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Bildungsbild der Woche

Haupteingang der Universität von Istanbul

Stambouliote: "Istanbul Üniversitesi.JPG", CC-BY-SA-3.0


Künftig nur noch alle acht Jahre

Die Kultusministerkonferenz will die Akkreditierungszeiträume verlängern. Was noch in der fast fertigen Musterrechtsverordnung steht –und worüber sich die Ministerien aktuell streiten

Foto: evondue
Foto: evondue

LANGE WAR ES STILL um die Zukunft der Akkreditierung – zu still, fanden viele, denn unterdessen verhandelten die Wissenschaftsministerien das Kleingedruckte. Jetzt haben die Ministerialbeamten die Arbeit an der sogenannten „Musterrechtsverordnung“ fast beendet, und die Kultusministerkonferenz (KMK) hat sich zu einem erfreulichen Schritt entschlossen: Bevor sie die gut zwei Dutzend Seiten beschließt, will sie den Entwurf nochmal in eine „schriftliche Anhörung“ geben. Also nicht die Maximaltransparenz wie bei der Strategie zur „Bildung in der digitalen Welt“, die die KMK vorab online zur Diskussion gestellt hatte, aber immerhin sollen „alle relevanten Stakeholder“ die Möglichkeit zur Stellungnahme erhalten.

 

Diese Stakeholder sind laut KMK: die Hochschulrektorenkonferenz (HRK), die Arbeitgeber und die Gewerkschaften, die Studierenden, die Sprecher der Agenturen, der Akkreditierungsrat, die Berufsakademien, der Verband der Privaten Hochschulen und, wegen der kirchlichen Abschlüsse, die Kirchen. Wie hoch der Termindruck mittlerweile ist, zeigt, dass die Kultusminister gerade 14 Tage für die schriftlichen Rückmeldungen einräumen wollen.

 

Was aber steht nun drin im Entwurf der Musterrechtsverordnung? Ein paar Schlaglichter vorab: Die Akkreditierungszeiträume werden auf acht Jahre gestreckt, die Hochschulen sollen Lehrverfassungen beschließen, und neben Programm- und Systemakkreditierung kann es künftig „alternative Verfahren“ geben. 

 

Ein paar Details: 

 

o Hochschulen, die ihr Qualitätsmanagementsystem akkreditiert bekommen wollen, müssen künftig eine "Lehrverfassung" vorweisen können. Mit dieser Forderung setzen die Kultusminister eine Empfehlung des Wissenschaftsrats um. Die Lehrverfassungen müssen sich in den Studiengängen widerspiegeln. Weiter heißt es in der Musterrechtsverordnung: „Das Qualitätsmanagementsystem ist integraler Bestandteil der Gesamtstrategie zur Umsetzung der Lehrverfassung und zielt darauf ab, die Studienqualität kontinuierlich zu verbessern.“ 

 

o Hervorgehoben wird im Entwurf die Bedeutung eines kontinuierlichen Studiengangsmonitorings und einer vernünftigen Statistik: „Die für die Umsetzung der Lehrverfassung erforderlichen Daten werden hochschulweit und regelmäßig erhoben.“

 

o Die Agenturen sind im Akkreditierungsverfahren künftig für die Begutachtung der formalen Kriterien zuständig. Ihr Bericht geht an die Gutachter, die wiederum die fachlich-inhaltlichen Kriterien prüfen. 

 

o Bei der Formulierung der fachlichen und wissenschaftlichen Anforderungen nimmt der Entwurf der Musterrechtsverordnung Anleihen beim Qualifikationsrahmen für deutsche Hochschulabschlüsse und nennt die Aspekte "Wissen und Verstehen" (Wissensverbreiterung, Wissensvertiefung und Wissensverständnis), "Einsatz, Anwendung und Erzeugung von Wissen" (Nutzung und Transfer, wissenschaftliche Innovation) sowie "Kommunikation und Kooperation" und "wissenschaftliches Selbstverständnis / Professionalität".

 

o Einem Gutachtergremium gehören bei einer Programmakkreditierung mindestens vier „fachlich nahestehende“ Personen an: zwei Hochschullehrer, ein/e Vertreterin aus der beruflichen Praxis und ein/e Student/in.  Bei Systemakkreditierungen steigt die Mindestzahl auf fünf Gutachter, davon mindestens drei Professoren. Und in jedem Fall verfügen die Hochschullehrer über die Mehrheit der Stimmen. Das Gutachten geht dann an den Akkreditierungsrat, der die Akkreditierungsentscheidung trifft.

 

o Zur Bestellung der Gutachter heißt es lediglich, sie würden von der beauftragten Agentur benannt. „Die Agentur ist bei der Bestellung an das von der Hochschulrektorenkonferenz zu entwickelnde Verfahren gebunden.“ Wie genau dieses Verfahren aussehen soll, will die HRK voraussichtlich bei ihrer Mitgliederversammlung im November beschließen. Allerdings sind die Hochschulrektoren nur für das Verfahren für die Hochschullehrer zuständig. Wie die Berufsvertreter und die studentischen Gutachter ausgewählt werden, dürfen offenbar weiter die Agenturen festlegen. 

 

o Dass es neben Programm- und Systemakkreditierung im Rahmen einer Experimentierklausel „alternative Akkreditierungsverfahren“ geben kann, steht schon so im neuen Staatsvertrag. Die Verordnung sagt dazu, diese müssten vom Akkreditierungsrat genehmigt werden, allerdings könne der Rat die Genehmigung nur dann versagen, wenn das Verfahren den Grundsätzen des Staatsvertrags widerspricht. Die Genehmigung gilt für zunächst acht Jahre, das Verfahren muss am Ende unabhängig evaluiert werden.

 

o Und, wie bereits erwähnt: Akkreditierungen und Reakkreditierungen gelten künftig für acht Jahre. 

 

Alles in allem liest sich der Entwurf der Musterrechtsverordnung erstaunlich konkret und in sich stimmig. Bis auf eine ungeklärte Kontroverse, die sich seit dem Verfassungsgerichtsurteil wie ein roter Faden durch die Verhandlungen um die Reform der Akkreditierung zieht. Es handelt sich um die Gretchenfrage der Akkreditierung: Wie hältst du es mit dem Diplom? Wieder ist es vor allem Mecklenburg-Vorpommern, das auf der Diplom-Lösung besteht, diesmal aber mit dem Minderheitsvotum von sechs Ministerpräsidenten im Rücken, die bei der Verabschiedung des Akkreditierungsvertrages ihre Erwartung geäußert hatten: In der Musterrechtsverordnung  müsse „eine für alle Länder tragfähige Lösung zur Anerkennung des Diploms“ erreicht werden.

 

Im Entwurf ist betont nüchtern von „Entscheidungsbedarf zu folgenden Lösungsoptionen“ die Rede. Maximaloption eins: Nur die Abschlussbezeichnungen Bachelor und Master sind erlaubt. Maximaloption zwei: Will ein Land das Diplom verleihen, dann darf es. Die zuständigen Beamten in den Ministerien hatten ihren Staatssekretären für deren letzte Sitzung nicht weniger als vier Kompromisslösungen (von einer Äquivalenzlösung über eine Bestandsgarantie bestehender Diplom-Abschlüsse bis hin zu einer Diplom-Verleihung nur auf Antrag der Studenten) ausgearbeitet, einigen konnte man sich bislang auf keine. 

 

Der Verständigungsdruck ist groß, aber nicht übermächtig. Eine ländereinheitliche Musterrechtsverordnung ist keineswegs verpflichtend, im Gegenteil: Theoretisch darf jedes Land separat definieren, wie es den Staatsvertrag in konkrete Anwendungsregeln umzusetzen gedenkt. Was sicher nicht so kommen wird. Denkbar ist allerdings, dass es am Ende 15 gleichlautende und eine abweichende Verordnung geben könnte. Zumindest ist das ein Szenario, was derzeit wieder diskutiert wird. Jetzt müssen die Minister ran. 

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Weil eben nicht alles bleibt, wie ist

Manche sagen, die Debatte um die Digitalisierung in der Bildung sei übertrieben. Welch ein Irrtum. Wir müssen das Bildungssystem dringend auf die große Transformation vorbereiten. Sechs Thesen von Myrle Dziak-Mahler.

Foto: Dragons/Pixabay

ÜBER DIE SCHULEN wird derzeit viel geredet: Es gibt zu viele Schüler und zu wenig Lehrer, viele Schulgebäude sind marode und bei all den Problemen müssen die Schulen auch noch neue Aufgaben bewältigen. Eines der Schlagworte, über das derzeit mit am meisten diskutiert wird, ist die Digitalisierung. Deutsche Schulen stehen im internationalen Vergleich schlecht dar, wenn es um die Vermittlung von Medienkompetenzen geht. Da ist der von Bundesministerin Wanka angekündigte Digitalpakt nicht nur ein wichtiges Signal, sondern dringend notwendig – sollte er denn kommen. 

 

In die digitale Infrastruktur von Schulen zu investieren, ist zwingend – ohne Frage, aber nur ein Anfang. Das allein reicht nicht aus. Es braucht vor allem neue Konzepte, wie Unterricht angesichts komplett veränderter Bedingungen gelebt werden soll. An dieser Stelle setzt das Papier „Bildung in der digitalen Welt“ an, das Ende vergangenen Jahres von der Kultusministerkonferenz (KMK) beschlossen wurde. Dieses Papier ist an sich sehr begrüßenswert, da es normativ wirkt und eine strategische Ausrichtung definiert. Gleichzeitig formuliert das Papier Maßnahmen für Schulen und Hochschulen, die sehr konkret sind und sich im Wesentlichen auf den Einsatz digitaler Werkzeuge beschränken. Das Papier lässt allerdings eine Leerstelle an der Frage, auf welchem Weg die langfristigen Ziele erreicht werden können. 

 

Die Digitalisierung verändert unsere Gesellschaft derzeit tiefgreifend auf allen Ebenen. Ein Blick auf die sich zurzeit schnell weiterentwickelnde Forschung zur Künstlichen Intelligenz macht deutlich, wo es in naher Zukunft hingehen wird. Es werden Jobs entstehen, die sich heute niemand vorstellen kann und gleichzeitig werden viele Arbeitsplätze wegfallen. Diese Situation macht unsicher: Wie sollen wir Bildungsziele für junge Menschen bestimmen, wenn wir keine Vorstellung haben, welche Bildungsinhalte die Gesellschaft morgen und übermorgen benötigt? Und trotzdem müssen wir junge Menschen auf ihre Zukunft vorbereiten, intellektuell wie emotional. Und unter fairen Bedingungen. Der Einzug der Digitalisierung an die Schulen macht es notwendig, Schule komplett neu zu denken. 

 

Bis dato orientiert sich das Bildungssystem an den Normen- und Wertevorstellungen des 20. Jahrhunderts. Damit bereitet es Schülerinnen und Schüler für die Aufgaben der Vergangenheit, nicht aber auf eine sich zunehmend verändernde Gesellschaft und ihre Herausforderungen vor. Was wir benötigen, ist Pioniergeist. Eine Haltung, die keine Angst davor hat, das, was wir als nicht mehr zielführend erkannt haben, einfach abzustellen. Wir probieren das Neue, das Andere einfach aus, wir experimentieren. Behutsam, zugewendet, verantwortlich – und mutig. Die disruptiven Veränderungsprozesse der nächsten Dekaden werden uns nichts Anderes übriglassen. 

 

Wir brauchen deshalb einen mutigen und offenen Reformprozess – und der muss bereits in der Ausbildung der angehenden Lehrerinnen und Lehrer ansetzen. Dazu sechs Thesen:

 

1. Schule wird sich verändern

Die Digitalisierung unserer Gesellschaft führt dazu, dass Schülerinnen und Schüler eigenständiger und damit selbstbestimmter und selbstbewusster lernen. Sie finden Bildungsinhalte zunehmend außerhalb der Schule, insbesondere in sozialen Netzwerken. Unterricht an Schulen muss darauf angepasst werden, dass Schülerinnen und Schüler nach individuellem Interesse und individuellem Lerntempo lernen. 

 

2. Wir brauchen einen anderen Lehrertypus

Das Berufsbild „Lehrer/in“ wird sich ändern: Digitale Medien verändern den Unterricht, denn der Zugang zu Informationen über digitale Medien wird immer einfacher und erstreckt sich flächendeckend über die gesamte Gesellschaft. Damit verlieren Lehrerinnen und Lehrer ihren Wissensvorsprung und ihre Deutungshoheit über Unterrichtsthemen. In Zukunft wird es stärker darum gehen, den Schülerinnen und Schülern Haltungen und Herangehensweisen zu vermitteln und sich in einem partnerschaftlichen Verständnis als Lehr- und Lerngemeinschaft zu verstehen. Von der OECD wurden dazu vier Kernkompetenzen formuliert: Kreativität, Kollaboration, Kommunikation und kritisches Denken. 

 

3. Schulen mit digitaler Technik auszustatten, reicht nicht aus

Gesellschaftliche Veränderungen erfordern, Schule neu zu denken, Unterrichtsstoff anders zu vermitteln und Fächerstrukturen und Unterrichteinheiten auf neue Gegebenheiten anzupassen. Die Kompetenzen von Lehrern und Schülern müssen dahingehend gestärkt werden, dass sie in der Lage sind, die digitalisierte Lebenswelt nicht nur zu konsumieren, sondern auch zu verstehen, zu hinterfragen und zu gestalten. 

 

4. An Schulen muss Informatik gelehrt werden

Schülerinnen und Schülern müssen IT- und Online-Kompetenzen vermittelt werden. Das Erlernen einer Programmiersprache trägt zum Beispiel dazu bei, ein Verständnis für die dahinterliegenden Prozesse zu erlangen. Dieses Verständnis hilft, im Berufsleben aber auch im Alltag digitale Prozesse zu verstehen und hinterfragen zu können. Dabei müssen sich Lehrer und Schüler auf eine (Berufs-) Welt einstellen, die wir heute noch gar nicht kennen. 

 

5. Der Austausch zwischen Schülern und Lehrern muss auf Augenhöhe stattfinden

Digitalisierung demokratisiert das Bildungssystem: Diskussion und Meinungsaustausch in sozialen Medien findet in der Regel auf Augenhöhe statt. Status, Beruf, Bildungshintergrund oder Einkommen werden in den sozialen Medien nicht gelebt. Das Netz sorgt für Transparenz und macht Informationen in hoher Geschwindigkeit allen zugänglich. Der Wissensvorsprung der Eliten schrumpft. Auch in der Schule wird der Austausch auf Augenhöhe zwischen Lehrern und Schülern gelebt werden müssen.

 

6. Digitalisierung muss bereits an den Hochschulen gelebt werden

Hochschulen bilden die Lehrer von morgen aus, die wiederum Schülerinnen und Schüler auf die (Arbeits-)Welt von übermorgen vorbereiten. Darauf müssen die Lehramtsstudierenden im Studium vorbereitet werden. Das erfordert digitale Lehr- und Lernmodule, die nicht nur Methoden und Techniken vermitteln, sondern die angehenden Lehrkräfte befähigen, Schülerinnen und Schülern einen kompetenten Umgang und die Fähigkeit zu einer reflektierten Auseinandersetzung mit neuen Medien zu vermitteln. 

 

Wir brauchen in Zukunft ganz andere Bedingungen an den Schulen, weil wir ganz anders werden unterrichten müssen. Wir brauchen also nicht nur neue Medien, sondern auch neue Lernkonzepte.

 

Myrle Dziak-Mahler ist Geschäftsführerin des Zentrums für LehrerInnenbildung an der Universität zu Köln.

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"Wenn 25 Prozent der Professoren einen Rektor in Frage stellen, ist eine hochschulweite Debatte nötig"

Baden-Württembergs grüne Wissenschaftsministerin Theresia Bauer präsentiert heute im Kabinett ihre Runderneuerung des Hochschulgesetzes. Zwei Ideen dürften für Aufsehen sorgen: Professoren sollen per Ur-Wahl Rektoren abwählen können und Doktoranden eine eigene Stimme im Senat erhalten.

Foto: J. Potente/MWK
Foto: J. Potente/MWK

Frau Bauer, ist Ihre Hochschulreform das Ende der starken Rektorate?

 

Ganz und gar nicht. Wir folgen mit der Reform den Auflagen, den wir im vergangenen Herbst durch den baden-württembergischen Verfassungsgerichtshof bekommen haben, und versuchen gleichzeitig, die Hochschulen handlungsfähig zu halten. 

 

Die Richter hatten unter anderem verlangt, dass die Hochschullehrer allein mit ihrer Mehrheit das Rektorat abwählen können müssen. 

 

Nicht ganz. Der Verfassungsgerichtshof hatte gesagt, dass wir alternativ auch dem Rektorat Entscheidungskompetenzen wegnehmen und dem Senat geben könnten. Dann hätten wir das Wahlrecht lassen können, wie es ist. Das wollen wir aber bewusst nicht, eben weil wir starke Hochschulleitungen für unverzichtbar halten. Deswegen schaffen wir ein neues exklusives Abwahlrecht für die Mehrheit der Professoren.

 

Das mit den starken Rektoraten sehen nicht alle so. Am Wochenende konnte man etwa in baden-württembergischen Regionalzeitungen lesen, die Chefs würden durch die Reform „geschwächt“, die Heilbronner Stimme kommentierte: „Durch das neue Hochschulgesetz wird der Alltag für die Rektoren zweifelsohne schwerer.“ 

 

Das Gegenteil ist der Fall. Im Fall einer tiefgreifenden Vertrauenskrise können die Hochschullehrer künftig den Rektor über eine Ur-Abwahl des Amtes entheben, das ist bundesweit ein Novum. Aber nur ab einer bestimmten Wahlbeteiligung und nur wenn in der Mehrheit der Fakultäten die Mehrheit der Professoren dafür votiert. Vorher muss es die Gelegenheit für Anhörungen und Stellungnahmen geben. 

 

Zum Einleiten eines Abwahlverfahren reichen aber schon 25 Prozent der Professoren. An kleinen Hochschulen könnten sich also ein, zwei Dutzend Kollegen gegen das Rektorat zusammentun und richtig Stimmung machen.

 

Wenn 25 Prozent der Professoren die Amtsführung des Rektors in Frage zu stellen, ist eine hochschulweite Debatte sicherlich auch nötig. Im besten Fall führt sie dazu, dass die Unterstützer des Rektorats sich ebenso lautstark zu Wort melden. Ich sehe in der Reform eine Stärkung der Rektorate und eine Demokratisierung der Hochschulen zugleich. Wir wollten die Abwahl nämlich nicht in das Belieben einer kleinen Gruppe von Professoren im Senat überlassen, die mit ihrer Mehrheit in einem vermeintlich günstigen Moment Fakten schafft. Die Abwahloption soll für eine Ausnahmesituation den Weg ebnen, aber nicht das Tagesgeschäft bestimmen. 

 

Was ändern Sie noch an der Hochschulgovernance, um den Auflagen des Urteils gerecht zu werden?  

 

Der Verfassungsgerichtshof hat uns ganz grundsätzlich aufgetragen, dem Gebot der Wissenschaftsfreiheit gerecht zu werden, was die Richter insbesondere als individuelles Freiheitsrecht der Hochschullehrer und ihrer Vertretung im Senat interpretiert haben. Anders formuliert: Die Professoren müssen bei allen wesentlichen Entscheidungen von Forschung und Lehre die Mehrheit haben.

 

Was das Bundesverfassungsgericht eigentlich schon in den 70er Jahren so festgelegt hat. War Baden-Württembergs Hochschulpolitik da über die Jahrzehnte schludrig geworden?

 

Wir stellen die geforderte Mehrheit ja sicher. Aber in einer Art und Weise, die die Wissenschaftsfreiheit nicht nur als individuelles Recht begreift, sondern auch als Recht der Institution. Die Wissenschaftsfreiheit steht nämlich auf zwei Beinen, und in diesem Sinne ändern wir das Gesetz. 

 

Was heißt das konkret?

 

Die Richter haben bestimmt, dass Dekane nicht qua Amt Mitglied im Senat sein dürfen, weil das die Professorenmehrheit verwässere. Darum werden wir künftig alle professoralen Senatsmitglieder als Vertreter ihrer Fakultäten wählen lassen, und dabei können sich auch die Dekane zur Wahl stellen. Wir setzen also das Gebot des Verfassungsgerichts um, ohne den Senat aufzublähen.   

 

Sie gelten ja als Liebling der Hochschulrektoren, Frau Bauer, aber eine andere Reform im Gesetz dürfte für Seufzer bei den Chefs sorgen. Noch dazu eine Reform, die so vom Verfassungsgerichtshof gar nicht verlangt war. Doktoranden sollen an den baden-württembergischen Universitäten nämlich eine eigene „Statusgruppe“ werden. Für die Nicht-Experten: Was genau bedeutet denn das?

 

Das bedeutet, dass die Doktoranden in der akademischen Selbstverwaltung eine eigene Stimme erhalten und mitbestimmen können, wenn es um den künftigen Kurs ihrer Universität geht. Die anderen so genannten Statusgruppen, die eigene Repräsentanten in den Unisenat wählen dürfen, sind die Professoren, die wissenschaftlichen Mitarbeiter und die Studierenden. 

 

Also noch mehr Gremiengeschiebe an den Universitäten, von denen nicht nur die Rektoren sagen, sie seien ohnehin schon mit zu vielen Gremien ausgestattet?

 

Wir schaffen ja keine neuen Gremien, wir erhöhen nur die Sichtbarkeit einer Gruppe, die immer schon da war, aber bei den anderen mitlief: als Minderheit bei den wissenschaftlichen Mitarbeitern oder bei den Studierenden. Unsere Reform macht die Welt nicht komplizierter und die Gremien nicht unübersichtlicher, doch endlich wird die Stimme der jungen Wissenschaftler gehört, von der ich glaube, dass sie eine ganz besondere ist. 

 

Wie meinen Sie das? 

 

Die Doktoranden markieren immer den Beginn einer neuen Forschergeneration. Sie lernen die Wissenschaft und ihre Regeln kennen – und hinterfragen sie noch unvoreingenommen. Gleichzeitig ist ihre Arbeit grundlegend für die Forschungskraft und Qualität unserer Hochschulen. 

 

Wenn das so ist, warum ist Baden-Württemberg dann das einzige Land, das bislang auf die Idee mit der Statusgruppe gekommen ist?

 

Über lange Zeit hinweg war das Promotionsrecht vor allem ein Recht der Fakultäten und der einzelnen Wissenschaftler, also eine sehr individuelle Angelegenheit. Die Universität als Ganzes kam da nur schwer ran und konnte ihre Verantwortung als Institution kaum einmal systematisch wahrnehmen. Insofern ist das schon ein kultureller Wechsel, den wir da einfordern, aber er ist angemessen.  

 

Wollen die Doktoranden überhaupt mehr Mitbestimmung? Haben die nicht mit dem Promovieren genug zu tun? 

 

Wir waren uns da anfangs auch nicht sicher. Darum hatten wir in der vorgehenden Novelle des Hochschulgesetzes nur so genannte Konvente für Promovierende eingeführt, in denen sie überhaupt erstmals ihre speziellen Anliegen formulieren konnten. Angesichts des großen Engagements, das sie dort gezeigt haben, war uns dann klar: Ja, sie wünschen sich mehr Beteiligung. Sie wollen, dass ihr Sichtweise stärker Berücksichtigung findet.

 

Damit die Doktoranden ihre Vertreter wählen können, müssen Sie wissen, wer überhaupt alles promoviert. In der Vergangenheit hieß es bei entsprechenden Anfragen an die Universitäten stets: Keine Ahnung.

 

Das war nicht nur in Baden-Württemberg so und hängt wiederum mit diesem traditionell sehr persönlichen Verhältnis eines Doktoranden mit seinem Doktorvater – oder seiner Doktormutter zusammen. Bevor die Dissertationsschrift eingereicht wurde, wusste oft nur der Professor davon. Auch das haben wir schon bei der letzten Reform geändert. Seitdem ist eine schriftliche Betreuungsvereinbarung gleich zu Beginn Pflicht, die Fakultät muss das Promotionsvorhaben annehmen. Mit Heidelberg haben wir eine Universität, die schon sehr weit ist im Aufbau der notwendigen Strukturen, und die Rückmeldungen, die von dort kommen, sind echt spannend. Früher ging die Unileitung von 4000 Doktoranden in Heidelberg aus, jetzt weiß sie: Es sind 7500. 

 

Was im Umkehrschluss heißt: Das Missverhältnis zwischen begonnenen und abgeschlossenen Promotionen ist noch viel größer als lange befürchtet. 

 

In der Tat lernen wir da gerade viel Neues. Wir sehen nicht nur, wie viele Promovierende unterwegs verloren gehen, sondern auch, woher sie kommen: von Fachhochschulen, aus den Betrieben. Und wir erfahren welche Hochschullehrer besonders viele Doktoranden betreuen. Wir werden aber auch lernen müssen, dass wir an all diese Zahlen nicht mit derselben Erwartung herangehen können wie an die Studienabbrecher-Statistik. 

 

Wenn die Doktoranden jetzt einen Sitz in den Senaten kommen, verändert sich die feinziselierte Stimmenarithmetik der anderen Statusgruppen. Wollen Sie da detaillierte Vorgaben machen?

 

Nein, das überlassen wir den Universitäten, wie genau sie die Statusgruppe in ihre Grundordnungen definieren und wie stark sie Stimmen der Doktoranden gewichten. Es macht doch einen Unterschied, ob eine forschungsintensive Universität wie Heidelberg 7500 Doktoranden hat oder eine andere nur ein paar hundert. Außerdem ändert sich die Arithmetik in den Senaten ohnehin.

 

Bis März 2018 muss das neue Hochschulgesetz stehen, haben die Richter verlangt. Wird langsam eng, oder?

 

Das schaffen wir. Jetzt geht der Entwurf ins Kabinett, möglichst im Januar ins Parlament. Ich bin jetzt vor allem mal gespannt, was meine Ministerkollegen in den anderen Bundesländern dazu sagen.

 

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Im Zweifel allein

In zehn Tagen fällt die wichtigste Vorentscheidung im Wettbewerb um die Exzellenzcluster. Bald danach müssen die Universitäten auch bei einer anderen Frage aus der Deckung: Wer will Exzellenzuniversität werden, und wer zieht die Verbundoption?

Foto: wdietz

DIE EXSTRA-SPANNUNG STEIGT. Am Donnerstag nach der Bundestagswahl treffen sich in Bonn die internationalen Experten, die über Sieg und Niederlage in der Exzellenzstrategie entscheiden. Aus den 195 eingereichten Antragsskizzen sollen sie diejenigen Projekte herausfiltern, die in der Hauptrunde einen Vollantrag auf Förderung als Exzellenzcluster einreichen dürfen.

 

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), die für die Administration der ersten ExStra-Förderlinie zuständig ist, mahnt auf ihrer Website schon mal Geduld an. Die Sitzung des Expertengremiums werde am 28. September "voraussichtlich bis in die Abendstunden dauern", so dass die Ergebnisse erst am Vormittag des nächsten Tages veröffentlicht werden. 

 

Erwartet wird, dass das so genannte Expertengremium etwa die Hälfte der Projekte aus dem Rennen nehmen wird, was bedeutet, dass bei der anschließenden Vollantragstellung die Erfolgschancen bei etwa 1:1 liegen dürften: Im Juni 2016 hatten Bund und Länder vereinbart, dass 45 bis 50 Exzellenzcluster in der ersten ExStra-Runde von 2019 an gefördert werden sollen mit jeweils bis zu zehn Millionen Euro pro Jahr. Die Vorauswahl will die DFG auf ihrer Website, über den Informationsdienst Wissenschaft und als Pressemitteilung bekanntgeben, zusätzlich sollen die Antragsteller und ihre Hochschulleitungen eine E-Mail erhalten. >>



>> Einige der Rektoren werden am 29. September besonders nervös auf ihren Posteingang starren – jene nämlich, die auch für die zweite Förderlinie (Exzellenzuniversitäten) Ambitionen hegen. Eine Einzel-Bewerbung erfordert zwei erfolgreiche Exzellenzcluster-Bewerbungen; tun sich mehrere Universitäten zu einem Verbund zusammen, müssen sie drei Cluster vorweisen können. So dürften nächste Woche schon einige hochfliegende Pläne beendet sein, bei anderen beginnt dann erst recht das große Zittern. Wer zum Beispiel nach dem 29. September nur noch drei Anträge im Rennen hat, muss schon heftig Daumen drücken, damit am Ende zwei Förderungen herauskommen. 

 

Neben dem Daumendrücken steht für die Rektoren jedoch auch ganz praktische Arbeit an: Wenn sie, eine Neuerung gegenüber der bisherigen Exzellenzinitiative, eine so genannte Universitätspauschale zusätzlich zum Cluster beantragen wollen, müssen sie das zusammen mit dem Vollantrag tun, und zwar in Form einer "schlanke(n) Darstellung der universitären strategischen Ziele", wie es in der Verwaltungsvereinbarung zur ExStra heißt. Kaum vorstellbar, dass auch nur ein Rektor oder eine Rektorin diese Gelegenheit auslassen wird.

 

Die Sache hat allerdings Konfliktpotenzial: Auch wenn die mit einer Million Euro pro Jahr dotierte Universitätspauschale der Gesamt-Universität zu Gute kommen soll, berichten viele Rektoren schon jetzt vom Erwartungsdruck der an den Clustern beteiligten Wissenschaftler, dass ihre Disziplinen besonders Berücksichtigung finden. Wieviel Konfrontation ist nötig, wie viel Appeasement nötig? Diese Frage stellen sich viele Unichefs seit längerem. 

 

Noch haariger wird die Sache, wenn eine Universität am Ende auch in der zweiten Förderlinie erfolgreich sein sollte: Für die "Exzellenzuniversitäten" gibt es zwar zwischen 10 und 15 Millionen jährlich extra, doch wird die Prämie um die Cluster-Pauschalen gekürzt. Sprich: Die Rektoren müssen sich nicht nur mit den Clustern arrangieren, sie müssen auch schon genau wissen, was sie für eine Strategie für die zweite Förderlinie fahren wollen. Am 21. Februar 2018 ist dann zweierlei fällig: Die endgültigen Anträge für die Exzellenzcluster und die Absichtserklärungen der Hochschulleitungen, ob sie sich zusätzlich als Exzellenzuniversitäten, einzeln oder im Verbund, bewerben wollen. Die Weihnachtspause dürfte bei vielen Forschern und Rektoren dieses Jahr entsprechend kurz ausfallen. >>



>> Apropos Verbünde: Schon bei den Cluster-Skizzen konnte wie berichtet von "Verbunderitis" keine Rede sein. Lediglich 44 der Absichtserklärungen wurden von mehreren Universitäten im Verbund abgegeben, davon sieben von drei Universitäten. Und was mögliche Verbundbewerbungen um das Label "Exzellenzuniversitäten" angeht, so würden die zwar mehr Geld bekommen (bis zu 28 Millionen Euro pro Jahr), doch bestätigt sich auch hier ein Trend, der sich schon Ende vergangenen Jahres abzeichnete: Die von der Hochschulpolitik als Innovation gefeierte Option ist für die meisten Universitäten offenbar keine. Oder zumindest nicht die erste Wahl.

 

Lediglich Berlin und die Universitäten im Ruhrgebiet wären sichere Verbund-Kandidaten für die zweite Förderlinie. Wobei Bochum, Dortmund und Duisburg-Essen insgesamt nur sieben Skizzen ins Rennen geschickt haben, was die Möglichkeit, einen gemeinsamen Strategie-Antrag stellen zu dürfen, statistisch zumindest fraglich macht. Gut denkbar also, dass am Ende nur Berlin als Kandidat für einen Universitätsverbund übrig bleibt. Es sei denn... aber dazu unten mehr.

 

Was aus den übrigen potenziellen Universitätsverbünden geworden ist? Die Exzellenzuniversitäten Köln und Aachen werden definitiv nicht zusammengehen, ist hören, wobei sich die Verantwortlichen offiziell noch nicht äußern möchte, solange die Clusterentscheidungen anstehen. Eine Hintertür, falls man doch allein nicht genügend Anträge durchbekommt? Es sei "ein wissenschaftsgeleitetes Verfahren", sagt zum Beispiel RWTH-Rektor Ernst Schmachtenberg lediglich und verweist im Übrigen auf den 29. September: Dann "erhalten wir von den Gutachtern eine Einschätzung, welche Themen in welcher Konstellation besonders förderwürdig sind." Anderswo im Rheinland sind sie da schon auskunftsfreudiger, etwa in Bonn. Denn auch diese Verbund-Alternativoption, die in Köln zwischenzeitlich diskutiert wurde, ist keine mehr. Aus dem dortigen Rektorat heißt es: "Die Universität Bonn hat die Möglichkeiten für einen Verbundantrag in der zweiten Förderlinie eruiert. Unter den gegebenen Rahmenbedingungen glauben wir aber nicht, dass dies für uns die beste Lösung sein wird."

 

Bleiben die in einer länderübergreifenden Allianz zusammengeschlossenen Universitäten Darmstadt (TU), Frankfurt und Mainz. Auch hier halten sich die Rektoren, wohl aus der gleichen Logik wie im Rheinland, offiziell noch bedeckt: Die Frankfurter Universitätspräsidentin Birgitta Wolff sagt, eine endgültige Entscheidung sei "bekanntermaßen ganz stark davon abhängig, wie die drei Universitäten in der ersten Runde abschneiden werden". Daher könne man derzeit keine Stellung beziehen. Hinter den Kulissen hört man allerdings auch hier, die Sache sei gelaufen. Schon im vergangenen Dezember hatte Wolff gesagt, es wäre doch auch "ein schöner Erfolg", wenn die Universitätsallianz "drei starke, aufeinander bezogene Einzelbewerbungen" nach sich zöge, „das zeigte doch ebenfalls, dass wir eine dynamische Wissenschaftsregion sind“. Die Frankfurter und Mainzer hatten vergangenes Jahr übrigens drei gemeinsame Antragsskizzen an die DFG gemeldet, doch die Darmstädter waren als Haupt-Antragsteller nirgendwo dabei. 

 

Soweit die bislang gehandelten Kandidaten um Verbundbewerbungen. Also Berlin als einzige sichere Gemeinsam-Option? Ja, es sei denn: Einige Universitäten könnten sich auch noch kurzfristig zum Zusammengehen entscheiden – etwa wenn nach der anstehenden Vorentscheidung klar wird, dass sie allein voraussichtlich nicht auf die nötigen zwei Cluster kommen werden. Sinn ergäbe das freilich nur für einen Dreierbund, und den Experten, die darüber zu befinden hätten, dürfte ein solcher Plan B dann doch reichlich pragmatisch und nicht in jedem Fall, wie es erwartet wird, inhaltlich zwingend vorkommen. 

 

So erklärt ausgerechnet der Münchner TU-Präsident Wolfgang Herrmann, der von Anfang an als Verbund-Skeptiker galt, im Interview die Verbund-Zurückhaltung fast aller seiner Kollegen bundesweit: Um beim Expertengremium erfolgreich zu sein, müssten Verbünde" eine gemeinsame Geschichte erzählen, die wahr ist und wahrhaftig. Da wäre es nicht opportun, wenn sie starke, aber unterschiedliche Universitätsprofile künstlich zusammenbiegen." 


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"Natürlich werde ich da fuchtig"

Wolfgang Herrmann, Präsident der TU München, über Bedenkenträger an den Unis, die Forschheit der Außeruniversitären und die Frage, was er nach 2019 macht.

Der Chemiker Wolfgang Herrmann ist seit 1995 Präsident der Technischen Universität München. Foto: TU München
Der Chemiker Wolfgang Herrmann ist seit 1995 Präsident der Technischen Universität München. Foto: TU München

Herr Herrmann, Hochschulrektorenkonferenz und Max-Planck-Gesellschaft haben über Monate um die Max-Planck-Schools gerungen. Der Universitätsverbund German U 15 warnte noch im Mai in einem Brandbrief an die Bundesforschungsministerin, der Einfluss der Universitäten auf die Promotion könnte durch sie „schleichend ausgehöhlt werden“. Als Johanna Wanka dann neulich die Gründung der ersten drei Schools verkündete, gab es aus Ihrem Haus eine aufschlussreiche Pressemitteilung. „Bedenkenträger sehen die außeruniversitäre Forschung der MPG als Konkurrenz, anstatt die ungenutzten Synergiepotentiale zu sehen“, stand dort. „Demgegenüber forciert die TU München nun ihr Engagement, die jeweiligen Stärken von universitärer und außeruniversitärer Forschung zu bündeln.“ Wem wollten Sie denn damit vors Schienbein treten?

 

Die Pressemitteilung war zugespitzt formuliert, das stimmt. Aber mein Vizepräsident Thomas Hoffmann, den Sie da zitieren, hat Recht mit seiner Analyse. Wir konnten die Langwierigkeit der Debatte nicht nachvollziehen, von wegen dass Max Planck das Promotionsrecht verwässere und so. Als Max-Planck-Präsident Martin Stratmann mich vor einem Jahr das erste Mal vorsichtig, aber entschieden fragte, was ich von solch einer Idee halten würde, habe ich gleich gesagt: Klar, wir sind dabei! 

 

Mäkeln Ihre Rektorenkollegen zu viel herum, anstatt eine gute Idee als solche zu erkennen?

 

Am Ende hängt Ihr Erfolg im Umgang mit Max Planck & Co immer davon ab, wie selbstbewusst Sie als Universität auftreten. Die Außeruniversitären reagieren auf eine Politik der Stärke. Wenn Sie sich denen nicht als Institution gewachsen fühlen, dann haben Sie natürlich ein Problem. Dann haben Sie bei allem Angst, dann wiegeln Sie ab und beharren umso lautstärker auf dem Promotionsrecht. Ich muss das aber gar nicht mit Zähnen und Klauen verteidigen, weil ich weiß, dass wir uns da nicht über den Tisch ziehen lassen. Punkt. Die Promotion als Vorrecht der Universitäten ist sakrosankt, da kommt Max Planck nicht ran, und die wollen das auch gar nicht! Die Bedenkenträger haben noch etwas Anderes nicht begriffen.

 

Und das wäre?

 

Wenn Sie jetzt nicht mitmachen bei den Schools, wenn Sie als Hochschulleitung nicht von Anfang an dahinterstehen, dann sind Sie auch nicht dabei, wenn die Regeln der Zusammenarbeit definiert werden. Die ersten Verträge zwischen den beteiligten Wissenschaftlern und Institutionen, die in den nächsten Monaten geschlossen werden, die werden zugleich die Muster für alle künftigen Verträge sein.  >>



>> "TUM und MPG forcieren ihre Kooperation zur Nachwuchsförderung", stand über besagter Pressemitteilung, als sei die Idee zu den Schools an Ihrer Universität entstanden. Übertreiben Sie es nicht mit der Betonung einer vermeintlich besonderen Partnerschaft zwischen TUM und Max Planck?

 

Sie ist besonders. Nur wir haben mit der Max-Planck-Gesellschaft ein gemeinsames Berufungsprogramm namens MaxPlanck@TUM laufen. Die Idee: Wir schreiben gemeinsam Stellen für Nachwuchsgruppenleiter bei Max Planck aus, die sich gleichzeitig auf eine Tenure-Track-Professur bei uns bewerben können. Von über 900 Wissenschaftlern, die sich bei Max Planck beworben haben, wurden 23 als Nachwuchsgruppenleiter ausgewählt, und wir haben von diesen 23 sieben als Professoren zu uns geholt. Sie können sich vorstellen, was für eine Qualität die haben. Das ist wirklich super. Unsere Standards gleichen denen von Max Planck, nur müssen unsere Leute zusätzlich noch Potenzial in der Lehre haben. 

 

Sie sprechen von Regeln der Zusammenarbeit, die Sie mit Max Planck aushandeln wollen. Was meinen Sie da konkret?

 

Der Gedanke, dass wir im Wettstreit um die besten Nachwuchstalente  als Universitäten und außeruniversitäre Forschung eine gemeinsame Adresse bilden, die Schools eben, ist richtig und bestechend. Natürlich müssen wir jetzt dafür sorgen, dass die Rolle und der Beitrag der Universitäten in dem Ganzen deutlich sichtbar werden. Deshalb wird in den Schools, an denen wir uns beteiligen, unsere Promotionsordnung gelten. Aber wir müssen auch aufpassen, dass unser Corporate Design neben dem von Max Planck und anderer Institutionen ausreichend zur Geltung kommt. Denn wir sind ja auch selbst eine internationale Marke. Gleichzeitig müssen wir  darüber reden, wie wir uns gemeinsam international vermarkten. 

 

Das klingt so, als müsste man bei den Außeruniversitären als Uni immerzu besonders aufpassen.

 

Natürlich werde ich fuchtig, wenn ich auf eine Veranstaltung von Fraunhofer gehe, wo gemeinsam berufene Professoren auftreten, die größtenteils von uns bezahlt werden, und dann taucht in den Präsentationen nirgendwo das TUM-Logo auf. Klar frage ich dann nach: Sagt mal, vom wem kriegt ihr als gutsituierte Beamte eigentlich euren monatlichen Gehaltsscheck, von Fraunhofer oder von uns? Sowas darf man sich halt nicht gefallen lassen. Auch nicht, wenn die Außeruniversitären bei den Patentrechten oder bei Fragen des geistigen Eigentums mal wieder sehr einnehmend unterwegs sind. Da müssen wir uns durchsetzen. Auch erwarte ich, dass die  Hochschulleitungen gefragt werden, wenn ihre Wissenschaftler bei Max-Planck-Schools mitmachen wollen.

 

Die Professoren sollen sich Ihr Einverständnis abholen?

 

Ja, das gehört zum guten akademischen Ton,  das werden wir mit Max Planck besprechen. Es ist umgekehrt doch genauso!

 

Am Ende läuft es doch auf die Frage hinaus, ob die betreffenden Professoren sich der TUM zugehörig fühlen oder eben Fraunhofer oder Helmholtz.

 

Es geht um Loyalität als institutioneller Wert, genau. Doch wie schaffe ich die als Universität bei meinen Leuten? Das ist für mich als Präsident immer ein zentrales Thema gewesen. Da geht es um Identitätsbildung, um die Marke TUM und wie wir sie mit Leben füllen. Viele halten selbst das Corporate Design für eine Nebensächlichkeit, dabei ist es ebenso wichtig wie bei einem Qualitätsunternehmen. Es geht aber auch darum, einen gemeinsamen Geist zu fördern, die Universität zu einem Familienerlebnis zu machen, könnte man sagen, wie bei BMW. 

 

Apropos Marke TUM. Sie haben von Anfang an gesagt, dass Sie bei der Exzellenzstrategie nicht als Verbund mit der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) antreten werden. Jetzt sieht es so aus, als würden außer den Berliner Universitäten überhaupt nur noch, wenn denn die Cluster reichen, die Ruhrgebiets-Universitäten gemeinsam ins Rennen gehen. Fühlen Sie sich in Ihrer Skepsis gegenüber den Uni-Verbünden bestätigt? 

 

Es stimmt nicht, dass ich das von Anfang an gesagt habe. Es gab einen Augenblick, da habe ich ernsthaft überlegt, ob es vielleicht doch gemeinsam mit der LMU gehen könnte. Aber dann habe ich eingesehen, und darin war ich mit meinem Kollegen Bernd Huber einig, dass unsere Universitäten von ihrer Ausrichtung, den Fächern und ihren Philosophien her so unterschiedlich sind, dass eine gemeinsame Bewerbung wahrscheinlich viele fruchtlose Abstimmungsrunden nach sich gezogen hätte. Was nicht heißt, dass wir in der Exzellenzstrategie nicht wie bisher intensiv zusammenarbeiten. Wir haben immerhin fünf gemeinsame Anträge für Exzellenzcluster gestellt, weil wir hier die fachlichen Stärken logisch und vorteilhaft kombinieren konnten.

 

Was wäre für Sie denn die Voraussetzung einer gemeinsamen Bewerbung in der Förderlinie „Exzellenzuniversitäten“ gewesen?  

 

Ich glaube, um da erfolgreich zu sein, müssen Verbünde eine gemeinsame Geschichte erzählen, die wahr ist und wahrhaftig. Da wäre es nicht opportun, wenn sie starke, aber unterschiedliche Universitätsprofile künstlich zusammenbiegen. Wir haben das in München gar nicht nötig, beide Universitäten können auch allein eine hervorragende Leistungsbilanz vorweisen. Nehmen Sie nur das Beispiel Tenure Track: Bund und Länder machen in ihrem TT1000-Programm jetzt unser Modell. Das TUM-Modell stand Pate, dasist doch klasse! 

 

Finden Sie, die Berliner haben eine solche wahrhaftige gemeinsame Geschichte zu erzählen?

 

Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass ich mich aus der Ferne zu dieser  Frage äußere. Berlin ist nicht München! Nur so viel: Es ist schwer vorstellbar, dass die Gutachter Berlin als Ganzes rausschmeißen, da müsste das vorgelegte Konzept schon grottenschlecht sein. Was ich nicht glaube. 

 

Einen Verbund ganz anderer Art geht die TUM in Baden-Württemberg ein, mit der Dieter-Schwarz-Stiftung, und baut jetzt ihren ersten deutschen Standort außerhalb Bayerns auf.

 

Gut, dass Sie das so betonen. Denn einen Standort außerhalb Bayerns haben wir schon, nur eben nicht in Deutschland, sondern seit 2001 in Singapur. Den zu gründen, war viel schwieriger, das war sauschwer, weil wir keinen einzigen Steuercent aus Bayern nach Asien schaffen durften. Da lernt man, mit Bildung umzugehen, auch im kaufmännischen Sinn. Nachdem uns das gelungen ist, dachten wir: Wer in Singapur erfolgreich ist, der kann das auch in Heilbronn! Wobei ich fairerweise sagen muss, die sind auf uns zugekommen. Immerhin haben wir schnell kapiert, dass das eine riesige Chance in einem Hightech-Umfeld ist, und darauf kommt es uns an. 

 

20 Professoren finanziert Ihnen die Schwarz-Stiftung, 13 davon in Heilbronn, sieben in München, allesamt in den Wirtschaftswissenschaften.

 

Wir werden so zu der mit Abstand größten BWL-Fakultät in Deutschland, wenn nicht in ganz Europa, und wir landen in der Hightech-Region Heilbronn-Neckarsulm. TUM-BWL ist eine begehrte Marke. Gerade bereiten wir die Ausschreibungen vor. Übrigens spricht es für die baden-württembergische Wissenschaftsministerin Theresia Bauer, dass sie sagt: Klar wäre ihr eine landeseigene Lösung lieber gewesen, aber sie legt uns keine Steine in den Weg. Prima!

 

Gehen Sie jetzt öfter außerhalb Bayerns auf die Pirsch?

 

Ob Heilbronn ein Vorbild ist, fragen Sie? Das wird sich zeigen. Legen wir erstmal los. Weitere konkrete Pläne haben wir jedenfalls nicht. Könnten aber kommen, ich kenne mich. 

 

Apropos Pläne, Herr Herrmann: Viele rechnen damit, dass Sie bald nach dem 150-jährigen Jubiläum der TUM nächstes Jahr Ihre Zelte in München abbrechen und Gründungspräsident der geplanten Universität in Nürnberg werden. Immerhin sind Sie ja schon Gründungsbeauftragter.

 

Nix da! Bis Ende 2019 mache ich weiter hier in München, und dann will ich endlich mehr Musik machen. Das hätte ich verdient. 

 

Sie entschuldigen, wenn da bei mir Restzweifel bleiben, dass Sie nach fast einem Vierteljahrhundert als TUM-Präsident die Chance auslassen, bei der Gründung einer nagelneuen Universität dabei zu bleiben?

 

Sie meinen, ich lasse mich da noch umstimmen von der Politik? Habe ich nicht vor, aber gut, ich will’s nicht ausschließen. Vielleicht werde ich am Ende wieder schwach. Aber geplant ist ein neues Pontifikat nicht. 

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Edelgard Bulmahn zieht Bilanz

Die Ex-Forschungsministerin nimmt Abschied vom Bundestag. Im ZEIT-Interview sagt sie noch einmal, was ihr wichtig ist und wie ihre Reformen in Schröders Agenda 2010 passten.

Foto: Sven Teschke
Foto: Sven Teschke

30 JAHRE LANG war sie Abgeordnete, sieben Jahre Bundesministerin, sie war Vorsitzende des Bildungsausschusses und später des Wirtschaftsausschusses. Sie hat die Exzellenzinitiative auf den Weg gebracht, die Bologna-Reform vorangetrieben, die Juniorprofessur eingeführt, die Grundlagen für den Pakt für Forschung und Innovation und für den Hochschulpakt gelegt: ein Feuerwerk an Reformen, wie es die Hochschulen selten erlebt haben. 

 

Jetzt verlässt Edelgard Bulmahn, 66, das Parlament. Und so wie in ihrem Ressort eine Reform die andere jagte, so hat die rot-grüne Koalition unter Kanzler Gerhard Schröder insgesamt mit ihrer Politik das Land verändert. Die "Agenda 2010" spaltet bis heute die Nation: Markierte sie den Aufbruch in ein neues Wirtschafts- und Beschäftigungswunder, oder war sie der Auftakt eines historisch einmaligen Sozialabbaus? Bulmahn sagt, 90 Prozent der Menschen assoziierten mit dem Begriff die Arbeitsmarktreform, und die gelte heute vielen als neoliberal. Dabei sei die grundsätzliche Idee der rot-grünen Politik eine andere gewesen: "Menschen mehr Chancen zu eröffnen, Gesellschaft und Wirtschaft zu modernisieren und innovationsfähiger zu machen." Feststeht: In ihren sieben Jahren als Ministerin von 1998 bis 2005 hat die Frau aus Hannover unserem Wissenschaftssystem seinen bis heute beherrschenden Rahmen gegeben.

 

Anfang des Jahres habe ich Edelgard Bulmahn gefragt, ob Sie Lust hat, im Interview noch einmal die zentralen Themen ihrer Amtszeit Revue passieren zu lassen. Zusammen mit meiner Kollegin Anna-Lena Scholz habe ich sie dann zum Gespräch für die heutige ZEIT (leider noch nicht online) getroffen. Es ist das letzte Interview der ehemaligen Bundesforschungsministerin als Parlamentarierin, und es liest sich wie die forschungs- und bildungspolitische Bilanz ihrer Arbeit. Ob Ganztagsschulen, Bafög oder das Paket der Wissenschaftspakte: Bulmahn sagt noch einmal, was ihr besonders wichtig war – und warum.

 

Ausführlich äußert sie sich zum Beispiel zur Bologna-Studienreform, der Einführung der gestuften Studiengänge Bachelor und Master: Sie habe selbst nicht erwartet, dass viele Universitäten so große Schwierigkeiten bei der Umsetzung haben würden, sagt Bulmahn und kritisiert die Rektoren für ihr Schwanken: "Anders als viele heute behaupten, waren die Universitäten und die Hochschulrektoren von Anfang an eine treibende Kraft. Erst hinterher haben sich manche distanziert." Die Reform hält Bulmahn weiter für richtig: "Wir brauchen in unserer heutigen Welt ein Studiensystem, das in der Lage ist, 50 Prozent eines Jahrgangs gut auszubilden."

 

Zur Exzellenzinitiative sagt Bulmahn, die sei immer "ein Herzensprojekt von mir" gewesen, zusammen mit dem Pakt für Forschung und Innovation habe der Wettbewerb eine deutlich stärkere Profilierung und Vernetzung zwischen außeruniversitären Forschungseinrichtungen und Hochschulen gebracht. "Das große Problemthema der 90er Jahre war ja das Nebeneinander und die Erstarrung der einzelnen Einrichtungen. Diese sogenannte Versäulung haben wir dann durchbrochen." Nach ihrer Ministerzeit allerdings sei allmählich "etwas aus der Balance geraten zwischen der Projektfinanzierung auf der einen Seite und der Grundfinanzierung auf der anderen." Die mangelnde Grundfinanzierung der Hochschulen mithilfe von Bundesmitteln zu beheben, sei jetzt "die hochschulpolitische Notwendigkeit unserer Zeit."

 

Bulmahn kritisiert auch die Reform des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes nach dem Ende ihrer Amtszeit, gegen die sie sich immer gesperrt habe: "dass Drei-, Fünf- oder Neun-Monatsverträge en masse erlaubt wurden. Diese Kettenverträge zu begünstigen war ein Riesenfehler meiner Nachfolgerin Annette Schavan." Die aktuelle Forschungsministerin Johanna Wanka wiederum habe "nicht couragiert" genug für eine besser Grundfinanzierung der Hochschulen gekämpft.

 

Ansonsten findet Bulmahn für ihre CDU-Nachfolgerinnen durchaus lobende Worte. So habe Schavan, die 2005 ins Amt kam, die Exzellenzinitiative nicht aus ideologischen Gründen abgeschafft, sondern weitergeführt, "obwohl sie anfangs dagegen war." Dann folgt allerdings doch noch eine Spitze: Schavan sei überhaupt "wirklich gut" darin gewesen, ihre (Bulmahns) Ideen zu verwalten. Sie habe aber auch eigene Akzente gesetzt, indem sie etwa den Hochschulpakt zu einem "richtig großen Pakt" gemacht habe. Über Schavans Nachfolgerin Wanka sagt Bulmahn, diese habe sich um die Verstetigung der Exzellenzinitiative verdient gemacht. "Und das habe ich auch in der SPD unterstützt, wo ich konnte."

 

Für die kommenden Jahre kündigt Bulmahn an, sie werde "nicht nur auf dem Sofa sitzen", sondern "weiter nach vorne denken, Ideen mitentwickeln." Womöglich wird die ehemalige Ministerin die neu gewonnene Freiheit sogar intensiver nutzen, als viele Sozialdemokraten es vermuten: Im Februar war sie gemeinsam mit weiteren SPD-Fachpolitikern erstmals seit Jahren wieder öffentlich auf dem Feld der Hochschulpolitik in Erscheinung getreten mit einem Vorschlag, wie der Bund sich an der Grundfinanzierung der Hochschulen beteiligen könnte. 

 

Eine der prägenden Wissenschafts- und Bildungspolitikerinnen der vergangenen Jahrzehnte nimmt ihren Abschied – und bleibt doch präsent. Manchmal, sagt sie, sei sie immer noch ungeduldig, "weil ich wirklich Sorge habe, dass wir nicht zeitgerecht handeln."

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Blick zurück (8)

Seit 20 Jahren beschäftigte ich mich mit Hochschulen, Bildung und Wissenschaft. Viel ist passiert in dieser Zeit, vieles davon durfte ich als Journalist begleiten. Der Blick zurück zeigt, wie aktuell einige meiner Themen von einst geblieben sind – obwohl sich fast alles verändert hat. Machmal allerdings auch, weil sich fast gar nichts verändert hat. Der achte Teil einer Serie.

Revolte Reloaded

Die Linkspartei lässt den SDS wiederauferstehen. So mancher Beobachter bejubelt die neue Politisierung der Studenten. Doch wollen sich diese heute wirklich noch politisch engagieren? Eine Spurensuche.

(erschienen in der ZEIT vom 31. Juli 2008)

 

DIE REVOLUTION IST nach Hessen gekommen. Freitagabend war das, sie bleibt bis Sonntag, und zwischendurch übernachtet sie in der Turnhalle nebenan. Ihre Frontfrau trägt eine Sonnenbrille im blonden Haar, studiert in Berlin und liebt historische Vergleiche. "Eines unserer Ziele ist eine Bewegung wie 1968. Wir stellen uns bewusst in die Tradition des SDS", sagt sie. "Die Herausforderung bleibt, den Kapitalismus zu überwinden."

 

"Enteignet Springer!" steht auf einem Transparent in dem holzgetäfelten Hörsaal der Universität Marburg, der an einem wolkenverhangenen Juniwochenende die Kulisse für den dritten Verbandstag von Die Linke.SDS abgibt. Daneben verkündet ein Spruchband: "40 Jahre – 1968 die letzte Schlacht gewinnen wir."

 

Die 40 Jahre alten Ideale sollen heute wieder die Messlatte sein

 

Die junge Frau mit der Sonnenbrille heißt Stefanie Graf, kurz Steffi. Man könnte die zufällige Namensgleichheit mit der Tennisspielerin, die heute Werbung für Designerparfum macht, ironisch nennen. Irgendwie aber auch passend. Denn wie auch immer Revoluzzer vor 40 Jahren ausgesehen haben mögen, heute tragen sie mehrheitlich weiße Blusen, Hemden und Jack-Wolfskin-Jacken.

 

Eine weitere Namensgleichheit halten viele Alt-68er für weniger passend. Mit einem Selbstbewusstsein, das an Vermessenheit grenzt, hat sich der neue Studentenverband, dessen Vorstandsmitglied Graf ist, das Kürzel, die Parolen und die Symbole des alten SDS angeeignet und damit eine mediale Aufmerksamkeit erzeugt, von der Asten und Linke Listen nur träumen konnten. So selbstbewusst ist der Umgang mit der Geschichte, dass Graf und ihre Leute nehmen, was sie brauchen, und den Rest liegen lassen. Darum ist SDS nicht mehr die Abkürzung für Sozialistischer Deutscher Studentenverband, sondern politisch korrekter für Sozialistisch-Demokratischer Studierendenverband. Auch der Umstand, dass der alte SDS nach seiner Loslösung von der SPD bewusst außerparlamentarisch und parteiunabhängig sein wollte, stört die Neuen nicht. Die Linke.SDS ist der Studentenverband der Linkspartei. Doch "sind die Ideale, denen sie sich vor 40 Jahren verschrieben haben, woran sie letzten Endes gescheitert sind, auch unsere Messlatte", sagt Steffi Graf, die auch im Bundesvorstand der Linkspartei sitzt.

 

Schon gibt es erste Kommentatoren, die angesichts der starken Sprüche und der professionellen Pressearbeit des SDS eine neue Politisierung der vermeintlich so unpolitischen Studentenmehrheit in Deutschland entdecken, die selbst Studiengebühren mit einem erstaunlichen Gleichmut hingenommen zu haben schien. Die Jugend, so der Tenor, rege sich endlich wieder, die Rückbesinnung auf das vernachlässigte emanzipatorische Erbe Rudi Dutschkes habe begonnen. Was gleich mehrere Fragen aufwirft: Erstens, waren die meisten Studenten bis jetzt tatsächlich so unpolitisch? Zweitens, zünden die 68er-Anspielungen bei ihnen wirklich so gut? Und drittens, sind jene, die da in Marburg den Sozialismus feiern, so anders als der Rest?

 

Auf einer Bierbank, ein paar Hundert Kilometer von Marburg entfernt, sitzt Adrian Kreller, Locken, Kapuzenpulli und Shorts. Die Marketing-Vorlesung ist zu Ende, er lässt die Beine baumeln. Sein Blick geht in die Ferne, hinüber zum frisch renovierten Henry-Ford-Bau der Berliner Freien Universität (FU). Nach einer Weile sagt er: "Manchmal muss man sich entscheiden im Leben. Effizient studieren, Spaß haben und dann noch irgendwelche Gremienarbeit, das geht nicht." Man könnte denken: Kreller, 20, BWL-Bachelor, ist der Prototyp des unpolitischen Studenten, der zwischen Campus und Partykeller pendelt, der noch zu Hause wohnt und daher nicht jobben muss, sondern mit gelegentlichem Rasenmähen davonkommt. Doch dann sagt Kreller Sätze wie diesen: "Die Leute wehren sich gegen Ideologien und Schlagwörter. Die Dinge sind nie schwarz-weiß, doch Parteien und Verbände tun immer noch so, als ob es den einen selig machenden Weg gäbe." Klar, fügt er dann noch hinzu, er sei auch mal bei einer Veranstaltung der Jungen Liberalen gewesen, "aber da auf Dauer durchzusteigen mit all den Parteiprogrammen, Satzungen und Mail-Listings wäre fast ein Vollzeitjob. Da investiere ich meine Zeit lieber anders."

 

Passiv-unpolitisch klingt das nicht. Eher nach dem, was der bekannte Bielefelder Jugendforscher Klaus Hurrelmann als "fast schon unheimlichen Pragmatismus" bezeichnet. Und es erklärt, warum traditionelle Parteistrukturen viele junge Menschen abschrecken und dass man die Abwendung von den Parteien keineswegs als fehlende Politisierung beklagen sollte, wie Hurrelmann betont: "Man muss sie da abholen, wo sie sind, dann kann man sie auch für Politik begeistern." >>


10 Jahre nach der Gründung: Die Website des neuen SDS.


Projekte, die irgendwie mit dem eigenen Leben zu tun haben

 

Zum Beispiel in Berlin, Prenzlauer Berg: An einem heißen Sommertag rattert die Hochbahn an einem alten Fabrikgebäude vorbei, im obersten Stock stellt Gregor Scheppan, blond, verwuschelte Haare, den Ventilator auf die höchste Stufe. Ein paar Tische, ein kastiger Uraltcomputer und ein Flipchart: das ist die Politikfabrik, die Scheppan vor sechs Jahren mit Freunden gegründet hat.

 

Früher haben sie hier oben Nähmaschinen hergestellt, heute Projekte für politische Bildung. Vor der vergangenen Bundestagswahl sind sie mit ihrem »Wahl-O-Mat« in die Schulen gegangen und haben den 18-Jährigen erzählt, warum sie wählen gehen sollen. Vor dem G-8-Gipfel in Rostock haben sie ein Modell-G-8 mit 80 Teilnehmern aus 12 Staaten organisiert. Diesen Sommer schicken sie zum zweiten Mal Jugendliche auf "Stadt-Land-Plus"-Tour nach Osteuropa, wo sie auf Entdeckungsreise gehen und auf Websites regelmäßig berichten sollen. Alle Mitglieder der Politikfabrik sind noch Studenten, Politikwissenschaftler wie Scheppan, aber auch Geisteswissenschaftler und ein Architekt. "Ist all das unpolitisch? Ich würde sagen: Eher die treuen Parteigänger, die nicht selbst denken, sind unpolitisch", sagt Scheppan.

 

Studenten da abholen, wo sie sind, hier klappt es offenbar über Projekte und Initiativen, die irgendwie mit dem eigenen Leben zu tun haben oder gleich mehrere Ziele miteinander verbinden: die Gesellschaft voranbringen, Praxiserfahrung sammeln, am eigenen Lebenslauf arbeiten. "Die Geisteswissenschaftler, die bei uns gearbeitet haben", sagt Scheppan, "haben nach dem Examen bis zu fünf Jobangebote bekommen."

 

Gesellschaftliches Engagement, das die Bewerbungschancen erhöht – früher hätte man das als Karrierismus bezeichnet. Klaus Hurrelmann, der auch die Shell-Jugendstudie leitet, warnt vor derart einfachen Deutungen. "Ich würde die Haltung vieler junger Leute nicht so einfach abwerten wollen", sagt er. "Der gegenwärtige Pragmatismus ist auch Folge der Wirtschaftskrise, die die Ängste der Jugendlichen vor Abstieg und Arbeitslosigkeit verstärkt hat. Selbstlosigkeit muss man sich auch leisten können."

 

Es gibt zwei Millionen Studenten in Deutschland. Der 68er-Kongress, den der Studentenverband als einen Riesenerfolg feierte, hatte nach Verbandsangaben 1600 Teilnehmer. Mit Die Linke.SDS habe man endlich einen Weg gefunden, meint Steffi Graf, das "riesige Potenzial" bislang nicht engagierter Studenten in eine neue linke Bewegung münden zu lassen. In Marburg waren 60 Leute dabei. Vermutlich tut man dem SDS nicht Unrecht, wenn man Selbstironie nicht als die größte Stärke der Delegierten bezeichnet.

 

Vor der Tafel im Marburger Hörsaal steht eine Studentin im schwarzen T-Shirt am Mikrofon, daneben sitzt ein junger Mann mit kurzen Haaren und Dreitagebart. Sie sind die Versammlungsleiter. Und da gibt es einiges zu leiten. Ein ganzes Heft voller Satzungs-, Änderungs- und politischer Anträge gilt es abzuarbeiten, es geht um die Fahne des Verbands und die immergleiche Diskussion, ob man nicht doch lieber nur "SDS" heißen wolle. Wenn jemand nach drei Stunden Debatte eine Pause will, wird darüber zunächst abgestimmt mit Rede und Gegenrede und Enthaltungen.

 

Wie sie sich dann sogar in der Pause neben dem Büchertisch mit marxistischer Literatur die Köpfe heißreden über Geschäftsordnungsanträge, wird dem Beobachter schnell klar: Die Revolution ist hier nur auf Antrag zu haben, und sie wird gemacht von einer Handvoll Anzugträgern mit Che-Guevara-Mützen und Mädchen mit dickem rotem Stern auf ihrem T-Shirt. Während sich die einen wohl aus Angst vor dem Verfassungsschutz nicht filmen lassen wollen, lösen die anderen schon mal ein paar Matheaufgaben aus dem Brückenkurs. Und plötzlich sieht es so aus, als wären die SDSler gar nicht so anders als der Rest ihrer Studentengeneration. Da nennt dann schon einmal ein Vorstandsmitglied als Beweis der Unangepasstheit den Umstand, dass die SDSler in der Turnhalle übernachten und nicht in gemütlichen Jugendherbergen wie die Kollegen von den anderen Verbänden.

 

Auch wenn Steffi Graf und ihre Mitstreiter das nie zugeben würden: Am Ende ähneln ihre Probleme sogar denen junger Christdemokraten. "Wer sich in politischen Parteien engagiert, fällt leider ein bisschen aus dem Mainstream", sagt der VWL-Student Sebastian Millies, der seit 2007 stellvertretender Kreisvorsitzender der Jungen Union in Berlin-Spandau ist. Als er jüngst in einer Info-Veranstaltung zur Karriereplanung laut fragte, ob parteipolitisches Engagement von Arbeitgebern unterstützt werde, ging ein genervtes Murren durch den Saal. "Viele Leute wollen nur meckern", sagt er. "Ich will etwas verändern. Und gute Abgeordnete fallen auch nicht vom Himmel."

 

Da ist es wieder: das Arbeiten durch die Parteistrukturen, ohne das es kaum politische Karrieren geben kann. Das extrem zeitaufwendig ist. Das Anpassung und Unterordnung unter die Parteiideologie erfordert. Womöglich spricht Politikfabrik-Macher Scheppan für die Mehrheit der Parteilosen, wenn er sagt: "Ich will nicht Claqueur für irgendeine Ideologie sein. Ich will mich nicht von Parteistrukturen und Seilschaften plätten lassen. Ich will nur ein politischer Mensch sein und meinen dürfen, was ich will."

 

Eine neue Studentenbewegung dürfte so noch lange auf sich warten lassen. Zumindest, wie sie sich der neue SDS vorstellt. Denn vielleicht ist das ja bereits die neue Studentenbewegung: individualistisch, pragmatisch und trotzdem politisch.

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Entscheidet Euch!

Die OECD-Studie "Bildung auf einen Blick" zeigt neben einigen Highlights vor allem eine Schattenseite der deutschen Bildungspolitik: die mickrige Finanzierung der Hochschulen.

WÄHREND BUND UND LÄNDER sich angesichts der OECD-Studie "Bildung auf einen Blick 2017" in einer gemeinsamen Pressemitteilung gegenseitig auf die Schultern klopfen, veröffentlicht Andreas Schleicher seine Warnung anderswo. Eine Reihe europäischer Staaten falle bei der Hochschulfinanzierung zurück, warnt der OECD-Bildungsdirektor heute bei Times Higher Education, diese Länder seien „echt in Schwierigkeiten“. 

 

Als Beispiele nennt Schleicher Spanien, Italien, Slowenien und Portugal, aber selbst Länder wie Deutschland oder Finnland hielten bei ihren Ausgaben pro Student nicht Schritt mit der Konkurrenz in den USA oder Großbritannien. Dies belegen die Statistiken im heute erschienenen "Bildung auf einen Blick" drastisch: Deutschland investiert nur 17.180 Dollar pro Kopf, Tendenz fallend, die Vereinigten Staaten knapp 29.300, Großbritannien 24.500 Dollar – Tendenz steigend.

 

Was Schleicher noch im Times-Interview sagte, dürfte direkt in Richtung der Deutschen gemünzt sein: Es gebe Länder, die blockierten sich selbst, indem sie nicht in der Lage oder willens seien, ausreichend Steuergelder in die Hochschulen zu investieren, ihnen andererseits aber auch nicht erlaubten, Studiengebühren zu kassieren. Im Grunde seien zwei Modell denkbar: das schwedisch-norwegische, wo hohe Steuern und Staatsausgaben die Qualität der Hochschulen sicherten, „oder Sie können den britischen Weg gehen und die Gebühren erhöhen“.

 

So gaben die Vereinigten Staaten 2014 2,7 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung für die Hochschulen aus, wovon (und das ist der Unterschied zu Deutschland!) 1,7 Prozentpunkte nichtstaatlich finanziert waren. Großbritannien kam insgesamt auf 1,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts – davon klägliche 0,6 Prozent staatlich und enorme 1,3 Prozentpunkte aus privater Hand. Deutschland meldete lediglich gut 1,2 Prozent, davon 0,2 Prozentpunkte privat finanziert. Punkt. Was übrigens auch bedeutet, dass (Achtung Vorurteile!) der Staat in den USA genauso viel in die Hochschulen investiert wie Bund und Länder bei uns.

 

Schleichers Analyse zeigt schonungslos, dass sich Deutschlands Hochschulfinanzierung am Scheideweg befindet: Während die Chefs der großen Forschungsorganisationen hierzulande angesichts von Brexit und Trump-Regierung davon schwärmen, bessere Karten als je zuvor zu haben im Wettstreit um die talentiertesten Studenten und Nachwuchswissenschaftler, vergrößerte sich der qualitative Rückstand der deutschen Hochschulen zuletzt sogar noch. Denn auch wenn die Bundesrepublik absolut gesehen in den vergangenen Jahren wie kaum ein zweites europäisches Land ihre Hochschulausgaben gesteigert hat, verpuffte der Effekt qualitativ, weil ebenfalls nirgendwo sonst im gleichen Zeitraum die Studentenzahlen so stark kletterten. Und selbst die absoluten Ausgaben für die Hochschulen bleiben, siehe oben, immer noch schmal. Kurzum: Selbstzufriedenheit angesichts der internationalen Konkurrenz ist nicht angebracht.

 

Womit wir bei der Pressemitteilung von Bundesforschungsministerium und Kultusministerkonferenz (KMK) angekommen wären. Deutschland sei OECD-Spitze in der MINT-Bildung, wird da gejubelt, die Studie bescheinige Deutschland „ein für die Zukunft gerüstetes Bildungssystem“. 

 

In der Tat berichtet das OECD-Bildungsdirektorat in seiner „Ländernotiz“ anerkennend, Deutschland habe unter allen Industriestaaten den höchsten Anteil junger Menschen, die einen Studienabschluss oder Meister in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften oder Technik machen (37 Prozent). Darin spiegele sich Deutschland starke technologische Ausrichtung wider. Allerdings seien Frauen weiter unterrepräsentiert und machten nur 28 Prozent der MINT-Studienanfänger aus. 

 

Die Bundesregierung habe die Förderung der mathematisch-naturwissenschaftlichen Bildung in den vergangenen Jahren kontinuierlich ausgebaut“, sagt Bundesforschungsministerin Johanna Wanka (CDU). „Diese Anstrengungen lohnen sich, wie die Zahlen der OECD verdeutlichen.“ Weiterhin müssten Frauen in diesem Bereich besonders gefördert werden. Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU), die derzeit als Präsidentin der KMK fungiert, betonte, dass, übrigens anders als in der Vergangenheit, gerade auch das deutsche Berufsbildungssystem gute Noten von der OECD bekommen habe. „Nicht nur die Studiengänge im Bereich der MINT-Fächer, sondern auch das Ausbildungsniveau bei technischen Berufen gelten international als Aushängeschilder Deutschlands.“

 

Positiv vermerkt die OECD für Bildungsausgaben außerhalb des Hochschulsektors, diese seien zwischen 2010 und 2014 nur um zwei Prozent gesunken, während die Zahl der Schüler um sechs Prozent zurückgegangen sei. Weiter geht ein großer Teil der deutschen Bildungsbudgets für die traditionell besonders hohen Lehrergehälter drauf, gleichzeitig habe sich die Lehrerschaft verjüngt, gehöre aber im OECD-Vergleich immer noch zu den ältesten. Positiv hervorgehoben wird in „Bildung auf einen Blick“ außerdem die mittlerweile „nahezu universelle“ Beteiligung der 3- bis 5-Jährigen in Deutschland an der frühkindlichen Bildung. 

 

Und wie ist das nun mit dem richtigen Verhältnis zwischen Studium und Ausbildung, ein Thema, bei dem sich die Deutschen mit ihrer dualen Ausbildung in der Vergangenheit stets von der OECD missverstanden fühlten? Das Bildungsdirektorat schreibt reichlich technisch: „Deutschlands Berufsbildungssystem stellt eine hohe Beschäftigungsfähigkeit für Personen sicher, die ihre Ausbildung nicht im Tertiärbereich fortsetzen.“ Denn das darf man nicht vergessen: Trotz der jüngsten Explosion bei den Studienanfängern liegt der Anteil der Hochschulabsolventen in Deutschland immer noch unter dem OECD-Schnitt. An anderer Stelle klingt die verspätete Anerkennung des deutschen Berufsbildungssystems durch die OECD weniger verklausuliert: Die „guten Ergebnisse des deutschen Berufsbildungssystems“ zeigten sich auch in dem geringen Anteil der 20- bis 24-Jährigen (10,8 Prozent), die weder Job noch Ausbildungsplatz hätten. 

 

Wobei die Autoren der Studie auch darauf hinweisen, dass vor gerade mal gut zehn Jahren, 2005, die Lage noch ganz anders aussah: Damals waren in Deutschland 18,7 Prozent der jungen Erwachsenen (und damit mehr als der damalige OECD-Schnitt von 17,3 Prozent) arbeits- oder ausbildungslos. Die Schlussfolgerung ist klar: Womöglich ist das wahre Erfolgsmodell nicht die duale Ausbildung, sondern der wirtschaftliche Boom, den Deutschland im vergangenen Jahrzehnt erlebt hat. 

 

Ein wirtschaftlicher Boom übrigens, und damit sind wir wieder am Anfang, der zwar Rekord-Steuereinnahmen und Budgetüberschusse bescherte, aber die Unterfinanzierung der Hochschulen nicht beendete. Sich mit den so stark gestiegenen Studentenzahlen herauszureden, mag kurzfristig funktionieren, langfristig aber gilt dann doch Schleichers Ansage: Deutschland wird sich entscheiden müssen in Sachen Hochschulfinanzierung.

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Der traurige Tod der Experimentierfreude

Wissenschaftliche Erkenntnis lebt vom Ausprobieren. Doch geht es um die Hochschulpolitik, werden die meisten Wissenschaftler plötzlich zu Fundamentalisten und rufen: Bloß keine Experimente! Schade eigentlich. Ein Gastbeitrag von Stefan Winter.

Foto: Max Pixel

WIE KOMMT DER Mensch zu Erkenntnissen? Er pflückt eine unbekannte Beere und probiert sie. Wenn er tot umfällt, macht er das nicht wieder. Seine Horde auch nicht. Irgendwann isst einer aus der Horde eine andere unbekannte Beere. Da nicht alle Beeren giftig sind, gibt es heute Lammschulter mit Rosmarin und Johannisbeeren. Lecker!

 

Nun ist zu konstatieren, dass die Techniken des Experimentierens seit der Zeit der ersten Johannisbeeren sehr viel ausgefeilter geworden sind. Ob in der Physik, beim Testen von Medikamenten oder in der Psychologie: Wir experimentieren, um zu neuen Erkenntnissen zu kommen. Ich kann das zwar nicht beweisen, aber ich vermute doch, dass von allen Methoden der Erkenntnisgewinnung das Experiment das erfolgreichste Verfahren der Menschheit ist. Dabei sollte man den Begriff des „Experiments“ nicht zu eng fassen. Es geht nicht unbedingt um statistische Evidenz auf Basis hinreichender Fallzahlen. Auch der Bau eines Prototyps ist ein Experiment. Wenn der neue Flieger vom Himmel fällt, stimmt was nicht und gegebenenfalls muss man die Stelle der Testpiloten neu ausschreiben. Wenn der Flieger nicht vom Himmel fällt, geht’s zwei Jahre später damit nach Mallorca. 

 

Und was passiert in der Hochschulpolitik? Keiner will experimentieren, keiner will Prototypen testen! Stattdessen toben allenthalben die Schlachten von Ideenfundamentalisten, von denen jeder absolut sicher ist, Recht zu haben. Für mich besonders deprimierend ist, dass sich an diesen Schlachten stets auch Wissenschaftler beteiligen. In ihren eigenen Disziplinen würden die den Skeptikern einfach sagen: „Machen wir doch ein Experiment, dann sind wir hinterher schlauer“. Aber kaum verlassen sie ihr Fachgebiet, werden sie selbst zu Fundamentalisten, die keinesfalls mehr experimentieren wollen. Wozu auch, als Fundamentalist hat man ja schließlich Recht. 

 

Wir haben die Diplomstudiengänge abgeschafft. Es gab Gründe dafür und Gründe dagegen. Wären wir wirklich an Erkenntnissen interessiert gewesen, hätten wir uns Gedanken darüber gemacht, nach welchen Kriterien wir die Systeme „Diplom“ vs. „BA/MA“ bewerten wollen und wie wir die Ausprägungen dieser Kriterien hinterher messen. Dann hätten wir noch versucht, Selbstselektionseffekte der Studierenden herauszurechnen. Und am Ende hätten wir sagen können, was besser ist. Diese Aussage wäre aufgrund der Vielzahl möglicher Einflussgrößen nicht perfekt. Aber sie wäre um Welten besser als eine Entscheidung auf Basis fundamentaler Vorurteile in der einen oder der anderen Richtung. Der Mangel an Experimentierfreude beschränkt sich natürlich nicht auf den Hochschulbereich. Die Debatte um G8/G9, die Debatte um Inklusion? Fast nirgends wird erstmal ausprobiert, wie man etwas machen sollte. Vor allem: Wie man es richtig machen könnte.

 

An der Beerdigung der Experimentierfreude nimmt unsere Gesellschaft Tag für Tag mit großer Hingabe teil. Das schönste Format der Trauerfeier ist sicherlich die Talkshow. Hier haben immer alle gleichzeitig uneingeschränkt Recht. Und am Ende schließt sich jeder Zuschauer der einen oder anderen Position an und hat ab dann auch uneingeschränkt Recht. Ich habe Jahrzehnte darauf gewartet, dass mal einer sagt: „Lasst es uns doch ausprobieren“, und alle anderen hätten dann freudig erregt voller Neugier auf die Wahrheit zugestimmt. Ach, was wäre das ein Fest gewesen. Eine gute Flasche Rotwein, zur Abwechslung mal aus Freude! Aber es hat nicht sein sollen. Daher, liebe Anne, liebe Sandra, ich kann Euren Trauerfeiern nicht mehr beiwohnen. Ich feile vielmehr sogar schon an meiner Karriere als Nichtwähler.

 

Mit der Weigerung, selbst zu experimentieren, ist es jedoch nicht getan. Selbst dort, wo in der Hochschulpolitik Experimente laufen, ignoriert man dann die Ergebnisse. Das bedrückendste Beispiel sind die Studiengebühren. An den staatlichen Hochschulen sind sie überall wieder abgeschafft worden. Die Abschaffung wurde allenthalben mit sozialer Selektion, Ungerechtigkeit und Abschreckung begründet. Was aber sagt das Experiment? Das Experiment sagt, dass Privathochschulen seit mehr als anderthalb Jahrzehnten rasant wachsen und damit Studiengebühren auf dem Vormarsch sind. Das Ergebnis dieses Experiments ist, dass es massenhaft Menschen gibt, die bezahlen können und dazu offensichtlich auch bereit sind. Vermutlich gibt es auch welche, die das nicht können. Von ersteren könnte man problemlos Geld nehmen, von letzteren sollten wir es lassen. Das wissen wir, weil wir experimentiert haben. Aber Schlussfolgerungen ziehen wir daraus nicht, wie leben lieber mit Unterfinanzierung, überfüllten Hörsälen und NC.

 

Das nächste Nichtexperiment kommt auch schon wieder in Sicht. Je nach Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Medizin-NC muss vermutlich demnächst die Hochschulzulassung neu geregelt werden. Dabei wird es dann in der Politik nicht darum gehen, etwas gegen die Mangelwelt des Numerus Clausus zu unternehmen, sondern den Mangel nur nach neuen Kriterien zu verteilen. Abinote versus Zulassungstest wird dann eines der nächsten Schlachtfelder der Fundamentalisten. Hätten wir vor 20 Jahren das einfach mal ausprobiert, dann wüssten wir heute, ob wir mit oder ohne Zulassungstests die besseren Ärzte hätten. Ich wette aber, dass wir uns das Ausprobieren auch diesmal ersparen werden. Wozu auch, es gibt ja Experten, die es absolut sicher wissen.

 

Stefan Winter ist Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Ruhr-Universität Bochum.

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Falscher Abgesang aufs Abi

Früher war das Abitur noch was wert, aber heute? Wird nicht jeder durchs Gymnasium gewinkt? Über unsere Vorurteile und was wirklich hinter der Debatte ums Abi für alle steckt.

War früher alles besser? Abiturjahrgang 1912 in Schlettstadt/Elsaß:  

WIE SCHÖN, WENN wir uns in unseren Vorurteilen bestätigt fühlen. Immer mehr Leute machen Abi, hören wir, die Ausbildungsbetriebe verwaisen, dafür laufen die Unis über. Das kann nicht gutgehen, denken wir, und tatsächlich findet sich immer irgendein Professor, der sagt: Die Schulabgänger können nicht mehr richtig schreiben. Rechnen können sie auch nicht, flucht ein Ausbildungsleiter über die ihm verblieben Azubis. Und ein Lehrer stimmt ein: Guckt euch die Noten an. Bald kriegt jeder für alles eine Eins. Spätestens dann raunt jemand von einem Komplott: Die Politik habe auf Druck des Industriestaaten-Clubs OECD unser Bildungssystem der Verflachung preisgegeben. Hauptsache, die Zahl der Abiturienten steigt, winkt jeden durch, dann ist die internationale Wirtschaftslobby zufrieden – während die deutsche Wirtschaft leidet. Das Abi für alle ist das Ende fürs Abi?

 

Zeit für ein paar Fakten, die irritieren. Schulleistungsstudien wie Pisa zeigen, dass deutsche Schüler im Schnitt heute besser in Mathe oder Deutsch sind als vor 15 Jahren. Und obwohl anderthalbmal so viele junge Leute studieren vor einem Jahrzehnt, sind die (zu hohen!) Bachelor-Abbrecherquoten kaum gestiegen. Selbst die vermeintliche Noteninflation ist seit Jahren eine homöopathische: Von 2015 auf 2016 etwa verbesserte sich der bundesweite Abischnitt um sage und schreibe 0,01. Unterdessen liegt die Arbeitslosigkeit unter Akademikern niedrig wie nie.  >>



>> Kurzum: Abitur und Studium eröffnen mehr jungen Leuten als je zuvor die Aussicht auf sichere Jobs und gute Bezahlung, während die Betriebe – der wahre Grund für den Azubi-Mangel – es versäumt haben, die Ausbildung attraktiver zu machen. Soviel zum angeblichen Komplott.

 

Die Wurzeln der Abi-Debatte liegen denn auch woanders. Da sind zum einen die Akademikereltern, die das Abitur ihrer Kinder entwertet sehen, wenn so viele andere plötzlich auch den Abschluss machen. Wie soll man sich noch herausheben aus der Masse? Und dann sind da die traditionsbewussten Studienräte an den Gymnasien, konfrontiert mit Jugendlichen, die sich so anders ausdrücken als die ihnen vertrauten Bildungsbürgerkinder. Wie einfach ist es, diesen Habitus mit mangelnder Eignung gleichzusetzen, zu sagen: Die gehören nicht hierher. Und dabei auszublenden, wie viele Akademiker ihre Kinder seit Generationen mithilfe von Nachhilfelehrern Richtung Abi pauken.

 

Und an den Unis? Nie gab es so viele leistungsstarke Studenten wie heute. Aber natürlich, wenn es insgesamt so viel mehr Studenten sind, gibt es auch mehr leistungsschwächere – was über die Qualität der Schulen rein gar nichts aussagt, sondern ein trivialer Effekt ist. Und wenn viele Erstsemester ihre Profs zum Stöhnen bringen, weil sie die Orientierung verlangen, die ihnen ihre Eltern nicht geben können: Macht sie das zu Studenten mit dem geringeren Potenzial?

 

Einfache Erklärungsmuster mögen befriedigend sein. Wir aber sind es den jungen Leuten schuldig, nicht auf sie reinzufallen.

 

Dieser Beitrag erschien heute zuerst in meiner Kolumne "Wiarda will's wissen" im Tagesspiegel.

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Beim Geld hört die Bildungsrepublik auf

Haben sich die Versprechungen des Bildungsgipfels von 2008 erfüllt? Der DGB präsentiert zum letzten Mal seinen jährlichen Monitoring-Bericht.

Foto: geralt

KLAUS KLEMM ZIEHT seine Abschlussbilanz. 2008 haben Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die damaligen Ministerpräsidenten (von denen übrigens nur noch der Gastgeber Stanislaw Tillich im Amt ist) in Dresden die "Bildungsrepublik" ausgerufen. Seitdem hat der Essener Erziehungswissenschaftler Klemm im Auftrag des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) jedes Jahr nachgeprüft, wie weit Bund und Länder mit der Erfüllung ihrer Versprechen gekommen sind. Dass das überhaupt so möglich war, hängt mit einem ersten oft unterschlagenen Verdienst der damaligen Gipfelrunde zusammen: Die Regierungschefs gaben in der sächsischen Landeshauptstadt nicht nur die üblichen nett-wolkigen Gemeinplätze von sich, nein, sie benannten konkrete, messbare Ziele, versehen mit einem Erledigungsdatum: bis 2015.

 

Jetzt liegen die finalen Bildungsstatistiken des Jahres 2015 vor, und Klemm zieht sein Fazit. Damit endet zugleich ein bildungspolitisches Monitoring-Experiment, das der DGB in bewundernswerter Konsequenz zusammen mit dem angesehenen Experten für Bildungsforschung und Bildungsplanung durchgezogen hat. Also schon bevor wir zu den eigentlichen Ergebnissen kommen, zweimal Lob: einmal für die Politik, die bereit war, sich messen zu lassen; und für den Gewerkschaftsbund, der es dann auch getan hat. 

 

Kommen wir zur Statistik und den sechs wesentlichen Zielen des Bildungsgipfels.

 

Nummer eins war, die Quote der Schulabbrecher bis 2015 von acht auf vier Prozent zu verringern. Im Zieljahr lag sie bei 5,9 Prozent –  war aber schon wieder angestiegen vom 2013 erreichten Tiefstand (5,7 Prozent, siehe auch die entsprechenden Warnungen im Bildungsmonitor 2017). Ziel zur Hälfte erreicht, könnte man sagen – mit zuletzt Besorgnis erregender Tendenz. Klemm weist in seiner Studie übrigens darauf hin, dass bundesweit der Anteil der Abbrecher eng korreliert mit der Prozentzahl der Neuntklässler, die in Deutsch nicht die Mindest-Bildungsstandards erreichen. Schaut man sich die einzelnen Bundesländer an, löst sich dieser Zusammenhang zwischen Abbrecherquote und verfehlten Mindeststandards allerdings auf. 

