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Bildungsbild der Woche
Dänische Königliche Bibliothek in Kopenhagen
Von Johan Mouchet


IN EIGENER SACHE: 
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Warum jetzt alle eingeschnappt sind und der Digitalpakt trotzdem kommen wird

Hamburgs Schulsenator Rabe wirft Bundesbildungsministerin Wanka Wortbruch vor – die fühlt sich ihrerseits vor den Kopf gestoßen. Alles ziemlich trivial – und doch lässt daraus etwas lernen.

IRGENDWIE HAT SICH die Sache hochgeschaukelt. Sie erinnern sich vielleicht: Vor zwei Wochen berichtete ich hier im Blog von einer "Einigung mit Schönheitsfehler". Die Einigung, das waren die zwischen Kultusministerkonferenz und Bundesbildungsministerium ausgehandelten "Eckpunkte" zum "DigitalPakt Schule" oder, wie er offiziell heißen soll, zur "Bund-Länder-Vereinbarung zur Unterstützung der Bildung in der digitalen Welt im Bereich Schule". Der Schönheitsfehler: Am 1. Juni, dem Tag, an dem Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) sich eigentlich zur offiziellen Verabschiedung der Eckpunkte und ihrer anschließenden Verkündung mit den Kultusministern in Stuttgart treffen wollte, blieb bei der angekündigten Pressekonferenz ein Platz frei. Der von Wanka. Sie sei bei deutsch-chinesischen Regierungsgesprächen unabkömmlich, hieß es – was nachvollziehbar war angesichts des Besuchs von Chinas Ministerpräsidenten und ihrem Kollegen im Amt des Wissenschaftsministers. Dann war jedoch auch Staatssekretärin Cornelia Quennet-Thielen kurzfristig erkrankt, und das BMBF entschied: Wir schicken keinen Ersatz.

 

Jetzt sind alle Beteiligten beleidigt. Wanka, weil die Kultusminister die ausgehandelten Eckpunkte einseitig der Presse vorstellten. Und die Kultusminister, weil sie sich erst sitzen gelassen fühlten und dann in den vergangenen zwei Wochen, zumindest laut Hamburgs Schulsenator Ties Rabe (SPD), keinerlei Bemühungen des BMBF wahrnahmen, das Versäumte schnell nachzuholen. Meine Kollegin Heike Schmoll hat in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung heute einen aufschlussreichen Stimmungsbericht verfasst und zitiert Rabe wie folgt: "Wir sagen hier sehr klar, dass Frau

Wanka ihr Wort nicht hält und das Geld nicht hat und dass der Digitalpakt womöglich platzt."

 

Als Indiz führt führt Schmoll an, dass auf Betreiben des BMBF die bereits veröffentlichten Eckpunkte wieder von der Seite der Kultusministerkonferenz verschwunden sind – man habe dem ja nicht zugestimmt, so laute die Begründung von Wankas Ministerium.

 

Hat Wanka den Termin Anfang Juni wirklich absichtlich platzen lassen, weil sie das Geld nicht hat? Würde damit auch die für Ende des Jahres angestrebte Bund-Länder-Vereinbarung auf der Grundlage der Eckpunkte hinfällig? Wenn es so wäre, es wäre ein strategischer Patzer eines Bundesbildungsministeriums bislang unbekannter Güte und Ausmaßes.

 

Mir persönlich erscheint die andere Erklärung naheliegender. So, wie vor allem einige SPD-Kultusminister von Anfang an Wankas Digitalpakt-Initiative als taktische Überrumpelung empfunden haben, so ärgern sie sich nun darüber, dass die Bundesministerin sie erst mit großer Geste zusammenruft, um sie dann, wenn sie sich schon widerwillig zu Verhandlungen hingesetzt haben, hinzuhalten und zu vertrösten. Umgekehrt hat es Wanka getroffen, dass ihre Kultusministerkollegen sie als geld- und machtlose Ministerin ohne Plan darstellen, wenn sie selbst doch das Gefühl hat, die Kanzlerin erst von der Fünf-Milliarden-Initiative überzeugt zu haben. Für dumm verkauft fühlen sich die einen, mit Undankbarkeit konfrontiert die andere. Und Wahlkampf machen sie alle.

 

Meine Prognose: Der Pakt kommt trotzdem. Und zwar auf Grundlage der verhandelten Eckpunkte. Wenn Wanka klug beraten ist, wird sie noch vor der Sommerpause die Kultusminister zu einem Nachholtermin einladen oder anderweitig dafür sorgen, dass die Eckpunkte offiziell verabschiedet werden. Und die Kultusminister sollten ihr eine Brücke bauen, dies tun zu können. Wobei Folgendes allen klar sein sollte: Die Eckpunkte sind NICHT die Vereinbarung selbst, nach der Bundestagswahl wird es sicherlich noch Änderungen geben – und wenn nur, damit sich die dann aktuelle Hausleitung im BMBF, wie auch immer sie aussehen mag, profilieren kann. 

 

Trotzdem waren und sind die Eckpunkte ein entscheidendes Signal nach dem Motto: So in der Art kann es gehen. Und noch wichtiger: Es WIRD überhaupt etwas gehen.

 

Fast wichtiger als das gegenwärtige Gezerre erscheint daher am Ende eine andere Erkenntnis. Während Bund und Länder in Bezug auf die Hochschulen geübt sind darin, gemeinsame Programme und Pakte auszuhandeln, haben sie es im Bereich der Schulen nach 2006 verlernt. Was vor allem institutionelle Gründe hat: Bis zur Grundgesetzänderung, die die Zusammenarbeit in den Schulen empfindlich einschränkte, gab es die "Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsfragen" (BLK). Sie stellte ihre Arbeit Ende 2007 ein (interessant ist übrigens die historische Website hier). Für die Bund-Länder-Zusammenarbeit zugunsten von Wissenschaft und Hochschulen wurde die "Gemeinsame Wissenschaftskonferenz" (GWK) gegründet, wiederum mit eigener Geschäftsstelle und (aktuell) Generalsekretärin. Ein Ersatz für die BLK für den Bereich Schule? Fehlanzeige. War ja nach der Logik der Grundgesetzänderung (Stichwort: "Kooperationsverbot") nicht mehr nötig. 

 

Die GWK würde es nicht zulassen, dass ein Prozess derart ins Stocken und auf die abschüssige Bahn gerät, wie es der Digitalpakt derzeit tut. Die GWK-Geschäftsstelle ist erfahren im Prozessmanagement und auch darin, widerstrebende Partner im Dialog zu halten. Im Bereich der Schule beschränkte sich die institutionalisierte Zusammenarbeit bislang auf eine gemeinsame "Steuerungsgruppe", die ausschließlich für die verbliebene Gemeinschaftsaufgabe "Feststellung der Leistungsfähigkeit des Bildungswesens im internationalen Vergleich" zuständig war. Die ausgehandelten Eckpunkte sehen übrigens auch eine Steuerungsgruppe zwischen Bund und Ländern für den Digitalpakt vor. Steuerungsgruppe – aber wiederum keine eigene Geschäftsstelle, keine eigene Organisation.

 

Ganz gleich, ob man der Meinung ist, dass das Kooperationsverbot mit dem neuen Grundgesetz-Artikel 104c nun "aufgebrochen" wurde oder nicht, gemeinsame Schulprojekte und -programme zwischen Bund und Ländern werden wieder zunehmen. So haben auch SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz und – in Reaktion darauf – Bundeskanzlerin und CDU-Chefin Angela Merkel neue Ganztagsschulprogramme angekündigt. Programme, die in jedem Fall  ein hohes Maß an Kommunikation und Prozesssteuerung erfordern. Was passiert, wenn eine dafür geeignete unabhängige Instanz fehlt, sieht man gerade sehr deutlich. 

Einfacher kann man sich Politik nicht machen

Wenn es nach SPD und Grünen geht, ist der Bildungsföderalismus plötzlich an allen Problemen schuld, die Schulen so haben. Das mag populär sein. Stimmt aber nicht. Ein Gastbeitrag von Stefan Kaufmann.

Foto: Stefan Kaufmann MdB
Foto: Stefan Kaufmann MdB

MARODE SCHULEN, KRITIK an G8 und teilweise Rückkehr zu G9, gescheiterte Inklusion, fehlende Digitalisierung, Defizite in der Lehrerbildung: Die Liste der Baustellen im Bildungsbereich ist lang. Und auf jede dieser bildungspolitischen Fragestellungen scheint es, geht es nach SPD und Grünen im Bund, nur noch eine Antwort zu geben: Das fälschlich so genannte Kooperationsverbot muss weg. Dann endlich – und nur dann! – klappt es mit der Bildungsrepublik Deutschland. Eine Vielzahl von Problemen und EINE Lösung: Einfacher kann man sich Politik nicht machen. 

 

Nahezu jede bildungspolitische Diskussion landet früher oder später bei der Glaubensfrage Bildungsföderalismus, und auch wenn es womöglich populärer ist, einfach „Weg damit!“ zu rufen, halten wir von CDU und CSU dagegen. Bis vor kurzem stand die FDP an unserer Seite, doch auch sie wechselte ins Feld der Föderalismuskritiker. Warum also wollen wir bei den Regelungen bleiben, wie sie das Grundgesetz festlegt? Und warum halte ich persönlich sie weiter für richtig?

 

Die alleinige Zuständigkeit der Länder für Schulpolitik ergibt sich aus der Kultushoheit der Länder. Der Bildungsföderalismus gehört damit zu den Kernprinzipien unseres Staates und ist ein wichtiger Faktor für den seit fast sieben Jahrzehnten währenden Erfolg der Bundesrepublik Deutschland. 

Neben diesem grundsätzlichen staatsphilosophischen Argument gibt es ein handfest-finanzpolitisches. Der Bund engagiert sich bereits heute finanziell in Sachen Bildung so umfassend wie nie zuvor, sei es über den Hochschulpakt, die Qualitätsoffensive Lehrerausbildung, den Qualitätspakt Lehre oder die vollständige Übernahme der BAföG-Kosten von den Bund. Allein in den Hochschulpakt fließen über die Gesamtlaufzeit von 2007 bis 2023 20,2 Milliarden Euro Bundesmittel. Und mit der Übernahme der BAföG-Kosten entlasten wir die Länder um 1,2 Milliarden Euro – jährlich wohlgemerkt.

 

Fest steht schon jetzt, dass die Überweisungen in die Länder weiter wachsen werden. Mit dem neuen Artikel 104c Grundgesetz können von 2020 an Finanzhilfen des Bundes für bedeutsame Investitionen an finanzschwacher Kommunen im Bereich der Bildungsinfrastruktur fließen, wofür 3,5 Milliarden Euro zusätzlich bereits eingeplant sind. Im Gegenzug erhält der Bund keinerlei inhaltlichen Kompetenzen. Die Länder sind und bleiben für ihre Schulen und Hochschulen an vorderster Stelle selbst und originär verantwortlich. Die Bildungshoheit liegt also auch künftig ganz bewusst bei den Ländern. Der Geist des neuen Artikels 104c schreibt uns daher zwingend vor, die Finanzhilfen des Bundes hinsichtlich Verwendungszwecken und finanziellem Umfang möglichst begrenzt zu halten. Insofern bin ich mir mit allen Bildungspolitikern in der Unionsfraktion einig: Die Neuregelung des Grundgesetzes darf und wird kein Einfallstor für weitergehende Regelungen zu Lasten des Bundes sein. Auch die Finanzreserven des Bundes sind endlich, und jede weitere Änderung des Bildungsföderalismus zulasten der Bundesregierung gefährdet die Balance der gerade neu verhandelten Bund-Länder-Finanzbeziehungen.

 

Wer sagt darüber hinaus eigentlich, dass die Länder den Bund brauchen, um unser Bildungssystem fit für die Zukunft zu machen? Ja, der Bund erzielt Haushaltsüberschüsse, allein im vergangenen Jahr fünf Milliarden Euro. Doch auch die Länder stehen glänzend da: Sie haben zeitgleich über neun Milliarden Euro übrigbehalten. Selbst die Kommunen erzielten 2016 5,4 Milliarden Euro an Haushaltsüberschüssen. Auf der Einnahmeseite zeigt sich ein ähnliches Bild. Die Gesamteinnahmen der Länder lagen im Jahr 2016 bei 288,7 Milliarden Euro. Zum Vergleich dazu hatte der Bund Einnahmen in Höhe von 289 Milliarden Euro. Angesichts dieser Zahlen dürfte jedem klarwerden: Die Länder schwimmen selbst im Geld und haben jede Möglichkeit, dieses in die eigene (Bildungs-) Zukunft zu investieren.

 

Anstatt ein zentralistisch agierendes Bundesschulministerium herbeizusehnen, sollten sich die Kritiker des Bildungsföderalismuses dafür einsetzen, dass es endlich (wieder) einen echten Wettbewerb im Bildungssystem gibt. Mehr Vergleichbarkeit durch einheitliche Standards, beispielsweise bundesweit einheitliche Abiturprüfungen, würde dazu führen, dass die Länder sich um die besten Konzepte bemühen und damit auch den Wählern zeigen: Wir sorgen für hochwertige Bildung und schaffen bessere Chancen für die junge Generation. Die Bilanz, die Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) nach ihrem ersten Amtsjahr vorgelegt hat, beweist, dass die Länder mit den richtigen Konzepten durchaus Erfolge in der Bildungspolitik herbeiführen können. Baden-Württemberg ist damit ein gutes Gegenbeispiel zur derzeit viel zu oft und lauthals vorgetragenen, vor allem aber inhaltsleeren Forderung nach einem Ende des sogenannten Kooperationsverbotes. Die Länder sollten wieder den Mut entwickeln, ihre Gestaltungskraft im Bildungsbereich selbst unter Beweis zu stellen. Eine abermalige Änderung des Grundgesetzes würde nichts besser, sondern vermutlich sogar vieles noch komplizierter machen.

 

Mir ist bewusst, dass die Öffentlichkeit zurecht hohe Erwartungen an die Einheitlichkeit des Bildungssystems formuliert. Hierbei geht es aber insbesondere um die Vergleichbarkeit von Schulabschlüssen. Eltern verstehen nicht, dass ihre Kinder bei einem Wohnortwechsel mit unterschiedlichen Bildungsniveaus zurechtkommen müssen. Deshalb rücken materiell vergleichbare Bildungsstandards in das Zentrum der Aufmerksamkeit. Gerade weil sich dieses Ziel nur schrittweise erreichen lässt, muss sich die Kultusministerkonferenz an dieser Stelle deutlich stärker engagieren. Und die gemeinsam getroffenen Beschlüsse müssen dann auch verbindlicher umgesetzt werden. Sicherlich kann auch der Bund an der Stelle noch stärker koordinieren, wenn die Länder dies wünschen. Am Ende aber bleibt es aber dabei: Eine klare, auch finanziell eindeutige Verteilung von Verantwortlichkeiten ist dem Zuständigkeits-Wirrwarr zwischen Bund und Ländern, angeheizt durch ein ständiges Klagen über Zuständigkeiten und „Kooperationsverbote“, allemal vorzuziehen.

 

Stefan Kaufmann ist Obmann der CDU-/CSU-Fraktion im Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung des Deutschen Bundestages. Vor 14 Tagen schrieb an dieser Stelle Ernst Dieter Rossmann, bildungspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion, über Kanzlerin Angela Merkel und ihr Verhältnis zum Kooperationsverbot

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G 9 hilft Politikern, nicht Schülern

Diese Woche startete meine neue Kolumne "Wiarda will's wissen" im Tagesspiegel. In der ersten Folge habe ich gesagt, was ich vom Hin und Her in der Schulpolitik halte.

Plötzlich G9-Fans: Die CDU-Spitzenkandidaten Daniel Günther (links) und Armin Laschet. Foto-Credits: siehe unten.

ARMIN LASCHET IST schon vor seinem Amtsantritt zum ersten Mal wortbrüchig geworden, und keinen scheint es zu stören. Vergangenes Jahr hatte der CDU-Politiker und designierte nordrhein-westfälische Ministerpräsident noch versprochen, es werde im Falle eines Wahlsiegs keine komplette Rolle rückwärts geben an den Schulen. Kein flächendeckendes Zurück zu neun Gymnasialjahren bis zum Abi, dem sogenannten G 9, denn das bringe "zu viele Probleme" und sei keine Lösung. "Wir haben immer gesagt, G 8 muss besser gemacht werden, denn es gibt ja Schulen, wo es funktioniert, und es gibt Schulen, wo es nicht funktioniert."

 

Eine, nebenbei bemerkt, recht sinnentleerte Aussage, denn das gilt für Unterricht und eigentlich für so ziemlich alles im Leben eigentlich so ziemlich immer. Und jetzt also die Einigung mit dem neuen Koalitionspartner FDP: G 8, die erst vor anderthalb Jahrzehnten beschlossene Schulzeitverkürzung auf acht Jahre Gymnasium, wird abgewickelt. Was bleibt, ist eine Pseudo-Wahlfreiheit: Nur wenn Gymnasien in Übereinstimmung mit Eltern, Lehrern und Schulträger für G 8 votieren, können sie das Modell retten. Man habe den Schulen "kontroverse Diskussionen" ersparen wollen, sagten Laschet und sein FDP-Verhandlungspartner Christian Lindner in einer fast schon niedlichen Argumentation.

 

Dass parallel auch die neue CDU-FDP-Grüne-Koalition in Schleswig-Holstein die Wiedereinführung von G 9 beschloss, passt ins Bild, ist aber zweitrangig. Schon die Entscheidung im größten Bundesland besiegelt das Schicksal der einst mit großen Erwartungen auch in Westdeutschland gestarteten Schulzeitverkürzung. Jünger sollten die Schulabgänger werden, moderner die Lehrpläne und stärker an der späteren Berufspraxis orientiert. Das Modell G 8 in den alten Bundesländern ist faktisch tot, und es ist nicht an sich selbst gescheitert, nicht an protestierenden Elternfunktionären, die glauben, für das Wohl ihrer Kinder zu sprechen. G 8 zerbrach an der überparteilichen Bequemlichkeit von Politikern, die Erkenntnisse der Bildungsforschung systematisch ignorierten, weil sie keine Lust mehr hatten auf nervige Schuldebatten.

 

Was die Bildungsforscher aufgrund aufwendiger Studien immer wieder berichteten: dass G 8 und G 9 zu identischen Lernergebnissen führen, aber auch zu ähnlichen Stresslevels bei den Schülern. Eine Rückkehr biete daher keine positiven Folgen, sagte zuletzt etwa Olaf Köller vom Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften. Nun, sagen wir mal: keine positiven Folgen für Schüler.

 

Für Politiker dagegen offenbar schon. Wenn Politiker wie Laschet oder Daniel Günther (der CDU-Spitzenkandidat in Schleswig-Holstein) jetzt von "Ruhe für die Schulen" sprechen, meinen sie in Wirklichkeit Ruhe für sich selbst. Den Schulen muten sie mit dem zwangsweisen Wechsel zu einer völlig neuen Struktur - und nichts anderes ist die Einführung von G 9 - auf Jahre hinaus erneutes Durcheinander und Mängelverwaltung zu. Genau jenes Durcheinander und dieselbe Mängelverwaltung, die viele Eltern überhaupt erst gegen G 8 aufbrachten. Das gerade überwundene Nebeneinander der Systeme, das Chaos aus fehlenden Lehrplänen und nicht zum neuen Rhythmus passenden Schulbüchern, beginnt von Neuem.

 

Deutschland zerfällt damit endgültig in zwei Schulwelten: Hier der Osten mit nicht nur funktionierenden, sondern auch akzeptierten G-8-Strukturen und vorderen Plätzen in deutschlandweiten Schulrankings. Hier der Westen, dessen Schulen weitere zehn Jahre in die Beschäftigung mit sich selbst abgleiten. Dabei hatte ausgerechnet Schleswig-Holstein zuletzt Boden gutgemacht. Bis Daniel Günther drei Monate vor der Wahl von einem Tag auf den anderen beschloss, dass G 9 fürs Land besser sei. Nun, wir werden sehen.

 

Meine Kolumne erscheint von jetzt an alle zwei Wochen montags im Tagesspiegel im Wechsel mit George Turner und seiner Kolumne "Turners Thesen".

 

Fotos: Laurence Chaperon/CDU Schleswig-Holstein; KAS: "Armin Laschet", CC BY 2.0

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Fünf Ressortchefs und eine Ansage

Die ostdeutschen Wissenschaftsminister präsentieren heute einen Plan zur Hochschulfinanzierung. Spannender als das, was sie sagen, ist, dass sie es gemeinsam tun.

Foto: tom_stromer: "Bundespressekonferenz", CC BY-NC 2.0

HEUTE VORMITTAG ERLEBT die deutsche Hochschulpolitik eine kleine, aber feine Premiere. Die Wissenschaftsminister aller fünf neuen Bundesländer laden geschlossen zu einer Pressekonferenz nach Berlin, und alle fünf gehören der SPD an. Ein „Positionspapier für eine sichere und gerechte Hochschulfinanzierung“ wollen sie vorstellen. Vor allem aber geht ihnen um ein Signal an den Rest der Partei.

 

Gestern hat die neue schwarz-gelbe Koalition in Nordrhein-Westfalen ihr Programm präsentiert, die Sozialdemokraten sind in ihrem Stammland aus der Regierung geflogen, inklusive Wissenschaftsministerin Svenja Schulze, die sich auf den Posten der Landes-Generalsekretärin rettete. War ihr Haus, das mit Abstand größte Landeswissenschaftsministerium, bisher tonangebend im SPD-Wissenschaftslager, ist die Leitposition im geschrumpften Rudel sozialdemokratischer Ministerium jetzt verwaist. Auch Schleswig-Holsteins bisherige Ressortchefin Kristin Alheit wurde aus dem Amt katapultiert. Und die Ost-Minister haben nachgezählt: Noch acht SPD-Wissenschaftsminister bundesweit, davon zwei im Westen. Das Machtzentrum der sozialdemokratischen Wissenschaftspolitik, so lautet daher heute die wichtigste Botschaft in der Bundespressekonferenz, liegt jetzt in Ostdeutschland.

 

Apropos: Fehlt da nicht einer? Wird Berlin nicht auch irgendwie zu den neuen Bundesländern gezählt, und heißt der dortige Wissenschaftssenator nicht Michael Müller und ist Regierender Bürgermeister in Personalunion? >>



>> Schon richtig. Nur hatte Müllers Staatssekretär Steffen Krach im Februar zusammen mit weiteren, ausschließlich aus Westdeutschland stammenden Parteigrößen (darunter die Ex-Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn, der Wissenschaftsexperte Hubertus Heil und – Svenja Schulze) auch ein Positionspapier präsentiert. „Zukunftsvertrag für Wissenschaft und Forschung“ hieß es leicht übersteigert und schlug vor: eine sichere und gerechte Hochschulfinanzierung. Allerdings ohne speziell ostdeutschen Blick. Und abgestimmt mit dem Rest der Partei war es auch nicht. Etwa mit dem Thüringer Wissenschaftsminister Wolfgang Tiefensee, der schon im vergangenen Jahr – und damit als erster – einen „Zehn-Punkte-Plan“ zur Hochschulfinanzierung vorgestellt hatte. Ein Eintrittsticket in den Club der Zukunftsvertrags-Autoren hatte ihm das freilich nicht verschafft. Worüber Tiefensee, wie kolportiert wird, recht sauer gewesen sein soll. Tiefensee gilt neben seiner sächsischen Kollegin Eva-Maria Stange als wichtigster Kopf hinter dem heutigen Ost-Aufschlag. Folglich wird Krach, der von vielen als der neue starke Mann der SPD-Wissenschaftspolitik gesehen wird, ihr Papier jetzt auch nicht mit vorstellen.

 

Übrigens hatte die Unions-Bundestagsfraktion ihrerseits Anfang des Jahres ihr „Ideenpapier“ zur künftigen Finanzierung von Bildung und Forschung veröffentlicht. Woher kommt diese Flut an programmatischen Stoffsammlungen, und warum kommt sie jetzt?

 

Weil sich alle noch rasch in Position schieben wollen, bevor nach der Bundestagswahl der Poker um die Zukunft des Hochschulpakts in seine heiße Phase geht. Jedes Jahr transferiert der Bund zwei Milliarden Euro in die Landeshochschulen, doch die Vereinbarung läuft nach 2020 aus. Die Wahrheit ist: Auch wenn das Bund-Länder-Programm einst als vorübergehende Maßnahme gedacht war, um immer neue Rekorde bei den Studienanfängerzahlen abzufangen, wären die Hochschulen ohne die zusätzlichen Milliarden längst nicht mehr handlungsfähig. Das weiß auch die Bundesregierung und hat den Ländern bereits im vergangenen Dezember signalisiert, dass das Geld weiterfließen wird, und zwar auf Dauer. „Der Bund sieht ein, dass die Hochschulen nicht mehr ohne die Bundesfinanzierung können“, sagte damals ein Landesstaatssekretär. Einig war man sich allerdings auch, dass es künftig nicht darum gehen kann, einfach immer weiter zusätzliche Studienanfänger zu belohnen. Viel strittiger sind die 1,6 Milliarden Euro pro Jahr, die Tiefensee in seinem 10-Punkte-Plan für den Hochschulbau gefordert hat. Denn von 2020 an hat der Bund keinerlei Zuständigkeit mehr für die Uni-Baustellen der Republik. Er will sie auch nicht: Bundesforschungsministerin Johanna Wanka (CDU) hat eine Diskussion darüber mehrfach abgelehnt.

 

Ergo: Die Flut an Positionspapieren. Was die fünf Minister heute in ihrer Pressekonferenz konkret sagen werden? Dass Ostdeutschlands Wissenschaftssystem historisch bedingt immer noch den etablierten Strukturen Westdeutschlands hinterherlaufe und dass es deshalb nicht angehe, wenn die Bundesmilliarden nach Hochschulpaktende allein nach Länderproporz verteilt würden. Gerade was die Ausgaben für Forschung und Entwicklung angehe, sei der Osten im Nachteil, weil ihm die Industrie und damit die privaten Forschungsinvestitionen fehlten. Dafür müsse ein Ausgleich her. Auch beim Ausbau der Fachhochschulen und der außeruniversitären Forschungseinrichtungen hätten die neuen Bundesländer auch 27 Jahre nach der Einheit noch Nachholbedarf. Und so, wie der bisherige Hochschulpakt gerade für die vom demografischen Wandel besonders geschlagenen Ostländer von essentialer Bedeutung gewesen sei, werde das auch eine künftige, nach Vorstellung er fünf Minister an Studenten in der Regelstudienzeit sowie an Absolventen gekoppelte Mitfinanzierung durch den Bund sein. 

 

So in etwa werden die Wissenschaftsminister nachher argumentieren. Doch egal, was sie sagen: Dass sie da gemeinsam sitzen, sollte ihren Kollegen aus dem Westen zu denken geben. Übrigens nicht nur den aus der SPD.


HIER DER LINK ZUM PAPIER DER FÜNF OSTDEUTSCHEN WISSENSCHAFTSMINISTER.

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Innovation: Ja. Wissenschaft: Nein.

Nordrhein-Westfalen will offenbar Wissenschaft und Innovation in zwei unterschiedliche Ressorts packen.

