, wird hoffentlich keiner ändern wollen. Logischerweise hat die starke Zunahme bei den Promotionen seit dem Jahr 2000 den Anteil der Befristungen erhöht. Das große Problem bestand bislang darin, dass manche Verträge zu kurz liefen und die Promotionsdauer eben häufig nicht abdeckten. Das ändert sich wie gesagt. Eine weitere gute Nachricht ist, dass der Stipendienanteil bei den Wissenschaftlern gesunken ist und die Zahl der Arbeitsverträge steigt, womit der Missstand abgestellt wird, dass viele Doktoranden nicht sozialversichert waren.

 

Wie aber kann es sein, dass selbst bei den grundfinanzierten Stellen 75 Prozent befristet sind?

 

Das hat ironischerweise auch mit der Jobzufriedenheit der meisten jungen Wissenschaftler zu tun. Sie berichten in den Umfragen von der Erfüllung, die sie in ihrer wissenschaftlichen Arbeit finden. Und weil das so ist, sind sie offenbar bislang bereit, solche Befristungsquoten hinzunehmen. Die gibt es im übrigen auch – wenn auch nicht in dem extremen Maße – bei Tätigkeiten von vergleichbaren Gruppen außerhalb der Hochschule.

 

Die Hochschulen nutzen ihre Marktmacht aus?

 

Das hat nichts mit Marktmacht zu tun, sondern die hohe Befristungsquote folgt logisch daraus, dass die einzelnen Professoren und Projektleiter rational mit befristeten Mitteln umgehen.

Also können die Hochschulen gar nicht anders?

 

Das stimmt auch wiederum nicht ganz. Der Bericht zeigt: Es gibt auch rund 40.000 unbefristete wissenschaftliche Mitarbeiter an den Hochschulen, und sie sind tendenziell im Wissenschaftsmanagement zu verorten und mit Daueraufgaben verbunden. Spekulativ könnte man vermuten: Je näher Mitarbeiterstellen mit der Fakultäts- oder Hochschulleitung verknüpft sind, desto höher ist ihr Entfristungsgrad. Es kommt auch auf die Kreativität der Einrichtungen an.

 

Wie meinen Sie das?

 

Ein Beispiel aus der Leibniz-Gemeinschaft, die ich als ihr ehemaliger Präsident naturgemäß besonders gut kenne. Da gibt es Institute, die mit Grundmitteln einen Topf füllen, aus dem projektfinanzierte Mitarbeiterstellen abgesichert werden können. So dass Vertragsdauern über das Ende von Projekten hinaus finanziert werden können – zum Beispiel, bis ein neues Projekt startet. Aber natürlich, das sind begrenzte Möglichkeiten. Grundsätzlich wird sich die Situation erst entspannen, wenn der Projektanteil in der Wissenschaftsfinanzierung wieder zurückgeht und der Anteil der Grundfinanzierung ansteigt.

 

Haben Sie nicht vorhin gesagt, die Befristungen an sich seien gar nicht schlimm? In der Tat könnte man doch sagen: Liebe Leute, habt euch nicht so, dafür habt ihr einen Traumjob.

 

Vorhin habe ich von Befristungen in der Promotionsphase gesprochen. Die halte ich für gut und richtig, wenn die Vertragsdauer stimmt. Und natürlich hat die künstliche Erhöhung der Promotionsstellen durch die projektbasierten Bund-Länder-Programme dazu geführt, dass ein immer geringerer Anteil von denen, die ihre Promotion erfolgreich abschließen und danach an den Hochschulen bleiben, die Chance auf eine Professur haben. Je nach Studie streben zwischen 20 und 60 Prozent der Postdocs eine Professur an. Da wir bisher keine guten Längsschnittuntersuchungen haben, ist ganz unklar, welcher Anteil  der dann schließlich Berufungsfähigen eine Professur bekommen kann. Meine Vermutung liegt bei etwa der Hälfte.

 

Eine schwer zu ertragende Unsicherheit.

 

Die sich dramatisch bei der Familiengründung zeigt. Das durchschnittliche Berufungsalter deutscher Professoren liegt bei 42 Jahren. Dadurch, dass sie so lange in der Luft hängen, schieben viele junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Familiengründung auf – mit dem Ergebnis, dass doppelt so viele von ihnen am Ende kinderlos bleiben wie in der übrigen Bevölkerung und vergleichbar hochqualifizierten Gruppen. Dabei hätten die meisten von ihnen gern Kinder, in Sachen Kinderwunsch unterscheiden sich Wissenschaftler nicht signifikant von anderen Berufsgruppen.

Was folgt daraus?


Auf das ganze Leben betrachtet ist eine Qualifizierung als Wissenschaftler selbst dann eine außerordentlich positive Sache, wenn sie zu einer Tätigkeit außerhalb der Wissenschaft führt. Doch die positive Bilanz verkehrt sich in ihr komplettes Gegenteil, wenn die Phase der Unsicherheit und Orientierung zu lang dauert.

 

Die Leute brauchen also frühzeitig eine klare Ansage, damit sie das Weite suchen, bevor es zu spät ist?

Ganz klar. Es gibt eine Verantwortung nicht nur auf der Ebene einzelner Professoren und Projektleiter, sondern auf der Ebene der Fachbereiche oder Institutsleitungen, solche Rückmeldungen zu geben, durch Statusgespräche zum Beispiel. Diese Verantwortung wird bislang zu oft nicht wahrgenommen. Ich hoffe, das wird sich durch die zunehmende Einführung von Tenure-Track-Modellen ändern. Dann gibt es festgelegte Laufbahnen, ohne Jobgarantie, aber mit der Garantie der Planbarkeit und Transparenz. Denn spätestens nach der Zwischenevaluation weiß man, ob man im System bleiben kann oder nicht.

 

Warum sollten sich solche Modelle in der Fläche etablieren?

 

Weil die Marktmacht in zwei Richtungen geht. Wenn die guten Leute anfangen, sich die Stellen nach dem Vorhandensein von Tenure-Track-Optionen auszusuchen, kommen die Hochschulen in Bewegung. In den nächsten Jahren besteht die größte Herausforderung darin, Tenure Track flächendeckend als den ganz überwiegenden akademischen Karriereweg durchzusetzen.

Lassen Sie uns noch einmal über die Promotionsphase sprechen. Der Bericht stellt fest, dass es keine einheitlichen und verlässlichen Zahlen zum Anteil derjenigen gibt, die in strukturiertem Programmen promovieren, aber mehr als 23 Prozent seien es in keinem Fall. Dennoch haben die internationalen Experten der Imboden-Kommission mit der Begründung, die strukturierte Promotion habe sich etabliert in Deutschland, angeregt, die Förderlinie für Graduiertenschulen in der Exzellenzstrategie zu streichen. Was die Politik auch getan hat. Ein Fehler? 

 

Ich glaube, die Imboden-Kommission lag richtig mit ihrer Einschätzung, dass die organisatorische Verantwortung für die Promotionsphase eine Standardaufgabe der Hochschulen ist und insofern nicht über Projektmittel finanziert werden sollte. Gleichzeitig ist es eine Tatsache, dass die Hochschulen nicht das Geld haben, um ihre Aufgabe hier zu erfüllen. Insofern hängen die Graduiertenschulen tatsächlich in der Luft.

An fast allen Universitäten gibt es mittlerweile so genannte Graduiertenschulen als Dach über der Doktorandenausbildung.

 

Das sind zum Teil doch sehr löchrige Dächer, und sie sind so unterschiedlich konzipiert, dass daraus schon das Fehlen eines verbindlichen Modells deutlich wird. Da muss noch mehr kommen. Andererseits sollte man wissen, dass von 196.000 erfassten Doktoranden 77.000 extern promovieren, viele davon mit einer Tätigkeit außerhalb der Hochschulwelt. Die bekommen Sie nicht in so eine Struktur, und man sollte es auch gar nicht.

Haben wir ein Qualitätsproblem bei der Promotion, wenn die Abbruchquote bei 30 oder sogar 40 Prozent liegt?

Das finde ich nicht. Warum sollte jeder, der eine Doktorarbeit beginnt, Erfolg haben? Eine Dissertation sollte sogar ein riskantes Geschäft sein.

 

Müssen die Auswahlverfahren verschärft werden?

Nein. Die haben sich längst verbessert. Schon weil es eine europäische Vorgabe gibt, dass alle Promotionsgelegenheiten ausgeschrieben werden müssen.

Womit die externen Doktoranden wiederum nicht erfasst werden. Laut Bundesbericht betreut ein Professor im Schnitt sechs Doktoranden. Zu viel?

In dieser Pauschalität sagt der Wert gar nichts, weil die Realität von Ort zu Ort und Fach zu Fach ganz unterschiedlich aussieht. Das bleibt mein Plädoyer: An einigen Stellen ist Kritik gerechtfertigt, an anderen nicht. Lasst uns genau auf die Zahlen sehen, und vor allem brauchen wir belastbarere Daten, als gegenwärtig zur Verfügung stehen.

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Was steht drin im BuWiN?

SEIT 2008 ERSCHEINT der Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs (BuWiN) alle paar Jahre regelmäßig, zuletzt 2013. Die am Donnerstag veröffentlichte dritte Ausgabe enthält eine Vielzahl an Statistiken und Vergleichswerten.

 

So ist der wissenschaftliche Nachwuchs an den Hochschulen seit 2000 um 76 Prozent gewachsen, während die Zahl der Professoren im gleichen Zeitraum um lediglich 21 Prozent stieg. Unter den Nachwuchswissenschaftlern  – zu denen auch die meisten Promovierenden zählen –  variiert die Befristungsquote zwischen 93 Prozent an den Hochschulen und 84 Prozent an außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Sie verharrt damit auf dem Rekordniveau des letzten Berichts. Die Autoren des Berichts verzeichnen zuletzt sogar eine Zunahme der Befristung beim grundfinanzierten wissenschaftlichen Personal.

 

Kaum verlässliche Informationen gibt es dem Bericht zufolge bei der Beschäftigungsdauer und bei den Vertragslaufzeiten. Die durchschnittliche Beschäftigungsdauer liegt bei den Nachwuchswissenschaftlern einer Studie zufolge bei rund sechs Jahren. Eine andere, nicht repräsentative Studie zeige, dass 53 Prozent der Arbeitsverträge mit wissenschaftlichen Mitarbeitern an Hochschulen Laufzeiten von unter einem Jahr haben.

