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Bildungsbild der Woche
Amische Kinder auf dem Weg zur Schule (Pennsylvania, USA)
scott: "On the way to school.....", CC BY 2.0


Jetzt erst recht

Die Kultusminister verteidigen tapfer die Zukunft einer Initiative, die viele von ihnen anfangs gar nicht wollten. Zum Schweigen Wankas kommt jetzt noch ein Offener Brief, der vor synthetischer Beschulung durch den Digitalpakt warnt.

DER POSTEINGANG IM Berliner Sekretariat der Kultusministerkonferenz (KMK) ist derzeit für besondere Überraschungen gut. Ein Brief kam, auf den die Kultusminister lieber verzichtet hätten, und auf einen anderen warten sie bis zum heutigen Tag. 

 

Der Offene Brief, der am 20. Juni einging, trägt als Absender ein "Bündnis für humane Bildung", er ist die aktualisierte Variante einer Online-Petition mit dem Titel "Trojaner aus Berlin: Der Digitalpakt#D", die am 2. November 2017 veröffentlicht wurde und bislang 1680 Unterzeichner fand. Darunter prominente Namen wie der langjährige Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, der Ulmer Psychiater und Neurodidaktiker Manfred Spitzer oder der Mathe-Fachdidaktiker Peter Bender. Initiator der Petition war der Medienwissenschaftler Ralf Lankau von der Hochschule Offenburg, der jetzt auch den Offenen Brief publiziert hat. Überschrift diesmal: "DigitalPakt Schule der Kultusminister: Irrweg der Bildungspolitik". Womit eigentlich schon alles gesagt ist zu seiner Stoßrichtung.

 

Der Brief, auf den die Kultusminister bislang vergeblich warten, ist die Antwort von Bundesforschungsministerin Johanna Wanka (CDU) auf das Schreiben von KMK-Präsidentin Susanne Eisenmann (ebenfalls CDU). Eisenmann, die Kultusministerin in Baden-Württemberg ist, hatte vor drei Wochen in einem unter Parteikolleginnen selten offiziösen Schritt bei Wanka nachgefragt, wann genau diese die Anfang Juni ausgefallene Verabschiedung des gemeinsam ausgehandelten Paktes nachzuholen gedenke. Solange die ausstehe, sehe sie "für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unserer Häuser keine Grundlage für in die Tiefe gehende Erörterungen". Bis heute: keine Erwiderung aus Berlin. "Das lange Schweigen von Bundesministerin Wanka bestätigt unsere schlimmsten Befürchtungen: Sie kann oder will ihr Versprechen offensichtlich nicht halten", sagt Hamburgs Schulsenator Ties Rabe (SPD). "Einen solchen Vorgang habe ich als Kultusminister in meiner sechsjährigem Amtszeit noch nicht erlebt."

 

Seit der geplatzten gemeinsamen Pressekonferenz vor acht Wochen hängt das im vergangenen Herbst von Wanka überraschend angekündigte und in zahlreichen Runden zwischen Bund und Ländern ausgehandelte Fünf-Milliarden-Paket in der Luft. Ein Umstand, den sich das "Bündnis für humane Bildung" nun zu Nutze macht. Ihre Petition hatte in den vergangenen sechs Monaten nur noch gut 100 Unterzeichner hinzugewonnen und drohte in Vergessenheit zu geraten. Bis die Funkstille zwischen KMK und BMBF begann und Ralf Lankau, Manfred Spitzer & Co ihren Brief verschickten. 

 

Die Unterzeichner verweisen auf verschiedene Studien, denen zufolge der Einsatz von Computern und "softwaregesteuerter Unterricht" keinerlei nachweisbaren Nutzen und keine nennenswerten Verbesserungen der Schülerleistungen brächten, teilweise sogar das Gegenteil. Doch offenbar genüge Politikern wie Ties Rabe, dass Digitaltechnik im Unterricht nicht nachweisbar schade.

 

Etwas weiter unten im Text packen die Autoren die ganz große Keule aus: Aus der neurobiologischen Forschung sei bekannt, dass die Nutzung digitaler Medien bei Kindern zu einer Schädigung in der Gehirnentwicklung führen könne. Womit die Briefschreiber freilich noch zurückhaltender formulieren als in ihrer älteren Petition. Dort stand nachzulesen, der Digitalpakt sei "Teil einer Neudefinition von Schule und Unterricht auf dem Weg zu einer zunehmend vollautomatisierten digitalgesteuerten Lernfabrik 4.0. Lehrkräfte werden zu Sozialcoaches und Lernbegleitern degradiert. Statt Unterricht ist die automatisierte Belehrung durch Computerprogramme und Sprachsysteme das Ziel."

 

Es klingt fast wie eine Verschwörung: Ein Kartell aus Politik und Computerindustrie bei der Arbeit – wider besseres Wissen und zum Schaden der Kinder. Man kann sich vorstellen, wie nervös sie in der KMK sein dürften angesichts solcher Argumente, wissen sie doch um die Fangemeinde von Manfred Spitzer unter den Lehrern, sie kennen auch die Zustimmung, die Josef Kraus immer wieder für seine markigen Sprüche erntet. Und dass eine Mehrheit der Pädagogen schon so skeptisch auf den Einsatz digitaler Medien im Unterricht blickt, zeigte 2013 die internationale ICILS-Studie: Damals nutzten nur 34,4 Prozent der deutschen Lehrer Computer regelmäßig im Unterricht. In anderen Ländern müsse sich "kein Lehrer – wie vielerorts in Deutschland noch – rechtfertigen, wenn er Computer im Unterricht einsetzt", sagte die Leiterin der Studie, Birgit Eickelmann, der ZEIT

 

Um auch die finanzpolitische Unsinnigkeit des Unterfangens "Digitalpakt" zu verdeutlichen, fordert das "Bündnis für humane Bildung" zum Nachrechnen auf und beruft sich dabei auf den Bremer Informatiker Andreas Breiter, demzufolge die versprochenen fünf Milliarden Euro ohnehin nur einen Bruchteil der tatsächlich notwendigen Investitionen (zwischen 7 und 35 Prozent) abdecken würden. Die Message könnte eindeutiger nicht sein: So viel Geld, und dann bringt es so wenig: "Durch die Digitalpakte", folgern die Unterzeichner, "werden die Budgets der beteiligten Schulen für Jahre im Voraus für Digitaltechnik verplant – und stehen damit für bewährte, nicht technikbasierte pädagogische Konzepte nicht zur Verfügung." Worauf es ankomme: eine Vielfalt der Unterrichtsmethoden und die "Individualität der Lehrerpersönlichkeiten". 

 

Das Problem: Andreas Breiter ist als Kronzeuge für diese Argumentation denkbar ungeeignet. "Die Autoren haben meine Berechnung nicht richtig verstanden", sagt er. Die von ihm genannte jährlichen Beträge von je nach Schüler-Computer-Relation zwischen 71.715 und 349.087 Euro pro Schule seien die insgesamt nötigen Kosten, und natürlich investierten die Kommunen als Schulträger schon heute eine Menge Geld in die digitale Ausstattung der Schulen. "Wieviel, lässt sich wegen einer fehlenden bundesweiten Erhebung unter Kommunen nicht sagen", sagt Breiter. Doch ganz sicher sei die Finanzierungslücke wesentlich geringer als die im Offenen Brief genannte Summe. "Und in vielen Schulen und Kommunen wird der Digitalpakt in der Lage sein, diese Lücke zu schließen."

 

Auch an anderer Stelle ist die Argumentation der Unterzeichner löchrig: Die OECD-Studie "Students, Computers and Learning: Making the Connection", die in Brief und Petition explizit genannt wird, bezieht sich auf Pisa, und da die internationale Vergleichsstudie Pisa eine Momentaufnahme ist und keine Dauerbeobachtung einzelner Schüler, sind Kausalitäten zwischen den einzelnen Ergebnissen nicht verlässlich abzuleiten. Dass eine häufigere Computernutzung dort zum Beispiel mit schlechteren Leistungen in Mathematik einherging, könnte auch damit zusammenhängen, dass schwächere Schüler häufiger mit digitalen Medien arbeiten, etwa als Teil eines Förder- oder Übungsprogramms.  

 

Von solchen Unschärfen und der offensichtlichen Ironie einer Digital-Petition gegen die Digitalisierung mal abgesehen: Die Kultusminister tun gut daran, Brief und Petition ernst zu nehmen – unabhängig davon, dass der Offene Brief seinerseits bislang nur knapp 900 Unterzeichner gefunden hat. Solange Wankas Antwort aus Berlin ausbleibt, können Szenarien von "automatisierten Lehrfabriken" und zu Computer-Helfern verkümmerten Lehrkräften in den Lehrerkollegien und Schulverwaltungen der Republik umso ungestörter ihre subkutane Wirkung entfalten – erst recht, sobald die Sommerferien zu Ende gehen. 

 

Tatsächlich will die KMK in den nächsten Tagen eine Antwort auf den Offenen Brief losschicken. Mal gucken, was drinsteht. Hamburgs Schulsenator Rabe gibt die Richtung vor: "Trotz großer Publicity ist Spitzers Meinung bis heute eine Einzelmeinung geblieben. Auf die Entscheidung der Länder und der KMK hat die Initiative daher keine Auswirkungen."

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Blick zurück (1)

Seit 20 Jahren beschäftigte ich mich mit Hochschulen, Bildung und Wissenschaft. Viel ist passiert in dieser Zeit, vieles davon durfte ich als Journalist begleiten. Der Blick zurück zeigt, wie aktuell einige meiner Themen von einst geblieben sind – obwohl sich fast alles verändert hat. Machmal allerdings auch, weil sich fast gar nichts verändert hat. Der Beginn einer neuen Serie.


Kapazitätsverordnung

Die fiese Formel

Wie eine alte Verordnung die Hochschulen zum Stillstand verurteilt.

(erschienen in der ZEIT vom 20. September 2007)

JAN-HENDRIK OLBERTZ (CDU), Kultusminister von Sachsen-Anhalt, gilt als einer der versiertesten Bildungspolitiker im Land. Doch wenn das Wort »Kapazitätsverordnung« fällt, wird Olbertz kurz ruhig. Dann sagt er: »Ich will ehrlich sein. Bis in den letzten Winkelzug verstehe ich die auch nicht.« Es ist ein Wortungetüm, dessen bürokratisch-abschreckender Klang noch eine Untertreibung ist für die verworrene Komplexität, die es umschreibt: Die sogenannte KapVO ist ein besonders grausames Relikt der Bildungsexpansion der Siebziger , ein Stück Planwirtschaft, das es bis in die Gegenwart von Exzellenzinitiative und Bologna-Reformgeschafft hat.

 

Sie soll, gespickt mit mathematischen Formeln, festlegen, wie viele Studenten pro Professor jede einzelne Hochschule in Deutschland in jedem ihrer zulassungsbeschränkten Studiengänge aufnehmen muss. Bei ihrer Erwähnung bekommen einige von Olbertz’ Kollegen kalte Füße und stehen für Interviews nicht mehr zur Verfügung. Denn wirklich verstanden hat die KapVO kaum einer, einmal abgesehen von ein paar Ministerialbeamten in jedem Bundesland, die für ihre Ausführung zuständig sind. 

 

Und genau das ist das Problem: Ihre Unverständlichkeit hat die Kapazitätsverordnung lange vor Angriffen geschützt. So konnte sie in aller Ruhe ihre schädliche Wirkung entfalten. Erst recht, seit an fast allen großen Universitäten die Studiengänge so überlaufen sind, dass die Einführung flächendeckender NCs erforderlich war . Christoph Markschies, Präsident der Berliner Humboldt-Universität, sagt: »Die KapVO ist überflüssig. Wenn sie abgeschafft wird, knallen hier die Champagnerkorken.«

Foto: Beispielhafte Kapazitätsberechnung nach KapVO, Screenshot der Website der Universität Mainz: http://www.puc.verwaltung.uni-mainz.de/Illustrationen/Formel_KapR.JPG
Foto: Beispielhafte Kapazitätsberechnung nach KapVO, Screenshot der Website der Universität Mainz: http://www.puc.verwaltung.uni-mainz.de/Illustrationen/Formel_KapR.JPG

Am besten lässt sich das an einem Beispiel nachvollziehen. Man stelle sich das Magisterstudium Germanistik an einer beliebigen deutschen Massen-Uni vor, inklusive überfüllter Hörsäle und überquellender Seminarräume. Am liebsten würde die Uni-Präsidentin einfach 20 Prozent weniger Erstsemester zulassen, doch das darf sie nicht, denn das Wissenschaftsministerium schreibt ihr die Zahl der Studienplätze vor. Um trotzdem auf die berechtigten Proteste der Studenten einzugehen, wagt die Präsidentin den Konflikt und schafft eine neue Germanistikprofessur – auf Kosten der Anglistik, die einen Lehrstuhl verliert. Doch der ganze Ärger ist umsonst, denn jetzt greift die Kapazitätsverordnung: Mehr Germanistikprofessoren bedeuten automatisch mehr Germanistikstudenten, die KapVO legt das so fest – und die Studenten leiden weiter.

 

Markschies spricht von einer »Strangulation der Hochschulen«. Der Hamburger Wissenschaftssenator Jörg Dräger (parteilos) drückt sich nüchterner aus: »Die bundesweit einheitliche Festschreibung von Betreuungsrelationen ist nicht mehr vermittelbar und nicht mehr zeitgemäß.«

 

Denn genau darum ging es bislang: Einheitlichkeit. Das Bundesverfassungsgericht hatte in einem berühmten Urteil vor über drei Jahrzehnten festgestellt, dass prinzipiell jeder Studienbewerber Anspruch auf einen Studienplatz habe. Um diesem Ziel möglichst nahezukommen, entschied das höchste deutsche Gericht, müssten die Hochschulen ihre Kapazitäten voll ausnutzen, und das gehe nur, wenn überall die gleichen Studienbedingungen herrschten und sich keiner auf Kosten der anderen besserstelle. 

 

»Unzulässige Niveaupflege« nannte das Gericht dieses unerwünschte Streben nach Exzellenz, Ausfluss dieser Logik war die Kapazitätsverordnung, auf die sich alle Länder in einem Staatsvertrag einigten. Sie ermöglichte es den Wissenschaftsministern, den Hochschulen haarklein vorzuschreiben, wie viel Studienplätze sie in jedem einzelnen Studiengang vorhalten mussten, mit Hilfe eines Schlüssels, der verbindlich für jede Professorenstelle eine bestimmte Anzahl von Studienplätzen festlegt. Je mehr Stellen, desto mehr Studenten. 

 

Ob dieser Schlüssel, der sogenannte Curricular-Normwert , realistisch war oder nicht, spielte dabei keine Rolle. Vielmehr war die Versuchung groß, in Zeiten leerer Staatskassen und steigender Studentenzahlen so lange an den Normwerten herumzuschrauben, bis rein rechnerisch die größtmögliche Anzahl an Studienplätzen erreicht war. Mit den bekannten Folgen für die Massenuniversitäten.

 

»Es kann nicht länger unser Ziel sein, möglichst viele Studienplätze zu generieren«, sagt die Hamburger Uni-Präsidentin Monika Auweter-Kurtz und spricht damit vielen ihrer Kollegen aus der Seele – auch wenn die gelegentlich davor zurückschrecken, dies öffentlich zu sagen. »Wir müssen möglichst viele hochbegabte Studenten anlocken . Dafür brauchen wir eine bessere Ausstattung pro Student.« Der Druck auf die Hochschulen, die Studienqualität zu erhöhen, ist nochmals gewaltig gewachsen, seit die Umstellung auf die europaweit vergleichbaren Abschlüsse Bachelor und Master in die Endphase geht. Die neuen Studienprogramme funktionieren nur, wenn sich die Betreuungsrelationen entscheidend verbessern und die Hochschulenflexibler auf die Nachfrage reagieren können .

 

Da jedoch nicht mehr Geld von den Finanzministern zu erwarten ist, läuft die Forderung von Auweter-Kurtz und vielen ihrer Kollegen auf eins hinaus: deutlich weniger Studienanfänger . Es wäre die erste Maßnahme, die sie umsetzen würden, sobald das Kapazitätsrecht fiele und sie selbst über die Zahl der Studienplätze entscheiden könnten. Das wissen auch die Wissenschaftsminister. Und halten genau deshalb bislang an der KapVO fest, denn politisch wäre der erhebliche Verlust an Studienplätzen Selbstmord angesichts der großen Abiturjahrgänge, die in den nächsten Jahren aus den Schulen strömen.

 

So kommt es zu einer einzigartigen Kombination ambitionierter Sonntagsreden, in denen Politiker die Unabhängigkeit und Profilbildung der Hochschulen anmahnen mit Fachreferaten, in denen sie Hochschulen Curricular-Normwerte diktieren, die die Mangelwirtschaft der Gegenwart zementieren. »Es gibt da einen Interessenkonflikt«, räumt Dräger ein, und der niedersächsische Wissenschaftsminister Lutz Stratmann (CDU) sagt: »Natürlich können wir die KapVO nicht einfach ersatzlos streichen. Wir müssen etwas an ihre Stelle setzen.«

 

Der Gegensatz zwischen Reformrhetorik einerseits und verschärftem Leinenzwang für die Hochschulen andererseits dürfte selbst dann erhalten bleiben, wenn die Wissenschaftsminister ernst machen und die KapVO beerdigen – wofür sich mittlerweile die Mehrheit von ihnen ausspricht. Denn die zwei derzeit diskutierten Nachfolgemodelle mögen moderner klingen, im Kern zwingen sie die Hochschulen weiter zur Verwaltung des Mangels, anstatt ihnen die Möglichkeit zur Profilbildung einzuräumen. 

 

Besonders gilt dies für das von vielen Ländern favorisierte Bandbreitenmodell, nach dem sich die Hochschulen für jedes Fach innerhalb eines gewissen Spielraums für bessere oder schlechtere Betreuungsrelationen entscheiden können. Grundlage bliebe immer noch der Curricular-Normwert. 

Doch auch bei der zweiten Lösung, dem sogenannten Vereinbarungsmodell, besteht die gewonnene Freiheit hauptsächlich darin, den Schwarzen Peter an die Hochschulen weiterzugeben: Das Vereinbarungsmodell verzichtet zwar gänzlich auf jede Formelberechnung und stellt den Hochschulen für jeden Studiengang die Betreuungsrelation völlig frei. Doch insgesamt dürfen, auf die Fakultät oder Hochschule gerechnet, dabei keine Studienplätze verloren gehen, das fordert die Zielvereinbarung zwischen Uni und Ministerium. »Das hat den Charme, dass Rechtssicherheit herrscht und dieses ständige Reinklagen aufhören würde«, sagt Dräger, der sich bemüht, seinen Ministerkollegen das Vereinbarungsmodell nahezubringen.

 

In der Tat war die Klageindustrie, die sich in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt hat, nur möglich, weil die Studenten aufgrund der KapVO immer noch den Nachweis führen konnten, dass die Normwerte in einem Studienfach nicht stringent durchgehalten wurden – was unter praktischen Gesichtspunkten so gut wie ausgeschlossen ist. Die absurde Folge: Eine Verordnung, die an sich Gleichheit garantieren sollte, erleichterte es gerade den finanzstarken Studienanfängern mit zu schlechter Abi-Note, sich über den teuren Rechtsweg mit fast hundertprozentiger Erfolgschance in NC-beschränkte Studiengänge zu drängeln.

 

Das Vereinbarungsmodell wäre da rechtssicherer. Doch wirkliche Freiheit für die Hochschulen kostet Geld. Oder Studienplätze. Kein Wunder, dass sich die Kapazitätsverordnung in ihrer ganzen Monstrosität so lange hat halten können. Hinter ihren Formeln konnten sich die Wissenschaftsminister hervorragend verstecken. Damit immerhin ist es jetzt vorbei.


Die Kapazitätsverordnung

Um den ersten Studentenberg zu bewältigen, wurden die Länder vom Bundesverfassungsgericht vor über 30 Jahren verpflichtet, Numerus-clausus-beschränkte Studiengänge bis an die Grenze der möglichen Kapazität mit Studenten zu füllen. Der GLEICHBEHANDLUNGSGRUNDSATZ und die Freiheit der Berufswahl, so das Gericht, erforderten zudem bundesweit gleiche Kriterien, damit die Abweisung von Studenten überall auf gleicher Grundlage erfolge. Diese Grundlage war die Kapazitätsverordnung (KapVO), die jedes Bundesland wortgleich erließ. Für jeden Studiengang wird ein verbindlicher Curricular-Normwert (CNW) errechnet, der den

 Betreuungsbedarf oder den Personalaufwand pro Student angibt. Der angenommene Betreuungsbedarf hängt von der Zahl der Vorlesungen, Seminare und Prüfungen ab: je mehr Vorlesungen und je weniger Seminare, desto geringer der Personalaufwand, desto geringer der CNW. Schließlich werden alle zur Verfügung stehenden Deputatsstunden der Lehrenden in dem Studiengang durch den CNW geteilt. Heraus kommt die Zahl der Studienplätze, die besetzt werden müssen. Die zugrunde liegenden mathematischen Formeln sind indes so komplex, dass für Außenstehende jede Transparenz auf der Strecke bleibt.


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Schluss mit dem Fakten-Potenzgehabe!

Auf die Angriffe von außen reagiert die Wissenschaft mit einem Rückfall in den Positivismus. Damit schadet sie sich selbst am meisten. Ein Gastbeitrag von Daniel Hornuff.

Foto: March for Science in Berlin am 22. April 2017 (Heike Mewis)
Foto: March for Science in Berlin am 22. April 2017 (Heike Mewis)

MIT EIN WENIG zeitlicher Distanz zu den hitzig geführten Debatten um das sogenannte Postfaktische – und das angeblich aus ihm erwachsene Zeitalter – zeigt sich: Die Reaktionen der Wissenschaften sind auf manch fatale Weise mit den rechtspopulistisch motivierten Einlassungen verstrickt – keineswegs aus Gründen politischer Sympathie, sondern, im Gegenteil, aufgrund einer zwar progressiv gemeinten, letztlich aber kontraproduktiv vollzogenen Kommunikationspraxis.

So werden einerseits die gesellschaftspolitischen Auswirkungen von „alternative facts“-Einlassungen und „fake news“-Parolen mit großer wissenschaftlicher Sensibilität (etwa aus den Bereichen der Soziologie, Politik- und Medienwissenschaften) beobachtet. Andererseits bleibt weitgehend unreflektiert, wie die akademische Community ihrerseits identitätspolitische Angriffe kontert – wie sie also ihr Metier, das wissenschaftliche Denken, verteidigt und als gesellschaftlich unerlässlich charakterisiert. 

 

Konkreter gefasst, liegen im Grunde zwei entscheidende Fragen vor: Wie reagieren wissenschaftliche Disziplinen analytisch – bezogen auf die Untersuchung aktueller politischer Vorgänge? Und wie reagieren sie strategisch – bezogen auf die gesellschaftliche Sicherung und Verteidigung der akademischen Freiheit? 

 

Die Wissenschaften, so meine Überzeugung, müssen ihre eigene Sache so entschlossen wie lange nicht mehr verteidigen: Wer mit autokratischer Geste den institutionalisierten Wissenschaften grundsätzlich misstraut und sie nicht länger als ebenso gleichberechtigte wie vollgültige Mitglieder im pluralistisch verfassten Gesellschaftssystem akzeptiert, nutzt sein Machtkapital zum Rückbau  der Forschungsfreiheit. Die bestürzenden Vorgänge in der Türkei, Ungarn oder den USA zeigen in drastischer Eindeutigkeit die Notwendigkeit, sich für die gesellschaftlichen Grundlagen der Wissenschaften zu engagieren. 

 

Als katastrophal erweist sich jedoch, dass große Teile der Wissenschaft dazu neigen, auf den Vormarsch des Autoritarismus – und einer in westlichen Gesellschaften sich zeitgleich ausbreitenden Ablehnung wissenschaftlicher Verfahren – mit einer habituellen Monopolisierung des Wissens zu reagieren. Will heißen: Auf die verschwörungstheoretisch grundierte Anrufung der 'alternative facts' wird mit einer nicht minder emphatischen Anrufung der definitiven Fakten, des abschließend Beweisbaren, ja Unbezweifelbaren und damit Letztgültigen reagiert. Die Folge ist die Renaissance eines positivistischen Objektivismus. „Zu Fakten gibt es keine Alternative“, plakatierten Gruppierungen des March for Science erstaunlich selbstgewiss – ein Slogan, der epistemologisch nicht nur unzutreffend ist, sondern aus strategischer Sicht kaum ungeschickter formuliert sein könnte. 

 

„Was Wissenschaft vorführt, sind nicht alternativlose Fakten, sondern alternative Aussagen über jene Fakten, die Wissenschaft stets nur durch die Brille ihrer Theorien, Methoden und Verfahren sehen kann“, mahnt der Münchner Soziologe Armin Nassehi. Nichts anderes als „Wissenschaftskitsch“ werde hingegen produziert, wenn Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler öffentlich so tun, als könnten sie „eine Aussage darüber... treffen, was unabhängig vom Beobachter wirklich der Fall ist.“ 

 

Reproduzieren die Wissenschaften in ihrer öffentlichen Selbstdarstellung solch vorkantianische Behauptungen, verspielen sie ihre Möglichkeiten, einen systematischen Unterschied zu den Kampfinstrumenten der Neuen Rechten herzustellen. Im Gegenteil, sie stärken unfreiwillig die Methoden der politischen Willkür, indem sie sich durch diese in Essentialisierungswettbewerbe ziehen lassen: Wollen wir doch mal schauen, wer am Ende über die faktischeren Fakten verfügt! Trump oder Theorie? 

 

Dass ein solches Potenzgehabe zu Lasten der Wissenschaften geht, ist klar: Ohne echte politische Machtbefugnisse ausgestattet, liefern sie sich mit besten Absichten den denkbar schlechtesten politischen Konzepten aus. Die zur Schau getragene Hands-on-Mentalität der demokratisch legitimierten Autokraten will schon aus Gründen eigener Basisbefriedigungen möglichst rasch Hand anlegen, also ihrerseits Fakten schaffen – und so dem selbsterzeugten Gespenst des Postfaktischen mit der Illusion echter Lösungen begegnen. 

 

Systematisch unterscheidet sich ein wissenschaftliches Denken von identitären Proklamationen einzig dadurch, dass es sein eigenes Können – das, was Wissenschaften strukturell auszeichnet – in die Waagschale wirft. Und das bedeutet: Wir Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler müssen unsererseits öffentlich (!) alles daran setzen, die Feinde des offenen Denkens und die Verkünder letztgültiger Fakten in einen Methodenstreit zu verwickeln. Wie kaum eine andere Interessengruppe sind wir geübt darin, unterschiedlichste Methoden und verschiedenste Denkstile vergleichend zueinander in Beziehung zu setzen. Und nur darum kann es gehen: deutlich zu machen, dass jede Aussage über ein Faktum die kontingente Folge einer gesetzten Prämisse unter Hinzuziehung einer spezifischen Methode ist. 

 

Das klingt, zugegeben, reichlich kompliziert; und doch fürchtet der politische Essentialismus der Neuen Rechten nichts mehr, als eine Beleuchtung seiner wohlweislich verschwiegenen Annahmen und machtbewusst eingesetzten Methoden. Aufklärung, verstanden als generell mühevoller Prozess eines diskursiven Sich-Auseinandersetzens, führt dazu, scheinbar unverrückbare Überzeugungen in eine Nachbarschaft zu anderen, auch konträren Auffassungen zu bringen – mit dem Ziel, absolut gemeinte Aussagen mit der relationalen Verfasstheit der Dinge, Phänomene und Fakten zu konfrontieren. 

 

Dies aber setzt voraus, die vielfach gepflegte Arroganz eines akademischen Faktenglaubens abzustreifen. So wenig es erkenntnistheoretisch jemals genügt hat, sich als Inhaber eines Faktums zu präsentieren, so selbstschädigend erweist sich eine solche Attitüde heute. Nichts sollte uns teurer sein, als das wissenschaftliche Denken zu verteidigen, indem wir mit aller argumentativen Kraft seine spezifischen Möglichkeiten in die gesellschaftspolitische Auseinandersetzung tragen.

 

Daniel Hornuff ist Kunstwissenschaftler an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe. Sein Essay beruht auf einem Vortrag in sieben Thesen, den Hornuff am Zentrum für interdisziplinäre Forschung Bielefeld gehalten hat.  

 

Foto: Heike Mewis: "March for Science Berlin", CC-BY-4.0

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Abschied von "Helmholtz 2020"

Vergangene Woche hat der Wissenschaftsrat seine Empfehlungen zur Zukunft der Zentren für Gesundheitsforschung vorgelegt. Fast beiläufig beendet er damit die jahrelange Debatte um eine Sonderrolle für Helmholtz im Wissenschaftssystem.

Foto: Sitz der Helmholtz-Geschäftsstelle in Berlin. Jörg Zägel: "Spree-Palais", CC BY-SA 3.0

WENN DER WISSENSCHAFTSRAT ein Papier schreibt, ist dessen Tragweite nicht immer auf den ersten Blick erkennbar. Das mag an den sperrigen Titeln liegen, mit denen das wichtigste wissenschaftspolitische Beratungsgremium von Bund und Ländern seine Wortmeldungen versieht. So werden auch die "Empfehlungen zur Weiterentwicklung der Deutschen Zentren für Gesundheitsforschung",  die der Wissenschaftsrat vergangene Woche veröffentlicht hat, bislang nur unter den Medizinern heftig diskutiert. Dabei haben sie eine Bedeutung, die weit über die Fach-Community hinausreicht: Sie markieren das endgültige Ende der 2012 mit viel Aufsehen verkündeten Strategie "Helmholtz 2020". Am wenigsten überrascht davon dürfte die Helmholtz-Gemeinschaft selbst gewesen sein, denn die Geschichte von "Helmholtz 2020" war von Anfang man eng mit den Deutschen Zentren für Gesundheitsforschung (DZG) verknüpft. 

 

Zunächst ein paar Sätze zu den DZG. Sechs von ihnen gibt es bundesweit, eingerichtet wurden sie zwischen 2009 und 2012, als Annette Schavan (CDU) Bundesforschungsministerin war. Vereinfacht ausgedrückt sind die meisten Zentren auf Dauer angelegte Netzwerke mit Universitäten, Unikliniken, Krankenhäusern und außeruniversitären Forschungsinstituten als Partner. Ihre Mission lässt sich zusammenfassen mit dem derzeit populärsten Buzzword in der Gesundheitsforschung: Translation. Anders formuliert: Forschungsergebnisse, die im Labor gewonnen werden, sollen schneller als bislang im Klinikalltag ankommen, Patienten schneller von den neusten wissenschaftlichen Erkenntnissen profitieren. Es ist ein Deal mit Vorteilen auf beiden Seiten. Die Ärzte in den Krankenhäusern kommen an die Highend-Wissenschaft, die Forscher (vor allem die nicht-universitären) kommen an die Patienten. „Mit den Deutschen Zentren für Gesundheitsforschung ist ein wertvoller Mehrwert für das deutsche Wissenschaftssystem geschaffen“, sagte die Wissenschaftsratsvorsitzende Martina Brockmeier vergangenen Woche. So weit, so diplomatisch.

 

Mehr als 40 Standorte und über 80 Partnereinrichtungen sind vernetzt über die sechs Zentren, die an neuen Therapien für die großen Volkskrankheiten wie Krebs oder Diabetes forschen. Pro Jahr fördert allein der Bund die DZG mit 230 Millionen Euro, und zwar auf Dauer. Die Länder legen nochmal rund 23 Millionen drauf. Einen speziellen Fall stellt das Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) dar, da es mit seiner Gründung zugleich zum Helmholtz-Zentrum wurde. 

 

Nun zu der organisatorischen Besonderheit der fünf übrigen DZG: Die Partner sind nicht alle gleich. In jedem der Verbünde hat ein Helmholtz-Zentrum die Funktion des Geldverteilers übernommen. Helmholtz erhält die DZG-Millionen vom Bund und reicht sie dann weiter an die anderen Partner. Besonders in den Anfangsjahren hatte diese Vormachtstellung zu erheblichem Verdruss an den Universitäten geführt. Von einer "Gutsherrenattitüde" war die Rede, von einem allzu breitbeinigen Auftreten der Helmholtz-Forscher und einer nur vermeintlichen Augenhöhe aller Partner, die nur in Festreden betont, im Alltag jedoch nicht gelebt werde.

 

 

Die DZG als Inspiration für "Helmholtz 2020"

 

Das Misstrauen gegenüber Helmholtz verstärkte sich, als die größte deutsche Forschungsorganisation 2012 ihr Strategiepapier "Helmholtz 2020" veröffentlichte, "als Angebot an die Politik", wie der damalige Helmholtz-Präsident Jürgen Mlynek betonte. Weitere "bundesfinanzierte, nationale Einrichtungen nach dem Vorbild des Karlsruher Instituts für Technologie KIT" sollten entstehen, mit Helmholtz-Zentren und Universitäten als Fusionspartner. Wo lokal die kritische Masse fehle, seien dezentrale, projektförmig oder sogar institutionell finanzierte Netzwerke "anzustreben": Die Deutschen Zentren für Gesundheitsforschung wurden zur Inspiration für "Helmholtz 2020" und zur Blaupause für weitere Wissenschaftsdisziplinen.

 

Durch die DZG auf den Geschmack gekommen, wollte die Forschungsorganisation Helmholtz erst richtig in die Forschungsförderung einsteigen und noch mehr Gelder an die Universitäten verteilen, als eine Art kleinere DFG für die Programmforschung. Diese "Programmförderaktivität" solle die "klassische Projektförderung des Bundes um eine zusätzliche strategische Dimension ergänzen", heißt es in "Helmholtz 2020". Und: Auch künftig werde Helmholtz eine "international herausragenden Architektenrolle übernehmen". Große Worte, große Ambitionen. Und von den Wissenschaftspolitikern in Bund und Ländern zeigte sich mancher durchaus beeindruckt.>>



>> Weniger beeindruckt waren viele an den Hochschulen. Der Deutsche Hochschulverband (DHV) warnte vor einer "Helmholtzifizierung des Wissenschaftssystems". Sollten die Pläne umgesetzt werden, sagte DHV-Präsident Bernhard Kempen Ende 2012, "würde die Tektonik des bislang diversifizierten Wissenschaftssystems mit gleichberechtigten Partnern aus universitärer und außeruniversitärer Forschung Schaden nehmen." 

 

Der Wissenschaftsrat selbst reagierte erstmals im Juli 2013 auf das umstrittene Strategiepapier und verlangte, "die Aufgabe der Forschungsdurchführung" müsse von der der Forschungsförderung institutionell getrennt bleiben. Mehr Klartext sprach das Gremium im Oktober 2015, als es seine "Empfehlungen zur Weiterentwicklung der Programmorientierten Förderung der Helmholtz- Gemeinschaft" vorlegte, wobei der Titel täuschte, denn tatsächlich ging der Wissenschaftsrat in seinen Aussagen weit über interne Governancefragen hinaus.

 

Angesichts der Größe der Helmholtz-Gemeinschaft und ihrer besonderen Beziehungen zur Politik sei es von zentraler Bedeutung, schrieb der Wissenschaftsrat, dafür Sorge zu tragen, dass "die Vielfalt des deutschen Wissenschaftssystems gewahrt und die Autonomie der anderen wissenschaftlichen Einrichtungen nicht beeinträchtigt werden". Und dann der entscheidende Satz: "Von der Empfehlung, die Mittel der Helmholtz-Gemeinschaft im Sinne einer extramuralen Förderung zu nutzen, um einen systemweiten Wettbewerb zu initiieren, nimmt der Wissenschaftsrat deshalb Abstand." 

 

 

"Konfliktträchtige Doppelrolle"

 

Vergangene Woche nun verwies der Wissenschaftsrat auf den Bundesrechnungshof, der "die Steuerungs- und Kontrollmöglichkeiten für den Bund als hauptsächlichen Zuwendungsgeber" vor allem im so genannten DZG-Vereinsmodell als unzureichend ungestuft hatte. Auch sei die Doppelrolle der Helmholtz-Zentren als Zuwendungsempfänger und Zuwendungsgeber konfliktträchtig. Weiter berichtete der Wissenschaftsrat: "Die besondere Position der Helmholtz-Zentren kritisieren auch einige beteiligte Einrichtungen, die ein asymmetrisches Verhältnis der in den DZG zusammenwirkenden Mitglieder bzw. Partner problematisieren."

 

Im Ergebnis – und in logischer Fortsetzung seiner Empfehlungen von 2013 und 2015 – plädierte der Wissenschaftsrat dafür, die projektförmige Weiterleitung von Fördergeldern durch Helmholtz zu beenden und künftige Deutsche Zentren für die Gesundheitsforschung direkt zu finanzieren, als eigenständige, zuwendungsfähige Vereine. Ein zweiter Aspekt der aktuellen Empfehlungen ist für Helmholtz nicht weniger pikant: Der Wissenschaftsrat halte es nicht für gerechtfertigt, kann man in seinem Papier nachlesen, "wenn im Weiterleitungsmodell ein Ausscheiden der fördermittelweiterleitenden Helmholtz-Zentren als wissenschaftlicher Partner grundsätzlich nicht möglich wäre.“

 

Anders formuliert: Künftig sind auch DZG ohne Helmholtz vorstellbar, ein Helmholtz-Zentrum als automatischer Ankerpartner ist nicht länger gesetzt. Damit nahm der Wissenschaftsrat einen weiteren Kritikpunkt der Universitäten auf: Wie könne es sein, protestierten sie in den Anfangsjahren, dass alle Partner ihre wissenschaftliche Qualität beweisen müssten, um DZG-Mitglied zu werden, nur Helmholtz nicht?

 

 

Nicht beabsichtige Folgen einer hitzigen Debatte?

 

Als einer der Köpfe hinter "Helmholtz 2020" und als entschiedener Verfechter der DZG gilt Otmar D. Wiestler, bis 2015 Chef des zu Helmholtz gehörenden Deutschen Krebsforschungszentrums (DFKZ), das sogar direkter Träger eines DZG geworden ist, des Deutsches Konsortium für Translationale Krebsforschung (DKTK). Seit 2015 ist Wiestler Präsident der gesamten Helmholtz-Gemeinschaft. Wie reagiert er auf das Votum des Wissenschaftsrates? "Herr Wiestler möchte zu diesem Thema derzeit nicht öffentlich Stellung nehmen", lautet die Antwort aus der Helmholtz-Geschäftsstelle.

 

Dem Manager-Magazin sagte Wiestler schon vor zwei Jahren, dass in der "hitzigen Debatte" über "Helmholtz 2020" der Eindruck eines "überhöhten Anspruchs" der Helmholtz-Gemeinschaft erwachsen sei, "der gar nicht beabsichtigt war". Auch sein Vorgänger Mlynek hatte sich im Nachgang von "Helmholtz 2020" um Deeskalation bemüht und die Bedeutung gleichberechtigter Kooperationen hervorgehoben. 

 

Das jüngste Papier sei keine Anti-Helmholtz-Empfehlung, betont denn auch Beatrix Schwörer, Abteilungsleiterin Medizin beim Wissenschaftsrat. "Es handelt sich mehr um eine Weiterentwicklung der DZG, die wir vorschlagen, weil sich die Rahmenbedingungen seit der Gründungsphase grundlegend geändert haben."

 

Tatsächlich wäre eine Direktfinanzierung der Zentren noch vor wenigen Jahren verfassungsrechtlich unmöglich gewesen. Die Zentren und auch "Helmholtz 2020" entstanden in einer Phase, in der offen war, wie das Wissenschaftssystem in ein paar Jahren organisiert sein würde. So argumentierte auch Wiestlers Vorgänger Mlynek bei der öffentlichen Präsentation der Strategie im September 2012: Der Wissenschaftsstandort Deutschland stehe vor einer bedeutenden Zäsur, das Auslaufen der Exzellenzinitiatve 2017 und "die Frage, in welcher Weise der Pakt für Forschung und Innovation und Hochschulpakt weitergeführt werden, erfordern die Entwicklung einer klaren Zukunftsperspektive." 

 

 

Die Zukunft kam anders als gedacht

 

Die Zukunftsperspektive kam, aber anders als damals gedacht, in Form der Änderung des Grundgesetzes: Ende 2014 hoben die Große Koalition im Bund und die 16 Landesregierungen das Kooperationsverbot für den Bereich der Hochschulen auf, indem sie den Artikel 91b des Grundgesetzes neu fassten. Seitdem darf der Bund Hochschulen und Wissenschaftseinrichtungen der Länder dauerhaft mitfinanzieren. Und so braucht es den Umweg Helmholtz nicht mehr – was der Wissenschaftsrat schon in seinen Helmholtz-Empfehlungen 2015  sehr deutlich zum Ausdruck gebracht hatte: Bezogen auf die Deutschen Zentren für Gesundheitsforschung formulierte das Gremium damals, nach Änderung von Artikel 91b könnten künftig "Modelle für die Zusammenarbeit von Helmholtz-Zentren und Universitäten entwickelt werden, in denen beide Partner direkt von Bund und Ländern gefördert werden."

 

Über das bisherige Finanzierungsmodell der DZG sei einfach der Lauf der Zeit hinweggegangen, sagt auch Frank Wissing, Generalsekretär des Medizinischen Fakultätentages (MFT). "Helmholtz wird für die Zentren weiter eine wichtige Rolle spielen, aber bei der Einrichtung neuer DZG wäre Helmholtz nur noch einer von mehreren wissenschaftlichen Partnern, die sich anbieten." 

 

Helmholtz als einer unter anderen, nicht mehr als primus inter pares: Mit seinen Plänen zur Zukunft der DZG konkretisiert der Wissenschaftsrat also lediglich, was er schon 2015 angekündigt hatte – und räumt nebenher "Helmholtz 2020" endgültig ab. Ein bemerkenswert beiläufiger, fast unbemerkt gebliebener Schlussstrich für ein so kontrovers gestartetes Strategieprojekt.

 

Selbst DHV-Präsident Kempen, der zu Beginn von "Helmholtz 2020" so scharf gegen Helmholtz schoss, kommentierte die Empfehlungen nur noch auf Nachfrage, aber mit Genugtuung: "Ein Rückschlag für die Helmholtz-Gemeinschaft" sei das Plädoyer des Wissenschaftsrats", sagt Kempen. Eine "Top-Down-Steuerung, die Forschungsinhalte vorgibt", vertrage sich eben nicht mit der universitären Wissenschaftskultur.  


Wobei das mit dem Rückschlag fast schon nicht mehr stimmt, denn selbst Otmar D. Wiestler ist in den vergangenen Jahren nicht nur rhetorisch von "Helmholtz 2020" abgerückt, auch er hat inhaltlich offenbar längst davon Abschied genommen. In seiner "Agenda des Präsidenten der Helmholtz-Gemeinschaft 2016-2020" taucht "Helmholtz 2020" als Begriff nicht mehr auf.

 

Ironisch ist, dass sich die vermeintlich durch Helmholtz' Führungsanspruch entstandenen Konflikte innerhalb der DZG über die Jahre weitgehend erledigt zu haben scheinen. "Die Partner in den DZG haben einen guten Arbeitsmodus miteinander gefunden", sagt Wissing. Und Beatrix Schwörer sagt, die beteiligten Helmholtz-Zentren hätten ihre wissenschaftliche Kompetenz in den vergangenen Jahren auf vielfache Weise unter Beweis gestellt. "Deshalb müssen sie meines Erachtens innerhalb der DZG auch nicht besonders geschützt werden."


In eigener Sache: Ich habe von Januar 2013 bis Juli 2015 den Bereich Kommunikation und Medien der Helmholtz-Gemeinschaft geleitet.

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Wenn ein Rektor gehen soll, geht das alle an

Baden-Württembergs Wissenschaftsministerin Theresia Bauer bringt eine Ur-Abwahl ins Gespräch. Ihre Idee befeuert die Debatte, was Mitbestimmung an Hochschulen im 21. Jahrhundert bedeutet.

ÜBER DIE KOMMUNIKATIONSKULTUR in Deutschlands Hochschulgremien ist viel gestritten und geschrieben worden, auch in diesem Blog. Im Mai etwa griff ich einen Bericht aus dem Tagesspiegel auf, demzufolge sich der Akademische Senat der Technischen Universität Berlin einen Kommunikationskodex geben wolle. Um einen „Kulturwandel“ zur „Wertschätzung“ solle es gehen, die Senatsmitglieder sollen sich besser auf die Sitzungen vorbereiten, einen respektvollen Ton miteinander üben und die jeweiligen Zuständigkeiten akzeptieren. Schon von den Plänen, schrieb ich, gehe ein Signal aus in Richtung anderer im Hickhack erlahmter Hochschulsenate: "Ermächtigt euch selbst, indem ihr zivilisiert streiten lernt. Lasst das beste Argument herrschen und nicht die einfallsreichste Blockadeidee."

 

Dass die Realität häufig anders aussieht, hat dazu geführt, dass der Beitrag der Gremien zur Hochschulentwicklung in der Wahrnehmung vieler Wissenschaftler und Politiker eher im Verlangsamen denn im Ermöglichen besteht. Besonders engagiert wird derzeit in Baden-Württemberg diskutiert, weil der Verfassungsgerichtshof des Landes der Regierung aufgetragen hat, das Landeshochschulgesetz nachzubessern. Die Macht der Professoren muss größer werden, vor allem bei der Abwahl ungeliebter Rektorate.

 

Bislang müssen Hochschulsenat und Hochschulrat jeweils mit Zwei-Drittelmehrheit für die Demission votieren, das Ministerium obendrein zustimmen. Widerspricht der Wissenschaftsfreiheit, befanden die Stuttgarter Verfassungsrichter vergangenen Herbst, die Professoren seien die entscheidenden Akteure an den Hochschulen, und wenn sie sich einig sind, müssen sie allein die Kündigung aussprechen können.

 

Aber ist es richtig, wenn ein paar Professorenvertreter im Senat allein über Wohl und Wehe der Uni entscheiden könnten? Und zwar im Zweifel gegen alle anderen: gegen Studenten, gegen wissenschaftliche und administrative Mitarbeiter? Und womöglich selbst gegen die schweigende Mehrheit der Professoren, die nicht im Senat sitzen und nicht beteiligt sind an den Machtkämpfen der Gremien? Sind die gewählten Professorenvertreter (an der Uni Heidelberg zum Beispiel derzeit acht von 39 Senatsmitgliedern) damit die neue Machtelite an den Hochschulen? Und was macht das mit dem Mut der Rektoren, auch mal unpopuläre Entscheidungen zu treffen, wenn sich in zwei Mittagspausen eine Abwahl-Mehrheit organisieren ließe? 

 

Baden-Württembergs grüne Wissenschaftsministerin Theresia Bauer hat vergangene Woche in einem Streitgespräch mit Jens Halfwassen eine Lösung des Problems skizziert, die selbst der bekannte Heidelberger Philosoph als "äußerst interessante Idee" bezeichnete: eine Ur-Abwahl, bei der alle Professoren einer Hochschule abstimmen würden. "Der Rektor", sagte Halfwassen, "ist der Repräsentant der gesamten Universität, insofern wäre es folgerichtig, die Entscheidung über seine Abwahl in die Verantwortung aller Professoren zu legen." 


Tatsächlich würde die Variante "Urabwahl" nicht nur dem Urteil Genüge tun, sie würde zumindest ein Stückweit den Widerspruch auflösen zwischen dem berechtigten Anspruch, mehr Mitsprache an den Hochschulen zu ermöglichen, und Hochschulgremien, die sich – leider – noch allzu oft im Klein-Klein der Statusgruppen zu erschöpfen scheinen. Allerdings wie gesagt: Nur mehr Einfluss für die Professoren. Man werde auch nach geeigneten Wegen suchen, um die Stimme der Doktoranden deutlicher in den Senat einspeisen zu können, verspricht Bauer, bleibt aber im Vagen.

 

Trotzdem ein Vorbild für andere Bundesländer? Eine neue Definition dessen, was Mitbestimmung an Hochschulen im 21. Jahrhundert heißen kann? Auf jeden Fall eine gute Gelegenheit zum Diskutieren. Und Anlass für die Hochschulsenate der Republik, unabhängig von Stimmenverhältnissen und aktuellen Verfassungsgerichtsurteilen dem Berliner TU-Vorbild zu folgen und die eigene Relevanz zu sichern. Womöglich, schrieb ich im Mai, stellten die Senate dann auch anderswo fest, dass schon so eine Menge gemeinsamen Gestaltens möglich wird. Ob Rektorate und Präsidien sich nun einer Ur-Abwahl stellen müssen oder nicht. 

 

Theresia Bauers Plan einer Ur-Abwahl habe ich heute auch im ZEITChancen Brief kommentiert.

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Wie eine "Qualitätsstrategie Hochschullehre" aussehen könnte

Das Konzept der SPD für die Verstetigung des Hochschulpakts trägt sehr wohl und würde die Hochschulen motivieren, die Studienbedingungen attraktiver zu gestalten. Ein Gastbeitrag von Eva Quante-Brandt.

Eva Quante-Brandt. Foto: Foto-AG Melle
Eva Quante-Brandt. Foto: Foto-AG Melle

IN SEINEM BLOGEINTRAG vom 17. Juli hat sich Jan Martin Wiarda mit dem Entwurf für einen „Zukunftsvertrag für Wissenschaft und Forschung“, den ich gemeinsam mit anderen SPD-WissenschaftspolitikerInnen im Februar 2017 vorgelegt hatte, kritisch auseinandergesetzt. Seine Kritik, die „Qualitätsstrategie Hochschullehre“ aus dem „Zukunftsvertrag“ hebe zu sehr auf die Quantitäten ab, teile ich ausdrücklich nicht. Mit der Verankerung des Grundprinzips „Geld folgt Studierenden“ soll im Gegenteil ja in erster Linie ein Anreiz für die Hochschulen entstehen, ihre Studienangebote attraktiv zu gestalten, um mehr Studierende zu gewinnen und sich neue Zielgruppen von Studierenden zu erschließen. Das ist ein qualitativer, kein quantitativer Ansatz. Und ob die reale, zukünftige Nachfrage nach Studienplätzen sich nun eher gemäß der (veralteten) KMK- oder der jüngsten Bertelsmann-Prognosen entwickeln wird – wer weiß das schon? Ich halte es da mit Mark Twain: „Prediction is very difficult, especially about the future.” 

 

Fest steht: Die Zahl der Studienanfängerinnen und -anfänger in Deutschland ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Gründe für diese uneingeschränkt begrüßenswerte Entwicklung liegen unter anderem in der steigenden Zahl junger Menschen, die eine Hochschulzugangsberechtigung erwerben und in der generellen Zunahme der Studienneigung. Der Hochschulpakt 2020 und der Qualitätspakt Lehre von Bund und Ländern waren die angemessene und passgenaue Reaktion hierauf. 

 

Die Studiennachfrage wird nach den Berechnungen der Kultusministerkonferenz auch in den nächsten Jahren sehr hoch bleiben. Diese Bildungsexpansion eröffnet unserer Gesellschaft Chancen auf zusätzliche Fachkräfte, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und Forscherinnen und Forscher, deren Kreativität und Ideen Deutschland braucht. Die zukünftigen Studierenden haben aber auch ein Recht darauf, attraktive Studienbedingungen vorzufinden.

 

Die Wissenschafts- und Bildungspolitik steht also vor der Herausforderung, die Bildungsexpansion nicht nur langfristig abzusichern, sondern unsere Hochschulen nachhaltig so mit Ressourcen auszustatten, dass sie allen Studierenden an jedem Studienort die bestmögliche Ausbildung gewährleisten können. Dafür muss an den Hochschulen in Nachfolge des erfolgreichen Hochschulpakts nach dem Jahr 2020 ein dauerhaftes Anreizsystem zur stetigen Verbesserung von Lehre und Studienbedingungen etabliert werden.

 

Vor wenigen Wochen haben die für Wissenschaft zuständigen Ministerinnen und Minister, Senatorinnen und Senatoren der Länder den Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten der Länder einen Bericht der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz (GWK) über Möglichkeiten der Anwendung des neuen Artikels 91b Grundgesetz im Hochschulbereich vorgelegt. Einigkeit besteht in der GWK darüber, dass die Möglichkeiten des neuen Artikels 91b genutzt werden sollten, um qualitativ hochwertige Studienangebote an Hochschulen dauerhaft zu sichern und auszubauen. Und um die Lehre und die Ausbildung der Studierenden nachhaltig und kontinuierlich weiterzuentwickeln und erfolgreichen Ansätzen der Lehre den Transfer in die Breite zu ermöglichen, wobei auch die zunehmende Heterogenität der Studierendenschaft Berücksichtigung finden muss. 

 

Bund und Länder sollten daher – so die einhellige Meinung in der GWK – nach dem Auslaufen des Hochschulpakts und des Qualitätspakts Lehre die hierfür bislang bereitgestellten Mittel weiterhin in diesem Sinne für die Hochschulen einsetzen. 

 

Wie könnte dies konkret geschehen? Meiner Auffassung nach sollte sich der Bund mit einer „Qualitätsstrategie Hochschullehre“ dauerhaft und unbefristet an der Finanzierung der Lehre an den Hochschulen beteiligen. Und zwar mit einem jährlichen Festbetrag für jede und jeden Studierenden in der Regelstudienzeit sowie für jede abgelegte Abschlussprüfung (unabhängig davon, ob die Prüfung bestanden oder nicht bestanden wurde, um Fehlanreize zu vermeiden). Bei Studierenden ohne schulisch erworbene Hochschulzugangsberechtigung sollten dabei deutlich erhöhte Beträge für jede/n Studierende/n bzw. für jede Abschlussprüfung angesetzt werden, um die Durchlässigkeit und Offenheit besonders zu fördern. 

 

In Zahlen ausgedrückt: Für jede und jeden Studierenden in der Regelstudienzeit soll in unserem Modell je nach Fachrichtung ein Betrag von 1.000 bis 2.000 Euro, bei Humanmedizin 3.000 Euro jährlich sowie für jede abgelegte Abschlussprüfung zusätzlich 1.000 Euro jährlich zur Verfügung gestellt werden. Bei Studierenden ohne allgemeine Hochschulreife sollen Beträge von 3.000 Euro für jede/n Studierende/n bzw. 1.500 Euro für jede Abschlussprüfung angesetzt werden. Die Gesamtkosten beliefen sich je nach konkreter Ausgestaltung auf rund 3,3 Milliarden Euro im Jahr.

 

Die Länder müssten sich an der Finanzierung dieses Pakts beteiligen, indem sie sich politisch verpflichten, ihre Aufwendungen für die Grundfinanzierung der Hochschulen unter Berücksichtigung bereits getroffener haushaltspolitischer Entscheidungen auf hohem Niveau fortzuführen und die Mittel, die sie bisher zur Kofinanzierung des Hochschulpakts aufwenden, im System zu belassen.

 

Die Mittel sollten insbesondere für den Erhalt der Ausbildungskapazitäten sowie für die Qualitätssicherung und -verbesserung verwendet werden, zum Beispiel um Studienabbrüche zu vermeiden. Da die Förderung der Hochschulen nicht nach Universitäten und Fachhochschulen differenziert werden soll, profitieren die Fachhochschulen in erhöhtem Maße, da sie relativ zu den Kosten eines Studienplatzes höhere Beiträge erhalten. Außerdem hätten alle Hochschulen einen starken Anreiz, zukünftig noch mehr beruflich Qualifizierten einen akademischen Abschluss zu ermöglichen. Die Qualitätsstrategie Hochschullehre muss auch deswegen auf Dauer angelegt sein, damit die Hochschulen in die Lage versetzt werden, bisher befristet beschäftigten Personal – soweit es Daueraufgaben wahrnimmt – zu verstetigen und die Beschäftigungsbedingungen insgesamt im Sinne „Guter Arbeit“ zu verbessern. Die Hochschulen müssten die mit einem unbefristeten Pakt verbundene Planungssicherheit außerdem konsequent für die Förderung der Gleichstellung von Frauen in der Wissenschaft nutzen.

 

Eine Pauschalfinanzierung je Studierenden und Absolventinnen und Absolventen ist leistungsgerechter als der gegenwärtige, auf Studienanfänger/innen bezogene Pakt. So werden auch Master-Studierende gefördert, Fehlsteuerungen durch eine Fixierung auf Studienanfänger/innen vermieden sowie Hochschulwechsler/innen bei der aufnehmenden Hochschule berücksichtigt.

 

Eine Beteiligung des Bundes an der Grundfinanzierung der Hochschulen würde die ostdeutschen und andere finanzschwache Bundesländer sowie strukturschwache Regionen dabei unterstützen, eine hohe Zahl von Studienplätzen und attraktive Studienbedingungen aufrechtzuerhalten. Denn attraktive Hochschulen gehören zu den Einrichtungen, die gerade in diesen Ländern und Regionen dringend benötigt werden, um den demographischen Wandel zu gestalten. Sie verringern Abwanderung und generieren Zuwanderung aus dem In- und Ausland. 

 

Der jährliche Aufwand für den Bund würde mit etwa drei Milliarden Euro etwas höher liegen als gegenwärtig (2016: 2,5 Milliarden Euro), was leistbar und der wissenschaftspolitischen Bedeutung des Paktes angemessen wäre. Die Länder würden auch weiter finanziell Verantwortung übernehmen, denn ein – spürbaren Mehrwert produzierendes – „Zusammenwirken“ von Bund und Ländern gemäß Artikel 91b des Grundgesetzes sollte auch auf einer fairen Lastenteilung beruhen.

 

Der Schaffung und Sicherstellung einer international wettbewerbsfähigen Lehre und guter Studienbedingungen kommt eine zentrale Bedeutung für ein nachhaltig starkes deutsches Wissenschaftssystem zu. Die „Qualitätsstrategie Hochschullehre“ kann ein geeigneter Weg sein, dies in gemeinsamem Handeln von Bund und Ländern zu erreichen. 

 

 

Eva Quante-Brandt (SPD) ist Bremer Senatorin für Wissenschaft, Gesundheit und Verbraucherschutz und Vorsitzende der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz (GWK). 

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Nicht so schnell

Am Donnerstag sollten die drei Max-Planck-Pilotschools gekürt werden. So, wie es aussieht, wird es erst einmal bei einer Vorauswahl bleiben. Die Hochschulen treten auf die Bremse.

Foto: MPG-Generalverwaltung in München. (Wiggum: "MPG administration building munich may 2006", GNU FDL 1.2)

EIGENTLICH SOLLTE ES noch viel schneller gehen. Bis zum 15. Mai hatte die Max-Planck-Gesellschaft (MPG) die Bewerbungsfrist für die geplanten Max Planck Schools angesetzt, und erst auf Drängen der Universitäten ließ sie sich auf eine Verlängerung bis zum 1. Juli ein. Am Ende sind ganze acht Förderanträge in der Münchner Generalverwaltung eingegangen. Bei zweien haben dem Vernehmen nach Fraunhofer-Wissenschaftler die Federführung, bei einem Uni-Wissenschaftler – und bei fünf Forscher aus der Max-Planck-Gesellschaft.  

 

Diesen Donnerstag trifft sich nun die Auswahlkommission, bestehend aus drei Hochschul- und drei MPG-Vertretern und jeweils einem Vertreter von Helmholtz, Leibniz und Fraunhofer. Den Vorsitz führen MPG-Präsident Martin Stratmann und Horst Hippler, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK). Kurz danach wollte Bundesforschungsministerin Johanna Wanka (CDU) zusammen mit Stratmann die ausgewählten Projekte präsentieren, berichtete die FAZ vor dem Wochenende (leider nicht online). Doch daraus wird vorerst nichts, denn die Hochschulen treten erneut auf die Bremse.

 

Bestenfalls könne man am Donnerstag eine Vorauswahl vornehmen, teilte die HRK dem BMBF und der MPG mit. Voraussetzung einer endgültigen Entscheidung sei eine HRK-Präsidiumssitzung Anfang August, da werde dann über das weitere Vorgehen inklusive einer möglichen Mitgliederbefragung entschieden. Jetzt ist die offizielle Bekanntgabe auf den 4. September verschoben – nur drei Wochen vor der Bundestagswahl, die den Max-Plancklern intern stets als Schallmauer für die Machbarkeit ihrer ungewöhnlichen Idee galt. >>


Die Idee hinter den Schools

Schon 2015 hatte Martin Stratmann, Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, bei deren Jahresversammlung vorgeschlagen, MPG-Direktoren und herausragende Universitätsprofessoren sollten sich in überregionalen Max Planck Schools zusammentun, nicht zu verwechseln mit den 60 thematisch fokussierten International Max Planck Research Schools (IMPRS), die es seit Jahren gibt, die aber immer lokal organisiert sind. Die größeren, nach Fächern organisierten Max Planck Schools sollten demgegenüber "besonders talentierten Bachelor- und Masterabsolventen“ aus aller Welt „die Gelegenheit zu geben, sich mit jüngstem Wissen von der vordersten Front der Wissenschaft auseinanderzusetzen."

Die neuen Schools würden auf den IMPRS "aufsetzen", als eine Art Dachstruktur – so stellte sich das Stratmann 2015 vor. Doch im März 2017 erklärte Ministerin Wanka: Dabei werde es nicht bleiben. Nicht nur Max Planck soll mit den Unis kooperieren, sondern die anderen außeruniversitären Forschungsorganisationen auch. Und zwar alle auf "Augenhöhe".  Noch vor den Bundestagswahl sollen drei School-Konzepte für eine fünfjährige Pilotphase ausgewählt werden, das BMBF gibt pro Jahr insgesamt neun Millionen Euro dazu. Allerdings nur für die Kosten, die den Hochschulen entstehen. Verteilen soll das Geld Max Planck. Ihren Eigenanteil sollen MPG und anderen Forschungsorganisationen selbst tragen. 



>> Das Manöver der Hochschulen zeigt, wie tief das Misstrauen gegenüber der School-Idee bei vielen Hochschulrektoren immer noch sitzt . Die U15-Universitäten hatten im Mai einen Brandbrief an Ministerin Wanka verschickt und vor der Gefahr gewarnt, dass das Promotionsrecht der Universitäten und ihr Einfluss auf die Entwicklung der Promotion schleichend ausgehöhlt werden" könne. Statt auf die "bewährten Strukturen" der in der Exzellenzinitiative geförderten Graduiertenschulen aufzusetzen, solle "ein völlig neuer, bislang nicht erprobter Ansatz" verfolgt werden, der demgegenüber "keine signifikanten Vorteile" erkennen lasse“, schrieb der U15-Vorsitzende, der Freiburger Rektor Hans-Jochen Schiewer, an die Ministerin. 

 

Als Reaktion hatte der zuständige MPG-Vizepräsident Ferdi Schüth die Verschiebung der Deadline angekündigt. Auch erhielten die U15 und der Verbund TU9 jeweils einen der für die Hochschulen reservierten Sitze in der Auswahlkommission, den dritten besetzt der Konstanzer Rektor und HRK-Vizepräsident Ulrich Rüdiger. Doch die vertrauensbildenden Maßnahmen haben offenbar noch nicht ausgereicht. Eine treffende Bestandsaufnahme der Debatte hatte am Montag auch Anna-Lena Scholz im ZEITChancen Brief geliefert.

 

Die HRK signalisiert jetzt: Voraussetzung, am Donnerstag in die Auswahl einzusteigen, sei es, überhaupt einmal in einem offiziellen Protokoll die Rahmenbedingungen der Schools festzuhalten, die seien nämlich an vielen Stellen noch immer unklar – vor allem, wie genau mit dem Promotionsrecht der Universitäten verfahren werden soll. Zwar beteuerte die MPG immer wieder, nicht im ureigensten Metier der Unis wildern zu wollen, doch viele Hochschulvertreter vermissen offenbar immer noch eine wirklich belastbare Zusicherung – während andere Rektoren am liebsten sofort loslegen würden. 

 

Bei Max Planck und im BMBF reagieren sie zunehmend genervt auf die Uneinigkeit im Hochschullager, haben sie doch jetzt schon mehrfach ihren Zeitplan um der Universitäten willen anpassen müssen. Auch sonst seien sie in vielerlei Hinsicht auf die Bedenken eingegangen. "Eigentlich müssten jetzt alle mit dem veränderten Konzept leben können", hatte MPG-Vize Schüth schon im Mai gesagt. "Natürlich werden nie alle zu 100 Prozent zufrieden sein. Aber lasst uns doch jetzt erst einmal loslegen."

 

Kein Problem haben die Univertreter offenbar mit der scheinbar einseitigen Verteilung der Hauptantragsteller. Dass die Federführung in den meisten Fällen bei Max-Planck-Wissenschaftlern liege, sei schon aus praktischen Gründen sinnvoll. „Solange die Universitäten intern gleichmäßig und gleichberechtigt berücksichtigt werden, ist das in Ordnung“, sagt ein Rektor. Die MPG betont, in allen Anträgen seien Uni-Wissenschaftler vielfach mit an Bord. 

 

Zum Schluss noch zwei kurze Prognosen und eine Schlussfolgerung. 

 

Prognose eins: Vermutlich werden in der Vorauswahl zwei MPG-beantragte Projekt benannt werden, das dritte wird einer der Fraunhofer- oder der Uni-Antrag sein. Alles Andere wäre schon aufgrund der damit verbundenen Symbolik kaum denkbar. 

 

Prognose zwei: Am Ende werden die Hochschulen mitmachen. Aus mehreren Gründen: Das Unternehmen ist politisch gewollt, und das Geld dafür steht zur Verfügung. Außerdem ist die Grundidee der Schools von Anfang an auf breite Zustimmung auch an den Hochschulen gestoßen. Und mitunter die gleichen Rektoren, die als U15- oder TU9-Mitglieder laut ihre Befürchtungen in Sachen Schools äußern, unterstützen parallel die Mitarbeit ihrer Wissenschaftler an den Konzepten. 

 

Die Schlussfolgerung: Bislang handelt es sich bei den Max Planck Schools vor allem um ein mutiges Konzept, dessen Realisierung aus rein politischen – nicht wissenschaftlichen! – Gründen mit einem enormen Zeitdruck verbunden wurde. Vielleicht auch verbunden werden musste, um das vorhandene Gelegenheitsfenster zu nutzen. So oder so wird die Politik jedoch gut beraten sein, schon jetzt demonstrativ auf die versprochene ordentliche Evaluation der Pilotphase mit vernünftigen, vorher festgelegten Kriterien zu drängen. Denn soll 2023 eine reguläre Fortsetzung folgen, steht und fällt deren Akzeptanz mit der Qualität der Ausschreibung. 

 

Der wissenschaftliche Mehrwert der Schools kann bislang nur behauptet werden – das macht das mit ihm verbundene Potenzial jedoch nicht geringer. Etwas, das auch gerade die Skeptiker im Kopf behalten sollten.

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Neue Strategien für lieb gewordene Lehr-Milliarden

Die Schülerzahlen sollen steigen, doch die Oberstufen schrumpfen. Dazu der Rückfall zu G9: In ein paar Jahren könnte es deutlich weniger Studienanfänger geben. Soll der Hochschulpakt weitergehen, braucht er eine neue Logik. Der Blick nach Großbritannien könnte helfen.

Foto: falco/pixabay
Foto: falco/pixabay

VERGANGENE WOCHE HAT die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz von Bund und Ländern (GWK) offiziell Bilanz gezogen: 720.000 zusätzliche Studienanfänger, 5000 neue Professuren. Die Zahl der Lehrbeauftragten stieg um 2500, die der hauptberuflichen wissenschaftlichen Mitarbeiter um 13.000, und all das allein zwischen 2011 und 2015, der zweiten Phase des Hochschulpakts. Das 2007 von Bund und Ländern gestartete Programm war damit erneut Treiber einer beispiellosen Expansion des deutschen Hochschulsystems. Kostenpunkt: 13 Milliarden Euro, wovon der Bund rund sieben Milliarden trug. Allein 2015 flossen 3,3 Milliarden Euro zusätzlich an die Hochschulen. 

 

Kein Wunder, dass sich die Rektoren sorgen, was nach dem Auslaufen des Pakts passiert. 2023 soll das letzte Geld fließen, dabei bestreiten einzelne Hochschulen mittlerweile bis zu 30 Prozent ihres Budgets damit. "Nehmt den Hochschulen die Unsicherheit!" appellierte vor einigen Tagen Joybrato Mukherjee, Präsident der Universität Gießen, hier im Blog an die Adresse der Wissenschafts- und Finanzminister. 

 

Tatsächlich hat die Bundesregierung bereits im Dezember in der GWK signalisiert, dass sie die Milliarden auch nach 2023 weiter in die Hochschulen investieren will. Dass der Hochschulpakt in irgendeiner Form verstetigt werden soll, ist Konsens zwischen den politischen Lagern genauso wie zwischen Bund und Ländern. Die Frage ist nur: Wie begründet man seine Notwendigkeit gegenüber den Finanzpolitikern?

 

Ausgerechnet die Bertelsmann-Stiftung, die vergangene Woche stark steigende Schülerzahlen bis 2025 prognostizierte, lieferte mit ihrer Studie  Anhaltspunkte, dass das Argument auf Rekordniveau verharrender Studienanfängerzahlen in ein paar Jahren nicht mehr richtig ziehen dürfte. Demnächst kommen geburtenschwächere Jahrgänge ins Gymnasium. Selbst die verstärkte Zuwanderung und der seit 2012 zu beobachtende Anstieg der Geburtenrate werden zwar die Grundschulen und Mittelstufen merklich anschwellen lassen, ein paar Jahre später aber nur abgeschwächt auf die gesunkenen Oberstufenzahlen durchschlagen. So steht es in der Bertelsmann-Studie mit dem plakativen Titel "Demographische Rendite adé". >>



>> Noch nicht einmal eingerechnet ist dabei ein Trend, der den Hochschulen noch zu denken geben wird: Die meisten westdeutschen Flächenländer wollen ganz oder teilweise das neunjährige Gymnasium (G9) wiederbeleben. Ein Einschnitt fürs Schulsystem zeichnet sich ab, der ähnlich tief sein dürfte wie in den 2000ern, als dieselben Länder (und ein paar mehr) beschlossen, die Schulzeit bis zum Abi auf 12 Jahre zu verkürzen. Damals, als die mit studierwilligen Kindern der Babyboomer ohnehin prall gefüllten Abiturjahrgänge gleich im Doppelpack in die Hörsäle strömten, reagierte die Politik mit: dem Hochschulpakt. Die umgekehrte Entwicklung, die jetzt droht, habe ich heute in meiner Kolumne im Tagesspiegel beschrieben: Kleinere Jahrgänge und statt doppelter auf zwei Jahre gestreckte Abiturkohorten.

 

Führende Hochschulpolitiker der SPD hatten im Februar in ihrem Entwurf für einen "Zukunftsvertrag für Wissenschaft und Forschung" vorgeschlagen, von 2021 an "für jede und jeden Studierenden in der Regelstudienzeit je nach Fachrichtung einen Betrag von 1000 bis 2000 Euro, bei Humanmedizin 3000 Euro jährlich sowie für jede abgelegte Abschlussprüfung 1000 Euro jährlich zur Verfügung zu stellen". 

 

Eine Idee, die  angesichts zumindest vorübergehend sinkender Studentenzahlen nach hinten losgehen könnte. Denn der Plan der Sozialdemokraten hebt trotz der Beschränkung auf die Regelstudienzeit zu sehr auf Quantität ab. Was die Hochschulen jetzt führen müssen, wenn sie sich die Hochschulpakt-Milliarden sichern wollen, ist jedoch eine neue Qualitätsdiskussion: Bessere Studienplätze statt einfach nur mehr Studienplätze, mehr Bildungsgerechtigkeit durch bessere Betreuung und moderne Lehrformate. Einen in der Hinsicht richtungsweisenden Ansatz immerhin enthält das SPD-Papier, indem es für Studenten ohne Abitur einen erhöhten Bundessatz fordert.

 

Doch muss das Thema "Qualität" noch viel deutlicher ausbuchstabiert werden. Übrigens auch deutlicher und weitergehend, als die Bildungspolitiker der Union es verstehen. Sie hatten im Januar ihr Papier "Starke Forschung und Bildung für Deutschlands Zukunft" veröffentlicht. Zur Qualität in der Lehre gehörten "neue Konzepte zur Nutzung digitaler Angebote im Hochschul- und Wissenschaftssystem", erläuterte CDU-/CSU-Fraktionsvize Michael Kretschmer hier im Blog. "Gleichzeitig werden wir die Berufsorientierung signifikant ausbauen und die Kompetenzorientierung im Studium stärken."

 

Alles richtig, und doch nicht ausreichend, solange die soziale Schieflage im Hochschulsystem derart eklatant ist. Kürzlich hat die Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks (DSW) gezeigt, dass von den zusätzlichen 720.000 Studienplätzen des Hochschulpakts vor allem eine Gruppe profitiert hat: die Kinder der Bildungsbürger. 2016 stammten 52 Prozent der Studierenden aus Familien, in denen mindestens ein Elternteil studiert hat, nochmal zwei Prozentpunkte mehr als 2012.

 

Hier und ausschließlich hier wird sich die Zukunftsfähigkeit des neuen Hochschulpakts entscheiden. Und hier liegt auch das Argument an die Adresse für die Finanzpolitiker: Nur indem wir konsequent in mehr Bildungsgerechtigkeit investieren, können wir die sinkenden Studentenzahlen zumindest teilweise kompensieren, und das bedeutet mehr Fachkräfte und mehr Steuereinnahmen.

 

Diese stärkere Betonung von Bildungsgerechtigkeit fängt bei den hohen Abbrecherquoten an. Sie schrecken vor allem Kinder aus Nicht-Akademikerfamilien von einem Studium ab, sagen Hochschulforscher – und zuletzt sind die Quoten ausgerechnet an den Fachhochschulen gestiegen, die traditionell mehr Bildungsaufsteiger anziehen. Gut ist Hochschullehre also dann, wenn sie eingeht auf die stark unterschiedlichen Studienvoraussetzungen der Erstsemester, wenn sie individuelle Beratung und Studienorientierung von Anfang an bietet. Gute Lehre und mehr Bildungsgerechtigkeit können auch neue Teilzeitmodelle und Blended-Learning-Konzepte bedeuten, die auf die Lebenswirklichkeit gerade der Studenten ohne klassisches Abitur eingehen. 

 

Aber wie erreicht man den Umschwung, und welcher Finanzmechanismus könnte ihn befördern?

 

Womöglich hilft der Blick über den nationalen Tellerrand. Vor wenigen Wochen erst hat die britische Regierung das "Teaching Excellence Framework" (TEF) an den Start gebracht, die erste staatliche Uni-Rangliste in Großbritannien. Sie soll die Qualität der Lehre messen, und in der Süddeutschen Zeitung von heute beschreibe ich, wie sie dabei ist, die altbekannte Hierarchie des britischen Hochschulsystems auf den Kopf zu stellen. Vorn in dem Ranking stehen Universitäten, die bislang international kaum einer auf dem Zettel hatte, Oxford & Co fallen zurück. Warum? Weil TEF nicht einfach sagt: Das sind die Hochschulen mit den zufriedensten Studenten, den niedrigsten Abbrecherquoten oder den besten Beschäftigungsaussichten. Sondern das Ranking setzt die absoluten Ergebnisse in Relation zur sozialen Herkunft der Studenten, ihrem Bildungshintergrund und anderen Eigenschaften. „Die TEF-Methodik ist die egalitärste Reform, die Großbritanniens Hochschulen seit Jahrzehnten erlebt haben“, sagt Dominic Shellard, Rektor der bei TEF erfolgreichen De Montfort University. „Ich finde es faszinierend, dass eine konservative Regierung sie durchführt.“ 

 

Fasziniert äußert sich auch ein deutscher Hochschulexperte. Der Bildungsforscher Manfred Prenzel hatte die Federführung, als der Wissenschaftsrat, das wichtigste hochschulpolitische Beratungsgremium von Bund und Ländern, im Mai ein umfangreiches Positionspapier veröffentlichte, Titel: „Strategien für die Hochschullehre“. Auf TEF angesprochen, lobt der ehemalige Wissenschaftsratsvorsitzende die „entwicklungsfähige Methode“, „den mutigen Ansatz, der Lehre endlich mehr Achtung zu verschaffen.“ Kurzum: „Das ist eine Idee, die man auch in Deutschland in Betracht ziehen sollte.“ Wo? Natürlich, wenn der Hochschulpakt fortgesetzt wird.

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Freiheit für die Professoren, Kampf den Campus-Imperatoren?

Ein Streitgespräch zwischen Baden-Württembergs Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) und dem Heidelberger Philosophen Jens Halfwassen über die Macht der Rektorate, die Akkreditierung und die Folgen der Bologna-Reform.