 

Zweites Ziel des Bildungsgipfels: den Anteil der jungen Erwachsenen ohne Berufsabschluss von 17 Prozent auf 8,5 Prozent zu halbieren. Das ging ziemlich schief: Bis 2015 ging die Quote gerade mal um 3,4 Prozentpunkte auf 13,8 Prozent zurück. Immerhin, ausgerechnet zwei Stadtstaaten haben deutliche Fortschritte erzielt: Hamburg drückte seinen Anteil von 20,7 auf 13,9 Prozent; Berlin kam von 21,5 auf 16,0 Prozent. Einzig in Brandenburg ging die Ohne-Abschluss-Quote leicht hoch, von 12,8 auf 13,1 Prozent. Klemm sagt: Angesichts von 299.000 Jugendlichen, die sich 2016 im so genannten Übergangssystem befanden, sei ein echter Fortschritt "auch für die absehbare Zukunft nicht zu erwarten".

 

Rasant verlief die Entwicklung bei der Kinderbetreuung, allerdings waren hier die Ziele der Politik, vereinbart beim "Krippengipfel 2007", auch älter und besonders ehrgeizig: Wurden 2008 unter 20 Prozent der Kinder unter drei Jahren in Kitas betreut, sollte bis 2013 ein Betreuungsangebot für 35 Prozent aufgebaut werden. 2015 gab es zwar fast 693.000 Plätze, rund 280.000 mehr als 2009, doch die Betreuungsquote war lediglich auf 32,9 Prozent gestiegen. Zum Stichtag 1. März 2016 ging sie angesichts der gestiegenen Geburtenrate sogar auf 32,7 Prozent zurück, und Klemm betont, der Ausbau der Plätze müsse "deutlich beschleunigt werden, damit wenigstens die aktuelle Betreuungsquote gehalten werden kann".

 

Stichwort Weiterbildung: Das Ziel lautete 2008, dass sich 2015 statt 43 Prozent 50 Prozent der Erwerbstätigen weiterbilden sollten. Quantitativ hätten Bund, Länder und Sozialpartner das schon 2014 geschafft, vermeldet Klemm, aber: Hinter dem Erfolg verberge sich eine "bedenkliche Konstanz von Ungleichheit". Arbeitslose, Menschen ohne abgeschlossene Berufsausbildung und Migranten nähmen deutlich seltener an einer Weiterbildung teil und seien "abgehängt". 

 

Beim vorletzten Ziel des Bildungsgipfels ist die Bilanz (einerseits) sehr einfach: übererfüllt. Bund und Länder wollten 40 Prozent eines Jahrgangs an den Hochschulen sehen, 2015 nahmen 58 Prozent ein Studium auf. Andererseits, warnt Klemm, bleibe die soziale Schieflage und verweist auf die Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks, derzufolge Akademikerkinder weitaus häufiger studieren als der Durchschnitt der Bevölkerung. Dass das Hochschnellen der Studienanfängerquote darüber hinaus zu einer leidenschaftlichen Debatte über den vermeintlichen "Akademisierungswahn" geführt hat, vermerkt auch der Erziehungswissenschaftler, setzt ihr jedoch Argumente entgegen: So seien unter den gut 500.000 Studienanfängern fast 71.000 internationaler Studenten, zudem verfüge ein Fünftel der Erstsemester bereits über eine abgeschlossene Berufsausbildung. "Vor diesem Hintergrund erscheint es wenig erfolgversprechend, jungen Menschen, die eine Studienberechtigung erworben haben, vom Studium abzuraten und ihnen statt dessen eine Ausbildung im Dualen System nahezulegen", sagt Klemm. Aussichtsreicher sei es, sich angesichts des drohenden Fachkräftemangels verstärkt um die jungen Menschen ohne Berufsausbildung zu kümmern, fordert der Bildungsforscher – womit sich der Kreis zum verfehlten Ziel 2 des Bildungsgipfels schließt.

 

Zuletzt der Blick auf die Finanzen. Bund und Länder wollten bis 2015 die öffentlichen und die privaten Ausgaben für Bildung und Forschung auf 10 Prozent der Wirtschaftsleistung steigen sehen, davon sieben Prozent für Bildung, drei Prozent für Forschung. Letzteres wurde 2015 laut Bundesforschungsministerium tatsächlich erreicht, doch Klemm befindet mit Verweis auf die Daten des Statistischen Bundesamtes: Ziel doppelt verfehlt. Eine interessante Diskrepanz, wobei Klemm wie gesagt die amtliche Statistik hinter sich weiß. Demnach flossen 2015 6,4 Prozent der Wirtschaftsleistung in Bildung, 2,7 Prozent in die Forschung, womit die Ausgaben insgesamt von 8,5 auf 9,1 Prozent Anteil am Bruttoinlandsprodukt stiegen – immerhin, aber eben deutlich unterhalb der Dresdner Ankündigung. Zwischen 2014 und 2015 ist die Quote sogar wieder um 0,1 Prozentpunkte gesunken – weswegen Klemm auch bei der Bildungsfinanzierung auf absehbare Zeit pessimistisch bleibt: Die zu schließende Lücke habe allein 2015 bei etwa 27,2 Milliarden Euro gelegen. 

 

Insgesamt endet das Langzeit-Monitoring von Klaus Klemm und dem DGB mit einer nach eigenen Worten "gemischten" Bilanz. So richtig leer waren die hochfliegenden Versprechungen von der Bildungsrepublik nicht. Die Abschlussbilanz verzeichnet durchaus Fortschritte, doch: "Die soziale Schieflache bleibt die Achillesferse unseres Bildungssystems", befindet die stellvertretende DGB-Vorsitzende Elke Hannack. Womit sie zweifellos Recht hat. Richtig ist aber auch: Im Vergleich zu den Bildungssystem vieler anderer Länder hat sich Deutschland zuletzt dynamisch entwickelt, was zeigt, dass trotz Föderalismus viel möglich ist, wenn Bund und Länder an einem Strang ziehen und öffentlichkeitswirksame Versprechen abgeben.

 

Peinlich und enttäuschend bleibt hingegen tatsächlich die Bildungsfinanzierung, und auch wenn Klemm die Zahlen in seiner Studie nicht in ihre Einzelteile zerlegt: Einen Großteil der Verantwortung daran müssen sich die Länder zuschreiben. Wobei viele Ministerpräsidenten (und das nicht nur wahlkampfbedingt) trotz Milliardenüberschüsse auf Seiten der Ländergemeinschaft die Statistik anders lesen: Mehr Bundesgeld muss her. Was im Falle einiger besonders klammer Länder sicherlich auch stimmt, bei anderen jedoch eher eine nette Strategie ist, die eigenen Finanzen zu schonen.

 

Zwei der Ministerpräsidentinnen, Malu Dreyer (SPD) aus Rheinland-Pfalz und Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) aus dem Saarland, sind heute auch bei der Veranstaltung dabei, die der DGB begleitend zur Veröffentlichung der Klemm-Studie organisiert hat. Rheinland-Pfalz hat 2016 zum ersten Mal seit 2016 zum ersten Mal seit 1969 einen Überschuss erwirtschaftet, das Saarland ist weiter Haushaltsnotgebiet. "Wo bleibt die Bildungsrepublik?", will der Gewerkschaftsbund wissen und fügt noch eine rhetorische Frage hinzu: "Brauchen wir eine gesellschaftliche Bildungsstrategie?" Und gibt in ihrer Pressemitteilung heute Morgen gleich ihre Antwort dazu. DGB-Vize Hannack fordert, eine Reformkommission Bildung einzusetzen, „in der Bund, Länder und Kommunen gemeinsam mit den Sozialpartnern eine echte gesellschaftliche Bildungsstrategie ausarbeiten“. 

 

Eines immerhin lässt sich abgesehen von allem Bund-Länder-Gerangel ganz sicher sagen: Im Jahr 10 der verkündeten Bildungsrepublik ist die Bildungsfinanzierung immer noch kein Selbstgänger.

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"Zufällig, zersplittert, ineffizient"

Der Bildungsforscher Eckhard Klieme über vermeintliche Testeritis, den Einfluss von Stiftungen in der Schulpolitik und die mangelnde Koordination zwischen den Bundesländern.

Foto: fotorismus für DIPF
Foto: fotorismus für DIPF

Herr Klieme, seit einer Weile ist die Forderung, das Kooperationsverbot abzuschaffen, schwer in Mode. Erst kürzlich hat SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz die dafür nötige Verfassungsänderung zur Grundlage seiner „Nationalen Bildungsallianz“ erklärt. Zu Recht?

 

In der Tat würde ich als Bürger, dem Bildungspolitik ein wichtiges Anliegen ist, die Abschaffung begrüßen, weil der Investitionsstau so gewaltig ist und gleichzeitig die Aufgaben, vor denen unsere Kitas und Schulen stehen, beständig wachsen. Sie sollen Integration und Inklusion bewältigen, sie müssen ihre IT-Infrastruktur aufbauen, gleichzeitig sind viele Standorte marode, und angesichts steigender Schülerzahlen werden auch Neubauten gebraucht. Am wichtigsten ist aber: Wenn wir die Erzieherinnen und Lehrerinnen halten und laufend fortbilden, wenn wir zusätzliche hoch qualifizierte Menschen für den Bildungsbereich gewinnen wollen, kostet das ebenfalls Geld. Geld, das Länder, zumindest die klammen unter ihnen, offenbar nicht haben.  

 

Also alles nur eine Frage des Geldes?

 

Eben nicht. Fast noch drängender ist, dass wir in Deutschland mehr inhaltliche Koordination in der Schulpolitik wagen. Mit am deutlichsten wird der Mangel an Koordination bei der Evaluation von Schulen und beim Umgang mit Tests. Wir Bildungsforscher halten die Evaluation von Schulen und Schülerleistungen für unverzichtbar, und tatsächlich haben alle Bundesländer in den vergangenen 20 Jahren daran gearbeitet. Aber die Reformen sind unkoordiniert, man hat nicht systematisch aus Fehlern gelernt und die Lehrkräfte nicht genug eingebunden. Inzwischen kursieren Parolen gegen eine angebliche Testeritis – obwohl die Wahrscheinlichkeit eines deutschen Schülers, beim Pisatest dranzukommen, nur 1 zu 500 beträgt und Vergleichsarbeiten lediglich zweimal in der Laufbahn einer Schülerin stattfinden. Fast nirgendwo auf der Welt wird so wenig getestet wie in Deutschland, Österreich und der Schweiz.  

 

Woher stammen dann die Klagen?

 

Sie stammen daher, dass wir in Deutschland keine kongruente Strategie haben, um Evaluationen sinnvoll einzusetzen für die Schulentwicklung. Da wirkt vieles beliebig und unüberlegt. Es gibt Bundesländer, in denen die Daten der Vergleichsarbeiten veröffentlicht wurden, obwohl sie als interne Rückmeldung gedacht sind und einen solchen Pseudo-Wettbewerb gar nicht hergeben. Und jedes Land macht es anders. >>


Eckhard Klieme leitet die Abteilung „Bildungsqualität und Evaluation“ am Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF), dessen Direktor er von 2004 bis 2008 war. Der Erziehungswissenschaftler forscht über Unterrichtsqualität und ist seit 2013 auf internationaler Ebene verantwortlich für die Pisa-Fragebögen.


>> Das verstehe ich nicht. Es heißt doch immer, allein die Tatsache, dass wir nach dem Pisa-Schock von 2001 Bildungsstandards und die von Ihnen angesprochenen Vergleichsarbeiten eingeführt haben, sei schon die große Revolution für die Schulentwicklung gewesen.

 

Na ja, die Revolution besteht vorrangig darin, dass die Länder sich überhaupt auf länderübergreifende Standards und Testprogramme einigen konnten. Ein  Riesenschritt war es, als die Kultusministerkonferenz (KMK) dafür sogar ein eigenes Institut gründete, das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB), aber es hat auch zehn Jahre gedauert, dessen Aufgaben und Budget halbwegs in eine Balance zu bringen. Bis heute ist das IQB kleiner als viele Landesinstitute oder vergleichbare Forschungseinrichtungen. Und damit hörte die Einigung in der KMK auch schon auf. Nehmen wir das Beispiel Schulinspektion, die wichtig ist, um Evaluation mit Schulentwicklung vor Ort zu verbinden: Jedes Land zieht sie anders auf, und gibt es einen Regierungswechsel, ändert sich das System schon wieder. Es gibt wenig inhaltliche Abstimmung zwischen den Ländern, und da geht es um viel mehr, als dass die Länder mehr Bundesgeld erhalten. Wir müssen eine nationale Koordination in der Gestaltung, Evaluation und Weiterentwicklung von Schulen aufbauen. 

 

Also doch das Bundesschulministerium, das keiner will? Das Ende des Föderalismus, wie wir ihn kennen?

 

Das muss und sollte es nicht heißen. Damit Sie mich nicht falsch verstehen: Ich bin überhaupt nicht dagegen, dass jedes Land seinen eigenen Weg geht bei der Unterrichtsentwicklung und bei der Schulgestaltung, doch ich halte es für extrem ineffizient, dass die Länder nicht systematisch von den Erfahrungen der anderen lernen, etwa bei der Gestaltung von Inklusion und Integration, der Schulentwicklung, der Qualifizierung von Quereinsteigern im Lehrerberuf und lernförderlichen Verfahren der Leistungsbeurteilung.

 

Gibt es so eine Koordination, ein Voneinanderlernen nicht längst und heißt KMK?

 

Die KMK ist genau das, wie sie heißt: eine Konferenz mit sehr kleinem Apparat. Sie hat keinerlei Mittel, um in Eigenregie innovative Förderprogramme aufzulegen, sie kann keine wissenschaftlichen Studien in Auftrag geben, für jede größere Veranstaltung muss sie erstmal Geld zusammenbetteln bei den Ländern. Wie sollte sie da so eine Koordinatorenrolle übernehmen? Was uns im Moment fehlt, sind nachhaltige Institutionen, die ein Gedächtnis bildungspolitischer Wirksamkeit schaffen und ein Motor für Innovationen sind. Wenn die Länder allein das schaffen: gut. Wenn es nur mit dem Bund geht: meinetwegen auch gut.

 

Schön gesagt. Von was für einer Institution sprechen Sie?

 

Ich bin kein Politiker. Ich kann nur sagen, dass die Strukturen, wie wir sie im Moment haben, unzulänglich sind, um drängende Fragen zu beantworten: Wie organisieren wir nachhaltige Lernprozesse? Wie finden wir heraus, was gute Praxis in unserem Bildungssystem ist? Wer kann in Deutschland systematisch das Wissen aus Wissenschaft und Praxis zusammenfassen, neue Forschung anstoßen und ihre Ergebnisse in die Schulen vermitteln? In anderen Staaten haben sich beispielsweise so genannte „Systematic reviews“ bewährt, die empirische Erkenntnisse bündeln. Weil unsere Bildungspolitik aber keine Institution geschaffen hat, die so etwas in die Hand nehmen könnte, überträgt sie die Aufgabe dem Zentrum für Internationale Bildungsstudien (ZIB), bei dem schon der Name sagt, dass es von Verfassung wegen eigentlich für internationale Bildungsvergleiche wie PISA zuständig ist. Hinzu kommt, dass das ZIB, anders als sein Name suggeriert, nur ein Projekt ist, das alle paar Jahre neu aufgesetzt werden muss. 

 

In den 70er Jahren gab es einen nationalen Bildungsrat, der analog zum Wissenschaftsrat die Bildungsreformen der Länder diskutierte, Studien finanzierte und Empfehlungen formulierte. Nach ein paar Jahren scheiterte der Bildungsrat am Widerstand der Kultusministerien. Wollen sie echt einen Neuanlauf unternehmen?  

 

Er müsste ja nicht genauso aufgebaut sein wie damals. Auf jeden Fall ist es ein unbefriedigender Zustand, dass zentrale Fragen eher zufällig, zersplittert und damit ineffizient bearbeitet werden  – mit dem Ergebnis, dass in der bildungspolitischen Debatte Stiftungen und Verbände in die Lücke stoßen und Themen besetzen. Also Gruppen, die auch Eigeninteressen verfolgen. 

 

Sie meinen die Bertelsmann-Stiftung, die gefühlt alle vier Wochen eine neue Studie zum Zustand unseres Bildungssystems auswirft?

 

Sie nennen ein Beispiel unter mehreren. Es ist ja gut, dass die Stiftungen sich für unser Bildungswesen engagieren, doch wenn der Mangel an Diskurs auf nationaler Ebene ersetzt wird durch Verlautbarungen von Stiftungen, dann zeigt das unser Problem. 

 

Bis zur Föderalismusreform von 2006, die das Kooperationsverbot in seiner heutigen scharfen Form in die Verfassung schrieb, hat die Bund-Länder-Kommission (BLK) dazu beigetragen, die Schulpolitik zu koordinieren. Wollen Sie die wiederhaben?

 

Fest steht, dass die BLK in ihren letzten Jahren grundlegende Programme auf den Weg gebracht hat. Die Kommission hatte gelernt, wie man Bildungsinitiativen auf wissenschaftlich fundierter Grundlage aufsetzt und wie man sie sorgfältig evaluiert, um später aus den Erfahrungen zu lernen. Mein Lieblingsbeispiel sind die Sinus-Programme, mit denen Bund und Länder auf die mäßigen Leistungen deutscher Jugendlicher in Mathematik und in den Naturwissenschaften reagiert haben. Das Tragische war: Genau in dem Moment, in dem Sinus als effektives Mittel zur Unterrichtsentwicklung endlich seine Form gefunden hatte, und zwar unter dem Dach der BLK, kam die Verfassungsänderung, und die BLK wurde abgeschafft.  

 

So wie es klingt, müssten Sie alles in allem ein ziemlicher Fan von Schulz’ Bildungsallianz sein.

 

Ich habe die SPD eher so verstanden, dass es mal wieder darum geht, dass die Länder in ihrer eigenen Hoheit Mittel des Bundes verwalten und nutzen dürfen. Das ist gerade nicht die inhaltliche Koordination, von der ich spreche, und lässt eher noch mehr Zersplitterung  befürchten. Und was die Vereinheitlichung von Abschlussprüfungen angeht, die die Sozialdemokraten obenan stellen: Das ist ein kleiner Ausschnitt einer koordinierten Bildungspolitik, noch dazu einer, der die Qualität des Lehrens und Lernens kaum verbessert.  

 

Was würden Sie stattdessen tun?

 

Die Bildungsadministration – und unterstützend auch die Bildungsforschung –  muss mit den Lehrkräften ins Gespräch darüber kommen, wie sie selbst Bildungsstandards und Vergleichsarbeiten nutzen können, um das Lehren und Lernen zu verbessern. Als wir vor 16 Jahren anfingen, in Deutschland über gemeinsame Standards nachzudenken, ging es nicht nur um Testuntersuchungen, sondern um die pädagogische Philosophie, die dahinter liegt. Doch das hat man bis heute in vielen Schulen nicht vermitteln können. Das IQB müht sich redlich, Informationsmaterialien in die Schulen zu bringen, damit sie die Daten der Vergleichsarbeiten richtig zu lesen und für ihren Unterricht zu nutzen verstehen. Es gibt sehr erfolgreiche Beispiele, wo in die Verbindung von Tests, Beratung und Schulentwicklung investiert wurde, aber das wird gar nicht in der Breite umgesetzt. Viele Länder wollen das nicht oder können es nicht. 

 

Die dahinter liegende Philosophie: Bildungsforscher nennen sie Kompetenzorientierung. Auch so ein Wut-Begriff vieler Lehrer. 

 

Im Kern heißt Kompetenzorientierung für mich nichts anderes, als fachliche Bildung danach zu befragen, ob sie ein vertieftes Verständnis der Welt aus ihrer jeweiligen Perspektive ermöglicht. Früher hat man das den Bildungsgehalt von Unterricht genannt. Doch der Begriff „Kompetenzorientierung“ wird leider oft missverstanden oder karikiert, als ginge es nur noch darum, oberflächliche Lebenswelt- und Anwendungsorientierung zu machen und fächerübergreifende Kompetenzen zu fördern wie zum Beispiel die Kooperationsfähigkeit. Tatsächlich sprechen kompetenzorientierte Standards  die Kernthemen eines Fachs an. Sie zielen darauf ab,  bei den Schülerinnen und Schülern ein Verständnis für diese Kernthemen zu entwickeln, das dann auch bei unbekannten, komplexen Anforderungen genutzt werden kann. 

 

Aber was heißt denn das konkret für den Unterricht? 

 

Es geht um die Zielsetzung. Lehrkräfte sollten sich immer wieder fragen: trägt mein Unterricht wirklich zum systematischen Verständnis der Kernthemen bei, oder nehmen meine Schüler nur Splitter von Wissen mit? Kann ich das Potenzial meiner Schülerinnen und Schüler nutzen? Bildungsstandards und Vergleichstests sollen helfen, dies zu reflektieren, ausgehend von den tatsächlichen Lernergebnissen. Aber damit ist nicht festgelegt, was guter Unterricht ist. Der muss fachliche Konzepte darstellen und verknüpfen, die Kinder und Jugendlichen zum eigenen Denken herausfordern, ihnen aber auch Anerkennung und Wertschätzung vermitteln und das Ganze gut orchestrieren. Das Schlagwort vom „kompetenzorientierten Unterricht“ hilft hier wirklich nicht weiter, da haben die Kritiker schon einen Punkt.

 

Nochmal zu den Standards: Neuerdings träumen viele von bundesweit einheitlichen Abiturprüfungen. Zu Recht? 

 

Ich denke, wir brauchen für das Abitur und den mittleren Schulabschluss eine Mischung aus zentral entwickelten bundesweiten Aufgaben und Fragestellungen, die von Land zu Land variieren. Ich würde sogar noch weitergehen. Jede Schule müsste zu diesem Mix auch eigene Aufgaben beisteuern können. 

 

Modern nennt man so etwas wohl Modullösung.

 

Entscheidend ist: Ein ausschließlich aus standardisierten, bundesweit einheitlichen Aufgaben bestehendes Abitur wäre unfair und unrealistisch, aber ganz ohne zentrale Komponenten zersplittert das Bildungswesen.

 

Wenn ich Sie richtig verstehe, loben Sie gerade das Abitur, wie wir es längst haben in der Mischung aus zentralen und dezentralen Komponenten. Dabei steht es enorm unter Druck. Anfang Oktober beschäftigt sich sogar das Bundesverfassungsgericht mit der Frage, was die Vergleichbarkeit der Abiturnoten angesichts von Zensureninflation und Rekordjahrgängen noch wert ist.  

 

Das ist eine uralte Debatte. Ich habe in den 80er und 90er Jahren am bundesweiten Medizinertest mitgearbeitet, der die Verteilung von Studienplätzen fairer machen sollte. Das Ergebnis aller Evaluationen war damals: Die Abiturnote ist etwa gleich gut geeignet, den Studienerfolg vorherzusagen, wie der Test, was vor allem daran liegt, dass die Gymnasien diejenige Schulform sind in Deutschland, die über alle Ländergrenzen hinweg am stärksten normiert ist. 

 

Manche fordern, man solle die Abiturnote durch standardisierte Eingangstests, ähnlich dem Medizinertest, ersetzen, verbunden mit Bewerbungsgesprächen. Das wäre fairer. 

 

Wäre es nicht. Am fairsten ist die Auswahl beim Numerus Clausus, wenn er eine Mischung verschiedener Aufnahmekriterien ist, bei der die Abiturnote weiter eine Rolle spielt. Darüber hinaus ist es natürlich auch pädagogisch sinnvoll, einen Abschluss, auf den Schüler und Lehrkräfte jahrelang hinarbeiten, bei der Verteilung von Chancen zu berücksichtigen. Aber ja, man kann die Aussage der Abiturnote ergänzen und korrigieren durch Interviews und Standardtests. Das Problem bei der Debatte um den Numerus Clausus ist: Sie ist wieder darauf fixiert, ob Bundesländer unterschiedlich abschneiden.

 

Und das ist falsch?

 

Zumindest wird in der Schulpolitik die Bedeutung der Länderunterschiede häufig überschätzt, was verständlich ist: Die Länder scheinen die politische Handlungsebene zu sein, dort spielen sich die Debatten ab. Doch in Wirklichkeit haben fast alle Bundesländer dieselben Probleme. Es gibt große Unterschiede zwischen städtischen Zentren mit hohem Migrationsanteil und wohlhabenderen Regionen, es gibt sogar große Unterschiede zwischen einzelnen Schulen derselben Schulform. Das wiegt meines Erachtens stärker als die Unterschiede zwischen den Bundesländern. Auch deshalb liegt die Zukunft in mehr länderübergreifender Koordination. Nicht in der eifersüchtigen Konkurrenz der Länder, aber auch nicht in der einen bundesweiten Lösung für alle. 

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Zu teuer, zu kompliziert

Die Hochschulen sind konsterniert, die Kultusminister verärgert: Neue Verzögerungen bei der Online-Studienplatzvergabe DoSV.

Die Stiftung für Hochschulzulassung in Dortmund. Norbert Schnitzler: "Dortmund ZVS 1", CC BY-SA 3.0

DIE SCHLECHTEN NACHRICHTEN kommen weiter in Scheibchen. Die Stiftung für Hochschulzulassung (SfH) hat den Wissenschaftsministern der Länder mitgeteilt, dass sie mit ihrer Online-Studienplatzvergabe DoSV voraussichtlich erst zum Wintersemester 2020/21 alle relevanten Hochschulen in Deutschland erreichen wird.

 

Dass der ursprünglich Zieltermin 2018 verfehlt würde, hatte sich bereits im vergangenen Herbst abgezeichnet. Von rund 4000 örtlich zulassungsbeschränkten Studienangeboten nahmen zu dem Zeitpunkt 19 Prozent am so genannten DoSV teil, ingesamt waren 103 Hochschulen eingebunden. Jetzt, ein Jahr später, sind nach SfH-Angaben immerhin 129 von 175 Hochschulen dabei, die Anteil der teilnehmenden Studiengänge kletterte jedoch nur auf ein gutes Viertel.

  

Das vor neun Jahren initiierte „Dialogorientierte Serviceverfahren“ sollte das sich jährlich wiederholende bundesweite Zulassungschaos bei der Studienplatzvergabe beenden: Keine Bewerber mehr, die monatelang auf eine Zusage warten und dann mitunter anderswo leer ausgehen, während anderswo Plätze frei werden. 15 Millionen Euro spendierte Bundesregierung für die Entwicklung einer Software, die international Standards setzen sollte.

 

Eine vom brandenburgischen Wissenschaftsministerium in diesem Frühjahr unter 171 Hochschulen bundesweit durchgeführte Befragung hatte ergeben, dass zu dem Zeitpunkt zwar 108 in irgendeiner Form ans DoSV angeschlossen waren, doch wickelten sie bei ihrer Studienplatzvergabe lediglich ein Drittel der Einfachstudiengänge und zwei Prozent der Mehrfachstudiengänge über die Online-Plattform ab. Die Software für die Mehrfachstudiengänge sei ungeeignet, berichteten die Hochschulen. Das Verhältnis zwischen dem hohen technischen Aufwand und dem Nutzen stimme nicht, ein tatsächlicher Entlastungseffekt durch die Plattform sei nicht erkennbar und den Hochschulen seien durch DoSV nicht kalkulierbare Kosten entstanden. >>



>> Insgesamt eine erschütternde Bilanz, auch wenn die Umfrage nicht alle relevanten Rektorate erreichte und einige der geäußerten Bedenken auch von Hochschulen kamen, die selbst noch gar nicht an DoSV teilgenommen haben. Ein sich selbst verstärkender Effekt entsteht: Die Hochschulen werden immer skeptischer und schieben den Einstieg in die Plattform auf. Dadurch, dass so viele Studiengänge außen vor bleiben, reißt die Stiftung ihre Ziele – womit sie die vorhandene Skepsis weiter füttert. Die Ministerialbeamten zeigten sich ihrerseits verärgert über die Informationspolitik der Stiftung, die Fristversäumnisse in der Vergangenheit nur nach und nach eingeräumt habe.

 

Die Probleme begannen schon vor Jahren bei der Entwicklung der Software für die Einfach-Studiengänge (DoSV 1.0). Diese läuft nun weitgehend störungsfrei, massive Probleme gibt es wie beschrieben vor allem bei der Anbindung der lokal beschränkten Mehrfach-Studiengänge. Trotzdem ist der nächste Schritt ist schon lange geplant: die Einbeziehung der bundesweiten NC-Studiengänge (Medizin & Co). Allerdings hatte die Stiftung auch hier Anfang des Jahres Verzögerungen gemeldet und den zum Wintersemester 2018/19 vorgesehenen Start von DoSV 2.0 auf unbestimmte Zeit verschoben. 

 

Holger Burckhart, Präsident der Universität Siegen und Vorsitzender des SfH-Stiftungsrates, sagt jetzt, er gehe davon aus, dass die für die zentralen Studiengänge nötige Software ebenfalls 2020/21 sicher laufen werde – also zwei Jahre später als zuvor geplant. Zudem habe er die berechtigte Hoffnung, dass große Fächer wie Jura oder Jura schon deutlich früher vollständig ins DoSV 1.0 eingebunden sein werden.

 

Dabei hatte doch im zweiten Anlauf alles anders laufen sollen: 2014 hatte die Kultusministerkonferenz entschieden, DoSV 2.0 nicht von externen Dienstleistern, sondern von der Stiftung selbst konzipieren zu lassen. Die in Dortmund ansässige SfH, die sich selbst in Anlehnung an ihre Website als „hochschulstart.de“ vermarktet, eröffnete zu diesem Zweck in Berlin eine eigene Software-Entwicklungsabteilung. 

 

Doch auch da häuften sich die Probleme. Der Stiftung gelang es offenbar nicht, angesichts des leergefegten Arbeitsmarkts für Informatiker und Software-Entwickler ausreichend versierte Fachleute zu verpflichten. Schon bei der Entscheidung der KMK, eine stiftungseigene Entwicklungsabteilung einzurichten, hatten mehrere Amtschefs ihre Skepsis geäußert; die Mehrheit hatte jedoch nicht auf die Warnungen hören wollen.

 

Im Januar entschied dann der damalige Co-Stiftungsratsvorsitzende und Wissenschaftsstaatssekretär in Nordrhein-Westfalen, Thomas Grünewald, dem langjährigen Stiftungschef Ulf Bade einen „Beauftragten des Stiftungsratsvorsitzenden“ für die Gesamtkoordination zur Seite stellen, und zwar den ehemaligen Kanzler (hauptamtlichen Vizepräsidenten) der Universität Hannover, Günter Scholz. Zudem wurde ein „Beirat“ als erweiterter Vorstand eingesetzt, was einer faktischen Entmachtung Bades gleichkam, und die stiftungseigene Entwicklungsabteilung in Berlin erhielt mit den Programmierexperten Peter Pepper von der Technischen Universität Berlin einen führenden deutschen Informatiker als eine Art zusätzlichen externen Chef auf Zeit.

 

Ein Stück für die Galerie ist die Pressemitteilung, mit der die Stiftung, übrigens erst zwei Monate später, die neuen Probleme verkaufte und einfach mal behauptete: "Das Software-Projekt für eine technisch neu aufgestellte Abwicklung des Zentralen Vergabeverfahrens für bundesweit zulassungsbeschränkte Studiengänge (ist) auf einem guten Weg." Den massiven Eingriff in ihre bestehenden Führungsstrukturen kommentierte die Stiftung in der Pressemitteilung so: "Tatkräftige Unterstützung erfährt dieses Großprojekt nun durch die Wissenschaftsministerien der Länder und von Vertretern der Hochschullandschaft, die ab sofort im engen Dialog mit externen Experten in Form eines eigens eingesetzten Beirats die Arbeiten begleiten werden."

 

Alle Probleme in den Griff bekommen hat aber offenbar auch das neue Team noch nicht. Insider berichten von internen Streitigkeiten, einer weiter hohen Personalfluktuation und nicht immer transparenten Finanzentscheidungen. 

 

Immerhin: Die KMK ist seit vergangenem Jahr alarmiert, und die designierte Nachfolgerin von Thomas Grünewald als Co-Stiftungsratsvorsitzende, die brandenburgische Staatssekretärin Ulrike Gutheil, ist eine Wahl, die der Stiftung unruhige Zeiten verheißt. Die ehemalige Kanzlerin der Technischen Universität Berlin gilt als Expertin in Sachen Hochschultechnik, sie hat die zitierte Umfrage unter den Hochschulen angestoßen und leitet die eigens eingerichtete KMK-Arbeitsgruppe „Campus-Management-Systeme“. 

 

Denn wenn die Kultusminister eines bereits gelernt haben: Nochmal soll ihnen ein solches zehn Jahre andauerndes Technik-Fiasko nicht unterlaufen. Ein Fiasko, dessen Ursprung gar nicht die Stiftung zu verantworten hat, sondern das aufs Engste verbunden ist mit einem für Außenstehende schwer nachvollziehbaren Software-Chaos in der Hochschulszene. Kurz gesagt: Über die vergangenen Jahrzehnte hat jede Hochschule ihr eigenes Campus-Management-System aufgesetzt, um die Studentendaten und die digitalen Studienangebote zu verwalten. Hunderte von Systemen, die größtenteils auf der gleichen Grundsoftware beruhen, dann jedoch im Alltag so lange umgebaut, angebaut und an die lokalen Notwendigkeiten angepasst wurden, bis sie außerhalb der eigenen Hochschule mit fast gar nichts mehr zusammenpassten. Erst recht nicht mit DoSV, so dass schon die Anbindung der Einfach-Studiengänge, siehe oben, zu einer jahrelangen Verzögerung führte. 

 

Deshalb fahren die Kultusminister jetzt eine Doppelstrategie: Einerseits soll die Stiftung irgendwie eine Lösung zusammenwursteln, um DoSV doch noch zum Abheben zu bringen, andererseits soll ein sauberer Neustart bei den Campus-Management-Systemem die nötige technische Einheitlichkeit für künftige Entwicklungen herstellen. Auch da drängt die Zeit: Laut Umfrage melden 50 Prozent der Hochschulen, dass sie kurzfristig ein neues oder zumindest überarbeitetes System brauchen, langfristig sagen das sogar 90 Prozent.

 

Es müsse doch möglich sein, „ein Standardprodukt von gewisser Qualität auf den Markt zu bringen“, einen „Prototypen“, der dann reizvoll sei, „wenn es gelänge, eine kritische Größe an Hochschulen zu binden", so heißt es in der zuständigen KMK-AG. Nochmal ein großer Wurf, wie einst DoSV werden sollte, aber langfristig geplant. Doch erstmal müsste sich da KMK darauf verständigen, und dann müsste noch ein Unternehmen gefunden werden, das sich auf dieses Abenteuer mit den Hochschulen einließe.

 

Das genossenschaftlich organisierte Hochschul-Informations-System (HIS), bis heute Hauptanbieter von Hochschulsoftware, ist über das DoSV-Fiasko von Bund und Ländern in mehrere Teile zerschlagen worden. Während die Hochschulforschung ins neue Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) abwanderte, verblieb eine Rumpf-HIS als „IT-Dienstleister der Hochschulen“. Mögliche Konkurrenten sind die Hamburger Softwarefirma Datenlotsen und möglicherweise die SAP, wobei die sich bislang auf dem Hochschulmarkt sehr vorsichtig bewegt hat.

 

Was die Hochschulen angeht, macht die Not sie immerhin kooperativ: Sie seien mehrheitlich bereit, sich für die Weiterentwicklung und den Betrieb ihrer Software zusammenzuschließen, heißt es in der Umfrage. 

 

Und was ist mit dem DoSV? Die nächsten ein, zwei Jahre dürften kritisch sein und endgültig über das Schicksal des Systems entscheiden. Der Stiftungsratsvorsitzende Holger Burckhart ist davon überzeugt, dass sich die technischen Probleme überwinden lassen, sieht aber auch die Politik in der Pflicht. "Das System für die Mehrfachstudiengänge funktioniert, allerdings müssen die Länder die Hochschulen stärker dabei unterstützen, ihre Campustechnik aufzurüsten, auch finanziell, damit sie dem System beitreten können." 

 

Ausgerechnet der langjährige und zuletzt teilentmachtete SfH-Geschäftsführer Ulf Bade kann von sich behaupten, die Misere vorhergesehen zu haben. Er hatte schon 2008 Zweifel an der technischen Machbarkeit der neuen Software angemeldet und vor Chaos gewarnt. »Das kommt dabei heraus, wenn sich Leute ein System überlegen, die keine Ahnung von der Praxis haben«, sagte Bade damals.

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Blick zurück (7)

Seit 20 Jahren beschäftigte ich mich mit Hochschulen, Bildung und Wissenschaft. Viel ist passiert in dieser Zeit, vieles davon durfte ich als Journalist begleiten. Der Blick zurück zeigt, wie aktuell einige meiner Themen von einst geblieben sind – obwohl sich fast alles verändert hat. Machmal allerdings auch, weil sich fast gar nichts verändert hat. Der siebte Teil einer Serie.

Das große Campus-Chaos

Die Hochschulen gehen in einer Bewerberflut unter. Jetzt soll die Studienplatzvergabe neu organisiert werden. Aber wie?

(erschienen in der ZEIT vom 16. Oktober 2008)

 

DAS CHAOS KAM in Postsäcken. Fünfmal so viele Bewerbungen wie Studienplätze hatte die Uni Münster für dieses Wintersemester zu bewältigen, die Freie Universität in Berlin sogar neunmal so viele: 32000 Anträge, 3400 Plätze. An der Mehrheit der deutschen Hochschulen sehen die Zahlen kaum besser aus. Und so warten, während die Vorlesungen starten, noch Tausende von Abiturienten auf ihre Zulassung. »Das ist ein unhaltbarer Zustand«, sagt Joachim Weber von der Hochschulrektorenkonferenz (HRK).

 

Grund für die Misere ist die Flut an Mehrfachbewerbungen, die die Hochschulen seit Jahren in Atem hält. Genauer gesagt: Seit die Hochschulen die Mehrheit ihrer überlaufenen Studiengänge mit lokalen NCs dichtgemacht haben. Verschärfend kommt hinzu, dass die Dortmunder Zentralstelle für Studienplatzvergabe (ZVS) seit 2005 nur noch für eine Handvoll Fächer zuständig ist. Was an sich eine gute Nachricht war, schließlich können die Hochschulen ihre Bewerber jetzt größtenteils selbst auswählen. Doch haben all die lokalen Zulassungsbeschränkungen zu einem undurchsichtigen, ineffizienten Vergabesystem geführt mit zum Teil absurden Folgen.

 

Jeden Sommer ist es das Gleiche: Hunderttausende Abiturienten schicken ihre Bewerbungen ab, allerdings nicht nur an eine, sondern, um sicher zu gehen, an drei, sechs, vielleicht sogar zwölf Universitäten. In den Immatrikulationsämtern der Republik herrscht dann Urlaubssperre. Alle verfügbaren Mitarbeiter kämpfen sich durch die Berge an Post, um ihre Favoriten herauszufiltern und möglichst schnell die Bescheide herauszuschicken. Sie wissen: Je länger sie warten, desto geringer ist die Chance, die gewünschten Bewerber abzubekommen. Denn die suchen sich ihre Lieblingsuni heraus und lassen die anderen auf ihren Zusagen sitzen.

 

In ihrer Not entwickeln sich die Sachbearbeiter unversehens zu Experten in der Chaostherie: Für jedes Fach errechnen sie eine wahrscheinliche Annahmequote unter den Studenten, denen eine Einschreibung angeboten wird und überbuchen wie eine Airline die Studienplätze. Wer zum Beispiel in München Biologie auf Bachelor studieren will, konkurrierte in diesem Semester mit 1005 Bewerbern um 177 Plätze. Die Ludwig-Maximilians-Universität hat ihrer Formel entsprechend jedoch nicht 177 jungen Leuten einen Zulassungsbescheid geschickt, sondern 442. Anders formuliert: Die Uni erwartete, dass von allen erfolgreichen Bewerbern 40 Prozent auftauchen. Selbst diese Prognose erwies sich als zu optimistisch: Trotz des laufenden Nachrückverfahrens hatte die LMU Ende vergangener Woche noch 21 Plätze frei. Andere Universitäten haben die Zulassungen im Nachhinein bereits als wenig hilfreich abgeschafft . »Wir verlangen von den Bachelorstudenten, dass sie nur zweimal im Semester fehlen, und dann lassen wir sie mancherorts erst im November oder Dezember zu«, sagt Martin Scholz, Studienberater an der Universität Vechta. »Das passt nicht zusammen.«

 

Das Problem ist erkannt, doch hinter den Kulissen tobt ein erbitterter Kampf um die Lösung. Im Zentrum steht einmal mehr die totgesagte ZVS. Die Behörde soll zu einer Servicestelle umgebaut werden, die die Bewerberflut koordiniert ohne zur hoheitlichen Verteilungspraxis zurückzukehren, die jahrzehntelang als »Kinderlandverschickung« verschrien war. Nach langem Hin und Her haben sich HRK und Kultusministerkonferenz (KMK) auf ein neues Vergabeverfahren geeinigt: Über eine Online-Datenbank könnten Bewerber und Hochschulen demnach direkt miteinander in Kontakt treten, die Datenbank würde für den Datenabgleich mit den anderen Hochschulen sorgen. So könnte sich jeder Studierwillige jederzeit über den Stand seiner Bewerbungen an allen Hochschulen informieren, während die Hochschulen sofort erfahren, wenn ein Bewerber einen Studienplatz annimmt. »Das wird so ähnlich laufen wie bei eBay«, sagt Joachim Weber von der HRK.

 

Theoretisch eine klasse Idee: Sie schafft Transparenz, die Bewerber können sich weiter unter mehreren Zusagen entscheiden. Gleichzeitig können die Hochschulen eigene Aufnahmekriterien entwickeln, ohne sich an zentrale Standards halten zu müssen. Nachrückverfahren wären überflüssig. Doch die ZVS meldet seit Monaten Zweifel an der technischen Machbarkeit an, warnt vor neuem Chaos. »Das kommt dabei heraus, wenn sich Leute ein System überlegen, die keine Ahnung von der Praxis haben«, sagt Behördenchef Ulf Bade.

 

Die Atmosphäre zwischen ZVS und HRK ist eisig. Um den Druck zu erhöhen, haben die Hochschulen Ende vergangenen Jahres einen weiteren Akteur ins Spiel geholt: uni-assist, gegründet von HRK und dem Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD). uni-assist vermittelt Studienplätze an ausländische Bewerber mit einem Onlineverfahren, das in wesentlichen Zügen dem favorisierten Modell entspricht. »Natürlich ist das technisch machbar«, sagt denn auch uni-assist-Geschäftsführer Thomas Liljeberg. Uni-assist soll die ZVS bei der Software beraten, doch die Behörden-Oberen fühlen sich überfahren. »Was die für ein paar Tausend Ausländer machen, ist mit unserer Arbeit überhaupt nicht zu vergleichen«, sagt Bade. »Zumal uni-assist keiner gerichtlichen Kontrolle gerecht werden muss.«

 

Womöglich spielt bei seiner Kritik aber auch eine Rolle, dass für das Verfahren nur ein Bruchteil des Personals nötig wäre. Die ZVS beschäftigt 110 zum Teil verbeamtete Mitarbeiter und hat einen Etat von über neun Millionen Euro.

 

Alle bisherigen Gespräche zwischen ZVS und uni-assist blieben ergebnislos. Doch die Zeit wird knapp, bald droht neues Chaos in noch mehr Postsäcken. Und eins steht schon jetzt fest: Ein Spiel auf Zeit ist ein Spiel mit der Lebenszeit der Studenten.

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Böttingers sagt "Ja"

Vor zwei Monaten hat die Universität Potsdam dem Ex-BIH-Chef den Ruf erteilt. Jetzt endlich hat er geantwortet: Okay, ich komme.

MANCHMAL IST ES die Chronistenpflicht, die zum Verfassen einer Meldung führt. So in diesem Fall. In den vergangenen Monaten hatte ich mehrfach über die Krise am Berliner Institut für Gesundheitsforschung (BIG/BIH) berichtet  – und über den etwas verwirrenden Abgang von Vorstandschef Erwin Böttinger. So, wie sich das Institut wochenlang in der Schwebe befand zwischen ersten Meldungen über Böttingers möglichen Wechsel an die Universität Potsdam und seiner tatsächlichen Kündigung, so sind nochmal zwei Monate vergangen zwischen dem offiziellen Ruf des Potsdamer Uni-Präsidenten Oliver Günther an Böttinger – und seinem Bestätigungsschreiben heute. 

 

Jetzt aber steht fest: Böttinger wird Professor für Digital Health am neuerdings zur Universität Potsdam gehörenden Hasso-Plattner-Institut. Was noch nicht feststeht: Wie es am BIH weitergeht.

 

Böttingers Posten dort bleibt bis auf Weiteres vakant, Martin Lohse, Chef des Max-Delbrück-Centrums, hat die Leitung des Instituts interimsmäßig übernommen. Nach der Bundestagswahl, im Frühjahr 2018, werden strukturelle Entscheidungen zur Zukunft des BIH erwartet – sie dürften sehr grundsätzlich ausfallen.

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Das sind die ersten drei Max Planck Schools

Forschungsministerin Wanka, Max-Planck-Chef Stratmann und HRK-Präsident Hippler stellen einträchtig die Gewinneranträge vor: 21 Universitäten und 31 Forschungsinstitute sind an ihnen beteiligt.

UND DIE GEWINNER sind... die Max Planck Schools of Cognition, of Photonics und – drittens – of Physics, Chemistry and Construction of Life. Wem die Titel der Anträge jetzt auf Anhieb nichts sagen, dem sei gesagt: Macht nichts. Auch lässt sich nicht ohne Weiteres zuordnen, welche Wissenschaftsstandorte (Berlin, München, Göttingen, Heidelberg...) denn jetzt besonders erfolgreich waren. 

 

Entscheidend ist etwas Anderes: Hinter den drei Schools steht eine lange Liste beteiligter Wissenschaftler von insgesamt 21 Universitäten und 31 außeruniversitären Forschungseinrichtungen überall in Deutschland. Und genau das war die Idee der Schools, die Bundesforschungsministern Johanna Wanka (CDU) heute als "bestechend einfach" bezeichnete: ein Netzwerk herausragender Wissenschaftler schaffen, das sich über ganz Deutschland zieht. "Wir müssen versuchen, die Exzellenz, die wir haben, deutlich zu machen", sagte Wanka heute. Max-Planck-Chef Martin Stratmann sprach von "verteilter Exzellenz", die auf besondere Weise gebündelt werden müsse. 

 

Wenn man so möchte, ist die Idee der Schools die lange vermisste Ergänzung der Exzellenzinitiative, die einst aus der Idee entstand, ein deutsches "Harvard" zu gründen, dann jedoch auf das realistische Ziel zurechtkonzipiert wurde, Deutschlands stärkste Forschungsuniversitäten weiter zu stärken. Eben genau weil die Exzellenzdichte an keinem Ort in Deutschland vergleichbar ist mit der amerikanischer Spitzenuniversitäten. Und genau an der Stelle kam Stratmanns Idee ins Spiel. Wanka hatte erstmals im März hier im Blog angekündigt, sie – abgewandelt – umsetzen zu wollen. Die Debatte, die dann folgte, habe ich vor wenigen Wochen in einem Beitrag beschrieben. 

 

Die Zahl der beteiligten Wissenschaftler in den Schools, so genannter "Fellows",  schwankt derzeit jeweils zwischen 30 und 40 pro Netzwerk. Wie genau die Formate der Schools aussehen werden, ist zum Teil noch offen. Jedenfalls werde keine School der anderen gleichen, sagte Horst Hippler, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz: In der Wissenschaft müsse die Form immer der Funktion folgen. Martin Stratmann betonte, die Schools würden nicht rein virtuell sein, es werde Knotenpunkte an den Universitäten geben. Man wolle "eine wuchtige Sichtbarkeit" erreichen. Die Auswahl der potenziellen Studierenden und Promovierenden werde in einem mehrstufigen Verfahren inklusive Bewerbungsgespräche erfolgen. 

 

Hippler sagte, die Befürchtungen der Universitäten, die Außeruniversitären wollten ans Promotionsrecht, seien entkräftet worden. Er sei "sehr glücklich und zufrieden" – auch, weil die drei Schools sehr unterschiedliche Fächer abdeckten. Geisteswissenschaftler sind in den drei siegreichen Netzwerken allerdings bislang nur in geringer Anzahl vertreten. Max-Planck-Präsident Stratmann betonte, die Netzwerke der Schools seien für weitere Wissenschaftler aller Disziplinen offen und würden sich sicherlich noch weiterentwickeln.

 

Und wieviel Max Planck steckt noch in den Schools, die auf Wunsch von Wanka für alle außeruniversitären Forschungsorganisationen geöffnet wurden? Keine Frage: Ziemlich viel. Jeweils zwei "Ansprechpersonen" pro School werden in den Pressemitteilungen erwähnt, vier von den insgesamt sechs stammen von Max Planck. Einerseits. Andererseits sind an allen Schools auch Wissenschaftler der anderen Außeruniversitären beteiligt, auffallend viele davon gehören zur Leibniz-Gemeinschaft und zu Fraunhofer. 

 

Die SPD-Hochschulexpertin Simone Raatz kritisierte die Initiative. Sie sehe nicht, dass vereinzelte Prestigeprojekte wie die neuen Max Planck Schools dem wissenschaftlichen Nachwuchs und exzellenter Forschung dienen werden", sagt Ratz. "Wider alle Vernunft" sei Wanka den "Einflüsterungen von Herrn Stratmann" gefolgt – mit dem Ergebnis, dass die Forschungslandschaft weiter zerfasere und die Bedeutung der Hochschulen als "Kern des Wissenschaftssystems" geschmälert werde.

 

Der stellvertretende Vorsitzende der CDU-/CSU-Bundestagsfraktion, Michael Kretschmer, sprach dagegen von einem "entscheidenden Schritt zur Weiterentwicklung des deutschen Wissenschaftssystems". Die Schools seien ein wichtiger Beitrag, "um zukünftig mit Cambridge, Harvard oder Oxford um die weltweit besten Forscherinnen und Forscher auf Augenhöhe zu konkurrieren.“

 

Die größte Enttäuschung der Initiative war übrigens schon im Vorfeld bekannt: Nur acht Anträge wurden gestellt. Das ist zu mager und liegt in dem ungewöhnlichen Antrags- und Auswahlverfahren begründet. Das sei ja nur die Pilotphase, haben Max Planck und Forschungsministerium immer wieder betont. Und die Universitäten haben schon ultimativ gefordert: Das nächste Mal muss es anders laufen. Ist auch schon vereinbart. Die Evaluierung der Pilotphase, hieß es heute, werde darüber Auskunft geben, ob das Programm verstetigt werden soll. "Wenn man einen guten Lauf hat, dann ist das klar, dann geht das weiter", sagte Ministerin Wanka. Insofern bleibt heute eine am Ende sehr positive Bilanz.

 

Wer wissen möchte, welche School genau was machen wird, findet nähere Informationen auf der Website des Bundesforschungsministeriums, und zwar hier (in der rechten Randspalte). 

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Verunglimpfte Hoffnungsträger

Die Moderatoren im "TV-Duell" zeichneten das Bild einer Bildungs- und Sozialkatastrophe unter Geflüchteten. Fahrlässig – und noch dazu unwahr.

Geflüchtete am Flughafen Köln-Bonn im September 2015. R. Spekking: "27. September 2015-0038.jpg", CC BY-SA 4.0 

DAS KOMMT DABEI heraus, wenn vier Moderatoren zwei Kandidaten gegenübersitzen und versuchen, sich gegenseitig in ihrer vermeintlichen Volksnähe zu übertrumpfen. Dass beim "TV-Duell" zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und ihrem SPD-Herausforderer Martin Schulz gestern Abend ein beachtlicher Teil der Sendezeit auf die Themen "Flüchtlinge" und "Migration" entfiel, war nicht überraschend. Überraschend, ja bestürzend war, wie sich der Tenor der Fragen glich. Mein Kollege Bernd Ulrich von der ZEIT fasste die Schieflage schon nach wenigen Minuten in einem Tweet zusammen: "Zu #Flüchtlingen wird wieder nur von rechts gefragt." 

 

Flüchtlinge als Sicherheitsrisiko, als Belastung für die Sozialkassen, als vermeintliche Enttäuschung, weil sie sich nicht als das "Gold" erwiesen hätten, zu dem Schulz sie laut Moderator Claus Strunz einst erklärt hatte (wobei der SPD-Parteichef zu Recht auf sein von Strunz verstümmelte Original-Zitat von Mitte 2016 hinwies): Wer den vier Moderatoren lauschte, musste der Meinung sein, dass wir es praktisch nur mit radikalen Analphabeten zu tun haben, die da seit Herbst 2015 zu uns nach Deutschland gekommen sind. Wie wohltuend, dass sich die Kandidaten in diesem Punkt untereinander ebenso einig waren wie ihre Fragesteller auf der anderen Seite: Merkel wie Schulz betonten bei allen Herausforderungen die großartige Bereicherung, die wir durch die allermeisten Einwanderer und Flüchtlinge erfahren.

 

Fast schon ärgerlich ist, wenn Fragen nicht nur einen Drall bekommen, sondern auch auf einer so nicht haltbaren Faktenlage beruhen. Diese lässt sich nämlich wie folgt zusammenfassen: Der Bildungsstand der Geflüchteten, die zwischen 2013 und Anfang 2016 nach Deutschland eingereist sind, ist so schlecht nicht. Er ist von Person zu Person und Herkunftsland zu Herkunftsland extrem unterschiedlich, aber vor allem ist er etwas, auf dem man aufbauen kann. >>



>> Konkret: Erst vor wenigen Tagen haben Forscher erste Ergebnisse der bislang umfangreichsten Befragung unter Geflüchteten veröffentlicht, es flossen die Daten von 4816 Erwachsenen und 5717 Kindern ein. Demzufolge hatten 64 Prozent der Menschen einen Schulabschluss, 35 Prozent sogar den Abschluss einer weiterführenden Schule. 20 Prozent der Geflüchteten konnten zudem einen Hochschulabschluss oder eine abgeschlossene Berufsausbildung vorweisen. Erstaunlich ist die niedrige Zahl der Analphabeten. Die Forscher gehen davon aus, dass insgesamt nur acht Prozent der Geflüchteten nicht richtig lesen und schreiben können, besonders viele davon stammen aus Afghanistan und zum Teil aus Irak und Syrien. Acht Prozent – ein ähnlicher Wert wird auch für in Deutschland zur Schule Gegangene vermutet. 

 

Durchgeführt wurde die Studie "Geflüchtete Familien" (GeFam) von Forschern am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), am Forschungszentrum des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF-FZ) und am Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Sind die Zahlen, die sie zu Tage befördert haben, so schlecht?

 

Jetzt kann man einwenden: 36 Prozent haben laut Studie gar keinen Schulabschluss. Ja, auch das stimmt. Und unter diesen 36 Prozent befinden sich sogar 11 Prozent, die in ihrem Heimatland keinerlei Schule besucht haben, und elf Prozent der Befragten verfügen lediglich über eine Bildung auf Grundschulniveau. Die Forscher haben das Bildungsniveau der Flüchtlinge zudem auf einer international vergleichbaren Skala eingeordnet mit dem Ergebnis, dass es bei 56 Prozent als vergleichsweise niedrig einzustufen ist, bei 30 Prozent als mittel und bei 13 Prozent als hoch. 

 

Am Ende aber zählt, dass mindestens zwei Drittel der nach Deutschland geflüchteten Erwachsenen mittelfristig sehr gut in den Arbeitsmarkt zu integrieren sein dürften. Zumal die Studie von hohen Bildungsaspirationen berichtet: Knapp die Hälfte der Befragten ist daran interessiert, einen (weiteren) Schulabschluss in Deutschland zu machen, zwei Drittel streben einen beruflichen Abschluss an, darunter viele Menschen aus Eritrea, Somalia, Afghanistan und dem Irak. Aus Syrien Geflüchtete, von denen viele bereits ein vergleichsweise gutes Bildungsniveau vorweisen können, wollen besonders häufig studieren. Die Zahlen deuteten darauf hin, schreiben die Forscher, "dass sich die derzeitige Qualifikationsstruktur der Geflüchteten mittelfristig deutlich verändern wird, selbst wenn nur ein Teil der Befragten tatsächlich in Allgemein- und Berufsbildung investiert."

 

Die größtenteils vom BMBF finanzierte Befragung der Geflüchteten ist übrigens als so genannte Längsschnittstudie angelegt, das heißt: Sie wird jedes Jahr wiederholt werden und es den Forschern erlauben, die tatsächlichen Bildungs- und Karriereverläufe der Geflüchteten verfolgen zu können. Die Ergebnisse der ersten Befragungswelle, die am vergangenen Mittwoch veröffentlicht wurden, hätten zu keinem günstigeren Zeitpunkt kommen können. Sie zeigt die Herausforderungen und das Potenzial, das die Geflüchteten für unsere Gesellschaft darstellen. Klar ist es immer beides. Aber es ist beschämend, wenn vier Journalisten es nicht hinbekommen, in einer Debatte über Flüchtlinge die eine, die entscheidende Frage zu stellen: Wie helfen wir den Menschen, für unser Land das zu leisten, was sie zu leisten imstande wären? Wie helfen wir ihnen, anders formuliert, die Bildung zu erhalten, die sie offenbar wollen und zu der sie berechtigt sind?

 

Ein Glück, dass die Kandidaten sich nicht zu ähnlich einseitigen Antworten haben verleiten lassen.


HEUTE UM 10 UHR VERKÜNDEN BUNDESFORSCHUNGSMINISTERIN JOHANNA WANKA (CDU) UND MAX-PLANCK-PRÄSIDENT MARTIN STRATMANN, WELCHE DREI MAX-PLANCK-SCHOOLS 2018 AN DEN START GEHEN SOLLEN. DAS HAPPY END EINER MONATELANGEN DEBATTE. 

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Stop!

Die Bundesregierung will noch vor der Wahl im Schnelldurchlauf das Zahnmedizin-Studium reformieren. Das wäre ein gravierender Fehler. Ein Gastbeitrag von Frank Wissing.

Foto: Free-Photos, Pixabay

GERADE HAT BUNDESGESUNDHEITSMINISTER Hermann Gröhe (CDU) mit viel medialer Aufmerksamkeit seine Sommertournee vor der Bundestagswahl im September abgeschlossen. Weniger in der Öffentlichkeit sichtbar ist sein letztes Projekt, das er vor der Wahl schnell noch abschließen möchte: die Reform des Zahnmedizinstudiums. Damit soll ein letztes Häkchen auf der ministerialen To-Do-Liste für diese Legislaturperiode gesetzt werden.

 

Da die derzeit gültige Approbationsordnung für die Zahnmedizin (AOZ) noch aus dem Jahr 1955 ist, tut eine Überarbeitung sichtlich Not und wird auch schon seit Jahrzehnten diskutiert. Daher merkt man auch den Entwürfen an, die jetzt scheinbar noch schnell aus der Schublade gezogen wurden, dass sie schon viele Jahre alt sind. Gut ist nach wie vor die grundlegende Idee, das Studium der Zahnmedizin und der Humanmedizin inhaltlich wieder stärker anzugleichen und auf eine gemeinsame medizinische und theoretische Basis zu stellen. Auch sind die zahnmedizinischen Anteile nun endlich an die heutigen Realitäten angepasst, obgleich man im Detail sicherlich immer über einzelne Gewichtungen der Themen streiten kann. Unverständlich ist aber, dass es keinerlei inhaltliche Abstimmung mit dem ebenfalls erst kürzlich verabschiedeten Masterplan Medizinstudium 2020 zu geben scheint. 

 

So schlägt der Masterplan vor, mehr medizinisch-praktische Inhalte in die frühe Studienphase der Humanmedizin zu holen. Mehr theoretische Inhalte sollen dafür erst später im klinischen Kontext vermittelt werden. Sehr sinnvolle Vorschläge, die insbesondere auch im Rahmen von Modellstudiengängen schon gut erprobt sind. Die Vorschläge der neuen AOZ gehen aber in die ganz andere Richtung: strenge inhaltliche Trennung der ersten vier Semester von der dann folgenden zweiten Studienphase. Konkret bedeutet das: Klinische Inhalte von Beginn an, wie im Masterplan vorgesehen, sind mit der neuen AOZ kaum möglich.  Dafür liegt die Konzentration wieder auf der gemeinsamen Theorie für Humanmediziner und Zahnmediziner in der ersten Studienphase. Viele human- und zahnmedizinische Studiengänge sind da heute schon deutlich weiter und müssten das Rad zwanzig Jahre zurückdrehen. 

 

Damit die genannten Widersprüche zum Masterplan Medizinstudium 2020 nicht zu sehr auffallen, scheint man die Fristen zur Umsetzung der AOZ gegenüber früheren Entwürfen noch einmal deutlich vorverlegt zu haben. Das dürfte so manchen Planer an den Universitäten verwundern. Zu Recht, denn komplett überarbeitete Lehrpläne für beide Fächer schon zum 01.10.2018 vorzulegen, ist auf jeden Fall sehr sportlich. Immerhin kann man so für zwei Jahre reformiert Zahnmedizin studieren, bevor 2020 die nächste große Reform kommt. Schließlich muss mit dem Umbau des Medizinstudiums dann erneut das eng gekoppelte Zahnmedizinstudium erheblich angepasst werden. 

 

Auf jeden Fall stehen Studierende und Fakultäten so vor der Herausforderung, sich innerhalb kürzester Zeit auf gegenläufige Reformen einzulassen. Und es werden mehrere Jahre folgen, in denen gleich drei verschiedene Approbationsordnungen überlappend zur Anwendung kommen – je nach dem, wann sich die Studierenden eingeschrieben haben. 

 

Oder sollte man etwa aus all dem schließen, dass die Ministerien von Bund und Ländern nicht an eine Umsetzung des Masterplans bis 2020 glauben? Schließlich gibt es dafür ja auch noch keinerlei Finanzierungskonzept. 

 

Der BMG-Entwurf löst die Kostenfrage auf sehr eigene Weise. Die vermeintlich bessere Ausbildungsqualität soll mit sechs Prozent weniger Studienanfängern erkauft werden. Allerdings sind die finanziellen Folgen der AOZ selbst so reichlich optimistisch gerechnet.

 

So zum Beispiel die Annahme, dass ein Student bei einem Betreuungsverhältnis von drei Studenten pro Dozent die Füllung auf einmal viel schneller setzt als bei einer Relation von 1 zu 6. Konservative Schätzungen der Fakultäten kommen daher auf ein Mehrkosten von jährlich 66 Millionen Euro. Und ob und wie die Länder eine sechsprozentige Reduktion der Studienplätze tatsächlich umsetzen werden, ist offen.

 

Über all das ließe sich zwischen Bund und Ländern ja weiterverhandeln und vermutlich auch vernünftige Lösungen finden. Es scheint aber so, als sollte der jetzige Entwurf trotz aller Unzulänglichkeiten auf jeden Fall noch schnell vor der Wahl durch den Bundesrat gedrückt werden. Damit wären dann alle Punkte auf der Koalitionsliste des Bundesgesundheitsministeriums irgendwie abgehakt. Zwar haben einzelne Länder weiteren Diskussionsbedarf angekündigt und in den entscheidenden Ausschüssen Anfang September eine Vertagung beantragt, um den Entwurf sorgfältig prüfen zu können. So kurz vor der Bundestagswahl scheint aber jetzt die Parteiräson zu greifen. Es sieht so aus, dass die CDU/CSU-regierten Länder vor ihrem Bundesminister die Reihen schließen – selbst wenn sogar dort kaum einer an die postulierte Kostenneutralität glauben dürfte.

 

Unser dringender Appell ist daher, dass im Sinne der Studierenden und der Universitäten die Reform jetzt nicht aus wahlkampftaktischen Gründen übers Knie gebrochen werden sollte. Vielmehr sollten sich die Länder ausreichend Zeit nehmen, um die Finanzierung, die Umsetzung und die Fristen sorgfältig zu prüfen und eventuell Verbesserungsvorschläge zu unterbreiten. Auch sollte der Entwurf mit dem Masterplan Medizinstudium 2020 inhaltlich und organisatorisch besser abgestimmt werden. Dann wird es für die vermeintlich unendliche Geschichte der zahnärztlichen Approbationsordnung vielleicht doch noch ein Happy End geben anstatt eines nervenzerreibenden Cliff Hangers. 

 

Frank Wissing ist Generalsekretär des Medizinischen Fakultätentages (MFT). 

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Prädikat: ausgezeichnet

Bund und Länder verhandeln über die Fortsetzung des Profesorinnenprogramms. Ein Reformvorschlag steht besonders in der Diskussion – und wird hoffentlich umgesetzt.

HEUTE SITZEN DIE Wissenschaftsstaatssekretäre aus Bund und Ländern zusammen, um erneut über die Zukunft des Professorinnenprogramms zu beraten. 2008 gestartet, sollte es den Frauenanteil unter den Professoren steigern, und die größte Kritik an der bisherigen Initiative lässt sich in zwei Punkten zusammenfassen. Erstens: Es hätte ruhig mehr Geld dafür geben können. Und zweitens: Warum berücksichtigt das Professorinnenprogramm nur die Professorenebene? 

 

Kritik Nummer zwei ist nicht so trivial, wie sie sich zunächst anhört. Wenn doch alle von der mangelnden Planbarkeit wissenschaftlicher Karrieren sprechen und die Unsicherheit vor allem junge Frauen lange vor der Professur aus der Wissenschaft verdrängt, geht es dann an, die Gleichstellung vorrangig auf den Zielpositionen zu fördern? Andererseits: Ist nicht gerade auf der Professorenebene der zu geringe Frauenanteil am augenfälligsten?

 

Die Ministerialbeamten, die ihren Chefs die Vorlage geliefert haben für die heutige Sitzung der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz (GWK), haben einen geradezu genial einfachen Vorschlag gemacht: Es werden weiter nur Erstberufungen gefördert. Aber diejenigen Hochschulen, die sich besonders um die Nachwuchsförderung bemühen, bekommen als Belohnung eine Professur mehr als die anderen. >>



>> Konkret: Bislang ist das Profesorinnenprogramm mit 30 Millionen Euro jährlich dotiert, was auf, (Stand Anfang 2017) 250 geförderte Professorinnenstellen seit 2012 hinauslief. Die Hochschulen mussten zur Bewerbung ihre Gleichstellungskonzepte einreichen und konnten im Erfolgsfall bis zu drei Professuren gefördert bekommen. Handelte es sich – wie in vielen Fällen – nicht um vorgezogene Berufungen, sondern um Regelbesetzungen (also solche, die ohnehin anstanden) mussten die Hochschule verbindlich sagen, für welche "gleichstellungsfördernden Maßnahmen" sie die dank der Förderung eingesparten Mittel einsetzen wollen. Im künftigen Wettbewerb soll es nun zusätzlich für die 20 Hochschulen mit den „in Hinblick auf Personalentwicklung und -gewinnung auf dem Weg zur Professur besten“ Konzepten zur Belohnung eine vierte Stelle geben, dazu das Prädikat „Gleichstellung: ausgezeichnet“.

 

So haben es die Ministerialen ihren Staatssekretären vorgeschlagen, und warum man sie dafür besonders loben muss: Weil nicht alle Chefs die Idee gut finden. Einige fürchten etwa, kleine Hochschulen könnten benachteiligt werden. Die Gefahr besteht, doch wäre es schade, deshalb auf diese besondere Akzentsetzung in einem ohnehin schon recht breit angelegten Wettbewerb zu verzichten. 

 

Hoffentlich hat die GWK den Mut, bei der Idee zu bleiben. Sie würde dem Prestige des Programms guttun – und jenen Hochschulen Gerechtigkeit widerfahren lassen, die sich besonders um die Nachwuchsförderung kümmern. 

 

Noch ein bisschen mehr Mut können die GWK an anderer Stelle gebrauchen. Laut aktuellem Entwurf könnte das bisherige Programmvolumen auch das künftige sein. Es gebe bislang keinen anderslautenden einvernehmlichen Vorschlag, heißt es dazu trocken im Bericht an die Staatssekretäre. Was eine Enttäuschung wäre. Was, da die Fortsetzung schon zum 1. Januar 2018 beginnen soll, aber auch bedeutet: Eine schnelle erste Bewährungsprobe für die neue Bundesregierung. 

 

Dieser Kommentar erschien heute zuerst im ZEITChancen Brief. 


Schluss mit "Nachwuchs"

Auf Wunsch der Staatssekretäre wird in der künftigen Bund-Länder-Vereinbarung übrigens nicht mehr von "Nachwuchsförderung", sondern von "Personalentwicklung und -gewinnung auf dem Weg zur Professur" die Rede sein. Weitere geplante Neuerungen, etwa wie in der dritten Programmphase zwischen Erst-, Folge- und Drittanträgen unterschieden werden soll, hatte

ich in meinem Blogbeitrag vom 23. Juni aufgeführt. In dem damaligen Artikel hatte ich mich auch bereits ausführlich einer möglichen Aufstockung des Programmvolumens gewidmet, wie sie die Ministerialbeamten empfahlen. Womit letztere jedoch bislang offenbar kein Gehör bei ihren Chefs gefunden haben. 


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Bis die Eckpunkte rund sind

In der GWK diskutieren sie heute auch über einen ersten Entwurf des FH-Programms. Bei vielen Details ist man sich bereits einig. Größte Streitfrage: Wer zahlt wie viel?

Foto: Rhein-Mosel-Campus der Hochschule Koblenz. Hochschule KoblenzCC BY-SA 3.0

DIE TAGESORDNUNG, die die Staatssekretäre heute abzuarbeiten haben, verspricht auch abgesehen von der Zukunft des Professorinnenprogramms spannende Diskussionen. Vor allem TOP 2 hat es in sich: Personalgewinnung und -entwicklung an Fachhochschulen", kurz: das lang erwartete und viel diskutierte FH-Pendant zum Tenure-Track-Programm. 

 

Im April hatten die Minister in der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz (GWK) vereinbart, dass die Staatssekretäre ihnen bis November "Eckpunkte für ein gemeinsames Bund-Länder-Programm" vorlegen sollen, und zwar auf Grundlage der "Wissenschaftsratsempfehlungen zur Personalgewinnung und -entwicklung an den Fachhochschulen und sowie bestehende(n) Best-Practice-Beispiele(n)". November ist nun nicht mehr lange hin, und so enthält TOP 2 einen ersten Entwurf der besagten Eckpunkte, wie ihn die Fachleute in den Ministerien vorschlagen.  

 

Ziel des Programms, heißt es da in schönster Beamten-Prosa, sei es, den Fachhochschulen "bei der Gewinnung ihres professoralen Personals durch die nachhaltige Etablierung oder den Ausbau neuer struktureller Instrumente zur Rekrutierung und Qualifizierung zu unterstützen". Dass es sich eher um eine Breiten- als eine Spitzenförderung handeln wird, steht schon länger fest, wird in dem Entwurf aber noch einmal unterstrichen. 

 

Ansonsten halten sich die vorgeschlagenen Eckpunkte, was die "zu finanzierenden Maßnahmen" angeht, eng an den bereits bekannten Instrumentenkasten, wie ihn der Wissenschaftsrat in seinen Empfehlungen zu FH-Karrieren formuliert hatte, angefangen mit zeitlich begrenzten "Schwerpunktprofessuren mit durchschnittlich 11 Semesterwochenstunden Lehrdeputat", die abhängig vom jeweiligen Profil der Hochschule eine unterschiedliche Ausrichtung haben sollen.

 

Ebenfalls als mögliche Instrumente genannt werden "Kooperative Promotionen/ Promotionskollegs/ Kooperationsplattformen", darüber hinaus Tandemprogramme, die laut Entwurf "etablierte Berufspraktikerinnen und -praktiker mit fehlender Lehrerfahrung oder fehlender wissenschaftlicher Qualifikation" für eine Professur fitmachen sollen. Auch "Vernetzungsstrukturen" und nochmal "Kooperationsplattformen" werden erwähnt, die diesmal aber nicht der Promotion erfolgsversprechender Fachhochschulabsolventen dienen, sondern die "gute Vernetzung mit außerhochschulischen Partnern und anderen Hochschulen" verstärken oder überhaupt erst ermöglichen sollen, und zwar in vielen denkbaren Bereichen  von der Lehre über die Weiterbildung und die Forschung bis hin zum Transfer. 


Am Ende der Aufzählung förderfähiger Maßnahmen folgt eine Art Joker, der die Offenheit des Programms abseits der erwähnten Instrumente verdeutlichen soll: "Experimentierfeld für innovative Maßnahmen", haben die Fachleute ihn genannt, oder anders formuliert: Solange eine Fachhochschule gut begründen kann, warum ein Rekrutierungskonzept gerade zu ihr und an ihrem Standort passt, ist fast alles denkbar. 

 

Nun noch zu den Rahmenbedingungen des Programms: Die Auswahl der förderfähigen Konzepte  soll "expertengeleitet" ablaufen. Was genau das heißen könnte und wie die Experten bestimmt werden, ist noch offen. Gemessen werden die Hochschulen an der Qualität ihres strategischen Konzepts, das sich aus einer Stärken-Schwächen-Analyse ableiten soll. Das Konzept soll Fragen wie diese beantworten: Welchen qualitativen Mehrwert würde eine Förderung bringen, und wie passt es ins Profil der FH und ihres regionalen Umfelds? Wie zahlt das Konzept auf Chancengleichheit und Diversität ein, wie nachhaltig sind die beantragten Maßnahmen, wie stellt die Hochschule sicher, dass die angestrebten Ziele auch erreicht werden?

 
Nun zu den noch ungeklärten Streitpunkten. Der Bund will, dass alle Hochschulen in der Bundesrepublik in einem" rein qualitativen offenen Wettbewerb" miteinander konkurrieren, die Länder wollen – wenig überraschend – einen festen Betrag pro Land, wie es ihn beim Qualitätspakt Lehre oder dem Tenure-Track-Programm gibt. Es wäre eine –positive – Überraschung, sollte sich die Bundesregierung an dieser Stelle durchsetzen können.  

 

Die Fachhochschulen, befindet der Eckpunkte-Entwurf, seien in ihrer Strategieentwicklung und ihrer Strategiefähigkeit "unterschiedlich aufgestellt", was eine nette Untertreibung ist angesichts ihrer enormen Heterogenität. Der Bund schlägt deshalb vor, dem eigentlichen Wettbewerb eventuell eine einjährige Vorphase voranzustellen, in der zunächst die Strategieentwicklung selbst gefördert werden könnte. Eine Idee, die die meisten Länder jedoch für verzichtbar halten. 

 

Offen ist zudem, ob sich nur einzelne Fachhochschulen oder auch Verbünde um Mittel bewerben können. Auch wird diskutiert, ob anders als etwa beim Qualitätspakt Lehre oder der "Innovativen Hochschule" diesmal die privaten Hochschulen mitmachen dürfen. Der Bund will das, die Länder lehnen die Öffnung ab. 

 

Und wieviel Geld soll es für das Programm geben? Die Länder fordern wie beim Tenure-Track-Programm eine Milliarde Euro Bundesmittel auf zehn Jahre. Selbst dazu geben wollen sie nichts, ihr Beitrag sei bereits durch die Grundfinanzierung erbracht. Der Bund pokert angesichts der bevorstehenden Bundestagswahl auf recht durchsichtige Art und Weise: Das Volumen sei "abhängig von inhaltlicher Ausgestaltung", und ohne eine Mitfinanzierung der Länder in Höhe von 50 Prozent werde das nichts. 

 

Nach Sicht des Bundes soll übrigens nach maximal zwei Ausschreibungen und damit zehn (oder inklusive Strategiephase bis zu 12) Jahren Schluss sein mit dem FH-Programm. Die Länder sagen: Lasst uns das von der vorgesehenen Evaluation des Programms abhängig machen. Man könnte also auch an dieser Stelle sagen: keine Überraschung. 

 

Überraschend wäre, wenn Bund und Länder sich auf der vorliegenden Grundlage nicht bald einig werden könnten. Wobei sich beide Seiten werden bewegen müssen: Der Bund muss schnell nach der Wahl Farbe bekennen, was er zu investieren bereit ist, und die Länder müssen mehr als nur ihre Nehmerqualitäten unter Beweis stellen. Das schon aus anderen Verhandlungen altbekannte Argument, ihr Anteil sei ja durch die Grundfinanzierung längst erbracht, wäre dann vielleicht triftig, wenn diese Grundfinanzierung denn auskömmlich wäre. So aber ist es eigentlich nur peinlich. 

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13 Thesen zur Wissenschaftsfreiheit

Welche Bedeutung die Wissenschaft für unsere offene Gesellschaft hat – und wie wir sie gegen Anfeindungen verteidigen. Ein Gastbeitrag von Kai Gehring und Philipp Antony.

Foto: Science March Berlin Presse/Bernd Wannenmacher: "March for Science Berlin", CC BY 2.0

WIR LEBEN IN bewegten Zeiten. Weltweit erstarken autoritäre, nationalistische und populistische Strömungen. Sie richten sich gegen Pluralität, Weltoffenheit und Toleranz. Sie operieren mit «Fake News» und erzeugen ein wissenschaftsfeindliches Klima. Autokratische Regime beschneiden systematisch die Freiheit wissenschaftlicher Institutionen und weiten dadurch ihren Machtanspruch aus. In vielen Ländern werden Wissenschaftler/innen gegängelt oder müssen gar um ihr Leben fürchten. Andernorts stellen Populisten die Erkenntnisse der Klimaforschung in Abrede oder feinden die Genderforschung an. Sie versuchen, gesellschaftliche Wandlungsprozesse aufzuhalten und Errungenschaften zurückzunehmen.

 

Diese Entwicklungen stellen Grundfesten der Wissenschaftsfreiheit infrage. Damit stehen die offene Gesellschaft und die Demokratie in Gänze auf dem Spiel. In einer solchen Situation kommt es darauf an, Werte zu verteidigen, die für die Wissenschaft wie für eine freie Gesellschaft konstitutiv sind.

 

Längst ist die Scientific Community alarmiert: Welche Impulse müssen aus der Wissenschaft kommen, um Anfeindungen und Infragestellungen zu begegnen? Wie kann die Politik Wissenschaftler/innen darin stärken, ihre Bedeutung für eine freie, innovative und offene Gesellschaft zu vermitteln? Doch nicht nur Expert/innen, sondern wir alle sind aufgefordert zu handeln. Es geht um viel.

 

Wissenschaftsfreiheit

Die Wissenschaft ist Gradmesser einer freiheitlichen und offenen Gesellschaft. Sie ist konstitutiv für eine Gesellschaft, die es versteht, sich weiterzuentwickeln, ihre ökonomische und soziale Innovationskraft zu entfalten, sich zu hinterfragen und sich auch immer wieder neu zu erfinden. Wissenschaftsfreiheit bedeutet, der wissenschaftlichen Neugierde nachgehen zu dürfen und Thesen frei entwickeln und diskutieren zu können. Sie lebt von freiem Zugang zu bestehendem Wissen und zahlt ihre Dividenden in Erkenntnissen, Innovationen, Analysen, Gewissheiten, Zweifeln und Ideen an die Gesellschaft zurück. Dabei verlangt die Wissenschaftsfreiheit der Gesellschaft einiges ab, denn es geht um eine sogenannte unkonditionierte Freiheit: Frei von politischen oder ökonomischen Zwängen und Zwecken entfaltet die Wissenschaft erst ihr volles Erkenntnispotenzial. Um als Ideengeber, Berater, Innovator, Stütze, Treiber und auch Mahner der Gesellschaft wirken zu können, ist Wissenschaft auf ein Umfeld angewiesen, das sie fördert, stützt, kritisiert und auch mit einem Vertrauensvorschuss ausstattet. In einem freiheitlichen und demokratischen Rechtsstaat braucht die Freiheit der Wissenschaft daher klare und stabile Voraussetzungen und Rahmenbedingungen sowie aktives Engagement von Wissenschaft, Bürgerschaft und Politik.

 

Grundlagen stärken

Die Bedeutung einer freien Wissenschaft für die Gesellschaft ist in Deutschland in Artikel 5 des Grundgesetzes fest verankert. Wie alle Institutionen des demokratischen Rechtsstaates sind auch die Hochschulen und Forschungseinrichtungen nicht unabhängig von der gesellschaftlichen Entwicklung. Auch für sie gilt, was Ernst-Wolfgang Böckenförde 1976 formuliert hat: «Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.» Im Falle der Wissenschaft ist es neben der Anerkennung von Menschenrechten, demokratischen und rechtsstaatlichen Regeln vor allem die Übereinkunft, dass die Regeln der Logik und des rationalen Arguments gelten. Geht diese Übereinkunft in der Gesellschaft verloren, können auch staatliche Normen die Wissenschaft und ihre Freiheit nicht schützen. Zentrale Grundlagen der Wissenschaftsfreiheit sind daher sowohl Bildung, die zu Selbständigkeit und Freiheit befähigt, als auch der breit geführte gesellschaftliche Diskurs. Sogenannte Blasen oder «bubbles» lassen als rein bestätigende, höchstens noch kreative Räume keinerlei argumentativen Austausch mehr zu.

 

Freiheit verteidigen

In einer Zeit, in der verstärkt freiheitliche Kernpositionen infrage gestellt werden, muss sich auch die Wissenschaft als robust und wehrhaft erweisen. Ein positives Beispiel dafür war der weltweit aufgegriffene «March for Science». Die Verletzlichkeit der Wissenschaft beginnt jedoch nicht erst bei der Verfolgung von Wissenschaftler/innen oder dem Schließen von Hochschulen, sondern schon beim Druck auf die Finanzierung oder bei der politischen Instrumentalisierung von Forschungsergebnissen. Die Leidenschaft, mit der Forschende Fragen stellen und auch scheinbar Unverrückbares hinterfragen, trifft in einer komplexer werdenden Welt auf immer mehr Menschen, die ihre Gewissheiten behalten wollen, weil sich für sie schon zu vieles zu schnell ändert. Öffentlich finanzierte Wissenschaft steht daher vor einer neuen zusätzlichen Herausforderung: Neben der Qualitätssicherung durch «peer review» ist eine Kommunikation mit und in der Öffentlichkeit notwendig, die die gesellschaftliche Verantwortung der Wissenschaft spiegelt. Das ist nicht nur Aufgabe der Wissenschaft selbst, sondern auch der Politik, der organisierten gesellschaftlichen Öffentlichkeit und der Medien.

 

Mit den folgenden 13 Thesen zur Wissenschaftsfreiheit laden wir zu einem Austausch ein, von dem wir alle profitieren können.

 

1. Wissenschaftsfreiheit braucht Einsatz – von innen und außen

Wissenschaftsfreiheit braucht Rechtssicherheit als einen Rahmen von außen und «Innendruck» als Praxis von innen. Nur dann kann in einem ständigen Prozess die Balance zwischen «Freiheit wovon?» und «Freiheit wozu?» gefunden werden. Den freiheitlichen Rahmen zu setzen, zu gewähren und für die Wissenschaft positiv und förderlich zu gestalten, ist Aufgabe des Staates in seinen demokratischen und rechtsstaatlichen Verfahren. Diese Freiheit zu nutzen und in Verantwortung mit Leben zu füllen, ist ureigenste Aufgabe von Wissenschaftler/innen. Dazu gehört auch, sich um die Verbindung zur Gesellschaft zu bemühen, sie wertzuschätzen und weiterzuentwickeln. 

 

2. Wissenschaft institutionell sichern

In einem Staat, der der Wissenschaftsfreiheit verpflichtet ist, dürfen und sollen auch Fragen erforscht werden, die politisch inopportun, unbequem oder sogar unerwünscht sind. Deshalb muss es wissenschaftliche Institutionen geben, in denen Wissenschaft frei von politischem Druck sein und sich gegen Einflussnahmen von außen mit rechtsstaatlichen Mitteln wehren kann. Jenseits der Institutionen sind Rationalität und das Abwägen von Argumenten Grundpfeiler des Rechtsstaates. Bildung und Wissenschaft sind die Instrumente, mit denen eine Gesellschaft diese Grundvoraussetzungen schafft und verankert.

 

3. Wissenschaft finanziell sichern

Die Grundfinanzierung von Wissenschaftseinrichtungen – seien es Hochschulen oder außeruniversitäre Forschungseinrichtungen – muss ausreichend sein, um bei Personal, Lehre, Forschung und Transfer stabile Strukturen und Perspektiven zu ermöglichen. Die wettbewerbliche Geldvergabe muss für das Zusätzliche angeboten werden, nicht für den Kernbereich.

 

4. Unabhängigkeit der Wissenschaft sorgfältiger achten

Oft zieht die Politik zur Legitimation von Entscheidungen wissenschaftliche Erkenntnisse heran. Diese Rolle der Wissenschaft als wirkmächtige Legitimationsinstanz für politische Entscheidungen bringt Wissenschaftler/innen in eine unbequeme Rolle: Sie geraten in ein Feld der öffentlichen Auseinandersetzung, das nicht den Regeln ihres Fachs, standardisierten Methoden und Peer-Review unterliegt, sondern ganz anderen Maßstäben und Überzeugungstechniken. Gleichzeitig ist Wissenschaft selber nicht nur unabhängiger Akteur, sondern in ihrer Rolle als Politikberater auch mit Interessen unterwegs. Jeder Verdacht, dass die Unabhängigkeit der Wissenschaftler/innen bzw. ihrer Forschungseinrichtungen beeinträchtigt ist oder Interessen nicht offengelegt werden, schwächt beide Beteiligten: Wissenschaft und Politik. 

 

5. Kein politisches «Eigentum an Wissen»

Wissenschaftliche Ergebnisse, die mit öffentlichen Mitteln gefördert wurden, sind niemals Eigentum von Exekutive oder Legislative. Daher steht staatlichen Seiten auch nicht zu, öffentlich gefördertes Wissen für sich zu behalten oder den Zugang nach politischen Kriterien zu reglementieren. Wenn Sicherheitsbedenken bestehen – etwa in der biologischen oder medizinischen Forschung – müssen sie in einem transparenten Verfahren behandelt und öffentlich diskutiert werden. 

 

6. Vertrauensvorschuss sorgsam bewahren

Die öffentliche Finanzierung von Wissenschaft basiert auf einem gesellschaftlichen Vertrauensvorschuss. Dieser muss von der Wissenschaft immer wieder neu erworben werden. Dazu gehören permanentes Qualitätsbemühen und eine positive Fehlerkultur, Transparenz, Grundlagenforschung und Arbeiten zu den großen Herausforderungen, Exzellenzverpflichtung, Rechenschaftspflichten, Ernstnehmen der Lehre und gute Betreuung von Studierenden sowie ein Bemühen um Gesellschaftskontakt.

 

7. Fragen und Antworten verständlich kommunizieren

Die Wissenschaft steht vor der Herausforderung, dass ihre Fragestellungen und Erkenntnisse auch in öffentlichen Debatten auf dem Prüfstand stehen, die nicht von Fachleuten geführt werden. Stärker als bisher sollte daher die gute Kommunikation von wissenschaftlichen Prozessen und Inhalten in die Gesellschaft hinein selbstverständlicher Teil ihrer Arbeit werden.