VERGANGENE WOCHE HATTE ich über das Comeback von Andreas Pinkwart berichtet. Schon in den gerade zu Ende gegangenen Koalitionsverhandlungen zur Bildung einer neuen nordrhein-westfälischen Landesregierung spielte der Wirtschaftswissenschaftler eine zentrale Rolle, er betreute auf Seiten der FDP das Feld Hochschulen und Innovation und damit den gesamten Bereich von Wirtschaft und Wissenschaft. Jetzt zeichnet sich ab, was bereits als wahrscheinlich galt: Pinkwart soll nach Berichten der Rheinischen Post wieder Minister werden, und zwar verantwortlich für ein Superministerium "Wirtschaft, Innovation, Digitales und Energie". Die CDU soll dagegen für Wissenschaft zuständig sein, hier werden aber noch keine konkreten Personen genannt.

 

Was die Unterteilung in "Wissenschaft" einerseits und "Innovation" andererseits konkret für die Forschungspolitik bedeuten könnte, müssen die neuen Koalitionspartner noch ausbuchstabieren. So ist aus organisatorisch-praktischen Gründen zwar nachvollziehbar, dass Pinkwart anders als in den Koalitionsverhandlungen nicht zugleich die gesamte Wirtschafts- und Hochschulpolitik in seinem Ministerium abdecken kann: 70 Hochschulen habe in NRW ihren Sitz. Doch hat Pinkwart in den Koalitionsverhandlungen einmal mehr seinen Faible auch für die Hochschulpolitik bewiesen – und würde sich beim geplanten Ministeriumszuschnitt deutlich zurückhalten müssen.

 

Hinzu kommt: Ministeriumsmodelle, bei denen Forschung der Wirtschaft zugeschlagen und damit von der Wissenschaft getrennt wurden, galten in der Vergangenheit nicht als Selbstläufer. Nach der Wahl 2011 wurden Berlins damaliger Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und sein CDU-Kolitionspartner Frank Henkel heftig dafür kritisiert, dass sie eine "Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Forschung" einrichteten – mit dem Ergebnis, dass das Wirtschaftsressort für die außeruniversitären Forschung zuständig wurde, das Wissenschaftsressort aber für die Hochschulen. 2016 gehörte es zu den ersten strukturbildenden Maßnahmen der neuen rot-rot-grünen Berliner Koalition, Forschung und Wissenschaft wieder unter einem Dach zu vereinen – dem des Wissenschaftssenators und Regierendem Bürgermeisters Michael Müller (SPD).

 

Der vergangene Woche von Pinkwart angekündigte Vorstoß, den Bund für internationale Studenten mitzahlen zu lassen, hat übrigens bereits seinen Weg in den am Freitag vorgelegten Koalitionsvertrag gefunden. Zitat: "In Richtung Bund ergreifen wir eine Initiative mit dem Ziel, dass sich dieser an der Finanzierung des Studiums von Studierenden aus Drittstaaten dauerhaft beteiligt." Baden-Württembergs grüne Wissenschaftsministerin Theresia Bauer hatte eine solche Forderung in einer ersten Reaktion als "durchaus sympathisch" bezeichnet. Andere Landesregierungen dürften das ähnlich sehen. Mal sehen, was der Bund dazu sagt. 

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Rankings über alles?

Ein Blick hinter die Kulissen der Londoner Ranglisten-Industrie.

Nr. 1 im Times-Ranking: die Universität Oxford. Foto: Sidarth Bhatia.
Nr. 1 im Times-Ranking: die Universität Oxford. Foto: Sidarth Bhatia.

EINE HALBE STUNDE, sagt Nicki Horseman, die Frau hinter dem Ranking, zur Begrüßung. Das sei die Abmachung. Die nächsten 30 Minuten wandert ihr Blick beständig zu ihrer Uhr am Handgelenk, und wenn sie nicht anders kann, beantwortet sie auch mal eine Frage. Ansonsten nickt sie ungeduldig, während Chefredakteur John Gill von den "13 sorgsam ausgesuchten Indikatoren" redet, mit denen das "THE World University Ranking" "jeder Universität eine passgenaue Rückmeldung zu ihrem Leistungsprofil gibt". Nicki Horseman trägt den Titel "Lead Higher Education Data Analyst". Sie ist verantwortlich für das Team, das die Daten bei den 980 Universitäten in aller Welt einsammelt, die im THE-Ranking gelistet sind. Insgesamt sechs Leute sind mit der Erstellung der Statistiken beschäftigt - nicht nur für die eine Uni-Rangliste, sondern zusätzlich für acht Fächerrankings und für ein amerikanisches College-Ranking, das noch mal über 1000 Institutionen listet. Sechs Leute - den Rest erledigten Externe und Teilzeitkräfte. Kein Wunder, dass die promovierte Mathematikerin Horseman keine Zeit hat.

 

Nach dem ersten internationalen Uni-Vergleich des Times Higher Education 2004 ist die Hochschulwelt nicht mehr dieselbe. Seitdem verkünden auch Rektoren hierzulande, dass ihre Universität "die mit Abstand beste der kleineren Universitäten Deutschlands" sei (Mannheim) oder "jetzt zu den 200 weltbesten Universitäten" gehöre (Duisburg-Essen) oder aber, dass sie im QS-Fächerranking "in 14 von 30 bewerteten Fächern im Bundesvergleich einen Top-10-Platz erzielen konnte". Das letzte Zitat stammt von Hamburgs Universitätspräsident Dieter Lenzen, der noch vor wenigen Jahren zu Protokoll gegeben hatte, Rankings seien "Unfug", und seine Universität wolle sich fortan nicht mehr daran beteiligen. Auch viele von Lenzens Rektorenkollegen lästern über die Oberflächlichkeit der Ranglisten, um dann im Erfolgsfall die eigene Institution zu preisen. "Das ist schon so", sagt Bernd Huber, Präsident der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität (LMU), die es 2014 als erste deutsche Uni bei THE unter die besten 30 geschafft hat und das mit einer Jubel-Pressemitteilung würdigte. "Man kann lange und zu Recht über die methodischen Schwächen dieser Listen philosophieren, am Ende muss man eingestehen, dass sie eine enorme Durchschlagskraft haben."

 

Ein Bürohaus nördlich der Themse: Horseman und Gill sitzen in einem fensterlosen Besprechungsraum, ausgestattet mit Leuchtstoffröhren und Resopalmöbeln, alle paar Sekunden knallt nebenan eine Tür ins Schloss. Nicht das Ambiente, das man mit dem Glanz weltweiter Spitzenforschung verbindet, und doch ist es die beste PR-Botschaft überhaupt: Wenn ihr glaubt, die Rankings machen uns reich, irrt ihr euch. Wahr ist, dass die erste THE-Rangliste erschien, als die Times ihre Tochter abstoßen wollte - womöglich, so behaupten Kritiker, um sie für die neuen Investoren aufzuhübschen. "Klar ist das hier ein Geschäft", sagt Gill, Mitte 30, weißes Hemd und schwarzes Jackett.

 

Der Journalismus, den THE bietet, kann sich sehen lassen. In den vergangenen Monaten hat Gill über den Reputationsverlust britischer Universitäten infolge des Brexits geschrieben, über die Verantwortung der Academia in antiaufklärerischen Zeiten oder über das Potential von Big Data für die künftige Betreuung von Studenten. Finanziert über Anzeigen auf der Ranking-Website, über Werbe-Profile, die Universitäten sich dort kaufen können, über den Handel mit Datenpaketen und, der wohl lukrativste Geschäftszweig, über sogenannte THE Summits. Alle paar Wochen veranstalten sie irgendwo eine Konferenz, einmal im Jahr laden sie zum "World Academic Summit", zuletzt an der Berkeley-Universität. Einer der Redner war LMU-Präsident Huber.

 

In einer abgelegenen Gegend im Norden Londons, zwischen Royal Free Hospital und dem U-Bahnhof Belsize Park: Hier hat Quacquarelly Symonds, dessen wichtiges Produkt ebenfalls "World University Rankings" heißt, seinen Sitz. Die neueste Ausgabe erschien vergangene Woche und wurde wie gewohnt auf der ganzen Welt vermarktet. Die Großraumbüros der "QS Intelligence Unit", die für die Ranglisten zuständig ist, reihen sich um einen viktorianischen Hinterhof. Ben Sowter ist hier der Abteilungsleiter, Typ Gymnasiallehrer mit verschmitztem Lachen, Pullover und schwarzumrandeter Designerbrille. Er berichtet, die Intelligence Unit umfasse "ungefähr 40 Leute", doch die meisten seien nicht nur mit dem Ranking beschäftigt, sondern vor allem mit Marketing und Beratung, so dass man etwa von zehn Vollzeitkräften sprechen könne - plus vier Aushilfen, wenn es wieder mal Zeit für die Datensammlung sei. Sowter hält das für viel, worüber man geteilter Meinung sein kann bei weltweit 900 Universitäten, die QS im Jahr rankt, dazu 42 nach Fächern sortierte Einzelrankings oder die Liste mit den 50 besten Studentenstädten. Das alles sei sehr aufwendig, sagen die Verantwortlichen. "Wir nutzen alle möglichen öffentlich zugänglichen Quellen, von den Statistikämtern über Organisationen wie den Deutschen Akademischen Austauschdienst bis hin zu den Uni-Websites." Daten, die direkt von Hochschulen kämen, seien indes nicht immer verlässlich - solange sie nicht jemand Unabhängiges überprüft habe. Das sei dann ihr Job, sagt Sowter.

 

Eine längliche Rede, die besagen soll: Bei uns könnt ihr euch auf die Qualität verlassen. Die Betonung liegt auf: bei uns. So geht das ständig. Anfangs haben die Leute von QS und THE nur nette Worte übereinander, doch nach ein paar Sätzen beginnt das Gemurmel. "Wir für unseren Teil wollen die ganze Wirklichkeit abbilden", sagt Sowter von QS dann, und John Gill von THE sagt: "Einfach Daten einzusammeln aus irgendwelchen Quellen, das halten wir für schwierig." >>


Vergangenes Jahr habe ich den damaligen Stanford-Präsidenten John Hennessy interviewt. Er sagte: "Natürlich sind Rankings etwas für Angeber." Und: Deutschlands Universitäten sollten aufhören, Yale, Harvard & Co hinterherzulaufen. "Das sind die falschen Vorbilder." -> DAS GESAMTE INTERVIEW IM WORTLAUT


>> Dabei muss man nicht allzu tief in die Methodologie einsteigen, um zu sehen: So groß sind die Unterschiede nicht. Sowohl THE als auch QS beziehen ihre Angaben zu Publikationsstärke und Zitationen mittlerweile über die Datenbanken des Großverlags Elsevier. Gemeinsam ist beiden auch die überragende Bedeutung der Reputationsumfrage: QS hat fürs aktuelle Ranking über 70 000 Wissenschaftler gefragt, welche Universitäten sie für die besten der Welt halten. THE spricht von "mehr als 20 000 Antworten", ein leichter Etikettenschwindel, denn THE kombiniert die jeweils aktuellen Befragungsergebnisse mit denen des Vorjahres. Doch Chefredakteur Gill bekräftigt, dass ihre Methode einzigartig gut sei. Man suche sich die Teilnehmer der Umfrage genau aus, "invitation only", nennt Gill das, als handle es sich bei dem Ranking um einen Londoner Gentlemenclub.

 

Diese Reputationsumfragen seien für ihn der kritischste Aspekt, sagt Gero Federkeil vom Centrum für Hochschulentwicklung (CHE). "Die Rankings haben enormen Einfluss auf das internationale Ansehen der Universitäten. Gleichzeitig messen die Rankings selbst wieder dieses Ansehen." Federkeil spricht von einem "Zirkelschluss, der auch ein Weg ist, um sich den eigenen Erfolg zu sichern." Federkeil ist für "U-Multirank" zuständig, das die EU als nichtkommerzielle Ranking-Alternative initiiert hat. Statt vorher festgelegte Kriterien vorgesetzt zu bekommen, könne jeder Student selbst bestimmen, was ihm wichtig sei, sagt Federkeil. Bei QS schmunzeln sie darüber. "Haben Sie schon mal einen 17 Jahre alten Schulabgänger gesehen, der mit einer Matrix von 31 Indikatoren und den dazu gehörigen Gewichtungen umgehen kann?", fragt Ben Sowter.

 

Der Marketingerfolg von QS, THE und dem ähnlich aufgemachten Shanghai-Ranking gibt Sowter recht. Ihr Erfolg liegt in ihrer Einfachheit, auch wenn genau die das Problem ist. Der Darmstädter Eliteforscher Michael Hartmann sagt: "Die Universitäten haben sich auf die ausschlaggebenden Faktoren eingestellt. Wo immer es geht, gestalten sie die Wirklichkeit so um, dass die Ergebnisse besser aussehen." Andere Dimensionen akademischer Qualität drohten unter den Tisch zu fallen. Um ihre Performance zu verbessern, können die Universitäten übrigens wiederum die Dienste der Ranking-Macher in Anspruch nehmen: über teure Beratungsprojekte, in denen die Hochschulleitungen erklärt bekommen, an welchen Stellschrauben sie drehen müssen.

 

Die Deutschen verfolgen eine andere Taktik. Als leitenden Mitarbeitern im Auswärtigen Amt schwante, welchen Einfluss die Rankings auf das Erscheinungsbild Deutschlands in der Welt entwickeln, boten sie den Unis ein Pilotprojekt an. "Verbesserung internationaler Rankingergebnisse deutscher Universitäten" hieß es, die Leitung übernahmen zwei Rektoren: Bernd Engler von der Uni Tübingen und Hans Müller-Steinhagen von der TU Dresden. Zwei Jahre lang arbeitete sich ein Mitarbeiter an den THE-Kriterien ab und fand heraus, dass viele Publikationen den beiden Universitäten gar nicht zugeordnet worden waren, weil ihre Namen in verschiedenen Versionen herumgeisterten. Außerdem, berichtet Engler, hätten sie alle wissenschaftlichen Mitarbeiter als Forscher gemeldet, auch diejenigen, die vorrangig in der Lehre eingesetzt wurden. Das Ergebnis war, dass die Zahl hoch und die Produktivität pro Forscher im Rankingvergleich sehr niedrig war. Im ersten Jahr des Pilotprojekts schoss Tübingen fast 100 Rangplätze nach oben, auf Platz 113. Noch ein Jahr darauf lag man auf Rang 78. Inzwischen hat das Außenministerium das nächste Projekt angestoßen, diesmal soll das QS-Ranking analysiert werden. Hier liegt die beste deutsche Universität, die TU München, derzeit erst auf Rang 64. "Rankings schärfen das Bewusstsein für Standards, und das ist gut so", sagt Bernd Engler. Er rate allerdings dazu, Rankings nicht überzubewerten "und schon gar nicht zu Entscheidungsfaktoren inneruniversitäter Mittelverteilung zu machen".

 

Nicht überbewerten? Ist nicht die Aufmerksamkeit an sich schon die größte Überbewertung? Eliteforscher Hartmann sagt, die Rankings hätten den Trend zur Ökonomisierung und "unsinniger Konkurrenz zwischen ganzen Universitäten um die öffentliche Aufmerksamkeit" befördert. "Sie haben den Zeitgeist nicht zu verantworten", sagt er. "Aber sie surfen virtuos darauf." Die Antwort der Rankingmacher ist von erstaunlicher Schlichtheit. "Wir sind da, und die Universitäten müssen sich darauf einrichten", sagt Nicki Horseman und schickt noch einen fast garstigen Satz hinterher: "Wir sind nicht verantwortlich für das, was die Universitäten mit unseren Ergebnissen anstellen."

 

Dieser Artikel ist gestern zuerst in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen. 

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Das Geld muss vom Bund kommen

Studiengebühren für internationale Studierende? Taugen nicht einmal als B-Lösung, meint Gerd Grözinger. Ein Gastbeitrag.

Foto: Screenshot der DAAD-Website
Foto: Screenshot der DAAD-Website

ES IST ERSTAUNLICH, wie schnell die Idee der Studiengebühren für ausländische Studierende Fahrt aufnimmt. Gerade erst von Baden-Württemberg eingeführt, werden sie vermutlich demnächst schon auch in Nordrhein-Westfalen zu finden sein (siehe das Gespräch mit Andreas Pinkwart). Oder mit anderen Worten: eigentlich oft so konträre Parteien wie die Grünen, vertreten durch Theresia Bauer, und die FDP, repräsentiert durch Andreas Pinkwart, kommen zu den gleichen Schlüssen. Ist das deshalb schon ein Qualitätsausweis?

 

Man darf, man muss hier zweifeln. Was daran richtig ist, die Beobachtung, dass die Kosten für ausländische Studierende nicht von den Bundesländern getragen werden sollten. Die haben zwar im föderalen System Deutschlands die Bildungshoheit, sind aber zunächst nur für die Bildung ihrer jeweiligen Bevölkerungen zuständig. Außenpolitik ist Aufgabe des Bundes. Das wird eigentlich auch im Bildungsbereich so gesehen. Ein gutes Indiz dafür ist der Haushalt des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD), der für die Förderung  der internationalen akademischen Mobilität zuständig ist. Der nicht unbeträchtliche Umfang an deutschen staatlichen Mitteln von mehreren Hundert Millionen Euro jährlich wird fast ausschließlich vom Bund getragen, während die Bundesländer hier kaum etwas beitragen.

 

Das ergibt auch Sinn. Denn ausländische Studierende erscheinen auf Bundeländerebene zwar primär als Kosten, aber es gibt natürlich auch einen Nutzen. Dieser fällt überwiegend auf der gesamtstaatlichen Ebene an. Der Wissenschaftsrat nennt hier etwa außen-, außenwirtschaftspolitische und entwicklungspolitische Ziele, die damit erreicht werden können. Es ist doch völlig klar, dass ein anderes und freundlicheres Klima herrscht, wenn das Gegenüber in internationalen Verhandlungen von seiner (hoffentlich) schönen Zeit in Heidelberg oder Aachen schwärmt anstatt von Paris, Oxford oder Chicago. Für den langjährigen Exportweltmeister Deutschland sollte die Unterstützung solcher Erfahrungen eigentlich schon aus eigenem Interesse selbstverständlich sein.

 

Ironisch und bitter deutlich werden die Problemdimensionen darin, dass nur zwei Tage, bevor diese Zeilen erscheinen, in Berlin eine G20-Konferenz zur Afrika-Partnerschaft begann, wo die Förderung von Bildung und Innovationsfähigkeit auf diesem Kontinent eine große Rolle spielen sollte. Natürlich dient eine solche Konferenz auch dazu, weitere befürchtete Migrationswellen überflüssig zu machen. Es riecht schon sehr nach provinzieller Kirchtumspolitik, wenn in Stuttgart und Düsseldorf parallel darüber entschieden wird, dass afrikanische Studierende demnächst zahlen sollen. Und natürlich wird man in naher Zukunft einen Rückgang bei dieser Gruppe sehen. Baden-Württemberg geht denn ja auch von signifikant weniger Nicht-EU-Studierenden aus, was die sowieso nicht erheblichen Einnahmen weiter schmälern wird.

 

Sicherlich gibt es etliche ausländischer Studierender aus reichem Elternhaus, so wie es auch jede Menge deutscher Studierender mit einer solchen komfortablen Herkunft gibt. Aber die Sondererhebung des Deutschen Studentenwerks zur Situation ausländischer Studierender hat Folgendes für den Durchschnitt ergeben: „Bildungsausländer/innen verfügen im Schnitt über 749,- Euro/Monat und damit 115.- Euro weniger als einheimische Studierende (864.- Euro). Bildungsausländer/innen aus einkommensschwachen Herkunftsländern stehen nur 675.- Euro/Monat zur Verfügung.“ Da kann man sich leicht ausrechnen, wie die Reaktion auf Studiengebühren von 1500 Euro pro Semester ausfallen wird.

 

Die organisatorische Lösung des Dilemmas – hier die Anforderungen der Außenpolitik, da die Länderfinanzierung bei den Hochschulen – ist eigentlich klar: Der Bund sollte in Zukunft vollständig die Studierkosten für ausländische Studierende übernehmen. Das hätte mehrere Vorteile.

 

Erstens nimmt die Bundesregierung damit ihre außenpolitische Verantwortung direkt und sichtbar wahr und entlastet die dafür nicht zuständigen Bundesländer. Zweitens kann der Bund dadurch bei den Ländern Einnahmen für alle ausländische Studierenden generieren und nicht nur für Nicht-EU-Ausländer. Denn europarechtlich sind die Studierenden der Europäischen Union den einheimischen Studierenden gleichgestellt und machen auch einen nicht vernachlässigbaren Anteil der an den deutschen Hochschulen aufschlagenden internationalen Studierenden aus. Drittens würden die Hochschulen nicht nachträglich dafür bestraft, dass sie in den vergangenen Jahren zunehmend Strategien der Internationalisierung entwickelt haben. Was machte es noch für einen Sinn, etwa rein englischsprachige Studiengänge anzubieten, wenn einem demnächst die Landesregierung mit einem selektiven Studiengebührenmodell in den Rücken fällt und die Nachfrage dadurch zusammenbricht? Viertens sind auch die Bundesländer sehr unterschiedlich in der Attraktivität für ausländische Studierende. Der Anteil der Bildungsausländer an allen Studierenden reicht von 5,5 Prozent in Mecklenburg-Vorpommern bis zu 13,9 Prozent in Berlin. Die Mehrkosten von Ländern wie Berlin kann durch den Vorschlag der Bundesverantwortung sehr einfach ausgeglichen werden.

 

Fünftens schließlich sichert der Bund als gesamtstaatlicher Akteur die Rendite, die in einem hohen Anteil ausländischer Studierender liegt. Denn bildungsökonomisch ist selbst bei enger Betrachtung der ausländische Studierende gar kein Verlustgeschäft. Nach einer Studie der Prognos AG für den DAAD rechnet sich das bereits nach rund sieben Jahren, wenn nur 20 Prozent, und schon nach fünf Jahren, wenn 30 Prozent nicht in ihre Heimatländer zurückkehren, sondern in Deutschland leben und arbeiten. Die bisherigen empirischen Verbleibwerte liegen tatsächlich in diesem Bereich.

 

Was kostete das den Bund? Im Moment kann man mit einem Anteil von gut neun Prozent Bildungsausländern rechnen. Die mit deutschem Abitur und ausländischer Staatsangehörigkeit bleiben unberücksichtigt, da sie auch in Baden-Württemberg und NRW nicht zur Zahlung herangezogen werden sollen. Auch wenn man überschlägig reale Durchschnittskosten von etwa 9000 Euro pro Jahr und Studierendem (einschließlich Forschungs-und Investitionsanteil) ansetzt, dann scheint die Bundespolitik doch durchaus bereit, sich mit interessanten Summen auch langfristig zu engagieren, wenn der gegenwärtige Hochschulpakt ausläuft. Für die SPD hat der Landesminister Tiefensee etwa Pläne für einen Einstieg des Bundes in die Grundfinanzierung mit einem Zuschuss von 1000 Euro für jeden Studierenden vorgelegt, andere Positionen in der Partei sehen im Umfang Ähnliches vor (siehe Blogeintrag vom 15. Februar). 1000 Euro auf 100 Prozent oder gut 9000 Euro auf etwa neun Prozent Bildungsausländer liegen budgetmäßig nicht so furchtbar weit auseinander. Das letztere ist aber erheblich zielgenauer.

 

Und weil der Bund der große Finanzier für alle mit ausländischer Hochschulzugangsberechtigung wäre, könnte er dann auch mitreden und Bedingungen stellen. Die für eine grüne Politikerin, einer Partei mit langer Geschichte der Ablehnung von Studiengebühren für deutsche Studierende, erstaunliche Aussage von Theresia Bauer bezüglich eines Bundeszuschusses für ausländische Studierende im Blog („Allerdings wirklich nur als zweiter Schritt, wenn zuvor in den Ländern Studienbeiträge für internationale Studierende etabliert sind") klingt nicht einfach nur schwäbisch-geizig. Sie ist kurzsichtig und ohne Berücksichtigung internationaler Belange. Der Bund könnte klüger agieren. Übernimmt er die vollständigen Studierkosten für Bildungsausländer,  könnte er übrigens auch eine konkrete Forderung stellen: dass die Bundesländer das mit den Studiengebühren für internationale Studierende sein lassen. 

 

Gerd Grözinger ist Professor für Sozial- und Bildungsökonomik an der Europa-Universität Flensburg. 

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Erst pennen, dann schreien

Auf der Zielgeraden formiert sich der Widerstand gegen die Wissenschaftsschranke. Durchkommen wird das Gesetz wohl trotzdem.

Foto: Carl Heyerdahl
Foto: Carl Heyerdahl

ICH HABE ES ja auch geglaubt. „Viel Lärm und Schluss“ titelte ich, nachdem das Bundeskabinett im April den Gesetzentwurf zur Wissenschaftsschranke verabschiedet hatte. Die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) geriet so sehr in Triumphstimmung, dass sie kurzerhand den Testlauf für ein neues Vergütungsverfahren absagte, das sie gerade in mühsamen Verhandlungen der Verwertungsgesellschaft (VG) Wort abgetrotzt hatte. 

 

Seit Januar hatten HRK und Kultusministerkonferenz (KMK) mit der VG Wort, die die Urheberrechte tausender Autoren vertritt, in regelmäßigen Runden zusammengesessen, um einen seit Jahren schwelenden Konflikt um die Vergütung digitaler Semesterapparate aus dem Weg zu räumen. An ein Scheitern sei gar nicht zu denken, kommentierten HRK und KMK noch im März unisono, sonst müssten Millionen Studenten wieder an den Kopierer. Dann kam der Entwurf des Bundeskabinetts, und plötzlich hatten all jene Hochschulrektoren Oberwasser, die Verhandlungen mit der VG Wort schon immer für überflüssig gehalten hatten. 

 

Womit keiner gerechnet hatte: Mit welcher Vehemenz die Buch- und Zeitungsverlage auf der Zielgeraden des Gesetzgebungsverfahrens nochmal die Lobbymaschine anschmeißen. Mit welcher Heftigkeit zahlreiche Bundestagsabgeordnete der Union gepennt haben müssen, um erst auf die Hilferufe der Branche hin plötzlich aufzuwachen und dann ihrerseits „Halt!“ zu schreien. Ganz zu schweigen von der Blamage, die CDU-/CSU-Fraktionschef Volker Kauder seinen eigenen Parteifreunden im Bundeskabinett bescheren würde, wenn er den von der gesamten Regierung unterstützten Entwurf abschmieren ließe. Ein fairer Interessenausgleich zwischen den Ansprüchen der Wissenschaft und dem Schutz des geistigen Eigentums sei „bisher nicht gelungen“, ließ Kauder sich in der Bild-Zeitung zitieren: eine bemerkenswerte Ansage nicht nur in Richtung von SPD-Justizminister Heiko Maas, sondern auch von Kauders Parteikolleginnen, Kanzlerin Angela Merkel und Wissenschaftsministerin Johanna Wanka. 

 

Für die „intensiven Beratungen“, die Kauder nach einer Experten-Anhörung im Rechtsausschuss des Bundestages ankündigte, sind gerade mal noch gut zwei Wochen Zeit: Die letzte Lesung des Gesetzentwurfs und seine Verabschiedung sind für den 29. Juni vorgesehen – bislang. 