Wer hat das Sagen an den Hochschulen in Deutschland?

 

Theresia Bauer: Das kann man nicht mit einem Satz sagen. Ich antworte mal nur für Baden-Württemberg: Die Macht an den Hochschulen befindet sich in einer komplizierten Balance zwischen Rektorat, Senat, Fakultäten und Hochschulrat. Kein Akteur, kein Gremium allein kann Grundlegendes entscheiden. Nur wenn alle zusammenwirken, bewegt sich die Hochschule. 

 

Das hört sich langwierig an.

 

Bauer: Sagen wir so: Es ist eine verteilte Verantwortung, die langen Atem und viel Überzeugungskraft verlangt. Von allen Beteiligten. 

 

Jens Halfwassen: Ich sehe die Balance, von der Sie sprechen, schon lange nicht mehr. Seit 2005 erleben wir, wie sich das Machtgleichgewicht Stück für Stück zu Gunsten der Rektoren und der Verwaltung verschoben hat. Das ist eine gravierende Fehlentwicklung, weil alle historisch erfolgreichen Universitäten eine republikanische Verfassung hatten. Sie waren kollegial organisiert und kannten keinen Herrscher an der Spitze. 

 

Bauer: Rektorate haben heute einen größeren Gestaltungsspielraum als vor zehn oder 15 Jahren, das stimmt. Aber dieser Gestaltungsspielraum ist nur zum Teil Folge von Gesetzesänderungen. Entscheidend waren bundesweite Förderprogramme wie die Exzellenzinitiative. Von Programmen, die von den Hochschulen als Ganzes fordern, sich einem gemeinsamen Ziel zu verpflichten. Der Zusammenarbeit in Forschungsverbünden zum Beispiel, gemeinsamen Initiativen mit außeruniversitären Forschungseinrichtungen oder modernen Karrierewege für den wissenschaftlichen Nachwuchs. Die Exzellenzinitiative ist da sicherlich der stärkste Impuls, aber nicht der einzige. Die Kommission internationaler Experten, die die Initiative evaluieren sollte, hat übrigens bemängelt, die Führungsstrukturen an unseren Universitäten seien deutlich zu schwach ausgeprägt. Die Hochschulen seien nach wie vor zu unbeweglich und kaum strategiefähig.

 

Sagten Sie nicht gerade, die Macht an den Hochschulen sei ausbalanciert? Jetzt zeichnen Sie das Bild machtloser Rektorate. 

 

Bauer: Ich glaube, dass wir bei der Governance noch viel weiter gehen müssen. Das ist nicht gleichbedeutend mit mehr Hierarchie, aber wir brauchen eine bessere Entscheidungsfähigkeit auf allen Ebenen. 

 

Halfwassen: Widerspruch. Die internationale Imboden-Kommission hat sich viel zu stark am US-Hochschulsystem orientiert, sie hatte die amerikanischen Spitzenuniversitäten mit ihren Managementstrukturen im Kopf. Die Präsidenten dort sind Berufsmanager, was auch mit der ganz anderen Finanzierung zusammenhängt. Universitäten wie Stanford verfügen über einen Etat, der den gesamten Hochschuletat eines Landes wie Baden-Württemberg deutlich übersteigt. Was die Experten völlig ausgeblendet haben, ist die andere Geschichte, die unsere staatlich finanzierten Hochschulen haben. Die Managementdenke passt einfach nicht zur kollegialen Kultur der deutschen Gelehrtenrepublik.

 

Bauer: Sie machen die falschen Alternativen auf. Mir geht es nicht um Kollegial- versus Managemenstrukturen. Ich glaube, eine moderne Hochschule braucht eine andere, eine dritte Art von Führung. Wissenschaftsadäquat muss sie sein, sie darf nicht der Marktlogik eines gewinnorientierten Unternehmens folgen, aber sie muss Führung ermöglichen. >>


Im November 2016 hatte der Verfassungsgerichtshof von Baden-Württemberg das Landeshochschulgesetz in Teilen für verfassungswidrig erklärt. Die gegenwärtigen Regelungen zur Wahl und Abwahl von Rektoratsmitgliedern seien nicht mit der im Grundgesetz garantierten Wissenschaftsfreiheit vereinbar, befanden die Richter – und forderten einen Machtzuwachs für die Professorenvertreter im Senat. Bis März 2018 muss die Landesregierung das Gesetz nun neu formulieren. Teil der verordneten Neuregelung ist auch, dass nur noch die für diese Funktion in den Senat gewählten 

Professoren ein Stimmrecht haben dürfen – im Gegensatz zu Dekanen und Rektoratsmitgliedern, die allein qua Amt im Senat sitzen. Professorenvertreter feierten das Urteil. Jens Halfwassen schrieb damals, er finde das Urteil spektakulär:  "Es bedeutet das Ende der Campus-Autokratie und (endlich!) die Rückkehr zu konstitutionellen Verhältnissen." Ministerin Bauer erklärte, das Urteil "atmet den Geist der 60er Jahre". Im Streitgespräch sprechen sie auch über die Folgen des Urteils – und wie ein neues Hochschulgesetz ihm gerecht werden könnte. 



>> Beim Begriff „Führung“ fremdeln Professoren aber sofort.

 

Bauer: Sie müssen sich doch nur mal anschauen, wie die Hochschulen im vergangenen halben Jahrhundert gewachsen sind. Das sind riesengroße Tanker. Die können sie nicht bewegen ohne eine vernünftige Steuerung. Was in der ganzen Debatte manchmal unterschlagen wird: Die Wissenschaftsfreiheit ist nicht nur ein Recht, das dem Individuum zusteht, sondern auch der Institution als Ganzes. Wissenschaftsfreiheit bedeutet auch die Freiheit einer Hochschule, sich eigenständig zu verändern und weiterzuentwickeln.

 

Halfwassen: Man darf beide Sphären nicht gegeneinander ausspielen, Frau Bauer. Die Wissenschaftsfreiheit ist primär ein individuelles Grundrecht und sekundär ein Grundrecht von Institutionen. Sie schützt ausdrücklich den einzelnen Hochschullehrer gegen Eingriffe auch und gerade der Hochschulleitung.

 

Bauer: Die beiden Ebenen stehen in einem offensichtlichen Spannungsverhältnis. Wenn man die Wissenschaftsfreiheit der Institution auf rein repräsentative Aufgaben beschränkt, kann sie nicht gelebt werden. Und je komplexer und größer die Hochschulen geworden sind, desto grundlegender ist es, ihnen diese Freiheit zuzugestehen.

 

Halfwassen: Einverstanden. Wir brauchen eine handlungsfähige Leitung, und Sie haben auch Recht, dass diese Ziele haben muss, die Bildungsziele sind und keine ökonomischen. Den „Vorstandsvorsitzenden“ als Titel des Rektors, wie wir ihn im alten Hochschulgesetz hatten und den Sie Gott sei Dank herausgestrichen haben, den wollen wir nicht, den brauchen wir nicht.

 

Frau Bauer, hat Ihr Vorgänger Peter Frankenberg die Stimmung an den Hochschulen unnötig angeheizt, in dem er Begriffe wie die „unternehmerische Hochschule“ etablierte, die entsprechend dann auch den von Herrn Halfwassen erwähnten „Vorstandsvorsitzenden“ im Hochschulgesetz mit sich brachte? 

 

Bauer: Ich habe, noch bevor ich Ministerin wurde, explizit kritisiert, dass das die falschen Begrifflichkeiten und die falschen Vorbilder waren. Sie passen nicht zur Eigenlogik der Hochschulen.

 

Sie sprechen von einem dritten Weg. Wo ist das Vorbild?

 

Bauer: Das gibt es nicht. Auch die parlamentarische Demokratie ist keine, denn ich glaube nicht, dass der Senat ein Parlament ist, so wenig, wie der Hochschulrat dem Aufsichtsrat eines Unternehmens entspricht. Entscheidend ist, dass die Hochschule nicht strukturiert ist als System organisierter Verantwortungslosigkeit.

 

Halfwassen: Hochschulen müssen in einem gewissen Rahmen demokratisch verfasst sein. Aber natürlich ist die Demokratie in der Hochschule eine Demokratie besonderer Art und Weise, eben weil die Professoren besondere Verantwortungsträger sind und damit auch besondere Rechte genießen.

 

Sie sprechen die Professorenmehrheit an, die das Bundesverfassungsgericht seit 1973 vorschreibt: Professoren müssen alle entscheidenden Fragen zu Lehre und Forschung allein mit ihrer Mehrheit entscheiden können. Warum eigentlich?

 

Halfwassen: Weil die Professoren die einzigen sind, die unbefristet an den Hochschulen bleiben und deren wissenschaftliches Profil mit ihrer Forschung und Lehre wesentlich prägen und tragen. Daraus lassen sich Mitwirkungsrechte rechtfertigen, die größer sein müssen als die des Mittelbaus oder der Studenten.

 

Wollen Sie sagen, das Verweildauer an sich ein Qualitätsmerkmal ist?

 

Halfwassen: Die Langfristigkeit des Engagements ist jedenfalls ein wesentlicher Punkt. Ein Studentenvertreter im Senat, der geht hoffentlich mal wieder. Aber er trifft Entscheidungen mit, die auf Jahre hinaus Auswirkung haben.

 

Schränken Sie mit der Logik nicht die im Grundgesetz garantierte Wissenschaftsfreiheit ein – für alle Hochschulmitglieder außer den Professoren?

 

Halfwassen: Langsam. Grundrechtsträger ist jeder Wissenschaftler. Auch Doktoranden genießen schon die Wissenschaftsfreiheit, und als Doktorväter müssen wir die respektieren. Das heißt aber nicht, dass in der Hochschule alle das Gleiche zu sagen haben sollten. Professoren haben nun einmal eine größere wissenschaftliche Kompetenz als wissenschaftliche Mitarbeiter und als Studenten. 

 

Bauer: Ich finde nicht, dass man von größeren und geringeren Kompetenzen sprechen kann. Die unterschiedlichen Statusgruppen bringen unterschiedliche Kompetenzen und Perspektiven mit. Die Sichtweise eines jungen Doktoranden oder Postdocs ist die Sichtweise der nachwachsenden Generation, und gerade die halte ich heute für extrem wichtig. Dass sich die zweifellos größere fachliche Kompetenz der Professoren in der Tiefe der Mitsprache widerspiegelt, ist für mich daher keineswegs folgerichtig. Umgekehrt ist Streit an der Stelle aber auch müßig, eben weil das Urteil von 1973 die Vormacht der Professoren zementiert. Da komme ich als Politikerin nicht dran. 

 

Herr Halfwassen, Sie fordern mehr Macht für die Professoren und wehren sich gegen die vermeintlich übermächtigen Rektorate. Nennen Sie doch bitte ein konkretes Beispiel, wo die Rektorate die ihnen anvertraute Macht zum Schaden der Hochschule und ihrer Mitglieder eingesetzt haben. 

 

Halfwassen: Oh, da gibt es viele. Nehmen Sie die Universität Freiburg, wo eines der traditionsreichsten philosophischen Seminare unter Mitwirkung des Rektorats zerschnipselt worden ist.   

 

Bauer: Die Entscheidung, die Philosophie in Freiburg neu auszurichten, war eine gemeinsame von Rektorat und Senat!

 

Halfwassen: Die Entscheidung eines in seiner Macht eingeschränkten Senats, dem das Selbstbewusstsein fehlte zu sagen: Wir machen da nicht mit. Ein zweites Beispiel. In der ersten Bewerbungsrunde zur Exzellenzinitiative hat das Rektorat der Universität Tübingen die Geisteswissenschaften zugunsten der Naturwissenschaften massiv zusammengestrichen, weil man sich so größere Chancen im Wettbewerb erhoffte. Ironischerweise war Tübingen übrigens erst im zweiten Anlauf erfolgreich, und da haben die starken Geisteswissenschaften wesentlich den Ausschlag gegeben. 

 

Wären die Entscheidungen in Freiburg und Tübingen anders ausgefallen, wenn die Rektorate weniger Befugnisse gehabt hätten, Frau Bauer?

 

Bauer: In den beiden Fällen sicher nicht. Wie in Freiburg war auch die Tübinger Entscheidung, die Universität stärker Richtung Naturwissenschaften zu profilieren eine, die von der ganzen Universität getragen wurde. Es gab Kritik damals, das ja, aber die Gremien haben einvernehmlich entschieden. Herr Halfwassen, man kann Veränderungen kritisieren, aber man sollte sie nicht auf eine Governance zurückführen, die damit nichts zu tun hat.   

 

Halfwassen: Lassen Sie mich als Antwort in die Geschichte zurückgreifen. Wir haben in Europa zwei große Universitätsmodelle, Bologna und Paris. Bologna war von Anfang an die führungsstarke Universität mit Ausbildungsauftrag, sie sollte Juristen produzieren, die den Landesfürsten als Beamte zur Verfügung gestellt wurden. Paris war demgegenüber das Modell der Forschungsuniversität, kollegial organisiert, und interessanterweise haben sich alle Traditionsuniversitäten am Pariser Modell orientiert. Als Heidelberg gegründet wurde, reiste man nach Paris, um die dortige Univerfassung abzuschreiben. Das, was wir seit etwa 2005 beobachten, ist, dass die Universitäten, die sich am Pariser Modell orientiert haben, nach dem Bologneser Vorbild umgebaut werden zu führungsstarken Universitäten und zu Ausbildungsstätten.

 

Bauer: Die Gründung der Pariser Universität war vor 800 Jahren, Herr Halfwassen! Sie können doch nicht ernsthaft die Universitäten von damals mit den heutigen Hochschulen vergleichen. Über 50 Prozent eines Altersjahrgangs studieren heute, und sie landen nicht in der Arbeitslosigkeit. Sie werden im 21. Jahrhundert gebraucht. Deswegen glaube ich, dass man die Universität anders buchstabieren muss, dass man eine 800 Jahre alte Idee nach vorn denken muss. 

 

Halfwassen: Das Problem beginnt, wenn die Stärke des Rektorats nicht mehr aus der Stärke einer Bildungsidee rührt, sondern aus dem Budget heraus. Die Währung wissenschaftlicher Reputation sind heute in hohem Maße die Drittmittel, und wer sich um die bewirbt, etwa im Rahmen der Exzellenzinitiative, braucht die starke Unterstützung der Rektorate. Auch deshalb fallen Senate und Fakultätsräte als Gegengewichte weitgehend aus, sie sind zu zahm, zumal ich zur Schande meines eigenen Berufsstandes sagen muss: Es gibt auch eine verbreitete Professorenfeigheit. Und gegen die müssen wir angehen.

 

Aber wo ist die Leitidee, die das heilen kann, Herr Halfwassen? Paris von vor 800 Jahren kann da schwerlich taugen.

 

Halfwassen: Wenn Sie die Erfolgsgeschichte der deutschen Universität ansehen, begann die nicht mit der Übernahme des Pariser Modells, sondern mit den Humboldtschen Reformen. Und was hat Humboldt gemacht? Er hat die Universitäten auf die Selbstbestimmung der Wissenschaftler ausgerichtet. Also im Grunde nochmal eine Zuspitzung des Pariser Vorbilds. Mit dem Ergebnis, dass die deutschen Universitäten bis 1933 zu den besten der Welt avancierten. Dieser Welterfolg basierte auf einer Philosophie, die ganz stark auf die Freiheit des Einzelnen setzt, übrigens auch auf die Freiheit der Studenten. Die dem Einzelnen das Vertrauen entgegenbringt, dass er mit dieser Freiheit etwas Vernünftiges anfängt.

 

Bauer: Für mich ist die Bologna-Reform genau das, eine moderne Weiterführung der Humboldtschen Idee. Die Studienreform ist ein groß angelegtes Programm zur Entstaatlichung des Hochschulwesens. Ich lese Bologna als ein Stück Freiheitsgeschichte: Der Staat gesteht den Hochschulen mehr Freiheit zu und lässt sie selbst ihre Geschicke lenken.

 

Woran machen Sie das fest?

 

Bauer: Nehmen Sie die Genehmigung von Studiengängen. Früher haben das die Ministerien gemacht. Warum sollen denn meine Ministerialbeamten besser wissen, was wissenschaftliche Qualität ist, als die wissenschaftliche Community selbst, die jetzt über die Akkreditierung entscheidet? 

 

Halfwassen: Wenn es doch nur so gelaufen wäre. Tatsächlich hat sich der Staat aus den Hochschulen zurückgezogen und das Feld privaten Unternehmen überlassen, Akkreditierungsagenturen, die keinerlei Kontrolle unterliegen und in absoluter Selbstherrlichkeit entscheiden, was ihnen gefällt und was nicht. Die Kommissionen, die diese Agenturen nach eigenem Gutdünken zusammensetzen, sind willkürlich, ihre Fachkompetenz ist fragwürdig. Darum ist Bologna für mich gerade keine Freiheitsgeschichte, sondern die Geschichte des Verlustes von staatlich garantierter Freiheit. 

 

Die Kritik an Bologna und an der Akkreditierung, so scheint es, vereint viele Professoren. Sind das Symbole für den Wandel, über den wir die ganze Zeit sprechen?

 

Halfwassen: Das sind keine Symbole, sondern erfahrene Zumutungen, und zwar erhebliche. Wie groß die Abneigung gegen Bologna ist, hat neulich eine Allensbach-Umfrage ergeben, der zufolge 78 Prozent der Professoren Bologna für gescheitert halten. Bologna ist ein Modell, das die Politik den Professoren gegen ihren Willen oktroyiert hat. Wenn 78 Prozent dagegen sind, kann so eine Reform nicht funktionieren.  

 

Stehen all diese Themen für Sie in einem sachlichen Zusammenhang? Bologna, überbordende Drittmittel, starke Rektorate?

 

Halfwassen: So wie der Hang zu Drittmitteln starke Rektorate fördert, ist die Akkreditierung eine Folge von Bologna, und so schief, wie sie gegangen ist, hat sie das Ansehen von Bologna in Deutschland nochmal heruntergezogen. Ich will ja gar nicht ausschließen, dass eine vernünftige Grundidee der Studienreform zugrunde lag, aber wenn es sie gab, hat die Politik sie ordentlich gegen die Wand gefahren. 

 

Bauer: Ich glaube, der Unmut der Professoren hat eine andere Ursache. Einige von ihnen glauben, dass die Universitäten mit den zehn Prozent Studienanfängern von früher gut bedient waren und der Rest sich bitte woanders ausbilden lassen soll. Aber die bildungshungrigen Menschen sind nun einmal da, und sie bringen ihre ganze Vielfalt und Verschiedenheit und ihre unterschiedlichen Erwartungshorizonte mit. Natürlich ist das auch eine gewisse Zumutung, weil sie die Universitäten mit einer anderen, einer neuen Erwartungshaltung konfrontieren. Die jungen Menschen fragen nicht nur, wie die Universität sie wissenschaftlich bilden kann, sondern auch, was sie aus der Universität für ihre Karriere außerhalb der Wissenschaft mitnehmen können. 

 

Halfwassen: Diejenigen von uns, die für ihren Beruf Leidenschaft empfinden, machen gern Lehre, und wir kriegen es auch in Zeiten der Studentenrekorde immer noch hin, Forschung und Lehre zu kombinieren. Was uns sorgt, ist die Explosion an administrativen Aufgaben, etwa wenn an Instituten, die einer Programmakkreditierung unterworfen werden, Forschung und Lehre erstmal für ein halbes Jahr komplett flachliegen.

 

Das von der Politik ausgegebene Ziel lautet daher: Von der Akkreditierung einzelner Programme sollen die Hochschulen zur Systemakkreditierung kommen, also als ganze Institution einmal alle sechs Jahre evaluiert werden. 

 

Bauer: So ist es. Das Ziel ist zudem, diese Frist zu verlängern.

 

Halfwassen: Nein, das Ziel muss sein, die Akkreditierung komplett abzuschaffen. 

 

Sie wollen doch nicht ernsthaft zur ministeriellen Genehmigung zurück?

 

Halfwassen: Genau das will ich. Die Ministerien haben nur geguckt, ob formal alles in Ordnung ist, und inhaltlich hatten wir völlige Freiheit. Zumindest in den Geisteswissenschaften war das so. 

 

Bauer: Da habe ich andere Geschichten gehört, aber gut, ist lange her.

 

Halfwassen: Und hängt sicherlich auch von der Wissenschaftsdisziplin ab.

 

Bauer: Wie auch immer, Ihre Kritik ist durch den neuen Staatsvertrag zur Akkreditierung ohnehin hinfällig, da er nicht nur den Auftrag des Akkreditierungsrats präzisiert, sondern das Gremium zugleich mit einer Wissenschaftlermehrheit ausgestattet und die privaten Agenturen aus der Genehmigung herausgezogen hat. 

 

Halfwassen: Dem muss ich heftig widersprechen. Der neue Staatsvertrag tut nur so, als räume er den Wissenschaftlern mehr Einfluss ein. Zwei Wissenschaftler sollen im Akkreditierungsrat das gesamte Spektrum der Geisteswissenschaft abdecken – das soll Fachnähe sein? Dazu kommt, daß die Professoren im Akkreditierungsrat von der KMK auf Vorschlag der HRK ernannt werden sollen, also rein exekutiv bestellt werden, was in Baden-Württemberg übrigens der Rechtsprechung des Verfassungsgerichts widerspricht. Außerdem verletzt der Staatsvertrag der baden-württembergischen Landesverfassung, die es untersagt, hoheitliche Verwaltungsaufgaben an eine Behörde zu übertragen, die nicht der Landesregierung von Baden-Württembergs und nicht der Kontrolle des baden-württembergischen Landtags untersteht. Und genau das ist der Akkreditierungsrat: eine nordrhein-westfälische Quasi-Behörde. 

 

Bauer: Bleiben wir beim Kern. Natürlich liegt die Verantwortung für die wissenschaftliche Qualität bei jeder einzelnen Hochschule und ihren Professoren, aber der organisierte Blick von außen ist unverzichtbar. Man muss ihn allerdings auch annehmen wollen. Wenn Sie glauben, es gehe bei einer Akkreditierung nur darum, dass die da draußen, wenn sie alle Akten gelesen haben, ihr Häkchen dran machen, dann verstehen Sie das Prinzip nicht. Sie müssen sich schon dem kritischen Blick von außen stellen wollen und die Anregungen mitnehmen.

 

Frau Bauer, im vergangenen Herbst hat der baden-württembergische Verfassungsgerichtshof entschieden, dass Ihr Hochschulgesetz verfassungswidrig ist. Die Senate, entschieden die Richter, müssten wieder aus eigener Macht die Rektorate oder einzelne Rektoratsmitglieder entlassen können. Wie reagieren Sie auf das Urteil? 

 

Bauer: Produktiv. Wir brauchen ein starkes Rektorat mit Entscheidungsspielräumen, aber auch mit einer klaren Legitimation durch die Universität.

 

Geht das konkreter?

 

Bauer: Das heißt sicher nicht, dass wir das Rektorat schwächen und um grundlegende Kompetenzen beschneiden. Wir werden eine neue, rechtskonforme Möglichkeit der Abwahl schaffen, falls Rektorate das Vertrauen der Universität verlieren sollten. Ganz sicher aber werde ich keine Lösung präsentieren, in der es einer kleinen Gruppe gewählter Professoren gelänge, das Rektorat an die kurze Leine zu nehmen und ihm den Mut zu unpopulären Entscheidungen auszutreiben. Wir müssen die Abwahl auf breite Füße stellen.

 

Was heißt „auf breite Füße?“

 

Bauer: Da sind verschiedene Varianten vorstellbar. Man könnte den Senat vergrößern und so die Zahl der gewählten Professoren erhöhen. Oder wir schaffen die Möglichkeit, dass die Professorenschaft insgesamt abstimmt. Mit anderen Worten: Urabwahl. 

 

Halfwassen: Mir ist der Gedanke neu, aber das halte ich für eine äußerst interessante Idee. Der Rektor ist der Repräsentant der gesamten Universität, insofern wäre es folgerichtig, die Entscheidung über seine Abwahl in die Verantwortung aller Professoren zu legen. 

 

Die Richter haben noch mehr verlangt. Bei Senatsentscheidungen, die die Professorenmehrheit erfordern, dürfen künftig nur noch gewählte Professorenvertreter mitgezählt werden. Das heißt: Alle Professoren, die nur von Amts wegen im Senat sind, also Rektoratsmitglieder oder Dekane, bleiben außen vor.  

 

Bauer: Herr Halfwassen, das können Sie doch nicht ernsthaft gut finden.

 

Halfwassen: Aber natürlich finde ich das gut. Nehmen Sie den Heidelberger Senat als Beispiel: Der hat 35 Mitglieder zurzeit und davon sind nur acht gewählte Professoren. Ihr Einfluss ist eindeutig zu gering. Das Urteil gibt ihnen endlich die Macht zu einer echten Kontrolle des Rektorats zurück. 

 

Bauer: Überlegen Sie mal, was das bedeutet. Künftig könnten fünf der acht gewählten Professorenvertreter, also fünf von 35 Senatsmitgliedern in Heidelberg eigenständig das Rektorat abwählen.

 

Halfwassen: Wenn Ihnen das zu wenige Professoren sind, kann man ja insgesamt mehr Professoren in den Senat schicken, Frau Bauer, wie Sie selbst schon angedeutet haben. Entscheidend ist etwas Anderes. Ich habe mir mal die Homepage Ihres Ministeriums angeschaut und dort ein glühendes Plädoyer für die Freiheit als Grundlage der Wissenschaft gefunden. Diese Freiheit hat aber eine geradezu zwingende Voraussetzung: dass wir Campus-Imperatoren verhindern.  

 

Bauer: Wenn ich mir unsere Rektoren anschaue sind, sind wir davon doch so weit entfernt wie der Mond! 

 

Gibt es Campus-Imperatoren an Baden-Württembergs Hochschulen?

 

Halfwassen: In der Regel nicht. Aber die rechtlichen Verhältnisse waren bislang so, dass es in die Richtung hätte laufen können. Zumal noch etwas dazu kommt. Nicht nur die Rektorate, auch die Dekane haben in den vergangenen zehn Jahren einen enormen Machtzuwachs erlebt. Gleichzeitig sind sie abhängiger vom Rektorat geworden, weil heute ohne Zustimmung des Rektors keiner mehr Dekan wird. Wie sollen die Dekane da noch im Senat wirksam die Rektorate kontrollieren? Insofern musste der Verfassungsgerichtshof ihnen das Stimmrecht nehmen. 

 

Ist doch plausibel argumentiert, oder, Frau Bauer?

 

Bauer: Ja, aber die Schlussfolgerung teile ich nicht. Die beschriebene Abhängigkeit zwischen Dekanen und Rektoraten kann ich auflösen durch eine Klarstellung im Gesetz, dass Dekane allein von ihren Fakultätsräten gewählt werden. Punkt. Das Vorschlagsrecht des Rektors kann meinetwegen ersatzlos entfallen. So hätte man die Abhängigkeit beseitigt, die Expertise der Dekane im Senat aber nicht geschmälert. Andernfalls kann ich mir nicht vorstellen, warum ein gestandener Dekan noch Lust haben sollte, ohne Stimmrecht, sozusagen als Mitglied zweiter Klasse, im Senat zu hocken. 

 

Halfwassen: Das wäre eine Reform in die richtige Richtung. Die Dekane sollten die Sprecher ihrer Fakultät gegenüber dem Rektorat und im Senat sein, nicht die Sprecher des Rektorats in den Fakultätsräten. Wenn Sie diese Fehlentwicklung korrigieren, Frau Bauer, können Sie Sie sicherlich auf Sympathien in den Fakultäten zählen.

 

Und was ist mit den Rektoratsmitgliedern? Lässt sich deren Stimmrecht im Senat auch retten?

 

Bauer: Ich komme aus einer parlamentarischen Tradition, in der der Ministerpräsident sehr wohl sein Stimmrecht als gewählter Abgeordneter wahrnimmt und ich als Ministerin ebenso. 

 

Das war aber nicht immer so. Früher galt bei den Grünen die strikte Trennung von Amt und Mandat. 

 

Bauer: Das ist lange her. Wir sind eine lernende Organisation.

 

Halfwassen: Und zum Lernen gehört zu erkennen: Das Rektorat als Exekutive, die vom Senat kontrolliert werden soll, darf im Kontrollgremium kein Stimmrecht haben. 

 

Bauer: Woran machen Sie das fest? In Baden-Württemberg ist, wie ich gerade beschrieben habe, die Exekutive auch Teil der Legislative. 

 

Halfwassen: Ich mache es fest an der Logik, dass je stärker die Führungsstruktur ist, desto stärker auch die Kontrollmöglichkeit sein muss. 

 

Aber ein Ministerpräsident hat auch ziemlich viel Macht.

 

Halfwassen: Ein Ministerpräsident hat eine Opposition gegen sich. In Hochschulsenaten existiert diese Aufteilung in Regierung und Opposition aber normalerweise nicht. Seit der Frankenberg-Reform entsprechen die Hochschulen in Baden-Württemberg viel eher dem US-Präsidialsystem, und da hat der Präsident logischerweise auch kein Stimmrecht im Parlament. 

 

Vorhin haben Sie betont, Frau Bauer, wie wichtig Sie die Perspektive der nachwachsenden Wissenschaftlergeneration finden. Haben Sie konkrete Pläne, um ihnen mehr Gehör zu geben?

 

Bauer: Wenn wir schon ans Gesetz gehen, nutzen wir die Gelegenheit für diese Reform. Wir werden wir nach geeigneten Wegen suchen, wie wir die Stimme der Doktoranden, die Stimme der jungen Wissenschaft, deutlicher in den Senat einspeisen können. 

 

Und wie?

 

Bauer: Wir werden ein neues Modell ausprobieren, aber es ist zu früh, die Einzelheiten öffentlich zu diskutieren. Das würde die Konsensfindung erschweren. 

 

Herr Halfwassen, glauben Sie, mit dieser Ministerin wird es eine vernünftige Antwort auf das Urteil des Verfassungsgerichtshofes geben?

 

Halfwassen: Auch wenn wir uns bei der Akkreditierung nicht einig werden: Insgesamt finde ich, dass Frau Bauer konstruktiv mit dem Urteil umgeht. Das macht Hoffnung.

 

Eine kürzere Version dieses Streitgesprächs erschien gestern in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.


Fotos: Heinrich-Böll-Stiftung: "Theresia Bauer", CC BY-SA 2.0/Marsilius-Kolleg der Universität Heidelberg, www.marsilius-kolleg.uni-heidelberg.de

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Unter uns

Privatschulen sollen offen für alle sein, so schreibt es die Verfassung vor. Die Realität sieht anders aus.

SCHON IHRE ERSTE Studie hatte Aufsehen erregt. Im November berichteten Forscher des Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), dass die Privatschulen in Deutschland sich systematisch abschotteten durch teilweise exorbitante Schulgelder – und dass die Bundesländer sie gewähren ließen. Jetzt haben die Wissenschaftler die Fortsetzung ihrer Recherche veröffentlicht – und die Ergebnisse dürften die Politik noch stärker unter Druck setzen.

 

Dass es ein Problem mit dem Zugang zu vielen Privatschulen gibt, wissen die Kultusministerien schon lange. Vor 25 Jahren betonte das Bundesverfassungsgericht in einer viel beachteten Entscheidung, das im Grundgesetz-Artikel 7 enthaltene "Sonderungsverbot" sei von Schulen in freier Trägerschaft "strikt" zu beachten. Denn die Verfassung garantiert zwar die Freiheit, private Schulen einzurichten und als so genannte "Ersatzschulen" zu unterhalten. Doch dürfen die dürfen nur genehmigt werden, wenn an ihnen »eine Sonderung der Schüler nach den Besitzverhältnissen der Eltern nicht gefördert wird«. Soll heißen: Die Schulen dürfen sich ihre Schüler nicht einfach nach dem Geldbeutel aussuchen. Im Gegenzug übernimmt der Staat nach einer Probephase von bis zu drei Jahren rund zwei Drittel der Schulkosten. Für den Rest müssen die privaten Träger selbst aufkommen. 

 

Die Durchsetzung des Sonderungsverbots liegt in der Verantwortung der Länder, doch haben laut WZB nur vier Länder überhaupt eine über die Verfassung hinausgehende Regelung in ihren Gesetzen verankert. Berlin hat zwar Regelungen, doch, wie Michael Wrase, Laura Jung und Marcel Helbig in ihrem so genannten "Discussion Paper" schreiben, seien diese rechtswidrig und damit unverbindlich. Außerdem würden sie "zum überwiegenden Teil nicht eingehalten". Dann werden die Autoren konkret: Von den 94 untersuchten privaten Grundschulen in Berlin halten 51 die Vorgaben zur Höhe des Schulgeldes nicht ein, von den 67 weiterführenden Schulen der Klassen sieben bis zehn verstoßen 38 gegen die Regeln – und gegen die Verfassung. Die Forscher bilanzieren: "Wir haben es in diesem Fall mit einem Kontrollversagen seitens der Berliner Senatsverwaltung zu tun.“

 

Die wichtigste Vorgabe des Senats besteht darin, dass  das Schulgeld für Eltern der untersten Einkommensgruppe nicht höher als 100 Euro im Monat liegen darf. Ein Betrag, den die Forscher bereits für zu hoch halten, jedoch für ihre Untersuchung als Schwelle angesetzt haben. 

 

Brisant ist außerdem, dass dem WZB zufolge der Anteil derjenigen Schüler, deren Familien von der Zuzahlung für die Lernmittel befreit sind, an den privaten Schulen im Vergleich zu den staatlichen „verschwindend gering“ ist und besonders niedrig an jenen 18 Berliner Privatschulen, die mit mehr als 200 Euro Mindestschulgeld „eklatant“ gegen die Senatsvorgaben verstießen. In konkreten Zahlen: An den privaten Grundschulen insgesamt sind 7 Prozent der Schüler „lernmittelbefreit“ und an den besonders teuren nur 1,7 Prozent – wohingegen der Berliner Schnitt bei 36,4 Prozent liegt.  

 

Die Privatschulen kritisieren, dass das WZB ihnen die Studie bislang nicht zur Kenntnis gegeben habe. Grundsätzlich gelte: „Wir schmeißen keine Kinder raus, wenn ihre Eltern den Schulbeitrag nicht zahlen können“, sagt Andreas Wegener vom Berliner Landesverband des Verbandes Deutscher Privatschulen. Viele Schulen würden Kinder „finanzblind“ aufnehmen. „Wir gucken nicht auf die Herkunft, wir kümmern uns um jedes Kind, das zu uns kommt.“

 

Mehr zum Thema Schulgelder können Sie heute in meinem Artikel in der ZEIT lesen. Dort berichte ich auch, wie der Berliner Bildungssstaatssekretär Mark Rackles auf die WZB-Ergebnisse reagierte und warum Baden-Württemberg laut den Forschern ein Vorbild für andere Bundesländer sein könnte. Sie finden den Artikel hier.

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"Großartig" nicht, aber doch bemerkenswert

Internationalisiert sich Deutschlands Wissenschaft wirklich so dynamisch, wie die Politik es behauptet? Ein Blick ins Kleingedruckte der heute veröffentlichten Studie "Wissenschaft weltoffen".

Screenshot von www.wissenschaftweltoffen.de
Screenshot von www.wissenschaftweltoffen.de

ERSTMALS STUDIEREN MEHR als 350.000 Menschen mit ausländischem Pass in Deutschland. Damit werde die von Hochschulen und Politik für 2020 gesteckte Zielmarke schon jetzt übertroffen, berichten Bundesforschungsministerium und Deutscher Akademischer Austauschdienst (DAAD) anlässlich der heute erschienenen Jahresstudie „Wissenschaft weltoffen“ – und nutzen die Gelegenheit gleich für ein wenig Eigenlob. „Das ist ein großartiger Erfolg unserer Internationalisierungsbestrebungen und spricht für die Qualität und Attraktivität unseres Wissenschaftssystems und unserer Mobilitätsangebote“, sagte Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU).

 

Angesichts der tatsächlich erstaunlich guten Zahlen sei es ihr gegönnt: Selbst der von Berufs (Oppositions) wegen kritische grüne Bildungspolitikexperte Kai Gehring zog sich in seiner ersten Reaktion auf Gemeinplätze zurück. „Internationalisierung ist kein Selbstläufer“, erklärte er.

 

Bei aller Freude ist als zweite Reaktion indes ein differenzierterer Blick angebracht. Der fängt schon bei der Zahl 357.800 an, der heute offiziell vom Statistischen Bundesamt vermeldeten Zahl der ausländischen Studenten im Jahr 2017. Sie beinhaltet auch die so genannten Bildungsinländer, also Absolventen deutscher Schulen, die hier dauerhaft leben. Die Studie "Wissenschaft weltoffen" selbst, die jedes Jahr von den Forschern der Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) erstellt wird, führt einen zweiten, korrekteren Begriff an: die internationalen Studenten in Deutschland. Von denen gab es 2014, dem Jahr mit den aktuellsten Zahlen, knapp 219.000 – gegenüber 196.600 2013. 

 

Der Zuwachs von einem Jahr aufs andere ist mit gut 11 Prozent zwar beachtlich, doch der Vergleich mit den anderen vier der fünf größten Gastländer fällt dann doch ernüchternd aus: Die USA kamen 2014 auf 842.384 internationale Studenten, fast 60.000 (!) mehr als im Vorjahr, Großbritannien steigerte sich von bereits erstaunlichen 416.700 auf 428.700, Australien, das nur ein gutes Viertel der deutschen Bevölkerung hat, dafür aber für sein offensives Studentenmarketing bekannt ist, erhöhte binnen Jahresfrist von 249.900 auf 266.000. In Frankreich schließlich fiel das Wachstum mit nur gut 6500 Studenten geringer aus, aber mit 235.000 internationalen Studenten liegt unser Nachbar immer noch vor Deutschland.

 

Aufschlussreich ist auch der Vergleich bei den Doktoranden. Gerade die deutschen Forschungsorganisationen brüsten sich gern für ihren hohen Ausländeranteil, doch im Vergleich der Top 5 ist die deutsche Quote mit Abstand die niedrigste. Deutschland zählte 2013 23.600 internationale Doktoranden an Hochschulen und Wissenschaftseinrichtungen, was einem Anteil von 21 Prozent entsprach (insofern man angesichts der immer noch wenig verlässlichen deutschen Doktorandenstatistik überhaupt einen aussagekräftigen Prozentsatz berechnen kann). Die USA kamen auf 117.800 und 32,4 Prozent, Australien auf 27.800 und 33 Prozent. Großbritannien verblüfft erneut: 45.100 und 41,4 Prozent. Und auch Frankreichs Wissenschaftseinrichtungen hängen in Sachen Internationalität die deutschen ab: 27.80 internationale Doktoranden (39,9 Prozent).

 

Immerhin zeigt der Trend in Deutschland erneut deutlich nach oben: Während in den USA  die Zahl der internationalen Doktoranden von 2013 auf 2014 sogar um 3000 zurückging und in Frankreich (-300) stagnierte, erhöhte sie sich in Deutschland immerhin um fast 1000, stärker als in Australien (+850). Einsame Spitze war allerdings erneut Großbritannien mit einem Zuwachs von 2200 internationalen Doktoranden. 

 

Werfen wir noch einen Blick auf den internationalen Wissenschaftleraustausch. Vergangenes Jahr gab es bei der Pressekonferenz zu „Wissenschaft weltoffen“ ein wenig Verwirrung und schwammige Antworten auf die Frage, ob es in Deutschland denn nun wirklich keinen Braindrain mehr gebe. Auch dieses Jahr heißt es in der DZHW-Studie, Deutschland habe eine „eher ausgeglichene Bilanz“.

 

Konkret zeugen die verfügbaren Statistiken allerdings höchstens von einer stark roten 0. So hat sich das DZHW die Gruppe der international mobilen Autoren wissenschaftlicher Publikationen angeschaut und berichtet für 2014 folgende Zahlen: Während 38.600 publizierende Wissenschaftler neu nach Deutschland kamen, verließen 44.500 die Bundesrepublik. Womit 46 Einreisenden 54 Ausreisende gegenüberstanden. Das Verhältnis in den anderen Top5-Ländern zeigt, dass die USA zwar absolut 9500 publizierende Wissenschaftler hinzugewannen, das Verhältnis Einreisende versus Ausreisende relativ gesehen jedoch mit 52 zu 48 nahezu ausgeglichen war. Deutlich mehr Brain-Gain erlebten Großbritannien mit 54 Einreisenden auf 46 Ausreisende und Australien mit sogar 57 Einreisende auf 43 Ausreisende. 

 

Dass die deutschen Zahlen indes so schlecht nicht sind, zeigt der Vergleich mit dem einzigen anderen europäischen und nicht-englischsprachigen Land: Frankreich verlor 2014 netto 6700 Wissenschaftler, auf 43 Einreisende kamen 57 Ausreisende. 

 

Und wie geht es weiter? Das DZHW zitiert eine aktuelle Prognose des British Council zur Studienmobilität, demzufolge die USA, Großbritannien und Australien auch 2025 noch die wichtigsten drei Gastländer sein werden – gefolgt von Deutschland und Kanada. Frankreich fällt zurück. 

 

Wie Kai Gehring sagte: Internationalisierung ist kein Selbstläufer. Aber Deutschland schlägt sich, wenn auch nicht „großartig“, so doch bemerkenswert gut angesichts starker Konkurrenz. Spannend wird es, wenn erst die Folgen von Trumps Wissenschaftspolitik in den Daten sichtbar werden. 

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Beauty statt Bildung

Warum private Investoren Bildungs-Startups meiden. Ein Gastbeitrag von Ulrich Schmid.

Foto: Screenshot von www.iversity.org/de
Foto: Screenshot von www.iversity.org/de

UNTER DEN 64 STARTUPS, an denen die Holtzbrinck Ventures – einer der größeren deutschen Finanzinvestoren – aktuell Anteile hält, befindet sich mit „Lecturio“ genau ein Unternehmen aus der Bildungsbranche. Demgegenüber stehen etwa zehn Beauty- und Fashion-Startups. Der Rest: Shopping, eBusiness, Sport, Reisen. Der zweite große deutsche Risikokapitalgeber bmp zählt sogar kein einziges „EdTech“- Unternehmen zu seinen rund 90 Investments. Und auch beim zur Deutschen Telekom gehörenden „Hub:Raum“ läuft der Bereich Education unter ferner liefen: Von 16 finanzierten Jungunternehmen kann allenfalls „Blinkist“ im weiteren Sinn zum Thema Wissen und Bildung gezählt werden. 

 

Dabei war eine andere Telekom-Tochter namens „T-Ventures“ noch vor wenigen Jahren ein echter Impulsgeber im Bildungsbereich: 2015 engagierte sie sich mit hohen Millionenbeträgen für „Iversity“, eines der vielversprechendsten deutschen Bildungs-Startups, das den erfolgreichen US-amerikanischen MOOC-Plattformen (zum Beispiel Coursera) Konkurrenz machen wollte. Allerdings stellte T-Ventures schon Ende 2016 die Unterstützung ein, auch bmp winkte ab, so dass Iversity erst in die Insolvenz rutschte und dann von Holtzbrinck übernommen wurde – mit der Folge einer Neu-Ausrichtung auf den sogenannten Corporate-Markt, also die berufliche Weiterbildung. 

 

Das Ergebnis: Laut dem „Deutschen Startup Monitor“ von 2016 lassen sich hierzulande nur rund 4 Prozent der Venture-Capital-Investitionen noch dem Bildungssektor zuordnen, im Rest Europas ist der Anteil ähnlich gering. Doch während deutsche und europäische Geldgeber Bildungs-Startups meiden, ziehen die Investitionen in eLearning anderswo spürbar an. Weltweit wurden im vergangenen Jahr über 400 Investments in „EdTech“-Startups gezählt, mit einem Volumen von 2,2 Milliarden US-Dollar. Dabei nehmen gerade große Investitionen (von mehr als 50 Milllionen Dollar) sprunghaft zu, so eine 2016 veröffentlichte Untersuchung von Ambient Insights. All das Geld konzentriert sich jedoch auf Unternehmen in den USA und Indien, gefolgt von China und Großbritannien. Ein Trend, der sich auch in den jüngsten Akquisitionen der Bertelsmann Education Group widerspiegelt, die vor zwei Jahren einen führenden US-amerikanischen Bildungsanbieter für den Gesundheitsmarkt übernahm („Relias Learning“) und sich zudem am Silicon Valley Bildungs-Senkrechtstarter „Udacity“ beteiligte. Die Übernahme des Video-Lecture-Anbieters „Lynda.com“ durch LinkedIn für geschätzte 1,5 Milliarden Dollar belegt ebenfalls eindrucksvoll das geschäftliche Potenzial von „Education“ im globalen Rahmen. Nur hierzulande scheuen Risiko-Kapitalgeber vor Beteiligungen an Bildungsunternehmen zurück. 

 

Wie kann das sein – angesichts des enormen digitalen Innovationspotenzials und eines Marktvolumens, das von der Bertelsmann-Stiftung auf fünf Prozent des deutschen Bruttoinlandsproduktes geschätzt wird? Fehlen hierzulande die „smarten Lösungen“ und „disruptiven“ Gründungsideen, oder verkennen die deutschen Kapitalgeber schlicht die Potenziale der „EdTech“? Vier Antwortversuche:

 

Erstens: Der deutsche Bildungsmarkt ist kein (einfacher) Markt, jedenfalls nicht im schulischen und akademischen Bereich. Bildung wird als „öffentliches Gut“ betrachtet, das kostenlos zu sein hat und staatlich scharf reguliert wird. Entsprechend hoch sind die Eintrittshürden für neue Anbieter und Angebote im schulischen und hochschulischen Segment. Selbst inzwischen etablierte Jung-Unternehmen im schulischen Nachmittagsmarkt, wie „Sofatutor“ oder „Scoyo“, können davon ein Lied singen. Im deutschen Hochschulbereich konnte sich bisher kein einziges nennenswertes Bildungs-Startup etablieren. Vielleicht schafft das ja „qLearning“, das – unter anderem finanziert von der IBB Beteiligungsgesellschaft – ein mobiles Angebot für die Klausurvorbereitung in den Markt bringen möchte. Offener ist hingegen die Ausgangssituation in der beruflichen Weiterbildung: Dies belegt beispielsweise die Neugründung „Carreerfoundry“, die seit einiger Zeit mit großem Erfolg hochwertige Online-Kurse rund um neue Qualifikationsthemen anbietet.

 

Zweitens sind im deutschen Sprachraum – verglichen mit der englischsprachigen Welt – keine allzu großen Skaleneffekte zu erwarten. So können beispielsweise deutschsprachige Video-Tutorials oder Test-Apps allenfalls nach Österreich und in die Schweiz verkauft werden. Dazu kommen regulatorische und kulturelle Eigenheiten vieler Bildungsmärkte, was wiederum den Entwicklungs- und Vertriebsaufwand enorm ansteigen lässt. 

 

Drittens sind die Exit-Szenarien für die Investoren im Bildungsbereich relativ unattraktiv, sprich: Sie fürchten, ihr Geld nicht beizeiten wiederzubekommen. Eine berechtigte Sorge, nicht nur, weil deutsche Bildungs-Startups – zumindest verglichen etwa mit Shopping-Apps– nur selten ähnlich traumhafte Wachstumshoffnungen wecken. Sondern auch, weil selbst für den Fall, dass hohe Umsatzziele erreicht wurden, die Anzahl potenter Bildungsunternehmen, die später als Käufer in Frage kommen, hierzulande überschaubar ist. 

 

Zusammengenommen führt dies viertens dazu, dass junge Gründer aus Deutschland lieber einen ultimativen neuen Beauty-Guide für junge Frauen als eine adaptive Sprachenlern-App für Grundschüler entwickeln. 

 

Doch wie kommt so Innovation ins Bildungssystem? Bleibt das am Ende allein den amerikanischen oder indischen Startups überlassen? Kritik an den deutschen Gründern oder Venture Capital Firmen greift jedenfalls zu kurz, leben diese doch davon, dass mindestens eins von zehn ihrer Investments irgendwann abhebt. Anzusetzen wäre vielmehr an den politisch-regulatorischen Rahmenbedingungen des staatlichen Bildungssystems, das sich stärker öffnen müsste für innovative Anbieter. Die von Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) in Aussicht gestellte Förder-Milliarden für die digitale Schul-Ausstattung könnte hier vielleicht eine neue Ausgangslage schaffen, strukturell wird sich der Markt dadurch jedoch nicht verändern. So ruht die Hoffnung der Startups auf der überwiegend privat organisierten (beruflichen) Weiterbildung, die mit immerhin 27 Milliarden Marktvolumen nur unwesentlich kleiner ist als der Hochschulbereich. Hier locken nicht nur erhebliche geschäftliche Potenziale, sondern vor allem ein rasch wachsender Bedarf nach neuen, intelligenten Bildungsformaten – jenseits traditioneller Schulungsanbieter. Also: Wo ist das digitale Bildungs-Startup aus Deutschland, das die berufliche Weiterbildung neu denkt und Uber-like „auf links dreht“? 

 

Ulrich Schmid hat Politikwissenschaft und Medienberatung studiert und ist Geschäftsführer des mmb Institut – Gesellschaft für Medien- und Kompetenzforschung mbH. 

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Ungewöhnliche Post aus Stuttgart

KMK-Präsidentin Eisenmann schreibt an Bundesbildungsministerin Wanka und fordert eine klare Ansage zur Zukunft des Digitalpakts

Susanne Eisenmann (links), Johanna Wanka. Foto-Credits: siehe unten

DER BRIEF BEGINNT ausgesprochen freundlich. Sie wolle der "lieben Frau Prof. Wanka" ganz persönlich danken "für die guten, konstruktiven und erfolgreichen Arbeiten an den Eckpunkten des Digitalpaktes Schule", schreibt Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann der Bundesbildungsministerin. Dann jedoch wird die diesjährige Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK) drängender im Ton. Sie bitte um einen Hinweis, wann genau Wanka die Anfang Juni ausgefallene gemeinsame Verabschiedung nachzuholen gedenke. Solange die ausstehe, sehe sie "für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unserer Häuser keine Grundlage für in die Tiefe gehende Erörterungen".

 

Vor zwei Wochen hatte bereits Hamburgs Schulsenator Ties Rabe in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (leider nicht online) Wanka vorgeworfen, sie zeige keinerlei Bemühungen, den versäumten Termin nachzuholen. "Wir sagen hier sehr klar, dass Frau Wanka ihr Wort nicht hält und das Geld nicht hat und dass der Digitalpakt womöglich platzt", gab der SPD-Politiker zu Protokoll. 

 

Dass jetzt sogar eine CDU-Kultusministerin bei einer CDU-Bundesministerin per offiziellem Schreiben um Auskunft nachsucht, hat Seltenheitswert und belegt, wie verstopft die informellen Kommunikationskanäle zwischen KMK und Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) mittlerweile sind. Bei den 16 Kultusministern herrscht unabhängig von ihrer politischen Zugehörigkeit Verwirrung über Wankas Verhandlungsführung in Sachen Digitalpakt, dem von ihr im Oktober mit viel Getöse angekündigten Fünf-Milliarden-Paket für die Digitalisierung der Schulen. "Verwirrung ist zu wenig, Irritation ist das passende Wort", sagt ein Minister. 

 

So, wie die Länderminister es darstellen, habe es vor der für den 1. Juni angesetzten abschließenden Spitzenrunde bereits eine Verständigung bei allen noch strittigen Fragen gegeben. Sogar die gemeinsame Pressemitteilung, die dies verkünden sollte, sei vor der kurzfristigen Absage des Termins durchs BMBF bereits zwischen KMK und Bundesbildungsministerium abgestimmt gewesen. >>



>> Ihre Abwesenheit am 1. Juni hatte Wanka damit begründet, sie sei bei deutsch-chinesischen Regierungsgesprächen unabkömmlich. An ihrer Stelle sollte Staatssekretärin Cornelia Quennet-Thielen zum KMK-Treffen nach Stuttgart kommen, doch am Vorabend kam das Signal aus dem Bundesbildungsministerium: Die Staatssekretärin ist krank, wir müssen Verabschiedung und die gemeinsame Pressekonferenz absagen. 

 

Sie und Quennet-Thielen seien die alleinigen Verhandlungsführerinnen, erklärte Wanka, deshalb sei es ja wohl selbstverständlich, dass zumindest eine von ihnen beiden auch bei der abschließenden Beschlussfassung dabei sein und diese umgekehrt verschoben werden müsse, wenn sie beide verhindert seien. Insofern liege auch ein Ergebnis der Verhandlungen erst vor, "wenn der Bund solche Eckpunkte gemeinsam mit den Länderministerinnen und -ministern erörtert und beschlossen hat." 

 

Die doppelte Absage ohne Ersatz empfanden die 16 Kultusminister jedoch als Missachtung der KMK und entschieden deshalb, die Sache trotzdem durchzuziehen. Mit einem unilateralen Bekenntnis zu den ausgehandelten Eckpunkten und ihrer gleichzeitigen Veröffentlichung. Was wiederum Wanka verärgerte. Seitdem: Funkstille. Und täglich neue Gerüchte unter den Kultusministern: Hat Wanka das Fünf-Milliarden-Paket doch nicht richtig mit Finanzminister Wolfgang Schäuble abgesprochen, woraufhin er sie im letzten Moment stoppte? "Es ist einfach nicht überzeugend, dass dem BMBF bei einer Ministerin und vier Staatssekretären das Personal ausgeht, nur weil Wanka und Quennet-Thielen nicht können", heißt es aus der KMK. Und ebenfalls sei unverständlich, warum die Ministerin den Termin danach nicht schleunigst nachholen wolle – weshalb Susanne Eisenmann ihren Brief abschickte.

 

Den Brief der KMK-Präsidentin, der vergangenen Dienstagabend im BMBF einging, will die Bundesministerin nicht offiziell kommentieren. Noch am Dienstagnachmittag hatte sie aber bei einer Konferenz der Arbeitgeber bekräftigt, die Verhandlungen um den Digitalpakt befänden sich auf einem guten Weg und der Bund bekenne sich zu den gemeinsamen Plänen. 

 

Die Zeit wird knapp: Das nahende Ende der Legislaturperiode war schon der Grund, weswegen Bund und Länder nur noch ein Eckpunkte-Papier und nicht gleich die Bund-Länder-Vereinbarung in Angriff genommen haben. Doch selbst die Eckpunkte drohen nun, Gegenstand von Wahlkampfdebatten zu werden. Verhindern würde das den Digitalpakt wohl nicht, doch er würde sich verzögern. Eigentlich ist der Abschluss der Vereinbarung noch für dieses Jahr vorgesehen, damit die Gelder möglichst schnell fließen können.  

 

Sie hoffe sehr, dass es bei dem Zeitplan bleibe, schreibt Eisenmann. Im Übrigen stünden die Länder zu den Zielen und zu dem eingeschlagenen Weg, die im Dezember verabschiedete KMK-Strategie zur "Bildung in der digitalen Welt" und die Bildungsoffensive des Bundes "zu einem Digitalpakt Schule von Bund und Ländern zusammenzuführen". Was fast wortwörtlich dem entspricht, was Wanka am Dienstag vor den Arbeitgebern sagte. Jetzt müssen sich die beiden nur noch treffen. 

 

Fotos: Landeshauptstadt Stuttgart: "Kultur als Schlüssel der Stadtentwicklung", CC BY-NC 2.0/ Worldskills: "WSC2013_press_mi065", CC BY-NC-NC 2.0


Warum ich glaube, dass der Digitalpakt Schule trotz der Querelen kommen wird, habe ich in meinem Kommentar vor gut zwei Wochen aufgeschrieben. Dort können Sie auch einen Vorschlag nachlesen, wie sich ein solches Verhandlungsdurcheinander künftig vermeiden ließe. 

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Erwin Böttinger muss früher gehen

Bund und Land setzen MDC-Chef Lohse als Interim-Vorstandssprecher des Berliner Instituts für Gesundheitsforschung ein. Sie wollen damit ein Signal senden: Entschlossenheit.

ERWIN BÖTTINGER, DER Noch-Vorstandschef des Berliner Instituts für Gesundheitsforschung (BIG), hat eigentlich erst zu Ende Dezember gekündigt, doch jetzt machen Bund und Land Tempo: In einer gemeinsamen Pressemitteilung haben sie gestern Abend mitgeteilt, dass Böttinger schon zu Ende Juli abberufen werden soll. Der Aufsichtsrat unter Vorsitz von BMBF-Staatssekretär Georg Schütte beschloss außerdem, Martin Lohse zum Vorstandssprecher auf Zeit zu ernennen. Lohse ist Chef des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft. Der Tagesspiegel berichtet, "nach einem noch unbestimmten Zeitraum" solle die Sprecherfunktion dann an Karl Max Einhäupl, den Vorstandsvorsitzenden des zweiten BIG-Partners Charité, übergehen.  Bis zum Antritt des Nachfolgers von Böttinger könnten ein bis zwei Jahre vergehen.

 

Falls es den denn in der Form überhaupt geben wird. Denn auch wenn Bund und Land sich in ihrer Pressemitteilung ausdrücklich zu der auch von Böttinger vorangetriebenen  „BIG-Strategie 2026“ bekennen, werden nach der Bundestagswahl im September umfangreiche, auch organisatorische, Veränderungen beim Institut erwartet. Dass der Aufsichtsrat zugleich von einer "Weiterentwicklung" der Strategie spricht, kann als Hinweis auf diese Pläne verstanden werden. Verschiedenste Optionen werden diskutiert. Denkbar wäre zum Beispiel, so ist zu hören, dass das bundesfinanzierte BIG als Abteilung in die landeseigene Charité eingegliedert werde. 

 

Es sei allen Beteiligten "ein besonderes Anliegen, die Verbindung zwischen Charité und MDC weiter zu stärken", sagte Interim-Vorstandssprecher Lohse am Freitag. Das BIH sei als "Brücke" gedacht, die eine noch engere Zusammenarbeit ermögliche und so neue Perspektiven für die translationale Forschung schaffte. Eine Brücke zwischen Charité und MDC? Oder die Gelegenheit für beide, aus der BIG-Führungskrise Kapital zu schlagen und das Institut jetzt ganz ohne Störungen nach Belieben steuern zu können?

 

Ohne hauptberuflichen Vorstandschef wird das BIG seine Eigenständigkeit, unabhängig von den dann anstehenden Umstrukturierungen, in den nächsten Monaten erstmal behaupten müssen. Die am Institut anstehenden zahlreichen Berufungsverfahren für alle ausgeschriebenen "BIG-Schlüsselprofessuren (BIG- Chairs)" sollen jedenfalls weiterlaufen, bei den Berufungsgesprächen wird Nobelpreisträger Thomas Südhof den Vorstand unterstützen – und soll nebenher sicherlich auch ein Gegengewicht zu MDC und Charité schaffen.

 

Südhof sitzt bislang nicht nur im wissenschaftlichen Beirat des BIG; er bildet auch mit zwei Wissenschaftlerkollegen die Expertengruppe, die Böttinger Ende Mai zur Seite gestellt worden war – was viele als vorzeitige Entmachtung des offenbar wechselwilligen Vorstandschefs gewertet hatten.   

 

Südhofs beständig wachsende Bedeutung fürs BIG ist nicht frei von Ironie, hatte es doch nach seiner Berufung ans Institut als "Visiting Fellow" 2014 zunächst Kritik gegeben, es handle sich um eine Luftnummer, der Mann werde bestenfalls ein paar Mal im Jahr nach Berlin kommen. "Medizin-Nobelpreisträger forscht wieder in Deutschland", hieß es damals vollmundig in der Pressemitteilung des BMBF, Südhof solle mit dem Charité-Forscher und Exzellenzcluster-Sprecher Christian Rosenmund ein gemeinsames Projekt aufbauen, "das sich der Frage widmet, wie Nervenzellen im Gehirn miteinander kommunizieren". Drei Jahre später steht fest: Südhof ist mehr vor Ort, als er es vermutlich selbst je erwartet hätte. So richtig zum Forschen indes dürfte er erstmal nicht kommen.

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Das nächste Mal muss es anders laufen

Der Fall Nestler hat gezeigt: Die Wissenschaft braucht einen Kodex für den Umgang mit anonymen Anschuldigungen. Eine Replik von Peter Gumbsch.

AM DIENSTAG HAT Britta Nestler verspätet ihren Leibniz-Preis verliehen bekommen, nachdem die gegen sie erhobenen Anschuldigungen sich als haltlos erwiesen hatten. Die Schlussfolgerung in Ihrem Kommentar "Der bittere Preis der Integrität" kann ich gut nachvollziehen und will auch nicht grundsätzlich widersprechen. Ich glaube aber, dass Sie nicht weit genug gehen.

 

In meinen Augen müssen wir uns im Wissenschaftssystem, das völlig zu Recht anonyme Anschuldigungen aufnimmt und diesen sorgfältig nachgeht, dennoch Gedanken über die Wehrhaftigkeit des Systems machen. Dies beginnt damit, dass wir überprüfen müssen, wie und wann wir einen solchermaßen anonym geäußerten Verdacht in die Öffentlichkeit tragen. Während wir dem Schutz der Anonymität des Whistle-Blowers zu Recht höchsten Wert beimessen, schützen wir Beschuldigte nicht.

 

Uns fehlt hier zum Beispiel eine klar definierte Unschuldsvermutung. Wir verkehren diese sogar ins Gegenteil. Faktisch wird im Umgang mit der Anschuldigung und mit der Veröffentlichung, dass es eine solche gibt, die Beweislast sofort faktisch und öffentlich (!) auf die Beschuldigte gewälzt. Das müsste nicht sein.

 

Ebenso fehlt es im System an einer Möglichkeit, angemessen zu reagieren, sollten Anschuldigungen eben doch in böser Absicht geäußert werden. Wir sind nicht einmal in der Lage, diese Boshaftigkeit irgendwie zu untersuchen, geschweige denn ihr Einhalt zu gebieten.

 

Auch wenn wir davon zum Glück noch weit entfernt sind, hier über ein Massenphänomen zu diskutieren, sollten wir uns dennoch mit der Frage auseinandersetzen, wie wir böswilligen Anschuldigungen systemisch und systematisch begegnen können. Diese schädigen ja nicht "nur" die Einzelne, sondern die Wissenschaft als Ganzes.

 

Ich habe keine Patentrezepte. Doch ein solche Überlegungen berücksichtigender Kodex zum Umgang mit anonymen Anschuldigungen, der über den Schutz der Anonymität hinausgeht und auch den Schutz der Beschuldigten berücksichtigt, könnte einen Ansatzpunkt darstellen. Ein solcher Kodex könnte zum Beispiel festschreiben, wann der Eingang einer Anschuldigung und dessen Untersuchung öffentlich gemacht werden soll. Dann hätte der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) beim nächsten Mal vielleicht die "Pflicht", einen Fall erst dann öffentlich zu machen, wenn der Verdacht sich erhärtet und eine wissenschaftliche Kommission mit der Untersuchung betraut wird.

 

Ebenso müsste man überlegen, wie denn nach der Feststellung, dass Anschuldigungen unhaltbar sind, überhaupt geprüft werden könnte, ob diese in böser Absicht erhoben wurden.

 

Ich finde, dass wir es uns hier zu einfach machen und uns zu wenig davor schützen, Schaden vom Einzelnen und der Wissenschaft als Ganzes abzuhalten.

 

Peter Gumbsch leitet das Fraunhofer-Institut für Werkstoffmechanik IWM in Freiburg und ist Kollege von Britta Nestler am Karlsruher Institut für Technologie (KIT).

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Weiter ja, aber anders

Wenn der Hochschulpakt endet, ist die Gelegenheit da, die Bundesförderung der Hochschulen an den neuen Realitäten auszurichten. Ein Gastbeitrag von Michael Kretschmer.

Michael Kretschmer. Foto: Jan Kopetzky
Michael Kretschmer. Foto: Jan Kopetzky

BESONDERE HERAUSFORDERUNGEN VERLANGEN besondere Lösungen. Mit dem Aussetzen der Wehrpflicht in Deutschland im Jahr 2011 und der Entscheidung fast aller Bundesländer, den Wechsel zum achtjährigen Gymnasium zu vollziehen, standen die Hochschulen vor einer für sie fast unlösbaren Aufgabe. Wie sollten sie den zu erwartenden Bewerberansturm bewältigen? 

 

Bund und Länder stellen mit dem Hochschulpakt 2020 im Zeitraum von 2007 bis 2023 gemeinsam 38,5 Milliarden Euro für den Ausbau der Kapazitäten an den Universitäten und Hochschulen bereit. Bei der Verabschiedung der ersten Programmphase (2007 bis 2010) gingen viele Beteiligte noch von einer temporären Aufgabe aus. Seit Beginn des Hochschulpakts im Jahr 2007 sind rund 763.000 zusätzliche Studienplätze finanziert worden. Mit dieser finanziellen Kraftanstrengung ist es der Politik gelungen, deutlich mehr jungen Menschen die Möglichkeit eines Studiums zu eröffnen als dies ohne den Hochschulpakt der Fall gewesen wäre. Inzwischen hat allein der Bund 20,2 Milliarden Euro bis zum Jahr 2023 zugesagt, und es hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass sich die Zahl der Studierenden auf einem hohen Niveau stabilisieren wird. 

 

Deshalb ist die im Beitrag von Joybrato Mukherjee gestellte Frage berechtigt, wie es nach dem Auslaufen der inzwischen dritten Phase des Hochschulpakts weitergehen soll. Für die Hochschulen, das Herzstück des deutschen Wissenschaftssystems, sind die zeitlich befristeten Bundesmittel eine feste Planungsgröße geworden. CDU und CSU stehen als verlässlicher Partner an der Seite der Hochschulen und streben nach dem Auslaufen des Hochschulpaktes an, das finanzielle Volumen weiter im System zu halten.

 

Gleichwohl kann es kein einfaches Fortschreiben geben. Notwendig ist eine Ausrichtung an den neuen Realitäten. Dabei geht es darum, die Hochschulen bei einer Erhöhung der Qualität der Lehre, einer verstärkten Kompetenzorientierung im Studium und einer Verbesserung der Berufschancen der Absolventen zu unterstützen. Welche Schritte muss die Wissenschaftspolitik hierfür unternehmen? 

 

Mit der „Bologna-Reform“ wurden europaweit gemeinsame Regeln für Abschlüsse und die länderübergreifende Anerkennung akademischer Leistungen vereinbart. In Deutschland ist der strukturelle Reformprozess an den Hochschulen weitgehend abgeschlossen: Zum Wintersemester 2015/2016 waren 87,8 Prozent aller Studiengänge an Universitäten auf die gestufte Studienstruktur Bachelor und Master umgestellt. Der Anteil der Bachelor- und Masterprogramme an den Fachhochschulen liegt sogar bei 98,7 Prozent. 

 

Allerdings hat die gleichzeitig steigende Zahl der Studiengänge mit dazu geführt, dass Studierende und Arbeitgeber die Übersicht über das Studienangebot zu verlieren drohen. Inzwischen zählt die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) mehr als 18.000 verschiedene Studiengänge, etwa 10.000 mehr als vor Beginn des Bologna-Prozesses. Diese explosionsartige Zunahme ist nicht allein aus der Zweiteilung der früheren Diplom- und Magister-Studiengänge in Bachelor und Master zu erklären. Bis heute sind allein nochmals rund 1000 neue Fächer hinzugekommen. 

 

Wie ist dies möglich, wenn es doch in Deutschland für alle Studiengänge staatlich vorgegebene Kapazitätsberechnungen gibt? Die Antwort liegt auch im Finanzierungsmechanismus des Hochschulpaktes begründet: Die Finanzzuweisungen erfolgen auf Grundlage der Studienanfängerzahlen. Aus nachvollziehbaren Gründen versuchen die Hochschulen deshalb, möglichst viele Studierende an sich zu zu binden – auch durch immer neue, den vermeintlichen Moden folgende Studiengänge. 

 

Das Kriterium des Studienerfolgs blieb in der Finanzierungsstruktur des Hochschulpaktes lange unberücksichtigt, es gab dafür keine zusätzliche Finanzierung. Die Wissenschaftsminister von Bund und Ländern haben diesen Handlungsbedarf erkannt, und mittlerweile berücksichtigt der Pakt nicht mehr nur die Studienanfänger, sondern auch die Zahl derer, die ein Studium erfolgreich abschließen.

 

Als CDU und CSU wollen wir die Hochschulen dabei unterstützen, die Bedingungen in Forschung und Lehre insgesamt – also sowohl für Professoren und Lehrende als auch für die Studierenden – zu optimieren. Wir wollen dem Trend zu immer mehr Studiengängen, bei einem sich gleichzeitig verschlechternden Betreuungsverhältnis zwischen Professoren und Studierenden und einer alarmierend hohen Zahl von Studienabbrechern, wirkungsvoll entgegentreten.

 

Es bedarf weiterer politischer Kraftanstrengungen, um für alle jungen Menschen, die sich nach ihrem Abitur für eine akademische Ausbildung entscheiden, flächendeckend gute Studienbedingungen zu gewährleisten. Hierfür wird der Bund auch nach Auslaufen des Hochschulpakts im Jahr 2023 die Hochschulen im Rahmen seiner Zuständigkeiten finanziell unterstützen. Die frei werdenden Mittel werden wir schwerpunktmäßig dafür einsetzen, die Qualität in der Lehre substantiell zu verbessern. Dazu gehören neue Konzepte zur Nutzung digitaler Angebote im Hochschul- und Wissenschaftssystem. Gleichzeitig werden wir die Berufsorientierung signifikant ausbauen und die Kompetenzorientierung im Studium stärken.

 

Dies ist für mich eine zentrale Herausforderung in der neuen Wahlperiode: Wenn sich immer mehr junge Menschen für ein Studium entscheiden, dann muss akademische Bildung anders organisiert sein. Denn der überwiegende Teil der Absolventen an unseren Hochschulen strebt eine berufliche Tätigkeit außerhalb des Wissenschaftssystems an. Deshalb wollen wir verstärkt attraktive Ausbildungs- und Studienangebote für die jungen Menschen unterbreiten, für die nach dem Abitur ein wissenschaftlich geprägtes Studium an einer Universität nicht die erste Wahl ist. So entscheiden sich auch immer mehr Abiturienten für ein berufsorientiertes Studium an unseren Fachhochschulen. Dort profitieren sie von einer anwendungsorientierten Forschung und der engen, oft regional verankerten Zusammenarbeit mit der Wirtschaft. Das Erfolgsmodell Fachhochschule wollen wir genauso ausbauen wie das duale Studium, das durch die studienbegleitende Ausbildung und die guten Übernahmechancen in den beteiligten Unternehmen für viele Absolventen besonders attraktiv ist. 

 

Auf diese Herausforderungen muss unser Hochschulsystem ausgerichtet werden. Mit einer solchen Reform leisten wir einen entscheidenden Beitrag für die Sicherung von Zukunftschancen der jungen Generation und unseres Wohlstandes. Und die Voraussetzungen für eine solche Reform liegen vor: Wir haben mit dem neuen Länderfinanzausgleich ab dem Jahr 2020 eine neue finanzielle Grundlage für die Länder geschaffen. Der Bund hat an vielen Stellen finanzielle Verantwortung in einem Ausmaß übernommen, wie es das früher nicht gegeben hat. Nie zuvor hat eine Bundesregierung mehr Geld für Aufgaben zur Verfügung gestellt, die eigentlich Sache der Länder sind. Nun ist es an den Ländern, in ihrer Haushaltspolitik ebenfalls Prioritäten für Hochschulen und Wissenschaft zu setzen. Die Zukunft Deutschlands hängt nicht nur davon ab, ob der Bund sich hier engagiert. Das Geld des Bundes darf nicht das Geld der Länder ersetzen, sondern es muss zusätzlich etwas hinzukommen. Bei Bildung, Forschung und Innovation können wir nur gemeinsam erfolgreich sein.

 

Michael Kretschmer ist ist stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion.

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Der bittere Preis der Integrität

Britta Nestler hat gestern nachträglich den Leibniz-Preis verliehen bekommen. Die Vorwürfe gegen sie waren haltlos. Doch sie mussten untersucht werden.

DAS HAPPY END kann die Bitterkeit nicht beseitigen. Gestern Abend hat die Materialforscherin Britta Nestler den Leibniz-Preis erhalten – mit vier Monaten Verspätung.

 

Im März, unmittelbar vor der eigentlichen Preisverleihung, waren anonyme Vorwürfe laut geworden, Nestler habe sich eines wissenschaftlichen Fehlverhaltens schuldig gemacht. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hatte sich daraufhin entschieden, die Auszeichnung für die Karlsruher Forscherin zurückzuhalten und zunächst zu überprüfen, ob etwas an den Anschuldigungen dran war. Dass von den zehn gekürten Leibniz-Preisträgern des Jahres 2017 eine bei der Preisverleihung in Berlin fehlte, war eine seltene, eine niederschmetternde Szene.

 

Jetzt ist klar: Alle Vorwürfe gegen Nestler waren haltlos. Die DFG hat sie durch aufwändige Ermittlungen ausgeräumt und die Preisträgerin vollständig entlastet. Dass Nestler ihre Auszeichnung gestern Abend bei der Jahresversammlung der DFG in Halle verliehen bekam, in Gegenwart von Bundesforschungsministerin Johanna Wanka, Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff und der GWK-Vorsitzenden Eva-Quante-Brandt, ist ein Signal an die Preisträgerin, aber auch an die Forscher-Community insgesamt: Wir wollen es wieder gutmachen. Denn natürlich wissen alle Beteiligten: Nestler Reputation hat gelitten. Zu Unrecht, ja. Aber sie hat gelitten.

 

Hat die DFG deshalb die falsche Entscheidung getroffen im März? Hätte die Geschichte irgendwie anders ablaufen können und müssen?

 

Nein. Denn auch wenn die Vorwürfe sich als unzutreffend erwiesen haben, es gab sie, und sie mussten untersucht werden. Es ist gut, dass in Deutschland seit einiger Zeit eine größere Sensibilität herrscht gegenüber Plagiaten und anderen Formen der Täuschung durch Wissenschaftler. Die Laxheit und Indifferenz einiger Forscher und Wissenschaftseinrichtungen in den Jahren zuvor hatte nicht nur eine Reihe unschöner Skandale produziert, sie hat auch dem internationalen Ansehen der deutschen Wissenschaft Schaden zugefügt. Die daraufhin nicht zuletzt von der DFG aufgefrischten oder sogar neu entwickelten Standards und Prozeduren zur Sicherung der wissenschaftlichen Integrität haben sich als hilfreich und unverzichtbar erwiesen.

 

Nicht einmal die anonymen Anschuldigungen gegen Nestler müssen zwangsläufig aus Boshaftigkeit oder mit der Intention geäußert worden sein, ihr zu schaden. Das kann, muss aber nicht so gewesen sein. Es ist verständlich, dass die Preisträgerin, die am Karlsruher Institut für Technologie und an der Hochschule Karlsruhe arbeitet, sich eine Prüfung rechtlicher Konsequenzen vorbehält. Doch das bedeutet im Umkehrschluss nicht, dass anonyme Vorwürfe per se immer unberechtigt und von krimineller Energie geleitet sein müssen.

 

Persönlich muss die Angelegenheit für Nestler über Monate hinweg eine ungeheure emotionale Belastung gewesen sein. Sie war sich von Anfang an der ungeheuren Ungerechtigkeit bewusst und musste sie aushalten. Sie muss auch jetzt aushalten, dass trotz all der schönen Worte, die gestern Abend alle Festredner bei der DFG-Veranstaltung geäußert haben, die Geschichte nicht einfach vorbei ist. Was Nestler deshalb zu Recht erwartet: dass das System zu vergessen bereit ist. Dass es etwa in künftigen Zeitungsberichten über sie nicht immer heißt: Das war die Forscherin, die ihren Leibniz-Preis verspätet kam. 

 

Das Vergessen sollte heute anfangen. Was wir nicht vergessen sollten: Wissenschaftliche Integrität hat ihren Preis. Für die Wissenschaftseinrichtungen, die sie im Zweifel überprüfen sollen und müssen. Vor allem aber für diejenigen Forscher und Forscherinnen, die zu Unrecht verdächtigt werden. Dieser Preis muss bezahlt werden. Das aber macht ihn für die Betroffenen nicht erträglicher.

 

Peter Gumbsch, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Werkstoffmechanik IWM in Freiburg, hat eine Replik auf meinen Kommentar geschrieben. Sie finden Sie hier. 