 

Ein Professor betreut im Schnitt sechs Promovierende, wobei der Trend weggeht vom übermächtigen Doktorvater oder der Doktormutter: Mehr als die Hälfte der Doktoranden wird mittlerweile von mehr als einem Hochschullehrer betreut. Doch die Fachunterschiede sind enorm. Während in der Biologie die Mehrpersonenbetreuung bei 73 Prozent berichtet wird, haben bei den Juristen nur 19 Prozent mehr als einen Betreuer. Ein erstaunlich positiver Wert: Zwischen 55 und 65 Prozent der Promovierenden sind mit ihrer Betreuung insgesamt zufrieden oder sogar sehr zufrieden. Die große Mehrheit von ihnen promoviert immer noch in der traditionell deutschen Art. Nur 23 Prozent lassen sich einem strukturierten Programm zuordnen, wobei in diesem Wert jede Form der Dachstruktur enthalten ist.

 

Zu den BuWiN-Ergebnissen tragen unter anderem das Institut für Innovation und Technik (iit), das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW), das Statistische Bundesamt und das INCHER in Kassel bei. Die Arbeit des Konsortiums wird durch einen wissenschaftlichen Beirat unterstützt, dessen Vorsitzender der Soziologe Karl Ulrich Mayer ist. 

Die Vollversion des Berichts ist hier abrufbar.

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Liest sich gar nicht so schlimm

In einem Brief an die Hochschulen räumt die Stiftung für Hochschulzulassung die neuen Softwareprobleme offiziell ein.

EIN KURZER NACHTRAG zu meinem drei Wochen alten Artikel über "Chaos 2.0", die neue Softwarekrise bei der Stiftung für Hochschulzulassung. Anfang der Woche endlich hat die Stiftung dann auch mal einen Brief an alle Hochschulen losgeschickt, in dem sie die Probleme offiziell einräumt. Allerdings erst auf Seite zwei, nachdem sie vorher in vielen Worten betont, dass sie "mit Hochdruck" am neuen Zulassungsverfahren für die bundesweiten Numerus-Clausus-Fächer arbeite und dass das alte (in Worten: sehr alte) bisherige Verfahren "technisch störungsfrei" laufe. Die eigentliche Botschaft des langen Schreibens folgt dann in zwei knappen Sätzen: "Die Testergebnisse zu den ersten Kernkomponenten des neuen Verfahrens lassen jedoch erkennen, dass die vorliegende Aufgabe noch komplexer ausfällt, als ursprünglich abzusehen war. Somit erscheint der zum Wintersemester 2018/19 in Aussicht gestellte Ersteinsatz von DoSV 2.0 unwahrscheinlich." 

Also nicht die Ausführenden sind verantwortlich, sondern die Sache, die gemeinerweise beschlossen hat, noch komplizierter zu werden. Vom administrativen Umbau in der Stiftung und der faktischen Entmachtung des Geschäftsführers Ulf Bade ist in dem Schreiben nicht die Rede. Bade durfte es auch unterschreiben. Oder musste, je nachdem wie man es sieht. Morgen trifft sich übrigens die Amtschefskommission der Kultusministerkonferenz, Tagesordnungspunkt 2 unter anderem: DoSV. 

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Was bleibt nach der großen Geste?

Fünf SPD-Wissenschaftspolitiker haben gestern ein bemerkenswertes Papier vorgelegt. Jetzt muss die Partei die eigentliche konzeptionelle Arbeit leisten.

NACH DEM SPD-Papier zur Wissenschaftsfinanzierung gestern titelt heute der Tagesspiegel: "SPD-Politiker wollen Geld für Unis retten." Und es stimmt ja auch, so haben es die Autoren des  "Zukunftsvertrags für Wissenschaft und Forschung" dargestellt. Dass von 2019 all die Bund-Länder-Programme auslaufen, die derzeit jedes Jahr Bundesmilliarden an die Hochschulen spülen. 

 

Ganz so heldenhaft sind die Sozialdemokraten dann aber doch nicht in ihren vermeintlichen Rettungsversuchen. Denn in der Staatssekretärs-AG "91b GG", die Bund und Länder vergangenes Jahr eingesetzt haben, hat es den Durchbruch ja längst gegeben. Den Durchbruch nämlich, dass der seine Bereitschaft signalisiert hat, zumindest die Hochschulpakt-Milliarden auch nach 2020 zu zahlen, also auf Dauer in Studienplätze zu investieren. Auch dass der Pakt für Forschung und Innovation, bislang konzentriert auf die außeruniversitären Forschungsorganisationen und die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), fortgesetzt werden soll, ist Konsens. 

 

In Wahrheit geht es also nicht darum, Geld für die Unis zu retten, sondern zusätzliches Bundesgeld für die Hochschulen loszueisen. Am offensichtlichsten wird dies im SPD-Papier an dem Vorschlag, der Bund solle sich künftig an der Finanzierung von studentischen Wohnungen und Wohnheimen beteiligen. Was er von der Verfassung her nicht muss und nicht tut. Und was er zumindest bislang auch standhaft verweigert. Und genau hier liegt der eigentliche Kern und, wenn man so möchte, das Problem des gestern veröffentlichten Papiers: Das Bundesgeld für die Wissenschaft sichern, das ist das eine. Das ist eigentlich schon passiert. Neues Geld der Bundesregierung für die Wissenschaft loseisen? Das dürfte schwierig werden. Vielleicht unmöglich. 

 

Die Herausforderung der nächsten Jahre dürfte für die Wissenschaftspolitiker also darin bestehen, neue Einnahmequellen für die Wissenschaft zu finden. Denn die sich andeutenden neuen Haushaltsprioritäten im Bund, verbunden mit drohenden Zinserhöhungen, die die Überschüsse weiter schwinden lassen könnten, machen die Prognose fast schon verlässlich, dass es keine zusätzlichen Milliarden zu verteilen geben wird. Die Sozialdemokraten könnten sich also verdient machen, über neue Möglichkeiten nachzudenken, wie sich jene in der Gesellschaft verstärkt für die Bildungs- und Wissenschaftsfinanzierung heranziehen lassen, die am meisten von ihr profitieren. Und wie man das ganze wirklich sozialverträglich gestaltet. Kein beliebtes Thema, erst recht nicht, nachdem der SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz sich als beinahe erste Maßnahme auf kostenfreie Bildung ohne Wenn und Aber festgelegt hat. Kein beliebtes Thema wie gesagt, aber ein Thema, das sich von selbst auf die Tagesordnung setzen wird. 

 

Apropos "die Sozialdemokraten": Wenn man genau hinschaut, ist das gestern veröffentlichte Papier  die Meinungsäußerung von ein paar klugen SPD-Wissenschaftspolitikern, ohne dass Partei oder Fraktion sie dazu beauftragt oder ihre Vorschläge abgesegnet hätte. Insofern wird es spannend sein zu beobachten, wie sich die anderen SPD-Wissenschaftspolitiker dazu positionieren, darunter einige, die vielleicht gern mitgeschrieben hätten, aber nicht gefragt wurden.

 

Einer von ihnen hat gleich gestern eine Pressemitteilung veröffentlicht. Wolfgang Tiefensee, SPD-Wissenschaftsminister in Thüringen, begrüßte die Vorschläge und nannte eine dauerhafte Beteiligung des Bundes an der Hochschulfinanzierung "überfällig". Dann beeilte er sich darauf hinzuweisen, dass er ja schon vergangenes Jahr einen 10-Punkte-Plan für einen "Neuen Hochschulpakt" zwischen Bund und Ländern, "ähnlich dem heute vorgestellten Zukunftsvertrag", so Tiefensee. Ist da etwa jemand ein wenig eingeschnappt? 

 

Zumindest müssen die Autoren des Papiers darauf achten, die Partei nun hinter ihren Ideen zu versammeln. Und gleichzeitig die Gelegenheit nutzen, an der Finanzierungsseite ihrer Sammlung zumindest zukunftsweisender Ideen zu arbeiten.

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Pathos, Pakte und sechs Bausteine

Die SPD hat ihr Papier zur Zukunft der Wissenschaftsfinanzierung vorgestellt – mit vielen guten Ideen. Ziemlich unkreativ sind die Sozialdemokraten allerdings ausgerechnet bei der Frage, wer am Ende für all das zahlen soll.

Foto: Titelblatt des Papiers
Foto: Titelblatt des Papiers

JETZT ALSO DIE Sozialdemokraten. Drei Wochen ist es her, seit die Unionsfraktion im Bundestag ihr „Ideenpapier“ zur Zukunft von Forschung und Bildung präsentiert hat. Heute hat die SPD mit deutlich höherem medialen Aufwand nachgezogen. Das ging schon damit los, dass sie bei der begleitenden Pressekonferenz gleich eine ganze Riege erfahrener Wissenschaftspolitiker aufgefahren hatte, und zwar mit Hubertus Heil nicht nur den zuständigen stellvertretenden Vorsitzenden der Bundestagsfraktion, sondern auch Svenja Schulze, Wissenschaftsministerin in Nordrhein-Westfalen. Ebenfalls mit dabei war der wohl mächtigste Wissenschaftsstaatssekretär, den es derzeit in den Ländern gibt: Steffen Krach aus Berlin, dessen Chef, der Regierende Bürgermeister Michael Müller, persönlich das Wissenschaftsressort verantwortet. Und noch zwei prominente Namen komplettierten die Autorenliste des Papiers:  Eva Quante-Brandt, Bremer Wissenschaftssenatorin und stellvertretende Vorsitzende der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz, und Edelgard Bulmahn, letzte SPD-Bundesforschungsministerin bis 2005.

 

Womit die erste Botschaft schon mal rausgesendet war ans für Wissenschaft zu interessierende Wahlvolk (denn um das und nur um das geht es natürlich in den nächsten Monaten): Wir haben die Ideen, wir haben aber auch das Personal dazu – im Gegensatz zur Union, so der unausgesprochene Subtext, deren Liste an Landeswissenschaftsministern inzwischen stark ausgedünnt ist.

 

Zweite Botschaft der SPD: Wir haben so viel zu sagen zum Thema Wissenschaftsfinanzierung, dass wir dem ein eigenes Papier widmen und nicht mit Bildung zusammenpressen. Wobei, wenn man genau hinschaut, so viel die Sozialdemokraten dann doch nicht sagten: Nur elf Seiten lang ist ihr Papier, während im 45-Seiten-Aufschlag der Unionsfraktion allein der Abschnitt zu Wissenschaft 13 Seiten umfasst und Aspekte wie Lehre, Bafög oder auch wissenschaftlicher Nachwuchs noch extra abgehandelt werden.

 

Überhaupt kam das Unionspapier viel detaillierter daher und musste es auch, weil es sich auf den aktuellen (und angesichts der bevorstehenden Bundestagswahl naheliegenderen) Zeitraum 2017 bis 2021 bezieht. Die SPD dagegen sucht ihr Profil im Grundsätzlichen, in den langen Linien, entsprechend dick trägt sie auf. „Einen Zukunftsvertrag für Wissenschaft und Forschung“ will sie schließen und definiert dafür großzügig-plakativ „sechs Bausteine für einen Bundesbeitrag zu einer verlässlichen Finanzierungsarchitektur", und zwar für den Zeitraum 2021 bis 2030. So grundsätzlich es von seinem Ansatz her ist,  so stark fokussiert das SPD-Papier im Gegenstand: Allein die Bund-Länder-Zusammenarbeit wird diskutiert und damit die neuen Möglichkeiten, die sich seit der Lockerung des Kooperationsverbots im Bereich der Wissenschaft bieten.