 

Die Wissenschaftsszene ist wieder in heller Aufregung. HRK-Präsident Horst Hippler wetterte im ZEITChancen Brief gegen „die Verlagsseite“, die an „den überkommenen analogen Geschäftsmodellen“ festhalten wolle, und warnte: „Sollte die Reform auf den letzten Metern scheitern oder in ihren Kernpunkten verwässert werden, droht erheblicher Schaden für die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wissenschaft.“ Das Engagement der HRK-Vertreter in den KMK-/VG-Wort-Gesprächen dürfte dementsprechend zuletzt auch wieder größer gewesen sein. 

 

Worauf aber müssen sich die Hochschulen jetzt einstellen? Droht wirklich der erneute Semesterapparate-GAU, nachdem 2013 der Bundesgerichtshof (BGH) geurteilt hatte, dass die Bundesländer künftig keine Pauschale mehr an die VG Wort zahlen durften, um die digitale Nutzung von urheberrechtlich geschützten Texten in den Hochschulen abzugelten? Nachdem die Kultusminister in einem ersten Versuch, ohne die Hochschulen ausreichend miteinzubeziehen, mit VG Wort eine Lösung vereinbart hatten, die sich als komplett impraktikabel erwies? Nachdem die totale Rechtlosigkeit im vergangenen Dezember auf den letzten Drücker nur dadurch verhindert werden konnte, dass die VG Wort den Hochschulen und der KMK ein Moratorium bis Ende September 2017 zugestanden hatte – für erneute Verhandlungen? 

 

Nein, sagen die meisten Experten, der GAU bleibt voraussichtlich aus. Um die eigene Regierung derart zu bloßzustellen, dürfte das Thema aus Sicht der Unionsfraktion nicht zentral genug sein. Wahrscheinlicher ist, dass hier und da nochmal an Details des Gesetzes herumgeschraubt wird, ganz sicher aber nicht am Kern des Entwurfs, wonach „bis zu 15 Prozent eines veröffentlichten Werkes vervielfältigt, verbreitet, öffentlich zugänglich gemacht und in sonstiger öffentlich wiedergegeben werden“ dürfen. Denn bei einer niedrigeren Quote wäre das Gesetz faktisch seines Sinns beraubt – und die Regierungsfraktionen wären wieder beim Punkt der Totalblamage angekommen. Erfüllbar wären hingegen möglicherweise Forderungen aus der Union, „angemessenen Lizenzangeboten“ Vorrang vor gesetzlichen Regelungen einzuräumen, um die Vergütung zu klären.

 

Übersetzt für die Verhandlungen von KMK, HRK und VG Wort heißt das: Das Oberwasser der HRK mag abgelaufen sein, aber die Aussichten, dass es doch noch zu einem (womöglich leicht abgespeckten) Gesetz kommt, sind gut. Ebenso gut stehen allerdings die Chancen, dass eine rechtzeitige Verständigung mit der VG Wort dadurch eben nicht überflüssig wird. Denn auch wenn sich das BGH-Urteil von 2013 in seiner Forderung nach Einzelabrechnung erledigt hätte, wenn das Gesetz kommt, müsste so oder so die nötige „Basis von Pauschalen und Stichproben“ für die künftige Vergütung gefunden werden. In der HRK wünschen sich einige wahrscheinlich schon, den Testlauf niemals abgesagt zu haben. 

 

Einen neuen Grund, sich weiter gut zu stellen mit der VG Wort, gibt es auch schon: Alexander Skipis, der Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, hat in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (leider nicht online) angekündigt, sein Verband werde gegen die Gesetzesnovelle vors Verfassungsgericht gehen, weil sie das Grundrecht auf Eigentum verletze und die überwiegend mittelständischen Wissenschaftsverlage in ihrer Existenz gefährde. Nicht ausgeschlossen also, dass in ein paar Jahren nach einem weiteren Gerichtsurteil wieder mal eine schnelle Zwischenlösung her muss. 

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"Das läuft richtig gut"

Internationale Studenten sollen künftig auch in NRW Gebühren zahlen. Hinter den Plänen steckt ein Mann, der den wissenschaftspolitischen Neustart im größten Bundesland plant: Andreas Pinkwart. Die Geschichte eines Comebacks.

Foto: HHL Leipzig Graduate School of Management - www.hhl.de
Foto: HHL Leipzig Graduate School of Management - www.hhl.de

KURZ VOR WEIHNACHTEN saß Andreas Pinkwart in einem Besprechungsraum seiner Hochschule, vor sich Plätzchen und ein paar Broschüren, und hatte eine Mission. Vom "Leipzig Leadership Model" wollte er erzählen, von einem Management-Studium, das Verantwortungsbewusstsein und Unternehmertum vereinen sollte. Wo? Natürlich hier, an seiner HHL, der 1898 gegründeten Handelshochschule Leipzig, die sich seit einer Weile "Leipzig Graduate School of Management" nennt. Neuer Name, neues Konzept, Spitzenplätze in Hochschulrankings, und ein Rektor, dessen Vergangenheit ganz weit weg schien. "Die Politik?" Pinkwart, der bis 2010 Wissenschaftsminister und Vize-Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen war, dazu stellvertretender FDP-Bundesvorsitzender, lächelte entspannt in sich hinein und sagte: "Das liegt hinter mir. Ich verfolge vieles auch gar nicht mehr so genau."

 

Am vergangenen Freitagabend kurz nach 22 Uhr sitzt Andreas Pinkwart im Auto. Endlich Wochenende. Soweit man in Zeiten von schwarz-gelben Koalitionsverhandlungen in NRW überhaupt von so etwas sprechen kann. "Das läuft richtig gut", sagt er atemlos ins Telefon hinein, im Hintergrund rauscht der Verkehr. "Wir bringen die Hochschulen in NRW nach vorn, wir machen sie wieder wettbewerbsfähig." Pinkwart ist Verhandlungsführer für Hochschulen und Innovation, FDP-Chef Christian Lindner hat ihn gebeten, dafür nach Düsseldorf zu kommen. Und auch wenn der HHL-Rektor selbst nicht über Ämter sprechen mag ("Es geht zunächst um Inhalte und nicht um Personalien"), spekuliert die Leipziger Volkszeitung bereits: "Möglicher Weggang aus Leipzig". Wobei es diesmal wahrscheinlich das Wissenschaftsministerium werden dürfte.

 

Der Andreas Pinkwart jedenfalls, der am Telefon die wissenschaftspolitischen Pläne von CDU und FDP aufzählt und dabei kein Detail vergisst, hat fast schon wieder die Sprechgeschwindigkeit des einstigen Reformministers von 2005. Damals war er 45 Jahre alt und taufte als erste Amtshandlung das Wissenschafts- in Innovationsministerium um; ein Name, den sogar seine SPD-Nachfolgerin Svenja Schulze beibehielt. In Pinkwarts Amtszeit wurde das Landeshochschulgesetz von Grund auf neu geschrieben und "Hochschulfreiheitsgesetz" genannt, woraufhin es je nach parteipolitischer Perspektive als bundesweites Vorbild oder als Inbegriff neoliberaler Hochschulpolitik galt. Der hat Mut, haben sie damals über ihn gesagt, seine Parteifreunde genauso wie seine politischen Gegner. So wie sie ihm auch alle zugestanden, Ahnung zu haben – selbst jene, die sonst eigentlich alles ablehnten, was Pinkwart an Ideen an den Start brachte. >> 



>> Fast sieben Jahre liegen zwischen der krachenden Wahlniederlage der ersten schwarz-gelben Koalition, die Pinkwart zum Abschied zwang, und den schwarz-gelben Koalitionsverhandlungen, die jetzt auf die Zielgerade gehen. Doch fast so, als sei überhaupt keine Zeit vergangen, schafft es der Innovationsminister von einst, inzwischen 56, schon mit den ersten Plänen, die öffentlich bekannt werden, wieder in die bundesweiten Schlagzeilen. Studiengebühren für internationale Studenten will die künftige NRW-Regierung einführen, 1500 Euro pro Semester. Zahlen sollen alle, die von außerhalb der Europäischen Union zum Studieren ins Land kommen. Klingt irgendwie vertraut? "Ja, sagt Andreas Pinkwart: "Wir nehmen uns Baden-Württemberg als Vorbild und übernehmen das dortige Modell, bis in die Ausnahmeregelungen hinein." 

 

Mit ihrer erstmals hier im Blog gemachten Ankündigung, Studiengebühren für Nicht-EU-Ausländer einzuführen, hatte Baden-Württembergs grüne Wissenschaftsministerin Theresia Bauer im vergangenen Oktober für Aufsehen gesorgt. Es war eine aus der Verlegenheit geborene Idee: Kurz vorher hatte Finanzministerin Edith Sitzmann Bauer und die anderen Ressortchefs mit einem erschreckend großen Haushaltsloch konfrontiert, 48 Millionen Euro davon sollte allein das Wissenschaftsministerium stopfen. Studiengebühren seien die "bessere Alternative", beschloss Bauer daraufhin und erklärte: "Besser als die Kürzung der Hochschulbudgets ist es, neue Einnahmequellen zu schaffen, von denen ein Teil direkt bei den Hochschulen bleibt." Genauer gesagt: Von den 1500 Euro pro Semester sollen 300 in die bessere Betreuung der internationalen Studenten fließen, der Rest ans Finanzministerium. Losgehen wird es im nächsten Wintersemester, fällig wird dann auch für alle eine Zweitstudiengebühr in Höhe von 650 Euro pro Semester. Bauers Mut habe ihm damals imponiert, sagt Pinkwart. "Wenn man etwas als richtig erkannt hat, es zu tun und durchzufechten, selbst wenn man weiß, dass es Widerstände geben wird." 

 

Mit Widerständen rechnet auch Pinkwart, auf den sozialen Medien formieren sie sich bereits. Doch er hat die Rückendeckung des designierten Ministerpräsidenten Armin Laschet (CDU), und auf die dürfte Verlass sein, schließlich stellen die Studiengebühren nur für internationale Studenten einen klassischen Kompromiss dar. Eigentlich wollte die FDP nachgelagerte Gebühren für alle, die jedoch lehnte die CDU ab. Das bundespolitische Signal, wenn nach Baden-Württemberg nun mit NRW das größte Bundesland ebenfalls das Bezahlstudium in dieser speziellen Variante wiederbelebt, ist so laut, wie es eindeutig sein dürfte: Plötzlich ist Theresia Bauer nicht mehr die Ministerin mit einer umstrittenen Idee, die sonst alle ablehnen; plötzlich ist das baden-württembergische Modell Vorbild für andere, und Pinkwart, der alte, neue Politstratege weiß genau, was das bedeutet. Jetzt ist der Weg offen für all jene Landesregierungen, die eigentlich auch wollen, sich aber bislang nicht getraut haben. 

 

Einen Unterschied zum baden-württembergischen Modell gebe es dann aber doch, sagt Pinkwart: "Die Hochschulen dürfen alle Einnahmen aus den Gebühren behalten." Auf 100 Millionen Euro schätzen CDU und FDP die jährlichen Einnahmen, doch zeigen die sehr viel vorsichtigeren Prognosen aus Baden-Württemberg, dass es zunächst zu einem Rückgang der internationalen Erstsemester und damit auch zu niedrigeren Einnahmen kommen dürfte. Mittelfristig, sagte Bauer im Januar, könne aber auch das genaue Gegenteil passieren: "Die Frage ist ja, was die jungen Leute von einem Studium erwarten. Möglicherweise führen verbesserte Studienbedingungen sogar dazu, dass mehr kommen." >>


Was die neue Koalition in NRW wissenschaftspolitisch noch so vorhat

CDU und FDP haben am Freitag auch ihre weiteren wissenschaftspolitischen Pläne für NRW vorgestellt. Der wichtigste Punkt: Die Hochschulen sollen wieder unabhängiger vom Wissenschaftsministerium werden. „Wir werden die enge Anbindung, die Rot-Grün geschaffen hat, wieder rückgängig machen“, sagt Andreas Pinkwart.

 

Also zurück zum Hochschulfreiheitsgesetz von 2007? Tendenziell ja, bestätigt der FDP-Verhandlungsführer in den Koalitionsverhandlungen zur Hochschulpolitik, um gleich darauf einzuschränken: Natürlich werde man nicht alles zurückdrehen, etwa bei den Vorschriften zur Rektorenwahl, die von Rot-Grün zugunsten des Senats korrigiert wurden. „Die Zeit ist ja weitergelaufen, und wir machen keine ideologische Politik, sondern eine sachorientierte.“ 

 

Ein echter Durchbruch dagegen sei, dass die Hochschulen künftig überall im Land in Eigenverantwortung bauen dürfen. „Das wird zu einer erheblichen Beschleunigung führen."

Ideologie erkennt Pinkwart indes bei der abgewählten 

Regierung und nennt ein Beispiel: die Forschungsstrategie „Fortschritt NRW“. Die, sagt der Wirtschaftsprofessor, habe dazu geführt, dass Anträge von Forschern auf Bundesgelder nicht weitergereicht wurden, wenn ihre Forschungsinhalte nicht den gesellschaftspolitischen Zielen der rot-grünen Koalition entsprochen hätten.

 

Dadurch sei NRW bei der Finanzierung von Forschungsbauten unter den Königssteiner Schlüssel gefallen, der die proportionale Verteilung von Bundesgeldern auf die einzelnen Länder regelt. „Die Forschungsstrategie brauchen wir nicht, die kommt weg“, sagt Pinkwart und fügt hinzu: „Wir machen uns beim Bund und in der EU stark für die wissenschaftlich stärksten Forschungsprojekte aus NRW, und wir schalten nicht nochmal einen Filter dazwischen.“

 

Zudem bekennen sich CDU und FDP in ihrer Vereinbarung auch zu mehr Spielraum für Forschungsvorhaben in umstrittenen Feldern wie der grünen Gentechnik, der Stammenzellen- oder Kernsicherheitsforschung.



>> Pinkwart sieht das ähnlich. "Es gibt Länder, in denen sind Studienbeiträge nicht nur üblich, sondern da ist man sogar misstrauisch, wenn keine gezahlt werden müssen", sagt er und nennt als Beispiele China und Indien. "Natürlich gilt das nur, solange die Qualität der Studienangebote stimmt." Die Erlöse aus den Gebühren sollen die Hochschulen zur Verbesserung der Lehre und der Betreuung einsetzen, und zwar so grundsätzlich, dass sie allen Studenten zugute kommen, "aber natürlich ganz besonders jenen, die zahlen."

 

Dass der HHL-Rektor, der vor seiner ersten Politkarriere BWL-Professor an der Universität Siegen war, diesmal als eine seiner ersten Maßnahmen das Thema Studiengebühren für internationale Studenten pusht, ist so überraschend nicht. Schon 2010 hatten er und sein damaliger Berliner Amtskollege Jürgen Zöllner (SPD) in der ZEIT gefordert, Gaststudenten sollten zahlen, wenn sie an Hochschulen hierzulande kämen. "Deutschland muss umdenken", sagte Pinkwart damals. "Wohlhabende Ausländer sollten das bezahlen, was ein Studium hier in einer der angesehendsten Wissenschaftsnationen der Welt wert ist." Den Universitäten in Großbritannien, Australien oder in den USA brächten die ausländischen Studenten ein finanzielles Plus, "wir zahlen kräftig drauf", so Pinkwart weiter. Schon damals betonte er, dass nur Nicht-EU-Ausländer in Frage kämen und nur solche Studenten, die sich höhere Gebühren auch leisten könnten. 

 

Jetzt setzt Pinkwart, wenn er schon mal dabei ist, noch einen drauf. "Die Studienbeiträge sind nur der erste Schritt", sagt er. Der zweite müsse sein, dass die Bundesregierung den Ländern für jeden internationalen Studenten einen Zuschuss zahle, nach dem Motto: "Geld folgt Studierenden". Das, so Pinkwart, "wäre ein ganz tolles Modell, das wir in die Beratungen um die Nachfolge des Hochschulpakts einbringen werden." Beratungen, die direkt im Anschluss an die Bundestagswahl im September in die heiße Phase gehen.


Auch der Vorschlag, Studiengebühren und Bundeszuschüsse zu kombinieren, kursiert schon länger. Zuletzt hatten sich der Münchner TU-Präsident Wolfgang Herrmann und wiederum der SPD-Bildungsexperte Jürgen Zöllner dafür stark gemacht. Die ausländischen Studenten sollten die Hälfte der tatsächlichen Studienkosten tragen, die andere Hälfte der Bund, forderte Herrmann Anfang 2016. Allerdings solle die Bundesregierung ihre Leistungen auf die Regelstudienzeit beschränken, "um die Hochschulen zur straffen Organisation des Studiums anzuhalten." Zöllner wiederum befand, die Studiengebührenfreiheit für Deutsche und Studenten aus EU-Staaten sei langfristig nur zu sichern, wenn erstens der Bund "die echten Studienkosten für Studierende aus Entwicklungsländern" übernehme und zweitens darüber diskutiert werde, "ob für Studierende aus Nicht-EU-Ländern kostendeckende Studienbeiträge erhoben werden".

 

Über die Diskussion von zweitens ist die Hochschulpolitik anderthalb Jahre später hinaus. Und erstens halten nicht nur Pinkwart, Herrmann und Zöllner für eine gute Idee. Eine weitere Unterstützerin heißt: Theresia Bauer. Das mit dem Bundeszuschuss sei ihr durchaus sympathisch, sagt sie. "Allerdings wirklich nur als zweiter Schritt, wenn zuvor in den Ländern Studienbeiträge für internationale Studierende etabliert sind." 

 

Andreas Pinkwart ist zurück, und es dürften hochschulpolitisch spannende Monate werden. Und zwar nicht nur in NRW.

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"Wir wollen das Feld sortieren"

MINT-Bildungsinitiativen gibt es zu Hauf. Wer behält den Überblick? Die Noch-Koalition von Union und SPD hat beschlossen: Eine Online-Plattform soll es richten. Wie, sagt die CDU-Bildungsexpertin Sybille Benning.

Foto: privat
Foto: privat

Frau Benning, alle Welt redet von MINT und seiner Bedeutung, und zwar so viel und so schwammig, dass der Begriff auf dem Weg zum Gemeinplatz ist. Und nun hat auch noch der Bundestag mit Koalitionsmehrheit festgestellt, dass MINT-Bildung die Grundlage sei „für den Wirtschaftsstandort Deutschland und für die Teilhabe an unserer von Wissenschaft und Technik geprägten Welt“. Hat es das jetzt gebracht?

 

Als ich vor vier Jahren in den Bundestag einzog, war ich überrascht, dass der Bundestag noch nie zum Thema MINT-Bildung gearbeitet hatte. Dabei ist es genau, wie Sie sagen: Der Begriff ist in aller Munde, doch wohin wir als Gesellschaft wollen in Sachen MINT-Bildung, war unklar.

 

Woran liegt das?

 

Erstmal an etwas sehr Positivem: Mit der Zeit haben sich überall in Deutschland tolle Initiativen entwickelt, die schon KITA- und Grundschulkinder für Mathematik begeistern wollen, für Informatik, für die Naturwissenschaften. Das geht weiter mit Wettbewerben für Jugendliche bis hinein in die Erwachsenenbildung und in Programme, um Lehrer fitzumachen in Sachen IT. Das Problem ist das regionale und sektorale Denken, das parallel aufgekommen ist. Viele lokale Initiativen wissen gar nicht, dass es an anderen Orten in Deutschland ganz ähnliche Ansätze gibt. Schulpraktiker kommen nicht mit Engagierten in der Berufsbildung in einen Austausch, und freie Träger nicht mit staatlichen Bildungseinrichtungen.

 

Und das alles soll Ihr Bundestagsbeschluss ändern?

 

Wir wollen das Feld sortieren. Zum einen muss es klare Qualitätskriterien geben. Zum anderen müssen die vorhandenen Initiativen so aufeinander abgestimmt und miteinander vernetzt werden, dass sie die gesamte Bildungskette abdecken, flächendeckend über ganz Deutschland hinweg. Im Moment gibt es Regionen in Deutschland, auch abhängig von der jeweiligen Wirtschaftskraft, die schon ein sehr dichtes Angebot aufweisen, und andere, wo das Nötigste fehlt. Das Ziel muss sein, dass jede und jeder in Deutschland die Gelegenheit hat, an einem MINT-Programm teilzunehmen oder eine Weiterbildung zu erhalten.

 

Wer sagt eigentlich, dass MINT-Bildung so wichtig ist?

 

Da muss ich ganz grundsätzlich antworten. Es geht um Alltagsmündigkeit, um Teilhabe an der gesellschaftlichen Debatte, wenn ich naturwissenschaftliche Zusammenhänge verstehen, wenn ich Chancen und Risiken technologischer Innovationen besser beurteilen kann. MINT-Bildung ist Allgemeinbildung. Und noch zwei Punkte kommen hinzu: MINT-Berufe sind seit jeher ein gutes Sprungbrett für den sozialen Aufstieg. Eine weitere Aufgabe ist es, dass wir den Frauenanteil in einigen Branchen weiter erhöhen. Kurzum: Die Förderung von MINT-Bildung ist die Förderung von Bildungsgerechtigkeit.

 

Und um das festzustellen, brauchten Sie einen Bundestagsbeschluss?

 

Den brauchten wir, um den Weg dorthin zu definieren. Es muss jemand geben, der alle Akteure zusammenbringt. Von den großen, öffentlich geförderten Initiativen wie dem Haus der kleinen Forscher bis hin zu kreativen Ideen, die bislang von einzelnen engagierten Personen leben. Wir haben verschiedene Alternativen erwogen, uns angeschaut: Kann wirklich ein einzelner Verband oder eine Plattform wie das Nationale MINT-Forum diese dringend nötige Vernetzung effektiv leisten? Am Ende aber sind wir doch beim Bund gelandet. Die Bundesregierung muss die Akteure zusammenbringen und den Prozess steuern.

 

Geht das noch konkreter?

 

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) muss den Start eines Online-Portals anstoßen, das die Eintrittstür werden soll für alle Menschen, die sich für MINT-Bildung interessieren. Dort wird man dann alle Initiativen aus ganz Deutschland, sortiert entlang der Bildungskette, finden, unterschieden nach mindestens zwei Stufen: niedrigschwellige Kurse für Menschen ohne Vorkenntnisse, und Angebote für Fortgeschrittene. Wie genau dieses Portal aussehen wird, das sollten alle Akteure gemeinsam besprechen, auf Augenhöhe. Aber an einen Tisch muss sie das BMBF bringen.

 

Glauben Sie wirklich, dass alle Akteure Interesse haben an mehr Transparenz? Die Doppel- und Dreifachstrukturen, die dabei sichtbar werden, dürften immens sein.

 

Das mag sein, aber gerade deshalb wäre eine Übersicht sinnvoll. Nochmal: Es geht um eine flächendeckende MINT-Bildung für alle, in einer gleichbleibenden, verlässlichen Qualität. Auch wenn das bedeuten könnte, dass dann einige Initiativen um ihre Spenden fürchten müssen, weil die Geldgeber merken, dass die von ihnen geförderten Angebote nicht so einmalig oder herausragend sind wie gedacht. Aber schauen Sie, ich bin von Hause aus Geographin. Viele Lebensräume zusammen ergeben das Biotop. Das ist in der Bildung genauso. Soll heißen: Es könnte auch sein, dass Initiativen in der gegenseitigen Abstimmung sogar geeignetere Betätigungsfelder für sich entlang der Bildungskette finden.

 

Das klingt alles nach großer Geste. Die Wahrheit ist: Der Bundestag hat Ihren MINT-Antrag ohne Aussprache beschlossen, als reine Drucksache. Wo ist denn da die Aufmerksamkeit, die Sie sich wünschen?

 

Das stimmt so nicht. In unserer AG Bildung und Forschung der CDU/CSU-Bundestagsfraktion war das Thema ein inhaltlicher Schwerpunkt, der uns über Jahre begleitet hat. Am 17. Februar haben wir den Antrag in erster Lesung im Plenum des Bundestages debattiert, im Bildungsausschuss hatten wir am 8. März eine spannende Anhörung – mit einem so großen öffentlichen Interesse, dass wir sogar den Sitzungssaal wechseln mussten. Doch am Ende der Legislaturperiode häufen sich leider die Anträge, die noch beschlossen werden müssen, so dass jetzt vieles im vereinfachten Verfahren, das heißt ohne Debatte bei der zweiten und dritten Lesung, beschlossen wird. Für die Aufmerksamkeit für unser Thema sehr schade.

 

Die Grünen hatten einen eigenen Antrag zur MINT-Bildung vorgelegt. Den haben Union und SPD mit ihrer Regierungsmehrheit abgelehnt. Wie kann das sein bei so einem Konsensthema?

 

Wir sind uns einig, was das Ziel angeht, aber nicht über den Weg dorthin. Die Grünen fordern die Aufhebung des vermeintlichen Kooperationsverbots, damit wir als Bund von oben steuern können. Davon halte ich persönlich gar nichts. Gerade die lokalen Initiativen sind so wichtig, von denen dürfen wir keine verlieren, wir dürfen niemanden entmutigen und weder die Initiativen, noch die Vielfalt zerstören, indem wir von oben Standards verordnen.

 

Aber genau die fordern Sie doch vom BMBF.

 

Nein, wir erwarten vom BMBF, dass es eine koordinierende Rolle einnimmt. Dass die Akteure aber selbst gemeinsam über die Standards entscheiden – und darüber, wie sie sich auf dem Portal präsentieren wollen.

 

Wenn Sie so aufs Dezentrale schwören, warum überlassen Sie das Feld dann nicht gleich der Kultusministerkonferenz?

 

Natürlich steht und fällt der Erfolg der MINT-Bildung auch mit dem Engagement der Länder. Ganz extrem gilt das in den Schulen. Die Schüler werden sich nur begeistern lassen, wenn auch ihre Lehrer begeistert sind.

 

Eine bessere MINT-Bildung für die Kinder beginnt in einer besseren MINT-Bildung für die Lehrer?

 

So ist es. Und mit einer besseren MINT-Bildung der Erziehrinnen und Erzieher. Die Feststellung ist trivial, die richtigen Schlussfolgerungen daraus angesichts von 16 Ländern und 16 verschiedenen Ansätzen in der Lehrerbildung sind umso schwieriger.

 

Wann soll das Portal zur MINT-Bildung online gehen?

 

Ich habe lange in der Bauausführung gearbeitet, da will man immer alles sofort fertig haben. Vier Jahre im Bundestag haben mich Geduld gelehrt. Was ich erwarte, ist, dass das Portal im Koalitionsvertrag verankert wird und dass nach der Bundestagswahl schnellstmöglich die konkrete Arbeit anfängt.

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Da ist sie wieder, die Bildungs-Merkel

Plötzlich schwadroniert die Bundeskanzlerin von Bildungsoffensiven, Ganztagsprogrammen und Milliarden für die Schulen. Als ginge sie das Mauern ihrer Partei beim Kooperationsverbot nichts an. Ein Gastbeitrag von Ernst Dieter Rossmann.