Der Leibniz-Preis gilt als wichtigste Auszeichnung für Wissenschaftler in Deutschland. Die DFG vergibt ihn seit 1986, er ist mit jeweils etwa 2,5 Millionen Euro Preisgeld dotiert, das die rund zehn jährlich ausgezeichneten Forscher innerhalb von sieben Jahren nach ihren wissenschaftlichen Interessen verwenden dürfen, "ohne bürokratischen Aufwand", wie die DFG betont. Mehr Informationen zu Britta Nestler und ihrer Arbeit finden Sie hier.   

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Blamiert auch ohne Bildungstrichter

Die Hochschulen haben sich enorm geöffnet in den vergangenen zehn Jahren, das stimmt. Doch es kamen: vor allem noch mehr Bildungsbürgerkinder.

KAI GEHRING VERMUTETE Vertuschung. "BMBF beseitigt Beleg für Bildungsspaltung", twitterte der grüne Hochschulexperte. "Angst vor bad news?" Der "Beleg", den Gehring in der vergangene Woche erschienen Sozialerhebung vermisste, war der so genannte Bildungstrichter. Was er zeigt: Wie groß die Chance von Grundschulkindern ist, den Weg an die Hochschule zu schaffen. In der 20. Sozialerhebung von 2012 fiel er so aus: Haben die eigenen Eltern studiert, steigen die Aussichten auf ein Studium auf das Dreieinhalbfache.

 

Wie stark die Schieflage in der 21. ausgefallen wäre? Man kann es sich aus den vom Deutschen Studentenwerk veröffentlichten Daten zusammenreimen, doch die plakative Grafik fehlte. Methodische Gründe führt das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW), das die Studie durchgeführt hat, an und verspricht das Comeback des Trichters zu gegebener Zeit. Und Johanna Wanka (CDU), deren Ressort die Sozialerhebung finanziert? Beteuert, es habe keinen politischen Einfluss gegeben.

So sah der Bildungstrichter 2012 aus. Quelle: www.studentenwerke.de/de/content/mehr-chancengleichheit
So sah der Bildungstrichter 2012 aus. Quelle: www.studentenwerke.de/de/content/mehr-chancengleichheit

Die Blamage wird dadurch nicht kleiner. Eine Blamage, die keine allein der Ministerin oder der Bildungspolitik ist. Uns alle sollte es peinlich berühren, wenn trotz der vermeintlichen Total-Öffnung der Hochschulen in den vergangenen zehn Jahren mit fast einer Million zusätzlicher Studenten vor allem eine Gruppe profitiert hat: die Kinder der Bildungsbürger.

 

52 Prozent der Studierenden stammten 2016 aus Familien, in denen mindestens ein Elternteil studiert hat, nochmal zwei Prozentpunkte mehr als 2012. Immerhin!, könnte man jetzt sagen, bleibt doch fast die Hälfte Nicht-Akademikerkinder. Und man könnte hinzufügen: Ist ja auch logisch. Je mehr Leute studieren, desto mehr Akademikerkinder gibt es. Doch wer so denkt, hat es nicht kapiert. Laut einer anderen Studie, dem Bildungsbericht, haben nur 28 Prozent der Menschen zwischen 40 und 59, also die Elterngeneration von Erstsemestern, einen Studienabschluss. Es sind diese 28 Prozent, deren Kinder mehr als die Hälfte der Studienplätze besetzen.

 

Einige sagen auch hinter vorgehaltener Hand: Wir müssen halt akzeptieren, dass nicht alle Menschen gleich schlau sind. Was den Chauvinismus einer solchen Argumentation so richtig unerträglich macht: Sie ignoriert die Vielzahl von Studien, denen zufolge die systematische Bildungsungerechtigkeit unabhängig von der Intelligenz zuschlägt.

 

Womöglich ist die Erklärung einfacher. Was haben sich einige selbst erklärte Bildungsbewahrer echauffiert, als die Studien anfängerquote steil nach oben ging. Was haben sie sich gesorgt, dass jetzt "die falschen Leute" ins Studium gedrängt würden. Für Leute mit Lehre seien auch die Karrierechancen gleich viel besser als für all die Absolventen brotloser Massenstudiengänge. Zugehört haben ihnen: die Kinder, deren Eltern selbst nicht studiert haben. Während der Professorensohn und die Juristentochter sich, übrigens unabhängig von ihrem IQ, an der Uni einschrieben. Bildungsgerechtigkeit fängt mit der Rhetorik an.

 

Dieser Beitrag erschien gestern zuerst in meiner Kolumne "Wiarda will's wissen" im Tagesspiegel


NOCH EINE SPANNENDE Entwicklung verbirgt sich hinter den Daten. Die DZHW-Forscher berichten, dass unter den Nicht-Akademikerkindern an der Hochschule eine Verschiebung zugunsten der bildungsfernsten Schulabgänger stattfinde. So haben mittlerweile 12 Prozent aller Studenten eine sogenannte „niedrige“ Bildungsherkunft, das heißt:  Höchstens ein Elternteil kann eine abgeschlossene Berufsausbildung vorzuweisen. 2012 galt das für neun Prozent der Studenten. Parallel verkleinerte sich die Gruppe der Studenten mit mittlerer Bildungsherkunft, also die Kinder von Facharbeitern, von 41 auf 36 Prozent. Die Hochschulen hätten sich also doch ein wenig geöffnet, folgern die Forscher – aber nur für die Studenten von ganz unten und bei gleichzeitig schrumpfender Bildungs-Mittelschicht, während die Akademiker wie gewohnt weiterströmen.    

 

Die im Bildungsbericht erwähnte Akademikerquote unter den Eltern von knapp 28 Prozent ist übrigens bereits sehr großzügig berechnet, bezieht sie doch Meister, Techniker und Menschen mit Fachschulabschluss mit ein. Das Statistische Bundesamt kommt in einer engeren Definition für die Gruppe der 40- bis 64-Jährigen sogar nur auf 17 bis 20 Prozent Studierte. Nimmt man diese niedrige Quote und setzt sie in Verhältnis zu den 52 Prozent Akademikerkindern in der Sozialerhebung, fällt das beschriebene Missverhältnis noch krasser aus.

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118 mal Hoffnung

Am Dienstag fällt die Entscheidung im Förderwettbewerb "Innovative Hochschule". Die Konsequenzen der Auswahl sind weitreichend.

Dale LaFollette: "AHA!", CC BY-ND 2.0

DIENSTAGMORGEN AB 10 UHR dürfte es voll werden im Pressezentrum am Kapelle-Ufer 1 in Berlin-Mitte. Dort, im Erdgeschoss des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF), werden sie bekanntgegeben, die Sieger der erste Auswahlrunde im Wettbewerb "Innovative Hochschule". Eigentlich hatte die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz (GWK) zusätzlich einen Live-Stream versprochen, doch der musste in letzter Minute abgesagt werden, "aus technischen Gründen". Vielleicht fürchtete man ja die zu erwartenden hohen Einschaltquoten. Auch so werden sie bei der GWK zittern, ob ihre Website, auf der die Ergebnisse parallel zur Pressekonferenz veröffentlicht werden, den hohen Klickzahlen aus Deutschlands Rektoraten standhält (alle Infos stehen dann auch unter www.innovative-hochschule.de).

 

Bis Ende Februar mussten die Hochschulen ihre Bewerbungen einreichen, und 118 von ihnen haben mitgemacht. So viele, dass die Fachhochschulen im Vorfeld bereits vor den Folgen einer Überzeichnung gewarnt hatten. Karim Khakzar, Präsident der Hochschule Fulda und Sprecher der Fachhochschulen in der Hochschulrektorenkonferenz, sagte im April: "Wenn die überwiegende Mehrheit der Anträge trotz überzeugender Qualität und hohem Potenzial abgelehnt werden muss, weil zu wenig Geld bereitgestellt wurde, ist das nicht nur eine vertane Chance, sondern wird auch bei den vielen Praxispartnern zu erheblicher Frustration führen und die Bereitschaft zur zukünftigen Kooperation mit den Hochschulen sehr negativ beeinflussen." Bewerben konnten sich Fachhochschulen und die Gruppe der etwas schwammig so genannten "kleinen und mittleren Universitäten", wobei den Fachhochschulen laut Bund-Länder-Vereinbarung mindestens Hälfte der Förderfälle und der Fördermittel zusteht.

 

550 Millionen Euro schwer ist die "Innovative Hochschule", verteilt über zehn Jahre. Davon übernimmt der Bund 90 Prozent, das jeweilige Sitzland zehn Prozent.

 

Die Kritik der Fachhochschulen ist zugleich Beleg dafür, wie begehrt das Programm gleich in der ersten Runde geworden ist. Das erklärte Ziel, eine Förderlücke zu schließen und zugleich einen neuen Trend in der Wissenschaft zu fördern, haben Bund und Ländern offenbar auf Anhieb erreicht. Worum es bei der "Innovativen Hochschule" geht: die so genannte "Dritte Mission"  stärken, ein Begriff, den vor wenigen Jahren keiner kannte. Gemeint ist, dass Hochschulen nicht nur für Forschung und Lehre verantwortlich sind, sondern in ihrer Region zusätzlich eine Brückenfunktion in die Gesellschaft und Wirtschaft hinein übernehmen. Indem sie zum Beispiel Innovationen in Unternehmen unterstützen, selbst Unternehmen ausgründen oder mit Unternehmen gemeinsam forschen. Neben diesem oft als "klassisch" bezeichneten Technologietransfer gewinnt seit einigen Jahren auch die Beziehung der Hochschulen mit der Zivilgesellschaft an Bedeutung: neue Formen der Wissenschaftskommunikation etwa, die den Austausch an die Stelle einseitiger Belehrung der Bürger setzten. Oder Forschungsprojekte, die Bürgern eine aktivere Rolle als in der Vergangenheit zugestehen – indem sie über die Forschungsziele mitbestimmen dürfen oder, wie bei "Citizen Science" selbst zu Forschern werden. 

 

Die Liste der Beispiele dessen, was die "Dritte Mission" der Hochschulen ausmacht, ist fast beliebig verlängerbar. Was einige dazu verleitete, den Begriff als schwammig abzuqualifizieren. Man kann es jedoch auch anders sehen: Vieles ist vorstellbar im Austausch von Hochschulen und Gesellschaft, und das ist gut so. Und genauso das war auch die Logik der "Innovativen Hochschule": eine möglichst große Offenheit für die unterschiedlichsten Konzepte. Weshalb auch die Förderbekanntmachung des Wettbewerbs den "Gegenstand der Förderung" nur sehr beispielhaft umschreibt. Was wiederum die Herausforderung für das Auswahlgremium, die Anträge mit der höchsten Qualität herauszufiltern, so anspruchsvoll gemacht hat. 

 

Entsprechend der Logik des Programms waren Verbundbewerbungen mehrere Hochschulen gern gesehen. Und, was sich ebenfalls aus der Philosophie der "Innovativen Hochschule" ergibt, eben nicht nur Verbünde von Hochschulen allein: Auch Unternehmen, Vereine, Forschungs-, Kultureinrichtungen oder gemeinnützige Organisationen im regionalen Umfeld der antragstellenden Hochschulen können Nutznießer der Förderung werden, im Bereich der Geistes- Sozial- und Kulturwissenschaften durften auch überregionale Partner eingebunden werden. 

 

Bewarb sich eine Hochschule allein, konnte sie für sich und ihre außerhochschulischen Partner bis zu zwei Millionen Euro pro Jahr beantragen, mehrere Hochschulen im Verbund können bis zu drei Millionen Euro erhalten. Die Erfahrung mit bisherigen Förderprogrammen lehrt allerdings, dass die Hochschulen fast immer den zulässigen Maximalbetrag anmelden – was auch bei der "Innovativen Hochschule" der Fall gewesen sein dürfte.

 

Wie viele der 118 Anträge werden also am Dienstagmorgen eine Förderung erhalten? FH-Sprecher Khakzar ging im April von etwa 20 Prozent aus, vielleicht auch etwas mehr, also zwischen 20 und 30 Bewerbungen. Was, wie es inoffiziell aus dem BMBF heißt, gar nicht so wenig wäre, sondern der Erfolgswahrscheinlichkeit eines DFG-Antrages entspreche. Offiziell sagte das Ministerium im April, eine Abschätzung der Zahl der Förderfälle sei noch gar nicht möglich, "da diese davon abhängt, wie viele Einzel- bzw. Verbundvorhaben ausgewählt werden und wie viele Mittel die am Ende ausgewählten Hochschulen mit ihren Partnern tatsächlich beantragt haben."

 

Am Dienstagmorgen werden wir es erfahren. Das 11-köpfige Auswahlgremium unter dem Vorsitz von Volker Mosbrugger, dem Generaldirektor der Senckenberg-Gesellschaft für Naturforschung, hat die Entscheidung in einem, wie das immer so schön heißt, "wissenschaftsgeleiteten Verfahren" getroffen. Verkünden wird sie aber gemeinsam mit der Politik nicht Mosbrugger, sondern die stellvertretende Gremiumsvorsitzende Christine Böckelmann von der Hochschule Luzern in der Schweiz. Und weil die "Innovative Hochschule" ein in der GWK verhandeltes Bund-Länder-Programm ist, sitzt neben Bundesforschungsministerin Johanna Wanka (CDU) in ihrer Rolle als GWK-Co-Vorsitzende auch die brandenburgische Wissenschaftsministerin Martina Münch (SPD) mit am Tisch vor der versammelten Presse.

 

Die heutige Entscheidung ist aber nicht nur für die siegreichen Hochschulen interessant. Sie wird auch das Verständnis dessen, was "Dritte Mission" konkret bedeutet, für die kommenden Jahre prägen – und so der Debatte um die Rolle der Hochschulen in der Gesellschaft neuen Stoff geben. Bislang sagen zahlreiche Rektoren, das mit der "Dritten Mission" sei ja ganz nett, aber das "Primat" von Forschung und Lehre als Missionen 1 und 2 dürfe nicht in Frage gestellt werden. Insofern wäre es ein besonderer Erfolg des Wettbewerbs, wenn durch die geförderten Projekte klar würde, dass die "Dritte Mission" eben nichts völlig Anderes, Getrenntes ist, sondern eine Ergänzung von Forschung und Lehre.

 

Für ein Bundesland ist der Wettbewerb übrigens besonders spannend: Sechs Berliner Fachhochschulen, darunter alle vier staatlichen, haben einen gemeinsamen Antrag eingereicht, ein in diesen Dimensionen einmaliger Verbund. "Gesundes Leben", Soziale Teilhabe, Sicherheit und Integration/Inklusion" sowie "Urbane Technologien und Produktion" sind die Themen der Berliner. Das Thema der Berliner Wissenschaftspolitik ist ein anderes: Findet so ein Mega-Verbund überhaupt die Unterstützung der Gutachter? Die Humboldt-Universität, die Freie und die Technische Universität und die Charité werden es genau wissen wollen. Sie sind mit ihrer Verbundbewerbung bei der Exzellenzstrategie nächstes Jahr dran.


NACHTRAG AM 04. JULI: 

Das Gutachtergremium hat mit seiner heutigen Entscheidung den Spielraum zugunsten der Hochschulen ausgereizt und ist mit 29 ausgewählten Anträgen an die Obergrenze des Erwarteten gegangen. Die Förderquote erreichte ziemlich genau ein Viertel. 48 Hochschulen in 19 Einzel- und zehn Verbundvorhaben waren mit ihren Bewerbungen erfolgreich, darunter auffällig viele Fachhochschulen (35), während sich 12 Universitäten und jeweils eine Kunst- und eine Musikhochschule unter den Gewinnern befinden.

 

Die große Zahl der geförderten Fachhochschulen beweise "das besonders große Potenzial gerade dieser Hochschulen als Innovationspole mit regionaler und auch überregionaler Ausstrahlung", sagte Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU). Die GWK-Vorsitzende und Bremer Wissenschaftssenatorin Eva Quante-Brandt (SPD) äußerte sich in der offiziellen Pressemitteilung wie folgt: "Die große Vielfalt der Anträge stellt unter Beweis, wie breit der Transferbegriff an den Hochschulen bereits verstanden wird, der über den reinen Technologietransfer weit hinaus geht und weite Bereiche der Gesellschaft erfasst."

 

Kai Gehring von den Grünen gratulierte den Gewinnern, mahnte allerdings: "Sich immer mehr von Pakt zu Pakt und Wettbewerb zu Wettbewerb zu hangeln, ist auf Dauer keine innovative und zukunftsorientierte Architektur gesamtstaatlicher Hochschulfinanzierung."


Lange Gesichter gab es in der Hauptstadt. Der im Vorfeld viel beachtete – und bundesweite größte – Verbundantrag der sechs staatlich finanzierten Berliner Fachhochschulen ging leer aus. Im Gegensatz zu "Saxony5", der Bewerbung aller fünf sächsischen Fachhochschulen, die mit ihrem Konzept bei den Gutachtern besser ankamen. Die sechs Berliner Rektoren teilten unterdessen mit, sie wollten in ihrem Verbund BIT6 dennoch künftig enger in Sachen Ideen-, Wissens- und Technologietransfer kooperieren. Womit die "Innovative Hochschule" auch ihnen etwas gebracht hätte. Die Entscheidung von heute zeigt aber zugleich: Die Größe eines Verbunds an sich ist für Gutachter noch kein Zuschlagskriterium. Die Berliner Universitäten, die sich Ende nächsten Jahres gemeinsam um die Exzellenzkrone bewerben wollen, müssen jedenfalls auf den Rückenwind verzichten. 

 

Eine Übersicht der ausgewählten Anträge findet sich auf der Website www.innovative-hochschule.de. 

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Wir sprechen uns 2023

Es blieb spannend bis zum Ende. Wer hat sich durchgesetzt im Ringen um das neue Urheberrecht? Wie praktikabel ist die beschlossene Wissenschaftsschranke? Und: Welche langfristigen Folgen hat die Neuregelung? Eine Analyse.

Foto: Patrik Göthe
Foto: Patrik Göthe

DIE GROSSE KOALITION sei vor der Verlagslobby eingeknickt, zum Schaden der Wissenschaft, befanden die Grünen – und verweigerten dem neuen Urheberrecht am Freitag ihr Zustimmung. 

 

Die Große Koalition schädige Autoren und Verlage und begünstige einseitig die Wissenschaft, schimpfte zeitgleich der Börsenverein des Deutschen Buchhandels – und kündigte rechtliche Schritte an.

 

Das neue Gesetz sei gar keine Bildungs- und Wissenschaftsschranke mehr, „viel zu eng!“ verkündeten die Grünen. Das neue Gesetz sei völlig entgrenzt und verfassungswidrig, „rücksichtslos!“, verkündeten die Verlage. 

 

Fest steht: Im Medienrummel um die kontroverse Abstimmung zur Ehe für alle ging vor dem Wochenende fast unter, dass SPD und Union nur Minuten später in dann doch erstaunlicher Eintracht das „Urheber-Wissensgesellschafts-Gesetz“ beschlossen haben. Und das, nachdem es noch bis Anfang vergangener Woche so ausgesehen hatte, als könnte die Reform komplett scheitern

 

Das neue Urheberrecht kommt also, doch wer hat nun Recht? Die Grünen, denen zufolge sich die Rechtspolitiker der Union durchgesetzt und das Gesetz bis zur Unkenntlichkeit verwässert haben? Oder die Verleger, die die SPD als Sieger sehen? Deren Haltung sei bemerkenswert, sagte Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins. „Sonntags erzählen einem Sozialdemokraten, wie sehr ihnen Autoren und Verlage am Herzen liegen, wochentags entziehen sie ihnen die Existenzgrundlage.“ >> 



>> Was sich gegenüber dem Referentenentwurf aus dem Justizministerium von Heiko Maas (SPD) grundsätzlich geändert hat: Erstens: Statt 25 Prozent dürfen künftig nur bis zu 15 Prozent eines Buches mit pauschaler Abgeltung für Unterrichts- und Forschungszwecke genutzt, kopiert und verteilt werden. Können wir mit leben, sagen sie in den Hochschulen.

 

Zweitens: Abbildungen und Artikel aus Zeitungen und Publikumsmedien sollten eigentlich in vollem Umfang für Unterricht und Lehre vervielfältigt werden dürfen, genauso wie einzelnen Beiträge aus Fach- und wissenschaftlichen Zeitschriften. Doch angesichts der „besonderen Situation der Tages- und Publikumspresse“ einigte sich die Koalition auf der Zielgeraden, Presseartikel auszunehmen. Nicht ideal, aber aushaltbar, so der Tenor aus der Wissenschaft. 

 

Alles in allem klang die Bewertung des neuen Gesetzes durch die Allianz der Wissenschaftsorganisationen am Freitag dann so: „Die für die Nutzung auch digitalisierter Texte in Forschung und Lehre jetzt vorgesehenen Schrankenregelungen sind zeitgemäß ausgestaltet, in der Praxis umsetzbar und führen zu spürbaren Vereinfachungen.“

 

Im Kern steht die Bildungs- und Wissenschaftsschranke also durchaus. Die Frage ist allerdings: Wie lange hält sie? Hier offenbart sich die entscheidende Veränderung des beschlossenen Gesetzes gegenüber der ursprünglichen Version. Die zentralen Neuregelungen sind auf Druck der Union befristet worden, nach fünf Jahren muss neu verhandelt werden. 

 

Damit werde die Rechtsunsicherheit zementiert, kritisierten die Grünen am Freitag. Über ein „falsches Signal“ klagten die Wissenschaftsorganisationen in ihrer Stellungnahme. Beide Einschätzungen könnten das Problem sogar noch verharmlosen. Die Befristung, prophezeien Experten, werde die Verhandlungsposition der Verlage mittelfristig drastisch stärken, weil 2023 wieder alles zur Disposition stehe und der Börsenverein & Co bis dahin fünf Jahre Zeit hätten, die Parlamentarier zu bearbeiten. 

 

Dass die Neuentscheidung nach fünf Jahren abhängen soll von einer Evaluation im Jahr zuvor, hilft nicht wirklich. Denn die Evaluation soll zwar die Auswirkungen der Wissenschaftsschranke auf Bildung, Wissenschaft und Verlage überprüfen, doch nach welchen Kriterien genau, bleibt völlig unklar. Im neuen Gesetz steht dazu lediglich: „Die Bundesregierung erstattet vier Jahre nach Inkrafttreten des Urheberrechts-Wissensgesellschafts-Gesetzes dem Deutschen Bundestag Bericht über die Auswirkungen...“

 

Der auf Druck der Union schnell noch ausgehandelte und ebenfalls im Bundestag beschlossene Entschließungsantrag, der mit vielen Worten die Verlage beschwichtigt, wird dagegen von allen Seiten nur als Symbolhandlung gesehen und fand folgerichtig schon in den Stellungnahmen vom Freitag kaum noch Erwähnung. Die wirklichen Gemeinheiten habe man aus dem Antrag herausverhandelt, was bleibe, sei nur noch „weiße Salbe“ für die Union, hieß es dazu aus der SPD.

 

In der Gesamtbetrachtung haben sich also, typisch für einen klassischen Kompromiss, beide Seiten irgendwie durchgesetzt: die SPD bei den Regelungen für die nächsten fünf Jahre, die Union mit dem Einfügen einer Befristung. Wobei der Erfolg der Anti-Schranken-Kämpfer in der CDU/CSU am Ende nachhaltiger sein könnte, denn sie haben das Überleben der Reform abhängig gemacht von den 2023 herrschenden parlamentarischen Machtverhältnissen und, schlimmer noch, von den tagesaktuellen wissenschaftspolitischen Stimmungslagen. 

 

Was daraus für die Wissenschaft folgt? Sie muss in den nächsten vier Jahren zeigen, dass das Gesetz nicht nur zu ihrem Nutzen, sondern auch tatsächlich nicht zum Schaden der Verlage ist. Triumphgefühle sind daher nicht nur unangebracht, sie wären zudem höchst kontraproduktiv, muss es doch bis 2023 darum gehen, die Verlage vom neuen Urheberrecht zu überzeugen. 

 

Die nächste Gelegenheit dafür ist längst da. Seit Monaten verhandeln Hochschulrektorenkonferenz, die Verwertungsgesellschaft (VG) Wort und die Kultusministerkonferenz um die künftige Nutzung digitaler Semesterapparate an den Hochschulen. Lange hatte die VG Wort als Vertreter der Autoren (und Verlage) Oberwasser, konnte sie doch auf die Rechtslage verweisen, und die besagte laut Urteil des Bundesgerichtshofs: Jeder genutzte Beitrag muss künftig einzeln abgerechnet werden. Ein bürokratischer Albtraum für die Hochschulen. Eine im Dezember 2016 auf den letzten Drücker gefundene Notlösung läuft zum 1. Oktober aus. Bis dahin, so haben sich die Verhandlungspartner versprochen, will man eine einvernehmliche Lösung finden. 

 

Als sich im April abzuzeichnen begann, dass ein neues Urheberrecht noch in dieser Legislaturperiode kommt, dachten einige in den Hochschulen noch, sich jetzt zurücklehnen zu können. Einen Feldversuch für ein neues Abrechnungssystem sagten sie ab. Doch die Rektoren waren gleich doppelt im Irrtum: Zum einen, weil das Gesetz erst drei Monate nach Auslaufen der gegenwärtigen Übergangsregelung gilt. Und zum anderen, weil sich das Verhandlungsergebnis eben ein erster Hinweis für die Verlage sein wird, dass die Hochschulen fair mit ihnen umgehen. Alles andere würde sich, siehe oben, spätestens in fünf Jahren rächen.

 

Und was ist, zum Schluss gefragt, mit der Drohung des Börsenvereins, gegen die vermeintliche Verfassungswidrigkeit des neuen Urheberrechts vor Gericht zu ziehen? Die darf man getrost unter Theaterdonner legen, denn schon die Formulierung des Verbands ist beim genaueren Hinsehen verräterisch: Man wolle „alle rechtlichen Möglichkeiten prüfen“. Entschlossenheit klingt dann doch anders. 

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Böttinger geht – jetzt aber wirklich

Der BIG-Vorstandvorsitzende hat offiziell gekündigt. Jetzt wartet das Hasso-Plattner-Institut auf ihn – und das BIG auf einen Neuanfang.

ERWIN BÖTTINGER, VORSTANDSCHEF des Berliner Instituts für Gesundheitsforschung (BIG), hat seine Kündigung eingereicht. Das ensprechende Schreiben sei vor dem Wochenende eingegangen, berichtete BIH-Aufsichtsratschef Georg Schütte, Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung, in einer Nachricht an die Mitglieder des Aufsichtsrats. 

 

Vergangene Woche hatte der Potsdamer Universitätspräsident Oliver Günther Böttinger den offiziellen Ruf erteilt, womit klar war nach dem wochenlangen Hin und Her um seinen möglichen Wechsel ans Hasso-Plattner-Institut (HPI): Entweder geht er jetzt oder er geht gar nicht. Und so kündigte Böttinger noch auf den letzten Drücker vor Quartalsende. 

 

Zuletzt konnte man den Eindruck gewinnen, dass Bund und Land als Träger des BIG mit Böttinger bereits abgeschlossen hatten. Ende Mai hatten sie entschieden, dem Vorstandsvorsitzenden eine dreiköpfige Expertengruppe zur Seite zu stellen. Und das, obwohl Böttinger vorher gegenüber dem Aufsichtsrat erklärt hatte, seinen Vertrag beim BIG weiter erfüllen zu wollen.  Die Experten, hieß es offiziell, sollten "in den kommenden Wochen die Fortschritte bei der Umsetzung der BIG Strategie 2026" bewerten. Vielen aber kamen die drei, darunter auch der Nobelpreisträger Thomas Südhof, zugleich wie Aufpasser für Böttinger vor. 

 

Sein Wechsel könnte sich mehrfach positiv auswirken: Für Potsdam, weil das gerade zur Uni-Fakultät mutierte HPI einen Experte für personalisierte Medizin gewinnt, dessen wissenschaftlicher Ruf, unabhängig von allen Managementquerelen, weiter als exzellent gilt. Für das BIG, weil die wochenlange Unsicherheit für alle Mitarbeiter endlich vorbei ist. Und für die Politik, weil jetzt der Weg frei ist, um schleunigst den dringend nötigen Umbau der einst mit so großen Vorschusslorbeeren gestarteten Forschungseinrichtung voranzutreiben.

 

Wobei "schleunigst" wohl erst nach der Bundestagswahl bedeuten dürfte. In jedem Fall war schon seit Wochen klar: Mit Böttinger geht es nicht weiter am BIH. Das hat der jetzt also auch eingesehen – und ist gegangen.

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Nehmt den Hochschulen die Unsicherheit!

38,5 Milliarden Euro investieren Bund und Länder in zusätzliche Studienplätze. Bis 2023. Und dann? Ein Gastbeitrag von Joybrato Mukherjee.

Foto: Judy Dean: "Lecture theatre seating", CC BY 2.0

IM JAHR 2005 begannen etwa 360.000 junge Menschen ihr Studium an einer deutschen Hochschule. Schon damals – im Vorfeld der bundesweiten Umsetzung der Bologna-Reform – war es ein Kraftakt für die Hochschulen, die Qualität der Lehre sicherzustellen. Auch vor diesem Hintergrund führten sieben Bundesländern allgemeine Studiengebühren ein als zusätzliche Finanzmittel für die Verbesserung der Lehr- und Studienbedingungen. Zwischenzeitlich sind die Gebühren wieder abgeschafft und wurden vielerorts durch Mittel aus den Länderhaushalten ersetzt. Vor allem aber vereinbarten Bund und Länder im Jahre 2007 einen „Hochschulpakt 2020“ (HSP2020), um Studienplätze für die zusätzlichen Studierenden aus den doppelten Abiturjahrgängen in einer gemeinsamen Kraftanstrengung zu finanzieren. HSP2020 ist allerdings ein befristetes Programm, das in drei Schritten bis 2023 auslaufen wird.

 

Zehn Jahre nach Beginn des Hochschulpakts bewegen wir uns – nach einem Spitzenwert 2011 mit 519.000 Erstsemestern an deutschen Hochschulen – weiter auf einem Niveau, das mit mehr als 500.000 Studienanfängerinnen und -anfängern pro Jahr um rund 40 Prozent über dem Referenzjahr 2005 liegt. Auch nach den aktuellsten Prognosen der Kultusministerkonferenz bleibt die Zahl langfristig auf einem vergleichbaren Niveau, und zwar in einem Korridor von 465.000 bis 500.000 Erstsemestern jährlich. Auch wenn Prognosen immer eine Unsicherheit enthalten, eines ist klar: Wegen der immer höheren (und politisch gewollten) Übergangsquoten von Schule zu Hochschule, der zuletzt positiven demographischen Entwicklung (unter anderem wegen der Zuwanderung aus der Europäischen Union und der Integration von Menschen mit Fluchthintergrund aus außereuropäischen Ländern) und der deutlich gestiegenen Attraktivität deutscher Hochschulen auf dem internationalen Bildungsmarkt werden wir nicht mehr zu den Erstsemesterzahlen von 2005 zurückkehren können und wollen. 

 

Bund und Länder müssen sich daher dringend darüber verständigen, wie die Finanzierung der langfristig notwendigen zusätzlichen Studienplätze über das Jahr 2020 hinaus gesichert werden kann. Wichtig dabei: Wegen der rasant gestiegenen Studierendenzahlen konnte selbst das HSP2020-Programm mit seinem Gesamtvolumen von 38,5 Milliarden Euro einen beträchtlichen „Preisverfall“ nicht verhindern.  Laut Statistischem Bundesamt wurden im Jahr 2008 noch 8.650 Euro pro Studierenden ausgegeben, im Jahr 2013 war die Summe bereits auf 8.080 Euro gesunken. Enormer Aufwuchs mit eingebautem Preisverfall, dennoch Erhalt und Steigerung der Qualität von Studium und Lehre – und das alles in einem immer härter werdenden Wettbewerb: Den Hochschulen ist in den vergangenen zehn Jahren offenbar die Quadratur des Kreises gelungen. Ohne eine auskömmliche Anschlussregelung für das auslaufende HSP2020-Programm aber wird dies nicht mehr leistbar sein.

 

Schon jetzt herrscht an den Hochschulen große Unsicherheit darüber, wie die hohe Qualität von Studium und Lehre für alle Studierenden nach 2020 sichergestellt werden soll. Die Hochschulen stoßen an Grenzen bei der Einstellung und Weiterbeschäftigung des notwendigen zusätzlichen Lehrpersonals, weil die einschlägigen Befristungsregeln (die gerade durch die Novellierung des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes verschärft wurden) zu beachten sind. Bereits heute stellt sich an vielen Hochschulen die Frage, wie sie in ihrer Finanzplanung mit dem nach 2020 drohenden Budgetloch umgehen sollen. Der HSP2020 ist zu einem unverzichtbaren Teil der Basisfinanzierung für die Lehre geworden. An Hessens Universitäten etwa macht der Hochschulpakt inzwischen einen Anteil von zehn bis zwölf Prozent der Grundfinanzierung aus, an den Hochschulen für angewandte Wissenschaften sind es bis zu 30 Prozent! Wer glaubt, dass solche Budgetdimensionen wegfallen können, ohne die Leistungserwartung an die Hochschulen (sprich: die Studienplatzzahlen) drastisch zu reduzieren, der hat keinen hinreichend realistischen Einblick in die Handlungsmöglichkeiten deutscher Hochschulen.

 

Einige Landesregierungen haben ihren Hochschulen erfreulicherweise signalisiert, dass sie den Landesanteil im HSP2020-Programm über das Jahr 2020 hinaus als zusätzliche Grundfinanzierung ausweisen wollen. Das allein löst aber das bundesweite Finanzierungsproblem bei weitem nicht. Ebenso ist zu begrüßen, dass es auf der Bundesebene und in den Wissenschaftsorganisationen verschiedene Überlegungen zur Qualitätssicherung und -steigerung in Studium und Lehre gibt. Doch auch hier gilt: Konzepte, die das Problem des wegfallenden Finanzvolumens für die grundständige Lehre nicht oder nicht hinreichend adressieren – wie die Idee einer „Deutschen Lehrgemeinschaft“ oder einer Akademie, mit der zeitlich befristet innovative Lehrprojekte gefördert werden sollen – sind nicht geeignet, die Frage nach dem Nachfolgeformat für HSP2020 zu beantworten.

 

Was ist zu tun? Auch wenn der Hochschulpakt als ein zeitlich befristetes Bund-Länder-Programm konzipiert wurde, auch wenn die Länder grundsätzlich für die auskömmliche Grundfinanzierung ihrer Landeshochschulen selbst verantwortlich sind, auch wenn auf Bundesebene nach wie vor Unzufriedenheit über den Umgang mancher Länder mit den frei gewordenen BaföG-Mitteln herrscht, weil diese eben nicht überall vollständig in die Hochschulen flossen, so steht doch eines außer Frage: Ohne ein angemessenes, dauerhaft von Bund und Ländern finanziertes Anschlussformat für HSP2020 ist die Leistungsfähigkeit der deutschen Hochschulen nachhaltig gefährdet. Keiner kann daran ein Interesse haben nach all den Investitionen, die Bund und Länder in den vergangenen 15 Jahren getätigt haben, nach einer Phase des quantitativen und qualitativen Wachstums, das die deutschen Hochschulen trotz der Herausforderungen hervorragend gemeistert haben, nach einer Phase mit einer beeindruckenden Leistungssteigerung auch im internationalen Vergleich.

 

Nach der Bundestagswahl müssen die deutschen Hochschulen Klarheit darüber bekommen, wie es mit und nach HSP2020 weitergeht. Ein auf Dauer angelegtes, ausreichend finanziertes Bund-Länder-Programm, etwa unter Nutzung des neuen Grundgesetz-Artikels 91b, wäre eine angemessene und sinnvolle Antwort. Natürlich muss dabei sichergestellt werden, dass der Bund nicht einfach zusätzliches Geld ohne eigene Kontrollmöglichkeit an die Landeshochschulen gibt. Doch gerade bei einem Nachfolgeformat für HSP2020 könnte der Bund seine Mittelzuweisung wie bisher an die langfristige Erfüllung von gut überprüfbaren Kennziffern knüpfen (beispielsweise die Zahl der Studienplätze oder der Absolventen). So könnte ein neuerliches „BaföG-Trauma“ verhindert werden.

 

Joybrato Mukherjee ist Präsident der Justus-Liebig-Universität Gießen und Vizepräsident des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD).

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Das macht 0 Dollar

Warum mehrere US-Bundesstaaten die Studiengebühren abschaffen

Foto: Screenshot der Website des Pellissippi State Community Colleges in Tennessee. www.pstcc.edu

"HILLARY CLINTON WILL Studiengebühren abschaffen", berichtete ich vor knapp einem Jahr in meinem Blog. Es war ein Wahlkampfversprechen, abgegeben, um die Unterstützer von Bernie Sanders zur demokratischen Präsidentschaftskandidatin hinüberzuziehen. Wir wissen, wie die Sache ausging.

 

Doch ausgerechnet in dem Monat, als Barack Obama das Weiße Haus räumen musste und Donald Trump einzog, verkündete New Yorks Gouverneur Andrew Cuomo: Wir machen Schluss mit den Gebühren. Und der Bundesstaat im Nordosten der USA ist nicht allein. Tennessee hat das Bezahlstudium zumindest an den so genannten Community Colleges schon 2015 teilweise eliminiert. Oregon folgte, später die Stadt San Francisco, die im Gegenzug die Steuer auf Luxusimmobilien erhöhte. Und als nächstes planen Rhode Island und möglicherweise Minnesota, wie New York die gesamten vier Jahre bis zum Bachelor gebührenfrei zu machen.

 

Was geht da vor sich in dem Land, das in Diskussionen hierzulande stets als abschreckendes Beispiel herhalten muss dafür, was passiert, wenn man erst Studiengebühren einführt und diese dann über die Jahre außer Kontrolle geraten? In dem inklusive sonstigen Pflichtausgaben und Wohnheimplatz selbst an staatlichen Hochschulen schnell ein Rechnungsbetrag von 50.000 Dollar zusammenkommt – und zwar pro Jahr. 

 

US-Experten rufen schon die Trendwende aus. Irgendwann sei angesichts der Gebührenexplosion klar gewesen: "So geht es nicht weiter", sagt Bernd Streitwieser, Professor für internationale Bildung an der George-Washington-Universität in Washington. 

Wie der Umschwung begann, was von ihm zu halten ist, und wie sich die Gebührenbefreiung auf den Alltag amerikanischer Studenten auswirken wird, habe ich in einem Artikel für Spiegel Online beschrieben. Sie finden ihn hier.

 

PS: Sehr hilfreich für meine Recherche waren die Mitarbeiter der Deutsch-Amerikanischen Fulbright-Kommission, die mir mit ihren Kontakten viele Türen an US-Unis öffneten, um schnell mit den verantwortlichen Administratoren ins Gespräch zu kommen. Vielen Dank dafür. 

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Der Bildungs-Gipfel 2017

Wie gut sind unsere Kitas, Schulen und Hochschulen wirklich? Und vor allem: wie gerecht? Ein Gespräch mit Jutta Allmendinger, Marcel Fratzscher und Ludger Wößmann.

Marcel Fratzscher, Ludger Wößmann, Jutta Allmendinger (von links nach rechts). Fotos: Kay Herschelmann

Frau Allmendinger, stellen Sie sich vor, Sie wären Bildungsministerin. Was würden Sie als erstes machen?   

 

Jutta Allmendinger: „Ich würde ressortübergreifend dafür werben, Kinder so lange wie möglich miteinander groß werden zu lassen, bis hin zu einem verpflichtenden Zivildienst, für Männer und Frauen. Der würde ein Jahr lang dauern und wäre im Kern ein teilweise bezahltes gesellschaftliches Engagement. Wir brauchen wieder soziale Marktplätze, auf denen sich Menschen unterschiedlicher Herkunft treffen können. Auch das ist ein Stück Bildung. Der Verlust dieses gemeinsamen Raums in den vergangenen Jahrzehnten hat den Zusammenhalt unserer Gesellschaft erodieren lassen.“ 

 

Und Sie, Herr Fratzscher? Was wäre Ihre erste Entscheidung als Bildungsminister?

 

Marcel Fratzscher: „Ich würde eine Bildungsoffensive bei der frühkindlichen Bildung anstoßen wollen, um deren Qualität zu verbessern und vor allem mehr Kinder mitzunehmen, damit die Kitas zu solchen Marktplätzen werden, von denen Frau Allmendinger spricht. Ich sehe die Verbesserung der Chancengleichheit als eine der wichtigsten gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Aufgaben in Deutschland heute. Wenn wir alle Talente und Fähigkeiten unabhängig vom sozialen Hintergrund fördern wollen, geht das am wirkungsvollsten über die frühkindliche Bildung. Darum müssen gezielt dort in bessere Betreuungsschlüssel, verbesserte Inhalte und mehr Zielgenauigkeit investieren, wo es noch mangelt.“

 

Frau Allmendinger sprach von einer Zivildienst-Pflicht. Brauchen wir auch eine Kitapflicht für alle?

 

Fratzscher: „Zuerst einmal muss eine bessere Qualität des Bildungsangebots überhaupt geschaffen werden, um so auch Anreize zu schaffen für Eltern, die diese dann auch zu nutzen. Wenn die Bedingungen in den Kitas gut sind, kommen auch die Kinder. Und wenn die Qualität stimmt, profitieren Kinder aus sozial schwächeren Familien, aus Familien mit Migrationshintergrund besonders stark.“ >>


DIESES GESPRÄCH ERSCHIEN GESTERN ZUERST IM DSW JOURNAL. GESTERN ERSCHIEN ZUDEM DIE 21. SOZIALERHEBUNG DES STUDENTENWERKS. EINEN BERICHT FINDEN SIE HIER


Jutta Allmendinger, 60, zählt zu den führenden Soziologinnen und Arbeitsmarktforscherinnen in Deutschland. Seit 2007 leitet sie das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), vorher war sie Direktorin des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Allmendinger setzt sich seit vielen Jahren mit der Zukunft der Berufswelt und sich wandelnden Lebensentwürfen auseinander, mit Fragen der Ungleichheit und der Geschlechtergerechtigkeit. Sie prägte als erste den Begriff der „Bildungsarmut“ und plädierte unter anderem für ein neues Modell der Familienarbeitszeit. Allmendiger ist äußerst aktiv in der Politikberatung: Unter anderem war sie sechs Jahre lang Mitglied des Wissenschaftsrates und gehörte der von der Bundesregierung berufenen Expertenkommission für Forschung und Innovation an. Zwischenzeitlich wurde sie als mögliche Nachfolgerin von Bundespräsident Joachim Gauck gehandelt. 

 

Ludger Wößmann, 43, ist Volkswirt und gilt als „der“ Bildungsökonom im deutschsprachigen Raum. Wie müssen Schulen und Bildungssysteme organisiert sein, damit sich die Chancengerechtigkeit für alle erhöht und gleichzeitig das Leistungsniveau steigt? Das ist eine zentrale Frage, mit der Wößmann sich befasst; außerdem forscht er zum Einfluss von Bildung auf Lebens- und Karriereverläufe und 

zuletzt verstärkt über die Rolle der öffentlichen Meinung für bildungspolitische Reformen. Wößmann ist Gründungsmitglied des „Aktionsrats Bildung“, der gerade erst sein Jahresgutachten „Bildung 2030 – Veränderte Welt“ veröffentlicht hat. Seit 2006 ist Wößmann Professor für Volkswirtschaftslehre an der Ludwig-Maximilians-Universität München, zugleich leitet er das ifo-Zentrum für Bildungsökonomik

 

Marcel Fratzscher, 46, ist seit 2013 Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) und Professor für Makröokonomie und Finanzwissenschaft an der Berliner Humboldt-Universität. Vorher arbeitete Fratzscher für die Europäische Zentralbank, zuletzt als Leiter der Abteilung für internationale wirtschaftspolitische Analysen. Nachdem sich der Volkswirt in seiner Forschung lange mit der Finanzwirtschaft, globalen Ungleichgewichten und den Übertragungsmechanismen der Finanzkrise beschäftigt hatte, wandte er sich zuletzt verstärkt der sozialen Ungleichheit zu. Sein vergangenes Jahr erschienenes Buch „Verteilungskampf: Warum Deutschland immer ungleicher wird“ löste eine Mediendebatte aus. 2014 hatte er in „Die Deutschlandillusion“ vor einer Selbstüberschätzung der deutschen Wirtschaft gewarnt. 



>> Allmendinger: „Das ist mir zu weich. Ich glaube nicht, dass Eltern, die seit langer Zeit Hartz-IV beziehen, solchen Anreizfaktoren folgen. Genauso wenig wie solche Eltern, die gerade nach Deutschland gekommen sind und andere Familienmodelle im Kopf haben. Das Mindeste wäre, dass der Staat systematisch zu den Familien kommt und von Geburt der Kinder an für den Kitabesuch wirbt.“

 

Sie wollen eine verpflichtende Familienhilfe für alle?

 

Allmendinger: „Jede Familie, in der ein Kind geboren wurde, sollte regelmäßig eine Beratung bekommen, ja. Man könnte sich die beratende Person als Unterstützer vorstellen, der die Angebote unseres Bildungssystems erklärt, so dass für alle Eltern Klarheit herrscht.“

 

Warum ist „Pflicht“ ein so unpopuläres Wort, wenn wir über Bildung sprechen?

 

Ludger Wößmann: „Weil wir Angst haben, den Bildungsbürgern etwas vorzuschreiben. Aber die Kinder der Bildungsbürger sind ja ohnehin alle in der Kita. Also ich hätte kein Problem damit, den Kitabesuch für drei- oder vierjährige Kinder zur Pflicht zu machen. Nur dann erreichen wir die rund fünf Prozent, die bislang nicht kommen, es aber besonders nötig hätten. Die politisch weniger riskante Alternative wäre natürlich eine so genannte Opt-Out-Regel: Wer sein Kind nicht aktiv von der Kita abmeldet, dessen Kind muss hingehen. Die meisten Eltern, deren Kinder nicht in der Kita auftauchen, entscheiden sich nicht bewusst gegen den Besuch, sie setzen sich einfach nicht mit der Option auseinander.“

 

Allmendinger: „Und genau das würde ich gerne umdrehen: Statt der Opt-Out-Regel ist ein aktives Werben für Kitas direkt in den Familien besser.“

 

Die SPD setzt im Bundestagswahlkampf beim Thema Kita vor allem auf Kostenfreiheit. Passt das mit Ihren Ideen zusammen?

 

Wößmann: „Wir müssen sicherstellen, dass das untere Einkommensviertel der Bevölkerung möglichst nichts zahlt. Das ist vielerorts längst so, aber nicht überall. Eine Kostenfreiheit für alle läuft dagegen weitgehend auf eine Bezuschussung der bessergestellten Familien hinaus.“

 

Fratzscher: „Für mich ist Kostenfreiheit in der Bildung schon ein Ideal. Aber auch ich sehe einen Widerspruch darin, dass wir gleichzeitig enorme Zusatzinvestitionen gerade in die Kitas brauchen. Wo soll denn das Geld herkommen? Wie bezahlen wir den besseren Betreuungsschlüssel oder den nötigen Sprachunterricht bei Migrantenkindern? Auf diese Frage müssen wir Antworten haben, bevor wir Kitas für alle kostenfrei stellen. Ein anderer Widerspruch besteht für mich darin, dass Eltern für Kitas zahlen müssen, aber Studenten umsonst zur Uni gehen können. Und da gilt das Argument, das Ludger Wößmann für die Kitas angeführt hat, noch stärker: Kostenfreie Hochschulen helfen vor allem denen, die schon bessergestellt sind. 70 Prozent der Akademikerkinder studieren und nur 20 Prozent der Kinder aus Nicht-Akademikerhaushalten. Das zeigt: Solange das Ideal von kostenloser Bildung zu Lasten der Qualität und der Chancengerechtigkeit geht, sollte man auf die Kostenfreiheit auch für die Bessergestellten verzichten.“ 

 

Herr Wößmann, Sie müssen uns noch Ihren Plan vorstellen für den Fall, dass Sie Bildungsminister werden.

 

Wößmann: „Das Problem ist, dass ich nicht glaube, dass es die eine ‚Golden Bullet‘ gibt, mit der man alle Probleme beseitigen kann. Hinzu kommt, dass einige der wichtigsten Lösungen gar nicht in die Zuständigkeit eines Bundesbildungsministers fallen. 

 

Was meinen Sie konkret?

 

Wößmann: „Bislang haben wir vor allem über Chancengerechtigkeit gesprochen. Mir ist wichtig, dass wir immer auch die Leistungsorientierung mitdenken. Dass es nicht nur darum geht, dass man irgendwo in die Kita oder Schule geht, sondern dass etwas dabei herauskommt. Übrigens gilt auch das gerade wieder für Kinder aus bildungsfernen Schichten, wo die Leistungsorientierung häufig nicht von den Eltern vorgelebt wird. Und um diese Kinder zu erreichen, brauchen wir deutschlandweit mehr vergleichbare Prüfungen, deutschlandweite Standards, die einfordern, was wo gelernt werden muss.“ 

 

Fordern Sie ein bundesweites Zentralabitur?

 

Wößmann: „Wenn Sie es so nennen wollen. Wobei das kein Zentralabitur wäre in dem Sinne, dass alle Prüfungen komplett einheitlich wären. Das ist in unserem Föderalismus auch gar nicht realistisch. Der Aktionsrat Bildung, zu dem ich gehöre, hat vor einigen Jahren ein so genanntes ‚Gemeinsames Kernabitur‘ vorgeschlagen. Der Kern, das sind Deutsch, Mathematik, Englisch, und in diesen Fächern sollten die Abiturprüfungen deutschlandweit einheitlich am gleichen Tag abgenommen werden.“ 

 

Würde das nicht zur Gleichmacherei der unterschiedlichen Schulprofile führen? >>

 

>> Wößmann: „Wir würden doch nur einen Standard-Schwerpunkt in den Bereichen setzen, von denen wir uns alle einig sind, dass sie wichtig sind. Darüber hinaus können die Bundesländer doch alles weiter so machen, wie sie es wollen. Anders ist es auch gar nicht denkbar, denn keiner will, dass die Endnote nur an einem Test, der Abiturprüfung, hängt. Doch umgekehrt müssen wir schon sicherstellen, dass jemand, der in Bremen zur Schule geht, die gleichen Chancen auf eine gute Schulbildung hat wie das Kind in einem anderen Bundesland.“

 

Allmendinger: „Das wäre schon deshalb keine Gleichmacherei, weil jede Schule den Weg zu diesem Ziel selbst bestimmen könnte.“

 

Wößmann: „Genau darum geht es ja bei gemeinsamen Standards, dass man den Ländern, aber auch den Schulen viel mehr Selbstständigkeit und Freiheit gibt, die Wege zum vorgegebenen Ziel zu finden.“

 

Eigentlich fragen wir uns die ganze Zeit, wie wir angesichts des bildungspolitischen Föderalismus die gleichen Chancen für alle schaffen können. Glauben Sie an die Segnungen des Wettbewerbsföderalismus? 

 

Fratzscher: „In der Wirtschaft bedeutet Wettbewerb, dass die einen Unternehmen florieren, während andere bankrottgehen können. Das ist das exakte Gegenteil dessen, was wir in der Bildung wollen. Wir wollen nicht, dass einige profitieren, während andere hinten runterfallen. Wir wollen, dass alle vom bestmöglichen System profitieren.“ 

 

Ist der Bildungsföderalismus also ein Widerspruch in sich? 

 

Fratzscher: „Vielfältige Bildungsangebote in den Bundesländern müssen nicht schlecht sein, aber ich würde nicht von Wettbewerb reden, sondern von unterschiedlichen Wegen und von Wahlfreiheit. Und ja, einige Bundesländer müssen mehr tun, um die Qualität ihres Bildungssystems zu verbessern. Nur eine solche Verbesserung erreicht man nicht, indem man diesen Ländern mit einem Scheitern in einem Wettbewerb droht, sondern auch durch bessere Transparenz.“

 

Allmendinger: „Solange wir unsere Schulsysteme nicht durch gemeinsame Standards und systematische Evaluationen miteinander verknüpfen, passt der Begriff Wettbewerbsförderalismus ohnehin nicht. Wettbewerb lebt von Transparenz, und den haben wir im Föderalismus derzeit nicht.“

 

Wößmann: „Das sehe ich genauso. Der Wettbewerb könnte funktionieren, wenn wir Vergleichsmaßstäbe etablieren. Dann könnte man verschiedene bildungspolitische Maßnahmen ausprobieren und wirklich voneinander lernen. Soweit die Theorie. Aber wir wissen ja gar nicht, was hinten herauskommt bei all den Reformen, die die Bildungspolitik in den 16  Bundesländern durchführt. Tatsächlich verhindert die Politik sogar Transparenz. Eigentlich brauchen wir einen Staatsvertrag, in dem sich die Länder auf Offenlegung und bestimmte Regeln zum Systemvergleich verpflichten.“ 

 

Vor einigen Jahren haben einige Bildungsforscher und Politiker deshalb einen Nationalen Bildungsrat gefordert. Unter anderem Sie, Frau Allmendinger.

 

Allmendinger: „Ich glaube immer noch, dass ein Bildungsrat die Antwort sein könnte. Aber er bräuchte klare Kompetenzen. Er müsste die Lehrerbildung bundesweit auf ein einheitliches Mindestniveau heben. Er müsste Kompetenzziele vorgeben, die im Unterricht erreicht werden müssen. Und er müsste besonders gute Schulen auszeichnen, ähnlich wie der Deutsche Schulpreis. Für die Schulen, die ausgezeichnet werden, nennt der Preis klare Kriterien. Wieso kann so eine Transparenz nur von Stiftungen geschaffen werden und nicht von einer staatlichen Institution?“

 

Wößmann: „Dann, und nur dann könnte ein Bildungsrat sinnvoll sein. Hauptsache, da wird nicht nur geredet.“ 

 

Fratzscher: „An der Stelle würde auch der Begriff des Wettbewerbs wieder Sinn ergeben. Es kann eigentlich nicht sein, dass Länder, einzelne Schulen oder Kommunen nicht wirklich darüber Rechenschaft ablegen, wie sie die öffentlichen Gelder einsetzen. Und ob sie letztlich auch die gesteckten Bildungsziele erreichen.“ 

 

Reden wir über die Hochschulen. Einige von ihnen behaupten, für die Chancenungerechtigkeiten in den Bildungskarrieren seien sie nicht verantwortlich, die seien ja längst geschehen, bis die jungen Menschen in der Hochschule ankommen. 

 

Allmendinger: „Das stimmt so natürlich nicht. Selbst von Kindern aus bildungsfernen Schichten, die eine Hochschulzugangsberechtigung haben, gelingt deutlich weniger der Sprung ins Studium. In Nordrhein-Westfalen und anderswo gibt es jetzt so genannte Talent-Scouts, die gezielt Jugendliche für ein Studium ansprechen, und zwar schon in den letzten Schuljahren. Die Erfahrungen zeigen: Das funktioniert. Die Hochschulen können auch selbst mehr tun, indem sie Orientierungskurse einrichten und den Studienanfängern den Start ins Studium erleichtern. Manche Jugendliche müssen erst noch besser schreiben lernen, andere brauchen ein Tutorium in mathematischen Grundfertigkeiten. Das bedeutet aber nicht, dass sie grundsätzlich nicht für ein Studium geeignet sind. Als Hochschullehrerin muss ich Potenziale erkennen und fördern.“

 

Fratzscher: „Wir müssen den Kindern und Jugendlichen auch klarmachen, welche finanziellen Hilfen es gibt. Ihnen aufzeigen, welche Optionen sie haben und warum und wie ein Studium sich für sie lohnt. Vor allem aber müssen die Hochschulen erstmal selbst die Vielfalt vorleben, die sie angeblich alle fördern wollen. Nehmen wir mein Fach, die Volkswirtschaft. 85 Prozent der Professuren sind mit Männern besetzt, darunter kaum mal ein Migrant.“

 

Allmendinger: „Das ist ein wichtiger Punkt. Welche Studierenden wählen wir Professorinnen denn aus, damit sie unsere Hilftskräfte werden? Welche Studierenden arbeiten mit an einer Studie oder schreiben ein Papier zusammen mit Herrn Fratzscher, Herrn Wößmann oder Frau Allmendinger? Im Zweifel sind das Leute, die so ähnlich sind wie wir selbst. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass es viel schwieriger ist, bildungsferne Leute mit dem Habitus eines Hochschullehrers vertraut zu machen. Man möchte von seinen Mitarbeitern ja entlastet werden, die sollen selbst Vorträge halten und so weiter. Hinzu kommt, dass unsere Hilfskräfte dann im Anschluss an ihre Tätigkeit bei uns wieder eine viel größere Chance haben, auf dem akademischen Arbeitsmarkt erfolgreich zu sein und zum Beispiel Professorinnen zu werden.“ 

 

Wößmann: „Bei der Bildungsexpansion der 1970er Jahre hatten wir ein ganz ähnliches Problem. Viel mehr Leute haben den Zugang zur Hochschule gefunden, aber die meisten dieser Leute waren Kinder aus den so genannten besseren Schichten. Wer Bildungsexpansion automatisch mit mehr Chancengerechtigkeit gleichsetzt, irrt. Bildungsexpansion muss einhergehen mit gezielten Programmen gerade für Kinder aus bildungsfernen Schichten, und zwar von der Kita bis zur Hochschule. Sonst profitieren nur wieder die Akademikerkinder.“

 

A propos Bildungsexpansion. Der Münchner Philosoph Julian Nida-Rümelin hat die Debatte über eine angebliche Akademikerschwemme gestartet, und viele Arbeitgeber sind erfreut aufgesprungen. Wem nützt eine solche Debatte?

 

Allmendinger: „Eine solche Debatte ist perfide. Sie suggeriert eine Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung. Dabei unterscheidet sich das Lebenseinkommen zwischen einem akademisch Gebildeten und eines dual Ausgebildeten im Schnitt um eine Million Euro. Daran ändern auch die vermeintlichen Heere studierter Taxifahrer nichts. Die meisten fahren, wenn überhaupt, ja auch nur vorübergehend Taxi.“  

 

Warum also diese Debatte?

 

Allmendinger: „Weil dadurch bestimmte Personengruppen aus dem Studium gedrängt werden sollen und so Jugendliche, die studieren könnten, einen handwerklichen Beruf erlernen. Und in den meisten Fällen sind das Jugendliche aus bildungsfernen Elternhäusern.“  

 

Wößmann: „Die Unternehmen erhoffen sich eine Linderung des Fachkräftemangels. Aber diesen über eine Angst-Diskussion beheben zu wollen, ist nicht fair. Wenn die Unternehmen über zu wenige Bewerber für ihre Lehrstellen klagen, dann heißt das volkswirtschaftlich ausgedrückt, dass wir die falschen Preise haben. In diesem Fall: zu niedrige Löhne für Ausbildungsberufe.“

 

Fratzscher: „Die Debatte um die Akademikerschwemme ist auch deshalb gefährlich, weil sich der technologische Wandel beschleunigt und viele Jobs, gerade solche mit dualer Ausbildung, künftig wegfallen. Wenn ich heute Bürokaufmann oder Bürokauffrau lerne, ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich in 20 Jahren noch den gleichen Job mache, sehr gering. Unser duales Ausbildungssystem ist sicherlich gut, aber es muss sich auch anpassen. Ein gutes Ausbildungssystem ist ein solches, das den Menschen nicht nur kurzfristig einen Job gibt, sondern auch langfristig Chancen eröffnet.“

 

Wößmann: „Und eigentlich ist das schon seit Jahrzehnten so. Nur hat sich das keiner bewusstgemacht. Eine sehr berufsspezifische Ausbildung erleichtert zwar den Eintritt in den Arbeitsmarkt, weil ich genau die Skills gelernt habe, die gerade gebraucht werden. Die andere Seite der Medaille ist aber erreicht, wenn ich 45 bin und mein Job durch die Globalisierung nach Ostasien geht oder wegautomatisiert wird. Dann fällt Menschen, die eine sehr berufsspezifische Ausbildung hatten, die Umorientierung viel schwerer, weil sie keine breitere Basis haben.“ 

 

Ist das duale Ausbildungssystems also am Ende?

 

Allmendinger: „Soweit würde ich nicht gehen, aber der internationale Wettbewerbsvorteil, den Deutschland dank des dualen Systems hatte, der ist gefährdet. Länder, wo das ‚training on the job‘ üblich ist, können sich den globalen Veränderungen manchmal schneller und flexibler anpassen. Und unterdessen reden wir immer noch von der dualen Ausbildung als deutschen Exportschlager.  Wir müssen uns davon verabschieden, dass eine Ausbildung im Leben reicht. Ich würde so etwas wie eine zweite, verpflichtende Ausbildung etablieren wollen. Diese kann, muss aber nicht eine duale Ausbildung sein.“ 

 

Das heißt, ich muss ein zweites Mal in die Lehre gehen oder studieren? 

 

Allmendinger: „Was heißt hier ‚müssen‘? Sie dürfen. In Deutschland wird jedes Weiterbildungsangebot sofort als Pflicht abqualifiziert. Ich halte es für einen Fehler, mit der Weiterqualifizierung zu warten, bis die Arbeitslosigkeit schon da ist. Darin besteht auch das Missverständnis von SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz und seinem Arbeitslosengeld Q.“ 

 

Wir reden von Leuten, die immerhin einen Abschluss haben. Was ist mit de, Sechstel jedes Jahrgangs, das das Bildungssystem ohne jede schulische oder berufliche Qualifikation verlässt?

 

Wößmann: „Vor 40 Jahren waren das noch fast 40 Prozent, heute sind es nur noch 16 Prozent. Aber der niedrigere Wert täuscht: Seit der Wiedervereinigung hat er sich nicht mehr geändert. Und während Ungelernte früher durchaus Jobs fanden, ist heute trotz Job-Booms ein Fünftel von ihnen arbeitslos. Wenn der Staat aber erst eingreift, nachdem die Leute schon arbeitslos geworden sind, und erst dann versucht, sie umzuschulen oder weiterzubilden, helfen die Maßnahmen zumeist nicht mehr. Zum Teil ist der Effekt sogar negativ.“ 

 

Stichwort Arbeitslosengeld Q: Ist der Eindruck richtig, dass die Politik lieber in Arbeitsmarktmaßnahmen investiert als in die Bildung?  

 

Allmendinger: „Zumindest folgen bei der Arbeitsmarktpolitik den Worten häufiger Taten. Die Bildungspolitik ist, wenn man sich die Wahlprogramme anschaut, seit Jahrzehnten top, und trotzdem passiert zu wenig. Ich glaube, wir müssen aufhören, überhaupt das eine gegen das andere auszuspielen.“ 

 

Fratzscher: „Viele Leute haben noch die Vorstellung: Ich mache die Ausbildung fertig und arbeite dann und dann habe ich mit Bildung nichts mehr am Hut. Die Zukunft ist aber ein Hin und Her zwischen Arbeits- und Ausbildungsphasen, auch ein Nebeneinander. Lebenslanges Lernen und eine stetige Qualifizierung werden deutlich an Bedeutung gewinnen. Und dafür muss die Politik bessere Voraussetzungen schaffen.“

 

Allmendinger: „Und deshalb bin ich dafür, Querschnittsministerien einzurichten, eben weil Arbeitsmarktpolitik, die Bildungspolitik, aber auch die Familienpolitik viel stärker als bislang miteinander verflochten werden müssen.“ 

 

Das würde bedeuten, dass wir zur alten Bundesagentur zurückmüssten, die bis 2002 sehr viel stärker in längerfristigen Qualifizierungsmaßnahmen investiert hat. 

 

Allmendinger: „Hoffen wir mal, dass der neue Agentur-Chef Detlef Scheele das hinbekommt. Er sagt ja, dass die Bundesagentur jetzt zu einer Qualifizierungsagentur werden soll. Klar ist: Wir brauchen nicht Kommission 1, die die Zukunft der Arbeit berät, und dann Kommission 2, die sich mit der Zukunft der Bildung auseinandersetzt. Wenn wir drei jetzt alle Expertenkommissionen auf einen Zettel schreiben würden, in denen wir schon mitgearbeitet haben, käme ganz schön was zusammen.“ 

 

Wößmann: „Ein Aspekt, der die Bildung von den anderen Bereichen unterscheidet, ist tatsächlich, dass es keine nationale Bildungspolitik gibt. Es gibt jede Menge Sonntagsreden, Ideen und Programme, aber wir haben auf nationaler Ebene niemanden, den wir für Bildung in letzter Konsequenz politisch verantwortlich machen können. Wenn die Arbeitslosigkeit in Deutschland hochgeht, dann wissen wir, an wen wir uns zu wenden haben. Aber wenn es bei der Bildung in Deutschland insgesamt Handlungsbedarf gibt, wissen wir das nicht.“  

 

Sind wir nicht zu schwarzmalerisch? Die Wirtschaft boomt, die Arbeitslosigkeit ist niedrig, es geht uns doch gut.

 

Fratzscher: „Natürlich geht es vielen in Deutschland heute gut, wenn auch bei weitem nicht allen. Wer auf die niedrige Arbeitslosigkeit verwiesen wird, unterschlägt aber meistens zu erwähnen, wie groß unser Niedriglohnbereich geworden ist und dass auch bei den Löhnen die Schere deutlich weiter aufgegangen ist. Viele Menschen haben Angst um die Zukunft, dass technologischer Wandel oder Globalisierung sie den Job kosten könnte, dass ihre Qualifikation nicht mehr ausreichen werden. Häufig sagt die Politik noch immer: ‚Sozial ist, was Arbeit schafft‘. Ich finde, unser Anspruch als Gesellschaft sollte es sein, gute Arbeit zu schaffen, also Arbeit mit guten Einkommen und Perspektiven für die Zukunft.“

 

Allmendinger: „Solange etwa der Vorsitzende des Deutschen Lehrerverbands argumentiert, die niedrige Arbeitslosigkeit beweise, dass unser Bildungssystem großartig sei, wir also mit dem Herummäkeln aufhören sollten – genau solange haben wir ein echtes Problem.“

 

Wößmann: „Da werden allzu einfache Zusammenhänge hergestellt. Dass Deutschland gerade im europäischen Zusammenhang gut da steht, weil das Kapital zu uns kommt, hat nichts mit der Stärke unseres Bildungssystems zu tun, sondern mit der Finanzkrise. Und das ist eine Momentaufnahme. Wenn die nächste Rezession bei uns ankommt, was sagt denn das dann über unser Bildungssystem aus? Über einen langen Zeitraum hinweg, über 40 oder 50 Jahre, ist das anders. Da gibt es tatsächlich einen starken Zusammenhang zwischen dem Abschneiden eines Landes bei Pisa oder anderen Kompetenztests und der Wachstumsrate. Und wir wissen, wie wir bei Pisa stehen. Wir haben uns verbessert. Aber wir sind noch lange nicht in der Spitzengruppe.“ 

 

Ungleichheit bei den Zukunftschancen ist das eine. Eine zukunftsfähige Wirtschaft das andere. Haben wir einen Innovationsstau in Deutschland? 

 

Fratzscher: „Ich glaube: ja. Wir merken ihn nur noch nicht, weil unsere Produkte auf dem Weltmarkt noch wettbewerbsfähig sind. Die Politik hat sich drei Prozent der Wirtschaftsleistung für Forschung und Entwicklung (F&E) als Ziel gesetzt. Doch eine so F&E-intensive Volkswirtschaft wie die deutsche müsste deutlich ambitionierter sein. Es gibt zwar einen Teil, der sehr innovativ ist, vor allem die sehr exportorientierten Industriebereiche. Gleichzeitig haben wir enorme Schwächen in vielen Dienstleistungssektoren, wo Bürokratie und Regulierung des Staats zu stark und Innovation zu schwach sind. In vielen Zukunftsbranchen, wie den Informations- und Kommunikationstechnologien, hinkt Deutschland deutlich hinterher. Die Folgen dieser Schwächen werden wir nicht sofort spüren, aber ich mache mir Sorgen, dass Deutschland in 15, 20 Jahren einen Teil seiner wirtschaftlichen Stärke eingebüßt haben könnte.“

 

Wößmann: „In dem, was wir machen, sind wir vielfach schon sehr stark im F&E-Bereich. Wir sind extrem gut darin, auf dem aufzubauen, was wir schon machen, unsere Produkte zu perfektionieren und in die ganze Welt zu vertreiben. Es gibt jede Menge Nischen, in denen unsere Industrie bestens aufgestellt ist. Die große Frage ist allerdings, wie wir damit klarkommen, wenn plötzlich disruptive Prozesse stattfinden, wenn auf einmal Google kommt oder andere Unternehmen, die gerade nicht in Deutschland sitzen und möglicherweise das gesamte Geschäftsmodell der Industrie neu definieren? Ich glaube, dass das Problembewusstsein immerhin bei den großen Konzernen, den Autobauern etwa, angekommen ist. Sie investieren jetzt alle ins autonome Fahren und andere neue Technologien, weil sie wissen, dass Google ihnen sonst den Rang streitig macht. Aber natürlich reden wir hier nicht von einem Problembewusstsein in der Breite, sondern nur an der Spitze der deutschen Wirtschaft.“

 

Fratzscher: „Und selbst dieses Problembewusstsein war nur eine Reaktion auf schon verpasste Entwicklungen.“

 

Allmendinger: „Wir sollten nicht immer nur über technische Innovationen sprechen. Denn unsere Gesellschaft ist zunehmend sozial gespalten, und zwar durch eine Reihe von Faktoren: Wir wohnen an unterschiedlichen Orten, wir arbeiten in verschiedenen Branchen und Betrieben, und unsere Arbeitsplätze sind entweder lokal oder global ausgerichtet. Ärmer werden die Menschen insofern, als sie immer nur noch mit ihresgleichen zusammen sind, das heißt: Die gesamtgesellschaftlichen Marktplätze werden seltener. Deshalb brauchen wir hier dringend soziale Innovationen.“ 

 

Sie alle drei sind hoch geachtete Wissenschaftler und zugleich extrem präsent in der Öffentlichkeit. Warum ist es Ihnen so wichtig, Ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse in die Gesellschaft hineinzutragen? 

 

Allmendinger: „Ich bin sehr privilegiert erzogen worden. Ich denke, dass ich mit dieser Privilegierung auch eine soziale Verantwortung habe. Und der versuche ich gerecht zu werten. Es ist meine Form von Dankbarkeit, gepaart mit dem Leitsatz der Leibniz-Gemeinschaft, Theorie und Praxis miteinander zu verbinden 

 

Wößmann: „Vielleicht kann man als Naturwissenschaftler forschen, ohne seine Ergebnisse je in der Öffentlichkeit zu diskutieren. Als Sozialwissenschaftler ist man sofort mitten in der Realität der Gesellschaft. Und dann will man zumindest das, was man denkt ein bisschen verstanden zu haben, in die öffentliche Diskussion einbringen. Das ist bei mir keine politische Mission. Ginge ich nicht in die Öffentlichkeit, wäre meine Forschung obsolet, so einfach ist das.“

 

Fratzscher: „Ich glaube, wir haben in Deutschland noch viel zu sehr dieses Elfenbeinturm-Verständnis von Wissenschaft. Viele denken, man müsse sich so weit wie möglich von der realen Welt fernhalten, um als Wissenschaftler unabhängig zu sein. In den USA und auch in Großbritannien ist das anders, dort heißt es: Damit ich relevante Forschung machen kann, muss ich wissen, was in der Welt passiert. Diese Philosophie finde ich gut. Ich will gute und relevante Forschung machen und dazu muss ich auch wissen, was die Gesellschaft bewegt.“ 

 

Das Gespräch moderierten Jan-Martin Wiarda und Achim Meyer auf der Heyde.

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Wissenschaftsschranke, leicht eingeschränkt

Union und SPD haben sich auf einen Kompromiss zur Reform des Urheberrechts verständigt. Der Bundestag wird das Gesetz aller Voraussicht nach am Freitag beschließen.

VOR DEM WOCHENENDE hatte Horst Hippler, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) noch vor dem Scheitern der Wissenschaftsschranke gewarnt, heute können Hochschulen und Forschungseinrichtungen aufatmen: Die Spitzen der Koalitionsfraktionen haben mitgeteilt, dass sie das neue Urheberrrechts-Wissenschaftsgesellschafts-Gesetz am Freitag im Bundestag passieren lassen wollen.

 

Mit diesem Gesetz mache die Koalition das Urheberrecht fit für das digitale Zeitalter, sagte der CDU-Bildungsexperte und stellvertretende Fraktionsvorsitzende Michael Kretschmer in einem ersten Statement. "Mit der einheitlichen Wissenschaftsschranke schaffen wir Sicherheit für die Nutzer und beenden einen jahrelangen Konflikt."

 

Ich hatte in meinem Blogeintrag vor genau zwei Wochen prognostiziert, das Gesetz werde trotz des Widerstandes vor allem aus CDU und CSU auf der Zielgraden durchkommen. "Um die eigene Regierung derart zu bloßzustellen, dürfte das Thema aus Sicht der Unionsfraktion nicht zentral genug sein", schrieb ich, und so war es am Ende auch. 

 

Der SPD-Bildungsexperte Ernst Dieter Rossmann sagte," bis zum letzten Moment" habe seine Fraktion gegen das Scheitern der Reform gekämpft. Dieser Einsatz habe sich gelohnt: "Ein Durchlöchern des Gesetzes durch Ausnahmen für Lehrbücher oder den Vorrang für ‚angemessene Lizenzangebote‘, wie sie die Unionsfraktion durchsetzen wollte, konnten wir verhindern."

 

Die Einigung hatte allerdings ihren Preis. So wurden als Zugeständnis an die Unionsabgeordneten Zeitungen und Publikumszeitschriften von der Wissenschaftsschranke ausgenommen, vollständige Presseartikel dürfen demzufolge nicht vollständig zu Wissenschaftszwecken genutzt werden. In der Begründung des Bundestagsausschuss für Recht und Verbraucherschutz zu den Änderungen heißt es, damit reagiere man "auf die besondere Situation der Tages- und Publikumspresse", die anders als Wissenschafts- und Fachverlage "die urheberrechtlich geschützten Inhalte vollständig über ihr eigenes Geschäftsmodell finanzieren" müsse. Sie sei deshalb stärker darauf angewiesen, dass eine vollständige Nutzbarkeit der Beiträge nur auf Lizenzbasis möglich sei.

 

Anders formuliert: Die Lobbyarbeit der Presseverlage in den vergangenen Wochen hat sich bezahlt gemacht. Allerdings auch wieder nicht so ganz, denn 15 Prozent eines Beitrages dürfen in jedem Fall erlaubnisfrei zitiert werden, das gilt auch für  Veröffentlichungen der Presse. Es handele sich um "einen fairen Ausgleich von Interessen", kommentierte Kretschmer, und Rossmann ergänzt: "Dieser Kompromiss tut nicht wirklich weh", er berühre die Wissenschaft nur am Rande. 

 

Die zweite wesentliche Veränderung gegenüber dem Kabinettsentwurf: Die Wissenschaftsschranke gilt zunächst auf fünf Jahre befristet. Nach vier Jahren soll eine Evaluierung ihre Auswirkungen überprüfen, anschließend soll über die Fortschreibung entschieden werden. 

 

Zusätzlich wird es einen Entschließungsantrag der Koalitionsfraktionen geben, in dem unter anderem die Entwicklung einer Online-Lizenzplattformen angeregt werden soll. Der zwischen Union und SPD ausgehandelte Wortlaut der Entschließung stellt den Kern des Gesetzes nicht in Frage, betont aber noch einmal, dass die schwierige wirtschaftliche Situation besonders der kleinen und mittelgroßen Verlage gesehen werde.  Die konkrete Aufforderung an die Adresse der Bundesregierung: Sie solle sich weiter auf europäischer Ebene dafür einsetzen, "dass Autoren bereits im Verlagsvertrag zugunsten ihrer Verleger über gesetzliche Vergütungsansprüche verfügen können, und nicht erst nach Veröffentlichung oder mit Anmeldung des Werks." Außerdem soll die Bundesregierung einen "Stakeholder-Dialog" anregen mit dem Ziel, innerhalb von fünf Jahren besagte Plattform einzurichten. Und schließlich soll sie Maßnahmen erwägen, um etwaige künftige Einnahmeausfälle der Verlage zu überbrücken, falls die denn kommen. 

 

Die HRK wollte sich am Dienstagnachmittag noch nicht äußern. Der Entwurf, auf den sich die Regierungskoalitionen geeinigt haben, liege ihr bislang nicht vor. Zwei "rote Linien" hatte HRK-Präsident am Freitag seitens der Hochschulen genannt: keine Einzelerfassung urheberrechtlich geschützter Werke. Und, zweitens, keine Einzelfallprüfung von Verlagsangeboten, bevor sie bereits lizenzierte Materialien nutzen. SPD-Politiker Rossmann sagte dazu, seine Partei habe ihre Positionen eng mit Wissenschaft und Hochschulen abgestimmt." Die roten Linien, die von der Seite der Hochschulen und der Forschungseinrichtungen mit Recht gezogen worden sind, waren auch für uns die roten Linien."