Die sechs von der SPD vorgestellten Bausteine sind: erstens eine „Qualitätsstrategie für die Hochschullehre“, worunter die Autoren im Kern verstehen, dass der Bund pro Student und Jahr je nach Studienfach zwischen 1000 und 3000 Euro beisteuern soll. Und zwar dauerhaft. Kostenpunkt jährlich laut SPD-Schätzung: 3,3 Milliarden Euro, wovon die Länder „mindestens zehn Prozent“ übernehmen sollen.

 

Zweitens soll es für die Fachhochschulen einen „Perspektivpakt“ geben, der auf Forschung und Personalentwicklung an den FHs abzielt. Die Forschungsförderung durch den Bund soll bis 2025 auf 100 Millionen Euro jährlich fast verdoppelt werden, bei der Personalentwicklung will die SPD die Fachhochschulen ans Uni-Nachwuchsprogramm andocken, mit einer eigenen Förderlinie und Wettbewerbsausschreibung. Das Volumen soll rund 75 Prozent des Uni-Niveaus erreichen, also 75 Millionen Euro pro Jahr. Ein Vorschlag, der inhaltlich Sinn ergibt, jedoch von der zeitlichen Positionierung her überrascht: Die Geltungszeit des heute vorgeschlagenen „Zukunftsvertrags“ ist wie gesagt von 2021 an definiert, während SPD-Wissenschaftspolitiker sonst immer ein Nachwuchs- bzw. Professorenprogramm für die Fachhochschulen „ab sofort“ fordern. Ein Widerspruch?

 

Dritter Baustein: die Fortsetzung des Pakts für Forschung und Innovation, allerdings unter veränderten Vorzeichen: Die Hochschulen sollen stärker an dem ursprünglich für die außeruniversitäre Forschung gedachten Programm profitieren. In Sachen Finanzierung machen sich die SPD-Wissenschaftspolitiker ehrlich und stellen fest: Da der Bund die Zuwächse in der aktuellen Paktphase allein finanziert, müsse das im Rahmen eines „neuen Gesamtkonzepts von Bund und Ländern“ systematisiert werden, und zwar „missionsorientiert“. Soll wohl heißen: Wenn der Bund mehr zahlt, darf er auch stärker mitreden und bestimmen, in welche Forschungsfelder die Paktmittel fließen – als Beispiel wird die Meeresforschung genannt. Ein Vorschlag, der vor allem bei den stärker in der Grundlagenforschung engagierten Organisationen wie Max Planck oder der Deutschen Forschungsgemeinschaft – vorsichtig formuliert – gemischte Reaktionen auslösen dürfte. Allgemein Zustimmung finden dürfte in der Wissenschaft dagegen die Forderung, die Programmpauschalen auf 40 Prozent anzuheben, wovon der Bund 36 und die Länder 4 Prozentpunkte tragen sollen.

Als vierten Baustein nennen die Sozialdemokraten einen „Aktionsplan Digitalisierung“, inklusive einer Strategie für den systematischen Ausbau von Hochleistungsrechnern und einem Wettbewerb für Digitalisierungskonzepte von Hochschulen, der weitere 100 bis 200 Millionen Euro im Jahr kosten soll. Baustein fünf ist ein „Profilpakt Hochschulmedizin“ zur Stärkung der Forschung an den Universitätsklinika.

 

Besonders spannend und, wenn man so will, SPD pur ist Baustein Nummer sechs, der die „soziale Dimension“ anspricht und die Chancengerechtigkeit an den Hochschulen stärken will, einerseits durch eine „zügige Bafög-Novelle“, die „neue Bildungsbiografien und Studierformen“ angemessen berücksichtigt, andererseits durch ein Sonderprogramm studentisches Wohnen angesichts der Wohnungsnot in vielen Großstädten. Während die SPD-Experten beim Bafög auf eine Kostenschätzung verzichten, schreiben sie beim Wohnprogramm von „mindestens 600 Millionen Euro“ auf fünf Jahre, die „je zur Hälfte“ von Bund und Ländern getragen werden sollen.


Das Papier endet mit nach all den vorgeschlagenen Pakten und Aktionsplänen mit noch mehr Pathos, Zitat: „ Der Zukunftsvertrag Wissenschaft und Forschung ist eine kraftvolle gemeinsame Antwort von Bund und Ländern auf die Herausforderungen des kommenden Jahrzehnts.“

 

Wenn man allerdings ehrlich ist, fordern die Sozialdemokraten vor allem vom Bund eine kraftvolle Antwort. Denn während viele der diskutierten Ideen an sich unstrittig sind oder, wie der Passus zum Pakt für Forschung und Innovation, zumindest geeignet sind, die öffentliche Debatte voranzutreiben, liest sich das SPD-Papier in Sachen Finanzierung vor allem wie eine Wunschliste der Länder in Richtung Bund. Der soll nämlich bei der Mehrheit der Maßnahmen den Löwenanteil der Kosten tragen. Es dürfte nur eine Frage von Stunden sein, bis die politische Konkurrenz die Mehrkosten, die auf Bundesseite entstünden, wenn alle Ideen realisiert würden, zusammengerechnet hat und voller Entrüstung herausposaunen wird.

 

Und genau hier müssen sich dann die Sozialdemokraten tatsächlich den Vorwurf gefallen lassen, sich die Sache zu einfach zu machen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat zuletzt in mehreren internen Runden angekündigt, dass sich die finanzpolitischen Prioriäten durch die neue weltpolitische Situation in Richtung Sicherheit und Verteidigung und damit weg von Bildung und Forschung verschieben werden. Klar kann die SPD an der Stelle einfach mal behaupten, dass Sozialdemokraten völlig anders vorgehen würden, doch die Wahrheit ist: Ganz gleich wie die Bundesregierung nach den Bundestagswahlen im September zusammengesetzt sein wird, sie muss sich auf die neue Lage einstellen.

 

Das Papier, so scheint es, hat diesen Schritt noch nicht vollzogen, was das viele Gute, was darin steht, ein Stückweit entwertet. Man möchte den Autoren zurufen: Bitte nacharbeiten in Sachen Finanzierung. Der Bund als Quelle aller Wohltaten mag die einfachste Antwort sein. Die realistischste, soviel steht zu erwarten, ist er nicht.  

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Vorschlag mit begrenzter Haftung

Sie hat kein Geld mehr und keine Zeit. Trotzdem könnte Wanka den Fachhochschulen mit ihren Plänen einen Dienst erweisen. Ein Kommentar.

BUNDESFORSCHUNGSMINISTERIN JOHANNA WANKA (CDU) hat endlich gesagt, wie sie sich das lange versprochene FH-Professorenprogramm vorstellt, und die Fachhochschulen fühlen sich bestätigt. Zunächst einmal in ihrer Skepsis. Denn während das Uni-Pendant (Stichwort „Tenure Track“) längst läuft, bleibt Wankas Ansage Richtung Fachhochschulen im Ungefähren. Einen bundesfinanzierten Instrumentenkasten zur Personalentwicklung könne sie sich vorstellen, sagt sie und nennt ein paar Schlagworte: Schwerpunkt- und Teilzeit-Professuren, Tandemprogramme. Wenn die Fachhochschulen ganz andere Ideen hätten, sei das aber auch in Ordnung – solange sie couragierte, in sich stimmige Personalstrategien zur Begutachtung einreichten. Fragen zum Volumen oder zur Laufzeit des Wettbewerbs möchte die Ministerin gleich gar nicht beantworten. Dafür stehe fest, dass es vor der Bundestagswahl keine Bund-Länder-Vereinbarung mehr geben wird. >>



>> Was deutlich wird in dem Interview , sind die Zwänge einer Ministerin vor dem Ende der Legislaturperiode: Das Geld ist verplant, die Autorität des Amts reicht nur bis zur Abrisskante der nächsten Bundestagswahl. Dass die Große Koaliton es versäumt hat, nach Exzellenzstrategie, Innovativer Hochschule und Tenure-Track-Programm noch rechtzeitig die Weichen für die Fachhochschulen zu stellen, kann man Wanka anlasten. Allerdings haben auch andere Bildungspolitiker aus Union und SPD lange Zeit auffällig viel über Exzellenzunis und nur gelegentlich mal über die angewandte Wissenschaft gesprochen.

 

Und doch steckt in dem Vorstoß Wankas eine Gelegenheit für die Fachhochschulen. Die Idee, ihnen kein One-Fits-All-Programm vorschreiben zu wollen, sondern ihnen die Freiheit für kreative Eigenschöpfungen zu lassen, kann man als beliebig abkanzeln. Oder als mutig loben, als angemessene Form der politischen Selbstbeschränkung. Die Ministerin hat angekündigt, die Eckpunkte mit den Ländern bis zum Sommer festzuzurren. Wenn ihr das gelänge und sie dabei versprochenen Freiräume im Programm erhielte, könnten die Fachhochschulen ihr am Ende doch noch dankbar sein. Indes: Ziemlich viele Konjunktive in einem Satz. 

 

Dieser Kommentar erschien heute zuerst im ZEITChancen Brief. 

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So sieht also echtes Bedauern aus

Andrej Holm darf doch an der Humboldt-Universität bleiben. Er habe jetzt gezeigt, dass ihm die Sache mit dem Fragebogen wirklich Leid tue, sagt HU-Präsidentin Kunst. Riecht nach Kuhhandel.

ANDREJ HOLM SCHREIBT ein paar Zeilen an die Humboldt-Universität (HU), und plötzlich ist alles wieder gut. "Ich bin mir heute bewusst, dass ich gegenüber der HU falsche Angaben hinsichtlich meiner Tätigkeit für das MfS (Ministerium für Staatssicherheit) gemacht habe", schreibt der entlassene Staatssekretär und bis Freitag früh noch fristlos gekündigte HU-Wissenschaftler. Dies bedaure er – "und ebenso, dies nicht sofort gegenüber der HU zum Ausdruck gebracht zu haben."

Die Reaktion von HU-Präsidentin Sabine Kunst: Sie sehe das Vertrauensverhältnis nun zwar als gestört, aber nicht mehr als vollständig zerstört an und habe daher entschieden, statt einer Kündigung eine Abmahnung auszusprechen.

 

Der unbeteiligte Beobachter reibt sich verwundert die Augen. Wie, und damit soll die Sache jetzt erledigt sein? Warum dann vorher der ganze Aufwand?