Foto: Philipp: "Angela Merkel", CC BY 2.0

ES SOLLTE EINE der großen Erzählungen werden, die Angela Merkel beim Bildungsgipfel 2008 aufmachen wollte: Deutschland als Bildungsrepublik, mit einer großen Bund-Länder-Vereinbarung, mit dem Versprechen von gemeinsamen Haushaltszuwächsen für die Bildung, mit einem differenzierten Katalog gemeinsam abgesprochener Maßnahmen – und mit einem regelmäßigen Monitoring über die erreichten Fortschritte. Bildungsrepublik, das hatte etwas von einer starken Idee und gab der sonst oft so gestaltungsarmen und begründungsschwachen Kanzlerin visionäre Kraft und den Charme der sympathischen Utopie.

 

Wenn Angela Merkel jemals wirklich mehr als den schönen Anschein im Sinn gehabt haben sollte, muss ihr spätestens beim Scheitern ihres Nationalen Bildungsgipfels eigentlich bewusst geworden sein, zu welchem großen bildungspolitischen Irrtum sich die Parteien der Großen Koalition mit der ersten Föderalismus-Reform im neuen Jahrhundert verstiegen hatten. Zwei Jahre zuvor, 2006, war das gewesen. Dabei hatten die Zugeständnisse, die die Unionsministerpräsidenten Koch und Stoiber in Übereinstimmung mit dem Zeitgeist des Wettbewerbsföderalismus der SPD und ihren damaligen Verhandlungsführern Müntefering und Struck abgehandelt hatten, nicht einmal bis zur Verabschiedung im Bundestag gehalten: Ursprünglich sollten nur ein Nationaler Bildungsbericht und die Bildungsforschung  von der gemeinsamen Bildungsförderung und der Bildungsplanung aus der wegweisenden Föderalismus-Reform von 1969 übrig bleiben. Doch in den dramatischen letzten Schlussverhandlungen konnten die SPD-Bildungspolitiker den Spitzen von Union und SPD noch abpressen, dass die Förderung von Vorhaben der Wissenschaft in die geänderte Verfassung zusätzlich hineinkam. Das machte die wegweisenden Hochschulpakte bis zur Exzellenzstrategie erst möglich, auf die sich auch die Bundeskanzlerin immer wieder gerne beruft, wenn sie denn Erfolge in der Bildungs- und Wissenschaftspolitik für sich reklamiert.

 

Drei weitere Änderungen des Grundgesetzes pro Bildung und pro Wissenschaft sollten seitdem folgen. 2008 kam die Änderung des Artikel 104 b in der Form dazu, dass der Bund zumindest bei Naturkatstrophen oder außergewöhnlichen Notsituationen Investitionshilfen für Bildung von der Schule bis zur Hochschule geben kann. Nachdem es bei den Koalitionsverhandlungen zur dritten großen Koalition 2013 entgegen vorheriger wahltaktischer Öffnungsversprechen seitens der Union dann doch kein Durchkommen für weitergehende SPD-Forderungen gegeben hatte, konnte ein knappes Jahr später das Grundgesetz immerhin so geändert werden, dass seitdem die Förderung von Forschung und Lehre in Fällen von überregionaler Bedeutung möglich ist. Damit ist nicht nur die Förderung der Hochschullehre durch den Bund überhaupt das erste Mal in der Verfassung verankert worden, möglich wurde auch eine Beteiligung des Bundes an der Grundfinanzierung und an zeitlich unbefristeten Förderprogrammen des Bundes für die Hochschulen.

 

Und nun also folgt die dritte relevante Grundgesetzreform nach dem „schweren Fehler“ (Frank Walter Steinmeier) von 2006. Im Paket mit anderen Grundgesetzänderungen konnten Sigmar Gabriel und Thomas Oppermann in der Großen Koalition durchsetzen, dass der Artikel 104 ein weiteres Mal erweitert wird um einen Artikel 104 c, demzufolge der Bund die schulische Bildungsinfrastruktur in finanzschwachen Kommunen fördern darf, was gleichzeitig mit dem wirklich bedeutenden Betrag von 3,5 Milliarden unterlegt wurde. Es ist nicht bekannt, dass die Bundeskanzlerin für diesen nächsten Schritt in der Auflockerung des Kooperationsverbotes irgendwie die Initiative ergriffen hätte.

 

Erst unmittelbar vor der Abstimmung im Bundestag und gerade fünf Tage, nachdem sich ihr unmittelbarer Konkurrent um die Kanzlerschaft prononciert zur Bildungsförderung und für die vollständige Abschaffung des Kooperationsverbotes geäußert hatte, nahm dann auch die Bundeskanzlerin in ihrem wöchentlichen Video-Podcast Stellung. Man hätte Wetten darauf abschließen können, dass die Methode Merkel sofort zur Anwendung kommt, wo sie Sorge haben muss, dass ihre Partei nicht den richtigen Kompass hat und ihre Politik den Notwendigkeiten einer fortschrittlichen Politik hinterhersegelt. Denn das könnte den betroffenen Menschen als Widerspruch auffallen und der CDU und ihr selbst bei einer wichtigen Wahl schaden. Also wird in dem Video-Podcast behauptet, dass die finanzschwachen Kommunen mit sieben Milliarden Euro unterstützt werden, um die Schulen in Brennpunkten besser zu unterstützen und dass diese angeblichen sieben Milliarden auch für Schulneubauten ausgegeben werden können. In Wahrheit sind es nur 3,5 Milliarden für die schulische Infrastruktur in finanzschwachen Kommunen und Schulneubauten – und nur da, wo es sich um Ersatzneubauten handelt, die wirtschaftlicher sind als eine Sanierung. Alles andere hatte die CDU/ CSU konsequent verhindert. Aber das macht nichts, merkt ja keiner, wenn man Anderes im Video-Podcast behauptet.

 

Immerhin versucht die Bundeskanzlerin in ihrem Podcast konkreter zu werden, wenn es um das digitale Lernen geht und spricht von Lern-Clouds und Lehrerweiterbildung. Fünf Milliarden hatte hier die Bundesbildungsministerin unmittelbar vor dem jährliche Digitalgipfel mit dem Schwerpunkt Bildung ins Schaufenster gestellt, die Länder und den Bund auf Staatssekretärsebene eine gemeinsame Erklärung ausarbeiten lassen, um allerdings bisher weder eine tragfähige Absicherung im Grundgesetz noch eine Etatisierung im Haushalt vorzunehmen. Ganz im Gegenteil: Während die Bundeskanzlerin im Podcast noch mit ihrer digitalen Bildungsoffensive renommiert, schafft es das zuständige Ministerium nicht, die vereinbarten Eckpunkte am angesetzten Termin zu unterzeichnen, und der Finanzminister sendet eigenartige Signale aus, als sei er der Meinung, schon genug Bildungsförderung bereitgestellt zu haben.

 

Dafür lässt sich die Bundeskanzlerin in ihrem Podcast drei Tage später, wiederum unmittelbar nachdem sich ihr Widerpart von der SPD, Martin Schulz, sehr klar zu einer neuen Ganztagsschulinitiative und zur vollständigen Aufhebung des Kooperationsverbotes positioniert hat, mit einer interessanten Neuerung ein.  Schon erwartungsgemäß und ob der darin liegenden Chuzpe dennoch erstaunlich klar stellt sie fest, als sie danach gefragt wird, wie sie die deutsche Bildungspolitik vorantreiben will: „Wir brauchen auch im Bereich der Ganztagsbetreuung oder der Ganztagsschulen nochmal eine Initiative.“ Und die Bundeskanzlerin weiter: „Ich hoffe, dass daraus dann auch Projekte werden.“

 

Das Ganztagsschulprogramm der Regierung Schröder hatte die damalige Oppositionsführerin Angela Merkel und ihre CDU allerdings scharf kritisiert. Legendär das Verdikt der stellvertretenden CDU - Parteivorsitzende und Merkel-Vertrauten Annette Schavan gegen das „Suppenküchen – Programm“.  Mit dem Kooperationsverbot von 2006 sollten gerade solche Initiativen auf Betreiben der CDU und CSU  strikt per Grundgesetz untersagt werden. Noch 2013 gab es keinerlei Bereitschaft bei den Koalitionsverhandlungen von CDU und CSU, auf das Ganztagsschulprogramm des Koalitionspartners einzugehen. Und selbst in der Debatte zur großen Bund-Länder-Finanzreform und den 3,5 Milliarden des Bundes für die Schulen sagten der erste Redner der CDU/CSU-Fraktion, Ralph Brinkhaus, zur Bildungsfinanzierung: „Das ist eine Ausnahme, und das kann keine Regel sein.“ Eine Aufhebung des Kooperationsverbotes gar wird schließlich rigoros von sich gewiesen. Falsch, aber immerhin klar, möchte man sagen.

 

Und derweil tut die Bundeskanzlerin, als ob sie all das nichts anginge. Sie kündigt eine Initiative zu Ganztagsschulen an und hofft auf entsprechende Projekte. Das mag schlau sein, um unkritische Eltern zu beeindrucken und die Alternativen vor einer Wahl zu  verwischen. Klug ist es nicht, denn die Bildungsrepublik von morgen braucht keine Winkelzüge, sondern eine klare, konzeptionell vorausschauende und gestaltende Politik. Merkel mag sich mit ihrem Verhalten Hintertürchen für Koalitionskonstellationen in jeder Hinsicht nach den nächsten Bundestagswahlen offenhalten, egal ob die CDU/CSU nun über eine Große oder über eine Jamaika-Koalition an der Regierung beteiligt sein sollte. Nur mutig und führungsstark ist so ein Stil nicht, sondern eben: Merkels Stil.

 

Klug und mutig wäre eine Bundeskanzlerin und Parteivorsitzende, die den Kardinalfehler von 2006 endgültig korrigierte und die berechtigte Kritik des Bundestagspräsidenten an der Verhunzung des Grundgesetzes durch ausufernde Detailregelungen aufnähme, so dass sich endlich der ebenso schlichte wie wegweisende Satz im Grundgesetz findet: „Bund und Länder können bei der Förderung von Bildung, Wissenschaft und Forschung zusammenwirken.“ Die Zeit ist reif dafür.

 

Ernst Dieter Rossmann ist bildungspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion im Bundestag.

 

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Eine Notgemeinschaft für die Lehre

Wer die Einheit von Forschung und Lehre wirklich will, unterstützt die Initiative des Wissenschaftsrats. Ein Gastbeitrag von Klaus Diepold.

Foto: Francis Bautista
Foto: Francis Bautista

DIE HOCHSCHULREKTORENKONFERENZ (HRK) hat den Vorschlag des Wissenschaftsrates, eine unabhängige Förderorganisation für lehrbezogene Vorhaben einzurichten, vorschnell als unnötig abgetan. Auch wenn der Vorschlag bisher nur in groben Zügen skizziert wurde, stellt er doch einen konkreten Handlungsauftrag dar an die Gemeinschaft der Lehrenden in allen Arten von Hochschulen, diesen Gedanken aufzunehmen und inhaltlich auszugestalten.

 

Die unabhängige Organisation, die der Wissenschaftsrat anregt, soll wissenschaftsgetragen sein, was bedeutet, dass es sich hier um eine Gemeinschaft der Hochschullehrer und – lehrerinnen handeln würde, die frei von politischen Trends agiert, geprägt vom beruflichen Selbstverständnis und getragen von der Mission der Lehre. In Anlehnung an die Ursprünge der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) wäre der Name „Notgemeinschaft der Deutschen Hochschullehre“ denkbar.

 

Die Notgemeinschaft könnte die Verteilung von Fördergeldern für Lehrprojekte, vergleichbar zur Funktion der DFG, übernehmen. Wir haben in den vergangenen Jahren im Rahmen des Qualitätspakts Lehre vielfältige positive Erfahrungen in der Förderung neuartiger Lehrformate gesammelt. Es gibt genügend Argumente und Befunde, die nahe legen, diese Form der Projektförderung dauerhaft weiterzuführen.

 

Die Existenz einer Notgemeinschaft und der damit verbundenen Fördermittel bedeutet keineswegs zwangsläufig, dass sich im Gegenzug Landesregierungenaus der Grundfinanzierung der Hochschulen zurückziehen. Im Gegenteil, die finanzielle Förderung von Lehrprojekten könnte von der Notgemeinschaft auch mit Forderungen nach Verstetigung oder der nachhaltigen Finanzierung angestoßener Projekte durch die Landesregierung oder die Hochschule verbunden werden, sofern Projekte Erfolge nachweisen können. Ähnlich strukturbildende Maßnahmen führt auch die DFG durch, wenn Entscheidungen für die Einrichtung von Sonderforschungsbereichen oder vergleichbarer Verbundprojekte in der Forschung getroffen werden. >>



>> Die Beispiele qualitativ guter und innovativer Lehre entspringen meist der Privatinitiative einzelner Überzeugungstäter und sind selten das Ergebnis institutioneller Strategien. Vergleichbar zur Idee der Forschungsförderung durch die DFG wäre es das Ziel einer Notgemeinschaft, einen fortgesetzten Fluss von Bottom-Up-Initiativen, Ideen und Vorschlägen zu erzeugen, die von einzelnen HochschullehrerInnen ausgearbeitet und umgesetzt würden. An dieser Stelle könnte die Notgemeinschaft neben der Projektfinanzierung auch die Funktion übernehmen, Lehrinnovationen von einzelnen Personen oder Gruppen zu unterstützen, deren Wirksamkeit zu erfassen und die Ergebnisse über die Grenzen von Hochschulen und über Landesgrenzen hinweg zu verbreiten. Dadurch würde die neue Organisation einen nachhaltigen Innovationsprozess für Lehre orchestrieren.

 

Die Aussage, dass es nicht möglich sei, die Qualität akademischer Lehre vernünftig zu bewerten, ist eine Ausrede, die es den Kritikern erlaubt, in fatalistischer Passivität zu verharren. Erstens gibt es sehr wohl Konzepte, die für eine objektive Bewertung von Lehre dienen, und zweitens ist es gleichermaßen schwierig, die Qualität von Forschung objektiv zu bewerten. Aber hier gibt es dennoch einen Kanon von akzeptierten und angewandten Methoden zur Vermessung der Forschungsqualität. Neben der Vergabe von Fördermitteln für die Lehre (Schlagwort „Drittmittel für die Lehre“) böte die angedacht Notgemeinschaft den Rahmen, akzeptierte Standards für die Bewertung der Qualität von Lehre zu entwickeln, zu erproben und zu etablieren.

 

Denkbar wäre darüber hinaus, spezielle Förderinstrumente für die Lehre zu entwickeln. Vergleichbare Prozesse hat die DFG ebenfalls durchlaufen. Erfolgreiche Förderinstrumente wie die seit 1968 eingerichteten Sonderforschungsbereiche hat sie sukzessive getestet, bewertet, angepasst und verfeinert.

 

Die Produktivität in der Forschung wird zum Teil durch das Volumen der eingeworbenen Drittmittel erfasst. Wenn es Drittmittel für die Lehre gäbe, könnten diese in vergleichbarer Weise als einfaches Maß dienen, um die Innovationskraft eines Hochschullehrenden zu messen und diesen persönlichen Erfolg karrierewirksam werden zu lassen. Das wäre ein Beitrag zur Reduzierung der Reputationsunsymmetrie zwischen Forschung und Lehre. Für einen jungen Hochschullehrer (zum Beispiel in einem Tenure-Track-System) könnte es sich somit erstmals wirklich lohnen, sich neben der Forschungstätigkeit auch für die Weiterentwicklung der Lehre zu engagieren.

 

DFG-finanzierte Mitarbeiterinnen in Forschungsprojekten werden wie selbstverständlich auch zur Lehre herangezogen. Mittlerweile ist diese Querfinanzierung von Lehrveranstaltungen sogar zur Notwendigkeit geworden, weil sonst an vielen Stellen die Lehre nicht mehr geleistet werden könnte. Was per se nicht schlecht ist: Ein maßvolles Engagement in der Lehre bietet Doktoranden und Doktorandinnen vielfältige Möglichkeiten, außerfachliche Qualifikationen und Erfahrungen zu sammeln, was zu ihrer Bildung und Ausbildung beiträgt. In gleicher Weise wäre es vorstellbar, dass Mitarbeiterstellen aus Lehrprojekten zu finanzieren. Diese Mitarbeitenden können sich über die Arbeit am Lehrprojekt hinaus auch in der Forschung engagieren und dadurch die Möglichkeit bekommen, sich akademisch zu qualifizieren. Dieser Ansatz entspräche einer neuen Interpretation des Begriffs „Einheit von Forschung und Lehre“.

 

In diesem Zusammenhang sei auf das Wirken des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft zusammen mit der Baden-Württemberg-Stiftung hingewiesen, die im Rahmen eines Fellowprogramms für Innovation in der Hochschullehre bereits eindrucksvolle Vorarbeit geleistet haben. Hier wurden Initiativen von einzelnen Lehrenden finanziell gefördert, gleichzeitig wurden die Lehrenden in einer lebendigen Gemeinschaft der Fellows vernetzt. In diesem Netz werden Erfahrungen, Ideen und Gedanken über alle Fach- und Landesgrenzen hinaus ausgetauscht, das Thema Lehre wird nachhaltig thematisiert. Auch hier werden Anstrengungen unternommen, die Wirksamkeit der Lehrinnovationen zu erfassen und die dafür nötigen Maßstäbe zu entwickeln. Zudem veranstaltet der Stifterverband jährlich eine Lehr-/Lern-Konferenz, die sich ausschließlich den praktischen Fragen der Lehre widmet. Eine existierende Vorlage als Startpunkt zur Gestaltung einer Notgemeinschaft existiert also längst.

 

Die vorgeschlagene Lehrgemeinschaft ist eine überfällige und alternativlose Initiative, die es zu entwickeln und auszugestalten gilt.

 

Klaus Diepold ist Professor für Datenverarbeitung an der TU München und erhielt 2012 ein Fellowship für Innovationen in der Hochschullehre.

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Grenzenlos bayerisch

Die Technische Universität München will eine Filiale in Baden-Württemberg eröffnen. Das hat es in der Form noch nie gegeben.

Der Bildungscampus Heilbronn (Foto: Dieter Schwarz Stiftung gGmbH)
Der Bildungscampus Heilbronn (Foto: Dieter Schwarz Stiftung gGmbH)

ES IST EIN hochschulpolitisches Novum: Die Technische Universität München (TUM) will als bayerische Staatshochschule eine Niederlassung in Baden-Württemberg aufbauen. Wie TUM-Präsident Wolfgang Herrmann am Wochenende bestätigte, sollen schon im Wintersemester 2018 die ersten Bachelorstudenten ihr Studium in Heilbronn aufnehmen. „Wir haben bislang acht Standorte in Bayern und einen in Asien“, sagt Herrmann. „Warum also soll in Baden-Württemberg nicht funktionieren, was auch in Singapur geht?“

 

Fest steht: Bislang hat noch nie eine bundesdeutsche Hochschule in Landesträgerschaft ihr Betätigungsfeld über die Grenzen des eigenen Bundeslandes ausgeweitet. Es ist allerdings nicht die erste ungewöhnliche Hochschulkonstruktion unter Federführung der TUM: Erst im Juli 2016 hatte die bayerische Staatsregierung beschlossen, dass Herrmanns Universität künftig die Trägerschaft der (Fach-)“Hochschule Straubing für Biotechnologie und Nachhaltigkeit“ übernehmen soll, die aus dem bisherigen Wissenschaftszentrum Straubing entsteht.

 

Finanziert wird das baden-württembergische TUM-Engagement komplett durch die in Neckarsulm bei Heilbronn ansässige Dieter-Schwarz-Stiftung. Hinter der Stiftung steht die Schwarz-Gruppe, zu der die Lebensmittelketten Lidl und Kaufland gehören. Insgesamt 20 Stiftungsprofessuren spendiert die Stiftung der TUM, von denen 13 in Heilbronn und sieben in Garching bei München angesiedelt sein sollen. Auch die Heilbronner Professoren bekommen einen bayerischen Dienstvertrag mit Einsatzort Heilbronn. >>



>> Hochschulexperten äußern sich gespannt, welche rechtliche Konstruktion die TUM für ihre Expedition raus aus dem Freistaat wählen wird. Vorbilder gäbe es zu Hauf – allerdings nur im privaten Bildungssektor, wo länderübergreifende Hochschulketten fast schon zum Alltag gehören. Auch die TUM und die Lidl-Stiftung wollen offenbar Teil des Betriebs über eine GmbH abwickeln. Wobei die Partner versichern: Alle grundständigen Bachelor- und Masterangebote werden kostenfrei sein. 

 

Die baden-württembergische Niederlassung der bayerischen Uni entsteht auf dem von der Stiftung gegründeten Bildungscampus, auf dem bereits ein eigenständiger Standort der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) verschiedene Bachelorstudiengänge anbietet, außerdem sind landesweit alle DHBW-Masterprogramme im Heilbronner „Center for Advanced Studies“ konzentriert. Auch die Hochschule Heilbronn, eine staatlich finanzierte Fachhochschule, hat ihren größten Standort auf dem Bildungscampus – und die von der Stiftung getragene „German Graduate School“ (GGS), die berufsbegleitende Masterstudiengänge in Management anbietet, allerdings nur auf Fachhochschulniveau.

 

Was im Ensemble bislang fehlte: eine universitäre Einrichtung mit Promotionsrecht. Schon vor Jahren gab Stiftungsgründer Dieter Schwarz deshalb das Ziel aus, einen universitären Partner zu finden. Jetzt können Reinhold Geilsdörfer, der Geschäftsführer der Stiftung, und der Vorsitzende der Gesellschafterversammlung, Peter Frankenberg, Erfolg vermelden.

 

Frankenberg war bis 2011 Wissenschaftsminister von Baden-Württemberg, Geilsdörfer bis Anfang 2016 Präsident der DHBW. In Geilsdörfers Amtszeit als DHBW-Präsident kam der DHBW-Standort nach Heilbronn, ebenso wie das „Center for Advanced Studies“. Nach seinem Wechsel zur Stiftung musste sich der umtriebige Bildungsmanager gegen Vorwürfe wehren, er habe die DHBW in finanziell schwere Fahrwasser geführt, und sein nahtloser Wechsel zur Stiftung sei zumindest fragwürdig. Die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen wegen angeblicher Vorteilsnahme wurden eingestellt.

 

Die Kooperation mit der Business School der TU München kommt überraschend. Lange sah es so aus, als würde eine andere Universität in Heilbronn das Rennen machen, genauer gesagt: Die Business School der Universität Mannheim. Man sei bei den Verhandlungen auf einem „sehr guten Weg“, verkündete der Mannheimer Rektor Ernst-Ludwig von Thadden noch im April in der Tageszeitung Heilbronner Stimme. Doch was am Ende laut Stiftungschef Geilsdörfer den Ausschlag für München gab, war die Ausrichtung der TUM „an der Schnittstelle zwischen Wirtschaft und Technik, und genau da sind wir auch unterwegs.“

 

Die Stiftung sei auf die TUM zugekommen, betont denn auch TUM-Präsident Herrmann, „und da sind wir sehr froh drüber.“ 100 Studienanfänger will die TUM jedes Jahr am Heilbronner Standort in ihren Bachelor-Studiengang „TUM BWL“ aufnehmen, Herrmanns Sprecher zufolge der am schnellsten wachsende Studiengang der TUM überhaupt. Er speist sich zu 70 Prozent aus den Wirtschafts- und zu 30 Prozent aus den Technik- und Naturwissenschaften. Während in Heilbronn größtenteils Professuren mit wirtschaftswissenschaftlichem Schwerpunkt entstehen sollen, sollen die Studenten im Laufe ihres Studiums für ein Semester nach München-Garching umziehen, um dort schwerpunktmäßig die Technikfächer zu studieren. Die Stiftung will dafür sogar ein eigenes Wohnheim in Garching einrichten.

 

Zusätzlich zum Bachelorstudiengang sollen verschiedene TUM-Master angeboten werden, alle an der Schnittstelle zwischen Technik und Wirtschaft. Forschung in Familienunternehmen, Entrepreneurship und die Bewältigung des digitalen Wandels: Das seien die angestrebten Schwerpunkte in Heilbronn, sagt Gunther Friedl, Dekan der federführenden TUM-Fakultät für Wirtschaftswissenschaften, und schwärmt von der mittelständischen Wirtschaftsstruktur in Baden-Württemberg. „Die haben wir so in Bayern nicht.“ Und genau das mache die Sache für die TUM so interessant. Viele Unternehmen in und um Heilbronn seien dazu noch Autozulieferer, die sich inmitten eines enormen Technologiewandels befänden – hin zu neuen Antriebstechniken und zum autonomen Fahren. „Auch das ist extrem spannend für unsere Forschung und Lehre.“ Zusätzlich zu den 100 Masterstudenten pro Jahr rechnet Friedl mit insgesamt etwa 40 Doktoranden, so dass im Vollbetrieb rund 1000 junge Leute am Heilbronner TUM-Standort studieren könnten. Ein Teil der Studiengänge wird kostenfrei sein, zusätzlich soll es Executive- und Weiterbildungs-Master geben – zum Vollkostenpreis.

 

Und was kostet all das den bayerischen Steuerzahler? Keinen Cent, versichert Dekan Friedl. „Im Gegenteil: Dadurch, dass auch in München zusätzliche Professuren entstehen, profitiert der Freistaat eher noch in der Gesamtschau.“

 

Bayerns Wissenschaftsminister Ludwig Spaenle (CSU) sei von Anfang an in die Pläne eingebunden gewesen, sagt TUM-Präsident Herrmann. „Und er unterstützt sie voll und ganz.“ Spaenles baden-württembergische Amtskollegin Theresia Bauer (Grüne) hingegen war bis zum Freitag offenbar nicht informiert. Juristisch bewegen sich die Kooperationspartner damit wohl im grünen Bereich: Die Standortgründung einer auswärtigen Hochschule ist in Baden-Württemberg gegenüber dem zuständigen Ministerium nur anzeige-, nicht aber genehmigungspflichtig. Ob es strategisch klug war, die Ministerin so lange außen vor zu lassen, steht auf einem anderen Blatt.

 

Am Wochenende sagte Bauer lediglich, sie kenne die Heilbronner TUM-Pläne bislang nur in den Grundzügen, zum konkreten Modell könne sie noch nichts sagen, „wir werden es prüfen.“ Wenn am Ende jedoch die Qualität stimme und der Standort Heilbronn von dem zusätzlichen Bildungsangebot profitiere, so Bauer, „dann werden wir sicherlich keine Einwände haben.“

 

Verschnupft sein dürfte hingegen Mannheims Rektor von Thadden, denn noch vergangene Woche liefen hinter den Kulissen Gespräche, Mannheim zurück ins Rennen zu bringen. Nicht nur verschnupft, sondern tief besorgt sind sie an der German Graduate School“ (GGS). Deren Präsident Dirk Zupancic hatte schon im vergangenen Herbst hingeworfen, wegen „Differenzen über die strategische Ausrichtung“, wie es hieß. Jetzt kündigte Geilsdörfer an, dass die GGS im neuen TUM-Standort aufgehen werde. „Aber wir werden allen Mitarbeitern die Möglichkeit des Übergangs in die neue Einrichtung eröffnen.“ Allerdings müssten sie sich neu bewerben, einen Automatismus werde es nicht geben.