 

8. Begegnung zwischen Wissenschaft und Gesellschaft stärken

Rationalität als Grundpfeiler eines Rechtsstaates braucht die Verankerung in der Gesellschaft. Das geschieht unter anderem durch Vielfalt bei den Forschenden wie auch durch mehr Möglichkeiten des Austausches zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Die Bedeutung von Wissenschaft muss für Menschen auch in ihrem Alltag persönlich erfahrbarer werden. Dazu sollte Wissenschaft auch Orte aufsuchen und in Zusammenhängen sichtbar werden, die bislang für sie ungewöhnlich sind, so im Quartiersmanagement. An partizipativen Forschungsansätze, bei denen sich Forschung und Gesellschaft austauschen, gibt es unterschiedliche Spielarten: von Open Science über Bürgerwissenschaft bis hin zu Reallaboren. 

 

9. Wissenschaftsdiplomatie stärken

Um die Wissenschaftsfreiheit in anderen Staaten zu fördern, ist eine «Science Diplomacy» nötig. Zu dieser Wissenschaftsdiplomatie gehört eine aktive Außenwissenschaftspolitik, die jeden internationalen Kontakt und Besuch auch zur Stärkung der dortigen nationalen Bildungs- und Forschungslandschaft wie auch der internationalen Bildungs- und Forschungskooperation nutzt. Eine besondere Rolle können dabei transnationale Bildungsprojekte, Hochschulkooperationen und der Austausch übernehmen. 

 

10. Rechtliche Absicherung international durchsetzen

Wo Hochschulgesetze zur Abschottung und zur Unterdrückung von Wissenschaft genutzt werden sollen, muss die Bundesregierung deutlich widersprechen. Wo das innerhalb der EU geschieht, müssen die vertraglich vereinbarten Konsequenzen bis hin zum Vertragsverletzungsverfahren auch gezogen werden. 

 

11. Wissenschaft auf die Agenda

Besonders erschreckend ist Wissenschaftsfeindlichkeit dort, wo sie scheinbar mit demokratischen Mitteln bestärkt und installiert wird. Von einem Militärherrscher in Ägypten überrascht es nicht, wenn er die Freiheit der Wissenschaft nicht akzeptiert. Von Regierungschefs eines EU-Mitgliedsstaates erwartet man dies jedoch, erst recht vom Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. Egal ob Physikerin, Buchhändler oder Jurist: Wer Deutschland bei Staatsbesuchen repräsentiert, sollte in Zukunft immer auch «die Wissenschaft» treffen, ihr damit Aufmerksamkeit und Anerkennung geben.

 

12. Wissenschaftler/innen im Exil unterstützen

Wo Wissenschaftler/innen verfolgt oder ins Exil getrieben werden, müssen freiheitliche Staaten für sie einstehen. Wenn die Lage in deren Heimatland nicht besser wird, sollten staatliche und zivilgesellschaftliche Initiativen den Hochschulen und Forschungseinrichtungen in Deutschland die Chance geben, bedrohte Wissenschaftler/innen aufzunehmen. Angesichts zunehmender Bedrohung sollten alle Beteiligten ihr Engagement schnellstmöglich und langfristig ausweiten.

 

13. Austausch auf allen Stufen

Auch Studierende genießen Wissenschaftsfreiheit. Ihre Freiheit geht weiter als bloß belehrt zu werden. Forscherischer Neugier nachzugehen, um die Welt verstehen zu können, ist ein Grundrecht, dem im nationalen wie internationalen Kontext weder politische Auffassungen noch religiöse Dogmen entgegengehalten werden dürfen. Wo junge Menschen aller gesellschaftlichen Gruppen und Schichten an die Hochschulen kommen, können sie den Vorwurf der Populisten überzeugend entkräften, «die Wissenschaft» sei – genauso wie «die Politik» – eine abgehobene und elitäre Gruppe. Offene Hochschulen sind daher in jeder Hinsicht eine Basis für offene Gesellschaften.

 

Kai Gehring ist grüner Bundestagsabgeordneter und Fraktionssprecher für Hochschulen und Wissenschaft. Philipp Antony ist Referent für Bildung und Wissenschaft der Heinrich-Böll-Stiftung. 


Dieser Beitrag ist die gekürzte Version eines Essays, den die Autoren heute in der E-Paper-Reihe der Heinrich-Böll-Stiftung veröffentlichen. Sie finden ihn hier. Was denken Sie zu den 13 Thesen? Diskutieren Sie mit!

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Blick zurück (6)

Seit 20 Jahren beschäftigte ich mich mit Hochschulen, Bildung und Wissenschaft. Viel ist passiert in dieser Zeit, vieles davon durfte ich als Journalist begleiten. Der Blick zurück zeigt, wie aktuell einige meiner Themen von einst geblieben sind – obwohl sich fast alles verändert hat. Machmal allerdings auch, weil sich fast gar nichts verändert hat. Der sechste Teil einer Serie.

"Das haben wir nicht gewollt"

Der Bachelor in sechs Semestern führt zur Überfrachtung des Studiums. Es wird Zeit, das zu ändern. 

(erschienen in der ZEIT vom 25. Oktober 2007)

 

EIGENTLICH KÖNNTE ALLES so schön sein. Harro Müller-Michaels, emeritierter Germanistik-Professor aus Bochum, könnte sich zurücklehnen, selbstzufriedene Reden halten und sich von den anderen für sein Werk loben lassen. Stattdessen muss er Fragen seiner Kollegen beantworten. »Was hast du uns da nur eingebrockt?«, klagen sie. Und er sagt: »So war das nie geplant.«

 

Harro Müller-Michaels ist einer der Väter der Bologna-Reform, der europaweiten Umstellung auf die international vergleichbaren Studienabschlüsse Bachelor und Master. Die Ruhr-Universität war die erste große Hochschule in Deutschland, die den Bachelor eingeführt hat, vor mittlerweile 15 Jahren, und Müller-Michaels hat damals voller Enthusiasmus dafür gesorgt, dass die Geisteswissenschaften ganz vorn mit dabei waren. »Wir wollten die extrem hohen Abbrecherraten senken, endlich eine didaktische Ordnung ins Studium bringen«, sagt er heute. »Das haben wir auch geschafft. Doch dass dieses modularisierte Klein-Klein der Preis für den Erfolg ist, das haben wir nicht gewollt.«

 

Kritik an Bologna ist nichts Neues, seit Europas Wissenschaftsminister sich 1999 auf das ambitionierte Reformprojekt geeinigt hatten, im Gegenteil: Zunächst waren es vor allem die Geisteswissenschaften, die Verrat an Humboldtschen Bildungsidealen witterten, später dann die Ingenieure, die ihr Diplom als vermeintlich unverzichtbares Markenzeichen zu verteidigen suchten. Bis heute stemmen sich vor allem Juristen und Mediziner gegen den Abschied vom Staatsexamen. Doch der Fall von Müller-Michaels liegt anders: Hier meldet sich einer zu Wort, der seit Jahren für die Reform kämpft, der sie selbst jetzt noch als den »einzigen Ausweg aus der Hochschulmisere« preist. Der Angst davor hat, dass die endlich schwindende Zahl erbitterter Bologna-Gegner seine Warnung für ihre Zwecke missbrauchen könnte – und deshalb mit dem Aufschrei gewartet hat. Genau das macht seine Kritik so bemerkenswert: Die Studienreform droht in Deutschland längst nicht mehr am Widerstand vermeintlicher Besitzstandswahrer zu scheitern, 61 Prozent aller Studiengänge sind bereits umgestellt. Echte Gefahr droht dem europäischen Traum inzwischen von ganz anderer Seite – von seinen Befürwortern, ihrem Übereifer und ihrer Fantasielosigkeit.

 

Die Misere, die sie zu verantworten haben, ist so einfach wie verheerend: In einer Mischung aus Herdentrieb und falsch verstandenem Streben nach bundesweiter Einheitlichkeit haben sich die Hochschulen fast ausnahmslos für einen sechssemestrigen Bachelor entschieden – und sich damit ohne Not ein allzu enges Korsett geschnürt. »Die Folge ist ein völlig überfrachtetes Studium, das keinen Raum mehr lässt für das eigentlich Wichtige«, sagt Müller-Michaels. Das eigentlich Wichtige wäre: mehr Zeit fürs Auslandsstudium, mehr Grundlagenwissen und in den Geisteswissenschaften möglichst eine Zwei-Fächer-Struktur wie früher beim Magister.

 

Dabei sieht die Bologna-Vereinbarung eine Sechs-Semester-Struktur keineswegs als verpflichtend vor. »Die nötige Flexibilität ist eigentlich da«, sagt Peter Zervakis vom Bologna-Zentrum der Hochschulrektorenkonferenz. »Die Programme können zwischen sechs und acht Semestern dauern.« Dass sich die meisten Hochschulen dennoch für die Minimalvariante entschieden haben, habe auch mit dem Spardiktat der Bundesländer zu tun, betont Dieter Lenzen, Präsident der Freien Universität: »Durch die Zielvereinbarungen mit dem Land sind wir verpflichtet, mehr Absolventen in der Regelstudienzeit zum Abschluss zu bringen. Das läuft in der Praxis auf die sechs Semester hinaus.«

 

Wie dramatisch die Folgen des Sparbachelors sind, hat eine Studie des Hochschul-Informations-Systems kürzlich bewiesen: Nur 15 Prozent der Bachelorstudenten gehen ins Ausland – im Vergleich zum 30-Prozent-Schnitt aller Studenten. Dabei war eines der meistzitierten Bologna-Versprechen ja eben, die internationale Mobilität zu erhöhen. Dafür, auch das belegt die Studie, wechseln überdurchschnittlich viele Jungakademiker für den Master ins Ausland – mit wiederum negativen Konsequenzen für den Wissenschaftsstandort Deutschland, denn zu viele der Besten kehren auch für die Promotion nicht mehr in die Heimat zurück. Der einzig sinnvolle Ausweg, darin sind sich die meisten Experten einig, wären sogenannte Mobilitätsfenster, die den Auslandsaufenthalt als verpflichtenden Bestandteil des Studiums vorsehen. An der Freien Universität haben sie das kürzlich wieder einmal diskutiert – und sich einhellig dagegen entschieden: In sechs Semestern sei das nicht zu machen.

 

Der Generalsekretär des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD), Christian Bode, schlägt daher vor, Interessierte sollten »ein weiteres Semester oder auch ein ganzes Jahr« an den Bachelor dranhängen, das diese dann an einer Uni im Ausland verbringen würden, um sich anschließend im Unterschied zu den Nesthockern »internationale Bachelor« nennen zu dürfen. Anderen Experten geht Bodes Vorschlag indes nicht weit genug: Sie wollen ein zusätzliches Semester für alle Studenten, damit feste Auslandsfenster in allen Studiengängen möglich werden.

 

Der Sechs-Semester-Bachelor errichtet nicht nur Schranken auf dem Weg ins Ausland, auch in anderer Hinsicht erweist er sich als Irrweg. So wollen bis 2012 fast alle Bundesländer die Schulzeit auf zwölf Jahre verkürzen. Dabei galt ebenjenes deutsche Extrajahr bis zum Abi als Rechtfertigung dafür, warum der deutsche Bachelor etwa im Vergleich zu seinem US-Pendant zwei Semester kürzer war. Dieses Argument entfällt jetzt. »Die Erstsemester werden in Zukunft deutlich jünger sein, weniger Grundlagenwissen mitbringen«, sagt Müller-Michaels. »Die Hochschulen müssen das ausgleichen« – etwa in einer fächerübergreifenden Eingangsphase von einem oder zwei Semestern – die Leuphana Universität Lüneburg hat sie bereits eingeführt.

 

Schließlich könnte ein längerer Bachelor ein weiteres Problem lösen, das durch den Übereifer einiger Reformer entstanden ist. Ein großes Plus der Magisterstudiengänge war die Praxis, zwei oder mehr Fächer kombinieren zu können. Allzu viele Hochschulen stellten jedoch auf Ein-Fach-Bachelor um. Dabei ist es gerade in den Geisteswissenschaften sinnvoll, sich auch beim Bachelor eine große Breite und Flexibilität zu erhalten. Zurzeit gibt es nur einige wenige Universitäten wie die Ruhr-Uni oder die FU Berlin, die überhaupt noch Kombinationsmodelle anbieten.

 

Doch während etwa die Ruhr-Uni einen echten Zwei-Fach-Bachelor anbietet, hat die FU sich angesichts der knappen Zeit für ein Ein-Fach-Modell mit Zusatzfach entschieden. »Wir gehen den Mittelweg, damit man wenigstens ein Fach richtig beherrscht«, sagt Dieter Lenzen. Doch genau diese Angst vor der Doppelschmalspur ist es, die an den meisten Unis zum Totalabbau des alten Kombinationsmodells geführt hat – ein Verlust, den ein längerer Bachelor beheben könnte.

 

»Die Hochschulen sollten ihren Gestaltungsspielraum voll nutzen«, sagt Zervakis von der HRK. Acht Semester bis zum Bachelor, das könnte die Lösung sein. Das strebt auch Lenzen an – unter zwei Bedingungen: »Alle müssen mitmachen. Und der Master muss so verkürzt werden, dass das Studium insgesamt nicht länger als zehn Semester dauert.« Zwei Bedingungen, die so grundlegend sind, dass ihre Erfüllung in absehbarer Zeit praktisch ausgeschlossen ist. So bleibt es bei der nüchternen Bilanz: Bologna macht die Uni studentennäher, schneller, effizienter. Aber auch starrer, langweiliger, weniger vielfältig. Die Vorteile darf man getrost der Reform zuschreiben. Die Nachteile dagegen ihrer allzu deutschen Auslegung.

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Eine "Nationale Bildungsallianz", die vor allem Symbolwert hat

Das Versprechen von SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz, massiv in Kitas und Schulen zu investieren, ist nicht neu. Trotzdem hat seine Botschaft von heute große Bedeutung.

Martin Schulz (mit Mikrofon) und die sieben SPD-Ministerpräsidenten Michael Müller, Stephan Weil, Malu Dreyer, Manuela Schwesig, Dietmar Woidke, Carsten Sieling und Olaf Scholz. Foto: SPD-Parteivorstand

NATÜRLICH IST DAS Wahlkampf. Natürlich sagt es in Wirklichkeit recht wenig über die Bereitschaft der Länder aus, den Bund bei der Bildung mitreden zu lassen, wenn die SPD vier Wochen vor der Wahl die SPD-Ministerpräsidenten auffährt, um gemeinsam mit Martin Schulz die "Nationale Bildungsallianz" auszurufen. Aber ein eindrucksvolles Bild ist es schon, eines mit Symbolkraft: Bund und Länder wollen an einem Strang ziehen. Na ja, zumindest die anwesenden sieben SPD-Regierungschefs und der Mann, der Bundeskanzler werden will. 

 

Der heutige Pressetermin, bei dem die Sozialdemokraten ihre Bildungsstrategie für nach der Bundestagswahl vorstellten, war gleich in mehrfacher Hinsicht ein Einerseits-Andererseits. 

 

Einerseits: Wirklich neu war schon die Idee der Bildungsallianz nicht, die Sozialdemokraten haben sie unter exakt demselben Titel im vergangenen Herbst schon einmal präsentiert. Auch die 12 Milliarden Euro, die allein der Bund nach Wunsch der Sozialdemokraten nach dem Wegfall des Kooperationsverbots in selbige Allianz von Bund, Ländern und Kommunen investieren soll, gehören seit Monaten zu den SPD-Standardversprechen.

 

Andererseits war der heutige Auftritt von Martin Schulz und aller amtierenden SPD-Ministerpräsidenten eben doch ein wichtiger – und ein richtiger dazu. Die Sozialdemokraten stellen die Bildung einmal mehr in den Mittelpunkt ihrer Kampagne, man könnte sogar sagen: In der Endphase eines schwierig verlaufenden Wahlkampfes setzt Schulz wenn auch nicht alles, so doch ziemlich viel auf die Karte Bildung. Zumindest schon einmal rhetorisch. Was man von der Union nicht behaupten kann. Für den Stellenwert der Kitas und Schulen, der Hochschulen und Ausbildungsbetriebe im Land hat das nie so schön wie heute inszenierte SPD-Commitment große Bedeutung.

 

Einerseits: Auch heute wieder haben die Sozialdemokraten das Ärgernis Kooperationsverbots höher gehängt, als ihm zusteht. Seine Abschaffung per se spielt eben nicht die zentrale Rolle für mehr Bildungsgerechtigkeit und eine auskömmlichere Finanzierung von Schulen und Kitas, die Sozialdemokraten, Linke, neuerdings die FDP und weite Teile der Grünen sich demonstrativ von ihr erhoffen. Warum das so ist, habe ich in meinem Beitrag vom Freitag aufgeschrieben.

 

Andererseits wäre es eben doch zu begrüßen, schon aus verfassungsästhetischen Gründen, wenn das Kooperationsverbot beseitigt würde. Da sei SPD-Generalsekretär Hubertus Heil sogar die Behauptung verziehen, es sei 2006 die Union gewesen, die dieses „unselige Kooperationsverbot“ durchgesetzt habe. In Wahrheit gab es in der damaligen Großen Koalition auch viele Sozialdemokraten, die das Verbot nicht nur aus machttaktischen Gründen, sondern aus Überzeugung befürworteten, und die Verfassungsänderung wurde mit den Stimmen der Union UND der Sozialdemokraten gegen den Widerstand der Grünen und der Linken beschlossen – und übrigens auch gegen die Stimmen der FDP. 

 

Einerseits ist die vollmundige Ankündigung, durch die Bildungsallianz mehr Vergleichbarkeit im Schulwesen schaffen zu wollen, irgendwie unscharf, weil die Kultusministerkonferenz in einem seit Jahre andauernden Prozess an mehr Einheitlichkeit und gemeinsamen Standards arbeitet – und die ersten fünf Länder, die 2010 einen gemeinsamen Abituraufgaben-Pool vereinbart hatten, waren mehrheitlich unionsregiert.

 

Andererseits ist es eben doch eine bemerkenswerte Botschaft, wenn sieben Ministerpräsidenten öffentlich erklären, sich einer stärkeren Standardsetzung auch unter Mitwirkung des Bundes nicht verweigern zu wollen. 

 

Einerseits klingt es gut, wie Schulz heute bei der Pressekonferenz erklärte, bei der Bundestagswahl am 24. September werde auch darüber entschieden, ob Deutschland Haushalts-Überschüsse in Bildung oder in Aufrüstung investieren werde.

 

Andererseits ist so eine Aussage dann aber doch allzu holzschnittartig, weil sicherlich auch ein SPD-Bundeskanzler mehr für Verteidigung wird ausgeben müssen. Die Frage ist eben nur: wieviel mehr.  

 

Womit Schulz jedoch vollkommen Recht hat und wir wieder am Anfang sind: Wie gut es um Schulen, Kitas und Hochschulen tatsächlich bestellt ist, hat wenig mit Paragraphen (und dem Kooperationsverbot) und viel mit den Haushaltsprioritäten zu tun – übrigens auch und gerade in den Bundesländern. Die 12 Milliarden Euro vom Bund, wenn sie denn kommen, können da nur der Anfang sein. Erst recht wenn man bedenkt, dass angesichts der SPD-Versprechungen von kostenfreien Kitas und einer Million neuer Ganztagsplätze das Geld schon verfrühstückt sein wird, bevor überhaupt an eine Beseitigung des Investitionsstaus im Bildungssystem gedacht werden kann (siehe hierzu auch die heute von der Bertelsmann-Stiftung erhobene Forderung, um des qualitativen Ausbaus willen erstmal nicht auf die Elternbeiträge zu verzichten). Wobei die SPD abwinkt: Nein, nein, die 12 Milliarden seien allein für die Investitionen gedacht – aber wie dann der Rest finanziert werden soll, sagt sie nicht.

 

Und doch: Auch wenn nicht nur Erhellendes, höchstens teilweise Neues, aber auch viel Ungefähres in den heute veröffentlichten "sieben Eckpunkten für eine Nationale Bildungsallianz" steht, am Ende ist es vor allem die Geste, die zählt. Und mit der ist Schulz heute erfolgreich in die Offensive gegangen. 


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Das große Schaulaufen

In San Francisco trafen sich am Wochenende hunderte deutsche Postdocs mit der deutschen Wissenschaftselite. Eine erfolgreiche Veranstaltung – und doch muss die GAIN-Jahrestagung neu ausgerichtet werden.

Foto: Screenshot der GAIN-Website
Foto: Screenshot der GAIN-Website

HEUTE MORGEN DÜRFTE auf den Transatlantikflügen, die von der US-Westküste nach Europa unterwegs sind, auffällig viel Deutsch gesprochen werden. Die deutsche Wissenschaftselite befindet sich auf der Rückreise. 

 

Gestern ist sie zu Ende gegangen, die 17. GAIN-Jahrestagung, bei der 500 Deutsche in einem Hotel in San Francisco drei Tage lang über Exzellenzstrategie, Tenure Track und Karrierechancen an Fachhochschulen diskutiert haben. 

 

GAIN steht für „German Academic International Network“, laut Selbstbeschreibung handelt es sich um ein „Netzwerk für deutsche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Nordamerika“, doch wer deshalb eine Graswurzelbewegung vermutet, irrt. Hinter der Initiative stehen drei Tanker der staatlichen Wissenschaftsförderung, die Deutsche Forschungsgemeinschaft, der Deutsche Akademische Austauschdienst sowie die Humboldt-Stiftung, und ihr erklärtes Ziel lautet: die zumeist jungen Forscher auf die Rückkehr nach Deutschland „vorzubereiten“.  >>



>> Allerdings hat sich die GAIN-Tagung über die Jahre auch zu einem Forum der Beschäftigung der eigens angereisten Hochschulrektoren, Forschungslenker und Politiker mit sich selber entwickelt. Fernab der Heimat habe man noch Zeit, in Ruhe miteinander ins Gespräch zu kommen, schwärmen sie. Und so kommt es vor, dass zu Mittag an einem Tisch hoffnungsfrohe Postdocs sitzen, während am nächsten die Wissenschaftsstrategen die neuesten Deals bereden oder Insider-Infos austauschen. Immerhin: Bei der Talentmesse, der digital angebahnten Kontaktbörse oder den vielen Podien kommen die Jungen mit den Alten dann doch in intensive Gespräche. 

 

Mit Spannung war vor der diesjährigen Tagung erwartet worden, ob sich das Werben um die Gunst des Nachwuchses mit kriegsgewinnlerischen Untertönen vermischen würde nach dem Motto: Je stärker US-Präsident Donald Trump die Wissenschaft mit Füßen tritt, desto strahlender stehen wir in Deutschland da. Bis auf grenzwertige Ausnahmen (Humboldt-Präsident Helmut Schwarz nannte Trump einen „Trottel“) beherrschte jedoch eine angenehme Zurückhaltung die Reden. Die USA seien ein herausragender Wissenschaftsstandort und würden es bleiben, sagte etwa Cornelia Quennet-Thielen, Staatssekretärin im Bundesforschungsministerium. Dies liege auch im deutschen Interesse. 

 

Also alles fein? Nicht ganz. GAIN sieht sich zunehmend mit einer existentiellen Herausforderung konfrontiert: Ist es in einer globalisierten Wissenschaftswelt noch angemessen, auf einer größtenteils deutschsprachigen Veranstaltung in Nordamerika fast ausschließlich um Deutsche zu werben? Oder lässt sich das teure Schaulaufen künftig nur rechtfertigen, wenn man die besten Nachwuchswissenschaftler in den USA, unabhängig von ihrer Herkunft, einlädt – und zwar nicht für ein paar Stunden, sondern für die ganze Tagung? Die Antwort liegt auf der Hand. Die Frage ist, ob die Chefs bereit sind, Hand anzulegen an ihren so lieb gewordenen Klassenausflug.  

 

Dieser Beitrag erschien heute zuerst in meiner Kolumne "Wiarda will's wissen" im Tagesspiegel.


Nächstes Jahr sind sicher auch die Abgeordneten wieder dabei

So groß der Auflauf an Rektoren und Wissenschaftsmanagern war: Einige von ihnen äußerten dennoch die Meinung, in früheren Jahren seien noch mehr von ihnen dabei gewesen. Und die Riege der Politiker erst, sagten andere: Gerade mal ein Landesminister (Boris Rhein aus Hessen) und eine Staatssekretärin aus dem BMBF (Cornelia Quennet-Thielen).

 

Ein Zeichen für die abnehmende Attraktivität der Veranstaltung? Höchstens, wenn man die Rektoren als erste Zielgruppe sähe und nicht die Postdocs. Von denen kamen so viele wie nie. Was meinen oben formulierten Einwand nicht weniger dringlich macht.

 

Für die Knappheit an angereisten Politikern gibt es übrigens eine naheliegendere Begründung, noch dazu eine, die ich im Kern sehr erfreulich finde. Anders als in den Vorjahren, in denen jeweils rund ein halbes Dutzend Bundestagsabgeordnete an der GAIN-Jahrestagung teilnahm, verweigerte die Bundestagsverwaltung ihnen diesmal die Reise, weil vier Wochen vor der Wahl keine Rückbindung mehr in den parlamentarischen Betrieb zu erwarten sei.

 

Eine plausible Begründung, so sehr die Jung-Wissenschaftler in den vergangenen Jahren auch vom Austausch mit den Politikern profitiert haben mögen. Und eine Begründung, die den Glauben in das Funktionieren unserer Bürokratie stärkt. 

Nächstes Jahr dürfen die neu  gewählten Abgeordneten dann sicher wieder dabei sein – vielleicht schon bei einem anders gestalteten Event?

 

Mein Vorschlag wäre wie folgt: Drei Tage Diskussionen auf Englisch, davon möglichst viele in kleiner Runde, dazu die Talentmesse und die Kontaktbörse – und eingeladen werden herausragende Jung-Wissenschaftler in Nordamerika gleich welcher Nationalität, die ihr Interesse an Deutschland in einer kurzen, aber aussagekräftigen Bewerbung formulieren müssen.

 

Und was ist mit den Deutschen? Von denen werden sicherlich noch überdurchschnittlich viele dabei sein, und so, wie es momentan einen Nachmittag an den drei Tagen auf Englisch gibt, könnte man ja künftig einen Nachmittag auf Deutsch anbieten – mit Workshops, die sich speziell den Fragen und Belangen der Deutschen widmen. 

 

Fazit: So unangemessen und allzu simpel es wäre, diese erfolgreiche  Veranstaltung aufgrund ihrer hohen Kosten per se für überflüssig zu erklären, so fahrlässig wäre es, das Format nicht noch entschiedener weiterzuentwickeln. Immerhin: Die Diskussionen über eine wie auch immer geartete Neuausrichtung der GAIN-Jahrestagung schien mir in den vergangenen Tagen Fahrt aufzunehmen.



Nachtrag vom 30. August: Wie ein Postdoc die GAIN-Tagung erlebt hat

Am Tag nach meinem obigen Artikel erreichte mich folgende Zuschrift. Da sie für die Kommentarspalte zu lang ist, veröffentliche ich sie an dieser Stelle. 

 

Aus der Sicht eines Postdocs im Bereich der Biowissenschaften stand die 17. GAIN Jahrestagung unter dem Leitbild "Deutsche Universitäten brauchen Euch nicht”.  Die Tagung begann mit vielversprechenden Vorträgen der Präsidenten/innen der drei größten Förderinstitutionen über wissenschaftliche Verantwortung und der Wertschätzung von Diversität in der deutschen Wissenschaft. Ziel dieser 17. GAIN-Tagung war die Vernetzung der Wissenschaftsgemeinschaft aus Nordamerika mit deutschen “wissenschaftspolitischen Schlüsselfiguren” aber auch „praktische Tipps für die Zeit nach dem Postdoc” zu erhalten.

 

Während sich die Vertreter aus Wirtschaft und Administration offen den Fragen stellten und hilfreiche Hinweise vergaben, vor allem in persönlichen Gesprächen, schienen die Vertreter der Universitäten und der Forschungsförderinstitutionen die Verbindung zu den nachkommenden Generationen größtenteils verloren zu haben und/oder sich nicht zu interessieren. So zeigten sich Universitätspräsidenten erstaunt, dass ein Großteil der anwesenden Postdocs eine Karriere an der Universität anstrebte. Wenn man jedoch bedenkt, dass eine akademische Karriere die Einzige ist, die einem während der mehr als zehnjährigen Ausbildung täglich vorgelebt wird, ist dieser Berufswunsch kaum verwunderlich. Eine Vertreterin der DFG schien die Lebensläufe aller Beteiligten in der fachbezogenen Arbeitsgruppe “Biowissenschaften” zu kennen, da Sie mehrfach betonte, dass man weder unsere noch ihre Zeit verschwenden solle und sich gar nicht erst auf das Emmy Noether-Programm für Junior-Gruppenleiterstellen bewerben solle. Dieses Programm sei nur für die “absolute Elite”, zu der man als DFG-geförderter Postdoc scheinbar mit Sicherheit nicht gehörte. Während eine realistische Einschätzung natürlich wichtig und gewünscht war, so kann man mit dem Sprichwort „der Ton macht die Musik“ argumentieren. 

 

Anstatt aus der aktuellen politischen Situation in den USA zu lernen oder gar zu profitieren, lobten sich die Vertreter der deutschen Universitäten größtenteils selbst und sahen wenig Anlass für Änderungen im System. Kritischen Stimmen, ob denn die Forscher mit den “besten Ideen” auch die talentiertesten Lehrer seien, da Universitäten schließlich auch einem Lehrauftrag folgten, wurden genauso abgeschmettert wie die Fragen, ob es nicht auch Verbesserungsbedarf im System gebe, um Forschern an den Universitäten eine bessere Vereinbarkeit von Arbeits-und Privatleben zu bieten (etwa durch mehr unbefristete Stellen im Mittelbau), oder ob man Doktoranden nicht besser auf alternative Karrierewege vorbereiten müsse. Von außen betrachtet schien das deutsche Universitätssystem selbstgefällig und gesättigt, was sicherlich auch eine Konsequenz aktueller weltpolitischer Umstände ist. Daher scheint es momentan ratsam, sich schon während oder kurz nach der Promotion nach alternativen Karrierewegen wie Wirtschaft, Management, Kommunikation und Politik umzuschauen.

 

Das Frustrierende an der Selbstgefälligkeit der Vertreter der Universitäten war nicht etwa zu hören, dass ein Großteil der Postdocs, die sich auf akademische Stellen bewerben werden, keine Zukunft in der akademischen Wissenschaft haben, das wussten wir auch schon vor der GAIN-Tagung. Das Frustrierende ist, dass genau dieselben Professoren uns mehr als zehn Jahre lang ins Gewissen redeten, dass sich der Frust des ständigen wissenschaftlichen Scheiterns, der fehlenden Anerkennung von Familie, Gesellschaft, aber auch anderen Wissenschaftlern, so wie auch private Entbehrungen durch häufige Umzüge, erwartete Flexibilität, geringe Vergütung und damit verbundene Existenzangst lohnen, um später seiner Leidenschaft folgen zu können und somit einen wichtigen gesellschaftlichen Beitrag zu leisten. Wenn von vornherein jedoch klar ist, dass „95 Prozent aller promovierter Biologen“ nicht mit einer Professur an einer deutschen Hochschule rechnen können, dann muss man sich doch fragen, ob die Professoren motivierte, und wissenshungrige Doktoranden/innen und Postdocs nicht unnötig lange im System halten, nur um für ihre eigene Karriere wichtige Publikationen zu generieren. 

 

Trotz der unglücklichen Vertretung der deutschen Universitäten an der diesjährigen GAIN-Tagung glaube ich an die Bedeutung der akademischen Wissenschaft und den Stellenwert der deutschen Universitäten in der internationalen Forschung und hoffe, dass sich Deutschland nicht zu lange auf seiner Führungsrolle ausruhen wird. Wären die Universitätspräsidenten an ernst gemeinten Dialogen mit Postdocs interessiert gewesen, hätten sie vielleicht gemerkt, dass auch wir Ideen für und Vorstellungen von einem gut funktionierenden Wissenschaftssystem haben, und dass die amerikanische „anything is possible“-Mentalität mit deutlich flacheren Hierarchien motivierend und inspirierend sein kann.

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Wo Geld ist, ist auch ein Weg

Wenn so viel vom Kooperationsverbot geredet wird, mache ich das auch nochmal: Eine Bestandsaufnahme

EIN ZIEL ZUMINDEST hat das ständige Gerede vom Kooperationsverbot schon mal erreicht: Die Leute wollen wissen, was es eigentlich auf sich hat mit diesem sperrigen Wort, das in kaum einem Tweet, keiner Pressemitteilung und erst recht bei keinem Wahlkampfauftritt sozialdemokratischer oder linker (Bildungs-)Politiker fehlen darf.

 

Und das Interesse wächst in diesen letzten Wochen vor der Bundestagswahl. Woher ich das so genau weiß? Weil kein zweiter Artikel auf meiner Website so beständig, so häufig und gleichbleibend geklickt wird wie der, den ich bereits im vergangenen Oktober mit der Überschrift „Was ist eigentlich das Kooperationsverbot?“ versehen habe. Und jedes Mal, wenn SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz das Wort in den Mund nimmt, springen die Zahlen dieses recht kurzen Erklärstücks nochmal nach oben. Ein suchmaschinentaktischer Glücksgriff meinerseits, so scheint mir, wenn auch kein beabsichtigter. 

 

Belegen die vielen Klicks automatisch die bildungspolitische Relevanz? Fest steht: Die vermeintliche Problematik, die der Begriff umschreiben soll, besteht schon länger als die aktuelle Wahlkampfphase, doch erst durch die zuletzt gehäuften Politikerreden scheinen viele Menschen sich ernsthaft mit dem Kooperationsverbot zu befassen. Vielleicht, weil es doch nicht so wichtig für ihr tägliches Leben ist? Oder weil viele von ihnen vorher dem Übel keinen Namen zu geben wussten?

 

Aufregung kam in die Angelegenheit erst so richtig im vergangenen Herbst, als der heutige SPD-Generalsekretär Hubertus Heil zunächst triumphierend ausrief, das Kooperationsverbot sei "Geschichte", nach Zureden seiner Parteikollegen dann jedoch auf eine andere Formulierung umschwenkte: Das Verbot sei durch die Bund-Länder-Verhandlungen um die Reform des Finanzausgleichs „aufgebohrt“ worden, ergo: Noch genug Stoff für Wahlkampfreden. Von damals stammt auch mein oben erwähntes persönliches Klickwunder.

 

Heftigen Widerspruch erntete Heil damals übrigens vor allem aus Baden-Württemberg vom dortigen grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann, dem schon das vermeintliche Aufbohren zu weit ging. Die lautstarken Einlassungen von Kretschmanns Sprecher offenbarten die ambivalente Haltung der Grünen zum Thema selten eindeutig, denn bis heute ist der bildungspolitische Sprecher der grünen Bundestagsfraktion, Özcan Mutlu, einer der eifrigsten Anti-Kooperationsverbots-Twitterer.  

 

Je länger ich mich mit dem Thema befasse, desto mehr glaube ich, dass die Debatte sich in einer erstaunlichen Schieflage befindet. Dass Deutschlands Bildungssystem viele Probleme hat, dass für einige davon auch der Föderalismus verantwortlich ist, aber dass die Abschaffung des Kooperationsverbots sicherlich nicht die Lösung wäre, die einige daraus machen wollen. 

 

Keine Sorge, ich werde hier nicht in die Spitzfindigkeiten mancher Unionspolitiker verfallen, die schon den Begriff für falsch halten, schief und irreführend. Nach dem Motto: Es gibt doch gar kein Kooperationsverbot. Doch, das gibt es. Fest steht allerdings auch, dass den meisten Menschen, wenn sie über die Tücken des Föderalismus klagen, und das tun sie häufig, zuerst die mangelnde Vergleichbarkeit von Lehrplänen und Noten einfällt, sicher aber nicht die Richtung bildungspolitischer Finanzströme. 

 

Mir aber geht es aber um noch etwas Anderes, und um das zu erklären, muss ich kurz die übliche Argumentationslinie pro Verbotsabschaffung wiedergeben.

 

Die Beobachtung: Das Bildungssystem, vor allem Kitas und Schulen, sind unterfinanziert, personell, konzeptionell, baulich. Die Ursache: Die klammen Länder können die Kosten allein nicht stemmen. Die Lösung, Teil 1: Der Bund könnte die Finanzierungslücke schließen, doch das darf er derzeit nicht, weil das Kooperationsverbot es ihm verbietet. Die Lösung, Teil 2: Das Verbot muss weg, schleunigst.

 

Was falsch ist an dieser Argumentationslinie? Bis auf die Ursachenbeschreibung so ziemlich alles. Über den maroden Zustand vieler Bildungseinrichtungen und den Mangel an Pädagogen und Erziehern müssen wir hier nicht diskutieren. Sehr wohl aber über die Verantwortung, die die Länder für die Misere tragen. Schon im vergangenen Jahr habe ich in einem ausführlichen Beitrag dargestellt, dass die Annahme, die Bundesländer seien kollektiv ärmer als der Bund, falsch ist. Seitdem hat sich die Finanzlage der Länder sogar weiter verbessert – nicht von allen, schon klar. Aber warum bitte sollte der Bund dann allen gleichermaßen helfen?

 

Wichtiger als diese Frage ist aber eine Feststellung: Offenbar fällt es vielen Bildungspolitikern, auch Bildungsministern, leichter, beim Bund mehr Geld zu fordern als beim eigenen Finanzminister oder der eigenen Ministerpräsidentin. Was wenig verwunderlich ist, schließlich sieht man letztere jeden Tag. Auch wenn die Bildungsfinanzierung sich in den vergangenen zehn Jahren verbessert hat: Ihre immer noch mangelnde Priorisierung hat wenig mit dem Bund und sehr viel mit den Landesregierungen zu tun. Und die Spielräume wären, sie oben, vielfach da. 

 

Nun zur Lösung, Teil 1: Der Bund könnte die Finanzierungslücke schließen? Sicherlich nicht. Es war ein großer Glücksfall, wie stark das Budget das Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) in den vergangenen 19 Jahren gewachsen ist (+127 Prozent!), und es wäre ein noch größerer Glücksfall, wenn diese Steigerungsrate sich in den kommenden vier Jahren fortsetzen würde. Was nicht ausgemacht ist, siehe Trumps 2-Prozent-Nato-Forderung und Bundeskanzlerin Angela Merkels vorsichtige Andeutungen, ihr zumindest teilweise nachkommen zu müssen. Und genug Geld wäre es ohnehin nicht, denn in absoluten Zahlen stieg der BMBF-Haushalt zwischen 1998 und 2017 nur um knapp knapp 10 Milliarden Euro pro Jahr. Auch die Versprechungen von Merkels Herausforderer Schulz, zusätzliche Milliarden in die Bildung zu investieren, wären im besten Fall ein weiterer quantitativer Ausbau (Stichwort Ganztagsschulen, siehe Beitrag vom 07. August), kein qualitativer. Und ebenfalls bei weitem nicht ausreichend. Zumal auch ein Bundeskanzler Schulz sich mit den NATO-Partnern würde arrangieren müssen. 

 

Und was die Lösung, Teil 2 angeht: Sicherlich wäre es symbolisch und von der Verfassungsästhetik her schön, reinen Tisch zu machen in Sachen Kooperationsverbot, es wäre darüber hinaus auch bildungspolitisch richtig. Aber: Einen echten Unterschied macht am Ende allein, ob der Bund Geld hat, das er den Ländern anbieten will oder nicht. Hat er es und will er es, wird er gemeinsam mit den Ländern immer einen Weg finden, die Milliarden auszugeben, ganz gleich, was in der Verfassung steht.

 

Diese simple Wahrheit zeigte sich ausgerechnet bei den lange so verfahrenen Verhandlungen um den Digitalpakt, bei denen Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) den Ländern (bzw. Kommunen) fünf Milliarden Euro für die digitale Ausstattung der Schulen anbot, die Eckpunkte für eine Bund-Länder-Vereinbarung rasch bestimmt waren, dann jedoch plötzlich Funkstille herrschte. Aber nicht etwa wegen des Kooperationsverbots, nein, denn da hatte der Koordinator der SPD-Kultusminister, Hamburgs Bildungssenator Ties Rabe, längst gesagt: Das sei eine verfassungsrechtlich wackelige Brücke, über die Wanka da gehen wolle, aber sicher werde kein Landesminister sie herunterschubsen.

 

Wo das Geld da ist, ist auch ein Weg. So einfach ist das. Und wo Länder, gleich welcher parteipolitischen Coleur, ihre Schulen besser finanzieren würden, müssten Bildungspolitiker weniger übers Kooperationsverbot reden – und damit von den eigenen Versäumnissen ablenken. 

 

Wobei speziell die Union ihrerseits extrem schlecht beraten wäre, sich zurückzulehnen und die ganze Kooperationsverbots-Debatte gemütlich an sich abprallen zu lassen. Die Wähler, das zeigen auch besagte Klicks, hören genau hin, und was von Merkel in den vergangenen Monaten zur künftigen Finanzierung der Schulen und Hochschulen gekommen ist, war angesichts der Trump-NATO-Tiraden dürftig und regt zur Sorge an.

 

Peinlich ist auch, wenn ausgerechnet Schleswig-Holsteins neue CDU-Bildungsministerin Karin Prien per Twitter verkündet, "Bildung statt Bomben" sei "alter DKP-Kaffee", als wäre die Diskussion über das angemessene Verhältnis zwischen Verteidigungs- und Bildungshaushalt per se überflüssig, ideologisch und langweilig noch dazu. Dass die Union dann auch noch ausgerechnet wenige Monate vor der Bundestagswahl das Ziel, 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Forschung und Entwicklung zu investieren, ausgab, wirkte bemüht und arg durchsichtig, wenn Ministerin Wanka doch ebenfalls schon im Februar im Interview sagte, sie werde „kämpfen“ um die Mittel für Bildung, Wissenschaft und Forschung. 

 

Der wahre Kampf um die Bildungsfinanzierung der kommenden Jahre wird sich nicht durch eine wie auch immer geartete Änderung des Grundgesetzes entscheiden, sondern an den folgenden Orten: an den Kabinettstischen in den Ländern, wenn es um Schulen versus Straßen, Polizisten oder lokale Wirtschaftsförderung geht. Und im Bundeskanzleramt, wenn die Außen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitiker das Wort erheben. Die Frage: Wer wird am Ende die stärkeren (nichts zwangsläufig die besseren) Argumente haben? Hoffen, wünschen, träumen wir einfach mal: die Bildung. 

 

EINE ERSTE EINSCHÄTZUNG ZUR "NATIONALEN BILDUNGSALLIANZ", DIE DIE SPD AM MONTAG VERKÜNDEN WILL, FINDEN SIE HIER. 

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Blick zurück (5)

Seit 20 Jahren beschäftigte ich mich mit Hochschulen, Bildung und Wissenschaft. Viel ist passiert in dieser Zeit, vieles davon durfte ich als Journalist begleiten. Der Blick zurück zeigt, wie aktuell einige meiner Themen von einst geblieben sind – obwohl sich fast alles verändert hat. Machmal allerdings auch, weil sich fast gar nichts verändert hat. Der fünfte Teil einer Serie.

Studium

Nummer 250 000

Die Zahl ausländischer Studenten in Deutschland hat eine Rekordhöhe erreicht. Doch viele von ihnen tun sich schwer – sie klagen über zu wenig Service und zu viel Bürokratie.

(erschienen in der ZEIT vom 24. Juni 2004)

 

WAHRSCHEINLICH IST NUMMER 250 000 schon da. Vielleicht hockt er oder sie in dieser Sekunde in einem Hörsaal irgendwo in Deutschland und denkt sich nichts Besonderes. Dabei ist der Rekord, der sich da anbahnt, tatsächlich bemerkenswert: In diesem Sommersemester studieren aller Voraussicht nach erstmals mehr als eine viertel Million ausländische Studenten in Deutschland – so viele wie nie zuvor. Irgendwann in den vergangenen Wochen dürfte Student oder Studentin Nummer 250 000 eingereist sein, aus China möglicherweise, aus Polen oder Bulgarien, wo ein Studium in Deutschland zurzeit besonders beliebt ist.

 

Der Run auf deutsche Hochschulen war wirklich gewaltig in den vergangenen fünf Jahren: Die Zahl der ausländischen Studenten stieg um mehr als 50 Prozent. Fast ebenso lange läuft die konzertierte Aktion „Internationales Marketing für den Bildungs- und Forschungsstandort Deutschland“, die Bund und Länder im Oktober 2000 ins Leben gerufen haben, um mehr ausländische Akademiker ins Land zu holen und Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. Was daneben oft vergessen wird: Die Studenten bringen auch Kaufkraft ins Land, nach Hochrechnungen des Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie immerhin 1,2 Milliarden Euro. >>


Quelle: Wissenschaft weltoffen 2017
Quelle: Wissenschaft weltoffen 2017

Wie es nach 2004 weiterging:

Nachdem die 250 000er Marke geknackt war, passiert erstmal nicht mehr viel – über Jahre hinweg. Bis 2012 die Zahl der ausländischen Studenten in Deutschland plötzlich erneut abhob. Im April 2013 gab der DAAD zudem seine neue "Strategie 2020" bekannt, Ziel unter anderem: 350 000 ausländische Studenten an deutschen Hochschulen bis 2020. Erfolg vermelden konnte der DAAD bereits in diesem Jahr. Warum Deutschlands Wissenschaft trotzdem nicht nur glänzt in Sachen Internationalität, habe ich in meiner Analyse zu "Wissenschaft weltoffen 2017" aufgeschrieben, und die findet sich hier. In der ZEIT von 2004 hatte ich übrigens auch drei ausländische Studenten porträtiert und ihre Erfahrungen geschildert. Diese Texte finden Sie hier. 


>> Mittlerweile hat sich die Bundesrepublik fest als Gastland Nummer drei hinter Großbritannien und den USA etabliert. Mission erfüllt? Statistisch gesehen schon. Trotzdem sind nicht alle glücklich mit dem Ergebnis der Kampagne. „Es kann nicht nur darum gehen, die Zahl der Ausländer zu erhöhen“, warnt Dieter Maßberg, Geschäftsführer des Studentenwerks in München, wo der Ausländeranteil an den Hochschulen mit 17 Prozent über dem bundesweiten Uni-Durchschnitt von 12 Prozent liegt. „Wir müssen stärker auf die Qualität der Bewerber achten.“ Die guten Studenten gehen nach Nordamerika und Großbritannien, der Rest nach Deutschland, klagen Professoren. Was natürlich übertrieben ist. Doch selbst Jürgen Schlegel, Generalsekretär der Bund-Länder-Kommission (BLK), sagt: „Wir hätten gerne mehr Studenten, die auch nach Harvard gehen könnten.“ Offenbar scheint bei der Entscheidung für Deutschland weniger die akademische Exzellenz der Hochschulen eine Rolle zu spielen als die Studiengebührenfreiheit und eine Bewerberauswahl, die nicht so streng ist wie etwa in den USA. Auffallend ist, dass sich immer weniger Westeuropäer und Nordamerikaner für ein Studium in Deutschland interessieren, während der Zuwachs hauptsächlich aus Südostasien und Osteuropa kommt. 

 

Dass sich die ausländischen Studenten an Deutschlands Hochschulen tatsächlich schwer tun, belegt eine Studie, die der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) beim Hochschulinformationssystem in Auftrag gegeben hat: Von 100 ausländischen Studenten kommen weniger als 50 bis zum Examen, der Rest geht irgendwo unterwegs verloren. Ein gewaltiger Schwund. „Die Ergebnisse sind teilweise erschütternd“, sagt Christian Thimme vom DAAD. Beispiel Rheinisch-Westfälische Hochschule Aachen: Hier erreichen innerhalb von acht Jahren gerade 21 Prozent der ausländischen Studenten einen Abschluss.

 

Die Zahlen sind eindeutig. Die Ursachen sind es nicht. Sind viele Studenten tatsächlich überfordert vom Leistungsdruck an deutschen Hochschulen, oder stimmen die Rahmenbedingungen noch immer nicht? Der Bundesverband Ausländischer Studierender (BAS) wirft den Hochschulen vor, nicht genug für die fachliche Betreuung der Gastakademiker zu tun. „Die Professoren kümmern sich nicht um die besonderen Probleme von Ausländern“, sagt BAS-Geschäftsführer Johannes Glembek.

 

Tatsächlich tut sich vielerorts eine Kluft auf zwischen den Akademischen Auslandsämtern, die mit Unterstützung des DAAD ihr Angebot an Orientierungsveranstaltungen und Lebensberatung ausgebaut haben, und den einzelnen Fachbereichen, die sich bislang kaum auf den internationalen Zustrom eingestellt haben. „Die soziale Betreuung ist sehr gut mittlerweile. Doch bei der fachlichen Betreuung hinken wir weit hinterher“, sagt Christian Thimme.

 

Gerade die wäre wichtig: Nirgendwo sonst wird so selbstbestimmt studiert wie in Deutschland, doch um die Freiheit nutzen zu können, sind die meisten ausländischen Studenten, wie viele ihrer deutschen Studienkollegen übrigens auch, auf Rat angewiesen. Dabei sind die Studenten, die ein, zwei Semester in Deutschland verbringen und eigene Programmkoordinatoren haben, noch besser dran als ihre Kommilitonen, die für ein komplettes Studium herkommen und alles selbst organisieren müssen.

 

Die Universität zu Köln zeigt, wie eine bessere fachliche Beratung an den Massenuniversitäten aussehen könnte: In den Fakultäten sitzen Mitarbeiter und Hilfskräfte, die eigens für die ausländischen Studenten abgestellt sind, zusätzlich zum zentralen Akademischen Auslandsamt, das jede Hochschule hat. „Die Betreuung der Studenten lebt vom Engagement Einzelner, das darf auf keinen Fall unterdrückt werden“, sagt Stefan Bildhauer, Leiter des Kölner Auslandsamtes. Nach einem revolutionären Konzept klingt das nicht gerade, aber selbst solch ein überschaubares Maß an Service ist an Deutschlands Hochschulen selten und dem DAAD dieses Jahr einen Preis für besonders gute Betreuung wert.

 

Doch nicht nur die mangelnde Fachberatung macht den Gästen zu schaffen, zu ihren Deutschland-Erfahrungen zählen auch nervenaufreibende Auseinandersetzungen mit der einheimischen Bürokratie: beschränkte Arbeitserlaubnis, befristete Aufenthaltsgenehmigung, das zeitraubende Vorsprechen in der Ausländerbehörde. Viele Ausländer müssen zudem erst Sprachkurse belegen, bevor sie sich nach bestandener Sprachprüfung an einer Hochschule bewerben dürfen. Für all das bleibt ihnen nur ein Jahr Zeit. Haben sie dann keinen Studienplatz, droht die Abschiebung. Ein Regelung, die dazu führt, dass sich viele erst mal für irgendein Fach bewerben, um eine Verlängerung ihres Visums zu erhalten: noch ein Grund für die niedrige Abschlussquote.

 

Immerhin, das Zuwanderungsgesetz soll Arbeitsrecht und Melderegeln vereinfachen, doch zeigt schon die erbitterte Debatte um das Gesetz, dass sich Deutschland mit seinen Gastakademikern noch schwer tut. „Gegen das, was die Amerikaner machen, ist unser Ausländerrecht aber noch eher spaßig“, sagt Elke Löschhorn vom Auslandsamt der Berliner Freien Universität.

 

Tatsächlich leiden die US-Hochschulen seit den Terroranschlägen unter einer restriktiveren Einwanderungspolitik und beklagen das Wegbleiben der ausländischen Studenten – obwohl sich deren Mobilität nach DAAD-Schätzungen in den nächsten 20 Jahren vervierfachen soll.

 

Im Wettbewerb um die besten Studenten hat allerdings auch Deutschland einen gravierenden Nachteil: seine Sprache. Eine Marketingaktion dürfte da in Zukunft nicht mehr reichen. „Die Qualität der ausländischen Studenten wird automatisch besser, wenn das Angebot der Hochschulen besser wird“, glaubt BLK-Generalsekretär Jürgen Schlegel. Viele Hochschulen haben das begriffen und machen es inzwischen wie die Kölner. Gute Aussichten also: „Stimmt die Betreuung, hört auch der Schwund bei den Absolventen auf“, sagt Christian Thimme. So kriegt dann auch Nummer 250 000 ihren Abschluss.

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18 Jahre sind nicht genug

Wie inkonsequent die Kultusminister immer noch bei der Akkreditierung agieren: ein aktuelles Beispiel aus Bayern.

Foto: evondue
Foto: evondue

DAS PASSIERT ALSO, wenn man die Kultusministerkonferenz (KMK) an ihren eigenen Ansprüchen misst. Ende 1998 verabredeten die Minister die Gründung des Akkreditierungsrates. Parallel zur Einführung der Abschlüsse Bachelor und Master sollte die Akkreditierung der neuen Studiengänge „Vielfalt ermöglichen, Qualität sichern und Transparenz schaffen“, hieß es im damaligen KMK-Beschluss. Auch sei erforderlich, den Studienbewerbern bei ihrer Studienentscheidung eine verlässliche Orientierung zu geben – und den Arbeitgebern ebenfalls. 

 

18 Jahre später dachten die Arbeitgeber, in dem Fall die kommunalen: Dann nehmen wir die KMK doch mal beim Wort und handeln einen Tarifvertrag aus, der die Akkreditierung berücksichtigt. Seitdem bestimmt die zum Tarifvertrag gehörende Entgeltordnung, dass Hochschulabschlüsse bei der Eingruppierung von Mitarbeitern in die entsprechenden Entgeltgruppen nur noch anerkannt werden, wenn der absolvierte Studiengang „nach den Regelungen des Akkreditierungsrates“ akkreditiert worden ist. Sprich: Ohne Akkreditierung gibt es weniger Gehalt. >>



>> Was zumindest im bayerischen Kultusministerium Aktivitäten auslöste, wenn auch nicht gerade hektische. In einem am 14. Juli an alle Hochschulen im Freistaat verschickten Brief teilt Amtschef Peter Müller mit, dass man sich mit dem Kommunalen Arbeitgeberverband Bayern geeinigt habe, die "im bundesweit geltenden TVöD-K" zum 01. Januar 2017 in Kraft getretene Regelung zunächst für drei Jahre, also bis Ende 2019, nicht anzuwenden. Ob auch für das übrige Bundesgebiet eine entsprechende Lösung gefunden werden könne, sei offen. 

 

So viel also zur Ende der 90er Jahre von der KMK versprochenen Orientierung der Arbeitgeber. In Bayern sind sie schon stolz, dass sie in den vergangenen Jahren zum bundesweiten Schnitt aufgeschlossen haben und nun um die 60 Prozent aller Studiengänge akkreditiert sind. 60 Prozent. Nach jetzt schon fast 19 Jahren. 

 

Und da die Kultusminister und ihre zahlreichen Vorgänger selbst nicht vermocht haben, den Akkreditierungszug zu beschleunigen, verstecken sie sich jetzt hinter den vermeintlich so überstrengen Arbeitgebern. Da „nicht auszuschließen“ sei, dass demnächst in weiteren Tarifverträgen vergleichbare Bestimmungen auftauchen, schreibt Amtschef Müller, „wird zudem gebeten, grundsätzlich dafür Sorge zu tragen, noch nicht akkreditierte Bachelor- und Masterstudiengänge baldmöglich zu akkreditieren, um Nachteil für Absolventinnen und Absolventen zu vermeiden.“ Auch sei im Interesse der Studenten eine „lückenlose Reakkreditierung“ anzustreben.

 

In Zeiten des Akkreditierungs-Bashings muss man ja fast noch dankbar sein, dass sich das bayerische Staatsministerium nicht für die Dummheit der Arbeitgeber entschuldigt. Nach dem Motto: Wer braucht schon diese lästige Akkreditierung. Noch dankbarer wären die Studenten und ihre künftigen Chefs indes, wenn die Ministerien im dritten Akkreditierungsjahrzehnt bei den staatlichen Hochschulen dann mal mit dem Bitten aufhören und mit dem Fordern anfangen würden.

 

Bei der privaten Konkurrenz klappt das schließlich auch: Ein Studiengang, der nicht akkreditiert ist, erhält keine ministerielle Genehmigung. Übertragen auf die staatlichen Hochschulen könnte das heißen: Wer nicht schleunigst akkreditiert, bekommt weniger Geld... Und zwar die Hochschulen, nicht die Absolventen. Wie wär's? 

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Das Ende des Bildungsaufschwungs?

Der "Bildungsmonitor 2017" zeigt: Die Politik darf sich nicht auf den Fortschritten der vergangenen Jahre ausruhen.

Foto: Gerd Altmann

SACHSEN ERNEUT AN der Spitze, das zweitplatzierte Thüringen schwächelt, das Saarland und Hamburg setzen ihren bemerkenswerten Aufstieg fort, und die rote Laterne halten Bremen und Berlin: So lässt sich die Bundesliga-Tabelle zusammenfassen, die das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) Köln heute als Teil seines "Bildungsmonitors 2017" veröffentlicht hat.

 

Den Zeitpunkt hat das IW Köln geschickt gewählt. Sechs Wochen vor der Bundestagswahl kommt die Meta-Studie, die alle 16 Bundesländer anhand ihrer Performance in 12 so genannten "Handlungsfeldern" rankt, und stößt in einen Wahlkampf hinein, in dem die Parteien Bildung zur Top-Priorität erklären, konzeptionell jedoch den Gestaltungswillen vermissen lassen


Umso mehr Gestaltungswillen zeigt dafür die von den Arbeitgebern getragene "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft" (INSM), die den Bildungsmonitor seit 2004 alljährlich in Auftrag gibt. Mit der entsprechenden Zurückhaltung zu genießen ist daher die "bildungspolitische Agenda", in die die 256 Seiten lange Studie diesmal deutlich wie nie mündet. Abgesehen davon aber besticht der Bildungsmonitor erneut durch die Vielzahl akribisch zusammengetragener Daten und einen Besorgnis erregenden Kernbefund: "Während die Herausforderungen für das Bildungssystem angesichts von Flüchtlingskrise, demographischem Wandel und Digitalisierung wachsen, hat die Dynamik in der Bildungspolitik in den vergangenen Jahren spürbar nachgelassen", sagt Axel Plünnecke, der wissenschaftliche Leiter der Studie.

 

Zunächst die guten Nachrichten: In den vergangenen zehn Jahren haben Bund, Länder und Gemeinden die Ausgaben für Bildung deutlich gesteigert auf 20,3 Prozent ihrer Budgets in 2016 gegenüber 17,7 Prozent in 2006. Im gleichen Zeitraum verbesserte sich die bundesweite Lehrer-Schüler-Relation von 20,6 auf 17 Kinder pro Lehrer. Die vielbeschworene "demographische Rendite" angesichts zwischenzeitlich zurückgehender Schülerzahlen hat es also tatsächlich gegeben, allerdings dürfte der Effekt durch die verstärkte Einwanderung zuletzt zum Stillstand gekommen sein. Ebenso erfreulich: Der Anteil von Grundschülern an Ganztagsschulen ist von unter 15 Prozent Mitte des vergangenen Jahrzehnts auf 34,4 Prozent in 2015 gestiegen. Einen vergleichbaren Sprung gab es auch beim Ausbau der Kitas:2015 wurden 45 Prozent der 3- bis 6-Jährigen ganztägig betreut, gegenüber 22 Prozent 2006. Die Liste der im Bildungsmonitor aufgeführten positiven Befunde ist noch viel länger, von weniger Sitzenbleibern und  Schulabbrechern über jüngere und vor allem deutlich mehr Hochschulabsolventen bis hin zum stark erhöhten Anteil von MINT-Studenten. 

 

Allerdings: Viele der positiven Trends enden nach 2013. So stieg zuletzt wieder der Anteil der Schulabbrecher, nachdem er von über neun Prozent (2001) auf sechs Prozent gefallen war. Auch die Wachstumskurve bei den Kita-Plätzen flachte sich ab, obwohl der Bedarf längst nicht gestillt ist. Ebenso stagniert der Anteil der MINT-Studenten. Besonders krass hat sich die Quote der Studienberechtigten an der 18- bis 21-jährigen ausländischen Bevölkerung entwickelt. Sie brach von 30,8 Prozent im Jahr 2011 auf 16,4 Prozent ein. "Und der Rückgang ist nur zu gut zwei Prozentpunkten auf die doppelten Absolventenjahrgänge im Jahr 2011 zurückzuführen", sagt IW-Forscher Plünnecke. Auch werde die Bildungsarmut, also der Anteil der 20- bis 29-Jährigen ohne abgeschlossene Berufsausbildung, wieder zunehmen, prognostiziert das Forschungsinstitut, nachdem diese Quote zuletzt von 16,5 Prozent im Jahr 2005 auf 12,7 Prozent in 2014 zurückgegangen war. 

 

Insgesamt sprechen die vom IW Köln präsentierten Statistiken eine deutliche Sprache: Das Jahrzehnt des Bildungsaufschwungs, das nach dem Pisa-Schock 2001 eingeleitet wurde, ist zu Ende gegangen. So vorsichtig man die "bildungspolitische Agenda", die der "Bildungsmonitor 2017" daraus ableitet, angesichts des Auftraggebers INSM betrachten sollte, so schlüssig fallen viele der genannten Forderungen aus: nicht nachlassen bei den Themen Durchlässigkeit und Integration, mindestens 3,5 Milliarden Euro zusätzlich für Schulen und Hochschulen, um die Integration der Flüchtlinge zu meistern, und anstatt über G8 versus G9 zu diskutieren, lieber über die Schulqualität nachdenken. 

 

Apropos Schulqualität: Der Bildungsmonitor definiert sie anhand der Kompetenztests des Instituts für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB), und laut IW Köln ist sie unter den 12 untersuchten Handlungsfeldern in der Gesamtschau aller Bundesländer dasjenige mit dem größten Rückschritt: von 56,3 Indexpunkten 2013 auf 49,0 Punkte 2017. Allerdings wäre ein Alarmismus ausgerechnet an dieser Stelle fehl am Platze: Der Rückgang ergibt sich vor allem aus den schlechteren Ergebnissen in der Lese-Kompetenz. Gleichzeitig haben sich die Schülerleistungen in Englisch verbessert, was die IW-Forscher jedoch nicht unter dem Stichwort "Schulqualität", sondern unter "Internationalisierung" subsummiert haben. Mit dem Ergebnis, dass die Bundesländer in letzterem Handlungsfeld deutlich besser abschneiden.

 

Auch wenn der anfangs erwähnte Bundesliga-Vergleich heute in der Presse sicherlich die meiste Aufmerksamkeit finden wird, soll er hier nur kurz am Ende betrachtet werden. So viel lässt sich aus ihm nämlich gar nicht lernen, liefern doch selbst die bestplatzierten Bundesländer ein recht gemischtes Bild ab. Sachsen zum Beispiel ist super in Sachen Schulqualität und Verringerung der Bildungsarmut, hat aber eine besonders hohe Abbrecherquote bei den ausländischen Schülern. Thüringen wiederum hat hervorragende Betreuungsbedingungen, ist aber abgestürzt bei der Integration ausländischer Schüler. Das Saarland verdankt seinen Aufstieg einer besonders stark ausgefallenen demographischen Rendite bei den Schülerzahlen und – angesichts der Sparrunden der vergangenen Jahre überraschend – der gestiegenen Forschungsleistung der Hochschulen. Hamburg hat kräftig seine Ganztagsschulen ausgebaut und den Fremdsprachenunterricht verstärkt. Und sogar Berlin, das besonders mies bei Schulqualität und Bildungsarmut abschneidet, belegt in einer Kategorie einen einsamen Spitzenplatz: Was die Leistung ihrer Hochschulen angeht, kann es laut Bildungsmonitor keiner mit der Hauptstadt aufnehmen. 

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Blick zurück (4)

Seit 20 Jahren beschäftigte ich mich mit Hochschulen, Bildung und Wissenschaft. Viel ist passiert in dieser Zeit, vieles davon durfte ich als Journalist begleiten. Der Blick zurück zeigt, wie aktuell einige meiner Themen von einst geblieben sind – obwohl sich fast alles verändert hat. Machmal allerdings auch, weil sich fast gar nichts verändert hat. Der vierte Teil einer Serie.

Die Ludwig-Maxmilians-Universität in München, Wulfs damalige Wirkungsstätte. Foto: dustpuppy: "Vor der Uni, Geschwister-Scholl-Platz", CC BY 2.0

Universalist im fünfzigsten Semester

Warum sich ein ewiger Student nicht damit abfinden will, dass Zweitstudien in Bayern neuerdings 2000 Mark im Jahr kosten.

(erschienen in der Süddeutschen Zeitung vom 26. Januar 1999)

 

AUF DEM HERD stapeln sich die Magazine. „Kochen ist nicht mein Ding”, sagt Wulf, 58 Jahre, Student im fünfzigsten Semester. „Dazu bin ich zu intellektuell. ” Er braucht jeden Quadratzentimeter der Ein-Zimmer-Wohnung, um die Überbleibsel seines akademischen Lebens unterzubringen: vergilbte Zeitungen in Plastikkisten, angestaubte Lehrbücher auf Klavier und Fußboden. Seit 1974 studiert er an der Universität München, da hat sich eine Menge angesammelt. Seine Garderobe musste er in einen Einkaufswagen an der Wohnungstür auslagern, im Zimmer war kein Platz mehr.

 

Wulf ist einer von mehreren tausend Studenten in Bayern, die in diesen Tagen Post von ihrer Hochschule bekommen. In dem freundlichen Brief steht, dass Zweitstudiengänge vom Sommersemester an Geld kosten, 1000 Mark pro Semester. So steht es im heiß diskutierten neuen Landeshochschulgesetz. Die Regelung trifft Studenten, die schon ein Uni-Studium abgeschlossen haben. Bei Wulf ist das nicht nur eines. „Ich führe ein Leben für die Bildung”, sagt er nicht ohne Stolz. Und er ist bereit, dieses Leben zu verteidigen: „Ich werde Einspruch einlegen. ”

 

Wie schafft man das überhaupt, fünfzig Semester an der Uni? Wulf rückt den Stuhl zurecht. „Eigentlich wollte ich gar nicht studieren”, sagt er nachdenklich. Ein Lebenslauf im Zeitraffer: Gymnasium, in der zwölften Klasse ein schizophrener Anfall, wie er es nennt, ein Jahr später noch einer. Dann nie wieder. Schulabbruch, Ausbildung zum Gärtner, später Gartenbau-Diplom an der Fachhochschule, acht Anstellungen und sieben Kündigungen, mit 31 Jahren frühverrentet. „Das mit der Rente war mehr Glück als Verstand”, sagt er grinsend. „Chronische Leistungsschwäche” nennt der Junggeselle seine Krankheit. Zusammen mit seiner Vorgeschichte reichte das in Zeiten der Vollbeschäftigung für eine fünfzigprozentige Erwerbsminderung und eröffnete ihm drei Jahre später die Möglichkeit, ganz aus dem Arbeitsalltag auszusteigen. Ein neues Leben nahm seinen Anfang: das Studium.

 

Los ging es mit vier Semestern Anglistik und Germanistik, doch konnte sich der hoffnungsfrohe Jungstudent mit der Literaturwissenschaft nie richtig anfreunden. „Da wurde total gesiebt. Ein Professor hat mich mal über eine Stunde lang geprüft – und durchfallen lassen. Der war gründlich. ” 1976 kam Wulf auf die Idee, es mit Medizin zu versuchen. „Das lag mir viel näher, schließlich war ich auf einem naturwissenschaftlichen Gymnasium gewesen. ” Nach vierzehn Semestern Examen und Anmeldung zur Promotion. „Mein Doktorvater sagte, ich sei intelligent und würde das schaffen. Aber am Ende ist es keine runde Sache geworden. ” Der Professor lehnte die Arbeit ab, eine riesige Enttäuschung nach drei Jahren Plackerei.

 

Fleißkärtchen
und Mensamarken

 

Gut nachvollziehen kann der gescheiterte Doktorand, wie sich Promotionsstudenten nun über eine weitere Neuerung des Hochschulgesetzes ärgern. Sie sollen nach sechs Semestern automatisch exmatrikuliert werden – ohne Rücksicht auf das Einzelschicksal. „Man weiß doch nie, was passiert”, sagt Wulf, und seine heisere Stimme macht einen Sprung.

 

Doch der passionierte Student hat sich aufgerappelt damals, und ein dritter Abschnitt in seinem Leben begann, ein Abschnitt, der bis heute andauert. „Ich verbringe meine Zeit mit Büchern, als Autodidakt. ” Besonders schätzt er die Bibliothek des Studentenwerks, die ist sehr umfangreich. Er beschäftigt sich mit Anglistik, Psychologie, Philosophie und neuerdings Portugiesisch. So gehen die Tage dahin, ohne dass er richtig sagen könnte, womit er sie füllt. „Früher habe ich viel Zeit verbummelt”, gibt er zu. „Doch jetzt bin ich viel motivierter. ”

 

Auf dem kleinen Tisch liegen Berge von Karteikärtchen. Wulf lernt fleißig Vokabeln und weiß auch einen Grund dafür. „Ich habe eine Freundin in Brasilien”, sagt er lächelnd. 

 

Es tut ihm weh, von seinen Mitmenschen ausgegrenzt zu werden, nur weil er anders ist. Aufdringliche Blicke begleiten ihn, wenn er sich in der Mensa einen Weg durch die wartenden Kommilitonen bahnt. Dreißig, vierzig Jahre älter, lange weiße Haare, zotteliger Vollbart – das fällt auf. Einen einzigen Studenten in seinem Alter kennt er: Aber der, findet Wulf, sei ein komischer Kauz. „Als ich 1974 mit Anglistik anfing, waren wir zwölf Leute im Seminar. Da war noch ein Gemeinschaftsgefühl. Das gibt es heute an der Massenuni nicht mehr. ”

 

Einen Funken Resignation, mehr leistet er sich nicht: Trotz seiner Einsamkeit bleibt er freundlich und zuvorkommend. An der Essensausgabe reiht er sich geduldig in die Schlange der Vegetarier ein, wechselt hier und dort ein Wort. In der Hand trägt er ein kleines Plastiksäckchen mit Essensmarken. Die hat er gebunkert, damit er sich nicht jeden Tag aufs Neue anstellen muss. In manchen Dingen kann er sehr organisiert sein.

 

„Die Uni hat in Deutschland eine umfassende Aufgabe, nicht so wie die Klippschulen in England”, sagt Wulf und genehmigt sich ein Gemüsegulasch. „Ich versuche, ihre Angebote zu nutzen und Universalist zu sein. Fachidiotentum ist nichts für mich. Ich stöbere einfach gern. ” Und wenn sein Einspruch scheitert? Wenn er doch zahlen muss?

 

Wulf überlegt ein paar Augenblicke, dann sagt er: „Ich habe im Prinzip nichts gegen Studiengebühren. ” Es folgt eine Argumentation, die von Jahrzehnten dialektischen Denkens zeugt. These: „Die Politiker haben recht, wenn sie die mangelnde Beteiligung der Bürger an ihrer Ausbildung beklagen. ” Antithese: „Allerdings trifft es bei einer Zahlungsaufforderung stets die falschen. Dann müssen Leute wie ich zahlen, während die wirklich Vermögenden drum herumkommen. ” Synthese: „In der Praxis lassen sich gerechte Studiengebühren nicht verwirklichen. ”

 

Lebenshilfe auf
dem Lehrplan

 

Einspruch hin oder her, Wulf wird auch mit dem neuen Gesetz weiterstudieren. Und so leicht kriegen sie ihn nicht. Zum Sommersemester trägt er sich für ein Aufbaustudium ein, das bleibt ohnehin gebührenfrei. Wahrscheinlich wechselt er auch nochmal, zu den Wirtschaftswissenschaften. Denn der ewige Student hat geerbt. Seine Mutter ist gestorben, und nun muss er sehen, wohin mit dem Geld. „Ich spekuliere an der Börse. Nun habe ich schon so viel studiert, doch wie man mit Geld umgeht, natürlich nicht. Aber das lässt sich ja nachholen. ”

 

Wieder zu Hause, zwängt er sich mühsam durch den engen Türspalt, den der Garderoben-Einkaufswagen freilässt. Was seine Aussichten betrifft, mit fast 59 Jahren nochmal einen Job zu finden, sieht Wulf zwischen all seinen Büchern glasklar: „Ich würde liebend gerne in meinem Beruf als Arzt arbeiten, irgendwo in der Wissenschaft oder so. Aber das ist wohl aussichtslos. ” Oft raten ihm Bekannte, er solle auf die Rente verzichten und sich irgendwo bewerben. Doch dieses Risiko möchte er nicht eingehen. „Es gibt kein Verfahren der Rehabilitation für mich”, sagt er. „Wenn die mir dann auch kündigen, stehe ich auf der Straße, ganz ohne alles. ” Bevor ihm das zustößt, gibt sich Wulf lieber seinem Schicksal hin und tut das, was er ohnehin am besten kann: studieren.

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Als wäre nichts gewesen

Bundesbildungsministerin Wanka teilt KMK-Präsidentin Eisenmann mit: Alles klar, Zeitplan und vereinbarte Eckpunkte gelten. Was das für den Digitalpakt bedeutet.

ZUERST DIE FAKTEN. Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) hat heute gegen Mittag mit Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann (ebenfalls CDU) telefoniert. Nach dem Gespräch hat sie ihr ein offizielles Schreiben geschickt, als Antwort auf Eisenmanns Brief von Anfang Juli, in dem die derzeitige Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK) auf die Fortsetzung der Gespräche zum Digitalpakt gedrängt hatte. Inhalt des Telefonats und von Wankas Schreiben: Wir machen weiter wie besprochen. 

 

Wie im Januar festgelegt soll also die zuständige Arbeitsgruppe der Staatssekretäre bis Ende des Jahres eine Bund-Länder-Vereinbarung erarbeiten, die, wie Wanka heute noch einmal betonte, "Voraussetzung für die Umsetzung des Digitalpakts und die Bereitstellung der erforderlichen Mittel in den Haushalten von Bund und Ländern ist". Direkt nach dem Telefonat ging Wanka an die Presse. Ihr per Pressemitteilung verbreitetes Statement beendete sie mit dem Satz: "Wir sind auf einem guten Weg, um den Digitalpakt Schule Wirklichkeit werden zu lassen."

 

KMK-Präsidentin Eisenmann sprach von einem "guten Signal", sie sei jetzt zuversichtlich, "das wir das gemeinsame Ziel einer unterschriftsreifen Bund-Länder-Vereinbarung zum Digitalpakt noch in diesem Jahr erreichen werden." Damit sei man jetzt tatsächlich wieder im Anfang des Jahres zwischen Bundesbildungsministerium und KMK besprochenen Zeitplan drin.

 

Soweit die Ereignisse des heutigen Tages. Nun zur Frage, was sie bedeuten. Der bildungspolitische Sprecher der grünen Bundestagsfraktion, Özcan Mutlu sagte, Wankas Auftritt heute habe einem Trauerspiel geglichen. Noch im November 2016 habe die Ministerin ausdrücklich erklärt, die Länder schon von 2017 an beim Ausbau der digitalen Bildung an den Schulen unterstützen zu wollen. Wer sich darauf verlassen habe, habe offensichtlich Pech gehabt. "Von den großspurigen Versprechungen der Bundesregierung ist nicht mehr viel übrig." 

 

Die SPD-Expertin für digitale Bildung, Saskia Esken, kommentierte bei Twitter: "Wankas DigitalPakt war die Torschlusspanikreaktion eines untätigen BMBF, zum ITGipfel16 etwas vorweisen und die KMK überstrahlen zu können."

 

Tatsächlich hatte Wanka in und nach ihrem ersten Interview in der Bild am Sonntag, mit dem sie im Oktober Parteifreunde wie politische Gegner überrumpelt hatte, von fünf Milliarden Euro für die Jahr 2017 bis 2021 gesprochen, und vielleicht hat es in besagten Wochen wirklich kurzfristig ein Zeitfenster gegeben, in dem die Ministerin dachte, sie bekäme die erste Milliardenrate noch im Haushalt 2017 unter. Doch rasch muss ihr klar geworden sein, dass die dazu gehörige Vereinbarung mit den Ländern so schnell nicht mehr realisiert werden konnte, und so hatte Wanka ihr reichlich optimistisches Versprechen im Einvernehmen mit den Länderkollegen schon im Januar kassiert. Im Eckpunkte-Papier, dessen für den 1. Juni geplante Unterzeichnung durch Wanka bzw. ihre Staatssekretärin Cornelia Quennet-Thielen kurzfristig ausgefallen war, stand dementsprechend längst 2018 bis 2022. Also keine Überraschungen hier. 

 

Skurril mutet indes an, dass Wanka offenbar so tun möchte, als habe es ihre zehnwöchige Sendepause gar nicht gegeben. Als könne sie einfach dort weitermachen, wo sie Anfang Juni ausgestiegen ist. Dass dem nicht so ist, dürfte sie selbst am besten wissen: Die Kultusminister sind immer noch schwer irritiert von der Art, wie Wanka sie ihrer Meinung nach hat auflaufen lassen, und zwar parteiübergreifend. Die für derartige Bund-Länder-Verhandlungen so wichtigen informellen Kanäle sind weiter verstopft. Wanka drehte heute abermals den Spieß um und sagte, in der Debatte mit den Ländern seien Wahlkampf und "bewusste Fehlinformation" dabei gewesen. Während zuletzt stets Wankas Verlässlichkeit angezweifelt worden war, betonte die Ministerin, es sei noch unklar, welche Verlässlichkeit eigentlich die Zusage der Länder habe, ihrerseits mehr für Aus- und Weiterbildung der Lehrer zu tun.

Faktisch jedenfalls hat die zweieinhalb Monate lange Gesprächspause dazu geführt, dass vor der Bundestagswahl gar nichts mehr passieren wird. Bestenfalls noch ein Treffen auf Arbeitsebene im September, dann nichts mehr. 

 

War genau das Wankas Ziel? Und wenn ja, warum? Wie gesagt: Dass erst der neue Bundestag die Gelder freigeben wird, war schon im Januar klar. Doch was hätte es geschadet, schon vor der Wahl im Formulieren der Bund-Länder-Vereinbarung weiter zu sein? Wollte man verhindern, dass mögliche Koaltionsverhandlungen mit einer nahezu fertigen Vereinbarung zu stark vorbestimmt werden? Wanka selbst sagte heute, es solle schon bald nach der Bundestagswahl ein weiteres Staatssekretärs-Treffen geben, außerdem werde der Digitalpakt "ein Kernprojekt für die Koalitionsverhandlungen". Was könnte sonst noch der Grund sein für die Verzögerung? Wurde aus Richtung Kanzleramt und/oder Finanzministerium gebremst, weil Anfang Juni das CDU-/CSU-Wahlprogramm noch nicht fertig war? All das fragen sich auch Wankas Länderkollegen, und sie haben keine wirkliche Antwort. Am wenigsten taugt die immer wieder genüsslich von Opposition und SPD hervorgeholte Erklärung, Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) habe die Berücksichtigung des Digitalpakts im Haushalt 2018 als "nicht etatreif" verweigert. Denn das ist Standard, solange noch kein formaler Beschluss vorliegt. 

 

Zur Haben-Seite des heutigen Tages. Dass der Digitalpakt am Ende kommt, ist heute nicht weniger wahrscheinlich, als es nach einer pünktlichen Eckpunkte-Unterzeichnung am 1. Juni gewesen wäre. Wie wahrscheinlich das ist? Sehr. Übrigens unabhängig davon, ob Wanka nach der Bundestagswahl im Amt bleibt. Weil nämlich nicht nur die aktuelle Bundesbildungsministerin, sondern auch Bundeskanzlerin Angela Merkel selbst (sollte sie nach der Wahl noch im Amt sein) das Gesicht verlöre, wenn sie den fertig ausgehandelten Pakt Ende des Jahres noch kassieren würde. Weil die Länder Druck den Druck weitergeben, den sie ihrerseits von den klammen Kommunen zu spüren bekommen. Weil zudem der Digitalpakt in besagtem CDU-/CSU-Wahlprogramm, das Anfang Juni noch nicht fertig war, drinsteht. Und weil keine Bundesregierung, gleich ob Merkel oder ihr SPD-Opponent Martin Schulz sie führt, mit dem nie da gewesenen Affront in die neue Legislaturperiode starten wollte, allen 16 Kultusministerien mitteilen zu müssen: Sorry, machen wir doch nicht. 

 

Der Digitalpakt kommt, und es ist eine gute Initiative im Zusammenspiel des Bundes mit der KMK-Strategie "Bildung in der digitalen Welt", auch dank Wankas Einsatz zu Beginn der Verhandlungen. 

 

Am Ende freilich bleibt die Ironie, dass Ministerin Wanka die kurzfristige Genugtuung, alle mit ihrer Digitalpakt-Ankündigung überrascht zu haben, bezahlen musste mit der Erkenntnis, dass sich ein Fünf-Milliarden-Projekt so spät in der Legislaturperiode kaum noch realisieren lässt. Zumindest nicht in einer Art und Weise, dass sie mit dem gleichen Glanz aus der Sache herauskommt, mit dem sie im Oktober in den Pakt gestartet ist. Dafür aber mit umso mehr Ärger.

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Aufnahmetests statt Abinote

Das Bundesverfassungsgericht verhandelt im Oktober über die Rechtmäßigkeit des Numerus Clausus. Wie eine sinnvolle Reform aussehen könnte und warum sie vermutlich nicht kommen wird.

Foto: Musterbescheid auf der Website von hochschulstart.de
Foto: Musterbescheid auf der Website von hochschulstart.de

DASS DAS LEBEN eine insgesamt eher unfaire Angelegenheit ist, verdient als triviale Erkenntnis kaum eine Zeile dieser Kolumne. Anders verhält es sich mit Regeln, die pseudo-objektiv mit eben jener Ungerechtigkeit aufräumen sollen und das Gegenteil erreichen. Womit wir beim Numerus Clausus (NC) wären. In den 70er Jahren hat das Bundesverfassungsgericht entschieden: Solange es nicht genügend Studienplätze gibt, muss ihre Vergabe umso transparenter ablaufen. Die besten Bewerber müssen zuerst an die Reihe kommen. Eine Vorgabe, wie Juristen sie lieben: einfach, eindeutig, brillant. 

 

Wenn nur die Realität nicht wäre. Eine Realität, in der bayerische Abiturienten im Schnitt mit einer 2,30 nach Hause gehen und damit fast exakt gleichauf liegen mit ihren Altersgenossen aus Nordrhein-Westfalen (2,31). Auch die Berliner sind den Bayern hart auf den Fersen und haben seit 2006 einen Sprung nach vorn gemacht: von 2,68 auf 2,40. Man muss gar nicht erst die ganz anders ausfallenden Pisa-Ergebnisse bemühen, um zu merken, dass da was schräg ist. Übrigens auch innerhalb der Bundesländer beim Vergleich von Schule zu Schule. Doch ausgerechnet die Abinote zählt am meisten, wenn es um die Verteilung der Studienplätze mit bundesweitem NC (Medizin &Co) geht. >>



>> Das sei ungerecht, argumentiert das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen und hat das Verfassungsgericht aufgefordert zu entscheiden, ob die geltenden NC-Vorschriften noch mit dem Grundgesetz, genauer mit dem Recht auf freie Berufswahl, vereinbar sind. Man kann nicht sagen, dass die Karlsruher Richter der Bitte begeistert nachgekommen wären. Beim ersten Mal hatten sie sich noch rausgeredet mit dem Vorwurf, die Vorlage sei schlecht begründet gewesen. Den zweiten Anlauf aus Gelsenkirchen konterten sie nun mit einem Seufzen und dem Versprechen, die Sache am 4. Oktober zu verhandeln.

 

Das dürfte spannend werden, zumal sich das Gros der lokalen Vergabeverfahren (42 Prozent der deutschen Studiengänge sind zulassungsbeschränkt!) an den Regeln für bundesweite NCs orientiert. Welche Lösung haben die Verfassungsrichter parat: den NC abschaffen? Sicher nicht. Das Chaos wäre total. Dekretieren, dass die Wartezeit von Bewerbern mit schlechten Abinoten nicht mehr länger sein darf als das Studium, das sie absolvieren wollen? Klingt plausibel und hätte den Nebeneffekt, dass die Länder mehr Studienplätze schaffen müssten. 

 

Viel wichtiger ist aber, ob sich die Richter an die Allmacht der Abinote trauen. Standardisierte Eignungstests, kombiniert mit Bewerbungsgesprächen, wären als Eingangshürde viel geeigneter, da vergleichbarer. Aber, und es ist ein großes Aber, eben auch viel aufwändiger und teurer. Und politisch brisant, würde dann doch die Gymnasiallobby auf die Barrikaden gehen. 

 

Immerhin: Beim kürzlich verabschiedeten „Masterplan Medizin“ hat die Politik in vorauseilendem Gehorsam reagiert und beschlossen, dass die Hochschulen zusätzlich zur Abinote mindestens zwei weitere Auswahlkriterien anwenden müssen, Berufserfahrung etwa. 

 

Die große Revolution allerdings dürfte auch Karlsruhe nicht bringen. Die Pseudo-Objektivität bleibt politisch opportun.

 

Dieser Beitrag erschien heute zuerst in meiner Kolumne "Wiarda will's wissen" im Tagesspiegel.

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Letzter Abschied vom Schreckgespenst

Kultusminister und VG Wort verlängern Abrechnungsprovisorium, bis neues Urheberrecht gilt. Aufwändige Einzelerfassungen sind damit weiter ausgeschlossen.

NACH DEM DURCHBRUCH beim Urheberrecht Ende Juni war eine entscheidende Frage offen geblieben: Was passiert, wenn die zwischen Kultusministern, Hochschulrektoren und Verwertungsgesellschaft (VG) Wort Ende 2016 ausgehandelte Übergangslösung zur Abrechnung digitaler Semesterapparate zum 1. Oktober ausläuft, das neue Wissenschafts- und Bildungsschranke aber erst am 1. März 2018 in Kraft tritt? Die Vertragspartner hatten versprochen, rechtzeitig und einvernehmlich einen Abrechnungsmodus zu finden, damit kein rechtsfreier Zustand eintritt, und diese Lösung ist jetzt da. Kultusminister und VG Wort haben sich darauf verständigt, die die Übergangslösung bis zum 28. Februar zu verlängern, dass heißt: Bis dahin wird die Nutzung urheberrechtlich geschützter Werke weiter pauschal vergütet. Danach gilt dann das neue Urheberrechts-Wissensgesellschafts-Gesetz (UrhWissG), das ohnehin eine Pauschalabrechnung vorsieht und damit das (aus Sicht der Hochschulen) Schreckgespenst der Einzelerfassung aller genutzten Texte endgültig vertreiben soll. Horst Hippler, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), zeigte sich "erleichtert".

 

Wie genau das neue Gesetz angewandt wird und wie die künftigen Abrechnungsmodalitäten an den Hochschulen konkret aussehen werden, muss freilich noch fertig verhandelt werden zwischen KMK, HRK und VG Wort. Doch drohen den Hochschulen wohl keine unangenehmen Überraschungen mehr, weil sie sich dank der Novelle in einer ungleich besseren Verhandlungsposition als noch vor ein paar Monaten befinden. Trotzdem betonte Hippler am Freitag zur Sicherheit nochmal, dass die geplante Pauschalvergütung "nicht auf einer versteckten Einzelfallerhebung beruhen" dürfe. 

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Die Geschichte eines angekündigten Telefonats

Endlich Bewegung beim Digitalpakt: Wanka will KMK-Präsidentin Eisenmann anrufen.