 

Nachdem der Stadtsoziologe Holm Anfang Dezember vom neuen rot-rot-grünen Berliner Senat  zum Staatssekretär für Wohnen berufen worden war, hatte seine Stasi-Vergangenheit bundesweite Debatten ausgelöst. Oder vielmehr sein Umgang damit. Denn vor elf Jahren hat Holm, heute 46, einen Uni-Fragebogen ausgefüllt und die Frage, ob er hauptamtlicher Stasi-Mitarbeiter gewesen sei, mit „Nein“ beantwortet. Fakt ist, dass er sich mit 14, das war Mitte der 80er Jahre, zur Stasi-Offizierslaufbahn verpflichtet hatte und am 1. September 1989 seine Ausbildung begann. Am Ende der Grund, warum er als Staatssekretär gehen musste und auch von der HU fristlos gekündigt wurde.

 

Wobei sich, worauf die HU am Freitag hinwies, die Präsidentin eine Hintertür offen gehalten hatte, als sie am 18. Januar "die Beendigung des Arbeitsverhältnisses mit Herrn Dr. Holm" verkündete: In der von der HU damals angeforderten Stellungnahme Holms sei "mit keinem Wort ein Bedauern zu den Falschangaben zu erkennen. Die Falschangaben, das fehlende Bedauern und sein Beharren auf Erinnerungslücken", so Kunst, hätten sie zu der Entscheidung gebracht, das Arbeitsverhältnis zu beenden.

 

Kunsts neue Logik heute: Jetzt ist das Bedauern da, also Schwamm drüber. 

 

Die eigentliche Erklärung, warum plötzlich Versöhnung angesagt ist, dürfte eine andere sein: Die HU-Juristen, davon ist auszugehen, haben zwischenzeitlich die Rechtslage neu bewertet und sind zum selben Ergebnis gekommen, das auch andere Experten öffentlich schon so hatten verlauten lassen: Die Chancen Holms, sich vor Gericht gegen die Kündigung zu wehren, standen ausgezeichnet. Gleichzeitig begann die seit Wochen andauernde Besetzung des Instituts für Sozialwissenschaften durch protestierende Studenten dann doch zu nerven, wie vergangene Woche ein Schriftwechsel zwischen Kunst und den Studenten belegte. Der Ausweg: Der heutige Kuhhandel. Holm bedauert etwas spitzfindig, die HU schaltet auf Umarmung um.

 

Spitzfindig ist Holms Erklärung von gestern, weil er beim genauen Lesen dabei bleibt, sich keiner Schuld bewusst gewesen zu sein, als er den HU-Personalfragen ausfüllte. Falsch ausfüllte, was ihn erst in die Bredouille brachte. Immerhin: Wichtig ist der letzte Satz, in dem Holm versichert, "neben der Grundausbildung und den vor mir geschilderten Tätigkeiten in der Auswertungs- und Kontrollgruppe keine weiteren Aufgabe, weder hauptamtlich noch inoffiziell, für das MfS erledigt zu haben." Übersetzt heißt das: Ich habe wirklich keinem Menschen direkt und persönlich geschadet.

 

Was bleibt, ist ein fader Nachgeschmack. Das Dreiecksverhältnis von Andrej Holm, Humboldt-Universität und Berliner Senat hat einen so großen politisch-wissenschaftlich-moralischen Murks produziert, dass der nun von  Präsidentin Kunst gewählte Ausweg, so durchsichtig er in seiner Motivation sein mag, die womöglich beste (oder am wenigsten schlechte) Lösung ist, die überhaupt noch denkbar war. Belassen wir es dabei und fragen nicht mehr nach. 

 

Eine spannende Fußnote: Werden die protestierenden Studenten jetzt einfach abziehen, oder haben sie Gefallen gefunden an der Besetzung, die viel Medienaufmerksamkeit generierte? Zuletzt klangen ihre Forderungen deutlich grundsätzlicher als das "Holm bleibt!" der ersten Tage.

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"Nun ist es raus"

Gestern hat Bildungsministerin Wanka im Interview ihre Vorstellungen für ein FH-Professorenprogramm skizziert, heute antworten ihr Politiker und Hochschulexperten

Marcus Baumann, Rektor der Fachhochschule Aachen: 

„Die gute Nachricht ist, dass das lang angekündigte Nachwuchsprogramm jetzt konkreter wird. Die schlechte Nachricht ist, dass Ministerin Wanka keine Chance mehr sieht, es noch in dieser Legislaturperiode unter Dach und Fach zu bringen. Und auch eine Aussage zum Programmvolumen fehlt bislang. Bei den Universitäten war es immerhin eine Milliarde für den Nachwuchs." 
>> zum gesamten Beitrag von Marcus Baumann geht es hier entlang.

 

Svenja Schulze, NRW-Wissenschaftsministerin:

"Wenn am Ende einer Legislatur nicht mehr steht als die Beteuerung, die Fachhochschulen seien natürlich besonders wichtig, überzeugt das nicht. Man hätte sich nicht hinter dem Wissenschaftsrat verstecken, sondern mit den Fachhochschulen sprechen und schon ganz konkret handeln können."
>> zum gesamten Beitrag von Svenja Schulze geht es hier entlang.

 

Andreas Keller, stellvertretender GEW-Vorsitzender:

„Nun ist es raus. Das von Bundesbildungsministerin Johanna Wanka angekündigte Fachhochschul-Programm wird vor der Bundestagswahl nicht mehr kommen. Dabei sollten Bund und Länder gerade jetzt mit einem gemeinsamen Programm Impulse für Tenure-Track-Professuren und Mittelbaustellen an Fachhochschulen geben.“

>> zum gesamten Beitrag von Andreas Keller geht es hier entlang.

 

Andreas Zaby, Präsident der HWR Berlin:

"Frau Wankas klare Aussage zur zentralen Position der Fachhochschulen für Deutschlands Innovationskraft ist ermutigend. Eine Ausgestaltung des Programms als flexibler „Instrumentenkasten“, der die Ausrichtung der einzelnen FH berücksichtigt und langfristig angelegt sein soll, kann ich nur begrüßen."
>> zum gesamten Beitrag von Andreas Zaby geht es hier entlang.

 

Kai Gehring, hochschulpolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag:

"Der Eindruck der Fachhochschulen, bei dieser Koalition allenfalls die zweite Geige zu spielen, ist nicht von der Hand zu weisen. Immer augenfälliger werden ihre strukturellen Herausforderungen, vor allem bei der Gewinnung von Professuren. Obwohl der Handlungsbedarf groß und lange bekannt ist, haben weder Ministerin Wanka noch die Koalition aus Union und SPD bislang etwas dagegen unternommen."

>> zum gesamten Beitrag von Kai Gehring geht es hier entlang.

Stefan Kaufmann, CDU-Bundestagsabgeordneter und Ausschuss-Obmann:
"Johanna Wanka liegt absolut richtig, wenn sie ein für die Fachhochschulen passgenaues Bund-Länder-Programm für die Karriereentwicklung und die Gewinnung von Professoren anstrebt. Hierfür eine Art Kreativwettbewerb zu starten, um die besten Instrumente zu entwickeln und zu implementieren, ist aus meiner Sicht ein sehr guter und unterstützenswerter Ansatz."
>> zum gesamten Beitrag Stefan Kaufmann geht es hier entlang.

 

Daniela De Ridder, SPD-Bundestagsabgeordnete und Hochschulexpertin:

"Wer die Strukturprobleme und Personalnöte der Fachhochschulen ernst nimmt, muss ihnen mindestens eine Milliarde Euro für ein mittelfristiges Personal- und Forschungsprogramm zur Verfügung stellen. Schade, dass die Ministerin nun trotz der alarmierenden Empfehlungen des Wissenschaftsrates weiterhin vage bleibt."

>> zum gesamten Beitrag von Daniela De Ridder geht es hier entlang.

Fotonachweis: Ben Reay: "Big Question Mark", CC BY-NC 2.0

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"Johanna Wanka liegt absolut richtig"

Stefan Kaufmann. Foto: DBT/Inga Haar
Stefan Kaufmann. Foto: DBT/Inga Haar

"JOHANNA WANKA LIEGT absolut richtig, wenn sie ein für die Fachhochschulen passgenaues Bund-Länder-Programm für die Karriereentwicklung und die Gewinnung von Professoren anstrebt. Hierfür eine Art Kreativwettbewerb unter den Fachhochschulen zu starten, um die besten Instrumente zu entwickeln und zu implementieren, ist aus meiner Sicht ein sehr guter und unterstützenswerter Ansatz.

 

Fachhochschulen sind in Deutschland ein Garant für Innovationskraft und Ideenvielfalt. Den Fachhochschulen wird dabei sowohl ihre enge Vernetzung mit der schwerpunktmäßig mittelständischen Wirtschaft als auch mit internationalen Partnern ein großer Vorteil sein. Mit der Wirtschaft, die ein bedeutender Akteur für den Erwerb der außerhochschulischen Berufspraxis im Zugang zu einer FH-Professur ist, müssen wir gemeinsam an der Entwicklung eines solchen Förderprogrammes arbeiten.

 

Das Auslaufen des Hochschulpakts ist die perfekte Gelegenheit, dass Bund und Länder in einem nächsten Schritt die Stärkung der Fachhochschulen und der dualen Studiengänge auf die Agenda nehmen. Es gilt, die bisherigen bewährten Programme zur Förderung anwendungsorientierter Forschung an Fachhochschulen und zur Förderung der Fachhochschulen als regionale Innovationspole weiterzuentwickeln, und zwar so, dass sie die Profilbildung der Hochschulen unterstützen, die Exzellenz anwendungsorientierter Forschung stärken und die Einrichtungen in die Lage versetzen, in inhaltlich passenden anderen Forschungsprogrammen erfolgreich zu sein. Klar ist: Wir als Unionsfraktion stehen für eine weitere Stärkung der Fachhochschulen und richten dabei auch ein besonderes Augenmerk auf die Verbesserung ihrer Personalsituation."

 

Stefan Kaufmann, CDU, ist Obmann seiner Fraktion im Bundestagsausschuss für Bildung und Forschung.

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"Die Fachhochschulen brauchen mindestens eine Milliarde."

Daniela De Ridder. Foto: spdfraktion.de
Daniela De Ridder. Foto: spdfraktion.de

„ES IST ERFREULICH, dass Wissenschaftsministerin Wanka erkannt hat, dass für Fachhochschulen und Hochschulen für Angewandte Wissenschaften mehr getan werden muss. Die SPD hat ja das Wissenschaftsministerium unermüdlich auf deren großen finanziellen Nachholbedarf für Personalmanagement, Sicherung von Lehrqualität und Forschung hingewiesen. Daher haben wir auch stets den Ausbau der FH-Forschungsförderung gefordert und das Programm ‚Innovative Hochschule‘  - trotz kleiner Schönheitsfehler – begrüßt.