 

Auf meine Anfrage hin kündigten TUM und Dieter-Schwarz-Stiftung an, ihre Pläne noch am Dienstag in einer Pressemitteilung öffentlich zu machen. Ein Vorbild für den Rest der Republik? Werden jetzt auch andere staatliche Hochschule den Schritt in ein anderes Bundesland wagen, wenn der doch juristisch gesehen offenbar so einfach ist? Herrmann und Geilsdörfer zumindest sehen sich in einer Vorreiterrolle, und der langjährige CDU-Wissenschaftsminister Frankenberg sekundiert: „Es ist doch gut, wenn mal einer über die gedankliche Barriere eines solchen Projekts überwindet.“ Es seien, sagt Frankenberg, „viele Konstellationen“ vorstellbar, in dem es für ein Bundesland günstiger wäre, mit der Hochschule eines anderen Bundeslandes in Kooperation zu treten, als selbst von Grundauf ein praktisch identisches Studienangebot aufzubauen. „Es ist eher komisch, dass das bislang noch keiner gemacht hat.“

 

Wahrscheinlicher ist indes, dass Herrmanns Rektorenkollegen erst einmal abwarten und genau hinschauen, ob und wie das neue baden-württembergisch-bayerische Zweiergespann seine Idee in die Praxis umgesetzt bekommt – und nebenbei noch die drohenden Konflikte beruhigt. Die eigentliche Arbeit an ihrem gemeinsamen Projekt, so sieht es aus, hat heute erst begonnen.


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Auf freier Strecke

Ein neuer Generalsekretär für die SPD, ein Verlust für die Wissenschaft: Hubertus Heil und sein Karrieresprung.

Foto: SPD-Fraktion
Foto: SPD-Fraktion

HUBERTUS HEIL WIRD neuer SPD-Generalsekretär, und eine Frage beschäftigt die Kommentatoren: Wird er den auf freier Strecke stehen gebliebenen Wahlkampfzug der Sozialdemokraten wieder in Fahrt bringen? Und kann er dafür „sein Image als „solider Fachpolitiker abstreifen“ (Spiegel Online)?


 

Was bislang keiner fragte: Wer wird diesen soliden Fachpolitiker ersetzen? Heil war bislang stellvertretender Fraktionsvorsitzender, zuständig für die Themen Wirtschaft und Energie, Bildung und Forschung. Dass seine Zuständigkeiten Nummer drei und vier gern unterschlagen wurden und Heil dann allein als „Wirtschaftspolitiker“ lief, ist, nebenbei gesagt, eine aussagekräftige Fußnote, wenn man sich für den Stellenwert von Schulen und Hochschulen im Koordinatensystem politischer Berichterstattung interessiert.

 

Tatsächlich hatte sich Heil seit 2009, genauer: nach seinem ersten Auftritt als SPD-Generalsekretär, die Kompetenz eines führenden Wissenschaftsexperten seiner Partei erarbeitet. Unaufgeregt, pointiert und kenntnisreich galt er vielen als die Stimme sozialdemokratischer Wissenschaftspolitik und als möglicher Wissenschaftsminister, erst recht nachdem sich die ihm nachgesagten Ambitionen auf den Job des Wirtschaftsministers nicht erfüllt hatten. Das erstaunlich konkrete SPD-Positionspapier zur Zukunft der Wissenschaftsfinanzierung, versehen mit dem reichlich pathetischen Titel „Zukunftsvertrag für Wissenschaft und Forschung“, entstand unter seiner Führung. Zuletzt arbeitete Heil hinter den Kulissen am innovations- und wissenschaftspolitischen Programm von Martin Schulz. Zusammen mit der Bildung soll es das zentrale zweite Standbein im Wahlkampf werden neben der bereits reichlich ausgewalzten Forderung nach sozialer Gerechtigkeit und so die Zukunftsfähigkeit der Sozialdemokraten signalisieren.

 

Dass die SPD-Wissenschaftspolitik nicht einmal vier Monate vor der Bundestagswahl ihren wichtigsten Vordenker abgeben muss, ist eine schlechte Nachricht für die Forschercommunity. Die Partei insgesamt muss aufpassen, jetzt nicht die gerade erst gewonnenen hochschulpolitischen Konturen wieder einzubüßen. Der Fachpolitiker Heil weiß das genau. Doch für den Generalsekretär Heil sind Bildung und Forschung plötzlich nur noch zwei Themen unter vielen.

Dieser Kommentar erschien gestern zuerst im ZEITChancen Brief.


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Einigung mit Schönheitsfehler

Die Kultusministerkonferenz bekennt sich zu den Eckpunkten des Digitalpakts und veröffentlicht das zwischen Bund und Ländern ausgehandelte Dokument. Das Ganze hat allerdings einen Schönheitsfehler.

SEIT HEUTE NACHMITTAG sind sie öffentlich, die Eckpunkte des Digitalpakts. Die Kultusminister haben sich bei ihrer Tagung in Stuttgart, wie die dazugehörige Pressemitteilung der Kultusministerkonferenz (KMK) es formuliert, "zu ihnen bekannt". Klingt nach wenig, erst recht nach wenig Verbindlichkeit, tatsächlich ist es jedoch ein Erfolg für Bund und Länder, der zu Beginn der Verhandlungen im Januar nicht unbedingt zu erwarten war.

 

Bis Dezember soll die eingesetzte Staatssekretärs-Arbeitsgruppe die "Bund-Länder-Vereinbarung zur Unterstützung der Bildung in der digitalen Welt im Bereich Schule" erarbeiten. Also bis NACH der Bundestagswahl. Dass es Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) gelungen ist, die Länder VOR der Wahl auf deren Grundzüge einzuschwören, ist insofern bemerkenswert, hatte aber auch seinen Preis. 

 

Der Bund wird den "DigitalPakt Schule" – so das orthografisch eigenwillige Label, das sich von dem nicht weniger eigenwilligen ursprünglichen Wanka-Vorschlag "Digitalpakt#D" absetzt – nämlich allein finanzieren. Fünf Milliarden Euro hat er für die Jahre 2018 bis 2022 in Aussicht gestellt, verteilt werden sollen sie auf die Länder nach dem üblichen Proporz-Maßstab Königsteiner Schlüssel. Bis vor kurzem hatte Wankas Ministerium noch auf eine prozentual spürbare Kofinanzierung gepocht. Immerhin: Im Unterschied zum Bafög-Deal, bei denen der Bund Milliarden in die Länder transferierte, die dann jedoch teilweise wieder von den Landesfinanzministerien einkassiert wurden, versprechen die Länder diesmal, sicherzustellen, "dass die Bundesmittel als zusätzliche Mittel eingesetzt werden". Und etwas später der entscheidende Satz: Das Controlling übernimmt der Bund.

 

Abgesehen von der lange offenen Finanzierungsfrage hatten sich die inhaltlichen Grundzüge der Einigung schon vor einigen Wochen abgezeichnet (siehe hierzu meinen Blogeintrag vom 8. Mai), vor allem dass es eine kontextabhängige Förderung geben soll, die "keinem Standardmodell" folgt, sondern auf die jeweiligen Bedürfnisse vor Ort reagiert. Im Kern verpflichten sich die Länder als Gegenleistung für die Bundesmilliarden, wesentliche Ziele ihrer im vergangenen Dezember verabschiedeten Strategie "Bildung in der digitalen Welt" umzusetzen – und diese Umsetzung auch "im Rahmen ihrer Dokumentationspflicht jährlich" nachzuweisen. Das Eckpunktepapier nennt explizit "die Umsetzung entsprechender pädagogischer Konzepte, die Gestaltung der Lehreraus- und -fortbildung und die Unterstützung der notwendigen Strategieentwicklung bei Schulen und Schulträgern" – und zwar mit ihrem eigenen Geld. Genau das verkaufen die Länder nun auch als ihren finanziellen Beitrag am "DigitalPakt". Eine gewagte Logik, hätten sie doch, ihre eigene KMK-Strategie ernstnehmend, all das auch ohne Pakt in Angriff nehmen müssen. 

 

Und doch steht am Ende der Eckpunkte-Verhandlung genau jener Deal, den Wanka von Anfang an wollte: Der Bund gibt Geld für Technik (laut Eckpunkten für "die Schulhausvernetzung, die WLAN-Ausleuchtung, standortgebundene Endgeräte sowie Server"). Im Gegenzug kann das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) die Länder inhaltlich zu konkreten Maßnahmen verpflichten, ohne ihnen direkt etwas zu oktroyieren: Das BMBF pocht ja nur auf die von den Ländern selbstformulierten Ziele. 

 

So wie Wanka Beweglichkeit bei der Finanzierung zeigte, so gebührt auch den Ländern Lob für ihre Offenheit. Noch im Januar hatten etliche Kultusminister ein Scheitern der Gespräche prophezeit, wenn der Bund nicht in die Dauerfinanzierung der technischen Infrastruktur einsteige. "Einmalüberweisung versus Dauerauftrag", so lautete die Konfliktlinie. Übrig geblieben ist die Formulierung in den Eckpunkten, die Paktmittel sollten effizient eingesetzt werden und nachhaltige Strukturen schaffen". 

 

Und woher wissen die Länder jetzt, dass die Milliarden auch wirklich fließen nach der Bundestagswahl? Sie stünden ja in keinem Haushaltsansatz und auch nicht in der mittelfristigen Finanzplanung, hatten zuletzt sogar die noch mit der Union im Bund koalierenden SPD-Haushälter kritisiert. Wanka hatte gekontert: Könnten sie gar nicht, weil es ja ohne Vereinbarung keinen Beschluss dazu geben könne. Spätestens seit heute kann man sagen: Die Länder können so gut wie sicher sein, dass das Geld kommt. Denn so eindeutig, wie sich in den Ländern Ministerien aller Couleur zu den Eckpunkten bekannt haben, ist kaum vorstellbar, dass eine wie auch immer geartete Bundesregierung nach der Wahl sie wieder einkassiert. Vernommen worden ist in den Ländern auch die Videobotschaft der Bundeskanzlerin vom vergangenen Wochenende, in der Angela Merkel (CDU) mehr Bundesengagement in der Bildung angekündigt und explizit die Digitalisierung als ein Feld genannt hatte.  

 

Ein nicht ganz unwichtiges Detail zum Schluss: Die KMK hat heute ihre Bekenntnis-Pressemitteilung verschickt, aber wo ist das entsprechende Statement des BMBF? Einfache Antwort: Wankas hatte Anwesenheitspflicht beim deutsch-chinesischen Regierungsgipfel, und ihre Staatssekretärin Cornelia-Quennet-Thielen, die eigentlich in Stuttgart dabei sein sollte, war kurzfristig erkrankt. Woraufhin die Länder offenbar einseitig vorpreschten mit der Veröffentlichung der Eckpunkte. Wanka reagiert verschnupft. "Aus gutem Grund" sei das Ergebnis einer Staatssekretärs-Arbeitsgruppe den Ministern vorzulegen. Weil die gemeinsame Erörterung heute aber aufgrund der Abwesenheit beider "Verhandlungsführerinnen" nicht habe stattfinden können, seien die von der KMK vorgestellten Eckpunkte "vorläufig". Weiter sagte Wanka: "Ein Ergebnis liegt erst vor, wenn der Bund solche Eckpunkte gemeinsam mit den Länderministerinnen und -ministern erörtert und beschlossen hat." 

 

Wollten da ein paar Landesminister ihre Bundeskollegin nochmal vorführen gut drei Monate vor der Bundestagswahl? Besteht deshalb jetzt Grund zur Sorge, dass Wanka zur Strafe doch nochmal grundsätzlich rangeht an die Eckpunkte? Nicht wirklich. Der Pakt gehe ja auf ihren Vorschlag zurück, betont die Ministerin. "Er ist für unsere Schulen sehr wichtig. Deshalb will ich ihn zu einem Erfolg machen." 


IN EIGENER SACHE: 
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Mission: Fachhochschule

Heute wird die lang erwartete Abbrecherstudie veröffentlicht. Ihre Ergebnisse sind eine Warnung an die Politik – die zweite innerhalb weniger Tage.

Foto: Wegweiser auf dem Campus der FH Kiel (JMW)
Foto: Wegweiser auf dem Campus der FH Kiel (JMW)

"WANN WIRD DIE STUDIE veröffentlicht?“, fragte ich Anfang Dezember und zitierte in meinem Artikel durchgesickerte Zahlen des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW), denen zufolge die Abbrecherquoten an Fachhochschulen stark angestiegen waren. Damals lautete die fast wortgleiche Antwort von DZHW und seinem Auftraggeber, dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF): Wenn die Studie fertig ist.

 

Sechs Monate und eine parlamentarische Anfrage der Grünen später ist es soweit: Heute geben BMBF und DZHW die Ergebnisse von „Studienerfolg und Studienabbruch“ auf einer Pressekonferenz bekannt. Die Zahlen dürften dieselben geblieben sein wie vor einem halben Jahr: 27 Prozent der FH-Anfängerjahrgangs beenden ihr Studium vorzeitig. Das DZHW hat in der aktuellen Studie den Studienanfängerjahrgang 2010/2011 ausgewertet. Bei derselben Erhebung vier Jahre vorher hatten nur 19 Prozent der Fachhochschulstudenten ihr Bachelorstudium abgebrochen.

Natürlich wird es bei dem Termin heute mit Ministerin Johanna Wanka (CDU) und dem DZHW-Studienleiter Ulrich Heublein um viel mehr gehen: um die Abbrecherquoten von Fachhochschulen und Universitäten im Vergleich, wobei die Universitäten einen Rückgang um drei Prozentpunkte auf 32 Prozent bei den Bachelorstudenten zu verzeichnen haben, um den Einfluss von Fächerkulturen, persönlichen Beweggründen und Lebenssituationen auf die vermutlich grundlegendste Lebensentscheidung, die die meisten jungen Menschen bis dahin getroffen haben. In einer von der Stiftung Mercator geförderten Zusatzstudie wiederum haben die Forscher die Motive von Studienabbrechern aus Migrantenfamilien untersucht.

 

Was aber vor allem hängen bleiben dürfte, ist dies: Die Fachhochschulen haben ein Qualitätsproblem. Und das, wie sich erst vor ein paar Tagen erneut herausgestellt hat, in gleich mehrfacher Hinsicht. Am Dienstag nämlich veröffentlichten BMBF und DZHW eine weitere Studie. Staatliche Fachhochschulen, ermittelten die DZHW-Forscher, haben teilweise enorme Probleme, ihre Professsorenstellen zu besetzen. Besonders im Südwesten der Republik, besonders in ländlichen Regionen und ganz speziell in einigen Fächern. In den Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften endeten zuletzt 40 Prozent der Verfahren nach der ersten Ausschreibungsrunde mangels geeigneter Kandidaten ohne Berufung, in den Ingenieurwissenschaften sogar fast die Hälfte. Übrigens sind die Ingenieurwissenschaften auch eine der FH-Fächergruppen mit hoher und steigender Abbrecherquote: Innerhalb von vier Jahren kletterte sie von 30 auf 33 Prozent. Noch schlimmer ist die Situation in der Informatik, wo die Quote von 27 auf 41 Prozent hochschnellte.

 

Ein Zufall? Sicher nicht. Schließlich arbeiten sich beide DZHW-Studien am selben Phänomen ab: In den vergangenen zehn Jahren sind die Fachhochschulen dramatisch gewachsen, von 109.000 Studienanfängern im Studienjahr 2005 auf gut 200.000 2016. Auch das kein Zufall: Jahrzehntelang lautete das politische Ziel, die Studentenströme von den Universitäten Richtung Fachhochschulen umzulenken. Was gelang: Der FH-Anteil an den Erstsemestern stieg zwischen 2005 von gut 30 auf knapp 40 Prozent.

 

Doppelt so viele Studenten an den FHs, aber kaum mehr Professoren: Wundert sich da jemand über den Anstieg bei den Abbrecherquoten? Im Gegenteil: Eigentlich kann man sich darüber wundern, wie wenig stark sie sich erhöht haben.

 

Gefragt ist nun die Politik, und das weiß sie. Der Bund wolle die Fachhochschulen bei ihrer Personalgewinnung unterstützen, sagt Bundesbildungsministerin Wanka und verweist auf Empfehlungen des Wissenschaftsrats.  „Ausgehend davon prüfen wir gerade mit den Ländern, wo es einen gemeinsamen Handlungsbedarf gibt und inwiefern ein Bund-Länder-Programm den Fachhochschulen helfen kann.“

 

Sol heißen: Bund und Länder haben sich darauf geeinigt, dass eine Staatssekretärsarbeitsgruppe die Verhandlungen vorbereiten soll. Zu spät, zu unkonkret, kritisierten Fachhochschulrektoren und Oppositionspolitiker schon, als Wanka das FH-Programm erstmals im Februar ankündigte. Das mangelnde Tempo stehe im „krassen Kontrast zur Dynamik bei der Neujustierung des Exzellenzwettbewerbs“, befand etwa der grüne Bildungsexperte Kai Gehring. „Der Eindruck der Fachhochschulen, bei dieser Koalition allenfalls die zweite Geige zu spielen, ist nicht von der Hand zu weisen.“

 

Was stimmt: Bund und Länder haben selten so viel Enthusiasmus im Gleichklang offenbart wie bei der Ausgestaltung der großen Bund-Länder-Programme für die Universitäten: bei der Neuformulierung der Exzellenzstrategie ebenso wie bei der Einführung eines milliardenschweren Tenure-Track-Programms. Selbst bei der deutlich kleineren, auf Wissens- und Technologietransfer ausgerichteten Förderinitiative „Innovative Hochschule“ sind die Universitäten gleichermaßen antragsberechtigt, so dass die Fachhochschulen bereits über das Missverhältnis zwischen der hohen Zahl von Förderanträgen und den zur Verfügung stehenden wenigen Fördermitteln klagten.

 

So könnten sich die gestiegenen FH-Abbrecherquoten als heilsamer Schock erweisen. Zwar hat das BMBF wichtige Maßnahmen längst ergriffen und zum Beispiel zur Förderung von Studienerfolg und zur Verminderung des Studienabbruchs eine eigene Projekt-Förderlinie eingerichtet. Allerdings sollte spätestens nach dem Studiendoppelschlag dieser Woche klar sein: So wichtig es ist, sich die persönliche Motivlage der Studienabbrecher anzuschauen – auf sie einzugehen, wird nur dort gelingen, wo genügend qualifizierte Hochschullehrer da sind. Gerade in Fächern wie den Ingenieurwissenschaften oder der Informatik, wo die Gehälter in der Wirtschaft teilweise um ein Mehrfaches über denen von Fachhochschulprofessoren liegen. Es geht also um neue Karrierewege, um neue Anreizstrukturen. Vor allem aber geht es, so langweilig das sein mag, auch um mehr Geld für die Fachhochschulen.

 

Lieber Bund, vor allem aber auch liebe Länder, eine einfache Gleichung zum Schluss: Wer will, dass 40 und mehr Prozent der Studenten auf Fachhochschulen gehen, sollte ihnen auch mindestens 40 Prozent seiner Aufmerksamkeit schenken.


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NACHTRAG AM 01. JUNI ABENDS: 
Die Studie kann auf der Website des DZHW komplett heruntergeladen werden. Eine aktuelle Berichterstattung, auch zu den heutigen Reaktionen, findet sich unter anderem bei Spiegel Online. Fast schon bedrückend sind die Ergebnisse der von der Stiftung Mercator finanzierten Zusatzstudie, denen zufolge die Abbrecherquote unter Migranten 14 Prozentpunkte über dem Schnitt aller Studenten liegt – bei 43 Prozent, zumeist aufgrund von "Leistungsproblemen", wozu auch der Umgang mit Deutsch als Wissenschaftssprache zählt. Besonders viele Migranten geben allerdings auch an, aus finanziellen Gründen die Hochschulen verlassen zu müssen. Spannend ist schließlich der Spin, den BMBF und DZHW heute ihrer Meldung zu den gestiegenen Abbrecherquoten gegeben haben. Überschrift: "Studienabbrecher beginnen häufig eine Berufsausbildung".

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Total bedeutend, machen wir dann später irgendwann

Exzellenzstrategie, Innovative Hochschule, Nachwuchspakt sind durch, die Legislaturperiode auch. Was fehlt? Stimmt, Chancengerechtigkeit in der Wissenschaft. Die sei ihnen natürlich immens wichtig, beteuern die Regierungsfraktionen – und schreiben Positionspapiere.

Foto: Daniel Lozano Valdes
Foto: Daniel Lozano Valdes

DIE UNIONSFRAKTION IM BUNDESTAG hat auf der Zielgeraden der Legislaturperiode ein Positionspapier zur „Chancengerechtigkeit im Wissenschaftssystem“ verabschiedet. Die wichtigere Nachricht ist allerdings, was CDU/CSU und ihr Koalitionspartner SPD nicht hinbekommen haben: einen gemeinsamen Regierungsantrag in Sachen Gleichstellung.

 

Lange Zeit hatte es so ausgesehen, als könnte das klappen – aber dann, so stellt es die SPD-Abgeordnete Marianne Schieder da, habe die Union einen Rückzieher gemacht. „Das ist doch irgendwie peinlich“, sagt Schieder. „Wir sind die Regierungsfraktionen, und alles, was wir zu dem Thema zustande bringen, sind Positionspapiere.“

 

Ein Positionspapier der SPD-Fraktion, Arbeitstitel: „Chancengleichheit als Grundlage eines gerechten und zukunftsfähigen Wissenschaftssystems“ soll jetzt auch noch vor der Sommerpause kommen.

 

Claudia Lücking-Michel ist die für Frauen in Wissenschaft und Forschung zuständige Fraktionsberichterstatterin der Unionsfraktion. Sie weiß nicht so recht, ob sie sich jetzt demonstrativ über das von ihr koordinierte Papier freuen soll – oder ob sie ihre Enttäuschung eingesteht. Sie entscheidet sich für einen Mittelweg. „Chancengerechtigkeit ist bei keiner Bundestagsfraktion das Topthema gewesen, bei der SPD nicht, und bei uns leider auch nicht.“ Umso wichtiger sei es, dass die Fraktion sich jetzt über das Positionspapier nochmal positioniert habe, „ein wichtiges Papier“ sei das, das auch als Ideensammlung dienen könne für einen möglichen künftigen Koalitionsvertrag nach der Bundestagswahl.

 

Ziemlich viele Konjunktive in einem Satz. Fest steht: Drei Jahre lang haben sie in der Wissenschaftspolitik über die Zukunft der Exzellenzstrategie diskutiert, über Innovation und Technologietransfer, sie haben das Programm „Innovative Hochschule“ auf den Weg gebracht und die Tenure-Track-Milliarde. Und immer, sagt Lücking-Michel, wenn sie und ihre Mitstreiterinnen in den Regierungsfraktionen auf das Thema Chancengerechtigkeit zu sprechen kamen, wenn sie forderten, kein Bund-Länder-Programm mehr ohne Vorgaben und Indikatoren zur Gleichstellung beschließen zu lassen, habe es geheißen: „Damit beschäftigen wir uns später.“ Ja, sagt sie: „Am Ende rannte uns die Zeit davon. Für die Zukunft habe ich dazugelernt."

Die Opposition aus Linken und Grünen kritisiert jetzt natürlich die Zögerlichkeit der Regierungsfraktionen und besonders der Union. Der grüne Wissenschaftsexperte Kai Gehring sagt, als „einzige Bundestagsfraktion“ habe seine Partei kontinuierlich mit Fragen, Kleinen Anfragen und Anträgen am Thema gearbeitet. Die Bilanz der Regierung in Sachen Gleichstellung sei „erschütternd“, trotz aller Versprechungen im letzten Koalitionsvertrag.

 

Wahr ist aber auch: Mit ihren eigenen programmatischen Anträgen kamen auch die Oppositionsfraktionen erst im letzten Viertel der Legislaturperiode: die Linke im vergangenen Herbst, die Grünen im März.

 

Gleichstellung scheint unter vielen Wissenschaftspolitikern und Hochschulmanagern immer noch als weiches Thema zu gelten. Ein Thema, das man in Reden für unabdingbar wichtig erklärt, im Alltag jedoch in der Prioritätenliste ungestraft nach hinten schieben darf. Als seien Gleichstellung und Diversity vor allem Fragen von Anstand und Fairness. Welch ein Irrtum: Wer sich und sein Fach für exzellent hält, sich dann aber umblickt und zu 80 Prozent weiße Männer sieht, dem sollte klar sein, dass es mit der Exzellenz im weltweiten Maßstab nicht so weit her sein kann. „Exzellenz und Gleichstellung ist ein Wortpaar, das enger kaum sein könnte“, sagt Marianne Schieder. Ein Satz, den Claudia Michel-Lücking genauso sagen würde.

 

Das Problem ist: Warum sagen und meinen ihn außerhalb der Gruppe der Gleichstellungsbeauftragten und Fachpolitikerinnen so wenige? Und warum kann der Grüne Kai Gehring fast schon genussvoll die Regierung wie folgt kritisieren: „Nichts ist geworden aus der Ansage, bei Vereinbarungen über neue Förderinstrumente für die Wissenschaft künftig verstärkt die Einhaltung von Gleichstellungsstandards zu verankern. Ob Nachjustieren im Pakt für Forschung und Innovation, eine Aufwertung in der neuen Exzellenzstrategie oder eine besondere Berücksichtigung von Wissenschaftlerinnen im Tenure-Track-Programm: „Überall Fehlanzeige.“

 

Dabei stößt das von der Arbeitsgruppe Bildung und Forschung ausgearbeitete Unions-Positionspapier inhaltlich durchaus auf Zustimmung. Vor allem die Ansage, in künftigen Bund-Länder-Programmen die Präsentation stimmiger Konzepte zur Personalentwicklung und zur Chancengleichheit zum verpflichtenden Voraussetzung machen. „Das wäre ein super Fortschritt“, sagt dazu Caren Kunze von der Bundeskonferenz der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten an Hochschulen (BuKoF). „Wobei es natürlich nicht damit getan ist, Gleichstellung in Form von Personalkonzepten zu denken.“ So fehle im Unionspapier die grundsätzliche Reflexion über die immer noch größtenteils männlich dominierten Fächerkulturen und –strukturen. 

 

Jule Specht von der Jungen Akademie sagt, zwar kämen die enthaltenen Vorschläge „leider sehr zurückhaltend“ daher, aber einige der Ideen seien wichtig und „prinzipiell sinnvoll“, etwa die Einführung eines Indikators, um den Anteil von beschäftigten Eltern in den einzelnen Hochschulen und Forschungseinrichtungen sichtbar zu machen. Oder auch die Konzepte einer „Lebensphasenarbeitszeit“, die es laut Papier „Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern erlauben, ihre Arbeitszeit flexibler und autonomer an die Bedürfnisse ihrer jeweiligen Lebensphase anzupassen“.

 

Eine andere angedachte Maßnahme lehnt Specht dagegen als kontraproduktiv ab. Das seit 2008 laufende Professorinnenprogramm, dessen Verlängerung Bund und Länder bereits beschlossen haben, müsse „modellhaft auch für die Qualifikationsstufen neben und vor der Professur geöffnet werden“, heißt es im CDU-/CSU-Papier, etwa mit Stellen für Postdoktorandinnen oder für Leiterinnen von Nachwuchsgruppen. „Davon würde ich abraten“, sagt Specht. Für Postdoc-Stellen gebe es bereits viele Förderformate, ihre Erweiterung sei nicht notwendig „oder sogar kontraproduktiv“, da so neue prekäre Existenzen gefördert würden, anstatt die Gelder in mehr Tenure-Track-Professuren zu investieren.