DAS WAR ÜBERFÄLLIG. Johanna Wanka hat ihr Schweigen in Sachen Digitalpakt gebrochen. Sie habe für kommenden Montag ein Telefonat mit Susanne Eisenmann, der Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK) vereinbart, bestätigt die Bundesbildungsministerin. Dass der angekündigte Anruf einer CDU-Politikerin bei einer Parteifreundin überhaupt Schlagzeilen macht, zeigt die Brisanz, die sich in den vergangenen Wochen entwickelt hatte. Anfang Juli hatte Eisenmann, die im Hauptamt baden-württembergische Kultusministerin ist, Wanka einen Brief geschrieben. Dringlich im Ton hatte sie ihre Bundeskollegin um einen Hinweis geben, wann diese die Anfang Juni ausgefallene gemeinsame Verabschiedung des Digitalpakts nachzuholen gedenke. Solange die ausstehe, sehe sie "für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unserer Häuser keine Grundlage für in die Tiefe gehende Erörterungen".

 

Mehr als einen Monat Zeit hat sich Wanka gelassen, um auf den Brief zu reagieren. Sie werde auf das Schreiben der KMK-Präsidentin antworten, sagt sie nun und fügt hinzu: "Es war und bleibt mein Ziel, wie mit den Länderministerinnen und -ministern im Januar vereinbart, dass die Staatssekretärsgruppe bis Ende des Jahres den Entwurf einer Bund-Länder-Vereinbarung erarbeitet."

 

Zuletzt war in immer mehr Presseartikeln die Frage gestellt worden, ob der Pakt noch komme und ob Wanka überhaupt das Geld habe. Der grüne Bildungsexperte Özcan Mutlu hatte nach einem entsprechenden Bericht der Süddeutschen Zeitung (SZ) getwittert, der Pakt sei "von Anfang nur Wahlkampfgetöse" gewesen, "ohne echte Substanz" und sei auch nie finanziell abgesichert gewesen. Hamburgs SPD-Schulsenator Ties Rabe sagte vor zwei Wochen hier im Blog, "das lange Schweigen von Bundesministerin Wanka bestätigt unsere schlimmsten Befürchtungen: Sie kann oder will ihr Versprechen offensichtlich nicht halten." Einen solchen Vorgang habe er als Kultusminister in seiner sechsjährigem Amtszeit noch nicht erlebt. Selbst Wankas Parteikollegin Eisenmann zeigte sich zuletzt sogar in offiziellen Statements irritiert. Natürlich stehe die Sorge im Raum, dass der Digitalpakt nicht zustande komme, sagte sie der SZ. Es sei nun an Wanka klarzustellen: "Steht das Bildungsministerium noch zu unserem Verhandlungsergebnis?"

 

Vermutlich war das der Punkt, an dem Wanka spürte: Sie muss jetzt in die Offensive gehen. Zu dem immer wieder erhobenen Vorwurf, sie habe das Geld nicht, dreht sie den Spieß um und sagt: Natürlich gebe es das Geld erst, wenn die Bund-Länder-Vereinbarung stehe. "Dies gebietet auch der Respekt vor dem neu gewählten Parlament als Haushaltsgesetzgeber."

 

Ein wichtiges Signal der Ministerin, die ja überhaupt erst die Idee zu einem Digitalpakt gehabt und sich in den ersten Monaten mit Verve für das Projekt engagiert hatte.  Dann hatte sie sich offenbar so über die einseitige Verkündung des Paktes durch die KMK Anfang Juni geärgert, dass sie auf stur schaltete. Aber war Wankas Ärger wirklich der einzige Grund?  Eisenmann hatte der SZ gesagt, für das "abrupte Abbremsen" der Verhandlungen habe sie keine Erklärung. "Wir sind alle ein bisschen ratlos." 

 

Am Ende aber zählt vor allem eine Erkenntnis, aus der sich eine Forderung ergibt. Ich hatte sie schon in einem Artikel im Juni skizziert: Absehbar wird es künftig wieder häufiger zu Bund-Länder-Pakten für den Bereich Schule kommen. Darum muss auch wieder eine Institution analog zur Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz (GWK) her, die die Verhandlungen im Vorfeld in geordnete Bahnen lenkt. Wenn eine Art Schul-GWK die Folge der jetzigen Ratlosigkeit wäre, hätten sich ein paar Wochen Irritation mehr als gelohnt. 


NACHTRAG AM 14. AUGUST:

Direkt im Anschluss an das für heute angekündigte Telefonat mit KMK-Präsidentin Eisenmann hat Bundesbildungsministerin Wanka kurzfristig für heute Nachmittag zu einer Pressekonferenz eingeladen, Thema: "Statement Digitalpakt". Es wird also spannend. 

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Dann mal los

Die Universitäten haben nach monatelangem Zögern grünes Licht für die Max Planck Schools gegeben. Warum sie so lange brauchten und wie sich die Geduld der Max-Planck-Gesellschaft jetzt bezahlt macht.

DIE MAX-PLANCK-GESELLSCHAFT (MPG), die Universitäten und die übrigen außeruniversitären Forschungsorganisationen haben die ersten drei Max Planck Schools bestimmt. Die Auswahlentscheidung fiel bereits vor über zwei Wochen, doch um verbindlich zu werden, musste auch noch die Mitgliedergruppe der Universitäten in der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) ihre formale Zustimmung erteilen. Das habe sie jetzt in großem Einvernehmen getan, bestätigte gestern der zuständige HRK-Vizepräsident Ulrich Rüdiger, der als einer von drei stimmberechtigten Universitätsvertretern im neunköpfigen Auswahlgremium für die Schools gesessen hatte. Die siegreichen Anträge wird Bundesforschungsministerin Johanna Wanka (CDU) in wenigen Wochen bekanntgeben. 

 

Damit endet die monatelange Hängepartie um die zwei Jahre alte Idee von MPG-Präsident Martin Stratmann, deren Umsetzung Wanka im März hier im Blog angekündigt und damit zu ihrem letzten wissenschaftspolitischen Großprojekt in dieser Legislaturperiode erklärt hatte. Die drei ausgewählten Schools sollen 2018 starten: ein großartiger Verhandlungserfolg für die MPG, aber auch für die Hochschulen. Und eine selten gute Gelegenheit für die Wissenschaft insgesamt, die Förderung der talentiertesten Nachwuchswissenschaftler ein Stückweit neu zu erfinden. Die Schools könnten die Universitäten kräftig durchwirbeln, und damit sie das können, war zwingende Voraussetzung, dass die Universitäten sich auch durchwirbeln lassen wollen. 

 

Noch unmittelbar vor dem für den 20. Juli angesetzten Treffen des Auswahlgremiums hatte die HRK signalisiert: Nichts sei in trockenen Tüchern. Bevor man daran denken könne, Anträge durchzuwinken, sei ein offizielles, von den HRK-Gremien akzeptiertes Protokoll unerlässlich, in dem endlich alle offenen Fragen beantwortet und die verbliebenen Kritikpunkte der Universitäten endgültig ausgeräumt würden. Dieses Protokoll erarbeiteten MPG und HRK gemeinsam nach einem Spitzengespräch zwischen Stratmann, HRK-Präsident Horst Hippler und weiteren Universitätsvertretern am Vorabend der Auswahlsitzung – zur großen Zufriedenheit der Hochschulen, die es jetzt absegneten, wie Rüdiger, Rektor der Universität Konstanz, sagt: "Gerade angesichts der Startschwierigkeiten, die wir hatten, ist das bemerkenswert."

 

Die MPG, so steht es in dem "Gemeinsamen Beschluss des HRK-Präsidiums, des Sprecherkreises der Mitgliedergruppe Universitäten und der HRK-Konzeptgruppe Max Planck Schools", werde keinerlei akademischen Abschlüsse vergeben, in allen Studien- und Promotionsangelegenheiten seien die jeweiligen Gremien der beteiligten Universitäten zuständig. Das Konsenspapier ist gestern Abend kurzfristig an alle Uni-Rektoren in der HRK versandt worden.

 

Es war eine faszinierende Idee, die Stratmann erstmals bei der Max-Planck-Jahresversammlung vorgeschlagen hatte: MPG-Direktoren und herausragende Universitätsprofessoren sollten sich als so genannte Fellows in überregionalen "Max Planck Schools" zusammentun, um nach Fächern organisiert "besonders talentierten Bachelor- und Masterabsolventen“ aus aller Welt „die Gelegenheit zu geben, sich mit jüngstem Wissen von der vordersten Front der Wissenschaft auseinanderzusetzen." Auch Forschungsministerin Wanka „fand die Grundidee sehr gut“, wie sie im März sagte und versprach, drei Piloten zu fördern, allerdings unter zwei Voraussetzungen: dass erstens auch Forscher der anderen außeruniversitären Forschungsorganisationen mitmachen können und dass zweitens das Promotionsrecht klipp und klar bei den Universitäten verbleibe. 

 

Faszinierend ist die Idee vor allem deshalb, weil sie einen Standortnachteil Deutschlands ausgleichen könnte: Keine Universität hierzulande kann von ihrer Dichte an Spitzenwissenschaftlern mit Harvard oder Yale mithalten, aber wenn man die Koryphäen aus Universitäten und außeruniversitären Forschungsorganisationen deutschlandweit zusammenführt, dann müssten sich doch einige der talentiersten Studenten aus aller Welt anlocken lassen.

 

Warum gab es dann so lange Ärger um die Schools, und hätte man all die Nervereien verhindern können? Die kurze Antwort auf beide Fragen. Erstens: Weil die Universitäten sind, wie sie sind, und zweitens: Nein – und die Nervereien waren sogar notwendig. 

 

Zu erstens: Die meisten Universitäten sind zwar Tanker, aber das Ruder, das ihre Kommandobrücke bedienen kann, passt eher zu einem Fischkutter. Dieser Vergleich ist nicht spöttisch gemeint, im Gegenteil: Ließe sich eine gesellschaftlich so zentrale Institution wie eine Volluniversität durch einen leichten Tipp ans Steuerrad einfach so vom Kurs abbringen, könnte sie ihrer komplexen Aufgabe in Forschung und Lehre nicht gerecht werden. Sie soll Wissen bewahren und weitergeben, wissenschaftliche Standards sichern, breiten Raum für unterschiedliche Meinungen und Forschungsansätze bieten und, anstatt dauernd irgendwelchen kurzfristigen Mainstream zu produzieren, soll sie hin und wieder mit einer echten Neuerung aufwarten. Die meisten Mitglieder einer Universität haben diese Mission verinnerlicht und reagieren erst einmal ablehnend auf grundlegende Veränderungen. Nicht immer zu Recht, aber sie tun es.

 

Die Max Planck Schools sind aus der Sicht vieler Professoren noch dazu die Art von Veränderung, der sie am skeptischsten gegenüberstehen: Sie kommt vermeintlich schlicht daher, verbunden mit einem strahlenden Erfolgsversprechen, könnte sich aber im Nachhinein als grundlegender erweisen als zunächst gedacht. Forschungsministerin Wanka hatte das genau erkannt im März und deshalb von Anfang so auf Klarheit beim Promotionsrecht gepocht.

 

Zu zweitens: Weil die Universitäten so sind, mussten ihre Rektoren sie in der Art repräsentieren, wie sie es in den vergangenen Monaten getan haben. Sie mussten es Max Planck und Wankas Ministerium schwer machen, um genau dies ihren eigenen Leuten melden zu können: Wir haben uns nicht für ein paar Euro Bundesgeld verkauft. Wir haben uns das Promotionsrecht nicht von den Außeruniversitären abluchsen lassen. Wir haben dafür gesorgt, dass keine Weichenstellung an keiner School ohne Zustimmung von uns Universitäten erfolgen wird. Symbolhandlungen, natürlich. Genauso wie der Brandbrief, den der Universitätsverbund German U15 im Mai an Wanka versandt hat und in dem die Rektoren vor einer schleichenden Aushöhlung der Promotion warnten und konstatierten: Die konzeptionellen Überlegungen lösten "in ihrer aktuellen Fassung die Spannung zwischen einer notwendigen Anbindung von Doktorandinnen und Doktoranden an einen bestimmten Standort und der standortübergreifend angelegten Struktur nicht auf." Adressat solcher Zeilen waren Wanka und die MPG, aber mindestens so sehr die eigenen Professoren.

 

Auch die zunehmende Genervtheit, mit der etwa Max-Planck-Vizepräsident Ferdi Schüth im Interview auf die konzentrischen Kreise der Universitätsvertreter reagierte ("Es kommt der Tag, da will die Säge sägen"), kam zwar aus ehrlichem Herzen, erfüllte aber zugleich eine wichtige Funktion im Spiel der Rektoren: Schaut, liebe Unis, wie wir die MPGler pieksen.

 

Alle Kooperationen, so steht es jetzt in der Vereinbarung, sollen durch jeweils eigene Verträge durch die Partner abgesichert werden, unterzeichnen müssen die Leitungen der Forschungsorganisationen und der Hochschulen, aus denen die Fellows kommen. In den Verträgen, für die Musterdokumente abgestimmt werden sollen, werden alle Details etwa zu den zu verleihenden Abschlüssen geregelt. 

 

Expliziter geht es nicht. Dabei war den meisten Rektoren schon ohne Vereinbarung längst klar, dass Max Planck sich nie wirklich das Promotionsrecht erschleichen wollte. Aber um ihre persönliche Meinung ging es, siehe oben, gar nicht. Gerade deshalb ist es der MPG hoch anzurechnen, dass sie nicht getan hat, woran Schüth als Option laut gedacht hatte: Wenn nichts Anderes helfe, "planen wir am Ende eben doch nur mit internen Verbünden, aber der Nutzen für das Wissenschaftssystem wäre dann natürlich geringer." Die MPG hat durchgehalten und abgewartet, bis die Rektoren ihre Kreise fertig gezogen hatten, und als Dank können die Univertreter den Außeruniversitären jetzt eine Verlässlichkeit bieten, die ihr spontanes "Machen wir so!" nie beinhaltet hätte. Ein "Machen wir so" hätte statt dessen das ständige Risiko in sich getragen, dass die Schools im letzten Moment noch abgeschossen worden wären. 

 

Also: Die Nervereien mussten sein, weil die Universitäten so sind, wie sie sind. Und ihr Ergebnis ist eine Übereinkunft, die aus der großartigen Idee von vor zwei Jahren eine echte Zukunftsoption fürs deutsche Wissenschaftssystem machen könnte. Das "könnte" ist bewusst gewählt. Die nächsten fünf Jahre ist Zeit, das Potenzial der Schools zu ergründen, herauszufinden, ob sie wirklich in der Virtualität funktionieren, in der Schüth sie beschreibt: "Eine Max Planck School wird kein Ort sein, sondern eine Gemeinschaft der Köpfe, der Lehrenden, die sich in ihr zusammenschließen, und für diese Gemeinschaft entscheiden sich die Studierenden." 

 

Woraus gleich die nächste wissenschaftspolitische Aufgabe erwächst. So unverzichtbar das Hin und Her der vergangenen Monate war, so essentiell für die dauerhafte Akzeptanz der Schools wird am Ende der Pilotphase ihre ehrliche Evaluation sein. Also keine, deren Ergebnis politisch schon vorgegeben ist, sondern die die Stärken und Defizite des Konzepts offen benennt. Den Hochschulen war dieser Punkt sogar so wichtig, dass er Nummer eins der gemeinsamen Erklärung mit der MPG geworden ist und am Ende des Papiers sogar noch ein zweites Mal auftaucht. Die Evaluation müsse "international hohen Qualitätsmaßstäben" entsprechen. Und: Sollte das Format auf Dauer gestellt werden, heißt es in dem Papier, könne die Ausgestaltung und Weiterentwicklung über die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) erfolgen. "Das ist aber nur eine Überlegung", sagt Ulrich Rüdiger. "Entscheidend ist, dass wir ein wissenschaftsgeleitetes Verfahren sicherstellen."

 

Anders formuliert: Nochmal so wie in der Pilotphase soll es bei der Auswahl der Schools nicht laufen. Apropos, wer nun wissen will, welche drei Anträge durchgekommen sind und welche Disziplinen damit zum Zuge kommen, der muss sich bis zum 4. September gedulden. Laut Abmachung will Johanna Wanka erst dann die Entscheidung des Auswahlgremiums verkünden. Wobei die Gesprächigkeit aller Beteiligten nun, da die Schools in trockenen Tüchern sind, exponentiell steigen dürfte. Schon munkelt man, der Termin könne auch nach vorn verlegt werden.

 

Am Ende eine Fußnote: In den vergangenen Monaten war fast nur noch von den Verhandlungen zwischen MPG und Hochschulen die Rede, dabei hatten doch Fraunhofer, Helmholtz und Leibniz auf Wunsch der Ministerin auch eine Stimme im Auswahlgremium und vor allem angesichts des Namens "Max Planck Schools" ihre eigenen Vorbehalte. Die Stille an der außeruniversitären Front hatte einen Grund: Die Chefs der drei Organisationen haben ihre Kritik heruntergeschluckt und sich in den Dienst der Sache gestellt – bemerkenswert uneitel und zugleich mit Sinn für Realität. Wie hatte Wanka schon im März gesagt: Der Name Max Planck habe international die größte Strahlkraft: "Das müssen alle akzeptieren.“ Und das haben sie. 

 

Foto: ANKAWÜ: "Ampelmännchen ("gehen") in Berlin", CC BY SA 2.0

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Blick zurück (3)

Seit 20 Jahren beschäftigte ich mich mit Hochschulen, Bildung und Wissenschaft. Viel ist passiert in dieser Zeit, vieles davon durfte ich als Journalist begleiten. Der Blick zurück zeigt, wie aktuell einige meiner Themen von einst geblieben sind – obwohl sich fast alles verändert hat. Machmal allerdings auch, weil sich fast gar nichts verändert hat. Der dritte Teil einer Serie.

Minsk, Oktober 2005: Polizisten entreißen Mikita Sasim eine weiß-rot-weiße Flagge. Sasim war eine der Leitfiguren der Protestbewegung. Foto: Yuliya Darashkevich.

Weißrussland

Die Jeans-Rebellen

In Weißrussland herrscht der letzte Diktator Europas. Doch seit der manipulierten Wahl im März protestieren die Studenten offen gegen ihn. Sie sind jung, optimistisch – und riskieren viel. Auch wenn sie bisher nur kleine Siege errungen haben: Sie geben nicht auf.

(erschienen in ZEIT Campus 01/2007)

 

GLEICH GIBT ES kein Zurück mehr, dann wird er sie sehen, der Mann im Trainingsanzug. Die Studentin im Halbdunkel zögert, greift nach dem Feuerzeug. Der Mann bemerkt die Flamme schon aus den Augenwinkeln, wirbelt herum, sieht, wie auch das zweite Mädchen etwas anzündet. Er rennt los, schreit in sein Mikro; deutet auf die beiden Gestalten, die allein unter den Marmorsäulen sitzen, auf den Stufen vor dem Palast der Republik – mit brennenden Kerzen in der Hand.

 

Kerzen auf dem Oktoberplatz von Minsk, und das an einem 16. September. So wenig und doch so viel: Es gibt kaum eine größere Provokation in einem Land, dessen Präsident am 16. September vor sieben Jahren zwei der wichtigsten Regimegegner verschwinden ließ. Der im Frühjahr, nach der gefälschten Präsidentschaftswahl, das Protestzeltlager auf dem Oktoberplatz stürmen ließ, wo dann Hunderte von Studenten in Lastwagen verladen und für Tage, manchmal Wochen eingesperrt wurden – von der Geheimpolizei KGB, die ihren Namen aus der Sowjetzeit hinübergerettet hat.

 

Erlaubt ist heute Abend nur eine Art von Licht. Es flackert von der Videowand mit den Handy-Werbeclips hinüber zu der Kette Uniformierter, die langsam vorrücken und die paar Demonstranten wie Schutt vom Platz räumen. Das Licht spiegelt sich in den gelben Buchstaben ihrer Overalls, auf denen in kyrillischer Schrift "Polizei" steht. Die Jacken der Männer mit den Ohrstöpseln bleiben dunkel. Es sind KGB-Agenten, die dafür sorgen, dass im Zentrum der weißrussischen Hauptstadt, der Stadt von Alexander Lukaschenko, kein Demonstrant mehr eine Kerze anzündet.

 

Und dann sitzen sie plötzlich da, die beiden Mädchen um die 20, haben sich irgendwie vorbeigeschlichen an den Polizisten, dorthin, wo im März für vier Tage die Protestzelte standen. Vielleicht denken sie an diesen Frühling, als ein Dutzend kräftiger Männer mit Stöpsel im Ohr sie umringt. Die Mädchen haben vor Angst geweitete Augen, doch zucken sie kaum zusammen, als einer der Männer ausholt und die Kerzen zertritt; auch nicht, als die anderen sie fortzerren. Sie sagen kein Wort, nur ein Lächeln umspielt ihre Lippen: Egal, was jetzt kommt, hier, in diesem Moment, haben sie gewonnen.

 

Nach Jahren der Angst ist etwas in Gang gekommen im kleinen Weißrussland, das zwischen Polen und Russland eingeklemmt ist und über dessen Schicksal alle, nur nie die Weißrussen entschieden haben. Seit vergangenem Jahr zünden die Studenten vom Aktionsbündnis Solidarität 16 am 16. jeden Monats Lichter an und gehen mit den Bildern der Verschwundenen auf die Straße, um gegen den Mann zu demonstrieren, der als Europas letzter Diktator gilt. Seitdem merken die Menschen in Europa, vor allem aber die Menschen in Weißrussland, dass es sie überhaupt gibt in ihrem Land: eine Opposition.

 

Noch sind es nur kleine Siege. Die zwei Mädchen bleiben an diesem Abend die Einzigen, die es auf die Stufen vor dem stalinistischen Protzpalast schaffen. Die Polizei drängt den versprengten Rest Jugendlicher Richtung Altstadt zurück, die KGB-Männer patrouillieren über den weiten Platz. Plötzlich knarrt eine Stimme in den Ohrstöpseln. Die Männer stehen still, lauschen. Dann setzen sie sich im Gleichschritt in Bewegung, klettern in die Busse, die am Bordstein warten. Gespenstische Stille senkt sich über den Platz, nur die Polizeikette bleibt noch eine Weile in der feuchtkalten Nacht stehen. Das Regime hat es wieder einmal geschafft. Es ist das Ende einer Woche, die so hoffnungsvoll begann.

 

Rückblick. Am Dienstag, vier Tage vor dem diesjährigen 16. September, steht ein Junge vor dem Plattenbau der Linguistischen Universität: schmal, kurze Haare, Sonnenbrille. Um seinen Hals baumelt ein MP3-Player. Nichts an ihm sieht nach Widerstandskämpfer aus, doch wer ihn treffen möchte, muss zunächst einen Freund kontaktieren. "Nicht übers Handy", raunt der dann, und wenn man Glück hat, ruft jemand von einer Telefonzelle zurück, nennt Treffpunkt und Zeit. Denn Mikita Sasim, 22, der unscheinbare Junge mit der Sonnenbrille, ist die Symbolfigur der Studentenbewegung.

 

Wobei die meisten ihrer Mitglieder streng genommen Exstudenten sind. Sie wurden exmatrikuliert. Ihre Noten seien nicht gut genug gewesen, sagt die Uni-Leitung. Politische Gründe? Ach was, eine Erfindung der Opposition. Diese indirekten Gemeinheiten sind es, mit denen die Regierung die Menschen einschüchtert. "Das ist noch wirkungsvoller, als wenn sie ihre Prügeltrupps losschickt", sagt Mikita. Ein kurzes Hallo, dann schnell weiter, die Straße runter. Mikita weiß: Wenn sie ihn so kurz vor dem heiklen 16. September erwischen, sperren sie ihn wieder ein. In einem Jahr hat Lukaschenko ihn 25-mal verhaften lassen; schließlich hat er den Präsidenten gleich mehrfach blamiert.

 

Das erste Mal im Frühjahr 2004. Da studierte Mikita BWL, war sogar Gruppenführer der staatlichen Jugendorganisation. Das Regime selbst hatte ihm den Posten angeboten, um ihn auf seine Seite zu ziehen. "Ich dachte, ich mache mal eine Weile mit, kann nicht schaden, wenn da ein paar Andersdenkende sind", erzählt Mikita. Er hat Bäume gepflanzt und Partys auf Staatskosten organisiert, ein Jahr lang. Dann wollte die Regierung, dass seine Gruppe Propaganda macht. "Das kam natürlich nicht infrage." Sie haben abgestimmt, er und seine hundert Jugendlichen – und dann traten sie geschlossen zu Zubr über, dem oppositionellen Verband, dessen Aufkleber auf Papierkörben und Straßenschildern klebten, bis die Regierung plötzlich die Mitgliedschaft in solchen "nicht staatlich registrierten Organisationen" für illegal erklärte. Die internationale Presse berichtete, und Mikita flog von der Fachhochschule.

 

Am 16. September 2005 hat der Exstudent den Präsidenten ein zweites Mal bloßgestellt und nebenbei der weißrussischen Revolution, die Gegenstück zur orangefarbenen Revolution in der Ukraine werden will, ihren Namen gegeben: Jeans-Revolution. Als Polizisten auf einer Demo alle rot-weißen Flaggen konfiszierten, zog Mikita sein Jeanshemd aus und befestigte es an einem Fahnenmast. Danach haben ihn KGB-Leute so brutal verprügelt, dass er mit einer Gehirnerschütterung ins Krankenhaus musste. Das erzählt er jedoch nicht, wenn man ihn nach dem Tag fragt. Mikita sagt: "An dem Abend haben wir Solidarität 16 gegründet."

 

Studenten wie Mikita meint Alexander Milinkewitsch, der 58 Jahre alte Expräsidentschaftskandidat, wenn er behauptet: "Die Opposition wird von der Jugend getragen, und die Jugend hat keine Angst vor Lukaschenko, Lukaschenko hat Angst vor der Jugend." Darum muss Mikita immer auf der Hut sein. "Ich habe eine Wohnung", sagt er und grinst, "aber wo die ist, das weiß nur ich." Es ist kein verbittertes Grinsen, sondern ein verschmitztes, und als er seine Sonnenbrille hochschiebt, sieht man, dass die Augen mitlachen. Auch das ist für ihn einer dieser kleinen Siege: zu wissen, dass die Staatsmacht ihn nicht hat brechen können, auch nicht in den drei Monaten Gefängnis, die er zwischen März und Juni wegen angeblicher Wehrdienstverweigerung abgesessen hat. "Am Tag nach der Entlassung habe ich Flugblätter verteilt", sagt Mikita, der coole Aktivist, den nichts schockieren kann. Würde er sich nicht eine Zigarette nach der anderen anstecken; wären da nicht seine Augen, die am Display seines dauerklingelnden Handys hängen.

 

Sein Name ist die weißrussische Version von Nikita. Der Widerstand beginnt beim Vornamen, wenn man einen Präsidenten hat, der Englisch und Russisch als die einzigen großen Sprachen lobt und sagt, auf Weißrussisch lasse sich "nichts Großartiges" formulieren. Lukaschenko hat die traditionelle rot-weiße Fahne verboten und die Flagge der Sowjetrepublik wieder eingeführt. Klar, dass der Button mit der Aufschrift "Für Freiheit" auf Mikitas Jeanshemd rot-weiß ist. Klar, dass er Weißrussisch spricht. Patriotismus ist gleich Opposition in Weißrussland.

 

Irgendwann setzt er sich auf eine Bierbank vor einem geschlossenen Café, starrt auf die Straße, grübelt. Seit Wochen planen sie das "Big Jeans Festival", ein Popkonzert, das am Samstag vor der abendlichen Demonstration am Oktoberplatz stattfinden soll. Und was macht die Stadtregierung von Minsk? Erteilt eine offizielle Erlaubnis. Diese Großzügigkeit passt nicht. Mikita knabbert auf seiner Unterlippe. "Wahrscheinlich stellen sie uns mittendrin den Strom ab, damit wir mit ein paar tausend enttäuschten Jugendlichen dastehen", sagt er schließlich und hebt die Achseln. Sollen sie doch, heißt das wohl. Sein Blick fällt auf einen Papierkorb, an dem ein verblichener Aufkleber hängt: ein schwarzer Bison auf weißem Grund. Das weißrussische Wort für Bison ist zubr. Mikita grinst. Er habe seine Angst verloren, sagt er einmal mehr, einmal zu oft, und erzählt von konspirativen Treffen, bei denen sie das Festival vorbereiten, in Cafés, zu zweit oder zu dritt, nur nicht zu viele an einem Ort. Als sein Handy wieder klingelt, hat er es plötzlich eilig. "Wir sehen uns Samstag", sagt er, schiebt sich die Sonnenbrille ins Gesicht und rennt die Stufen zur U-Bahn hinunter.

 

Ein paar hundert Meter von der Linguistischen Universität entfernt ist die Sowjetunion noch nicht zusammengebrochen. Dort ragt ein gewaltiger Obelisk in den Himmel, davor brennt ein ewiges Feuer. Das ist der Siegesplatz. Laternenmasten mit roten Sternen säumen den Kreisverkehr, eine Ehrenwache marschiert im Stechschritt; hier hält Lukaschenko noch heute gerne seine Paraden ab. Als Viachaslau Koran am Mittwoch, drei Tage vor dem 16. September, über den breiten Boulevard Richtung Obelisk geht, drehen sich die Leute nach ihm um. Sie kennen ihn irgendwoher, den in Schwarz gekleideten Mann, mit den langen Haaren, dem faltigen Gesicht und dem kupfernen Halbmond-Ohrring.

 

Früher war Koran, 49, einer der bekanntesten Rockmusiker von Weißrussland, seine Band Ulis hat den Titelsong für Radio Free Europe produziert. Doch seit Koran in Weißrussland nicht mehr auftreten darf, seit seine Platten nicht mehr in den Läden stehen, sind es nur noch die über 20-Jährigen, die sich nach ihm umdrehen. "Die jungen Leute kennen unsere Musik nicht mehr", sagt er. "Sie hören nur die offizielle Rockmusik, all das, was aus Russland kommt. Und vergessen ihre weißrussische Kultur." Um zu überleben, jobbt Koran mal hier, mal da, seine Songs vertreibt er über das Internet. Viele seiner Kollegen, die wie er keine Chance haben in den Radiosendern des Landes, verdienen Geld in den wenigen Plattenläden der Opposition. Vor kurzem konnte Koran mal wieder auftreten, die US-Botschaft hat ein Konzert für regimekritische Musiker veranstaltet, 200 Leute waren da. "200 Leute", sagt Koran hilflos. Das ist so, als würde man die Toten Hosen in der Eckkneipe auftreten lassen. Sein alter Produzent hat ihm versprochen, zu seinem 50. Geburtstag werde er hier in Minsk auftreten, in einem großen Theater, doch Koran glaubt nicht mehr daran. "Das System funktioniert genau wie zu Sowjetzeiten, nur noch besser." Er hebt den Blick zur Spitze des Obelisken. "Das Schlimmste ist: Den Menschen ist es egal."

 

Vielleicht ist das die große Stärke der jungen Regimegegner: Sie haben die Sowjetunion nicht mehr erlebt, sie haben nicht wie Koran ein Leben des Widerstands hinter sich, der immer wiederkehrenden Enttäuschungen. Sie glauben an die kleinen Siege und daran, dass Weißrussland sich ändern kann. "Spätestens nächstes Jahr ist Lukaschenko weg", sagt Alena, 21, die Vorsitzende des verbotenen Weißrussischen Studentenverbandes. "Der Wandel ist nicht aufzuhalten", sagt auch Tatsiana, 22, die auf ihrer Internet-Seiteadukacyja.info Studenten, die nicht weiterstudieren dürfen, Tipps gibt. Deutschland hat allein 70 Studenten der einzigen privaten Hochschule Weißrusslands, der Europäischen Humanistischen Universität, aufgenommen, als Lukaschenko sie 2004 schließen ließ. Viele von ihnen sind längst zurück, weil auch sie glauben, dass Lukaschenkos Zeit abläuft. Bis dahin allerdings, sagt Tatsiana, wird das Regime nicht müde werden, sich Schikanen auszudenken. Die nächsten, da ist sie sicher, am Samstag, beim Jeans-Festival: "Das erlauben die nicht einfach so." Die ganze Woche über liegt eine seltsame Spannung über der Stadt. Hinter vorgehaltener Hand diskutieren die Studenten in den Hörsälen und auf dem Rasen vor der Staatlichen Universität die Frage, die sich auch Mikita stellt: "Was passiert am Wochenende?"

 

Samstag, der 16. September. Der Tag beginnt mit einer Enttäuschung. Die Polizei zerschlägt einen Protestmarsch vor der Akademie der Wissenschaften und verhaftet zehn Studenten. Geheimpolizisten riegeln den nahen U-Bahnhof ab, verscheuchen die Menschen und erzählen mit drohender Stimme, die Rolltreppen seien ausgefallen. Dabei hat der Bahnhof gar keine Rolltreppen. Das war es dann wohl, denkt Irina Khalip da schon, die blonde Journalistin, die zusammen mit Mikita Solidarität 16 gegründet hat. Doch als sie Stunden später auf die Bühne im Park klettert, strahlt die Sonne vom Himmel und die Lautsprecheranlage steht unter Strom. Ein paar Sekunden blinzelt Irina ungläubig, starrt auf Tausende von Jugendlichen mit rot-weißen Fahnen, Jeanshemden und Solidarität-16-Shirts, die von allen Seiten in den Park strömen und dabei die Männer in den Gebüschen ignorieren, die Stöpsel in den Ohren haben.

 

"Ich weiß, dass wir das Regime besiegen werden, denn es ist schwach, dumm und ekelhaft!", schreit Irina ins Mikrofon. Hinter ihr hängen die Fotos der Verschwundenen, neben ihr steht ein blaues Zelt, das ein paar Studenten unter tosendem Applaus auf die Bühne geworfen haben. Eines der Zelte, in denen sie im Frühling auf dem Oktoberplatz übernachtet haben. Irina ist stellvertretende Chefredakteurin der Oppositionszeitung Delovaya Gazeta; in Deutschland wurde die 37-Jährige vergangenes Jahr mit dem Henri-Nannen-Preis ausgezeichnet, der damalige Außenminister Joschka Fischer hat ihr die Hand geschüttelt und eine flammende Rede für die Pressefreiheit gehalten. An die denkt sie, wenn sie wieder eine Nacht auf der Polizeistation verbringt.

 

Es ist eine unwirkliche Szene mit all den jubelnden Jugendlichen und Irina auf der Bühne; eine Szene, die noch unwirklicher wird, als Mikita auftaucht, mit schwarzer Jeans, grauer Jeansjacke und Sonnenbrille. Er greift sich das Mikro, die Menge kreischt wie bei einem Popstar, und Mikita sagt mit ruhiger Stimme: "Im Gefängnis habe ich erfahren, welch eine Macht Solidarität sein kann. Es ist die Solidarität, welche die Freiheit nach Weißrussland bringen wird!" Ein paar Meter hinter ihm steht Irina. "Jedes Land, das um seine Freiheit kämpft, braucht junge Menschen wie Mikita, die bereit sind, ihre Zukunft aufs Spiel zu setzen", sagt sie leise. Doch sie ahnt: Während Mikita und seine Freunde Lukaschenko ihre kleinen Siege abtrotzen, machen andere brav ihren Uni-Abschluss. Und wenn eines Tages Lukaschenko stürzt, werden die Angepassten die guten Posten besetzen, während junge Regimegegner wie Mikita ohne Abschluss dastehen.

 

Die Sonne senkt sich allmählich. Die Reden sind vorbei, die erste Band stürmt die Bühne und füllt den Park mit vibrierenden Bässen. Es ist zehn Minuten nach sieben, als sie verstummen. Stromausfall. "Auf die Regierung ist doch Verlass", sagt Mikita. Natürlich haben sie sich darauf eingestellt. Kerzen werden angezündet, Feuerwerksraketen zischen zum Himmel. Die Menge singt auch ohne Musik weiter. Noch so ein kleiner Sieg. "Und nächsten Monat ist wieder ein Sechzehnter", sagt Mikita.


Info: Weißrussland

Der Zehn-Millionen-Einwohner-Staat östlich von Polen wird seit 1994 von Alexander Lukaschenko zunehmend autoritär regiert. Er unterdrückt die Opposition und bindet das Land eng an Russland. Den letzten Anschein von Demokratie

 hat er mit einer Verfassungsänderung aufgegeben: Damit kann er nach Ablauf seiner zweiten Amtszeit Präsident bleiben. Populär ist Lukaschenko vor allem bei der Landbevölkerung. 



Nachtrag vom 08. August 2017

Zehn Jahre nach meinem Artikel ist Lukaschenko immer noch im Amt, seit mittlerweile fast einem Vierteljahrhundert. Zubr hat im Gegensatz dazu nicht lange offiziell existiert, doch viele seiner ehemaligen Mitglieder sind weiter in der weißrussischen Opposition aktiv. Was aus Mikita Sasim selbst geworden ist, konnte ich nicht ermitteln. Man kann nachlesen, dass er im Herbst 2007 aus dem Gefängnis heraus zum Militärdienst einberufen wurde, statt dessen jedoch wenig später das Land verließ. Irina Khalip kämpft weiter gegen das Regime, wurde mehrfach festgenommen. 2012 zeichnete sie das PEN-Zentrum Deutschland mit dem Hermann-Kesten-Preis für besondere Dienste um verfolgte Autoren aus. 

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Warum Bildung als Thema bei der Bundestagswahl keine Rolle spielen wird

Die Parteien reden viel über Kitas, Schulen und Ideale, doch eigentlich haben sie nur ein Ziel: Nicht anecken.

Foto: Davie Bicker
Foto: Davie Bicker

VERGANGENE WOCHE SASS ich mit einem Kollegen beim Mittagessen zusammen, wir plauderten über dies und das, und irgendwann fragte er mich: Gibt es ein Bildungsthema, das bei der Bundestagswahl eine entscheidende Rolle spielen wird? Ich überlegte kurz, dachte an Martin Schulz und Angela Merkel, an all die Versprechen von Bildungsoffensiven, kostenlosen Kitas für alle und neuen Ganztagsschulprogrammen und antwortete: Nein. 

 

In sieben Wochen bestimmen die Deutschen, wer sie die nächsten vier Jahre regieren, sie in die so viel beschworene Zukunft führen wird, und ausgerechnet bei der Frage, die angeblich über unser aller Zukunft entscheidet: gähnende Leere, allenthalben. 

 

Dass wir uns nicht falsch verstehen: Es wird über Bildung diskutiert, am plakativsten tatsächlich von SPD-Kanzlerkandidat Schulz, der im Mai bei seinem fast schon legendären Auftritt in der Neuköllner Stadtbibliothek kurzerhand, aber mit großer Geste skandinavische Verhältnisse in Sachen Bildungsfinanzierung versprach. Woraufhin seine Leute wochenlang zu tun hatten, die dafür nötigen zusätzlichen 75 Milliarden Euro unbemerkt wieder einzukassieren und der Kandidat sich selbst im Interview relativierte. Inhaltlich tat sich Schulz ansonsten vor allem damit hervor, dass er die Rücknahme der Schulzeitverkürzung auf 12 Jahre gut hieß, die Abschaffung von Kitagebühren für gut verdienende Eltern ebenfalls und ansonsten das sozialdemokratische Lieblingsthema des Kooperationsverbots und seiner dringend nötigen Abschaffung rauf- und runterdeklinierte. Und dann war da noch seine Ankündigung, eine Million neue Ganztagsplätze in den Schulen zu schaffen. Wobei selbst die irgendwie verhallte, weil Kanzlerin Merkel in bekannter Manier dazwischenrief: Will ich doch auch. 

 

Womit wir bei der Union wären. Hier ist der Blick in die Länder aufschlussreich und deprimierend zugleich. Nach ihren Wahlsiegen in Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein haben die CDU und ihr Koalitionspartner FDP und (in Schleswig-Holstein zusätzlich die Grünen) als erste bildungspolitische Großtat ebenfalls G8 geschreddert, in Abgrenzung übrigens zu den zuvor regierenden Sozialdemokraten, die zumindest in diesen Bundesländern anders als ihr Kanzlerkandidat die Schulzeitverkürzung mehr oder weniger konsequent verteidigt hatten. Schritt zwei war in NRW das Ausrufen einer "Rettung" der Förderschulen durch den neuen CDU-Ministerpräsidenten Armin Laschet. Dass er die Inklusion auf Eis legen wolle, hatte er schon vor der Wahl gesagt. Was seinen Parteifreund Bernd Althusman, CDU-Spitzenkandidat bei der bald anstehenden niedersächsischen Landtagswahl, inspirierte, sich schon jetzt für eine "Denkpause" und gegen eine "Turbo-Inklusion mit der Brechstange“ auszusprechen.

 

Kurz gefasst orientiert sich die Bildungspolitik der beiden größeren Parteien am Erhalt des Status Quo. Oder schlimmer: an der Rückkehr zu einem Status Quo vor zehn Jahren. Wenn sich etwas ändert, wenn etwas neu ist, dann nur dort, wo es der Mittelschicht nützt. Und genau das ist der Grund, warum die Bildungspolitik bei den anstehenden Bundestagswahlen keine Rolle spielen wird. Sie macht wenig bis nichts besser für die wählende Mehrheit. Sie tut ihr aber auch nicht weh. Und vor allem ist diese Bildungspolitik so belanglos, dass sie von den Wählern getrost ignoriert werden wird. >>



>> Beispiel Ganztagsschulen: Richtig gemacht, also in ihrer gebundenen Form, würden sie den Widerstand vieler Mittelschichtseltern hervorrufen, die zwar Betreuung nach Wunsch und Bedarf wollen, aber bitte nicht verpflichtend mit echtem Unterricht am Nachmittag. Doch diese Eltern müssen sich nicht wirklich sorgen, denn das Versprechen flächendeckender "guter Ganztagsangebote" läuft angesichts der paar Milliarden, die die SPD dafür vorsieht (die Union nennt lieber gar nicht erst eine Summe), ohnehin auf einen Symbolbetrieb hinaus. Selbst das vermeintliche Winner-Schlagwort Kooperationsverbot (Zitat Schulz: "Eltern, die in ihrer Freizeit Klassenräume sanieren sollen, interessieren sich nicht für die Feinheiten des Föderalismus") reißt in seiner ständigen, aber inhaltsleeren Wiederholung kaum noch jemanden mit, wenn doch gute Bildungspolitik eher an zu wenig Mut denn an zu vielen Paragraphen scheitert. 

 

Beispiel G8/G9 und Inklusion: Um potenzielle Aufregung gegen Null zu dimmen, verspricht die Union: Wenn die Schulen wirklich wollen, können sie bei G8 bleiben, und klar machen wir mit Inklusion weiter, aber irgendwie anders als die anderen. Wir überlegen erstmal, und nach der Denkpause (wie lange wird die wohl dauern?) warten wir mit einem klasse Plan auf. Wobei dieser Plan darin bestehen dürfte, dass das Chaos doppelter Lösungen und Strukturen weiter wächst und mehr Qualität schon daran scheitert, dass man eben nicht das doppelte Geld zur Verfügung hat. 

 

Währenddessen bleibt ein entscheidendes,  womöglich sogar das einzig entscheidende Thema moderner Bildungspolitik im Kern unbearbeitet. Ein Thema noch dazu, das ernsthaft diskutiert sehr wohl das Zeug zum Wahlkampfschlager hätte: Wie ermöglichen wir endlich (wieder) Aufstieg durch Bildung? Wie sorgen wir dafür, dass Leistung sich lohnt, dass aber alle die gleichen Chancen erhalten, diese Leistung überhaupt bringen zu können? Wie also können wir Bildungsgerechtigkeit so definieren, dass sie nicht ständig als Gegenentwurf zu anspruchsvollen, leistungsbetonten Bildungsangeboten herhalten muss, sondern diese sogar bedingt?

 

Ein paar Anhaltspunkte, die mir persönlich aufschlussreich erscheinen. 

 

Erstens: die Flüchtlinge. Den ganzen Herbst 2015, den darauf folgenden Winter und Frühling hat die Politik darüber debattiert, wie sie mit diesem "Jahrhundertereignis" umgehen solle, wie unser Bildungssystem den hunderttausenden zusätzlichen Schülern gerecht werden könne. Das werde viele Jahre dauern, hieß es, viele Milliarden kosten, am Ende aber würden unsere Schulen sich auf die neue Schülervielfalt im 21. Jahrhundert einstellen. Und jetzt, nicht einmal zwei Jahre später? Stille. Keiner redet mehr von tiefgreifenden Umwälzungen, von Schulen, die sich neu erfinden müssen. Drohende neue Flüchtlingswellen werden als "hochbrisant" wahrgenommen, die Brisanz in den Schulen wird lieber ausgeblendet. Von den Bedürfnissen der Flüchtlinge, was sie brauchen, um teilhaben und "leisten" zu können, will kaum einer hören, ist gerade nicht das Thema. Und ausgerechnet das gesellschaftliche Ziel der Inklusion, das so eng verwandt ist mit dem Ideal der Integration und Chancengerechtigkeit für alle, hat vor allem dank konservativer Bemühungen für viele den Klang eines Schimpfwortes angenommen. 

 

Zweitens: Gebührenfreiheit. Natürlich ist es richtig und unverzichtbar, dass unsere Schulen nichts kosten, denn wir haben Schulpflicht, und der Staat muss im Umkehrschluss die Bildung der schulpflichtigen Kinder gewährleisten. Doch Bildungsgerechtigkeit beginnt schon in der Kita, und der dort nötige qualitative und quantitative Ausbau wird viele Milliarden kosten. Warum also dort die Gebühren abschaffen, wenn sie in den allermeisten Fällen sozial gestaffelt sind und durch ihre Abschaffung die Besserverdiener profitieren, die Bildungsgerechtigkeit aber leidet, weil der Staat das Geld in die Gebührenkompensation statt in bessere Qualität investiert? Nein, es ist fantasielos und irreführend, Bildungsgerechtigkeit und kostenfreie Bildung einfach so und um jeden Preis gleichzusetzen, zumal keine Regierung gleich welcher Couleur in Bund und Ländern je die Unterfinanzierung des Bildungssystems beendet hat.

 

Drittens: der Hochschulzugang. 2013 hat mit Niedersachsen das letzte Land die Studiengebühren abgeschafft, und welche Auswirkungen hatte das auf die soziale Zusammensetzung an den Hochschulen? 52 Prozent der Studenten stammten laut Sozialerhebung des Studentenwerks 2016 aus Familien, in denen mindestens ein Elternteil studiert hat, nochmal zwei Prozentpunkte mehr als 2012. Um Missverstände zu vermeiden: Keiner muss eine Hochschule besuchen, aber jede/r muss eine Hochschule abhängig von ihrem oder seinem Potenzial besuchen können. Das Problem mit dem Potenzial ist, dass es nicht immer von Anfang an ausgespielt werden kann, erst recht, wenn im Hintergrund keine Eltern stehen, die selbst studiert haben. Doch wir leisten uns eine Debatte über vermeintlich zu viele Akademiker und schrecken damit allein die Nicht-Akademikerkinder von den Hochschulen ab. Und um die Sache rund zu machen, kann man als Politiker immer noch reüssieren, wenn man die Bologna-Studienreform madig macht. Und so verspotten wir überparteilich die ohnehin nur zögerlich entstehenden Unterstützungsstrukturen an den Hochschulen als "Verschulung" und loben das abstrakte und so oft falsch verstandene Humboldtsche Ideal von "Freiheit und Einsamkeit". Um an dieser Stelle nochmal die Kostenfreiheits-Mär aufzugreifen: Auch Studiengebühren sind nicht automatisch sozial ungerecht und schrecken vom Studium ab. Nachgelagert hätten sie den genau gegenteiligen Effekt. Für ihr Studium würden die zahlen, die es sich leisten können – und den Hochschulen genau das Geld geben, was sie brauchen, um offener für alle zu werden. 

 

Viertens: die Rolle der Bildungsforschung. Zwar hat das Bundesforschungsministerium gerade erst ein neues, mit 250 Millionen Euro dotiertes "Rahmenprogramm Empirische Bildungsforschung" verkündet, doch hört die Politik den Wissenschaftlern nur sehr selektiv zu. Sonst wären die Landesregierungen vielerorts nicht auf dem Rückweg zu G9, sondern würden die Lehrpläne kompetenzorientiert umbauen. Sie würden Ganztag nur noch gebunden fördern, und auch bei der Inklusion würden sie keine Denkpause einlegen, denn die Erkenntnisse sind doch da. Die da lauten: Die Umsetzung von einer echten Bildungsbeteiligung für alle kostet viel zusätzliches, aber sinnvoll investiertes Geld, und sie zu lassen, ist keine Alternative. Erst recht keine Option ist es, es allen mit halbgaren Doppelstrukturen rechtmachen zu wollen, die am Ende noch mehr (aber diesmal unsinnig investiertes Geld) verschlingen und weder in den Regel- noch in den Förderschulen richtig funktionieren.  

 

Übrigens: Auch wenn ich mich in diesem Essay auf die beiden größeren Parteien konzentriert habe, bei den kleineren wäre meine Analyse kaum anders ausgefallen. So haben die Grünen in der abgewählten NRW-Regierung zwar die Inklusion hochgehalten, doch die nötigen Zusatzinvestitionen haben auch sie nicht geschafft. Und die FDP forderte im NRW-Wahlkampf zwar nachgelagerte Studiengebühren, einigte sich mit der CDU dann aber auf eine Zahlpflicht für internationale Studenten und machte ansonsten, siehe oben, mit bei den bildungspolitischen Rückwärtsrollen. 

 

Man stelle sich das vor: keine blöden Sprüche von einer vermeintlichen Akademikerschwemme, ein besseres G8 statt kein G8, ein Umschwung hin zu richtig finanzierter, ehrlich gemeinter Inklusion, zu flächendeckenden gebundenen Ganztagsschulen. Und eine Abschaffung der Kitagebühren erst dann, wenn der Ausbau abgeschlossen ist. Und zwar nicht nur der quantitative, sondern vor allem auch der qualitative. Unrealistisch? Alle politischen Zeichen deuten derzeit bei allen genannten Punkten in die Gegenrichtung? Stimmt. Und genau darum wird Bildungspolitik im September keine Rolle spielen. 

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Wirkung auf den zweiten Blick

Die Zahl der BAföG-Empfänger ist auch 2016 zurückgegangen. Trotzdem ist die jüngste Novelle nicht verpufft.

DAS STATISTISCHE BUNDESAMT hat heute Morgen die BAföG-Statistik für 2016 veröffentlicht. 823.000 Schüler und Studenten haben im vergangenen Jahr eine Ausbildungsförderung erhalten, das entspricht einem Rückgang von 5,5 Prozent gegenüber 2015. Bei den Schülern betrug das Minus 7,6 Prozent, bei den Studenten 4,5 Prozent. 

 

Ist die nach langem Warten zum Oktober 2016 erfolgte Anpassung damit auf Anhieb verpufft? Der Generalsekretär des Studentenwerks, Achim Meyer auf der Heyde, sieht das zumindest so: „Die jüngste Erhöhung der BAföG-Elternfreibeträge um sechs Prozent zum Wintersemester 2016/2017 verfehlt ganz offenbar das von der Bundesregierung selbst gesteckte Ziel, 110.000 Geförderte zusätzlich zu generieren." Es bestätige sich: "Die jüngste BAföG-Erhöhung kam zu spät, und sie fiel zu niedrig aus." Der hochschulpolitische Sprecher der grünen Bundestagsfraktion, Kai Gehring, sagte: "Diese Regierung hinterlässt eine Lücke, wo eine Leiter für den Aufstieg durch Bildung nötig ist."

 

Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) kommentierte den Rückgang etwas putzig: Die Zahl der Geförderten sei im Gesamtjahr 2016 "noch nicht so deutlich angestiegen wie ursprünglich erwartet." Wenn in Zeiten günstiger Konjunktur- und Einkommensentwicklung weniger Auszubildende auf staatliche Förderung angewiesen seien, sei dies eine erfreuliche Entwicklung.

 

Tatsächlich hatte es von Anfang an Ärger um die Novelle gegeben: Sie trat schon 2014 in Kraft, doch Geld bekamen die Schüler und Studenten erst zwei Jahre später. Ein Zugeständnis an Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU), der im Gegenzug grünes Licht gab für den Kern der Reform: Seit 2015 zahlt der Bund den kompletten Länderanteil beim BAföG mit, Kostenpunkt: mehr als eine Milliarde Euro im Jahr. Wofür einigen Ländern wiederum die Zustimmung bei einer wichtigen Grundgesetzänderung leichter gefallen ist, der Lockerung des sogenannten Kooperationsverbots. 



 

Ein Milliardenhandel, der wissenschaftspolitisch (siehe Neuauflage der Exzellenzinitative als Exzellenzstrategie) bedeutsam war. Die BAföG-Empfänger aber zahlten drauf: Die Preissteigerung hatte schon ein Stück vom 2014 beschlossenen 7-Prozent-Plus abgeknabbert, bevor die neuen Bedarfssätze überhaupt in Kraft traten. Und jetzt also die Quittung per amtlicher Statistik?

 

So eindeutig ist die Sache nicht. Auf Nachfrage berichtet das Statistische Bundesamt von den nicht veröffentlichten Quartalszahlen für 2016, und die zeigen: Während es im ersten Halbjahr einen Rückgang bei den Geförderten um rund sieben Prozent gegeben hat, betrug das Minus im letzten Quartal 2016 nur noch knapp vier Prozent. Der Trend weise also seit der BAföG-Erhöhung im Oktober nach oben, das werde sich auch in den Zahlen für 2017 niederschlagen, sagt das Amt. Die Frage sei nur: wie stark. Der Anteil der Vollgeförderten insgesamt sei 2016 kaum noch gesunken (-1,4 Prozent), bei den Studenten allein sei ihre Zahl sogar um 4000 gestiegen: ebenfalls ein Indiz für die einsetzende Wirkung der BAföG-Novelle. "Wir erwarten für 2017, die Effekte der Reform dann auch in der Statistik deutlicher zu sehen", sagt Ministerin Wanka – womit sie Recht haben dürfte.

 

Schon vergangene BAföG-Erhöhungen hatten sich erst mit Verzögerung in den Jahresstatistiken gezeigt, so etwa das kräftige Plus von August 2008, in dessen Folge die Zahl der Geförderten erst 2009 einen signifikanten Sprung nach oben machte. Spannend ist auch, wie lange der Aufwärtstrend nach der Erhöhung jeweils anhielt – und wie stark er ausfiel. Am nachhaltigsten war die von der SPD-Bildungsministerin Edelgard Bulmahn 2001 durchgeboxte Novelle, die einen bis 2005 dauernden, steilen Anstieg auslöste, der allerdings auch damit zusammenhing, dass die Regierung Kohl den BAföG-Empfängern zuvor fast zehn Jahre lang Rückgang und Stagnation beschert hatte. Die Erhöhung von 2008 wiederum, dicht gefolgt von einem weiteren Zuschlag in 2010, wirkte bis 2012 nach, danach folgten wieder vier Jahre Abbröckeln bei den Zahlen. 

 

Also doch Entwarnung, die aktuelle Novelle wirkt?

 

Ja und nein. Sie wirkt, aber sie wirkt zu spät. Und die Tatsache, dass jetzt wieder die statistische Kaffeesatzleserei beginnt, zeigt das Kernproblem: Dem BAföG fehlt ein verlässlicher Mechanismus. Die Bedarfssätze und Freibeträge müssen, da sind sich die meisten Experten einig, endlich an den Inflationsindex gekoppelt werden, so dass sie künftig automatisch der Preisentwicklung folgen. Auch das Studentenwerk erhebt diese Forderung seit langem. Generalsekretär Meyer auf der Heyde: "Eine Erhöhung im Jahr 2010, eine weitere Erhöhung im Jahr 2016: Das ist zu wenig."

 

Kurzfristig wäre die Kopplung an die Inflation womöglich etwas teurer, langfristig gesehen aber müssen die BAföG-Ausgaben ohnehin Schritt halten mit dem Bedarf der Schüler und Studenten. Und die Bildungsministerin wäre endlich die undankbare Rolle los, dass sie jedes Mal erst beim Finanzminister Geld freikämpfen muss, um anschließend zu hören: Reicht nicht, wirkt nicht. 

 

Warum es diese Automatismus dann nicht längst gibt? Weil dann noch mehr Geld wie von selbst aus dem Bundeshaushalt abfließen würde, also weniger Verfügungsmasse für aktive Politik. Was Politiker naturgemäß nicht so schätzen. 

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Wir sollten uns über ungewöhnliche Studiengänge freuen, anstatt sie als "Moden" abzutun

Die Bologna-Reform hat Menschen zu akademischer Bildung verholfen, denen der Zugang zuvor versperrt war – dank neuartiger Studienangebote. Ein Replik auf Michael Kretschmer von Barbara Veltjens.

Foto: Woodrow Blettel: "Outdoor Lecture", CC BY-NC-SA 2.0

"WEITER JA, ABER ANDERS", lautet der Titel des Blogbeitrages von Michael Kretschmer (CDU), der Bund und Länder auffordert, sich weiter für den Ausbau der Hochschul- und Universitären Kapazitäten einzusetzen und dabei besonders die Lehrqualität in den Blick zu nehmen. Er geht davon aus, dass viele junge Menschen nach wie vor eine berufliche Tätigkeit "außerhalb des Wissenschaftssystems" anstreben und kündigt für die neue Wahlperiode an, daran mitzuarbeiten, "attraktive Ausbildungs- und Studienangebote für die jungen Menschen [zu] unterbreiten." Ziel ist es für ihn, "das Erfolgsmodell Fachhochschule […] genauso aus[zu]bauen wie das duale Studium, das durch die studienbegleitende Ausbildung und die guten Übernahmechancen in den beteiligten Unternehmen für viele Absolventen besonders attraktiv ist." Im selben Beitrag resümiert Kretschmer, dass er dazu beitragen möchte, dem Trend zu immer mehr Studiengängen ("vermeintlich neue Moden") bei gleichzeitig schlechten Betreuungsverhältnissen sowie alarmierend hohen Zahlen von Studienabbrechern, wirkungsvoll entgegen zu treten. Kretschmer stellt fest, dass eine konsequente Kompetenzorientierung der richtige Weg ist. 

 

Seine Argumentation ist allerdings an entscheidender Stelle widersprüchlich. Es passt nicht zusammen, praxisnahe und duale Studiengänge, insbesondere an Fachhochschulen, fördern zu wollen und gleichzeitig innovative Studiengänge als "neue Moden" abzutun. Zudem ist es verwirrend, zutreffend einen Ist-Stand beschreiben (zunehmend schlechte Betreuungsverhältnisse, Problem mit der Lehrqualität, hohe Studienabbrecherquoten) und die beschriebenen Mängel ausgerechnet mit denjenigen Studiengängen in Verbindung zu bringen, bei welchen sie in aller Regel gerade nicht vorzufinden sind. Im Gegenteil, typisch für die "neuen Moden" sind neben den dualen Studiengangskonzepten, dass es weder große Hörsäle noch schlechte Betreuungsverhältnisse gibt. Die Lehrqualität dieser Studiengänge leidet in der Realität eher daran, dass die Lehrenden zuvor in der Praxis gearbeitet haben und sich den Hochschulanforderungen zunächst neu stellen müssen. Das kann in der Tat dauern, wird aber vielerorts mit Bravour bewältigt. >>



Vor allem Fachhochschulen, auch private, nehmen die Herausforderungen im Zuge der Bologna-Reform an und orientieren sich an den Erfordernissen kompetenzbasierter Lehre. Insbesondere für die privaten Anbieter gilt, dass sie maßgeblich duale wie berufsbegleitende Studiengänge anbieten, die sich selbstverständlich an den Bedarfen der Industrie, Wirtschaft und Gesellschaft ausrichten müssen, da sie sonst nicht existieren könnten. Dafür kooperieren die Hochschulen mit den genannten Sektoren und sorgen so für innovative und anwendungsbezogene Lehre wie Forschung, häufig in vielen bemerkenswerten regionalen Projekten, aber auch überregional. 

 

Ob an privaten oder an staatlichen Hochschulen: Die Studierenden berufsbegleitender oder dualer Studiengänge bringen ihre Arbeitgeber bereits mit oder lernen sie ebenso häufig während ihres Studiums kennen. Die meisten Absolventen und Absolventinnen werden also von den Hochschulen gar nicht erst auf einen Arbeitsmarkt entlassen, da sie bereits Teil dieses Marktes sind. Gerade duale Studiengänge halten daher ein Betreuungsverhältnis vor, in welchem die Kooperationspartner aus der Praxis genauso mit einbezogen werden (müssen) wie die Studierenden selbst. Dank Bologna ist es (Fach-)Hochschulen darüber hinaus möglich, gerade denjenigen Bewerberinnen und Bewerbern einen Zugang zu einer akademisierten Ausbildung zu ermöglichen, denen diese vor der Reform weitgehend versagt war. 

 

Um all dies zu leisten, ist vor allem Mut notwendig: Mut zur Innovation und Ungewohntem – und ja, auch der Mut, irren zu können (woraus in der Regel die Schließung eines Studiengangs folgt, der sich als nicht erfolgreich erweist). Die Vorwegnahme wirtschaftlich-technologischer oder beispielsweise gesundheitspolitischer Zukunftsthemen macht es schlicht erforderlich, dass sich jemand traut, die dazu passenden neuen Studienangebote zu entwickeln. Alte Berufsbilder erhalten einen Qualitätsschub, indem sie akademisiert werden. Neue Berufsbilder werden geschaffen, um einem erst durch den technologischen Fortschritt oder gesellschaftliche Veränderungen entstandenen Dienstleistungsbedarf zu begegnen. Das gilt nicht nur für die Pflegeberufe oder das in Deutschland gänzlich neue Berufsbild des Physician Assistance, welches etwa in den USA bereits seit den 60er Jahren einen maßgeblichen Beitrag zur Gesundheitsversorgung leistet. Ein weiteres Beispiel ist die dringliche Akademisierung und Kompetenzerweiterung der Zahntechnik in neuen Studiengängen, die zum neuen Berufsbild Digitale Dentale Technologie führen.              

 

Praxisintegrierende, duale Studiengänge fördern, um gute berufliche Chancen anzubieten, aber gleichzeitig die Innovationen begrenzen wollen, – das kann nicht funktionieren. Dass der Hochschulpakt Abbrecherquoten berücksichtigt, um die Qualität und Sinnhaftigkeit eines Studiengangs zu beurteilen, ist ein guter Schritt. Abbrecherquoten aber linear auf eine vermeintliche "Unübersichtlichkeit" von Studienangeboten oder einen fehlenden "Bedarf" zurückzuführen, halte ich vor dem geschilderten Hintergrund für gefährlich, weil unter Umständen innovationshemmend. Vielmehr zeigen Studien: Bricht jemand ein Studium ab, hat das eher etwas mit seiner oder ihrer mangelnden Integration in die Hochschule im Sinne eines (persönlichen) Ankommens zu tun.    

 

Michael Kretschmer setzt sich dafür ein, die "Berufsorientierung signifikant ausbauen" und die Kompetenzorientierung im Studium zu stärken. Das ist überaus begrüßenswert. Allerdings wird er hierfür vermutlich noch viel innerparteiliche, hochschulpolitische und universitäre Überzeugungsarbeit leisten müssen, wie etwa der Artikel von Thomas Thiel am 12. Juli in der FAZ eindrucksvoll zeigt. Dort kann man nachlesen, wie die Bologna-Studienreform und die damit einhergehende Kompetenzorientierung immer noch als "bildungspolitischer Sündenfall" beschrieben wird, der mit einem "gerasterten Menschenbild" zusammenhänge und somit einem "grundgesetzlichen Freiheitsverständnis" zuwiderlaufe. 

 

Angesichts solch tiefgreifender Sorgen bleibt ein Gefühl erstaunter Amüsiertheit nicht ganz aus. Ich für meinen Teil habe diesen Sündenfall der Bildungspolitik im Hochschulalltag bislang nicht finden können. Vielmehr erlebe ich nahezu täglich wunderbare und höchst individuelle Bildungsgeschichten und Lernereignisse, die vor allem jenen nützen, die vor noch nicht allzu langer Zeit mehr oder weniger ausgeschlossen waren von qualitätsvoller Hochschulbildung. Und genau diese verdanken wir gerade auch den so genannten "neuen Moden"!

 

Barbara Veltjens ist Professorin für Pädagogik und Vizepräsidentin für Studium und Lehre an der praxisHochschule.

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Blick zurück (2)

Seit 20 Jahren beschäftigte ich mich mit Hochschulen, Bildung und Wissenschaft. Viel ist passiert in dieser Zeit, vieles davon durfte ich als Journalist begleiten. Der Blick zurück zeigt, wie aktuell einige meiner Themen von einst geblieben sind – obwohl sich fast alles verändert hat. Machmal allerdings auch, weil sich fast gar nichts verändert hat. Der zweite Teil einer neuen Serie.

Campus

Erst pauken, dann Party

An Deutschlands Hochschulen bahnt sich eine Kulturrevolution an: Studieren wird zum bloßen Zwischenstopp auf dem Weg nach oben.

(erschienen in der ZEIT vom 06. Mai 2004)

 

NOCH LEISTET SICH Deutschland Studenten, die so alt sind wie fast nirgendwo sonst auf der Welt: Im Jahr 2002 lag das Durchschnittsalter hiesiger Universitätsabsolventen bei 28,9 Jahren, wobei sie im Westen traditionell noch älter sind als im Osten. Und 28,9 ist schon ein Fortschritt, 1996 war der typische Absolvent mehr als 30 Jahre alt. Immerhin: Auch die Studienanfänger sind seit 1996 um ein halbes Jahr jünger geworden. Jetzt sind sie im Schnitt 21,6. In ein paar Jahren könnten 18-jährige Erstsemestler an Hochschulen zum Alltag gehören, genauso wie 21 oder 22 Jahre alte Absolventen. Ein Verjüngungseffekt deutet sich an, der in diesem Ausmaß sogar Bildungsexperten überrascht; ein Verjüngungseffekt, der auch noch einhergeht mit einem ungekannten Ehrgeiz der neuen Studenten. Am Ende könnten die 28-Jährigen auf dem Campus die Exoten sein.

"Wir haben einen klaren gesellschaftlichen Trend", sagt der Hochschulforscher Tino Bargel von der Universität Konstanz. "Alle wollen jüngere Studenten." Und werden sie wohl auch bekommen, denn gleich eine Reihe von Stellschrauben wurden angezogen, um den Start ins Studium und letztlich ins Berufsleben vorzuverlegen: Die meisten Bundesländer werden bis 2010 die Regelschulzeit bis zum Abitur auf zwölf Jahre zurückgeführt haben.

 

Immer mehr Landesregierungen schieben zudem die Einschulung nach vorn. Spitzenreiter ist derzeit Berlin, wo die Schulpflicht künftig mit fünfeinhalb beginnt. Auch die Verkürzung von Wehr- und Zivildienst um insgesamt ein halbes Jahr seit der Wiedervereinigung beschleunigt den Start ins Studium. Dazu kommt die laut Hochschulinformationssystem (HIS) in Hannover seit kurzem wieder deutlich nachlassende Neigung von Abiturienten, vor dem Studium eine Lehre zu absolvieren.

 

All das wird künftigen Erstsemestlern einen Vorsprung von bis zu zwei Jahren im Vergleich zu früheren Studentengenerationen bescheren – ein enormer Sprung. Doch nicht nur das Alter der Einsteiger geht zurück, auch die Studiendauer und die gerade in den Geisteswissenschaften enorm hohe Abbrecherquote dürften abnehmen, und das nicht nur wegen der in einigen Bundesländern eingeführten Gebühren für Langzeitstudierende.

 

Viel grundlegender wird sich die europaweite Harmonisierung der Abschlüsse auswirken: Bis 2010 will Deutschland alle Studiengänge auf Bachelor und Master umstellen. Die sind deutlich strukturierter und ermöglichen eine verbesserte Leistungskontrolle. Bachelor-Studenten müssen an der Universität Erfurt zum Beispiel jedes Semester ihre Kurswahl von einem Professor, ihrem Mentor, abzeichnen lassen, und sollten sie doch einmal hinterm Zeitplan zurückbleiben, werden sie garantiert kommen, die bohrenden Fragen, was denn los sei mit ihnen.

 

In Erfurt ist durch die neue Studienstruktur schon heute sichtbar, was bislang nur einigen Bildungswissenschaftlern bewusst war: Das sinkende Alter der Studenten, verbunden mit den neuen, gestuften Studienabschlüssen, wird die in Jahrzehnten gewachsene Studentenkultur der Bundesrepublik mit ihrem Hang zur Gemächlichkeit nachhaltig verändern.

 

Bislang sei das Ende des Studiums oft nicht mehr als ein weit entferntes Ereignis gewesen, das wenig mit dem täglichen Leben zu tun hatte, sagt Klaus Schnitzer vom HIS. Wenn es nun realistisch werde, mit 22 oder 23 die Universität zu verlassen, dann schaffe das einen enormen Anreiz, effizient zu studieren. "Das Studium wird in Zukunft eine Art Zwischenstopp werden auf dem Weg zum Erwachsenwerden", folgert Schnitzer. "Immer weniger Studenten werden versuchen, daraus eine eigene, zehnjährige Lebensphase zu machen." Junge Menschen um die 20 seien noch eher zum Verzicht bereit, brauchten nicht unbedingt eine eigene Wohnung, den teuren Urlaub oder ein Auto – alles Dinge, die jenseits der 25 eine immer größere Rolle spielen, die Studenten immer mehr jobben lassen und damit ihr Studium automatisch in die Länge ziehen. "In Zukunft werden die Leute schon arbeiten, bis sie dieses Stadium erreichen. Damit haben wir eine Menge Probleme weniger."

 

Die durchstrukturierten neuen Studiengänge passen exakt zu dieser veränderten Lebenseinstellung jüngerer Studenten – im Gegensatz zu dem in den Geisteswissenschaften immer noch vorherrschenden Humboldtschen Leitbild eines selbstbestimmten Studentenlebens. "Es gibt 18Jährige, die können sehr selbstgesteuert lernen", sagt der deutsche Bildungsforscher Kai S. Cortina, der an der Universität von Michigan (USA) lehrt. "Doch im Schnitt werden weniger Studenten mit dem liberalen Studium zurechtkommen." Die meisten wollen stattdessen, dass ihnen jemand sagt, wo es langgeht; erst recht, falls das Studium in Zukunft Geld kosten sollte. Sie erwarten persönliche Betreuung und genaue Kriterien, an die sie sich halten können – so, wie sie es aus der Schule gewohnt sind. Eine ungewohnte Aufgabe für Professoren, die bislang oft nur wenige ihrer Studenten persönlich kannten und selten Rechenschaft ablegen mussten über die Kriterien ihrer Benotung. Doch die neuen Studiengänge mit ihren Mentorenmodellen und Credits statt Scheinen lassen ihnen ohnehin keine Wahl.

 

"Freizeitorientierte Schonhaltung"
statt linken Bildungsideals

 

Für die meisten Experten ist die zunehmende Leistungsorientierung der Studenten dabei mehr als eine Alterserscheinung. "Nach einer längeren Dominanz liberaler Auffassungen nähert sich unser Bildungssystem jetzt realistischeren Erwartungen", sagt etwa Rainer Lehmann von der Berliner Humboldt-Universität. Der Hochschulforscher Tino Bargel nennt dies den Sieg des "bürgerlichen Effizienzmodells". Was bedeutet, dass das Studium insgesamt einem Job ähnlicher wird. Bislang, auch das belegen Milieustudien, war das Studentendasein häufig mehr ein Lebensgefühl, bei dem Arbeit und Hobby nicht zu trennen waren – auch wenn die Hochphase der debattierenden Müsli-Studenten schon lange vor der derzeitigen Studienstrukturreform vorbei war. "Ich erwarte, dass wir eine mehr freizeitorientierte Schonhaltung unter Studenten bekommen", sagt Kai S. Cortina. Soll heißen: Büffeln für die Prüfungen, und der Rest ist Party. "Das ist der Antityp zum linken Bildungsideal."

 

Cortina kann seine Prognose aus der täglichen Erfahrung als Hochschullehrer ableiten. In den USA und anderen Ländern ist längst Normalfall, was Forscher in Deutschland als Ansätze einer neuen Studentenkultur beschreiben: Die Mehrheit der amerikanischen Studenten ist zwischen 18 und 22 Jahre alt, lebt in Wohnheimen statt in der eigenen Wohnung und schafft die Regelstudienzeit. Angesichts der Altersentwicklung rechnen mittlerweile auch die deutschen Studentenwerke mit einem spürbaren Anstieg der Nachfrage nach Wohnheimen. Die berüchtigten Alkoholexzesse amerikanischer Studenten, da sind sich die Experten einig, werden deutschen Hochschulen aber wohl erspart bleiben, hat das Ausflippen der jungen College-Studenten doch mehr mit ihrem überstrengen Elternhaus zu tun.

 

Auch wenn die Studentenaktivisten vom Freien Zusammenschluss von StudentInnenschaften den Trend zu jüngeren und erfolgsorientierteren Studenten als gefährlich bezeichnen und mehr stromlinienförmige Absolventen erwarten, die sich keine Gedanken mehr um die gesellschaftlichen Folgen ihres Handelns machen, das Absägen der Alterspyramide an deutschen Hochschulen könnte eine Erfolgsgeschichte werden. "Wenn deutsche und französische Studenten sich in Zukunft treffen, dann wird es nicht mehr so sein, als ob Erwachsene mit Kindern reden", sagt Dieter Lenzen, Präsident der Freien Universität in Berlin.

 

Eine bessere Betreuung der
Studenten gibt es nicht umsonst

 

Einer Illusion sollten sich Bildungspolitiker allerdings nicht hingeben: Billig wird sie nicht, die Reform der Studiengänge hin zu mehr Effizienz und die damit verbundene Ausrichtung der Hochschulen auf jüngere Studenten. Und der große Umbau fängt gerade erst an: Bislang studieren nur wenige deutsche Studenten in Bachelor- oder Master-Studiengängen. "Die Frage wird sein", sagt Stefanie Schwarz-Hahn vom Wissenschaftlichen Zentrum für Berufs- und Hochschulforschung, "wie kriegen wir den Wechsel in den Massenstudiengängen hin?" Die Antwort: Vor allem mit einer besseren Betreuungsquote gerade an den überfüllten westdeutschen Massenuniversitäten. Und die gibt es nur über eine bessere finanzielle Ausstattung der Hochschulen. Ansonsten könnten die Verjüngungseffekte verpuffen, und das Langzeitstudium bliebe die Regel.

 

Foto: CollegeDegrees360: College Students, CC BY-SA 2.0

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Darf's ein bisschen mehr sein?

Privatschulen dürfen sehr wohl exorbitante Schulgelder verlangen, solange der Einstieg sozial verträglich gestaltet ist, sagt die Verfassungsrechtlerin Frauke Brosius-Gersdorf und widerspricht einer heftig diskutierten WZB-Studie. Allerdings gibt es auch Gemeinsamkeiten in den Einschätzungen.

DER VERBAND DEUTSCHER PRIVATSCHULVERBÄNDE (VDP) hat als erste Reaktion eine geradezu euphorische Pressemitteilung verschickt. "Dieses Gutachten gibt den Privatschulen endlich Rechtssicherheit!", kann man da nachlesen. Gemeint ist die Studie der Verfassungsrechtlerin Frauke Brosius-Gersdorf, die die FDP-nahe Friedrich-Naumann-Stiftung gestern veröffentlicht hat. "Das missverstandene Sonderungsverbot für private Ersatzschulen", lautet der Titel, und die Kernbotschaft lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) hat Unrecht. Dessen "Vorschläge und Forderungen", so der VDP, stünden nicht im Einklang mit dem Grundgesetz.

 

Was insofern eine fast schon amüsante Retourkutsche ist, weil erst vor wenigen Wochen WZB-Forscher vielen Privatschulen vorgeworfen hatten, mit ihrer Schulgeldpraxis gegen das Grundgesetz zu verstoßen. Die Hauptverantwortung liege aber bei der Politik, so schrieben Michael Wrase, Laura Jung und Marcel Helbig in einem so genannten "Discussion Paper", da die zuständigen Stellen in den meisten Bundesländern weder eindeutige Vorgaben zum Schulgeld machten noch die Einhaltung dieser Vorgaben dann überwachten. Bezogen etwa auf Berlin folgerten die Forscher: "Wir haben es in diesem Fall mit einem Kontrollversagen seitens der Berliner Senatsverwaltung zu tun.“

Und nun also der Konter der Privatschulen oder genauer: der Friedrich-Naumann-Stiftung. Wobei auch das nicht ganz richtig ist, denn so schnell arbeiten selbst Juristen nicht. Tatsächlich bezieht sich Brosius-Gersdorf, Professorin für Öffentliches Recht an der Universität Hannover, vor allem auf die Vorgänger-Veröffentlichung des aktuellen WZB-Discussion Papers, das vergangenen Herbst erschienen war und nicht weniger Aufsehen verursacht hatte. 

 

Brosius-Gersdorf sagt: Die WZB-Forscher lägen an mehreren Stellen falsch, mehr noch: Ihre Schlussfolgerungen beruhten "auf einer fundamentalen Fehlinterpretation" der Verfassung. So bestimme der Grundgesetz-Artikel 7 zwar, dass Privatschulen sich ihre Schüler nicht nach den Besitzverhältnissen ihrer Eltern aussuchen dürfen, doch folge daraus weder ein durchschnittliches Schuldgeld (Wrase, der ebenfalls Professor für Öffentliches Recht ist, & CO hatten 160 Euro pro Monat als rechtlich abgesicherte Größe genannt), noch müsse die Schülerschaft an Privatschulen deshalb in ihrer sozialen Zusammensetzung eins zu eins derjenigen an staatlichen Schulen entsprechen. Zitat: "Das Sonderungsverbot verpflichtet nicht dazu, in der Lebenswirklichkeit bestehende faktische Ungleichheiten auszugleichen." Anders formuliert: Soziale Ungleichheit und ungleiche Bildungschancen bestünden unabhängig von Privatschulen, diese könnten und müssten sie deshalb auch nicht beheben. 

 

Bei den Ländern hingegen sieht Brosius-Gersdorf eine eindeutige Pflicht: Sie müssten die Privatschulen besser finanziell fördern, damit die wiederum ihre Schulgelder niedrig halten und nicht gegen das Sonderungsverbot verstoßen.

 

Zieht man das Getöse ab, zeigt sich allerdings, dass sich Brosius-Gersdorf auf der einen und Wrase, Jung und Helbig auf der anderen Seite in einem entscheidenden Punkt einig sind: Die Privatschulen haben die Pflicht, Kindern aus armen Familien den gleichen Zugang zu ermöglichen wie Kindern aus wohlhabenden Familien. Was sie, wie die WZB-Forscher anhand der Mindestschulgeld-Praxis Berliner Privatschulen nachgewiesen haben, in vielen Fällen nicht tun.

 

Laut Brosius-Gersdorf ist der Verfassung mit einem Schulgeldmodell genüge getan, dass einen einheitlichen Betrag für alle vorsieht, solange der bis zu einer gewissen Einkommenshöhe der Eltern vollständig erlassen wird – und zwar grundsätzlich, nicht in Form einer begrenzten Zahl von Stipendien. Erlaubt ist auch, dass das Schulgeld für alle so niedrig ist, dass gar keine Befreiung nötig ist, wobei das praktisch auf eine Rechnung von 0 Euro hinauslaufen dürfte. In der Mehrheit der Fälle indes werden zulässige Modelle Stufenregelungen aufweisen, und hier sagt auch auch Brosius-Gersdorf, dass der Staat Vorgaben machen dürfe:  "Bei der Festlegung der Einkommens- und Vermögensgruppen und der jeweiligen Schulgeldhöhe steht dem Gesetzgeber bzw. der Verwaltung (...) ein Einschätzungsspielraum zu." Nur dort, wo diese Festlegung fehlt, liegt die Gestaltung im Ermessen der Schulen. Zudem müsse die Verwaltung "die Auswirkungen der Schulgeldregelung auf die Praxis fortlaufend dahingehend beobachten, ob sich seine Annahmen als zutreffend erweisen: Zeigen sich den Anforderungen des Sonderungsverbots zuwiderlaufende Entwicklungen, ist nachzubessern."

 

Eine persönliche Anmerkung zum Schluss: Die Forderung des WZB nach einem maximalen durchschnittlichen Schulgeld habe ich von Anfang an nicht richtig verstanden. Die Offenheit des Zugangs entscheidet sich allein beim Mindestschulgeld bzw. bei den eindeutigen Regeln zur Befreiung von Gebühren. Man könnte sogar argumentieren: Je steiler die Schulgeldkurve bei zunehmenden Einkommen verläuft, desto besser ist das für die Chancengerechtigkeit – weil die Schule dann mehr Geld hat, in qualitativ hochwertige Angebote für alle zu investieren. Entscheidend ist und bleibt, dass die Schulgeldordnungen transparent sind und dass die Privatschulen sich mit einer regelmäßigen Kontrolle dieser Ordnungen konfrontiert sehen. Womit Wrase und seine Kollegen doch auch wieder Recht haben: Die größten Versäumnisse in der Vergangenheit lagen beim Staat, und der Staat muss besser regeln und kontrollieren. 

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"Man fragt sich: Wieso wird dem überhaupt nachgegangen?"

Die Leibniz-Preisträgerin Britta Nestler berichtet von ihren Monaten unter falschem Verdacht und fordert Konsequenzen für den Umgang mit anonymen Whistleblowern.

Die nachgeholte Preisverleihung am 04. Juli im Festsaal der Leopoldina in Halle. Links DFG-Präsident Strohschneider, rechts Bundesforschungsministerin Wanka. In der Mitte: Britta Nestler. Foto: DFG/Falk Wenzel
Die nachgeholte Preisverleihung am 04. Juli im Festsaal der Leopoldina in Halle. Links DFG-Präsident Strohschneider, rechts Bundesforschungsministerin Wanka. In der Mitte: Britta Nestler. Foto: DFG/Falk Wenzel

VOR VIER WOCHEN hat die Karlsruher Materialforscherin Britta Nestler mit fast viermonatiger Verspätung den Leibniz-Preis erhalten, nachdem sich die gegen sie anonym erhobenen Anschuldigungen wissenschaftlichen Fehlverhaltens als falsch erwiesen hatten. "Der bittere Preis der Integrität", hatte ich daraufhin geschrieben, und ein Kollege von Nestler, Peter Gumbsch, forderte in einer Replik auf meinen Kommentar, die Wissenschaft braucht einen Kodex für den Umgang mit anonymen Anschuldigungen.

 

Spätestens seitdem hat fast jeder, mit dem man über Nestlers Fall redet, gute Ideen, was sich aus ihm lernen ließe. Zum Beispiel, dass endlich die nationale Plattform zum Umgang mit wissenschaftlichem Fehlverhalten kommen müsse, die der Wissenschaftsrat 2015 gefordert hatte, um Ermittlungen bundesweit zu dokumentieren und den Umgang mit Vorwürfen zu standardisieren. Ausgerechnet jetzt wurde jedoch bekannt, dass die Allianz der Wissenschaftsorganisationen einer solchen Plattform eine Absage erteilt hat, wie vergangenen Donnerstag meine Kollegin Christine Prußky in der ZEIT berichtete. Man sehe keinen "klaren Mehrwert", erklärte Helmholtz-Präsident Otmar D. Wiestler, zurzeit Sprecher der Allianz. 

 

Andere meinen, es wäre besser, wenn die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) jetzt ihre gesamten Ermittlungsergebnisse in Sachen Britta Nestler öffentlich machen würde, schon um der Beschuldigten willen. Sagt zum Beispiel die Berliner Informatikprofessorin Debora Weber-Wulff, a.k.a. "WiseWoman", eine aktive Mitarbeiter von VroniPlag Wiki, das schon zahlreiche Plagiatsfälle dokumentiert hat. Weber-Wulff meint, dass das deutsche Wissenschaftssystem immer noch an zu wenig Transparenz leide, was Plagiate begünstige. 

 

Doch was sagt Britta Nestler selbst? Ich habe sie gefragt. Am schlimmsten, sagt sie, sei das Gefühl der Machtlosigkeit gewesen, nachdem die Preisverleihung an sie ausgesetzt worden war und der zuständige DFG-Ausschuss seine Ermittlungen aufgenommen hatte. „Man weiß, man ist unschuldig, und doch traut man dem System nicht. Man fragt sich: Wieso wird dem überhaupt nachgegangen?“

 

Über die Vorwürfe, die der namenlose Tippgeber am Freitag vor der Preisverleihung an die DFG schickte, will Nestler nicht im Einzelnen reden, nur dass sie bis 1999 zurückreichen. Die jüngsten beziehen sich auf 2013. Klar ist: Der Verleumder verfolgt ihre Arbeit und die ihrer Forschergruppe seit langem. Der Stoß Papier, den er an die DFG schickte, umfasste offenbar hunderte Seiten inklusive zahlreicher Anlagen. 

 

DFG-Generalsekretärin Dorothee Dzwonnek, die dem Ausschuss zur "Untersuchung von Vorwürfen wissenschaftlichen Fehlverhaltens“ vorsitzt, sagt, irgendwann habe sie selbst ein Verdacht beschlichen: Da versteckt sich jemand hinter dem Anschein eines Whistleblowers, um sich zu rächen. „Das war ein ungutes Gefühl. Man ahnt etwas und kann doch nichts tun.“ Nichts tun, weil die Vorwürfe so konkret und sachlich vorgetragen gewesen seien, versehen mit konkreten Hintergrundwissen über Abläufe und Verfahren an Nestlers Institut, "um eine Untersuchung gemäß unseren Senatsrichtlinien zwingend zu machen.“

 

Eine unmögliche Situation für die zu Unrecht Beschuldigte, aber auch eine unmögliche Situation für die DFG. Also kann man doch nichts lernen, musste alles so laufen, wie es gelaufen ist? Nicht ganz, sagt Britta Nestler: „Die DFG lässt immer noch anonyme Hinweise zu. Das muss aufhören.“ 

 

Dass man anonymen Whistleblowern überhaupt Gehör schenke, entgegnet, Dorothee Dzwonnek, sei die Reaktion auf eine Reihe von Fällen, in denen „Menschen in gutem Glauben und zum Wohl der Wissenschaft Hinweise gegeben haben und als Folge persönliche Nachteile erlitten.“ Trotzdem müsse die DFG über Konsequenzen nachdenken.

 

Über welche genau, habe ich gestern in meinem Artikel über den Fall Nestler in der Süddeutschen Zeitung aufgeschrieben. Dort schildere ich auch im Detail, was sich zwischen dem Eingang des anonymen Schreibens in der Bonner DFG-Geschäftsstelle und der Absage der Preisverleihung an Nestler zugetragen hat. Und ich berichte, was Generalsekretärin Dzwonnek zu dem Einwand Weber-Wulffs sagt, die DFG hätte die Ehrung durchziehen, ermitteln und erst bei Bestätigung der Vorwürfe den Preis gegebenenfalls zurückzuziehen müssen.

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Die Mediziner müssen springen

Seit anderthalb Jahrzehnten sperrt sich die Universitätsmedizin gegen eine tiefgreifende Reform der Promotion – und damit gegen das Votum fast aller Experten. Schluss damit.

Foto: Maxpixel, CC0
Foto: Maxpixel, CC0

WENN ES EINEN Titel gibt, der einer ganzen Berufsgruppe ihre Aura verleiht, dann ist das der „Dr. med.“ Kommt der „Herr Doktor“, stehen vielerorts immer noch die Patienten stramm. Zwei Drittel der angehenden Ärzte promovieren, fast jede vierte Promotion geht aufs Konto der Mediziner. 