 

Mit unserem Vorschlag zum Programm der ‚Perspektivprofessuren‘, für das wir zahlreiche Gespräche mit Expertinnen und Kennern aus Hochschulen, Wissenschaftsinstitutionen und Verbänden führen konnten, haben wir Frau Wanka zudem bereits seit einer Weile einen sehr pragmatischen Vorschlag unterbreitet, wie personelle Engpässe, die es ja aus strukturellen und ökonomischen Gründen zweifellos gibt, behoben werden können. Auch haben wir als SPD-Bildungsexpertinnen dazu bereits klare Summen genannt: Wer die Strukturprobleme und Personalnöte der Fachhochschulen ernst nimmt, muss ihnen mindestens eine Milliarde Euro für ein mittelfristiges Personal- und Forschungsprogramm zur Verfügung stellen.

 

Schade, dass die Ministerin nun trotz der alarmierenden Empfehlungen des Wissenschaftsrates weiter vage bleibt. Es liegt nun aber an ihr, sich für deren konkrete Finanzierung stark zu machen und deutlich zu erklären, dass eine produktive Entwicklung der Fachhochschulen nicht zum Nulltarif zu haben ist.“

 

Daniela De Ridder ist die für Fachhochschulen zuständige Berichterstatterin der SPD-Bundestagsfraktion.

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"Nicht hinter dem Wissenschaftsrat verstecken!"

Svenja Schulze. Foto: Dietmar Wadewitz
Svenja Schulze. Foto: Dietmar Wadewitz

"ICH HÄTTE MIR gewünscht, dass ein Signal für die Fachhochschulen viel früher gekommen wäre. Wenn am Ende einer Legislatur nicht mehr steht als die Beteuerung, die Fachhochschulen seien natürlich besonders wichtig, man müsse sich aber genau überlegen, was ihnen hilft, und dass ein Programm sicher nicht mehr in dieser Wahlperiode kommen wird, überzeugt das nicht. Man hätte sich nicht hinter dem Wissenschaftsrat verstecken, sondern mit den Fachhochschulen sprechen und schon ganz konkret handeln können. Wir haben das in NRW mit unserem Nachwuchsprogramm für die Fachhochschulen übrigens getan und machen damit gute Erfahrungen, die ich auch schon in die Gespräche eingebracht habe.

 

Die Behauptung, Fachhochschulen würden nicht strategisch agieren und müssten mehr mit Partnern außerhalb der Hochschule zusammenarbeiten, teile ich so nicht. Sie tun das längst. Die Ankündigung, hier ein eigenes Programm als so etwas wie eine kleine Exzellenzinitiative für Fachhochschulen aufzusetzen, sehe ich skeptisch. Eine bessere Lösung wäre es, neben dem Geld für das Personal die bestehenden Programme für die FH-Forschung deutlich aufzustocken.

 

Besorgt bin ich über die Aussagen zur den Bundesfinanzen für Wissenschaft und Forschung. Hier hätte ich in Zeiten von Milliardenüberschüssen des Bundes mehr Offensive und einen klareren Plan der Wissenschaftsministerin erwartet. Der reine Blick zurück und der Verweis auf die Wichtigkeit andere Politikfelder ist da einfach zu wenig."

Svenja Schulze, SPD, ist nordrhein-westfälische Wissenschaftsministerin.

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"Die Fachhochschulen spielen bei dieser Koalition zweite Geige"

Kai Gehring. Foto: privat
Kai Gehring. Foto: privat

"SEIT VIER MONATEN liegen die Empfehlungen des Wissenschaftsrats zu Personalgewinnung und -entwicklung an Fachhochschulen vor, an der Umsetzung haben weder Ministerin noch Koalition mit Nachdruck gearbeitet. Das steht im krassen Kontrast zur Dynamik bei der Neujustierung des Exzellenzwettbewerbs. Zwischen Imboden-Bericht und dem Go von Kanzlerin und Ministerpräsidenten lagen weniger als sechs Monate. Der Eindruck der Fachhochschulen, bei dieser Koalition allenfalls die zweite Geige zu spielen, ist nicht von der Hand zu weisen.

 

Dabei wächst der Stellenwert der FHs weiter: Sie ziehen immer mehr Studierende an und sind unverzichtbarer Netzwerknoten für eine innovative regionale Wirtschaft. Immer augenfälliger werden ihre strukturellen Herausforderungen, vor allem bei der Gewinnung von Professuren. Obwohl der Handlungsbedarf groß und lange bekannt ist, haben weder Ministerin Wanka noch die Koalition aus Union und SPD bislang etwas dagegen unternommen.

 

Es gibt eine große Vielfalt der Fachhochschulen. Darum ist es richtig, kein „one-fits-all“-Programm zu stricken, sondern es den FHs zu überlassen, was sie für sich aus dem Instrumentenkasten des Wissenschaftsrats benötigen. Ein solcher Ansatz, möglichst offen für unterschiedliche Bedürfnissen von Hochschulen zu sein, verträgt sich aber nicht damit, von vornherein Förderungsmöglichkeiten für den akademischen Mittelbau auszuschließen und hier nur mit den Fingern auf die Länder zu zeigen. Das passt nicht zusammen.“

Kai Gehring ist Sprecher für Hochschule, Wissenschaft und Forschung der grünen Bundestagsfraktion. 

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"Wir brauchen jetzt ein Programm, nicht nach der Bundestagswahl"

Andreas Keller. Foto: GEW
Andreas Keller. Foto: GEW

„NUN IST ES raus. Das von Bundesbildungsministerin Johanna Wanka angekündigte Fachhochschul-Programm wird vor der Bundestagswahl nicht mehr kommen. Dabei bräuchten die Fachhochschulen gerade jetzt Unterstützung.

 

Die Fachhochschulen und Hochschulen für angewandte Wissenschaft haben heute eine deutlich erweiterte Aufgabenstellung, die sich über Lehre und Studium hinaus auf Forschung, Nachwuchsförderung und Wissenstransfer erstreckt. Dafür benötigen sie eine aufgabengerechte Personalstruktur. Dazu gehört zum einen ein akademischer Mittelbau: Qualifizierungsstellen für Doktorandinnen und Doktoranden, Dauerstellen für Daueraufgaben in Forschung, Lehre und Wissenschaftsmanagement.

 

Zum anderen muss die Hochschullehrerlaufbahn erweitert werden. Mit der Etablierung eines Tenure Track ließen sich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Wie an den Universitäten würden die Karrierewege verlässlicher und damit attraktiver. Anders als an den Universitäten ginge es aber nicht darum, eine mit der Habilitation vergleichbare Qualifikation zu erwerben, sondern die erforderliche Erfahrung in der beruflichen Praxis auch parallel zu einer Tätigkeit in Forschung und Lehre erlangen und zugleich wissenschaftlich reflektieren zu können.

 

Aus eigener Kraft werden die Fachhochschulen diese Reform nicht wuppen können. Bund und Länder sollten daher jetzt mit einem gemeinsamen Programm Impulse für Tenure-Track-Professuren und Mittelbaustellen an Fachhochschulen geben.“


Andreas Keller ist stellvertretender Vorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).

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"Ermutigende Aussage"

Andreas Zaby. Foto: HWR
Andreas Zaby. Foto: HWR

"FRAU WANKAS KLARE Aussage zur zentralen Position der Fachhochschulen für Deutschlands Innovationskraft ist ermutigend. In der Tat wird es jedoch immer schwieriger, FH-Professuren zu besetzen, denn die Anforderungen sind wegen der unabdingbaren wissenschaftlichen und berufspraktischen Doppelqualifikation hoch. Die Ankündigung  eines Programms zur Personalgewinnung und –entwicklung an FHs, das sich eng an den Empfehlungen des Wissenschaftsrates orientieren soll, lässt daher hoffen.

 

Eine Ausgestaltung als „Instrumentenkasten“, der hinsichtlich strategischer Ausrichtung der einzelnen FH flexibel ist und langfristig angelegt sein soll, kann ich nur begrüßen. Ein Strategiedefizit von FHs gegenüber Universitäten können wir dagegen nicht bestätigen. Die FHs haben einen klaren Auftrag für ein berufsfeldorientiertes Studium und angewandte Forschung. Sie haben diesen Auftrag über die Jahre strategisch ausdifferenziert – so wurden beispielsweise besondere Schwerpunkte im Dualen Studium, im Innovationstransfer mit regionalen KMU und in der Internationalisierung gesetzt. Die FHs benötigen für die systematische Nachwuchsentwicklung auch endlich eine ernsthafte Anstrengung aller Beteiligten für die Schaffung kooperativer Promotionskollegs mit dezidierter Anwendungsorientierung -  dies sollte im Programm verankert werden. 

 

Eine schnellere Konkretisierung des Programms wäre wünschenswert gewesen, denn das Thema eilt und die Unwägbarkeiten einer möglichen Ausschreibung erst im Sommer 2018 sind hoch. So hilfreich immer neue befristete Programme für unterschiedliche Themen auch sein mögen, muss doch auf die wesentliche Herausforderung hingewiesen werden: es gilt, die Grundfinanzierung aller Hochschulen zu sichern!" 


Andreas Zaby ist Präsident der Hochschule für Wissenschaft und Recht (HWR) Berlin und Vorsitzender des FachhochschulnetzwerksUAS7
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"Die richtigen Instrumente, aber der Finanzrahmen fehlt."

Marcus Baumann
Marcus Baumann

„DIE GUTE NACHRICHT ist, dass das lang angekündigte Nachwuchsprogramm jetzt konkreter wird. Die schlechte Nachricht ist, dass Ministerin Wanka keine Chance mehr sieht, es noch in dieser Legislaturperiode unter Dach und Fach zu bringen. Und auch eine Aussage zum Programmvolumen fehlt bislang. Bei den Universitäten war es immerhin eine Milliarde Euro für den Nachwuchs.

 

Dass Frau Wanka auf die Instrumente zurückgreift, die der Wissenschaftsrat für die Nachwuchsgewinnung an Fachhochschulen empfiehlt, ist sinnvoll und richtig. In Nordrhein-Westfalen haben wir bereits ein Programm in enger Abstimmung von Land und Hochschulen auf die Beine gestellt. Dabei geht es ähnlich wie beim „Tandem-Programm“, das Frau Wanka nennt, um die Praxisqualifizierung in Unternehmen für Promovierte, die so fit gemacht werden für eine mögliche Berufung.

 

Dieses NRW-Programm basiert auf Konzepten, die zuvor in den Hochschulen selbst entwickelt worden sind. Das zeigt, dass der Vorwurf von Frau Wanka ins Leere geht, wir hätten uns als Fachhochschulen bisher zu wenig um Strategieentwicklung gekümmert.