 

Die Öffnung des Professorinnenprogramms für Stellen „vor der Professur“ ist übrigens auch im Entwurf des SPD-Positionspapiers enthalten, ebenso die Lebensphasenarbeitszeit – kein Zufall, haben doch Union und Sozialdemokraten zunächst gemeinsam über einen Antrag beraten, der dann – siehe oben – am Ende scheiterte. Entsprechend einhellig verteidigen Claudia Lücking-Michel von der CDU und Marianne Schieder von der SPD die Ausweitung. „Die Leaky Pipeline beginnt nun einmal schon weit vor der Professur“, sagt Schieder, und Lücking-Michel meint: „Wir wissen aus der Wissenschaftsforschung, dass vor der Berufung auf eine Professur die meisten Frauen bereits der Wissenschaft den Rücken gekehrt haben.“

 

Wo SPD und Union auseinandergehen in ihren offiziellen Positionen: Die Sozialdemokraten fordern im unveröffentlichten Entwurf ihres Papiers eine Quote „jeden Geschlechts“ von mindestens 40 Prozent auf Entscheidungsebene und in Evaluationsebene von Forschungseinrichtungen, bei der Union heißt es lediglich, die „Steigerung der Beteiligung von Frauen im Wissenschaftssystem“ müsse „größere Dynamik“ erhalten.

 

Ein echtes Alleinstellungsmerkmal haben die Sozialdemokraten mit ihrem Versprechen, bei der Einrichtung eines Rates für Gleichstellung in der Wissenschaft helfen zu wollen. Ein Gremium, das eine unabhängige und übergreifende Stimme für mehr Chancengleichheit sein könnte. Im SPD-Papier fehlt auch nicht der Hinweis, dass die Vizepräsidentin der Hochschulrektorenkonferenz, Ulrike Beisiegel, bereits öffentlich angekündigt hatte, sich für einen solchen Rat einzusetzen.

 

Schließlich gehört zu den von den Sozialdemokraten aufgeführten Positionen „ein klares Bekenntnis zur Geschlechterforschung“ und die Forderung, die Förderlinie „Frauen an die Spitze“ neu aufzulegen, das Forschungsprojekte mit Genderbezug in unterschiedlichen Fachgebieten finanziert hatte.

 

Die Grünen waren in ihrem parlamentarischen Antrag in Sachen Geschlechterforschung noch viel weitergegangen und hatten unter anderem einen eigenen Förderschwerpunkt Frauen- und Geschlechterforschung, ein Nachwuchsprogramm für Genderforscher und mehr Beachtung in der Ressortforschung des Bundes gefordert – übrigens überraschenderweise nicht zur uneingeschränkten Freude der BuKoF. Die Förderung von Gleichstellung und Geschlechterforschung in einen Antrag zusammenzupacken, sei „zumindest missverständlich“, sagt bukof-Geschäftsführerin Caren Kunze, weil man so möglicherweise die breit aufgestellte Geschlechterforschung auf das Monitoring des Fortschritts in Sachen Gleichstellung verenge.

 

Die Grünen stellen in ihrem Antrag zahlreiche weitere Forderungen an die Bundesregierung, darunter ebenfalls eine Quote von 40 Prozent „auf allen Ebenen und in allen Fachbereichen“, ebenfalls eine möglich Erweiterung des Professorinnenprogramms auf Nachwuchswissenschaftlerinnen und in Zusammenarbeit mit den Ländern eine strukturelle Reform der MINT-Studiengänge, damit die attraktiver für Frauen werden.

 

Die Linke wiederum hatte in ihrem Antrag das Thema Geschlechterforschung ausgespart, dafür aber ihrerseits insgesamt nicht weniger als 22 Maßnahmen zur Förderung der Gleichstellung aufgelistet, darunter auch die 40 Prozent-Quote, eine nochmalige Reform des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes, eine „Entfristungsoffensive“ und ganz allgemein ein Umsteuern der Bundesgelder von der Programm- in die Grundfinanzierung der Hochschulen. Das sei ein reines „Wünsch-dir-was“, kritisieren Lücking-Michel und Schieder wieder im Einklang.

 

Am Ende aber, sagt Kunze von der BuKoF, bleibe die entscheidende Schwäche aller Positionspapiere und Anträge, dass sie überhaupt einzeln existierten, dass die Fraktionen sich eben nicht auf einen übergreifenden Antrag hätten verständigen können. „So groß sind die Unterschiede ja nun auch wieder nicht.“ Getrennt und so spät in der Legislaturperiode sendeten sie zwar ein Signal, aber es bleibe ein zu schwaches Signal.


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Böttinger bleibt, bekommt aber einen Nobelpreisträger an die Seite gestellt

Der BIH-Vorsitzende will seinen Vertrag "weiter erfüllen". Gleichzeitig setzen Bund und Land Expertengruppe zur Zukunft des Instituts ein.

Foto: Screenshot von der BIH-Website
Foto: Screenshot von der BIH-Website

ERWIN BÖTTINGER WILL am Berliner Institut für Gesundheitsforschung (BIH) bleiben – vorerst zumindest. Nach dem Hin und Her um sein Berufungsverfahren an der Universität Potsdam hat der Mediziner vergangene Woche dem BIH-Aufsichtsrat gegenüber erklärt, seinen laufenden Arbeitsvertrag weiter erfüllen zu wollen. Die weitaus wichtigere Nachricht: Gleichzeitig entschieden Bund und Land Berlin, eine dreiköpfige Expertengruppe zur Zukunft des Instituts einzusetzen.

 

Der BIH-Aufsichtsratsvorsitzende Georg Schütte, Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), berichtete beide Neuigkeiten heute per Mail an alle Mitglieder des Aufsichtsrats. Man sehe die Umsetzung der Institutsstrategie auf gutem Weg, dieses Momentum gelte es jedoch zu erhalten. Die Einsetzung der Expertengruppe habe er gemeinsam mit mit seinem Berliner Kollegen, Wissenschaftsstaatssekretär Steffen Krach, entschieden – in "Abstimmung mit dem Personalausschuss des Aufsichtsrats". Weniger diplomatisch formuliert: Die Politik hat die Faxen am BIH sowie rund um Böttinger langsam dicke.

 

Die Expertengruppe, zu der auch der Nobelpreisträger Thomas Südhof gehört, soll "in den kommenden Wochen die Fortschritte bei der Umsetzung der BIG Strategie 2026" bewerten. So der offizielle Auftrag. Tatsächlich werden die Wissenschaftler, die sich aus Mitgliedern des Aufsichtsrates und des Wissenschaftlichen Beirates rekrutieren, wohl viel grundsätzlicher zu Werke gehen. Die anhaltende Sinnkrise des von Bund und Land gemeinsam getragenen Forschungsinstituts "neuen Typs" beschäftigt Wissenschaft und Politik seit längerem. Die Querelen der vergangenen Wochen um Böttingers Zukunft und die Debatten um ein so genanntes Doppelpackverfahren sind, da waren sich auch die meisten Aufsichtsratsmitglieder einig, lediglich Symptome eines viel grundsätzlicheren Problems. Doch scheinen erst die jüngsten Ereignisse für die Politik Anlass genug zu sein, die Flucht nach vorn zu ergreifen. Eine gute, eine überfällige Entscheidung.

 

Ob Böttinger auf Dauer eine Zukunft am BIH hat, ist mit der heutigen Mitteilung keineswegs ausgemacht, im Gegenteil: Erstens ist das Berufungsverfahren in Potsdam noch nicht abgeschlossen, offenbar schielt Böttinger weiter in Richtung Potsdam. Sein Pochen auf dem BIH-Vertrag wäre insofern eher unter taktischem Spielchen einzuordnen. In seiner Mail an den Aufsichtsrat jedenfalls spricht BMBF-Staatssekretär Schütte von einem "schwebenden Verfahren".

 

Zweitens wird sich erst in den kommenden Wochen und Monaten zeigen, ob und wie der entstandene Vertrauensschaden zwischen Böttinger und der Politik zu reparieren sein wird. Der weiter anhaltende Schwebezustand jedenfalls hilft in der aktuellen BIH-Krise nicht weiter. Die heutige Einsetzung der – so Schütte – "international ausgewiesenen" Experten kann insofern getrost als Ansage an Böttinger und als Zwischenschritt vor einem weiterführenden BIH-Umbaus betrachtet werden. Schließlich, so heißt es bereits in der Mail, sollen sie auch "die internationale Ausstrahlung" des BIH "eng begleiten und bewerten."

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Neue Ordnung für die Bildungsanarchie?

Die Politik wollte Vielfalt in der Hochschullandschaft. Die hat sie bekommen. Jetzt sind Wissenschaftler und Hochschulmanager auf der Suche nach dem systematischen Überbau. Ein Gastbeitrag von Christine Prußky.

Foto: Edwin Andrade
Foto: Edwin Andrade

DAS HAT ES noch nicht gegeben: Sechs Berliner Fachhochschulen treten gemeinsam in einem bundesweiten Wettbewerb an. 15 Millionen Euro fließen in die Hauptstadt, wenn der Berliner Verbundantrag die Gutachter der Bund-Länder-Förderinitiative „Innovative Hochschule“ überzeugt. Die Entscheidung fällt zwar erst in ein paar Wochen, doch die Stadt darf sich schon jetzt als Gewinner sehen.

 

Allein die Antragsarbeit hat die Hochschulen einander näher gebracht, sie haben gemeinsame Ziele identifiziert und ein Wir-Gefühl erfahren: „Wir“,  sagt Bettina Völter, Prorektorin an der Alice-Salomon-Hochschule Berlin, „engagieren uns für die Lösung von zentralen Fragen der wachsenden Metropole Berlin“.

 

Das klingt nebulöser als es ist. Ein gemeinsames Gründungszentrum ist geplant, und über die gesamte Stadt verteilt sollen Anlaufstellen für den Wissensaustausch entstehen. Orte also, an denen sich Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Wissenschaft finden können. Wo es Raum und Zeit für sie gibt, am Beispiel Berlin die Bedürfnisse wachsenden Städten auszumachen und so wissenschaftlich fundiert wie praxisnah zu beantworten. Das also ist der Plan. Und seine bloße Existenz scheint den sechs Hochschulen einen Swing zu geben, den sie ohne ihn eben nicht hätten.

 

Am Berliner Verbundantrag und seinen Folgen für die Beziehungen der Hochschulen untereinander lässt sich sehen: Wettbewerbliche Förderverfahren setzen Energien frei, mobilisieren neue Kräfte. Sie schaffen Kooperationen, Bündnisse – und treiben unwillkürlich eine Entwicklung voran, die die internationale Hochschulforschung schon als „Phase der Anarchie“ klassifiziert.

 

Philip G. Altbach vom Center for International Higher Education des Boston College untersuchte unlängst im Auftrag der Körber-Stiftung, wie sich der weltweite Studierendenboom und die steigenden gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Erwartungen auf die jeweiligen Hochschulsysteme auswirken. Um die massive Nachfrage nach akademischer Bildung zu decken und unterschiedlichsten Ansprüchen gerecht zu werden, hätte sich weltweit ein „breites Spektrum“ an akademischen Bildungseinrichtungen gebildet. Diese würden sich nicht nur in ihren Angeboten und Profilen unterscheiden, sondern auch in ihrer Qualität und in ihrem Nutzwert, heißt es weiter in der Studie, die am Ende in einem klaren Plädoyer mündet, nämlich: Ordnung und Struktur in die aktuelle Bildungsanarchie zu bringen.

 

Wie aber soll das wann genau geschehen und wer ist hier eigentlich in welchem Umfang zum Handeln aufgefordert? Überlegungen dazu stellten Wissenschaftler und Hochschulmanager gemeinsam mit Vertretern aus Forschungsorganisationen und der Wissenschaftspolitik vergangene Woche bei einer Tagung in Wien an. Organisiert worden war der Austausch von den Wissenschaftsräten in Deutschland und Österreich, wo die Fragen zur Differenzierung der Hochschulsysteme nicht weniger virulent sind wie in anderen Teilen der Welt.

 

Denn natürlich sollen die Hochschulen in Deutschland forschen, den wissenschaftlichen Nachwuchs fördern, Studierende zu Persönlichkeiten ausbilden und deren Berufsfähigkeit garantieren. Auf der akademischen to-do-Liste stehen daneben die Weiterbildung, die Akademisierung von Berufen, der Wissens- und Technologietransfer. Hochschulen sollen in ihren jeweiligen Regionen also   Innovationsinkubatoren und damit genau das sein, worauf die sechs Berliner Hochschulen mit ihrem Antrag zielen. Und so unterstützte Berlins Regierender Bürgermeister und Wissenschaftssenator Michael Müller den Antrag finanziell und lobt ihn öffentlich als „hervorragendes Beispiel“ für die „in Berlin stark ausgeprägte Kooperationskultur“.

 

Die vielfältigen Ansprüche von Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft an Hochschulen sind für sich genommen „vernünftig“, sagt die Vorsitzende des Wissenschaftsrates Martina Brockmeier, „und doch in der Summe geeignet, die einzelne Institution zu überfordern.“ Das so beschriebene Dilemma ist nicht neu. 2010 suchte der Wissenschaftsrat bereits nach Lösungswegen und entwarf mit seinem Plädoyer für eine „funktionale Differenzierung“ des Hochschulsystems ein Modell, das heute  als Königsweg in Deutschland gilt. Hinter dem etwas sperrigen Schlagwort steckt die ganz pragmatische Denke der Arbeitsteilung. Hochschulen spezialisieren sich thematisch und in ihren Leistungen, um so in der Summe den Anforderungen gerecht zu werden.

 

Den Prozess mit einem „Masterplan für das Hochschulsystem“ steuern zu wollen, hält der Wissenschaftsrat für keine gute Idee. Dennoch, machte Brockmeier in Wien deutlich, sind Politik und Hochschulen gleichermaßen gefordert. Während die Hochschulen als Impulsgeber und Akteure im Bildungssystem neue akademische Angebote und Organisationsmodelle initiieren und ausprobieren müssten, sollte die Politik die Entwicklung neuer Hochschultypen und die Lockerung des „Typenzwangs“ zulassen und fördern.

Dabei denkt der Wissenschaftsrat explizit nicht nur an finanzielle Anreize wie sie im Exzellenz-Wettbewerb für Universitäten, im Qualitätspakt Lehre oder zuletzt auch dem Förderprogramm „Innovative Hochschule“ speziell für die Fachhochschulen und kleinere Universitäten gesetzt werden. Es geht auch um die dauerhafte Finanzierung von Kooperationen oder Fusionsmodellen wie die Deutschen Zentren für Gesundheitsforschung oder auch dem KIT, das aus der Universität Karlsruhe und dem Forschungszentrum Karlsruhe entstand.

 

Dass dabei mit erheblichen Reibungsverlusten zu rechnen ist, lässt sich aktuell am Berlin Institute of Health sehen. Gemeinsam von der Charité und dem Berliner Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in Jahr 2013 gegründet ging das BIH mit klarem Exzellenzanspruch in der Forschung an den Start. Nach einer kosten- und nervenaufreibenden Anfangsphase glitt das BIH nun in einen Richtungsstreit mit veritabler Führungskrise, die nicht nur am BIH genauso ausgehalten und ausgetragen werden muss. Sie wirkt auch auf Charite und MDC.

 

Denn mag der Wissenschaftsrat die Differenzierung im Wissenschafts- und Hochschulsystem noch so sehr als einen Prozess skizzieren,  bei dem die Wissenschaft ausgehend von den Bedürfnissen der Wissensgesellschaft passende Organisationsformate findet, um eben diese adäquat zu erfüllen. Der institutionelle Wettstreit um Wertschätzung, Anerkennung und Reputation lässt sich nicht ausblenden.

 

Überbietungslogiken bestimmen also den Takt bei der Differenzierung. Von einem „akademischen Kapitalismus“ spricht die Vizepräsidentin der Deutschen Forschungsgemeinschaft Julika Griem. Die marktwirtschaftliche Dynamik sei längst Fakt, erklärte die Literaturwissenschaftlerin von der Goethe-Universität Frankfurt/Main während der Tagung in Wien und: „Wir müssen uns fragen, wie wir den akademischen Kapitalismus systemisch gestalten wollen.“

 

Zu Griems Befund passt die Analyse des Vorsitzenden der Österreichischen Wissenschaftsakademie Antonio Loprieno. Der ehemalige Rektor der Universität Basel gehört zu den Herausgebern des Buches „Die entzauberte Universität“  und sieht mit der Profilbildung einen grundlegenden Wandel markiert, bei dem die Universität von einer Wertegemeinschaft in viele Hochschulen im institutionellen Wettbewerb zersplittert.

 

Das muss nicht automatisch schlecht sein. Ein nach außen gerichtetes Profil kann auch nach Innen Identität stiften und akademische Werte bewahren. Davon zumindest ist Sascha Spoun überzeugt. Als Rektor der Leuphana hat er in Lüneburg den Erfindungs- und Selbstfindungsprozess einer ganzen Universität schon einmal komplett durchexerziert. Die Leuphana hat sich im Bildungsmarkt nach außen positioniert und nach innen ihr Leitbild gefunden. Humanistisch, nachhaltig, handlungsorientiert – das ist die Mission, mit der die Leuphana in den Wettbewerb geht. Und es ist der Kitt, der Forschende und Lernende in Lüneburg zusammenhält.

 

Wie genau am Ende das  Band aussieht, das sie Berliner Fachhochschulen mit ihrem Verbundantrag knüpften, wird sich zeigen. Auch seine Tragfähigkeit ist noch nicht ausgemacht. Feststeht allerdings, dass im Programm „Innovative Hochschule“ von den bundesweit insgesamt 118 Anträgen und Initiativen nur etwa 20 Prozent gefördert werden können. Dann sind die Programmmittel erschöpft. Differenzierung braucht Geld.  

 

Christine Prußky ist Journalistin für Hochschule und Wissenschaft in Berlin. Eine gekürzte Fassung dieses Beitrags erschien zuerst im Tagesspiegel. 

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"Eltern, die in ihrer Freizeit Klassenräume sanieren sollen, interessieren sich nicht für die Feinheiten des Föderalismus"

Beim Auftritt in einer Schule jonglierte SPD-Kanzlerkandidat Schulz mit den Milliarden. Im Interview erklärt er, welche Summe er wie gemeint hat, er redet über Kitas, Ganztag und G9. Und er sagt, warum er nicht wegen vermeintlicher NATO-Verpflichtungen weniger in Bildung investieren wird.

Foto: www.spd.de
Foto: www.spd.de

ES IST NUR ein Augenblick, doch Martin Schulz lässt sich hinreißen. Am Donnerstag vorgegangener Woche besucht er eine Schule in Berlin-Neukölln, um seine Bildungspolitik zu erklären. Da fordert ihn ein Lehrer heraus: Der Kanzlerkandidat solle mal konkret sagen, was für ihn ein ausreichend finanziertes Bildungssystem sei, und Schulz antwortet: Skandinavisches Niveau, das müsse das Ziel sein.

Das Problem: Skandinavisches Niveau heißt geschätzte 75 Milliarden Euro zusätzliche

Bildungsausgaben – pro Jahr. Wie soll das gehen? Im Interview für meinen Blog nimmt Schulz zwar den gewagten Betrag nicht mehr in den Mund, aber er sagt: "Wir müssen uns hohe Ziele setzen."

So viel, wie Schulz seit Monaten von Bildung redet, hat er eines immerhin erreicht: Plötzlich kündigt auch CDU-Kanzlerin Angela Merkel in ihrem Video-Podcast am Wochenende "mehr Bundesengagement in der Bildung" an – inklusive einer neuen Initiative für Ganztagsschulen.  



Herr Schulz, Sie wollen, dass Deutschland in Sachen Bildungsfinanzierung zum Niveau skandinavischer Länder aufschließt. Klingt gut. Konkret hieße das aber, dass die Bildungsausgaben im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung um 2,4 Prozentpunkte steigen müssten. Das entspricht rund 75 Milliarden Euro – pro Jahr. Meinen Sie das ernst?

Ich will, dass das deutsche Bildungssystem das stärkste weltweit wird. Ihre Zahl illustriert doch, vor welcher enormen Aufgabe wir stehen. Wenn wir unsere Defizite - wie sozial ungerechte Bildungschancen, zu starke Orientierung an einer schnellen Verwertung von Bildung und nicht zuletzt die im internationalen Vergleich oft nur mittelmäßigen Leistungen - überwinden wollen, dann müssen wir zwei Dinge tun: viel Geld in die Hand nehmen und als Bund mit den Ländern und Kommunen an einem Strang ziehen. Deshalb habe ich eine nationale Bildungsallianz vorgeschlagen. Dafür muss aber das Kooperationsverbot im Grundgesetz endlich vollständig fallen.

 

Über das Kooperationsverbot sprechen wir gleich noch. Nochmal konkret nachgefragt: 75 Milliarden zusätzlich pro Jahr, wo wollen Sie die bitte hernehmen?

 

Ich habe ja bei der Diskussion in einer Berliner Schule neulich darauf hingewiesen, dass wir 30 Milliarden Euro zusätzlich pro Jahr bräuchten, um auch nur auf den OECD-Durchschnitt zu kommen. Wir müssen uns also hohe Ziele setzen. Und wir werden das natürlich nicht von jetzt auf gleich schaffen. Aber der Bund muss endlich massiv in Bildung investieren. Wann wieviel zu schaffen ist und über die Aufteilung der Kosten zwischen Bund, Ländern und Kommunen wird sicher noch zu reden sein. Wir alle machen uns aber doch lächerlich, wenn wir die Bildung zum höchsten Gut erklären und dann in Zeiten einer florierenden Wirtschaft nicht bereit sind, da auch entsprechend zu investieren. Natürlich werden Länder und Kommunen ebenfalls einen angemessenen Beitrag einbringen müssen, denn sie sind und bleiben zuständig für Bildung. Daran will ich nichts ändern. Aber der Bund muss endlich auch helfen dürfen, wo es sinnvoll ist.

 

Sie sagen, Sie wollen die Haushaltsschüsse für Bildung einsetzen. Doch das Geld, sagen Verteidigungsexperten, werden Sie dringend brauchen, um Deutschlands NATO-Verpflichtungen zu erfüllen. Oder sind Sie der Meinung sind, dass Deutschland nicht verpflichtet ist, die Militärausgaben in den nächsten drei, vier Jahren substanziell zu erhöhen? Dann sagen Sie das bitte konkret.

 

Deutschland ist ein verlässlicher und starker Partner in der NATO, der seinen Beitrag in Europa und in der Welt leistet. Um den NATO-Beschluss ranken sich viele Mythen. Ich bin jedenfalls nicht bereit, jedes Jahr 20 bis 30 Milliarden mehr für das Militär ausgeben. Wir brauchen jetzt keine Aufrüstungslogik, sondern Abrüstungsinitiativen. Ich will Investitionen in unsere Zukunft, und das heißt vor allem auch in Bildung. 

 

Sie wollen zum Beispiel kostenfreie Kitas. Mal abgesehen von den föderalen und kommunalen Zuständigkeiten, die Sie selbst ansprachen: Die Milliarden, die Sie in die Kostenfreiheit investieren wollen, werden für den qualitativen Ausbau der Kitas dringender gebraucht, da sind sich die meisten Bildungsforscher einig. Vom Ausbau würden besonders bildungsferne Kinder profitieren, von der Kostenfreiheit dagegen der Mittelstand. Wie lösen Sie diesen Widerspruch auf?

 

Beides ist wichtig. Wir dürfen nicht Qualität und Kostenfreiheit gegeneinander ausspielen. Natürlich müssen wir die Qualität an Kitas voranbringen, daran arbeitet Manuela Schwesig auf Bundesebene sehr intensiv. Und auch in den Ländern wird viel getan. Aber wir stehen zur Gebührenfreiheit in der Bildung. Wenn Kitas einen Bildungsauftrag haben - und das ist unstrittig - dann dürfen wir sie nicht mit einem Preisschild versehen. Bildung ist für uns Sozialdemokraten ein öffentliches Gut. Natürlich entlastet die Gebührenfreiheit vor allem die Familien mit geringem und mittlerem Einkommen. Niemand käme doch auf die Idee, beim Schulbesuch etwa Gebühren von Familien mit höherem Einkommen zu verlangen oder Elternbeiträge zuzulassen. Falsche Widersprüche helfen hier nicht, denn wir müssen beides leisten, wenn wir an die Spitze wollen – mehr Plätze und mehr Qualität an den Kitas, aber eben auch an den Schulen.

 

Dann verraten Sie uns bitte Ihren Plan, wie genau sie beides gleichzeitig hinbekommen wollen. >>



>> Beides kann nur gelingen, wenn Bund, Länder und Kommunen gemeinsam handeln. Der Bund kann und soll insbesondere bei den großen Investitionen helfen. Die Gebührenfreiheit der Meister-Kurse und vor allem der Kitas, die wir schrittweise umsetzen werden, kostet nach seriösen Schätzungen bis 2021 etwa vier Milliarden Euro, in vermutlich ähnlicher Höhe müssen wir in Grundschulen investieren, um die eine Million neuer Ganztagsplätze zu schaffen. Das schafft Raum und Zeit für mehr Qualität. Gleiches gilt für mehr schulische Sozialarbeiter, auch hier will ich, dass der Bund sich engagiert. In einer Bildungsallianz werden aber natürlich Länder und Kommunen sich stärker beim Fachpersonal und der Aus- und Weiterbildung einbringen. 

 

Also sind schon mal acht Milliarden Euro pro Jahr weg, bevor Sie überhaupt an den qualitativen Ausbau gehen können. Sie fordern übrigens auch die Rückkehr zu G9, obwohl wiederum sämtliche Bildungsforscher davor warnen. Warum?

 

Ich habe nicht einfach die Rückkehr zu G9 gefordert. Ich habe betont, dass Bildung auch Zeit braucht. Viel zu lange haben wir so getan, als sei es ein Wert an sich, die Zeit für Bildung zu verkürzen. Mein Ansatz ist ein anderer: Ich will, dass wir in der Bildungspolitik stärker die Perspektive von Schülern, Eltern und Lehrern einnehmen. Und das heißt für mich auch: Schüler, Eltern und Lehrer brauchen auch ein bisschen Ruhe. Es macht keinen Sinn, alle paar Jahre unsere Schulen auf den Kopf zu stellen.

 

Womit Sie nicht auf meine Frage geantwortet haben, wie Sie die Rückkehr zu G9 und Ruhe an der Schule zusammenbringen wollen. Gleichzeitig wettern Sie gegen den „Föderalismus in seiner radikalen Form“ und wollen das Kooperationsverbot in einem ersten Schritt aufweichen. Gleichzeitig feiert die SPD-Fraktion auf ihrer Website, das Kooperationsverbot sei bereits durchbrochen worden. Was denn nun?

 

Wenn das Gesetzespaket mit dem Grundgesetz-Artikel 104c so beschlossen wird, ist das Kooperationsverbot aufgebrochen. Und es war die SPD, die das erreicht hat. Der abermalige Aufschrei bei Herrn Lammert dürfte Beleg genug sein, wie tief das sitzt. Aber als Bund müssen wir darauf achten, dass, egal wo man wohnt, vergleichbare Lebensverhältnisse bestehen, und das heißt mehr denn je auch gleiche Bildungschancen. Deshalb können wir uns nicht damit zufriedengeben, dass der Bund nur dann in Kitas, Schulen, Horte und Berufsschulen investieren darf, wenn die Kommunen finanzschwach sind. Denn so steht es heute im Gesetz zum 104c GG. Wenn wir unsere Bildung an die Spitze bringen und eine nationale Bildungsallianz schmieden wollen, dann muss auch der Rest des Kooperationsverbotes fallen. 