 

Wenn es einen Doktortitel gibt, der die Sinnkrise des deutschen Promotionswesens in einer geradezu absurden Überspitzung in sich trägt, dann ist allerdings auch das der „Dr. med.“. Häufig ist die dazu gehörige Dissertationsschrift nur ein paar Dutzend Seiten lang, zum großen Teil entstanden in wenigen Monaten parallel zum Studium. Allzu viele Arbeiten kratzen folglich wissenschaftlich an der Oberfläche, bestenfalls. Umso produktiver erweisen sich die Mediziner in anderer Hinsicht: Von insgesamt 183 auf der Plattform VroniPlag Wiki dokumentierten Plagiatsfällen bei Dissertationen und Habilitationen stammen 100 aus der Medizin oder Zahnmedizin. >>



>> Wem das noch nicht erstaunlich genug ist: Der Europäische Forschungsrat hält den „Dr. med“ für so minderwertig, dass der Titel allein nicht zur Teilnahme an seinen Förderprogrammen berechtigt. Der Wissenschaftsrat, das wichtigste wissenschaftspolitische Beratungsgremium von Bund und Ländern, drängt seit 13 (!) Jahren auf ein Ende der Dünnbrettbohrerei: Den echten Doktor sollten nur noch diejenigen Absolventen bekommen, die eine echte, mehrjährige Forschungsleistung vorweisen können, die übrigen eine Art Berufsdoktorat, etwa mit der Bezeichnung „Medizinischer Doktor“ (MD). Vergangene Woche meldeten sich auch die Wissenschaftsakademien zu Wort und forderten dieselbe „tiefgreifende Reform“, möglichst in einer Verschränkung von Doktorarbeit und Facharztausbildung. 

 

Und was macht der Medizinische Fakultätentag (MFT)? Das, was er immer macht, wenn sich wieder mal ein Expertengremium an ihm die Zähne ausbeißt. Antwortet: Nicht nötig. Wollen wir nicht. 

 

Das Medizinstudium und die folgende Facharztausbildung seien lang genug. Darum müsse es weiter erlaubt sein, im Studium mit dem Promotionsprojekt zu beginnen. Weil der MFT aber selbst weiß, dass das Studiendauer-Argument unter Qualitätsgesichtspunkten etwas schlicht ausfällt, ermutigt er seine Mitglieder demonstrativ, „ausreichende Freiräume und Qualifikationen“ in der zweiten Studienhälfte zu schaffen und flächendeckend strukturierte Promotionsprogramme einzurichten. Und dann schickt der MFT eine Forderung hinterher, die er offenbar für eine Revolution hält: ganze neun Monate reine Forschungszeit pro Doktorarbeit, mindestens. 

 

Am Ende zwei Feststellungen und eine Frage. Erstens: Den meisten Patienten dürfte es egal sein, ob ihr Arzt einen Dr. med. oder "nur" einen MD trägt, solange er sein Handwerk versteht. Zweitens: Solange die Mediziner das Berufsdoktorat ablehnen, leidet nicht nur die Integrität der Wissenschaft als Ganzes, sondern auch die Vielzahl derjenigen Promovenden, die tatsächlich großartige Doktorarbeiten abliefern und dafür einen zweifelhaften Titel bekommen. Drittens: Wann, liebe medizinischen Fakultäten, springt ihr wirklich mal?

 

Dieser Beitrag erschien heute zuerst in meiner Kolumne "Wiarda will's wissen" im Tagesspiegel.

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Jetzt erst recht

Die Kultusminister verteidigen tapfer die Zukunft einer Initiative, die viele von ihnen anfangs gar nicht wollten. Zum Schweigen Wankas kommt jetzt noch ein Offener Brief, der vor synthetischer Beschulung durch den Digitalpakt warnt.

DER POSTEINGANG IM Berliner Sekretariat der Kultusministerkonferenz (KMK) ist derzeit für besondere Überraschungen gut. Ein Brief kam, auf den die Kultusminister lieber verzichtet hätten, und auf einen anderen warten sie bis zum heutigen Tag. 

 

Der Offene Brief, der am 20. Juni einging, trägt als Absender ein "Bündnis für humane Bildung", er ist die aktualisierte Variante einer Online-Petition mit dem Titel "Trojaner aus Berlin: Der Digitalpakt#D", die am 2. November 2016 veröffentlicht wurde und bislang 1680 Unterzeichner fand. Darunter prominente Namen wie der langjährige Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, der Ulmer Psychiater und Neurodidaktiker Manfred Spitzer oder der Mathe-Fachdidaktiker Peter Bender. Initiator der Petition war der Medienwissenschaftler Ralf Lankau von der Hochschule Offenburg, der jetzt auch den Offenen Brief publiziert hat. Überschrift diesmal: "DigitalPakt Schule der Kultusminister: Irrweg der Bildungspolitik". Womit eigentlich schon alles gesagt ist zu seiner Stoßrichtung.

 

Der Brief, auf den die Kultusminister bislang vergeblich warten, ist die Antwort von Bundesforschungsministerin Johanna Wanka (CDU) auf das Schreiben von KMK-Präsidentin Susanne Eisenmann (ebenfalls CDU). Eisenmann, die Kultusministerin in Baden-Württemberg ist, hatte vor drei Wochen in einem unter Parteikolleginnen selten offiziösen Schritt bei Wanka nachgefragt, wann genau diese die Anfang Juni ausgefallene Verabschiedung des gemeinsam ausgehandelten Paktes nachzuholen gedenke. Solange die ausstehe, sehe sie "für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unserer Häuser keine Grundlage für in die Tiefe gehende Erörterungen". Bis heute: keine Erwiderung aus Berlin. "Das lange Schweigen von Bundesministerin Wanka bestätigt unsere schlimmsten Befürchtungen: Sie kann oder will ihr Versprechen offensichtlich nicht halten", sagt Hamburgs Schulsenator Ties Rabe (SPD). "Einen solchen Vorgang habe ich als Kultusminister in meiner sechsjährigem Amtszeit noch nicht erlebt."

 

Seit der geplatzten gemeinsamen Pressekonferenz vor acht Wochen hängt das im vergangenen Herbst von Wanka überraschend angekündigte und in zahlreichen Runden zwischen Bund und Ländern ausgehandelte Fünf-Milliarden-Paket in der Luft. Ein Umstand, den sich das "Bündnis für humane Bildung" nun zu Nutze macht. Ihre Petition hatte in den vergangenen sechs Monaten nur noch gut 100 Unterzeichner hinzugewonnen und drohte in Vergessenheit zu geraten. Bis die Funkstille zwischen KMK und BMBF begann und Ralf Lankau, Manfred Spitzer & Co ihren Brief verschickten. 

 

Die Unterzeichner verweisen auf verschiedene Studien, denen zufolge der Einsatz von Computern und "softwaregesteuerter Unterricht" keinerlei nachweisbaren Nutzen und keine nennenswerten Verbesserungen der Schülerleistungen brächten, teilweise sogar das Gegenteil. Doch offenbar genüge Politikern wie Ties Rabe, dass Digitaltechnik im Unterricht nicht nachweisbar schade.

 

Etwas weiter unten im Text packen die Autoren die ganz große Keule aus: Aus der neurobiologischen Forschung sei bekannt, dass die Nutzung digitaler Medien bei Kindern zu einer Schädigung in der Gehirnentwicklung führen könne. Womit die Briefschreiber freilich noch zurückhaltender formulieren als in ihrer älteren Petition. Dort stand nachzulesen, der Digitalpakt sei "Teil einer Neudefinition von Schule und Unterricht auf dem Weg zu einer zunehmend vollautomatisierten digitalgesteuerten Lernfabrik 4.0. Lehrkräfte werden zu Sozialcoaches und Lernbegleitern degradiert. Statt Unterricht ist die automatisierte Belehrung durch Computerprogramme und Sprachsysteme das Ziel."

 

Es klingt fast wie eine Verschwörung: Ein Kartell aus Politik und Computerindustrie bei der Arbeit – wider besseres Wissen und zum Schaden der Kinder. Man kann sich vorstellen, wie nervös sie in der KMK sein dürften angesichts solcher Argumente, wissen sie doch um die Fangemeinde von Manfred Spitzer unter den Lehrern, sie kennen auch die Zustimmung, die Josef Kraus immer wieder für seine markigen Sprüche erntet. Und dass eine Mehrheit der Pädagogen schon so skeptisch auf den Einsatz digitaler Medien im Unterricht blickt, zeigte 2013 die internationale ICILS-Studie: Damals nutzten nur 34,4 Prozent der deutschen Lehrer Computer regelmäßig im Unterricht. In anderen Ländern müsse sich "kein Lehrer – wie vielerorts in Deutschland noch – rechtfertigen, wenn er Computer im Unterricht einsetzt", sagte die Leiterin der Studie, Birgit Eickelmann, der ZEIT

 

Um auch die finanzpolitische Unsinnigkeit des Unterfangens "Digitalpakt" zu verdeutlichen, fordert das "Bündnis für humane Bildung" zum Nachrechnen auf und beruft sich dabei auf den Bremer Informatiker Andreas Breiter, demzufolge die versprochenen fünf Milliarden Euro ohnehin nur einen Bruchteil der tatsächlich notwendigen Investitionen (zwischen 7 und 35 Prozent) abdecken würden. Die Message könnte eindeutiger nicht sein: So viel Geld, und dann bringt es so wenig: "Durch die Digitalpakte", folgern die Unterzeichner, "werden die Budgets der beteiligten Schulen für Jahre im Voraus für Digitaltechnik verplant – und stehen damit für bewährte, nicht technikbasierte pädagogische Konzepte nicht zur Verfügung." Worauf es ankomme: eine Vielfalt der Unterrichtsmethoden und die "Individualität der Lehrerpersönlichkeiten". 

 

Das Problem: Andreas Breiter ist als Kronzeuge für diese Argumentation denkbar ungeeignet. "Die Autoren haben meine Berechnung nicht richtig verstanden", sagt er. Die von ihm genannte jährlichen Beträge von je nach Schüler-Computer-Relation zwischen 71.715 und 349.087 Euro pro Schule seien die insgesamt nötigen Kosten, und natürlich investierten die Kommunen als Schulträger schon heute eine Menge Geld in die digitale Ausstattung der Schulen. "Wieviel, lässt sich wegen einer fehlenden bundesweiten Erhebung unter Kommunen nicht sagen", sagt Breiter. Doch ganz sicher sei die Finanzierungslücke wesentlich geringer als die im Offenen Brief genannte Summe. "Und in vielen Schulen und Kommunen wird der Digitalpakt in der Lage sein, diese Lücke zu schließen."

 

Auch an anderer Stelle ist die Argumentation der Unterzeichner löchrig: Die OECD-Studie "Students, Computers and Learning: Making the Connection", die in Brief und Petition explizit genannt wird, bezieht sich auf Pisa, und da die internationale Vergleichsstudie Pisa eine Momentaufnahme ist und keine Dauerbeobachtung einzelner Schüler, sind Kausalitäten zwischen den einzelnen Ergebnissen nicht verlässlich abzuleiten. Dass eine häufigere Computernutzung dort zum Beispiel mit schlechteren Leistungen in Mathematik einherging, könnte auch damit zusammenhängen, dass schwächere Schüler häufiger mit digitalen Medien arbeiten, etwa als Teil eines Förder- oder Übungsprogramms.  

 

Von solchen Unschärfen und der offensichtlichen Ironie einer Digital-Petition gegen die Digitalisierung mal abgesehen: Die Kultusminister tun gut daran, Brief und Petition ernst zu nehmen – unabhängig davon, dass der Offene Brief seinerseits bislang nur knapp 900 Unterzeichner gefunden hat. Solange Wankas Antwort aus Berlin ausbleibt, können Szenarien von "automatisierten Lehrfabriken" und zu Computer-Helfern verkümmerten Lehrkräften in den Lehrerkollegien und Schulverwaltungen der Republik umso ungestörter ihre subkutane Wirkung entfalten – erst recht, sobald die Sommerferien zu Ende gehen. 

 

Tatsächlich will die KMK in den nächsten Tagen eine Antwort auf den Offenen Brief losschicken. Mal gucken, was drinsteht. Hamburgs Schulsenator Rabe gibt die Richtung vor: "Trotz großer Publicity ist Spitzers Meinung bis heute eine Einzelmeinung geblieben. Auf die Entscheidung der Länder und der KMK hat die Initiative daher keine Auswirkungen."

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Blick zurück (1)

Seit 20 Jahren beschäftigte ich mich mit Hochschulen, Bildung und Wissenschaft. Viel ist passiert in dieser Zeit, vieles davon durfte ich als Journalist begleiten. Der Blick zurück zeigt, wie aktuell einige meiner Themen von einst geblieben sind – obwohl sich fast alles verändert hat. Machmal allerdings auch, weil sich fast gar nichts verändert hat. Der Beginn einer neuen Serie.


Kapazitätsverordnung

Die fiese Formel

Wie eine alte Verordnung die Hochschulen zum Stillstand verurteilt.

(erschienen in der ZEIT vom 20. September 2007)

JAN-HENDRIK OLBERTZ (CDU), Kultusminister von Sachsen-Anhalt, gilt als einer der versiertesten Bildungspolitiker im Land. Doch wenn das Wort »Kapazitätsverordnung« fällt, wird Olbertz kurz ruhig. Dann sagt er: »Ich will ehrlich sein. Bis in den letzten Winkelzug verstehe ich die auch nicht.« Es ist ein Wortungetüm, dessen bürokratisch-abschreckender Klang noch eine Untertreibung ist für die verworrene Komplexität, die es umschreibt: Die sogenannte KapVO ist ein besonders grausames Relikt der Bildungsexpansion der Siebziger , ein Stück Planwirtschaft, das es bis in die Gegenwart von Exzellenzinitiative und Bologna-Reformgeschafft hat.

 

Sie soll, gespickt mit mathematischen Formeln, festlegen, wie viele Studenten pro Professor jede einzelne Hochschule in Deutschland in jedem ihrer zulassungsbeschränkten Studiengänge aufnehmen muss. Bei ihrer Erwähnung bekommen einige von Olbertz’ Kollegen kalte Füße und stehen für Interviews nicht mehr zur Verfügung. Denn wirklich verstanden hat die KapVO kaum einer, einmal abgesehen von ein paar Ministerialbeamten in jedem Bundesland, die für ihre Ausführung zuständig sind. 

 

Und genau das ist das Problem: Ihre Unverständlichkeit hat die Kapazitätsverordnung lange vor Angriffen geschützt. So konnte sie in aller Ruhe ihre schädliche Wirkung entfalten. Erst recht, seit an fast allen großen Universitäten die Studiengänge so überlaufen sind, dass die Einführung flächendeckender NCs erforderlich war . Christoph Markschies, Präsident der Berliner Humboldt-Universität, sagt: »Die KapVO ist überflüssig. Wenn sie abgeschafft wird, knallen hier die Champagnerkorken.«

Foto: Beispielhafte Kapazitätsberechnung nach KapVO, Screenshot der Website der Universität Mainz: http://www.puc.verwaltung.uni-mainz.de/Illustrationen/Formel_KapR.JPG
Foto: Beispielhafte Kapazitätsberechnung nach KapVO, Screenshot der Website der Universität Mainz: http://www.puc.verwaltung.uni-mainz.de/Illustrationen/Formel_KapR.JPG

Am besten lässt sich das an einem Beispiel nachvollziehen. Man stelle sich das Magisterstudium Germanistik an einer beliebigen deutschen Massen-Uni vor, inklusive überfüllter Hörsäle und überquellender Seminarräume. Am liebsten würde die Uni-Präsidentin einfach 20 Prozent weniger Erstsemester zulassen, doch das darf sie nicht, denn das Wissenschaftsministerium schreibt ihr die Zahl der Studienplätze vor. Um trotzdem auf die berechtigten Proteste der Studenten einzugehen, wagt die Präsidentin den Konflikt und schafft eine neue Germanistikprofessur – auf Kosten der Anglistik, die einen Lehrstuhl verliert. Doch der ganze Ärger ist umsonst, denn jetzt greift die Kapazitätsverordnung: Mehr Germanistikprofessoren bedeuten automatisch mehr Germanistikstudenten, die KapVO legt das so fest – und die Studenten leiden weiter.

 

Markschies spricht von einer »Strangulation der Hochschulen«. Der Hamburger Wissenschaftssenator Jörg Dräger (parteilos) drückt sich nüchterner aus: »Die bundesweit einheitliche Festschreibung von Betreuungsrelationen ist nicht mehr vermittelbar und nicht mehr zeitgemäß.«

 

Denn genau darum ging es bislang: Einheitlichkeit. Das Bundesverfassungsgericht hatte in einem berühmten Urteil vor über drei Jahrzehnten festgestellt, dass prinzipiell jeder Studienbewerber Anspruch auf einen Studienplatz habe. Um diesem Ziel möglichst nahezukommen, entschied das höchste deutsche Gericht, müssten die Hochschulen ihre Kapazitäten voll ausnutzen, und das gehe nur, wenn überall die gleichen Studienbedingungen herrschten und sich keiner auf Kosten der anderen besserstelle. 

 

»Unzulässige Niveaupflege« nannte das Gericht dieses unerwünschte Streben nach Exzellenz, Ausfluss dieser Logik war die Kapazitätsverordnung, auf die sich alle Länder in einem Staatsvertrag einigten. Sie ermöglichte es den Wissenschaftsministern, den Hochschulen haarklein vorzuschreiben, wie viel Studienplätze sie in jedem einzelnen Studiengang vorhalten mussten, mit Hilfe eines Schlüssels, der verbindlich für jede Professorenstelle eine bestimmte Anzahl von Studienplätzen festlegt. Je mehr Stellen, desto mehr Studenten. 

 

Ob dieser Schlüssel, der sogenannte Curricular-Normwert , realistisch war oder nicht, spielte dabei keine Rolle. Vielmehr war die Versuchung groß, in Zeiten leerer Staatskassen und steigender Studentenzahlen so lange an den Normwerten herumzuschrauben, bis rein rechnerisch die größtmögliche Anzahl an Studienplätzen erreicht war. Mit den bekannten Folgen für die Massenuniversitäten.

 

»Es kann nicht länger unser Ziel sein, möglichst viele Studienplätze zu generieren«, sagt die Hamburger Uni-Präsidentin Monika Auweter-Kurtz und spricht damit vielen ihrer Kollegen aus der Seele – auch wenn die gelegentlich davor zurückschrecken, dies öffentlich zu sagen. »Wir müssen möglichst viele hochbegabte Studenten anlocken . Dafür brauchen wir eine bessere Ausstattung pro Student.« Der Druck auf die Hochschulen, die Studienqualität zu erhöhen, ist nochmals gewaltig gewachsen, seit die Umstellung auf die europaweit vergleichbaren Abschlüsse Bachelor und Master in die Endphase geht. Die neuen Studienprogramme funktionieren nur, wenn sich die Betreuungsrelationen entscheidend verbessern und die Hochschulenflexibler auf die Nachfrage reagieren können .

 

Da jedoch nicht mehr Geld von den Finanzministern zu erwarten ist, läuft die Forderung von Auweter-Kurtz und vielen ihrer Kollegen auf eins hinaus: deutlich weniger Studienanfänger . Es wäre die erste Maßnahme, die sie umsetzen würden, sobald das Kapazitätsrecht fiele und sie selbst über die Zahl der Studienplätze entscheiden könnten. Das wissen auch die Wissenschaftsminister. Und halten genau deshalb bislang an der KapVO fest, denn politisch wäre der erhebliche Verlust an Studienplätzen Selbstmord angesichts der großen Abiturjahrgänge, die in den nächsten Jahren aus den Schulen strömen.

 

So kommt es zu einer einzigartigen Kombination ambitionierter Sonntagsreden, in denen Politiker die Unabhängigkeit und Profilbildung der Hochschulen anmahnen mit Fachreferaten, in denen sie Hochschulen Curricular-Normwerte diktieren, die die Mangelwirtschaft der Gegenwart zementieren. »Es gibt da einen Interessenkonflikt«, räumt Dräger ein, und der niedersächsische Wissenschaftsminister Lutz Stratmann (CDU) sagt: »Natürlich können wir die KapVO nicht einfach ersatzlos streichen. Wir müssen etwas an ihre Stelle setzen.«

 

Der Gegensatz zwischen Reformrhetorik einerseits und verschärftem Leinenzwang für die Hochschulen andererseits dürfte selbst dann erhalten bleiben, wenn die Wissenschaftsminister ernst machen und die KapVO beerdigen – wofür sich mittlerweile die Mehrheit von ihnen ausspricht. Denn die zwei derzeit diskutierten Nachfolgemodelle mögen moderner klingen, im Kern zwingen sie die Hochschulen weiter zur Verwaltung des Mangels, anstatt ihnen die Möglichkeit zur Profilbildung einzuräumen. 

 

Besonders gilt dies für das von vielen Ländern favorisierte Bandbreitenmodell, nach dem sich die Hochschulen für jedes Fach innerhalb eines gewissen Spielraums für bessere oder schlechtere Betreuungsrelationen entscheiden können. Grundlage bliebe immer noch der Curricular-Normwert. 

Doch auch bei der zweiten Lösung, dem sogenannten Vereinbarungsmodell, besteht die gewonnene Freiheit hauptsächlich darin, den Schwarzen Peter an die Hochschulen weiterzugeben: Das Vereinbarungsmodell verzichtet zwar gänzlich auf jede Formelberechnung und stellt den Hochschulen für jeden Studiengang die Betreuungsrelation völlig frei. Doch insgesamt dürfen, auf die Fakultät oder Hochschule gerechnet, dabei keine Studienplätze verloren gehen, das fordert die Zielvereinbarung zwischen Uni und Ministerium. »Das hat den Charme, dass Rechtssicherheit herrscht und dieses ständige Reinklagen aufhören würde«, sagt Dräger, der sich bemüht, seinen Ministerkollegen das Vereinbarungsmodell nahezubringen.

 

In der Tat war die Klageindustrie, die sich in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt hat, nur möglich, weil die Studenten aufgrund der KapVO immer noch den Nachweis führen konnten, dass die Normwerte in einem Studienfach nicht stringent durchgehalten wurden – was unter praktischen Gesichtspunkten so gut wie ausgeschlossen ist. Die absurde Folge: Eine Verordnung, die an sich Gleichheit garantieren sollte, erleichterte es gerade den finanzstarken Studienanfängern mit zu schlechter Abi-Note, sich über den teuren Rechtsweg mit fast hundertprozentiger Erfolgschance in NC-beschränkte Studiengänge zu drängeln.

 

Das Vereinbarungsmodell wäre da rechtssicherer. Doch wirkliche Freiheit für die Hochschulen kostet Geld. Oder Studienplätze. Kein Wunder, dass sich die Kapazitätsverordnung in ihrer ganzen Monstrosität so lange hat halten können. Hinter ihren Formeln konnten sich die Wissenschaftsminister hervorragend verstecken. Damit immerhin ist es jetzt vorbei.


Die Kapazitätsverordnung

Um den ersten Studentenberg zu bewältigen, wurden die Länder vom Bundesverfassungsgericht vor über 30 Jahren verpflichtet, Numerus-clausus-beschränkte Studiengänge bis an die Grenze der möglichen Kapazität mit Studenten zu füllen. Der GLEICHBEHANDLUNGSGRUNDSATZ und die Freiheit der Berufswahl, so das Gericht, erforderten zudem bundesweit gleiche Kriterien, damit die Abweisung von Studenten überall auf gleicher Grundlage erfolge. Diese Grundlage war die Kapazitätsverordnung (KapVO), die jedes Bundesland wortgleich erließ. Für jeden Studiengang wird ein verbindlicher Curricular-Normwert (CNW) errechnet, der den

 Betreuungsbedarf oder den Personalaufwand pro Student angibt. Der angenommene Betreuungsbedarf hängt von der Zahl der Vorlesungen, Seminare und Prüfungen ab: je mehr Vorlesungen und je weniger Seminare, desto geringer der Personalaufwand, desto geringer der CNW. Schließlich werden alle zur Verfügung stehenden Deputatsstunden der Lehrenden in dem Studiengang durch den CNW geteilt. Heraus kommt die Zahl der Studienplätze, die besetzt werden müssen. Die zugrunde liegenden mathematischen Formeln sind indes so komplex, dass für Außenstehende jede Transparenz auf der Strecke bleibt.


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Schluss mit dem Fakten-Potenzgehabe!

Auf die Angriffe von außen reagiert die Wissenschaft mit einem Rückfall in den Positivismus. Damit schadet sie sich selbst am meisten. Ein Gastbeitrag von Daniel Hornuff.

Foto: March for Science in Berlin am 22. April 2017 (Heike Mewis)
Foto: March for Science in Berlin am 22. April 2017 (Heike Mewis)

MIT EIN WENIG zeitlicher Distanz zu den hitzig geführten Debatten um das sogenannte Postfaktische – und das angeblich aus ihm erwachsene Zeitalter – zeigt sich: Die Reaktionen der Wissenschaften sind auf manch fatale Weise mit den rechtspopulistisch motivierten Einlassungen verstrickt – keineswegs aus Gründen politischer Sympathie, sondern, im Gegenteil, aufgrund einer zwar progressiv gemeinten, letztlich aber kontraproduktiv vollzogenen Kommunikationspraxis.

So werden einerseits die gesellschaftspolitischen Auswirkungen von „alternative facts“-Einlassungen und „fake news“-Parolen mit großer wissenschaftlicher Sensibilität (etwa aus den Bereichen der Soziologie, Politik- und Medienwissenschaften) beobachtet. Andererseits bleibt weitgehend unreflektiert, wie die akademische Community ihrerseits identitätspolitische Angriffe kontert – wie sie also ihr Metier, das wissenschaftliche Denken, verteidigt und als gesellschaftlich unerlässlich charakterisiert. 

 

Konkreter gefasst, liegen im Grunde zwei entscheidende Fragen vor: Wie reagieren wissenschaftliche Disziplinen analytisch – bezogen auf die Untersuchung aktueller politischer Vorgänge? Und wie reagieren sie strategisch – bezogen auf die gesellschaftliche Sicherung und Verteidigung der akademischen Freiheit? 

 

Die Wissenschaften, so meine Überzeugung, müssen ihre eigene Sache so entschlossen wie lange nicht mehr verteidigen: Wer mit autokratischer Geste den institutionalisierten Wissenschaften grundsätzlich misstraut und sie nicht länger als ebenso gleichberechtigte wie vollgültige Mitglieder im pluralistisch verfassten Gesellschaftssystem akzeptiert, nutzt sein Machtkapital zum Rückbau  der Forschungsfreiheit. Die bestürzenden Vorgänge in der Türkei, Ungarn oder den USA zeigen in drastischer Eindeutigkeit die Notwendigkeit, sich für die gesellschaftlichen Grundlagen der Wissenschaften zu engagieren. 

 

Als katastrophal erweist sich jedoch, dass große Teile der Wissenschaft dazu neigen, auf den Vormarsch des Autoritarismus – und einer in westlichen Gesellschaften sich zeitgleich ausbreitenden Ablehnung wissenschaftlicher Verfahren – mit einer habituellen Monopolisierung des Wissens zu reagieren. Will heißen: Auf die verschwörungstheoretisch grundierte Anrufung der 'alternative facts' wird mit einer nicht minder emphatischen Anrufung der definitiven Fakten, des abschließend Beweisbaren, ja Unbezweifelbaren und damit Letztgültigen reagiert. Die Folge ist die Renaissance eines positivistischen Objektivismus. „Zu Fakten gibt es keine Alternative“, plakatierten Gruppierungen des March for Science erstaunlich selbstgewiss – ein Slogan, der epistemologisch nicht nur unzutreffend ist, sondern aus strategischer Sicht kaum ungeschickter formuliert sein könnte. 

 

„Was Wissenschaft vorführt, sind nicht alternativlose Fakten, sondern alternative Aussagen über jene Fakten, die Wissenschaft stets nur durch die Brille ihrer Theorien, Methoden und Verfahren sehen kann“, mahnt der Münchner Soziologe Armin Nassehi. Nichts anderes als „Wissenschaftskitsch“ werde hingegen produziert, wenn Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler öffentlich so tun, als könnten sie „eine Aussage darüber... treffen, was unabhängig vom Beobachter wirklich der Fall ist.“ 

 

Reproduzieren die Wissenschaften in ihrer öffentlichen Selbstdarstellung solch vorkantianische Behauptungen, verspielen sie ihre Möglichkeiten, einen systematischen Unterschied zu den Kampfinstrumenten der Neuen Rechten herzustellen. Im Gegenteil, sie stärken unfreiwillig die Methoden der politischen Willkür, indem sie sich durch diese in Essentialisierungswettbewerbe ziehen lassen: Wollen wir doch mal schauen, wer am Ende über die faktischeren Fakten verfügt! Trump oder Theorie? 

 

Dass ein solches Potenzgehabe zu Lasten der Wissenschaften geht, ist klar: Ohne echte politische Machtbefugnisse ausgestattet, liefern sie sich mit besten Absichten den denkbar schlechtesten politischen Konzepten aus. Die zur Schau getragene Hands-on-Mentalität der demokratisch legitimierten Autokraten will schon aus Gründen eigener Basisbefriedigungen möglichst rasch Hand anlegen, also ihrerseits Fakten schaffen – und so dem selbsterzeugten Gespenst des Postfaktischen mit der Illusion echter Lösungen begegnen. 

 

Systematisch unterscheidet sich ein wissenschaftliches Denken von identitären Proklamationen einzig dadurch, dass es sein eigenes Können – das, was Wissenschaften strukturell auszeichnet – in die Waagschale wirft. Und das bedeutet: Wir Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler müssen unsererseits öffentlich (!) alles daran setzen, die Feinde des offenen Denkens und die Verkünder letztgültiger Fakten in einen Methodenstreit zu verwickeln. Wie kaum eine andere Interessengruppe sind wir geübt darin, unterschiedlichste Methoden und verschiedenste Denkstile vergleichend zueinander in Beziehung zu setzen. Und nur darum kann es gehen: deutlich zu machen, dass jede Aussage über ein Faktum die kontingente Folge einer gesetzten Prämisse unter Hinzuziehung einer spezifischen Methode ist. 

 

Das klingt, zugegeben, reichlich kompliziert; und doch fürchtet der politische Essentialismus der Neuen Rechten nichts mehr, als eine Beleuchtung seiner wohlweislich verschwiegenen Annahmen und machtbewusst eingesetzten Methoden. Aufklärung, verstanden als generell mühevoller Prozess eines diskursiven Sich-Auseinandersetzens, führt dazu, scheinbar unverrückbare Überzeugungen in eine Nachbarschaft zu anderen, auch konträren Auffassungen zu bringen – mit dem Ziel, absolut gemeinte Aussagen mit der relationalen Verfasstheit der Dinge, Phänomene und Fakten zu konfrontieren. 

 

Dies aber setzt voraus, die vielfach gepflegte Arroganz eines akademischen Faktenglaubens abzustreifen. So wenig es erkenntnistheoretisch jemals genügt hat, sich als Inhaber eines Faktums zu präsentieren, so selbstschädigend erweist sich eine solche Attitüde heute. Nichts sollte uns teurer sein, als das wissenschaftliche Denken zu verteidigen, indem wir mit aller argumentativen Kraft seine spezifischen Möglichkeiten in die gesellschaftspolitische Auseinandersetzung tragen.

 

Daniel Hornuff ist Kunstwissenschaftler an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe. Sein Essay beruht auf einem Vortrag in sieben Thesen, den Hornuff am Zentrum für interdisziplinäre Forschung Bielefeld gehalten hat.  

 

Foto: Heike Mewis: "March for Science Berlin", CC-BY-4.0

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Abschied von "Helmholtz 2020"

Vergangene Woche hat der Wissenschaftsrat seine Empfehlungen zur Zukunft der Zentren für Gesundheitsforschung vorgelegt. Fast beiläufig beendet er damit die jahrelange Debatte um eine Sonderrolle für Helmholtz im Wissenschaftssystem.

Foto: Sitz der Helmholtz-Geschäftsstelle in Berlin. Jörg Zägel: "Spree-Palais", CC BY-SA 3.0

WENN DER WISSENSCHAFTSRAT ein Papier schreibt, ist dessen Tragweite nicht immer auf den ersten Blick erkennbar. Das mag an den sperrigen Titeln liegen, mit denen das wichtigste wissenschaftspolitische Beratungsgremium von Bund und Ländern seine Wortmeldungen versieht. So werden auch die "Empfehlungen zur Weiterentwicklung der Deutschen Zentren für Gesundheitsforschung",  die der Wissenschaftsrat vergangene Woche veröffentlicht hat, bislang nur unter den Medizinern heftig diskutiert. Dabei haben sie eine Bedeutung, die weit über die Fach-Community hinausreicht: Sie markieren das endgültige Ende der 2012 mit viel Aufsehen verkündeten Strategie "Helmholtz 2020". Am wenigsten überrascht davon dürfte die Helmholtz-Gemeinschaft selbst gewesen sein, denn die Geschichte von "Helmholtz 2020" war von Anfang man eng mit den Deutschen Zentren für Gesundheitsforschung (DZG) verknüpft. 

 

Zunächst ein paar Sätze zu den DZG. Sechs von ihnen gibt es bundesweit, eingerichtet wurden sie zwischen 2009 und 2012, als Annette Schavan (CDU) Bundesforschungsministerin war. Vereinfacht ausgedrückt sind die meisten Zentren auf Dauer angelegte Netzwerke mit Universitäten, Unikliniken, Krankenhäusern und außeruniversitären Forschungsinstituten als Partner. Ihre Mission lässt sich zusammenfassen mit dem derzeit populärsten Buzzword in der Gesundheitsforschung: Translation. Anders formuliert: Forschungsergebnisse, die im Labor gewonnen werden, sollen schneller als bislang im Klinikalltag ankommen, Patienten schneller von den neusten wissenschaftlichen Erkenntnissen profitieren. Es ist ein Deal mit Vorteilen auf beiden Seiten. Die Ärzte in den Krankenhäusern kommen an die Highend-Wissenschaft, die Forscher (vor allem die nicht-universitären) kommen an die Patienten. „Mit den Deutschen Zentren für Gesundheitsforschung ist ein wertvoller Mehrwert für das deutsche Wissenschaftssystem geschaffen“, sagte die Wissenschaftsratsvorsitzende Martina Brockmeier vergangenen Woche. So weit, so diplomatisch.

 

Mehr als 40 Standorte und über 80 Partnereinrichtungen sind vernetzt über die sechs Zentren, die an neuen Therapien für die großen Volkskrankheiten wie Krebs oder Diabetes forschen. Pro Jahr fördert allein der Bund die DZG mit 230 Millionen Euro, und zwar auf Dauer. Die Länder legen nochmal rund 23 Millionen drauf. Einen speziellen Fall stellt das Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) dar, da es mit seiner Gründung zugleich zum Helmholtz-Zentrum wurde. 

 

Nun zu der organisatorischen Besonderheit der fünf übrigen DZG: Die Partner sind nicht alle gleich. In jedem der Verbünde hat ein Helmholtz-Zentrum die Funktion des Geldverteilers übernommen. Helmholtz erhält die DZG-Millionen vom Bund und reicht sie dann weiter an die anderen Partner. Besonders in den Anfangsjahren hatte diese Vormachtstellung zu erheblichem Verdruss an den Universitäten geführt. Von einer "Gutsherrenattitüde" war die Rede, von einem allzu breitbeinigen Auftreten der Helmholtz-Forscher und einer nur vermeintlichen Augenhöhe aller Partner, die nur in Festreden betont, im Alltag jedoch nicht gelebt werde.

 

 

Die DZG als Inspiration für "Helmholtz 2020"

 

Das Misstrauen gegenüber Helmholtz verstärkte sich, als die größte deutsche Forschungsorganisation 2012 ihr Strategiepapier "Helmholtz 2020" veröffentlichte, "als Angebot an die Politik", wie der damalige Helmholtz-Präsident Jürgen Mlynek betonte. Weitere "bundesfinanzierte, nationale Einrichtungen nach dem Vorbild des Karlsruher Instituts für Technologie KIT" sollten entstehen, mit Helmholtz-Zentren und Universitäten als Fusionspartner. Wo lokal die kritische Masse fehle, seien dezentrale, projektförmig oder sogar institutionell finanzierte Netzwerke "anzustreben": Die Deutschen Zentren für Gesundheitsforschung wurden zur Inspiration für "Helmholtz 2020" und zur Blaupause für weitere Wissenschaftsdisziplinen.

 

Durch die DZG auf den Geschmack gekommen, wollte die Forschungsorganisation Helmholtz erst richtig in die Forschungsförderung einsteigen und noch mehr Gelder an die Universitäten verteilen, als eine Art kleinere DFG für die Programmforschung. Diese "Programmförderaktivität" solle die "klassische Projektförderung des Bundes um eine zusätzliche strategische Dimension ergänzen", heißt es in "Helmholtz 2020". Und: Auch künftig werde Helmholtz eine "international herausragenden Architektenrolle übernehmen". Große Worte, große Ambitionen. Und von den Wissenschaftspolitikern in Bund und Ländern zeigte sich mancher durchaus beeindruckt.>>



>> Weniger beeindruckt waren viele an den Hochschulen. Der Deutsche Hochschulverband (DHV) warnte vor einer "Helmholtzifizierung des Wissenschaftssystems". Sollten die Pläne umgesetzt werden, sagte DHV-Präsident Bernhard Kempen Ende 2012, "würde die Tektonik des bislang diversifizierten Wissenschaftssystems mit gleichberechtigten Partnern aus universitärer und außeruniversitärer Forschung Schaden nehmen." 

 

Der Wissenschaftsrat selbst reagierte erstmals im Juli 2013 auf das umstrittene Strategiepapier und verlangte, "die Aufgabe der Forschungsdurchführung" müsse von der der Forschungsförderung institutionell getrennt bleiben. Mehr Klartext sprach das Gremium im Oktober 2015, als es seine "Empfehlungen zur Weiterentwicklung der Programmorientierten Förderung der Helmholtz- Gemeinschaft" vorlegte, wobei der Titel täuschte, denn tatsächlich ging der Wissenschaftsrat in seinen Aussagen weit über interne Governancefragen hinaus.

 

Angesichts der Größe der Helmholtz-Gemeinschaft und ihrer besonderen Beziehungen zur Politik sei es von zentraler Bedeutung, schrieb der Wissenschaftsrat, dafür Sorge zu tragen, dass "die Vielfalt des deutschen Wissenschaftssystems gewahrt und die Autonomie der anderen wissenschaftlichen Einrichtungen nicht beeinträchtigt werden". Und dann der entscheidende Satz: "Von der Empfehlung, die Mittel der Helmholtz-Gemeinschaft im Sinne einer extramuralen Förderung zu nutzen, um einen systemweiten Wettbewerb zu initiieren, nimmt der Wissenschaftsrat deshalb Abstand." 

 

 

"Konfliktträchtige Doppelrolle"

 

Vergangene Woche nun verwies der Wissenschaftsrat auf den Bundesrechnungshof, der "die Steuerungs- und Kontrollmöglichkeiten für den Bund als hauptsächlichen Zuwendungsgeber" vor allem im so genannten DZG-Vereinsmodell als unzureichend ungestuft hatte. Auch sei die Doppelrolle der Helmholtz-Zentren als Zuwendungsempfänger und Zuwendungsgeber konfliktträchtig. Weiter berichtete der Wissenschaftsrat: "Die besondere Position der Helmholtz-Zentren kritisieren auch einige beteiligte Einrichtungen, die ein asymmetrisches Verhältnis der in den DZG zusammenwirkenden Mitglieder bzw. Partner problematisieren."

 

Im Ergebnis – und in logischer Fortsetzung seiner Empfehlungen von 2013 und 2015 – plädierte der Wissenschaftsrat dafür, die projektförmige Weiterleitung von Fördergeldern durch Helmholtz zu beenden und künftige Deutsche Zentren für die Gesundheitsforschung direkt zu finanzieren, als eigenständige, zuwendungsfähige Vereine. Ein zweiter Aspekt der aktuellen Empfehlungen ist für Helmholtz nicht weniger pikant: Der Wissenschaftsrat halte es nicht für gerechtfertigt, kann man in seinem Papier nachlesen, "wenn im Weiterleitungsmodell ein Ausscheiden der fördermittelweiterleitenden Helmholtz-Zentren als wissenschaftlicher Partner grundsätzlich nicht möglich wäre.“

 

Anders formuliert: Künftig sind auch DZG ohne Helmholtz vorstellbar, ein Helmholtz-Zentrum als automatischer Ankerpartner ist nicht länger gesetzt. Damit nahm der Wissenschaftsrat einen weiteren Kritikpunkt der Universitäten auf: Wie könne es sein, protestierten sie in den Anfangsjahren, dass alle Partner ihre wissenschaftliche Qualität beweisen müssten, um DZG-Mitglied zu werden, nur Helmholtz nicht?

 

 

Nicht beabsichtige Folgen einer hitzigen Debatte?

 

Als einer der Köpfe hinter "Helmholtz 2020" und als entschiedener Verfechter der DZG gilt Otmar D. Wiestler, bis 2015 Chef des zu Helmholtz gehörenden Deutschen Krebsforschungszentrums (DFKZ), das sogar direkter Träger eines DZG geworden ist, des Deutsches Konsortium für Translationale Krebsforschung (DKTK). Seit 2015 ist Wiestler Präsident der gesamten Helmholtz-Gemeinschaft. Wie reagiert er auf das Votum des Wissenschaftsrates? "Herr Wiestler möchte zu diesem Thema derzeit nicht öffentlich Stellung nehmen", lautet die Antwort aus der Helmholtz-Geschäftsstelle.

 

Dem Manager-Magazin sagte Wiestler schon vor zwei Jahren, dass in der "hitzigen Debatte" über "Helmholtz 2020" der Eindruck eines "überhöhten Anspruchs" der Helmholtz-Gemeinschaft erwachsen sei, "der gar nicht beabsichtigt war". Auch sein Vorgänger Mlynek hatte sich im Nachgang von "Helmholtz 2020" um Deeskalation bemüht und die Bedeutung gleichberechtigter Kooperationen hervorgehoben. 

 

Das jüngste Papier sei keine Anti-Helmholtz-Empfehlung, betont denn auch Beatrix Schwörer, Abteilungsleiterin Medizin beim Wissenschaftsrat. "Es handelt sich mehr um eine Weiterentwicklung der DZG, die wir vorschlagen, weil sich die Rahmenbedingungen seit der Gründungsphase grundlegend geändert haben."

 

Tatsächlich wäre eine Direktfinanzierung der Zentren noch vor wenigen Jahren verfassungsrechtlich unmöglich gewesen. Die Zentren und auch "Helmholtz 2020" entstanden in einer Phase, in der offen war, wie das Wissenschaftssystem in ein paar Jahren organisiert sein würde. So argumentierte auch Wiestlers Vorgänger Mlynek bei der öffentlichen Präsentation der Strategie im September 2012: Der Wissenschaftsstandort Deutschland stehe vor einer bedeutenden Zäsur, das Auslaufen der Exzellenzinitiatve 2017 und "die Frage, in welcher Weise der Pakt für Forschung und Innovation und Hochschulpakt weitergeführt werden, erfordern die Entwicklung einer klaren Zukunftsperspektive." 

 

 

Die Zukunft kam anders als gedacht

 

Die Zukunftsperspektive kam, aber anders als damals gedacht, in Form der Änderung des Grundgesetzes: Ende 2014 hoben die Große Koalition im Bund und die 16 Landesregierungen das Kooperationsverbot für den Bereich der Hochschulen auf, indem sie den Artikel 91b des Grundgesetzes neu fassten. Seitdem darf der Bund Hochschulen und Wissenschaftseinrichtungen der Länder dauerhaft mitfinanzieren. Und so braucht es den Umweg Helmholtz nicht mehr – was der Wissenschaftsrat schon in seinen Helmholtz-Empfehlungen 2015  sehr deutlich zum Ausdruck gebracht hatte: Bezogen auf die Deutschen Zentren für Gesundheitsforschung formulierte das Gremium damals, nach Änderung von Artikel 91b könnten künftig "Modelle für die Zusammenarbeit von Helmholtz-Zentren und Universitäten entwickelt werden, in denen beide Partner direkt von Bund und Ländern gefördert werden."

 

Über das bisherige Finanzierungsmodell der DZG sei einfach der Lauf der Zeit hinweggegangen, sagt auch Frank Wissing, Generalsekretär des Medizinischen Fakultätentages (MFT). "Helmholtz wird für die Zentren weiter eine wichtige Rolle spielen, aber bei der Einrichtung neuer DZG wäre Helmholtz nur noch einer von mehreren wissenschaftlichen Partnern, die sich anbieten." 

 

Helmholtz als einer unter anderen, nicht mehr als primus inter pares: Mit seinen Plänen zur Zukunft der DZG konkretisiert der Wissenschaftsrat also lediglich, was er schon 2015 angekündigt hatte – und räumt nebenher "Helmholtz 2020" endgültig ab. Ein bemerkenswert beiläufiger, fast unbemerkt gebliebener Schlussstrich für ein so kontrovers gestartetes Strategieprojekt.

 

Selbst DHV-Präsident Kempen, der zu Beginn von "Helmholtz 2020" so scharf gegen Helmholtz schoss, kommentierte die Empfehlungen nur noch auf Nachfrage, aber mit Genugtuung: "Ein Rückschlag für die Helmholtz-Gemeinschaft" sei das Plädoyer des Wissenschaftsrats", sagt Kempen. Eine "Top-Down-Steuerung, die Forschungsinhalte vorgibt", vertrage sich eben nicht mit der universitären Wissenschaftskultur.  


Wobei das mit dem Rückschlag fast schon nicht mehr stimmt, denn selbst Otmar D. Wiestler ist in den vergangenen Jahren nicht nur rhetorisch von "Helmholtz 2020" abgerückt, auch er hat inhaltlich offenbar längst davon Abschied genommen. In seiner "Agenda des Präsidenten der Helmholtz-Gemeinschaft 2016-2020" taucht "Helmholtz 2020" als Begriff nicht mehr auf.

 

Ironisch ist, dass sich die vermeintlich durch Helmholtz' Führungsanspruch entstandenen Konflikte innerhalb der DZG über die Jahre weitgehend erledigt zu haben scheinen. "Die Partner in den DZG haben einen guten Arbeitsmodus miteinander gefunden", sagt Wissing. Und Beatrix Schwörer sagt, die beteiligten Helmholtz-Zentren hätten ihre wissenschaftliche Kompetenz in den vergangenen Jahren auf vielfache Weise unter Beweis gestellt. "Deshalb müssen sie meines Erachtens innerhalb der DZG auch nicht besonders geschützt werden."


In eigener Sache: Ich habe von Januar 2013 bis Juli 2015 den Bereich Kommunikation und Medien der Helmholtz-Gemeinschaft geleitet.

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Wenn ein Rektor gehen soll, geht das alle an

Baden-Württembergs Wissenschaftsministerin Theresia Bauer bringt eine Ur-Abwahl ins Gespräch. Ihre Idee befeuert die Debatte, was Mitbestimmung an Hochschulen im 21. Jahrhundert bedeutet.

ÜBER DIE KOMMUNIKATIONSKULTUR in Deutschlands Hochschulgremien ist viel gestritten und geschrieben worden, auch in diesem Blog. Im Mai etwa griff ich einen Bericht aus dem Tagesspiegel auf, demzufolge sich der Akademische Senat der Technischen Universität Berlin einen Kommunikationskodex geben wolle. Um einen „Kulturwandel“ zur „Wertschätzung“ solle es gehen, die Senatsmitglieder sollen sich besser auf die Sitzungen vorbereiten, einen respektvollen Ton miteinander üben und die jeweiligen Zuständigkeiten akzeptieren. Schon von den Plänen, schrieb ich, gehe ein Signal aus in Richtung anderer im Hickhack erlahmter Hochschulsenate: "Ermächtigt euch selbst, indem ihr zivilisiert streiten lernt. Lasst das beste Argument herrschen und nicht die einfallsreichste Blockadeidee."

 

Dass die Realität häufig anders aussieht, hat dazu geführt, dass der Beitrag der Gremien zur Hochschulentwicklung in der Wahrnehmung vieler Wissenschaftler und Politiker eher im Verlangsamen denn im Ermöglichen besteht. Besonders engagiert wird derzeit in Baden-Württemberg diskutiert, weil der Verfassungsgerichtshof des Landes der Regierung aufgetragen hat, das Landeshochschulgesetz nachzubessern. Die Macht der Professoren muss größer werden, vor allem bei der Abwahl ungeliebter Rektorate.

 

Bislang müssen Hochschulsenat und Hochschulrat jeweils mit Zwei-Drittelmehrheit für die Demission votieren, das Ministerium obendrein zustimmen. Widerspricht der Wissenschaftsfreiheit, befanden die Stuttgarter Verfassungsrichter vergangenen Herbst, die Professoren seien die entscheidenden Akteure an den Hochschulen, und wenn sie sich einig sind, müssen sie allein die Kündigung aussprechen können.

 

Aber ist es richtig, wenn ein paar Professorenvertreter im Senat allein über Wohl und Wehe der Uni entscheiden könnten? Und zwar im Zweifel gegen alle anderen: gegen Studenten, gegen wissenschaftliche und administrative Mitarbeiter? Und womöglich selbst gegen die schweigende Mehrheit der Professoren, die nicht im Senat sitzen und nicht beteiligt sind an den Machtkämpfen der Gremien? Sind die gewählten Professorenvertreter (an der Uni Heidelberg zum Beispiel derzeit acht von 39 Senatsmitgliedern) damit die neue Machtelite an den Hochschulen? Und was macht das mit dem Mut der Rektoren, auch mal unpopuläre Entscheidungen zu treffen, wenn sich in zwei Mittagspausen eine Abwahl-Mehrheit organisieren ließe? 

 

Baden-Württembergs grüne Wissenschaftsministerin Theresia Bauer hat vergangene Woche in einem Streitgespräch mit Jens Halfwassen eine Lösung des Problems skizziert, die selbst der bekannte Heidelberger Philosoph als "äußerst interessante Idee" bezeichnete: eine Ur-Abwahl, bei der alle Professoren einer Hochschule abstimmen würden. "Der Rektor", sagte Halfwassen, "ist der Repräsentant der gesamten Universität, insofern wäre es folgerichtig, die Entscheidung über seine Abwahl in die Verantwortung aller Professoren zu legen." 


Tatsächlich würde die Variante "Urabwahl" nicht nur dem Urteil Genüge tun, sie würde zumindest ein Stückweit den Widerspruch auflösen zwischen dem berechtigten Anspruch, mehr Mitsprache an den Hochschulen zu ermöglichen, und Hochschulgremien, die sich – leider – noch allzu oft im Klein-Klein der Statusgruppen zu erschöpfen scheinen. Allerdings wie gesagt: Nur mehr Einfluss für die Professoren. Man werde auch nach geeigneten Wegen suchen, um die Stimme der Doktoranden deutlicher in den Senat einspeisen zu können, verspricht Bauer, bleibt aber im Vagen.

 

Trotzdem ein Vorbild für andere Bundesländer? Eine neue Definition dessen, was Mitbestimmung an Hochschulen im 21. Jahrhundert heißen kann? Auf jeden Fall eine gute Gelegenheit zum Diskutieren. Und Anlass für die Hochschulsenate der Republik, unabhängig von Stimmenverhältnissen und aktuellen Verfassungsgerichtsurteilen dem Berliner TU-Vorbild zu folgen und die eigene Relevanz zu sichern. Womöglich, schrieb ich im Mai, stellten die Senate dann auch anderswo fest, dass schon so eine Menge gemeinsamen Gestaltens möglich wird. Ob Rektorate und Präsidien sich nun einer Ur-Abwahl stellen müssen oder nicht. 

 

Theresia Bauers Plan einer Ur-Abwahl habe ich heute auch im ZEITChancen Brief kommentiert.

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Wie eine "Qualitätsstrategie Hochschullehre" aussehen könnte

Das Konzept der SPD für die Verstetigung des Hochschulpakts trägt sehr wohl und würde die Hochschulen motivieren, die Studienbedingungen attraktiver zu gestalten. Ein Gastbeitrag von Eva Quante-Brandt.

Eva Quante-Brandt. Foto: Foto-AG Melle
Eva Quante-Brandt. Foto: Foto-AG Melle

IN SEINEM BLOGEINTRAG vom 17. Juli hat sich Jan Martin Wiarda mit dem Entwurf für einen „Zukunftsvertrag für Wissenschaft und Forschung“, den ich gemeinsam mit anderen SPD-WissenschaftspolitikerInnen im Februar 2017 vorgelegt hatte, kritisch auseinandergesetzt. Seine Kritik, die „Qualitätsstrategie Hochschullehre“ aus dem „Zukunftsvertrag“ hebe zu sehr auf die Quantitäten ab, teile ich ausdrücklich nicht. Mit der Verankerung des Grundprinzips „Geld folgt Studierenden“ soll im Gegenteil ja in erster Linie ein Anreiz für die Hochschulen entstehen, ihre Studienangebote attraktiv zu gestalten, um mehr Studierende zu gewinnen und sich neue Zielgruppen von Studierenden zu erschließen. Das ist ein qualitativer, kein quantitativer Ansatz. Und ob die reale, zukünftige Nachfrage nach Studienplätzen sich nun eher gemäß der (veralteten) KMK- oder der jüngsten Bertelsmann-Prognosen entwickeln wird – wer weiß das schon? Ich halte es da mit Mark Twain: „Prediction is very difficult, especially about the future.” 

 

Fest steht: Die Zahl der Studienanfängerinnen und -anfänger in Deutschland ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Gründe für diese uneingeschränkt begrüßenswerte Entwicklung liegen unter anderem in der steigenden Zahl junger Menschen, die eine Hochschulzugangsberechtigung erwerben und in der generellen Zunahme der Studienneigung. Der Hochschulpakt 2020 und der Qualitätspakt Lehre von Bund und Ländern waren die angemessene und passgenaue Reaktion hierauf. 

 

Die Studiennachfrage wird nach den Berechnungen der Kultusministerkonferenz auch in den nächsten Jahren sehr hoch bleiben. Diese Bildungsexpansion eröffnet unserer Gesellschaft Chancen auf zusätzliche Fachkräfte, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und Forscherinnen und Forscher, deren Kreativität und Ideen Deutschland braucht. Die zukünftigen Studierenden haben aber auch ein Recht darauf, attraktive Studienbedingungen vorzufinden.

 

Die Wissenschafts- und Bildungspolitik steht also vor der Herausforderung, die Bildungsexpansion nicht nur langfristig abzusichern, sondern unsere Hochschulen nachhaltig so mit Ressourcen auszustatten, dass sie allen Studierenden an jedem Studienort die bestmögliche Ausbildung gewährleisten können. Dafür muss an den Hochschulen in Nachfolge des erfolgreichen Hochschulpakts nach dem Jahr 2020 ein dauerhaftes Anreizsystem zur stetigen Verbesserung von Lehre und Studienbedingungen etabliert werden.

 

Vor wenigen Wochen haben die für Wissenschaft zuständigen Ministerinnen und Minister, Senatorinnen und Senatoren der Länder den Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten der Länder einen Bericht der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz (GWK) über Möglichkeiten der Anwendung des neuen Artikels 91b Grundgesetz im Hochschulbereich vorgelegt. Einigkeit besteht in der GWK darüber, dass die Möglichkeiten des neuen Artikels 91b genutzt werden sollten, um qualitativ hochwertige Studienangebote an Hochschulen dauerhaft zu sichern und auszubauen. Und um die Lehre und die Ausbildung der Studierenden nachhaltig und kontinuierlich weiterzuentwickeln und erfolgreichen Ansätzen der Lehre den Transfer in die Breite zu ermöglichen, wobei auch die zunehmende Heterogenität der Studierendenschaft Berücksichtigung finden muss. 

 

Bund und Länder sollten daher – so die einhellige Meinung in der GWK – nach dem Auslaufen des Hochschulpakts und des Qualitätspakts Lehre die hierfür bislang bereitgestellten Mittel weiterhin in diesem Sinne für die Hochschulen einsetzen. 

 

Wie könnte dies konkret geschehen? Meiner Auffassung nach sollte sich der Bund mit einer „Qualitätsstrategie Hochschullehre“ dauerhaft und unbefristet an der Finanzierung der Lehre an den Hochschulen beteiligen. Und zwar mit einem jährlichen Festbetrag für jede und jeden Studierenden in der Regelstudienzeit sowie für jede abgelegte Abschlussprüfung (unabhängig davon, ob die Prüfung bestanden oder nicht bestanden wurde, um Fehlanreize zu vermeiden). Bei Studierenden ohne schulisch erworbene Hochschulzugangsberechtigung sollten dabei deutlich erhöhte Beträge für jede/n Studierende/n bzw. für jede Abschlussprüfung angesetzt werden, um die Durchlässigkeit und Offenheit besonders zu fördern. 

 

In Zahlen ausgedrückt: Für jede und jeden Studierenden in der Regelstudienzeit soll in unserem Modell je nach Fachrichtung ein Betrag von 1.000 bis 2.000 Euro, bei Humanmedizin 3.000 Euro jährlich sowie für jede abgelegte Abschlussprüfung zusätzlich 1.000 Euro jährlich zur Verfügung gestellt werden. Bei Studierenden ohne allgemeine Hochschulreife sollen Beträge von 3.000 Euro für jede/n Studierende/n bzw. 1.500 Euro für jede Abschlussprüfung angesetzt werden. Die Gesamtkosten beliefen sich je nach konkreter Ausgestaltung auf rund 3,3 Milliarden Euro im Jahr.

 

Die Länder müssten sich an der Finanzierung dieses Pakts beteiligen, indem sie sich politisch verpflichten, ihre Aufwendungen für die Grundfinanzierung der Hochschulen unter Berücksichtigung bereits getroffener haushaltspolitischer Entscheidungen auf hohem Niveau fortzuführen und die Mittel, die sie bisher zur Kofinanzierung des Hochschulpakts aufwenden, im System zu belassen.

 

Die Mittel sollten insbesondere für den Erhalt der Ausbildungskapazitäten sowie für die Qualitätssicherung und -verbesserung verwendet werden, zum Beispiel um Studienabbrüche zu vermeiden. Da die Förderung der Hochschulen nicht nach Universitäten und Fachhochschulen differenziert werden soll, profitieren die Fachhochschulen in erhöhtem Maße, da sie relativ zu den Kosten eines Studienplatzes höhere Beiträge erhalten. Außerdem hätten alle Hochschulen einen starken Anreiz, zukünftig noch mehr beruflich Qualifizierten einen akademischen Abschluss zu ermöglichen. Die Qualitätsstrategie Hochschullehre muss auch deswegen auf Dauer angelegt sein, damit die Hochschulen in die Lage versetzt werden, bisher befristet beschäftigten Personal – soweit es Daueraufgaben wahrnimmt – zu verstetigen und die Beschäftigungsbedingungen insgesamt im Sinne „Guter Arbeit“ zu verbessern. Die Hochschulen müssten die mit einem unbefristeten Pakt verbundene Planungssicherheit außerdem konsequent für die Förderung der Gleichstellung von Frauen in der Wissenschaft nutzen.

 

Eine Pauschalfinanzierung je Studierenden und Absolventinnen und Absolventen ist leistungsgerechter als der gegenwärtige, auf Studienanfänger/innen bezogene Pakt. So werden auch Master-Studierende gefördert, Fehlsteuerungen durch eine Fixierung auf Studienanfänger/innen vermieden sowie Hochschulwechsler/innen bei der aufnehmenden Hochschule berücksichtigt.

 

Eine Beteiligung des Bundes an der Grundfinanzierung der Hochschulen würde die ostdeutschen und andere finanzschwache Bundesländer sowie strukturschwache Regionen dabei unterstützen, eine hohe Zahl von Studienplätzen und attraktive Studienbedingungen aufrechtzuerhalten. Denn attraktive Hochschulen gehören zu den Einrichtungen, die gerade in diesen Ländern und Regionen dringend benötigt werden, um den demographischen Wandel zu gestalten. Sie verringern Abwanderung und generieren Zuwanderung aus dem In- und Ausland. 

 

Der jährliche Aufwand für den Bund würde mit etwa drei Milliarden Euro etwas höher liegen als gegenwärtig (2016: 2,5 Milliarden Euro), was leistbar und der wissenschaftspolitischen Bedeutung des Paktes angemessen wäre. Die Länder würden auch weiter finanziell Verantwortung übernehmen, denn ein – spürbaren Mehrwert produzierendes – „Zusammenwirken“ von Bund und Ländern gemäß Artikel 91b des Grundgesetzes sollte auch auf einer fairen Lastenteilung beruhen.

 

Der Schaffung und Sicherstellung einer international wettbewerbsfähigen Lehre und guter Studienbedingungen kommt eine zentrale Bedeutung für ein nachhaltig starkes deutsches Wissenschaftssystem zu. Die „Qualitätsstrategie Hochschullehre“ kann ein geeigneter Weg sein, dies in gemeinsamem Handeln von Bund und Ländern zu erreichen. 

 

 

Eva Quante-Brandt (SPD) ist Bremer Senatorin für Wissenschaft, Gesundheit und Verbraucherschutz und Vorsitzende der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz (GWK). 

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Nicht so schnell

Am Donnerstag sollten die drei Max-Planck-Pilotschools gekürt werden. So, wie es aussieht, wird es erst einmal bei einer Vorauswahl bleiben. Die Hochschulen treten auf die Bremse.

Foto: MPG-Generalverwaltung in München. (Wiggum: "MPG administration building munich may 2006", GNU FDL 1.2)

EIGENTLICH SOLLTE ES noch viel schneller gehen. Bis zum 15. Mai hatte die Max-Planck-Gesellschaft (MPG) die Bewerbungsfrist für die geplanten Max Planck Schools angesetzt, und erst auf Drängen der Universitäten ließ sie sich auf eine Verlängerung bis zum 1. Juli ein. Am Ende sind ganze acht Förderanträge in der Münchner Generalverwaltung eingegangen. Bei zweien haben dem Vernehmen nach Fraunhofer-Wissenschaftler die Federführung, bei einem Uni-Wissenschaftler – und bei fünf Forscher aus der Max-Planck-Gesellschaft.  

 

Diesen Donnerstag trifft sich nun die Auswahlkommission, bestehend aus drei Hochschul- und drei MPG-Vertretern und jeweils einem Vertreter von Helmholtz, Leibniz und Fraunhofer. Den Vorsitz führen MPG-Präsident Martin Stratmann und Horst Hippler, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK). Kurz danach wollte Bundesforschungsministerin Johanna Wanka (CDU) zusammen mit Stratmann die ausgewählten Projekte präsentieren, berichtete die FAZ vor dem Wochenende (leider nicht online). Doch daraus wird vorerst nichts, denn die Hochschulen treten erneut auf die Bremse.

 

Bestenfalls könne man am Donnerstag eine Vorauswahl vornehmen, teilte die HRK dem BMBF und der MPG mit. Voraussetzung einer endgültigen Entscheidung sei eine HRK-Präsidiumssitzung Anfang August, da werde dann über das weitere Vorgehen inklusive einer möglichen Mitgliederbefragung entschieden. Jetzt ist die offizielle Bekanntgabe auf den 4. September verschoben – nur drei Wochen vor der Bundestagswahl, die den Max-Plancklern intern stets als Schallmauer für die Machbarkeit ihrer ungewöhnlichen Idee galt. >>


Die Idee hinter den Schools

Schon 2015 hatte Martin Stratmann, Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, bei deren Jahresversammlung vorgeschlagen, MPG-Direktoren und herausragende Universitätsprofessoren sollten sich in überregionalen Max Planck Schools zusammentun, nicht zu verwechseln mit den 60 thematisch fokussierten International Max Planck Research Schools (IMPRS), die es seit Jahren gibt, die aber immer lokal organisiert sind. Die größeren, nach Fächern organisierten Max Planck Schools sollten demgegenüber "besonders talentierten Bachelor- und Masterabsolventen“ aus aller Welt „die Gelegenheit zu geben, sich mit jüngstem Wissen von der vordersten Front der Wissenschaft auseinanderzusetzen."

Die neuen Schools würden auf den IMPRS "aufsetzen", als eine Art Dachstruktur – so stellte sich das Stratmann 2015 vor. Doch im März 2017 erklärte Ministerin Wanka: Dabei werde es nicht bleiben. Nicht nur Max Planck soll mit den Unis kooperieren, sondern die anderen außeruniversitären Forschungsorganisationen auch. Und zwar alle auf "Augenhöhe".  Noch vor den Bundestagswahl sollen drei School-Konzepte für eine fünfjährige Pilotphase ausgewählt werden, das BMBF gibt pro Jahr insgesamt neun Millionen Euro dazu. Allerdings nur für die Kosten, die den Hochschulen entstehen. Verteilen soll das Geld Max Planck. Ihren Eigenanteil sollen MPG und anderen Forschungsorganisationen selbst tragen. 



>> Das Manöver der Hochschulen zeigt, wie tief das Misstrauen gegenüber der School-Idee bei vielen Hochschulrektoren immer noch sitzt . Die U15-Universitäten hatten im Mai einen Brandbrief an Ministerin Wanka verschickt und vor der Gefahr gewarnt, dass das Promotionsrecht der Universitäten und ihr Einfluss auf die Entwicklung der Promotion schleichend ausgehöhlt werden" könne. Statt auf die "bewährten Strukturen" der in der Exzellenzinitiative geförderten Graduiertenschulen aufzusetzen, solle "ein völlig neuer, bislang nicht erprobter Ansatz" verfolgt werden, der demgegenüber "keine signifikanten Vorteile" erkennen lasse“, schrieb der U15-Vorsitzende, der Freiburger Rektor Hans-Jochen Schiewer, an die Ministerin. 

 

Als Reaktion hatte der zuständige MPG-Vizepräsident Ferdi Schüth die Verschiebung der Deadline angekündigt. Auch erhielten die U15 und der Verbund TU9 jeweils einen der für die Hochschulen reservierten Sitze in der Auswahlkommission, den dritten besetzt der Konstanzer Rektor und HRK-Vizepräsident Ulrich Rüdiger. Doch die vertrauensbildenden Maßnahmen haben offenbar noch nicht ausgereicht. Eine treffende Bestandsaufnahme der Debatte hatte am Montag auch Anna-Lena Scholz im ZEITChancen Brief geliefert.

 

Die HRK signalisiert jetzt: Voraussetzung, am Donnerstag in die Auswahl einzusteigen, sei es, überhaupt einmal in einem offiziellen Protokoll die Rahmenbedingungen der Schools festzuhalten, die seien nämlich an vielen Stellen noch immer unklar – vor allem, wie genau mit dem Promotionsrecht der Universitäten verfahren werden soll. Zwar beteuerte die MPG immer wieder, nicht im ureigensten Metier der Unis wildern zu wollen, doch viele Hochschulvertreter vermissen offenbar immer noch eine wirklich belastbare Zusicherung – während andere Rektoren am liebsten sofort loslegen würden. 

 

Bei Max Planck und im BMBF reagieren sie zunehmend genervt auf die Uneinigkeit im Hochschullager, haben sie doch jetzt schon mehrfach ihren Zeitplan um der Universitäten willen anpassen müssen. Auch sonst seien sie in vielerlei Hinsicht auf die Bedenken eingegangen. "Eigentlich müssten jetzt alle mit dem veränderten Konzept leben können", hatte MPG-Vize Schüth schon im Mai gesagt. "Natürlich werden nie alle zu 100 Prozent zufrieden sein. Aber lasst uns doch jetzt erst einmal loslegen."

 

Kein Problem haben die Univertreter offenbar mit der scheinbar einseitigen Verteilung der Hauptantragsteller. Dass die Federführung in den meisten Fällen bei Max-Planck-Wissenschaftlern liege, sei schon aus praktischen Gründen sinnvoll. „Solange die Universitäten intern gleichmäßig und gleichberechtigt berücksichtigt werden, ist das in Ordnung“, sagt ein Rektor. Die MPG betont, in allen Anträgen seien Uni-Wissenschaftler vielfach mit an Bord. 

 

Zum Schluss noch zwei kurze Prognosen und eine Schlussfolgerung. 

 

Prognose eins: Vermutlich werden in der Vorauswahl zwei MPG-beantragte Projekt benannt werden, das dritte wird einer der Fraunhofer- oder der Uni-Antrag sein. Alles Andere wäre schon aufgrund der damit verbundenen Symbolik kaum denkbar. 

 

Prognose zwei: Am Ende werden die Hochschulen mitmachen. Aus mehreren Gründen: Das Unternehmen ist politisch gewollt, und das Geld dafür steht zur Verfügung. Außerdem ist die Grundidee der Schools von Anfang an auf breite Zustimmung auch an den Hochschulen gestoßen. Und mitunter die gleichen Rektoren, die als U15- oder TU9-Mitglieder laut ihre Befürchtungen in Sachen Schools äußern, unterstützen parallel die Mitarbeit ihrer Wissenschaftler an den Konzepten. 

 

Die Schlussfolgerung: Bislang handelt es sich bei den Max Planck Schools vor allem um ein mutiges Konzept, dessen Realisierung aus rein politischen – nicht wissenschaftlichen! – Gründen mit einem enormen Zeitdruck verbunden wurde. Vielleicht auch verbunden werden musste, um das vorhandene Gelegenheitsfenster zu nutzen. So oder so wird die Politik jedoch gut beraten sein, schon jetzt demonstrativ auf die versprochene ordentliche Evaluation der Pilotphase mit vernünftigen, vorher festgelegten Kriterien zu drängen. Denn soll 2023 eine reguläre Fortsetzung folgen, steht und fällt deren Akzeptanz mit der Qualität der Ausschreibung. 

 

Der wissenschaftliche Mehrwert der Schools kann bislang nur behauptet werden – das macht das mit ihm verbundene Potenzial jedoch nicht geringer. Etwas, das auch gerade die Skeptiker im Kopf behalten sollten.

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Neue Strategien für lieb gewordene Lehr-Milliarden

Die Schülerzahlen sollen steigen, doch die Oberstufen schrumpfen. Dazu der Rückfall zu G9: In ein paar Jahren könnte es deutlich weniger Studienanfänger geben. Soll der Hochschulpakt weitergehen, braucht er eine neue Logik. Der Blick nach Großbritannien könnte helfen.

Foto: falco/pixabay
Foto: falco/pixabay

VERGANGENE WOCHE HAT die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz von Bund und Ländern (GWK) offiziell Bilanz gezogen: 720.000 zusätzliche Studienanfänger, 5000 neue Professuren. Die Zahl der Lehrbeauftragten stieg um 2500, die der hauptberuflichen wissenschaftlichen Mitarbeiter um 13.000, und all das allein zwischen 2011 und 2015, der zweiten Phase des Hochschulpakts. Das 2007 von Bund und Ländern gestartete Programm war damit erneut Treiber einer beispiellosen Expansion des deutschen Hochschulsystems. Kostenpunkt: 13 Milliarden Euro, wovon der Bund rund sieben Milliarden trug. Allein 2015 flossen 3,3 Milliarden Euro zusätzlich an die Hochschulen. 

 

Kein Wunder, dass sich die Rektoren sorgen, was nach dem Auslaufen des Pakts passiert. 2023 soll das letzte Geld fließen, dabei bestreiten einzelne Hochschulen mittlerweile bis zu 30 Prozent ihres Budgets damit. "Nehmt den Hochschulen die Unsicherheit!" appellierte vor einigen Tagen Joybrato Mukherjee, Präsident der Universität Gießen, hier im Blog an die Adresse der Wissenschafts- und Finanzminister. 

 

Tatsächlich hat die Bundesregierung bereits im Dezember in der GWK signalisiert, dass sie die Milliarden auch nach 2023 weiter in die Hochschulen investieren will. Dass der Hochschulpakt in irgendeiner Form verstetigt werden soll, ist Konsens zwischen den politischen Lagern genauso wie zwischen Bund und Ländern. Die Frage ist nur: Wie begründet man seine Notwendigkeit gegenüber den Finanzpolitikern?

 

Ausgerechnet die Bertelsmann-Stiftung, die vergangene Woche stark steigende Schülerzahlen bis 2025 prognostizierte, lieferte mit ihrer Studie  Anhaltspunkte, dass das Argument auf Rekordniveau verharrender Studienanfängerzahlen in ein paar Jahren nicht mehr richtig ziehen dürfte. Demnächst kommen geburtenschwächere Jahrgänge ins Gymnasium. Selbst die verstärkte Zuwanderung und der seit 2012 zu beobachtende Anstieg der Geburtenrate werden zwar die Grundschulen und Mittelstufen merklich anschwellen lassen, ein paar Jahre später aber nur abgeschwächt auf die gesunkenen Oberstufenzahlen durchschlagen. So steht es in der Bertelsmann-Studie mit dem plakativen Titel "Demographische Rendite adé". >>



>> Noch nicht einmal eingerechnet ist dabei ein Trend, der den Hochschulen noch zu denken geben wird: Die meisten westdeutschen Flächenländer wollen ganz oder teilweise das neunjährige Gymnasium (G9) wiederbeleben. Ein Einschnitt fürs Schulsystem zeichnet sich ab, der ähnlich tief sein dürfte wie in den 2000ern, als dieselben Länder (und ein paar mehr) beschlossen, die Schulzeit bis zum Abi auf 12 Jahre zu verkürzen. Damals, als die mit studierwilligen Kindern der Babyboomer ohnehin prall gefüllten Abiturjahrgänge gleich im Doppelpack in die Hörsäle strömten, reagierte die Politik mit: dem Hochschulpakt. Die umgekehrte Entwicklung, die jetzt droht, habe ich heute in meiner Kolumne im Tagesspiegel beschrieben: Kleinere Jahrgänge und statt doppelter auf zwei Jahre gestreckte Abiturkohorten.

 

Führende Hochschulpolitiker der SPD hatten im Februar in ihrem Entwurf für einen "Zukunftsvertrag für Wissenschaft und Forschung" vorgeschlagen, von 2021 an "für jede und jeden Studierenden in der Regelstudienzeit je nach Fachrichtung einen Betrag von 1000 bis 2000 Euro, bei Humanmedizin 3000 Euro jährlich sowie für jede abgelegte Abschlussprüfung 1000 Euro jährlich zur Verfügung zu stellen". 

 

Eine Idee, die  angesichts zumindest vorübergehend sinkender Studentenzahlen nach hinten losgehen könnte. Denn der Plan der Sozialdemokraten hebt trotz der Beschränkung auf die Regelstudienzeit zu sehr auf Quantität ab. Was die Hochschulen jetzt führen müssen, wenn sie sich die Hochschulpakt-Milliarden sichern wollen, ist jedoch eine neue Qualitätsdiskussion: Bessere Studienplätze statt einfach nur mehr Studienplätze, mehr Bildungsgerechtigkeit durch bessere Betreuung und moderne Lehrformate. Einen in der Hinsicht richtungsweisenden Ansatz immerhin enthält das SPD-Papier, indem es für Studenten ohne Abitur einen erhöhten Bundessatz fordert.

 

Doch muss das Thema "Qualität" noch viel deutlicher ausbuchstabiert werden. Übrigens auch deutlicher und weitergehend, als die Bildungspolitiker der Union es verstehen. Sie hatten im Januar ihr Papier "Starke Forschung und Bildung für Deutschlands Zukunft" veröffentlicht. Zur Qualität in der Lehre gehörten "neue Konzepte zur Nutzung digitaler Angebote im Hochschul- und Wissenschaftssystem", erläuterte CDU-/CSU-Fraktionsvize Michael Kretschmer hier im Blog. "Gleichzeitig werden wir die Berufsorientierung signifikant ausbauen und die Kompetenzorientierung im Studium stärken."

 

Alles richtig, und doch nicht ausreichend, solange die soziale Schieflage im Hochschulsystem derart eklatant ist. Kürzlich hat die Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks (DSW) gezeigt, dass von den zusätzlichen 720.000 Studienplätzen des Hochschulpakts vor allem eine Gruppe profitiert hat: die Kinder der Bildungsbürger. 2016 stammten 52 Prozent der Studierenden aus Familien, in denen mindestens ein Elternteil studiert hat, nochmal zwei Prozentpunkte mehr als 2012.

 

Hier und ausschließlich hier wird sich die Zukunftsfähigkeit des neuen Hochschulpakts entscheiden. Und hier liegt auch das Argument an die Adresse für die Finanzpolitiker: Nur indem wir konsequent in mehr Bildungsgerechtigkeit investieren, können wir die sinkenden Studentenzahlen zumindest teilweise kompensieren, und das bedeutet mehr Fachkräfte und mehr Steuereinnahmen.

 

Diese stärkere Betonung von Bildungsgerechtigkeit fängt bei den hohen Abbrecherquoten an. Sie schrecken vor allem Kinder aus Nicht-Akademikerfamilien von einem Studium ab, sagen Hochschulforscher – und zuletzt sind die Quoten ausgerechnet an den Fachhochschulen gestiegen, die traditionell mehr Bildungsaufsteiger anziehen. Gut ist Hochschullehre also dann, wenn sie eingeht auf die stark unterschiedlichen Studienvoraussetzungen der Erstsemester, wenn sie individuelle Beratung und Studienorientierung von Anfang an bietet. Gute Lehre und mehr Bildungsgerechtigkeit können auch neue Teilzeitmodelle und Blended-Learning-Konzepte bedeuten, die auf die Lebenswirklichkeit gerade der Studenten ohne klassisches Abitur eingehen. 

 

Aber wie erreicht man den Umschwung, und welcher Finanzmechanismus könnte ihn befördern?

 

Womöglich hilft der Blick über den nationalen Tellerrand. Vor wenigen Wochen erst hat die britische Regierung das "Teaching Excellence Framework" (TEF) an den Start gebracht, die erste staatliche Uni-Rangliste in Großbritannien. Sie soll die Qualität der Lehre messen, und in der Süddeutschen Zeitung von heute beschreibe ich, wie sie dabei ist, die altbekannte Hierarchie des britischen Hochschulsystems auf den Kopf zu stellen. Vorn in dem Ranking stehen Universitäten, die bislang international kaum einer auf dem Zettel hatte, Oxford & Co fallen zurück. Warum? Weil TEF nicht einfach sagt: Das sind die Hochschulen mit den zufriedensten Studenten, den niedrigsten Abbrecherquoten oder den besten Beschäftigungsaussichten. Sondern das Ranking setzt die absoluten Ergebnisse in Relation zur sozialen Herkunft der Studenten, ihrem Bildungshintergrund und anderen Eigenschaften. „Die TEF-Methodik ist die egalitärste Reform, die Großbritanniens Hochschulen seit Jahrzehnten erlebt haben“, sagt Dominic Shellard, Rektor der bei TEF erfolgreichen De Montfort University. „Ich finde es faszinierend, dass eine konservative Regierung sie durchführt.“ 

 

Fasziniert äußert sich auch ein deutscher Hochschulexperte. Der Bildungsforscher Manfred Prenzel hatte die Federführung, als der Wissenschaftsrat, das wichtigste hochschulpolitische Beratungsgremium von Bund und Ländern, im Mai ein umfangreiches Positionspapier veröffentlichte, Titel: „Strategien für die Hochschullehre“. Auf TEF angesprochen, lobt der ehemalige Wissenschaftsratsvorsitzende die „entwicklungsfähige Methode“, „den mutigen Ansatz, der Lehre endlich mehr Achtung zu verschaffen.“ Kurzum: „Das ist eine Idee, die man auch in Deutschland in Betracht ziehen sollte.“ Wo? Natürlich, wenn der Hochschulpakt fortgesetzt wird.

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Freiheit für die Professoren, Kampf den Campus-Imperatoren?

Ein Streitgespräch zwischen Baden-Württembergs Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) und dem Heidelberger Philosophen Jens Halfwassen über die Macht der Rektorate, die Akkreditierung und die Folgen der Bologna-Reform.

Wer hat das Sagen an den Hochschulen in Deutschland?

 

Theresia Bauer: Das kann man nicht mit einem Satz sagen. Ich antworte mal nur für Baden-Württemberg: Die Macht an den Hochschulen befindet sich in einer komplizierten Balance zwischen Rektorat, Senat, Fakultäten und Hochschulrat. Kein Akteur, kein Gremium allein kann Grundlegendes entscheiden. Nur wenn alle zusammenwirken, bewegt sich die Hochschule. 

 

Das hört sich langwierig an.

 

Bauer: Sagen wir so: Es ist eine verteilte Verantwortung, die langen Atem und viel Überzeugungskraft verlangt. Von allen Beteiligten. 

 

Jens Halfwassen: Ich sehe die Balance, von der Sie sprechen, schon lange nicht mehr. Seit 2005 erleben wir, wie sich das Machtgleichgewicht Stück für Stück zu Gunsten der Rektoren und der Verwaltung verschoben hat. Das ist eine gravierende Fehlentwicklung, weil alle historisch erfolgreichen Universitäten eine republikanische Verfassung hatten. Sie waren kollegial organisiert und kannten keinen Herrscher an der Spitze. 

 

Bauer: Rektorate haben heute einen größeren Gestaltungsspielraum als vor zehn oder 15 Jahren, das stimmt. Aber dieser Gestaltungsspielraum ist nur zum Teil Folge von Gesetzesänderungen. Entscheidend waren bundesweite Förderprogramme wie die Exzellenzinitiative. Von Programmen, die von den Hochschulen als Ganzes fordern, sich einem gemeinsamen Ziel zu verpflichten. Der Zusammenarbeit in Forschungsverbünden zum Beispiel, gemeinsamen Initiativen mit außeruniversitären Forschungseinrichtungen oder modernen Karrierewege für den wissenschaftlichen Nachwuchs. Die Exzellenzinitiative ist da sicherlich der stärkste Impuls, aber nicht der einzige. Die Kommission internationaler Experten, die die Initiative evaluieren sollte, hat übrigens bemängelt, die Führungsstrukturen an unseren Universitäten seien deutlich zu schwach ausgeprägt. Die Hochschulen seien nach wie vor zu unbeweglich und kaum strategiefähig.

 

Sagten Sie nicht gerade, die Macht an den Hochschulen sei ausbalanciert? Jetzt zeichnen Sie das Bild machtloser Rektorate. 

 

Bauer: Ich glaube, dass wir bei der Governance noch viel weiter gehen müssen. Das ist nicht gleichbedeutend mit mehr Hierarchie, aber wir brauchen eine bessere Entscheidungsfähigkeit auf allen Ebenen. 

 

Halfwassen: Widerspruch. Die internationale Imboden-Kommission hat sich viel zu stark am US-Hochschulsystem orientiert, sie hatte die amerikanischen Spitzenuniversitäten mit ihren Managementstrukturen im Kopf. Die Präsidenten dort sind Berufsmanager, was auch mit der ganz anderen Finanzierung zusammenhängt. Universitäten wie Stanford verfügen über einen Etat, der den gesamten Hochschuletat eines Landes wie Baden-Württemberg deutlich übersteigt. Was die Experten völlig ausgeblendet haben, ist die andere Geschichte, die unsere staatlich finanzierten Hochschulen haben. Die Managementdenke passt einfach nicht zur kollegialen Kultur der deutschen Gelehrtenrepublik.

 

Bauer: Sie machen die falschen Alternativen auf. Mir geht es nicht um Kollegial- versus Managemenstrukturen. Ich glaube, eine moderne Hochschule braucht eine andere, eine dritte Art von Führung. Wissenschaftsadäquat muss sie sein, sie darf nicht der Marktlogik eines gewinnorientierten Unternehmens folgen, aber sie muss Führung ermöglichen. >>


Im November 2016 hatte der Verfassungsgerichtshof von Baden-Württemberg das Landeshochschulgesetz in Teilen für verfassungswidrig erklärt. Die gegenwärtigen Regelungen zur Wahl und Abwahl von Rektoratsmitgliedern seien nicht mit der im Grundgesetz garantierten Wissenschaftsfreiheit vereinbar, befanden die Richter – und forderten einen Machtzuwachs für die Professorenvertreter im Senat. Bis März 2018 muss die Landesregierung das Gesetz nun neu formulieren. Teil der verordneten Neuregelung ist auch, dass nur noch die für diese Funktion in den Senat gewählten 

Professoren ein Stimmrecht haben dürfen – im Gegensatz zu Dekanen und Rektoratsmitgliedern, die allein qua Amt im Senat sitzen. Professorenvertreter feierten das Urteil. Jens Halfwassen schrieb damals, er finde das Urteil spektakulär:  "Es bedeutet das Ende der Campus-Autokratie und (endlich!) die Rückkehr zu konstitutionellen Verhältnissen." Ministerin Bauer erklärte, das Urteil "atmet den Geist der 60er Jahre". Im Streitgespräch sprechen sie auch über die Folgen des Urteils – und wie ein neues Hochschulgesetz ihm gerecht werden könnte. 



>> Beim Begriff „Führung“ fremdeln Professoren aber sofort.

 

Bauer: Sie müssen sich doch nur mal anschauen, wie die Hochschulen im vergangenen halben Jahrhundert gewachsen sind. Das sind riesengroße Tanker. Die können sie nicht bewegen ohne eine vernünftige Steuerung. Was in der ganzen Debatte manchmal unterschlagen wird: Die Wissenschaftsfreiheit ist nicht nur ein Recht, das dem Individuum zusteht, sondern auch der Institution als Ganzes. Wissenschaftsfreiheit bedeutet auch die Freiheit einer Hochschule, sich eigenständig zu verändern und weiterzuentwickeln.

 

Halfwassen: Man darf beide Sphären nicht gegeneinander ausspielen, Frau Bauer. Die Wissenschaftsfreiheit ist primär ein individuelles Grundrecht und sekundär ein Grundrecht von Institutionen. Sie schützt ausdrücklich den einzelnen Hochschullehrer gegen Eingriffe auch und gerade der Hochschulleitung.

 

Bauer: Die beiden Ebenen stehen in einem offensichtlichen Spannungsverhältnis. Wenn man die Wissenschaftsfreiheit der Institution auf rein repräsentative Aufgaben beschränkt, kann sie nicht gelebt werden. Und je komplexer und größer die Hochschulen geworden sind, desto grundlegender ist es, ihnen diese Freiheit zuzugestehen.

 

Halfwassen: Einverstanden. Wir brauchen eine handlungsfähige Leitung, und Sie haben auch Recht, dass diese Ziele haben muss, die Bildungsziele sind und keine ökonomischen. Den „Vorstandsvorsitzenden“ als Titel des Rektors, wie wir ihn im alten Hochschulgesetz hatten und den Sie Gott sei Dank herausgestrichen haben, den wollen wir nicht, den brauchen wir nicht.

 

Frau Bauer, hat Ihr Vorgänger Peter Frankenberg die Stimmung an den Hochschulen unnötig angeheizt, in dem er Begriffe wie die „unternehmerische Hochschule“ etablierte, die entsprechend dann auch den von Herrn Halfwassen erwähnten „Vorstandsvorsitzenden“ im Hochschulgesetz mit sich brachte? 

 

Bauer: Ich habe, noch bevor ich Ministerin wurde, explizit kritisiert, dass das die falschen Begrifflichkeiten und die falschen Vorbilder waren. Sie passen nicht zur Eigenlogik der Hochschulen.

 

Sie sprechen von einem dritten Weg. Wo ist das Vorbild?

 

Bauer: Das gibt es nicht. Auch die parlamentarische Demokratie ist keine, denn ich glaube nicht, dass der Senat ein Parlament ist, so wenig, wie der Hochschulrat dem Aufsichtsrat eines Unternehmens entspricht. Entscheidend ist, dass die Hochschule nicht strukturiert ist als System organisierter Verantwortungslosigkeit.