 

So sehr die SPD sich feiern mag und so recht sie das, so Rossmann, "Sperrfeuer" der Unionsfraktion kritisiert, so sehr haben zugleich die Wissenschaftspolitiker in CDU und CSU zu der Einigung beigetragen, indem sie ihre Position hielten gegen die eigenen Fraktionskollegen. Ein erstaunlicher Zusammenhalt von Fachpolitikern in Zeiten des Wahlkampfes. 

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Vermessene Studenten

Die Ergebnisse der 21. Sozialerhebung liegen vor. Die ersten Reaktionen konzentrieren sich auf die angespannte Finanzlage vieler Studenten.

DIE SOZIALERHEBUNG WAR noch nie eine Publikation, die man eben mal rasch durchblättert, und dann war's das. Im Gegenteil: Die Ergebnisse, die das Deutsche Studentenwerk (DSW) heute auf knapp 200 Seiten veröffentlicht hat, werden sich in ihrer Tiefe auch diesmal erst allmählich erschließen. So umfangreich sind die zum 21. Mal erhobenen Daten über die Lebenswirklichkeit der Studenten in Deutschland. Deshalb sind auch die heute erschienenen Schlagzeilen, so spannend sie sind, doch nur als erstes Exzerpt zu sehen. 

 

Betont nüchtern daher kommt die Überschrift der Pressemitteilung, die das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) als Finanzier der Studie gemeinsam mit DSW und dem Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) herausgegeben hat: "Umfrage mit Rekordbeteiligung". Noch nie hätten so viele Studenten mitgemacht, die Angaben von mehr als 60.000 Menschen an 248 Hochschulen seien eingeflossen. Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) sagte bei der Vorstellung der Studie, die Gruppe der Studentinnen und Studenten sei "heute so vielfältig wie unsere ganze Gesellschaft und hat entsprechend ganz unterschiedliche Bedürfnisse im Studium." Die Hochschulen müssen daher ihre Studienformen noch flexibler gestalten. Zudem wünschten sich die Studenten mehr Praxisbezug. 

 

Weniger zurückhaltend war das Studentenwerk wenig später bei seinen eigenen Pressemitteilungen, von denen es gleich drei auf einmal losschickte, jeweils mit eigener Aussage versehen. Erstens: "Der finanzielle Druck auf die Studierenden nimmt zu." Gegenüber 2012 sei die Erwerbstätigenquote um sechs Prozentpunkte gestiegen auf zuletzt 68 Prozent der Studierenden. Zugleich hätten die sogenannten "unbaren Unterstützungsleistungen" der Eltern zugenommen, von 261 Euro auf 309 Euro im Monat. Zweitens: "Kostentreiber Miete ein Problem für viele Studierende." Im Schnitt müssen Studenten laut den neuen Zahlen 323 Euro fürs Wohnen aufwenden, in Hochschulstädten mit immer weniger bezahlbarem Wohnraum wie München, Köln, Frankfurt am Main, Hamburg oder Berlin sei es noch deutlich mehr. Und – drittens – die Schlussfolgerung präsentiert das Studentenwerk auch gleich noch mit: "BAföG regelmäßig erhöhen". Nur 18 Prozent aller Studenten erhielten im Sommer die Unterstützung zum Studium, das sei die niedrigste Quote seit Beginn der 1990er Jahre, kritisierte DSW-Präsident Dieter Timmermann: "Wir alle hoffen, dass durch Erhöhung der Elternfreibeträge um 7 Prozent zum Wintersemester 2016/2017 – wie von der Bundesregierung erhofft – nun deutlich mehr Studierende BAföG bekommen."

 

Die Skepsis, ob es wirklich so kommt, steht in Timmermanns Statement mehr als nur zwischen den Zeilen. Zuletzt hatte das DSW Ende Mai "Förderlücken" beim BAföG angeprangert. Noch deutlicher wurde der grüne Bildungsexperte Kai Gehring in seinem ersten Reaktion auf die Sozialerhebung: "Studierende ächzen unter unsozialer Politik der großen Koalition." Nach zwölf Jahren unionsgeführter Bundesregierung sei das BAföG ein Schatten seiner selbst und müsse "schleunigst verbessert, ausgebaut und regelmäßig automatisch erhöht werden".

 

Die Initiative "Arbeiterkind.de" bemängelte die fortbestehenden Hürden für Kinder aus Nichtakademikerfamilien an deutschen Hochschulen: "Der/die typische Studierende kommt weiter aus einem Akademikerhaushalt." Der Sozialerhebung zufolge stammen haben 52 Prozent der Studenten mindestens ein Elternteil mit akademischem Abschluss.

 

Kai Gehring kritisierte denn auch, dass in der Sozialerhebung von 2016 der so genannte "Bildungstrichter" fehlte, der 2012 plakativ gezeigt hatte, dass 77 von 100 Akademikerkindern studierten, aber nur 23 von 100 Nicht-Akademikerkindern. Warum? Beim Studentenwerk hält man sich bedeckt und ist nur zu einer betont offiziellen Stellungnahme bereit. Das Fehlen habe vor allem methodische Gründe, und den Bildungstrichter wegzulassen, sei eine gemeinsame Entscheidung aller Partner gewesen. Er werde aber wahrscheinlich im nächsten Nationalen Bildungsbericht wieder auftauchen. Gehring twitterte: "BMBF beseitigt Beleg für Bildungsspaltung. Angst vor bad news?" 

 

Ein Vorgeschmack auf einige der vielen Ergebnisse der Sozialerhebung, die heute noch nicht so viel Beachtung fanden: Traditionell spannend ist die Frage nach dem Zeitbudget der Studenten. So ist die Zeit, die Studenten pro Woche in Lehrveranstaltungen verbringen, zwischen 2012 und 2016 um drei Stunden auf 15 gesunken, während das Selbststudium um eine Stunde auf 18 zunahm – was wiederum mit der bereit erwähnten höheren Erwerbsquote zusammenhängen könnte. Das Durchschnittsalter der Studenten stieg im gleichen Zeitraum leicht von 24,4 auf 24,7 Jahre. Sechs Prozent sind verheiratet, 48 Prozent unverheiratet, befinden sich aber in einer festen Partnerschaft. Und: Sechs Prozent der Studenten haben mindestens ein Kind,  ein Prozentpunkt mehr als 2012. Im Schnitt haben Studenten übrigens 1,6 Kinder.

 

Durchgeführt haben die Studie Forscher des DZHW.

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Die Mär vom Wildwuchs

Coffee-Management und Rasenpflege: Studiengänge wie diese müssen herhalten, wenn mal wieder die Explosion unsinniger Fächer beklagt wird. Ein Zerrbild, meinen OLAF BARTZ und LENA WEYERS in ihrem Gastbeitrag.

Hammonia: "wildwuchs", CC BY-NC 2.0

ZU VIELE STUDIENGÄNGE gebe es in Deutschland, so ist es immer wieder zu hören. „Fachidioten“ würden herangezüchtet, heißt es, und fiktive abseitige Studiengänge liefern Anlass für satirische Darstellungen (siehe Seite sieben hier).

 

So verbreitet die Klage ist: Ist sie auch berechtigt? Hat die Zahl der Studiengänge tatsächlich einen bedenklichen Stand erreicht? Um diese Frage zu beantworten, muss man zunächst eine noch viel grundsätzlichere klären: Was ist eigentlich ein Studiengang?

 

Maßgeblich sind, wie stets, die Hochschulgesetze der Länder. Eine typische Formulierung, hier aus Paragraph 49 des schleswig-holsteinischen Hochschulgesetzes, lautet: „Ein Studiengang ist ein durch Prüfungsordnung geregeltes, auf einen Hochschulabschluss, ein Staatsexamen oder ein kirchliches Examen ausgerichtetes Studium.“ Zudem findet sich in den Gesetzen der Begriff der „Teilstudiengänge“, der die in Deutschland vor allem in den Geistes- und Sozialwissenschaften sowie im Lehramt übliche Struktur beschreibt, in der angehende Studierende aus einem Katalog an Fächern eine bestimmte Anzahl, in der Regel zwei, für ihr Studium auswählen. 

 

Wie viele Studiengänge gibt es denn nun in Deutschland? Am verlässlichsten Auskunft geben die traditionsreiche Broschüre „Studien- und Berufswahl“ und der von der Hochschulrektorenkonferenz betriebene „Hochschulkompass“. Im Folgenden beziehen wir uns auf die Ergebnisse des Hochschulkompasses, und zwar aus zweierlei Gründen: Er liefert nicht nur Zahlen, sondern zusätzlich Informationen, welcher Studiengang wie akkreditiert worden ist. 

 

Der tagesaktuelle Wert, den der Hochschulkompass angibt, schwankt seit längerem zwischen 18.000 und 19.000 Studiengänge in Deutschland, davon gut 17.000 mit den Abschlüssen Bachelor und Master. Darin eingeschlossen sind Teilstudiengänge aller Art (auch als Studienfächer oder Studienmöglichkeiten bezeichnet), anders formuliert: Es handelt sich um den größtmöglichen Wert. Zugleich suggeriert die Zahl aber eine höhere Komplexität als in der Realität gegeben. Beispielsweise ist an der LMU München das eine Fach „Biologie“ unter diesem Namen in sieben Studiengängen zu finden: als Bachelor, als zwei- sowie als viersemestriger Master und für vier Lehramtstypen.

 

Nach welchen Gesichtspunkten könnte nun beurteilt werden, ob die 18.000 oder 19.000 Studiengänge in dieser weitesten Definition wirklich zu viel sind oder womöglich sogar zu wenige (hier sechs unterschiedliche Meinungen zu dieser Frage)? Schauen wir zunächst in die Vergangenheit.

 

Wer die Entwicklung der Studiengangszahlen analysiert, nimmt meist die größte Studienstrukturreform der bundesrepublikanischen Geschichte als Ausgangspunkt, die eingängig, wenngleich nicht vollständig präzise unter dem Rubrum „Bologna“ zusammengefasst wird. Wie war die Situation vor Bologna? Wie danach?

 

Maximal komplexitätsreduzierend erzählt, waren Diplom- und Magisterstudiengänge an sogenannten Rahmenprüfungsordnungen ausgerichtet, die Vorgaben für Inhalte und Struktur der Studiengänge enthielten. „Damals“, also bis zu Beginn der 2000er Jahre, wurden Studiengänge zur Genehmigung an das zuständige Wissenschaftsministerium geschickt, das die „Compliance“ mit den Rahmenprüfungsordnungen checkte. Dieses System stieß immer öfter auf Ablehnung:

 

• Kritisiert wurde, dass Studiengänge nicht von fachlich ausgewiesenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, sondern von der Ministerialbürokratie beurteilt wurden.

 

• Das System der Rahmenprüfungsordnungen wurde als zu starr empfunden: Es bremse Innovationen innerhalb von Studiengängen, etwa didaktischer Natur. Darüber hinaus werde die Entwicklung neuer Programme jenseits der normierten klassischen Fächer gebremst und die Hochschulautonomie eingeschränkt.

 

Diesen Missständen abzuhelfen, war ein wesentlicher Antrieb für Hochschulrektoren- wie Kultusministerkonferenz, im Jahr 1998 und damit VOR der Bologna-Erklärung von 1999, grundlegende Beschlüsse zu fassen, in denen sie die Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen sowie der Akkreditierung als wissenschaftsgeleitetes Qualitätssicherungssystem forderten. „Vielfalt ermöglichen“ lautete ein Hauptziel. 

 

Was ist seither geschehen? Schon vor der Reform boten die deutschen Hochschulen eine große Zahl an Studiengängen an, nämlich über 8300 im Wintersemester 1999/2000. 

 

Die Stufung der Studiengänge hat zunächst einmal automatisch ihre Anzahl erhöht: Wo früher ein einzügiger Diplom- oder Magisterstudiengang bestand, sind heute – wiederum ausgesprochen schematisch betrachtet – ein Bachelor- und ein Masterstudiengang zu finden. Auf diese Weise allein lässt sich ein Großteil des Anstiegs erklären. Der Rest kann auf tatsächlich neue Programme zurückgeführt werden. Es finden sich

 

• Ausdifferenzierungen, ob inhaltlicher Natur etwa in Gestalt spezialisierter Masterstudiengänge, oder studienstruktureller Natur, wenn beispielsweise Teilzeit- oder berufsbegleitende Angebote auf Basis bestehender Curricula als eigenständige Programme geschaffen werden. 

 

• Hybridstudiengänge an den Grenzbereichen mehrerer Fächer; ein klassisches Beispiel schon aus der Diplom-Ära ist der Wirtschaftsingenieur.

 

• Vertiefungen: Hochschulen weisen oft auf der Basis eines Kernfachs bestimmte Spezialisierungen als separate Studiengänge aus. Findet man an ein und derselben Hochschule beispielsweise Handels-, Vertriebs- und Tourismusmanagement, ist der BWL-Kern der Curricula in der Regel weitestgehend identisch. 

 

• Akademisierungen: Vor allem im Gesundheitsbereich sind eine Reihe von Berufsausbildungen in nennenswerter Größenordnung „akademisiert“ worden. Derzeit werden über 550 Studiengänge im Gesundheitsbereich außerhalb der Human-, Zahn- und Tiermedizin angeboten, die es im Jahr 2000 überwiegend noch nicht gegeben hat.

 

Was bedeutet das nun alles? Wir denken: Die Zahl der Studiengänge ist aus nachvollziehbaren Gründen angestiegen. Der weitaus größte Teil des Anstiegs ist technisch bedingt durch die Einführung der gestuften Studiengänge. Eine ebenfalls wichtige Begründung ist die angesprochene Akademisierung vormals nicht akademischer Berufsfelder. Die Ausdifferenzierungen und Spezialisierungen fallen vergleichsweise wenig ins Gewicht, auch wenn ausgerechnet sie in der öffentlichen Diskussion als teilweise groteske Fehlentwicklung dargestellt werden. Als Paradebeispiele werden dann seltsame „Exoten“ und Extrem-Spezialisierungen genannt, die quantitativ die absolute Ausnahme sind – und meist auch schnell wieder vom Markt verschwinden. Den viel beschworenen Studiengang „Coffeemanagement“ hat die anbietende Hochschule schon vor einiger Zeit mangels Nachfrage eingestellt. 

 

Im Ergebnis plädieren wir für mehr Vertrauen in die Hochschulen, die Studierenden und in den Arbeitsmarkt: Neue Studiengänge werden ausprobiert, und das ist auch gut so – was sich nicht bewährt, wird aber wieder verworfen. Ein Wildwuchs, eine Verirrung, eine „Explosion“ überflüssiger Spezialstudiengänge bedeutet all das nicht. Schließlich ein Blick ins Ausland: In Großbritannien werden 50.000 Studiengänge angeboten. Da wirken die deutschen 19.000 doch überschaubar.

 

Olaf Bartz ist Geschäftsführer der Stiftung zur Akkreditierung von Studiengängen in Deutschland. Lena Weyers war von 2015 bis 2017 studentische Hilfskraft in der Geschäftsstelle der Stiftung.

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Diverse Exzellenz

Diversity Management ist eine Frage des Anstandes, schon richtig. Das Problem: Die meisten Hochschulrektoren haben bislang nicht kapiert, dass sie viel mehr ist als das.

Jens Hoffmann: "Diversity", CC BY-NC-ND 2.0

DA REDEN SEIT mindestens zehn Jahren alle über Diversität und wie wichtig sie ist für die Zukunft der Wissenschaft, und was sagen Hochschulrektoren? Nur knapp jede/r dritte ist der Meinung, dass Diversität für die Qualität der Forschung von besonderer Bedeutung ist. So berichtet es das Hochschul-Barometer, eine jährliche Umfrage des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft.

 

Moment, werden jetzt viele Hochschulchefs protestieren, stimmt doch gar nicht! Wir finden Vielfalt wichtig, und tatsächlich geben 83 Prozent der befragten Hochschulleitungen im Hochschul-Barometer an, dass Diversität in Lehre und Studium „große Beachtung“ finde. Ja, aber eben nur da. Und das ist das Problem. Denn so, wie in den vergangenen zehn Jahren der Begriff „Diversität“ Karriere gemacht hat, wurde ein zweites Wort an die Spitze hochschulpolitischer Debatten katapultiert: „Exzellenz“. Und gemeint ist damit eigentlich immer Exzellenz in der Forschung.

 

„Diversität“ in der Lehre, „Exzellenz“ in der Forschung. Die Wahrheit ist, dass viele Rektoren eines noch immer nicht verstanden haben: Exzellenz ohne Diversität, das geht gar nicht. Solange die Mehrheit der Lehrstühle in Deutschland (und anderswo) von weißen Männern über 45 besetzt ist, die noch dazu einen deutschen Pass haben, werden nicht die besten ausgewählt, denn das wäre schon im Sinne der Gaußschen Normalverteilung unmöglich. Zum Zuge kommen die Naheliegendsten. Wenn man so möchte, ist aber genau das der Kern von Diversität: Nehmt nicht die, die immer da waren, sondern die mit dem größten Potenzial. >>   



>> Dass das mit der Diversität in der Lehre besser klappt, ist erfreulich - und zeigt zugleich, dass viele Rektoren Diversität eben nicht als einen Weg zu Exzellenz begreifen. Sondern als einen Beitrag zur Sozialpolitik, etwas, das man der Gesellschaft schuldig ist. Tut man halt. In der Lehre belohnt die Politik die Ausweitung der Studierendenzahlen, Stichwort Hochschulpakt, ja auch kräftig. Aber, denken viele Profs und ihre Chefs (ihre mehrheitliche Demographie siehe oben): Wenigstens in der Forschung können wir noch nach Exzellenz gehen. Und das heißt für sie: ihresgleichen berufen. 

 

Wir können lange über Geld reden, das deutschen Hochschulen fehlt, um zur Weltspitze aufzuschließen. Auch zu Recht. Ganz sicher aber werden sie den Sprung nach vorn nicht schaffen, bis nicht auch der letzte Rektor begriffen hat: Diversität ist eine Frage des Anstandes. Vor allem aber ist Diversität der beste Garant gegen Mittelmäßigkeit.

 

Die nächste Gelegenheit, es besser zu machen, steht an: das Tenure-Track-Programm. Klar kann man den Wettbewerb nutzen, um ein flammendes Plädoyer für Personalentwicklung einzureichen und in Wirklichkeit ein paar vorgezogene Berufungen durchzudrücken. Oder man beginnt sie, die Suche nach den nicht Naheliegenden. Sie mag anstrengender sein zunächst. Aber noch anstrengender ist auf Dauer das Fehlen ungeahnter Perspektiven.  

 

Dieser Kommentar erschien heute zuerst im ZEITChancen Brief. 


NACHTRAG AM 27. JUNI:

 

Ich habe einige Zuschriften zu meinem oben stehenden Kommentar erhalten. Tenor: "Bei uns an der Hochschule läuft das anders!", oder: "Schauen Sie mal hier, unsere Diversity-Strategie." Es ist großartig, dass es an dem Drittel Hochschulen, deren Rektoren das Thema "Diversität" für wichtig halten, so viele Beispiele gelebter Vielfalt gibt.

 

Was mich allerdings sorgt, sind E-Mails von Hochschulleitungen, die auf das Thema "Diversität" mit ihren Maßnahmen zur Gleichstellung von Frauen und Männern antworten. Oder umgekehrt Leser, die mir widersprechen und der Meinung sind, es sei langsam mal genug mit der "Frauenförderung". Dass nicht jede Idee für mehr Geschlechtergerechtigkeit in Sachen Wissenschaft automatisch eine gute sein muss: geschenkt. Dass gelegentlich auch junge Männer bezahlen müssen für die Jahrzehnte lange Untätigkeit ihrer älteren Geschlechtsgenossen, weil jetzt eben bei vielen Neuberufungen im Falle gleicher Eignung die Frauen vorgezogen werden: Mag sein.

 

Das eigentliche Problem ist indes, dass der Begriff "Diversität" in all diesen Äußerungen weiter missverstanden wird. Diversität heißt eben nicht nur oder vor allem die Gleichstellung von Frauen und Männern. Das ist EIN Aspekt. Diversität heißt Offenheit für alle Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrer Herkunft, ihrer Hautfarbe, ihrer persönlichen Geschichte (bitte verlängern Sie die Liste mit jedem Aspekt, der Ihnen persönlich wichtig ist). Das zumindest ist das Verständnis von Diversität, das ich mir an weit mehr unserer Hochschulen wünsche.

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Wenig Neues, aber mehr davon

Kurz vor der Sommerpause verhandeln Bund und Länder über die Details des künftigen Professorinnenprogramms. Der erste Entwurf bietet kaum Überraschungen und trotzdem ein paar gute Ideen.

Foto: Leo Hidalgo: "Research", CC BY-NC 2.0

HEUTE TAGEN DIE Staatssekretäre von Bund und Ländern in der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz (GWK), und unter Top 3 verhandeln sie einen heiklen Punkt: die Fortsetzung des Professorinnenprogramms. Heikel insofern, weil es sich um eine Initiative handelt, die in der Vergangenheit parteiübergreifend hoch gelobt wurde. Und weil es gleichzeitig doch etwas wenig wäre, einfach nur ein "Weiter so" zu beschließen. Heikel auch deshalb, weil das Programm zum 31. Dezember 2017 ausläuft und eine neue Vereinbarung den Zeitraum vom 01. Januar 2018 abdecken soll, was schon politisch, vor allem aber organisatorisch nicht ganz einfach werden dürfte angesichts der bevorstehenden Bundestagswahl. 

 

Entsprechend groß ist die Motivation aller Akteure, zu einer Einigung zu kommen, will sich doch keiner vorwerfen lassen, beim Thema Gleichstellung auf der Bremse zu stehen. Schon, als die GWK im April zwar die Fortsetzung beschloss, aber eben erst nach der Bundestagswahl, kritisierte der grüne Wissenschaftsexperte Kai Gehring: Die Bundesregierung  habe bei dem Ziel, bessere Bedingungen für Frauen in der Wissenschaft zu schaffen, "keinen Ehrgeiz und Weitblick gezeigt." 

 

Heute werden sich die Staatssekretäre über einen "Zwischenbericht zur Fortführung des Professorinnenprogramms" beugen, den die Ministerien im Arbeitskreis "Chancengleichheit" erarbeitet haben – und über einen ersten Entwurf der neuen Bund-Länder-Vereinbarung, die mit der römischen Ziffer III versehen ist – für die dritte Programmphase. Die erste war 2007 beschlossen worden, die zweite 2012.

 

Im Zwischenbericht schlagen die Fachleute als zentrale Neuerung vor, die Hochschulen müssten künftig "auf Verstetigung angelegte" Gleichstellungskonzepte einreichen, wenn sie bereits in den ersten beiden Förderphasen erfolgreich waren. In der Anlage zum Vereinbarungsentwurf wird konkretisiert, was das bedeuten könnte: Die Hochschulen müssten demnach belegen, inwieweit sie die im Gleichstellungskonzept der ersten Antragsrunde formulierten Ziele erreicht haben, sie müssten dazu auf die "Erfolge und Misserfolge bei den bisherigen Bemühungen zur Verstetigung" eingehen. Darüber hinaus müssten die Hochschulen aufzeigen, "wie die weitere Verstetigung der Gleichstellungsaktivitäten in den nächsten fünf Jahren nach Auslaufen der Förderung erfolgen soll." Dann nennen die Experten im Arbeitskreis "Chancengleichheit" eine Reihe von Kriterien, die zur Überprüfung des bisherigen Erfolges dienen könnten, darunter die strukturelle Verankerung des Konzepts in die Hochschule hinein, die Personalentwicklung und die Beteiligung von Frauen in Organen und Gremien. Überhaupt ist die Personalentwicklung als konkretes Bewertungskriterium für alle Anträge hinzugekommen, es geht um Aussagen "mit dem Ziel einer verbesserten Planbarkeit der wissenschaftlichen Karriere sowie zur Verringerung des Ausscheidens von Nachwuchswissenschaftlerinnen".

 

Äußerst schlau löst der Programmentwurf einen Konflikt, der sich in den vergangenen Monaten abgezeichnet hatte. Bislang sah das Professorinnenprogramm keine spezielle Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses vor, genau das hatten jedoch Wissenschaftspolitiker verschiedener Parteien gefordert. Zuletzt formulierte die CDU/CSU-Bundestagsfraktion in einem Positionspapier, das Programm müsse „modellhaft auch für die Qualifikationsstufen neben und vor der Professur geöffnet werden“, etwa mit Stellen für Postdoktorandinnen oder für Leiterinnen von Nachwuchsgruppen. Genau davor hatte die neue Sprecherin der Jungen Akademie, Jule Specht, jedoch gewarnt: Für Postdoc-Stellen gebe es bereits viele Förderformate, ihre Erweiterung sei nicht notwendig „oder sogar kontraproduktiv“, da so neue prekäre Existenzen gefördert würden, anstatt die Gelder in mehr Tenure-Track-Professuren zu investieren.

 

Die Regelung im vorliegenden Vereinbarungsentwurf: Während bislang in der Regel pro erfolgreicher Hochschule bis zu drei Vollberufungen von Frauen über einen Zeitraum von höchstens fünf Jahren gefördert werden konnten, könnten künftig maximal zehn Hochschulen pro Einreichungsverfahren noch eine zusätzliche vierte Professorinnenstelle erhalten. Voraussetzung: Die von ihnen eingereichten Gleichstellungskonzepten haben in puncto Nachwuchsförderung eine besonders gute Bewertung erreicht. Ein neuer Wettbewerb im Wettbewerb also.

 

Ein anderer viel diskutierter Punkt war in der Vergangenheit, ob große Hochschulen Wettbewerbsvorteile bei der Vergabe hatten. Die Experten antworten in ihrem Zwischenbericht, eine strukturelle Benachteiligung von kleineren Hochschulen und Fach- oder Kunst- und Musikhochschulen sei nicht nachweisbar. Allerdings schlägt der Arbeitskreis vor, die neue Bund-Länder-Vereinbarung solle verstärkt die Berücksichtigung der hochschulspezifischen Situation bei der Begutachtung betonen. 

 

Zum Schluss noch ein Wort zum Geld: Dass das Professorinnenprogramm insgesamt mehr Mittel als bisher (150 Millionen Euro auf fünf Jahre) vertragen kann, da waren sich in der Vergangenheit alle schnell einig. Die Experten machen es konkret und schlagen eine Ausweitung von 250 "auf nicht weniger als 280 Professuren" in der Programmphase drei vor, dazu könnten 20 weitere Professuren kommen für den hinzugefügten Wettbewerb zu den Nachwuchskonzepten. Zusätzlich, so die Ministerialbeamten, könnte die durchschnittliche Fördersumme pro Professur um 10 Prozent steigen. Auch wenn die Ministerialbeamten den Wert nicht ausbuchstabieren, ihr Vorschlag an die Staatssekretäre würde auf knapp 200 Millionen Euro für die neue Förderphase hinauslaufen. 

 

Und wie reagieren nun die Staatssekretäre und Minister auf die Vorarbeit ihrer Experten? Äußerst positiv, so scheint es. Der Entwurf sei sicherlich noch nicht das letzte Wort, so der Tenor, aber die Grundrichtung stimme, und die lautet: Wenig Neues, aber ein paar innovative Highlights. Die größte Zurückhaltung gilt freilich beim Geld: Wie groß das Programm werde, entscheide sich mit Sicherheit erst nach der Bundestagswahl. Dann aber, und da sind sich alle wieder einig, müsse es wirklich schnell gehen. Im November wollen die Minister die fertige Bund-Länder-Vereinbarung in der GWK beschließen. 

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Warum jetzt alle eingeschnappt sind und der Digitalpakt trotzdem kommen wird

Hamburgs Schulsenator Rabe wirft Bundesbildungsministerin Wanka Wortbruch vor – die fühlt sich ihrerseits vor den Kopf gestoßen. Alles ziemlich trivial – und doch lässt daraus etwas lernen.

IRGENDWIE HAT SICH die Sache hochgeschaukelt. Sie erinnern sich vielleicht: Vor zwei Wochen berichtete ich hier im Blog von einer "Einigung mit Schönheitsfehler". Die Einigung, das waren die zwischen Kultusministerkonferenz und Bundesbildungsministerium ausgehandelten "Eckpunkte" zum "DigitalPakt Schule" oder, wie er offiziell heißen soll, zur "Bund-Länder-Vereinbarung zur Unterstützung der Bildung in der digitalen Welt im Bereich Schule". Der Schönheitsfehler: Am 1. Juni, dem Tag, an dem Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) sich eigentlich zur offiziellen Verabschiedung der Eckpunkte und ihrer anschließenden Verkündung mit den Kultusministern in Stuttgart treffen wollte, blieb bei der angekündigten Pressekonferenz ein Platz frei. Der von Wanka. Sie sei bei deutsch-chinesischen Regierungsgesprächen unabkömmlich, hieß es – was nachvollziehbar war angesichts des Besuchs von Chinas Ministerpräsidenten und ihrem Kollegen im Amt des Wissenschaftsministers. Dann war jedoch auch Staatssekretärin Cornelia Quennet-Thielen kurzfristig erkrankt, und das BMBF entschied: Wir schicken keinen Ersatz.

 

Jetzt sind alle Beteiligten beleidigt. Wanka, weil die Kultusminister die ausgehandelten Eckpunkte einseitig der Presse vorstellten. Und die Kultusminister, weil sie sich erst sitzen gelassen fühlten und dann in den vergangenen zwei Wochen, zumindest laut Hamburgs Schulsenator Ties Rabe (SPD), keinerlei Bemühungen des BMBF wahrnahmen, das Versäumte schnell nachzuholen. Meine Kollegin Heike Schmoll hat in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (leider nicht online) heute einen aufschlussreichen Stimmungsbericht verfasst und zitiert Rabe wie folgt: "Wir sagen hier sehr klar, dass Frau Wanka ihr Wort nicht hält und das Geld nicht hat und dass der Digitalpakt womöglich platzt."

 

Als Indiz führt führt Schmoll an, dass auf Betreiben des BMBF die bereits veröffentlichten Eckpunkte wieder von der Seite der Kultusministerkonferenz verschwunden sind – man habe dem ja nicht zugestimmt, so laute die Begründung von Wankas Ministerium.

 

Hat Wanka den Termin Anfang Juni wirklich absichtlich platzen lassen, weil sie das Geld nicht hat? Würde damit auch die für Ende des Jahres angestrebte Bund-Länder-Vereinbarung auf der Grundlage der Eckpunkte hinfällig? Wenn es so wäre, es wäre ein strategischer Patzer eines Bundesbildungsministeriums bislang unbekannter Güte und Ausmaßes.

 

Mir persönlich erscheint die andere Erklärung naheliegender. So, wie vor allem einige SPD-Kultusminister von Anfang an Wankas Digitalpakt-Initiative als taktische Überrumpelung empfunden haben, so ärgern sie sich nun darüber, dass die Bundesministerin sie erst mit großer Geste zusammenruft, um sie dann, wenn sie sich schon widerwillig zu Verhandlungen hingesetzt haben, hinzuhalten und zu vertrösten. Umgekehrt hat es Wanka getroffen, dass ihre Kultusministerkollegen sie als geld- und machtlose Ministerin ohne Plan darstellen, wenn sie selbst doch das Gefühl hat, die Kanzlerin erst von der Fünf-Milliarden-Initiative überzeugt zu haben. Für dumm verkauft fühlen sich die einen, mit Undankbarkeit konfrontiert die andere. Und Wahlkampf machen sie alle.

 

Meine Prognose: Der Pakt kommt trotzdem. Und zwar auf Grundlage der verhandelten Eckpunkte. Wenn Wanka klug beraten ist, wird sie noch vor der Sommerpause die Kultusminister zu einem Nachholtermin einladen oder anderweitig dafür sorgen, dass die Eckpunkte offiziell verabschiedet werden. Und die Kultusminister sollten ihr eine Brücke bauen, dies tun zu können. Wobei Folgendes allen klar sein sollte: Die Eckpunkte sind NICHT die Vereinbarung selbst, nach der Bundestagswahl wird es sicherlich noch Änderungen geben – und wenn nur, damit sich die dann aktuelle Hausleitung im BMBF, wie auch immer sie aussehen mag, profilieren kann. 

 

Trotzdem waren und sind die Eckpunkte ein entscheidendes Signal nach dem Motto: So in der Art kann es gehen. Und noch wichtiger: Es WIRD überhaupt etwas gehen.

 

Fast wichtiger als das gegenwärtige Gezerre erscheint daher am Ende eine andere Erkenntnis. Während Bund und Länder in Bezug auf die Hochschulen geübt sind darin, gemeinsame Programme und Pakte auszuhandeln, haben sie es im Bereich der Schulen nach 2006 verlernt. Was vor allem institutionelle Gründe hat: Bis zur Grundgesetzänderung, die die Zusammenarbeit in den Schulen empfindlich einschränkte, gab es die "Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsfragen" (BLK). Sie stellte ihre Arbeit Ende 2007 ein (interessant ist übrigens die historische Website hier). Für die Bund-Länder-Zusammenarbeit zugunsten von Wissenschaft und Hochschulen wurde die "Gemeinsame Wissenschaftskonferenz" (GWK) gegründet, wiederum mit eigener Geschäftsstelle und (aktuell) Generalsekretärin. Ein Ersatz für die BLK für den Bereich Schule? Fehlanzeige. War ja nach der Logik der Grundgesetzänderung (Stichwort: "Kooperationsverbot") nicht mehr nötig. 

 

Die GWK würde es nicht zulassen, dass ein Prozess derart ins Stocken und auf die abschüssige Bahn gerät, wie es der Digitalpakt derzeit tut. Die GWK-Geschäftsstelle ist erfahren im Prozessmanagement und auch darin, widerstrebende Partner im Dialog zu halten. Im Bereich der Schule beschränkte sich die institutionalisierte Zusammenarbeit bislang auf eine gemeinsame "Steuerungsgruppe", die ausschließlich für die verbliebene Gemeinschaftsaufgabe "Feststellung der Leistungsfähigkeit des Bildungswesens im internationalen Vergleich" zuständig ist. Die ausgehandelten Eckpunkte sehen übrigens auch eine Steuerungsgruppe zwischen Bund und Ländern für den Digitalpakt vor. Steuerungsgruppe – aber wiederum keine eigene Geschäftsstelle, keine eigene Organisation.

 

Ganz gleich, ob man der Meinung ist, dass das Kooperationsverbot mit dem neuen Grundgesetz-Artikel 104c nun "aufgebrochen" wurde oder nicht und ob es fallen oder bleiben sollte, gemeinsame Schulprojekte und -programme zwischen Bund und Ländern werden wieder zunehmen. So haben auch SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz und – in Reaktion darauf – Bundeskanzlerin und CDU-Chefin Angela Merkel neue Ganztagsschulprogramme angekündigt. Programme, die in jedem Fall  ein hohes Maß an Kommunikation und Prozesssteuerung erfordern. Was passiert, wenn eine dafür geeignete unabhängige Instanz fehlt, sieht man gerade sehr deutlich. 

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Einfacher kann man sich Politik nicht machen

Wenn es nach SPD und Grünen geht, ist der Bildungsföderalismus plötzlich an allen Problemen schuld, die Schulen so haben. Das mag populär sein. Stimmt aber nicht. Ein Gastbeitrag von Stefan Kaufmann.

Foto: Stefan Kaufmann MdB
Foto: Stefan Kaufmann MdB

MARODE SCHULEN, KRITIK an G8 und teilweise Rückkehr zu G9, gescheiterte Inklusion, fehlende Digitalisierung, Defizite in der Lehrerbildung: Die Liste der Baustellen im Bildungsbereich ist lang. Und auf jede dieser bildungspolitischen Fragestellungen scheint es, geht es nach SPD und Grünen im Bund, nur noch eine Antwort zu geben: Das fälschlich so genannte Kooperationsverbot muss weg. Dann endlich – und nur dann! – klappt es mit der Bildungsrepublik Deutschland. Eine Vielzahl von Problemen und EINE Lösung: Einfacher kann man sich Politik nicht machen. 

 

Nahezu jede bildungspolitische Diskussion landet früher oder später bei der Glaubensfrage Bildungsföderalismus, und auch wenn es womöglich populärer ist, einfach „Weg damit!“ zu rufen, halten wir von CDU und CSU dagegen. Bis vor kurzem stand die FDP an unserer Seite, doch auch sie wechselte ins Feld der Föderalismuskritiker. Warum also wollen wir bei den Regelungen bleiben, wie sie das Grundgesetz festlegt? Und warum halte ich persönlich sie weiter für richtig?

 

Die alleinige Zuständigkeit der Länder für Schulpolitik ergibt sich aus der Kultushoheit der Länder. Der Bildungsföderalismus gehört damit zu den Kernprinzipien unseres Staates und ist ein wichtiger Faktor für den seit fast sieben Jahrzehnten währenden Erfolg der Bundesrepublik Deutschland. 

Neben diesem grundsätzlichen staatsphilosophischen Argument gibt es ein handfest-finanzpolitisches. Der Bund engagiert sich bereits heute finanziell in Sachen Bildung so umfassend wie nie zuvor, sei es über den Hochschulpakt, die Qualitätsoffensive Lehrerausbildung, den Qualitätspakt Lehre oder die vollständige Übernahme der BAföG-Kosten von den Bund. Allein in den Hochschulpakt fließen über die Gesamtlaufzeit von 2007 bis 2023 20,2 Milliarden Euro Bundesmittel. Und mit der Übernahme der BAföG-Kosten entlasten wir die Länder um 1,2 Milliarden Euro – jährlich wohlgemerkt.

 

Fest steht schon jetzt, dass die Überweisungen in die Länder weiter wachsen werden. Mit dem neuen Artikel 104c Grundgesetz können von 2020 an Finanzhilfen des Bundes für bedeutsame Investitionen an finanzschwacher Kommunen im Bereich der Bildungsinfrastruktur fließen, wofür 3,5 Milliarden Euro zusätzlich bereits eingeplant sind. Im Gegenzug erhält der Bund keinerlei inhaltlichen Kompetenzen. Die Länder sind und bleiben für ihre Schulen und Hochschulen an vorderster Stelle selbst und originär verantwortlich. Die Bildungshoheit liegt also auch künftig ganz bewusst bei den Ländern. Der Geist des neuen Artikels 104c schreibt uns daher zwingend vor, die Finanzhilfen des Bundes hinsichtlich Verwendungszwecken und finanziellem Umfang möglichst begrenzt zu halten. Insofern bin ich mir mit allen Bildungspolitikern in der Unionsfraktion einig: Die Neuregelung des Grundgesetzes darf und wird kein Einfallstor für weitergehende Regelungen zu Lasten des Bundes sein. Auch die Finanzreserven des Bundes sind endlich, und jede weitere Änderung des Bildungsföderalismus zulasten der Bundesregierung gefährdet die Balance der gerade neu verhandelten Bund-Länder-Finanzbeziehungen.

 

Wer sagt darüber hinaus eigentlich, dass die Länder den Bund brauchen, um unser Bildungssystem fit für die Zukunft zu machen? Ja, der Bund erzielt Haushaltsüberschüsse, allein im vergangenen Jahr fünf Milliarden Euro. Doch auch die Länder stehen glänzend da: Sie haben zeitgleich über neun Milliarden Euro übrigbehalten. Selbst die Kommunen erzielten 2016 5,4 Milliarden Euro an Haushaltsüberschüssen. Auf der Einnahmeseite zeigt sich ein ähnliches Bild. Die Gesamteinnahmen der Länder lagen im Jahr 2016 bei 288,7 Milliarden Euro. Zum Vergleich dazu hatte der Bund Einnahmen in Höhe von 289 Milliarden Euro. Angesichts dieser Zahlen dürfte jedem klarwerden: Die Länder schwimmen selbst im Geld und haben jede Möglichkeit, dieses in die eigene (Bildungs-) Zukunft zu investieren.

 

Anstatt ein zentralistisch agierendes Bundesschulministerium herbeizusehnen, sollten sich die Kritiker des Bildungsföderalismuses dafür einsetzen, dass es endlich (wieder) einen echten Wettbewerb im Bildungssystem gibt. Mehr Vergleichbarkeit durch einheitliche Standards, beispielsweise bundesweit einheitliche Abiturprüfungen, würde dazu führen, dass die Länder sich um die besten Konzepte bemühen und damit auch den Wählern zeigen: Wir sorgen für hochwertige Bildung und schaffen bessere Chancen für die junge Generation. Die Bilanz, die Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) nach ihrem ersten Amtsjahr vorgelegt hat, beweist, dass die Länder mit den richtigen Konzepten durchaus Erfolge in der Bildungspolitik herbeiführen können. Baden-Württemberg ist damit ein gutes Gegenbeispiel zur derzeit viel zu oft und lauthals vorgetragenen, vor allem aber inhaltsleeren Forderung nach einem Ende des sogenannten Kooperationsverbotes. Die Länder sollten wieder den Mut entwickeln, ihre Gestaltungskraft im Bildungsbereich selbst unter Beweis zu stellen. Eine abermalige Änderung des Grundgesetzes würde nichts besser, sondern vermutlich sogar vieles noch komplizierter machen.

 

Mir ist bewusst, dass die Öffentlichkeit zurecht hohe Erwartungen an die Einheitlichkeit des Bildungssystems formuliert. Hierbei geht es aber insbesondere um die Vergleichbarkeit von Schulabschlüssen. Eltern verstehen nicht, dass ihre Kinder bei einem Wohnortwechsel mit unterschiedlichen Bildungsniveaus zurechtkommen müssen. Deshalb rücken materiell vergleichbare Bildungsstandards in das Zentrum der Aufmerksamkeit. Gerade weil sich dieses Ziel nur schrittweise erreichen lässt, muss sich die Kultusministerkonferenz an dieser Stelle deutlich stärker engagieren. Und die gemeinsam getroffenen Beschlüsse müssen dann auch verbindlicher umgesetzt werden. Sicherlich kann auch der Bund an der Stelle noch stärker koordinieren, wenn die Länder dies wünschen. Am Ende aber bleibt es aber dabei: Eine klare, auch finanziell eindeutige Verteilung von Verantwortlichkeiten ist dem Zuständigkeits-Wirrwarr zwischen Bund und Ländern, angeheizt durch ein ständiges Klagen über Zuständigkeiten und „Kooperationsverbote“, allemal vorzuziehen.

 

Stefan Kaufmann ist Obmann der CDU-/CSU-Fraktion im Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung des Deutschen Bundestages. Vor 14 Tagen schrieb an dieser Stelle Ernst Dieter Rossmann, bildungspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion, über Kanzlerin Angela Merkel und ihr Verhältnis zum Kooperationsverbot

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G 9 hilft Politikern, nicht Schülern

Diese Woche startete meine neue Kolumne "Wiarda will's wissen" im Tagesspiegel. In der ersten Folge habe ich gesagt, was ich vom Hin und Her in der Schulpolitik halte.

Plötzlich G9-Fans: Die CDU-Spitzenkandidaten Daniel Günther (links) und Armin Laschet. Foto-Credits: siehe unten.

ARMIN LASCHET IST schon vor seinem Amtsantritt zum ersten Mal wortbrüchig geworden, und keinen scheint es zu stören. Vergangenes Jahr hatte der CDU-Politiker und designierte nordrhein-westfälische Ministerpräsident noch versprochen, es werde im Falle eines Wahlsiegs keine komplette Rolle rückwärts geben an den Schulen. Kein flächendeckendes Zurück zu neun Gymnasialjahren bis zum Abi, dem sogenannten G 9, denn das bringe "zu viele Probleme" und sei keine Lösung. "Wir haben immer gesagt, G 8 muss besser gemacht werden, denn es gibt ja Schulen, wo es funktioniert, und es gibt Schulen, wo es nicht funktioniert."

 

Eine, nebenbei bemerkt, recht sinnentleerte Aussage, denn das gilt für Unterricht und eigentlich für so ziemlich alles im Leben eigentlich so ziemlich immer. Und jetzt also die Einigung mit dem neuen Koalitionspartner FDP: G 8, die erst vor anderthalb Jahrzehnten beschlossene Schulzeitverkürzung auf acht Jahre Gymnasium, wird abgewickelt. Was bleibt, ist eine Pseudo-Wahlfreiheit: Nur wenn Gymnasien in Übereinstimmung mit Eltern, Lehrern und Schulträger für G 8 votieren, können sie das Modell retten. Man habe den Schulen "kontroverse Diskussionen" ersparen wollen, sagten Laschet und sein FDP-Verhandlungspartner Christian Lindner in einer fast schon niedlichen Argumentation.

 

Dass parallel auch die neue CDU-FDP-Grüne-Koalition in Schleswig-Holstein die Wiedereinführung von G 9 beschloss, passt ins Bild, ist aber zweitrangig. Schon die Entscheidung im größten Bundesland besiegelt das Schicksal der einst mit großen Erwartungen auch in Westdeutschland gestarteten Schulzeitverkürzung. Jünger sollten die Schulabgänger werden, moderner die Lehrpläne und stärker an der späteren Berufspraxis orientiert. Das Modell G 8 in den alten Bundesländern ist faktisch tot, und es ist nicht an sich selbst gescheitert, nicht an protestierenden Elternfunktionären, die glauben, für das Wohl ihrer Kinder zu sprechen. G 8 zerbrach an der überparteilichen Bequemlichkeit von Politikern, die Erkenntnisse der Bildungsforschung systematisch ignorierten, weil sie keine Lust mehr hatten auf nervige Schuldebatten.

 

Was die Bildungsforscher aufgrund aufwendiger Studien immer wieder berichteten: dass G 8 und G 9 zu identischen Lernergebnissen führen, aber auch zu ähnlichen Stresslevels bei den Schülern. Eine Rückkehr biete daher keine positiven Folgen, sagte zuletzt etwa Olaf Köller vom Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften. Nun, sagen wir mal: keine positiven Folgen für Schüler.

 

Für Politiker dagegen offenbar schon. Wenn Politiker wie Laschet oder Daniel Günther (der CDU-Spitzenkandidat in Schleswig-Holstein) jetzt von "Ruhe für die Schulen" sprechen, meinen sie in Wirklichkeit Ruhe für sich selbst. Den Schulen muten sie mit dem zwangsweisen Wechsel zu einer völlig neuen Struktur - und nichts anderes ist die Einführung von G 9 - auf Jahre hinaus erneutes Durcheinander und Mängelverwaltung zu. Genau jenes Durcheinander und dieselbe Mängelverwaltung, die viele Eltern überhaupt erst gegen G 8 aufbrachten. Das gerade überwundene Nebeneinander der Systeme, das Chaos aus fehlenden Lehrplänen und nicht zum neuen Rhythmus passenden Schulbüchern, beginnt von Neuem.

 

Deutschland zerfällt damit endgültig in zwei Schulwelten: Hier der Osten mit nicht nur funktionierenden, sondern auch akzeptierten G-8-Strukturen und vorderen Plätzen in deutschlandweiten Schulrankings. Hier der Westen, dessen Schulen weitere zehn Jahre in die Beschäftigung mit sich selbst abgleiten. Dabei hatte ausgerechnet Schleswig-Holstein zuletzt Boden gutgemacht. Bis Daniel Günther drei Monate vor der Wahl von einem Tag auf den anderen beschloss, dass G 9 fürs Land besser sei. Nun, wir werden sehen.

 

Meine Kolumne erscheint von jetzt an alle zwei Wochen montags im Tagesspiegel im Wechsel mit George Turner und seiner Kolumne "Turners Thesen".

 

Fotos: Laurence Chaperon/CDU Schleswig-Holstein; KAS: "Armin Laschet", CC BY 2.0

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Fünf Ressortchefs und eine Ansage

Die ostdeutschen Wissenschaftsminister präsentieren heute einen Plan zur Hochschulfinanzierung. Spannender als das, was sie sagen, ist, dass sie es gemeinsam tun.

Foto: tom_stromer: "Bundespressekonferenz", CC BY-NC 2.0

HEUTE VORMITTAG ERLEBT die deutsche Hochschulpolitik eine kleine, aber feine Premiere. Die Wissenschaftsminister aller fünf neuen Bundesländer laden geschlossen zu einer Pressekonferenz nach Berlin, und alle fünf gehören der SPD an. Ein „Positionspapier für eine sichere und gerechte Hochschulfinanzierung“ wollen sie vorstellen. Vor allem aber geht ihnen um ein Signal an den Rest der Partei.

 

Gestern hat die neue schwarz-gelbe Koalition in Nordrhein-Westfalen ihr Programm präsentiert, die Sozialdemokraten sind in ihrem Stammland aus der Regierung geflogen, inklusive Wissenschaftsministerin Svenja Schulze, die sich auf den Posten der Landes-Generalsekretärin rettete. War ihr Haus, das mit Abstand größte Landeswissenschaftsministerium, bisher tonangebend im SPD-Wissenschaftslager, ist die Leitposition im geschrumpften Rudel sozialdemokratischer Ministerium jetzt verwaist. Auch Schleswig-Holsteins bisherige Ressortchefin Kristin Alheit wurde aus dem Amt katapultiert. Und die Ost-Minister haben nachgezählt: Noch acht SPD-Wissenschaftsminister bundesweit, davon zwei im Westen. Das Machtzentrum der sozialdemokratischen Wissenschaftspolitik, so lautet daher heute die wichtigste Botschaft in der Bundespressekonferenz, liegt jetzt in Ostdeutschland.

 

Apropos: Fehlt da nicht einer? Wird Berlin nicht auch irgendwie zu den neuen Bundesländern gezählt, und heißt der dortige Wissenschaftssenator nicht Michael Müller und ist Regierender Bürgermeister in Personalunion? >>



>> Schon richtig. Nur hatte Müllers Staatssekretär Steffen Krach im Februar zusammen mit weiteren, ausschließlich aus Westdeutschland stammenden Parteigrößen (darunter die Ex-Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn, der Wissenschaftsexperte Hubertus Heil und – Svenja Schulze) auch ein Positionspapier präsentiert. „Zukunftsvertrag für Wissenschaft und Forschung“ hieß es leicht übersteigert und schlug vor: eine sichere und gerechte Hochschulfinanzierung. Allerdings ohne speziell ostdeutschen Blick. Und abgestimmt mit dem Rest der Partei war es auch nicht. Etwa mit dem Thüringer Wissenschaftsminister Wolfgang Tiefensee, der schon im vergangenen Jahr – und damit als erster – einen „Zehn-Punkte-Plan“ zur Hochschulfinanzierung vorgestellt hatte. Ein Eintrittsticket in den Club der Zukunftsvertrags-Autoren hatte ihm das freilich nicht verschafft. Worüber Tiefensee, wie kolportiert wird, recht sauer gewesen sein soll. Tiefensee gilt neben seiner sächsischen Kollegin Eva-Maria Stange als wichtigster Kopf hinter dem heutigen Ost-Aufschlag. Folglich wird Krach, der von vielen als der neue starke Mann der SPD-Wissenschaftspolitik gesehen wird, ihr Papier jetzt auch nicht mit vorstellen.

 

Übrigens hatte die Unions-Bundestagsfraktion ihrerseits Anfang des Jahres ihr „Ideenpapier“ zur künftigen Finanzierung von Bildung und Forschung veröffentlicht. Woher kommt diese Flut an programmatischen Stoffsammlungen, und warum kommt sie jetzt?

 

Weil sich alle noch rasch in Position schieben wollen, bevor nach der Bundestagswahl der Poker um die Zukunft des Hochschulpakts in seine heiße Phase geht. Jedes Jahr transferiert der Bund zwei Milliarden Euro in die Landeshochschulen, doch die Vereinbarung läuft nach 2020 aus. Die Wahrheit ist: Auch wenn das Bund-Länder-Programm einst als vorübergehende Maßnahme gedacht war, um immer neue Rekorde bei den Studienanfängerzahlen abzufangen, wären die Hochschulen ohne die zusätzlichen Milliarden längst nicht mehr handlungsfähig. Das weiß auch die Bundesregierung und hat den Ländern bereits im vergangenen Dezember signalisiert, dass das Geld weiterfließen wird, und zwar auf Dauer. „Der Bund sieht ein, dass die Hochschulen nicht mehr ohne die Bundesfinanzierung können“, sagte damals ein Landesstaatssekretär. Einig war man sich allerdings auch, dass es künftig nicht darum gehen kann, einfach immer weiter zusätzliche Studienanfänger zu belohnen. Viel strittiger sind die 1,6 Milliarden Euro pro Jahr, die Tiefensee in seinem 10-Punkte-Plan für den Hochschulbau gefordert hat. Denn von 2020 an hat der Bund keinerlei Zuständigkeit mehr für die Uni-Baustellen der Republik. Er will sie auch nicht: Bundesforschungsministerin Johanna Wanka (CDU) hat eine Diskussion darüber mehrfach abgelehnt.

 

Ergo: Die Flut an Positionspapieren. Was die fünf Minister heute in ihrer Pressekonferenz konkret sagen werden? Dass Ostdeutschlands Wissenschaftssystem historisch bedingt immer noch den etablierten Strukturen Westdeutschlands hinterherlaufe und dass es deshalb nicht angehe, wenn die Bundesmilliarden nach Hochschulpaktende allein nach Länderproporz verteilt würden. Gerade was die Ausgaben für Forschung und Entwicklung angehe, sei der Osten im Nachteil, weil ihm die Industrie und damit die privaten Forschungsinvestitionen fehlten. Dafür müsse ein Ausgleich her. Auch beim Ausbau der Fachhochschulen und der außeruniversitären Forschungseinrichtungen hätten die neuen Bundesländer auch 27 Jahre nach der Einheit noch Nachholbedarf. Und so, wie der bisherige Hochschulpakt gerade für die vom demografischen Wandel besonders geschlagenen Ostländer von essentialer Bedeutung gewesen sei, werde das auch eine künftige, nach Vorstellung er fünf Minister an Studenten in der Regelstudienzeit sowie an Absolventen gekoppelte Mitfinanzierung durch den Bund sein. 

 

So in etwa werden die Wissenschaftsminister nachher argumentieren. Doch egal, was sie sagen: Dass sie da gemeinsam sitzen, sollte ihren Kollegen aus dem Westen zu denken geben. Übrigens nicht nur den aus der SPD.


HIER DER LINK ZUM PAPIER DER FÜNF OSTDEUTSCHEN WISSENSCHAFTSMINISTER.

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Innovation: Ja. Wissenschaft: Nein.

Nordrhein-Westfalen will offenbar Wissenschaft und Innovation in zwei unterschiedliche Ressorts packen.

VERGANGENE WOCHE HATTE ich über das Comeback von Andreas Pinkwart berichtet. Schon in den gerade zu Ende gegangenen Koalitionsverhandlungen zur Bildung einer neuen nordrhein-westfälischen Landesregierung spielte der Wirtschaftswissenschaftler eine zentrale Rolle, er betreute auf Seiten der FDP das Feld Hochschulen und Innovation und damit den gesamten Bereich von Wirtschaft und Wissenschaft. Jetzt zeichnet sich ab, was bereits als wahrscheinlich galt: Pinkwart soll nach Berichten der Rheinischen Post wieder Minister werden, und zwar verantwortlich für ein Superministerium "Wirtschaft, Innovation, Digitales und Energie". Die CDU soll dagegen für Wissenschaft zuständig sein, hier werden aber noch keine konkreten Personen genannt.

 

Was die Unterteilung in "Wissenschaft" einerseits und "Innovation" andererseits konkret für die Forschungspolitik bedeuten könnte, müssen die neuen Koalitionspartner noch ausbuchstabieren. So ist aus organisatorisch-praktischen Gründen zwar nachvollziehbar, dass Pinkwart anders als in den Koalitionsverhandlungen nicht zugleich die gesamte Wirtschafts- und Hochschulpolitik in seinem Ministerium abdecken kann: 70 Hochschulen habe in NRW ihren Sitz. Doch hat Pinkwart in den Koalitionsverhandlungen einmal mehr seinen Faible auch für die Hochschulpolitik bewiesen – und würde sich beim geplanten Ministeriumszuschnitt deutlich zurückhalten müssen.

 

Hinzu kommt: Ministeriumsmodelle, bei denen Forschung der Wirtschaft zugeschlagen und damit von der Wissenschaft getrennt wurden, galten in der Vergangenheit nicht als Selbstläufer. Nach der Wahl 2011 wurden Berlins damaliger Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und sein CDU-Kolitionspartner Frank Henkel heftig dafür kritisiert, dass sie eine "Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Forschung" einrichteten – mit dem Ergebnis, dass das Wirtschaftsressort für die außeruniversitären Forschung zuständig wurde, das Wissenschaftsressort aber für die Hochschulen. 2016 gehörte es zu den ersten strukturbildenden Maßnahmen der neuen rot-rot-grünen Berliner Koalition, Forschung und Wissenschaft wieder unter einem Dach zu vereinen – dem des Wissenschaftssenators und Regierendem Bürgermeisters Michael Müller (SPD).

 

Der vergangene Woche von Pinkwart angekündigte Vorstoß, den Bund für internationale Studenten mitzahlen zu lassen, hat übrigens bereits seinen Weg in den am Freitag vorgelegten Koalitionsvertrag gefunden. Zitat: "In Richtung Bund ergreifen wir eine Initiative mit dem Ziel, dass sich dieser an der Finanzierung des Studiums von Studierenden aus Drittstaaten dauerhaft beteiligt." Baden-Württembergs grüne Wissenschaftsministerin Theresia Bauer hatte eine solche Forderung in einer ersten Reaktion als "durchaus sympathisch" bezeichnet. Andere Landesregierungen dürften das ähnlich sehen. Mal sehen, was der Bund dazu sagt. 

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Rankings über alles?

Ein Blick hinter die Kulissen der Londoner Ranglisten-Industrie.

Nr. 1 im Times-Ranking: die Universität Oxford. Foto: Sidarth Bhatia.
Nr. 1 im Times-Ranking: die Universität Oxford. Foto: Sidarth Bhatia.

EINE HALBE STUNDE, sagt Nicki Horseman, die Frau hinter dem Ranking, zur Begrüßung. Das sei die Abmachung. Die nächsten 30 Minuten wandert ihr Blick beständig zu ihrer Uhr am Handgelenk, und wenn sie nicht anders kann, beantwortet sie auch mal eine Frage. Ansonsten nickt sie ungeduldig, während Chefredakteur John Gill von den "13 sorgsam ausgesuchten Indikatoren" redet, mit denen das "THE World University Ranking" "jeder Universität eine passgenaue Rückmeldung zu ihrem Leistungsprofil gibt". Nicki Horseman trägt den Titel "Lead Higher Education Data Analyst". Sie ist verantwortlich für das Team, das die Daten bei den 980 Universitäten in aller Welt einsammelt, die im THE-Ranking gelistet sind. Insgesamt sechs Leute sind mit der Erstellung der Statistiken beschäftigt - nicht nur für die eine Uni-Rangliste, sondern zusätzlich für acht Fächerrankings und für ein amerikanisches College-Ranking, das noch mal über 1000 Institutionen listet. Sechs Leute - den Rest erledigten Externe und Teilzeitkräfte. Kein Wunder, dass die promovierte Mathematikerin Horseman keine Zeit hat.

 

Nach dem ersten internationalen Uni-Vergleich des Times Higher Education 2004 ist die Hochschulwelt nicht mehr dieselbe. Seitdem verkünden auch Rektoren hierzulande, dass ihre Universität "die mit Abstand beste der kleineren Universitäten Deutschlands" sei (Mannheim) oder "jetzt zu den 200 weltbesten Universitäten" gehöre (Duisburg-Essen) oder aber, dass sie im QS-Fächerranking "in 14 von 30 bewerteten Fächern im Bundesvergleich einen Top-10-Platz erzielen konnte". Das letzte Zitat stammt von Hamburgs Universitätspräsident Dieter Lenzen, der noch vor wenigen Jahren zu Protokoll gegeben hatte, Rankings seien "Unfug", und seine Universität wolle sich fortan nicht mehr daran beteiligen. Auch viele von Lenzens Rektorenkollegen lästern über die Oberflächlichkeit der Ranglisten, um dann im Erfolgsfall die eigene Institution zu preisen. "Das ist schon so", sagt Bernd Huber, Präsident der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität (LMU), die es 2014 als erste deutsche Uni bei THE unter die besten 30 geschafft hat und das mit einer Jubel-Pressemitteilung würdigte. "Man kann lange und zu Recht über die methodischen Schwächen dieser Listen philosophieren, am Ende muss man eingestehen, dass sie eine enorme Durchschlagskraft haben."

 

Ein Bürohaus nördlich der Themse: Horseman und Gill sitzen in einem fensterlosen Besprechungsraum, ausgestattet mit Leuchtstoffröhren und Resopalmöbeln, alle paar Sekunden knallt nebenan eine Tür ins Schloss. Nicht das Ambiente, das man mit dem Glanz weltweiter Spitzenforschung verbindet, und doch ist es die beste PR-Botschaft überhaupt: Wenn ihr glaubt, die Rankings machen uns reich, irrt ihr euch. Wahr ist, dass die erste THE-Rangliste erschien, als die Times ihre Tochter abstoßen wollte - womöglich, so behaupten Kritiker, um sie für die neuen Investoren aufzuhübschen. "Klar ist das hier ein Geschäft", sagt Gill, Mitte 30, weißes Hemd und schwarzes Jackett.

 

Der Journalismus, den THE bietet, kann sich sehen lassen. In den vergangenen Monaten hat Gill über den Reputationsverlust britischer Universitäten infolge des Brexits geschrieben, über die Verantwortung der Academia in antiaufklärerischen Zeiten oder über das Potential von Big Data für die künftige Betreuung von Studenten. Finanziert über Anzeigen auf der Ranking-Website, über Werbe-Profile, die Universitäten sich dort kaufen können, über den Handel mit Datenpaketen und, der wohl lukrativste Geschäftszweig, über sogenannte THE Summits. Alle paar Wochen veranstalten sie irgendwo eine Konferenz, einmal im Jahr laden sie zum "World Academic Summit", zuletzt an der Berkeley-Universität. Einer der Redner war LMU-Präsident Huber.

 

In einer abgelegenen Gegend im Norden Londons, zwischen Royal Free Hospital und dem U-Bahnhof Belsize Park: Hier hat Quacquarelly Symonds, dessen wichtiges Produkt ebenfalls "World University Rankings" heißt, seinen Sitz. Die neueste Ausgabe erschien vergangene Woche und wurde wie gewohnt auf der ganzen Welt vermarktet. Die Großraumbüros der "QS Intelligence Unit", die für die Ranglisten zuständig ist, reihen sich um einen viktorianischen Hinterhof. Ben Sowter ist hier der Abteilungsleiter, Typ Gymnasiallehrer mit verschmitztem Lachen, Pullover und schwarzumrandeter Designerbrille. Er berichtet, die Intelligence Unit umfasse "ungefähr 40 Leute", doch die meisten seien nicht nur mit dem Ranking beschäftigt, sondern vor allem mit Marketing und Beratung, so dass man etwa von zehn Vollzeitkräften sprechen könne - plus vier Aushilfen, wenn es wieder mal Zeit für die Datensammlung sei. Sowter hält das für viel, worüber man geteilter Meinung sein kann bei weltweit 900 Universitäten, die QS im Jahr rankt, dazu 42 nach Fächern sortierte Einzelrankings oder die Liste mit den 50 besten Studentenstädten. Das alles sei sehr aufwendig, sagen die Verantwortlichen. "Wir nutzen alle möglichen öffentlich zugänglichen Quellen, von den Statistikämtern über Organisationen wie den Deutschen Akademischen Austauschdienst bis hin zu den Uni-Websites." Daten, die direkt von Hochschulen kämen, seien indes nicht immer verlässlich - solange sie nicht jemand Unabhängiges überprüft habe. Das sei dann ihr Job, sagt Sowter.

 

Eine längliche Rede, die besagen soll: Bei uns könnt ihr euch auf die Qualität verlassen. Die Betonung liegt auf: bei uns. So geht das ständig. Anfangs haben die Leute von QS und THE nur nette Worte übereinander, doch nach ein paar Sätzen beginnt das Gemurmel. "Wir für unseren Teil wollen die ganze Wirklichkeit abbilden", sagt Sowter von QS dann, und John Gill von THE sagt: "Einfach Daten einzusammeln aus irgendwelchen Quellen, das halten wir für schwierig." >>


Vergangenes Jahr habe ich den damaligen Stanford-Präsidenten John Hennessy interviewt. Er sagte: "Natürlich sind Rankings etwas für Angeber." Und: Deutschlands Universitäten sollten aufhören, Yale, Harvard & Co hinterherzulaufen. "Das sind die falschen Vorbilder." -> DAS GESAMTE INTERVIEW IM WORTLAUT


>> Dabei muss man nicht allzu tief in die Methodologie einsteigen, um zu sehen: So groß sind die Unterschiede nicht. Sowohl THE als auch QS beziehen ihre Angaben zu Publikationsstärke und Zitationen mittlerweile über die Datenbanken des Großverlags Elsevier. Gemeinsam ist beiden auch die überragende Bedeutung der Reputationsumfrage: QS hat fürs aktuelle Ranking über 70 000 Wissenschaftler gefragt, welche Universitäten sie für die besten der Welt halten. THE spricht von "mehr als 20 000 Antworten", ein leichter Etikettenschwindel, denn THE kombiniert die jeweils aktuellen Befragungsergebnisse mit denen des Vorjahres. Doch Chefredakteur Gill bekräftigt, dass ihre Methode einzigartig gut sei. Man suche sich die Teilnehmer der Umfrage genau aus, "invitation only", nennt Gill das, als handle es sich bei dem Ranking um einen Londoner Gentlemenclub.

 

Diese Reputationsumfragen seien für ihn der kritischste Aspekt, sagt Gero Federkeil vom Centrum für Hochschulentwicklung (CHE). "Die Rankings haben enormen Einfluss auf das internationale Ansehen der Universitäten. Gleichzeitig messen die Rankings selbst wieder dieses Ansehen." Federkeil spricht von einem "Zirkelschluss, der auch ein Weg ist, um sich den eigenen Erfolg zu sichern." Federkeil ist für "U-Multirank" zuständig, das die EU als nichtkommerzielle Ranking-Alternative initiiert hat. Statt vorher festgelegte Kriterien vorgesetzt zu bekommen, könne jeder Student selbst bestimmen, was ihm wichtig sei, sagt Federkeil. Bei QS schmunzeln sie darüber. "Haben Sie schon mal einen 17 Jahre alten Schulabgänger gesehen, der mit einer Matrix von 31 Indikatoren und den dazu gehörigen Gewichtungen umgehen kann?", fragt Ben Sowter.

 

Der Marketingerfolg von QS, THE und dem ähnlich aufgemachten Shanghai-Ranking gibt Sowter recht. Ihr Erfolg liegt in ihrer Einfachheit, auch wenn genau die das Problem ist. Der Darmstädter Eliteforscher Michael Hartmann sagt: "Die Universitäten haben sich auf die ausschlaggebenden Faktoren eingestellt. Wo immer es geht, gestalten sie die Wirklichkeit so um, dass die Ergebnisse besser aussehen." Andere Dimensionen akademischer Qualität drohten unter den Tisch zu fallen. Um ihre Performance zu verbessern, können die Universitäten übrigens wiederum die Dienste der Ranking-Macher in Anspruch nehmen: über teure Beratungsprojekte, in denen die Hochschulleitungen erklärt bekommen, an welchen Stellschrauben sie drehen müssen.

 

Die Deutschen verfolgen eine andere Taktik. Als leitenden Mitarbeitern im Auswärtigen Amt schwante, welchen Einfluss die Rankings auf das Erscheinungsbild Deutschlands in der Welt entwickeln, boten sie den Unis ein Pilotprojekt an. "Verbesserung internationaler Rankingergebnisse deutscher Universitäten" hieß es, die Leitung übernahmen zwei Rektoren: Bernd Engler von der Uni Tübingen und Hans Müller-Steinhagen von der TU Dresden. Zwei Jahre lang arbeitete sich ein Mitarbeiter an den THE-Kriterien ab und fand heraus, dass viele Publikationen den beiden Universitäten gar nicht zugeordnet worden waren, weil ihre Namen in verschiedenen Versionen herumgeisterten. Außerdem, berichtet Engler, hätten sie alle wissenschaftlichen Mitarbeiter als Forscher gemeldet, auch diejenigen, die vorrangig in der Lehre eingesetzt wurden. Das Ergebnis war, dass die Zahl hoch und die Produktivität pro Forscher im Rankingvergleich sehr niedrig war. Im ersten Jahr des Pilotprojekts schoss Tübingen fast 100 Rangplätze nach oben, auf Platz 113. Noch ein Jahr darauf lag man auf Rang 78. Inzwischen hat das Außenministerium das nächste Projekt angestoßen, diesmal soll das QS-Ranking analysiert werden. Hier liegt die beste deutsche Universität, die TU München, derzeit erst auf Rang 64. "Rankings schärfen das Bewusstsein für Standards, und das ist gut so", sagt Bernd Engler. Er rate allerdings dazu, Rankings nicht überzubewerten "und schon gar nicht zu Entscheidungsfaktoren inneruniversitäter Mittelverteilung zu machen".

 

Nicht überbewerten? Ist nicht die Aufmerksamkeit an sich schon die größte Überbewertung? Eliteforscher Hartmann sagt, die Rankings hätten den Trend zur Ökonomisierung und "unsinniger Konkurrenz zwischen ganzen Universitäten um die öffentliche Aufmerksamkeit" befördert. "Sie haben den Zeitgeist nicht zu verantworten", sagt er. "Aber sie surfen virtuos darauf." Die Antwort der Rankingmacher ist von erstaunlicher Schlichtheit. "Wir sind da, und die Universitäten müssen sich darauf einrichten", sagt Nicki Horseman und schickt noch einen fast garstigen Satz hinterher: "Wir sind nicht verantwortlich für das, was die Universitäten mit unseren Ergebnissen anstellen."

 

Dieser Artikel ist gestern zuerst in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen. 

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Das Geld muss vom Bund kommen

Studiengebühren für internationale Studierende? Taugen nicht einmal als B-Lösung, meint Gerd Grözinger. Ein Gastbeitrag.

Foto: Screenshot der DAAD-Website
Foto: Screenshot der DAAD-Website

ES IST ERSTAUNLICH, wie schnell die Idee der Studiengebühren für ausländische Studierende Fahrt aufnimmt. Gerade erst von Baden-Württemberg eingeführt, werden sie vermutlich demnächst schon auch in Nordrhein-Westfalen zu finden sein (siehe das Gespräch mit Andreas Pinkwart). Oder mit anderen Worten: eigentlich oft so konträre Parteien wie die Grünen, vertreten durch Theresia Bauer, und die FDP, repräsentiert durch Andreas Pinkwart, kommen zu den gleichen Schlüssen. Ist das deshalb schon ein Qualitätsausweis?

 

Man darf, man muss hier zweifeln. Was daran richtig ist, die Beobachtung, dass die Kosten für ausländische Studierende nicht von den Bundesländern getragen werden sollten. Die haben zwar im föderalen System Deutschlands die Bildungshoheit, sind aber zunächst nur für die Bildung ihrer jeweiligen Bevölkerungen zuständig. Außenpolitik ist Aufgabe des Bundes. Das wird eigentlich auch im Bildungsbereich so gesehen. Ein gutes Indiz dafür ist der Haushalt des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD), der für die Förderung  der internationalen akademischen Mobilität zuständig ist. Der nicht unbeträchtliche Umfang an deutschen staatlichen Mitteln von mehreren Hundert Millionen Euro jährlich wird fast ausschließlich vom Bund getragen, während die Bundesländer hier kaum etwas beitragen.

 

Das ergibt auch Sinn. Denn ausländische Studierende erscheinen auf Bundeländerebene zwar primär als Kosten, aber es gibt natürlich auch einen Nutzen. Dieser fällt überwiegend auf der gesamtstaatlichen Ebene an. Der Wissenschaftsrat nennt hier etwa außen-, außenwirtschaftspolitische und entwicklungspolitische Ziele, die damit erreicht werden können. Es ist doch völlig klar, dass ein anderes und freundlicheres Klima herrscht, wenn das Gegenüber in internationalen Verhandlungen von seiner (hoffentlich) schönen Zeit in Heidelberg oder Aachen schwärmt anstatt von Paris, Oxford oder Chicago. Für den langjährigen Exportweltmeister Deutschland sollte die Unterstützung solcher Erfahrungen eigentlich schon aus eigenem Interesse selbstverständlich sein.

 

Ironisch und bitter deutlich werden die Problemdimensionen darin, dass nur zwei Tage, bevor diese Zeilen erscheinen, in Berlin eine G20-Konferenz zur Afrika-Partnerschaft begann, wo die Förderung von Bildung und Innovationsfähigkeit auf diesem Kontinent eine große Rolle spielen sollte. Natürlich dient eine solche Konferenz auch dazu, weitere befürchtete Migrationswellen überflüssig zu machen. Es riecht schon sehr nach provinzieller Kirchtumspolitik, wenn in Stuttgart und Düsseldorf parallel darüber entschieden wird, dass afrikanische Studierende demnächst zahlen sollen. Und natürlich wird man in naher Zukunft einen Rückgang bei dieser Gruppe sehen. Baden-Württemberg geht denn ja auch von signifikant weniger Nicht-EU-Studierenden aus, was die sowieso nicht erheblichen Einnahmen weiter schmälern wird.

 

Sicherlich gibt es etliche ausländischer Studierender aus reichem Elternhaus, so wie es auch jede Menge deutscher Studierender mit einer solchen komfortablen Herkunft gibt. Aber die Sondererhebung des Deutschen Studentenwerks zur Situation ausländischer Studierender hat Folgendes für den Durchschnitt ergeben: „Bildungsausländer/innen verfügen im Schnitt über 749,- Euro/Monat und damit 115.- Euro weniger als einheimische Studierende (864.- Euro). Bildungsausländer/innen aus einkommensschwachen Herkunftsländern stehen nur 675.- Euro/Monat zur Verfügung.“ Da kann man sich leicht ausrechnen, wie die Reaktion auf Studiengebühren von 1500 Euro pro Semester ausfallen wird.

 

Die organisatorische Lösung des Dilemmas – hier die Anforderungen der Außenpolitik, da die Länderfinanzierung bei den Hochschulen – ist eigentlich klar: Der Bund sollte in Zukunft vollständig die Studierkosten für ausländische Studierende übernehmen. Das hätte mehrere Vorteile.

 

Erstens nimmt die Bundesregierung damit ihre außenpolitische Verantwortung direkt und sichtbar wahr und entlastet die dafür nicht zuständigen Bundesländer. Zweitens kann der Bund dadurch bei den Ländern Einnahmen für alle ausländische Studierenden generieren und nicht nur für Nicht-EU-Ausländer. Denn europarechtlich sind die Studierenden der Europäischen Union den einheimischen Studierenden gleichgestellt und machen auch einen nicht vernachlässigbaren Anteil der an den deutschen Hochschulen aufschlagenden internationalen Studierenden aus. Drittens würden die Hochschulen nicht nachträglich dafür bestraft, dass sie in den vergangenen Jahren zunehmend Strategien der Internationalisierung entwickelt haben. Was machte es noch für einen Sinn, etwa rein englischsprachige Studiengänge anzubieten, wenn einem demnächst die Landesregierung mit einem selektiven Studiengebührenmodell in den Rücken fällt und die Nachfrage dadurch zusammenbricht? Viertens sind auch die Bundesländer sehr unterschiedlich in der Attraktivität für ausländische Studierende. Der Anteil der Bildungsausländer an allen Studierenden reicht von 5,5 Prozent in Mecklenburg-Vorpommern bis zu 13,9 Prozent in Berlin. Die Mehrkosten von Ländern wie Berlin kann durch den Vorschlag der Bundesverantwortung sehr einfach ausgeglichen werden.

 

Fünftens schließlich sichert der Bund als gesamtstaatlicher Akteur die Rendite, die in einem hohen Anteil ausländischer Studierender liegt. Denn bildungsökonomisch ist selbst bei enger Betrachtung der ausländische Studierende gar kein Verlustgeschäft. Nach einer Studie der Prognos AG für den DAAD rechnet sich das bereits nach rund sieben Jahren, wenn nur 20 Prozent, und schon nach fünf Jahren, wenn 30 Prozent nicht in ihre Heimatländer zurückkehren, sondern in Deutschland leben und arbeiten. Die bisherigen empirischen Verbleibwerte liegen tatsächlich in diesem Bereich.