 

Was bedeutet für Sie ein funktionierender Föderalismus in der Schul- und Hochschulpolitik? Wofür sollten die Länder zuständig sein, wofür der Bund? 

 

Mir geht es nicht um die formalen Zuständigkeiten. Mir geht es um die konkreten Zustände vor Ort. Eltern, die in ihrer Freizeit die Klassenräume ihrer Kinder sanieren sollen, interessieren sich eher weniger für die Feinheiten der Bund-Länder-Finanzbeziehungen. Lehrerinnen und Lehrer wollen, dass sie vernünftige Unterrichtsmaterialien haben. Denen geht es nicht um den Föderalismus. Wenn wir zur Spitze in der Bildung gehören wollen, und das ist mein Ziel, dann brauchen wir eine gesamtgesellschaftliche Kraftanstrengung. Und hier muss und kann der Bund eben nur dann seinen Beitrag über Investitionen – und um nichts Anderes geht es – sinnvoll leisten, wenn das Grundgesetz das erlaubt. Es geht also um mehr Zusammenarbeit, mehr Koordination und mehr gemeinsames Handeln – aber nicht um ein Bundesschulministerium. An unseren Hochschulen kann man sehen, wie erfolgreich der Bund helfen kann, wenn Bund und Länder zusammenarbeiten. Ohne die milliardenschweren Bundesinitiativen wie die Exzellenzstrategie und den Hochschulpakt wäre der neue Aufbruch an den Hochschulen gar nicht denkbar.

 

Noch eine grundsätzliche Feststellung am Ende. Sie wehren sich gegen den Vorwurf, bisher nicht konkret genug in ihren inhaltlichen Positionen geworden zu sein. Gleichzeitig bleiben Sie mit Ihren Antworten an vielen Stellen weiter im Ungefähren.

 

Wir sind sehr viel konkreter als unsere Mitbewerber. Für die schulische Bildung habe ich in Berlin umrissen, wie ich mir Deutschlands Weg an die Spitze vorstelle. Für den Beitrag des Bundes, und das ist meine Aufgabe als Kanzlerkandidat in einer Bundestagswahl, habe ich konkrete Vorstellungen genannt: 10 bis 12 Milliarden Euro pro Jahr bis 2021, um erstens damit eine Million Ganztagsplätze an Grundschulen zu schaffen, weil hier die Basis für den Bildungserfolg gelegt wird, um zweitens ein Schulmodernisierungsprogramm aufzulegen, um nach der Sanierung einen Schritt weiter zu kommen, um drittens schulische Sozialarbeit zu finanzieren, überall wo sie gebraucht wird, und um viertens die Meister-Kursgebühren und fünftens schrittweise die Kita-Gebühren abzuschaffen. Und ich habe zusätzlich eine eigenständige Initiative angekündigt, in der unsere Berufsschulen im Mittelpunkt stehen. Sie müssen endlich aus dem Schatten der allgemeinen Schulpolitik raus. Sie müssen das Personal und die Ausstattung bekommen, die sie für ihre Schlüsselrolle auch in der Integration und für die neue digitale Arbeitswelt brauchen.


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"Es bleibt ein Fragezeichen"

2015 mussten die Teilnehmer der internationalen Pisa-Schulleistungsstudie ihre Aufgaben erstmals am Computer beantworten. Dadurch sei die Vergleichbarkeit verloren gegangen, bemängelten Kritiker. Kann sein, bestätigt der Testexperte Frank Goldhammer. Trotzdem sei die Umstellung richtig gewesen.

Frank Goldhammer. Foto: Fotorismus für DIPF
Frank Goldhammer. Foto: Fotorismus für DIPF

ALS KURZ VOR Weihnachten die Ergebnisse der aktuellen Pisa-Studie veröffentlicht wurde, hagelte es Kritik. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieb, die Pisa-Macher hätten die Vergleichbarkeit der aktuellen Ergebnisse mit früheren Runden aufs Spiel gesetzt. Mein Kollege Thomas Kerstan von der ZEIT meinte sogar, wegen der neuen Methode wisse keiner "genau, ob die deutschen Schüler im Vergleich zu 2012 besser oder schlechter geworden sind." Damit stehe eigentlich nur ein Verlierer der Studie fest: "die Studie selber." Der Grund für die Aufregung: Die Pisa-Macher hatten technisch aufgerüstet. Erstmals mussten die 15 Jahre alten Schüler die Aufgaben anstatt mit Stift und Papier am Computer lösen. Frank Goldhammer vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) ist Experte für computerbasiertes Testmethoden. Er sagt, was dran ist an den Vorwürfen.

Herr Goldhammer, hat die OECD als internationale Organisation hinter der Pisa-Studie ohne Not deren Ruf aufs Spiel gesetzt?


Die OECD hatte gute Gründe, von Papier auf Computer umzustellen. Die technischen Möglichkeiten schreiten auch im Einsatz digitaler Unterrichts- und Prüfungsmethoden voran, das ist die Zukunft. Warum sollte also bei den internationalen Vergleichstests alles beim Alten bleiben? Stattdessen können wir durch computerbasierte Studien mehr über die Kompetenzen der Getesteten erfahren. Wir gewinnen Erkenntnisse darüber, wie schnell Aufgaben gelöst werden und wer sich wo besonders schwertut. Das hilft uns außerdem, die Tests noch besser und zielgenauer zu machen.

 

Aber stimmt es denn nun: War Pisa 2015 deshalb nicht vergleichbar mit 2012?

Wir sprechen von so genannten Moduseffekten bei der Umstellung von Papier auf Computer. Dass die existieren, wissen wir nicht erst seit Pisa 2015, sondern dazu forschen meine Kollegen und ich schon seit vielen Jahren. Die Frage ist, wie man mit ihnen umgeht. Nehmen wir zum Beispiel das Leseverständnis. Wenn ich am Bildschirm am Text entlangscrollen muss, anstatt ihn einfach auf dem Papier vor mir zu haben, bedeutet das für viele der Getesteten eine zusätzliche Herausforderung. Das gleiche gilt für die Veränderung des Layouts von oben nach unten zu einem mehr horizontalem Format. Und auch die Navigation zwischen Text und Aufgaben ist unter Umständen eine andere, wenn man am Bildschirm hin- und herspringen muss. Die entscheidende Frage für den internationalen Vergleich ist: Fallen die Moduseffekte von Land zu Land gleich aus, oder fällt zum Beispiel den deutschen Schülern die Umstellung besonders schwer?

 

Das heißt: Solange die neue Art, getestet zu werden, für alle Teilnehmer die gleiche Herausforderung bedeutet, heben sich die Effekte gegenseitig auf, und die Ergebnisse bleiben vergleichbar?

Zumindest was die Ergebnisse zwischen den Ländern in der aktuellen Studie angeht, also 2015. Das war die Annahme der OECD. Ich halte es aber für denkbar, dass es Unterschiede von Land zu Land gegeben hat. Jedenfalls wurde das bei Pisa nicht breit untersucht. Was für mich heißt: Solange man es nicht empirisch ausgeschlossen hat, muss man es für möglich halten.

 

Weil in deutschen Schulen Computer weniger eingesetzt werden als in anderen Ländern?


Mein Team und ich waren in der Pisa-Studie verantwortlich für einen Fragebogen zur Computervertrautheit, bei dem es auch um die Selbstwahrnehmung ging, also um die Frage, für wie kompetent man sich selbst im Umgang mit dem Computer hält. Die Ergebnisse sind noch nicht veröffentlicht. Was man zumindest auf Basis der internationalen IEA-Studie ICILS sagen kann: In anderen Staaten äußern sich die Schüler selbstbewusster als bei uns. Ansonsten sind die Ursachen von Moduseffekten in Pisa empirisch nicht eingehend untersucht. Es ist aber plausibel, dass die Vertrautheit mit Computern, was in Pisa Desktop-Computer beziehungsweise Laptops mit Maus und Tastatur waren, eine Rolle spielt.


Und wieso kann dann die OECD behaupten, die Folgen der Umstellung seien nicht so groß?

 

Weil auch sie stichhaltige Argumente anführt. Wieder das Beispiel Leseverständnis: Wenn ich weiß, dass Leseaufgaben am Computer anspruchsvoller sind, dann kann ich die Testergebnisse entsprechend gewichten gegenüber den auf dem Papier gelösten Aufgaben. Anders formuliert: Ich rechne den Unterschied heraus und mache die Ergebnisse wieder vergleichbar.

 

Wofür ich die Stärke des Effekts aber genau kennen müsste.

 

Exakt. Hier bleibt ein Fragezeichen in der Argumentation beziehungsweise bei den Annahmen der OECD.

 

Warum hat Deutschland überhaupt mitgemacht bei der Umstellung? Immerhin gab es die Option, dass die Pisa-Teilnehmerstaaten weiter die Papiermethode wählen.

 

Diese Option gab es, aber es wurden für den papierbasierten Teil keine neuen Aufgaben mehr entwickelt. Nicht nur deshalb war diese Option mit Verlusten verbunden. Wie ich schon sagte, ermöglicht das computerbasierte Testen neue, interaktive Aufgabentypen. Am Ende ist es ja so: Selbst wenn die Vergleichbarkeit der aktuellen Pisa-Studie im Verhältnis zu früheren Jahren etwas eingeschränkt gewesen sein sollte, bieten computerbasierte Testmethoden einen so großen zusätzlichen Erkenntnisgewinn, dass es diesen Preis wert wäre.

 

Sie sagen das immer so. Machen Sie es mal konkret.

 

Internationale Vergleichstests leiden unter einem Kernproblem: Im Gegensatz zu normalen Prüfungen bringt ein gutes Ergebnis dem Getesteten persönlich keinerlei Vorteil. Also ist die Motivation, sich richtig anzustrengen, im Schnitt geringer. Mit der Antwortzeit einer Person können wir aber unmotivierte Antworten erkennen, nämlich solche, die zu schnell für eine vernünftige Antwort sind, und dann ausschließen. Forschungsergebnisse geben außerdem Anhaltspunkte, dass das Aufgabenlösen am Computer als attraktiver wahrgenommen wird. Unter anderem dank ihrer möglichen Adaptivität. Das heißt: Der Computer richtet sich nach der Qualität meiner vorgehenden Antworten, wenn er die nächste Aufgabe heraussucht, was die Sache für mich persönlich spannender macht. Ich werde nicht unterfordert.

 

Genau wie das Gegenteil, wenn die Getesteten ständig das Gefühl hatten, keine Frage richtig beantworten zu können.

 

So ist es. Überforderung hat bei papierbasierten Tests in der Vergangenheit zu Motivationsproblemen geführt. Und wenn man weiter in Richtung von Interaktivität und Adaptivität denkt, erkennt man ein noch größeres Potenzial durch das computerbasierte Testen. Sagen Sie mal ehrlich: Sind die gegenwärtigen Pisa-Aufgaben spannend genug im Verhältnis zu den Apps, mit denen Schüler sonst so ihre Freizeit verbringen? Das ist eine Frage, die in der Bildungsforschung aktuell diskutiert wird, der Trend zur so genannten Gamification, zu „serious games“: Wie kann man Test- und Lernaufgaben so gestalten, dass die als Teil einer Spielsituation wahrgenommen werden, die einen herausfordern, das zu zeigen, was man wirklich kann und weiß?   

 

Das klingt überzeugend. Aber denkt man weiter in die Richtung, wäre die Vergleichbarkeit mit früheren Testrunden endgültig flöten.

 

Nein, natürlich möchte man bei wiederholten Messungen die Vergleichbarkeit beibehalten. Darum wird man auch nie alle Fragen auf einmal austauschen, also alle so genannten Test-Items, sondern es gibt immer einen großen Anteil von „Link-Items“, die die Verbindung zu früheren Testrunden gewährleisten sollen. Was zugegebenermaßen unterschiedlich gut klappt und immer wieder zu prüfen ist.

 

Welche Lehren lassen sich aus Pisa 2015 ziehen?

 

In Pisa 2015 wurde der Umstieg auf computerbasiertes Testen vollzogen, aber der Modellfall war schon die Umstellung der Erwachsenen-Kompetenzstudie PIAAC, an der wir auch mitgearbeitet haben. Demnächst ist dann auch die TIMSS-Grundschulstudie an der Reihe. In allen Fällen ergeben sich durch die interaktiven Aufgabenformate ganz neue Möglichkeiten. Bei Pisa können wir jetzt online Experimente simulieren, und die Schüler sind so viel dichter dran an der naturwissenschaftlichen Erkenntnisgewinnung. Außerdem wissen wir künftig nicht nur, wer richtig oder falsch geantwortet hat, sondern auch, wie es zur richtigen oder zur falschen Antwort kam. Aber natürlich stellen all die methodischen Veränderungen bei Pisa 2015 eine Herausforderung dar, und der Moduswechsel war nur eine davon. Daran forschen wir weiter. Nein, ein Selbstläufer ist das computerbasierte Testen nicht. Aber es eröffnet die Möglichkeit für viele Innovationen in der Bildungsforschung und bei internationalen Bildungsvergleichen.   

 

Frank Goldhammer gehört zum Leitungsteam des Zentrums „Technology Based Assessment“ am DIPF und ist Mitglied des Zentrums für internationale Bildungsvergleichsstudien. 

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Ein Vorschlag zur Güte: Albert-Einstein-Schools

Die Max-Planck-Gesellschaft stößt mit ihrem School-Konzept auf heftigen Widerstand. Wie könnte ein Kompromiss aussehen, den alle mittragen könnten? Ein Gastbeitrag von Dieter Lenzen.

Foto: UHH/ BertoldFabricius
Foto: UHH/ BertoldFabricius

AM 14. MÄRZ 2008 unterzeichneten die damalige Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz, Margret Wintermantel, und der damalige Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, Peter Gruss, ein Memorandum of Understanding, in dem sie feststellten, dass die International Max Planck Research Schools (IMPRS) sich „zu einem Erfolgsmodell entwickelt“ hätten. Die Schools stärkten sowohl die „Kooperation zwischen Universitäten und Max-Planck-Instituten und die Doktorandenausbildung, als auch die Attraktivität Deutschlands für hervorragende ausländische Promovierende wesentlich“. So seien dank dem Erfolgsmodell die Doktorandenzahlen an Max-Planck-Instituten innerhalb von zehn Jahren um 60 Prozent gestiegen. Für die Zukunft vereinbarten Hochschulrektorenkonferenz und Max-Planck-Gesellschaft, „auch die Gründung gemeinsamer Einrichtungen“ ins Auge zu fassen, die „Wege der Zulassung zur Promotion“ zu „vereinfachen“ und die „Beteiligung der Max-Planck-Gesellschaft“ an einer Promotion „auf der universitären Promotionsurkunde“ zu erwähnen.

 

Mit dem im Dezember 2016 erstmals vorgelegten und jetzt in die Diskussion geratenen „Konzept Max Planck Schools“ wird die Erfolgsdiagnose von damals relativiert und zugleich die nächste Stufe gezündet: Die IMPRS, heißt es nun, seien „oft zu klein“, „thematisch oft sehr eng“, „international deutlich sichtbar nur in wenigen Fällen“, weswegen es der „Einführung von deutschlandweiten 'Max-Planck-Schools' in Kooperation mit den deutschen Universitäten“ bedürfe (alle Zitate aus einer PowerPoint-Präsentation der Max-Planck-Gesellschaft mit dem Titel „Max-Planck-Schools mit den deutschen Universitäten“). >>



>> Plötzlich, so scheint es, sind die „Max Planck School“ die neue Lösung. Für sie wird mit denselben oder ähnlichen Worten geworben wie seinerzeit für die IMPRS. Der „Mehrwert“ bestehe darin „die international besten Studierenden für das deutsche Wissenschaftssystem zu gewinnen“, „die Entwicklung neuer Forschungsgebiete zu befördern“ usw. (Konzeptfassung vom Dezember 2016). Nicht nur wird die seinerzeitige Erfolgsdiagnose der IMPRS revidiert, es werden zusätzliche „Defizite“ des deutschen Wissenschaftssystems benannt. Etwa, dass „ikonische Einrichtungen“ fehlen, dass bei Top-Berufungen ein „mangelnder Zugang zu den besten Doktorandinnen und Doktoranden häufig thematisiert“ werde und dass es den „kleinen und/oder weniger sichtbaren Einrichtungen schwerfalle, Top-Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu halten“ (MPG-Präsentation). Die neuen „Max-Planck-Schools“ würden demgegenüber „neue Forschungsgebiete befördern“, „für eine weitere Vernetzung zwischen den Universitäten und den außeruniversitären Forschungsorganisationen sorgen“ und „benachteiligte Standorte durch Einbindung von Fellows stärken“ sowie „den Wettbewerb im System stärken und damit das gesamte System verbessern helfen“.

 

Was den Wettbewerb betrifft, so ist einschlägig die in der MPG-Präsentation enthaltene und häufig gezeigte Grafik zur „Verteilung Personen mit den meisten Top-1-Prozent-Publikationen“, der zufolge München, Berlin und Heidelberg mit Abstand am besten abschneiden. Folgt man der zuvor geschilderten Bedarfsanalyse des deutschen Wissenschaftssystems, so dürften also genau jene Standorte eigentlich keinen Bedarf an dem neuen Typus von Max-Planck-Schools haben. Demgegenüber zeigen sich „benachteiligte Universitäten“ in drei bis fünf Regionen: Norddeutschland, Ruhrgebiet, westliches Baden-Württemberg, eine Achse von Ulm bis Würzburg sowie eine Kette von Halle bis Dresden. >>

Foto: Das Ambiente an einer International Max Planck Research School laut deren Website
Foto: Das Ambiente an einer International Max Planck Research School laut deren Website

>> Daraus ließe sich, ungeachtet der Frage, ob die anekdotischen Evidenzen über IMPRS-Defizite und solche hinsichtlich von Schwierigkeiten bei der Berufung hervorragender Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen valide sind, ein Vorschlag ableiten, der vielleicht geeignet ist, die Absichten hinsichtlich größerer Ikonizität, Sichtbarkeit, Attraktivität und Kooperativität so zu kompensieren, dass tatsächlich in der gesamten Bundesrepublik von dem Vorschlag profitiert werden kann:

 

  •  Die „Max-Planck-Schools“ werden in „Albert-Einstein-Schools“ umgetauft und sind eine Veranstaltung, die nach dem expliziten Willen von Bundesforschungsministerin Johanna Wanka auch den anderen Allianzorganisationen wie Helmholtz und Leibniz in Kooperationen mit Universitäten zur Verfügung stehen.
  • Die Albert-Einstein-Schools decken nicht jeweils die gesamte Bundesrepublik ab, sondern sie erzielen eine hohe Sichtbarkeit von Wissenschaftsregionen mit großen Potenzialen in den bisher benachteiligten Regionen.
  • Das Kohärenzprinzip „Thema“ wird um ein Prinzip „Regionalität“ ergänzt. Albert-Einstein-Schools sind überregionale, aber nicht nationale Einrichtungen mit Bundesförderung.
  • Über die Einrichtung solcher Schools entscheidet nicht eine Allianzorganisation mit der Hochschulrektorenkonferenz, sondern, wie in allen bedeutsamen Forschungsfragen, die Deutsche Forschungsgemeinschaft.
  • Die Einwerbung einer Albert-Einstein-School kann ein Qualitätsmerkmal für die Bewerbung bei der zweiten Förderlinie der Exzellenzstrategie sein oder mit ihr verbunden werden.
  • Jeweils eine Universität übernimmt die Konsortialführerschaft einer Albert-Einstein-School, ähnlich wie bei Transregio-Verbünden der Deutschen Forschungsgemeinschaft.
  • Zur Erhöhung der „Ikonizität“ wird eine strategische Partnerschaft mit einer internationalen Top-Einrichtung (gegebenenfalls auch finanziell) besonders gewürdigt.
  • Die Einrichtung von Albert-Einstein-Schools wird auf eine Zahl zwischen fünf bis zehn begrenzt.
  • Albert-Einstein-Schools werden in Siebenjahresrhythmen evaluiert und im Falle einer positiven Bewertung verlängert.
  • Besonders erfolgreiche „Graduate Schools“ der zurückliegenden Exzellenzinitiativen können Bestandteil einer Albert-Einstein-School werden.

 

Zusammengefasst: Albert-Einstein-Schools würden als große überregionale Verbünde nationale und internationale Sichtbarkeit und Ikonizität erreichen, sie würden Anreize schaffen zur Weiterentwicklung des Hochschulsystems. Sie würden die Entstehung einer regionalen Unwucht innerhalb des deutschen Wissenschaftssystems vermeiden und gleichzeitig die mit dem Max-Planck-Konzept beabsichtigten Vorteile einer Stärkung und Aktivierung der auch außerhalb der üblichen Wissenschaftszentren durchaus vorhandenen Spitzenpotentiale erzielen – bei gleichzeitig hochobjektivierter Selektion der Bewerber. Ein Vorschlag zur Güte. Einer, über den es sich nachzudenken lohnt?

 

Dieter Lenzen ist Präsident der Universität Hamburg, die zur German U15 gehört.


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Da geht noch was

Bislang standen die Berliner Universitäten im Verdacht, im Wettstreit um Fördergelder kaum mehr zu sein als eine Beutegemeinschaft. Spätestens mit dem Gewinn des Deutschen Internet-Instituts hat sich das geändert.

Abbildung: Screenshot der Projektwebsite
Abbildung: Screenshot der Projektwebsite

ALSO WIEDER BERLIN. Es ist ein großartiger Erfolg für die Wissenschaft der Hauptstadt, dass das Deutsche Internet-Institut nach Berlin kommen soll. Wie Bundesforschungsministerin Johanna Wanka (CDU) heute Mittag mitteilte, hat sich das Berliner Bewerberkonsortium um das Wissenschaftszentrum  für Sozialforschung (WZB) gegen die vier Konkurrenten aus München, Hannover, Karlsruhe und Bochum durchgesetzt. Titel des interdisziplinären Gewinnerantrags: "Internet-Institut für die vernetzte Gesellschaft".

 

Für den Aufbau des Instituts zahlt der Bund in den ersten fünf Jahren bis zu 50 Millionen Euro, der digitale Wandel in seiner Gesamtheit soll erforscht werden, von rechtlichen über ethisch und ökonomischen Fragen bin hin zu seinen gesellschaftlichen Auswirkungen. Partner sind neben dem WZB die Freie und die Technische Universität, die Humboldt-Universität, die Universität der Künste (UdK), die Universität Potsdam und das Fraunhofer-Institut FOKUS. Noch in diesem Jahr soll das Institut seine Arbeit aufnehmen.

Erst Anfang April hatte das "Einstein Center Digital Future" (ECDF) Eröffnung gefeiert, eine viel beachtet Public-Private-Partnership, die größtenteils dieselben universitären Partner umfasst: FU, TU und HU Berlin, die UdK dazu die Charité Universitätsmedizin. Auch unter den außeruniversitären Organisationen finden sich mit dem FOKUS ein identischer Partner, dazu kommen zwei weitere Fraunhofer-Institute, zwei Helmholtz-Zentren, das Konrad-Zuse-Institut, die Physikalisch Technische Bundesanstalt und das BIH. Warum ich das so ausführlich aufzähle: Weil sich hier ein Muster herausbildet, das für die Zukunft noch bedeutender werden könnte.


50 Millionen auf fünf Jahre für das Deutsche Internet-Institut, schon jetzt 38,5 Millionen Euro für das ECDF, zu einem guten Teil beigesteuert von Unternehmen der Hauptstadtregion. Das sind echte Brocken. Und zu jedem
aus der Wirtschaft eingeworbenen Euro gibt das Land Berlin weitere 50 Cent hinzu. Mindestens 50 neue Professuren sollen am ECDF entstehen, im so genannten Kernbereich "Digitale Infrastruktur, Methoden und Algorithmen" dazu in den Innovationsbereiche genannten Feldern "Digitale Gesundheit", "Digitale Gesellschaft und Geisteswissenschaften" sowie "Digitale Industrie und Dienstleistungen". Schon in diesen Bezeichnungen werden die großen Überschneidungen zum Antrag des Deutschen-Internet-Instituts deutlich, so dass man spätestens von heute an sagen kann: Berlin ist nicht nur Zentrum der nationalen (und teilweise auch der europäischen) IT-Startup-Szene, die Hauptstadt ist auch auf dem Weg zum internationalen Schwergewicht in der Erforschung der technischen und sozialwissenschaftlichen Grundlagen für die digitale Gesellschaft von heute und morgen.

 

Die wissenschaftspolitischen Folgen dürften weitreichend sein. So hatten Skeptiker (zu denen ich mich an dieser Stelle  auch selbst zähle) bislang zu Recht gefragt, ob es nicht allzu durchsichtig sei, wenn die neue Exzellenzstrategie besonders Verbundanträge fördern will und die Berliner Universitäten rein zufällig plötzlich den Gemeinschaftsgeist und, mehr noch, die Liebe zueinander entdecken. Sicherlich werden auch angesichts der heutigen Entscheidung viele in der Republik ihrer Befürchtung bestätigt fühlen, dass der Zentralismus in der Wissenschaft weiter um sich greift.

 

Mit den beiden Brocken ECDF und DII zeigt die Berliner Wissenschaftsszene allerdings auf einen Doppelschlag, dass es tatsächlich so etwas wie eine plausible gemeinsame Erfolgsstory geben könnte. Eine Erfolgsstory, die nicht einfach lautet: Wir machen gute Wissenschaft, weil wir größer als die anderen sind. Sondern vielmehr: Wir sind so groß und breit aufgestellt, dass wir wie kein zweiter Standort in Deutschland in der Lage sind, uns strategisch und interdisziplinär an den jeweils neuen Zukunftsfeldern auszurichten. Nebenbei gesagt eine Erkenntnis, die ECDF und DII erheblich unterscheidet vom Konzept des Berliner Instituts für Gesundheitsforschung (BIH), das vor seiner Gründung weder einen Ideenwettbewerb bestehen musste, noch mussten seine Partner zunächst selbst Millionen einwerben, – was sicherlich ebenfalls zusammenschweißt. 

 

Schnelle Entscheidungen, ein kollegiales Verständnis zwischen Forschern UND Forschungsmanagern. Und eine Landespolitik, die zwar manchmal aufdringlich zur Zusammenarbeit pusht, aber (auch das ist deutschlandweit alles andere selbstverständlich!) als Finanzier guter Ideen dann auch verlässlich an der Seite der Bewerber steht: Spätestens seit dem heutigen Tag zeichnet sich ab, dass die uniübergreifende Berliner Bewerbung um die Exzellenzkrone (und damit rede ich vor allem von der so genannten zweiten Förderlinie, den Exzellenzuniversitäten) mehr werden könnte als eine naheliegende Beutegemeinschaft. Vielleicht am Ende sogar eine Story, deren weiterer Erzählung man nicht gelangweilt verfolgt – sondern mit echter Neugier, was wohl als nächstes kommt. 