 

Was in ihren Überlegungen fehlt, ist eine wirkliche Stärkung anwendungsbezogener Forschung. Der Hinweis auf die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) geht am Kernproblem vorbei: Es fehlt in Deutschland eine systematische Förderung anwendungsorientierter Forschung. Das ist nicht die Aufgabe der auf Grundlagenforschung ausgerichteten DFG. Ohne eine Stärkung der anwendungsbezogenen Forschung bleibt aber auch das Innovationspotenzial, das Forschung an Fachhochschulen bietet, unausgeschöpft.“

 

Marcus Baumann ist Rektor der FH Aachen und Vorsitzender der Landesrektorenkonferenz der Fachhochschulen NRW.

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"Ich werde kämpfen"

Bundesbildungsministerin Wanka über die Personalsorgen der Fachhochschulen, lange erwarteten Pläne für ein FH-Nachwuchsprogramm und die Zukunft der Hochschulfinanzierung. Ein Interview.

Johanna Wanka, CDU
Johanna Wanka, CDU

Das Milliarden-Nachwuchsprogramm für die Universitäten läuft längst, während das Pendant, das den Fachhochschulen versprochen wurde, bislang nicht mal auf dem Papier steht. Gehen die Fachhochschulen wieder leer aus?

Es stimmt nicht, dass die Fachhochschulen nichts erhalten haben. Die Bundesregierung hat, teilweise zusammen mit den Ländern, eine Reihe bemerkenswerter Initiativen auf den Weg gebracht, von FH-Impuls über die Lernlabore Cybersicherheit bis zum Wettbewerb „Innovative Hochschule“, von dem die Fachhochschulen besonders profitieren. Was richtig ist: Das Tenure-Track-Programm für Universitäten haben wir schneller starten können, weil die Empfehlungen des Wissenschaftsrats (WR) zu Karrierezielen und ‑wegen an Universitäten bereits vorlagen, während wir bei den Fachhochschulen die Empfehlungen des Wissenschaftsrats zur Personalgewinnung und -entwicklung abwarten wollten.

Bei den Fachhochschulen kommt an, dass sie mal wieder zweite Geige spielen.

 

Das sehe ich anders. Die Fachhochschulen haben eine zentrale Position für Deutschlands Innovationskraft, was Sie schon daran ablesen können, dass sie mehr als die Hälfte der Ingenieure ausbilden. Genau das ist aber auch der Grund, warum wir uns genau überlegen müssen, wie wir ein neues Programm aufsetzen. Es muss zu den Fachhochschulen passen. Und auch wenn das Ziel das gleiche ist – neue Karrierewege zur Professur erproben und etablieren, die Personalstrategien stärken – es wird ganz anders aussehen als an den Universitäten.

Was heißt das konkret?

An den Universitäten arbeiten wir mit einem Modell für alle: Tenure Track, der transparente und rechtssichere Weg in eine Professur hinein. Mein Angebot an die Länder in Bezug auf die Fachhochschulen lautet anders: Lasst uns die WR-Empfehlungen nehmen und aus den vorgeschlagenen Maßnahmen einen Instrumentenkasten entwickeln. Also nicht das eine Modell für alle, sondern durchaus Vielfalt mit einer gewissen Offenheit für neue Ideen. Und die Fachhochschulen entscheiden selbst, welche Instrumente besonders gut zu ihnen und ihrem jeweiligem Fächerspektrum passen.

Von welchen „Instrumenten“ sprechen Sie?

 

Der WR beschreibt sie in erfreulicher Klarheit. Lassen Sie mich mal zwei herausgreifen. Zum einen die Schwerpunktprofessuren, also die Möglichkeit, befristet und leistungsorientiert ein verringertes Lehrdeputat zu erhalten. Etwa um mehr Zeit für die Forschung zu haben, um Lehrinnovationen zu entwickeln oder um neue Kooperationen mit der Wirtschaft aufzubauen. Das zweite Beispiel: Will eine Fachhochschule Spitzenkräfte aus der Wirtschaft rekrutieren, die unsicher sind, ob eine Karriere als Professor für sie in Frage kommt, könnte sie ihnen eine Teilzeitprofessur anbieten mit der Option, später auf Vollzeit zu gehen. Es könnten aber auch Personen gewonnen werden, die nach ihrer Promotion zwar in die Wirtschaft gegangen sind, aber noch nicht genügend Berufspraxis für eine Fachhochschulprofessur nachweisen können. Diese Personen können mit einem Teil ihrer Arbeitszeit in Aufgaben von Fachhochschulen eingebunden und später für eine Professur gewonnen werden. Der Wissenschaftsrat hat dies „Tandem-Programm“ genannt. Voraussetzung ist immer, dass die Fachhochschule in ihrem Antrag überzeugend darlegt, warum ein solches Instrument besonders gut zu ihr passt und welche Gesamtstrategie sie damit verbindet.

 

Und was ist, wenn sie eine Idee hat, die in Ihrem Instrumentenkasten nicht vorkommt?

 

Wir werden das mit den Ländern besprechen, aber ich könnte mir vorstellen, in einer Ausschreibung eine Fördermöglichkeit für besondere Ideen zu öffnen. Das ist ja das Reizvolle an einem solchen Wettbewerb: Wir wollen die Kreativität der Fachhochschulen fördern, neue Wege der Personalgewinnung zu gehen. Wir wollen vor allem die Fachhochschulen ermutigen, strategischer zu agieren als bislang, auch mit Partnern außerhalb der Fachhochschule.

Klingt so, als wären Sie beim Tenure-Track-Programm, das ebenfalls Personalentwicklungsstrategien fordert, erst richtig auf den Geschmack gekommen.

 

In der Tat ist das extrem spannend. Das Ziel mag ähnlich klingen, aber Ausgangslage und Bedarfe sind jeweils andere. Die Fachhochschulen müssen sich fragen: Was ist ihr Konzept, was ist die zugrundeliegende Philosophie? Wenn wir ehrlich sind, ist die Strategieentwicklung an den Fachhochschulen insgesamt noch nicht so ausgeprägt wie an den Universitäten, bei denen durch die Exzellenzinitiative viel in Bewegung gekommen ist.

 

Ist das der Grund, warum viele Fachhochschulen Probleme haben, ihre Professorenstellen zu besetzen? Weil sie keinen Plan haben?

Nein, die Ursachen sind andere. Für die Fachhochschulen ist es schwierig, die besten Leute zu gewinnen, wenn gleichzeitig die Wirtschaft boomt und die Unternehmen attraktivere Gehälter zahlen. Da reicht es nicht, an die intrinsische Motivation zu appellieren oder auf die besonderen Freuden hinzuweisen, mit jungen Leuten arbeiten zu können. Genau deshalb ist es so zentral, dass eine Hochschule klar signalisiert, wofür sie inhaltlich steht und welche Entwicklungsperspektiven sie ihren Professoren bietet. Und dafür brauchen Fachhochschulen ein strategisches Konzept, dass gezielt auf die jeweiligen Bedürfnisse zugeschnitten ist. Ich könnte mir vorstellen, dass wir genau dabei helfen können. 

 

Während Sie auf die Bedeutung der Antragskonzepte schwören, wollen einige Länder beim Tenure-Track-Programm die Mittel am liebsten proportional an alle Universitäten weitergeben, nach dem Motto: Wenn eure Strategie in der ersten Antragsrunde durchfällt, müsst ihr eben nachbessern, bis es passt.

 

Das widerspräche der Philosophie des Wettbewerbs. Es geht um eine Verteilung der Stellen auf die, die damit am besten umgehen und am meisten mit dem Geld erreichen, und das erwarten wir auch von den Ländern.

Können die Fachhochschulen in ihren Konzepten auch die Förderung des Mittelbaus berücksichtigen?

Nein. Auch im Tenure Track-Programm werden nur Professuren gefördert, kein Mittelbau.

Dabei beklagen viele Fachhochschulen, genau dort hätten sie den größten Mangel, auch deshalb seien viele Professorenstellen so unattraktiv.  

Das ist mir bewusst, und ich nehme solche Berichte ernst. Allerdings ist das die Zuständigkeit der Länder und muss es bleiben. >>


GEMISCHTE REAKTIONEN:

WAS HOCHSCHULEXPERTEN UND POLITIKER AUS BUND UND LÄNDERN VON WANKAS PLÄNEN HALTEN, LESEN SIE HIER. 


>> Eine Aussage, die dem Mangel der Fachhochschulen nicht abhelfen wird.

 

Allein mit der Förderung des Mittelbaus lassen sich eben gerade nicht die Probleme bei der Besetzung von Professuren aller Fachhochschulen beheben! Das bestätigt der Wissenschaftsrat. Ich möchte an dieser Stelle auch die Fachhochschulen selbst in die Pflicht nehmen. Es gibt ja nicht nur die Bund-Länder-Programme. Es gibt zum Beispiel auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) mit ihren Fördertöpfen.

 

Von denen die Fachhochschulen sagen, die DFG lasse sie nicht ran.

 

Wenn ich mir anschaue, dass der Anteil der DFG-Mittel, die an die Fachhochschulen geht, im Promillebereich liegt, kann ich den Frust sogar verstehen. Andererseits hat sich die DFG, auch auf meine Bitte hin, ein Stück weit geöffnet. Die Fachhochschulen müssen sich die Anträge jetzt auch zutrauen. Worin ich mit DFG-Präsident Peter Strohschneider übrigens komplett einig bin: Ein Extra-DFG-Programm für Fachhochschulen, so eine Art Nische, wird es nicht geben.  

Zurück zu Ihrem aktuellen Vorschlag. Sie reden von einem Wettbewerb, genauso wie beim Tenure-Track-Programm. Wird auch das Volumen ähnlich?

 

Dazu kann ich zum jetzigen Zeitpunkt nichts sagen. Die nötige Bund-Länder-Vereinbarung wird mit Sicherheit nicht mehr vor der Bundestagswahl abgeschlossen werden.

 

Und die Fachhochschulen werden sagen: Typisch. Für uns ist kein einziger Euro eingeplant, und falls das Programm doch irgendwann kommt, fällt es viel kleiner aus als bei den Universitäten.

Bis zum Sommer möchte ich mit den Ländern im Kern einig sein, damit die Fachhochschulen eine Peilung haben. Ob die Ausschreibung im Frühjahr oder Sommer 2018 folgt, spielt dann keine große Rolle mehr.

Bei dem Programm „Innovative Hochschule“, das viele als Trostpflaster für die Fachhochschulen betrachten, liegt der Faktor bei 1 zu 10 im Verhältnis zum Finanzvolumen der Exzellenzstrategie.

 

Der Vergleich hinkt, da werden Äpfel mit Birnen verglichen. Ich stelle mir ein langfristiges Programm vor, denn es muss einen dauerhaften Effekt haben. Von mir aus gern länger als fünf Jahre, doch darüber müssen wir jetzt mit den Ländern reden, denn sie müssen die Nachhaltigkeit sicherstellen.