 

Was kostete das den Bund? Im Moment kann man mit einem Anteil von gut neun Prozent Bildungsausländern rechnen. Die mit deutschem Abitur und ausländischer Staatsangehörigkeit bleiben unberücksichtigt, da sie auch in Baden-Württemberg und NRW nicht zur Zahlung herangezogen werden sollen. Auch wenn man überschlägig reale Durchschnittskosten von etwa 9000 Euro pro Jahr und Studierendem (einschließlich Forschungs-und Investitionsanteil) ansetzt, dann scheint die Bundespolitik doch durchaus bereit, sich mit interessanten Summen auch langfristig zu engagieren, wenn der gegenwärtige Hochschulpakt ausläuft. Für die SPD hat der Landesminister Tiefensee etwa Pläne für einen Einstieg des Bundes in die Grundfinanzierung mit einem Zuschuss von 1000 Euro für jeden Studierenden vorgelegt, andere Positionen in der Partei sehen im Umfang Ähnliches vor (siehe Blogeintrag vom 15. Februar). 1000 Euro auf 100 Prozent oder gut 9000 Euro auf etwa neun Prozent Bildungsausländer liegen budgetmäßig nicht so furchtbar weit auseinander. Das letztere ist aber erheblich zielgenauer.

 

Und weil der Bund der große Finanzier für alle mit ausländischer Hochschulzugangsberechtigung wäre, könnte er dann auch mitreden und Bedingungen stellen. Die für eine grüne Politikerin, einer Partei mit langer Geschichte der Ablehnung von Studiengebühren für deutsche Studierende, erstaunliche Aussage von Theresia Bauer bezüglich eines Bundeszuschusses für ausländische Studierende im Blog („Allerdings wirklich nur als zweiter Schritt, wenn zuvor in den Ländern Studienbeiträge für internationale Studierende etabliert sind") klingt nicht einfach nur schwäbisch-geizig. Sie ist kurzsichtig und ohne Berücksichtigung internationaler Belange. Der Bund könnte klüger agieren. Übernimmt er die vollständigen Studierkosten für Bildungsausländer,  könnte er übrigens auch eine konkrete Forderung stellen: dass die Bundesländer das mit den Studiengebühren für internationale Studierende sein lassen. 

 

Gerd Grözinger ist Professor für Sozial- und Bildungsökonomik an der Europa-Universität Flensburg. 

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Erst pennen, dann schreien

Auf der Zielgeraden formiert sich der Widerstand gegen die Wissenschaftsschranke. Durchkommen wird das Gesetz wohl trotzdem.

Foto: Carl Heyerdahl
Foto: Carl Heyerdahl

ICH HABE ES ja auch geglaubt. „Viel Lärm und Schluss“ titelte ich, nachdem das Bundeskabinett im April den Gesetzentwurf zur Wissenschaftsschranke verabschiedet hatte. Die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) geriet so sehr in Triumphstimmung, dass sie kurzerhand den Testlauf für ein neues Vergütungsverfahren absagte, das sie gerade in mühsamen Verhandlungen der Verwertungsgesellschaft (VG) Wort abgetrotzt hatte. 

 

Seit Januar hatten HRK und Kultusministerkonferenz (KMK) mit der VG Wort, die die Urheberrechte tausender Autoren vertritt, in regelmäßigen Runden zusammengesessen, um einen seit Jahren schwelenden Konflikt um die Vergütung digitaler Semesterapparate aus dem Weg zu räumen. An ein Scheitern sei gar nicht zu denken, kommentierten HRK und KMK noch im März unisono, sonst müssten Millionen Studenten wieder an den Kopierer. Dann kam der Entwurf des Bundeskabinetts, und plötzlich hatten all jene Hochschulrektoren Oberwasser, die Verhandlungen mit der VG Wort schon immer für überflüssig gehalten hatten. 

 

Womit keiner gerechnet hatte: Mit welcher Vehemenz die Buch- und Zeitungsverlage auf der Zielgeraden des Gesetzgebungsverfahrens nochmal die Lobbymaschine anschmeißen. Mit welcher Heftigkeit zahlreiche Bundestagsabgeordnete der Union gepennt haben müssen, um erst auf die Hilferufe der Branche hin plötzlich aufzuwachen und dann ihrerseits „Halt!“ zu schreien. Ganz zu schweigen von der Blamage, die CDU-/CSU-Fraktionschef Volker Kauder seinen eigenen Parteifreunden im Bundeskabinett bescheren würde, wenn er den von der gesamten Regierung unterstützten Entwurf abschmieren ließe. Ein fairer Interessenausgleich zwischen den Ansprüchen der Wissenschaft und dem Schutz des geistigen Eigentums sei „bisher nicht gelungen“, ließ Kauder sich in der Bild-Zeitung zitieren: eine bemerkenswerte Ansage nicht nur in Richtung von SPD-Justizminister Heiko Maas, sondern auch von Kauders Parteikolleginnen, Kanzlerin Angela Merkel und Wissenschaftsministerin Johanna Wanka. 

 

Für die „intensiven Beratungen“, die Kauder nach einer Experten-Anhörung im Rechtsausschuss des Bundestages ankündigte, sind gerade mal noch gut zwei Wochen Zeit: Die letzte Lesung des Gesetzentwurfs und seine Verabschiedung sind für den 29. Juni vorgesehen – bislang. 

 

Die Wissenschaftsszene ist wieder in heller Aufregung. HRK-Präsident Horst Hippler wetterte im ZEITChancen Brief gegen „die Verlagsseite“, die an „den überkommenen analogen Geschäftsmodellen“ festhalten wolle, und warnte: „Sollte die Reform auf den letzten Metern scheitern oder in ihren Kernpunkten verwässert werden, droht erheblicher Schaden für die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wissenschaft.“ Das Engagement der HRK-Vertreter in den KMK-/VG-Wort-Gesprächen dürfte dementsprechend zuletzt auch wieder größer gewesen sein. 

 

Worauf aber müssen sich die Hochschulen jetzt einstellen? Droht wirklich der erneute Semesterapparate-GAU, nachdem 2013 der Bundesgerichtshof (BGH) geurteilt hatte, dass die Bundesländer künftig keine Pauschale mehr an die VG Wort zahlen durften, um die digitale Nutzung von urheberrechtlich geschützten Texten in den Hochschulen abzugelten? Nachdem die Kultusminister in einem ersten Versuch, ohne die Hochschulen ausreichend miteinzubeziehen, mit VG Wort eine Lösung vereinbart hatten, die sich als komplett impraktikabel erwies? Nachdem die totale Rechtlosigkeit im vergangenen Dezember auf den letzten Drücker nur dadurch verhindert werden konnte, dass die VG Wort den Hochschulen und der KMK ein Moratorium bis Ende September 2017 zugestanden hatte – für erneute Verhandlungen? 

 

Nein, sagen die meisten Experten, der GAU bleibt voraussichtlich aus. Um die eigene Regierung derart zu bloßzustellen, dürfte das Thema aus Sicht der Unionsfraktion nicht zentral genug sein. Wahrscheinlicher ist, dass hier und da nochmal an Details des Gesetzes herumgeschraubt wird, ganz sicher aber nicht am Kern des Entwurfs, wonach „bis zu 15 Prozent eines veröffentlichten Werkes vervielfältigt, verbreitet, öffentlich zugänglich gemacht und in sonstiger öffentlich wiedergegeben werden“ dürfen. Denn bei einer niedrigeren Quote wäre das Gesetz faktisch seines Sinns beraubt – und die Regierungsfraktionen wären wieder beim Punkt der Totalblamage angekommen. Erfüllbar wären hingegen möglicherweise Forderungen aus der Union, „angemessenen Lizenzangeboten“ Vorrang vor gesetzlichen Regelungen einzuräumen, um die Vergütung zu klären.

 

Übersetzt für die Verhandlungen von KMK, HRK und VG Wort heißt das: Das Oberwasser der HRK mag abgelaufen sein, aber die Aussichten, dass es doch noch zu einem (womöglich leicht abgespeckten) Gesetz kommt, sind gut. Ebenso gut stehen allerdings die Chancen, dass eine rechtzeitige Verständigung mit der VG Wort dadurch eben nicht überflüssig wird. Denn auch wenn sich das BGH-Urteil von 2013 in seiner Forderung nach Einzelabrechnung erledigt hätte, wenn das Gesetz kommt, müsste so oder so die nötige „Basis von Pauschalen und Stichproben“ für die künftige Vergütung gefunden werden. In der HRK wünschen sich einige wahrscheinlich schon, den Testlauf niemals abgesagt zu haben. 

 

Einen neuen Grund, sich weiter gut zu stellen mit der VG Wort, gibt es auch schon: Alexander Skipis, der Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, hat in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (leider nicht online) angekündigt, sein Verband werde gegen die Gesetzesnovelle vors Verfassungsgericht gehen, weil sie das Grundrecht auf Eigentum verletze und die überwiegend mittelständischen Wissenschaftsverlage in ihrer Existenz gefährde. Nicht ausgeschlossen also, dass in ein paar Jahren nach einem weiteren Gerichtsurteil wieder mal eine schnelle Zwischenlösung her muss. 

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"Das läuft richtig gut"

Internationale Studenten sollen künftig auch in NRW Gebühren zahlen. Hinter den Plänen steckt ein Mann, der den wissenschaftspolitischen Neustart im größten Bundesland plant: Andreas Pinkwart. Die Geschichte eines Comebacks.

Foto: HHL Leipzig Graduate School of Management - www.hhl.de
Foto: HHL Leipzig Graduate School of Management - www.hhl.de

KURZ VOR WEIHNACHTEN saß Andreas Pinkwart in einem Besprechungsraum seiner Hochschule, vor sich Plätzchen und ein paar Broschüren, und hatte eine Mission. Vom "Leipzig Leadership Model" wollte er erzählen, von einem Management-Studium, das Verantwortungsbewusstsein und Unternehmertum vereinen sollte. Wo? Natürlich hier, an seiner HHL, der 1898 gegründeten Handelshochschule Leipzig, die sich seit einer Weile "Leipzig Graduate School of Management" nennt. Neuer Name, neues Konzept, Spitzenplätze in Hochschulrankings, und ein Rektor, dessen Vergangenheit ganz weit weg schien. "Die Politik?" Pinkwart, der bis 2010 Wissenschaftsminister und Vize-Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen war, dazu stellvertretender FDP-Bundesvorsitzender, lächelte entspannt in sich hinein und sagte: "Das liegt hinter mir. Ich verfolge vieles auch gar nicht mehr so genau."

 

Am vergangenen Freitagabend kurz nach 22 Uhr sitzt Andreas Pinkwart im Auto. Endlich Wochenende. Soweit man in Zeiten von schwarz-gelben Koalitionsverhandlungen in NRW überhaupt von so etwas sprechen kann. "Das läuft richtig gut", sagt er atemlos ins Telefon hinein, im Hintergrund rauscht der Verkehr. "Wir bringen die Hochschulen in NRW nach vorn, wir machen sie wieder wettbewerbsfähig." Pinkwart ist Verhandlungsführer für Hochschulen und Innovation, FDP-Chef Christian Lindner hat ihn gebeten, dafür nach Düsseldorf zu kommen. Und auch wenn der HHL-Rektor selbst nicht über Ämter sprechen mag ("Es geht zunächst um Inhalte und nicht um Personalien"), spekuliert die Leipziger Volkszeitung bereits: "Möglicher Weggang aus Leipzig". Wobei es diesmal wahrscheinlich das Wissenschaftsministerium werden dürfte.

 

Der Andreas Pinkwart jedenfalls, der am Telefon die wissenschaftspolitischen Pläne von CDU und FDP aufzählt und dabei kein Detail vergisst, hat fast schon wieder die Sprechgeschwindigkeit des einstigen Reformministers von 2005. Damals war er 45 Jahre alt und taufte als erste Amtshandlung das Wissenschafts- in Innovationsministerium um; ein Name, den sogar seine SPD-Nachfolgerin Svenja Schulze beibehielt. In Pinkwarts Amtszeit wurde das Landeshochschulgesetz von Grund auf neu geschrieben und "Hochschulfreiheitsgesetz" genannt, woraufhin es je nach parteipolitischer Perspektive als bundesweites Vorbild oder als Inbegriff neoliberaler Hochschulpolitik galt. Der hat Mut, haben sie damals über ihn gesagt, seine Parteifreunde genauso wie seine politischen Gegner. So wie sie ihm auch alle zugestanden, Ahnung zu haben – selbst jene, die sonst eigentlich alles ablehnten, was Pinkwart an Ideen an den Start brachte. >> 



>> Fast sieben Jahre liegen zwischen der krachenden Wahlniederlage der ersten schwarz-gelben Koalition, die Pinkwart zum Abschied zwang, und den schwarz-gelben Koalitionsverhandlungen, die jetzt auf die Zielgerade gehen. Doch fast so, als sei überhaupt keine Zeit vergangen, schafft es der Innovationsminister von einst, inzwischen 56, schon mit den ersten Plänen, die öffentlich bekannt werden, wieder in die bundesweiten Schlagzeilen. Studiengebühren für internationale Studenten will die künftige NRW-Regierung einführen, 1500 Euro pro Semester. Zahlen sollen alle, die von außerhalb der Europäischen Union zum Studieren ins Land kommen. Klingt irgendwie vertraut? "Ja, sagt Andreas Pinkwart: "Wir nehmen uns Baden-Württemberg als Vorbild und übernehmen das dortige Modell, bis in die Ausnahmeregelungen hinein." 

 

Mit ihrer erstmals hier im Blog gemachten Ankündigung, Studiengebühren für Nicht-EU-Ausländer einzuführen, hatte Baden-Württembergs grüne Wissenschaftsministerin Theresia Bauer im vergangenen Oktober für Aufsehen gesorgt. Es war eine aus der Verlegenheit geborene Idee: Kurz vorher hatte Finanzministerin Edith Sitzmann Bauer und die anderen Ressortchefs mit einem erschreckend großen Haushaltsloch konfrontiert, 48 Millionen Euro davon sollte allein das Wissenschaftsministerium stopfen. Studiengebühren seien die "bessere Alternative", beschloss Bauer daraufhin und erklärte: "Besser als die Kürzung der Hochschulbudgets ist es, neue Einnahmequellen zu schaffen, von denen ein Teil direkt bei den Hochschulen bleibt." Genauer gesagt: Von den 1500 Euro pro Semester sollen 300 in die bessere Betreuung der internationalen Studenten fließen, der Rest ans Finanzministerium. Losgehen wird es im nächsten Wintersemester, fällig wird dann auch für alle eine Zweitstudiengebühr in Höhe von 650 Euro pro Semester. Bauers Mut habe ihm damals imponiert, sagt Pinkwart. "Wenn man etwas als richtig erkannt hat, es zu tun und durchzufechten, selbst wenn man weiß, dass es Widerstände geben wird." 

 

Mit Widerständen rechnet auch Pinkwart, auf den sozialen Medien formieren sie sich bereits. Doch er hat die Rückendeckung des designierten Ministerpräsidenten Armin Laschet (CDU), und auf die dürfte Verlass sein, schließlich stellen die Studiengebühren nur für internationale Studenten einen klassischen Kompromiss dar. Eigentlich wollte die FDP nachgelagerte Gebühren für alle, die jedoch lehnte die CDU ab. Das bundespolitische Signal, wenn nach Baden-Württemberg nun mit NRW das größte Bundesland ebenfalls das Bezahlstudium in dieser speziellen Variante wiederbelebt, ist so laut, wie es eindeutig sein dürfte: Plötzlich ist Theresia Bauer nicht mehr die Ministerin mit einer umstrittenen Idee, die sonst alle ablehnen; plötzlich ist das baden-württembergische Modell Vorbild für andere, und Pinkwart, der alte, neue Politstratege weiß genau, was das bedeutet. Jetzt ist der Weg offen für all jene Landesregierungen, die eigentlich auch wollen, sich aber bislang nicht getraut haben. 

 

Einen Unterschied zum baden-württembergischen Modell gebe es dann aber doch, sagt Pinkwart: "Die Hochschulen dürfen alle Einnahmen aus den Gebühren behalten." Auf 100 Millionen Euro schätzen CDU und FDP die jährlichen Einnahmen, doch zeigen die sehr viel vorsichtigeren Prognosen aus Baden-Württemberg, dass es zunächst zu einem Rückgang der internationalen Erstsemester und damit auch zu niedrigeren Einnahmen kommen dürfte. Mittelfristig, sagte Bauer im Januar, könne aber auch das genaue Gegenteil passieren: "Die Frage ist ja, was die jungen Leute von einem Studium erwarten. Möglicherweise führen verbesserte Studienbedingungen sogar dazu, dass mehr kommen." >>


Was die neue Koalition in NRW wissenschaftspolitisch noch so vorhat

CDU und FDP haben am Freitag auch ihre weiteren wissenschaftspolitischen Pläne für NRW vorgestellt. Der wichtigste Punkt: Die Hochschulen sollen wieder unabhängiger vom Wissenschaftsministerium werden. „Wir werden die enge Anbindung, die Rot-Grün geschaffen hat, wieder rückgängig machen“, sagt Andreas Pinkwart.

 

Also zurück zum Hochschulfreiheitsgesetz von 2007? Tendenziell ja, bestätigt der FDP-Verhandlungsführer in den Koalitionsverhandlungen zur Hochschulpolitik, um gleich darauf einzuschränken: Natürlich werde man nicht alles zurückdrehen, etwa bei den Vorschriften zur Rektorenwahl, die von Rot-Grün zugunsten des Senats korrigiert wurden. „Die Zeit ist ja weitergelaufen, und wir machen keine ideologische Politik, sondern eine sachorientierte.“ 

 

Ein echter Durchbruch dagegen sei, dass die Hochschulen künftig überall im Land in Eigenverantwortung bauen dürfen. „Das wird zu einer erheblichen Beschleunigung führen."

Ideologie erkennt Pinkwart indes bei der abgewählten 

Regierung und nennt ein Beispiel: die Forschungsstrategie „Fortschritt NRW“. Die, sagt der Wirtschaftsprofessor, habe dazu geführt, dass Anträge von Forschern auf Bundesgelder nicht weitergereicht wurden, wenn ihre Forschungsinhalte nicht den gesellschaftspolitischen Zielen der rot-grünen Koalition entsprochen hätten.

 

Dadurch sei NRW bei der Finanzierung von Forschungsbauten unter den Königssteiner Schlüssel gefallen, der die proportionale Verteilung von Bundesgeldern auf die einzelnen Länder regelt. „Die Forschungsstrategie brauchen wir nicht, die kommt weg“, sagt Pinkwart und fügt hinzu: „Wir machen uns beim Bund und in der EU stark für die wissenschaftlich stärksten Forschungsprojekte aus NRW, und wir schalten nicht nochmal einen Filter dazwischen.“

 

Zudem bekennen sich CDU und FDP in ihrer Vereinbarung auch zu mehr Spielraum für Forschungsvorhaben in umstrittenen Feldern wie der grünen Gentechnik, der Stammenzellen- oder Kernsicherheitsforschung.



>> Pinkwart sieht das ähnlich. "Es gibt Länder, in denen sind Studienbeiträge nicht nur üblich, sondern da ist man sogar misstrauisch, wenn keine gezahlt werden müssen", sagt er und nennt als Beispiele China und Indien. "Natürlich gilt das nur, solange die Qualität der Studienangebote stimmt." Die Erlöse aus den Gebühren sollen die Hochschulen zur Verbesserung der Lehre und der Betreuung einsetzen, und zwar so grundsätzlich, dass sie allen Studenten zugute kommen, "aber natürlich ganz besonders jenen, die zahlen."

 

Dass der HHL-Rektor, der vor seiner ersten Politkarriere BWL-Professor an der Universität Siegen war, diesmal als eine seiner ersten Maßnahmen das Thema Studiengebühren für internationale Studenten pusht, ist so überraschend nicht. Schon 2010 hatten er und sein damaliger Berliner Amtskollege Jürgen Zöllner (SPD) in der ZEIT gefordert, Gaststudenten sollten zahlen, wenn sie an Hochschulen hierzulande kämen. "Deutschland muss umdenken", sagte Pinkwart damals. "Wohlhabende Ausländer sollten das bezahlen, was ein Studium hier in einer der angesehendsten Wissenschaftsnationen der Welt wert ist." Den Universitäten in Großbritannien, Australien oder in den USA brächten die ausländischen Studenten ein finanzielles Plus, "wir zahlen kräftig drauf", so Pinkwart weiter. Schon damals betonte er, dass nur Nicht-EU-Ausländer in Frage kämen und nur solche Studenten, die sich höhere Gebühren auch leisten könnten. 

 

Jetzt setzt Pinkwart, wenn er schon mal dabei ist, noch einen drauf. "Die Studienbeiträge sind nur der erste Schritt", sagt er. Der zweite müsse sein, dass die Bundesregierung den Ländern für jeden internationalen Studenten einen Zuschuss zahle, nach dem Motto: "Geld folgt Studierenden". Das, so Pinkwart, "wäre ein ganz tolles Modell, das wir in die Beratungen um die Nachfolge des Hochschulpakts einbringen werden." Beratungen, die direkt im Anschluss an die Bundestagswahl im September in die heiße Phase gehen.


Auch der Vorschlag, Studiengebühren und Bundeszuschüsse zu kombinieren, kursiert schon länger. Zuletzt hatten sich der Münchner TU-Präsident Wolfgang Herrmann und wiederum der SPD-Bildungsexperte Jürgen Zöllner dafür stark gemacht. Die ausländischen Studenten sollten die Hälfte der tatsächlichen Studienkosten tragen, die andere Hälfte der Bund, forderte Herrmann Anfang 2016. Allerdings solle die Bundesregierung ihre Leistungen auf die Regelstudienzeit beschränken, "um die Hochschulen zur straffen Organisation des Studiums anzuhalten." Zöllner wiederum befand, die Studiengebührenfreiheit für Deutsche und Studenten aus EU-Staaten sei langfristig nur zu sichern, wenn erstens der Bund "die echten Studienkosten für Studierende aus Entwicklungsländern" übernehme und zweitens darüber diskutiert werde, "ob für Studierende aus Nicht-EU-Ländern kostendeckende Studienbeiträge erhoben werden".

 

Über die Diskussion von zweitens ist die Hochschulpolitik anderthalb Jahre später hinaus. Und erstens halten nicht nur Pinkwart, Herrmann und Zöllner für eine gute Idee. Eine weitere Unterstützerin heißt: Theresia Bauer. Das mit dem Bundeszuschuss sei ihr durchaus sympathisch, sagt sie. "Allerdings wirklich nur als zweiter Schritt, wenn zuvor in den Ländern Studienbeiträge für internationale Studierende etabliert sind." 

 

Andreas Pinkwart ist zurück, und es dürften hochschulpolitisch spannende Monate werden. Und zwar nicht nur in NRW.

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"Wir wollen das Feld sortieren"

MINT-Bildungsinitiativen gibt es zu Hauf. Wer behält den Überblick? Die Noch-Koalition von Union und SPD hat beschlossen: Eine Online-Plattform soll es richten. Wie, sagt die CDU-Bildungsexpertin Sybille Benning.

Foto: privat
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Frau Benning, alle Welt redet von MINT und seiner Bedeutung, und zwar so viel und so schwammig, dass der Begriff auf dem Weg zum Gemeinplatz ist. Und nun hat auch noch der Bundestag mit Koalitionsmehrheit festgestellt, dass MINT-Bildung die Grundlage sei „für den Wirtschaftsstandort Deutschland und für die Teilhabe an unserer von Wissenschaft und Technik geprägten Welt“. Hat es das jetzt gebracht?

 

Als ich vor vier Jahren in den Bundestag einzog, war ich überrascht, dass der Bundestag noch nie zum Thema MINT-Bildung gearbeitet hatte. Dabei ist es genau, wie Sie sagen: Der Begriff ist in aller Munde, doch wohin wir als Gesellschaft wollen in Sachen MINT-Bildung, war unklar.

 

Woran liegt das?

 

Erstmal an etwas sehr Positivem: Mit der Zeit haben sich überall in Deutschland tolle Initiativen entwickelt, die schon KITA- und Grundschulkinder für Mathematik begeistern wollen, für Informatik, für die Naturwissenschaften. Das geht weiter mit Wettbewerben für Jugendliche bis hinein in die Erwachsenenbildung und in Programme, um Lehrer fitzumachen in Sachen IT. Das Problem ist das regionale und sektorale Denken, das parallel aufgekommen ist. Viele lokale Initiativen wissen gar nicht, dass es an anderen Orten in Deutschland ganz ähnliche Ansätze gibt. Schulpraktiker kommen nicht mit Engagierten in der Berufsbildung in einen Austausch, und freie Träger nicht mit staatlichen Bildungseinrichtungen.

 

Und das alles soll Ihr Bundestagsbeschluss ändern?

 

Wir wollen das Feld sortieren. Zum einen muss es klare Qualitätskriterien geben. Zum anderen müssen die vorhandenen Initiativen so aufeinander abgestimmt und miteinander vernetzt werden, dass sie die gesamte Bildungskette abdecken, flächendeckend über ganz Deutschland hinweg. Im Moment gibt es Regionen in Deutschland, auch abhängig von der jeweiligen Wirtschaftskraft, die schon ein sehr dichtes Angebot aufweisen, und andere, wo das Nötigste fehlt. Das Ziel muss sein, dass jede und jeder in Deutschland die Gelegenheit hat, an einem MINT-Programm teilzunehmen oder eine Weiterbildung zu erhalten.

 

Wer sagt eigentlich, dass MINT-Bildung so wichtig ist?

 

Da muss ich ganz grundsätzlich antworten. Es geht um Alltagsmündigkeit, um Teilhabe an der gesellschaftlichen Debatte, wenn ich naturwissenschaftliche Zusammenhänge verstehen, wenn ich Chancen und Risiken technologischer Innovationen besser beurteilen kann. MINT-Bildung ist Allgemeinbildung. Und noch zwei Punkte kommen hinzu: MINT-Berufe sind seit jeher ein gutes Sprungbrett für den sozialen Aufstieg. Eine weitere Aufgabe ist es, dass wir den Frauenanteil in einigen Branchen weiter erhöhen. Kurzum: Die Förderung von MINT-Bildung ist die Förderung von Bildungsgerechtigkeit.

 

Und um das festzustellen, brauchten Sie einen Bundestagsbeschluss?

 

Den brauchten wir, um den Weg dorthin zu definieren. Es muss jemand geben, der alle Akteure zusammenbringt. Von den großen, öffentlich geförderten Initiativen wie dem Haus der kleinen Forscher bis hin zu kreativen Ideen, die bislang von einzelnen engagierten Personen leben. Wir haben verschiedene Alternativen erwogen, uns angeschaut: Kann wirklich ein einzelner Verband oder eine Plattform wie das Nationale MINT-Forum diese dringend nötige Vernetzung effektiv leisten? Am Ende aber sind wir doch beim Bund gelandet. Die Bundesregierung muss die Akteure zusammenbringen und den Prozess steuern.

 

Geht das noch konkreter?

 

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) muss den Start eines Online-Portals anstoßen, das die Eintrittstür werden soll für alle Menschen, die sich für MINT-Bildung interessieren. Dort wird man dann alle Initiativen aus ganz Deutschland, sortiert entlang der Bildungskette, finden, unterschieden nach mindestens zwei Stufen: niedrigschwellige Kurse für Menschen ohne Vorkenntnisse, und Angebote für Fortgeschrittene. Wie genau dieses Portal aussehen wird, das sollten alle Akteure gemeinsam besprechen, auf Augenhöhe. Aber an einen Tisch muss sie das BMBF bringen.

 

Glauben Sie wirklich, dass alle Akteure Interesse haben an mehr Transparenz? Die Doppel- und Dreifachstrukturen, die dabei sichtbar werden, dürften immens sein.

 

Das mag sein, aber gerade deshalb wäre eine Übersicht sinnvoll. Nochmal: Es geht um eine flächendeckende MINT-Bildung für alle, in einer gleichbleibenden, verlässlichen Qualität. Auch wenn das bedeuten könnte, dass dann einige Initiativen um ihre Spenden fürchten müssen, weil die Geldgeber merken, dass die von ihnen geförderten Angebote nicht so einmalig oder herausragend sind wie gedacht. Aber schauen Sie, ich bin von Hause aus Geographin. Viele Lebensräume zusammen ergeben das Biotop. Das ist in der Bildung genauso. Soll heißen: Es könnte auch sein, dass Initiativen in der gegenseitigen Abstimmung sogar geeignetere Betätigungsfelder für sich entlang der Bildungskette finden.

 

Das klingt alles nach großer Geste. Die Wahrheit ist: Der Bundestag hat Ihren MINT-Antrag ohne Aussprache beschlossen, als reine Drucksache. Wo ist denn da die Aufmerksamkeit, die Sie sich wünschen?

 

Das stimmt so nicht. In unserer AG Bildung und Forschung der CDU/CSU-Bundestagsfraktion war das Thema ein inhaltlicher Schwerpunkt, der uns über Jahre begleitet hat. Am 17. Februar haben wir den Antrag in erster Lesung im Plenum des Bundestages debattiert, im Bildungsausschuss hatten wir am 8. März eine spannende Anhörung – mit einem so großen öffentlichen Interesse, dass wir sogar den Sitzungssaal wechseln mussten. Doch am Ende der Legislaturperiode häufen sich leider die Anträge, die noch beschlossen werden müssen, so dass jetzt vieles im vereinfachten Verfahren, das heißt ohne Debatte bei der zweiten und dritten Lesung, beschlossen wird. Für die Aufmerksamkeit für unser Thema sehr schade.

 

Die Grünen hatten einen eigenen Antrag zur MINT-Bildung vorgelegt. Den haben Union und SPD mit ihrer Regierungsmehrheit abgelehnt. Wie kann das sein bei so einem Konsensthema?

 

Wir sind uns einig, was das Ziel angeht, aber nicht über den Weg dorthin. Die Grünen fordern die Aufhebung des vermeintlichen Kooperationsverbots, damit wir als Bund von oben steuern können. Davon halte ich persönlich gar nichts. Gerade die lokalen Initiativen sind so wichtig, von denen dürfen wir keine verlieren, wir dürfen niemanden entmutigen und weder die Initiativen, noch die Vielfalt zerstören, indem wir von oben Standards verordnen.

 

Aber genau die fordern Sie doch vom BMBF.

 

Nein, wir erwarten vom BMBF, dass es eine koordinierende Rolle einnimmt. Dass die Akteure aber selbst gemeinsam über die Standards entscheiden – und darüber, wie sie sich auf dem Portal präsentieren wollen.

 

Wenn Sie so aufs Dezentrale schwören, warum überlassen Sie das Feld dann nicht gleich der Kultusministerkonferenz?

 

Natürlich steht und fällt der Erfolg der MINT-Bildung auch mit dem Engagement der Länder. Ganz extrem gilt das in den Schulen. Die Schüler werden sich nur begeistern lassen, wenn auch ihre Lehrer begeistert sind.

 

Eine bessere MINT-Bildung für die Kinder beginnt in einer besseren MINT-Bildung für die Lehrer?

 

So ist es. Und mit einer besseren MINT-Bildung der Erziehrinnen und Erzieher. Die Feststellung ist trivial, die richtigen Schlussfolgerungen daraus angesichts von 16 Ländern und 16 verschiedenen Ansätzen in der Lehrerbildung sind umso schwieriger.

 

Wann soll das Portal zur MINT-Bildung online gehen?

 

Ich habe lange in der Bauausführung gearbeitet, da will man immer alles sofort fertig haben. Vier Jahre im Bundestag haben mich Geduld gelehrt. Was ich erwarte, ist, dass das Portal im Koalitionsvertrag verankert wird und dass nach der Bundestagswahl schnellstmöglich die konkrete Arbeit anfängt.

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Da ist sie wieder, die Bildungs-Merkel

Plötzlich schwadroniert die Bundeskanzlerin von Bildungsoffensiven, Ganztagsprogrammen und Milliarden für die Schulen. Als ginge sie das Mauern ihrer Partei beim Kooperationsverbot nichts an. Ein Gastbeitrag von Ernst Dieter Rossmann.

Foto: Philipp: "Angela Merkel", CC BY 2.0

ES SOLLTE EINE der großen Erzählungen werden, die Angela Merkel beim Bildungsgipfel 2008 aufmachen wollte: Deutschland als Bildungsrepublik, mit einer großen Bund-Länder-Vereinbarung, mit dem Versprechen von gemeinsamen Haushaltszuwächsen für die Bildung, mit einem differenzierten Katalog gemeinsam abgesprochener Maßnahmen – und mit einem regelmäßigen Monitoring über die erreichten Fortschritte. Bildungsrepublik, das hatte etwas von einer starken Idee und gab der sonst oft so gestaltungsarmen und begründungsschwachen Kanzlerin visionäre Kraft und den Charme der sympathischen Utopie.

 

Wenn Angela Merkel jemals wirklich mehr als den schönen Anschein im Sinn gehabt haben sollte, muss ihr spätestens beim Scheitern ihres Nationalen Bildungsgipfels eigentlich bewusst geworden sein, zu welchem großen bildungspolitischen Irrtum sich die Parteien der Großen Koalition mit der ersten Föderalismus-Reform im neuen Jahrhundert verstiegen hatten. Zwei Jahre zuvor, 2006, war das gewesen. Dabei hatten die Zugeständnisse, die die Unionsministerpräsidenten Koch und Stoiber in Übereinstimmung mit dem Zeitgeist des Wettbewerbsföderalismus der SPD und ihren damaligen Verhandlungsführern Müntefering und Struck abgehandelt hatten, nicht einmal bis zur Verabschiedung im Bundestag gehalten: Ursprünglich sollten nur ein Nationaler Bildungsbericht und die Bildungsforschung  von der gemeinsamen Bildungsförderung und der Bildungsplanung aus der wegweisenden Föderalismus-Reform von 1969 übrig bleiben. Doch in den dramatischen letzten Schlussverhandlungen konnten die SPD-Bildungspolitiker den Spitzen von Union und SPD noch abpressen, dass die Förderung von Vorhaben der Wissenschaft in die geänderte Verfassung zusätzlich hineinkam. Das machte die wegweisenden Hochschulpakte bis zur Exzellenzstrategie erst möglich, auf die sich auch die Bundeskanzlerin immer wieder gerne beruft, wenn sie denn Erfolge in der Bildungs- und Wissenschaftspolitik für sich reklamiert.

 

Drei weitere Änderungen des Grundgesetzes pro Bildung und pro Wissenschaft sollten seitdem folgen. 2008 kam die Änderung des Artikel 104 b in der Form dazu, dass der Bund zumindest bei Naturkatstrophen oder außergewöhnlichen Notsituationen Investitionshilfen für Bildung von der Schule bis zur Hochschule geben kann. Nachdem es bei den Koalitionsverhandlungen zur dritten großen Koalition 2013 entgegen vorheriger wahltaktischer Öffnungsversprechen seitens der Union dann doch kein Durchkommen für weitergehende SPD-Forderungen gegeben hatte, konnte ein knappes Jahr später das Grundgesetz immerhin so geändert werden, dass seitdem die Förderung von Forschung und Lehre in Fällen von überregionaler Bedeutung möglich ist. Damit ist nicht nur die Förderung der Hochschullehre durch den Bund überhaupt das erste Mal in der Verfassung verankert worden, möglich wurde auch eine Beteiligung des Bundes an der Grundfinanzierung und an zeitlich unbefristeten Förderprogrammen des Bundes für die Hochschulen.

 

Und nun also folgt die dritte relevante Grundgesetzreform nach dem „schweren Fehler“ (Frank Walter Steinmeier) von 2006. Im Paket mit anderen Grundgesetzänderungen konnten Sigmar Gabriel und Thomas Oppermann in der Großen Koalition durchsetzen, dass der Artikel 104 ein weiteres Mal erweitert wird um einen Artikel 104 c, demzufolge der Bund die schulische Bildungsinfrastruktur in finanzschwachen Kommunen fördern darf, was gleichzeitig mit dem wirklich bedeutenden Betrag von 3,5 Milliarden unterlegt wurde. Es ist nicht bekannt, dass die Bundeskanzlerin für diesen nächsten Schritt in der Auflockerung des Kooperationsverbotes irgendwie die Initiative ergriffen hätte.

 

Erst unmittelbar vor der Abstimmung im Bundestag und gerade fünf Tage, nachdem sich ihr unmittelbarer Konkurrent um die Kanzlerschaft prononciert zur Bildungsförderung und für die vollständige Abschaffung des Kooperationsverbotes geäußert hatte, nahm dann auch die Bundeskanzlerin in ihrem wöchentlichen Video-Podcast Stellung. Man hätte Wetten darauf abschließen können, dass die Methode Merkel sofort zur Anwendung kommt, wo sie Sorge haben muss, dass ihre Partei nicht den richtigen Kompass hat und ihre Politik den Notwendigkeiten einer fortschrittlichen Politik hinterhersegelt. Denn das könnte den betroffenen Menschen als Widerspruch auffallen und der CDU und ihr selbst bei einer wichtigen Wahl schaden. Also wird in dem Video-Podcast behauptet, dass die finanzschwachen Kommunen mit sieben Milliarden Euro unterstützt werden, um die Schulen in Brennpunkten besser zu unterstützen und dass diese angeblichen sieben Milliarden auch für Schulneubauten ausgegeben werden können. In Wahrheit sind es nur 3,5 Milliarden für die schulische Infrastruktur in finanzschwachen Kommunen und Schulneubauten – und nur da, wo es sich um Ersatzneubauten handelt, die wirtschaftlicher sind als eine Sanierung. Alles andere hatte die CDU/ CSU konsequent verhindert. Aber das macht nichts, merkt ja keiner, wenn man Anderes im Video-Podcast behauptet.

 

Immerhin versucht die Bundeskanzlerin in ihrem Podcast konkreter zu werden, wenn es um das digitale Lernen geht und spricht von Lern-Clouds und Lehrerweiterbildung. Fünf Milliarden hatte hier die Bundesbildungsministerin unmittelbar vor dem jährliche Digitalgipfel mit dem Schwerpunkt Bildung ins Schaufenster gestellt, die Länder und den Bund auf Staatssekretärsebene eine gemeinsame Erklärung ausarbeiten lassen, um allerdings bisher weder eine tragfähige Absicherung im Grundgesetz noch eine Etatisierung im Haushalt vorzunehmen. Ganz im Gegenteil: Während die Bundeskanzlerin im Podcast noch mit ihrer digitalen Bildungsoffensive renommiert, schafft es das zuständige Ministerium nicht, die vereinbarten Eckpunkte am angesetzten Termin zu unterzeichnen, und der Finanzminister sendet eigenartige Signale aus, als sei er der Meinung, schon genug Bildungsförderung bereitgestellt zu haben.

 

Dafür lässt sich die Bundeskanzlerin in ihrem Podcast drei Tage später, wiederum unmittelbar nachdem sich ihr Widerpart von der SPD, Martin Schulz, sehr klar zu einer neuen Ganztagsschulinitiative und zur vollständigen Aufhebung des Kooperationsverbotes positioniert hat, mit einer interessanten Neuerung ein.  Schon erwartungsgemäß und ob der darin liegenden Chuzpe dennoch erstaunlich klar stellt sie fest, als sie danach gefragt wird, wie sie die deutsche Bildungspolitik vorantreiben will: „Wir brauchen auch im Bereich der Ganztagsbetreuung oder der Ganztagsschulen nochmal eine Initiative.“ Und die Bundeskanzlerin weiter: „Ich hoffe, dass daraus dann auch Projekte werden.“

 

Das Ganztagsschulprogramm der Regierung Schröder hatte die damalige Oppositionsführerin Angela Merkel und ihre CDU allerdings scharf kritisiert. Legendär das Verdikt der stellvertretenden CDU - Parteivorsitzende und Merkel-Vertrauten Annette Schavan gegen das „Suppenküchen – Programm“.  Mit dem Kooperationsverbot von 2006 sollten gerade solche Initiativen auf Betreiben der CDU und CSU  strikt per Grundgesetz untersagt werden. Noch 2013 gab es keinerlei Bereitschaft bei den Koalitionsverhandlungen von CDU und CSU, auf das Ganztagsschulprogramm des Koalitionspartners einzugehen. Und selbst in der Debatte zur großen Bund-Länder-Finanzreform und den 3,5 Milliarden des Bundes für die Schulen sagten der erste Redner der CDU/CSU-Fraktion, Ralph Brinkhaus, zur Bildungsfinanzierung: „Das ist eine Ausnahme, und das kann keine Regel sein.“ Eine Aufhebung des Kooperationsverbotes gar wird schließlich rigoros von sich gewiesen. Falsch, aber immerhin klar, möchte man sagen.

 

Und derweil tut die Bundeskanzlerin, als ob sie all das nichts anginge. Sie kündigt eine Initiative zu Ganztagsschulen an und hofft auf entsprechende Projekte. Das mag schlau sein, um unkritische Eltern zu beeindrucken und die Alternativen vor einer Wahl zu  verwischen. Klug ist es nicht, denn die Bildungsrepublik von morgen braucht keine Winkelzüge, sondern eine klare, konzeptionell vorausschauende und gestaltende Politik. Merkel mag sich mit ihrem Verhalten Hintertürchen für Koalitionskonstellationen in jeder Hinsicht nach den nächsten Bundestagswahlen offenhalten, egal ob die CDU/CSU nun über eine Große oder über eine Jamaika-Koalition an der Regierung beteiligt sein sollte. Nur mutig und führungsstark ist so ein Stil nicht, sondern eben: Merkels Stil.

 

Klug und mutig wäre eine Bundeskanzlerin und Parteivorsitzende, die den Kardinalfehler von 2006 endgültig korrigierte und die berechtigte Kritik des Bundestagspräsidenten an der Verhunzung des Grundgesetzes durch ausufernde Detailregelungen aufnähme, so dass sich endlich der ebenso schlichte wie wegweisende Satz im Grundgesetz findet: „Bund und Länder können bei der Förderung von Bildung, Wissenschaft und Forschung zusammenwirken.“ Die Zeit ist reif dafür.

 

Ernst Dieter Rossmann ist bildungspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion im Bundestag.

 

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Eine Notgemeinschaft für die Lehre

Wer die Einheit von Forschung und Lehre wirklich will, unterstützt die Initiative des Wissenschaftsrats. Ein Gastbeitrag von Klaus Diepold.

Foto: Francis Bautista
Foto: Francis Bautista

DIE HOCHSCHULREKTORENKONFERENZ (HRK) hat den Vorschlag des Wissenschaftsrates, eine unabhängige Förderorganisation für lehrbezogene Vorhaben einzurichten, vorschnell als unnötig abgetan. Auch wenn der Vorschlag bisher nur in groben Zügen skizziert wurde, stellt er doch einen konkreten Handlungsauftrag dar an die Gemeinschaft der Lehrenden in allen Arten von Hochschulen, diesen Gedanken aufzunehmen und inhaltlich auszugestalten.

 

Die unabhängige Organisation, die der Wissenschaftsrat anregt, soll wissenschaftsgetragen sein, was bedeutet, dass es sich hier um eine Gemeinschaft der Hochschullehrer und – lehrerinnen handeln würde, die frei von politischen Trends agiert, geprägt vom beruflichen Selbstverständnis und getragen von der Mission der Lehre. In Anlehnung an die Ursprünge der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) wäre der Name „Notgemeinschaft der Deutschen Hochschullehre“ denkbar.

 

Die Notgemeinschaft könnte die Verteilung von Fördergeldern für Lehrprojekte, vergleichbar zur Funktion der DFG, übernehmen. Wir haben in den vergangenen Jahren im Rahmen des Qualitätspakts Lehre vielfältige positive Erfahrungen in der Förderung neuartiger Lehrformate gesammelt. Es gibt genügend Argumente und Befunde, die nahe legen, diese Form der Projektförderung dauerhaft weiterzuführen.

 

Die Existenz einer Notgemeinschaft und der damit verbundenen Fördermittel bedeutet keineswegs zwangsläufig, dass sich im Gegenzug Landesregierungenaus der Grundfinanzierung der Hochschulen zurückziehen. Im Gegenteil, die finanzielle Förderung von Lehrprojekten könnte von der Notgemeinschaft auch mit Forderungen nach Verstetigung oder der nachhaltigen Finanzierung angestoßener Projekte durch die Landesregierung oder die Hochschule verbunden werden, sofern Projekte Erfolge nachweisen können. Ähnlich strukturbildende Maßnahmen führt auch die DFG durch, wenn Entscheidungen für die Einrichtung von Sonderforschungsbereichen oder vergleichbarer Verbundprojekte in der Forschung getroffen werden. >>



>> Die Beispiele qualitativ guter und innovativer Lehre entspringen meist der Privatinitiative einzelner Überzeugungstäter und sind selten das Ergebnis institutioneller Strategien. Vergleichbar zur Idee der Forschungsförderung durch die DFG wäre es das Ziel einer Notgemeinschaft, einen fortgesetzten Fluss von Bottom-Up-Initiativen, Ideen und Vorschlägen zu erzeugen, die von einzelnen HochschullehrerInnen ausgearbeitet und umgesetzt würden. An dieser Stelle könnte die Notgemeinschaft neben der Projektfinanzierung auch die Funktion übernehmen, Lehrinnovationen von einzelnen Personen oder Gruppen zu unterstützen, deren Wirksamkeit zu erfassen und die Ergebnisse über die Grenzen von Hochschulen und über Landesgrenzen hinweg zu verbreiten. Dadurch würde die neue Organisation einen nachhaltigen Innovationsprozess für Lehre orchestrieren.

 

Die Aussage, dass es nicht möglich sei, die Qualität akademischer Lehre vernünftig zu bewerten, ist eine Ausrede, die es den Kritikern erlaubt, in fatalistischer Passivität zu verharren. Erstens gibt es sehr wohl Konzepte, die für eine objektive Bewertung von Lehre dienen, und zweitens ist es gleichermaßen schwierig, die Qualität von Forschung objektiv zu bewerten. Aber hier gibt es dennoch einen Kanon von akzeptierten und angewandten Methoden zur Vermessung der Forschungsqualität. Neben der Vergabe von Fördermitteln für die Lehre (Schlagwort „Drittmittel für die Lehre“) böte die angedacht Notgemeinschaft den Rahmen, akzeptierte Standards für die Bewertung der Qualität von Lehre zu entwickeln, zu erproben und zu etablieren.

 

Denkbar wäre darüber hinaus, spezielle Förderinstrumente für die Lehre zu entwickeln. Vergleichbare Prozesse hat die DFG ebenfalls durchlaufen. Erfolgreiche Förderinstrumente wie die seit 1968 eingerichteten Sonderforschungsbereiche hat sie sukzessive getestet, bewertet, angepasst und verfeinert.

 

Die Produktivität in der Forschung wird zum Teil durch das Volumen der eingeworbenen Drittmittel erfasst. Wenn es Drittmittel für die Lehre gäbe, könnten diese in vergleichbarer Weise als einfaches Maß dienen, um die Innovationskraft eines Hochschullehrenden zu messen und diesen persönlichen Erfolg karrierewirksam werden zu lassen. Das wäre ein Beitrag zur Reduzierung der Reputationsunsymmetrie zwischen Forschung und Lehre. Für einen jungen Hochschullehrer (zum Beispiel in einem Tenure-Track-System) könnte es sich somit erstmals wirklich lohnen, sich neben der Forschungstätigkeit auch für die Weiterentwicklung der Lehre zu engagieren.

 

DFG-finanzierte Mitarbeiterinnen in Forschungsprojekten werden wie selbstverständlich auch zur Lehre herangezogen. Mittlerweile ist diese Querfinanzierung von Lehrveranstaltungen sogar zur Notwendigkeit geworden, weil sonst an vielen Stellen die Lehre nicht mehr geleistet werden könnte. Was per se nicht schlecht ist: Ein maßvolles Engagement in der Lehre bietet Doktoranden und Doktorandinnen vielfältige Möglichkeiten, außerfachliche Qualifikationen und Erfahrungen zu sammeln, was zu ihrer Bildung und Ausbildung beiträgt. In gleicher Weise wäre es vorstellbar, dass Mitarbeiterstellen aus Lehrprojekten zu finanzieren. Diese Mitarbeitenden können sich über die Arbeit am Lehrprojekt hinaus auch in der Forschung engagieren und dadurch die Möglichkeit bekommen, sich akademisch zu qualifizieren. Dieser Ansatz entspräche einer neuen Interpretation des Begriffs „Einheit von Forschung und Lehre“.

 

In diesem Zusammenhang sei auf das Wirken des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft zusammen mit der Baden-Württemberg-Stiftung hingewiesen, die im Rahmen eines Fellowprogramms für Innovation in der Hochschullehre bereits eindrucksvolle Vorarbeit geleistet haben. Hier wurden Initiativen von einzelnen Lehrenden finanziell gefördert, gleichzeitig wurden die Lehrenden in einer lebendigen Gemeinschaft der Fellows vernetzt. In diesem Netz werden Erfahrungen, Ideen und Gedanken über alle Fach- und Landesgrenzen hinaus ausgetauscht, das Thema Lehre wird nachhaltig thematisiert. Auch hier werden Anstrengungen unternommen, die Wirksamkeit der Lehrinnovationen zu erfassen und die dafür nötigen Maßstäbe zu entwickeln. Zudem veranstaltet der Stifterverband jährlich eine Lehr-/Lern-Konferenz, die sich ausschließlich den praktischen Fragen der Lehre widmet. Eine existierende Vorlage als Startpunkt zur Gestaltung einer Notgemeinschaft existiert also längst.

 

Die vorgeschlagene Lehrgemeinschaft ist eine überfällige und alternativlose Initiative, die es zu entwickeln und auszugestalten gilt.

 

Klaus Diepold ist Professor für Datenverarbeitung an der TU München und erhielt 2012 ein Fellowship für Innovationen in der Hochschullehre.

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Grenzenlos bayerisch

Die Technische Universität München will eine Filiale in Baden-Württemberg eröffnen. Das hat es in der Form noch nie gegeben.

Der Bildungscampus Heilbronn (Foto: Dieter Schwarz Stiftung gGmbH)
Der Bildungscampus Heilbronn (Foto: Dieter Schwarz Stiftung gGmbH)

ES IST EIN hochschulpolitisches Novum: Die Technische Universität München (TUM) will als bayerische Staatshochschule eine Niederlassung in Baden-Württemberg aufbauen. Wie TUM-Präsident Wolfgang Herrmann am Wochenende bestätigte, sollen schon im Wintersemester 2018 die ersten Bachelorstudenten ihr Studium in Heilbronn aufnehmen. „Wir haben bislang acht Standorte in Bayern und einen in Asien“, sagt Herrmann. „Warum also soll in Baden-Württemberg nicht funktionieren, was auch in Singapur geht?“

 

Fest steht: Bislang hat noch nie eine bundesdeutsche Hochschule in Landesträgerschaft ihr Betätigungsfeld über die Grenzen des eigenen Bundeslandes ausgeweitet. Es ist allerdings nicht die erste ungewöhnliche Hochschulkonstruktion unter Federführung der TUM: Erst im Juli 2016 hatte die bayerische Staatsregierung beschlossen, dass Herrmanns Universität künftig die Trägerschaft der (Fach-)“Hochschule Straubing für Biotechnologie und Nachhaltigkeit“ übernehmen soll, die aus dem bisherigen Wissenschaftszentrum Straubing entsteht.

 

Finanziert wird das baden-württembergische TUM-Engagement komplett durch die in Neckarsulm bei Heilbronn ansässige Dieter-Schwarz-Stiftung. Hinter der Stiftung steht die Schwarz-Gruppe, zu der die Lebensmittelketten Lidl und Kaufland gehören. Insgesamt 20 Stiftungsprofessuren spendiert die Stiftung der TUM, von denen 13 in Heilbronn und sieben in Garching bei München angesiedelt sein sollen. Auch die Heilbronner Professoren bekommen einen bayerischen Dienstvertrag mit Einsatzort Heilbronn. >>



>> Hochschulexperten äußern sich gespannt, welche rechtliche Konstruktion die TUM für ihre Expedition raus aus dem Freistaat wählen wird. Vorbilder gäbe es zu Hauf – allerdings nur im privaten Bildungssektor, wo länderübergreifende Hochschulketten fast schon zum Alltag gehören. Auch die TUM und die Lidl-Stiftung wollen offenbar Teil des Betriebs über eine GmbH abwickeln. Wobei die Partner versichern: Alle grundständigen Bachelor- und Masterangebote werden kostenfrei sein. 

 

Die baden-württembergische Niederlassung der bayerischen Uni entsteht auf dem von der Stiftung gegründeten Bildungscampus, auf dem bereits ein eigenständiger Standort der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) verschiedene Bachelorstudiengänge anbietet, außerdem sind landesweit alle DHBW-Masterprogramme im Heilbronner „Center for Advanced Studies“ konzentriert. Auch die Hochschule Heilbronn, eine staatlich finanzierte Fachhochschule, hat ihren größten Standort auf dem Bildungscampus – und die von der Stiftung getragene „German Graduate School“ (GGS), die berufsbegleitende Masterstudiengänge in Management anbietet, allerdings nur auf Fachhochschulniveau.

 

Was im Ensemble bislang fehlte: eine universitäre Einrichtung mit Promotionsrecht. Schon vor Jahren gab Stiftungsgründer Dieter Schwarz deshalb das Ziel aus, einen universitären Partner zu finden. Jetzt können Reinhold Geilsdörfer, der Geschäftsführer der Stiftung, und der Vorsitzende der Gesellschafterversammlung, Peter Frankenberg, Erfolg vermelden.

 

Frankenberg war bis 2011 Wissenschaftsminister von Baden-Württemberg, Geilsdörfer bis Anfang 2016 Präsident der DHBW. In Geilsdörfers Amtszeit als DHBW-Präsident kam der DHBW-Standort nach Heilbronn, ebenso wie das „Center for Advanced Studies“. Nach seinem Wechsel zur Stiftung musste sich der umtriebige Bildungsmanager gegen Vorwürfe wehren, er habe die DHBW in finanziell schwere Fahrwasser geführt, und sein nahtloser Wechsel zur Stiftung sei zumindest fragwürdig. Die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen wegen angeblicher Vorteilsnahme wurden eingestellt.

 

Die Kooperation mit der Business School der TU München kommt überraschend. Lange sah es so aus, als würde eine andere Universität in Heilbronn das Rennen machen, genauer gesagt: Die Business School der Universität Mannheim. Man sei bei den Verhandlungen auf einem „sehr guten Weg“, verkündete der Mannheimer Rektor Ernst-Ludwig von Thadden noch im April in der Tageszeitung Heilbronner Stimme. Doch was am Ende laut Stiftungschef Geilsdörfer den Ausschlag für München gab, war die Ausrichtung der TUM „an der Schnittstelle zwischen Wirtschaft und Technik, und genau da sind wir auch unterwegs.“

 

Die Stiftung sei auf die TUM zugekommen, betont denn auch TUM-Präsident Herrmann, „und da sind wir sehr froh drüber.“ 100 Studienanfänger will die TUM jedes Jahr am Heilbronner Standort in ihren Bachelor-Studiengang „TUM BWL“ aufnehmen, Herrmanns Sprecher zufolge der am schnellsten wachsende Studiengang der TUM überhaupt. Er speist sich zu 70 Prozent aus den Wirtschafts- und zu 30 Prozent aus den Technik- und Naturwissenschaften. Während in Heilbronn größtenteils Professuren mit wirtschaftswissenschaftlichem Schwerpunkt entstehen sollen, sollen die Studenten im Laufe ihres Studiums für ein Semester nach München-Garching umziehen, um dort schwerpunktmäßig die Technikfächer zu studieren. Die Stiftung will dafür sogar ein eigenes Wohnheim in Garching einrichten.

 

Zusätzlich zum Bachelorstudiengang sollen verschiedene TUM-Master angeboten werden, alle an der Schnittstelle zwischen Technik und Wirtschaft. Forschung in Familienunternehmen, Entrepreneurship und die Bewältigung des digitalen Wandels: Das seien die angestrebten Schwerpunkte in Heilbronn, sagt Gunther Friedl, Dekan der federführenden TUM-Fakultät für Wirtschaftswissenschaften, und schwärmt von der mittelständischen Wirtschaftsstruktur in Baden-Württemberg. „Die haben wir so in Bayern nicht.“ Und genau das mache die Sache für die TUM so interessant. Viele Unternehmen in und um Heilbronn seien dazu noch Autozulieferer, die sich inmitten eines enormen Technologiewandels befänden – hin zu neuen Antriebstechniken und zum autonomen Fahren. „Auch das ist extrem spannend für unsere Forschung und Lehre.“ Zusätzlich zu den 100 Masterstudenten pro Jahr rechnet Friedl mit insgesamt etwa 40 Doktoranden, so dass im Vollbetrieb rund 1000 junge Leute am Heilbronner TUM-Standort studieren könnten. Ein Teil der Studiengänge wird kostenfrei sein, zusätzlich soll es Executive- und Weiterbildungs-Master geben – zum Vollkostenpreis.

 

Und was kostet all das den bayerischen Steuerzahler? Keinen Cent, versichert Dekan Friedl. „Im Gegenteil: Dadurch, dass auch in München zusätzliche Professuren entstehen, profitiert der Freistaat eher noch in der Gesamtschau.“

 

Bayerns Wissenschaftsminister Ludwig Spaenle (CSU) sei von Anfang an in die Pläne eingebunden gewesen, sagt TUM-Präsident Herrmann. „Und er unterstützt sie voll und ganz.“ Spaenles baden-württembergische Amtskollegin Theresia Bauer (Grüne) hingegen war bis zum Freitag offenbar nicht informiert. Juristisch bewegen sich die Kooperationspartner damit wohl im grünen Bereich: Die Standortgründung einer auswärtigen Hochschule ist in Baden-Württemberg gegenüber dem zuständigen Ministerium nur anzeige-, nicht aber genehmigungspflichtig. Ob es strategisch klug war, die Ministerin so lange außen vor zu lassen, steht auf einem anderen Blatt.

 

Am Wochenende sagte Bauer lediglich, sie kenne die Heilbronner TUM-Pläne bislang nur in den Grundzügen, zum konkreten Modell könne sie noch nichts sagen, „wir werden es prüfen.“ Wenn am Ende jedoch die Qualität stimme und der Standort Heilbronn von dem zusätzlichen Bildungsangebot profitiere, so Bauer, „dann werden wir sicherlich keine Einwände haben.“

 

Verschnupft sein dürfte hingegen Mannheims Rektor von Thadden, denn noch vergangene Woche liefen hinter den Kulissen Gespräche, Mannheim zurück ins Rennen zu bringen. Nicht nur verschnupft, sondern tief besorgt sind sie an der German Graduate School“ (GGS). Deren Präsident Dirk Zupancic hatte schon im vergangenen Herbst hingeworfen, wegen „Differenzen über die strategische Ausrichtung“, wie es hieß. Jetzt kündigte Geilsdörfer an, dass die GGS im neuen TUM-Standort aufgehen werde. „Aber wir werden allen Mitarbeitern die Möglichkeit des Übergangs in die neue Einrichtung eröffnen.“ Allerdings müssten sie sich neu bewerben, einen Automatismus werde es nicht geben.

 

Auf meine Anfrage hin kündigten TUM und Dieter-Schwarz-Stiftung an, ihre Pläne noch am Dienstag in einer Pressemitteilung öffentlich zu machen. Ein Vorbild für den Rest der Republik? Werden jetzt auch andere staatliche Hochschule den Schritt in ein anderes Bundesland wagen, wenn der doch juristisch gesehen offenbar so einfach ist? Herrmann und Geilsdörfer zumindest sehen sich in einer Vorreiterrolle, und der langjährige CDU-Wissenschaftsminister Frankenberg sekundiert: „Es ist doch gut, wenn mal einer über die gedankliche Barriere eines solchen Projekts überwindet.“ Es seien, sagt Frankenberg, „viele Konstellationen“ vorstellbar, in dem es für ein Bundesland günstiger wäre, mit der Hochschule eines anderen Bundeslandes in Kooperation zu treten, als selbst von Grundauf ein praktisch identisches Studienangebot aufzubauen. „Es ist eher komisch, dass das bislang noch keiner gemacht hat.“

 

Wahrscheinlicher ist indes, dass Herrmanns Rektorenkollegen erst einmal abwarten und genau hinschauen, ob und wie das neue baden-württembergisch-bayerische Zweiergespann seine Idee in die Praxis umgesetzt bekommt – und nebenbei noch die drohenden Konflikte beruhigt. Die eigentliche Arbeit an ihrem gemeinsamen Projekt, so sieht es aus, hat heute erst begonnen.


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Auf freier Strecke

Ein neuer Generalsekretär für die SPD, ein Verlust für die Wissenschaft: Hubertus Heil und sein Karrieresprung.

Foto: SPD-Fraktion
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HUBERTUS HEIL WIRD neuer SPD-Generalsekretär, und eine Frage beschäftigt die Kommentatoren: Wird er den auf freier Strecke stehen gebliebenen Wahlkampfzug der Sozialdemokraten wieder in Fahrt bringen? Und kann er dafür „sein Image als „solider Fachpolitiker abstreifen“ (Spiegel Online)?


 

Was bislang keiner fragte: Wer wird diesen soliden Fachpolitiker ersetzen? Heil war bislang stellvertretender Fraktionsvorsitzender, zuständig für die Themen Wirtschaft und Energie, Bildung und Forschung. Dass seine Zuständigkeiten Nummer drei und vier gern unterschlagen wurden und Heil dann allein als „Wirtschaftspolitiker“ lief, ist, nebenbei gesagt, eine aussagekräftige Fußnote, wenn man sich für den Stellenwert von Schulen und Hochschulen im Koordinatensystem politischer Berichterstattung interessiert.

 

Tatsächlich hatte sich Heil seit 2009, genauer: nach seinem ersten Auftritt als SPD-Generalsekretär, die Kompetenz eines führenden Wissenschaftsexperten seiner Partei erarbeitet. Unaufgeregt, pointiert und kenntnisreich galt er vielen als die Stimme sozialdemokratischer Wissenschaftspolitik und als möglicher Wissenschaftsminister, erst recht nachdem sich die ihm nachgesagten Ambitionen auf den Job des Wirtschaftsministers nicht erfüllt hatten. Das erstaunlich konkrete SPD-Positionspapier zur Zukunft der Wissenschaftsfinanzierung, versehen mit dem reichlich pathetischen Titel „Zukunftsvertrag für Wissenschaft und Forschung“, entstand unter seiner Führung. Zuletzt arbeitete Heil hinter den Kulissen am innovations- und wissenschaftspolitischen Programm von Martin Schulz. Zusammen mit der Bildung soll es das zentrale zweite Standbein im Wahlkampf werden neben der bereits reichlich ausgewalzten Forderung nach sozialer Gerechtigkeit und so die Zukunftsfähigkeit der Sozialdemokraten signalisieren.

 

Dass die SPD-Wissenschaftspolitik nicht einmal vier Monate vor der Bundestagswahl ihren wichtigsten Vordenker abgeben muss, ist eine schlechte Nachricht für die Forschercommunity. Die Partei insgesamt muss aufpassen, jetzt nicht die gerade erst gewonnenen hochschulpolitischen Konturen wieder einzubüßen. Der Fachpolitiker Heil weiß das genau. Doch für den Generalsekretär Heil sind Bildung und Forschung plötzlich nur noch zwei Themen unter vielen.

Dieser Kommentar erschien gestern zuerst im ZEITChancen Brief.


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Einigung mit Schönheitsfehler

Die Kultusministerkonferenz bekennt sich zu den Eckpunkten des Digitalpakts und veröffentlicht das zwischen Bund und Ländern ausgehandelte Dokument. Das Ganze hat allerdings einen Schönheitsfehler.

SEIT HEUTE NACHMITTAG sind sie öffentlich, die Eckpunkte des Digitalpakts. Die Kultusminister haben sich bei ihrer Tagung in Stuttgart, wie die dazugehörige Pressemitteilung der Kultusministerkonferenz (KMK) es formuliert, "zu ihnen bekannt". Klingt nach wenig, erst recht nach wenig Verbindlichkeit, tatsächlich ist es jedoch ein Erfolg für Bund und Länder, der zu Beginn der Verhandlungen im Januar nicht unbedingt zu erwarten war.

 

Bis Dezember soll die eingesetzte Staatssekretärs-Arbeitsgruppe die "Bund-Länder-Vereinbarung zur Unterstützung der Bildung in der digitalen Welt im Bereich Schule" erarbeiten. Also bis NACH der Bundestagswahl. Dass es Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) gelungen ist, die Länder VOR der Wahl auf deren Grundzüge einzuschwören, ist insofern bemerkenswert, hatte aber auch seinen Preis. 

 

Der Bund wird den "DigitalPakt Schule" – so das orthografisch eigenwillige Label, das sich von dem nicht weniger eigenwilligen ursprünglichen Wanka-Vorschlag "Digitalpakt#D" absetzt – nämlich allein finanzieren. Fünf Milliarden Euro hat er für die Jahre 2018 bis 2022 in Aussicht gestellt, verteilt werden sollen sie auf die Länder nach dem üblichen Proporz-Maßstab Königsteiner Schlüssel. Bis vor kurzem hatte Wankas Ministerium noch auf eine prozentual spürbare Kofinanzierung gepocht. Immerhin: Im Unterschied zum Bafög-Deal, bei denen der Bund Milliarden in die Länder transferierte, die dann jedoch teilweise wieder von den Landesfinanzministerien einkassiert wurden, versprechen die Länder diesmal, sicherzustellen, "dass die Bundesmittel als zusätzliche Mittel eingesetzt werden". Und etwas später der entscheidende Satz: Das Controlling übernimmt der Bund.

 

Abgesehen von der lange offenen Finanzierungsfrage hatten sich die inhaltlichen Grundzüge der Einigung schon vor einigen Wochen abgezeichnet (siehe hierzu meinen Blogeintrag vom 8. Mai), vor allem dass es eine kontextabhängige Förderung geben soll, die "keinem Standardmodell" folgt, sondern auf die jeweiligen Bedürfnisse vor Ort reagiert. Im Kern verpflichten sich die Länder als Gegenleistung für die Bundesmilliarden, wesentliche Ziele ihrer im vergangenen Dezember verabschiedeten Strategie "Bildung in der digitalen Welt" umzusetzen – und diese Umsetzung auch "im Rahmen ihrer Dokumentationspflicht jährlich" nachzuweisen. Das Eckpunktepapier nennt explizit "die Umsetzung entsprechender pädagogischer Konzepte, die Gestaltung der Lehreraus- und -fortbildung und die Unterstützung der notwendigen Strategieentwicklung bei Schulen und Schulträgern" – und zwar mit ihrem eigenen Geld. Genau das verkaufen die Länder nun auch als ihren finanziellen Beitrag am "DigitalPakt". Eine gewagte Logik, hätten sie doch, ihre eigene KMK-Strategie ernstnehmend, all das auch ohne Pakt in Angriff nehmen müssen. 

 

Und doch steht am Ende der Eckpunkte-Verhandlung genau jener Deal, den Wanka von Anfang an wollte: Der Bund gibt Geld für Technik (laut Eckpunkten für "die Schulhausvernetzung, die WLAN-Ausleuchtung, standortgebundene Endgeräte sowie Server"). Im Gegenzug kann das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) die Länder inhaltlich zu konkreten Maßnahmen verpflichten, ohne ihnen direkt etwas zu oktroyieren: Das BMBF pocht ja nur auf die von den Ländern selbstformulierten Ziele. 

 

So wie Wanka Beweglichkeit bei der Finanzierung zeigte, so gebührt auch den Ländern Lob für ihre Offenheit. Noch im Januar hatten etliche Kultusminister ein Scheitern der Gespräche prophezeit, wenn der Bund nicht in die Dauerfinanzierung der technischen Infrastruktur einsteige. "Einmalüberweisung versus Dauerauftrag", so lautete die Konfliktlinie. Übrig geblieben ist die Formulierung in den Eckpunkten, die Paktmittel sollten effizient eingesetzt werden und nachhaltige Strukturen schaffen". 

 

Und woher wissen die Länder jetzt, dass die Milliarden auch wirklich fließen nach der Bundestagswahl? Sie stünden ja in keinem Haushaltsansatz und auch nicht in der mittelfristigen Finanzplanung, hatten zuletzt sogar die noch mit der Union im Bund koalierenden SPD-Haushälter kritisiert. Wanka hatte gekontert: Könnten sie gar nicht, weil es ja ohne Vereinbarung keinen Beschluss dazu geben könne. Spätestens seit heute kann man sagen: Die Länder können so gut wie sicher sein, dass das Geld kommt. Denn so eindeutig, wie sich in den Ländern Ministerien aller Couleur zu den Eckpunkten bekannt haben, ist kaum vorstellbar, dass eine wie auch immer geartete Bundesregierung nach der Wahl sie wieder einkassiert. Vernommen worden ist in den Ländern auch die Videobotschaft der Bundeskanzlerin vom vergangenen Wochenende, in der Angela Merkel (CDU) mehr Bundesengagement in der Bildung angekündigt und explizit die Digitalisierung als ein Feld genannt hatte.  

 

Ein nicht ganz unwichtiges Detail zum Schluss: Die KMK hat heute ihre Bekenntnis-Pressemitteilung verschickt, aber wo ist das entsprechende Statement des BMBF? Einfache Antwort: Wankas hatte Anwesenheitspflicht beim deutsch-chinesischen Regierungsgipfel, und ihre Staatssekretärin Cornelia-Quennet-Thielen, die eigentlich in Stuttgart dabei sein sollte, war kurzfristig erkrankt. Woraufhin die Länder offenbar einseitig vorpreschten mit der Veröffentlichung der Eckpunkte. Wanka reagiert verschnupft. "Aus gutem Grund" sei das Ergebnis einer Staatssekretärs-Arbeitsgruppe den Ministern vorzulegen. Weil die gemeinsame Erörterung heute aber aufgrund der Abwesenheit beider "Verhandlungsführerinnen" nicht habe stattfinden können, seien die von der KMK vorgestellten Eckpunkte "vorläufig". Weiter sagte Wanka: "Ein Ergebnis liegt erst vor, wenn der Bund solche Eckpunkte gemeinsam mit den Länderministerinnen und -ministern erörtert und beschlossen hat." 

 

Wollten da ein paar Landesminister ihre Bundeskollegin nochmal vorführen gut drei Monate vor der Bundestagswahl? Besteht deshalb jetzt Grund zur Sorge, dass Wanka zur Strafe doch nochmal grundsätzlich rangeht an die Eckpunkte? Nicht wirklich. Der Pakt gehe ja auf ihren Vorschlag zurück, betont die Ministerin. "Er ist für unsere Schulen sehr wichtig. Deshalb will ich ihn zu einem Erfolg machen." 


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Mission: Fachhochschule

Heute wird die lang erwartete Abbrecherstudie veröffentlicht. Ihre Ergebnisse sind eine Warnung an die Politik – die zweite innerhalb weniger Tage.

Foto: Wegweiser auf dem Campus der FH Kiel (JMW)
Foto: Wegweiser auf dem Campus der FH Kiel (JMW)

"WANN WIRD DIE STUDIE veröffentlicht?“, fragte ich Anfang Dezember und zitierte in meinem Artikel durchgesickerte Zahlen des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW), denen zufolge die Abbrecherquoten an Fachhochschulen stark angestiegen waren. Damals lautete die fast wortgleiche Antwort von DZHW und seinem Auftraggeber, dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF): Wenn die Studie fertig ist.

 

Sechs Monate und eine parlamentarische Anfrage der Grünen später ist es soweit: Heute geben BMBF und DZHW die Ergebnisse von „Studienerfolg und Studienabbruch“ auf einer Pressekonferenz bekannt. Die Zahlen dürften dieselben geblieben sein wie vor einem halben Jahr: 27 Prozent der FH-Anfängerjahrgangs beenden ihr Studium vorzeitig. Das DZHW hat in der aktuellen Studie den Studienanfängerjahrgang 2010/2011 ausgewertet. Bei derselben Erhebung vier Jahre vorher hatten nur 19 Prozent der Fachhochschulstudenten ihr Bachelorstudium abgebrochen.

Natürlich wird es bei dem Termin heute mit Ministerin Johanna Wanka (CDU) und dem DZHW-Studienleiter Ulrich Heublein um viel mehr gehen: um die Abbrecherquoten von Fachhochschulen und Universitäten im Vergleich, wobei die Universitäten einen Rückgang um drei Prozentpunkte auf 32 Prozent bei den Bachelorstudenten zu verzeichnen haben, um den Einfluss von Fächerkulturen, persönlichen Beweggründen und Lebenssituationen auf die vermutlich grundlegendste Lebensentscheidung, die die meisten jungen Menschen bis dahin getroffen haben. In einer von der Stiftung Mercator geförderten Zusatzstudie wiederum haben die Forscher die Motive von Studienabbrechern aus Migrantenfamilien untersucht.

 

Was aber vor allem hängen bleiben dürfte, ist dies: Die Fachhochschulen haben ein Qualitätsproblem. Und das, wie sich erst vor ein paar Tagen erneut herausgestellt hat, in gleich mehrfacher Hinsicht. Am Dienstag nämlich veröffentlichten BMBF und DZHW eine weitere Studie. Staatliche Fachhochschulen, ermittelten die DZHW-Forscher, haben teilweise enorme Probleme, ihre Professsorenstellen zu besetzen. Besonders im Südwesten der Republik, besonders in ländlichen Regionen und ganz speziell in einigen Fächern. In den Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften endeten zuletzt 40 Prozent der Verfahren nach der ersten Ausschreibungsrunde mangels geeigneter Kandidaten ohne Berufung, in den Ingenieurwissenschaften sogar fast die Hälfte. Übrigens sind die Ingenieurwissenschaften auch eine der FH-Fächergruppen mit hoher und steigender Abbrecherquote: Innerhalb von vier Jahren kletterte sie von 30 auf 33 Prozent. Noch schlimmer ist die Situation in der Informatik, wo die Quote von 27 auf 41 Prozent hochschnellte.

 

Ein Zufall? Sicher nicht. Schließlich arbeiten sich beide DZHW-Studien am selben Phänomen ab: In den vergangenen zehn Jahren sind die Fachhochschulen dramatisch gewachsen, von 109.000 Studienanfängern im Studienjahr 2005 auf gut 200.000 2016. Auch das kein Zufall: Jahrzehntelang lautete das politische Ziel, die Studentenströme von den Universitäten Richtung Fachhochschulen umzulenken. Was gelang: Der FH-Anteil an den Erstsemestern stieg zwischen 2005 von gut 30 auf knapp 40 Prozent.

 

Doppelt so viele Studenten an den FHs, aber kaum mehr Professoren: Wundert sich da jemand über den Anstieg bei den Abbrecherquoten? Im Gegenteil: Eigentlich kann man sich darüber wundern, wie wenig stark sie sich erhöht haben.

 

Gefragt ist nun die Politik, und das weiß sie. Der Bund wolle die Fachhochschulen bei ihrer Personalgewinnung unterstützen, sagt Bundesbildungsministerin Wanka und verweist auf Empfehlungen des Wissenschaftsrats.  „Ausgehend davon prüfen wir gerade mit den Ländern, wo es einen gemeinsamen Handlungsbedarf gibt und inwiefern ein Bund-Länder-Programm den Fachhochschulen helfen kann.“

 

Sol heißen: Bund und Länder haben sich darauf geeinigt, dass eine Staatssekretärsarbeitsgruppe die Verhandlungen vorbereiten soll. Zu spät, zu unkonkret, kritisierten Fachhochschulrektoren und Oppositionspolitiker schon, als Wanka das FH-Programm erstmals im Februar ankündigte. Das mangelnde Tempo stehe im „krassen Kontrast zur Dynamik bei der Neujustierung des Exzellenzwettbewerbs“, befand etwa der grüne Bildungsexperte Kai Gehring. „Der Eindruck der Fachhochschulen, bei dieser Koalition allenfalls die zweite Geige zu spielen, ist nicht von der Hand zu weisen.“

 

Was stimmt: Bund und Länder haben selten so viel Enthusiasmus im Gleichklang offenbart wie bei der Ausgestaltung der großen Bund-Länder-Programme für die Universitäten: bei der Neuformulierung der Exzellenzstrategie ebenso wie bei der Einführung eines milliardenschweren Tenure-Track-Programms. Selbst bei der deutlich kleineren, auf Wissens- und Technologietransfer ausgerichteten Förderinitiative „Innovative Hochschule“ sind die Universitäten gleichermaßen antragsberechtigt, so dass die Fachhochschulen bereits über das Missverhältnis zwischen der hohen Zahl von Förderanträgen und den zur Verfügung stehenden wenigen Fördermitteln klagten.