 

Halfwassen: Hochschulen müssen in einem gewissen Rahmen demokratisch verfasst sein. Aber natürlich ist die Demokratie in der Hochschule eine Demokratie besonderer Art und Weise, eben weil die Professoren besondere Verantwortungsträger sind und damit auch besondere Rechte genießen.

 

Sie sprechen die Professorenmehrheit an, die das Bundesverfassungsgericht seit 1973 vorschreibt: Professoren müssen alle entscheidenden Fragen zu Lehre und Forschung allein mit ihrer Mehrheit entscheiden können. Warum eigentlich?

 

Halfwassen: Weil die Professoren die einzigen sind, die unbefristet an den Hochschulen bleiben und deren wissenschaftliches Profil mit ihrer Forschung und Lehre wesentlich prägen und tragen. Daraus lassen sich Mitwirkungsrechte rechtfertigen, die größer sein müssen als die des Mittelbaus oder der Studenten.

 

Wollen Sie sagen, das Verweildauer an sich ein Qualitätsmerkmal ist?

 

Halfwassen: Die Langfristigkeit des Engagements ist jedenfalls ein wesentlicher Punkt. Ein Studentenvertreter im Senat, der geht hoffentlich mal wieder. Aber er trifft Entscheidungen mit, die auf Jahre hinaus Auswirkung haben.

 

Schränken Sie mit der Logik nicht die im Grundgesetz garantierte Wissenschaftsfreiheit ein – für alle Hochschulmitglieder außer den Professoren?

 

Halfwassen: Langsam. Grundrechtsträger ist jeder Wissenschaftler. Auch Doktoranden genießen schon die Wissenschaftsfreiheit, und als Doktorväter müssen wir die respektieren. Das heißt aber nicht, dass in der Hochschule alle das Gleiche zu sagen haben sollten. Professoren haben nun einmal eine größere wissenschaftliche Kompetenz als wissenschaftliche Mitarbeiter und als Studenten. 

 

Bauer: Ich finde nicht, dass man von größeren und geringeren Kompetenzen sprechen kann. Die unterschiedlichen Statusgruppen bringen unterschiedliche Kompetenzen und Perspektiven mit. Die Sichtweise eines jungen Doktoranden oder Postdocs ist die Sichtweise der nachwachsenden Generation, und gerade die halte ich heute für extrem wichtig. Dass sich die zweifellos größere fachliche Kompetenz der Professoren in der Tiefe der Mitsprache widerspiegelt, ist für mich daher keineswegs folgerichtig. Umgekehrt ist Streit an der Stelle aber auch müßig, eben weil das Urteil von 1973 die Vormacht der Professoren zementiert. Da komme ich als Politikerin nicht dran. 

 

Herr Halfwassen, Sie fordern mehr Macht für die Professoren und wehren sich gegen die vermeintlich übermächtigen Rektorate. Nennen Sie doch bitte ein konkretes Beispiel, wo die Rektorate die ihnen anvertraute Macht zum Schaden der Hochschule und ihrer Mitglieder eingesetzt haben. 

 

Halfwassen: Oh, da gibt es viele. Nehmen Sie die Universität Freiburg, wo eines der traditionsreichsten philosophischen Seminare unter Mitwirkung des Rektorats zerschnipselt worden ist.   

 

Bauer: Die Entscheidung, die Philosophie in Freiburg neu auszurichten, war eine gemeinsame von Rektorat und Senat!

 

Halfwassen: Die Entscheidung eines in seiner Macht eingeschränkten Senats, dem das Selbstbewusstsein fehlte zu sagen: Wir machen da nicht mit. Ein zweites Beispiel. In der ersten Bewerbungsrunde zur Exzellenzinitiative hat das Rektorat der Universität Tübingen die Geisteswissenschaften zugunsten der Naturwissenschaften massiv zusammengestrichen, weil man sich so größere Chancen im Wettbewerb erhoffte. Ironischerweise war Tübingen übrigens erst im zweiten Anlauf erfolgreich, und da haben die starken Geisteswissenschaften wesentlich den Ausschlag gegeben. 

 

Wären die Entscheidungen in Freiburg und Tübingen anders ausgefallen, wenn die Rektorate weniger Befugnisse gehabt hätten, Frau Bauer?

 

Bauer: In den beiden Fällen sicher nicht. Wie in Freiburg war auch die Tübinger Entscheidung, die Universität stärker Richtung Naturwissenschaften zu profilieren eine, die von der ganzen Universität getragen wurde. Es gab Kritik damals, das ja, aber die Gremien haben einvernehmlich entschieden. Herr Halfwassen, man kann Veränderungen kritisieren, aber man sollte sie nicht auf eine Governance zurückführen, die damit nichts zu tun hat.   

 

Halfwassen: Lassen Sie mich als Antwort in die Geschichte zurückgreifen. Wir haben in Europa zwei große Universitätsmodelle, Bologna und Paris. Bologna war von Anfang an die führungsstarke Universität mit Ausbildungsauftrag, sie sollte Juristen produzieren, die den Landesfürsten als Beamte zur Verfügung gestellt wurden. Paris war demgegenüber das Modell der Forschungsuniversität, kollegial organisiert, und interessanterweise haben sich alle Traditionsuniversitäten am Pariser Modell orientiert. Als Heidelberg gegründet wurde, reiste man nach Paris, um die dortige Univerfassung abzuschreiben. Das, was wir seit etwa 2005 beobachten, ist, dass die Universitäten, die sich am Pariser Modell orientiert haben, nach dem Bologneser Vorbild umgebaut werden zu führungsstarken Universitäten und zu Ausbildungsstätten.

 

Bauer: Die Gründung der Pariser Universität war vor 800 Jahren, Herr Halfwassen! Sie können doch nicht ernsthaft die Universitäten von damals mit den heutigen Hochschulen vergleichen. Über 50 Prozent eines Altersjahrgangs studieren heute, und sie landen nicht in der Arbeitslosigkeit. Sie werden im 21. Jahrhundert gebraucht. Deswegen glaube ich, dass man die Universität anders buchstabieren muss, dass man eine 800 Jahre alte Idee nach vorn denken muss. 

 

Halfwassen: Das Problem beginnt, wenn die Stärke des Rektorats nicht mehr aus der Stärke einer Bildungsidee rührt, sondern aus dem Budget heraus. Die Währung wissenschaftlicher Reputation sind heute in hohem Maße die Drittmittel, und wer sich um die bewirbt, etwa im Rahmen der Exzellenzinitiative, braucht die starke Unterstützung der Rektorate. Auch deshalb fallen Senate und Fakultätsräte als Gegengewichte weitgehend aus, sie sind zu zahm, zumal ich zur Schande meines eigenen Berufsstandes sagen muss: Es gibt auch eine verbreitete Professorenfeigheit. Und gegen die müssen wir angehen.

 

Aber wo ist die Leitidee, die das heilen kann, Herr Halfwassen? Paris von vor 800 Jahren kann da schwerlich taugen.

 

Halfwassen: Wenn Sie die Erfolgsgeschichte der deutschen Universität ansehen, begann die nicht mit der Übernahme des Pariser Modells, sondern mit den Humboldtschen Reformen. Und was hat Humboldt gemacht? Er hat die Universitäten auf die Selbstbestimmung der Wissenschaftler ausgerichtet. Also im Grunde nochmal eine Zuspitzung des Pariser Vorbilds. Mit dem Ergebnis, dass die deutschen Universitäten bis 1933 zu den besten der Welt avancierten. Dieser Welterfolg basierte auf einer Philosophie, die ganz stark auf die Freiheit des Einzelnen setzt, übrigens auch auf die Freiheit der Studenten. Die dem Einzelnen das Vertrauen entgegenbringt, dass er mit dieser Freiheit etwas Vernünftiges anfängt.

 

Bauer: Für mich ist die Bologna-Reform genau das, eine moderne Weiterführung der Humboldtschen Idee. Die Studienreform ist ein groß angelegtes Programm zur Entstaatlichung des Hochschulwesens. Ich lese Bologna als ein Stück Freiheitsgeschichte: Der Staat gesteht den Hochschulen mehr Freiheit zu und lässt sie selbst ihre Geschicke lenken.

 

Woran machen Sie das fest?

 

Bauer: Nehmen Sie die Genehmigung von Studiengängen. Früher haben das die Ministerien gemacht. Warum sollen denn meine Ministerialbeamten besser wissen, was wissenschaftliche Qualität ist, als die wissenschaftliche Community selbst, die jetzt über die Akkreditierung entscheidet? 

 

Halfwassen: Wenn es doch nur so gelaufen wäre. Tatsächlich hat sich der Staat aus den Hochschulen zurückgezogen und das Feld privaten Unternehmen überlassen, Akkreditierungsagenturen, die keinerlei Kontrolle unterliegen und in absoluter Selbstherrlichkeit entscheiden, was ihnen gefällt und was nicht. Die Kommissionen, die diese Agenturen nach eigenem Gutdünken zusammensetzen, sind willkürlich, ihre Fachkompetenz ist fragwürdig. Darum ist Bologna für mich gerade keine Freiheitsgeschichte, sondern die Geschichte des Verlustes von staatlich garantierter Freiheit. 

 

Die Kritik an Bologna und an der Akkreditierung, so scheint es, vereint viele Professoren. Sind das Symbole für den Wandel, über den wir die ganze Zeit sprechen?

 

Halfwassen: Das sind keine Symbole, sondern erfahrene Zumutungen, und zwar erhebliche. Wie groß die Abneigung gegen Bologna ist, hat neulich eine Allensbach-Umfrage ergeben, der zufolge 78 Prozent der Professoren Bologna für gescheitert halten. Bologna ist ein Modell, das die Politik den Professoren gegen ihren Willen oktroyiert hat. Wenn 78 Prozent dagegen sind, kann so eine Reform nicht funktionieren.  

 

Stehen all diese Themen für Sie in einem sachlichen Zusammenhang? Bologna, überbordende Drittmittel, starke Rektorate?

 

Halfwassen: So wie der Hang zu Drittmitteln starke Rektorate fördert, ist die Akkreditierung eine Folge von Bologna, und so schief, wie sie gegangen ist, hat sie das Ansehen von Bologna in Deutschland nochmal heruntergezogen. Ich will ja gar nicht ausschließen, dass eine vernünftige Grundidee der Studienreform zugrunde lag, aber wenn es sie gab, hat die Politik sie ordentlich gegen die Wand gefahren. 

 

Bauer: Ich glaube, der Unmut der Professoren hat eine andere Ursache. Einige von ihnen glauben, dass die Universitäten mit den zehn Prozent Studienanfängern von früher gut bedient waren und der Rest sich bitte woanders ausbilden lassen soll. Aber die bildungshungrigen Menschen sind nun einmal da, und sie bringen ihre ganze Vielfalt und Verschiedenheit und ihre unterschiedlichen Erwartungshorizonte mit. Natürlich ist das auch eine gewisse Zumutung, weil sie die Universitäten mit einer anderen, einer neuen Erwartungshaltung konfrontieren. Die jungen Menschen fragen nicht nur, wie die Universität sie wissenschaftlich bilden kann, sondern auch, was sie aus der Universität für ihre Karriere außerhalb der Wissenschaft mitnehmen können. 

 

Halfwassen: Diejenigen von uns, die für ihren Beruf Leidenschaft empfinden, machen gern Lehre, und wir kriegen es auch in Zeiten der Studentenrekorde immer noch hin, Forschung und Lehre zu kombinieren. Was uns sorgt, ist die Explosion an administrativen Aufgaben, etwa wenn an Instituten, die einer Programmakkreditierung unterworfen werden, Forschung und Lehre erstmal für ein halbes Jahr komplett flachliegen.

 

Das von der Politik ausgegebene Ziel lautet daher: Von der Akkreditierung einzelner Programme sollen die Hochschulen zur Systemakkreditierung kommen, also als ganze Institution einmal alle sechs Jahre evaluiert werden. 

 

Bauer: So ist es. Das Ziel ist zudem, diese Frist zu verlängern.

 

Halfwassen: Nein, das Ziel muss sein, die Akkreditierung komplett abzuschaffen. 

 

Sie wollen doch nicht ernsthaft zur ministeriellen Genehmigung zurück?

 

Halfwassen: Genau das will ich. Die Ministerien haben nur geguckt, ob formal alles in Ordnung ist, und inhaltlich hatten wir völlige Freiheit. Zumindest in den Geisteswissenschaften war das so. 

 

Bauer: Da habe ich andere Geschichten gehört, aber gut, ist lange her.

 

Halfwassen: Und hängt sicherlich auch von der Wissenschaftsdisziplin ab.

 

Bauer: Wie auch immer, Ihre Kritik ist durch den neuen Staatsvertrag zur Akkreditierung ohnehin hinfällig, da er nicht nur den Auftrag des Akkreditierungsrats präzisiert, sondern das Gremium zugleich mit einer Wissenschaftlermehrheit ausgestattet und die privaten Agenturen aus der Genehmigung herausgezogen hat. 

 

Halfwassen: Dem muss ich heftig widersprechen. Der neue Staatsvertrag tut nur so, als räume er den Wissenschaftlern mehr Einfluss ein. Zwei Wissenschaftler sollen im Akkreditierungsrat das gesamte Spektrum der Geisteswissenschaft abdecken – das soll Fachnähe sein? Dazu kommt, daß die Professoren im Akkreditierungsrat von der KMK auf Vorschlag der HRK ernannt werden sollen, also rein exekutiv bestellt werden, was in Baden-Württemberg übrigens der Rechtsprechung des Verfassungsgerichts widerspricht. Außerdem verletzt der Staatsvertrag der baden-württembergischen Landesverfassung, die es untersagt, hoheitliche Verwaltungsaufgaben an eine Behörde zu übertragen, die nicht der Landesregierung von Baden-Württembergs und nicht der Kontrolle des baden-württembergischen Landtags untersteht. Und genau das ist der Akkreditierungsrat: eine nordrhein-westfälische Quasi-Behörde. 

 

Bauer: Bleiben wir beim Kern. Natürlich liegt die Verantwortung für die wissenschaftliche Qualität bei jeder einzelnen Hochschule und ihren Professoren, aber der organisierte Blick von außen ist unverzichtbar. Man muss ihn allerdings auch annehmen wollen. Wenn Sie glauben, es gehe bei einer Akkreditierung nur darum, dass die da draußen, wenn sie alle Akten gelesen haben, ihr Häkchen dran machen, dann verstehen Sie das Prinzip nicht. Sie müssen sich schon dem kritischen Blick von außen stellen wollen und die Anregungen mitnehmen.

 

Frau Bauer, im vergangenen Herbst hat der baden-württembergische Verfassungsgerichtshof entschieden, dass Ihr Hochschulgesetz verfassungswidrig ist. Die Senate, entschieden die Richter, müssten wieder aus eigener Macht die Rektorate oder einzelne Rektoratsmitglieder entlassen können. Wie reagieren Sie auf das Urteil? 

 

Bauer: Produktiv. Wir brauchen ein starkes Rektorat mit Entscheidungsspielräumen, aber auch mit einer klaren Legitimation durch die Universität.

 

Geht das konkreter?

 

Bauer: Das heißt sicher nicht, dass wir das Rektorat schwächen und um grundlegende Kompetenzen beschneiden. Wir werden eine neue, rechtskonforme Möglichkeit der Abwahl schaffen, falls Rektorate das Vertrauen der Universität verlieren sollten. Ganz sicher aber werde ich keine Lösung präsentieren, in der es einer kleinen Gruppe gewählter Professoren gelänge, das Rektorat an die kurze Leine zu nehmen und ihm den Mut zu unpopulären Entscheidungen auszutreiben. Wir müssen die Abwahl auf breite Füße stellen.

 

Was heißt „auf breite Füße?“

 

Bauer: Da sind verschiedene Varianten vorstellbar. Man könnte den Senat vergrößern und so die Zahl der gewählten Professoren erhöhen. Oder wir schaffen die Möglichkeit, dass die Professorenschaft insgesamt abstimmt. Mit anderen Worten: Urabwahl. 

 

Halfwassen: Mir ist der Gedanke neu, aber das halte ich für eine äußerst interessante Idee. Der Rektor ist der Repräsentant der gesamten Universität, insofern wäre es folgerichtig, die Entscheidung über seine Abwahl in die Verantwortung aller Professoren zu legen. 

 

Die Richter haben noch mehr verlangt. Bei Senatsentscheidungen, die die Professorenmehrheit erfordern, dürfen künftig nur noch gewählte Professorenvertreter mitgezählt werden. Das heißt: Alle Professoren, die nur von Amts wegen im Senat sind, also Rektoratsmitglieder oder Dekane, bleiben außen vor.  

 

Bauer: Herr Halfwassen, das können Sie doch nicht ernsthaft gut finden.

 

Halfwassen: Aber natürlich finde ich das gut. Nehmen Sie den Heidelberger Senat als Beispiel: Der hat 35 Mitglieder zurzeit und davon sind nur acht gewählte Professoren. Ihr Einfluss ist eindeutig zu gering. Das Urteil gibt ihnen endlich die Macht zu einer echten Kontrolle des Rektorats zurück. 

 

Bauer: Überlegen Sie mal, was das bedeutet. Künftig könnten fünf der acht gewählten Professorenvertreter, also fünf von 35 Senatsmitgliedern in Heidelberg eigenständig das Rektorat abwählen.

 

Halfwassen: Wenn Ihnen das zu wenige Professoren sind, kann man ja insgesamt mehr Professoren in den Senat schicken, Frau Bauer, wie Sie selbst schon angedeutet haben. Entscheidend ist etwas Anderes. Ich habe mir mal die Homepage Ihres Ministeriums angeschaut und dort ein glühendes Plädoyer für die Freiheit als Grundlage der Wissenschaft gefunden. Diese Freiheit hat aber eine geradezu zwingende Voraussetzung: dass wir Campus-Imperatoren verhindern.  

 

Bauer: Wenn ich mir unsere Rektoren anschaue sind, sind wir davon doch so weit entfernt wie der Mond! 

 

Gibt es Campus-Imperatoren an Baden-Württembergs Hochschulen?

 

Halfwassen: In der Regel nicht. Aber die rechtlichen Verhältnisse waren bislang so, dass es in die Richtung hätte laufen können. Zumal noch etwas dazu kommt. Nicht nur die Rektorate, auch die Dekane haben in den vergangenen zehn Jahren einen enormen Machtzuwachs erlebt. Gleichzeitig sind sie abhängiger vom Rektorat geworden, weil heute ohne Zustimmung des Rektors keiner mehr Dekan wird. Wie sollen die Dekane da noch im Senat wirksam die Rektorate kontrollieren? Insofern musste der Verfassungsgerichtshof ihnen das Stimmrecht nehmen. 

 

Ist doch plausibel argumentiert, oder, Frau Bauer?

 

Bauer: Ja, aber die Schlussfolgerung teile ich nicht. Die beschriebene Abhängigkeit zwischen Dekanen und Rektoraten kann ich auflösen durch eine Klarstellung im Gesetz, dass Dekane allein von ihren Fakultätsräten gewählt werden. Punkt. Das Vorschlagsrecht des Rektors kann meinetwegen ersatzlos entfallen. So hätte man die Abhängigkeit beseitigt, die Expertise der Dekane im Senat aber nicht geschmälert. Andernfalls kann ich mir nicht vorstellen, warum ein gestandener Dekan noch Lust haben sollte, ohne Stimmrecht, sozusagen als Mitglied zweiter Klasse, im Senat zu hocken. 

 

Halfwassen: Das wäre eine Reform in die richtige Richtung. Die Dekane sollten die Sprecher ihrer Fakultät gegenüber dem Rektorat und im Senat sein, nicht die Sprecher des Rektorats in den Fakultätsräten. Wenn Sie diese Fehlentwicklung korrigieren, Frau Bauer, können Sie Sie sicherlich auf Sympathien in den Fakultäten zählen.

 

Und was ist mit den Rektoratsmitgliedern? Lässt sich deren Stimmrecht im Senat auch retten?

 

Bauer: Ich komme aus einer parlamentarischen Tradition, in der der Ministerpräsident sehr wohl sein Stimmrecht als gewählter Abgeordneter wahrnimmt und ich als Ministerin ebenso. 

 

Das war aber nicht immer so. Früher galt bei den Grünen die strikte Trennung von Amt und Mandat. 

 

Bauer: Das ist lange her. Wir sind eine lernende Organisation.

 

Halfwassen: Und zum Lernen gehört zu erkennen: Das Rektorat als Exekutive, die vom Senat kontrolliert werden soll, darf im Kontrollgremium kein Stimmrecht haben. 

 

Bauer: Woran machen Sie das fest? In Baden-Württemberg ist, wie ich gerade beschrieben habe, die Exekutive auch Teil der Legislative. 

 

Halfwassen: Ich mache es fest an der Logik, dass je stärker die Führungsstruktur ist, desto stärker auch die Kontrollmöglichkeit sein muss. 

 

Aber ein Ministerpräsident hat auch ziemlich viel Macht.

 

Halfwassen: Ein Ministerpräsident hat eine Opposition gegen sich. In Hochschulsenaten existiert diese Aufteilung in Regierung und Opposition aber normalerweise nicht. Seit der Frankenberg-Reform entsprechen die Hochschulen in Baden-Württemberg viel eher dem US-Präsidialsystem, und da hat der Präsident logischerweise auch kein Stimmrecht im Parlament. 

 

Vorhin haben Sie betont, Frau Bauer, wie wichtig Sie die Perspektive der nachwachsenden Wissenschaftlergeneration finden. Haben Sie konkrete Pläne, um ihnen mehr Gehör zu geben?

 

Bauer: Wenn wir schon ans Gesetz gehen, nutzen wir die Gelegenheit für diese Reform. Wir werden wir nach geeigneten Wegen suchen, wie wir die Stimme der Doktoranden, die Stimme der jungen Wissenschaft, deutlicher in den Senat einspeisen können. 

 

Und wie?

 

Bauer: Wir werden ein neues Modell ausprobieren, aber es ist zu früh, die Einzelheiten öffentlich zu diskutieren. Das würde die Konsensfindung erschweren. 

 

Herr Halfwassen, glauben Sie, mit dieser Ministerin wird es eine vernünftige Antwort auf das Urteil des Verfassungsgerichtshofes geben?

 

Halfwassen: Auch wenn wir uns bei der Akkreditierung nicht einig werden: Insgesamt finde ich, dass Frau Bauer konstruktiv mit dem Urteil umgeht. Das macht Hoffnung.

 

Eine kürzere Version dieses Streitgesprächs erschien gestern in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.


Fotos: Heinrich-Böll-Stiftung: "Theresia Bauer", CC BY-SA 2.0/Marsilius-Kolleg der Universität Heidelberg, www.marsilius-kolleg.uni-heidelberg.de

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Unter uns

Privatschulen sollen offen für alle sein, so schreibt es die Verfassung vor. Die Realität sieht anders aus.

SCHON IHRE ERSTE Studie hatte Aufsehen erregt. Im November berichteten Forscher des Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), dass die Privatschulen in Deutschland sich systematisch abschotteten durch teilweise exorbitante Schulgelder – und dass die Bundesländer sie gewähren ließen. Jetzt haben die Wissenschaftler die Fortsetzung ihrer Recherche veröffentlicht – und die Ergebnisse dürften die Politik noch stärker unter Druck setzen.

 

Dass es ein Problem mit dem Zugang zu vielen Privatschulen gibt, wissen die Kultusministerien schon lange. Vor 25 Jahren betonte das Bundesverfassungsgericht in einer viel beachteten Entscheidung, das im Grundgesetz-Artikel 7 enthaltene "Sonderungsverbot" sei von Schulen in freier Trägerschaft "strikt" zu beachten. Denn die Verfassung garantiert zwar die Freiheit, private Schulen einzurichten und als so genannte "Ersatzschulen" zu unterhalten. Doch dürfen die dürfen nur genehmigt werden, wenn an ihnen »eine Sonderung der Schüler nach den Besitzverhältnissen der Eltern nicht gefördert wird«. Soll heißen: Die Schulen dürfen sich ihre Schüler nicht einfach nach dem Geldbeutel aussuchen. Im Gegenzug übernimmt der Staat nach einer Probephase von bis zu drei Jahren rund zwei Drittel der Schulkosten. Für den Rest müssen die privaten Träger selbst aufkommen. 

 

Die Durchsetzung des Sonderungsverbots liegt in der Verantwortung der Länder, doch haben laut WZB nur vier Länder überhaupt eine über die Verfassung hinausgehende Regelung in ihren Gesetzen verankert. Berlin hat zwar Regelungen, doch, wie Michael Wrase, Laura Jung und Marcel Helbig in ihrem so genannten "Discussion Paper" schreiben, seien diese rechtswidrig und damit unverbindlich. Außerdem würden sie "zum überwiegenden Teil nicht eingehalten". Dann werden die Autoren konkret: Von den 94 untersuchten privaten Grundschulen in Berlin halten 51 die Vorgaben zur Höhe des Schulgeldes nicht ein, von den 67 weiterführenden Schulen der Klassen sieben bis zehn verstoßen 38 gegen die Regeln – und gegen die Verfassung. Die Forscher bilanzieren: "Wir haben es in diesem Fall mit einem Kontrollversagen seitens der Berliner Senatsverwaltung zu tun.“

 

Die wichtigste Vorgabe des Senats besteht darin, dass  das Schulgeld für Eltern der untersten Einkommensgruppe nicht höher als 100 Euro im Monat liegen darf. Ein Betrag, den die Forscher bereits für zu hoch halten, jedoch für ihre Untersuchung als Schwelle angesetzt haben. 

 

Brisant ist außerdem, dass dem WZB zufolge der Anteil derjenigen Schüler, deren Familien von der Zuzahlung für die Lernmittel befreit sind, an den privaten Schulen im Vergleich zu den staatlichen „verschwindend gering“ ist und besonders niedrig an jenen 18 Berliner Privatschulen, die mit mehr als 200 Euro Mindestschulgeld „eklatant“ gegen die Senatsvorgaben verstießen. In konkreten Zahlen: An den privaten Grundschulen insgesamt sind 7 Prozent der Schüler „lernmittelbefreit“ und an den besonders teuren nur 1,7 Prozent – wohingegen der Berliner Schnitt bei 36,4 Prozent liegt.  

 

Die Privatschulen kritisieren, dass das WZB ihnen die Studie bislang nicht zur Kenntnis gegeben habe. Grundsätzlich gelte: „Wir schmeißen keine Kinder raus, wenn ihre Eltern den Schulbeitrag nicht zahlen können“, sagt Andreas Wegener vom Berliner Landesverband des Verbandes Deutscher Privatschulen. Viele Schulen würden Kinder „finanzblind“ aufnehmen. „Wir gucken nicht auf die Herkunft, wir kümmern uns um jedes Kind, das zu uns kommt.“

 

Mehr zum Thema Schulgelder können Sie heute in meinem Artikel in der ZEIT lesen. Dort berichte ich auch, wie der Berliner Bildungssstaatssekretär Mark Rackles auf die WZB-Ergebnisse reagierte und warum Baden-Württemberg laut den Forschern ein Vorbild für andere Bundesländer sein könnte. Sie finden den Artikel hier.

 

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"Großartig" nicht, aber doch bemerkenswert

Internationalisiert sich Deutschlands Wissenschaft wirklich so dynamisch, wie die Politik es behauptet? Ein Blick ins Kleingedruckte der heute veröffentlichten Studie "Wissenschaft weltoffen".

Screenshot von www.wissenschaftweltoffen.de
Screenshot von www.wissenschaftweltoffen.de

ERSTMALS STUDIEREN MEHR als 350.000 Menschen mit ausländischem Pass in Deutschland. Damit werde die von Hochschulen und Politik für 2020 gesteckte Zielmarke schon jetzt übertroffen, berichten Bundesforschungsministerium und Deutscher Akademischer Austauschdienst (DAAD) anlässlich der heute erschienenen Jahresstudie „Wissenschaft weltoffen“ – und nutzen die Gelegenheit gleich für ein wenig Eigenlob. „Das ist ein großartiger Erfolg unserer Internationalisierungsbestrebungen und spricht für die Qualität und Attraktivität unseres Wissenschaftssystems und unserer Mobilitätsangebote“, sagte Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU).

 

Angesichts der tatsächlich erstaunlich guten Zahlen sei es ihr gegönnt: Selbst der von Berufs (Oppositions) wegen kritische grüne Bildungspolitikexperte Kai Gehring zog sich in seiner ersten Reaktion auf Gemeinplätze zurück. „Internationalisierung ist kein Selbstläufer“, erklärte er.

 

Bei aller Freude ist als zweite Reaktion indes ein differenzierterer Blick angebracht. Der fängt schon bei der Zahl 357.800 an, der heute offiziell vom Statistischen Bundesamt vermeldeten Zahl der ausländischen Studenten im Jahr 2017. Sie beinhaltet auch die so genannten Bildungsinländer, also Absolventen deutscher Schulen, die hier dauerhaft leben. Die Studie "Wissenschaft weltoffen" selbst, die jedes Jahr von den Forschern der Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) erstellt wird, führt einen zweiten, korrekteren Begriff an: die internationalen Studenten in Deutschland. Von denen gab es 2014, dem Jahr mit den aktuellsten Zahlen, knapp 219.000 – gegenüber 196.600 2013. 

 

Der Zuwachs von einem Jahr aufs andere ist mit gut 11 Prozent zwar beachtlich, doch der Vergleich mit den anderen vier der fünf größten Gastländer fällt dann doch ernüchternd aus: Die USA kamen 2014 auf 842.384 internationale Studenten, fast 60.000 (!) mehr als im Vorjahr, Großbritannien steigerte sich von bereits erstaunlichen 416.700 auf 428.700, Australien, das nur ein gutes Viertel der deutschen Bevölkerung hat, dafür aber für sein offensives Studentenmarketing bekannt ist, erhöhte binnen Jahresfrist von 249.900 auf 266.000. In Frankreich schließlich fiel das Wachstum mit nur gut 6500 Studenten geringer aus, aber mit 235.000 internationalen Studenten liegt unser Nachbar immer noch vor Deutschland.

 

Aufschlussreich ist auch der Vergleich bei den Doktoranden. Gerade die deutschen Forschungsorganisationen brüsten sich gern für ihren hohen Ausländeranteil, doch im Vergleich der Top 5 ist die deutsche Quote mit Abstand die niedrigste. Deutschland zählte 2013 23.600 internationale Doktoranden an Hochschulen und Wissenschaftseinrichtungen, was einem Anteil von 21 Prozent entsprach (insofern man angesichts der immer noch wenig verlässlichen deutschen Doktorandenstatistik überhaupt einen aussagekräftigen Prozentsatz berechnen kann). Die USA kamen auf 117.800 und 32,4 Prozent, Australien auf 27.800 und 33 Prozent. Großbritannien verblüfft erneut: 45.100 und 41,4 Prozent. Und auch Frankreichs Wissenschaftseinrichtungen hängen in Sachen Internationalität die deutschen ab: 27.80 internationale Doktoranden (39,9 Prozent).

 

Immerhin zeigt der Trend in Deutschland erneut deutlich nach oben: Während in den USA  die Zahl der internationalen Doktoranden von 2013 auf 2014 sogar um 3000 zurückging und in Frankreich (-300) stagnierte, erhöhte sie sich in Deutschland immerhin um fast 1000, stärker als in Australien (+850). Einsame Spitze war allerdings erneut Großbritannien mit einem Zuwachs von 2200 internationalen Doktoranden. 

 

Werfen wir noch einen Blick auf den internationalen Wissenschaftleraustausch. Vergangenes Jahr gab es bei der Pressekonferenz zu „Wissenschaft weltoffen“ ein wenig Verwirrung und schwammige Antworten auf die Frage, ob es in Deutschland denn nun wirklich keinen Braindrain mehr gebe. Auch dieses Jahr heißt es in der DZHW-Studie, Deutschland habe eine „eher ausgeglichene Bilanz“.

 

Konkret zeugen die verfügbaren Statistiken allerdings höchstens von einer stark roten 0. So hat sich das DZHW die Gruppe der international mobilen Autoren wissenschaftlicher Publikationen angeschaut und berichtet für 2014 folgende Zahlen: Während 38.600 publizierende Wissenschaftler neu nach Deutschland kamen, verließen 44.500 die Bundesrepublik. Womit 46 Einreisenden 54 Ausreisende gegenüberstanden. Das Verhältnis in den anderen Top5-Ländern zeigt, dass die USA zwar absolut 9500 publizierende Wissenschaftler hinzugewannen, das Verhältnis Einreisende versus Ausreisende relativ gesehen jedoch mit 52 zu 48 nahezu ausgeglichen war. Deutlich mehr Brain-Gain erlebten Großbritannien mit 54 Einreisenden auf 46 Ausreisende und Australien mit sogar 57 Einreisende auf 43 Ausreisende. 

 

Dass die deutschen Zahlen indes so schlecht nicht sind, zeigt der Vergleich mit dem einzigen anderen europäischen und nicht-englischsprachigen Land: Frankreich verlor 2014 netto 6700 Wissenschaftler, auf 43 Einreisende kamen 57 Ausreisende. 

 

Und wie geht es weiter? Das DZHW zitiert eine aktuelle Prognose des British Council zur Studienmobilität, demzufolge die USA, Großbritannien und Australien auch 2025 noch die wichtigsten drei Gastländer sein werden – gefolgt von Deutschland und Kanada. Frankreich fällt zurück. 

 

Wie Kai Gehring sagte: Internationalisierung ist kein Selbstläufer. Aber Deutschland schlägt sich, wenn auch nicht „großartig“, so doch bemerkenswert gut angesichts starker Konkurrenz. Spannend wird es, wenn erst die Folgen von Trumps Wissenschaftspolitik in den Daten sichtbar werden. 

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Beauty statt Bildung

Warum private Investoren Bildungs-Startups meiden. Ein Gastbeitrag von Ulrich Schmid.

Foto: Screenshot von www.iversity.org/de
Foto: Screenshot von www.iversity.org/de

UNTER DEN 64 STARTUPS, an denen die Holtzbrinck Ventures – einer der größeren deutschen Finanzinvestoren – aktuell Anteile hält, befindet sich mit „Lecturio“ genau ein Unternehmen aus der Bildungsbranche. Demgegenüber stehen etwa zehn Beauty- und Fashion-Startups. Der Rest: Shopping, eBusiness, Sport, Reisen. Der zweite große deutsche Risikokapitalgeber bmp zählt sogar kein einziges „EdTech“- Unternehmen zu seinen rund 90 Investments. Und auch beim zur Deutschen Telekom gehörenden „Hub:Raum“ läuft der Bereich Education unter ferner liefen: Von 16 finanzierten Jungunternehmen kann allenfalls „Blinkist“ im weiteren Sinn zum Thema Wissen und Bildung gezählt werden. 

 

Dabei war eine andere Telekom-Tochter namens „T-Ventures“ noch vor wenigen Jahren ein echter Impulsgeber im Bildungsbereich: 2015 engagierte sie sich mit hohen Millionenbeträgen für „Iversity“, eines der vielversprechendsten deutschen Bildungs-Startups, das den erfolgreichen US-amerikanischen MOOC-Plattformen (zum Beispiel Coursera) Konkurrenz machen wollte. Allerdings stellte T-Ventures schon Ende 2016 die Unterstützung ein, auch bmp winkte ab, so dass Iversity erst in die Insolvenz rutschte und dann von Holtzbrinck übernommen wurde – mit der Folge einer Neu-Ausrichtung auf den sogenannten Corporate-Markt, also die berufliche Weiterbildung. 

 

Das Ergebnis: Laut dem „Deutschen Startup Monitor“ von 2016 lassen sich hierzulande nur rund 4 Prozent der Venture-Capital-Investitionen noch dem Bildungssektor zuordnen, im Rest Europas ist der Anteil ähnlich gering. Doch während deutsche und europäische Geldgeber Bildungs-Startups meiden, ziehen die Investitionen in eLearning anderswo spürbar an. Weltweit wurden im vergangenen Jahr über 400 Investments in „EdTech“-Startups gezählt, mit einem Volumen von 2,2 Milliarden US-Dollar. Dabei nehmen gerade große Investitionen (von mehr als 50 Milllionen Dollar) sprunghaft zu, so eine 2016 veröffentlichte Untersuchung von Ambient Insights. All das Geld konzentriert sich jedoch auf Unternehmen in den USA und Indien, gefolgt von China und Großbritannien. Ein Trend, der sich auch in den jüngsten Akquisitionen der Bertelsmann Education Group widerspiegelt, die vor zwei Jahren einen führenden US-amerikanischen Bildungsanbieter für den Gesundheitsmarkt übernahm („Relias Learning“) und sich zudem am Silicon Valley Bildungs-Senkrechtstarter „Udacity“ beteiligte. Die Übernahme des Video-Lecture-Anbieters „Lynda.com“ durch LinkedIn für geschätzte 1,5 Milliarden Dollar belegt ebenfalls eindrucksvoll das geschäftliche Potenzial von „Education“ im globalen Rahmen. Nur hierzulande scheuen Risiko-Kapitalgeber vor Beteiligungen an Bildungsunternehmen zurück. 

 

Wie kann das sein – angesichts des enormen digitalen Innovationspotenzials und eines Marktvolumens, das von der Bertelsmann-Stiftung auf fünf Prozent des deutschen Bruttoinlandsproduktes geschätzt wird? Fehlen hierzulande die „smarten Lösungen“ und „disruptiven“ Gründungsideen, oder verkennen die deutschen Kapitalgeber schlicht die Potenziale der „EdTech“? Vier Antwortversuche:

 

Erstens: Der deutsche Bildungsmarkt ist kein (einfacher) Markt, jedenfalls nicht im schulischen und akademischen Bereich. Bildung wird als „öffentliches Gut“ betrachtet, das kostenlos zu sein hat und staatlich scharf reguliert wird. Entsprechend hoch sind die Eintrittshürden für neue Anbieter und Angebote im schulischen und hochschulischen Segment. Selbst inzwischen etablierte Jung-Unternehmen im schulischen Nachmittagsmarkt, wie „Sofatutor“ oder „Scoyo“, können davon ein Lied singen. Im deutschen Hochschulbereich konnte sich bisher kein einziges nennenswertes Bildungs-Startup etablieren. Vielleicht schafft das ja „qLearning“, das – unter anderem finanziert von der IBB Beteiligungsgesellschaft – ein mobiles Angebot für die Klausurvorbereitung in den Markt bringen möchte. Offener ist hingegen die Ausgangssituation in der beruflichen Weiterbildung: Dies belegt beispielsweise die Neugründung „Carreerfoundry“, die seit einiger Zeit mit großem Erfolg hochwertige Online-Kurse rund um neue Qualifikationsthemen anbietet.

 

Zweitens sind im deutschen Sprachraum – verglichen mit der englischsprachigen Welt – keine allzu großen Skaleneffekte zu erwarten. So können beispielsweise deutschsprachige Video-Tutorials oder Test-Apps allenfalls nach Österreich und in die Schweiz verkauft werden. Dazu kommen regulatorische und kulturelle Eigenheiten vieler Bildungsmärkte, was wiederum den Entwicklungs- und Vertriebsaufwand enorm ansteigen lässt. 

 

Drittens sind die Exit-Szenarien für die Investoren im Bildungsbereich relativ unattraktiv, sprich: Sie fürchten, ihr Geld nicht beizeiten wiederzubekommen. Eine berechtigte Sorge, nicht nur, weil deutsche Bildungs-Startups – zumindest verglichen etwa mit Shopping-Apps– nur selten ähnlich traumhafte Wachstumshoffnungen wecken. Sondern auch, weil selbst für den Fall, dass hohe Umsatzziele erreicht wurden, die Anzahl potenter Bildungsunternehmen, die später als Käufer in Frage kommen, hierzulande überschaubar ist. 

 

Zusammengenommen führt dies viertens dazu, dass junge Gründer aus Deutschland lieber einen ultimativen neuen Beauty-Guide für junge Frauen als eine adaptive Sprachenlern-App für Grundschüler entwickeln. 

 

Doch wie kommt so Innovation ins Bildungssystem? Bleibt das am Ende allein den amerikanischen oder indischen Startups überlassen? Kritik an den deutschen Gründern oder Venture Capital Firmen greift jedenfalls zu kurz, leben diese doch davon, dass mindestens eins von zehn ihrer Investments irgendwann abhebt. Anzusetzen wäre vielmehr an den politisch-regulatorischen Rahmenbedingungen des staatlichen Bildungssystems, das sich stärker öffnen müsste für innovative Anbieter. Die von Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) in Aussicht gestellte Förder-Milliarden für die digitale Schul-Ausstattung könnte hier vielleicht eine neue Ausgangslage schaffen, strukturell wird sich der Markt dadurch jedoch nicht verändern. So ruht die Hoffnung der Startups auf der überwiegend privat organisierten (beruflichen) Weiterbildung, die mit immerhin 27 Milliarden Marktvolumen nur unwesentlich kleiner ist als der Hochschulbereich. Hier locken nicht nur erhebliche geschäftliche Potenziale, sondern vor allem ein rasch wachsender Bedarf nach neuen, intelligenten Bildungsformaten – jenseits traditioneller Schulungsanbieter. Also: Wo ist das digitale Bildungs-Startup aus Deutschland, das die berufliche Weiterbildung neu denkt und Uber-like „auf links dreht“? 

 

Ulrich Schmid hat Politikwissenschaft und Medienberatung studiert und ist Geschäftsführer des mmb Institut – Gesellschaft für Medien- und Kompetenzforschung mbH. 

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Ungewöhnliche Post aus Stuttgart

KMK-Präsidentin Eisenmann schreibt an Bundesbildungsministerin Wanka und fordert eine klare Ansage zur Zukunft des Digitalpakts

Susanne Eisenmann (links), Johanna Wanka. Foto-Credits: siehe unten

DER BRIEF BEGINNT ausgesprochen freundlich. Sie wolle der "lieben Frau Prof. Wanka" ganz persönlich danken "für die guten, konstruktiven und erfolgreichen Arbeiten an den Eckpunkten des Digitalpaktes Schule", schreibt Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann der Bundesbildungsministerin. Dann jedoch wird die diesjährige Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK) drängender im Ton. Sie bitte um einen Hinweis, wann genau Wanka die Anfang Juni ausgefallene gemeinsame Verabschiedung nachzuholen gedenke. Solange die ausstehe, sehe sie "für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unserer Häuser keine Grundlage für in die Tiefe gehende Erörterungen".

 

Vor zwei Wochen hatte bereits Hamburgs Schulsenator Ties Rabe in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (leider nicht online) Wanka vorgeworfen, sie zeige keinerlei Bemühungen, den versäumten Termin nachzuholen. "Wir sagen hier sehr klar, dass Frau Wanka ihr Wort nicht hält und das Geld nicht hat und dass der Digitalpakt womöglich platzt", gab der SPD-Politiker zu Protokoll. 

 

Dass jetzt sogar eine CDU-Kultusministerin bei einer CDU-Bundesministerin per offiziellem Schreiben um Auskunft nachsucht, hat Seltenheitswert und belegt, wie verstopft die informellen Kommunikationskanäle zwischen KMK und Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) mittlerweile sind. Bei den 16 Kultusministern herrscht unabhängig von ihrer politischen Zugehörigkeit Verwirrung über Wankas Verhandlungsführung in Sachen Digitalpakt, dem von ihr im Oktober mit viel Getöse angekündigten Fünf-Milliarden-Paket für die Digitalisierung der Schulen. "Verwirrung ist zu wenig, Irritation ist das passende Wort", sagt ein Minister. 

 

So, wie die Länderminister es darstellen, habe es vor der für den 1. Juni angesetzten abschließenden Spitzenrunde bereits eine Verständigung bei allen noch strittigen Fragen gegeben. Sogar die gemeinsame Pressemitteilung, die dies verkünden sollte, sei vor der kurzfristigen Absage des Termins durchs BMBF bereits zwischen KMK und Bundesbildungsministerium abgestimmt gewesen. >>



>> Ihre Abwesenheit am 1. Juni hatte Wanka damit begründet, sie sei bei deutsch-chinesischen Regierungsgesprächen unabkömmlich. An ihrer Stelle sollte Staatssekretärin Cornelia Quennet-Thielen zum KMK-Treffen nach Stuttgart kommen, doch am Vorabend kam das Signal aus dem Bundesbildungsministerium: Die Staatssekretärin ist krank, wir müssen Verabschiedung und die gemeinsame Pressekonferenz absagen. 

 

Sie und Quennet-Thielen seien die alleinigen Verhandlungsführerinnen, erklärte Wanka, deshalb sei es ja wohl selbstverständlich, dass zumindest eine von ihnen beiden auch bei der abschließenden Beschlussfassung dabei sein und diese umgekehrt verschoben werden müsse, wenn sie beide verhindert seien. Insofern liege auch ein Ergebnis der Verhandlungen erst vor, "wenn der Bund solche Eckpunkte gemeinsam mit den Länderministerinnen und -ministern erörtert und beschlossen hat." 

 

Die doppelte Absage ohne Ersatz empfanden die 16 Kultusminister jedoch als Missachtung der KMK und entschieden deshalb, die Sache trotzdem durchzuziehen. Mit einem unilateralen Bekenntnis zu den ausgehandelten Eckpunkten und ihrer gleichzeitigen Veröffentlichung. Was wiederum Wanka verärgerte. Seitdem: Funkstille. Und täglich neue Gerüchte unter den Kultusministern: Hat Wanka das Fünf-Milliarden-Paket doch nicht richtig mit Finanzminister Wolfgang Schäuble abgesprochen, woraufhin er sie im letzten Moment stoppte? "Es ist einfach nicht überzeugend, dass dem BMBF bei einer Ministerin und vier Staatssekretären das Personal ausgeht, nur weil Wanka und Quennet-Thielen nicht können", heißt es aus der KMK. Und ebenfalls sei unverständlich, warum die Ministerin den Termin danach nicht schleunigst nachholen wolle – weshalb Susanne Eisenmann ihren Brief abschickte.

 

Den Brief der KMK-Präsidentin, der vergangenen Dienstagabend im BMBF einging, will die Bundesministerin nicht offiziell kommentieren. Noch am Dienstagnachmittag hatte sie aber bei einer Konferenz der Arbeitgeber bekräftigt, die Verhandlungen um den Digitalpakt befänden sich auf einem guten Weg und der Bund bekenne sich zu den gemeinsamen Plänen. 

 

Die Zeit wird knapp: Das nahende Ende der Legislaturperiode war schon der Grund, weswegen Bund und Länder nur noch ein Eckpunkte-Papier und nicht gleich die Bund-Länder-Vereinbarung in Angriff genommen haben. Doch selbst die Eckpunkte drohen nun, Gegenstand von Wahlkampfdebatten zu werden. Verhindern würde das den Digitalpakt wohl nicht, doch er würde sich verzögern. Eigentlich ist der Abschluss der Vereinbarung noch für dieses Jahr vorgesehen, damit die Gelder möglichst schnell fließen können.  

 

Sie hoffe sehr, dass es bei dem Zeitplan bleibe, schreibt Eisenmann. Im Übrigen stünden die Länder zu den Zielen und zu dem eingeschlagenen Weg, die im Dezember verabschiedete KMK-Strategie zur "Bildung in der digitalen Welt" und die Bildungsoffensive des Bundes "zu einem Digitalpakt Schule von Bund und Ländern zusammenzuführen". Was fast wortwörtlich dem entspricht, was Wanka am Dienstag vor den Arbeitgebern sagte. Jetzt müssen sich die beiden nur noch treffen. 

 

Fotos: Landeshauptstadt Stuttgart: "Kultur als Schlüssel der Stadtentwicklung", CC BY-NC 2.0/ Worldskills: "WSC2013_press_mi065", CC BY-NC-NC 2.0


Warum ich glaube, dass der Digitalpakt Schule trotz der Querelen kommen wird, habe ich in meinem Kommentar vor gut zwei Wochen aufgeschrieben. Dort können Sie auch einen Vorschlag nachlesen, wie sich ein solches Verhandlungsdurcheinander künftig vermeiden ließe. 

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Erwin Böttinger muss früher gehen

Bund und Land setzen MDC-Chef Lohse als Interim-Vorstandssprecher des Berliner Instituts für Gesundheitsforschung ein. Sie wollen damit ein Signal senden: Entschlossenheit.

ERWIN BÖTTINGER, DER Noch-Vorstandschef des Berliner Instituts für Gesundheitsforschung (BIG), hat eigentlich erst zu Ende Dezember gekündigt, doch jetzt machen Bund und Land Tempo: In einer gemeinsamen Pressemitteilung haben sie gestern Abend mitgeteilt, dass Böttinger schon zu Ende Juli abberufen werden soll. Der Aufsichtsrat unter Vorsitz von BMBF-Staatssekretär Georg Schütte beschloss außerdem, Martin Lohse zum Vorstandssprecher auf Zeit zu ernennen. Lohse ist Chef des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft. Der Tagesspiegel berichtet, "nach einem noch unbestimmten Zeitraum" solle die Sprecherfunktion dann an Karl Max Einhäupl, den Vorstandsvorsitzenden des zweiten BIG-Partners Charité, übergehen.  Bis zum Antritt des Nachfolgers von Böttinger könnten ein bis zwei Jahre vergehen.

 

Falls es den denn in der Form überhaupt geben wird. Denn auch wenn Bund und Land sich in ihrer Pressemitteilung ausdrücklich zu der auch von Böttinger vorangetriebenen  „BIG-Strategie 2026“ bekennen, werden nach der Bundestagswahl im September umfangreiche, auch organisatorische, Veränderungen beim Institut erwartet. Dass der Aufsichtsrat zugleich von einer "Weiterentwicklung" der Strategie spricht, kann als Hinweis auf diese Pläne verstanden werden. Verschiedenste Optionen werden diskutiert. Denkbar wäre zum Beispiel, so ist zu hören, dass das bundesfinanzierte BIG als Abteilung in die landeseigene Charité eingegliedert werde. 

 

Es sei allen Beteiligten "ein besonderes Anliegen, die Verbindung zwischen Charité und MDC weiter zu stärken", sagte Interim-Vorstandssprecher Lohse am Freitag. Das BIH sei als "Brücke" gedacht, die eine noch engere Zusammenarbeit ermögliche und so neue Perspektiven für die translationale Forschung schaffte. Eine Brücke zwischen Charité und MDC? Oder die Gelegenheit für beide, aus der BIG-Führungskrise Kapital zu schlagen und das Institut jetzt ganz ohne Störungen nach Belieben steuern zu können?

 

Ohne hauptberuflichen Vorstandschef wird das BIG seine Eigenständigkeit, unabhängig von den dann anstehenden Umstrukturierungen, in den nächsten Monaten erstmal behaupten müssen. Die am Institut anstehenden zahlreichen Berufungsverfahren für alle ausgeschriebenen "BIG-Schlüsselprofessuren (BIG- Chairs)" sollen jedenfalls weiterlaufen, bei den Berufungsgesprächen wird Nobelpreisträger Thomas Südhof den Vorstand unterstützen – und soll nebenher sicherlich auch ein Gegengewicht zu MDC und Charité schaffen.

 

Südhof sitzt bislang nicht nur im wissenschaftlichen Beirat des BIG; er bildet auch mit zwei Wissenschaftlerkollegen die Expertengruppe, die Böttinger Ende Mai zur Seite gestellt worden war – was viele als vorzeitige Entmachtung des offenbar wechselwilligen Vorstandschefs gewertet hatten.   

 

Südhofs beständig wachsende Bedeutung fürs BIG ist nicht frei von Ironie, hatte es doch nach seiner Berufung ans Institut als "Visiting Fellow" 2014 zunächst Kritik gegeben, es handle sich um eine Luftnummer, der Mann werde bestenfalls ein paar Mal im Jahr nach Berlin kommen. "Medizin-Nobelpreisträger forscht wieder in Deutschland", hieß es damals vollmundig in der Pressemitteilung des BMBF, Südhof solle mit dem Charité-Forscher und Exzellenzcluster-Sprecher Christian Rosenmund ein gemeinsames Projekt aufbauen, "das sich der Frage widmet, wie Nervenzellen im Gehirn miteinander kommunizieren". Drei Jahre später steht fest: Südhof ist mehr vor Ort, als er es vermutlich selbst je erwartet hätte. So richtig zum Forschen indes dürfte er erstmal nicht kommen.

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Das nächste Mal muss es anders laufen

Der Fall Nestler hat gezeigt: Die Wissenschaft braucht einen Kodex für den Umgang mit anonymen Anschuldigungen. Eine Replik von Peter Gumbsch.

AM DIENSTAG HAT Britta Nestler verspätet ihren Leibniz-Preis verliehen bekommen, nachdem die gegen sie erhobenen Anschuldigungen sich als haltlos erwiesen hatten. Die Schlussfolgerung in Ihrem Kommentar "Der bittere Preis der Integrität" kann ich gut nachvollziehen und will auch nicht grundsätzlich widersprechen. Ich glaube aber, dass Sie nicht weit genug gehen.

 

In meinen Augen müssen wir uns im Wissenschaftssystem, das völlig zu Recht anonyme Anschuldigungen aufnimmt und diesen sorgfältig nachgeht, dennoch Gedanken über die Wehrhaftigkeit des Systems machen. Dies beginnt damit, dass wir überprüfen müssen, wie und wann wir einen solchermaßen anonym geäußerten Verdacht in die Öffentlichkeit tragen. Während wir dem Schutz der Anonymität des Whistle-Blowers zu Recht höchsten Wert beimessen, schützen wir Beschuldigte nicht.

 

Uns fehlt hier zum Beispiel eine klar definierte Unschuldsvermutung. Wir verkehren diese sogar ins Gegenteil. Faktisch wird im Umgang mit der Anschuldigung und mit der Veröffentlichung, dass es eine solche gibt, die Beweislast sofort faktisch und öffentlich (!) auf die Beschuldigte gewälzt. Das müsste nicht sein.

 

Ebenso fehlt es im System an einer Möglichkeit, angemessen zu reagieren, sollten Anschuldigungen eben doch in böser Absicht geäußert werden. Wir sind nicht einmal in der Lage, diese Boshaftigkeit irgendwie zu untersuchen, geschweige denn ihr Einhalt zu gebieten.

 

Auch wenn wir davon zum Glück noch weit entfernt sind, hier über ein Massenphänomen zu diskutieren, sollten wir uns dennoch mit der Frage auseinandersetzen, wie wir böswilligen Anschuldigungen systemisch und systematisch begegnen können. Diese schädigen ja nicht "nur" die Einzelne, sondern die Wissenschaft als Ganzes.

 

Ich habe keine Patentrezepte. Doch ein solche Überlegungen berücksichtigender Kodex zum Umgang mit anonymen Anschuldigungen, der über den Schutz der Anonymität hinausgeht und auch den Schutz der Beschuldigten berücksichtigt, könnte einen Ansatzpunkt darstellen. Ein solcher Kodex könnte zum Beispiel festschreiben, wann der Eingang einer Anschuldigung und dessen Untersuchung öffentlich gemacht werden soll. Dann hätte der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) beim nächsten Mal vielleicht die "Pflicht", einen Fall erst dann öffentlich zu machen, wenn der Verdacht sich erhärtet und eine wissenschaftliche Kommission mit der Untersuchung betraut wird.

 

Ebenso müsste man überlegen, wie denn nach der Feststellung, dass Anschuldigungen unhaltbar sind, überhaupt geprüft werden könnte, ob diese in böser Absicht erhoben wurden.

 

Ich finde, dass wir es uns hier zu einfach machen und uns zu wenig davor schützen, Schaden vom Einzelnen und der Wissenschaft als Ganzes abzuhalten.

 

Peter Gumbsch leitet das Fraunhofer-Institut für Werkstoffmechanik IWM in Freiburg und ist Kollege von Britta Nestler am Karlsruher Institut für Technologie (KIT).

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Weiter ja, aber anders

Wenn der Hochschulpakt endet, ist die Gelegenheit da, die Bundesförderung der Hochschulen an den neuen Realitäten auszurichten. Ein Gastbeitrag von Michael Kretschmer.

Michael Kretschmer. Foto: Jan Kopetzky
Michael Kretschmer. Foto: Jan Kopetzky

BESONDERE HERAUSFORDERUNGEN VERLANGEN besondere Lösungen. Mit dem Aussetzen der Wehrpflicht in Deutschland im Jahr 2011 und der Entscheidung fast aller Bundesländer, den Wechsel zum achtjährigen Gymnasium zu vollziehen, standen die Hochschulen vor einer für sie fast unlösbaren Aufgabe. Wie sollten sie den zu erwartenden Bewerberansturm bewältigen? 

 

Bund und Länder stellen mit dem Hochschulpakt 2020 im Zeitraum von 2007 bis 2023 gemeinsam 38,5 Milliarden Euro für den Ausbau der Kapazitäten an den Universitäten und Hochschulen bereit. Bei der Verabschiedung der ersten Programmphase (2007 bis 2010) gingen viele Beteiligte noch von einer temporären Aufgabe aus. Seit Beginn des Hochschulpakts im Jahr 2007 sind rund 763.000 zusätzliche Studienplätze finanziert worden. Mit dieser finanziellen Kraftanstrengung ist es der Politik gelungen, deutlich mehr jungen Menschen die Möglichkeit eines Studiums zu eröffnen als dies ohne den Hochschulpakt der Fall gewesen wäre. Inzwischen hat allein der Bund 20,2 Milliarden Euro bis zum Jahr 2023 zugesagt, und es hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass sich die Zahl der Studierenden auf einem hohen Niveau stabilisieren wird. 

 

Deshalb ist die im Beitrag von Joybrato Mukherjee gestellte Frage berechtigt, wie es nach dem Auslaufen der inzwischen dritten Phase des Hochschulpakts weitergehen soll. Für die Hochschulen, das Herzstück des deutschen Wissenschaftssystems, sind die zeitlich befristeten Bundesmittel eine feste Planungsgröße geworden. CDU und CSU stehen als verlässlicher Partner an der Seite der Hochschulen und streben nach dem Auslaufen des Hochschulpaktes an, das finanzielle Volumen weiter im System zu halten.

 

Gleichwohl kann es kein einfaches Fortschreiben geben. Notwendig ist eine Ausrichtung an den neuen Realitäten. Dabei geht es darum, die Hochschulen bei einer Erhöhung der Qualität der Lehre, einer verstärkten Kompetenzorientierung im Studium und einer Verbesserung der Berufschancen der Absolventen zu unterstützen. Welche Schritte muss die Wissenschaftspolitik hierfür unternehmen? 

 

Mit der „Bologna-Reform“ wurden europaweit gemeinsame Regeln für Abschlüsse und die länderübergreifende Anerkennung akademischer Leistungen vereinbart. In Deutschland ist der strukturelle Reformprozess an den Hochschulen weitgehend abgeschlossen: Zum Wintersemester 2015/2016 waren 87,8 Prozent aller Studiengänge an Universitäten auf die gestufte Studienstruktur Bachelor und Master umgestellt. Der Anteil der Bachelor- und Masterprogramme an den Fachhochschulen liegt sogar bei 98,7 Prozent. 

 

Allerdings hat die gleichzeitig steigende Zahl der Studiengänge mit dazu geführt, dass Studierende und Arbeitgeber die Übersicht über das Studienangebot zu verlieren drohen. Inzwischen zählt die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) mehr als 18.000 verschiedene Studiengänge, etwa 10.000 mehr als vor Beginn des Bologna-Prozesses. Diese explosionsartige Zunahme ist nicht allein aus der Zweiteilung der früheren Diplom- und Magister-Studiengänge in Bachelor und Master zu erklären. Bis heute sind allein nochmals rund 1000 neue Fächer hinzugekommen. 

 

Wie ist dies möglich, wenn es doch in Deutschland für alle Studiengänge staatlich vorgegebene Kapazitätsberechnungen gibt? Die Antwort liegt auch im Finanzierungsmechanismus des Hochschulpaktes begründet: Die Finanzzuweisungen erfolgen auf Grundlage der Studienanfängerzahlen. Aus nachvollziehbaren Gründen versuchen die Hochschulen deshalb, möglichst viele Studierende an sich zu zu binden – auch durch immer neue, den vermeintlichen Moden folgende Studiengänge. 

 

Das Kriterium des Studienerfolgs blieb in der Finanzierungsstruktur des Hochschulpaktes lange unberücksichtigt, es gab dafür keine zusätzliche Finanzierung. Die Wissenschaftsminister von Bund und Ländern haben diesen Handlungsbedarf erkannt, und mittlerweile berücksichtigt der Pakt nicht mehr nur die Studienanfänger, sondern auch die Zahl derer, die ein Studium erfolgreich abschließen.

 

Als CDU und CSU wollen wir die Hochschulen dabei unterstützen, die Bedingungen in Forschung und Lehre insgesamt – also sowohl für Professoren und Lehrende als auch für die Studierenden – zu optimieren. Wir wollen dem Trend zu immer mehr Studiengängen, bei einem sich gleichzeitig verschlechternden Betreuungsverhältnis zwischen Professoren und Studierenden und einer alarmierend hohen Zahl von Studienabbrechern, wirkungsvoll entgegentreten.

 

Es bedarf weiterer politischer Kraftanstrengungen, um für alle jungen Menschen, die sich nach ihrem Abitur für eine akademische Ausbildung entscheiden, flächendeckend gute Studienbedingungen zu gewährleisten. Hierfür wird der Bund auch nach Auslaufen des Hochschulpakts im Jahr 2023 die Hochschulen im Rahmen seiner Zuständigkeiten finanziell unterstützen. Die frei werdenden Mittel werden wir schwerpunktmäßig dafür einsetzen, die Qualität in der Lehre substantiell zu verbessern. Dazu gehören neue Konzepte zur Nutzung digitaler Angebote im Hochschul- und Wissenschaftssystem. Gleichzeitig werden wir die Berufsorientierung signifikant ausbauen und die Kompetenzorientierung im Studium stärken.

 

Dies ist für mich eine zentrale Herausforderung in der neuen Wahlperiode: Wenn sich immer mehr junge Menschen für ein Studium entscheiden, dann muss akademische Bildung anders organisiert sein. Denn der überwiegende Teil der Absolventen an unseren Hochschulen strebt eine berufliche Tätigkeit außerhalb des Wissenschaftssystems an. Deshalb wollen wir verstärkt attraktive Ausbildungs- und Studienangebote für die jungen Menschen unterbreiten, für die nach dem Abitur ein wissenschaftlich geprägtes Studium an einer Universität nicht die erste Wahl ist. So entscheiden sich auch immer mehr Abiturienten für ein berufsorientiertes Studium an unseren Fachhochschulen. Dort profitieren sie von einer anwendungsorientierten Forschung und der engen, oft regional verankerten Zusammenarbeit mit der Wirtschaft. Das Erfolgsmodell Fachhochschule wollen wir genauso ausbauen wie das duale Studium, das durch die studienbegleitende Ausbildung und die guten Übernahmechancen in den beteiligten Unternehmen für viele Absolventen besonders attraktiv ist. 

 

Auf diese Herausforderungen muss unser Hochschulsystem ausgerichtet werden. Mit einer solchen Reform leisten wir einen entscheidenden Beitrag für die Sicherung von Zukunftschancen der jungen Generation und unseres Wohlstandes. Und die Voraussetzungen für eine solche Reform liegen vor: Wir haben mit dem neuen Länderfinanzausgleich ab dem Jahr 2020 eine neue finanzielle Grundlage für die Länder geschaffen. Der Bund hat an vielen Stellen finanzielle Verantwortung in einem Ausmaß übernommen, wie es das früher nicht gegeben hat. Nie zuvor hat eine Bundesregierung mehr Geld für Aufgaben zur Verfügung gestellt, die eigentlich Sache der Länder sind. Nun ist es an den Ländern, in ihrer Haushaltspolitik ebenfalls Prioritäten für Hochschulen und Wissenschaft zu setzen. Die Zukunft Deutschlands hängt nicht nur davon ab, ob der Bund sich hier engagiert. Das Geld des Bundes darf nicht das Geld der Länder ersetzen, sondern es muss zusätzlich etwas hinzukommen. Bei Bildung, Forschung und Innovation können wir nur gemeinsam erfolgreich sein.

 

Michael Kretschmer ist ist stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion.

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Der bittere Preis der Integrität

Britta Nestler hat gestern nachträglich den Leibniz-Preis verliehen bekommen. Die Vorwürfe gegen sie waren haltlos. Doch sie mussten untersucht werden.

DAS HAPPY END kann die Bitterkeit nicht beseitigen. Gestern Abend hat die Materialforscherin Britta Nestler den Leibniz-Preis erhalten – mit vier Monaten Verspätung.

 

Im März, unmittelbar vor der eigentlichen Preisverleihung, waren anonyme Vorwürfe laut geworden, Nestler habe sich eines wissenschaftlichen Fehlverhaltens schuldig gemacht. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hatte sich daraufhin entschieden, die Auszeichnung für die Karlsruher Forscherin zurückzuhalten und zunächst zu überprüfen, ob etwas an den Anschuldigungen dran war. Dass von den zehn gekürten Leibniz-Preisträgern des Jahres 2017 eine bei der Preisverleihung in Berlin fehlte, war eine seltene, eine niederschmetternde Szene.

 

Jetzt ist klar: Alle Vorwürfe gegen Nestler waren haltlos. Die DFG hat sie durch aufwändige Ermittlungen ausgeräumt und die Preisträgerin vollständig entlastet. Dass Nestler ihre Auszeichnung gestern Abend bei der Jahresversammlung der DFG in Halle verliehen bekam, in Gegenwart von Bundesforschungsministerin Johanna Wanka, Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff und der GWK-Vorsitzenden Eva-Quante-Brandt, ist ein Signal an die Preisträgerin, aber auch an die Forscher-Community insgesamt: Wir wollen es wieder gutmachen. Denn natürlich wissen alle Beteiligten: Nestler Reputation hat gelitten. Zu Unrecht, ja. Aber sie hat gelitten.

 

Hat die DFG deshalb die falsche Entscheidung getroffen im März? Hätte die Geschichte irgendwie anders ablaufen können und müssen?

 

Nein. Denn auch wenn die Vorwürfe sich als unzutreffend erwiesen haben, es gab sie, und sie mussten untersucht werden. Es ist gut, dass in Deutschland seit einiger Zeit eine größere Sensibilität herrscht gegenüber Plagiaten und anderen Formen der Täuschung durch Wissenschaftler. Die Laxheit und Indifferenz einiger Forscher und Wissenschaftseinrichtungen in den Jahren zuvor hatte nicht nur eine Reihe unschöner Skandale produziert, sie hat auch dem internationalen Ansehen der deutschen Wissenschaft Schaden zugefügt. Die daraufhin nicht zuletzt von der DFG aufgefrischten oder sogar neu entwickelten Standards und Prozeduren zur Sicherung der wissenschaftlichen Integrität haben sich als hilfreich und unverzichtbar erwiesen.

 

Nicht einmal die anonymen Anschuldigungen gegen Nestler müssen zwangsläufig aus Boshaftigkeit oder mit der Intention geäußert worden sein, ihr zu schaden. Das kann, muss aber nicht so gewesen sein. Es ist verständlich, dass die Preisträgerin, die am Karlsruher Institut für Technologie und an der Hochschule Karlsruhe arbeitet, sich eine Prüfung rechtlicher Konsequenzen vorbehält. Doch das bedeutet im Umkehrschluss nicht, dass anonyme Vorwürfe per se immer unberechtigt und von krimineller Energie geleitet sein müssen.

 

Persönlich muss die Angelegenheit für Nestler über Monate hinweg eine ungeheure emotionale Belastung gewesen sein. Sie war sich von Anfang an der ungeheuren Ungerechtigkeit bewusst und musste sie aushalten. Sie muss auch jetzt aushalten, dass trotz all der schönen Worte, die gestern Abend alle Festredner bei der DFG-Veranstaltung geäußert haben, die Geschichte nicht einfach vorbei ist. Was Nestler deshalb zu Recht erwartet: dass das System zu vergessen bereit ist. Dass es etwa in künftigen Zeitungsberichten über sie nicht immer heißt: Das war die Forscherin, die ihren Leibniz-Preis verspätet kam. 

 

Das Vergessen sollte heute anfangen. Was wir nicht vergessen sollten: Wissenschaftliche Integrität hat ihren Preis. Für die Wissenschaftseinrichtungen, die sie im Zweifel überprüfen sollen und müssen. Vor allem aber für diejenigen Forscher und Forscherinnen, die zu Unrecht verdächtigt werden. Dieser Preis muss bezahlt werden. Das aber macht ihn für die Betroffenen nicht erträglicher.

 

Peter Gumbsch, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Werkstoffmechanik IWM in Freiburg, hat eine Replik auf meinen Kommentar geschrieben. Sie finden Sie hier. 


Der Leibniz-Preis gilt als wichtigste Auszeichnung für Wissenschaftler in Deutschland. Die DFG vergibt ihn seit 1986, er ist mit jeweils etwa 2,5 Millionen Euro Preisgeld dotiert, das die rund zehn jährlich ausgezeichneten Forscher innerhalb von sieben Jahren nach ihren wissenschaftlichen Interessen verwenden dürfen, "ohne bürokratischen Aufwand", wie die DFG betont. Mehr Informationen zu Britta Nestler und ihrer Arbeit finden Sie hier.   

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Blamiert auch ohne Bildungstrichter

Die Hochschulen haben sich enorm geöffnet in den vergangenen zehn Jahren, das stimmt. Doch es kamen: vor allem noch mehr Bildungsbürgerkinder.

KAI GEHRING VERMUTETE Vertuschung. "BMBF beseitigt Beleg für Bildungsspaltung", twitterte der grüne Hochschulexperte. "Angst vor bad news?" Der "Beleg", den Gehring in der vergangene Woche erschienen Sozialerhebung vermisste, war der so genannte Bildungstrichter. Was er zeigt: Wie groß die Chance von Grundschulkindern ist, den Weg an die Hochschule zu schaffen. In der 20. Sozialerhebung von 2012 fiel er so aus: Haben die eigenen Eltern studiert, steigen die Aussichten auf ein Studium auf das Dreieinhalbfache.

 

Wie stark die Schieflage in der 21. ausgefallen wäre? Man kann es sich aus den vom Deutschen Studentenwerk veröffentlichten Daten zusammenreimen, doch die plakative Grafik fehlte. Methodische Gründe führt das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW), das die Studie durchgeführt hat, an und verspricht das Comeback des Trichters zu gegebener Zeit. Und Johanna Wanka (CDU), deren Ressort die Sozialerhebung finanziert? Beteuert, es habe keinen politischen Einfluss gegeben.

So sah der Bildungstrichter 2012 aus. Quelle: www.studentenwerke.de/de/content/mehr-chancengleichheit
So sah der Bildungstrichter 2012 aus. Quelle: www.studentenwerke.de/de/content/mehr-chancengleichheit

Die Blamage wird dadurch nicht kleiner. Eine Blamage, die keine allein der Ministerin oder der Bildungspolitik ist. Uns alle sollte es peinlich berühren, wenn trotz der vermeintlichen Total-Öffnung der Hochschulen in den vergangenen zehn Jahren mit fast einer Million zusätzlicher Studenten vor allem eine Gruppe profitiert hat: die Kinder der Bildungsbürger.

 

52 Prozent der Studierenden stammten 2016 aus Familien, in denen mindestens ein Elternteil studiert hat, nochmal zwei Prozentpunkte mehr als 2012. Immerhin!, könnte man jetzt sagen, bleibt doch fast die Hälfte Nicht-Akademikerkinder. Und man könnte hinzufügen: Ist ja auch logisch. Je mehr Leute studieren, desto mehr Akademikerkinder gibt es. Doch wer so denkt, hat es nicht kapiert. Laut einer anderen Studie, dem Bildungsbericht, haben nur 28 Prozent der Menschen zwischen 40 und 59, also die Elterngeneration von Erstsemestern, einen Studienabschluss. Es sind diese 28 Prozent, deren Kinder mehr als die Hälfte der Studienplätze besetzen.

 

Einige sagen auch hinter vorgehaltener Hand: Wir müssen halt akzeptieren, dass nicht alle Menschen gleich schlau sind. Was den Chauvinismus einer solchen Argumentation so richtig unerträglich macht: Sie ignoriert die Vielzahl von Studien, denen zufolge die systematische Bildungsungerechtigkeit unabhängig von der Intelligenz zuschlägt.

 

Womöglich ist die Erklärung einfacher. Was haben sich einige selbst erklärte Bildungsbewahrer echauffiert, als die Studien anfängerquote steil nach oben ging. Was haben sie sich gesorgt, dass jetzt "die falschen Leute" ins Studium gedrängt würden. Für Leute mit Lehre seien auch die Karrierechancen gleich viel besser als für all die Absolventen brotloser Massenstudiengänge. Zugehört haben ihnen: die Kinder, deren Eltern selbst nicht studiert haben. Während der Professorensohn und die Juristentochter sich, übrigens unabhängig von ihrem IQ, an der Uni einschrieben. Bildungsgerechtigkeit fängt mit der Rhetorik an.

 

Dieser Beitrag erschien gestern zuerst in meiner Kolumne "Wiarda will's wissen" im Tagesspiegel


NOCH EINE SPANNENDE Entwicklung verbirgt sich hinter den Daten. Die DZHW-Forscher berichten, dass unter den Nicht-Akademikerkindern an der Hochschule eine Verschiebung zugunsten der bildungsfernsten Schulabgänger stattfinde. So haben mittlerweile 12 Prozent aller Studenten eine sogenannte „niedrige“ Bildungsherkunft, das heißt:  Höchstens ein Elternteil kann eine abgeschlossene Berufsausbildung vorzuweisen. 2012 galt das für neun Prozent der Studenten. Parallel verkleinerte sich die Gruppe der Studenten mit mittlerer Bildungsherkunft, also die Kinder von Facharbeitern, von 41 auf 36 Prozent. Die Hochschulen hätten sich also doch ein wenig geöffnet, folgern die Forscher – aber nur für die Studenten von ganz unten und bei gleichzeitig schrumpfender Bildungs-Mittelschicht, während die Akademiker wie gewohnt weiterströmen.    

 

Die im Bildungsbericht erwähnte Akademikerquote unter den Eltern von knapp 28 Prozent ist übrigens bereits sehr großzügig berechnet, bezieht sie doch Meister, Techniker und Menschen mit Fachschulabschluss mit ein. Das Statistische Bundesamt kommt in einer engeren Definition für die Gruppe der 40- bis 64-Jährigen sogar nur auf 17 bis 20 Prozent Studierte. Nimmt man diese niedrige Quote und setzt sie in Verhältnis zu den 52 Prozent Akademikerkindern in der Sozialerhebung, fällt das beschriebene Missverhältnis noch krasser aus.

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118 mal Hoffnung

Am Dienstag fällt die Entscheidung im Förderwettbewerb "Innovative Hochschule". Die Konsequenzen der Auswahl sind weitreichend.

Dale LaFollette: "AHA!", CC BY-ND 2.0

DIENSTAGMORGEN AB 10 UHR dürfte es voll werden im Pressezentrum am Kapelle-Ufer 1 in Berlin-Mitte. Dort, im Erdgeschoss des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF), werden sie bekanntgegeben, die Sieger der erste Auswahlrunde im Wettbewerb "Innovative Hochschule". Eigentlich hatte die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz (GWK) zusätzlich einen Live-Stream versprochen, doch der musste in letzter Minute abgesagt werden, "aus technischen Gründen". Vielleicht fürchtete man ja die zu erwartenden hohen Einschaltquoten. Auch so werden sie bei der GWK zittern, ob ihre Website, auf der die Ergebnisse parallel zur Pressekonferenz veröffentlicht werden, den hohen Klickzahlen aus Deutschlands Rektoraten standhält (alle Infos stehen dann auch unter www.innovative-hochschule.de).

 

Bis Ende Februar mussten die Hochschulen ihre Bewerbungen einreichen, und 118 von ihnen haben mitgemacht. So viele, dass die Fachhochschulen im Vorfeld bereits vor den Folgen einer Überzeichnung gewarnt hatten. Karim Khakzar, Präsident der Hochschule Fulda und Sprecher der Fachhochschulen in der Hochschulrektorenkonferenz, sagte im April: "Wenn die überwiegende Mehrheit der Anträge trotz überzeugender Qualität und hohem Potenzial abgelehnt werden muss, weil zu wenig Geld bereitgestellt wurde, ist das nicht nur eine vertane Chance, sondern wird auch bei den vielen Praxispartnern zu erheblicher Frustration führen und die Bereitschaft zur zukünftigen Kooperation mit den Hochschulen sehr negativ beeinflussen." Bewerben konnten sich Fachhochschulen und die Gruppe der etwas schwammig so genannten "kleinen und mittleren Universitäten", wobei den Fachhochschulen laut Bund-Länder-Vereinbarung mindestens Hälfte der Förderfälle und der Fördermittel zusteht.

 

550 Millionen Euro schwer ist die "Innovative Hochschule", verteilt über zehn Jahre. Davon übernimmt der Bund 90 Prozent, das jeweilige Sitzland zehn Prozent.

 

Die Kritik der Fachhochschulen ist zugleich Beleg dafür, wie begehrt das Programm gleich in der ersten Runde geworden ist. Das erklärte Ziel, eine Förderlücke zu schließen und zugleich einen neuen Trend in der Wissenschaft zu fördern, haben Bund und Ländern offenbar auf Anhieb erreicht. Worum es bei der "Innovativen Hochschule" geht: die so genannte "Dritte Mission"  stärken, ein Begriff, den vor wenigen Jahren keiner kannte. Gemeint ist, dass Hochschulen nicht nur für Forschung und Lehre verantwortlich sind, sondern in ihrer Region zusätzlich eine Brückenfunktion in die Gesellschaft und Wirtschaft hinein übernehmen. Indem sie zum Beispiel Innovationen in Unternehmen unterstützen, selbst Unternehmen ausgründen oder mit Unternehmen gemeinsam forschen. Neben diesem oft als "klassisch" bezeichneten Technologietransfer gewinnt seit einigen Jahren auch die Beziehung der Hochschulen mit der Zivilgesellschaft an Bedeutung: neue Formen der Wissenschaftskommunikation etwa, die den Austausch an die Stelle einseitiger Belehrung der Bürger setzten. Oder Forschungsprojekte, die Bürgern eine aktivere Rolle als in der Vergangenheit zugestehen – indem sie über die Forschungsziele mitbestimmen dürfen oder, wie bei "Citizen Science" selbst zu Forschern werden. 

 

Die Liste der Beispiele dessen, was die "Dritte Mission" der Hochschulen ausmacht, ist fast beliebig verlängerbar. Was einige dazu verleitete, den Begriff als schwammig abzuqualifizieren. Man kann es jedoch auch anders sehen: Vieles ist vorstellbar im Austausch von Hochschulen und Gesellschaft, und das ist gut so. Und genauso das war auch die Logik der "Innovativen Hochschule": eine möglichst große Offenheit für die unterschiedlichsten Konzepte. Weshalb auch die Förderbekanntmachung des Wettbewerbs den "Gegenstand der Förderung" nur sehr beispielhaft umschreibt. Was wiederum die Herausforderung für das Auswahlgremium, die Anträge mit der höchsten Qualität herauszufiltern, so anspruchsvoll gemacht hat. 

 

Entsprechend der Logik des Programms waren Verbundbewerbungen mehrere Hochschulen gern gesehen. Und, was sich ebenfalls aus der Philosophie der "Innovativen Hochschule" ergibt, eben nicht nur Verbünde von Hochschulen allein: Auch Unternehmen, Vereine, Forschungs-, Kultureinrichtungen oder gemeinnützige Organisationen im regionalen Umfeld der antragstellenden Hochschulen können Nutznießer der Förderung werden, im Bereich der Geistes- Sozial- und Kulturwissenschaften durften auch überregionale Partner eingebunden werden. 

 

Bewarb sich eine Hochschule allein, konnte sie für sich und ihre außerhochschulischen Partner bis zu zwei Millionen Euro pro Jahr beantragen, mehrere Hochschulen im Verbund können bis zu drei Millionen Euro erhalten. Die Erfahrung mit bisherigen Förderprogrammen lehrt allerdings, dass die Hochschulen fast immer den zulässigen Maximalbetrag anmelden – was auch bei der "Innovativen Hochschule" der Fall gewesen sein dürfte.

 

Wie viele der 118 Anträge werden also am Dienstagmorgen eine Förderung erhalten? FH-Sprecher Khakzar ging im April von etwa 20 Prozent aus, vielleicht auch etwas mehr, also zwischen 20 und 30 Bewerbungen. Was, wie es inoffiziell aus dem BMBF heißt, gar nicht so wenig wäre, sondern der Erfolgswahrscheinlichkeit eines DFG-Antrages entspreche. Offiziell sagte das Ministerium im April, eine Abschätzung der Zahl der Förderfälle sei noch gar nicht möglich, "da diese davon abhängt, wie viele Einzel- bzw. Verbundvorhaben ausgewählt werden und wie viele Mittel die am Ende ausgewählten Hochschulen mit ihren Partnern tatsächlich beantragt haben."

 

Am Dienstagmorgen werden wir es erfahren. Das 11-köpfige Auswahlgremium unter dem Vorsitz von Volker Mosbrugger, dem Generaldirektor der Senckenberg-Gesellschaft für Naturforschung, hat die Entscheidung in einem, wie das immer so schön heißt, "wissenschaftsgeleiteten Verfahren" getroffen. Verkünden wird sie aber gemeinsam mit der Politik nicht Mosbrugger, sondern die stellvertretende Gremiumsvorsitzende Christine Böckelmann von der Hochschule Luzern in der Schweiz. Und weil die "Innovative Hochschule" ein in der GWK verhandeltes Bund-Länder-Programm ist, sitzt neben Bundesforschungsministerin Johanna Wanka (CDU) in ihrer Rolle als GWK-Co-Vorsitzende auch die brandenburgische Wissenschaftsministerin Martina Münch (SPD) mit am Tisch vor der versammelten Presse.

 

Die heutige Entscheidung ist aber nicht nur für die siegreichen Hochschulen interessant. Sie wird auch das Verständnis dessen, was "Dritte Mission" konkret bedeutet, für die kommenden Jahre prägen – und so der Debatte um die Rolle der Hochschulen in der Gesellschaft neuen Stoff geben. Bislang sagen zahlreiche Rektoren, das mit der "Dritten Mission" sei ja ganz nett, aber das "Primat" von Forschung und Lehre als Missionen 1 und 2 dürfe nicht in Frage gestellt werden. Insofern wäre es ein besonderer Erfolg des Wettbewerbs, wenn durch die geförderten Projekte klar würde, dass die "Dritte Mission" eben nichts völlig Anderes, Getrenntes ist, sondern eine Ergänzung von Forschung und Lehre.

 

Für ein Bundesland ist der Wettbewerb übrigens besonders spannend: Sechs Berliner Fachhochschulen, darunter alle vier staatlichen, haben einen gemeinsamen Antrag eingereicht, ein in diesen Dimensionen einmaliger Verbund. "Gesundes Leben", Soziale Teilhabe, Sicherheit und Integration/Inklusion" sowie "Urbane Technologien und Produktion" sind die Themen der Berliner. Das Thema der Berliner Wissenschaftspolitik ist ein anderes: Findet so ein Mega-Verbund überhaupt die Unterstützung der Gutachter? Die Humboldt-Universität, die Freie und die Technische Universität und die Charité werden es genau wissen wollen. Sie sind mit ihrer Verbundbewerbung bei der Exzellenzstrategie nächstes Jahr dran.


NACHTRAG AM 04. JULI: 

Das Gutachtergremium hat mit seiner heutigen Entscheidung den Spielraum zugunsten der Hochschulen ausgereizt und ist mit 29 ausgewählten Anträgen an die Obergrenze des Erwarteten gegangen. Die Förderquote erreichte ziemlich genau ein Viertel. 48 Hochschulen in 19 Einzel- und zehn Verbundvorhaben waren mit ihren Bewerbungen erfolgreich, darunter auffällig viele Fachhochschulen (35), während sich 12 Universitäten und jeweils eine Kunst- und eine Musikhochschule unter den Gewinnern befinden.

 

Die große Zahl der geförderten Fachhochschulen beweise "das besonders große Potenzial gerade dieser Hochschulen als Innovationspole mit regionaler und auch überregionaler Ausstrahlung", sagte Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU). Die GWK-Vorsitzende und Bremer Wissenschaftssenatorin Eva Quante-Brandt (SPD) äußerte sich in der offiziellen Pressemitteilung wie folgt: "Die große Vielfalt der Anträge stellt unter Beweis, wie breit der Transferbegriff an den Hochschulen bereits verstanden wird, der über den reinen Technologietransfer weit hinaus geht und weite Bereiche der Gesellschaft erfasst."

 

Kai Gehring von den Grünen gratulierte den Gewinnern, mahnte allerdings: "Sich immer mehr von Pakt zu Pakt und Wettbewerb zu Wettbewerb zu hangeln, ist auf Dauer keine innovative und zukunftsorientierte Architektur gesamtstaatlicher Hochschulfinanzierung."


Lange Gesichter gab es in der Hauptstadt. Der im Vorfeld viel beachtete – und bundesweite größte – Verbundantrag der sechs staatlich finanzierten Berliner Fachhochschulen ging leer aus. Im Gegensatz zu "Saxony5", der Bewerbung aller fünf sächsischen Fachhochschulen, die mit ihrem Konzept bei den Gutachtern besser ankamen. Die sechs Berliner Rektoren teilten unterdessen mit, sie wollten in ihrem Verbund BIT6 dennoch künftig enger in Sachen Ideen-, Wissens- und Technologietransfer kooperieren. Womit die "Innovative Hochschule" auch ihnen etwas gebracht hätte. Die Entscheidung von heute zeigt aber zugleich: Die Größe eines Verbunds an sich ist für Gutachter noch kein Zuschlagskriterium. Die Berliner Universitäten, die sich Ende nächsten Jahres gemeinsam um die Exzellenzkrone bewerben wollen, müssen jedenfalls auf den Rückenwind verzichten. 

 

Eine Übersicht der ausgewählten Anträge findet sich auf der Website www.innovative-hochschule.de. 

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Wir sprechen uns 2023

Es blieb spannend bis zum Ende. Wer hat sich durchgesetzt im Ringen um das neue Urheberrecht? Wie praktikabel ist die beschlossene Wissenschaftsschranke? Und: Welche langfristigen Folgen hat die Neuregelung? Eine Analyse.

Foto: Patrik Göthe
Foto: Patrik Göthe

DIE GROSSE KOALITION sei vor der Verlagslobby eingeknickt, zum Schaden der Wissenschaft, befanden die Grünen – und verweigerten dem neuen Urheberrecht am Freitag ihr Zustimmung. 

 

Die Große Koalition schädige Autoren und Verlage und begünstige einseitig die Wissenschaft, schimpfte zeitgleich der Börsenverein des Deutschen Buchhandels – und kündigte rechtliche Schritte an.

 

Das neue Gesetz sei gar keine Bildungs- und Wissenschaftsschranke mehr, „viel zu eng!“ verkündeten die Grünen. Das neue Gesetz sei völlig entgrenzt und verfassungswidrig, „rücksichtslos!“, verkündeten die Verlage. 