 

Apropos Nachhaltigkeit. Kanzlerin Merkel hat jüngst die Wissenschaft darauf eingestimmt, dass sich angesichts der internationalen Krisen der Fokus der Politik verschiebt: in Richtung Verteidigung und innere Sicherheit. Allein für den Verteidigungshaushalt sind mittelfristig 20 Milliarden Euro mehr pro Jahr im Gespräch. Worauf müssen sich die Hochschulen einstellen?

Wir haben auf Bundesebene zwölf Jahre großartiger Zuwächse für Bildung und Forschung hinter uns. Allerdings müssen wir akzeptieren, dass es in anderen Politikfeldern neue Bedarfe gibt, übrigens auch im Bereich Entwicklungszusammenarbeit, was ausdrücklich sinnvoll ist. Trotzdem glaube ich, dass die Wissenschaft sehr gute Argumente hat, auch künftig angemessen Berücksichtigung zu finden. Wenn wir auch in 10, 15 Jahren noch in der Lage sein wollen, Geld auszugeben, brauchen wir eine starke Wirtschaft, die auf unserer Innovationskraft beruht. Und dafür sind Forschung und Wissenschaft zuständig.

 

Aber die Zeit der großen Sprünge ist vorbei?

Bildung, Wissenschaft und Forschung haben bei der Bundesregierung seit Jahren eindeutig Priorität. Wir müssen uns weiter anstrengen, das ist wichtig für Deutschland. Um die Mittel dafür werde ich kämpfen.

Fotonachweis: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung/Steffen Kugler.

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Da geht noch mehr

Gestern hat der Senat die neue US-Bildungsministerin Betsy DeVos ins Amt gehievt. Aber wie! Ein Hoffnungszeichen für die nächsten Monate.

Demonstration gegen DeVos in Washington
Demonstration gegen DeVos in Washington

DIE NEUE US-BILDUNGSMINISTERIN Betsy DeVos ist im Senat nur dank der Stimme von Vizepräsident Mike Pence bestätigt worden. Eigentlich, so sieht es die amerikanische Verfassung vor, darf der Vizepräsident, der zugleich Vorsitzender des Senats ist, gar nicht mitstimmen. Nur bei einem Patt – 50 Senatoren sagen ja, 50 sagen nein – gibt er den Ausschlag.

 

Liest man heute die Tageszeitungen, scheint hierin schon die nächste Unerhörtheit der Trump-Regierung zu bestehen. Nach Angaben von Senatsmitarbeitern sei es das erste Mal gewesen, dass bei Abstimmungen über einen Kabinettskandidaten auf diese Weise eine Entscheidung herbeigeführt wurde, schreibt etwa der Tagesspiegel.

 

Was die Bestätigung von DeVos zwar besonders, aber keineswegs verfassungswidrig macht. Zumal es bei knappen Abstimmungen in der Vergangenheit immer wieder vorgekommen ist, dass der Vizepräsident entscheidet. Juristisch gesehen also alles okay.

 

Auch sonst stimmen die Umstände, wie DeVos ins Amt gekommen ist, eher hoffnungsvoll. Die Republikaner verfügen nach der Wahl im November über 52 Sitze, die Demokraten nur über 46 (hinzu kommen zwei Unabhängige). Zwei Republikaner haben gegen also DeVos gestimmt. Und die Opposition, was im US-System auch nicht immer der Fall ist, geschlossen gegen sie.

 

Warum das wichtig ist? Weil die Auseinandersetzung um die Unabhängigkeit und den Stellenwert von Bildung und Forschung in den USA in den nächsten Wochen und Monaten zu einer, womöglich zu DER Kernfrage werden wird, an der sich die Zukunft der amerikanischen Demokratie erweist.

Verfassungsrechtlich ist zwar wiederum nichts dagegen einzuwenden, wenn ein US-Präsident seine ihm zustehende Macht nutzt, um einen offenen Evolutionsleugner (Pence) zum Vizepräsidenten zu machen. Oder einen Gegner von Stammzellenforschung (Tom Price) zum Gesundheitsminister. Oder als Chef des Umweltbundesamtes den Juristen Scott Pruitt nominiert, der den menschlichen Einfluss auf den Klimawandel bestritten hat und als Generalstaatsanwalt von Oklahoma gegen das EPA vor Gericht zog. Ebenso wenig verstößt es gegen die rechtsstaatliche Ordnung, wenn Trump eine Milliardärin, die das öffentliche Bildungswesen privatisieren will, zur Bildungsministerin macht.

 

Doch, wie sich immer stärker abzeichnet, wird sich die Zukunft der einstigen Vorzeigedemokratie nicht an der Beachtung von Paragraphen entscheiden, sondern an dem Geist, der damit – ganz legal – an den Schaltstellen der Gesellschaft sitzt. Die einzigen gesellschaftlichen Kräfte, die nachhaltig gegen Engstirnigkeit und für Offenheit im Denken wirken können, sind – nein, nicht die Medien: Es sind Bildung und Forschung, die der Gesellschaft, auch den Medien, erst den Inhalt liefern, den Stoff für die Diskurse, die in den nächsten Monaten zu führen sein werden.

 

Wenn schon zu Beginn der Trump-Präsidentschaft keine Senatsmehrheit zu organisieren ist für seine Bildungsministerin, die den aus Sicht des Präsidenten so entscheidenden Kampf gegen Bildung und Forschung organisieren soll, wenn sogar Republikaner sie ablehnen, dann ist das ein Zeichen an die Professoren und Lehrer im Land, an die intellektuelle Elite. Letzteres im Übrigen ein Begriff, den Trump so lautstark als Feindbild pflegt, obwohl er in Wahrheit nichts Anderes tut, als ständig Eliten – seine Eliten – zu fördern. Es ist ein Zeichen an die intellektuelle Elite, die Meinungsführerschaft nicht aufzugeben, sondern sie umso stärker zu suchen. Denn wenn die DeVos-Bestätigung im Senat eines gezeigt hat, dann dieses: Da geht noch mehr.

Fotonachweis: Ted Eytan: "2017.01.29 Oppose Betsy DeVos Protest, Washington, CD USA 00241", CC BY-SA 2.0  

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Der Kampf ums Kleingedruckte

Ohne die so genannte Musterrechtsverordnung ist der Staatsvertrag zur Akkreditierung kaum mehr als eine nette Willensbekundung. Gegner und Befürworter der Reform bringen sich ein letztes Mal in Stellung.

Foto: Amador Loureiro
Foto: Amador Loureiro

LANGE NICHTS MEHR von der Akkreditierung gehört? Wir erinnern uns: Kurz vor Weihnachten hatten sich die Kultusminister nach monatelangem Tauziehen auf einen Staatsvertrag geeinigt, der die externe Begutachtung von Studiengängen auf eine neue, juristisch einwandfreie Grundlage stellen soll.

Doch damit haben die 16 Ressortchefs die Hausaufgaben, zu der sie das Bundesverfassungsgericht vor genau einem Jahr verdonnert hatte, nur teilweise erledigt. Was noch fehlt, ist die so genannte Musterrechtsverordnung, eine in unserer (ich formuliere mal positiv) föderalen Bildungsvielfalt entscheidende Form des Kleingedruckten. Und die muss vorliegen, bevor der Staatsvertrag in Kraft tritt, was laut Verfassungsgericht spätestens am 31. Dezember 2017 sein muss. Noch reichlich Gelegenheit also zum Geschubse hinter den Kulissen. 

 

Damit wir uns nicht falsch verstehen: So eine Musterrechtsverordnung ist keineswegs verpflichtend, im Gegenteil: Theoretisch darf jedes Land separat definieren, wie es den Staatsvertrag in konkrete Anwendungsregeln umzusetzen gedenkt. Allerdings könnte man sich dann die ganze Mühe eigentlich auch gleich sparen, wenn 16 unterschiedliche Auslegungen nebeneinander stünden.

 

Was sicher nicht so kommen wird. Denkbar ist allerdings, dass es am Ende 15 gleichlautende und eine abweichende Verordnung geben könnte. Mecklenburg-Vorpommerns neuer Bildungsministerin Birgit Hesse, die sich bei der Abstimmung um den Staatsvertrag enthalten (und dadurch dessen Zustandekommen überhaupt erst ermöglicht) hat, sitzt weiter ihr Vorgänger Matthias Brodkorb im Nacken. Und das gleich zweifach: einerseits als ihr Finanzminister, andererseits als Essayschreiber, der demonstrativ weiter in der Wissenschaftspolitik mitmischt. Erst vergangene Woche hat Brodkorb in der FAZ den zugegebenermaßen skurrilen Fall zweier Wissenschaftler aufgespießt, die erfolgreich eine satirische Fälschung als Beitrag in einer sonderpädagogischen Fachzeitschrift eingereicht haben. Und auch in Sachen Akkreditierung, so ist aus Hesses Ministerium zu hören, soll der studierte Philosoph im Hintergrund weiter kräftig die Strippen ziehen. Wozu er sich vermutlich schon moralisch verpflichtet fühlt, wurde er doch im Dezember für seinen Widerstand gegen das „Akkreditierungsunwesen“ per Akklamation vom Deutschen Hochschulverband (DHV) zum „Wissenschaftsminister des Jahres“ ausgerufen. Da war übrigens auch schon Finanzminister.

 

Stimmte seine Nachfolgerin Birgit Hesse trotzdem mit ihren 15 Kultusministerkollegen der Musterrechtsverordnung zu, es wäre die endgültige, die mutige Emanzipation von Brodkorb – und zugleich ein Affront gegen einen Mann, der die Bezeichnung „Besserwisser“ nicht zwangsläufig als Beleidigung auffasst. Denn der wünschte sich schon beim Staatsvertrag ein Nein Mecklenburg-Vorpommerns als Fanal gegen die vermeintliche Regelungswut und Gleichmacherei der Kultusministerkonferenz, die es, so Brodkorb, vor allem auf die verbliebenen Diplomstudiengänge abgesehen habe. >>



>> So platt und selbstgerecht die Kritik an der Akkreditierung in den vergangenen zwölf Monaten zum Teil ausgefallen ist (Stichwort „Heidelberger Aufruf“), so berechtigt sind die Forderungen nach Transparenz und Handhabbarkeit der Begutachtungsverfahren – und nach einer regelmäßigen Evaluation der Regelungen. Besonders aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang die Analyse zweier Professoren aus Jena, die schon die von 50 Kollegen mitunterzeichnete „Jenaer Erklärung zur Akkreditierung“ verfasst hatten. Sie haben ihre Bestandsaufnahme aktualisiert, ergänzt und mit einem neuen Fazit versehen.