 

So könnten sich die gestiegenen FH-Abbrecherquoten als heilsamer Schock erweisen. Zwar hat das BMBF wichtige Maßnahmen längst ergriffen und zum Beispiel zur Förderung von Studienerfolg und zur Verminderung des Studienabbruchs eine eigene Projekt-Förderlinie eingerichtet. Allerdings sollte spätestens nach dem Studiendoppelschlag dieser Woche klar sein: So wichtig es ist, sich die persönliche Motivlage der Studienabbrecher anzuschauen – auf sie einzugehen, wird nur dort gelingen, wo genügend qualifizierte Hochschullehrer da sind. Gerade in Fächern wie den Ingenieurwissenschaften oder der Informatik, wo die Gehälter in der Wirtschaft teilweise um ein Mehrfaches über denen von Fachhochschulprofessoren liegen. Es geht also um neue Karrierewege, um neue Anreizstrukturen. Vor allem aber geht es, so langweilig das sein mag, auch um mehr Geld für die Fachhochschulen.

 

Lieber Bund, vor allem aber auch liebe Länder, eine einfache Gleichung zum Schluss: Wer will, dass 40 und mehr Prozent der Studenten auf Fachhochschulen gehen, sollte ihnen auch mindestens 40 Prozent seiner Aufmerksamkeit schenken.


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NACHTRAG AM 01. JUNI ABENDS: 
Die Studie kann auf der Website des DZHW komplett heruntergeladen werden. Eine aktuelle Berichterstattung, auch zu den heutigen Reaktionen, findet sich unter anderem bei Spiegel Online. Fast schon bedrückend sind die Ergebnisse der von der Stiftung Mercator finanzierten Zusatzstudie, denen zufolge die Abbrecherquote unter Migranten 14 Prozentpunkte über dem Schnitt aller Studenten liegt – bei 43 Prozent, zumeist aufgrund von "Leistungsproblemen", wozu auch der Umgang mit Deutsch als Wissenschaftssprache zählt. Besonders viele Migranten geben allerdings auch an, aus finanziellen Gründen die Hochschulen verlassen zu müssen. Spannend ist schließlich der Spin, den BMBF und DZHW heute ihrer Meldung zu den gestiegenen Abbrecherquoten gegeben haben. Überschrift: "Studienabbrecher beginnen häufig eine Berufsausbildung".

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Total bedeutend, machen wir dann später irgendwann

Exzellenzstrategie, Innovative Hochschule, Nachwuchspakt sind durch, die Legislaturperiode auch. Was fehlt? Stimmt, Chancengerechtigkeit in der Wissenschaft. Die sei ihnen natürlich immens wichtig, beteuern die Regierungsfraktionen – und schreiben Positionspapiere.

Foto: Daniel Lozano Valdes
Foto: Daniel Lozano Valdes

DIE UNIONSFRAKTION IM BUNDESTAG hat auf der Zielgeraden der Legislaturperiode ein Positionspapier zur „Chancengerechtigkeit im Wissenschaftssystem“ verabschiedet. Die wichtigere Nachricht ist allerdings, was CDU/CSU und ihr Koalitionspartner SPD nicht hinbekommen haben: einen gemeinsamen Regierungsantrag in Sachen Gleichstellung.

 

Lange Zeit hatte es so ausgesehen, als könnte das klappen – aber dann, so stellt es die SPD-Abgeordnete Marianne Schieder da, habe die Union einen Rückzieher gemacht. „Das ist doch irgendwie peinlich“, sagt Schieder. „Wir sind die Regierungsfraktionen, und alles, was wir zu dem Thema zustande bringen, sind Positionspapiere.“

 

Ein Positionspapier der SPD-Fraktion, Arbeitstitel: „Chancengleichheit als Grundlage eines gerechten und zukunftsfähigen Wissenschaftssystems“ soll jetzt auch noch vor der Sommerpause kommen.

 

Claudia Lücking-Michel ist die für Frauen in Wissenschaft und Forschung zuständige Fraktionsberichterstatterin der Unionsfraktion. Sie weiß nicht so recht, ob sie sich jetzt demonstrativ über das von ihr koordinierte Papier freuen soll – oder ob sie ihre Enttäuschung eingesteht. Sie entscheidet sich für einen Mittelweg. „Chancengerechtigkeit ist bei keiner Bundestagsfraktion das Topthema gewesen, bei der SPD nicht, und bei uns leider auch nicht.“ Umso wichtiger sei es, dass die Fraktion sich jetzt über das Positionspapier nochmal positioniert habe, „ein wichtiges Papier“ sei das, das auch als Ideensammlung dienen könne für einen möglichen künftigen Koalitionsvertrag nach der Bundestagswahl.

 

Ziemlich viele Konjunktive in einem Satz. Fest steht: Drei Jahre lang haben sie in der Wissenschaftspolitik über die Zukunft der Exzellenzstrategie diskutiert, über Innovation und Technologietransfer, sie haben das Programm „Innovative Hochschule“ auf den Weg gebracht und die Tenure-Track-Milliarde. Und immer, sagt Lücking-Michel, wenn sie und ihre Mitstreiterinnen in den Regierungsfraktionen auf das Thema Chancengerechtigkeit zu sprechen kamen, wenn sie forderten, kein Bund-Länder-Programm mehr ohne Vorgaben und Indikatoren zur Gleichstellung beschließen zu lassen, habe es geheißen: „Damit beschäftigen wir uns später.“ Ja, sagt sie: „Am Ende rannte uns die Zeit davon. Für die Zukunft habe ich dazugelernt."

Die Opposition aus Linken und Grünen kritisiert jetzt natürlich die Zögerlichkeit der Regierungsfraktionen und besonders der Union. Der grüne Wissenschaftsexperte Kai Gehring sagt, als „einzige Bundestagsfraktion“ habe seine Partei kontinuierlich mit Fragen, Kleinen Anfragen und Anträgen am Thema gearbeitet. Die Bilanz der Regierung in Sachen Gleichstellung sei „erschütternd“, trotz aller Versprechungen im letzten Koalitionsvertrag.

 

Wahr ist aber auch: Mit ihren eigenen programmatischen Anträgen kamen auch die Oppositionsfraktionen erst im letzten Viertel der Legislaturperiode: die Linke im vergangenen Herbst, die Grünen im März.

 

Gleichstellung scheint unter vielen Wissenschaftspolitikern und Hochschulmanagern immer noch als weiches Thema zu gelten. Ein Thema, das man in Reden für unabdingbar wichtig erklärt, im Alltag jedoch in der Prioritätenliste ungestraft nach hinten schieben darf. Als seien Gleichstellung und Diversity vor allem Fragen von Anstand und Fairness. Welch ein Irrtum: Wer sich und sein Fach für exzellent hält, sich dann aber umblickt und zu 80 Prozent weiße Männer sieht, dem sollte klar sein, dass es mit der Exzellenz im weltweiten Maßstab nicht so weit her sein kann. „Exzellenz und Gleichstellung ist ein Wortpaar, das enger kaum sein könnte“, sagt Marianne Schieder. Ein Satz, den Claudia Michel-Lücking genauso sagen würde.

 

Das Problem ist: Warum sagen und meinen ihn außerhalb der Gruppe der Gleichstellungsbeauftragten und Fachpolitikerinnen so wenige? Und warum kann der Grüne Kai Gehring fast schon genussvoll die Regierung wie folgt kritisieren: „Nichts ist geworden aus der Ansage, bei Vereinbarungen über neue Förderinstrumente für die Wissenschaft künftig verstärkt die Einhaltung von Gleichstellungsstandards zu verankern. Ob Nachjustieren im Pakt für Forschung und Innovation, eine Aufwertung in der neuen Exzellenzstrategie oder eine besondere Berücksichtigung von Wissenschaftlerinnen im Tenure-Track-Programm: „Überall Fehlanzeige.“

 

Dabei stößt das von der Arbeitsgruppe Bildung und Forschung ausgearbeitete Unions-Positionspapier inhaltlich durchaus auf Zustimmung. Vor allem die Ansage, in künftigen Bund-Länder-Programmen die Präsentation stimmiger Konzepte zur Personalentwicklung und zur Chancengleichheit zum verpflichtenden Voraussetzung machen. „Das wäre ein super Fortschritt“, sagt dazu Caren Kunze von der Bundeskonferenz der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten an Hochschulen (BuKoF). „Wobei es natürlich nicht damit getan ist, Gleichstellung in Form von Personalkonzepten zu denken.“ So fehle im Unionspapier die grundsätzliche Reflexion über die immer noch größtenteils männlich dominierten Fächerkulturen und –strukturen. 

 

Jule Specht von der Jungen Akademie sagt, zwar kämen die enthaltenen Vorschläge „leider sehr zurückhaltend“ daher, aber einige der Ideen seien wichtig und „prinzipiell sinnvoll“, etwa die Einführung eines Indikators, um den Anteil von beschäftigten Eltern in den einzelnen Hochschulen und Forschungseinrichtungen sichtbar zu machen. Oder auch die Konzepte einer „Lebensphasenarbeitszeit“, die es laut Papier „Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern erlauben, ihre Arbeitszeit flexibler und autonomer an die Bedürfnisse ihrer jeweiligen Lebensphase anzupassen“.

 

Eine andere angedachte Maßnahme lehnt Specht dagegen als kontraproduktiv ab. Das seit 2008 laufende Professorinnenprogramm, dessen Verlängerung Bund und Länder bereits beschlossen haben, müsse „modellhaft auch für die Qualifikationsstufen neben und vor der Professur geöffnet werden“, heißt es im CDU-/CSU-Papier, etwa mit Stellen für Postdoktorandinnen oder für Leiterinnen von Nachwuchsgruppen. „Davon würde ich abraten“, sagt Specht. Für Postdoc-Stellen gebe es bereits viele Förderformate, ihre Erweiterung sei nicht notwendig „oder sogar kontraproduktiv“, da so neue prekäre Existenzen gefördert würden, anstatt die Gelder in mehr Tenure-Track-Professuren zu investieren.

 

Die Öffnung des Professorinnenprogramms für Stellen „vor der Professur“ ist übrigens auch im Entwurf des SPD-Positionspapiers enthalten, ebenso die Lebensphasenarbeitszeit – kein Zufall, haben doch Union und Sozialdemokraten zunächst gemeinsam über einen Antrag beraten, der dann – siehe oben – am Ende scheiterte. Entsprechend einhellig verteidigen Claudia Lücking-Michel von der CDU und Marianne Schieder von der SPD die Ausweitung. „Die Leaky Pipeline beginnt nun einmal schon weit vor der Professur“, sagt Schieder, und Lücking-Michel meint: „Wir wissen aus der Wissenschaftsforschung, dass vor der Berufung auf eine Professur die meisten Frauen bereits der Wissenschaft den Rücken gekehrt haben.“

 

Wo SPD und Union auseinandergehen in ihren offiziellen Positionen: Die Sozialdemokraten fordern im unveröffentlichten Entwurf ihres Papiers eine Quote „jeden Geschlechts“ von mindestens 40 Prozent auf Entscheidungsebene und in Evaluationsebene von Forschungseinrichtungen, bei der Union heißt es lediglich, die „Steigerung der Beteiligung von Frauen im Wissenschaftssystem“ müsse „größere Dynamik“ erhalten.

 

Ein echtes Alleinstellungsmerkmal haben die Sozialdemokraten mit ihrem Versprechen, bei der Einrichtung eines Rates für Gleichstellung in der Wissenschaft helfen zu wollen. Ein Gremium, das eine unabhängige und übergreifende Stimme für mehr Chancengleichheit sein könnte. Im SPD-Papier fehlt auch nicht der Hinweis, dass die Vizepräsidentin der Hochschulrektorenkonferenz, Ulrike Beisiegel, bereits öffentlich angekündigt hatte, sich für einen solchen Rat einzusetzen.

 

Schließlich gehört zu den von den Sozialdemokraten aufgeführten Positionen „ein klares Bekenntnis zur Geschlechterforschung“ und die Forderung, die Förderlinie „Frauen an die Spitze“ neu aufzulegen, das Forschungsprojekte mit Genderbezug in unterschiedlichen Fachgebieten finanziert hatte.

 

Die Grünen waren in ihrem parlamentarischen Antrag in Sachen Geschlechterforschung noch viel weitergegangen und hatten unter anderem einen eigenen Förderschwerpunkt Frauen- und Geschlechterforschung, ein Nachwuchsprogramm für Genderforscher und mehr Beachtung in der Ressortforschung des Bundes gefordert – übrigens überraschenderweise nicht zur uneingeschränkten Freude der BuKoF. Die Förderung von Gleichstellung und Geschlechterforschung in einen Antrag zusammenzupacken, sei „zumindest missverständlich“, sagt bukof-Geschäftsführerin Caren Kunze, weil man so möglicherweise die breit aufgestellte Geschlechterforschung auf das Monitoring des Fortschritts in Sachen Gleichstellung verenge.

 

Die Grünen stellen in ihrem Antrag zahlreiche weitere Forderungen an die Bundesregierung, darunter ebenfalls eine Quote von 40 Prozent „auf allen Ebenen und in allen Fachbereichen“, ebenfalls eine möglich Erweiterung des Professorinnenprogramms auf Nachwuchswissenschaftlerinnen und in Zusammenarbeit mit den Ländern eine strukturelle Reform der MINT-Studiengänge, damit die attraktiver für Frauen werden.

 

Die Linke wiederum hatte in ihrem Antrag das Thema Geschlechterforschung ausgespart, dafür aber ihrerseits insgesamt nicht weniger als 22 Maßnahmen zur Förderung der Gleichstellung aufgelistet, darunter auch die 40 Prozent-Quote, eine nochmalige Reform des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes, eine „Entfristungsoffensive“ und ganz allgemein ein Umsteuern der Bundesgelder von der Programm- in die Grundfinanzierung der Hochschulen. Das sei ein reines „Wünsch-dir-was“, kritisieren Lücking-Michel und Schieder wieder im Einklang.

 

Am Ende aber, sagt Kunze von der BuKoF, bleibe die entscheidende Schwäche aller Positionspapiere und Anträge, dass sie überhaupt einzeln existierten, dass die Fraktionen sich eben nicht auf einen übergreifenden Antrag hätten verständigen können. „So groß sind die Unterschiede ja nun auch wieder nicht.“ Getrennt und so spät in der Legislaturperiode sendeten sie zwar ein Signal, aber es bleibe ein zu schwaches Signal.


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Böttinger bleibt, bekommt aber einen Nobelpreisträger an die Seite gestellt

Der BIH-Vorsitzende will seinen Vertrag "weiter erfüllen". Gleichzeitig setzen Bund und Land Expertengruppe zur Zukunft des Instituts ein.

Foto: Screenshot von der BIH-Website
Foto: Screenshot von der BIH-Website

ERWIN BÖTTINGER WILL am Berliner Institut für Gesundheitsforschung (BIH) bleiben – vorerst zumindest. Nach dem Hin und Her um sein Berufungsverfahren an der Universität Potsdam hat der Mediziner vergangene Woche dem BIH-Aufsichtsrat gegenüber erklärt, seinen laufenden Arbeitsvertrag weiter erfüllen zu wollen. Die weitaus wichtigere Nachricht: Gleichzeitig entschieden Bund und Land Berlin, eine dreiköpfige Expertengruppe zur Zukunft des Instituts einzusetzen.

 

Der BIH-Aufsichtsratsvorsitzende Georg Schütte, Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), berichtete beide Neuigkeiten heute per Mail an alle Mitglieder des Aufsichtsrats. Man sehe die Umsetzung der Institutsstrategie auf gutem Weg, dieses Momentum gelte es jedoch zu erhalten. Die Einsetzung der Expertengruppe habe er gemeinsam mit mit seinem Berliner Kollegen, Wissenschaftsstaatssekretär Steffen Krach, entschieden – in "Abstimmung mit dem Personalausschuss des Aufsichtsrats". Weniger diplomatisch formuliert: Die Politik hat die Faxen am BIH sowie rund um Böttinger langsam dicke.

 

Die Expertengruppe, zu der auch der Nobelpreisträger Thomas Südhof gehört, soll "in den kommenden Wochen die Fortschritte bei der Umsetzung der BIG Strategie 2026" bewerten. So der offizielle Auftrag. Tatsächlich werden die Wissenschaftler, die sich aus Mitgliedern des Aufsichtsrates und des Wissenschaftlichen Beirates rekrutieren, wohl viel grundsätzlicher zu Werke gehen. Die anhaltende Sinnkrise des von Bund und Land gemeinsam getragenen Forschungsinstituts "neuen Typs" beschäftigt Wissenschaft und Politik seit längerem. Die Querelen der vergangenen Wochen um Böttingers Zukunft und die Debatten um ein so genanntes Doppelpackverfahren sind, da waren sich auch die meisten Aufsichtsratsmitglieder einig, lediglich Symptome eines viel grundsätzlicheren Problems. Doch scheinen erst die jüngsten Ereignisse für die Politik Anlass genug zu sein, die Flucht nach vorn zu ergreifen. Eine gute, eine überfällige Entscheidung.

 

Ob Böttinger auf Dauer eine Zukunft am BIH hat, ist mit der heutigen Mitteilung keineswegs ausgemacht, im Gegenteil: Erstens ist das Berufungsverfahren in Potsdam noch nicht abgeschlossen, offenbar schielt Böttinger weiter in Richtung Potsdam. Sein Pochen auf dem BIH-Vertrag wäre insofern eher unter taktischem Spielchen einzuordnen. In seiner Mail an den Aufsichtsrat jedenfalls spricht BMBF-Staatssekretär Schütte von einem "schwebenden Verfahren".

 

Zweitens wird sich erst in den kommenden Wochen und Monaten zeigen, ob und wie der entstandene Vertrauensschaden zwischen Böttinger und der Politik zu reparieren sein wird. Der weiter anhaltende Schwebezustand jedenfalls hilft in der aktuellen BIH-Krise nicht weiter. Die heutige Einsetzung der – so Schütte – "international ausgewiesenen" Experten kann insofern getrost als Ansage an Böttinger und als Zwischenschritt vor einem weiterführenden BIH-Umbaus betrachtet werden. Schließlich, so heißt es bereits in der Mail, sollen sie auch "die internationale Ausstrahlung" des BIH "eng begleiten und bewerten."

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Neue Ordnung für die Bildungsanarchie?

Die Politik wollte Vielfalt in der Hochschullandschaft. Die hat sie bekommen. Jetzt sind Wissenschaftler und Hochschulmanager auf der Suche nach dem systematischen Überbau. Ein Gastbeitrag von Christine Prußky.

Foto: Edwin Andrade
Foto: Edwin Andrade

DAS HAT ES noch nicht gegeben: Sechs Berliner Fachhochschulen treten gemeinsam in einem bundesweiten Wettbewerb an. 15 Millionen Euro fließen in die Hauptstadt, wenn der Berliner Verbundantrag die Gutachter der Bund-Länder-Förderinitiative „Innovative Hochschule“ überzeugt. Die Entscheidung fällt zwar erst in ein paar Wochen, doch die Stadt darf sich schon jetzt als Gewinner sehen.

 

Allein die Antragsarbeit hat die Hochschulen einander näher gebracht, sie haben gemeinsame Ziele identifiziert und ein Wir-Gefühl erfahren: „Wir“,  sagt Bettina Völter, Prorektorin an der Alice-Salomon-Hochschule Berlin, „engagieren uns für die Lösung von zentralen Fragen der wachsenden Metropole Berlin“.

 

Das klingt nebulöser als es ist. Ein gemeinsames Gründungszentrum ist geplant, und über die gesamte Stadt verteilt sollen Anlaufstellen für den Wissensaustausch entstehen. Orte also, an denen sich Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Wissenschaft finden können. Wo es Raum und Zeit für sie gibt, am Beispiel Berlin die Bedürfnisse wachsenden Städten auszumachen und so wissenschaftlich fundiert wie praxisnah zu beantworten. Das also ist der Plan. Und seine bloße Existenz scheint den sechs Hochschulen einen Swing zu geben, den sie ohne ihn eben nicht hätten.

 

Am Berliner Verbundantrag und seinen Folgen für die Beziehungen der Hochschulen untereinander lässt sich sehen: Wettbewerbliche Förderverfahren setzen Energien frei, mobilisieren neue Kräfte. Sie schaffen Kooperationen, Bündnisse – und treiben unwillkürlich eine Entwicklung voran, die die internationale Hochschulforschung schon als „Phase der Anarchie“ klassifiziert.

 

Philip G. Altbach vom Center for International Higher Education des Boston College untersuchte unlängst im Auftrag der Körber-Stiftung, wie sich der weltweite Studierendenboom und die steigenden gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Erwartungen auf die jeweiligen Hochschulsysteme auswirken. Um die massive Nachfrage nach akademischer Bildung zu decken und unterschiedlichsten Ansprüchen gerecht zu werden, hätte sich weltweit ein „breites Spektrum“ an akademischen Bildungseinrichtungen gebildet. Diese würden sich nicht nur in ihren Angeboten und Profilen unterscheiden, sondern auch in ihrer Qualität und in ihrem Nutzwert, heißt es weiter in der Studie, die am Ende in einem klaren Plädoyer mündet, nämlich: Ordnung und Struktur in die aktuelle Bildungsanarchie zu bringen.

 

Wie aber soll das wann genau geschehen und wer ist hier eigentlich in welchem Umfang zum Handeln aufgefordert? Überlegungen dazu stellten Wissenschaftler und Hochschulmanager gemeinsam mit Vertretern aus Forschungsorganisationen und der Wissenschaftspolitik vergangene Woche bei einer Tagung in Wien an. Organisiert worden war der Austausch von den Wissenschaftsräten in Deutschland und Österreich, wo die Fragen zur Differenzierung der Hochschulsysteme nicht weniger virulent sind wie in anderen Teilen der Welt.

 

Denn natürlich sollen die Hochschulen in Deutschland forschen, den wissenschaftlichen Nachwuchs fördern, Studierende zu Persönlichkeiten ausbilden und deren Berufsfähigkeit garantieren. Auf der akademischen to-do-Liste stehen daneben die Weiterbildung, die Akademisierung von Berufen, der Wissens- und Technologietransfer. Hochschulen sollen in ihren jeweiligen Regionen also   Innovationsinkubatoren und damit genau das sein, worauf die sechs Berliner Hochschulen mit ihrem Antrag zielen. Und so unterstützte Berlins Regierender Bürgermeister und Wissenschaftssenator Michael Müller den Antrag finanziell und lobt ihn öffentlich als „hervorragendes Beispiel“ für die „in Berlin stark ausgeprägte Kooperationskultur“.

 

Die vielfältigen Ansprüche von Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft an Hochschulen sind für sich genommen „vernünftig“, sagt die Vorsitzende des Wissenschaftsrates Martina Brockmeier, „und doch in der Summe geeignet, die einzelne Institution zu überfordern.“ Das so beschriebene Dilemma ist nicht neu. 2010 suchte der Wissenschaftsrat bereits nach Lösungswegen und entwarf mit seinem Plädoyer für eine „funktionale Differenzierung“ des Hochschulsystems ein Modell, das heute  als Königsweg in Deutschland gilt. Hinter dem etwas sperrigen Schlagwort steckt die ganz pragmatische Denke der Arbeitsteilung. Hochschulen spezialisieren sich thematisch und in ihren Leistungen, um so in der Summe den Anforderungen gerecht zu werden.

 

Den Prozess mit einem „Masterplan für das Hochschulsystem“ steuern zu wollen, hält der Wissenschaftsrat für keine gute Idee. Dennoch, machte Brockmeier in Wien deutlich, sind Politik und Hochschulen gleichermaßen gefordert. Während die Hochschulen als Impulsgeber und Akteure im Bildungssystem neue akademische Angebote und Organisationsmodelle initiieren und ausprobieren müssten, sollte die Politik die Entwicklung neuer Hochschultypen und die Lockerung des „Typenzwangs“ zulassen und fördern.

Dabei denkt der Wissenschaftsrat explizit nicht nur an finanzielle Anreize wie sie im Exzellenz-Wettbewerb für Universitäten, im Qualitätspakt Lehre oder zuletzt auch dem Förderprogramm „Innovative Hochschule“ speziell für die Fachhochschulen und kleinere Universitäten gesetzt werden. Es geht auch um die dauerhafte Finanzierung von Kooperationen oder Fusionsmodellen wie die Deutschen Zentren für Gesundheitsforschung oder auch dem KIT, das aus der Universität Karlsruhe und dem Forschungszentrum Karlsruhe entstand.

 

Dass dabei mit erheblichen Reibungsverlusten zu rechnen ist, lässt sich aktuell am Berlin Institute of Health sehen. Gemeinsam von der Charité und dem Berliner Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in Jahr 2013 gegründet ging das BIH mit klarem Exzellenzanspruch in der Forschung an den Start. Nach einer kosten- und nervenaufreibenden Anfangsphase glitt das BIH nun in einen Richtungsstreit mit veritabler Führungskrise, die nicht nur am BIH genauso ausgehalten und ausgetragen werden muss. Sie wirkt auch auf Charite und MDC.

 

Denn mag der Wissenschaftsrat die Differenzierung im Wissenschafts- und Hochschulsystem noch so sehr als einen Prozess skizzieren,  bei dem die Wissenschaft ausgehend von den Bedürfnissen der Wissensgesellschaft passende Organisationsformate findet, um eben diese adäquat zu erfüllen. Der institutionelle Wettstreit um Wertschätzung, Anerkennung und Reputation lässt sich nicht ausblenden.

 

Überbietungslogiken bestimmen also den Takt bei der Differenzierung. Von einem „akademischen Kapitalismus“ spricht die Vizepräsidentin der Deutschen Forschungsgemeinschaft Julika Griem. Die marktwirtschaftliche Dynamik sei längst Fakt, erklärte die Literaturwissenschaftlerin von der Goethe-Universität Frankfurt/Main während der Tagung in Wien und: „Wir müssen uns fragen, wie wir den akademischen Kapitalismus systemisch gestalten wollen.“

 

Zu Griems Befund passt die Analyse des Vorsitzenden der Österreichischen Wissenschaftsakademie Antonio Loprieno. Der ehemalige Rektor der Universität Basel gehört zu den Herausgebern des Buches „Die entzauberte Universität“  und sieht mit der Profilbildung einen grundlegenden Wandel markiert, bei dem die Universität von einer Wertegemeinschaft in viele Hochschulen im institutionellen Wettbewerb zersplittert.

 

Das muss nicht automatisch schlecht sein. Ein nach außen gerichtetes Profil kann auch nach Innen Identität stiften und akademische Werte bewahren. Davon zumindest ist Sascha Spoun überzeugt. Als Rektor der Leuphana hat er in Lüneburg den Erfindungs- und Selbstfindungsprozess einer ganzen Universität schon einmal komplett durchexerziert. Die Leuphana hat sich im Bildungsmarkt nach außen positioniert und nach innen ihr Leitbild gefunden. Humanistisch, nachhaltig, handlungsorientiert – das ist die Mission, mit der die Leuphana in den Wettbewerb geht. Und es ist der Kitt, der Forschende und Lernende in Lüneburg zusammenhält.

 

Wie genau am Ende das  Band aussieht, das sie Berliner Fachhochschulen mit ihrem Verbundantrag knüpften, wird sich zeigen. Auch seine Tragfähigkeit ist noch nicht ausgemacht. Feststeht allerdings, dass im Programm „Innovative Hochschule“ von den bundesweit insgesamt 118 Anträgen und Initiativen nur etwa 20 Prozent gefördert werden können. Dann sind die Programmmittel erschöpft. Differenzierung braucht Geld.  

 

Christine Prußky ist Journalistin für Hochschule und Wissenschaft in Berlin. Eine gekürzte Fassung dieses Beitrags erschien zuerst im Tagesspiegel. 

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"Eltern, die in ihrer Freizeit Klassenräume sanieren sollen, interessieren sich nicht für die Feinheiten des Föderalismus"

Beim Auftritt in einer Schule jonglierte SPD-Kanzlerkandidat Schulz mit den Milliarden. Im Interview erklärt er, welche Summe er wie gemeint hat, er redet über Kitas, Ganztag und G9. Und er sagt, warum er nicht wegen vermeintlicher NATO-Verpflichtungen weniger in Bildung investieren wird.

Foto: www.spd.de
Foto: www.spd.de

ES IST NUR ein Augenblick, doch Martin Schulz lässt sich hinreißen. Am Donnerstag vorgegangener Woche besucht er eine Schule in Berlin-Neukölln, um seine Bildungspolitik zu erklären. Da fordert ihn ein Lehrer heraus: Der Kanzlerkandidat solle mal konkret sagen, was für ihn ein ausreichend finanziertes Bildungssystem sei, und Schulz antwortet: Skandinavisches Niveau, das müsse das Ziel sein.

Das Problem: Skandinavisches Niveau heißt geschätzte 75 Milliarden Euro zusätzliche

Bildungsausgaben – pro Jahr. Wie soll das gehen? Im Interview für meinen Blog nimmt Schulz zwar den gewagten Betrag nicht mehr in den Mund, aber er sagt: "Wir müssen uns hohe Ziele setzen."

So viel, wie Schulz seit Monaten von Bildung redet, hat er eines immerhin erreicht: Plötzlich kündigt auch CDU-Kanzlerin Angela Merkel in ihrem Video-Podcast am Wochenende "mehr Bundesengagement in der Bildung" an – inklusive einer neuen Initiative für Ganztagsschulen.  



Herr Schulz, Sie wollen, dass Deutschland in Sachen Bildungsfinanzierung zum Niveau skandinavischer Länder aufschließt. Klingt gut. Konkret hieße das aber, dass die Bildungsausgaben im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung um 2,4 Prozentpunkte steigen müssten. Das entspricht rund 75 Milliarden Euro – pro Jahr. Meinen Sie das ernst?

Ich will, dass das deutsche Bildungssystem das stärkste weltweit wird. Ihre Zahl illustriert doch, vor welcher enormen Aufgabe wir stehen. Wenn wir unsere Defizite - wie sozial ungerechte Bildungschancen, zu starke Orientierung an einer schnellen Verwertung von Bildung und nicht zuletzt die im internationalen Vergleich oft nur mittelmäßigen Leistungen - überwinden wollen, dann müssen wir zwei Dinge tun: viel Geld in die Hand nehmen und als Bund mit den Ländern und Kommunen an einem Strang ziehen. Deshalb habe ich eine nationale Bildungsallianz vorgeschlagen. Dafür muss aber das Kooperationsverbot im Grundgesetz endlich vollständig fallen.

 

Über das Kooperationsverbot sprechen wir gleich noch. Nochmal konkret nachgefragt: 75 Milliarden zusätzlich pro Jahr, wo wollen Sie die bitte hernehmen?

 

Ich habe ja bei der Diskussion in einer Berliner Schule neulich darauf hingewiesen, dass wir 30 Milliarden Euro zusätzlich pro Jahr bräuchten, um auch nur auf den OECD-Durchschnitt zu kommen. Wir müssen uns also hohe Ziele setzen. Und wir werden das natürlich nicht von jetzt auf gleich schaffen. Aber der Bund muss endlich massiv in Bildung investieren. Wann wieviel zu schaffen ist und über die Aufteilung der Kosten zwischen Bund, Ländern und Kommunen wird sicher noch zu reden sein. Wir alle machen uns aber doch lächerlich, wenn wir die Bildung zum höchsten Gut erklären und dann in Zeiten einer florierenden Wirtschaft nicht bereit sind, da auch entsprechend zu investieren. Natürlich werden Länder und Kommunen ebenfalls einen angemessenen Beitrag einbringen müssen, denn sie sind und bleiben zuständig für Bildung. Daran will ich nichts ändern. Aber der Bund muss endlich auch helfen dürfen, wo es sinnvoll ist.

 

Sie sagen, Sie wollen die Haushaltsschüsse für Bildung einsetzen. Doch das Geld, sagen Verteidigungsexperten, werden Sie dringend brauchen, um Deutschlands NATO-Verpflichtungen zu erfüllen. Oder sind Sie der Meinung sind, dass Deutschland nicht verpflichtet ist, die Militärausgaben in den nächsten drei, vier Jahren substanziell zu erhöhen? Dann sagen Sie das bitte konkret.

 

Deutschland ist ein verlässlicher und starker Partner in der NATO, der seinen Beitrag in Europa und in der Welt leistet. Um den NATO-Beschluss ranken sich viele Mythen. Ich bin jedenfalls nicht bereit, jedes Jahr 20 bis 30 Milliarden mehr für das Militär ausgeben. Wir brauchen jetzt keine Aufrüstungslogik, sondern Abrüstungsinitiativen. Ich will Investitionen in unsere Zukunft, und das heißt vor allem auch in Bildung. 

 

Sie wollen zum Beispiel kostenfreie Kitas. Mal abgesehen von den föderalen und kommunalen Zuständigkeiten, die Sie selbst ansprachen: Die Milliarden, die Sie in die Kostenfreiheit investieren wollen, werden für den qualitativen Ausbau der Kitas dringender gebraucht, da sind sich die meisten Bildungsforscher einig. Vom Ausbau würden besonders bildungsferne Kinder profitieren, von der Kostenfreiheit dagegen der Mittelstand. Wie lösen Sie diesen Widerspruch auf?

 

Beides ist wichtig. Wir dürfen nicht Qualität und Kostenfreiheit gegeneinander ausspielen. Natürlich müssen wir die Qualität an Kitas voranbringen, daran arbeitet Manuela Schwesig auf Bundesebene sehr intensiv. Und auch in den Ländern wird viel getan. Aber wir stehen zur Gebührenfreiheit in der Bildung. Wenn Kitas einen Bildungsauftrag haben - und das ist unstrittig - dann dürfen wir sie nicht mit einem Preisschild versehen. Bildung ist für uns Sozialdemokraten ein öffentliches Gut. Natürlich entlastet die Gebührenfreiheit vor allem die Familien mit geringem und mittlerem Einkommen. Niemand käme doch auf die Idee, beim Schulbesuch etwa Gebühren von Familien mit höherem Einkommen zu verlangen oder Elternbeiträge zuzulassen. Falsche Widersprüche helfen hier nicht, denn wir müssen beides leisten, wenn wir an die Spitze wollen – mehr Plätze und mehr Qualität an den Kitas, aber eben auch an den Schulen.

 

Dann verraten Sie uns bitte Ihren Plan, wie genau sie beides gleichzeitig hinbekommen wollen. >>



>> Beides kann nur gelingen, wenn Bund, Länder und Kommunen gemeinsam handeln. Der Bund kann und soll insbesondere bei den großen Investitionen helfen. Die Gebührenfreiheit der Meister-Kurse und vor allem der Kitas, die wir schrittweise umsetzen werden, kostet nach seriösen Schätzungen bis 2021 etwa vier Milliarden Euro, in vermutlich ähnlicher Höhe müssen wir in Grundschulen investieren, um die eine Million neuer Ganztagsplätze zu schaffen. Das schafft Raum und Zeit für mehr Qualität. Gleiches gilt für mehr schulische Sozialarbeiter, auch hier will ich, dass der Bund sich engagiert. In einer Bildungsallianz werden aber natürlich Länder und Kommunen sich stärker beim Fachpersonal und der Aus- und Weiterbildung einbringen. 

 

Also sind schon mal acht Milliarden Euro pro Jahr weg, bevor Sie überhaupt an den qualitativen Ausbau gehen können. Sie fordern übrigens auch die Rückkehr zu G9, obwohl wiederum sämtliche Bildungsforscher davor warnen. Warum?

 

Ich habe nicht einfach die Rückkehr zu G9 gefordert. Ich habe betont, dass Bildung auch Zeit braucht. Viel zu lange haben wir so getan, als sei es ein Wert an sich, die Zeit für Bildung zu verkürzen. Mein Ansatz ist ein anderer: Ich will, dass wir in der Bildungspolitik stärker die Perspektive von Schülern, Eltern und Lehrern einnehmen. Und das heißt für mich auch: Schüler, Eltern und Lehrer brauchen auch ein bisschen Ruhe. Es macht keinen Sinn, alle paar Jahre unsere Schulen auf den Kopf zu stellen.

 

Womit Sie nicht auf meine Frage geantwortet haben, wie Sie die Rückkehr zu G9 und Ruhe an der Schule zusammenbringen wollen. Gleichzeitig wettern Sie gegen den „Föderalismus in seiner radikalen Form“ und wollen das Kooperationsverbot in einem ersten Schritt aufweichen. Gleichzeitig feiert die SPD-Fraktion auf ihrer Website, das Kooperationsverbot sei bereits durchbrochen worden. Was denn nun?

 

Wenn das Gesetzespaket mit dem Grundgesetz-Artikel 104c so beschlossen wird, ist das Kooperationsverbot aufgebrochen. Und es war die SPD, die das erreicht hat. Der abermalige Aufschrei bei Herrn Lammert dürfte Beleg genug sein, wie tief das sitzt. Aber als Bund müssen wir darauf achten, dass, egal wo man wohnt, vergleichbare Lebensverhältnisse bestehen, und das heißt mehr denn je auch gleiche Bildungschancen. Deshalb können wir uns nicht damit zufriedengeben, dass der Bund nur dann in Kitas, Schulen, Horte und Berufsschulen investieren darf, wenn die Kommunen finanzschwach sind. Denn so steht es heute im Gesetz zum 104c GG. Wenn wir unsere Bildung an die Spitze bringen und eine nationale Bildungsallianz schmieden wollen, dann muss auch der Rest des Kooperationsverbotes fallen. 

 

Was bedeutet für Sie ein funktionierender Föderalismus in der Schul- und Hochschulpolitik? Wofür sollten die Länder zuständig sein, wofür der Bund? 

 

Mir geht es nicht um die formalen Zuständigkeiten. Mir geht es um die konkreten Zustände vor Ort. Eltern, die in ihrer Freizeit die Klassenräume ihrer Kinder sanieren sollen, interessieren sich eher weniger für die Feinheiten der Bund-Länder-Finanzbeziehungen. Lehrerinnen und Lehrer wollen, dass sie vernünftige Unterrichtsmaterialien haben. Denen geht es nicht um den Föderalismus. Wenn wir zur Spitze in der Bildung gehören wollen, und das ist mein Ziel, dann brauchen wir eine gesamtgesellschaftliche Kraftanstrengung. Und hier muss und kann der Bund eben nur dann seinen Beitrag über Investitionen – und um nichts Anderes geht es – sinnvoll leisten, wenn das Grundgesetz das erlaubt. Es geht also um mehr Zusammenarbeit, mehr Koordination und mehr gemeinsames Handeln – aber nicht um ein Bundesschulministerium. An unseren Hochschulen kann man sehen, wie erfolgreich der Bund helfen kann, wenn Bund und Länder zusammenarbeiten. Ohne die milliardenschweren Bundesinitiativen wie die Exzellenzstrategie und den Hochschulpakt wäre der neue Aufbruch an den Hochschulen gar nicht denkbar.

 

Noch eine grundsätzliche Feststellung am Ende. Sie wehren sich gegen den Vorwurf, bisher nicht konkret genug in ihren inhaltlichen Positionen geworden zu sein. Gleichzeitig bleiben Sie mit Ihren Antworten an vielen Stellen weiter im Ungefähren.

 

Wir sind sehr viel konkreter als unsere Mitbewerber. Für die schulische Bildung habe ich in Berlin umrissen, wie ich mir Deutschlands Weg an die Spitze vorstelle. Für den Beitrag des Bundes, und das ist meine Aufgabe als Kanzlerkandidat in einer Bundestagswahl, habe ich konkrete Vorstellungen genannt: 10 bis 12 Milliarden Euro pro Jahr bis 2021, um erstens damit eine Million Ganztagsplätze an Grundschulen zu schaffen, weil hier die Basis für den Bildungserfolg gelegt wird, um zweitens ein Schulmodernisierungsprogramm aufzulegen, um nach der Sanierung einen Schritt weiter zu kommen, um drittens schulische Sozialarbeit zu finanzieren, überall wo sie gebraucht wird, und um viertens die Meister-Kursgebühren und fünftens schrittweise die Kita-Gebühren abzuschaffen. Und ich habe zusätzlich eine eigenständige Initiative angekündigt, in der unsere Berufsschulen im Mittelpunkt stehen. Sie müssen endlich aus dem Schatten der allgemeinen Schulpolitik raus. Sie müssen das Personal und die Ausstattung bekommen, die sie für ihre Schlüsselrolle auch in der Integration und für die neue digitale Arbeitswelt brauchen.


IN EIGENER SACHE: 
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"Es bleibt ein Fragezeichen"

2015 mussten die Teilnehmer der internationalen Pisa-Schulleistungsstudie ihre Aufgaben erstmals am Computer beantworten. Dadurch sei die Vergleichbarkeit verloren gegangen, bemängelten Kritiker. Kann sein, bestätigt der Testexperte Frank Goldhammer. Trotzdem sei die Umstellung richtig gewesen.

Frank Goldhammer. Foto: Fotorismus für DIPF
Frank Goldhammer. Foto: Fotorismus für DIPF

ALS KURZ VOR Weihnachten die Ergebnisse der aktuellen Pisa-Studie veröffentlicht wurde, hagelte es Kritik. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieb, die Pisa-Macher hätten die Vergleichbarkeit der aktuellen Ergebnisse mit früheren Runden aufs Spiel gesetzt. Mein Kollege Thomas Kerstan von der ZEIT meinte sogar, wegen der neuen Methode wisse keiner "genau, ob die deutschen Schüler im Vergleich zu 2012 besser oder schlechter geworden sind." Damit stehe eigentlich nur ein Verlierer der Studie fest: "die Studie selber." Der Grund für die Aufregung: Die Pisa-Macher hatten technisch aufgerüstet. Erstmals mussten die 15 Jahre alten Schüler die Aufgaben anstatt mit Stift und Papier am Computer lösen. Frank Goldhammer vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) ist Experte für computerbasiertes Testmethoden. Er sagt, was dran ist an den Vorwürfen.

Herr Goldhammer, hat die OECD als internationale Organisation hinter der Pisa-Studie ohne Not deren Ruf aufs Spiel gesetzt?


Die OECD hatte gute Gründe, von Papier auf Computer umzustellen. Die technischen Möglichkeiten schreiten auch im Einsatz digitaler Unterrichts- und Prüfungsmethoden voran, das ist die Zukunft. Warum sollte also bei den internationalen Vergleichstests alles beim Alten bleiben? Stattdessen können wir durch computerbasierte Studien mehr über die Kompetenzen der Getesteten erfahren. Wir gewinnen Erkenntnisse darüber, wie schnell Aufgaben gelöst werden und wer sich wo besonders schwertut. Das hilft uns außerdem, die Tests noch besser und zielgenauer zu machen.

 

Aber stimmt es denn nun: War Pisa 2015 deshalb nicht vergleichbar mit 2012?

Wir sprechen von so genannten Moduseffekten bei der Umstellung von Papier auf Computer. Dass die existieren, wissen wir nicht erst seit Pisa 2015, sondern dazu forschen meine Kollegen und ich schon seit vielen Jahren. Die Frage ist, wie man mit ihnen umgeht. Nehmen wir zum Beispiel das Leseverständnis. Wenn ich am Bildschirm am Text entlangscrollen muss, anstatt ihn einfach auf dem Papier vor mir zu haben, bedeutet das für viele der Getesteten eine zusätzliche Herausforderung. Das gleiche gilt für die Veränderung des Layouts von oben nach unten zu einem mehr horizontalem Format. Und auch die Navigation zwischen Text und Aufgaben ist unter Umständen eine andere, wenn man am Bildschirm hin- und herspringen muss. Die entscheidende Frage für den internationalen Vergleich ist: Fallen die Moduseffekte von Land zu Land gleich aus, oder fällt zum Beispiel den deutschen Schülern die Umstellung besonders schwer?

 

Das heißt: Solange die neue Art, getestet zu werden, für alle Teilnehmer die gleiche Herausforderung bedeutet, heben sich die Effekte gegenseitig auf, und die Ergebnisse bleiben vergleichbar?

Zumindest was die Ergebnisse zwischen den Ländern in der aktuellen Studie angeht, also 2015. Das war die Annahme der OECD. Ich halte es aber für denkbar, dass es Unterschiede von Land zu Land gegeben hat. Jedenfalls wurde das bei Pisa nicht breit untersucht. Was für mich heißt: Solange man es nicht empirisch ausgeschlossen hat, muss man es für möglich halten.

 

Weil in deutschen Schulen Computer weniger eingesetzt werden als in anderen Ländern?


Mein Team und ich waren in der Pisa-Studie verantwortlich für einen Fragebogen zur Computervertrautheit, bei dem es auch um die Selbstwahrnehmung ging, also um die Frage, für wie kompetent man sich selbst im Umgang mit dem Computer hält. Die Ergebnisse sind noch nicht veröffentlicht. Was man zumindest auf Basis der internationalen IEA-Studie ICILS sagen kann: In anderen Staaten äußern sich die Schüler selbstbewusster als bei uns. Ansonsten sind die Ursachen von Moduseffekten in Pisa empirisch nicht eingehend untersucht. Es ist aber plausibel, dass die Vertrautheit mit Computern, was in Pisa Desktop-Computer beziehungsweise Laptops mit Maus und Tastatur waren, eine Rolle spielt.


Und wieso kann dann die OECD behaupten, die Folgen der Umstellung seien nicht so groß?

 

Weil auch sie stichhaltige Argumente anführt. Wieder das Beispiel Leseverständnis: Wenn ich weiß, dass Leseaufgaben am Computer anspruchsvoller sind, dann kann ich die Testergebnisse entsprechend gewichten gegenüber den auf dem Papier gelösten Aufgaben. Anders formuliert: Ich rechne den Unterschied heraus und mache die Ergebnisse wieder vergleichbar.

 

Wofür ich die Stärke des Effekts aber genau kennen müsste.

 

Exakt. Hier bleibt ein Fragezeichen in der Argumentation beziehungsweise bei den Annahmen der OECD.

 

Warum hat Deutschland überhaupt mitgemacht bei der Umstellung? Immerhin gab es die Option, dass die Pisa-Teilnehmerstaaten weiter die Papiermethode wählen.

 

Diese Option gab es, aber es wurden für den papierbasierten Teil keine neuen Aufgaben mehr entwickelt. Nicht nur deshalb war diese Option mit Verlusten verbunden. Wie ich schon sagte, ermöglicht das computerbasierte Testen neue, interaktive Aufgabentypen. Am Ende ist es ja so: Selbst wenn die Vergleichbarkeit der aktuellen Pisa-Studie im Verhältnis zu früheren Jahren etwas eingeschränkt gewesen sein sollte, bieten computerbasierte Testmethoden einen so großen zusätzlichen Erkenntnisgewinn, dass es diesen Preis wert wäre.

 

Sie sagen das immer so. Machen Sie es mal konkret.

 

Internationale Vergleichstests leiden unter einem Kernproblem: Im Gegensatz zu normalen Prüfungen bringt ein gutes Ergebnis dem Getesteten persönlich keinerlei Vorteil. Also ist die Motivation, sich richtig anzustrengen, im Schnitt geringer. Mit der Antwortzeit einer Person können wir aber unmotivierte Antworten erkennen, nämlich solche, die zu schnell für eine vernünftige Antwort sind, und dann ausschließen. Forschungsergebnisse geben außerdem Anhaltspunkte, dass das Aufgabenlösen am Computer als attraktiver wahrgenommen wird. Unter anderem dank ihrer möglichen Adaptivität. Das heißt: Der Computer richtet sich nach der Qualität meiner vorgehenden Antworten, wenn er die nächste Aufgabe heraussucht, was die Sache für mich persönlich spannender macht. Ich werde nicht unterfordert.

 

Genau wie das Gegenteil, wenn die Getesteten ständig das Gefühl hatten, keine Frage richtig beantworten zu können.

 

So ist es. Überforderung hat bei papierbasierten Tests in der Vergangenheit zu Motivationsproblemen geführt. Und wenn man weiter in Richtung von Interaktivität und Adaptivität denkt, erkennt man ein noch größeres Potenzial durch das computerbasierte Testen. Sagen Sie mal ehrlich: Sind die gegenwärtigen Pisa-Aufgaben spannend genug im Verhältnis zu den Apps, mit denen Schüler sonst so ihre Freizeit verbringen? Das ist eine Frage, die in der Bildungsforschung aktuell diskutiert wird, der Trend zur so genannten Gamification, zu „serious games“: Wie kann man Test- und Lernaufgaben so gestalten, dass die als Teil einer Spielsituation wahrgenommen werden, die einen herausfordern, das zu zeigen, was man wirklich kann und weiß?   

 

Das klingt überzeugend. Aber denkt man weiter in die Richtung, wäre die Vergleichbarkeit mit früheren Testrunden endgültig flöten.

 

Nein, natürlich möchte man bei wiederholten Messungen die Vergleichbarkeit beibehalten. Darum wird man auch nie alle Fragen auf einmal austauschen, also alle so genannten Test-Items, sondern es gibt immer einen großen Anteil von „Link-Items“, die die Verbindung zu früheren Testrunden gewährleisten sollen. Was zugegebenermaßen unterschiedlich gut klappt und immer wieder zu prüfen ist.

 

Welche Lehren lassen sich aus Pisa 2015 ziehen?

 

In Pisa 2015 wurde der Umstieg auf computerbasiertes Testen vollzogen, aber der Modellfall war schon die Umstellung der Erwachsenen-Kompetenzstudie PIAAC, an der wir auch mitgearbeitet haben. Demnächst ist dann auch die TIMSS-Grundschulstudie an der Reihe. In allen Fällen ergeben sich durch die interaktiven Aufgabenformate ganz neue Möglichkeiten. Bei Pisa können wir jetzt online Experimente simulieren, und die Schüler sind so viel dichter dran an der naturwissenschaftlichen Erkenntnisgewinnung. Außerdem wissen wir künftig nicht nur, wer richtig oder falsch geantwortet hat, sondern auch, wie es zur richtigen oder zur falschen Antwort kam. Aber natürlich stellen all die methodischen Veränderungen bei Pisa 2015 eine Herausforderung dar, und der Moduswechsel war nur eine davon. Daran forschen wir weiter. Nein, ein Selbstläufer ist das computerbasierte Testen nicht. Aber es eröffnet die Möglichkeit für viele Innovationen in der Bildungsforschung und bei internationalen Bildungsvergleichen.   

 

Frank Goldhammer gehört zum Leitungsteam des Zentrums „Technology Based Assessment“ am DIPF und ist Mitglied des Zentrums für internationale Bildungsvergleichsstudien. 

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Ein Vorschlag zur Güte: Albert-Einstein-Schools

Die Max-Planck-Gesellschaft stößt mit ihrem School-Konzept auf heftigen Widerstand. Wie könnte ein Kompromiss aussehen, den alle mittragen könnten? Ein Gastbeitrag von Dieter Lenzen.

Foto: UHH/ BertoldFabricius
Foto: UHH/ BertoldFabricius

AM 14. MÄRZ 2008 unterzeichneten die damalige Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz, Margret Wintermantel, und der damalige Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, Peter Gruss, ein Memorandum of Understanding, in dem sie feststellten, dass die International Max Planck Research Schools (IMPRS) sich „zu einem Erfolgsmodell entwickelt“ hätten. Die Schools stärkten sowohl die „Kooperation zwischen Universitäten und Max-Planck-Instituten und die Doktorandenausbildung, als auch die Attraktivität Deutschlands für hervorragende ausländische Promovierende wesentlich“. So seien dank dem Erfolgsmodell die Doktorandenzahlen an Max-Planck-Instituten innerhalb von zehn Jahren um 60 Prozent gestiegen. Für die Zukunft vereinbarten Hochschulrektorenkonferenz und Max-Planck-Gesellschaft, „auch die Gründung gemeinsamer Einrichtungen“ ins Auge zu fassen, die „Wege der Zulassung zur Promotion“ zu „vereinfachen“ und die „Beteiligung der Max-Planck-Gesellschaft“ an einer Promotion „auf der universitären Promotionsurkunde“ zu erwähnen.

 

Mit dem im Dezember 2016 erstmals vorgelegten und jetzt in die Diskussion geratenen „Konzept Max Planck Schools“ wird die Erfolgsdiagnose von damals relativiert und zugleich die nächste Stufe gezündet: Die IMPRS, heißt es nun, seien „oft zu klein“, „thematisch oft sehr eng“, „international deutlich sichtbar nur in wenigen Fällen“, weswegen es der „Einführung von deutschlandweiten 'Max-Planck-Schools' in Kooperation mit den deutschen Universitäten“ bedürfe (alle Zitate aus einer PowerPoint-Präsentation der Max-Planck-Gesellschaft mit dem Titel „Max-Planck-Schools mit den deutschen Universitäten“). >>



>> Plötzlich, so scheint es, sind die „Max Planck School“ die neue Lösung. Für sie wird mit denselben oder ähnlichen Worten geworben wie seinerzeit für die IMPRS. Der „Mehrwert“ bestehe darin „die international besten Studierenden für das deutsche Wissenschaftssystem zu gewinnen“, „die Entwicklung neuer Forschungsgebiete zu befördern“ usw. (Konzeptfassung vom Dezember 2016). Nicht nur wird die seinerzeitige Erfolgsdiagnose der IMPRS revidiert, es werden zusätzliche „Defizite“ des deutschen Wissenschaftssystems benannt. Etwa, dass „ikonische Einrichtungen“ fehlen, dass bei Top-Berufungen ein „mangelnder Zugang zu den besten Doktorandinnen und Doktoranden häufig thematisiert“ werde und dass es den „kleinen und/oder weniger sichtbaren Einrichtungen schwerfalle, Top-Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu halten“ (MPG-Präsentation). Die neuen „Max-Planck-Schools“ würden demgegenüber „neue Forschungsgebiete befördern“, „für eine weitere Vernetzung zwischen den Universitäten und den außeruniversitären Forschungsorganisationen sorgen“ und „benachteiligte Standorte durch Einbindung von Fellows stärken“ sowie „den Wettbewerb im System stärken und damit das gesamte System verbessern helfen“.

 

Was den Wettbewerb betrifft, so ist einschlägig die in der MPG-Präsentation enthaltene und häufig gezeigte Grafik zur „Verteilung Personen mit den meisten Top-1-Prozent-Publikationen“, der zufolge München, Berlin und Heidelberg mit Abstand am besten abschneiden. Folgt man der zuvor geschilderten Bedarfsanalyse des deutschen Wissenschaftssystems, so dürften also genau jene Standorte eigentlich keinen Bedarf an dem neuen Typus von Max-Planck-Schools haben. Demgegenüber zeigen sich „benachteiligte Universitäten“ in drei bis fünf Regionen: Norddeutschland, Ruhrgebiet, westliches Baden-Württemberg, eine Achse von Ulm bis Würzburg sowie eine Kette von Halle bis Dresden. >>

Foto: Das Ambiente an einer International Max Planck Research School laut deren Website
Foto: Das Ambiente an einer International Max Planck Research School laut deren Website

>> Daraus ließe sich, ungeachtet der Frage, ob die anekdotischen Evidenzen über IMPRS-Defizite und solche hinsichtlich von Schwierigkeiten bei der Berufung hervorragender Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen valide sind, ein Vorschlag ableiten, der vielleicht geeignet ist, die Absichten hinsichtlich größerer Ikonizität, Sichtbarkeit, Attraktivität und Kooperativität so zu kompensieren, dass tatsächlich in der gesamten Bundesrepublik von dem Vorschlag profitiert werden kann:

 

  •  Die „Max-Planck-Schools“ werden in „Albert-Einstein-Schools“ umgetauft und sind eine Veranstaltung, die nach dem expliziten Willen von Bundesforschungsministerin Johanna Wanka auch den anderen Allianzorganisationen wie Helmholtz und Leibniz in Kooperationen mit Universitäten zur Verfügung stehen.
  • Die Albert-Einstein-Schools decken nicht jeweils die gesamte Bundesrepublik ab, sondern sie erzielen eine hohe Sichtbarkeit von Wissenschaftsregionen mit großen Potenzialen in den bisher benachteiligten Regionen.
  • Das Kohärenzprinzip „Thema“ wird um ein Prinzip „Regionalität“ ergänzt. Albert-Einstein-Schools sind überregionale, aber nicht nationale Einrichtungen mit Bundesförderung.
  • Über die Einrichtung solcher Schools entscheidet nicht eine Allianzorganisation mit der Hochschulrektorenkonferenz, sondern, wie in allen bedeutsamen Forschungsfragen, die Deutsche Forschungsgemeinschaft.
  • Die Einwerbung einer Albert-Einstein-School kann ein Qualitätsmerkmal für die Bewerbung bei der zweiten Förderlinie der Exzellenzstrategie sein oder mit ihr verbunden werden.
  • Jeweils eine Universität übernimmt die Konsortialführerschaft einer Albert-Einstein-School, ähnlich wie bei Transregio-Verbünden der Deutschen Forschungsgemeinschaft.
  • Zur Erhöhung der „Ikonizität“ wird eine strategische Partnerschaft mit einer internationalen Top-Einrichtung (gegebenenfalls auch finanziell) besonders gewürdigt.
  • Die Einrichtung von Albert-Einstein-Schools wird auf eine Zahl zwischen fünf bis zehn begrenzt.
  • Albert-Einstein-Schools werden in Siebenjahresrhythmen evaluiert und im Falle einer positiven Bewertung verlängert.
  • Besonders erfolgreiche „Graduate Schools“ der zurückliegenden Exzellenzinitiativen können Bestandteil einer Albert-Einstein-School werden.

 

Zusammengefasst: Albert-Einstein-Schools würden als große überregionale Verbünde nationale und internationale Sichtbarkeit und Ikonizität erreichen, sie würden Anreize schaffen zur Weiterentwicklung des Hochschulsystems. Sie würden die Entstehung einer regionalen Unwucht innerhalb des deutschen Wissenschaftssystems vermeiden und gleichzeitig die mit dem Max-Planck-Konzept beabsichtigten Vorteile einer Stärkung und Aktivierung der auch außerhalb der üblichen Wissenschaftszentren durchaus vorhandenen Spitzenpotentiale erzielen – bei gleichzeitig hochobjektivierter Selektion der Bewerber. Ein Vorschlag zur Güte. Einer, über den es sich nachzudenken lohnt?

 

Dieter Lenzen ist Präsident der Universität Hamburg, die zur German U15 gehört.


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Da geht noch was

Bislang standen die Berliner Universitäten im Verdacht, im Wettstreit um Fördergelder kaum mehr zu sein als eine Beutegemeinschaft. Spätestens mit dem Gewinn des Deutschen Internet-Instituts hat sich das geändert.

Abbildung: Screenshot der Projektwebsite
Abbildung: Screenshot der Projektwebsite

ALSO WIEDER BERLIN. Es ist ein großartiger Erfolg für die Wissenschaft der Hauptstadt, dass das Deutsche Internet-Institut nach Berlin kommen soll. Wie Bundesforschungsministerin Johanna Wanka (CDU) heute Mittag mitteilte, hat sich das Berliner Bewerberkonsortium um das Wissenschaftszentrum  für Sozialforschung (WZB) gegen die vier Konkurrenten aus München, Hannover, Karlsruhe und Bochum durchgesetzt. Titel des interdisziplinären Gewinnerantrags: "Internet-Institut für die vernetzte Gesellschaft".

 

Für den Aufbau des Instituts zahlt der Bund in den ersten fünf Jahren bis zu 50 Millionen Euro, der digitale Wandel in seiner Gesamtheit soll erforscht werden, von rechtlichen über ethisch und ökonomischen Fragen bin hin zu seinen gesellschaftlichen Auswirkungen. Partner sind neben dem WZB die Freie und die Technische Universität, die Humboldt-Universität, die Universität der Künste (UdK), die Universität Potsdam und das Fraunhofer-Institut FOKUS. Noch in diesem Jahr soll das Institut seine Arbeit aufnehmen.

Erst Anfang April hatte das "Einstein Center Digital Future" (ECDF) Eröffnung gefeiert, eine viel beachtet Public-Private-Partnership, die größtenteils dieselben universitären Partner umfasst: FU, TU und HU Berlin, die UdK dazu die Charité Universitätsmedizin. Auch unter den außeruniversitären Organisationen finden sich mit dem FOKUS ein identischer Partner, dazu kommen zwei weitere Fraunhofer-Institute, zwei Helmholtz-Zentren, das Konrad-Zuse-Institut, die Physikalisch Technische Bundesanstalt und das BIH. Warum ich das so ausführlich aufzähle: Weil sich hier ein Muster herausbildet, das für die Zukunft noch bedeutender werden könnte.


50 Millionen auf fünf Jahre für das Deutsche Internet-Institut, schon jetzt 38,5 Millionen Euro für das ECDF, zu einem guten Teil beigesteuert von Unternehmen der Hauptstadtregion. Das sind echte Brocken. Und zu jedem
aus der Wirtschaft eingeworbenen Euro gibt das Land Berlin weitere 50 Cent hinzu. Mindestens 50 neue Professuren sollen am ECDF entstehen, im so genannten Kernbereich "Digitale Infrastruktur, Methoden und Algorithmen" dazu in den Innovationsbereiche genannten Feldern "Digitale Gesundheit", "Digitale Gesellschaft und Geisteswissenschaften" sowie "Digitale Industrie und Dienstleistungen". Schon in diesen Bezeichnungen werden die großen Überschneidungen zum Antrag des Deutschen-Internet-Instituts deutlich, so dass man spätestens von heute an sagen kann: Berlin ist nicht nur Zentrum der nationalen (und teilweise auch der europäischen) IT-Startup-Szene, die Hauptstadt ist auch auf dem Weg zum internationalen Schwergewicht in der Erforschung der technischen und sozialwissenschaftlichen Grundlagen für die digitale Gesellschaft von heute und morgen.

 

Die wissenschaftspolitischen Folgen dürften weitreichend sein. So hatten Skeptiker (zu denen ich mich an dieser Stelle  auch selbst zähle) bislang zu Recht gefragt, ob es nicht allzu durchsichtig sei, wenn die neue Exzellenzstrategie besonders Verbundanträge fördern will und die Berliner Universitäten rein zufällig plötzlich den Gemeinschaftsgeist und, mehr noch, die Liebe zueinander entdecken. Sicherlich werden auch angesichts der heutigen Entscheidung viele in der Republik ihrer Befürchtung bestätigt fühlen, dass der Zentralismus in der Wissenschaft weiter um sich greift.

 

Mit den beiden Brocken ECDF und DII zeigt die Berliner Wissenschaftsszene allerdings auf einen Doppelschlag, dass es tatsächlich so etwas wie eine plausible gemeinsame Erfolgsstory geben könnte. Eine Erfolgsstory, die nicht einfach lautet: Wir machen gute Wissenschaft, weil wir größer als die anderen sind. Sondern vielmehr: Wir sind so groß und breit aufgestellt, dass wir wie kein zweiter Standort in Deutschland in der Lage sind, uns strategisch und interdisziplinär an den jeweils neuen Zukunftsfeldern auszurichten. Nebenbei gesagt eine Erkenntnis, die ECDF und DII erheblich unterscheidet vom Konzept des Berliner Instituts für Gesundheitsforschung (BIH), das vor seiner Gründung weder einen Ideenwettbewerb bestehen musste, noch mussten seine Partner zunächst selbst Millionen einwerben, – was sicherlich ebenfalls zusammenschweißt. 

 

Schnelle Entscheidungen, ein kollegiales Verständnis zwischen Forschern UND Forschungsmanagern. Und eine Landespolitik, die zwar manchmal aufdringlich zur Zusammenarbeit pusht, aber (auch das ist deutschlandweit alles andere selbstverständlich!) als Finanzier guter Ideen dann auch verlässlich an der Seite der Bewerber steht: Spätestens seit dem heutigen Tag zeichnet sich ab, dass die uniübergreifende Berliner Bewerbung um die Exzellenzkrone (und damit rede ich vor allem von der so genannten zweiten Förderlinie, den Exzellenzuniversitäten) mehr werden könnte als eine naheliegende Beutegemeinschaft. Vielleicht am Ende sogar eine Story, deren weiterer Erzählung man nicht gelangweilt verfolgt – sondern mit echter Neugier, was wohl als nächstes kommt. 


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Guckt nochmal genauer hin

Zwei Schavan-Ideen produzieren momentan mal wieder Schlagzeilen: Das Deutschlandstipendium und das Berliner Institut für Gesundheitsforschung. Leider konzentriert sich die öffentliche Kritik  auf die falsche Initiative.

ES SIND MELDUNGEN, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Das Statistische Bundesamt hat am Montag die neuesten Zahlen zum Deutschlandstipendium veröffentlicht, und in Berlin entwickelt sich eine verwirrend-seltsame Seifenoper um das Berliner Institut für Gesundheitsforschung.

 

Zunächst zum Deutschlandstipendium. 25.500 junge Menschen haben 2016 eins erhalten, das entspricht 1200 mehr als im Vorjahr, aber immer noch derselben Quote von 0,9 Prozent aller Studenten in Deutschland. Kommentar des grünen Bildungsexperten Kai Gehring: „Schwach gestartet und stark nachgelassen.“ Tatsächlich: Beim gegenwärtigen Tempo würde es weitere 47 Jahre dauern, bis die immer noch im Gesetz festgeschriebene Zielmarke von acht Prozent Deutschland-Stipendiaten erreicht wäre. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) befindet dennoch: „Das Deutschlandstipendium wächst weiter.“

 

Am Berliner Institut für Gesundheitsforschung hat unterdessen der Vorstandsvorsitzende Erwin Böttinger per E-Mail an alle Mitarbeiter Pressemeldungen bestritten, denen zufolge er sich ans zur Universität Potsdam gehörende Hasso-Plattner-Institut (HPI) wegbeworben habe. Ihm sei auch nicht gekündigt worden (zur Berichterstattung siehe vor allem Tagesspiegel, unter anderem hier). Allerdings räumte er ein, dass es Verhandlungen mit dem HPI gebe. Kommentar des BMBF: keines. Es ist nicht die erste Skurrilität an dem Institut, dessen Name einst passend zur Abkürzung BIG gewählt wurde, was aber den Verantwortlichen dann doch zu großkotzig klang, weswegen sie jetzt nur noch das Kürzel BIH, entsprechend dem englischsprachigen Institutsnamen, benutzen.

 

Nun zu den Gemeinsamkeiten. Sowohl Deutschlandstipendium, vergeben erstmals 2011, als auch das BIH, ebenfalls 2011 verabredet zwischen dem Bund und dem Land Berlin, sind Initiativen der wenig später zurückgetretenen Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU). Mehr als das: Bei beiden handelte es sich um Prestigeprojekte der Ministerin, jeweils eingefädelt in Kooperation mit einem eifrigen Landesminister. Im Falle des Deutschlandstipendiums stand der damalige FDP-Wissenschaftsminister von Nordrhein-Westfalen, Andreas Pinkwart, mit seinem NRW-Stipendium Pate. Und beim BIH war Berlins Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner (SPD) Ko-Architekt. Schavans Nachfolgerin Johanna Wanka (ebenfalls CDU) wiederum kann dem Vernehmen nach weder dem einem noch dem anderen Projekt besonders viel abgewinnen.

 

Was die bundespolitische Bewertung der aktuellen Entwicklungen angeht, offenbart sich indes eine unverständliche Diskrepanz. Irgendwie scheinen sich die meisten Beobachter einig zu sein, dass das Deutschlandstipendium ein richtiger Schuss in den Ofen sei, während die Opposition in Sachen BIH eisern schweigt. So beklagt Kai Gehring, Jahr für Jahr verfielen „Abermillionen Euro, die für das Deutschlandstipendium reserviert sind, während Union und SPD das BAföG verwalten statt gestalten und es nicht bedarfsgerecht ausbauen.“ Die stellvertretende DFG-Vorsitzende Elke Hannack spricht von einem „echten Ladenhüter“, und Achim Meyer auf der Heyde, Generalsekretär des Deutschen Studentenwerkes, räumt zwar ein, das Stipendium sei „ein zusätzliches Finanzierungsinstrument“, doch als „Säule der Studienfinanzierung“ könne man es kaum sehen. Unterdessen hält der Rechnungshof seine Kritik, die Verwaltungskosten des Programms lägen zu hoch, aufrecht.

 

Und all das, obwohl das Deutschlandstipendium zuletzt 26 Millionen Euro private Spenden im Jahr aktivierte und, wenn auch nicht überall, so doch an etlichen Hochschulen überhaupt erst den Startschuss für professionelle Fundraising-Aktivitäten gab. Auch die vielen Stipendiaten, die vielleicht nicht mit Bestnoten, dafür aber mit einem besonderen gesellschaftlichen Engagement punkten können, werden das Programm und die 300 Euro mehr im Monat zum Leben und Studieren zu schätzen wissen. Und schließlich haben sich die anfänglichen Befürchtungen, Akademikerkinder würden mal wieder überdurchschnittlich von den Stipendien profitieren, nicht bestätigt – übrigens im Gegensatz zu den Begabten-Stipendien, die lange eine soziale Schieflage aufwiesen.

 

Der einzige dramatische Fehler des Stipendienprogramms wäre demnach, dass seine Erfinder einst den Mund zu voll nahmen und komplett unrealistische Erfolgszahlen versprachen in einem Land, das Mäzenatentum in der Bildung bis dahin kaum kannte – und offenbar, siehe Kommentare oben – bis heute auch nicht kennen möchte.  

 

Beim BIH verhält sich die Sache ein wenig anders. Seit Schavan und Zöllner sich die Gründung in die Hand versprochen haben, geht eigentlich durchweg schief, was schiefgehen kann. Es fing damit an, dass vier Jahre verstrichen, bis aus dem ersten Memorandum of Understanding zwischen der Berliner Charité (Land) und dem zur Helmholtz-Gemeinschaft (90 Prozent Bundesfinanzierung) gehörenden Max-Delbrück-Centrum überhaupt eine eigene rechtsfähige Körperschaft wurde. Dazwischen gab es ein Gezerre um die Zuständigkeiten zwischen Charité und MDC, zwischen Land und Bund: War das BIH jetzt die Tochter der beiden Partnerorganisationen, oder ist war selbst die Mutter? Und wer sollte jetzt den Aufsichtsrat leiten? Das BMBF oder doch die Verwaltung der Zöllner-Nachfolgerin Sandra Scheeres?

 

Die jahrelange Selbstbeschäftigung gipfelte darin, dass der Gründungschef Ernst Rietschel, ein verdienter Wissenschaftsmanager und ehemaliger Leibniz-Präsident, schon Extra-Millionen für das Institut forderte, als es noch nicht einmal einen Bruchteil des vorhandenen Budgets ausschöpfte. Und das alles, während nicht einmal die verantwortlichen Wissenschaftspolitiker genau erklären konnten, wofür das BIH eigentlich inhaltlich da war. Ein „Institut neuen Typs“ sei es, so lautete eine der Formulierungen, in die man sich flüchtete. Oder, wie die Bundesregierung 2014 erklärte: Das BIH „leitet aus bestimmten Erkenntnissen der Wissenschaft Fragen ab, aus denen sich dann Forschungsfragen und klinische Erprobung ableiten. Ziel ist, die Übertragung von Forschungserkenntnissen in die Klinik zu beschleunigen und klinische Beobachtungen wieder ins Labor zu tragen.“ Haben Sie das verstanden?

 

Auf jeden Fall gab es dafür 311 Millionen Euro aus Bundes- und Landesgeldern für die ersten fünf Jahre, plus 40 Millionen Euro von der inzwischen verstorbenen Johanna Quandt. Apropos Missionsbeschreibung: In einer Pressemitteilung Ende Juni 2016 teilte das BIH mit, sich „neu ausrichten“ zu wollen. „Wir wollen die Lebensqualität von Menschen mit fortschreitenden, schweren Krankheitsverläufen durch personalisierte und regenerative Medizin erhalten oder wie­der­herstellen und bauen dabei auf Digitalisierung, Patientenbeteiligung, systemmedi­zi­nische Forschung, neuartige regenerative Therapien und Innovation für die Gesund­heits­wirtschaft“, erklärte Erwin Böttinger damals. Der war kurz vorher als aus den USA ans BIH gewechselt. Und nun also, elf Monate nach der verkündeten Neuausrichtung, geht Böttinger offenbar.

 

Verständlich, dass die Politik nun über ihn den Kopf schüttelt. Allerdings ist nicht nur Böttingers Verständnis von Karriereplanung das Problem, sondern die Ursache aller Wirrungen war, dass Politiker (namentlich: Schavan und Zöllner) unbedingt etwas Einmaliges, etwas Neues schaffen wollten, ohne dass dafür eine wirklich intellektuell bestechende Notwendigkeit bestand. Nach dem KIT, dem Karlsruher Institut für Technologie, sollte das BIH einfach die nächste irgendwie „innovative“ Konstruktion zwischen universitärer und außeruniversitärer Forschung sein.

 

Genau das ist nun die Hypothek, an der sich die Mitarbeiter des BIH bis heute inhaltlich abarbeiten. Durchaus mit Erfolg: Mit dem neuen Geschäftsführer Rolf Zettl (mein ehemaliger Chef bei Helmholtz) ist der Technologietransfer sichtlich in Gang gekommen, und die von Quandt finanzierte "Private Exzellenziniative" fördert herausragende Nachwuchsmediziner wie auch etablierte Forscher. Und übrigens auch – hier schließt sich der Kreis – Deutschlandstipendien. 

 

Fakt ist aber auch: Jede Professur, die durch das BIH besetzt wird, hätte mit demselben Geld auch ohne BIH besetzt werden können. Zugleich wären die Machtkämpfe und Durchstechereien in der Berliner Forschungslandschaft (aktuelles Stichwort: "Doppelpackverfahren") wohl eine Nummer kleiner ausgefallen, da nicht noch ein in der institutionellen Sinnfrage gefangener dritter Partner zwischen Charité und MDC gehangen hätte. Ein Partner, dem Charité-Verantwortlichen schon mal vorhalten, er schaffe ein „Luxus-Team“, während die landeseigene Universitätsmedizin als „Alltagsschufter“ die Hauptlast trage. Offenbar hatte sich auch Böttinger selbst mehr Bewegungsspielraum als BIH-Chef, mehr Geltung für die neue Marke und vor allem mehr Dynamik erhofft. Die für 2017 vorgesehene Evaluation hat man vorsorglich schon aufs Jahr 2019 verschoben.

 

Und zu all dem sagt die Opposition im Bundestag: Nichts. Genauso wenig wie das BMBF. Bei letzterem ist das plausibel: Die nahende Bundestagswahl lässt grüßen. Und dass das Land Berlin mit Wissenschafts-Staatssekretär Steffen Krach (SPD) nicht die wissenschaftspolitische Grundsatzfrage stellt, ist ebenfalls verständlich: Von den 311 Millionen zahlt der Bund wie beim MDC 90 Prozent.   

 

Bringen wir es auf den Punkt. Sowohl das Deutschland-Stipendium als auch das BIH, beides Initiativen der ehemaligen BMBF-Chefin Annette Schavan, sind heute in erster Linie Geldschöpfungsmaschinen. Im ersten Fall geht das in Ordnung: Das Geld, das geschöpft wird, stammt von Firmen, von Privatleuten, von Stiftungen. Es mögen vergleichsweise kleine Beträge sein, aber der Zusatznutzen ist da. Und die meisten Hochschulen wissen heute immerhin, was Fundraising ist. Ein Schavan-Projekt mit, na ja, Potenzial. Das BIH hingegen ist vor allem eine Geld-Pipeline vom Bund ins Land Berlin. Bundesmillionen, die zu Recht fließen in die Gesundheitsforschung der Hauptstadt. Doch wie verhält es sich mit dem versprochenen Zusatznutzen der neuen Institution BIH? Diese Frage ist, siehe oben, noch nicht abschließend beantwortet. Aber es wäre gut, wenn ein paar kritische Wissenschaftspolitiker sie allmählich mal offensiver formulieren würden.

 

Abbildungen: Screenshots von dem Websites. 


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Streitet mal schön!

Das Problem vieler Hochschulsenate sind nicht zu viele Meinungsverschiedenheiten. Das Problem ist der Hang zum gegenseitigen Missverstehenwollen.

Foto: Benjamin Child
Foto: Benjamin Child

GELEGENTLICH KANN MAN den Eindruck bekommen, als herrsche in manchen Hochschulsenaten der Republik nichts als Gezerre. Neulich schrieb ich an dieser Stelle darüber: Hier der Block der Professoren, die mit ihrer verfassungsrechtlich garantierten Dominanz die Rektoren zum Stöhnen bringen. Da die anderen „Statusgruppen“, von den Studierenden bis zu den wissenschaftlichen Mitarbeitern, die als Gegenmaßnahme die Drittel- oder Viertelparität fordern. Und dann streitet man sich monate- oder jahrelang über Stimmrechte und Verfahrenswege, und zur Not zweifelt man auch mal die Rechtsverbindlichkeit getroffener Entscheidungen an.   