 

Fest steht: Im Medienrummel um die kontroverse Abstimmung zur Ehe für alle ging vor dem Wochenende fast unter, dass SPD und Union nur Minuten später in dann doch erstaunlicher Eintracht das „Urheber-Wissensgesellschafts-Gesetz“ beschlossen haben. Und das, nachdem es noch bis Anfang vergangener Woche so ausgesehen hatte, als könnte die Reform komplett scheitern

 

Das neue Urheberrecht kommt also, doch wer hat nun Recht? Die Grünen, denen zufolge sich die Rechtspolitiker der Union durchgesetzt und das Gesetz bis zur Unkenntlichkeit verwässert haben? Oder die Verleger, die die SPD als Sieger sehen? Deren Haltung sei bemerkenswert, sagte Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins. „Sonntags erzählen einem Sozialdemokraten, wie sehr ihnen Autoren und Verlage am Herzen liegen, wochentags entziehen sie ihnen die Existenzgrundlage.“ >> 



>> Was sich gegenüber dem Referentenentwurf aus dem Justizministerium von Heiko Maas (SPD) grundsätzlich geändert hat: Erstens: Statt 25 Prozent dürfen künftig nur bis zu 15 Prozent eines Buches mit pauschaler Abgeltung für Unterrichts- und Forschungszwecke genutzt, kopiert und verteilt werden. Können wir mit leben, sagen sie in den Hochschulen.

 

Zweitens: Abbildungen und Artikel aus Zeitungen und Publikumsmedien sollten eigentlich in vollem Umfang für Unterricht und Lehre vervielfältigt werden dürfen, genauso wie einzelnen Beiträge aus Fach- und wissenschaftlichen Zeitschriften. Doch angesichts der „besonderen Situation der Tages- und Publikumspresse“ einigte sich die Koalition auf der Zielgeraden, Presseartikel auszunehmen. Nicht ideal, aber aushaltbar, so der Tenor aus der Wissenschaft. 

 

Alles in allem klang die Bewertung des neuen Gesetzes durch die Allianz der Wissenschaftsorganisationen am Freitag dann so: „Die für die Nutzung auch digitalisierter Texte in Forschung und Lehre jetzt vorgesehenen Schrankenregelungen sind zeitgemäß ausgestaltet, in der Praxis umsetzbar und führen zu spürbaren Vereinfachungen.“

 

Im Kern steht die Bildungs- und Wissenschaftsschranke also durchaus. Die Frage ist allerdings: Wie lange hält sie? Hier offenbart sich die entscheidende Veränderung des beschlossenen Gesetzes gegenüber der ursprünglichen Version. Die zentralen Neuregelungen sind auf Druck der Union befristet worden, nach fünf Jahren muss neu verhandelt werden. 

 

Damit werde die Rechtsunsicherheit zementiert, kritisierten die Grünen am Freitag. Über ein „falsches Signal“ klagten die Wissenschaftsorganisationen in ihrer Stellungnahme. Beide Einschätzungen könnten das Problem sogar noch verharmlosen. Die Befristung, prophezeien Experten, werde die Verhandlungsposition der Verlage mittelfristig drastisch stärken, weil 2023 wieder alles zur Disposition stehe und der Börsenverein & Co bis dahin fünf Jahre Zeit hätten, die Parlamentarier zu bearbeiten. 

 

Dass die Neuentscheidung nach fünf Jahren abhängen soll von einer Evaluation im Jahr zuvor, hilft nicht wirklich. Denn die Evaluation soll zwar die Auswirkungen der Wissenschaftsschranke auf Bildung, Wissenschaft und Verlage überprüfen, doch nach welchen Kriterien genau, bleibt völlig unklar. Im neuen Gesetz steht dazu lediglich: „Die Bundesregierung erstattet vier Jahre nach Inkrafttreten des Urheberrechts-Wissensgesellschafts-Gesetzes dem Deutschen Bundestag Bericht über die Auswirkungen...“

 

Der auf Druck der Union schnell noch ausgehandelte und ebenfalls im Bundestag beschlossene Entschließungsantrag, der mit vielen Worten die Verlage beschwichtigt, wird dagegen von allen Seiten nur als Symbolhandlung gesehen und fand folgerichtig schon in den Stellungnahmen vom Freitag kaum noch Erwähnung. Die wirklichen Gemeinheiten habe man aus dem Antrag herausverhandelt, was bleibe, sei nur noch „weiße Salbe“ für die Union, hieß es dazu aus der SPD.

 

In der Gesamtbetrachtung haben sich also, typisch für einen klassischen Kompromiss, beide Seiten irgendwie durchgesetzt: die SPD bei den Regelungen für die nächsten fünf Jahre, die Union mit dem Einfügen einer Befristung. Wobei der Erfolg der Anti-Schranken-Kämpfer in der CDU/CSU am Ende nachhaltiger sein könnte, denn sie haben das Überleben der Reform abhängig gemacht von den 2023 herrschenden parlamentarischen Machtverhältnissen und, schlimmer noch, von den tagesaktuellen wissenschaftspolitischen Stimmungslagen. 

 

Was daraus für die Wissenschaft folgt? Sie muss in den nächsten vier Jahren zeigen, dass das Gesetz nicht nur zu ihrem Nutzen, sondern auch tatsächlich nicht zum Schaden der Verlage ist. Triumphgefühle sind daher nicht nur unangebracht, sie wären zudem höchst kontraproduktiv, muss es doch bis 2023 darum gehen, die Verlage vom neuen Urheberrecht zu überzeugen. 

 

Die nächste Gelegenheit dafür ist längst da. Seit Monaten verhandeln Hochschulrektorenkonferenz, die Verwertungsgesellschaft (VG) Wort und die Kultusministerkonferenz um die künftige Nutzung digitaler Semesterapparate an den Hochschulen. Lange hatte die VG Wort als Vertreter der Autoren (und Verlage) Oberwasser, konnte sie doch auf die Rechtslage verweisen, und die besagte laut Urteil des Bundesgerichtshofs: Jeder genutzte Beitrag muss künftig einzeln abgerechnet werden. Ein bürokratischer Albtraum für die Hochschulen. Eine im Dezember 2016 auf den letzten Drücker gefundene Notlösung läuft zum 1. Oktober aus. Bis dahin, so haben sich die Verhandlungspartner versprochen, will man eine einvernehmliche Lösung finden. 

 

Als sich im April abzuzeichnen begann, dass ein neues Urheberrecht noch in dieser Legislaturperiode kommt, dachten einige in den Hochschulen noch, sich jetzt zurücklehnen zu können. Einen Feldversuch für ein neues Abrechnungssystem sagten sie ab. Doch die Rektoren waren gleich doppelt im Irrtum: Zum einen, weil das Gesetz erst drei Monate nach Auslaufen der gegenwärtigen Übergangsregelung gilt. Und zum anderen, weil sich das Verhandlungsergebnis eben ein erster Hinweis für die Verlage sein wird, dass die Hochschulen fair mit ihnen umgehen. Alles andere würde sich, siehe oben, spätestens in fünf Jahren rächen.

 

Und was ist, zum Schluss gefragt, mit der Drohung des Börsenvereins, gegen die vermeintliche Verfassungswidrigkeit des neuen Urheberrechts vor Gericht zu ziehen? Die darf man getrost unter Theaterdonner legen, denn schon die Formulierung des Verbands ist beim genaueren Hinsehen verräterisch: Man wolle „alle rechtlichen Möglichkeiten prüfen“. Entschlossenheit klingt dann doch anders. 

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Böttinger geht – jetzt aber wirklich

Der BIG-Vorstandvorsitzende hat offiziell gekündigt. Jetzt wartet das Hasso-Plattner-Institut auf ihn – und das BIG auf einen Neuanfang.

ERWIN BÖTTINGER, VORSTANDSCHEF des Berliner Instituts für Gesundheitsforschung (BIG), hat seine Kündigung eingereicht. Das ensprechende Schreiben sei vor dem Wochenende eingegangen, berichtete BIH-Aufsichtsratschef Georg Schütte, Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung, in einer Nachricht an die Mitglieder des Aufsichtsrats. 

 

Vergangene Woche hatte der Potsdamer Universitätspräsident Oliver Günther Böttinger den offiziellen Ruf erteilt, womit klar war nach dem wochenlangen Hin und Her um seinen möglichen Wechsel ans Hasso-Plattner-Institut (HPI): Entweder geht er jetzt oder er geht gar nicht. Und so kündigte Böttinger noch auf den letzten Drücker vor Quartalsende. 

 

Zuletzt konnte man den Eindruck gewinnen, dass Bund und Land als Träger des BIG mit Böttinger bereits abgeschlossen hatten. Ende Mai hatten sie entschieden, dem Vorstandsvorsitzenden eine dreiköpfige Expertengruppe zur Seite zu stellen. Und das, obwohl Böttinger vorher gegenüber dem Aufsichtsrat erklärt hatte, seinen Vertrag beim BIG weiter erfüllen zu wollen.  Die Experten, hieß es offiziell, sollten "in den kommenden Wochen die Fortschritte bei der Umsetzung der BIG Strategie 2026" bewerten. Vielen aber kamen die drei, darunter auch der Nobelpreisträger Thomas Südhof, zugleich wie Aufpasser für Böttinger vor. 

 

Sein Wechsel könnte sich mehrfach positiv auswirken: Für Potsdam, weil das gerade zur Uni-Fakultät mutierte HPI einen Experte für personalisierte Medizin gewinnt, dessen wissenschaftlicher Ruf, unabhängig von allen Managementquerelen, weiter als exzellent gilt. Für das BIG, weil die wochenlange Unsicherheit für alle Mitarbeiter endlich vorbei ist. Und für die Politik, weil jetzt der Weg frei ist, um schleunigst den dringend nötigen Umbau der einst mit so großen Vorschusslorbeeren gestarteten Forschungseinrichtung voranzutreiben.

 

Wobei "schleunigst" wohl erst nach der Bundestagswahl bedeuten dürfte. In jedem Fall war schon seit Wochen klar: Mit Böttinger geht es nicht weiter am BIH. Das hat der jetzt also auch eingesehen – und ist gegangen.

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Nehmt den Hochschulen die Unsicherheit!

38,5 Milliarden Euro investieren Bund und Länder in zusätzliche Studienplätze. Bis 2023. Und dann? Ein Gastbeitrag von Joybrato Mukherjee.

Foto: Judy Dean: "Lecture theatre seating", CC BY 2.0

IM JAHR 2005 begannen etwa 360.000 junge Menschen ihr Studium an einer deutschen Hochschule. Schon damals – im Vorfeld der bundesweiten Umsetzung der Bologna-Reform – war es ein Kraftakt für die Hochschulen, die Qualität der Lehre sicherzustellen. Auch vor diesem Hintergrund führten sieben Bundesländern allgemeine Studiengebühren ein als zusätzliche Finanzmittel für die Verbesserung der Lehr- und Studienbedingungen. Zwischenzeitlich sind die Gebühren wieder abgeschafft und wurden vielerorts durch Mittel aus den Länderhaushalten ersetzt. Vor allem aber vereinbarten Bund und Länder im Jahre 2007 einen „Hochschulpakt 2020“ (HSP2020), um Studienplätze für die zusätzlichen Studierenden aus den doppelten Abiturjahrgängen in einer gemeinsamen Kraftanstrengung zu finanzieren. HSP2020 ist allerdings ein befristetes Programm, das in drei Schritten bis 2023 auslaufen wird.

 

Zehn Jahre nach Beginn des Hochschulpakts bewegen wir uns – nach einem Spitzenwert 2011 mit 519.000 Erstsemestern an deutschen Hochschulen – weiter auf einem Niveau, das mit mehr als 500.000 Studienanfängerinnen und -anfängern pro Jahr um rund 40 Prozent über dem Referenzjahr 2005 liegt. Auch nach den aktuellsten Prognosen der Kultusministerkonferenz bleibt die Zahl langfristig auf einem vergleichbaren Niveau, und zwar in einem Korridor von 465.000 bis 500.000 Erstsemestern jährlich. Auch wenn Prognosen immer eine Unsicherheit enthalten, eines ist klar: Wegen der immer höheren (und politisch gewollten) Übergangsquoten von Schule zu Hochschule, der zuletzt positiven demographischen Entwicklung (unter anderem wegen der Zuwanderung aus der Europäischen Union und der Integration von Menschen mit Fluchthintergrund aus außereuropäischen Ländern) und der deutlich gestiegenen Attraktivität deutscher Hochschulen auf dem internationalen Bildungsmarkt werden wir nicht mehr zu den Erstsemesterzahlen von 2005 zurückkehren können und wollen. 

 

Bund und Länder müssen sich daher dringend darüber verständigen, wie die Finanzierung der langfristig notwendigen zusätzlichen Studienplätze über das Jahr 2020 hinaus gesichert werden kann. Wichtig dabei: Wegen der rasant gestiegenen Studierendenzahlen konnte selbst das HSP2020-Programm mit seinem Gesamtvolumen von 38,5 Milliarden Euro einen beträchtlichen „Preisverfall“ nicht verhindern.  Laut Statistischem Bundesamt wurden im Jahr 2008 noch 8.650 Euro pro Studierenden ausgegeben, im Jahr 2013 war die Summe bereits auf 8.080 Euro gesunken. Enormer Aufwuchs mit eingebautem Preisverfall, dennoch Erhalt und Steigerung der Qualität von Studium und Lehre – und das alles in einem immer härter werdenden Wettbewerb: Den Hochschulen ist in den vergangenen zehn Jahren offenbar die Quadratur des Kreises gelungen. Ohne eine auskömmliche Anschlussregelung für das auslaufende HSP2020-Programm aber wird dies nicht mehr leistbar sein.

 

Schon jetzt herrscht an den Hochschulen große Unsicherheit darüber, wie die hohe Qualität von Studium und Lehre für alle Studierenden nach 2020 sichergestellt werden soll. Die Hochschulen stoßen an Grenzen bei der Einstellung und Weiterbeschäftigung des notwendigen zusätzlichen Lehrpersonals, weil die einschlägigen Befristungsregeln (die gerade durch die Novellierung des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes verschärft wurden) zu beachten sind. Bereits heute stellt sich an vielen Hochschulen die Frage, wie sie in ihrer Finanzplanung mit dem nach 2020 drohenden Budgetloch umgehen sollen. Der HSP2020 ist zu einem unverzichtbaren Teil der Basisfinanzierung für die Lehre geworden. An Hessens Universitäten etwa macht der Hochschulpakt inzwischen einen Anteil von zehn bis zwölf Prozent der Grundfinanzierung aus, an den Hochschulen für angewandte Wissenschaften sind es bis zu 30 Prozent! Wer glaubt, dass solche Budgetdimensionen wegfallen können, ohne die Leistungserwartung an die Hochschulen (sprich: die Studienplatzzahlen) drastisch zu reduzieren, der hat keinen hinreichend realistischen Einblick in die Handlungsmöglichkeiten deutscher Hochschulen.

 

Einige Landesregierungen haben ihren Hochschulen erfreulicherweise signalisiert, dass sie den Landesanteil im HSP2020-Programm über das Jahr 2020 hinaus als zusätzliche Grundfinanzierung ausweisen wollen. Das allein löst aber das bundesweite Finanzierungsproblem bei weitem nicht. Ebenso ist zu begrüßen, dass es auf der Bundesebene und in den Wissenschaftsorganisationen verschiedene Überlegungen zur Qualitätssicherung und -steigerung in Studium und Lehre gibt. Doch auch hier gilt: Konzepte, die das Problem des wegfallenden Finanzvolumens für die grundständige Lehre nicht oder nicht hinreichend adressieren – wie die Idee einer „Deutschen Lehrgemeinschaft“ oder einer Akademie, mit der zeitlich befristet innovative Lehrprojekte gefördert werden sollen – sind nicht geeignet, die Frage nach dem Nachfolgeformat für HSP2020 zu beantworten.

 

Was ist zu tun? Auch wenn der Hochschulpakt als ein zeitlich befristetes Bund-Länder-Programm konzipiert wurde, auch wenn die Länder grundsätzlich für die auskömmliche Grundfinanzierung ihrer Landeshochschulen selbst verantwortlich sind, auch wenn auf Bundesebene nach wie vor Unzufriedenheit über den Umgang mancher Länder mit den frei gewordenen BaföG-Mitteln herrscht, weil diese eben nicht überall vollständig in die Hochschulen flossen, so steht doch eines außer Frage: Ohne ein angemessenes, dauerhaft von Bund und Ländern finanziertes Anschlussformat für HSP2020 ist die Leistungsfähigkeit der deutschen Hochschulen nachhaltig gefährdet. Keiner kann daran ein Interesse haben nach all den Investitionen, die Bund und Länder in den vergangenen 15 Jahren getätigt haben, nach einer Phase des quantitativen und qualitativen Wachstums, das die deutschen Hochschulen trotz der Herausforderungen hervorragend gemeistert haben, nach einer Phase mit einer beeindruckenden Leistungssteigerung auch im internationalen Vergleich.

 

Nach der Bundestagswahl müssen die deutschen Hochschulen Klarheit darüber bekommen, wie es mit und nach HSP2020 weitergeht. Ein auf Dauer angelegtes, ausreichend finanziertes Bund-Länder-Programm, etwa unter Nutzung des neuen Grundgesetz-Artikels 91b, wäre eine angemessene und sinnvolle Antwort. Natürlich muss dabei sichergestellt werden, dass der Bund nicht einfach zusätzliches Geld ohne eigene Kontrollmöglichkeit an die Landeshochschulen gibt. Doch gerade bei einem Nachfolgeformat für HSP2020 könnte der Bund seine Mittelzuweisung wie bisher an die langfristige Erfüllung von gut überprüfbaren Kennziffern knüpfen (beispielsweise die Zahl der Studienplätze oder der Absolventen). So könnte ein neuerliches „BaföG-Trauma“ verhindert werden.

 

Joybrato Mukherjee ist Präsident der Justus-Liebig-Universität Gießen und Vizepräsident des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD).

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Das macht 0 Dollar

Warum mehrere US-Bundesstaaten die Studiengebühren abschaffen

Foto: Screenshot der Website des Pellissippi State Community Colleges in Tennessee. www.pstcc.edu

"HILLARY CLINTON WILL Studiengebühren abschaffen", berichtete ich vor knapp einem Jahr in meinem Blog. Es war ein Wahlkampfversprechen, abgegeben, um die Unterstützer von Bernie Sanders zur demokratischen Präsidentschaftskandidatin hinüberzuziehen. Wir wissen, wie die Sache ausging.

 

Doch ausgerechnet in dem Monat, als Barack Obama das Weiße Haus räumen musste und Donald Trump einzog, verkündete New Yorks Gouverneur Andrew Cuomo: Wir machen Schluss mit den Gebühren. Und der Bundesstaat im Nordosten der USA ist nicht allein. Tennessee hat das Bezahlstudium zumindest an den so genannten Community Colleges schon 2015 teilweise eliminiert. Oregon folgte, später die Stadt San Francisco, die im Gegenzug die Steuer auf Luxusimmobilien erhöhte. Und als nächstes planen Rhode Island und möglicherweise Minnesota, wie New York die gesamten vier Jahre bis zum Bachelor gebührenfrei zu machen.

 

Was geht da vor sich in dem Land, das in Diskussionen hierzulande stets als abschreckendes Beispiel herhalten muss dafür, was passiert, wenn man erst Studiengebühren einführt und diese dann über die Jahre außer Kontrolle geraten? In dem inklusive sonstigen Pflichtausgaben und Wohnheimplatz selbst an staatlichen Hochschulen schnell ein Rechnungsbetrag von 50.000 Dollar zusammenkommt – und zwar pro Jahr. 

 

US-Experten rufen schon die Trendwende aus. Irgendwann sei angesichts der Gebührenexplosion klar gewesen: "So geht es nicht weiter", sagt Bernd Streitwieser, Professor für internationale Bildung an der George-Washington-Universität in Washington. 

Wie der Umschwung begann, was von ihm zu halten ist, und wie sich die Gebührenbefreiung auf den Alltag amerikanischer Studenten auswirken wird, habe ich in einem Artikel für Spiegel Online beschrieben. Sie finden ihn hier.

 

PS: Sehr hilfreich für meine Recherche waren die Mitarbeiter der Deutsch-Amerikanischen Fulbright-Kommission, die mir mit ihren Kontakten viele Türen an US-Unis öffneten, um schnell mit den verantwortlichen Administratoren ins Gespräch zu kommen. Vielen Dank dafür. 

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Der Bildungs-Gipfel 2017

Wie gut sind unsere Kitas, Schulen und Hochschulen wirklich? Und vor allem: wie gerecht? Ein Gespräch mit Jutta Allmendinger, Marcel Fratzscher und Ludger Wößmann.

Marcel Fratzscher, Ludger Wößmann, Jutta Allmendinger (von links nach rechts). Fotos: Kay Herschelmann

Frau Allmendinger, stellen Sie sich vor, Sie wären Bildungsministerin. Was würden Sie als erstes machen?   

 

Jutta Allmendinger: „Ich würde ressortübergreifend dafür werben, Kinder so lange wie möglich miteinander groß werden zu lassen, bis hin zu einem verpflichtenden Zivildienst, für Männer und Frauen. Der würde ein Jahr lang dauern und wäre im Kern ein teilweise bezahltes gesellschaftliches Engagement. Wir brauchen wieder soziale Marktplätze, auf denen sich Menschen unterschiedlicher Herkunft treffen können. Auch das ist ein Stück Bildung. Der Verlust dieses gemeinsamen Raums in den vergangenen Jahrzehnten hat den Zusammenhalt unserer Gesellschaft erodieren lassen.“ 

 

Und Sie, Herr Fratzscher? Was wäre Ihre erste Entscheidung als Bildungsminister?

 

Marcel Fratzscher: „Ich würde eine Bildungsoffensive bei der frühkindlichen Bildung anstoßen wollen, um deren Qualität zu verbessern und vor allem mehr Kinder mitzunehmen, damit die Kitas zu solchen Marktplätzen werden, von denen Frau Allmendinger spricht. Ich sehe die Verbesserung der Chancengleichheit als eine der wichtigsten gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Aufgaben in Deutschland heute. Wenn wir alle Talente und Fähigkeiten unabhängig vom sozialen Hintergrund fördern wollen, geht das am wirkungsvollsten über die frühkindliche Bildung. Darum müssen gezielt dort in bessere Betreuungsschlüssel, verbesserte Inhalte und mehr Zielgenauigkeit investieren, wo es noch mangelt.“

 

Frau Allmendinger sprach von einer Zivildienst-Pflicht. Brauchen wir auch eine Kitapflicht für alle?

 

Fratzscher: „Zuerst einmal muss eine bessere Qualität des Bildungsangebots überhaupt geschaffen werden, um so auch Anreize zu schaffen für Eltern, die diese dann auch zu nutzen. Wenn die Bedingungen in den Kitas gut sind, kommen auch die Kinder. Und wenn die Qualität stimmt, profitieren Kinder aus sozial schwächeren Familien, aus Familien mit Migrationshintergrund besonders stark.“ >>


DIESES GESPRÄCH ERSCHIEN GESTERN ZUERST IM DSW JOURNAL. GESTERN ERSCHIEN ZUDEM DIE 21. SOZIALERHEBUNG DES STUDENTENWERKS. EINEN BERICHT FINDEN SIE HIER


Jutta Allmendinger, 60, zählt zu den führenden Soziologinnen und Arbeitsmarktforscherinnen in Deutschland. Seit 2007 leitet sie das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), vorher war sie Direktorin des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Allmendinger setzt sich seit vielen Jahren mit der Zukunft der Berufswelt und sich wandelnden Lebensentwürfen auseinander, mit Fragen der Ungleichheit und der Geschlechtergerechtigkeit. Sie prägte als erste den Begriff der „Bildungsarmut“ und plädierte unter anderem für ein neues Modell der Familienarbeitszeit. Allmendiger ist äußerst aktiv in der Politikberatung: Unter anderem war sie sechs Jahre lang Mitglied des Wissenschaftsrates und gehörte der von der Bundesregierung berufenen Expertenkommission für Forschung und Innovation an. Zwischenzeitlich wurde sie als mögliche Nachfolgerin von Bundespräsident Joachim Gauck gehandelt. 

 

Ludger Wößmann, 43, ist Volkswirt und gilt als „der“ Bildungsökonom im deutschsprachigen Raum. Wie müssen Schulen und Bildungssysteme organisiert sein, damit sich die Chancengerechtigkeit für alle erhöht und gleichzeitig das Leistungsniveau steigt? Das ist eine zentrale Frage, mit der Wößmann sich befasst; außerdem forscht er zum Einfluss von Bildung auf Lebens- und Karriereverläufe und 

zuletzt verstärkt über die Rolle der öffentlichen Meinung für bildungspolitische Reformen. Wößmann ist Gründungsmitglied des „Aktionsrats Bildung“, der gerade erst sein Jahresgutachten „Bildung 2030 – Veränderte Welt“ veröffentlicht hat. Seit 2006 ist Wößmann Professor für Volkswirtschaftslehre an der Ludwig-Maximilians-Universität München, zugleich leitet er das ifo-Zentrum für Bildungsökonomik

 

Marcel Fratzscher, 46, ist seit 2013 Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) und Professor für Makröokonomie und Finanzwissenschaft an der Berliner Humboldt-Universität. Vorher arbeitete Fratzscher für die Europäische Zentralbank, zuletzt als Leiter der Abteilung für internationale wirtschaftspolitische Analysen. Nachdem sich der Volkswirt in seiner Forschung lange mit der Finanzwirtschaft, globalen Ungleichgewichten und den Übertragungsmechanismen der Finanzkrise beschäftigt hatte, wandte er sich zuletzt verstärkt der sozialen Ungleichheit zu. Sein vergangenes Jahr erschienenes Buch „Verteilungskampf: Warum Deutschland immer ungleicher wird“ löste eine Mediendebatte aus. 2014 hatte er in „Die Deutschlandillusion“ vor einer Selbstüberschätzung der deutschen Wirtschaft gewarnt. 



>> Allmendinger: „Das ist mir zu weich. Ich glaube nicht, dass Eltern, die seit langer Zeit Hartz-IV beziehen, solchen Anreizfaktoren folgen. Genauso wenig wie solche Eltern, die gerade nach Deutschland gekommen sind und andere Familienmodelle im Kopf haben. Das Mindeste wäre, dass der Staat systematisch zu den Familien kommt und von Geburt der Kinder an für den Kitabesuch wirbt.“

 

Sie wollen eine verpflichtende Familienhilfe für alle?

 

Allmendinger: „Jede Familie, in der ein Kind geboren wurde, sollte regelmäßig eine Beratung bekommen, ja. Man könnte sich die beratende Person als Unterstützer vorstellen, der die Angebote unseres Bildungssystems erklärt, so dass für alle Eltern Klarheit herrscht.“

 

Warum ist „Pflicht“ ein so unpopuläres Wort, wenn wir über Bildung sprechen?

 

Ludger Wößmann: „Weil wir Angst haben, den Bildungsbürgern etwas vorzuschreiben. Aber die Kinder der Bildungsbürger sind ja ohnehin alle in der Kita. Also ich hätte kein Problem damit, den Kitabesuch für drei- oder vierjährige Kinder zur Pflicht zu machen. Nur dann erreichen wir die rund fünf Prozent, die bislang nicht kommen, es aber besonders nötig hätten. Die politisch weniger riskante Alternative wäre natürlich eine so genannte Opt-Out-Regel: Wer sein Kind nicht aktiv von der Kita abmeldet, dessen Kind muss hingehen. Die meisten Eltern, deren Kinder nicht in der Kita auftauchen, entscheiden sich nicht bewusst gegen den Besuch, sie setzen sich einfach nicht mit der Option auseinander.“

 

Allmendinger: „Und genau das würde ich gerne umdrehen: Statt der Opt-Out-Regel ist ein aktives Werben für Kitas direkt in den Familien besser.“

 

Die SPD setzt im Bundestagswahlkampf beim Thema Kita vor allem auf Kostenfreiheit. Passt das mit Ihren Ideen zusammen?

 

Wößmann: „Wir müssen sicherstellen, dass das untere Einkommensviertel der Bevölkerung möglichst nichts zahlt. Das ist vielerorts längst so, aber nicht überall. Eine Kostenfreiheit für alle läuft dagegen weitgehend auf eine Bezuschussung der bessergestellten Familien hinaus.“

 

Fratzscher: „Für mich ist Kostenfreiheit in der Bildung schon ein Ideal. Aber auch ich sehe einen Widerspruch darin, dass wir gleichzeitig enorme Zusatzinvestitionen gerade in die Kitas brauchen. Wo soll denn das Geld herkommen? Wie bezahlen wir den besseren Betreuungsschlüssel oder den nötigen Sprachunterricht bei Migrantenkindern? Auf diese Frage müssen wir Antworten haben, bevor wir Kitas für alle kostenfrei stellen. Ein anderer Widerspruch besteht für mich darin, dass Eltern für Kitas zahlen müssen, aber Studenten umsonst zur Uni gehen können. Und da gilt das Argument, das Ludger Wößmann für die Kitas angeführt hat, noch stärker: Kostenfreie Hochschulen helfen vor allem denen, die schon bessergestellt sind. 70 Prozent der Akademikerkinder studieren und nur 20 Prozent der Kinder aus Nicht-Akademikerhaushalten. Das zeigt: Solange das Ideal von kostenloser Bildung zu Lasten der Qualität und der Chancengerechtigkeit geht, sollte man auf die Kostenfreiheit auch für die Bessergestellten verzichten.“ 

 

Herr Wößmann, Sie müssen uns noch Ihren Plan vorstellen für den Fall, dass Sie Bildungsminister werden.

 

Wößmann: „Das Problem ist, dass ich nicht glaube, dass es die eine ‚Golden Bullet‘ gibt, mit der man alle Probleme beseitigen kann. Hinzu kommt, dass einige der wichtigsten Lösungen gar nicht in die Zuständigkeit eines Bundesbildungsministers fallen. 

 

Was meinen Sie konkret?

 

Wößmann: „Bislang haben wir vor allem über Chancengerechtigkeit gesprochen. Mir ist wichtig, dass wir immer auch die Leistungsorientierung mitdenken. Dass es nicht nur darum geht, dass man irgendwo in die Kita oder Schule geht, sondern dass etwas dabei herauskommt. Übrigens gilt auch das gerade wieder für Kinder aus bildungsfernen Schichten, wo die Leistungsorientierung häufig nicht von den Eltern vorgelebt wird. Und um diese Kinder zu erreichen, brauchen wir deutschlandweit mehr vergleichbare Prüfungen, deutschlandweite Standards, die einfordern, was wo gelernt werden muss.“ 

 

Fordern Sie ein bundesweites Zentralabitur?

 

Wößmann: „Wenn Sie es so nennen wollen. Wobei das kein Zentralabitur wäre in dem Sinne, dass alle Prüfungen komplett einheitlich wären. Das ist in unserem Föderalismus auch gar nicht realistisch. Der Aktionsrat Bildung, zu dem ich gehöre, hat vor einigen Jahren ein so genanntes ‚Gemeinsames Kernabitur‘ vorgeschlagen. Der Kern, das sind Deutsch, Mathematik, Englisch, und in diesen Fächern sollten die Abiturprüfungen deutschlandweit einheitlich am gleichen Tag abgenommen werden.“ 

 

Würde das nicht zur Gleichmacherei der unterschiedlichen Schulprofile führen? >>

 

>> Wößmann: „Wir würden doch nur einen Standard-Schwerpunkt in den Bereichen setzen, von denen wir uns alle einig sind, dass sie wichtig sind. Darüber hinaus können die Bundesländer doch alles weiter so machen, wie sie es wollen. Anders ist es auch gar nicht denkbar, denn keiner will, dass die Endnote nur an einem Test, der Abiturprüfung, hängt. Doch umgekehrt müssen wir schon sicherstellen, dass jemand, der in Bremen zur Schule geht, die gleichen Chancen auf eine gute Schulbildung hat wie das Kind in einem anderen Bundesland.“

 

Allmendinger: „Das wäre schon deshalb keine Gleichmacherei, weil jede Schule den Weg zu diesem Ziel selbst bestimmen könnte.“

 

Wößmann: „Genau darum geht es ja bei gemeinsamen Standards, dass man den Ländern, aber auch den Schulen viel mehr Selbstständigkeit und Freiheit gibt, die Wege zum vorgegebenen Ziel zu finden.“

 

Eigentlich fragen wir uns die ganze Zeit, wie wir angesichts des bildungspolitischen Föderalismus die gleichen Chancen für alle schaffen können. Glauben Sie an die Segnungen des Wettbewerbsföderalismus? 

 

Fratzscher: „In der Wirtschaft bedeutet Wettbewerb, dass die einen Unternehmen florieren, während andere bankrottgehen können. Das ist das exakte Gegenteil dessen, was wir in der Bildung wollen. Wir wollen nicht, dass einige profitieren, während andere hinten runterfallen. Wir wollen, dass alle vom bestmöglichen System profitieren.“ 

 

Ist der Bildungsföderalismus also ein Widerspruch in sich? 

 

Fratzscher: „Vielfältige Bildungsangebote in den Bundesländern müssen nicht schlecht sein, aber ich würde nicht von Wettbewerb reden, sondern von unterschiedlichen Wegen und von Wahlfreiheit. Und ja, einige Bundesländer müssen mehr tun, um die Qualität ihres Bildungssystems zu verbessern. Nur eine solche Verbesserung erreicht man nicht, indem man diesen Ländern mit einem Scheitern in einem Wettbewerb droht, sondern auch durch bessere Transparenz.“

 

Allmendinger: „Solange wir unsere Schulsysteme nicht durch gemeinsame Standards und systematische Evaluationen miteinander verknüpfen, passt der Begriff Wettbewerbsförderalismus ohnehin nicht. Wettbewerb lebt von Transparenz, und den haben wir im Föderalismus derzeit nicht.“

 

Wößmann: „Das sehe ich genauso. Der Wettbewerb könnte funktionieren, wenn wir Vergleichsmaßstäbe etablieren. Dann könnte man verschiedene bildungspolitische Maßnahmen ausprobieren und wirklich voneinander lernen. Soweit die Theorie. Aber wir wissen ja gar nicht, was hinten herauskommt bei all den Reformen, die die Bildungspolitik in den 16  Bundesländern durchführt. Tatsächlich verhindert die Politik sogar Transparenz. Eigentlich brauchen wir einen Staatsvertrag, in dem sich die Länder auf Offenlegung und bestimmte Regeln zum Systemvergleich verpflichten.“ 

 

Vor einigen Jahren haben einige Bildungsforscher und Politiker deshalb einen Nationalen Bildungsrat gefordert. Unter anderem Sie, Frau Allmendinger.

 

Allmendinger: „Ich glaube immer noch, dass ein Bildungsrat die Antwort sein könnte. Aber er bräuchte klare Kompetenzen. Er müsste die Lehrerbildung bundesweit auf ein einheitliches Mindestniveau heben. Er müsste Kompetenzziele vorgeben, die im Unterricht erreicht werden müssen. Und er müsste besonders gute Schulen auszeichnen, ähnlich wie der Deutsche Schulpreis. Für die Schulen, die ausgezeichnet werden, nennt der Preis klare Kriterien. Wieso kann so eine Transparenz nur von Stiftungen geschaffen werden und nicht von einer staatlichen Institution?“

 

Wößmann: „Dann, und nur dann könnte ein Bildungsrat sinnvoll sein. Hauptsache, da wird nicht nur geredet.“ 

 

Fratzscher: „An der Stelle würde auch der Begriff des Wettbewerbs wieder Sinn ergeben. Es kann eigentlich nicht sein, dass Länder, einzelne Schulen oder Kommunen nicht wirklich darüber Rechenschaft ablegen, wie sie die öffentlichen Gelder einsetzen. Und ob sie letztlich auch die gesteckten Bildungsziele erreichen.“ 

 

Reden wir über die Hochschulen. Einige von ihnen behaupten, für die Chancenungerechtigkeiten in den Bildungskarrieren seien sie nicht verantwortlich, die seien ja längst geschehen, bis die jungen Menschen in der Hochschule ankommen. 

 

Allmendinger: „Das stimmt so natürlich nicht. Selbst von Kindern aus bildungsfernen Schichten, die eine Hochschulzugangsberechtigung haben, gelingt deutlich weniger der Sprung ins Studium. In Nordrhein-Westfalen und anderswo gibt es jetzt so genannte Talent-Scouts, die gezielt Jugendliche für ein Studium ansprechen, und zwar schon in den letzten Schuljahren. Die Erfahrungen zeigen: Das funktioniert. Die Hochschulen können auch selbst mehr tun, indem sie Orientierungskurse einrichten und den Studienanfängern den Start ins Studium erleichtern. Manche Jugendliche müssen erst noch besser schreiben lernen, andere brauchen ein Tutorium in mathematischen Grundfertigkeiten. Das bedeutet aber nicht, dass sie grundsätzlich nicht für ein Studium geeignet sind. Als Hochschullehrerin muss ich Potenziale erkennen und fördern.“

 

Fratzscher: „Wir müssen den Kindern und Jugendlichen auch klarmachen, welche finanziellen Hilfen es gibt. Ihnen aufzeigen, welche Optionen sie haben und warum und wie ein Studium sich für sie lohnt. Vor allem aber müssen die Hochschulen erstmal selbst die Vielfalt vorleben, die sie angeblich alle fördern wollen. Nehmen wir mein Fach, die Volkswirtschaft. 85 Prozent der Professuren sind mit Männern besetzt, darunter kaum mal ein Migrant.“

 

Allmendinger: „Das ist ein wichtiger Punkt. Welche Studierenden wählen wir Professorinnen denn aus, damit sie unsere Hilftskräfte werden? Welche Studierenden arbeiten mit an einer Studie oder schreiben ein Papier zusammen mit Herrn Fratzscher, Herrn Wößmann oder Frau Allmendinger? Im Zweifel sind das Leute, die so ähnlich sind wie wir selbst. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass es viel schwieriger ist, bildungsferne Leute mit dem Habitus eines Hochschullehrers vertraut zu machen. Man möchte von seinen Mitarbeitern ja entlastet werden, die sollen selbst Vorträge halten und so weiter. Hinzu kommt, dass unsere Hilfskräfte dann im Anschluss an ihre Tätigkeit bei uns wieder eine viel größere Chance haben, auf dem akademischen Arbeitsmarkt erfolgreich zu sein und zum Beispiel Professorinnen zu werden.“ 

 

Wößmann: „Bei der Bildungsexpansion der 1970er Jahre hatten wir ein ganz ähnliches Problem. Viel mehr Leute haben den Zugang zur Hochschule gefunden, aber die meisten dieser Leute waren Kinder aus den so genannten besseren Schichten. Wer Bildungsexpansion automatisch mit mehr Chancengerechtigkeit gleichsetzt, irrt. Bildungsexpansion muss einhergehen mit gezielten Programmen gerade für Kinder aus bildungsfernen Schichten, und zwar von der Kita bis zur Hochschule. Sonst profitieren nur wieder die Akademikerkinder.“

 

A propos Bildungsexpansion. Der Münchner Philosoph Julian Nida-Rümelin hat die Debatte über eine angebliche Akademikerschwemme gestartet, und viele Arbeitgeber sind erfreut aufgesprungen. Wem nützt eine solche Debatte?

 

Allmendinger: „Eine solche Debatte ist perfide. Sie suggeriert eine Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung. Dabei unterscheidet sich das Lebenseinkommen zwischen einem akademisch Gebildeten und eines dual Ausgebildeten im Schnitt um eine Million Euro. Daran ändern auch die vermeintlichen Heere studierter Taxifahrer nichts. Die meisten fahren, wenn überhaupt, ja auch nur vorübergehend Taxi.“  

 

Warum also diese Debatte?

 

Allmendinger: „Weil dadurch bestimmte Personengruppen aus dem Studium gedrängt werden sollen und so Jugendliche, die studieren könnten, einen handwerklichen Beruf erlernen. Und in den meisten Fällen sind das Jugendliche aus bildungsfernen Elternhäusern.“  

 

Wößmann: „Die Unternehmen erhoffen sich eine Linderung des Fachkräftemangels. Aber diesen über eine Angst-Diskussion beheben zu wollen, ist nicht fair. Wenn die Unternehmen über zu wenige Bewerber für ihre Lehrstellen klagen, dann heißt das volkswirtschaftlich ausgedrückt, dass wir die falschen Preise haben. In diesem Fall: zu niedrige Löhne für Ausbildungsberufe.“

 

Fratzscher: „Die Debatte um die Akademikerschwemme ist auch deshalb gefährlich, weil sich der technologische Wandel beschleunigt und viele Jobs, gerade solche mit dualer Ausbildung, künftig wegfallen. Wenn ich heute Bürokaufmann oder Bürokauffrau lerne, ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich in 20 Jahren noch den gleichen Job mache, sehr gering. Unser duales Ausbildungssystem ist sicherlich gut, aber es muss sich auch anpassen. Ein gutes Ausbildungssystem ist ein solches, das den Menschen nicht nur kurzfristig einen Job gibt, sondern auch langfristig Chancen eröffnet.“

 

Wößmann: „Und eigentlich ist das schon seit Jahrzehnten so. Nur hat sich das keiner bewusstgemacht. Eine sehr berufsspezifische Ausbildung erleichtert zwar den Eintritt in den Arbeitsmarkt, weil ich genau die Skills gelernt habe, die gerade gebraucht werden. Die andere Seite der Medaille ist aber erreicht, wenn ich 45 bin und mein Job durch die Globalisierung nach Ostasien geht oder wegautomatisiert wird. Dann fällt Menschen, die eine sehr berufsspezifische Ausbildung hatten, die Umorientierung viel schwerer, weil sie keine breitere Basis haben.“ 

 

Ist das duale Ausbildungssystems also am Ende?

 

Allmendinger: „Soweit würde ich nicht gehen, aber der internationale Wettbewerbsvorteil, den Deutschland dank des dualen Systems hatte, der ist gefährdet. Länder, wo das ‚training on the job‘ üblich ist, können sich den globalen Veränderungen manchmal schneller und flexibler anpassen. Und unterdessen reden wir immer noch von der dualen Ausbildung als deutschen Exportschlager.  Wir müssen uns davon verabschieden, dass eine Ausbildung im Leben reicht. Ich würde so etwas wie eine zweite, verpflichtende Ausbildung etablieren wollen. Diese kann, muss aber nicht eine duale Ausbildung sein.“ 

 

Das heißt, ich muss ein zweites Mal in die Lehre gehen oder studieren? 

 

Allmendinger: „Was heißt hier ‚müssen‘? Sie dürfen. In Deutschland wird jedes Weiterbildungsangebot sofort als Pflicht abqualifiziert. Ich halte es für einen Fehler, mit der Weiterqualifizierung zu warten, bis die Arbeitslosigkeit schon da ist. Darin besteht auch das Missverständnis von SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz und seinem Arbeitslosengeld Q.“ 

 

Wir reden von Leuten, die immerhin einen Abschluss haben. Was ist mit de, Sechstel jedes Jahrgangs, das das Bildungssystem ohne jede schulische oder berufliche Qualifikation verlässt?

 

Wößmann: „Vor 40 Jahren waren das noch fast 40 Prozent, heute sind es nur noch 16 Prozent. Aber der niedrigere Wert täuscht: Seit der Wiedervereinigung hat er sich nicht mehr geändert. Und während Ungelernte früher durchaus Jobs fanden, ist heute trotz Job-Booms ein Fünftel von ihnen arbeitslos. Wenn der Staat aber erst eingreift, nachdem die Leute schon arbeitslos geworden sind, und erst dann versucht, sie umzuschulen oder weiterzubilden, helfen die Maßnahmen zumeist nicht mehr. Zum Teil ist der Effekt sogar negativ.“ 

 

Stichwort Arbeitslosengeld Q: Ist der Eindruck richtig, dass die Politik lieber in Arbeitsmarktmaßnahmen investiert als in die Bildung?  

 

Allmendinger: „Zumindest folgen bei der Arbeitsmarktpolitik den Worten häufiger Taten. Die Bildungspolitik ist, wenn man sich die Wahlprogramme anschaut, seit Jahrzehnten top, und trotzdem passiert zu wenig. Ich glaube, wir müssen aufhören, überhaupt das eine gegen das andere auszuspielen.“ 

 

Fratzscher: „Viele Leute haben noch die Vorstellung: Ich mache die Ausbildung fertig und arbeite dann und dann habe ich mit Bildung nichts mehr am Hut. Die Zukunft ist aber ein Hin und Her zwischen Arbeits- und Ausbildungsphasen, auch ein Nebeneinander. Lebenslanges Lernen und eine stetige Qualifizierung werden deutlich an Bedeutung gewinnen. Und dafür muss die Politik bessere Voraussetzungen schaffen.“

 

Allmendinger: „Und deshalb bin ich dafür, Querschnittsministerien einzurichten, eben weil Arbeitsmarktpolitik, die Bildungspolitik, aber auch die Familienpolitik viel stärker als bislang miteinander verflochten werden müssen.“ 

 

Das würde bedeuten, dass wir zur alten Bundesagentur zurückmüssten, die bis 2002 sehr viel stärker in längerfristigen Qualifizierungsmaßnahmen investiert hat. 

 

Allmendinger: „Hoffen wir mal, dass der neue Agentur-Chef Detlef Scheele das hinbekommt. Er sagt ja, dass die Bundesagentur jetzt zu einer Qualifizierungsagentur werden soll. Klar ist: Wir brauchen nicht Kommission 1, die die Zukunft der Arbeit berät, und dann Kommission 2, die sich mit der Zukunft der Bildung auseinandersetzt. Wenn wir drei jetzt alle Expertenkommissionen auf einen Zettel schreiben würden, in denen wir schon mitgearbeitet haben, käme ganz schön was zusammen.“ 

 

Wößmann: „Ein Aspekt, der die Bildung von den anderen Bereichen unterscheidet, ist tatsächlich, dass es keine nationale Bildungspolitik gibt. Es gibt jede Menge Sonntagsreden, Ideen und Programme, aber wir haben auf nationaler Ebene niemanden, den wir für Bildung in letzter Konsequenz politisch verantwortlich machen können. Wenn die Arbeitslosigkeit in Deutschland hochgeht, dann wissen wir, an wen wir uns zu wenden haben. Aber wenn es bei der Bildung in Deutschland insgesamt Handlungsbedarf gibt, wissen wir das nicht.“  

 

Sind wir nicht zu schwarzmalerisch? Die Wirtschaft boomt, die Arbeitslosigkeit ist niedrig, es geht uns doch gut.

 

Fratzscher: „Natürlich geht es vielen in Deutschland heute gut, wenn auch bei weitem nicht allen. Wer auf die niedrige Arbeitslosigkeit verwiesen wird, unterschlägt aber meistens zu erwähnen, wie groß unser Niedriglohnbereich geworden ist und dass auch bei den Löhnen die Schere deutlich weiter aufgegangen ist. Viele Menschen haben Angst um die Zukunft, dass technologischer Wandel oder Globalisierung sie den Job kosten könnte, dass ihre Qualifikation nicht mehr ausreichen werden. Häufig sagt die Politik noch immer: ‚Sozial ist, was Arbeit schafft‘. Ich finde, unser Anspruch als Gesellschaft sollte es sein, gute Arbeit zu schaffen, also Arbeit mit guten Einkommen und Perspektiven für die Zukunft.“

 

Allmendinger: „Solange etwa der Vorsitzende des Deutschen Lehrerverbands argumentiert, die niedrige Arbeitslosigkeit beweise, dass unser Bildungssystem großartig sei, wir also mit dem Herummäkeln aufhören sollten – genau solange haben wir ein echtes Problem.“

 

Wößmann: „Da werden allzu einfache Zusammenhänge hergestellt. Dass Deutschland gerade im europäischen Zusammenhang gut da steht, weil das Kapital zu uns kommt, hat nichts mit der Stärke unseres Bildungssystems zu tun, sondern mit der Finanzkrise. Und das ist eine Momentaufnahme. Wenn die nächste Rezession bei uns ankommt, was sagt denn das dann über unser Bildungssystem aus? Über einen langen Zeitraum hinweg, über 40 oder 50 Jahre, ist das anders. Da gibt es tatsächlich einen starken Zusammenhang zwischen dem Abschneiden eines Landes bei Pisa oder anderen Kompetenztests und der Wachstumsrate. Und wir wissen, wie wir bei Pisa stehen. Wir haben uns verbessert. Aber wir sind noch lange nicht in der Spitzengruppe.“ 

 

Ungleichheit bei den Zukunftschancen ist das eine. Eine zukunftsfähige Wirtschaft das andere. Haben wir einen Innovationsstau in Deutschland? 

 

Fratzscher: „Ich glaube: ja. Wir merken ihn nur noch nicht, weil unsere Produkte auf dem Weltmarkt noch wettbewerbsfähig sind. Die Politik hat sich drei Prozent der Wirtschaftsleistung für Forschung und Entwicklung (F&E) als Ziel gesetzt. Doch eine so F&E-intensive Volkswirtschaft wie die deutsche müsste deutlich ambitionierter sein. Es gibt zwar einen Teil, der sehr innovativ ist, vor allem die sehr exportorientierten Industriebereiche. Gleichzeitig haben wir enorme Schwächen in vielen Dienstleistungssektoren, wo Bürokratie und Regulierung des Staats zu stark und Innovation zu schwach sind. In vielen Zukunftsbranchen, wie den Informations- und Kommunikationstechnologien, hinkt Deutschland deutlich hinterher. Die Folgen dieser Schwächen werden wir nicht sofort spüren, aber ich mache mir Sorgen, dass Deutschland in 15, 20 Jahren einen Teil seiner wirtschaftlichen Stärke eingebüßt haben könnte.“

 

Wößmann: „In dem, was wir machen, sind wir vielfach schon sehr stark im F&E-Bereich. Wir sind extrem gut darin, auf dem aufzubauen, was wir schon machen, unsere Produkte zu perfektionieren und in die ganze Welt zu vertreiben. Es gibt jede Menge Nischen, in denen unsere Industrie bestens aufgestellt ist. Die große Frage ist allerdings, wie wir damit klarkommen, wenn plötzlich disruptive Prozesse stattfinden, wenn auf einmal Google kommt oder andere Unternehmen, die gerade nicht in Deutschland sitzen und möglicherweise das gesamte Geschäftsmodell der Industrie neu definieren? Ich glaube, dass das Problembewusstsein immerhin bei den großen Konzernen, den Autobauern etwa, angekommen ist. Sie investieren jetzt alle ins autonome Fahren und andere neue Technologien, weil sie wissen, dass Google ihnen sonst den Rang streitig macht. Aber natürlich reden wir hier nicht von einem Problembewusstsein in der Breite, sondern nur an der Spitze der deutschen Wirtschaft.“

 

Fratzscher: „Und selbst dieses Problembewusstsein war nur eine Reaktion auf schon verpasste Entwicklungen.“

 

Allmendinger: „Wir sollten nicht immer nur über technische Innovationen sprechen. Denn unsere Gesellschaft ist zunehmend sozial gespalten, und zwar durch eine Reihe von Faktoren: Wir wohnen an unterschiedlichen Orten, wir arbeiten in verschiedenen Branchen und Betrieben, und unsere Arbeitsplätze sind entweder lokal oder global ausgerichtet. Ärmer werden die Menschen insofern, als sie immer nur noch mit ihresgleichen zusammen sind, das heißt: Die gesamtgesellschaftlichen Marktplätze werden seltener. Deshalb brauchen wir hier dringend soziale Innovationen.“ 

 

Sie alle drei sind hoch geachtete Wissenschaftler und zugleich extrem präsent in der Öffentlichkeit. Warum ist es Ihnen so wichtig, Ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse in die Gesellschaft hineinzutragen? 

 

Allmendinger: „Ich bin sehr privilegiert erzogen worden. Ich denke, dass ich mit dieser Privilegierung auch eine soziale Verantwortung habe. Und der versuche ich gerecht zu werten. Es ist meine Form von Dankbarkeit, gepaart mit dem Leitsatz der Leibniz-Gemeinschaft, Theorie und Praxis miteinander zu verbinden 

 

Wößmann: „Vielleicht kann man als Naturwissenschaftler forschen, ohne seine Ergebnisse je in der Öffentlichkeit zu diskutieren. Als Sozialwissenschaftler ist man sofort mitten in der Realität der Gesellschaft. Und dann will man zumindest das, was man denkt ein bisschen verstanden zu haben, in die öffentliche Diskussion einbringen. Das ist bei mir keine politische Mission. Ginge ich nicht in die Öffentlichkeit, wäre meine Forschung obsolet, so einfach ist das.“

 

Fratzscher: „Ich glaube, wir haben in Deutschland noch viel zu sehr dieses Elfenbeinturm-Verständnis von Wissenschaft. Viele denken, man müsse sich so weit wie möglich von der realen Welt fernhalten, um als Wissenschaftler unabhängig zu sein. In den USA und auch in Großbritannien ist das anders, dort heißt es: Damit ich relevante Forschung machen kann, muss ich wissen, was in der Welt passiert. Diese Philosophie finde ich gut. Ich will gute und relevante Forschung machen und dazu muss ich auch wissen, was die Gesellschaft bewegt.“ 

 

Das Gespräch moderierten Jan-Martin Wiarda und Achim Meyer auf der Heyde.

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Wissenschaftsschranke, leicht eingeschränkt

Union und SPD haben sich auf einen Kompromiss zur Reform des Urheberrechts verständigt. Der Bundestag wird das Gesetz aller Voraussicht nach am Freitag beschließen.

VOR DEM WOCHENENDE hatte Horst Hippler, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) noch vor dem Scheitern der Wissenschaftsschranke gewarnt, heute können Hochschulen und Forschungseinrichtungen aufatmen: Die Spitzen der Koalitionsfraktionen haben mitgeteilt, dass sie das neue Urheberrrechts-Wissenschaftsgesellschafts-Gesetz am Freitag im Bundestag passieren lassen wollen.

 

Mit diesem Gesetz mache die Koalition das Urheberrecht fit für das digitale Zeitalter, sagte der CDU-Bildungsexperte und stellvertretende Fraktionsvorsitzende Michael Kretschmer in einem ersten Statement. "Mit der einheitlichen Wissenschaftsschranke schaffen wir Sicherheit für die Nutzer und beenden einen jahrelangen Konflikt."

 

Ich hatte in meinem Blogeintrag vor genau zwei Wochen prognostiziert, das Gesetz werde trotz des Widerstandes vor allem aus CDU und CSU auf der Zielgraden durchkommen. "Um die eigene Regierung derart zu bloßzustellen, dürfte das Thema aus Sicht der Unionsfraktion nicht zentral genug sein", schrieb ich, und so war es am Ende auch. 

 

Der SPD-Bildungsexperte Ernst Dieter Rossmann sagte," bis zum letzten Moment" habe seine Fraktion gegen das Scheitern der Reform gekämpft. Dieser Einsatz habe sich gelohnt: "Ein Durchlöchern des Gesetzes durch Ausnahmen für Lehrbücher oder den Vorrang für ‚angemessene Lizenzangebote‘, wie sie die Unionsfraktion durchsetzen wollte, konnten wir verhindern."

 

Die Einigung hatte allerdings ihren Preis. So wurden als Zugeständnis an die Unionsabgeordneten Zeitungen und Publikumszeitschriften von der Wissenschaftsschranke ausgenommen, vollständige Presseartikel dürfen demzufolge nicht vollständig zu Wissenschaftszwecken genutzt werden. In der Begründung des Bundestagsausschuss für Recht und Verbraucherschutz zu den Änderungen heißt es, damit reagiere man "auf die besondere Situation der Tages- und Publikumspresse", die anders als Wissenschafts- und Fachverlage "die urheberrechtlich geschützten Inhalte vollständig über ihr eigenes Geschäftsmodell finanzieren" müsse. Sie sei deshalb stärker darauf angewiesen, dass eine vollständige Nutzbarkeit der Beiträge nur auf Lizenzbasis möglich sei.

 

Anders formuliert: Die Lobbyarbeit der Presseverlage in den vergangenen Wochen hat sich bezahlt gemacht. Allerdings auch wieder nicht so ganz, denn 15 Prozent eines Beitrages dürfen in jedem Fall erlaubnisfrei zitiert werden, das gilt auch für  Veröffentlichungen der Presse. Es handele sich um "einen fairen Ausgleich von Interessen", kommentierte Kretschmer, und Rossmann ergänzt: "Dieser Kompromiss tut nicht wirklich weh", er berühre die Wissenschaft nur am Rande. 

 

Die zweite wesentliche Veränderung gegenüber dem Kabinettsentwurf: Die Wissenschaftsschranke gilt zunächst auf fünf Jahre befristet. Nach vier Jahren soll eine Evaluierung ihre Auswirkungen überprüfen, anschließend soll über die Fortschreibung entschieden werden. 

 

Zusätzlich wird es einen Entschließungsantrag der Koalitionsfraktionen geben, in dem unter anderem die Entwicklung einer Online-Lizenzplattformen angeregt werden soll. Der zwischen Union und SPD ausgehandelte Wortlaut der Entschließung stellt den Kern des Gesetzes nicht in Frage, betont aber noch einmal, dass die schwierige wirtschaftliche Situation besonders der kleinen und mittelgroßen Verlage gesehen werde.  Die konkrete Aufforderung an die Adresse der Bundesregierung: Sie solle sich weiter auf europäischer Ebene dafür einsetzen, "dass Autoren bereits im Verlagsvertrag zugunsten ihrer Verleger über gesetzliche Vergütungsansprüche verfügen können, und nicht erst nach Veröffentlichung oder mit Anmeldung des Werks." Außerdem soll die Bundesregierung einen "Stakeholder-Dialog" anregen mit dem Ziel, innerhalb von fünf Jahren besagte Plattform einzurichten. Und schließlich soll sie Maßnahmen erwägen, um etwaige künftige Einnahmeausfälle der Verlage zu überbrücken, falls die denn kommen. 

 

Die HRK wollte sich am Dienstagnachmittag noch nicht äußern. Der Entwurf, auf den sich die Regierungskoalitionen geeinigt haben, liege ihr bislang nicht vor. Zwei "rote Linien" hatte HRK-Präsident am Freitag seitens der Hochschulen genannt: keine Einzelerfassung urheberrechtlich geschützter Werke. Und, zweitens, keine Einzelfallprüfung von Verlagsangeboten, bevor sie bereits lizenzierte Materialien nutzen. SPD-Politiker Rossmann sagte dazu, seine Partei habe ihre Positionen eng mit Wissenschaft und Hochschulen abgestimmt." Die roten Linien, die von der Seite der Hochschulen und der Forschungseinrichtungen mit Recht gezogen worden sind, waren auch für uns die roten Linien."

 

So sehr die SPD sich feiern mag und so recht sie das, so Rossmann, "Sperrfeuer" der Unionsfraktion kritisiert, so sehr haben zugleich die Wissenschaftspolitiker in CDU und CSU zu der Einigung beigetragen, indem sie ihre Position hielten gegen die eigenen Fraktionskollegen. Ein erstaunlicher Zusammenhalt von Fachpolitikern in Zeiten des Wahlkampfes. 

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Vermessene Studenten

Die Ergebnisse der 21. Sozialerhebung liegen vor. Die ersten Reaktionen konzentrieren sich auf die angespannte Finanzlage vieler Studenten.

DIE SOZIALERHEBUNG WAR noch nie eine Publikation, die man eben mal rasch durchblättert, und dann war's das. Im Gegenteil: Die Ergebnisse, die das Deutsche Studentenwerk (DSW) heute auf knapp 200 Seiten veröffentlicht hat, werden sich in ihrer Tiefe auch diesmal erst allmählich erschließen. So umfangreich sind die zum 21. Mal erhobenen Daten über die Lebenswirklichkeit der Studenten in Deutschland. Deshalb sind auch die heute erschienenen Schlagzeilen, so spannend sie sind, doch nur als erstes Exzerpt zu sehen. 

 

Betont nüchtern daher kommt die Überschrift der Pressemitteilung, die das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) als Finanzier der Studie gemeinsam mit DSW und dem Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) herausgegeben hat: "Umfrage mit Rekordbeteiligung". Noch nie hätten so viele Studenten mitgemacht, die Angaben von mehr als 60.000 Menschen an 248 Hochschulen seien eingeflossen. Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) sagte bei der Vorstellung der Studie, die Gruppe der Studentinnen und Studenten sei "heute so vielfältig wie unsere ganze Gesellschaft und hat entsprechend ganz unterschiedliche Bedürfnisse im Studium." Die Hochschulen müssen daher ihre Studienformen noch flexibler gestalten. Zudem wünschten sich die Studenten mehr Praxisbezug. 

 

Weniger zurückhaltend war das Studentenwerk wenig später bei seinen eigenen Pressemitteilungen, von denen es gleich drei auf einmal losschickte, jeweils mit eigener Aussage versehen. Erstens: "Der finanzielle Druck auf die Studierenden nimmt zu." Gegenüber 2012 sei die Erwerbstätigenquote um sechs Prozentpunkte gestiegen auf zuletzt 68 Prozent der Studierenden. Zugleich hätten die sogenannten "unbaren Unterstützungsleistungen" der Eltern zugenommen, von 261 Euro auf 309 Euro im Monat. Zweitens: "Kostentreiber Miete ein Problem für viele Studierende." Im Schnitt müssen Studenten laut den neuen Zahlen 323 Euro fürs Wohnen aufwenden, in Hochschulstädten mit immer weniger bezahlbarem Wohnraum wie München, Köln, Frankfurt am Main, Hamburg oder Berlin sei es noch deutlich mehr. Und – drittens – die Schlussfolgerung präsentiert das Studentenwerk auch gleich noch mit: "BAföG regelmäßig erhöhen". Nur 18 Prozent aller Studenten erhielten im Sommer die Unterstützung zum Studium, das sei die niedrigste Quote seit Beginn der 1990er Jahre, kritisierte DSW-Präsident Dieter Timmermann: "Wir alle hoffen, dass durch Erhöhung der Elternfreibeträge um 7 Prozent zum Wintersemester 2016/2017 – wie von der Bundesregierung erhofft – nun deutlich mehr Studierende BAföG bekommen."

 

Die Skepsis, ob es wirklich so kommt, steht in Timmermanns Statement mehr als nur zwischen den Zeilen. Zuletzt hatte das DSW Ende Mai "Förderlücken" beim BAföG angeprangert. Noch deutlicher wurde der grüne Bildungsexperte Kai Gehring in seinem ersten Reaktion auf die Sozialerhebung: "Studierende ächzen unter unsozialer Politik der großen Koalition." Nach zwölf Jahren unionsgeführter Bundesregierung sei das BAföG ein Schatten seiner selbst und müsse "schleunigst verbessert, ausgebaut und regelmäßig automatisch erhöht werden".

 

Die Initiative "Arbeiterkind.de" bemängelte die fortbestehenden Hürden für Kinder aus Nichtakademikerfamilien an deutschen Hochschulen: "Der/die typische Studierende kommt weiter aus einem Akademikerhaushalt." Der Sozialerhebung zufolge stammen haben 52 Prozent der Studenten mindestens ein Elternteil mit akademischem Abschluss.

 

Kai Gehring kritisierte denn auch, dass in der Sozialerhebung von 2016 der so genannte "Bildungstrichter" fehlte, der 2012 plakativ gezeigt hatte, dass 77 von 100 Akademikerkindern studierten, aber nur 23 von 100 Nicht-Akademikerkindern. Warum? Beim Studentenwerk hält man sich bedeckt und ist nur zu einer betont offiziellen Stellungnahme bereit. Das Fehlen habe vor allem methodische Gründe, und den Bildungstrichter wegzulassen, sei eine gemeinsame Entscheidung aller Partner gewesen. Er werde aber wahrscheinlich im nächsten Nationalen Bildungsbericht wieder auftauchen. Gehring twitterte: "BMBF beseitigt Beleg für Bildungsspaltung. Angst vor bad news?" 

 

Ein Vorgeschmack auf einige der vielen Ergebnisse der Sozialerhebung, die heute noch nicht so viel Beachtung fanden: Traditionell spannend ist die Frage nach dem Zeitbudget der Studenten. So ist die Zeit, die Studenten pro Woche in Lehrveranstaltungen verbringen, zwischen 2012 und 2016 um drei Stunden auf 15 gesunken, während das Selbststudium um eine Stunde auf 18 zunahm – was wiederum mit der bereit erwähnten höheren Erwerbsquote zusammenhängen könnte. Das Durchschnittsalter der Studenten stieg im gleichen Zeitraum leicht von 24,4 auf 24,7 Jahre. Sechs Prozent sind verheiratet, 48 Prozent unverheiratet, befinden sich aber in einer festen Partnerschaft. Und: Sechs Prozent der Studenten haben mindestens ein Kind,  ein Prozentpunkt mehr als 2012. Im Schnitt haben Studenten übrigens 1,6 Kinder.

 

Durchgeführt haben die Studie Forscher des DZHW.

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Die Mär vom Wildwuchs

Coffee-Management und Rasenpflege: Studiengänge wie diese müssen herhalten, wenn mal wieder die Explosion unsinniger Fächer beklagt wird. Ein Zerrbild, meinen OLAF BARTZ und LENA WEYERS in ihrem Gastbeitrag.

Hammonia: "wildwuchs", CC BY-NC 2.0

ZU VIELE STUDIENGÄNGE gebe es in Deutschland, so ist es immer wieder zu hören. „Fachidioten“ würden herangezüchtet, heißt es, und fiktive abseitige Studiengänge liefern Anlass für satirische Darstellungen (siehe Seite sieben hier).

 

So verbreitet die Klage ist: Ist sie auch berechtigt? Hat die Zahl der Studiengänge tatsächlich einen bedenklichen Stand erreicht? Um diese Frage zu beantworten, muss man zunächst eine noch viel grundsätzlichere klären: Was ist eigentlich ein Studiengang?

 

Maßgeblich sind, wie stets, die Hochschulgesetze der Länder. Eine typische Formulierung, hier aus Paragraph 49 des schleswig-holsteinischen Hochschulgesetzes, lautet: „Ein Studiengang ist ein durch Prüfungsordnung geregeltes, auf einen Hochschulabschluss, ein Staatsexamen oder ein kirchliches Examen ausgerichtetes Studium.“ Zudem findet sich in den Gesetzen der Begriff der „Teilstudiengänge“, der die in Deutschland vor allem in den Geistes- und Sozialwissenschaften sowie im Lehramt übliche Struktur beschreibt, in der angehende Studierende aus einem Katalog an Fächern eine bestimmte Anzahl, in der Regel zwei, für ihr Studium auswählen. 

 

Wie viele Studiengänge gibt es denn nun in Deutschland? Am verlässlichsten Auskunft geben die traditionsreiche Broschüre „Studien- und Berufswahl“ und der von der Hochschulrektorenkonferenz betriebene „Hochschulkompass“. Im Folgenden beziehen wir uns auf die Ergebnisse des Hochschulkompasses, und zwar aus zweierlei Gründen: Er liefert nicht nur Zahlen, sondern zusätzlich Informationen, welcher Studiengang wie akkreditiert worden ist. 

 

Der tagesaktuelle Wert, den der Hochschulkompass angibt, schwankt seit längerem zwischen 18.000 und 19.000 Studiengänge in Deutschland, davon gut 17.000 mit den Abschlüssen Bachelor und Master. Darin eingeschlossen sind Teilstudiengänge aller Art (auch als Studienfächer oder Studienmöglichkeiten bezeichnet), anders formuliert: Es handelt sich um den größtmöglichen Wert. Zugleich suggeriert die Zahl aber eine höhere Komplexität als in der Realität gegeben. Beispielsweise ist an der LMU München das eine Fach „Biologie“ unter diesem Namen in sieben Studiengängen zu finden: als Bachelor, als zwei- sowie als viersemestriger Master und für vier Lehramtstypen.

 

Nach welchen Gesichtspunkten könnte nun beurteilt werden, ob die 18.000 oder 19.000 Studiengänge in dieser weitesten Definition wirklich zu viel sind oder womöglich sogar zu wenige (hier sechs unterschiedliche Meinungen zu dieser Frage)? Schauen wir zunächst in die Vergangenheit.

 

Wer die Entwicklung der Studiengangszahlen analysiert, nimmt meist die größte Studienstrukturreform der bundesrepublikanischen Geschichte als Ausgangspunkt, die eingängig, wenngleich nicht vollständig präzise unter dem Rubrum „Bologna“ zusammengefasst wird. Wie war die Situation vor Bologna? Wie danach?

 

Maximal komplexitätsreduzierend erzählt, waren Diplom- und Magisterstudiengänge an sogenannten Rahmenprüfungsordnungen ausgerichtet, die Vorgaben für Inhalte und Struktur der Studiengänge enthielten. „Damals“, also bis zu Beginn der 2000er Jahre, wurden Studiengänge zur Genehmigung an das zuständige Wissenschaftsministerium geschickt, das die „Compliance“ mit den Rahmenprüfungsordnungen checkte. Dieses System stieß immer öfter auf Ablehnung:

 

• Kritisiert wurde, dass Studiengänge nicht von fachlich ausgewiesenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, sondern von der Ministerialbürokratie beurteilt wurden.

 

• Das System der Rahmenprüfungsordnungen wurde als zu starr empfunden: Es bremse Innovationen innerhalb von Studiengängen, etwa didaktischer Natur. Darüber hinaus werde die Entwicklung neuer Programme jenseits der normierten klassischen Fächer gebremst und die Hochschulautonomie eingeschränkt.

 

Diesen Missständen abzuhelfen, war ein wesentlicher Antrieb für Hochschulrektoren- wie Kultusministerkonferenz, im Jahr 1998 und damit VOR der Bologna-Erklärung von 1999, grundlegende Beschlüsse zu fassen, in denen sie die Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen sowie der Akkreditierung als wissenschaftsgeleitetes Qualitätssicherungssystem forderten. „Vielfalt ermöglichen“ lautete ein Hauptziel. 

 

Was ist seither geschehen? Schon vor der Reform boten die deutschen Hochschulen eine große Zahl an Studiengängen an, nämlich über 8300 im Wintersemester 1999/2000. 

 

Die Stufung der Studiengänge hat zunächst einmal automatisch ihre Anzahl erhöht: Wo früher ein einzügiger Diplom- oder Magisterstudiengang bestand, sind heute – wiederum ausgesprochen schematisch betrachtet – ein Bachelor- und ein Masterstudiengang zu finden. Auf diese Weise allein lässt sich ein Großteil des Anstiegs erklären. Der Rest kann auf tatsächlich neue Programme zurückgeführt werden. Es finden sich

 

• Ausdifferenzierungen, ob inhaltlicher Natur etwa in Gestalt spezialisierter Masterstudiengänge, oder studienstruktureller Natur, wenn beispielsweise Teilzeit- oder berufsbegleitende Angebote auf Basis bestehender Curricula als eigenständige Programme geschaffen werden. 

 

• Hybridstudiengänge an den Grenzbereichen mehrerer Fächer; ein klassisches Beispiel schon aus der Diplom-Ära ist der Wirtschaftsingenieur.

 

• Vertiefungen: Hochschulen weisen oft auf der Basis eines Kernfachs bestimmte Spezialisierungen als separate Studiengänge aus. Findet man an ein und derselben Hochschule beispielsweise Handels-, Vertriebs- und Tourismusmanagement, ist der BWL-Kern der Curricula in der Regel weitestgehend identisch. 

 

• Akademisierungen: Vor allem im Gesundheitsbereich sind eine Reihe von Berufsausbildungen in nennenswerter Größenordnung „akademisiert“ worden. Derzeit werden über 550 Studiengänge im Gesundheitsbereich außerhalb der Human-, Zahn- und Tiermedizin angeboten, die es im Jahr 2000 überwiegend noch nicht gegeben hat.

 

Was bedeutet das nun alles? Wir denken: Die Zahl der Studiengänge ist aus nachvollziehbaren Gründen angestiegen. Der weitaus größte Teil des Anstiegs ist technisch bedingt durch die Einführung der gestuften Studiengänge. Eine ebenfalls wichtige Begründung ist die angesprochene Akademisierung vormals nicht akademischer Berufsfelder. Die Ausdifferenzierungen und Spezialisierungen fallen vergleichsweise wenig ins Gewicht, auch wenn ausgerechnet sie in der öffentlichen Diskussion als teilweise groteske Fehlentwicklung dargestellt werden. Als Paradebeispiele werden dann seltsame „Exoten“ und Extrem-Spezialisierungen genannt, die quantitativ die absolute Ausnahme sind – und meist auch schnell wieder vom Markt verschwinden. Den viel beschworenen Studiengang „Coffeemanagement“ hat die anbietende Hochschule schon vor einiger Zeit mangels Nachfrage eingestellt. 

 

Im Ergebnis plädieren wir für mehr Vertrauen in die Hochschulen, die Studierenden und in den Arbeitsmarkt: Neue Studiengänge werden ausprobiert, und das ist auch gut so – was sich nicht bewährt, wird aber wieder verworfen. Ein Wildwuchs, eine Verirrung, eine „Explosion“ überflüssiger Spezialstudiengänge bedeutet all das nicht. Schließlich ein Blick ins Ausland: In Großbritannien werden 50.000 Studiengänge angeboten. Da wirken die deutschen 19.000 doch überschaubar.

 

Olaf Bartz ist Geschäftsführer der Stiftung zur Akkreditierung von Studiengängen in Deutschland. Lena Weyers war von 2015 bis 2017 studentische Hilfskraft in der Geschäftsstelle der Stiftung.

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Diverse Exzellenz

Diversity Management ist eine Frage des Anstandes, schon richtig. Das Problem: Die meisten Hochschulrektoren haben bislang nicht kapiert, dass sie viel mehr ist als das.

Jens Hoffmann: "Diversity", CC BY-NC-ND 2.0

DA REDEN SEIT mindestens zehn Jahren alle über Diversität und wie wichtig sie ist für die Zukunft der Wissenschaft, und was sagen Hochschulrektoren? Nur knapp jede/r dritte ist der Meinung, dass Diversität für die Qualität der Forschung von besonderer Bedeutung ist. So berichtet es das Hochschul-Barometer, eine jährliche Umfrage des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft.

 

Moment, werden jetzt viele Hochschulchefs protestieren, stimmt doch gar nicht! Wir finden Vielfalt wichtig, und tatsächlich geben 83 Prozent der befragten Hochschulleitungen im Hochschul-Barometer an, dass Diversität in Lehre und Studium „große Beachtung“ finde. Ja, aber eben nur da. Und das ist das Problem. Denn so, wie in den vergangenen zehn Jahren der Begriff „Diversität“ Karriere gemacht hat, wurde ein zweites Wort an die Spitze hochschulpolitischer Debatten katapultiert: „Exzellenz“. Und gemeint ist damit eigentlich immer Exzellenz in der Forschung.

 

„Diversität“ in der Lehre, „Exzellenz“ in der Forschung. Die Wahrheit ist, dass viele Rektoren eines noch immer nicht verstanden haben: Exzellenz ohne Diversität, das geht gar nicht. Solange die Mehrheit der Lehrstühle in Deutschland (und anderswo) von weißen Männern über 45 besetzt ist, die noch dazu einen deutschen Pass haben, werden nicht die besten ausgewählt, denn das wäre schon im Sinne der Gaußschen Normalverteilung unmöglich. Zum Zuge kommen die Naheliegendsten. Wenn man so möchte, ist aber genau das der Kern von Diversität: Nehmt nicht die, die immer da waren, sondern die mit dem größten Potenzial. >>   



>> Dass das mit der Diversität in der Lehre besser klappt, ist erfreulich - und zeigt zugleich, dass viele Rektoren Diversität eben nicht als einen Weg zu Exzellenz begreifen. Sondern als einen Beitrag zur Sozialpolitik, etwas, das man der Gesellschaft schuldig ist. Tut man halt. In der Lehre belohnt die Politik die Ausweitung der Studierendenzahlen, Stichwort Hochschulpakt, ja auch kräftig. Aber, denken viele Profs und ihre Chefs (ihre mehrheitliche Demographie siehe oben): Wenigstens in der Forschung können wir noch nach Exzellenz gehen. Und das heißt für sie: ihresgleichen berufen. 

 

Wir können lange über Geld reden, das deutschen Hochschulen fehlt, um zur Weltspitze aufzuschließen. Auch zu Recht. Ganz sicher aber werden sie den Sprung nach vorn nicht schaffen, bis nicht auch der letzte Rektor begriffen hat: Diversität ist eine Frage des Anstandes. Vor allem aber ist Diversität der beste Garant gegen Mittelmäßigkeit.

 

Die nächste Gelegenheit, es besser zu machen, steht an: das Tenure-Track-Programm. Klar kann man den Wettbewerb nutzen, um ein flammendes Plädoyer für Personalentwicklung einzureichen und in Wirklichkeit ein paar vorgezogene Berufungen durchzudrücken. Oder man beginnt sie, die Suche nach den nicht Naheliegenden. Sie mag anstrengender sein zunächst. Aber noch anstrengender ist auf Dauer das Fehlen ungeahnter Perspektiven.  

 

Dieser Kommentar erschien heute zuerst im ZEITChancen Brief. 


NACHTRAG AM 27. JUNI:

 

Ich habe einige Zuschriften zu meinem oben stehenden Kommentar erhalten. Tenor: "Bei uns an der Hochschule läuft das anders!", oder: "Schauen Sie mal hier, unsere Diversity-Strategie." Es ist großartig, dass es an dem Drittel Hochschulen, deren Rektoren das Thema "Diversität" für wichtig halten, so viele Beispiele gelebter Vielfalt gibt.

 

Was mich allerdings sorgt, sind E-Mails von Hochschulleitungen, die auf das Thema "Diversität" mit ihren Maßnahmen zur Gleichstellung von Frauen und Männern antworten. Oder umgekehrt Leser, die mir widersprechen und der Meinung sind, es sei langsam mal genug mit der "Frauenförderung". Dass nicht jede Idee für mehr Geschlechtergerechtigkeit in Sachen Wissenschaft automatisch eine gute sein muss: geschenkt. Dass gelegentlich auch junge Männer bezahlen müssen für die Jahrzehnte lange Untätigkeit ihrer älteren Geschlechtsgenossen, weil jetzt eben bei vielen Neuberufungen im Falle gleicher Eignung die Frauen vorgezogen werden: Mag sein.

 

Das eigentliche Problem ist indes, dass der Begriff "Diversität" in all diesen Äußerungen weiter missverstanden wird. Diversität heißt eben nicht nur oder vor allem die Gleichstellung von Frauen und Männern. Das ist EIN Aspekt. Diversität heißt Offenheit für alle Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrer Herkunft, ihrer Hautfarbe, ihrer persönlichen Geschichte (bitte verlängern Sie die Liste mit jedem Aspekt, der Ihnen persönlich wichtig ist). Das zumindest ist das Verständnis von Diversität, das ich mir an weit mehr unserer Hochschulen wünsche.

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Wenig Neues, aber mehr davon

Kurz vor der Sommerpause verhandeln Bund und Länder über die Details des künftigen Professorinnenprogramms. Der erste Entwurf bietet kaum Überraschungen und trotzdem ein paar gute Ideen.

Foto: Leo Hidalgo: "Research", CC BY-NC 2.0

HEUTE TAGEN DIE Staatssekretäre von Bund und Ländern in der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz (GWK), und unter Top 3 verhandeln sie einen heiklen Punkt: die Fortsetzung des Professorinnenprogramms. Heikel insofern, weil es sich um eine Initiative handelt, die in der Vergangenheit parteiübergreifend hoch gelobt wurde. Und weil es gleichzeitig doch etwas wenig wäre, einfach nur ein "Weiter so" zu beschließen. Heikel auch deshalb, weil das Programm zum 31. Dezember 2017 ausläuft und eine neue Vereinbarung den Zeitraum vom 01. Januar 2018 abdecken soll, was schon politisch, vor allem aber organisatorisch nicht ganz einfach werden dürfte angesichts der bevorstehenden Bundestagswahl. 

 

Entsprechend groß ist die Motivation aller Akteure, zu einer Einigung zu kommen, will sich doch keiner vorwerfen lassen, beim Thema Gleichstellung auf der Bremse zu stehen. Schon, als die GWK im April zwar die Fortsetzung beschloss, aber eben erst nach der Bundestagswahl, kritisierte der grüne Wissenschaftsexperte Kai Gehring: Die Bundesregierung  habe bei dem Ziel, bessere Bedingungen für Frauen in der Wissenschaft zu schaffen, "keinen Ehrgeiz und Weitblick gezeigt." 

 

Heute werden sich die Staatssekretäre über einen "Zwischenbericht zur Fortführung des Professorinnenprogramms" beugen, den die Ministerien im Arbeitskreis "Chancengleichheit" erarbeitet haben – und über einen ersten Entwurf der neuen Bund-Länder-Vereinbarung, die mit der römischen Ziffer III versehen ist – für die dritte Programmphase. Die erste war 2007 beschlossen worden, die zweite 2012.

 

Im Zwischenbericht schlagen die Fachleute als zentrale Neuerung vor, die Hochschulen müssten künftig "auf Verstetigung angelegte" Gleichstellungskonzepte einreichen, wenn sie bereits in den ersten beiden Förderphasen erfolgreich waren. In der Anlage zum Vereinbarungsentwurf wird konkretisiert, was das bedeuten könnte: Die Hochschulen müssten demnach belegen, inwieweit sie die im Gleichstellungskonzept der ersten Antragsrunde formulierten Ziele erreicht haben, sie müssten dazu auf die "Erfolge und Misserfolge bei den bisherigen Bemühungen zur Verstetigung" eingehen. Darüber hinaus müssten die Hochschulen aufzeigen, "wie die weitere Verstetigung der Gleichstellungsaktivitäten in den nächsten fünf Jahren nach Auslaufen der Förderung erfolgen soll." Dann nennen die Experten im Arbeitskreis "Chancengleichheit" eine Reihe von Kriterien, die zur Überprüfung des bisherigen Erfolges dienen könnten, darunter die strukturelle Verankerung des Konzepts in die Hochschule hinein, die Personalentwicklung und die Beteiligung von Frauen in Organen und Gremien. Überhaupt ist die Personalentwicklung als konkretes Bewertungskriterium für alle Anträge hinzugekommen, es geht um Aussagen "mit dem Ziel einer verbesserten Planbarkeit der wissenschaftlichen Karriere sowie zur Verringerung des Ausscheidens von Nachwuchswissenschaftlerinnen".

 

Äußerst schlau löst der Programmentwurf einen Konflikt, der sich in den vergangenen Monaten abgezeichnet hatte. Bislang sah das Professorinnenprogramm keine spezielle Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses vor, genau das hatten jedoch Wissenschaftspolitiker verschiedener Parteien gefordert. Zuletzt formulierte die CDU/CSU-Bundestagsfraktion in einem Positionspapier, das Programm müsse „modellhaft auch für die Qualifikationsstufen neben und vor der Professur geöffnet werden“, etwa mit Stellen für Postdoktorandinnen oder für Leiterinnen von Nachwuchsgruppen. Genau davor hatte die neue Sprecherin der Jungen Akademie, Jule Specht, jedoch gewarnt: Für Postdoc-Stellen gebe es bereits viele Förderformate, ihre Erweiterung sei nicht notwendig „oder sogar kontraproduktiv“, da so neue prekäre Existenzen gefördert würden, anstatt die Gelder in mehr Tenure-Track-Professuren zu investieren.

 

Die Regelung im vorliegenden Vereinbarungsentwurf: Während bislang in der Regel pro erfolgreicher Hochschule bis zu drei Vollberufungen von Frauen über einen Zeitraum von höchstens fünf Jahren gefördert werden konnten, könnten künftig maximal zehn Hochschulen pro Einreichungsverfahren noch eine zusätzliche vierte Professorinnenstelle erhalten. Voraussetzung: Die von ihnen eingereichten Gleichstellungskonzepten haben in puncto Nachwuchsförderung eine besonders gute Bewertung erreicht. Ein neuer Wettbewerb im Wettbewerb also.

 

Ein anderer viel diskutierter Punkt war in der Vergangenheit, ob große Hochschulen Wettbewerbsvorteile bei der Vergabe hatten. Die Experten antworten in ihrem Zwischenbericht, eine strukturelle Benachteiligung von kleineren Hochschulen und Fach- oder Kunst- und Musikhochschulen sei nicht nachweisbar. Allerdings schlägt der Arbeitskreis vor, die neue Bund-Länder-Vereinbarung solle verstärkt die Berücksichtigung der hochschulspezifischen Situation bei der Begutachtung betonen. 

 

Zum Schluss noch ein Wort zum Geld: Dass das Professorinnenprogramm insgesamt mehr Mittel als bisher (150 Millionen Euro auf fünf Jahre) vertragen kann, da waren sich in der Vergangenheit alle schnell einig. Die Experten machen es konkret und schlagen eine Ausweitung von 250 "auf nicht weniger als 280 Professuren" in der Programmphase drei vor, dazu könnten 20 weitere Professuren kommen für den hinzugefügten Wettbewerb zu den Nachwuchskonzepten. Zusätzlich, so die Ministerialbeamten, könnte die durchschnittliche Fördersumme pro Professur um 10 Prozent steigen. Auch wenn die Ministerialbeamten den Wert nicht ausbuchstabieren, ihr Vorschlag an die Staatssekretäre würde auf knapp 200 Millionen Euro für die neue Förderphase hinauslaufen. 

 

Und wie reagieren nun die Staatssekretäre und Minister auf die Vorarbeit ihrer Experten? Äußerst positiv, so scheint es. Der Entwurf sei sicherlich noch nicht das letzte Wort, so der Tenor, aber die Grundrichtung stimme, und die lautet: Wenig Neues, aber ein paar innovative Highlights. Die größte Zurückhaltung gilt freilich beim Geld: Wie groß das Programm werde, entscheide sich mit Sicherheit erst nach der Bundestagswahl. Dann aber, und da sind sich alle wieder einig, müsse es wirklich schnell gehen. Im November wollen die Minister die fertige Bund-Länder-Vereinbarung in der GWK beschließen. 

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Warum jetzt alle eingeschnappt sind und der Digitalpakt trotzdem kommen wird

Hamburgs Schulsenator Rabe wirft Bundesbildungsministerin Wanka Wortbruch vor – die fühlt sich ihrerseits vor den Kopf gestoßen. Alles ziemlich trivial – und doch lässt daraus etwas lernen.

IRGENDWIE HAT SICH die Sache hochgeschaukelt. Sie erinnern sich vielleicht: Vor zwei Wochen berichtete ich hier im Blog von einer "Einigung mit Schönheitsfehler". Die Einigung, das waren die zwischen Kultusministerkonferenz und Bundesbildungsministerium ausgehandelten "Eckpunkte" zum "DigitalPakt Schule" oder, wie er offiziell heißen soll, zur "Bund-Länder-Vereinbarung zur Unterstützung der Bildung in der digitalen Welt im Bereich Schule". Der Schönheitsfehler: Am 1. Juni, dem Tag, an dem Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) sich eigentlich zur offiziellen Verabschiedung der Eckpunkte und ihrer anschließenden Verkündung mit den Kultusministern in Stuttgart treffen wollte, blieb bei der angekündigten Pressekonferenz ein Platz frei. Der von Wanka. Sie sei bei deutsch-chinesischen Regierungsgesprächen unabkömmlich, hieß es – was nachvollziehbar war angesichts des Besuchs von Chinas Ministerpräsidenten und ihrem Kollegen im Amt des Wissenschaftsministers. Dann war jedoch auch Staatssekretärin Cornelia Quennet-Thielen kurzfristig erkrankt, und das BMBF entschied: Wir schicken keinen Ersatz.