 

Bislang, schreiben Klaus Watzka und Matthias Stoetzer von der Ernst-Abbe-Hochschule, reduziere sich die Qualitätsprüfung auf eine „Dokumentationsqualität“, die „unabhängig von der realen Ergebnisqualität in den bürokratischen Prozessen ein Eigenleben“ führe. Nur durch wolkige Unbestimmtheit der beschworenen Qualitätssicherung lasse sich die Illusion aufrechterhalten, man habe sich, über formale Aspekte oder Allgemeinplätze hinaus, auf Qualitätskriterien geeinigt und könne diese überprüfen. Die zwei Betriebswirte fordern, zunächst gemeinsam mit Studenten, Professoren und, wobei sie selbst etwas wolkig unterwegs sind, mit der „Öffentlichkeit“ konsensfähige Kriterien für die regelmäßige Evaluation der Akkreditierung zu finden: „Um die mühevolle Auseinandersetzung mit der Frage, was denn nun hinreichend genau überprüfbare Qualitätskriterien für eine „gute“ Hochschulausbildung sind, kommt man dabei nicht herum. Ohne ihre hinreichend schlüssige Beantwortung ist eine sinnhafte Akkreditierung schlichtweg nicht möglich.“

 

Der Zeitpunkt für eine solche Bestandsaufnahme ist nicht nur angesichts des vom Verfassungsgerichts verursachten juristischen Gefrickels günstig. Denn gleichzeitig verschiebt sich die Akkreditierungspraxis merklich von der Programm- zur Systemakkreditierung. Sprich: Anstatt Studiengang für Studiengang durchleuchten zu lassen, können die Hochschulen sich mit ihrem hauseigenen Qualitätssicherungssystemen um die Akkreditierung bewerben. Erhalten sie das Gütesiegel, dürfen sie im Anschluss fünf Jahre lang eigenständig die externen Begutachtungen organisieren und ihre Studiengänge selbst für gut befinden. Sind die Kriterien und Verfahren dafür nicht eindeutig definiert, drohe hier die Verbrüderung befreundeter Hochschulen, warnen Experten. Am Ende, so ihre Befürchtung, bestätigen sich die Fachbereiche dann gegenseitig per Gutachten, wie qualitativ hochwertig sie doch seien.

 

Ziemlich viele Erwartungen für ein bisschen Kleingedrucktes. Und zum Glück noch ziemlich viel Zeit. Denn erstmal muss der mühsam ausgehandelte Akkreditierungsvertrag selbst weitere (womöglich nicht nur) formaljuristische Hürden nehmen: Die Finanzministerkonferenz muss ihr Okay geben, danach die Chefs der 16 Staatskanzleien, bevor, voraussichtlich bei ihrer Junisitzung), die Ministerpräsidenten den Vertrag unterschreiben. Offiziell kann die Arbeit an der Musterrechtsverordnung erst danach beginnen. Tatsächlich aber sollten die KMK-Chefs genau jetzt die Gelegenheit nutzen, sich von den Jenaern und anderen konstruktiven Bedenkenträgern zum schlauen Formulieren anregen zu lassen. Schräge Zwischentöne in Brodkorbscher Tradition können sie dabei getrost ignorieren. 

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"Den Begriff zurückerobern"

Warum der Philosophische Fakultätentag das Bologna-Reizwort "Kompetenz" plötzlich gut findet. Ein Interview.

Tassilo Schmitt (Foto: privat)
Tassilo Schmitt (Foto: privat)

Herr Schmitt, ich bin überrascht. Jahrelang hat der Philosophische Fakultätentag, dessen Vorsitzender Sie sind, gegen die Bologna-Reform und den von ihr geprägten „Kompetenzbegriff“ gewettert, und jetzt veröffentlichen Sie eine Stellungnahme, in der Überschriften wie diese stehen: „Der Vorzug der Kompetenzorientierung“. Was ist denn da passiert?

Moment mal, wir hatten nie etwas gegen Kompetenz als Studienziel, sondern wir haben uns nur gegen die Art gewehrt, wie das Wort uns Geisteswissenschaftlern ständig vorgehalten wurde. Besonders häufig in Akkreditierungsverfahren, wenn uns erzählt wurde, wir hätten nicht begriffen, was ein für Studierende angemessenes Studium ausmacht. Aber Sie haben schon auch Recht: Dadurch ist „Kompetenz“, überspitzt gesagt, für viele allmählich zu einem Feindbegriff geworden. Und das wollten wir endlich ändern. Wir wollen zeigen, dass und wie gut wir die mit Kompetenz beschriebenen Ziele erreichen, und uns so den Begriff zurückerobern, wenn Sie so wollen.

Es geht also um einen Kampf um die Deutungshoheit?


Es geht darum, aus der Defensive zu kommen. Zu sagen: Nicht wir haben missverstanden, was Kompetenzorientierung im Studium bedeutet, sondern die Technokraten, die uns so lange mit absurden Vorstellungen traktiert haben. Dass unsere Stellungnahme nicht vom Philosophischen Fakultätentag allein, sondern auch von den beiden Theologischen und vom Allgemeinen Fakultätentag gemeinsam erarbeitet und dann beschlossen wurde, zeigt, wie ernst wir es meinen.

Nun mal Butter bei die Fische. Was bedeutet  Kompetenzorientierung für Sie?

Wenn Bologna Berufsorientierung als Studienziel und –inhalt einfordert, ist das erst einmal unschuldig und wird erst dann zum Problem, wenn als Konsequenz alle möglichen Gegenstände, die mit unseren Fächern überhaupt nichts zu tun haben, in die Studiengänge gestopft werden sollen. Am liebsten noch, um Versäumnisse der Schulen auszugleichen. Und da sagen wir: Stopp. Das ist nicht Kompetenzorientierung. Nach unserem Verständnis bereiten wir unsere Studenten am besten auf ihr Berufsleben vor, wenn wir ihnen ein angemessenes Verständnis von Bildung vermitteln. Indem wir ihnen helfen, in Auseinandersetzung mit den Gegenständen unserer Fächer ihr Problembewusstsein zu trainieren sowie selbstbewusst und reflektiert unbekannte Herausforderungen meistern zu können. Als wir so darüber diskutiert haben, haben wir gesehen: Womöglich ist Kompetenz im Wesentlichen nur eine moderne Fassung dessen, was man immer als Bildung verstanden hat.

 

Kompetenz gleich Bildung: Ist das nicht ein bisschen simpel?


Das, was bislang oft in Akkreditierungsverfahren daraus gemacht worden ist, das war simpel. Nehmen wir diese Houses of Competences, die überall entstanden sind und in denen die Studierenden dann lernen sollen, wie sie richtig Präsentationen halten und Hausarbeiten schreiben. Mein Gott, ich lerne doch nicht schwimmen, indem ich in der Turnhalle Schwimmbewegungen mache. Das geht nur im Wasser, das geht nur am echten Gegenstand.

 

Solche Kompetenzzentren sind also überflüssig?

Zumindest für die Geisteswissenschaften, für andere Fächer kann ich das nicht beurteilen. Andererseits: Auch der Allgemeine Fakultätentag hat unser Positionspapier unterschrieben, und da sitzen auch die Mathematiker drin, die Naturwissenschaftler und Ingenieure.

 

Bleiben wir mal beim Beispiel Präsentieren. Wollen Sie etwa Ihren Studenten selbst Powerpoint beibringen?

Es ist nicht die Aufgabe eines Professors, die letzten Neuerungen bei Powerpoint zu kennen. Allerdings gehört es in den Geisteswissenschaften selbstverständlich zu den Kernkompetenzen, sprachlich und sachlich angemessen und strukturiert einen Vortrag halten zu können.

Wenn Sie also bei einem Studenten merken, der kann das nicht, dessen Referat geht in die Hose, dann greifen Sie ein?

Aber natürlich. Dann werde ich danach auf den Studenten zugehen und kommentieren, aber auch fragen, was aus seiner Sicht schiefgelaufen ist und was ihm fehlt, um es besser hinzubekommen. Aber das muss immer am Gegenstand passieren, am Thema des Seminars. Ich mache als Professor die meisten meiner Tutorien selbst. Es bricht einem kein Zacken aus der Krone, wenn man sich als Hochschullehrer immer wieder damit konfrontiert, welche Voraussetzungen die Studenten mitbringen. Wenn ein Student nicht faul ist, sich anstrengt und trotzdem Unsinn präsentiert, dann ist es meine Pflicht dem nachzugehen und ihm zu helfen, dass er am Ende möglichst keinen Unsinn mehr vorträgt.

 

Ihr Engagement in Ehren: Angesichts Tausender überflüssiger und mies gestalteter Referate, die jeden Tag in Seminaren gehalten werden, glaube ich nicht, dass die meisten Ihrer Kollegen sich dieselbe Mühe machen.

 

Sicherlich gibt es Kollegen, die da stärker engagiert sind als andere. Auch weil die Talente unterschiedlich verteilt sind. Und mir liegt es fern, anderen etwas vorschreiben zu wollen. Aber kein Student studiert doch nur bei einem Professor, insofern wird er auf Dozenten treffen, die besser zu seinen Voraussetzungen und Erwartungen passen oder eben nicht so gut. Unterschiede gibt es doch auch bei den Studenten: Ich muss als Professor erstmal rauskriegen, ob das einer ist, der eine stärkere Anleitung braucht, oder ob ich ihn lieber in Ruhe arbeiten lasse.

 

Glauben Sie wirklich, dass auch viele andere Professoren so denken?

Viel mehr, als man gemeinhin glaubt. Darüber zu reden, was der Kompetenzbegriff, wie wir ihn umschreiben, für das Selbstverständnis von uns Hochschullehrern bedeutet, das ist der nächste Schritt, den wir uns vorgenommen haben. Wir wollen auch darüber nachdenken, welche Konsequenzen sich für die Gestaltung von Studiengängen ableiten – gerade und erst recht, wenn die nächste Runde in der Akkreditierung ansteht.

 

Ist das der Kern? Die Kehrtwende in Sachen Kompetenzbegriff als eine Selbstermächtigung für die nächsten Schlachten um die Studiengangsgestaltung?

 

Genau das nicht. Wir wollen und wir müssen weg von vor allem konfrontativem Denken. Ein richtig verstandener Kompetenzbegriff ist weder eine Zumutung noch eignet er sich dazu, Professoren zu gängeln. Er impliziert vielmehr den doch eigentlich selbstverständlichen Anspruch an Dozenten und Studenten, für die Bildung Verantwortung zu übernehmen. Das ist keine Kehrtwende. Wir stellen einfach das, was uns besonders wichtig ist, den Bildungskern unserer Wissenschaft, selbstbewusst in den Vordergrund der Kompetenzdebatte. Insofern ist unsere Resolution auch ein Aufruf nach innen, an unsere Kollegen: Geht offensiv mit dem um, was Eure Fachlichkeit ausmacht. Ihr wisst doch genau, was Kompetenz ist. Und lasst euch das von niemandem ausreden.

Tassilo Schmitt, 55, ist Althistoriker, Professor an der Universität Bremen und Vorsitzender des Philosophischen Fakultätentages.