 

So geschehen etwa an der Technischen Universität Berlin. Umso erstaunlicher, dass ausgerechnet von dort jetzt andere Nachrichten kommen. Der Akademische Senat der TU will sich einen Kommunikationskodex geben, berichtet der Tagesspiegel (leider nicht online). Die AG „Kommunikation“ habe entsprechende Vorschläge entwickelt. Um einen „Kulturwandel“ zur „Wertschätzung“ soll es gehen, die Senatsmitglieder sollen sich besser auf die Sitzungen vorbereiten, einen respektvollen Ton miteinander üben und – aha – die jeweiligen Zuständigkeiten akzeptieren. >>



>> Darüber könnte man jetzt grinsen und sagen: Da haben sich ein paar Funktionäre müde gekämpft. Oder man stellt ganz unzynisch fest: Hier will ein Gremium einen neuen Aufbruch wagen.

 

Nicht der Streit an sich ist in manchen Hochschulgremien das Problem, nicht die aufrichtig formulierten Meinungsgegensätze, sondern zu viel wurstige Uninformiertheit, der Hang zum gegenseitigen Missverstehenwollen und die Unsitte, sich vor den eigenen Leuten inszenieren zu müssen. Und das gilt gleichermaßen für die Gruppe der Professoren (die in Wirklichkeit oft selbst in mehrere Gruppen zerfällt), für die Mitarbeiter und für die Studierenden.

 

Das Problem: Eine solche Diskussionskultur endet im Machtverlust für alle, für das Gremium, für die Hochschule insgesamt – egal, welche Stimmenverhältnisse herrschen und in welcher Form Verfassungsgerichte Professorenmehrheiten vorgeben.

 

Der Berliner TU-Senat muss die Vorschläge erst noch diskutieren und (hoffentlich!) für gut befinden. Er wäre sicherlich auch nicht der erste Senat in Deutschland mit einem solchen Kodex. Doch schon jetzt geht von den Plänen ein Signal aus in Richtung anderer im Hickhack erlahmter Hochschulsenate: Ermächtigt euch selbst, indem ihr zivilisiert streiten lernt. Lasst das beste Argument herrschen und nicht die einfallsreichste Blockadeidee. Erreicht all das, indem ihr euch auf explizite Regeln diskursiven Anstands einigt.

 

Ein durch und durch idealistisches Signal. Und gerade deshalb eines, das von einem gesunden Machtinstinkt der Senatsmitglieder zeugt.

 

Hätten sich damit Diskussionen um Drittel- oder Viertelparität oder um die Professorenmehrheit erledigt? Keineswegs. Aber womöglich stellten die Senate auch anderswo fest, dass schon so eine Menge gemeinsamen Gestaltens möglich wird.

 

Dieser Kommentar erschien heute zuerst im ZEITChancen Brief.


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Gastkommentar: "Reichlich angestaubter Strategiebegriff"

Wie der Wissenschaftsrat mit seinem Positionspapier "Strategien für die Lehre" von den eigentlichen Baustellen ablenkt. Von Stefan Kühl, Ines Langemeyer, Marcel Schütz und Gabi Reinmann.

Foto: Sean MacEntee: "lecture room", CC BY 2.0

WAS DER FORSCHUNG einen (Geld-)Segen beschert, kann der Lehre nicht schaden. Oder doch? Auch um ihrer Qualität willen soll es nach Auffassung des Wissenschaftsrats „langfristig und systemweit“ initiierte „Strategien für die Hochschullehre“ geben. In seinem aktuellen Positionspapier empfiehlt er zu diesem Zweck das Mittel der „Lehrverfassungen“, welche jede einzelne Hochschule für „ihren regionalen Standort, ihre Größe, ihre unterschiedlichen Zielgruppen, Kooperationspartner oder fachlichen Schwerpunkte strategisch“ selbst entwickelt.

 

Man könnte es dabei belassen, das Papier des Wissenschaftsrates als weiteres Beispiel einer von der Philosophie der unternehmerischen Hochschule inspirierten akademischen Denkschrift zu lesen. Wie es lange Zeit auch in Debatten um Unternehmensentwicklung üblich war, geht es in den Reformdebatten der Hochschulszene lange schon um den bunten Mix strategischer Managementmoden. Expertise sei „zu vernetzen“, „zu verstetigen“ und „mit geeigneten Anreizsystemen strukturell zu unterstützen“. Von „Governance“ ist die Rede, die „Beteiligung ermöglicht, legitime und zugleich zügige Entscheidungen erzeugt und zur Verständigung zwischen den Fächern und Statusgruppen führt“.

 

„Leitbilder“ schweben dem Wissenschaftsrat vor, aus denen ein „strategischer Plan mit den wesentlichen Zielsetzungen für Studium und Lehre“ zu entwickeln ist. Auf Basis einer für alle Dozenten vorgegebenen Lehrverfassung sind von den Fächern „Lehrprofile“ zu erstellen. Wie in einem gut sortierten Produktportfolio stellt man sich die finalen „Bildungsziele eines Studiengangs sowie die angestrebten Kompetenzprofile“ vor. Alles soll „transparent“ und „verbindlich“ werden, denn es gehe um eine „umfassende sichtbare Lehrkultur“.

 

Das scheint auf den ersten Blick recht konsistent. Die Dozenten werden für die Lehrverfassung der Hochschule qualifiziert, künftiges Personal wird gleich direkt über die Passung zum Lehrprofil ausgewählt. Begleitend unterstützt ein „modernes und effizientes Qualitätsmanagement- und Qualitätsentwicklungssystem“. In standardisierter Form sind die Wirkungen der Lehrstrategien „im Rahmen von Qualitätskreisläufen“ zu überprüfen. Damit die Hochschulen das alles ernst nehmen, soll das Erreichen der Ziele an Kennziffern wie Absolventenzahlen und Studierendenzufriedenheit und diese wiederum an eine zentrale Mittelvergabe gekoppelt werden. So soll nicht nur geprüft werden, „ob ein Leitbild für Lehre vorhanden ist, sondern auch, wie dieses mit einem Qualitätsentwicklungssystem für Lehre und der hochschulischen Gesamtstrategie verbunden ist und mit welchen Maßnahmen es in die Praxis übersetzt wird“. Ist es zu gewagt, all dies ziemlich invasiv zu nennen? >>



>> Der Ansatz dahinter ist jedenfalls reichlich angestaubt. Wie in einem Uhrwerk fügen sich Konzepte, Prozesse und Personal ineinander. Aber Organisationen funktionieren genau so gerade nicht – erst recht nicht solche mit dem Zweck der Bildung. In der Organisationsforschung weiß man das lange schon. Die Argumentation des Papiers, so harmonisch und technisch sie erscheint, orientiert sich an einem veralteten Strategiebegriff.

 

Doch mit Strategiemodellen lässt man die Steuerungsherzen im Hochschulmanagement höherschlagen. Denn es wird suggeriert, alles Entscheiden stehe in einem großen geordneten Zusammenhang. Wie schön das wäre, denken sich alle sogenannten Strategen. Leider nur (oder zum Glück) gibt es keine einzige Organisation auf der Welt, in der das nur halbwegs gelänge. Aus der Forschung gleichermaßen in Unternehmen oder Schulen, in Kirchen oder Armeen wissen wir, dass überall das dortige Personal vor allem seine ganz eigenen Praktiken (er-)findet, woraus dann – nach und nach, gemach, gemach! – neue Handlungsweisen, ergo neues Handlungswissen, für die ganze Organisation hervorgehen. Veränderungen verlaufen weitgehend chaotisch und instabil. Überwiegend nachträglich wird daraus ein wohlgeformtes Gewebe gestrickt. Man nennt es dann gern: Strategie. Schon vor über 40 Jahren fand eine Studiengruppe um den US-Managementforscher Michael Cohen heraus, dass in strategischen Entscheidungen nicht so sehr Lösungen für Probleme entwickelt werden; vielmehr werden identifizierte Probleme bereits bestehenden Lösungen zugeordnet.

 

Was wären die Folgen eines strategischen Lehrbetriebs nach Vorstellung des Wissenschaftsrats? Insbesondere werden die Hochschulen ihre Fassadenpolitik weiter optimieren, das heißt eigene sporadische Maßnahmen aufwändig mit Strategierhetorik garnieren. Strategiepapiere zur Lehre nähren im Übrigen ein diffuses Misstrauen in Dozenten. Und das nicht selten ausgerechnet in jene, die unter problematischen Bedingungen zu teilweise – um es freundlich zu formulieren – übersichtlich attraktiven Arbeitsbedingungen ihre Leistungen erbringen.

 

Und sie lenken von tatsächlichen Baustellen der Lehre ab. Gebraucht würden angesichts der Bologna-Verschulung großzügige „Puffer“. Das bedeutet praktisch: Zeit, Geduld und Vertrauen, um Lehrformate auszutesten, die künftig nicht erst auf ihre Verfassungsmäßigkeit abzuklopfen sind. Innovationen verlaufen eben nicht strategisch; sie bilden sich dort, wo Ressourcen im Überfluss verfügbar bleiben, wo man mit verständnisvoller Nachlässigkeit nicht alles und jeden zu kontrollieren und steuern trachtet. Und noch viel mehr als all das verdanken sie sich dem Zufall und einem angstfreien, aber kreativen Klima. Von einer solchen behutsamen Perspektive ist im Papier des Wissenschaftsrates wenig zu sehen. Zur Anregung von Innovationstätigkeit soll das vermeintliche Patentrezept eines Wettbewerbs in der Lehre herhalten. Keine Frage, den Hochschulen in ihrer Lehre Puffer als Innovationsräume zuzugestehen, die diesen Namen tatsächlich verdienen, setzt einigen Mut voraus. Vielleicht übersteigt dieser Mut das Fantasievermögen großer Teile der Wissenschafts- und Hochschulpolitik.

 

Ines Langemeyer und Gabi Reinmann lehren Pädagogik bzw. Hochschuldidaktik an den Universitäten Karlsruhe und Hamburg. Stefan Kühl und Marcel Schütz unterrichten Soziologie bzw. Betriebswirtschaft an den Universitäten Bielefeld und Oldenburg. Eine längere Fassung dieses Artikels ist gestern in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen. Auf Initiative der Autoren veröffentliche ich ihn als Gastkommentar in meinem Blog. 

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"Noch nicht richtig verstanden"

Die Hochschulrektorenkonferenz hat die Idee einer eigenen Organisation für die Lehre in Bausch und Bogen abgelehnt. Die Wissenschaftsratsvorsitzende Martina Brockmeier erklärt, warum die Rektoren ein zweites Mal nachdenken sollten.

Martina Brockmeier. Foto: Alex Schwander
Martina Brockmeier. Foto: Alex Schwander

Frau Brockmeier, am 2. Mai schlägt der Wissenschaftsrat eine „bundesweite eigenständige Organisation“ zur Förderung von Innovationen in der Hochschullehre vor, und nur sieben Tage später sagt die Hochschulrektorenkonferenz (HRK): Nicht mit uns. Ein Affront?

 

Nein, sondern ein Zeichen dafür, dass unser Vorschlag womöglich noch nicht richtig verstanden wurde. Anders als die HRK impliziert, kann es nicht um ein Entweder-Oder gehen. Also entweder eine neue Organisation oder eine auskömmliche Grundfinanzierung der Hochschulen. Wer unser Positionspapier liest, aber auch zahlreiche Stellungnahmen des Wissenschaftsrates aus früheren Jahren, findet darin immer wieder dasselbe Plädoyer: Die Hochschulen müssen natürlich auskömmlich finanziert werden. Natürlich müssen sie dann auch dafür sorgen, dass genug von dem Geld in die Lehre hineinfließt. Aber all das ist, wenn Sie so wollen, nur die Grundvoraussetzung oder „Pflicht“. In unserem Papier „Strategien für die Hochschullehre“ sprechen wir auch von der „Kür“.

 

Und die Kür ist eine Deutsche Lehrgemeinschaft?

 

Wir verwenden diesen Begriff bewusst nicht, weil wir unseren Vorschlag möglichst offen formulieren wollten. Wir verstehen ihn im Sinne eines Prüfauftrags an Länder und Bund – zu ermitteln, ob und in welcher Form eine eigenständige Organisation zur Förderung innovativer Lehrkonzepte für die Lehre funktionieren könnte. Ich persönlich finde, eine solche Organisation wäre eine wunderbare Sache.

 

Warum finden viele Rektoren das nicht?

 

Ich möchte dazu nur folgendes sagen: In der Forschung funktioniert der Wettbewerb und wird von den meisten als qualitätsförderlich anerkannt. Warum sprechen wir der Lehre die gleiche Logik ab? Mit einer ausreichenden Grundfinanzierung als Basis würde doch keiner gezwungen, Anträge zu stellen, sondern die Organisation wäre ein Angebot an diejenigen, die sich besonders für neue Lehrprojekte und Ideen begeistern können.

 

Das gleiche wurde einst auch in der Forschung gesagt. Und heute muss jeder, der in der Forschung etwas auf die Beine stellen will, einen Projektantrag nach dem anderen stellen.

 

Nochmal: Darum gehören eine angemessene Grundfinanzierung und Programmförderung ja zusammen. Ich glaube, eine eigenständige Organisation für die Förderung innovativer Hochschullehre wäre eine großartige Möglichkeit für alle, die das wollen, sich zu vernetzen und neue Lehrkonzepte über Hochschul- und Fächergrenzen hinweg auszutauschen und auszuprobieren. In der Forschung ist eine derartige Vernetzung die Grundlage allen Arbeitens, in der Lehre aber fehlt sie uns bislang fast völlig.

 

Sie fragen, warum man der Lehre nicht die gleiche Förderlogik zugesteht wie der Forschung. Vielleicht, weil wir in der Forschung anerkannte Qualitätskriterien haben, in der Lehre aber nicht?

 

Das stimmt doch so auch nicht. Die Evaluation von Forschungsleistungen anhand von Publikationsindizes und Zitationen, auf die Sie anspielen, stößt in vielen Fächern längst an ihre Grenzen. Richtig ist aber, dass uns in der Hochschullehre die Kriterien fehlen, um ihre Qualität angemessen beschreiben zu können. Und dass es sicherlich nur ein Einstieg in einen Dialog ist, die Studierenden zu fragen, wie ihnen eine Vorlesung gefallen hat. Aber ist das ein Argument gegen die Organisation, die wir vorschlagen? Ich würde sagen, es ist ein Argument dafür. Denn bislang führen wir die Diskussion darüber, wie wir gute Lehre messen können, nirgendwo strukturiert. Wenn uns eine ergebnisorientierte Bewertung von Hochschullehre gelänge, wäre das ein zusätzlicher Gewinn einer neuen Organisation.

 

Sie wollen den Begriff „Deutsche Lehrgemeinschaft“ nicht in den Mund nehmen, um keine Vorfestlegung zu treffen. Machen Sie dadurch die Idee nicht so abstrakt, dass sie leicht kaputtzureden ist?

 

Man kann das auch andersherum sehen. Wenn wir alles ausbuchstabiert hätten, könnte man uns mit Recht vorwerfen, keine ergebnisoffene Diskussion zu führen. Eine Lehrgemeinschaft legt eine eigene Governance nahe, aber „eine eigenständige Organisation“ wäre durchaus auch innerhalb einer bereits bestehenden Institution denkbar.

 

Als eigene Förderabteilung in der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG)?

 

Das ist eine unwahrscheinliche Alternative. Denn erstens müsste jede Institution, an die wir eine neue Organisation andocken wollten, dem erstmal zustimmen. Und zweitens möchte ich wirklich keine Vorfestlegungen.

 

Ist die Diskussion wirklich so ergebnisoffen, wie Sie behaupten? Müssten Sie nicht ganz klar sagen, dass die Idee nur funktioniert, wenn die Politik sich aus der Organisation raushält?

 

Wir sprechen im Positionspapier von einer „eigenständigen“ Organisation. Und eigenständig bedeutet für mich: wissenschaftsgeleitet. In der Begutachtung und Bewilligung von Lehrprojekten darf es keinen Länderproporz geben.

 

Im Positionspapier tauchen mit „Lehrverfassung“ und „Lehrprofile“ erneut Begriffe auf, die der Wissenschaftsrat seit 2015 zu prägen versucht. Trotzdem könnte man den Eindruck bekommen, als hätten selbst viele Prorektoren für Studium und Lehre bislang nicht verstanden, was Sie damit meinen.

 

In der Tat gibt es da Unschärfen in der öffentlichen Wahrnehmung. Mitnichten regen wir an, den Lehrenden irgendwelche praxisfernen Vorschriften von oben zu machen. Was wir uns wünschen, ist eine wirklich grundlegende Debatte, die die ganze Hochschule mit einbezieht und in der sich am Ende dann auch alle auf gemeinsame Ziele verpflichten. Das wäre die gemeinsame Lehrstrategie, und eine Lehrverfassung wird daraus nicht im juristisch einklagbaren Sinne, sondern als eine Maxime, zu der sich die Mitglieder der Universität bekennen.

 

Und was ist dann das Lehrprofil?

 

Das Lehrprofil bricht die Verfassung auf die einzelnen Studiengänge herunter. Nicht im Sinne irgendwelcher Lehrinhalte, die vorgegeben werden, sondern im Sinne eines gemeinsamen Grundverständnisses dessen, welche Kompetenzen die Studierenden mitbekommen sollen und welche Lehrformate und –methoden dabei besonders helfen können.   

 

Ob Lehrverfassung, Lehrprofile oder ihre „eigenständige Organisation“: Im Grunde geht es immer um dasselbe: um eine strategische Aufwertung der Lehre. Ist das vielleicht der Grund für den heftigen Widerstand? Weil festgefügte Hierarchien an den Hochschulen sich verschieben könnten?

 

Das kann und möchte ich nicht bewerten. Aber natürlich haben Sie Recht: Es geht um die verdiente und ihr lange vorenthaltene Wertschätzung der Lehre. Dass da mancher die Sorge hat, ihm werde von oben etwas aufoktroyiert, kann ich nachvollziehen, muss aber gleichzeitig entgegenhalten: Noch viel mehr als Forschung ist die Lehre eine Gemeinschaftsaufgabe aller an den Hochschulen und wesentliches Element für die Nachwuchsförderung. Eine Forschungsstrategie wird an einer Hochschule ohne Probleme diskutiert und akzeptiert. Doch wenn von einer Strategie für die Lehre die Rede ist, reagieren die Leute anders. Das sollte nicht so bleiben.

 

Die Debatte um eine Deutsche Lehrgemeinschaft ist vor sechs Jahren schon einmal versandet. Warum sollte das diesmal anders werden?

 

Weil erstens unser Vorschlag inhaltlich ein anderer ist. Und zweitens, weil es ein neues Gelegenheitsfenster gibt. Der Qualitätspakt Lehre läuft aus, und eine eigenständige Organisation für die Förderung innovativer Lehre wäre eine fast schon logische Folge, um die Paktmittel weiter sinnvoll einzusetzen. Ich weiß, dass einige die Hoffnung haben, die Förderung ihrer Projekte durch den Qualitätspakt könnte verstetigt werden. Aber das war nie die Idee. Das Ziel muss sein, die Mittel dauerhaft für einen Wettbewerb um innovative Formate zu sichern, damit die Reputation der Lehre zu erhöhen und einen Transfer ausgezeichneter Projekte an andere Hochschulen zu ermöglichen.    


DIE IDEEN DES Wissenschaftsrates zu "Strategien für die Lehre" polarisieren nicht nur, sie schieben auch eine überfällige Debatte an – und fördern die Kreativität. So haben die Mitglieder im 

Expertennetzwerk "Lehre hoch n" gleich eine ganze Website gestaltet: "Vorbild Pusteblume: Was Lehre vom Löwenzahn lernen kann".  Sehr sehens- und lesenswert.


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Wenn das Ideologie sein soll, dann bitte mehr davon!

Die rot-grüne Niederlage in NRW mag viele Gründe haben. Einige mögen sogar in der Schulpolitik liegen. Falsch würde sie dadurch nicht.

Website des NRW-Volksbegehrens "G9 jetzt!" (Screenshot)
Website des NRW-Volksbegehrens "G9 jetzt!" (Screenshot)

ULF POSCHARDT WEISS, warum SPD und Grüne die Wahl in Nordrhein-Westfalen verloren haben. Als „wäre es nicht schlimm genug“, schreibt der WELT-Chefredakteur, „dass dem Innen- und Wirtschaftsminister mehrere Patzer unterliefen, kamen auch noch die Ungeschicklichkeiten der grünen Vizeministerpräsidentin und Bildungsideologin dazu.“

 

Worin genau diese Ungeschicklichkeiten bestanden und was die grüne Schulministerin Sylvia Löhrmann zur Ideologin machte, sagt Poschardt nicht. Das „Sie wissen schon“ steht auch so deutlich zwischen den Zeilen: Inklusion, Vernachlässigung des Gymnasiums, solche Sachen. Ach, ja: Und G8.

 

Die Ideologie der Sylvia Löhrmann hätte dann wohl unter anderem darin bestanden, dass sie nicht einfach widerstandslos zu G9, also zum neunjährigen Gymnasium, zurückkehren wollte, sondern die Schulzeitverkürzung lange verteidigt hat.

 

Und das Gegenteil von Ideologie wäre demnach, wenn man wie der CDU-Spitzenkandidat in Schleswig-Holstein, Daniel Günther, nur drei Monate vor der Wahl von einem Tag auf den anderen verspricht, G8 wieder abzuschaffen – ohne stichhaltige Begründung, nur weil das gerade besser ankommt.

 

Erst vergangene Woche hat das Kieler Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften (IPN) übrigens eine Meta-Studie veröffentlicht, derzufolge G8 und G9 zu identischen Lernergebnissen führen, aber auch zu ähnlichen Stresslevels. Eine Rückkehr zu G9, sagte IPN-Chef Olaf Köller im Deutschlandfunk, biete keine positiven Folgen. Köller ist nicht der erste Bildungsforscher, der zu diesem Ergebnis kommt, aber seine Untersuchung war besonders umfangreich.

 

Ist es ideologisch, wenn sich eine Politikerin im Einklang mit der Bildungsforschung weigert, für ein paar Wählerprozente eine erneute Großreform (und das wäre die Rückabwicklung von G8) auf die Schulen loszulassen? In diesem Falle sollten wir den Begriff „Ideologie“ nochmal neu diskutieren. Wenn überhaupt, so kann man Löhrmann vorwerfen, dass sie im vergangenen Herbst dann eben doch „individuelle Lernzeiten“ angekündigt hatte, was auf ein Nebeneinander von G8 und G9 an jeder Schule und viel Unruhe hinausgelaufen wäre. Löhrmanns ungeschickter Versuch, G8 zu retten.

 

Aufschlussreich ist übrigens, dass auch der CDU-Spitzenkandidat in NRW, Armin Laschet, im Gegensatz zu Günther keinen totalen Sprung zurück versprochen hatte, sondern ein Nebeneinander von „funktionierenden“ G8-Schulen und Gymnasien, die zu G9 zurückkehren – aber eben immer nur auf freiwilliger Basis.

 

Noch aufschlussreicher ist, dass die saarländische CDU-Ministerpräsidenten Annegret Kramp-Karrenbauer vor der Landtagswahl im März sagte, die Frage von G8 oder G9 sei „kein Thema, bei dem man eben mal kurz vor der Wahl seine Meinung ändern kann.“ Und das, nachdem ihr die später unterlegene SPD-Spitzenkandidatin Anke Rehlinger im TV-Duell gerade „den G8-Murks“ vorgeworfen hatte.

 

Im Ergebnis ist die Haltung zu G8 also offenbar viel weniger eine Frage von Parteizugehörigkeit und Ideologie als von politischer Gradlinigkeit und des Vertrauens in Forschungsergebnisse. Wie lautete doch gleich die Empfehlung von IPN-Forscher Köller: „Nicht mehr... G8 und G9 Wahlkampf zu betreiben.“

 

Kehren wir nochmal kurz zurück zu Ulf Poschardt und seiner Botschaft zwischen den Zeilen. Ja, es ist richtig, dass Sylvia Löhrmann zu einer der engagiertesten Befürworterinnen der Inklusion zählt. Doch ist die Umsetzung einer in Deutschland lange vernachlässigten UN-Behindertenrechtskonvention ein Akt der Ideologie? Vielleicht muss man es häufiger sagen: Deutschland ist nicht überehrgeiziger Vorreiter in Sachen Inklusion, sondern hinkt anderen Industriestaaten meilenweit hinterher. Gut gemachte Inklusion geht, aber sie kostet viel Geld. Womit wir beim eigentlichen Versäumnis der abgewählten rot-grünen Landesregierung wären: Sie wollte das richtige, aber in der Finanzierung dieses Richtigen fehlte ihr die Konsequenz.

 

Hier kann die neue, voraussichtlich von Armin Laschet geführte NRW-Regierung nachlegen. Seine diesbezüglichen Äußerungen sind allerdings widersprüchlich. Er und seine Partei seien immer für Inklusion gewesen, „auch aus dem christlichen Menschenbild heraus“ sagte Laschet in der Kölnischen Rundschau – sehr ideologisch im Sinne Poschardts. Doch, so Laschet, die Inklusion sei von Rot-Grün mit der Brachialgewalt eingeführt worden. Man habe Förderschulen geschlossen, aber nicht die Lehrer- und Sozialpädagogen mitgeliefert.“ Deshalb wolle er den Inklusionsprozess vorerst aufs Eis legen – aber nur solange, bis „das nötige Personal, Geld und Fortbildungsangebote da sind.“

 

Moment, will man dem Ministerpräsidenten in spe zurufen: Das mit dem Geld, das kannst doch du jetzt regeln. Wenn du es also ehrlich meinst mit deiner Befürwortung von Inklusion und nicht nur mit ihrem Aufs-Eis-Legen, dann los. In dem Fall dürfte Sylvia Löhrmann ganz unideologisch die Daumen drücken.

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"Es kommt der Tag, da will die Säge sägen"

Max-Planck-Vizepräsident Ferdi Schüth ist der Kopf hinter den Max Planck Schools. Im Interview antwortet er auf die harsche Kritik der Universitäten und verrät, wie genau die Schools funktionieren sollen.

Herr Schüth, die Max-Planck-Gesellschaft will die Wissenschaftswelt mit einer, wie Sie sicherlich gleich sagen werden, großartigen Idee beglücken. Die Gründung so genannter Max Planck Schools. Und was macht die Wissenschaftswelt: Sie mäkelt an sämtlichen Details herum. Nervt Sie das?

 

Also ich erlebe das anders. Die Leute, mit denen ich spreche, sagen fast ausnahmslos: Das ist ein super Einfall, ein tolles Konzept, bottom up von der Wissenschaft her gedacht, organisationsübergreifend. Die wissenschaftliche Exzellenz ist in Deutschland über das ganze Land verteilt. Top-Forscherinnen und Forscher sind bei Max-Planck und genauso an Universitäten oder bei anderen Forschungsorganisationen. Wir bringen mit unserer Initiative alle diese Leute zusammen, damit sie gemeinsam eine Strahlkraft entwickeln, wie sie eine Forschungsorganisation, eine Universität allein in Deutschland nie haben könnte. Mit dieser Strahlkraft schaffen wir es zum ersten Mal, mit Harvard, Berkeley oder Cambridge um die talentiertesten Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler konkurrieren zu können. Alle sind von dem Konzept begeistert. Die Kritik, wenn sie uns begegnet, setzt allein bei der Umsetzung an. 

 

Kürzlich hat die German U15, in dem sich 15 der größten deutschen Universitäten verbunden haben, einen Brief an Bundesministerin Johanna Wanka geschrieben. Schon der Name der Schools sei der falsche, schrieben die Rektoren. Außerdem berge das aktuelle Konzept die Gefahr, dass das Promotionsrecht der Universitäten schleichend ausgehöhlt werde. Hat Sie die Kritik auf dem falschen Fuß erwischt?

 

Inhaltlich nicht. Dass die Rektoren ihren Brief gleich an die Ministerin geschickt haben, schon eher. Es ist ja nicht so, dass wir nicht mit allen Beteiligten seit Wochen im Gespräch sind. Die Bedenken an sich hatte uns die U15 auch in einem langen persönlichen Gespräch mitgeteilt. Übrigens erfahren wir aus dem anderen großen Universitätsverbund, der TU9, eine deutlich stärkere Zustimmung für unser Konzept.

 

Den Namen Max Planck Schools finden aber auch die anderen außeruniversitären Forschungsorganisationen wenig amüsant. Wenn der bleibt, machen wir nicht mit, sagen einige hinter vorgehaltener Hand.

 

Wir haben den Namen deshalb doch längst angepasst. Er lautet jetzt: "Max Planck Schools – a joint initiative between leading German universities and the German research organizations".

 

Ein bisschen lang, oder? >>



 >> Dafür ist er nun integrativer. Er drückt aus, was die Schools sind. Keine Max-Planck-Nummer, sondern eine Aktivität des gesamten Wissenschaftssystems. 

 

Die Leute lesen doch trotzdem nur „Max Planck“.

 

Machen Sie einmal eine Umfrage, auch gern unter den Präsidenten der anderen Wissenschaftsorganisationen, wie diejenige deutsche Wissenschaftsmarke heißt, die weltweit am etabliertesten ist. Welche Marke also international am stärksten für höchste wissenschaftliche Qualität steht. Die werden alle „Max Planck“ antworten. Ob sie nun darüber glücklich sind oder nicht. Es wäre daher geradezu fahrlässig, diese Marke nicht als Werbeträger zu nutzen, wenn wir die Schools von Anfang an international sichtbar machen wollen. Wir können nicht erst ein paar Jahre darauf verwenden, einen unbekannten Namen international hochzupäppeln.

 

Das heißt, die anderen Forschungsorganisationen müssen den Namen schlucken. Und auch die Universitäten der U 15, die es in ihrem Brief als „nicht denkbar bezeichnen“, dass ihre besten Leute ihre Doktoranden künftig „in einer Struktur betreuen und promovieren, die durch ihren Namen ausschließlich mit der MPG verbunden ist“.

 

Unabhängig von der Zahl der Max-Planck-Forscher an einer School ist der Name immer noch ein Markenvorteil.

 

Frau Wanka argumentiert ähnlich. Ist das ein Trostpflaster für die Max-Planck-Gesellschaft, weil die Ministerin Ihre Idee ansonsten gekapert hat?

 

Der Name der Schools ist für uns nicht nur Ehre; diesen als Aushängeschild für das deutsche Wissenschaftssystem zu nutzen, birgt natürlich auch Risiken. Und gekapert hat Frau Wanka gar nichts. Wir hatten von Anfang den Plan, herausragende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus allen Universitäten und Forschungseinrichtungen an den Schools zu beteiligen. Es wäre auch verrückt, die Schools auf die Max-Planck-Gesellschaft zu beschränken, wenn wir wirklich die besten Forscherinnen und Forscher dabei haben wollen, um auch die besten Studierenden aus aller Welt anzuziehen. Übrigens ist die Idee nicht in der Max-Planck-Leitung entstanden, sondern wurde von den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern selbst vorangetrieben und irgendwann an uns herangetragen. Von Forschern aus der Max-Planck-Gesellschaft und von außerhalb. Hier ist die Wissenschaft ganz klar initiativ geworden, und Frau Wanka unterstützt das.

 

Sie wollen Wissenschaftler aus allen Organisationen dabei haben, aber Sie wollten am Anfang nicht alle Organisationen in der Governance der Schools. Das hat Ihnen erst Frau Wanka verordnet.

 

Weil es nicht ausschlaggebend ist, ob ein guter Forscher oder eine gute Forscherin bei Helmholtz, Leibniz oder Max Planck ist. Aber wir haben nichts dagegen, dass die Organisationen sich auch in der Kommission beteiligen, die über die Auswahl der Schools entscheidet. Übrigens ist das Wort „Governance“ arg übertrieben. Die Schools werden ja keine rechtsfähigen Einheiten, sondern die beteiligten Forscher bleiben immer Teil ihrer Universität oder ihres Forschungsinstituts. 

 

Die Entscheidungen sollen in derselben Kommission fallen, die auch bislang über die lokalen International Max Planck Research Schools (IMPRS) entscheidet. Wo ist denn da die Augenhöhe mit den Partnern, von der Sie gern reden?

 

Die IMPRS-Kommission besteht bislang aus sechs Mitgliedern, drei werden von der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) bestimmt, drei von uns. Wir erweitern sie um drei Mitglieder, damit auch Helmholtz, Fraunhofer und Leibniz eine Stimme haben.

 

Jeweils eine Stimme, während Max Planck drei hat.

 

Die Initiative ging nun einmal von Max Planck aus. Außerdem sind die Schools, wie sie im Moment angelegt sind, stark grundlagenforschungsorientiert. Und das ist die wesentliche Mission der Max-Planck-Gesellschaft. Insofern sollte diese Verteilung in Ordnung sein.

 

Geht auch in Ordnung, dass Max Planck mit den Schools den Universitäten das Promotionsrecht streitig macht?

 

In jedem Papier, das wir zu den Schools formuliert haben, steht der gleiche Satz: Die MPG strebt kein Promotionsrecht an. Punkt. 

 

Warum glauben die Universitäten Ihnen das nicht?

 

So pauschal würde ich das nicht sagen. Das steht so auch nicht im Brief der U15.

 

Da steht drin, die Promotion sei Angelegenheit der Universitäten und müsse es bleiben.

 

Und das wird sie.

 

Woher kommt dann das Misstrauen?

 

Womöglich gibt es da noch Reflexe aus vergangenen Zeiten. Institutionelle Gedächtnisse haben eine lange Verfallszeit. Und zugegebenermaßen hat es in der Vergangenheit ja durchaus immer wieder Diskussionen um das Promotionsrecht auch für außeruniversitäre Forschungseinrichtungen gegeben. 

 

Das ist noch untertrieben. Als die MPG und die Universität Mainz 2008 ankündigten, ein gemeinsam getragenes "Graduate Center" solle eigenständig Nachwuchswissenschaftler promovieren, warnte der damalige TU9-Präsident und heutige HRK-Präsident Horst Hippler vor einem "Ausverkauf der Universitäten". Bundesweite Proteste führten dazu, dass die Pläne in letzter Minute modifiziert wurden.

 

Die Zeiten haben sich geändert. Wir würden heute nicht mehr so handeln. Es gibt inzwischen hervorragende Beziehungen zwischen Max-Planck-Wissenschaftlern und Universitäten an so vielen Standorten. Wir sind offen für Kooperation und haben das in den vergangenen Jahren an vielen Orten bewiesen. Die MPG kann nur in einem Ökosystem florieren, in dem es auch den Universitäten gut geht. Deren Stärke, nicht ihre Schwächung, liegt in unserem ureigenen Interesse. Gerade Max-Planck-Direktorinnen und Direktoren sagen uns: Macht uns die guten Kontakte zu den Universitäten und das aufgebaute Vertrauen bloß nicht kaputt, indem ihr jetzt das Promotionsrecht fordert. Wir wollen uns jetzt mit der neuen Initiative noch mehr öffnen und gemeinsam die besten künftigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nach Deutschland holen.

 

Die U15 kritisieren, die MPG werde mit dem Konzept der Schools Druck auf die Universitäten ausüben und die Promotionskultur so verändern, dass am Ende Abschlüsse, die nicht im Rahmen von Max Planck Schools erworben werden, weniger wert sein könnten.

 

Die Rede ist von so genannten Fast Track-Promotionen, bei denen Studierende direkt nach dem Bachelor-Studium ihr Promotionsstudium beginnen. In der Tat wollen wir den Fast Track fördern, weil bei den neugierigsten und engagiertesten Leuten die Weichen für eine wissenschaftliche Karriere meist schon zu einem so frühen Zeitpunkt gestellt werden. Wenn wir sie da nicht abholen, sind sie weg, gehen in die USA oder nach Großbritannien. Aber natürlich werden wir Fast Track-Optionen nur in Absprache mit den Universitäten anbieten.

 

Und alle anderen Promotionsprogramme sind dann zweiter Klasse?

 

Es gibt viele jungen Menschen, die sich bewusst gegen den Fast Track entscheiden. Tatsächlich sehe ich Vorteile bei beiden Modellen: dem Einstieg in die Promotion schon nach dem Bachelor wie auch erst nach der klassischen Masterphase. Und beides wird an Max Planck Schools möglich sein, das verordnen nicht wir von oben herab, sondern das wird im Konzept jeder einzelnen School von den beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern entschieden werden.

 

Viele Hochschulrektoren, und längst nicht nur die zur U15 gehörenden, regen sich auch über den Zeitplan auf. Bis 15. Mai läuft die Ausschreibung, bei der sich laut Ihrem Konzept „interessierte Initiativen“ mit einer kurzen Beschreibung ihrer School-Idee bewerben können. Völlig illusorisch, so die Kritik – und unfair dazu, weil so schnell nur vorher verabredete Beutegemeinschaften eine Chance hätten.

 

Diese Kritik nehmen wir ernst, und wir haben jetzt reagiert, indem wir den Zeitplan gestreckt haben. Die neue Deadline ist der 1. Juli, so dass den Forschern mehr Zeit bleibt. Ziel ist, dass wir dann in der Auswahlkommission bis Ende Juli eine Entscheidung über die ersten drei Schools treffen können. Und der Begriff „Beutegemeinschaft“ trifft bei den Schools nicht zu: Max-Planck intern etwa sind die Schools finanziell nicht incentiviert, die intern reservierten Mittel decken lediglich die zusätzliche Lehr-Infrastruktur etc. ab.

 

Sechs Wochen mehr Zeit, immerhin. Aber warum nicht sechs Monate?

 

Wie Sie wissen, finden im September Bundestagswahlen statt. Bis sich eine neue Regierung formiert hat, ist das Jahr faktisch zu Ende. Das heißt, wenn wir die Schools nicht bis zum Sommer auf den Weg bringen, liegen sie auf Eis, mindestens bis Mitte nächsten Jahres, und das wäre noch optimistisch gerechnet.

 

Ja, und?

 

Dafür ist uns unser Konzept ehrlich gesagt zu schade. Im Moment herrscht noch Dynamik. Die Forscherinnen und Forscher formieren sich zu gemeinsamen Verbünden, die wollen anfangen, und genau dieses Momentum dürfen wir nicht ausbremsen. Ich glaube auch, dass wir auf einem guten Weg sind, um die noch vorhandenen Bedenken auszuräumen. Und wenn nichts Anderes hilft, planen wir am Ende eben doch nur mit internen Verbünden, aber der Nutzen für das Wissenschaftssystem wäre dann natürlich geringer. Im Übrigen sollte man die Kirche mal im Dorf lassen. Wir planen gerade die Pilotphase. Wobei der Ausdruck Explorationsphase eigentlich besser passt, denn bei einem Piloten weiß man in der Regel, wo die Reise hingeht. Wir aber wollen überhaupt erst herausfinden, ob wir uns auf die Reise machen sollen. Wir reden dabei von gerade einmal drei Schools und nicht von einer flächendeckenden Ausschreibung. Das muss doch zu schaffen sein in den nächsten paar Monaten.

 

Viele befürchten, Sie wollen jetzt schnell Tatsachen für die endgültige Architektur der Schools schaffen.

 

Eben genau das nicht. Top down-Programme gibt es schon ausreichend im System. Wir starten nicht mit einem fertigen Konzept, wir meißeln nichts in Stein. Wir wollen aus der Wissenschaft heraus initiativ sein und sehen, was wie funktioniert und welche Voraussetzungen wir schaffen müssen, falls wir in vielleicht fünf Jahren die Idee der Schools über weitere Fächer und Forschungsfelder, also systemweit, ausbauen.

 

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) will für die universitären Partner neun Millionen Euro pro Jahr bereitstellen, auf fünf Jahre.

 

Die 60 universitären „Fellows“, so nennen wir die beteiligten Forscher, erhalten jeweils 100.000 Euro pro Jahr, ihre Fakultäten weitere 50.000 Euro, um das Ausstattungsgefälle zwischen Universitäten und den außeruniversitären Forschungsorganisationen auszugleichen. Mit dem Geld sollen die Fellows möglichst frei agieren können, ob sie nun ihre Doktorandinnen und Doktoranden davon bezahlen oder notwendige Lern-Infrastrukturen an den Universitäten einrichten helfen. Denn klar ist: Wenn man dezentrale Schools hat, wird das Thema Fernlehre wichtig, die Fellows benötigen für ihre Studierenden Seminarräume, wo interaktives Lernen über Distanz möglich ist. Einige Universitäten haben das, aber viele eben auch nicht. 

 

Max Planck muss seinen Anteil dagegen selbst finanzieren. Was ist Ihnen eigentlich der Spaß wert?

 

Wir rechnen etwa mit denselben Kosten, wobei die eine Hälfte aus zentralen Mitteln der MPG, die andere Hälfte von den beteiligten Institutsdirektoren selbst aufgebracht werden sollte. Die Überlegung ist, dass unsere Direktorinnen und Direktoren etwa die Kosten für die Arbeitsverträge für ihre beteiligten Masterstudierenden und Doktoranden tragen. Die MPG wiederum würde die Kosten für Onlinekurse, aber auch für Reisen und die Unterbringung bei den Blockseminaren übernehmen. Auch alle weiteren außeruniversitären Forschungsorganisationen müssten selbst zahlen und werden sicherlich ähnlich kalkulieren. Auf jeden Fall gibt es keinen gemeinsamen Topf, in den erstmal alle einzahlen.

 

Gehen wir mal von 120 Fellows insgesamt aus, 40 pro School. Werden die dann schön proportional und analog zur Stimmengewichtung in der Auswahlkommission aus Universitäten, Max Planck und den anderen außeruniversitären Einrichtungen stammen?

 

Wissenschaft funktioniert nicht nach Gesetzen des Proporzes, sondern der Exzellenz. Um das ganz deutlich zu sagen: Wenn da Proporz anfängt, stellen wir die Aktivität sofort wieder ein. Die einzige feststehende Größe ist, dass beim BMBF über alle drei Schulen hinweg für 60 Fellows Mittel beantragt werden sollen, das kann pro Schule aber ganz unterschiedlich aussehen.

 

Von wie vielen Studierenden pro School reden wir eigentlich?

 

Das ist extrem feldabhängig, aber als Mittelwert erwarten wir etwa 60 Studierende pro School und Jahrgang. Also auf fünf Jahre gerechnet 250 bis 300 Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler pro School. Für deren Bezahlung reichen natürlich die 100.000 Euro pro Fellow nicht. Wir gehen deshalb davon aus, dass der eine oder die andere Studierende anders finanziert werden wird – was völlig in Ordnung ist, solange die Qualität stimmt. 

 

Und die übrigen sind quasi Angestellte der Schools?

 

Nein, sie sind dort angestellt, wo sie tätig sind. An den Universitäten oder den außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Wir lösen keine Strukturen auf, sondern schaffen ein darüber liegendes Netzwerk.

 

Klingt schön egalitär – mit dem Schönheitsfehler, dass die Universitäten das Geld nicht direkt vom BMBF bekommen sollen, sondern von der Max-Planck-Gesellschaft. 

 

Die Mittel werden ein reiner Durchlaufposten für uns sein. Uns wäre es lieber, das BMBF würde die Mittel selbst verteilen,  denn wir wollen ja eben nicht systemübergriffig werden und schon gar nicht über die Strukturen an den Universitäten entscheiden. Insofern hoffen wir, dass wir nach der Pilotphase eine andere Finanzierungsform finden können, möglicherweise auch über die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) – die übrigens zu 100 Prozent hinter dem Grundkonzept und seinen Zielen steht.

 

Einige Wissenschaftsminister beschweren sich, angesichts einer so tiefgreifenden Veränderung für die Universitäten und den vorgesehenen Finanzierungsströmen hätten die Länder schon längst offiziell in die Beratungen einbezogen werden müssen. Tatsächlich hat das bislang offenbar weder das BMBF noch die MPG für nötig gehalten.

 

Bundesministerin Wanka ist bereit, die Schools in einer Pilotphase mit Bundesmitteln zu finanzieren. Es gibt diese Woche eine Sitzung der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz, auf der will das BMBF die Pläne den Ländern offiziell vorstellen. Aber natürlich hat es schon jede Menge inoffizielle Gespräche mit Landesministerinnen und -ministern gegeben. Sollte die Initiative erfolgreich sein, werden selbstverständlich die Länder in weiteren Fragen der Konkretisierung einbezogen.

 

Andere Landesminister denken schon darüber nach, wie sie eine der Schools zu sich ins Land holen können.

 

Was ein Widerspruch in sich wäre. Die Schools werden in allen Bundesländern und in keinem sein. Sie haben keinen Sitz, sondern nur eine einzige Geschäftsstelle, und die wird zunächst in der MPG-Generalverwaltung angesiedelt sein. Aber sicherlich auch das nur, solange die Pilotphase läuft. 

 

Sie sagen, ein fester Ort für eine School wäre ein Widerspruch in sich. Aber brauchen die Fellows und die Studierenden nicht doch einen festen Ort, einen Anlaufpunkt, um sich mit der School zu identifizieren?

 

Sicherlich werden alle Fellows und Studierenden regelmäßig zusammenkommen, bei sogenannten Retreats zum Beispiel. Es ist ja nicht so, dass es dafür keine Vorbilder gibt. Jede Graduiertenschule einer Universität funktioniert so. Da trifft man sich dann eben jeweils für ein paar Tage in einem Seminarhotel, Gästehaus oder an einem Universitätsstandort, wo mehrere Fellows angesiedelt sind. Bei den Masterstudierenden wiederum könnte ich mir vorstellen, dass sie die ersten drei Monate im Block gemeinsam absolvieren. Aber auch dafür braucht man kein festes Gebäude für die Schools. Und nach den drei Monaten ziehen sie weiter von Station zu Station, lernen unterschiedliche Einrichtungen und Fellows kennen und finden so die Betreuerin oder den Betreuer für ihre Doktorarbeit.

 

Die Studierenden werden also viel reisen: zwischen Kiel, Konstanz oder Frankfurt/Oder?

 

In der Masterphase ja. Während der Promotion nicht zwingend, da haben sie ja schon den Professor oder die Professorin gefunden, bei der oder dem sie arbeiten möchten.  

 

Ein unstetes Leben zwischen den Wissenschaftsmetropolen: Viele wird das abschrecken.

 

Es ist genau anders herum. Die Botschaft an die jungen Menschen in der ganzen Welt lautet: Du hast die Chance, zum Master nach Deutschland zu kommen und verschiedene Orte kennenzulernen. Du bekommst die Gelegenheit, mit drei oder vier Top-Forscherinnen und -forschern etwas länger zusammenzuarbeiten und dann zu schauen: Mit welchem von den vier möchtest du am liebsten deine Dissertation angehen? Das ist einzigartig. Damit erreicht man sicher nicht alle. Aber man kriegt einen Typ Mensch, von dem ich glaube, dass er offen, interessiert und engagiert für die Wissenschaft ist. Eine Max Planck School wird kein Ort sein, sondern eine Gemeinschaft der Köpfe, der Lehrenden, die sich in ihr zusammenschließen, und für diese Gemeinschaft entscheiden sich die Studierenden. 

 

Wann soll die erste Kohorte an den Start gehen?

 

Nachdem wir unseren Zeitplan jetzt gestreckt haben, gehen wir von der ersten Hälfte 2018 aus. Um das nochmal ganz klar zu sagen: Wir haben das Gefühl, viele der Bedenken aufgenommen zu haben.

 

So haben Sie sich zum Beispiel davon verabschiedet, die drei Schools schon mit dem gebührenden Pomp bei der Max-Planck-Jahrestagung im Juni vorstellen zu können – auch so eine Vorstellung, die einige in den anderen Wissenschaftsorganisationen nicht so witzig gefunden hätten.

 

Das war ehrlich gesagt mit am unwichtigsten für uns. Aber was stimmt: Eigentlich müssten jetzt alle mit dem veränderten Konzept leben können. Natürlich werden nie alle zu 100 Prozent zufrieden sein. Aber lasst uns doch jetzt erst einmal loslegen. Oder wie der Ruhrgebietler sagt: Es kommt der Tag, da will die Säge sägen.

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Gute Idee und dickes Aber

Die German U15 haben einen Brandbrief an Johanna Wanka geschrieben: Sie fürchten, die geplanten Max Planck Schools könnten das Promotionsrecht aushöhlen – und der Zeitplan sei "illusorisch". Jetzt reagiert die Max-Planck-Gesellschaft.

Foto: Max-Planck-Generalverwaltung in München
Foto: Max-Planck-Generalverwaltung in München

DIE ANSAGE DER Ministerin war deutlich. „Max Planck hat international die größte Strahlkraft", sagte Johanna Wanka (CDU), als sie im März hier im Blog die Gründung von drei neuartigen Max Planck Schools ankündigte. "Das müssen alle akzeptieren.“ Das mit dem Akzeptierenmüssen ist allerdings so eine Sache. Viele Hochschulrektoren stören sich nicht nur an dem Namen, sie fürchten auch den Druck, den die neuen Schools auf ihre eigenen Promotionsprogramme ausüben könnten. 

 

Worum es im Kern geht: Schon 2015 hatte Martin Stratmann, Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, bei deren Jahresversammlung vorgeschlagen, MPG-Direktoren und herausragende Universitätsprofessoren sollten sich in überregionalen Max Planck Schools zusammentun, nicht zu verwechseln mit den 60 thematisch fokussierten International Max Planck Research Schools (IMPRS), die es seit Jahren gibt, die aber immer lokal organisiert sind. Die größeren, nach Fächern organisierten Max Planck Schools sollten demgegenüber "besonders talentierten Bachelor- und Masterabsolventen“ aus aller Welt „die Gelegenheit zu geben, sich mit jüngstem Wissen von der vordersten Front der Wissenschaft auseinanderzusetzen." Die neuen Schools würden auf den IMPRS "aufsetzen", als eine Art Dachstruktur – so stellte sich das Stratmann 2015 vor. Doch im März erklärte Ministerin Wanka: Dabei werde es nicht bleiben. Nicht nur Max Planck soll mit den Unis kooperieren, sondern die anderen außeruniversitären Forschungsorganisationen auch. Und zwar alle auf "Augenhöhe". >>

Foto: Das Ambiente an einer International Max Planck Research School laut deren Website
Foto: Das Ambiente an einer International Max Planck Research School laut deren Website

>> Genau diese Augenhöhe vermissen viele Hochschulrektoren. Die Chefs der in der "German U15" organisierten Universitäten haben daher am 2. Mai einen Brandbrief an die Wanka geschrieben, in der sie auf drei Seiten ihre Kritikpunkte auflisteten und die Ministerin um ein Gespräch baten. Die Promotion sei Angelegenheit der Universitäten und müsse es bleiben. "Der Name einer Struktur, in der die Forschungsuniversitäten und die AUF (außeruniversitären Forschungseinrichtungen) junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gemeinsam zur Promotion führen, muss diese zentrale Stellung der Universitäten klar zum Ausdruck bringen." So steht es in dem Schreiben, das mittlerweile überall in der Hochschulszene kursiert. 

 

Von "großer Skepsis" sprechen allerdings nicht nur die in der U15 organisierte Hochschulrektoren. Im Vorfeld der Jahresversammlung der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) haben einige Mitgliedshochschulen spekuliert, man könne sich ja mit einer offiziellen Entschließung öffentlich zu den Schools äußern. Tatsächlich meldete sich die HRK aus Bielefeld mit gleich mehreren Stellungnahmen zu Wort – zu dem Max Planck Schools aber schwieg sie. 

 

Im Gegensatz zu den U15. In dem vom Freiburger Rektor und U15-Vorsitzenden Hans-Jochen Schiewer unterzeichneten Schreiben heißt es, die Mitglieder begrüßten "grundsätzlich" den Vorschlag einer themengebundenen Vernetzung von Wissenschaftlern führender Forschungsuniversitäten und der außeruniversitären Forschungsorganisationen, um internationale Spitzenabsolventen für das deutsche Wissenschaftssystem zu gewinnen. In seiner aktuellen Form berge das Konzept der Max Planck Schools jedoch die Gefahr, "dass das Promotionsrecht der Universitäten und ihr Einfluss auf die Entwicklung der Promotion schleichend ausgehöhlt werden." Statt auf die bewährten Strukturen der in der Exzelleninitiative geförderten Graduiertenschulen aufzusetzen, solle "ein völlig neuer, bislang nicht erprobter Ansatz" verfolgt werden, der demgegenüber "keine signifikanten Vorteile" erkennen lasse. 

 

Der Brief sei in der MPG-Generalverwaltung "wie eine Bombe eingeschlagen", berichten Insider. Die U15 listen darin zahlreiche weitere Kritikpunkte auf. Unter anderem lösten die konzeptionellen Überlegungen "in ihrer aktuellen Fassung die Spannung zwischen einer notwendigen Anbindung von Doktorandinnen und Doktoranden an einen bestimmten Standort und der standortübergreifend angelegten Struktur nicht auf."

 

Wankas Ministerium will das Schreiben "wie in der Regel alle Briefe" öffentlich nicht kommentieren. Der zuständige MPG-Vizepräsident Ferdi Schüth, frisch zurückgekehrt von einer Klausur des MPG-Präsidiums zu den Schools, tut es dafür im Interview umso ausführlicher. Inhaltlich habe ihn die Kritik nicht überrascht, "dass die Rektoren ihren Brief gleich an die Ministerin geschickt haben, schon eher."

 

Die Bedenken stammen übrigens nicht aus Universitäten. Auch die außeruniversitären Forschungsorganisationen stören sich am Namen und an der aus ihrer Sicht nur oberflächlich ausgewogenen Governance der neuen Schools. "So droht das am Ende doch eine Max-Planck-Nummer zu werden", sagt ein Präsident. "Das ist okay und kann gut werden, aber dann wohl doch eher ohne uns."

 

Einige Wissenschaftsminister wiederum äußern sich irritiert, dass sie bislang gerade einmal in einem Kamingespräch mit Bundesministerin inoffiziell über das Konzept informiert wurden, offizielle Gespräche bislang: Fehlanzeige. "Das ist bemerkenswert, wenn man sich überlegt, dass die Universitäten zum Kernbereich der Länder gehören", sagt eine Ministerin. Ein Staatssekretär fürchtet, dass durch die "bisherige schräge Kommunikation seitens des Bundes und der MPG" eine gute Idee am Ende Schiffbruch erleiden könnte. Solche kaum verhohlenen Warnungen scheinen mittlerweile angekommen zu sein: Diese Woche soll es in der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz von Bund und Ländern (GWK) ein Gespräch über die Schools geben. 

 

Ulrike Beisiegel ist Präsidentin der Universität Göttingen, die ebenfalls zu den U15 gehört. Beisiegel sagt, die Schools seien eine gute Idee "mit dem womöglich falschen Namen." Doch der Zeitplan sei verfehlt. "Wenn wir Zeit kriegen, das gemeinsam konzeptionell aufzustellen, dann wird das ein Erfolg." 

 

Apropos Zeitplan: Ursprünglich sollte heute die Deadline für die Ausschreibung auslaufen. "Völlig überhastet und unverständlich" sei dieser Zeitdruck, kommentierten Hochschulen, außeruniversitären Forschungseinrichtungen (außer MPG) und Landeswissenschaftsminister einmütig. Auch diese Botschaft ist angekommen. Wie Schüth im Interview mitteilt, wurde die Deadline um sechs Wochen auf Anfang Juli verschoben. Etwas mehr Zeit, immerhin. Mehr Aufschub allerdings wird es wohl nicht geben. Oder wie der MPG-Vize es formuliert: "Es kommt der Tag, da will die Säge sägen."

 

Bildnachweise: Michael Förtsch/Zufallsfaktor: "Max Planck Gesellschaft", CC BY-NC 2.0./Sceenshot der Website der IMPRS "Mathematics in the Sciences": https://www.imprs-mis.mpg.de/index.html

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Was heißt hier eigentlich Wissenschaftsfreiheit?

Das Grundgesetz sichert Forschern besondere Abwehrrechte zu. Doch wer darf sie in Anspruch nehmen?

Foto: Klaaschwotzer
Foto: Klaaschwotzer

PROFESSOREN SIND EINE besondere Spezies, das bekommen sie in Deutschland sogar gerichtlich bescheinigt. „Grundrechtsträger“ nennt das Bundesverfassungsgericht sie. Schon 1973 hatten die Richter festgelegt: Wenn an Hochschulen Gremienentscheidungen zur Forschung anstehen, haben die Professoren immer die Stimmenmehrheit. Und bei der Lehre steht ihnen mindestens die Hälfte zu.

 

„Grundrechtsträger“ soll bedeuten, dass die Professoren an den Hochschulen diejenigen sind, die (lyrisch ausgedrückt) die heilige Fackel der Wissenschaftsfreiheit vor sich hertragen, wie sie das Grundgesetz garantiert. Eine kleine Funzel halten auch die wissenschaftlichen Mitarbeiter in der Hand, aber das ist angesichts des professoralen Grundrechtsstrahlens kaum der Rede wert. Von den Studenten ganz zu schweigen.

 

Geht es in Ordnung, wenn die Professoren mit Verweis auf Artikel 5 GG ausbremsen können, was immer ihnen nicht passt? Ja, sagten die Bundesrichter 1973. Ja, sagte auch Baden-Württembergs Verfassungsgerichtshof vor ein paar Monaten, das müssten sie sogar: Als Grundrechtsträger müssten die Professoren das Grundrecht auch verteidigen können. Mit dem Ergebnis, dass der Stuttgarter Landtag ein neues Hochschulgesetz schreiben muss – das bisherige war zu professorenunfreundlich.

 

Wissenschaftsfreiheit gleich Professorenfreiheit: Ist das noch zeitgemäß? Im Südwesten der Republik grummeln nicht nur die Rektoren, die Angst um ihre Macht haben. Die Politik fürchtet um die „Handlungsfähigkeit“ der Hochschulen in Zeiten der Exzellenzstrategie. Auch die Studenten haben Grund zum Ärger – und die 91 Prozent der Wissenschaftler an Deutschlands Hochschulen, die nicht Professoren sind.

 

Zumindest für letztere gibt es einen Hoffnungsschimmer: In einem anderen Urteil zur Professorenmehrheit sprach das Bundesverfassungsgericht 2014 erstmals umfassender von„Wissenschaftlern“ anstatt von „Hochschullehrern“ als Grundrechtsträgern.

 

Bei den Stuttgarter Richtern ist diese neue Sichtweise allerdings noch nicht angelangt. Und genau das macht die Debatte in Baden-Württemberg so spannend für den Rest der Republik. Kann die grüne Wissenschaftsministerin Theresia Bauer eine Lösung finden, die in die Zukunft weist statt in die Vergangenheit? Die alle mitbestimmen lässt? Die den Profs trotzdem das Gefühl gibt, am Ende den Ausschlag zu geben? Und am wichtigsten: Eine Lösung, die die Hochschulen florieren lässt?

 

Fest steht: Das Grundrecht der Wissenschaftsfreiheit ist zu strahlend, als dass es nur für die Professoren leuchten sollte.


Dieser Kommentar erschien heute zuerst im ZEITChancen Brief. Für die Print-ZEIT von heute habe ich den seit Jahrzehnten währenden Kampf um die Deutungshoheit an den Hochschulen ausführlicher beschrieben, angefangen mit der alten Ordinarienuniversität und ihrem Ende in den 60er Jahren über die Gruppenuniversität und die unternehmerische Hochschule bis hin zum Stuttgarter Urteil. 

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Reflexartige Ablehnung

Warum die Hochschulrektoren falsch liegen mit ihrer Kritik an einer Deutschen Lehrgemeinschaft

NORMALERWEISE GILT DIE Hochschulrektorenkonferenz (HRK) als eher schwerfällig in der internen Meinungsbildung. Umso erstaunlicher, wie schnell die 268 Mitglieder öffentlich Kante zeigen können, wenn sie sich einig sind. So geschehen gestern bei ihrer Vollversammlung in Bielefeld, als die Hochschulchefs dem Wissenschaftsrat eine unmissverständliche Botschaft übermittelten: Eine Deutsche Lehrgemeinschaft? Nein, danke! Oder, wie HRK-Präsident Horst Hippler es formulierte: "Wir brauchen jetzt und auch nach 2020 keine neuen Institutionen, sondern vor allem eine klar konzipierte, verlässliche Hochschulfinanzierung in gemeinsamer Verantwortung von Ländern und Bund."

 

Damit spielt Hippler auf die Diskussionen um die Nachfolge des 2020 auslaufenden Hochschulpakts an, für die im Wesentlichen zwei Finanzierungslogiken im Raum stehen. Erstens: Der Bund übernimmt einen Teil der Grundfinanzierung der Hochschulen, die Mittel werden nach einem vorher festgelegten Mechanismus verteilt (das ist die Variante, die die Hochschulen favorisieren). Zweitens: Bund und Länder einigen sich auf politische Handlungsfelder und investieren in dazu passende Programme und Einrichtungen, zum Beispiel zur Stärkung der Fachhochschulen, einer weiteren Öffnung der Hochschulen für beruflich Qualifizierte – oder aber zur gezielten Förderung von Innovationen in der Hochschullehre. 

 

Zu zweitens würde natürlich auch die Einrichtung einer "bundesweit eigenständigen Organisation" zählen, wie sie der Wissenschaftsrat (WR) sie in seinem Positionspapier jüngst anregte. Sie solle Fördermittel für lehrbezogene Vorhaben auf Antrag vergeben können, "sowohl für neue innovative Lehrprojekte und übergeordnete Programme an Hochschulen als auch für die Ausbreitung erfolgreicher Maßnahmen." Eine DFG für die Lehre also, die Projektförderung von Exzellenz. Übrigens ist Projektförderung nicht gleichbedeutend damit, dass auch die Institution vorübergehend wäre. Der Wissenschaftsrat will eine dauerhafte Einrichtung. „Auch die Lehre braucht in Deutschland eine eigene Stimme", kommentierte die WR-Vorsitzende Martina Brockmeier.

 

Doch die Hochschulrektoren halten dagegen: "Eine dauerhaft wettbewerbliche Förderung von Lehre wäre ein zweifelhaftes Unterfangen." So klar die Kante, so schwammig die Argumentation. Was soll denn das konkret heißen, wenn Hippler ausführt, dem wettbewerblichen Vergleich von Lehre und Lehrprojekten seien "Grenzen gesetzt"? Und ist der Satz von HRK-Vizepräsident Holger Burckhart, die HRK betrachte die Lehre schon jetzt "selbstverständlich als Kernaufgabe", ein Argument für oder gegen eine Deutsche Lehrgemeinschaft? 

 

Es ist spannend zu beobachten, wie sich ein Kluft auftut innerhalb der Hochschulen. Redet man mit Hochschuldidaktikern und besonders in der Lehre engagierten Professoren, spürt man die Begeisterung für die ihres Erachtens endlich wiederbelebte Idee einer "DLG". Die Rektoren dagegen zeigen mehrheitlich die gleiche reflexartige Ablehnung, mit der sie die Lehrgemeinschaft vor fünf Jahren schon einmal weggeredet haben – zusammen mit einigen Landesministern, die auch heute wieder lieber möglichst viel Bundesgeld für die vom eigenen Finanzminister vernachlässigte Grundfinanzierung der Hochschulen hätten.

 

Viele Rektoren fürchten sich dagegen mehr vor einer politischen Einflussnahme durch die Lehrgemeinschaft und haben damit einen Punkt: Die von Brockmeier beschriebene "eigene Stimme für die Lehre" wäre nur hörbar, wenn, genau wie bei der DFG, allein die Wissenschaft über die Kriterien der Exzellenzförderung entscheidet. Auch der Reputationsgewinn für die Lehrenden, die erfolgreich DLG-Projekte einwerben, wäre andernfalls geringer oder sogar hinfällig. Genau dieser Punkt – wissenschaftsgeleitete Verfahren als Grundvoraussetzung einer neuen Institution – ist bislang in der Debatte unterbelichtet, auch in der HRK-Stellungnahme findet er keine Erwähnung.


Eines der von Horst Hippler vorgebrachten Argumente ist demgegenüber bedenkenswert. Es wäre, sagt der HRK-Präsident, "das politisch völlig falsche Signal, jetzt in großem Umfang eine institutionell verwaltete Programmförderung anzukündigen, während es den Hochschulen seit langem an einer Grundsicherung ihrer Lehrkapazitäten fehlt." Das stimmt. Darum funktioniert die Idee einer Deutschen Lehrgemeinschaft auch nur als Teil eines größeren Pakets. Eines Paket, das wie oben skizziert aus zwei unterschiedlichen Finanzierungslogiken kombiniert werden dürfte.

 

Die Botschaft an die Wissenschaftsminister ist damit eindeutig: Nur, wenn ein guter Teil der Hochschulpakt-Milliarden kriterienbasiert und dauerhaft in die Grundfinanzierung der Hochschulen fließt, kann und sollte ein anderer Teil in die ebenfalls dauerhafte Innovations- und Exzellenzförderung gehen. Vielleicht können sich ja dann sogar die Hochschulrektoren mit der Idee anfreunden. 

 

Und das Beste daran: Fast wortwörtlich steht es so schon im Papier des Wissenschaftsrates: Die Voraussetzung für eine "eigene Organisation" zur Förderung innovativer Lehrformate sei eine auskömmliche Grundfinanzierung der Hochschulen. 


NACHTRAG AM 12. MAI:
Nur zwei Tage, nachdem sie mit maximalem Nachdruck eine "institutionell verwaltete Programmförderung" in der Lehre abgelehnt haben, stellen die Hochschulrektoren ihr Modell für eine künftige Hochschulfinanzierung vor. Säule 1: "umfassend verwendbare, unbefristet verfügbare Mittel" – also eine verlässliche Grundfinanzierung. Säule 2: "programmatisch (befristet oder auf Dauer) ausgelobte Mittel" zur Sicherung der Qualität. Als Nachfolge des auslaufenden Hochschulpaktes solle den Hochschulen außerdem, angelehnt an den Pakt für Forschung und Innovation, ein jährliches Plus von drei Prozent gewährt werden, das "insbesondere Säule 1" zugute kommen müsse.

 

Wie passt es zusammen, die Programmförderung in der Lehre abzulehnen und gleichzeitig eine Säule für Programmförderung als Grundarchitektur der Hochschulfinanzierung vorzuschlagen? Auch wenn diese Frage eher rhetorisch gemeint ist, würde ich mich doch über eine Antwort freuen.

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Streit um die Zukunft des Hochschulpakts? Eher nicht.

Die Hochschulen sollen weiter Bundesmilliarden erhalten, aber anders als bisher: Das sagt der Bund, das sagen die Länder. Diskussionen gibt es nur bei der Frage nach dem Wie.

HEUTE BERICHTET DER TAGESSPIEGEL, Bund und Länder seien sich uneins, was die Fortsetzung des Hochschulpakts angeht. Der entsprechende Passus im gemeinsamen GWK-Papier zur Zukunft der Hochschulfinanzierung lese sich „wolkig“. Dort heiße es lediglich, Bund und Länder „könnten die Möglichkeiten des neuen Artikels 91b nutzen, um – auch vor dem Hintergrund der anhaltend hohen Studiernachfrage – gute Rahmenbedingungen für qualitativ hochwertige Studienangebote an Hochschulen dauerhaft zu sichern und auszubauen.“

 

Ist das wirklich so wolkig? Ist die Uneinigkeit so groß?

 

Viele Landeswissenschaftsminister äußern sich optimistischer. Für sie steht im Vordergrund, dass der Bund bereits im Dezember in den Verhandlungen um das Papier signalisiert hat, die Mittel aus dem Hochschulpakt dauerhaft bei den Hochschulen zu belassen. Der Hochschulpakt, so die Botschaft, wird also weitergehen. Dass er nicht eins zu eins fortgesetzt wird, liegt ebenfalls auf der Hand. SPD, Union und Grüne (nur diese Parteien stellen Wissenschaftsministerien) sind sich auf Bundes- wie auf Landesebene einig, dass angesichts stagnierender oder leicht sinkender Studentenzahlen künftig stärker die Qualität des Studiums im Vordergrund stehen soll. Allerdings wird noch darüber diskutiert, wie sich diese Qualität am besten messen lässt – über die Studiendauer, die Abbrecherquote oder auch über etwas ganz anderes? Ebenfalls noch offen: Soll es überhaupt einen Automatismus bei der Mittelzuteilung geben?

 

In der Unionsfraktion im Bundestag bestreitet man unterdessen, gegen die Fortsetzung des Hochschulpakts an sich eingestellt zu sein, wie den Bildungspolitikern von CDU und CSU zuletzt häufiger vorgeworfen wurde. Die entsprechenden Passagen im fraktionseigenen, im vergangenen Dezember veröffentlichten Ideenpapier „Starke Forschung und Bildung für Deutschlands Zukunft“ fordern tatsächlich eine Weiterführung mit „Qualität vor Quantität“ und „klaren, verbindlichen und überprüfbaren inhaltliche Anforderungen“. Es könne nicht um neue Studienkapazitäten gehen, befindet die "AG Bildung und Forschung" – eine Absage an eine rein kapazitätsorientierte Grundfinanzierung der Hochschulen durch den Bund. Einen Teil der bisherigen Hochschulpaktmittel wollen CDU und CSU lieber „gezielt für die Stärkung der Schnittstelle zur beruflichen Bildung einsetzen“, zum Beispiel für duale Studiengänge und die weitere Öffnung der Hochschulen für beruflich Qualifizierte. Aber: Auch diese Gelder sollen weiter an die Hochschulen fließen.

 

Dass auch das Ministerium von Bundesforschungsministerin Johanna Wanka (CDU) einen reinen Automatismus ablehnt, ist logisch, hat der Bund doch gerade im bisherigen Hochschulpakt einigen Ländern machtlos dabei zuschauen müssen, wie sie bei der Gegenfinanzierung getrickst haben.

 

Doch auch viele Sozialdemokraten sind dagegen, die kompletten Hochschulpaktmilliarden künftig über einen vorher festgelegten Mechanismus an die Hochschulen weiterzureichen. Zwar forderten einige führende SPD-Wissenschaftspolitiker im Februar in ihrem "Zukunftsvertrag für Wissenschaft und Forschung", der Bund solle sich mit einer "Qualitätsstrategie Hochschullehre" nach 2020 "dauerhaft und unbefristet" an der Grundfinanzierung der Hochschulen beteiligen, und zwar je nach Studienfach mit bis zu 3000 Euro pro Student und Jahr in der Regelstudienzeit, doch war auch den Autoren um SPD-Fraktionsvize Hubertus Heil klar: Dazu wird es höchstens als Teil einer Paketlösung kommen.

 

Halten wir fest: Bund und Länder sind sich einig, dass die Milliarden weiter für die Hochschulen reserviert sein sollen nach Auslaufen des Hochschulpakts. Sie sind sich ebenfalls einig, dass es kein einfaches „Weiter so“ geben wird, sondern dass das Geld nach transparenten Qualitätskriterien und gleichzeitig in vereinbarte bildungspolitische Schwerpunkte fließen soll. Der Rest ist in der Tat Verhandlungssache. Mit dem (meines Erachtens) wahrscheinlichen Ergebnis, dass ein Teil der Gelder nach 2020 der Logik des SPD-Papiers folgend über einen Mechanismus verteilt werden wird, dessen (Qualitäts-)Kriterien noch festgelegt werden müssen. Und ein anderer Teil wird in strategische Schwerpunkte investiert werden – so ähnlich, wie die Unionsfraktion das fordert. Spannend wird eher, wie am Ende das prozentuale Verhältnis zwischen beiden Varianten aussehen wird. 

 

Dass genau diese Fragen erst nach der Bundestagswahl festgeklopft werden, ja festgeklopft werden können, war schon seit vergangenem Jahr klar. Mit dem Papier der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz habe man sich ja gerade deshalb so beeilt, damit es als Grundlage etwaiger Koalitionsverträge dienen könne, sagen Hochschulpolitiker aus Bund und Ländern und aller Couleur unisono. 

 

Ist das zu wenig konkret? Nein, ich finde das ist ein ziemlich guter Zwischenstand. Über die allgemeinen haushaltspolitischen Risiken in Zeiten von Trump und Nato-Ausbau schweigen wir an dieser Stelle heute mal.

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Minister wollen Eckpunkte des Digitalpakts im Juni verabschieden

Bund und Länder sind sich einig über Antragsformate, streiten aber weiter über die Finanzierung des gemeinsamen Programms.

Foto: Markus Spiske
Foto: Markus Spiske

BUND UND LÄNDER haben sich auf die inhaltlichen Grundzüge für den Digitalpakt verständigt. In der verantwortlichen Staatssekretärsrunde sei zwar noch kein abschließendes Papier beschlossen worden, berichten Teilnehmer, doch sei man sich in den meisten Verfahrensfragen einig gewesen. 

 

Die Architektur der Initiative geht aus einem "Entwurf für Eckpunkte" hervor, der den Staatssekretären in ihrer Sitzung Ende April vorlag. Darin trägt die von Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) mit dem schnittigen Namen "DigitalPakt#D" getaufte Initiative einen sehr viel nüchterneren Titel: "Bund-Länder-Vereinbarung zur Unterstützung der Bildung in der digitalen Welt im Bereich Schulen". In den kommenden Wochen sollen die Eckpunkte von den Staatssekretären zu Ende verhandelt werden, Anfang Juni dann sollen auch die Minister ihnen zustimmen. Alles, damit nach der Bundestagswahl im Herbst sehr zügig die eigentliche Vereinbarung auf den Weg gebracht werden kann. 

 

Hervorgezaubert hatte Wanka den Fünf-Milliarden-Plan in einem Interview in der Bild am Sonntag im vergangenen Herbst, unabgesprochen, wie der SPD-Koalitionspartner im Bund stets empört betonte, und zwischendurch sah es tatsächlich so aus, als könnte die Offerte von den überrumpelten Ländern ausgeschlagen werden. Die Ministerin mische sich in die Bildungshoheit der Länder ein, sie habe angesichts der nahen Wahlen gar nicht mehr die Autorität für ein solches Angebot, und überhaupt: Wo bitte seien denn die besagten fünf Milliarden? 

 

Mitte März goß dann auch noch der SPD-Haushaltsexperte Swen Schulz Öl ins Feuer. Er habe sich den Eckwerte-Beschluss für 2018 angeschaut, den Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) ins Kabinett eingebracht hat. Und darin sehe er deutlich mehr Geld für Verteidigung, sinkende Ausgaben für Bildung und Forschung und „kein Geld für die Digitalisierung“, sagte Schulz. Seine Schlussfolgerung: "Der von Bildungsministerin Wanka groß angekündigte Digitalpakt hängt jetzt erst einmal finanziell in der Luft.“ Die CDU hielt gegen: Das sei Quatsch und ein durchsichtiges Wahlkampfmanöver. Politische Pläne seien, solange sie noch nicht vom Bundestag beschlossen worden seien, noch nie in Budgetplänen aufgetaucht. 

 

Parallel zum lauten Geschrei vornerum haben die Ministerialbeamten hintenrum derweil überraschend geräuschlos den "Entwurf für Eckpunkte" ausgearbeitet. Zu verschiedenen Runden wurden auch Bildungswissenschaftler und Digitalexperten in Wankas Ministerium eingeladen, in Gesprächen mit Staatssekretärin Cornelia Quennet-Thielen wurde das Vorhaben allmählich geschärft. Das Ergebnis: Zwischen 2018 und 2022 soll massiv in die digitale Ausstattung an allgemeinbildenden und berufsbildenden Schulen sowie an sonderpädagogischen Einrichtungen öffentlicher und freier Träger investiert werden. >>



>> Im Fokus stehen dem Entwurf zufolge die Schulhausvernetzung, die "W-LAN-Ausleuchtung", "standortgebundene Endgeräte" und Server. "Das ist mehr als die reine Kabelverlegung, die der Bund ursprünglich angeboten hatte", sagt ein Landesminister zufrieden, "ein erfreuliches Entgegenkommen" sei das – und auch dringend nötig gewesen, da die Länder unterschiedlich weit seien im Ausbau ihrer Breitbandnetze und sich Schema-F-Lösungen daher verböten.

 

Bemerkenswert ist auch, dass Gelder dem Staatssekretärs-Entwurf zu folge nicht nur für die Infrastruktur und für technische Lösungen, sondern auch für "die umfassende und schrittweise Qualifizierung des gesamten Lehrpersonals" fließen können, damit diese, wie es heißt, dem veränderten Bildungsauftrag in der "digitalen Welt" gerecht würden. Der Bund finanziert indirekt pädagogische Maßnahmen und Konzepte an Schulen: Das wäre ein Novum in der jüngeren Föderalismusgeschichte. 