 

Jetzt sind alle Beteiligten beleidigt. Wanka, weil die Kultusminister die ausgehandelten Eckpunkte einseitig der Presse vorstellten. Und die Kultusminister, weil sie sich erst sitzen gelassen fühlten und dann in den vergangenen zwei Wochen, zumindest laut Hamburgs Schulsenator Ties Rabe (SPD), keinerlei Bemühungen des BMBF wahrnahmen, das Versäumte schnell nachzuholen. Meine Kollegin Heike Schmoll hat in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (leider nicht online) heute einen aufschlussreichen Stimmungsbericht verfasst und zitiert Rabe wie folgt: "Wir sagen hier sehr klar, dass Frau Wanka ihr Wort nicht hält und das Geld nicht hat und dass der Digitalpakt womöglich platzt."

 

Als Indiz führt führt Schmoll an, dass auf Betreiben des BMBF die bereits veröffentlichten Eckpunkte wieder von der Seite der Kultusministerkonferenz verschwunden sind – man habe dem ja nicht zugestimmt, so laute die Begründung von Wankas Ministerium.

 

Hat Wanka den Termin Anfang Juni wirklich absichtlich platzen lassen, weil sie das Geld nicht hat? Würde damit auch die für Ende des Jahres angestrebte Bund-Länder-Vereinbarung auf der Grundlage der Eckpunkte hinfällig? Wenn es so wäre, es wäre ein strategischer Patzer eines Bundesbildungsministeriums bislang unbekannter Güte und Ausmaßes.

 

Mir persönlich erscheint die andere Erklärung naheliegender. So, wie vor allem einige SPD-Kultusminister von Anfang an Wankas Digitalpakt-Initiative als taktische Überrumpelung empfunden haben, so ärgern sie sich nun darüber, dass die Bundesministerin sie erst mit großer Geste zusammenruft, um sie dann, wenn sie sich schon widerwillig zu Verhandlungen hingesetzt haben, hinzuhalten und zu vertrösten. Umgekehrt hat es Wanka getroffen, dass ihre Kultusministerkollegen sie als geld- und machtlose Ministerin ohne Plan darstellen, wenn sie selbst doch das Gefühl hat, die Kanzlerin erst von der Fünf-Milliarden-Initiative überzeugt zu haben. Für dumm verkauft fühlen sich die einen, mit Undankbarkeit konfrontiert die andere. Und Wahlkampf machen sie alle.

 

Meine Prognose: Der Pakt kommt trotzdem. Und zwar auf Grundlage der verhandelten Eckpunkte. Wenn Wanka klug beraten ist, wird sie noch vor der Sommerpause die Kultusminister zu einem Nachholtermin einladen oder anderweitig dafür sorgen, dass die Eckpunkte offiziell verabschiedet werden. Und die Kultusminister sollten ihr eine Brücke bauen, dies tun zu können. Wobei Folgendes allen klar sein sollte: Die Eckpunkte sind NICHT die Vereinbarung selbst, nach der Bundestagswahl wird es sicherlich noch Änderungen geben – und wenn nur, damit sich die dann aktuelle Hausleitung im BMBF, wie auch immer sie aussehen mag, profilieren kann. 

 

Trotzdem waren und sind die Eckpunkte ein entscheidendes Signal nach dem Motto: So in der Art kann es gehen. Und noch wichtiger: Es WIRD überhaupt etwas gehen.

 

Fast wichtiger als das gegenwärtige Gezerre erscheint daher am Ende eine andere Erkenntnis. Während Bund und Länder in Bezug auf die Hochschulen geübt sind darin, gemeinsame Programme und Pakte auszuhandeln, haben sie es im Bereich der Schulen nach 2006 verlernt. Was vor allem institutionelle Gründe hat: Bis zur Grundgesetzänderung, die die Zusammenarbeit in den Schulen empfindlich einschränkte, gab es die "Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsfragen" (BLK). Sie stellte ihre Arbeit Ende 2007 ein (interessant ist übrigens die historische Website hier). Für die Bund-Länder-Zusammenarbeit zugunsten von Wissenschaft und Hochschulen wurde die "Gemeinsame Wissenschaftskonferenz" (GWK) gegründet, wiederum mit eigener Geschäftsstelle und (aktuell) Generalsekretärin. Ein Ersatz für die BLK für den Bereich Schule? Fehlanzeige. War ja nach der Logik der Grundgesetzänderung (Stichwort: "Kooperationsverbot") nicht mehr nötig. 

 

Die GWK würde es nicht zulassen, dass ein Prozess derart ins Stocken und auf die abschüssige Bahn gerät, wie es der Digitalpakt derzeit tut. Die GWK-Geschäftsstelle ist erfahren im Prozessmanagement und auch darin, widerstrebende Partner im Dialog zu halten. Im Bereich der Schule beschränkte sich die institutionalisierte Zusammenarbeit bislang auf eine gemeinsame "Steuerungsgruppe", die ausschließlich für die verbliebene Gemeinschaftsaufgabe "Feststellung der Leistungsfähigkeit des Bildungswesens im internationalen Vergleich" zuständig ist. Die ausgehandelten Eckpunkte sehen übrigens auch eine Steuerungsgruppe zwischen Bund und Ländern für den Digitalpakt vor. Steuerungsgruppe – aber wiederum keine eigene Geschäftsstelle, keine eigene Organisation.

 

Ganz gleich, ob man der Meinung ist, dass das Kooperationsverbot mit dem neuen Grundgesetz-Artikel 104c nun "aufgebrochen" wurde oder nicht und ob es fallen oder bleiben sollte, gemeinsame Schulprojekte und -programme zwischen Bund und Ländern werden wieder zunehmen. So haben auch SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz und – in Reaktion darauf – Bundeskanzlerin und CDU-Chefin Angela Merkel neue Ganztagsschulprogramme angekündigt. Programme, die in jedem Fall  ein hohes Maß an Kommunikation und Prozesssteuerung erfordern. Was passiert, wenn eine dafür geeignete unabhängige Instanz fehlt, sieht man gerade sehr deutlich. 

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Einfacher kann man sich Politik nicht machen

Wenn es nach SPD und Grünen geht, ist der Bildungsföderalismus plötzlich an allen Problemen schuld, die Schulen so haben. Das mag populär sein. Stimmt aber nicht. Ein Gastbeitrag von Stefan Kaufmann.

Foto: Stefan Kaufmann MdB
Foto: Stefan Kaufmann MdB

MARODE SCHULEN, KRITIK an G8 und teilweise Rückkehr zu G9, gescheiterte Inklusion, fehlende Digitalisierung, Defizite in der Lehrerbildung: Die Liste der Baustellen im Bildungsbereich ist lang. Und auf jede dieser bildungspolitischen Fragestellungen scheint es, geht es nach SPD und Grünen im Bund, nur noch eine Antwort zu geben: Das fälschlich so genannte Kooperationsverbot muss weg. Dann endlich – und nur dann! – klappt es mit der Bildungsrepublik Deutschland. Eine Vielzahl von Problemen und EINE Lösung: Einfacher kann man sich Politik nicht machen. 

 

Nahezu jede bildungspolitische Diskussion landet früher oder später bei der Glaubensfrage Bildungsföderalismus, und auch wenn es womöglich populärer ist, einfach „Weg damit!“ zu rufen, halten wir von CDU und CSU dagegen. Bis vor kurzem stand die FDP an unserer Seite, doch auch sie wechselte ins Feld der Föderalismuskritiker. Warum also wollen wir bei den Regelungen bleiben, wie sie das Grundgesetz festlegt? Und warum halte ich persönlich sie weiter für richtig?

 

Die alleinige Zuständigkeit der Länder für Schulpolitik ergibt sich aus der Kultushoheit der Länder. Der Bildungsföderalismus gehört damit zu den Kernprinzipien unseres Staates und ist ein wichtiger Faktor für den seit fast sieben Jahrzehnten währenden Erfolg der Bundesrepublik Deutschland. 

Neben diesem grundsätzlichen staatsphilosophischen Argument gibt es ein handfest-finanzpolitisches. Der Bund engagiert sich bereits heute finanziell in Sachen Bildung so umfassend wie nie zuvor, sei es über den Hochschulpakt, die Qualitätsoffensive Lehrerausbildung, den Qualitätspakt Lehre oder die vollständige Übernahme der BAföG-Kosten von den Bund. Allein in den Hochschulpakt fließen über die Gesamtlaufzeit von 2007 bis 2023 20,2 Milliarden Euro Bundesmittel. Und mit der Übernahme der BAföG-Kosten entlasten wir die Länder um 1,2 Milliarden Euro – jährlich wohlgemerkt.

 

Fest steht schon jetzt, dass die Überweisungen in die Länder weiter wachsen werden. Mit dem neuen Artikel 104c Grundgesetz können von 2020 an Finanzhilfen des Bundes für bedeutsame Investitionen an finanzschwacher Kommunen im Bereich der Bildungsinfrastruktur fließen, wofür 3,5 Milliarden Euro zusätzlich bereits eingeplant sind. Im Gegenzug erhält der Bund keinerlei inhaltlichen Kompetenzen. Die Länder sind und bleiben für ihre Schulen und Hochschulen an vorderster Stelle selbst und originär verantwortlich. Die Bildungshoheit liegt also auch künftig ganz bewusst bei den Ländern. Der Geist des neuen Artikels 104c schreibt uns daher zwingend vor, die Finanzhilfen des Bundes hinsichtlich Verwendungszwecken und finanziellem Umfang möglichst begrenzt zu halten. Insofern bin ich mir mit allen Bildungspolitikern in der Unionsfraktion einig: Die Neuregelung des Grundgesetzes darf und wird kein Einfallstor für weitergehende Regelungen zu Lasten des Bundes sein. Auch die Finanzreserven des Bundes sind endlich, und jede weitere Änderung des Bildungsföderalismus zulasten der Bundesregierung gefährdet die Balance der gerade neu verhandelten Bund-Länder-Finanzbeziehungen.

 

Wer sagt darüber hinaus eigentlich, dass die Länder den Bund brauchen, um unser Bildungssystem fit für die Zukunft zu machen? Ja, der Bund erzielt Haushaltsüberschüsse, allein im vergangenen Jahr fünf Milliarden Euro. Doch auch die Länder stehen glänzend da: Sie haben zeitgleich über neun Milliarden Euro übrigbehalten. Selbst die Kommunen erzielten 2016 5,4 Milliarden Euro an Haushaltsüberschüssen. Auf der Einnahmeseite zeigt sich ein ähnliches Bild. Die Gesamteinnahmen der Länder lagen im Jahr 2016 bei 288,7 Milliarden Euro. Zum Vergleich dazu hatte der Bund Einnahmen in Höhe von 289 Milliarden Euro. Angesichts dieser Zahlen dürfte jedem klarwerden: Die Länder schwimmen selbst im Geld und haben jede Möglichkeit, dieses in die eigene (Bildungs-) Zukunft zu investieren.

 

Anstatt ein zentralistisch agierendes Bundesschulministerium herbeizusehnen, sollten sich die Kritiker des Bildungsföderalismuses dafür einsetzen, dass es endlich (wieder) einen echten Wettbewerb im Bildungssystem gibt. Mehr Vergleichbarkeit durch einheitliche Standards, beispielsweise bundesweit einheitliche Abiturprüfungen, würde dazu führen, dass die Länder sich um die besten Konzepte bemühen und damit auch den Wählern zeigen: Wir sorgen für hochwertige Bildung und schaffen bessere Chancen für die junge Generation. Die Bilanz, die Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) nach ihrem ersten Amtsjahr vorgelegt hat, beweist, dass die Länder mit den richtigen Konzepten durchaus Erfolge in der Bildungspolitik herbeiführen können. Baden-Württemberg ist damit ein gutes Gegenbeispiel zur derzeit viel zu oft und lauthals vorgetragenen, vor allem aber inhaltsleeren Forderung nach einem Ende des sogenannten Kooperationsverbotes. Die Länder sollten wieder den Mut entwickeln, ihre Gestaltungskraft im Bildungsbereich selbst unter Beweis zu stellen. Eine abermalige Änderung des Grundgesetzes würde nichts besser, sondern vermutlich sogar vieles noch komplizierter machen.

 

Mir ist bewusst, dass die Öffentlichkeit zurecht hohe Erwartungen an die Einheitlichkeit des Bildungssystems formuliert. Hierbei geht es aber insbesondere um die Vergleichbarkeit von Schulabschlüssen. Eltern verstehen nicht, dass ihre Kinder bei einem Wohnortwechsel mit unterschiedlichen Bildungsniveaus zurechtkommen müssen. Deshalb rücken materiell vergleichbare Bildungsstandards in das Zentrum der Aufmerksamkeit. Gerade weil sich dieses Ziel nur schrittweise erreichen lässt, muss sich die Kultusministerkonferenz an dieser Stelle deutlich stärker engagieren. Und die gemeinsam getroffenen Beschlüsse müssen dann auch verbindlicher umgesetzt werden. Sicherlich kann auch der Bund an der Stelle noch stärker koordinieren, wenn die Länder dies wünschen. Am Ende aber bleibt es aber dabei: Eine klare, auch finanziell eindeutige Verteilung von Verantwortlichkeiten ist dem Zuständigkeits-Wirrwarr zwischen Bund und Ländern, angeheizt durch ein ständiges Klagen über Zuständigkeiten und „Kooperationsverbote“, allemal vorzuziehen.

 

Stefan Kaufmann ist Obmann der CDU-/CSU-Fraktion im Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung des Deutschen Bundestages. Vor 14 Tagen schrieb an dieser Stelle Ernst Dieter Rossmann, bildungspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion, über Kanzlerin Angela Merkel und ihr Verhältnis zum Kooperationsverbot

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G 9 hilft Politikern, nicht Schülern

Diese Woche startete meine neue Kolumne "Wiarda will's wissen" im Tagesspiegel. In der ersten Folge habe ich gesagt, was ich vom Hin und Her in der Schulpolitik halte.

Plötzlich G9-Fans: Die CDU-Spitzenkandidaten Daniel Günther (links) und Armin Laschet. Foto-Credits: siehe unten.

ARMIN LASCHET IST schon vor seinem Amtsantritt zum ersten Mal wortbrüchig geworden, und keinen scheint es zu stören. Vergangenes Jahr hatte der CDU-Politiker und designierte nordrhein-westfälische Ministerpräsident noch versprochen, es werde im Falle eines Wahlsiegs keine komplette Rolle rückwärts geben an den Schulen. Kein flächendeckendes Zurück zu neun Gymnasialjahren bis zum Abi, dem sogenannten G 9, denn das bringe "zu viele Probleme" und sei keine Lösung. "Wir haben immer gesagt, G 8 muss besser gemacht werden, denn es gibt ja Schulen, wo es funktioniert, und es gibt Schulen, wo es nicht funktioniert."

 

Eine, nebenbei bemerkt, recht sinnentleerte Aussage, denn das gilt für Unterricht und eigentlich für so ziemlich alles im Leben eigentlich so ziemlich immer. Und jetzt also die Einigung mit dem neuen Koalitionspartner FDP: G 8, die erst vor anderthalb Jahrzehnten beschlossene Schulzeitverkürzung auf acht Jahre Gymnasium, wird abgewickelt. Was bleibt, ist eine Pseudo-Wahlfreiheit: Nur wenn Gymnasien in Übereinstimmung mit Eltern, Lehrern und Schulträger für G 8 votieren, können sie das Modell retten. Man habe den Schulen "kontroverse Diskussionen" ersparen wollen, sagten Laschet und sein FDP-Verhandlungspartner Christian Lindner in einer fast schon niedlichen Argumentation.

 

Dass parallel auch die neue CDU-FDP-Grüne-Koalition in Schleswig-Holstein die Wiedereinführung von G 9 beschloss, passt ins Bild, ist aber zweitrangig. Schon die Entscheidung im größten Bundesland besiegelt das Schicksal der einst mit großen Erwartungen auch in Westdeutschland gestarteten Schulzeitverkürzung. Jünger sollten die Schulabgänger werden, moderner die Lehrpläne und stärker an der späteren Berufspraxis orientiert. Das Modell G 8 in den alten Bundesländern ist faktisch tot, und es ist nicht an sich selbst gescheitert, nicht an protestierenden Elternfunktionären, die glauben, für das Wohl ihrer Kinder zu sprechen. G 8 zerbrach an der überparteilichen Bequemlichkeit von Politikern, die Erkenntnisse der Bildungsforschung systematisch ignorierten, weil sie keine Lust mehr hatten auf nervige Schuldebatten.

 

Was die Bildungsforscher aufgrund aufwendiger Studien immer wieder berichteten: dass G 8 und G 9 zu identischen Lernergebnissen führen, aber auch zu ähnlichen Stresslevels bei den Schülern. Eine Rückkehr biete daher keine positiven Folgen, sagte zuletzt etwa Olaf Köller vom Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften. Nun, sagen wir mal: keine positiven Folgen für Schüler.

 

Für Politiker dagegen offenbar schon. Wenn Politiker wie Laschet oder Daniel Günther (der CDU-Spitzenkandidat in Schleswig-Holstein) jetzt von "Ruhe für die Schulen" sprechen, meinen sie in Wirklichkeit Ruhe für sich selbst. Den Schulen muten sie mit dem zwangsweisen Wechsel zu einer völlig neuen Struktur - und nichts anderes ist die Einführung von G 9 - auf Jahre hinaus erneutes Durcheinander und Mängelverwaltung zu. Genau jenes Durcheinander und dieselbe Mängelverwaltung, die viele Eltern überhaupt erst gegen G 8 aufbrachten. Das gerade überwundene Nebeneinander der Systeme, das Chaos aus fehlenden Lehrplänen und nicht zum neuen Rhythmus passenden Schulbüchern, beginnt von Neuem.

 

Deutschland zerfällt damit endgültig in zwei Schulwelten: Hier der Osten mit nicht nur funktionierenden, sondern auch akzeptierten G-8-Strukturen und vorderen Plätzen in deutschlandweiten Schulrankings. Hier der Westen, dessen Schulen weitere zehn Jahre in die Beschäftigung mit sich selbst abgleiten. Dabei hatte ausgerechnet Schleswig-Holstein zuletzt Boden gutgemacht. Bis Daniel Günther drei Monate vor der Wahl von einem Tag auf den anderen beschloss, dass G 9 fürs Land besser sei. Nun, wir werden sehen.

 

Meine Kolumne erscheint von jetzt an alle zwei Wochen montags im Tagesspiegel im Wechsel mit George Turner und seiner Kolumne "Turners Thesen".

 

Fotos: Laurence Chaperon/CDU Schleswig-Holstein; KAS: "Armin Laschet", CC BY 2.0

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Fünf Ressortchefs und eine Ansage

Die ostdeutschen Wissenschaftsminister präsentieren heute einen Plan zur Hochschulfinanzierung. Spannender als das, was sie sagen, ist, dass sie es gemeinsam tun.

Foto: tom_stromer: "Bundespressekonferenz", CC BY-NC 2.0

HEUTE VORMITTAG ERLEBT die deutsche Hochschulpolitik eine kleine, aber feine Premiere. Die Wissenschaftsminister aller fünf neuen Bundesländer laden geschlossen zu einer Pressekonferenz nach Berlin, und alle fünf gehören der SPD an. Ein „Positionspapier für eine sichere und gerechte Hochschulfinanzierung“ wollen sie vorstellen. Vor allem aber geht ihnen um ein Signal an den Rest der Partei.

 

Gestern hat die neue schwarz-gelbe Koalition in Nordrhein-Westfalen ihr Programm präsentiert, die Sozialdemokraten sind in ihrem Stammland aus der Regierung geflogen, inklusive Wissenschaftsministerin Svenja Schulze, die sich auf den Posten der Landes-Generalsekretärin rettete. War ihr Haus, das mit Abstand größte Landeswissenschaftsministerium, bisher tonangebend im SPD-Wissenschaftslager, ist die Leitposition im geschrumpften Rudel sozialdemokratischer Ministerium jetzt verwaist. Auch Schleswig-Holsteins bisherige Ressortchefin Kristin Alheit wurde aus dem Amt katapultiert. Und die Ost-Minister haben nachgezählt: Noch acht SPD-Wissenschaftsminister bundesweit, davon zwei im Westen. Das Machtzentrum der sozialdemokratischen Wissenschaftspolitik, so lautet daher heute die wichtigste Botschaft in der Bundespressekonferenz, liegt jetzt in Ostdeutschland.

 

Apropos: Fehlt da nicht einer? Wird Berlin nicht auch irgendwie zu den neuen Bundesländern gezählt, und heißt der dortige Wissenschaftssenator nicht Michael Müller und ist Regierender Bürgermeister in Personalunion? >>



>> Schon richtig. Nur hatte Müllers Staatssekretär Steffen Krach im Februar zusammen mit weiteren, ausschließlich aus Westdeutschland stammenden Parteigrößen (darunter die Ex-Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn, der Wissenschaftsexperte Hubertus Heil und – Svenja Schulze) auch ein Positionspapier präsentiert. „Zukunftsvertrag für Wissenschaft und Forschung“ hieß es leicht übersteigert und schlug vor: eine sichere und gerechte Hochschulfinanzierung. Allerdings ohne speziell ostdeutschen Blick. Und abgestimmt mit dem Rest der Partei war es auch nicht. Etwa mit dem Thüringer Wissenschaftsminister Wolfgang Tiefensee, der schon im vergangenen Jahr – und damit als erster – einen „Zehn-Punkte-Plan“ zur Hochschulfinanzierung vorgestellt hatte. Ein Eintrittsticket in den Club der Zukunftsvertrags-Autoren hatte ihm das freilich nicht verschafft. Worüber Tiefensee, wie kolportiert wird, recht sauer gewesen sein soll. Tiefensee gilt neben seiner sächsischen Kollegin Eva-Maria Stange als wichtigster Kopf hinter dem heutigen Ost-Aufschlag. Folglich wird Krach, der von vielen als der neue starke Mann der SPD-Wissenschaftspolitik gesehen wird, ihr Papier jetzt auch nicht mit vorstellen.

 

Übrigens hatte die Unions-Bundestagsfraktion ihrerseits Anfang des Jahres ihr „Ideenpapier“ zur künftigen Finanzierung von Bildung und Forschung veröffentlicht. Woher kommt diese Flut an programmatischen Stoffsammlungen, und warum kommt sie jetzt?

 

Weil sich alle noch rasch in Position schieben wollen, bevor nach der Bundestagswahl der Poker um die Zukunft des Hochschulpakts in seine heiße Phase geht. Jedes Jahr transferiert der Bund zwei Milliarden Euro in die Landeshochschulen, doch die Vereinbarung läuft nach 2020 aus. Die Wahrheit ist: Auch wenn das Bund-Länder-Programm einst als vorübergehende Maßnahme gedacht war, um immer neue Rekorde bei den Studienanfängerzahlen abzufangen, wären die Hochschulen ohne die zusätzlichen Milliarden längst nicht mehr handlungsfähig. Das weiß auch die Bundesregierung und hat den Ländern bereits im vergangenen Dezember signalisiert, dass das Geld weiterfließen wird, und zwar auf Dauer. „Der Bund sieht ein, dass die Hochschulen nicht mehr ohne die Bundesfinanzierung können“, sagte damals ein Landesstaatssekretär. Einig war man sich allerdings auch, dass es künftig nicht darum gehen kann, einfach immer weiter zusätzliche Studienanfänger zu belohnen. Viel strittiger sind die 1,6 Milliarden Euro pro Jahr, die Tiefensee in seinem 10-Punkte-Plan für den Hochschulbau gefordert hat. Denn von 2020 an hat der Bund keinerlei Zuständigkeit mehr für die Uni-Baustellen der Republik. Er will sie auch nicht: Bundesforschungsministerin Johanna Wanka (CDU) hat eine Diskussion darüber mehrfach abgelehnt.

 

Ergo: Die Flut an Positionspapieren. Was die fünf Minister heute in ihrer Pressekonferenz konkret sagen werden? Dass Ostdeutschlands Wissenschaftssystem historisch bedingt immer noch den etablierten Strukturen Westdeutschlands hinterherlaufe und dass es deshalb nicht angehe, wenn die Bundesmilliarden nach Hochschulpaktende allein nach Länderproporz verteilt würden. Gerade was die Ausgaben für Forschung und Entwicklung angehe, sei der Osten im Nachteil, weil ihm die Industrie und damit die privaten Forschungsinvestitionen fehlten. Dafür müsse ein Ausgleich her. Auch beim Ausbau der Fachhochschulen und der außeruniversitären Forschungseinrichtungen hätten die neuen Bundesländer auch 27 Jahre nach der Einheit noch Nachholbedarf. Und so, wie der bisherige Hochschulpakt gerade für die vom demografischen Wandel besonders geschlagenen Ostländer von essentialer Bedeutung gewesen sei, werde das auch eine künftige, nach Vorstellung er fünf Minister an Studenten in der Regelstudienzeit sowie an Absolventen gekoppelte Mitfinanzierung durch den Bund sein. 

 

So in etwa werden die Wissenschaftsminister nachher argumentieren. Doch egal, was sie sagen: Dass sie da gemeinsam sitzen, sollte ihren Kollegen aus dem Westen zu denken geben. Übrigens nicht nur den aus der SPD.


HIER DER LINK ZUM PAPIER DER FÜNF OSTDEUTSCHEN WISSENSCHAFTSMINISTER.

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Innovation: Ja. Wissenschaft: Nein.

Nordrhein-Westfalen will offenbar Wissenschaft und Innovation in zwei unterschiedliche Ressorts packen.

VERGANGENE WOCHE HATTE ich über das Comeback von Andreas Pinkwart berichtet. Schon in den gerade zu Ende gegangenen Koalitionsverhandlungen zur Bildung einer neuen nordrhein-westfälischen Landesregierung spielte der Wirtschaftswissenschaftler eine zentrale Rolle, er betreute auf Seiten der FDP das Feld Hochschulen und Innovation und damit den gesamten Bereich von Wirtschaft und Wissenschaft. Jetzt zeichnet sich ab, was bereits als wahrscheinlich galt: Pinkwart soll nach Berichten der Rheinischen Post wieder Minister werden, und zwar verantwortlich für ein Superministerium "Wirtschaft, Innovation, Digitales und Energie". Die CDU soll dagegen für Wissenschaft zuständig sein, hier werden aber noch keine konkreten Personen genannt.

 

Was die Unterteilung in "Wissenschaft" einerseits und "Innovation" andererseits konkret für die Forschungspolitik bedeuten könnte, müssen die neuen Koalitionspartner noch ausbuchstabieren. So ist aus organisatorisch-praktischen Gründen zwar nachvollziehbar, dass Pinkwart anders als in den Koalitionsverhandlungen nicht zugleich die gesamte Wirtschafts- und Hochschulpolitik in seinem Ministerium abdecken kann: 70 Hochschulen habe in NRW ihren Sitz. Doch hat Pinkwart in den Koalitionsverhandlungen einmal mehr seinen Faible auch für die Hochschulpolitik bewiesen – und würde sich beim geplanten Ministeriumszuschnitt deutlich zurückhalten müssen.

 

Hinzu kommt: Ministeriumsmodelle, bei denen Forschung der Wirtschaft zugeschlagen und damit von der Wissenschaft getrennt wurden, galten in der Vergangenheit nicht als Selbstläufer. Nach der Wahl 2011 wurden Berlins damaliger Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und sein CDU-Kolitionspartner Frank Henkel heftig dafür kritisiert, dass sie eine "Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Forschung" einrichteten – mit dem Ergebnis, dass das Wirtschaftsressort für die außeruniversitären Forschung zuständig wurde, das Wissenschaftsressort aber für die Hochschulen. 2016 gehörte es zu den ersten strukturbildenden Maßnahmen der neuen rot-rot-grünen Berliner Koalition, Forschung und Wissenschaft wieder unter einem Dach zu vereinen – dem des Wissenschaftssenators und Regierendem Bürgermeisters Michael Müller (SPD).

 

Der vergangene Woche von Pinkwart angekündigte Vorstoß, den Bund für internationale Studenten mitzahlen zu lassen, hat übrigens bereits seinen Weg in den am Freitag vorgelegten Koalitionsvertrag gefunden. Zitat: "In Richtung Bund ergreifen wir eine Initiative mit dem Ziel, dass sich dieser an der Finanzierung des Studiums von Studierenden aus Drittstaaten dauerhaft beteiligt." Baden-Württembergs grüne Wissenschaftsministerin Theresia Bauer hatte eine solche Forderung in einer ersten Reaktion als "durchaus sympathisch" bezeichnet. Andere Landesregierungen dürften das ähnlich sehen. Mal sehen, was der Bund dazu sagt. 

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Rankings über alles?

Ein Blick hinter die Kulissen der Londoner Ranglisten-Industrie.

Nr. 1 im Times-Ranking: die Universität Oxford. Foto: Sidarth Bhatia.
Nr. 1 im Times-Ranking: die Universität Oxford. Foto: Sidarth Bhatia.

EINE HALBE STUNDE, sagt Nicki Horseman, die Frau hinter dem Ranking, zur Begrüßung. Das sei die Abmachung. Die nächsten 30 Minuten wandert ihr Blick beständig zu ihrer Uhr am Handgelenk, und wenn sie nicht anders kann, beantwortet sie auch mal eine Frage. Ansonsten nickt sie ungeduldig, während Chefredakteur John Gill von den "13 sorgsam ausgesuchten Indikatoren" redet, mit denen das "THE World University Ranking" "jeder Universität eine passgenaue Rückmeldung zu ihrem Leistungsprofil gibt". Nicki Horseman trägt den Titel "Lead Higher Education Data Analyst". Sie ist verantwortlich für das Team, das die Daten bei den 980 Universitäten in aller Welt einsammelt, die im THE-Ranking gelistet sind. Insgesamt sechs Leute sind mit der Erstellung der Statistiken beschäftigt - nicht nur für die eine Uni-Rangliste, sondern zusätzlich für acht Fächerrankings und für ein amerikanisches College-Ranking, das noch mal über 1000 Institutionen listet. Sechs Leute - den Rest erledigten Externe und Teilzeitkräfte. Kein Wunder, dass die promovierte Mathematikerin Horseman keine Zeit hat.

 

Nach dem ersten internationalen Uni-Vergleich des Times Higher Education 2004 ist die Hochschulwelt nicht mehr dieselbe. Seitdem verkünden auch Rektoren hierzulande, dass ihre Universität "die mit Abstand beste der kleineren Universitäten Deutschlands" sei (Mannheim) oder "jetzt zu den 200 weltbesten Universitäten" gehöre (Duisburg-Essen) oder aber, dass sie im QS-Fächerranking "in 14 von 30 bewerteten Fächern im Bundesvergleich einen Top-10-Platz erzielen konnte". Das letzte Zitat stammt von Hamburgs Universitätspräsident Dieter Lenzen, der noch vor wenigen Jahren zu Protokoll gegeben hatte, Rankings seien "Unfug", und seine Universität wolle sich fortan nicht mehr daran beteiligen. Auch viele von Lenzens Rektorenkollegen lästern über die Oberflächlichkeit der Ranglisten, um dann im Erfolgsfall die eigene Institution zu preisen. "Das ist schon so", sagt Bernd Huber, Präsident der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität (LMU), die es 2014 als erste deutsche Uni bei THE unter die besten 30 geschafft hat und das mit einer Jubel-Pressemitteilung würdigte. "Man kann lange und zu Recht über die methodischen Schwächen dieser Listen philosophieren, am Ende muss man eingestehen, dass sie eine enorme Durchschlagskraft haben."

 

Ein Bürohaus nördlich der Themse: Horseman und Gill sitzen in einem fensterlosen Besprechungsraum, ausgestattet mit Leuchtstoffröhren und Resopalmöbeln, alle paar Sekunden knallt nebenan eine Tür ins Schloss. Nicht das Ambiente, das man mit dem Glanz weltweiter Spitzenforschung verbindet, und doch ist es die beste PR-Botschaft überhaupt: Wenn ihr glaubt, die Rankings machen uns reich, irrt ihr euch. Wahr ist, dass die erste THE-Rangliste erschien, als die Times ihre Tochter abstoßen wollte - womöglich, so behaupten Kritiker, um sie für die neuen Investoren aufzuhübschen. "Klar ist das hier ein Geschäft", sagt Gill, Mitte 30, weißes Hemd und schwarzes Jackett.

 

Der Journalismus, den THE bietet, kann sich sehen lassen. In den vergangenen Monaten hat Gill über den Reputationsverlust britischer Universitäten infolge des Brexits geschrieben, über die Verantwortung der Academia in antiaufklärerischen Zeiten oder über das Potential von Big Data für die künftige Betreuung von Studenten. Finanziert über Anzeigen auf der Ranking-Website, über Werbe-Profile, die Universitäten sich dort kaufen können, über den Handel mit Datenpaketen und, der wohl lukrativste Geschäftszweig, über sogenannte THE Summits. Alle paar Wochen veranstalten sie irgendwo eine Konferenz, einmal im Jahr laden sie zum "World Academic Summit", zuletzt an der Berkeley-Universität. Einer der Redner war LMU-Präsident Huber.

 

In einer abgelegenen Gegend im Norden Londons, zwischen Royal Free Hospital und dem U-Bahnhof Belsize Park: Hier hat Quacquarelly Symonds, dessen wichtiges Produkt ebenfalls "World University Rankings" heißt, seinen Sitz. Die neueste Ausgabe erschien vergangene Woche und wurde wie gewohnt auf der ganzen Welt vermarktet. Die Großraumbüros der "QS Intelligence Unit", die für die Ranglisten zuständig ist, reihen sich um einen viktorianischen Hinterhof. Ben Sowter ist hier der Abteilungsleiter, Typ Gymnasiallehrer mit verschmitztem Lachen, Pullover und schwarzumrandeter Designerbrille. Er berichtet, die Intelligence Unit umfasse "ungefähr 40 Leute", doch die meisten seien nicht nur mit dem Ranking beschäftigt, sondern vor allem mit Marketing und Beratung, so dass man etwa von zehn Vollzeitkräften sprechen könne - plus vier Aushilfen, wenn es wieder mal Zeit für die Datensammlung sei. Sowter hält das für viel, worüber man geteilter Meinung sein kann bei weltweit 900 Universitäten, die QS im Jahr rankt, dazu 42 nach Fächern sortierte Einzelrankings oder die Liste mit den 50 besten Studentenstädten. Das alles sei sehr aufwendig, sagen die Verantwortlichen. "Wir nutzen alle möglichen öffentlich zugänglichen Quellen, von den Statistikämtern über Organisationen wie den Deutschen Akademischen Austauschdienst bis hin zu den Uni-Websites." Daten, die direkt von Hochschulen kämen, seien indes nicht immer verlässlich - solange sie nicht jemand Unabhängiges überprüft habe. Das sei dann ihr Job, sagt Sowter.

 

Eine längliche Rede, die besagen soll: Bei uns könnt ihr euch auf die Qualität verlassen. Die Betonung liegt auf: bei uns. So geht das ständig. Anfangs haben die Leute von QS und THE nur nette Worte übereinander, doch nach ein paar Sätzen beginnt das Gemurmel. "Wir für unseren Teil wollen die ganze Wirklichkeit abbilden", sagt Sowter von QS dann, und John Gill von THE sagt: "Einfach Daten einzusammeln aus irgendwelchen Quellen, das halten wir für schwierig." >>


Vergangenes Jahr habe ich den damaligen Stanford-Präsidenten John Hennessy interviewt. Er sagte: "Natürlich sind Rankings etwas für Angeber." Und: Deutschlands Universitäten sollten aufhören, Yale, Harvard & Co hinterherzulaufen. "Das sind die falschen Vorbilder." -> DAS GESAMTE INTERVIEW IM WORTLAUT


>> Dabei muss man nicht allzu tief in die Methodologie einsteigen, um zu sehen: So groß sind die Unterschiede nicht. Sowohl THE als auch QS beziehen ihre Angaben zu Publikationsstärke und Zitationen mittlerweile über die Datenbanken des Großverlags Elsevier. Gemeinsam ist beiden auch die überragende Bedeutung der Reputationsumfrage: QS hat fürs aktuelle Ranking über 70 000 Wissenschaftler gefragt, welche Universitäten sie für die besten der Welt halten. THE spricht von "mehr als 20 000 Antworten", ein leichter Etikettenschwindel, denn THE kombiniert die jeweils aktuellen Befragungsergebnisse mit denen des Vorjahres. Doch Chefredakteur Gill bekräftigt, dass ihre Methode einzigartig gut sei. Man suche sich die Teilnehmer der Umfrage genau aus, "invitation only", nennt Gill das, als handle es sich bei dem Ranking um einen Londoner Gentlemenclub.

 

Diese Reputationsumfragen seien für ihn der kritischste Aspekt, sagt Gero Federkeil vom Centrum für Hochschulentwicklung (CHE). "Die Rankings haben enormen Einfluss auf das internationale Ansehen der Universitäten. Gleichzeitig messen die Rankings selbst wieder dieses Ansehen." Federkeil spricht von einem "Zirkelschluss, der auch ein Weg ist, um sich den eigenen Erfolg zu sichern." Federkeil ist für "U-Multirank" zuständig, das die EU als nichtkommerzielle Ranking-Alternative initiiert hat. Statt vorher festgelegte Kriterien vorgesetzt zu bekommen, könne jeder Student selbst bestimmen, was ihm wichtig sei, sagt Federkeil. Bei QS schmunzeln sie darüber. "Haben Sie schon mal einen 17 Jahre alten Schulabgänger gesehen, der mit einer Matrix von 31 Indikatoren und den dazu gehörigen Gewichtungen umgehen kann?", fragt Ben Sowter.

 

Der Marketingerfolg von QS, THE und dem ähnlich aufgemachten Shanghai-Ranking gibt Sowter recht. Ihr Erfolg liegt in ihrer Einfachheit, auch wenn genau die das Problem ist. Der Darmstädter Eliteforscher Michael Hartmann sagt: "Die Universitäten haben sich auf die ausschlaggebenden Faktoren eingestellt. Wo immer es geht, gestalten sie die Wirklichkeit so um, dass die Ergebnisse besser aussehen." Andere Dimensionen akademischer Qualität drohten unter den Tisch zu fallen. Um ihre Performance zu verbessern, können die Universitäten übrigens wiederum die Dienste der Ranking-Macher in Anspruch nehmen: über teure Beratungsprojekte, in denen die Hochschulleitungen erklärt bekommen, an welchen Stellschrauben sie drehen müssen.

 

Die Deutschen verfolgen eine andere Taktik. Als leitenden Mitarbeitern im Auswärtigen Amt schwante, welchen Einfluss die Rankings auf das Erscheinungsbild Deutschlands in der Welt entwickeln, boten sie den Unis ein Pilotprojekt an. "Verbesserung internationaler Rankingergebnisse deutscher Universitäten" hieß es, die Leitung übernahmen zwei Rektoren: Bernd Engler von der Uni Tübingen und Hans Müller-Steinhagen von der TU Dresden. Zwei Jahre lang arbeitete sich ein Mitarbeiter an den THE-Kriterien ab und fand heraus, dass viele Publikationen den beiden Universitäten gar nicht zugeordnet worden waren, weil ihre Namen in verschiedenen Versionen herumgeisterten. Außerdem, berichtet Engler, hätten sie alle wissenschaftlichen Mitarbeiter als Forscher gemeldet, auch diejenigen, die vorrangig in der Lehre eingesetzt wurden. Das Ergebnis war, dass die Zahl hoch und die Produktivität pro Forscher im Rankingvergleich sehr niedrig war. Im ersten Jahr des Pilotprojekts schoss Tübingen fast 100 Rangplätze nach oben, auf Platz 113. Noch ein Jahr darauf lag man auf Rang 78. Inzwischen hat das Außenministerium das nächste Projekt angestoßen, diesmal soll das QS-Ranking analysiert werden. Hier liegt die beste deutsche Universität, die TU München, derzeit erst auf Rang 64. "Rankings schärfen das Bewusstsein für Standards, und das ist gut so", sagt Bernd Engler. Er rate allerdings dazu, Rankings nicht überzubewerten "und schon gar nicht zu Entscheidungsfaktoren inneruniversitäter Mittelverteilung zu machen".

 

Nicht überbewerten? Ist nicht die Aufmerksamkeit an sich schon die größte Überbewertung? Eliteforscher Hartmann sagt, die Rankings hätten den Trend zur Ökonomisierung und "unsinniger Konkurrenz zwischen ganzen Universitäten um die öffentliche Aufmerksamkeit" befördert. "Sie haben den Zeitgeist nicht zu verantworten", sagt er. "Aber sie surfen virtuos darauf." Die Antwort der Rankingmacher ist von erstaunlicher Schlichtheit. "Wir sind da, und die Universitäten müssen sich darauf einrichten", sagt Nicki Horseman und schickt noch einen fast garstigen Satz hinterher: "Wir sind nicht verantwortlich für das, was die Universitäten mit unseren Ergebnissen anstellen."

 

Dieser Artikel ist gestern zuerst in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen. 

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Das Geld muss vom Bund kommen

Studiengebühren für internationale Studierende? Taugen nicht einmal als B-Lösung, meint Gerd Grözinger. Ein Gastbeitrag.

Foto: Screenshot der DAAD-Website
Foto: Screenshot der DAAD-Website

ES IST ERSTAUNLICH, wie schnell die Idee der Studiengebühren für ausländische Studierende Fahrt aufnimmt. Gerade erst von Baden-Württemberg eingeführt, werden sie vermutlich demnächst schon auch in Nordrhein-Westfalen zu finden sein (siehe das Gespräch mit Andreas Pinkwart). Oder mit anderen Worten: eigentlich oft so konträre Parteien wie die Grünen, vertreten durch Theresia Bauer, und die FDP, repräsentiert durch Andreas Pinkwart, kommen zu den gleichen Schlüssen. Ist das deshalb schon ein Qualitätsausweis?

 

Man darf, man muss hier zweifeln. Was daran richtig ist, die Beobachtung, dass die Kosten für ausländische Studierende nicht von den Bundesländern getragen werden sollten. Die haben zwar im föderalen System Deutschlands die Bildungshoheit, sind aber zunächst nur für die Bildung ihrer jeweiligen Bevölkerungen zuständig. Außenpolitik ist Aufgabe des Bundes. Das wird eigentlich auch im Bildungsbereich so gesehen. Ein gutes Indiz dafür ist der Haushalt des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD), der für die Förderung  der internationalen akademischen Mobilität zuständig ist. Der nicht unbeträchtliche Umfang an deutschen staatlichen Mitteln von mehreren Hundert Millionen Euro jährlich wird fast ausschließlich vom Bund getragen, während die Bundesländer hier kaum etwas beitragen.

 

Das ergibt auch Sinn. Denn ausländische Studierende erscheinen auf Bundeländerebene zwar primär als Kosten, aber es gibt natürlich auch einen Nutzen. Dieser fällt überwiegend auf der gesamtstaatlichen Ebene an. Der Wissenschaftsrat nennt hier etwa außen-, außenwirtschaftspolitische und entwicklungspolitische Ziele, die damit erreicht werden können. Es ist doch völlig klar, dass ein anderes und freundlicheres Klima herrscht, wenn das Gegenüber in internationalen Verhandlungen von seiner (hoffentlich) schönen Zeit in Heidelberg oder Aachen schwärmt anstatt von Paris, Oxford oder Chicago. Für den langjährigen Exportweltmeister Deutschland sollte die Unterstützung solcher Erfahrungen eigentlich schon aus eigenem Interesse selbstverständlich sein.

 

Ironisch und bitter deutlich werden die Problemdimensionen darin, dass nur zwei Tage, bevor diese Zeilen erscheinen, in Berlin eine G20-Konferenz zur Afrika-Partnerschaft begann, wo die Förderung von Bildung und Innovationsfähigkeit auf diesem Kontinent eine große Rolle spielen sollte. Natürlich dient eine solche Konferenz auch dazu, weitere befürchtete Migrationswellen überflüssig zu machen. Es riecht schon sehr nach provinzieller Kirchtumspolitik, wenn in Stuttgart und Düsseldorf parallel darüber entschieden wird, dass afrikanische Studierende demnächst zahlen sollen. Und natürlich wird man in naher Zukunft einen Rückgang bei dieser Gruppe sehen. Baden-Württemberg geht denn ja auch von signifikant weniger Nicht-EU-Studierenden aus, was die sowieso nicht erheblichen Einnahmen weiter schmälern wird.

 

Sicherlich gibt es etliche ausländischer Studierender aus reichem Elternhaus, so wie es auch jede Menge deutscher Studierender mit einer solchen komfortablen Herkunft gibt. Aber die Sondererhebung des Deutschen Studentenwerks zur Situation ausländischer Studierender hat Folgendes für den Durchschnitt ergeben: „Bildungsausländer/innen verfügen im Schnitt über 749,- Euro/Monat und damit 115.- Euro weniger als einheimische Studierende (864.- Euro). Bildungsausländer/innen aus einkommensschwachen Herkunftsländern stehen nur 675.- Euro/Monat zur Verfügung.“ Da kann man sich leicht ausrechnen, wie die Reaktion auf Studiengebühren von 1500 Euro pro Semester ausfallen wird.

 

Die organisatorische Lösung des Dilemmas – hier die Anforderungen der Außenpolitik, da die Länderfinanzierung bei den Hochschulen – ist eigentlich klar: Der Bund sollte in Zukunft vollständig die Studierkosten für ausländische Studierende übernehmen. Das hätte mehrere Vorteile.

 

Erstens nimmt die Bundesregierung damit ihre außenpolitische Verantwortung direkt und sichtbar wahr und entlastet die dafür nicht zuständigen Bundesländer. Zweitens kann der Bund dadurch bei den Ländern Einnahmen für alle ausländische Studierenden generieren und nicht nur für Nicht-EU-Ausländer. Denn europarechtlich sind die Studierenden der Europäischen Union den einheimischen Studierenden gleichgestellt und machen auch einen nicht vernachlässigbaren Anteil der an den deutschen Hochschulen aufschlagenden internationalen Studierenden aus. Drittens würden die Hochschulen nicht nachträglich dafür bestraft, dass sie in den vergangenen Jahren zunehmend Strategien der Internationalisierung entwickelt haben. Was machte es noch für einen Sinn, etwa rein englischsprachige Studiengänge anzubieten, wenn einem demnächst die Landesregierung mit einem selektiven Studiengebührenmodell in den Rücken fällt und die Nachfrage dadurch zusammenbricht? Viertens sind auch die Bundesländer sehr unterschiedlich in der Attraktivität für ausländische Studierende. Der Anteil der Bildungsausländer an allen Studierenden reicht von 5,5 Prozent in Mecklenburg-Vorpommern bis zu 13,9 Prozent in Berlin. Die Mehrkosten von Ländern wie Berlin kann durch den Vorschlag der Bundesverantwortung sehr einfach ausgeglichen werden.

 

Fünftens schließlich sichert der Bund als gesamtstaatlicher Akteur die Rendite, die in einem hohen Anteil ausländischer Studierender liegt. Denn bildungsökonomisch ist selbst bei enger Betrachtung der ausländische Studierende gar kein Verlustgeschäft. Nach einer Studie der Prognos AG für den DAAD rechnet sich das bereits nach rund sieben Jahren, wenn nur 20 Prozent, und schon nach fünf Jahren, wenn 30 Prozent nicht in ihre Heimatländer zurückkehren, sondern in Deutschland leben und arbeiten. Die bisherigen empirischen Verbleibwerte liegen tatsächlich in diesem Bereich.

 

Was kostete das den Bund? Im Moment kann man mit einem Anteil von gut neun Prozent Bildungsausländern rechnen. Die mit deutschem Abitur und ausländischer Staatsangehörigkeit bleiben unberücksichtigt, da sie auch in Baden-Württemberg und NRW nicht zur Zahlung herangezogen werden sollen. Auch wenn man überschlägig reale Durchschnittskosten von etwa 9000 Euro pro Jahr und Studierendem (einschließlich Forschungs-und Investitionsanteil) ansetzt, dann scheint die Bundespolitik doch durchaus bereit, sich mit interessanten Summen auch langfristig zu engagieren, wenn der gegenwärtige Hochschulpakt ausläuft. Für die SPD hat der Landesminister Tiefensee etwa Pläne für einen Einstieg des Bundes in die Grundfinanzierung mit einem Zuschuss von 1000 Euro für jeden Studierenden vorgelegt, andere Positionen in der Partei sehen im Umfang Ähnliches vor (siehe Blogeintrag vom 15. Februar). 1000 Euro auf 100 Prozent oder gut 9000 Euro auf etwa neun Prozent Bildungsausländer liegen budgetmäßig nicht so furchtbar weit auseinander. Das letztere ist aber erheblich zielgenauer.

 

Und weil der Bund der große Finanzier für alle mit ausländischer Hochschulzugangsberechtigung wäre, könnte er dann auch mitreden und Bedingungen stellen. Die für eine grüne Politikerin, einer Partei mit langer Geschichte der Ablehnung von Studiengebühren für deutsche Studierende, erstaunliche Aussage von Theresia Bauer bezüglich eines Bundeszuschusses für ausländische Studierende im Blog („Allerdings wirklich nur als zweiter Schritt, wenn zuvor in den Ländern Studienbeiträge für internationale Studierende etabliert sind") klingt nicht einfach nur schwäbisch-geizig. Sie ist kurzsichtig und ohne Berücksichtigung internationaler Belange. Der Bund könnte klüger agieren. Übernimmt er die vollständigen Studierkosten für Bildungsausländer,  könnte er übrigens auch eine konkrete Forderung stellen: dass die Bundesländer das mit den Studiengebühren für internationale Studierende sein lassen. 

 

Gerd Grözinger ist Professor für Sozial- und Bildungsökonomik an der Europa-Universität Flensburg. 

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Erst pennen, dann schreien

Auf der Zielgeraden formiert sich der Widerstand gegen die Wissenschaftsschranke. Durchkommen wird das Gesetz wohl trotzdem.

Foto: Carl Heyerdahl
Foto: Carl Heyerdahl

ICH HABE ES ja auch geglaubt. „Viel Lärm und Schluss“ titelte ich, nachdem das Bundeskabinett im April den Gesetzentwurf zur Wissenschaftsschranke verabschiedet hatte. Die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) geriet so sehr in Triumphstimmung, dass sie kurzerhand den Testlauf für ein neues Vergütungsverfahren absagte, das sie gerade in mühsamen Verhandlungen der Verwertungsgesellschaft (VG) Wort abgetrotzt hatte. 

 

Seit Januar hatten HRK und Kultusministerkonferenz (KMK) mit der VG Wort, die die Urheberrechte tausender Autoren vertritt, in regelmäßigen Runden zusammengesessen, um einen seit Jahren schwelenden Konflikt um die Vergütung digitaler Semesterapparate aus dem Weg zu räumen. An ein Scheitern sei gar nicht zu denken, kommentierten HRK und KMK noch im März unisono, sonst müssten Millionen Studenten wieder an den Kopierer. Dann kam der Entwurf des Bundeskabinetts, und plötzlich hatten all jene Hochschulrektoren Oberwasser, die Verhandlungen mit der VG Wort schon immer für überflüssig gehalten hatten. 

 

Womit keiner gerechnet hatte: Mit welcher Vehemenz die Buch- und Zeitungsverlage auf der Zielgeraden des Gesetzgebungsverfahrens nochmal die Lobbymaschine anschmeißen. Mit welcher Heftigkeit zahlreiche Bundestagsabgeordnete der Union gepennt haben müssen, um erst auf die Hilferufe der Branche hin plötzlich aufzuwachen und dann ihrerseits „Halt!“ zu schreien. Ganz zu schweigen von der Blamage, die CDU-/CSU-Fraktionschef Volker Kauder seinen eigenen Parteifreunden im Bundeskabinett bescheren würde, wenn er den von der gesamten Regierung unterstützten Entwurf abschmieren ließe. Ein fairer Interessenausgleich zwischen den Ansprüchen der Wissenschaft und dem Schutz des geistigen Eigentums sei „bisher nicht gelungen“, ließ Kauder sich in der Bild-Zeitung zitieren: eine bemerkenswerte Ansage nicht nur in Richtung von SPD-Justizminister Heiko Maas, sondern auch von Kauders Parteikolleginnen, Kanzlerin Angela Merkel und Wissenschaftsministerin Johanna Wanka. 

 

Für die „intensiven Beratungen“, die Kauder nach einer Experten-Anhörung im Rechtsausschuss des Bundestages ankündigte, sind gerade mal noch gut zwei Wochen Zeit: Die letzte Lesung des Gesetzentwurfs und seine Verabschiedung sind für den 29. Juni vorgesehen – bislang. 

 

Die Wissenschaftsszene ist wieder in heller Aufregung. HRK-Präsident Horst Hippler wetterte im ZEITChancen Brief gegen „die Verlagsseite“, die an „den überkommenen analogen Geschäftsmodellen“ festhalten wolle, und warnte: „Sollte die Reform auf den letzten Metern scheitern oder in ihren Kernpunkten verwässert werden, droht erheblicher Schaden für die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wissenschaft.“ Das Engagement der HRK-Vertreter in den KMK-/VG-Wort-Gesprächen dürfte dementsprechend zuletzt auch wieder größer gewesen sein. 

 

Worauf aber müssen sich die Hochschulen jetzt einstellen? Droht wirklich der erneute Semesterapparate-GAU, nachdem 2013 der Bundesgerichtshof (BGH) geurteilt hatte, dass die Bundesländer künftig keine Pauschale mehr an die VG Wort zahlen durften, um die digitale Nutzung von urheberrechtlich geschützten Texten in den Hochschulen abzugelten? Nachdem die Kultusminister in einem ersten Versuch, ohne die Hochschulen ausreichend miteinzubeziehen, mit VG Wort eine Lösung vereinbart hatten, die sich als komplett impraktikabel erwies? Nachdem die totale Rechtlosigkeit im vergangenen Dezember auf den letzten Drücker nur dadurch verhindert werden konnte, dass die VG Wort den Hochschulen und der KMK ein Moratorium bis Ende September 2017 zugestanden hatte – für erneute Verhandlungen? 

 

Nein, sagen die meisten Experten, der GAU bleibt voraussichtlich aus. Um die eigene Regierung derart zu bloßzustellen, dürfte das Thema aus Sicht der Unionsfraktion nicht zentral genug sein. Wahrscheinlicher ist, dass hier und da nochmal an Details des Gesetzes herumgeschraubt wird, ganz sicher aber nicht am Kern des Entwurfs, wonach „bis zu 15 Prozent eines veröffentlichten Werkes vervielfältigt, verbreitet, öffentlich zugänglich gemacht und in sonstiger öffentlich wiedergegeben werden“ dürfen. Denn bei einer niedrigeren Quote wäre das Gesetz faktisch seines Sinns beraubt – und die Regierungsfraktionen wären wieder beim Punkt der Totalblamage angekommen. Erfüllbar wären hingegen möglicherweise Forderungen aus der Union, „angemessenen Lizenzangeboten“ Vorrang vor gesetzlichen Regelungen einzuräumen, um die Vergütung zu klären.

 

Übersetzt für die Verhandlungen von KMK, HRK und VG Wort heißt das: Das Oberwasser der HRK mag abgelaufen sein, aber die Aussichten, dass es doch noch zu einem (womöglich leicht abgespeckten) Gesetz kommt, sind gut. Ebenso gut stehen allerdings die Chancen, dass eine rechtzeitige Verständigung mit der VG Wort dadurch eben nicht überflüssig wird. Denn auch wenn sich das BGH-Urteil von 2013 in seiner Forderung nach Einzelabrechnung erledigt hätte, wenn das Gesetz kommt, müsste so oder so die nötige „Basis von Pauschalen und Stichproben“ für die künftige Vergütung gefunden werden. In der HRK wünschen sich einige wahrscheinlich schon, den Testlauf niemals abgesagt zu haben. 

 

Einen neuen Grund, sich weiter gut zu stellen mit der VG Wort, gibt es auch schon: Alexander Skipis, der Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, hat in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (leider nicht online) angekündigt, sein Verband werde gegen die Gesetzesnovelle vors Verfassungsgericht gehen, weil sie das Grundrecht auf Eigentum verletze und die überwiegend mittelständischen Wissenschaftsverlage in ihrer Existenz gefährde. Nicht ausgeschlossen also, dass in ein paar Jahren nach einem weiteren Gerichtsurteil wieder mal eine schnelle Zwischenlösung her muss. 

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"Das läuft richtig gut"

Internationale Studenten sollen künftig auch in NRW Gebühren zahlen. Hinter den Plänen steckt ein Mann, der den wissenschaftspolitischen Neustart im größten Bundesland plant: Andreas Pinkwart. Die Geschichte eines Comebacks.

Foto: HHL Leipzig Graduate School of Management - www.hhl.de
Foto: HHL Leipzig Graduate School of Management - www.hhl.de

KURZ VOR WEIHNACHTEN saß Andreas Pinkwart in einem Besprechungsraum seiner Hochschule, vor sich Plätzchen und ein paar Broschüren, und hatte eine Mission. Vom "Leipzig Leadership Model" wollte er erzählen, von einem Management-Studium, das Verantwortungsbewusstsein und Unternehmertum vereinen sollte. Wo? Natürlich hier, an seiner HHL, der 1898 gegründeten Handelshochschule Leipzig, die sich seit einer Weile "Leipzig Graduate School of Management" nennt. Neuer Name, neues Konzept, Spitzenplätze in Hochschulrankings, und ein Rektor, dessen Vergangenheit ganz weit weg schien. "Die Politik?" Pinkwart, der bis 2010 Wissenschaftsminister und Vize-Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen war, dazu stellvertretender FDP-Bundesvorsitzender, lächelte entspannt in sich hinein und sagte: "Das liegt hinter mir. Ich verfolge vieles auch gar nicht mehr so genau."

 

Am vergangenen Freitagabend kurz nach 22 Uhr sitzt Andreas Pinkwart im Auto. Endlich Wochenende. Soweit man in Zeiten von schwarz-gelben Koalitionsverhandlungen in NRW überhaupt von so etwas sprechen kann. "Das läuft richtig gut", sagt er atemlos ins Telefon hinein, im Hintergrund rauscht der Verkehr. "Wir bringen die Hochschulen in NRW nach vorn, wir machen sie wieder wettbewerbsfähig." Pinkwart ist Verhandlungsführer für Hochschulen und Innovation, FDP-Chef Christian Lindner hat ihn gebeten, dafür nach Düsseldorf zu kommen. Und auch wenn der HHL-Rektor selbst nicht über Ämter sprechen mag ("Es geht zunächst um Inhalte und nicht um Personalien"), spekuliert die Leipziger Volkszeitung bereits: "Möglicher Weggang aus Leipzig". Wobei es diesmal wahrscheinlich das Wissenschaftsministerium werden dürfte.

 

Der Andreas Pinkwart jedenfalls, der am Telefon die wissenschaftspolitischen Pläne von CDU und FDP aufzählt und dabei kein Detail vergisst, hat fast schon wieder die Sprechgeschwindigkeit des einstigen Reformministers von 2005. Damals war er 45 Jahre alt und taufte als erste Amtshandlung das Wissenschafts- in Innovationsministerium um; ein Name, den sogar seine SPD-Nachfolgerin Svenja Schulze beibehielt. In Pinkwarts Amtszeit wurde das Landeshochschulgesetz von Grund auf neu geschrieben und "Hochschulfreiheitsgesetz" genannt, woraufhin es je nach parteipolitischer Perspektive als bundesweites Vorbild oder als Inbegriff neoliberaler Hochschulpolitik galt. Der hat Mut, haben sie damals über ihn gesagt, seine Parteifreunde genauso wie seine politischen Gegner. So wie sie ihm auch alle zugestanden, Ahnung zu haben – selbst jene, die sonst eigentlich alles ablehnten, was Pinkwart an Ideen an den Start brachte. >> 



>> Fast sieben Jahre liegen zwischen der krachenden Wahlniederlage der ersten schwarz-gelben Koalition, die Pinkwart zum Abschied zwang, und den schwarz-gelben Koalitionsverhandlungen, die jetzt auf die Zielgerade gehen. Doch fast so, als sei überhaupt keine Zeit vergangen, schafft es der Innovationsminister von einst, inzwischen 56, schon mit den ersten Plänen, die öffentlich bekannt werden, wieder in die bundesweiten Schlagzeilen. Studiengebühren für internationale Studenten will die künftige NRW-Regierung einführen, 1500 Euro pro Semester. Zahlen sollen alle, die von außerhalb der Europäischen Union zum Studieren ins Land kommen. Klingt irgendwie vertraut? "Ja, sagt Andreas Pinkwart: "Wir nehmen uns Baden-Württemberg als Vorbild und übernehmen das dortige Modell, bis in die Ausnahmeregelungen hinein." 

 

Mit ihrer erstmals hier im Blog gemachten Ankündigung, Studiengebühren für Nicht-EU-Ausländer einzuführen, hatte Baden-Württembergs grüne Wissenschaftsministerin Theresia Bauer im vergangenen Oktober für Aufsehen gesorgt. Es war eine aus der Verlegenheit geborene Idee: Kurz vorher hatte Finanzministerin Edith Sitzmann Bauer und die anderen Ressortchefs mit einem erschreckend großen Haushaltsloch konfrontiert, 48 Millionen Euro davon sollte allein das Wissenschaftsministerium stopfen. Studiengebühren seien die "bessere Alternative", beschloss Bauer daraufhin und erklärte: "Besser als die Kürzung der Hochschulbudgets ist es, neue Einnahmequellen zu schaffen, von denen ein Teil direkt bei den Hochschulen bleibt." Genauer gesagt: Von den 1500 Euro pro Semester sollen 300 in die bessere Betreuung der internationalen Studenten fließen, der Rest ans Finanzministerium. Losgehen wird es im nächsten Wintersemester, fällig wird dann auch für alle eine Zweitstudiengebühr in Höhe von 650 Euro pro Semester. Bauers Mut habe ihm damals imponiert, sagt Pinkwart. "Wenn man etwas als richtig erkannt hat, es zu tun und durchzufechten, selbst wenn man weiß, dass es Widerstände geben wird." 

 

Mit Widerständen rechnet auch Pinkwart, auf den sozialen Medien formieren sie sich bereits. Doch er hat die Rückendeckung des designierten Ministerpräsidenten Armin Laschet (CDU), und auf die dürfte Verlass sein, schließlich stellen die Studiengebühren nur für internationale Studenten einen klassischen Kompromiss dar. Eigentlich wollte die FDP nachgelagerte Gebühren für alle, die jedoch lehnte die CDU ab. Das bundespolitische Signal, wenn nach Baden-Württemberg nun mit NRW das größte Bundesland ebenfalls das Bezahlstudium in dieser speziellen Variante wiederbelebt, ist so laut, wie es eindeutig sein dürfte: Plötzlich ist Theresia Bauer nicht mehr die Ministerin mit einer umstrittenen Idee, die sonst alle ablehnen; plötzlich ist das baden-württembergische Modell Vorbild für andere, und Pinkwart, der alte, neue Politstratege weiß genau, was das bedeutet. Jetzt ist der Weg offen für all jene Landesregierungen, die eigentlich auch wollen, sich aber bislang nicht getraut haben. 

 

Einen Unterschied zum baden-württembergischen Modell gebe es dann aber doch, sagt Pinkwart: "Die Hochschulen dürfen alle Einnahmen aus den Gebühren behalten." Auf 100 Millionen Euro schätzen CDU und FDP die jährlichen Einnahmen, doch zeigen die sehr viel vorsichtigeren Prognosen aus Baden-Württemberg, dass es zunächst zu einem Rückgang der internationalen Erstsemester und damit auch zu niedrigeren Einnahmen kommen dürfte. Mittelfristig, sagte Bauer im Januar, könne aber auch das genaue Gegenteil passieren: "Die Frage ist ja, was die jungen Leute von einem Studium erwarten. Möglicherweise führen verbesserte Studienbedingungen sogar dazu, dass mehr kommen." >>


Was die neue Koalition in NRW wissenschaftspolitisch noch so vorhat

CDU und FDP haben am Freitag auch ihre weiteren wissenschaftspolitischen Pläne für NRW vorgestellt. Der wichtigste Punkt: Die Hochschulen sollen wieder unabhängiger vom Wissenschaftsministerium werden. „Wir werden die enge Anbindung, die Rot-Grün geschaffen hat, wieder rückgängig machen“, sagt Andreas Pinkwart.

 

Also zurück zum Hochschulfreiheitsgesetz von 2007? Tendenziell ja, bestätigt der FDP-Verhandlungsführer in den Koalitionsverhandlungen zur Hochschulpolitik, um gleich darauf einzuschränken: Natürlich werde man nicht alles zurückdrehen, etwa bei den Vorschriften zur Rektorenwahl, die von Rot-Grün zugunsten des Senats korrigiert wurden. „Die Zeit ist ja weitergelaufen, und wir machen keine ideologische Politik, sondern eine sachorientierte.“ 

 

Ein echter Durchbruch dagegen sei, dass die Hochschulen künftig überall im Land in Eigenverantwortung bauen dürfen. „Das wird zu einer erheblichen Beschleunigung führen."

Ideologie erkennt Pinkwart indes bei der abgewählten 

Regierung und nennt ein Beispiel: die Forschungsstrategie „Fortschritt NRW“. Die, sagt der Wirtschaftsprofessor, habe dazu geführt, dass Anträge von Forschern auf Bundesgelder nicht weitergereicht wurden, wenn ihre Forschungsinhalte nicht den gesellschaftspolitischen Zielen der rot-grünen Koalition entsprochen hätten.

 

Dadurch sei NRW bei der Finanzierung von Forschungsbauten unter den Königssteiner Schlüssel gefallen, der die proportionale Verteilung von Bundesgeldern auf die einzelnen Länder regelt. „Die Forschungsstrategie brauchen wir nicht, die kommt weg“, sagt Pinkwart und fügt hinzu: „Wir machen uns beim Bund und in der EU stark für die wissenschaftlich stärksten Forschungsprojekte aus NRW, und wir schalten nicht nochmal einen Filter dazwischen.“

 

Zudem bekennen sich CDU und FDP in ihrer Vereinbarung auch zu mehr Spielraum für Forschungsvorhaben in umstrittenen Feldern wie der grünen Gentechnik, der Stammenzellen- oder Kernsicherheitsforschung.



>> Pinkwart sieht das ähnlich. "Es gibt Länder, in denen sind Studienbeiträge nicht nur üblich, sondern da ist man sogar misstrauisch, wenn keine gezahlt werden müssen", sagt er und nennt als Beispiele China und Indien. "Natürlich gilt das nur, solange die Qualität der Studienangebote stimmt." Die Erlöse aus den Gebühren sollen die Hochschulen zur Verbesserung der Lehre und der Betreuung einsetzen, und zwar so grundsätzlich, dass sie allen Studenten zugute kommen, "aber natürlich ganz besonders jenen, die zahlen."

 

Dass der HHL-Rektor, der vor seiner ersten Politkarriere BWL-Professor an der Universität Siegen war, diesmal als eine seiner ersten Maßnahmen das Thema Studiengebühren für internationale Studenten pusht, ist so überraschend nicht. Schon 2010 hatten er und sein damaliger Berliner Amtskollege Jürgen Zöllner (SPD) in der ZEIT gefordert, Gaststudenten sollten zahlen, wenn sie an Hochschulen hierzulande kämen. "Deutschland muss umdenken", sagte Pinkwart damals. "Wohlhabende Ausländer sollten das bezahlen, was ein Studium hier in einer der angesehendsten Wissenschaftsnationen der Welt wert ist." Den Universitäten in Großbritannien, Australien oder in den USA brächten die ausländischen Studenten ein finanzielles Plus, "wir zahlen kräftig drauf", so Pinkwart weiter. Schon damals betonte er, dass nur Nicht-EU-Ausländer in Frage kämen und nur solche Studenten, die sich höhere Gebühren auch leisten könnten. 

 

Jetzt setzt Pinkwart, wenn er schon mal dabei ist, noch einen drauf. "Die Studienbeiträge sind nur der erste Schritt", sagt er. Der zweite müsse sein, dass die Bundesregierung den Ländern für jeden internationalen Studenten einen Zuschuss zahle, nach dem Motto: "Geld folgt Studierenden". Das, so Pinkwart, "wäre ein ganz tolles Modell, das wir in die Beratungen um die Nachfolge des Hochschulpakts einbringen werden." Beratungen, die direkt im Anschluss an die Bundestagswahl im September in die heiße Phase gehen.


Auch der Vorschlag, Studiengebühren und Bundeszuschüsse zu kombinieren, kursiert schon länger. Zuletzt hatten sich der Münchner TU-Präsident Wolfgang Herrmann und wiederum der SPD-Bildungsexperte Jürgen Zöllner dafür stark gemacht. Die ausländischen Studenten sollten die Hälfte der tatsächlichen Studienkosten tragen, die andere Hälfte der Bund, forderte Herrmann Anfang 2016. Allerdings solle die Bundesregierung ihre Leistungen auf die Regelstudienzeit beschränken, "um die Hochschulen zur straffen Organisation des Studiums anzuhalten." Zöllner wiederum befand, die Studiengebührenfreiheit für Deutsche und Studenten aus EU-Staaten sei langfristig nur zu sichern, wenn erstens der Bund "die echten Studienkosten für Studierende aus Entwicklungsländern" übernehme und zweitens darüber diskutiert werde, "ob für Studierende aus Nicht-EU-Ländern kostendeckende Studienbeiträge erhoben werden".

 

Über die Diskussion von zweitens ist die Hochschulpolitik anderthalb Jahre später hinaus. Und erstens halten nicht nur Pinkwart, Herrmann und Zöllner für eine gute Idee. Eine weitere Unterstützerin heißt: Theresia Bauer. Das mit dem Bundeszuschuss sei ihr durchaus sympathisch, sagt sie. "Allerdings wirklich nur als zweiter Schritt, wenn zuvor in den Ländern Studienbeiträge für internationale Studierende etabliert sind." 

 

Andreas Pinkwart ist zurück, und es dürften hochschulpolitisch spannende Monate werden. Und zwar nicht nur in NRW.

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"Wir wollen das Feld sortieren"

MINT-Bildungsinitiativen gibt es zu Hauf. Wer behält den Überblick? Die Noch-Koalition von Union und SPD hat beschlossen: Eine Online-Plattform soll es richten. Wie, sagt die CDU-Bildungsexpertin Sybille Benning.

Foto: privat
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Frau Benning, alle Welt redet von MINT und seiner Bedeutung, und zwar so viel und so schwammig, dass der Begriff auf dem Weg zum Gemeinplatz ist. Und nun hat auch noch der Bundestag mit Koalitionsmehrheit festgestellt, dass MINT-Bildung die Grundlage sei „für den Wirtschaftsstandort Deutschland und für die Teilhabe an unserer von Wissenschaft und Technik geprägten Welt“. Hat es das jetzt gebracht?

 

Als ich vor vier Jahren in den Bundestag einzog, war ich überrascht, dass der Bundestag noch nie zum Thema MINT-Bildung gearbeitet hatte. Dabei ist es genau, wie Sie sagen: Der Begriff ist in aller Munde, doch wohin wir als Gesellschaft wollen in Sachen MINT-Bildung, war unklar.

 

Woran liegt das?

 

Erstmal an etwas sehr Positivem: Mit der Zeit haben sich überall in Deutschland tolle Initiativen entwickelt, die schon KITA- und Grundschulkinder für Mathematik begeistern wollen, für Informatik, für die Naturwissenschaften. Das geht weiter mit Wettbewerben für Jugendliche bis hinein in die Erwachsenenbildung und in Programme, um Lehrer fitzumachen in Sachen IT. Das Problem ist das regionale und sektorale Denken, das parallel aufgekommen ist. Viele lokale Initiativen wissen gar nicht, dass es an anderen Orten in Deutschland ganz ähnliche Ansätze gibt. Schulpraktiker kommen nicht mit Engagierten in der Berufsbildung in einen Austausch, und freie Träger nicht mit staatlichen Bildungseinrichtungen.

 

Und das alles soll Ihr Bundestagsbeschluss ändern?

 

Wir wollen das Feld sortieren. Zum einen muss es klare Qualitätskriterien geben. Zum anderen müssen die vorhandenen Initiativen so aufeinander abgestimmt und miteinander vernetzt werden, dass sie die gesamte Bildungskette abdecken, flächendeckend über ganz Deutschland hinweg. Im Moment gibt es Regionen in Deutschland, auch abhängig von der jeweiligen Wirtschaftskraft, die schon ein sehr dichtes Angebot aufweisen, und andere, wo das Nötigste fehlt. Das Ziel muss sein, dass jede und jeder in Deutschland die Gelegenheit hat, an einem MINT-Programm teilzunehmen oder eine Weiterbildung zu erhalten.

 

Wer sagt eigentlich, dass MINT-Bildung so wichtig ist?

 

Da muss ich ganz grundsätzlich antworten. Es geht um Alltagsmündigkeit, um Teilhabe an der gesellschaftlichen Debatte, wenn ich naturwissenschaftliche Zusammenhänge verstehen, wenn ich Chancen und Risiken technologischer Innovationen besser beurteilen kann. MINT-Bildung ist Allgemeinbildung. Und noch zwei Punkte kommen hinzu: MINT-Berufe sind seit jeher ein gutes Sprungbrett für den sozialen Aufstieg. Eine weitere Aufgabe ist es, dass wir den Frauenanteil in einigen Branchen weiter erhöhen. Kurzum: Die Förderung von MINT-Bildung ist die Förderung von Bildungsgerechtigkeit.

 

Und um das festzustellen, brauchten Sie einen Bundestagsbeschluss?

 

Den brauchten wir, um den Weg dorthin zu definieren. Es muss jemand geben, der alle Akteure zusammenbringt. Von den großen, öffentlich geförderten Initiativen wie dem Haus der kleinen Forscher bis hin zu kreativen Ideen, die bislang von einzelnen engagierten Personen leben. Wir haben verschiedene Alternativen erwogen, uns angeschaut: Kann wirklich ein einzelner Verband oder eine Plattform wie das Nationale MINT-Forum diese dringend nötige Vernetzung effektiv leisten? Am Ende aber sind wir doch beim Bund gelandet. Die Bundesregierung muss die Akteure zusammenbringen und den Prozess steuern.

 

Geht das noch konkreter?

 

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) muss den Start eines Online-Portals anstoßen, das die Eintrittstür werden soll für alle Menschen, die sich für MINT-Bildung interessieren. Dort wird man dann alle Initiativen aus ganz Deutschland, sortiert entlang der Bildungskette, finden, unterschieden nach mindestens zwei Stufen: niedrigschwellige Kurse für Menschen ohne Vorkenntnisse, und Angebote für Fortgeschrittene. Wie genau dieses Portal aussehen wird, das sollten alle Akteure gemeinsam besprechen, auf Augenhöhe. Aber an einen Tisch muss sie das BMBF bringen.

 

Glauben Sie wirklich, dass alle Akteure Interesse haben an mehr Transparenz? Die Doppel- und Dreifachstrukturen, die dabei sichtbar werden, dürften immens sein.

 

Das mag sein, aber gerade deshalb wäre eine Übersicht sinnvoll. Nochmal: Es geht um eine flächendeckende MINT-Bildung für alle, in einer gleichbleibenden, verlässlichen Qualität. Auch wenn das bedeuten könnte, dass dann einige Initiativen um ihre Spenden fürchten müssen, weil die Geldgeber merken, dass die von ihnen geförderten Angebote nicht so einmalig oder herausragend sind wie gedacht. Aber schauen Sie, ich bin von Hause aus Geographin. Viele Lebensräume zusammen ergeben das Biotop. Das ist in der Bildung genauso. Soll heißen: Es könnte auch sein, dass Initiativen in der gegenseitigen Abstimmung sogar geeignetere Betätigungsfelder für sich entlang der Bildungskette finden.

 

Das klingt alles nach großer Geste. Die Wahrheit ist: Der Bundestag hat Ihren MINT-Antrag ohne Aussprache beschlossen, als reine Drucksache. Wo ist denn da die Aufmerksamkeit, die Sie sich wünschen?

 

Das stimmt so nicht. In unserer AG Bildung und Forschung der CDU/CSU-Bundestagsfraktion war das Thema ein inhaltlicher Schwerpunkt, der uns über Jahre begleitet hat. Am 17. Februar haben wir den Antrag in erster Lesung im Plenum des Bundestages debattiert, im Bildungsausschuss hatten wir am 8. März eine spannende Anhörung – mit einem so großen öffentlichen Interesse, dass wir sogar den Sitzungssaal wechseln mussten. Doch am Ende der Legislaturperiode häufen sich leider die Anträge, die noch beschlossen werden müssen, so dass jetzt vieles im vereinfachten Verfahren, das heißt ohne Debatte bei der zweiten und dritten Lesung, beschlossen wird. Für die Aufmerksamkeit für unser Thema sehr schade.

 

Die Grünen hatten einen eigenen Antrag zur MINT-Bildung vorgelegt. Den haben Union und SPD mit ihrer Regierungsmehrheit abgelehnt. Wie kann das sein bei so einem Konsensthema?

 

Wir sind uns einig, was das Ziel angeht, aber nicht über den Weg dorthin. Die Grünen fordern die Aufhebung des vermeintlichen Kooperationsverbots, damit wir als Bund von oben steuern können. Davon halte ich persönlich gar nichts. Gerade die lokalen Initiativen sind so wichtig, von denen dürfen wir keine verlieren, wir dürfen niemanden entmutigen und weder die Initiativen, noch die Vielfalt zerstören, indem wir von oben Standards verordnen.

 

Aber genau die fordern Sie doch vom BMBF.

 

Nein, wir erwarten vom BMBF, dass es eine koordinierende Rolle einnimmt. Dass die Akteure aber selbst gemeinsam über die Standards entscheiden – und darüber, wie sie sich auf dem Portal präsentieren wollen.

 

Wenn Sie so aufs Dezentrale schwören, warum überlassen Sie das Feld dann nicht gleich der Kultusministerkonferenz?

 

Natürlich steht und fällt der Erfolg der MINT-Bildung auch mit dem Engagement der Länder. Ganz extrem gilt das in den Schulen. Die Schüler werden sich nur begeistern lassen, wenn auch ihre Lehrer begeistert sind.

 

Eine bessere MINT-Bildung für die Kinder beginnt in einer besseren MINT-Bildung für die Lehrer?

 

So ist es. Und mit einer besseren MINT-Bildung der Erziehrinnen und Erzieher. Die Feststellung ist trivial, die richtigen Schlussfolgerungen daraus angesichts von 16 Ländern und 16 verschiedenen Ansätzen in der Lehrerbildung sind umso schwieriger.

 

Wann soll das Portal zur MINT-Bildung online gehen?

 

Ich habe lange in der Bauausführung gearbeitet, da will man immer alles sofort fertig haben. Vier Jahre im Bundestag haben mich Geduld gelehrt. Was ich erwarte, ist, dass das Portal im Koalitionsvertrag verankert wird und dass nach der Bundestagswahl schnellstmöglich die konkrete Arbeit anfängt.

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Da ist sie wieder, die Bildungs-Merkel

Plötzlich schwadroniert die Bundeskanzlerin von Bildungsoffensiven, Ganztagsprogrammen und Milliarden für die Schulen. Als ginge sie das Mauern ihrer Partei beim Kooperationsverbot nichts an. Ein Gastbeitrag von Ernst Dieter Rossmann.

Foto: Philipp: "Angela Merkel", CC BY 2.0

ES SOLLTE EINE der großen Erzählungen werden, die Angela Merkel beim Bildungsgipfel 2008 aufmachen wollte: Deutschland als Bildungsrepublik, mit einer großen Bund-Länder-Vereinbarung, mit dem Versprechen von gemeinsamen Haushaltszuwächsen für die Bildung, mit einem differenzierten Katalog gemeinsam abgesprochener Maßnahmen – und mit einem regelmäßigen Monitoring über die erreichten Fortschritte. Bildungsrepublik, das hatte etwas von einer starken Idee und gab der sonst oft so gestaltungsarmen und begründungsschwachen Kanzlerin visionäre Kraft und den Charme der sympathischen Utopie.

 

Wenn Angela Merkel jemals wirklich mehr als den schönen Anschein im Sinn gehabt haben sollte, muss ihr spätestens beim Scheitern ihres Nationalen Bildungsgipfels eigentlich bewusst geworden sein, zu welchem großen bildungspolitischen Irrtum sich die Parteien der Großen Koalition mit der ersten Föderalismus-Reform im neuen Jahrhundert verstiegen hatten. Zwei Jahre zuvor, 2006, war das gewesen. Dabei hatten die Zugeständnisse, die die Unionsministerpräsidenten Koch und Stoiber in Übereinstimmung mit dem Zeitgeist des Wettbewerbsföderalismus der SPD und ihren damaligen Verhandlungsführern Müntefering und Struck abgehandelt hatten, nicht einmal bis zur Verabschiedung im Bundestag gehalten: Ursprünglich sollten nur ein Nationaler Bildungsbericht und die Bildungsforschung  von der gemeinsamen Bildungsförderung und der Bildungsplanung aus der wegweisenden Föderalismus-Reform von 1969 übrig bleiben. Doch in den dramatischen letzten Schlussverhandlungen konnten die SPD-Bildungspolitiker den Spitzen von Union und SPD noch abpressen, dass die Förderung von Vorhaben der Wissenschaft in die geänderte Verfassung zusätzlich hineinkam. Das machte die wegweisenden Hochschulpakte bis zur Exzellenzstrategie erst möglich, auf die sich auch die Bundeskanzlerin immer wieder gerne beruft, wenn sie denn Erfolge in der Bildungs- und Wissenschaftspolitik für sich reklamiert.

 

Drei weitere Änderungen des Grundgesetzes pro Bildung und pro Wissenschaft sollten seitdem folgen. 2008 kam die Änderung des Artikel 104 b in der Form dazu, dass der Bund zumindest bei Naturkatstrophen oder außergewöhnlichen Notsituationen Investitionshilfen für Bildung von der Schule bis zur Hochschule geben kann. Nachdem es bei den Koalitionsverhandlungen zur dritten großen Koalition 2013 entgegen vorheriger wahltaktischer Öffnungsversprechen seitens der Union dann doch kein Durchkommen für weitergehende SPD-Forderungen gegeben hatte, konnte ein knappes Jahr später das Grundgesetz immerhin so geändert werden, dass seitdem die Förderung von Forschung und Lehre in Fällen von überregionaler Bedeutung möglich ist. Damit ist nicht nur die Förderung der Hochschullehre durch den Bund überhaupt das erste Mal in der Verfassung verankert worden, möglich wurde auch eine Beteiligung des Bundes an der Grundfinanzierung und an zeitlich unbefristeten Förderprogrammen des Bundes für die Hochschulen.

 

Und nun also folgt die dritte relevante Grundgesetzreform nach dem „schweren Fehler“ (Frank Walter Steinmeier) von 2006. Im Paket mit anderen Grundgesetzänderungen konnten Sigmar Gabriel und Thomas Oppermann in der Großen Koalition durchsetzen, dass der Artikel 104 ein weiteres Mal erweitert wird um einen Artikel 104 c, demzufolge der Bund die schulische Bildungsinfrastruktur in finanzschwachen Kommunen fördern darf, was gleichzeitig mit dem wirklich bedeutenden Betrag von 3,5 Milliarden unterlegt wurde. Es ist nicht bekannt, dass die Bundeskanzlerin für diesen nächsten Schritt in der Auflockerung des Kooperationsverbotes irgendwie die Initiative ergriffen hätte.

 

Erst unmittelbar vor der Abstimmung im Bundestag und gerade fünf Tage, nachdem sich ihr unmittelbarer Konkurrent um die Kanzlerschaft prononciert zur Bildungsförderung und für die vollständige Abschaffung des Kooperationsverbotes geäußert hatte, nahm dann auch die Bundeskanzlerin in ihrem wöchentlichen Video-Podcast Stellung. Man hätte Wetten darauf abschließen können, dass die Methode Merkel sofort zur Anwendung kommt, wo sie Sorge haben muss, dass ihre Partei nicht den richtigen Kompass hat und ihre Politik den Notwendigkeiten einer fortschrittlichen Politik hinterhersegelt. Denn das könnte den betroffenen Menschen als Widerspruch auffallen und der CDU und ihr selbst bei einer wichtigen Wahl schaden. Also wird in dem Video-Podcast behauptet, dass die finanzschwachen Kommunen mit sieben Milliarden Euro unterstützt werden, um die Schulen in Brennpunkten besser zu unterstützen und dass diese angeblichen sieben Milliarden auch für Schulneubauten ausgegeben werden können. In Wahrheit sind es nur 3,5 Milliarden für die schulische Infrastruktur in finanzschwachen Kommunen und Schulneubauten – und nur da, wo es sich um Ersatzneubauten handelt, die wirtschaftlicher sind als eine Sanierung. Alles andere hatte die CDU/ CSU konsequent verhindert. Aber das macht nichts, merkt ja keiner, wenn man Anderes im Video-Podcast behauptet.

 

Immerhin versucht die Bundeskanzlerin in ihrem Podcast konkreter zu werden, wenn es um das digitale Lernen geht und spricht von Lern-Clouds und Lehrerweiterbildung. Fünf Milliarden hatte hier die Bundesbildungsministerin unmittelbar vor dem jährliche Digitalgipfel mit dem Schwerpunkt Bildung ins Schaufenster gestellt, die Länder und den Bund auf Staatssekretärsebene eine gemeinsame Erklärung ausarbeiten lassen, um allerdings bisher weder eine tragfähige Absicherung im Grundgesetz noch eine Etatisierung im Haushalt vorzunehmen. Ganz im Gegenteil: Während die Bundeskanzlerin im Podcast noch mit ihrer digitalen Bildungsoffensive renommiert, schafft es das zuständige Ministerium nicht, die vereinbarten Eckpunkte am angesetzten Termin zu unterzeichnen, und der Finanzminister sendet eigenartige Signale aus, als sei er der Meinung, schon genug Bildungsförderung bereitgestellt zu haben.

 

Dafür lässt sich die Bundeskanzlerin in ihrem Podcast drei Tage später, wiederum unmittelbar nachdem sich ihr Widerpart von der SPD, Martin Schulz, sehr klar zu einer neuen Ganztagsschulinitiative und zur vollständigen Aufhebung des Kooperationsverbotes positioniert hat, mit einer interessanten Neuerung ein.  Schon erwartungsgemäß und ob der darin liegenden Chuzpe dennoch erstaunlich klar stellt sie fest, als sie danach gefragt wird, wie sie die deutsche Bildungspolitik vorantreiben will: „Wir brauchen auch im Bereich der Ganztagsbetreuung oder der Ganztagsschulen nochmal eine Initiative.“ Und die Bundeskanzlerin weiter: „Ich hoffe, dass daraus dann auch Projekte werden.“

 

Das Ganztagsschulprogramm der Regierung Schröder hatte die damalige Oppositionsführerin Angela Merkel und ihre CDU allerdings scharf kritisiert. Legendär das Verdikt der stellvertretenden CDU - Parteivorsitzende und Merkel-Vertrauten Annette Schavan gegen das „Suppenküchen – Programm“.  Mit dem Kooperationsverbot von 2006 sollten gerade solche Initiativen auf Betreiben der CDU und CSU  strikt per Grundgesetz untersagt werden. Noch 2013 gab es keinerlei Bereitschaft bei den Koalitionsverhandlungen von CDU und CSU, auf das Ganztagsschulprogramm des Koalitionspartners einzugehen. Und selbst in der Debatte zur großen Bund-Länder-Finanzreform und den 3,5 Milliarden des Bundes für die Schulen sagten der erste Redner der CDU/CSU-Fraktion, Ralph Brinkhaus, zur Bildungsfinanzierung: „Das ist eine Ausnahme, und das kann keine Regel sein.“ Eine Aufhebung des Kooperationsverbotes gar wird schließlich rigoros von sich gewiesen. Falsch, aber immerhin klar, möchte man sagen.