 

Insgesamt gilt: Die Standorte selbst sollen entscheiden, was sie brauchen, um technisch und pädagogisch in der digitalen Moderne anzukommen. Wobei einzelne Schulen nur in Ausnahmefällen antragsberechtigt sein werden. Eingereicht werden sollen die Bewerbungen stattdessen von den Schulträgern, die das jeder für sich oder in Verbünden tun können. Denkbar seien sogar Verbünde ganzer Bundesländer, wenn diese übergreifende Strukturen aufbauen wollten. Und einen Teil der Paktmittel – in der Diskussion sind fünf Prozent – haben die Landesstaatssekretäre im Entwurf für "Landesprojekte zu schulischen Zwecken" gesichert, etwa zum Aufbau von Schul-Clouds. 

Ihren Einfluss geltend gemacht haben die Länder auch bei der Förderentscheidung. Die Kultusministerien selbst oder von ihnen "benannte Stellen" sollen in Eigenregie über die Anträge aus ihrem Bundesland entscheiden, auf der Grundlage jeweils eigener Bewertungkriterien, die jedes Bundesland mit dem Bund abstimmen soll. Ein wissenschaftsgeleitetes Auswahlverfahren? Zumindest laut vorliegendem Entwurf Fehlanzeige. Teil der Anträge sollen eine technische Bestandsaufnahme der vorhandenen Infrastruktur und ein Medieneinsatzkonzept sein, außerdem sollen die Antragsteller belegen, wie eine "angemessene/bedarfsgerechte Fortbildung der beteiligten Lehrkräfte" aussehen soll. 

 

Was dann in den "Eckpunkten" folgt, ist eine weitere Überraschung: Die Schulträger selbst sollen den Betrieb und die Wartung sicherstellen. Überraschend ist das insofern, weil Bund und Länder über genau diese Frage heftig gestritten hatten. Während der Bund auf einer Anschubfinanzierung allein bestanden hatte, forderten die Länder ein längerfristiges Engagement, und zwar auch für den Unterhalt. "Wer soll denn für die Wartung der neuen Technik aufkommen?", hatte ein Kultusminister im Januar gefragt. Keiner brauche Server und Kabelstränge, die nach ein paar Jahren im Keller verfaulten. Nein, der Bund müsse in die regelmäßige Finanzierung einsteigen, ein dauerhaftes Bund-Länder-Programm für den IT-Unterhalt müsse her, Umfang: bis zu drei Milliarden Euro. Pro Jahr. 

 

Die aus Sicht der Staatssekretäre elegante Lösung des Problems lautet nun: Weder Bund noch Länder zahlen für die Folgekosten. Das soll Aufgabe der Schulträger sein. Es wäre erstaunlich, wenn dies so bliebe – auf eine gewisse Weise aber auch ein folgerichtiger Deal: Der Bund kommt den Ländern und vor allem den Schulträgern entgegen, indem er sie selbst entscheiden lässt, was sie am dringendsten brauchen; die Länder verzichten dafür auf Dauerüberweisungen für die Wartung.

Bei aller inhaltlichen Annäherung, in einem entscheidenden Punkt streiten sich Bund und Länder weiter: Wieviel müssen die Länder zu den fünf Bundesmilliarden beisteuern? Soll es überhaupt einen Eigenanteil geben? Viele Länder sagen: Unser Eigenanteil ist das, was wir schon längst in unsere Schulen gesteckt haben. Es könne nicht sein, dass gerade diejenigen Länder doppelt zahlen müssten, die schon in der Vergangenheit viel in die digitale Infrakstruktur ihrer Länder investiert hätten, heißt es aus einem Bildungsministerium, und der Minister eines anderen Landes wird noch konkreter: "Wenn der Bund sich nicht an der Wartung der neuen Technik beteiligt, dann muss man auch die anfallenden Wartungskosten als impliziten Länderanteil mitrechnen."


Der Bund fordert dagegen frisches Geld von den Ländern, um das Programmvolumen entsprechend aufzustocken, und manch Kultusminister stimmt Wankas Position hinter vorgehaltener Hand sogar zu. Das sei bei 16 Ländern immer schwierig, beim Geld eine gemeinsame Position zu finden", sagt einer. "Aber logisch wäre eine Kofinanzierung zugegebenermaßen schon." Bundesministerin Wanka dürfte diese länderinterne Debatte mit einer gewissen Genugtuung sehen, hatten ihr, siehe oben, doch einige Länderkollegen noch kürzlich vorgehalten, sie sei diejenige, die mit virtuellem Geld hantiere.

Diskussionen um die Finanzen gibt es noch an zwei weiteren Stellen. Der Bund will fünf Prozent der Paktmittel nur für "Projekte länderübergreifender Zusammenarbeit" freigeben. Gegen diesen Zwang zur Kooperation sträuben sich die Länder. Zwei weitere Prozent der Milliarden wollen umgekehrt die Länder am liebsten für eigene Administrationskosten einbehalten, doch da stellt sich der Bund bislang quer.

Überhaupt: Was bekommt eigentlich der Bund für seine Spendabilität? Neben einer Beteiligung "in angemessener Form" an den Steuerungs-, Begutachtungs und Controllingprozessen", also vor allem an den Gremien, soll es eine Evaluation geben. Und in dieser Evaluation werden sich die Länder an ihren Selbstverpflichtungen messen lassen müssen, die sie im Rahmen ihrer viel beachteten, im Dezember von der Kultusministerkonferenz beschlossenen Strategie "Bildung in der digitalen Welt" eingegangen sind. Haben die Länder zum Beispiel ihre Bildungs- und Lehrpläne bis zum Ende der Paktlaufzeit auf die in der Strategie beschriebenen digitalen Kompetenzen ausgerichtet? Um solche Fragen wird es dann gehen. Wobei der Passus "bis zum Ende der Programmlaufzeit" vom Bund gewollt ist, während einige Länder es in den Eckpunkten gern schwammiger hätten. So auch bei der im Entwurf enthaltenen Verpflichtung, dass die Länder im Zuge des Digitalpakts die KMK-Beschlüsse zur Lehrerbildung entsprechend ergänzen sollen. Der Bund will den Zeitraum "bis spätestens 2020" hinzufügen, einige Länder sind offenbar dagegen.

 

Zu viel Transparenz, so scheint es, wollen die Länder dann also doch nicht als Gegenleistung für die Bundesmilliarden in Aussicht stellen. Und trotzdem: Während noch vor wenigen Tagen einige Landesminister die Verhandlungen mal wieder auf der Kippe sahen, stehen die Zeichen jetzt auf Einigung. Diese wäre ein großer Erfolg für Johanna Wanka auf der Zielgeraden der Legislaturperiode. Womöglich ein Erfolg, den ihr einige so kurz vor der Wahl schwer gönnen? So bleibt es am Ende doch spannend. 

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1200 Euro für den Staatshaushalt, 300 Euro für die Hochschulen

Baden-Württembergs Wissenschaftsministerin Bauer hat sich durchgesetzt:  Landtag beschließt Studiengebühren für internationale Studenten.

HEUTE STEHT ES in allen Zeitungen: Baden-Württembergs Landtag hat Theresia Bauers Studiengebührenmodell durchgewinkt. Die grüne Wissenschaftsministerin hatte ihren Plan im Oktober zuerst hier im Blog vorgestellt. 1500 Euro pro Semester sollen internationale Studenten aus Nicht-EU-Staaten vom Wintersemester an zahlen. 300 Euro davon bleiben die Hochschulen. Der Rest dient zum Stopfen eines 48 Millionen Euro großen Haushaltslochs, mit dem Finanzministerin Edith Sitzmann im vergangenen Herbst überraschend Bauer und die anderen Ressortchefs konfrontiert hatte. Teil des gestern verabschiedeten Gesetzes ist auch eine Zweitstudiengebühr in Höhe von 650 Euro pro Semester. 

Damit hat Bauer, die mehrfach vom Deutschen Hochschulverband zur "Wissenschaftsministerin des Jahres gekürt wurde, vorerst die wahrscheinlich schwierigste Phase ihrer bislang sechsjährigen Amtszeit erfolgreich überstanden – trotz Onlinepetitionen, Demos in fünf Unistädten am vergangenen Wochenende, lautstarker Proteste der Landtagsopposition und auch einer nicht restlos überzeugten grünen Landtagsfraktion. Zuletzt hatte sogar der Senat der Universität Freiburg den Gesetzentwurf wegen des befürchteten Verwaltungsaufwand und "dem Risiko von Fehlsteuerungen" abgelehnt: ein bemerkenswerter Schritt, hatten die meisten Hochschulrektoren sich zuvor demonstrativ hinter Bauer gestellt.

 

Der Verwaltungsaufwand ergibt sich laut Freiburger Senat aus dem Erlass der Gebührenbescheide, der Zahlungskontrolle, dem permanenten Beratungsaufwand, möglichen Klagen gegen die Bescheide und vor allem das aufwändige Verfahren zur Gebührenbefreiung. All das müssen die Hochschulen in Eigenregie übernehmen.  

 

Ausgenommen von den Gebühren sind Bildungsinländer mit deutschem Abitur und anerkannte Asylbewerber oder Flüchtlinge mit guter Bleibeperspektive. Zudem können die Hochschulen eigenständig fünf Prozent der internationalen Studenten von den Gebühren ausnehmen – was vor allem jungen Menschen aus Entwicklungsländern helfen soll. 

Ministerin Bauer hatte stets darauf verwiesen, dass die Alternative zur Einführung der Gebühren in einem geringeren staatlichen Zuschuss für die Hochschulen bestanden hätte, "und das will ich auf keinen Fall" (siehe hierzu auch ihren Gastbeitrag im Blog). 

Die Wissenschaftsminister benachbarter Bundesländer werden genau beobachten, welche Auswirkungen die Gebühren haben: auf die Zahl der internationalen Studienanfänger, die aus Baden-Württemberg umsteuern, aber  auch auf die Entwicklung der Einnahmen für den Staatshaushalt. 35 Millionen Euro pro Jahr will Bauer mittelfristig einnehmen, doch schon im Sommersemester sind die Einschreibungen internationaler Studenten laut Stuttgarter Zeitung um fast die Hälfte zurückgegangen. Oder werden die baden-württembergischen Hochschulen mit den 300 Euro pro Student und Semester, die sie abbekommen, womöglich sogar langfristig attraktiver für internationale Studenten, weil sie endlich extra Orientierungs- und Beratungsangebote finanzieren können? 


Kaum ist das Gebührengesetz unter Dach und Fach, droht Ministerin Bauer allerdings schon das nächste budgetäre Ungemach: Finanzministerin Sitzmann hatte Ende März eine weitere Sparrunde angekündigt, um die Schuldenbremse zu erfüllen. Das Minus laut Kabinettsvorlage allein für Bauers Ministerium: weitere 23 Millionen Euro pro Jahr. 

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Gastbeitrag: "Nehmen wir die Medizin als Ansporn!"

Das Lehramtsstudium braucht auch einen Masterplan, fordert MANFRED PRENZEL.

Manfred Prenzel. Foto: privat
Manfred Prenzel. Foto: privat

"WANN KOMMT DER Masterplan Lehramtsstudium?" hatte Jan-Martin Wiarda am 10. April 2017 gefragt. Das Stöhnen und Ächzen von Leserinnen und Lesern aus der Kultus- und Bildungspolitik konnte ich fast hören, aber dann – Schweigen im Wald. 

 

Schade, denn ich muss sagen, dass ich als Bildungsforscher, der viel mit Lehrerbildung zu tun hat, immer wieder neidisch auf die Medizin und ihre ebenfalls professionsorientierten Studiengänge schaue.

 

Die Ausbildung künftiger Ärztinnen und Ärzte ist über ganz Deutschland hinweg abgestimmt, weite Teile des Staatsexamens sind bundesweit identisch. Die Verknüpfung von Lernen und Anwendung könnte kaum besser funktionieren als über die von Universitäten betriebenen Klinika, weil so ständig aufs Neue die Frage beantwortet wird: Ist das, was den Studierenden im Hörsaal begegnet, noch relevant und aktuell genug für ihren Einsatz am Krankenbett? Und was können die Studierenden wirklich, wenn es ernst wird?

 

Dann sehe ich dort Reformstudiengänge, in denen seit vielen Jahren an verschiedenen Standorten neue Ausbildungsmodelle erprobt werden, vom problem- und fallorientierten Lernen bis bin zum ständigen Wechsel von Theorie- und Praxisphasen. Neue Modelle, die am Ende in den Regelbetrieb einfließen. Alles, um sicherzustellen, dass die Absolventinnen und Absolventen in ihrem Beruf handlungsfähig sind, aber auch anschlussfähig an neue Erkenntnisse aus der Forschung.

Der kürzlich beschlossene Masterplan Medizinstudium 2020 ist für mich ein weiterer Beleg für diese besondere Professionsorientierung. Deshalb kann ich Jan-Martin Wiardas Vorschlag eines „Masterplans Lehramtsstudium“ nur unterstützen. Wir sollten uns die Medizin als Vorbild und als Ansporn nehmen, in der Lehrerbildung einen ähnlichen Weg zu gehen.

 

Es hat sich ja bereits viel geändert in den vergangenen zehn Jahren. Politik und Bildungsforschung haben gemeinsame Anstrengungen unternommen, die Lehrerbildung auf eine neue, bundesweit vergleichbarere Basis zu stellen und gleichzeitig Innovationen zu fördern. Gerade die von Bund und Ländern angestoßene Qualitätsoffensive Lehrerbildung hat eine Aufbruchsstimmung in die Universitäten gebracht. Geholfen haben bei dieser neuen Dynamik die Erkenntnisse zahlreicher Bildungsstudien, denen zufolge der Bildungserfolg der Schülerinnen und Schüler viel weniger von den Schulstrukturen abhängt als von der Qualifikation der Lehrenden.

 

Das ist ein guter Anfang, aber es muss noch mehr passieren. Trotz der an vielen Orten entstandenen Dachstrukturen ist die Lehrerbildung über die Fächer hinweg verstreut, fragmentiert und damit in ihrer Bedeutung für die Universitäten immer noch zu wenig sichtbar. Die von Kultusministerkonferenz und Wissenschaft aufgestellten Grundsätze und ländergemeinsamen Anforderungen für das Lehramtsstudium bleiben zu allgemein, sind wenig verbindlich und ermöglichen eine fast beliebige Interpretation vor Ort. Es fehlt an gemeinsamer Absicht, an gemeinsamer Planung und ja, an einem gemeinsamen Plan.

 

Selbstverständlich muss man die unterschiedlichen föderalen Zuständigkeiten anführen, die es bei der Medizin – anders als beim Lehramt – dem Bund ermöglichen, eine koordinierende Rolle einzunehmen. Doch abgesehen von den verfassungspolitischen Gegebenheiten leuchtet es nicht ein, warum wir uns zwar einig sind, dass die Gesundheitsversorgung in Schleswig-Holstein dasselbe bedeuten sollte wie in Bayern, aber bei der Bildung unserer Kinder anscheinend an einen regionalen Qualitätsbegriff glauben. So wie sich Schulstrukturen zwischen Städten und Bundesländern unterscheiden, gibt es auch in der Medizinerausbildung die Notwendigkeit, auf die jeweils eigenen Gegebenheiten von Stadt und Land, von Krankenversorgung in der Arztpraxis oder der Arbeit in einem Großklinikum einzugehen. Und so vielfältig die Interessengruppen und -gegensätze in der schulischen Bildung auch sein mögen: Wer möchte ernsthaft behaupten, dass sie im Bereich der Medizin per se einfacher in Einklang zu bringen seien? Doch, wie nicht erst der Masterplan Medizinstudium trotz gewisser Misstöne im Zieleinlauf gezeigt hat: Die Akteure lassen sich auf ein gemeinsames Ziel einschwören, es gibt ein Einsehen in der Medizin, dass alle einheitliche professionelle Standards anstreben.

 

Deshalb argumentiere ich hier: Zumindest für die universitäre Phase müsste ein Masterplan Lehramtsstudium kein Hirngespinst bleiben. Er wäre ein bedeutender, ja der entscheidende Schritt hin zu einem gemeinsamen Verständnis von Qualität, einem gegenseitigen Einschwören auf das Ziel einer hochwertigen, bundesweit vergleichbaren und professionsorientierten Lehrerausbildung. Die Kultusminister könnten zusammen mit ihren Wissenschaftsministerkollegen, den Universitäten, den kommunalen Schulträgern und den Berufsverbänden einen Dialogprozess anstoßen mit dem klaren Ziel Masterplan. Am Ende liefe alles auf die eine Frage heraus: Können Lehrerinnen und Lehrer am Ende des Studiums und an weiteren Stellen ihrer Berufsbiographie jeweils das, was sie können sollten? Fachlich, pädagogisch, berufsethisch? Das, was sie können müssen, gälte es genau zu beschreiben und als ein verbindliches Mindestniveau zu formulieren.

 

Aber natürlich frage ich mich, ob es nicht andere Gründe jenseits unseres Kultusföderalismus gibt, die einen Masterplan politisch als unrealistisch erscheinen lassen. Denn der Blick auf den Masterplan Medizinstudium zeigt ja auch: Wenn man das Ziel verbindlicher Professionsstandards ernst nimmt, wird es teuer. Richtig teuer. Wer bislang „auf Lehramt“ studiert, ist ein besonders kostengünstiges Mitglied der Universität. Denn selbst dort, wo es eine der neuen Schools of Education gibt, laufen die Lehramtsstudierenden bislang im Regelbetrieb mit, belegen zum Beispiel Physikvorlesungen gemeinsam mit den Physik-Hauptfachstudenten. Demgegenüber weiß ein Physikprofessor, der an die Medizinische Fakultät wechselt, sehr genau, dass er dort Physik für Medizinerinnen und Mediziner macht und nicht Physik für Physiker. Ein Lehramtsstudium, das analog zum Medizinstudium organisiert wird, bräuchte auch entsprechende Verknüpfungen mit der Schulpraxis, zum Beispiel mit Universitätsschulen. Ein Masterplan Lehramtsstudium, der die Profession in den Mittelpunkt stellt, würde transparent machen, was eine hochwertige Lehrerausbildung tatsächlich kostet – und auf den damit verbundenen Aufwand und Ärger ist die Politik verständlicherweise wenig erpicht. Allerdings darf man sich schon fragen, ob uns Bildung nicht ähnlich wichtig sein sollte wie Gesundheit.

 

Ein Masterplan Lehramtsstudium könnte aber auch Anlass geben, über Alternativen nachzudenken, die finanzierbar sind und aus denen ein zukunftsträchtiges Gesamtmodell für die Lehrerbildung der nächsten 20 oder 30 Jahre entwickelt werden könnte.

 

Um die Diskussion anzuregen, hier ein Impuls, der finanzierbar ist, weil er wenig strukturelle Veränderungen im Ausbildungssystem der Hochschulen verlangen würde. Dafür allerdings müssten sich die Politik, und vielleicht auch die Profession vom liebgewordenen, aber nur mit enormen Streuverlusten zu realisierendem Ideal des Mehrfachstudiums verabschieden (zumindest für das Lehramt auf der Sekundarstufe). Ein zukunftsträchtiges Modell würde an dessen Stelle zwei Stufen setzen. Stufe eins: Die Studierenden entscheiden sich für ein beliebiges Bachelor-Fach und studieren es, noch ohne pädagogische Anteile, fertig. Über Praktika und universitäre Orientierungsangebote tasten sie sich an den Lehrerberuf heran, und wenn sie nach dem Bachelor Lehramt studieren wollen, bewerben sie sich, Stufe zwei, für ein zwei Jahre dauerndes Masterprogramm (an einer School of Education), das sie mit der fachdidaktischen, pädagogischen und organisatorischen Kompetenz versorgt. So wäre die gesamte Lehrerausbildung unter einem Dach konzentriert, zusammen mit der berufsbezogenen Bildungsforschung, und ein solcher Master ließe sich sogar sehr gut mit dem Referendariat, also der bisherigen zweiten Phase der Lehrerausbildung verzahnen. Dann würde die Lehrerbildung in Deutschland auch nicht mehr länger dauern als sonstwo auf der Welt.

 

Ein solches Modell hätte den zusätzlichen Reiz, dass bei Bedarf ein zweites Fach im späteren Berufsverlauf in relativ kurzer Zeit und auch berufsbegleitend dazu studiert werden könnte: Eine auch bildungspolitisch sehr viel elegantere Möglichkeit, auf nicht absehbaren Lehrermangel in bestimmten Fächern zu reagieren.

 

Lassen Sie mich betonen: Das von mir hier skizzierte Reformmodell ist nur eine unter verschiedenen Möglichkeiten. Aber wir sollten die Diskussion über einen Masterplan Lehramtsstudium jetzt starten und damit auch die Diskussion darüber, wie wir die Lehrerbildung längerfristig auf eine neue, eine qualitativ höherwertige und deutschlandweit einheitlichere Grundlage stellen. Programme wie die Qualitätsoffensive Lehrerbildung können dann – ähnlich wie die Reformstudiengänge in der Medizin – wesentlich dazu beitragen, die Tragfähigkeit von neuen Ansätzen und deren Umsetzbarkeit zu erproben.

 

Manfred Prenzel, 64, ist Bildungsforscher an der TU München und war bis Januar 2017 Vorsitzender des Wissenschaftsrats. 

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Viel Lärm und Schluss

Monatelang haben Hochschulen, Kultusminister und VG Wort über die Zukunft der digitalen Semesterapparate gerungen. Kommt die Bildungsschranke im Juni durch den Bundestag, haben sich die Verhandlungen faktisch erledigt.

Foto: Sergey Zolkin
Foto: Sergey Zolkin

DIE BILDUNGSSCHRANKE WAR gerade erst durchs Bundeskabinett, da gab Horst Hippler schon die künftige Marschrichtung vor. Sicher bestehe die Möglichkeit, „dass die Hochschulen bis zur Verabschiedung des Gesetzes im Bundestag die Verhandlungen mit der VG Wort aussetzen", sagte der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) am 12. April. Dies sei aber zwischen den Verhandlungspartnern zu besprechen.

 

Die Verhandlungspartner, das sind zwei Staatssekretäre im Auftrag der Kultusministerkonferenz, zwei HRK-Vertreter und zwei Bevollmächtigte der Verwertungsgemeinschaft (VG) Wort, die die Urheberrechte tausender Autoren vertritt. Seit Januar telefonieren und treffen sich die sechs regelmäßig, um einen seit Jahren schwelenden Konflikt um die Vergütung digitaler Semesterapparate (Einzelheiten siehe Kasten unten) aus dem Weg zu räumen.

 

Das vom HRK-Präsidenten in seiner ersten Reaktion angekündigte Gespräch hat am vergangenen Freitag per Telefonkonferenz stattgefunden. Man verabredete strikte Vertraulichkeit, die Abstimmung einer gemeinsamen Sprachregelung und teilte vorerst nach außen nur mit, es gebe „keine Brüche“, KMK, HRK und VG Wort hätten eine Vereinbarung: nämlich bis Ende September gemeinsam eine neue Abrechnungspraxis zu beschließen.

 

Tatsächlich gibt es solche Brüche aber durchaus. Nicht nur, weil Hippler laut über eine Aussetzung der Verhandlungen nachdachte. Sondern weil anders als Hochschulrektoren und Kultusminister es offiziell behaupten, ein vom 1. April an geplanter Testlauf an „bis zu fünf Hochschulen“ gar nicht mehr angelaufen ist, „in Anbetracht der zwischenzeitlichen Entwicklungen“, wie in internen KMK-Papieren nachzulesen ist. 

 

Der Testlauf sollte ermitteln, wie ein für die Hochschulen praktikables „Verfahren einer zentralen Erfassung und Meldung der Einzelnutzungen“ funktioniert– und welchen personellen und technischen Aufwand es nach sich gezogen hätte. Das Konzept dafür hatte die Sechser-Arbeitsgruppe von KMK, HRK und VG Wort in den vergangenen Monaten unter Einbeziehung von Experten entwickelt. Ein Konzept, das durch die im Kabinett beschlossene Bildungsschranke überholt war.

 

Faktisch ist also das, was Hippler ankündigte, längst geschehen. Auch aus Sicht der KMK hat der Regierungsentwurf der VG Wort auf einmal alle Trümpfe aus der Hand geschlagen. Statt Einzelerfassung erwarten die Kultusministerkonferenz eine künftige Vergütung „auf Basis von Pauschalen oder Stichproben“ vor. Also ziemlich genau so, wie die Abrechnung vor dem Urteil des Bundesgerichtshofs von 2013 aussah.

 

An diesem Donnerstag (04. Mai) wird nun auch die KMK-Amtschefskommission über die veränderte Sachlage beraten. Und ob offizielles Moratorium oder nicht: Bis die Parlamentarier ihren Haken hinter den Regierungsentwurf machen, was voraussichtlich Ende Juni der Fall sein wird, gibt es nicht mehr viel zu verhandeln in der Sechser-Arbeitsgruppe „Digitale Semesterapparate“. Und danach, zumindest wenn das neue „Urheberrechts-Wissensgesellschafts-Gesetz“ in der gegenwärtigen Form den Bundestag passiert, auch nicht.

 

Warum man danach voraussichtlich trotzdem weitermachen wird: Weil die VG Wort, als sie alle juristischen Argumente auf ihrer Seite hatte, auf KMK und HRK zuging. Weil KMK und HRK schon aus Fairness jetzt das gleiche tun werden. Und weil auch die nötige „Basis von Pauschalen und Stichproben“ zwischen den drei Organisationen abgestimmt werden muss.

 

„Verhandlungen“ indes wären das nicht mehr. Denn eines steht fest: Kommt das UrhWissG, können die Hochschulen – und mit ihnen die auf Lehrmaterialien angewiesenen Studenten – sich zurücklehnen. Die Befürchtungen, die digitalen Semesterapparate könnten demnächst leer bleiben, hätten sich erledigt. Und KMK und HRK könnten das Ding ganz gemütlich nach Hause schaukeln.


NACHTRAG am 04. Mai:
Unter anderem im unten stehenden Kommentar von Constantin Pittruff kam die Frage auf, was denn eigentlich in dem faktisch rechtlosen Zustand zwischen dem Ablauf des zwischen HRK, KMK und VG Wort vereinbarten Moratoriums  (30. September) und dem voraussichtlichen Inkrafttreten des neuen Gesetzes (1. März 2018) passieren soll. Ein sehr berechtigter Punkt. Aus der Sechsergruppe ist zu vernehmen, genau das sei einer der Gründe, weswegen man weiter eine Lösung zum 1. Oktober anstrebe. 

 

Meine Vermutung: Entweder wird das Moratorium in seiner jetzigen Form bis Ende März verlängert, oder KMK, HRK und VG Wort einigen sich darauf, die vom Gesetz vorgegebene Pauschalvergütung schon vorher anzuwenden, und zwar auf der zwischen den Partnern verabredeten neuen Basis "von Pauschalen und Stichproben". Dass es zum GAU einer ungeregelten Zwischenphase kommt, halte ich für nahezu ausgeschlossen.


Alles begann mit einem BGH-Urteil

2013 hatte der Bundesgerichtshof (BGH) geurteilt, dass die Bundesländer künftig keine Pauschale mehr an die VG Wort zahlen dürfen, um die digitale Nutzung von urheberrechtlich geschützten Texten in den Hochschulen abzugelten. Die Autoren hätten das Recht auf eine Einzelabrechnung. Und genau über die Frage, wie die praktisch vonstatten gehen soll, ohne den befürchteten administrativen Alptraum auszulösen, verhandelte die Arbeitsgruppe von Hochschulen, Kultusministerkonferenz und VG Wort – bis der vom Bundeskabinett beschlossene Gesetzentwurf zur Bildungsschranke vor drei Wochen sagte: Eine Einzelabrechnung ist nicht nötig, eine pauschale Vergütung reicht aus.

Die zwischen KMK, VG Wort und HRK vereinbarte Sprachregelung bestätigt nun indirekt, dass sich Verhandlungen im engeren Sinn damit erledigt haben. Die Verhandlungspartner, heißt es in der dünnen Erklärung, die am Donnerstag den KMK-Amtschefs vorgelegt wird, "nehmen zur Kenntnis, dass der Bundesgesetzgeber den Verhandlungsgegenstand der Arbeitsgruppe noch in der laufenden Legislatur zu regeln beabsichtigt." Dennoch würden die drei Parteien die "Gespräche auf der Grundlage der Vereinbarung von Dezember 2016 und unter Berücksichtigung des laufenden Gesetzgebungsverfahrens" fortsetzen. 


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Sehnsucht nach dem "Markenzeichen"

Sechs Ministerpräsidenten wollen das Diplom zurück. Ihre Kultusminister haben sich jetzt eine Sprachregelung ausgedacht, wie sie die große Debatte um die Studienreform doch noch vermeiden können.

Foto: Tobias Sieben: "Hörsaal", CC BY-NC 2.0

EIGENTLICH WAR ES nur der Wunsch einiger Ministerpräsidenten. Doch für die Kultusministerkonferenz (KMK) sind die paar Zeilen Protokollerklärung ein echtes Problem. Als die Regierungschefs im März dem neuen Staatsvertrag zur Akkreditierung zustimmten, äußerten sechs von ihnen die zusätzliche „Erwartung“: Wenn in den nächsten Monaten die so genannte Musterrechtsverordnung formuliert wird, müsse dabei doch noch „eine für alle Länder tragfähige Lösung zur Anerkennung des Diploms“ erreicht werden.

 
Die Musterrechtsverordnung dient im föderalen Zusammenspiel der Länder normalerweise dazu, eine bundesweit möglichst einheitliche Umsetzung eines Staatsvertrags zu erreichen. Was als Extra-Wunsch einiger Ministerpräsidenten so technokratisch-schwammig daherkommt, ist also in Wahrheit der gefährlichste Angriff, den die Studienreform seit Jahren erlebt hat. Wollen die sechs Ministerpräsidenten aus Bayern, Brandenburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Sachsen-Anhalt eine Art Bologna-Öffnungsklausel nach dem Motto: Bachelor, Master, Diplom – alles dasselbe? Und vor allem, welches Interesse haben sie, die Debatte zum jetzigen Zeitpunkt in dieser Form zu starten?

 

Das haben sich die Kultusminister in den vergangenen Wochen seit dem Beschluss der Ministerpräsidentenkonferenz (MPK) auch gefragt. Und nicht nur sie: In den Berufsverbänden und an den Universitäten rumort es merklich. Dabei sind es fast ausschließlich die Ingenieure, die die Protokollerklärung in Schwingungen versetzt hat. Hinter den Kulissen lassen mehrere Verbandschefs ihre Mitarbeiter prüfen, welche politischen Optionen sich durch das MPK-Votum bieten. Auch einige Universitätsrektoren, obgleich die meisten sich mit offiziellen Statements noch zurückhalten, zeigten sich hocherfreut. Dresdens TU-Rektor Hans Müller-Steinhagen etwa sagte, die Diplomingenieur-Studiengänge fast flächendeckend abzuschaffen, sei ein Fehler der deutschen Politik gewesen – "und der Wirtschaft, die dies inzwischen weitgehend bereut". 

 

Dass sich viele Branchenfunktionäre und Wirtschaftsführer nur widerwillig in den Verlust des von ihnen gern zum „internationalen Markenzeichen“ stilisierten „Diplom-Ingenieurs“ gefügt haben, zeigt auch die von 2010 stammende Sammlung von Pro-Diplom-Statements, die bis heute auf der Website des Zusammenschlusses neun Technischer Universitäten, der TU9, abrufbar ist. „Ein ‚Dipl.-Ing.‘ vor dem Namen ist wie ein Stern auf der Haube“, wird dort etwa der Daimler-Vorstandsvorsitzende Dieter Zetsche zitiert. Unter den prominenten Unterstützern auf der Website befindet sich auch der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU), der den „international wertvolle(n) und anerkannte(n) Titel“ zum „Alleinstellungsmerkmal deutscher Bildung“ erklärt und hinzufügt: „Wir wollen speziell dafür einen Weg eröffnen, wie wir dieses internationale Prädikat auch künftig bewahren können.“ >>



>> Womit sich der Kreis zur jüngsten MPK-Protokollerklärung schließt. Wer die langen Linien in der Politik Horst Seehofers gelegentlich vermisst: Hier findet er sie.

 

Ebenfalls 2010 erreichte der öffentlichkeitswirksame Diplom-Einsatz eines anderen Mannes seinen ersten Höhepunkt: Mathias Brodkorb, damals noch hochschulpolitischer Sprecher der SPD im Landtag Mecklenburg-Vorpommerns, war der Kopf hinter einer damals gemeinsam mit der CDU getragenen Gesetzesnovelle, die den Hochschulen unter anderem die Wiedereinführung von Diplomabschlüssen erlaubte. Auch Brodkorbs Wirken seitdem offenbart eine erstaunliche Kontinuität: Zwischendurch sechs Jahre lang Bildungsminister, amtiert er seit Herbst als Finanzminister – was ihn dem Vernehmen nach nicht davon abhielt, seinen Chef und derzeitigen MPK-Vorsitzenden Erwin Sellering (ebenfalls SPD) in Sachen Diplom loszuschicken.

 

Hinter dem Zeitpunkt der Protokollerklärung steckt dabei weniger Kalkül als eine einfache Prozesslogik: Es war das erste Mal seit Jahren, dass die Ministerpräsidenten überhaupt einen Beschluss zu Studium und Studienreform fassen mussten.

 

Die meisten Wissenschaftsminister in der Kultusministerkonferenz erwischte die Protokollerklärung ihrer Chefs dennoch auf dem falschen Fuß. Auch wenn nur eine Minderheit der Ministerpräsidenten die Anerkennung des Diploms per Musterverordnung gefordert hat, ist der Arbeitsauftrag eindeutig. Bis Ende September soll eine eigens eingerichtete Arbeitsgruppe „Musterrechtsverordnung“ des KMK-Hochschulausschusses ihren Entwurf vorlegen, dann inklusive der Diplom-Bezüge.

 

Um zu verhindern, dass ihnen die Debatte vollends entgleitet, hat das KMK-Präsidium jetzt eine so genannte Sprachregelung ausgearbeitet. Sie ging an alle ministeriellen Pressestellen, als „Grundlage für eine abgestimmte Reaktion auf entsprechende Anfragen der Medien“. In der Sprachregelung heißt es, bei der Protokollerklärung der sechs Länder zum Diplom handle es sich nicht um einen Bestandteil des Beschlusses der MPK zum Akkreditierungsvertrag. Am Ende der entscheidende Satz: „Es ist nicht beabsichtigt, vom System der gestuften Studiengänge abzuweichen.“

 

In der Sprachregelung steckt auch ein Stück Selbstbeschwörung. Hinter vorgehaltener Hand nämlich äußern etliche Wissenschaftsminister und Staatssekretäre schon lange Sympathien für das Diplom. „Der Abschluss hatte schon eine enorm integrative Wirkung“, sagt einer. „Und die findet sich in der unüberschaubaren Vielfalt der Master-Abschlüsse, die an die Stelle des Diploms getreten sind, nicht wieder.“ Dabei gehe es in keiner Weise um die Studienqualität, die sei immer schon abhängig gewesen vom Standort und weniger vom Namen des Abschlusses.

 

Trotz ihrer Diplom-Sympathien hatten die Kultusminister nach Monate langer erbitterter Diskussion fast geschlossen mit 15 Ja-Stimmen für einen Akkreditierungsvertrag votiert, der das Diplom unberücksichtigt ließ – und nur Mecklenburg-Vorpommern enthielt sich. Schon das war übrigens ein Zugeständnis von Brodkorbs Nachfolgerin Birgit Hesse, hatte doch Brodkorb selbst vorher stets mit einem „Nein“ gedroht. Warum die KMK die Reihen so geschlossen hielt? Weil die Minister fürchteten, über die vermeintlich isolierte Anerkennung des Diploms könne eine neue Grundsatzdebatte über die Zukunft des gesamten Bachelor- und Mastersystems in Gang kommen. Weswegen jetzt auch der letzte Satz der KMK-Sprachregelung, siehe oben, so zentral für die Minister ist.

 

Ihre Diplom-Sympathien haben einige Wissenschaftsminister deshalb lieber in anderer Form ausgelebt und ganz ohne die Lautstärke eines Mathias Brodkorb ihren Hochschulen ähnliche Diplom-Möglichkeiten eingeräumt. So bietet die Technische Universität Dresden mit ihrem Rektor Müller-Steinhagen zehnsemestrige Diplomstudiengänge, und erst im vergangenen Jahr hatte die TU Illmenau zwei neue einstufige Diplomstudiengänge eingerichtet. Thüringens Wissenschaftsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) kommentierte im Mitteldeutschen Rundfunk: „Wir wollen das Diplom neu definieren.“

 

Der Unterschied zu Mecklenburg-Vorpommern: Bislang hatten Tiefensee und seine sächsische Amtskollegin Eva-Maria Stange (SPD) kein Problem damit, dass ihre Diplom-Studiengänge unter dem KMK-Radar flogen und keine offizielle Anerkennung fanden im Akkreditierungs-Staatsvertrag. Anders übrigens neuerdings Stanges Regierungschef Stanislaw Tillich (CDU): Er gehörte zu den sechs Unterzeichnern der Protokollerklärung.

 

Womit dem letzten klar sein sollte, worauf die sechs Ministerpräsidenten hinauswollen. Es geht ihnen nicht um den leisen Betrieb einiger Diplom-Studiengänge, der auch so möglich wäre, es geht ihnen um die große Geste, um genau die Grundsatzreform der Bologna-Reform, die die Wissenschaftsminister verhindern wollen.  

 

Und übrigens nicht nur die. Während TU9-Mitglied Müller-Steinhagen sagt, er "begrüße" die Forderung der Ministerpräsidenten, sagt der aktuelle TU9-Chef und Präsident der TU Darmstadt, auch wenn "einige" seiner Rektorenkollegen das anders sähen, mehrheitlich wolle sein Verband nicht mehr hinter der gestuften Studienstruktur zurück. Der Verband halte die Abschaffung des Grades Diplom-Ingenieur immer noch für einen Fehler,  das ja, doch "der Zug ist abgefahren, wir stehen zur Reform." 

 

Womöglich ist die Lösung also gar nicht so kompliziert, und sie wird von einigen in der KMK bereits in Spiel gebracht: Wenn es schon bei der Diplom-Sehnsucht den meisten, die sich auskennen, vor allem nach dem Titel verlangt und kaum einen nach der Wiederherstellung einer überkommenen Studienstruktur, wenn selbst die Befürworter eines Rollbacks von einer „Neudefinition“ sprechen – warum verbindet man nicht beides miteinander?

 

In den Ingenieurwissenschaften an den Universitäten sind die Abbrecherquoten in den vergangenen Jahren drastisch gesunken (leider im Gegensatz zu den Fachhochschulen), was auf das Potenzial der gestuften Studiengänge Bachelor und Master hindeutet. Die Studienreform hat lange überfällige Anpassungen der Studiengänge hin zu einer stärkeren Ausrichtung an den Bedürfnissen der Studenten ermöglicht. Mit den Namen „Bachelor“ und „Master“ indes hat das am wenigsten zu tun. Und so könnte ein Kompromiss darin bestehen, dass solche Diplom-Studiengänge anerkannt werden, die eine gestufte Studienstruktur aufweisen. Sprich: Nach dem Bachelor folgt das Diplom-Studium, das vier Semester umfasst.

 

Schon 2010 verwies der damalige TU9-Präsident Ernst Schmachtenberg, bis heute Rektor der RWTH Aachen, auf das österreichische Universitätsgesetz. Dort sei klar geregelt: Der „Dipl.-Ing.“ ist ein Mastergrad. So einfach kann das sein." Sein Nachfolger Prömel bestätigt auf Anfrage: "Das ist bis heute exakt unsere Position."

 

Tatsächlich: Das Diplom wäre gerettet. Die Studienreform auch. Und alle Beteiligten hätten das Gesicht gewahrt. Sogar Horst Seehofer.


NACHTRAG am 03. Mai 2017:
Dresdens TU-Rektor Hans Müller-Steinhagen sagt, die Diplomingenieur-Studiengänge fast flächendeckend abzuschaffen,  sei ein Fehler der deutschen Politik gewesen – "und der Wirtschaft, die dies inzwischen weitgehend bereut". Der Verband Deutscher Maschinen und Anlagenbau (VDMA) widerspricht und bezeichnet eine neue Diskussion um den Diplom-Ingenieur als "überflüssig". Nicht der Abschusstitel sei entscheidend, sondern die Inhalte eines Studiums seien es, sagt der stellvertretende VDMA-Hauptgeschäftsführer Hartmut Rauen. "Statt über Titel zu diskutieren, sollte diese Energie in die weitere Verbesserung der Lehre investiert werden.“ Ein bisschen über Titel diskutieren will dann aber auch der VDMA und fordert den Zusatz "of Science in Engineering" nach dem Bachelor- und Mastertitel, um den Ingenieurabschluss auch in Bologna-Zeiten unverwechselbar zu machen. Der Begriff "Ingenieur" sei wichtiger im Dipl.Ing. gewesen als das Wort "Diplom", sagt Hartmut Rauen: "Diese Identitätsstiftung ist genauso umsetzbar mit dem Begriff Engineering." 

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Falsch verstandene Solidarität

Wenn das Proporzdenken siegt, ist das Tenure-Track-Programm kaputt.

VERKRUSTUNGEN AUFBRECHEN soll das neue Tenure-Track-Programm.
VERKRUSTUNGEN AUFBRECHEN soll das neue Tenure-Track-Programm.

IN ZWEI MONATEN ist Deadline für die erste Antragsrunde im so genannten Tenure-Track Programm, und es gibt kaum einen Rektor oder Rektorin, die nicht auf die Nachkommastelle genau sagen könnten, wie viele der bundesweit 1000 zusätzlichen Professuren auf ihre jeweilige Universität entfallen. So wie laut Verwaltungsvereinbarung zwischen Bund und Ländern die Fördergelder nach Länderproporz verteilt werden sollen, so wollen die Universitäten innerhalb der Länder gleich weiter verteilen.

 

Es gibt da nur ein Problem. In der Förderbekanntmachung kann man nachlesen, dass der Zuschlag für die Bewerbungen „in einem wettbewerblichen Verfahren“ erfolgen soll. Entscheidend ist die „Qualität des Gesamtkonzepts“, kurz gesagt: Wollen die Unis nur mehr Stellen haben, oder sind die Laufbahnprofessuren Teil einer in sich stimmigen Strategie zur Personalentwicklung? Können die Rektoren nachweisen, dass die mit den beantragten Fördergeldern die Karrierewege ihrer Wissenschaftler wirklich und dauerhaft transparenter und planbarer machen?

 

Nimmt man die Logik des Programms ernst, liest man die Bekanntmachung wörtlich, dann muss, dann wird es Gewinner und Verlierer geben. Wer glaubt, es müssten lediglich ein paar Formulare ausgefüllt und ein paar Buzzwords in der verlangten Vorhabenbeschreibung auftauchen, der irrt also – hoffentlich. Denn dafür müssten erstmal die Wissenschaftsminister selbst ihr Programm ernst nehmen und bereit sein, massenweise Verlierer zu akzeptieren. Mit der letzten Konsequenz, dass die Universitäten anderer Bundesländer am Ende mehr abbekommen. Doch genau diese Bereitschaft lassen im Moment viele Minister, womöglich aus falsch verstandener Solidarität mit ihren Rektoren, nicht erkennen. So steigt der Druck besonders auf die zwölf Wissenschaftler in der Jury, dem so genannten „Auswahlgremium“.

 

Für einen Wettbewerb spricht übrigens mehr, als dass er nun mal so in der Vereinbarung steht. Denn nur wenn die Universitäten wirklich die Gefahr spüren, leer auszugehen, werden sie sich so reinhängen, wie sie das zum Beispiel gerade erst bei den Exzellenzclustern getan haben. Und nur wenn (wenig genug!) Universitäten mit ihrer Bewerbung erfolgreich sind, werden die siegreichen Konzepte so gefördert, dass sie angesichts des schmalen Programmvolumens mehr sein können als eine leichte Personalaufstockung. Dass sie wirklich einen Wendepunkt in der universitären Personalstrategie markieren und Modellcharakter entwickeln können.

 

Es ist verständlich, dass die Universitäten wettbewerbsmüde sind. Es ist nachvollziehbar, dass die Länder vor allem auf das zusätzliche Bundesgeld schielen. Doch: Wenn das Proporzdenken siegt, dann ist das Tenure-Track-Programm kaputt.


Föderales Stellengetrickse

Dass einige Landesminister das Tenure-Track-Programm vor allem als nette Finanzspritze des Bundesforschungsministeriums begreifen, verrät ihr Verhalten auch an anderer Stelle. In der Vereinbarung mit der Bundesregierung haben sie zugesagt, die durch die Initiative geschaffenen zusätzlichen Professorenstellen nach Programmende (offiziell 2032) dauerhaft weiterzufinanzieren. Schließlich ist es eine der Botschaften, mit denen Bundesministerin Johanna Wanka (CDU) das Programm anpreist: 1000 zusätzliche unbefristete Professorenstellen entstünden da, und zwar auf Dauer. 

 

Dass sich sechs Länder dabei Sonderkonditionen herausgehandelt haben, ist das eine. Auch dass teilweise im identischen Umfang befristete Professuren zugunsten von unbefristeten abgebaut werden sollen, könnte man bereits als föderales Getrickse bezeichnen. 

 

Problematischer ist jedoch: Mehrere Ministerien haben ihren Universitären jetzt im Vorfeld der Antragstellung signalisiert, dass sie die Anschlussfinanzierung der Tenure-Track-Stellen selbst stemmen müssen, und zwar über ihre normalen Budgets.

Diejenigen Landesminister, die ihren Hochschulen für die nächsten Jahre Zuwächse versprochen haben, argumentieren: Ihr kriegt doch schon mehr Geld. Einen Teil der Professorenstellen, die ihr daraus schafft, könnt ihr ja für die Anschlussfinanzierung reservieren.

 

Und in Ländern, deren Hochschulen zurückgehende Studentenzahlen erwarten, heißt es: Wir lassen euch weniger schrumpfen dank des Tenure-Track-Programms, also – siehe oben – nehmt euer eigenes Geld für den Anschluss. 

 

Eine Logik, gegen die schwer anzuargumentieren ist. Denn wer kann schon widerlegen, dass in einer Welt ohne Tenure-Track-Programm die Uni-Haushalte weniger gewachsen oder stärker geschrumpft wären?

 

Fakt ist: Bei einigen Rektoren sorgt die Botschaft ihrer Minister für Zurückhaltung, so dass sie in ihren Anträgen mitunter sogar weniger Stellen haben wollen, als ihnen (siehe oben) rechnerisch zustünden. Sie fürchten das böse Erwachen in zehn Jahren, wenn das Programm ausläuft. 



Eine gekürzte Fassung dieses Beitrags erschien gestern im ZEITChancen Brief.

Foto: Alastair Dunning: "Professors", CC BY-NC 2.0. 

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Wir brauchen die Deutsche Lehrgemeinschaft!

Die Hochschulen sollen "Lehrverfassungen" formulieren, fordert der Wissenschaftsrat. Damit gute Lehre sich für die Wissenschaftler lohnt, muss die Politik aber erstmal eine vorschnell verworfene Idee wiederbeleben.

Vorbild für die Lehre? Die DFG-Zentrale in Bonn. Foto: DFG
Vorbild für die Lehre? Die DFG-Zentrale in Bonn. Foto: DFG

GERADE TRIFFT SICH der Wissenschaftsrat zu seiner Frühjahrssitzung, und zu den Unterlagen, über die sich die Experten aus Wissenschaft und Politik beugen, gehört ein Positionspapier „Strategien für die Lehre“. Anfang nächster Woche soll es offiziell veröffentlicht werden, eine seiner Kernforderungen hat das Gremium aber schon 2015 in einer anderen Empfehlung formuliert:  "Lehrverfassungen" sollen sie richten, die Unwucht zwischen Forschung und Lehre.

 

Die Hochschulen, so die Idee, sollen endlich mal genau sagen, was sie unter „guter Lehre“ verstehen – und wie sie sie konzeptionell zu fördern gedenken. Und es dann verbindlich aufschreiben. Und zwar jede einzelne Hochschule für sich.

Moment, gibt es nicht schon die Leitbilder, mögen jetzt manche fragen, und wo ist der Unterschied?

 

Der Unterschied ist, dass die Leitbilder, die sich viele Hochschulen pflichtschuldig und oft auf Wunsch der Politik gegeben haben, fast alle gleich klingen – und nicht nur zufällig so, als hätten da die einen von den anderen abgeschrieben. Mit dem Ergebnis, dass selbst Rektoren nicht genau sagen können, was in ihrem eigentlich drinsteht.

 

Das soll bei den Lehrverfassungen anders werden, ein „strategischer Prozess“, so nennt man das heute wohl, soll losgetreten werden hin zur Selbstvergewisserung – gesteuert, aber nicht vorgegeben von der Hochschulleitung. Mit daraus abgeleiteten konkreten Maßnahmen. Aber kann gelingen, was bei den Leitbildern vielerorts so gründlich danebengegangen ist?

 

Es kann. Aber nicht, weil der Wissenschaftsrat einen abstrakten Begriff mehr ins Rennen geschickt hat. Es kann gelingen, wenn man sich ausgerechnet die Forschung als Vorbild nimmt. Warum werden Karrieren über die Forschung gemacht? Warum können Rektoren, die wohlwollend-schwammig über die Lehre referieren, exakt und bis ins Detail auflisten, wie ihre „institutionelle Forschungsstrategie“ aussieht? Kurz gesagt: Weil es sich für sie lohnt. Ausgerechnet die zuletzt viel gescholtenen Projektmittel, ausgeschüttet von DFG & Co, sind die Währung der Forscherreputation. Und die Exzellenzinitiative mag die ultimative Karotte sein, aber ihre Logik funktioniert.

 

Als Annette Schavan noch Bundesministerin war, machte der Begriff einer „Akademie für die Lehre“ eine kurze Karriere, von der Etablierung einer „Deutschen Lehrgemeinschaft“ analog zur DFG war die Rede: Projektförderung von Exzellenz. Daraus wurde nichts. Stattdessen kam der zeitlich befristete „Qualitätspakt Lehre“: ein guter Start, nicht mehr. Doch schon sein Erfolg zeigt, wie viel noch möglich wäre.

 

Unterdessen versuchen private Förderer, das Vakuum zu füllen, zum Beispiel der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft und die Baden-Württemberg-Stiftung, die tapfer und seit mittlerweile etlichen Jahren „Fellowships für Innovationen in der Hochschullehre“ ausschreiben. 

 

Die alte Idee einer dauerhaften Deutschen Lehrgemeinschaft sollte dringend wieder ausgemottet werden. Der Anlass ist da, wenn demnächst die Anschlussfinanzierung des auslaufenden Hochschulpakts ansteht. Der setzte bislang vor allem auf die großen Studierendenzahlen. Künftig, da sind sich Bund und Länder einig, soll er stärker auf Qualität abheben. Wie wäre es, beides zu verbinden: eine Studienplatzfinanzierung für gute Lehre in der Breite und ein von Proporz befreites, echtes Förderprogramm für exzellente Ideen?

 

Mit der Deutschen Lehrgemeinschaft zur Lehrverfassung: Das könnte funktionieren. Vielleicht ja Stoff fürs nächste Positionspapier des Wissenschaftsrates.


NACHTRAG:
Heute steht in der ZEIT ein Interview (leider noch nicht online), das Anna-Lena Scholz mit dem ehemaligen Vorsitzenden des Wissenschaftsrats, Manfred Prenzel, geführt hat. Der Bildungsforscher ist maßgeblicher Autor des Positionspapiers zur Lehre. Und erfreulicherweise endet das Gespräch mit derselben Forderung, die ich in meinem Kommentar aufgestellt habe: Eine Deutsche Lehrgemeinschaft, sagt Prenzel, wäre "ein klares Bekenntnis dazu, Innovationen und gute Konzepte in der Lehre zu fördern."

 

Übrigens habe ich mich, nachdem ich mich Anfang der Woche für mein Plädoyer für eine Deutsche Lehrgemeinschaft entschieden hatte, unter Hochschulrektoren und Professoren umgehört. Deren mehrheitliche Reaktion: Bloß nicht! Sie bezweifeln, dass eine Lehrgemeinschaft über dieselbe wissenschaftliche Unabhängigkeit verfügen würde wie die DFG, und fürchten eine neue Form des staatlichen Dirigismus. Außerdem gebe es ohnehin schon zu viele Wettbewerbe, Projekte und Drittmittel – und jetzt solle das auch in der Lehre der Normalfall werden?

 

Die zum Teil sehr deutlichen Reaktionen haben mir eines gezeigt: Ein Selbstläufer ist die Debatte über die Deutsche Lehrgemeinschaft nicht – was auch der Grund war, weswegen sie schon einmal abgesetzt wurde. Doch – und da stimme ich völlig mit Manfred Prenzel überein – es ist nötig, sie zu führen.

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"Ach, der Brexit"

Die TU Dresden und ihre Partner eröffnen eine Wissenschaftsschau in der Londoner Innenstadt. Rektor Hans Müller-Steinhagen über Dresdens Imageprobleme, eine besondere Partnerschaft und die Frage, wie Wissenschaft  an die normalen Leute herankommt.

So sah die Ausstellung in Dresden aus – jetzt geht sie nach London. Foto: René Jungnickel/TU Dresden

DIE TECHNISCHE UNIVERSITÄT Dresden präsentiert sich und ihre Forschung mit einer Ausstellung in London. Sind Sie mit der Wissenschaftskommunikation im eigenen Land nicht ausgelastet?

 

Im Gegenteil. Die DRESDEN-concept-Ausstellung ist bei uns in Dresden so gut gelaufen, dass wir selbstbewusst genug sind, sie jetzt auf Reisen zu schicken: zuerst nach London, dann nach Breslau und schließlich nach Prag. Damit wollen wir ein Signal in die Welt senden, dass vom Dresdner Neumarkt auch positive Nachrichten ausgehen können.

 

Auf dem Dresdner Neumarkt treffen sich jeden Montagabend die Pegida-Demonstranten...

 

...und dort stand auch über viele Wochen unsere Ausstellung, deren Exponate übrigens weit über die TU Dresden hinausreichen und den gesamten Wissenschaftsstandort Dresden repräsentieren.

Hans Müller-Steinhagen
Hans Müller-Steinhagen

Sie wollen den Londonern zeigen: Dresden kann nicht nur ausländerfeindlich. Dresden kann auch international?

 

Das ist ein ganz wichtiges Motiv. Die Pegida-Leute marschieren ja immer noch, wenn auch ihre Zahl – zum Glück!  – tendenziell abnimmt. Die Demonstrationen und andere ausländerfeindliche Aktionen haben einen Schatten auf das zuvor leuchtende Image Dresdens geworfen. Diesen Schaden müssen wir Dresdner jetzt alle gemeinsam reparieren.

 

Was gibt es denn zu sehen in der Ausstellung?

 

Für jeden etwas, würde ich sagen. Für Erwachsene und für Kinder. Sie können etwas über neue Krebstherapien erfahren, die Zukunft des Taktilen Internets ausprobieren oder superleichten Beton anfassen. Der ist mit Carbon verstärkt und wird, davon bin ich überzeugt, das Bauen revolutionieren. Und dann setzen Sie sich auf einen der CityTrees, die Dresdner Studierende in einem Startup entwickelt haben. Das ist eine Art Bank, hinter der eine mit Moosen und Stauden bewachsene Wand hochragt – ein natürlicher Schadstofffilter, der effektiver arbeitet als ein Baum. Und speziell für die Forscher planen wir um die Ausstellung herum eine Serie wissenschaftlicher Veranstaltungen und Symposien.

  

Das ist alles sehr schön. Zu schön, um wahr zu sein? Hand aufs Herz: Eine nette PR-Aktion des DRESDEN-concepts, dem Zusammenschluss der Dresdner Wissenschaftseinrichtungen, um im gerade angelaufenen Exzellenzstrategie-Wettbewerb zu punkten? Internationalität geht schließlich immer bei den Gutachtern...

 

Klar ist das PR, aber nur zufällig zum Auftakt der Exzellenzbewerbung. Wir wollen zeigen, welch tolle Wissenschaft in Dresden gemacht wird. Aber eben nicht nur. Wir wollen auch die Zusammenarbeit zwischen London und Dresden vertiefen, genauer: zwischen dem King’s College und der TU Dresden bzw. DRESDEN-concept. Die ist schon jetzt besonders. Zusammen haben wir den so genannten TransCampus aufgezogen, eine strategische Partnerschaft, die bislang unsere Mediziner verbindet und auf weitere Disziplinen ausgeweitet werden soll, die Mikroelektronik zum Beispiel oder die Geisteswissenschaften insbesondere auf dem Gebiet des gesellschaftlichen Wandels. Schon jetzt nutzen unsere Forscher die Labore und Einrichtungen des King’s College und umgekehrt. Es gibt ein gemeinsames Graduiertenkolleg und sogar schon Wissenschaftler, die teilweise von uns, teilweise von den Londonern bezahlt werden.  Wir steuern auf gemeinsame Studiengänge und gemeinsame Promotionen hin.

 

Sie entkräften nicht gerade meine Vermutung, dass Sie sich für die Exzellenzstrategie in Stellung bringen. Vielleicht bewerben Sie sich ja eines Tages sogar im Verbund mit dem King’s College in der Förderlinie „Exzellenzuniversitäten“?

 

Mal abgesehen davon, dass das, wie Sie wissen, von den Ausschreibungsbedingungen her gar nicht möglich ist, ergäbe es meines Erachtens auch wenig Sinn, einen Teil der für die Entwicklung der deutschen Universitäten vorgesehenen Mittel ins Ausland weiterzuleiten. Wir reden von einer Fördersumme von vielleicht 20, 25 Millionen Euro pro Jahr für Universitätsverbünde, das ist viel Geld, aber um neue Hochschulstrukturen aufzubauen, ist das erschreckend wenig und nicht im Entferntesten vergleichbar mit dem, was Eliteuniversitäten in den USA oder Großbritannien zur Verfügung steht. Wenn wir diese Mittel nun durch weitere internationale Partner ausdünnen, wir der Nutzen noch geringer. Im Übrigen dürfte es schon bei den deutschen Verbundbewerbungen in der Förderlinie „Exzellenzuniversitäten“ nicht einfach sein, die Gutachter davon zu überzeugen, dass sie mehr sind als Beutegemeinschaften. Bei den Forschungsclustern dagegen könnte ich mir gemeinsame Bewerbungen mit dem King’s College, mit Breslau oder Prag durchaus vorstellen – solange die ihren eigenen Finanzierungsanteil mitbringen.

 

Zurück zur Ausstellung. Wenn man so will, haben ja beide Partner ein Problem mit ihrem internationalen Image. Dresden wegen Pegida, das King’s College wegen des Brexits. Schweißt die Not zusammen?

 

Ach, der Brexit. Viele unserer Kollegen am King’s College können es noch immer nicht fassen und sagen, das sei doch alles der reinste Wahnsinn. Aber der Ausstieg Großbritanniens aus der Europäischen Union war nicht der Anlass für unsere Ausstellung. Als die Planungen dafür begannen, hat noch kaum einer glaubt, dass es soweit kommt.

 

Außerdem gilt London ja nun ausgerechnet als europafreundlich.

 

Insofern müssten wir, wenn das eine Ausstellung gegen den Brexit sein sollte, unsere Exponate irgendwo im Hinterland zwischen zwei Farmen aufbauen, wo die wirklichen Europagegner zu Hause sind. Dass die Wissenschaftsausstellung trotzdem in eine Großstadt gehört, in die Mitte Londons, auf den Campus einer Spitzenuniversität, das versteht sich von selbst. Genauso, dass bei allem, was Wissenschaft auf die Beine stellt, die Botschaft mitschwingt: Forschung floriert nur in einem Klima der Offenheit und der Internationalität.

 

Glauben Sie wirklich, dass sich am Ende viele Londoner die Ausstellung angucken werden? Und zwar normale Londoner, nicht die Wissenschaftler und Studenten, die ohnehin auf dem Campus herumlaufen?

 

Es gab auch in Dresden Leute, die am Anfang skeptisch waren. Und dann riss der Besucherstrom nicht mehr ab, von Einheimischen wie von Touristen. Ich weiß noch, wie ich ein paar Mal um zehn oder elf Uhr abends am Neumarkt vorbeikam, und staunend stehenblieb: Da waren immer noch Leute zwischen den Ausstellungsstücken unterwegs. 

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"Bildungsstandards behandeln Kinder wie defizitäre Erwachsene"

Seit dem Mathe-"Brandbrief" streitet die Bildungsrepublik mit besonderer Heftigkeit über Kompetenzen und Kompetenzbegriffe. Der Gastbeitrag eines hessischen Gymnasiallehrers.

Foto: Mike Wilson; Abbildung aus Lambacher Schweizer "Algebra 1", 2. Auflage, Klett-Verlag 1966.

SIE ERINNERN SICH vielleicht: Vor einem Monat habe ich an dieser Stelle die 130 Schreiber eines Mathe-Brandbriefs kritisiert. Sie unterlägen einer Fehlwahrnehmung, wenn sie einen Verfall der Matheleistungen beklagten und den Missstand dann auch noch der Etablierung von Bildungsstandards zuschrieben. Was folgte, war eine heftige Debatte in meinem Blog. Mit einigem Abstand erhielt ich nun den Brief eines Mathelehrers. Er hatte die Stellungnahme herausgekramt, die seine Fachschaft an einem hessischen Gymnasium 2010 ans Kultusministerium geschickt hatte. Gegenstand: die bevorstehende Einführung von Bildungsstandards. Die Stellungnahme von damals liest sich wie eine hervorragende Replik auf meinen Essay. Darum veröffentliche ich sie hier mit Zustimmung des Autors, der lieber ungenannt bleiben möchte.


Die Lehre vom Raben und der Ameise

 

VOR LANGER, LANGER Zeit, da gab es einen Raben, der zeigte Schülern und Lehrern, wann es besonders schwierig und anspruchsvoll wurde. Zum Beispiel im Lambacher Schweizer „Algebra 1“ von 1966. Viele schreckte der Rabe im Mathebuch ab, aber manchmal passte das Bedürfnis eines Schülers mit dem Angebot des Raben zusammen. Und hin und wieder geschah es dann, dass ein Schüler das Aha-Erlebnis seiner Schulzeit hatte, die Mathematik auf neue Weise lieben lernte und einen unumkehrbaren Entwicklungsschritt in seinem Leben machte.

 

Häufiger als der Rabe war in den Mathebüchern jener Jahre allerdings die Ameise anzutreffen. Sie kennzeichnete Aufträge, die nur durch großen Fleiß und langanhaltendes sorgfältiges Ausführen bekannter Operationen, zu bewältigen waren. Darüber möchte man heute gern die Nase rümpfen, bei Schülern, jüngeren zumal, hatten diese Aufgaben keinen schlechten Ruf. Das gute Gefühl, das der Lohn dafür war, etwas richtig zu machen sorgte dafür, dass man die Monotonie der Aufgabe nicht als ermüdend wahrnahm. Kam ein Schüler an den Punkt, sich von der Ameise zu verabschieden, dann war auch hier ein Reifungsschritt vollzogen. Viele waren aber froh, dass ihnen die Ameise im ungeliebten Fach Mathematik wenigstens zu einer befriedigenden Note verhalf.

 

Seit der Zeit des Raben und der Ameise hat die Aufgabenkultur des schulischen Mathematik­unterrichts ungeheuer an Vielfalt gewonnen. Lag früher der Blick fast ausschließlich auf der fachlichen Schwierigkeit, so hat seitdem der Blick auf den Schülerauftrag eine Vielzahl von Perspektiven hinzugewonnen. Der ungewöhnliche Auftrag, die Umkehrung von Frage und Antwort, die Skizze, die konstruierte Einkleidung in einen Bezug zur „Lebensumwelt“, die Aufforderung zur Kommunikation, - in manchen Schulbüchern ist heute die Ausnahme zur Regel geworden. Den Unterrichtserfolg eines so unterrichtenden Lehrers bewirkt dann der Paukunterricht des Nachhilfeinstituts.

 

Zweck des Raben und seiner vielen Abkömmlinge ist es, den Blick des Schülers auf die fachliche Substanz des zu behandelnden mathematischen Gegenstandes zu lenken. Damit kein Schüler denke, mit der erlernten Routine sei der Kern des neu zu Lernenden bereits erfasst. Der erfahrene Lehrer postiert deshalb seine Raben wohlüberlegt und sparsam dosiert in seinen Unterrichtsgang. Sie sind unverzichtbare Angebote, den Sachverhalt tiefergehend zu verstehen. Aber was der Rabe in einer heterogenen, kommunikativen, in rascher persönlicher Veränderung befindlichen Lerngruppe beim Einzelnen bewirkt, ist unmöglich zu kalkulieren.

 

Nicht alles muss immer so bleiben, wie es war, aber dieser Reformentwurf gehört eingestampft. Und zwar aus vier Gründen:

 

1. Kinder und Jugendliche werden durch den Bildungsstandardansatz wie defizitäre Erwachsene behandelt. Die altersgemäßen Belange und die Heterogenität der individuellen Entwicklung werden ausgeblendet. So passen zum Beispiel Wiederholen, Sammeln, Ordnen und Motorisches besser zu Zehnjährigen als das x-te Säulendiagramm als Vorübung zur Powerpoint-Präsentation.

 

2. Die entwicklungspsychologische Erkenntnis, dass sich Kinder und Jugendliche von sich aus auf ihre Weise weiterentwickeln wollen, bleibt völlig unbeachtet. Die Grundlagen lassen sich in behavioristischer Manier fortschreitend aufbauen und abprüfen. Wenn es aber anspruchsvoller wird, dann macht der Lehrer, wie jeder gute Erzieher Angebote. Angebote, die das Kind wahrnimmt, wenn alles passt.

 

3. Dass die Fachkonferenz das unlösbare Problem beschließen soll, jeden Schüler vor eine „Anforderungssituation“ zu stellen, in der die „Performanz“ seines „Kompetenzerwerbs“ „überprüfbar“ wird, das ist ein schlechter Witz! Die Bildungsstandardtests und die neuartigen Versuche, das Abitur mit Kompetenz anzureichern, zeigen jedem, der es sehen will, dass sich Kompetenz im Sinne dieser Bildungsstandards weder beibringen noch abprüfen lässt. Ein guter Lehrer wird sich natürlich freuen, wenn er einen kompetenten Schüler hat und er wird andererseits in einem Elterngespräch darauf hinweisen, was Mathematik jenseits von Routinen auf dem Gymnasium noch ist.

 

4. Die nervige Wiederholung der grauenhaften Wortbildung „Lebensumwelt“ zeigt, wie die Autoren der Bildungsstandards die Funktion von Schule vollkommen verkennen. Die „Lebensumwelt“ unserer Kinder ist oft genug die Spielkonsole, der Fernseher, vielleicht der Sport, eventuell Musik. Die Schnittmenge der Lebensumwelt hessischer Schüler mit Eltern aus allen Ländern der Welt ist, na was wohl, die Schule. 

 

Noch schlimmer: Wer je als Berufstätiger oder als Hochschulassistent mit einem Anwendungsproblem konfrontiert wurde, das unter Zeit-, Ökonomie- und Erfolgsdruck mathematisch behandelt werden musste, der kennt dessen unüberschaubare Komplexität und die rein am Ergebnis orientierten Methoden seiner Lösung.

 

Die Schule braucht das genaue Gegenteil. Ohne weltfremd zu sein, muss sie dazu stehen, eine Welt für sich zu sein, geschaffen zu dem Zweck, Kinder und Jugendliche vor altersgerechte Anforderungen zu stellen, an denen sie reifen können. Sie muss Inseln schaffen, auf denen man etwas begreifen, einsehen und verstehen kann, - wo man exemplarisch von einer Einsicht zur nächsten voranschreiten kann. Alles, was hier passt, und dazu gehören natürlich auch Anwendungsprojekte, hat seinen Platz in der Schule, egal ob „Lebensumwelt“ drin ist oder nicht.

 

Wäre ich Kultusminister, dann würde ich den alten Fachlehrplan beibehalten. Eventuell könnte man ihn jeweils in Doppeljahrgänge zusammenfassen. Wollte ich die Kompetenz der Schulabgänger im Sinne der vorgelegten Bildungsstandards erhöhen, so würde ich ein weiteres Schuljahr einführen, damit ein Schüler insgesamt neun Jahre am Gymnasium verbringt. Damit die Lehrer nicht in gar zu öden Bahnen des herkömmlichen Fachunterrichts verharren, würde ich Wettbewerbe mit kreativen Ideen wie etwa den Känguru-Wettbewerb, Mathematique sans frontières oder den Mathematikwettbewerb des Landes Hessen nach Kräften fördern. Schulen müssten genug Personal und Sachmittel für Mathematik-, Forscher- und Informatik-AGs haben, die heute wegen Lehrermangel kaum noch stattfinden. Ebenso bräuchten die Schüler genügend Muße, um daran teilnehmen zu können. Die Kompetenz der so gebildeten Schüler wird dann allemal hoch genug sein, um dazuzulernen, was im „Anwendungsbezug“ zählt, und mit welcher Technik man dafür sorgt, dass man ihnen zuhört.

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Wo Fakten allein eben nicht reichen

Wenn es um Essen geht, ist Gentechnik ist immer noch das Sorgenthema der Deutschen schlechthin – während andere Risiken massiv unterschätzt werden. Was folgt daraus für die Wissenschaft?

DIE UMFRAGE ERSCHIEN pünktlich zum Science March, und doch hat sie bislang kaum einer wahrgenommen. Dabei ist der "BfR-Verbrauchermonitor", den das Bundesinstitut für Risikobewertung alle sechs Monate veröffentlicht, alles andere als eine gewöhnliche Konsumentenumfrage. Es geht darin nicht um irgendwelche Vorlieben, Gewohnheiten oder die neusten Luxustrends; der Verbrauchermonitor handelt von Ängsten, falschen Wahrnehmungen und echten Risiken. Was lässt die Menschen in Deutschland um ihre Gesundheit fürchten? Wo vermuten sie die größten Gefahren für sich und ihre Familie?

 

Die Ergebnisse der repräsentativen Studie sind aus Sicht der Wissenschaft besorgniserregend. Zumindest wenn die Wissenschaft ihr am Samstag in die Innenstädte herausgerufenes Ziel, sich den Nicht-Wissenschaftlern stärker erklären zu wollen, ernst nimmt.

 

Bei der Frage nach den größten gesundheitlichen Risiken kommen im "Verbrauchermonitor" noch die nachvollziehbaren Antworten: zuerst das Rauchen, dann Klima- und Umweltbelastungen, ungesunde Ernährung, Alkohol. Als nächstes aber wollte das BfR von den Verbrauchern wissen, von welchen "Gesundheits- und Verbraucherthemen" sie überhaupt schon einmal gehört haben. 93 Prozent pickten "gentechnisch veränderte Lebensmittel" aus der ihnen präsentierten Liste – von keinem zweiten Thema hatten die Befragten häufiger gehört. Mit deutlichem Abstand folgten gefährliche Zusätze und Bakterien in Lebensmitteln (74 Prozent und weniger). Und welche Themen beunruhigen die Befragten am meisten? 56 Prozent antworteten wiederum: gentechnisch veränderte Lebensmittel, der zweithöchste Wert nach Antibiotikaresistenzen (59 Prozent). Fast am Ende der Skala: mangelnde Lebensmittelhygiene zu Hause, um die sich nur 13 Prozent Gedanken machen.

 

Warum das besorgniserregend ist? Weil es der Wissenschaft, den zuständigen Behörden, aber auch den Medien offenbar nicht gelungen ist, den Menschen zu vermitteln, wo die wirklichen Risiken für ihre Ernährung liegen. Und ihnen gleichzeitig zu verdeutlichen, dass es absolute Sicherheiten und Wahrheiten in der Forschung nie geben kann.

 

Genau diese aber, so scheint es, erwarten die Menschen von der Gentechnik, zu der man ja persönlich stehen kann, wie man mag. Fest steht indes: Obwohl seit über 40 Jahren daran geforscht wird, hat bislang keine Studie eindeutige Belege für eine gesundheitliche Gefährdung von Menschen durch gentechnologisch veränderte Lebensmittel, etwa den so genannten "Gen-Mais", gefunden. So sagen es zumindest die allermeisten Forscher in großer Übereinstimmung. Was nicht bedeutet, dass es die Gefahren nicht gibt, aber sollten sie da sein, verstecken sie sich sehr gut.

 

Weniger einig sind sich die Wissenschaftler beim Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat, das gerade (aber nicht nur!) beim Anbau von Genmais eingesetzt wird. Während die Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation (IARC) Glyphosat 2015 als "wahrscheinlich krebserzeugend" einstufte, halten viele Experten eine solche Aussage für nicht falsch, aber wenig informativ, weil man diese Potenzialaussage richtigerweise über sehr viele Lebensmittel, zum Beispiel über rotes Fleisch, treffen könne. Am Ende komme es wie überall auf die Dosis an. Der BfR-Pestizidexperte Roland Solecki sagte in der Süddeutschen Zeitung (nicht online): "Richtig angewendet löst Glyphosat keinen Krebs aus." >>



>> Bei anderen potenziellen Risiken fällt der Expertenstreit wiederum flach. Beispiel Kräutertees. Viele von ihnen enthielten in Tests aufgrund versehentlich mitgeernteter Wildkräuter so genannte Pyrrolizidinalkaloide, mit denen sich die Pflanzen in der Natur vor Fressfeinden schützen. Die Wissenschaftler vermuten einmütig, dass die Stoffe beim Menschen Krebs verursachen können. Besonders verbreitet sind Pyrrolizidinalkaloide übrigens in Babytees. 

 

Noch gefährlicher ist mangelnde Hygiene im Haushalt. Die so genanntem Campylobacter- Bakterien lösen ansteckende Durchfallerkrankungen aus, weswegen jedes Jahr geschätzte 75.000 Menschen klinisch versorgt werden müssen, insgesamt erleiden rund eine Million Menschen in Deutschland pro Jahr eine Lebensmittelvergiftung. BfR-Präsident Andreas Hensel nannte kürzlich in einem Interview mit den Zeitungen der Funke-Mediengruppe ein Beispiel: "Eine Gruppe junger Leute trifft sich zum Grillen. Da fasst einer den rohen Hühnerschenkel an und nimmt dann mit der gleichen Hand das fertige Würstchen vom Grill. Wer das isst, nimmt genügend Bakterien für fünf Tage Durchfall auf. " 

 

Auch eine erneute Ehec-Epidemie wird durch mangelndes Gefahrenbewusstsein der Konsumenten wahrscheinlicher. Sobald rohe tierische und pflanzliche Lebensmittel im Kühlschrank nicht getrennt würden, steige das Risiko, sich mit der bakteriellen Darmerkrankung anzustecken, sagte der Mikrobiologe Helge Karch, Direktor des Instituts für Hygiene am Universitätsklinikum Münster, laut dpa – das gelte erst recht, wenn die Leute sich nicht häufig genug die Hände wüschen. 

 

Die Risiken in Sachen Ernährung scheinen also klar verteilt – und trotzdem sorgen sich die Menschen in Deutschland seit vielen Jahren konstant vor allem um die Folgen der Grünen Gentechnik – und kaum um die Gefahren ihres eigenen gedankenlosen Verhaltens. Was läuft da falsch? Und welche Verantwortung trägt dafür die Wissenschaft? Das BfR selbst gibt in seiner Pressemitteilung zur Studie folgende, auf den Science March gemünzte Antwort: Die Ergebnisse des aktuellen Verbrauchermonitors zeigten, "wie wichtig es ist, Erkenntnisse und überprüfbare Resultate aus der Forschung stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken." 

 

Wobei das womöglich nur ein Teil der Antwort ist. Die Wissenschaft kommuniziert die aufgezählten Erkenntnisse zu Kräutertees, Ehec oder Kühlschrankhygiene ja längst aktiv in die Öffentlichkeit hinein. Wer (und das noch nicht mal besonders aufmerksam) die Nachrichten verfolgt, kommt an den Warnhinweisen nicht vorbei. Umgekehrt sagt die Forschung jedem, der es hören will oder auch nicht, dass keine belastbaren Belege zu den Gefahren zum Beispiel der Gentechnik existieren. Doch während die real vorhandnen, enormen Schadenpotenziale der alltäglichen Lebensmittelhygiene von vielen Leuten ignoriert werden, wird aus den nicht bis zum letztem aussch