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Guckt nochmal genauer hin

Zwei Schavan-Ideen produzieren momentan mal wieder Schlagzeilen: Das Deutschlandstipendium und das Berliner Institut für Gesundheitsforschung. Leider konzentriert sich die öffentliche Kritik  auf die falsche Initiative.

ES SIND MELDUNGEN, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Das Statistische Bundesamt hat am Montag die neuesten Zahlen zum Deutschlandstipendium veröffentlicht, und in Berlin entwickelt sich eine verwirrend-seltsame Seifenoper um das Berliner Institut für Gesundheitsforschung.

 

Zunächst zum Deutschlandstipendium. 25.500 junge Menschen haben 2016 eins erhalten, das entspricht 1200 mehr als im Vorjahr, aber immer noch derselben Quote von 0,9 Prozent aller Studenten in Deutschland. Kommentar des grünen Bildungsexperten Kai Gehring: „Schwach gestartet und stark nachgelassen.“ Tatsächlich: Beim gegenwärtigen Tempo würde es weitere 47 Jahre dauern, bis die immer noch im Gesetz festgeschriebene Zielmarke von acht Prozent Deutschland-Stipendiaten erreicht wäre. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) befindet dennoch: „Das Deutschlandstipendium wächst weiter.“

 

Am Berliner Institut für Gesundheitsforschung hat unterdessen der Vorstandsvorsitzende Erwin Böttinger per E-Mail an alle Mitarbeiter Pressemeldungen bestritten, denen zufolge er sich ans zur Universität Potsdam gehörende Hasso-Plattner-Institut (HPI) wegbeworben habe. Ihm sei auch nicht gekündigt worden (zur Berichterstattung siehe vor allem Tagesspiegel, unter anderem hier). Allerdings räumte er ein, dass es Verhandlungen mit dem HPI gebe. Kommentar des BMBF: keines. Es ist nicht die erste Skurrilität an dem Institut, dessen Name einst passend zur Abkürzung BIG gewählt wurde, was aber den Verantwortlichen dann doch zu großkotzig klang, weswegen sie jetzt nur noch das Kürzel BIH, entsprechend dem englischsprachigen Institutsnamen, benutzen.

 

Nun zu den Gemeinsamkeiten. Sowohl Deutschlandstipendium, vergeben erstmals 2011, als auch das BIH, ebenfalls 2011 verabredet zwischen dem Bund und dem Land Berlin, sind Initiativen der wenig später zurückgetretenen Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU). Mehr als das: Bei beiden handelte es sich um Prestigeprojekte der Ministerin, jeweils eingefädelt in Kooperation mit einem eifrigen Landesminister. Im Falle des Deutschlandstipendiums stand der damalige FDP-Wissenschaftsminister von Nordrhein-Westfalen, Andreas Pinkwart, mit seinem NRW-Stipendium Pate. Und beim BIH war Berlins Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner (SPD) Ko-Architekt. Schavans Nachfolgerin Johanna Wanka (ebenfalls CDU) wiederum kann dem Vernehmen nach weder dem einem noch dem anderen Projekt besonders viel abgewinnen.

 

Was die bundespolitische Bewertung der aktuellen Entwicklungen angeht, offenbart sich indes eine unverständliche Diskrepanz. Irgendwie scheinen sich die meisten Beobachter einig zu sein, dass das Deutschlandstipendium ein richtiger Schuss in den Ofen sei, während die Opposition in Sachen BIH eisern schweigt. So beklagt Kai Gehring, Jahr für Jahr verfielen „Abermillionen Euro, die für das Deutschlandstipendium reserviert sind, während Union und SPD das BAföG verwalten statt gestalten und es nicht bedarfsgerecht ausbauen.“ Die stellvertretende DFG-Vorsitzende Elke Hannack spricht von einem „echten Ladenhüter“, und Achim Meyer auf der Heyde, Generalsekretär des Deutschen Studentenwerkes, räumt zwar ein, das Stipendium sei „ein zusätzliches Finanzierungsinstrument“, doch als „Säule der Studienfinanzierung“ könne man es kaum sehen. Unterdessen hält der Rechnungshof seine Kritik, die Verwaltungskosten des Programms lägen zu hoch, aufrecht.

 

Und all das, obwohl das Deutschlandstipendium zuletzt 26 Millionen Euro private Spenden im Jahr aktivierte und, wenn auch nicht überall, so doch an etlichen Hochschulen überhaupt erst den Startschuss für professionelle Fundraising-Aktivitäten gab. Auch die vielen Stipendiaten, die vielleicht nicht mit Bestnoten, dafür aber mit einem besonderen gesellschaftlichen Engagement punkten können, werden das Programm und die 300 Euro mehr im Monat zum Leben und Studieren zu schätzen wissen. Und schließlich haben sich die anfänglichen Befürchtungen, Akademikerkinder würden mal wieder überdurchschnittlich von den Stipendien profitieren, nicht bestätigt – übrigens im Gegensatz zu den Begabten-Stipendien, die lange eine soziale Schieflage aufwiesen.

 

Der einzige dramatische Fehler des Stipendienprogramms wäre demnach, dass seine Erfinder einst den Mund zu voll nahmen und komplett unrealistische Erfolgszahlen versprachen in einem Land, das Mäzenatentum in der Bildung bis dahin kaum kannte – und offenbar, siehe Kommentare oben – bis heute auch nicht kennen möchte.  

 

Beim BIH verhält sich die Sache ein wenig anders. Seit Schavan und Zöllner sich die Gründung in die Hand versprochen haben, geht eigentlich durchweg schief, was schiefgehen kann. Es fing damit an, dass vier Jahre verstrichen, bis aus dem ersten Memorandum of Understanding zwischen der Berliner Charité (Land) und dem zur Helmholtz-Gemeinschaft (90 Prozent Bundesfinanzierung) gehörenden Max-Delbrück-Centrum überhaupt eine eigene rechtsfähige Körperschaft wurde. Dazwischen gab es ein Gezerre um die Zuständigkeiten zwischen Charité und MDC, zwischen Land und Bund: War das BIH jetzt die Tochter der beiden Partnerorganisationen, oder ist war selbst die Mutter? Und wer sollte jetzt den Aufsichtsrat leiten? Das BMBF oder doch die Verwaltung der Zöllner-Nachfolgerin Sandra Scheeres?

 

Die jahrelange Selbstbeschäftigung gipfelte darin, dass der Gründungschef Ernst Rietschel, ein verdienter Wissenschaftsmanager und ehemaliger Leibniz-Präsident, schon Extra-Millionen für das Institut forderte, als es noch nicht einmal einen Bruchteil des vorhandenen Budgets ausschöpfte. Und das alles, während nicht einmal die verantwortlichen Wissenschaftspolitiker genau erklären konnten, wofür das BIH eigentlich inhaltlich da war. Ein „Institut neuen Typs“ sei es, so lautete eine der Formulierungen, in die man sich flüchtete. Oder, wie die Bundesregierung 2014 erklärte: Das BIH „leitet aus bestimmten Erkenntnissen der Wissenschaft Fragen ab, aus denen sich dann Forschungsfragen und klinische Erprobung ableiten. Ziel ist, die Übertragung von Forschungserkenntnissen in die Klinik zu beschleunigen und klinische Beobachtungen wieder ins Labor zu tragen.“ Haben Sie das verstanden?

 

Auf jeden Fall gab es dafür 311 Millionen Euro aus Bundes- und Landesgeldern für die ersten fünf Jahre, plus 40 Millionen Euro von der inzwischen verstorbenen Johanna Quandt. Apropos Missionsbeschreibung: In einer Pressemitteilung Ende Juni 2016 teilte das BIH mit, sich „neu ausrichten“ zu wollen. „Wir wollen die Lebensqualität von Menschen mit fortschreitenden, schweren Krankheitsverläufen durch personalisierte und regenerative Medizin erhalten oder wie­der­herstellen und bauen dabei auf Digitalisierung, Patientenbeteiligung, systemmedi­zi­nische Forschung, neuartige regenerative Therapien und Innovation für die Gesund­heits­wirtschaft“, erklärte Erwin Böttinger damals. Der war kurz vorher als aus den USA ans BIH gewechselt. Und nun also, elf Monate nach der verkündeten Neuausrichtung, geht Böttinger offenbar.

 

Verständlich, dass die Politik nun über ihn den Kopf schüttelt. Allerdings ist nicht nur Böttingers Verständnis von Karriereplanung das Problem, sondern die Ursache aller Wirrungen war, dass Politiker (namentlich: Schavan und Zöllner) unbedingt etwas Einmaliges, etwas Neues schaffen wollten, ohne dass dafür eine wirklich intellektuell bestechende Notwendigkeit bestand. Nach dem KIT, dem Karlsruher Institut für Technologie, sollte das BIH einfach die nächste irgendwie „innovative“ Konstruktion zwischen universitärer und außeruniversitärer Forschung sein.

 

Genau das ist nun die Hypothek, an der sich die Mitarbeiter des BIH bis heute inhaltlich abarbeiten. Durchaus mit Erfolg: Mit dem neuen Geschäftsführer Rolf Zettl (mein ehemaliger Chef bei Helmholtz) ist der Technologietransfer sichtlich in Gang gekommen, und die von Quandt finanzierte "Private Exzellenziniative" fördert herausragende Nachwuchsmediziner wie auch etablierte Forscher. Und übrigens auch – hier schließt sich der Kreis – Deutschlandstipendien. 

 

Fakt ist aber auch: Jede Professur, die durch das BIH besetzt wird, hätte mit demselben Geld auch ohne BIH besetzt werden können. Zugleich wären die Machtkämpfe und Durchstechereien in der Berliner Forschungslandschaft (aktuelles Stichwort: "Doppelpackverfahren") wohl eine Nummer kleiner ausgefallen, da nicht noch ein in der institutionellen Sinnfrage gefangener dritter Partner zwischen Charité und MDC gehangen hätte. Ein Partner, dem Charité-Verantwortlichen schon mal vorhalten, er schaffe ein „Luxus-Team“, während die landeseigene Universitätsmedizin als „Alltagsschufter“ die Hauptlast trage. Offenbar hatte sich auch Böttinger selbst mehr Bewegungsspielraum als BIH-Chef, mehr Geltung für die neue Marke und vor allem mehr Dynamik erhofft. Die für 2017 vorgesehene Evaluation hat man vorsorglich schon aufs Jahr 2019 verschoben.

 

Und zu all dem sagt die Opposition im Bundestag: Nichts. Genauso wenig wie das BMBF. Bei letzterem ist das plausibel: Die nahende Bundestagswahl lässt grüßen. Und dass das Land Berlin mit Wissenschafts-Staatssekretär Steffen Krach (SPD) nicht die wissenschaftspolitische Grundsatzfrage stellt, ist ebenfalls verständlich: Von den 311 Millionen zahlt der Bund wie beim MDC 90 Prozent.   

 

Bringen wir es auf den Punkt. Sowohl das Deutschland-Stipendium als auch das BIH, beides Initiativen der ehemaligen BMBF-Chefin Annette Schavan, sind heute in erster Linie Geldschöpfungsmaschinen. Im ersten Fall geht das in Ordnung: Das Geld, das geschöpft wird, stammt von Firmen, von Privatleuten, von Stiftungen. Es mögen vergleichsweise kleine Beträge sein, aber der Zusatznutzen ist da. Und die meisten Hochschulen wissen heute immerhin, was Fundraising ist. Ein Schavan-Projekt mit, na ja, Potenzial. Das BIH hingegen ist vor allem eine Geld-Pipeline vom Bund ins Land Berlin. Bundesmillionen, die zu Recht fließen in die Gesundheitsforschung der Hauptstadt. Doch wie verhält es sich mit dem versprochenen Zusatznutzen der neuen Institution BIH? Diese Frage ist, siehe oben, noch nicht abschließend beantwortet. Aber es wäre gut, wenn ein paar kritische Wissenschaftspolitiker sie allmählich mal offensiver formulieren würden.

 

Abbildungen: Screenshots von dem Websites. 


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Streitet mal schön!

Das Problem vieler Hochschulsenate sind nicht zu viele Meinungsverschiedenheiten. Das Problem ist der Hang zum gegenseitigen Missverstehenwollen.

Foto: Benjamin Child
Foto: Benjamin Child

GELEGENTLICH KANN MAN den Eindruck bekommen, als herrsche in manchen Hochschulsenaten der Republik nichts als Gezerre. Neulich schrieb ich an dieser Stelle darüber: Hier der Block der Professoren, die mit ihrer verfassungsrechtlich garantierten Dominanz die Rektoren zum Stöhnen bringen. Da die anderen „Statusgruppen“, von den Studierenden bis zu den wissenschaftlichen Mitarbeitern, die als Gegenmaßnahme die Drittel- oder Viertelparität fordern. Und dann streitet man sich monate- oder jahrelang über Stimmrechte und Verfahrenswege, und zur Not zweifelt man auch mal die Rechtsverbindlichkeit getroffener Entscheidungen an.   

 

So geschehen etwa an der Technischen Universität Berlin. Umso erstaunlicher, dass ausgerechnet von dort jetzt andere Nachrichten kommen. Der Akademische Senat der TU will sich einen Kommunikationskodex geben, berichtet der Tagesspiegel (leider nicht online). Die AG „Kommunikation“ habe entsprechende Vorschläge entwickelt. Um einen „Kulturwandel“ zur „Wertschätzung“ soll es gehen, die Senatsmitglieder sollen sich besser auf die Sitzungen vorbereiten, einen respektvollen Ton miteinander üben und – aha – die jeweiligen Zuständigkeiten akzeptieren. >>



>> Darüber könnte man jetzt grinsen und sagen: Da haben sich ein paar Funktionäre müde gekämpft. Oder man stellt ganz unzynisch fest: Hier will ein Gremium einen neuen Aufbruch wagen.

 

Nicht der Streit an sich ist in manchen Hochschulgremien das Problem, nicht die aufrichtig formulierten Meinungsgegensätze, sondern zu viel wurstige Uninformiertheit, der Hang zum gegenseitigen Missverstehenwollen und die Unsitte, sich vor den eigenen Leuten inszenieren zu müssen. Und das gilt gleichermaßen für die Gruppe der Professoren (die in Wirklichkeit oft selbst in mehrere Gruppen zerfällt), für die Mitarbeiter und für die Studierenden.

 

Das Problem: Eine solche Diskussionskultur endet im Machtverlust für alle, für das Gremium, für die Hochschule insgesamt – egal, welche Stimmenverhältnisse herrschen und in welcher Form Verfassungsgerichte Professorenmehrheiten vorgeben.

 

Der Berliner TU-Senat muss die Vorschläge erst noch diskutieren und (hoffentlich!) für gut befinden. Er wäre sicherlich auch nicht der erste Senat in Deutschland mit einem solchen Kodex. Doch schon jetzt geht von den Plänen ein Signal aus in Richtung anderer im Hickhack erlahmter Hochschulsenate: Ermächtigt euch selbst, indem ihr zivilisiert streiten lernt. Lasst das beste Argument herrschen und nicht die einfallsreichste Blockadeidee. Erreicht all das, indem ihr euch auf explizite Regeln diskursiven Anstands einigt.

 

Ein durch und durch idealistisches Signal. Und gerade deshalb eines, das von einem gesunden Machtinstinkt der Senatsmitglieder zeugt.

 

Hätten sich damit Diskussionen um Drittel- oder Viertelparität oder um die Professorenmehrheit erledigt? Keineswegs. Aber womöglich stellten die Senate auch anderswo fest, dass schon so eine Menge gemeinsamen Gestaltens möglich wird.

 

Dieser Kommentar erschien heute zuerst im ZEITChancen Brief.


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Gastkommentar: "Reichlich angestaubter Strategiebegriff"

Wie der Wissenschaftsrat mit seinem Positionspapier "Strategien für die Lehre" von den eigentlichen Baustellen ablenkt. Von Stefan Kühl, Ines Langemeyer, Marcel Schütz und Gabi Reinmann.

Foto: Sean MacEntee: "lecture room", CC BY 2.0

WAS DER FORSCHUNG einen (Geld-)Segen beschert, kann der Lehre nicht schaden. Oder doch? Auch um ihrer Qualität willen soll es nach Auffassung des Wissenschaftsrats „langfristig und systemweit“ initiierte „Strategien für die Hochschullehre“ geben. In seinem aktuellen Positionspapier empfiehlt er zu diesem Zweck das Mittel der „Lehrverfassungen“, welche jede einzelne Hochschule für „ihren regionalen Standort, ihre Größe, ihre unterschiedlichen Zielgruppen, Kooperationspartner oder fachlichen Schwerpunkte strategisch“ selbst entwickelt.

 

Man könnte es dabei belassen, das Papier des Wissenschaftsrates als weiteres Beispiel einer von der Philosophie der unternehmerischen Hochschule inspirierten akademischen Denkschrift zu lesen. Wie es lange Zeit auch in Debatten um Unternehmensentwicklung üblich war, geht es in den Reformdebatten der Hochschulszene lange schon um den bunten Mix strategischer Managementmoden. Expertise sei „zu vernetzen“, „zu verstetigen“ und „mit geeigneten Anreizsystemen strukturell zu unterstützen“. Von „Governance“ ist die Rede, die „Beteiligung ermöglicht, legitime und zugleich zügige Entscheidungen erzeugt und zur Verständigung zwischen den Fächern und Statusgruppen führt“.

 

„Leitbilder“ schweben dem Wissenschaftsrat vor, aus denen ein „strategischer Plan mit den wesentlichen Zielsetzungen für Studium und Lehre“ zu entwickeln ist. Auf Basis einer für alle Dozenten vorgegebenen Lehrverfassung sind von den Fächern „Lehrprofile“ zu erstellen. Wie in einem gut sortierten Produktportfolio stellt man sich die finalen „Bildungsziele eines Studiengangs sowie die angestrebten Kompetenzprofile“ vor. Alles soll „transparent“ und „verbindlich“ werden, denn es gehe um eine „umfassende sichtbare Lehrkultur“.

 

Das scheint auf den ersten Blick recht konsistent. Die Dozenten werden für die Lehrverfassung der Hochschule qualifiziert, künftiges Personal wird gleich direkt über die Passung zum Lehrprofil ausgewählt. Begleitend unterstützt ein „modernes und effizientes Qualitätsmanagement- und Qualitätsentwicklungssystem“. In standardisierter Form sind die Wirkungen der Lehrstrategien „im Rahmen von Qualitätskreisläufen“ zu überprüfen. Damit die Hochschulen das alles ernst nehmen, soll das Erreichen der Ziele an Kennziffern wie Absolventenzahlen und Studierendenzufriedenheit und diese wiederum an eine zentrale Mittelvergabe gekoppelt werden. So soll nicht nur geprüft werden, „ob ein Leitbild für Lehre vorhanden ist, sondern auch, wie dieses mit einem Qualitätsentwicklungssystem für Lehre und der hochschulischen Gesamtstrategie verbunden ist und mit welchen Maßnahmen es in die Praxis übersetzt wird“. Ist es zu gewagt, all dies ziemlich invasiv zu nennen? >>



>> Der Ansatz dahinter ist jedenfalls reichlich angestaubt. Wie in einem Uhrwerk fügen sich Konzepte, Prozesse und Personal ineinander. Aber Organisationen funktionieren genau so gerade nicht – erst recht nicht solche mit dem Zweck der Bildung. In der Organisationsforschung weiß man das lange schon. Die Argumentation des Papiers, so harmonisch und technisch sie erscheint, orientiert sich an einem veralteten Strategiebegriff.

 

Doch mit Strategiemodellen lässt man die Steuerungsherzen im Hochschulmanagement höherschlagen. Denn es wird suggeriert, alles Entscheiden stehe in einem großen geordneten Zusammenhang. Wie schön das wäre, denken sich alle sogenannten Strategen. Leider nur (oder zum Glück) gibt es keine einzige Organisation auf der Welt, in der das nur halbwegs gelänge. Aus der Forschung gleichermaßen in Unternehmen oder Schulen, in Kirchen oder Armeen wissen wir, dass überall das dortige Personal vor allem seine ganz eigenen Praktiken (er-)findet, woraus dann – nach und nach, gemach, gemach! – neue Handlungsweisen, ergo neues Handlungswissen, für die ganze Organisation hervorgehen. Veränderungen verlaufen weitgehend chaotisch und instabil. Überwiegend nachträglich wird daraus ein wohlgeformtes Gewebe gestrickt. Man nennt es dann gern: Strategie. Schon vor über 40 Jahren fand eine Studiengruppe um den US-Managementforscher Michael Cohen heraus, dass in strategischen Entscheidungen nicht so sehr Lösungen für Probleme entwickelt werden; vielmehr werden identifizierte Probleme bereits bestehenden Lösungen zugeordnet.

 

Was wären die Folgen eines strategischen Lehrbetriebs nach Vorstellung des Wissenschaftsrats? Insbesondere werden die Hochschulen ihre Fassadenpolitik weiter optimieren, das heißt eigene sporadische Maßnahmen aufwändig mit Strategierhetorik garnieren. Strategiepapiere zur Lehre nähren im Übrigen ein diffuses Misstrauen in Dozenten. Und das nicht selten ausgerechnet in jene, die unter problematischen Bedingungen zu teilweise – um es freundlich zu formulieren – übersichtlich attraktiven Arbeitsbedingungen ihre Leistungen erbringen.

 

Und sie lenken von tatsächlichen Baustellen der Lehre ab. Gebraucht würden angesichts der Bologna-Verschulung großzügige „Puffer“. Das bedeutet praktisch: Zeit, Geduld und Vertrauen, um Lehrformate auszutesten, die künftig nicht erst auf ihre Verfassungsmäßigkeit abzuklopfen sind. Innovationen verlaufen eben nicht strategisch; sie bilden sich dort, wo Ressourcen im Überfluss verfügbar bleiben, wo man mit verständnisvoller Nachlässigkeit nicht alles und jeden zu kontrollieren und steuern trachtet. Und noch viel mehr als all das verdanken sie sich dem Zufall und einem angstfreien, aber kreativen Klima. Von einer solchen behutsamen Perspektive ist im Papier des Wissenschaftsrates wenig zu sehen. Zur Anregung von Innovationstätigkeit soll das vermeintliche Patentrezept eines Wettbewerbs in der Lehre herhalten. Keine Frage, den Hochschulen in ihrer Lehre Puffer als Innovationsräume zuzugestehen, die diesen Namen tatsächlich verdienen, setzt einigen Mut voraus. Vielleicht übersteigt dieser Mut das Fantasievermögen großer Teile der Wissenschafts- und Hochschulpolitik.

 

Ines Langemeyer und Gabi Reinmann lehren Pädagogik bzw. Hochschuldidaktik an den Universitäten Karlsruhe und Hamburg. Stefan Kühl und Marcel Schütz unterrichten Soziologie bzw. Betriebswirtschaft an den Universitäten Bielefeld und Oldenburg. Eine längere Fassung dieses Artikels ist gestern in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen. Auf Initiative der Autoren veröffentliche ich ihn als Gastkommentar in meinem Blog. 

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"Noch nicht richtig verstanden"

Die Hochschulrektorenkonferenz hat die Idee einer eigenen Organisation für die Lehre in Bausch und Bogen abgelehnt. Die Wissenschaftsratsvorsitzende Martina Brockmeier erklärt, warum die Rektoren ein zweites Mal nachdenken sollten.

Martina Brockmeier. Foto: Alex Schwander
Martina Brockmeier. Foto: Alex Schwander

Frau Brockmeier, am 2. Mai schlägt der Wissenschaftsrat eine „bundesweite eigenständige Organisation“ zur Förderung von Innovationen in der Hochschullehre vor, und nur sieben Tage später sagt die Hochschulrektorenkonferenz (HRK): Nicht mit uns. Ein Affront?

 

Nein, sondern ein Zeichen dafür, dass unser Vorschlag womöglich noch nicht richtig verstanden wurde. Anders als die HRK impliziert, kann es nicht um ein Entweder-Oder gehen. Also entweder eine neue Organisation oder eine auskömmliche Grundfinanzierung der Hochschulen. Wer unser Positionspapier liest, aber auch zahlreiche Stellungnahmen des Wissenschaftsrates aus früheren Jahren, findet darin immer wieder dasselbe Plädoyer: Die Hochschulen müssen natürlich auskömmlich finanziert werden. Natürlich müssen sie dann auch dafür sorgen, dass genug von dem Geld in die Lehre hineinfließt. Aber all das ist, wenn Sie so wollen, nur die Grundvoraussetzung oder „Pflicht“. In unserem Papier „Strategien für die Hochschullehre“ sprechen wir auch von der „Kür“.

 

Und die Kür ist eine Deutsche Lehrgemeinschaft?

 

Wir verwenden diesen Begriff bewusst nicht, weil wir unseren Vorschlag möglichst offen formulieren wollten. Wir verstehen ihn im Sinne eines Prüfauftrags an Länder und Bund – zu ermitteln, ob und in welcher Form eine eigenständige Organisation zur Förderung innovativer Lehrkonzepte für die Lehre funktionieren könnte. Ich persönlich finde, eine solche Organisation wäre eine wunderbare Sache.

 

Warum finden viele Rektoren das nicht?

 

Ich möchte dazu nur folgendes sagen: In der Forschung funktioniert der Wettbewerb und wird von den meisten als qualitätsförderlich anerkannt. Warum sprechen wir der Lehre die gleiche Logik ab? Mit einer ausreichenden Grundfinanzierung als Basis würde doch keiner gezwungen, Anträge zu stellen, sondern die Organisation wäre ein Angebot an diejenigen, die sich besonders für neue Lehrprojekte und Ideen begeistern können.

 

Das gleiche wurde einst auch in der Forschung gesagt. Und heute muss jeder, der in der Forschung etwas auf die Beine stellen will, einen Projektantrag nach dem anderen stellen.

 

Nochmal: Darum gehören eine angemessene Grundfinanzierung und Programmförderung ja zusammen. Ich glaube, eine eigenständige Organisation für die Förderung innovativer Hochschullehre wäre eine großartige Möglichkeit für alle, die das wollen, sich zu vernetzen und neue Lehrkonzepte über Hochschul- und Fächergrenzen hinweg auszutauschen und auszuprobieren. In der Forschung ist eine derartige Vernetzung die Grundlage allen Arbeitens, in der Lehre aber fehlt sie uns bislang fast völlig.

 

Sie fragen, warum man der Lehre nicht die gleiche Förderlogik zugesteht wie der Forschung. Vielleicht, weil wir in der Forschung anerkannte Qualitätskriterien haben, in der Lehre aber nicht?

 

Das stimmt doch so auch nicht. Die Evaluation von Forschungsleistungen anhand von Publikationsindizes und Zitationen, auf die Sie anspielen, stößt in vielen Fächern längst an ihre Grenzen. Richtig ist aber, dass uns in der Hochschullehre die Kriterien fehlen, um ihre Qualität angemessen beschreiben zu können. Und dass es sicherlich nur ein Einstieg in einen Dialog ist, die Studierenden zu fragen, wie ihnen eine Vorlesung gefallen hat. Aber ist das ein Argument gegen die Organisation, die wir vorschlagen? Ich würde sagen, es ist ein Argument dafür. Denn bislang führen wir die Diskussion darüber, wie wir gute Lehre messen können, nirgendwo strukturiert. Wenn uns eine ergebnisorientierte Bewertung von Hochschullehre gelänge, wäre das ein zusätzlicher Gewinn einer neuen Organisation.

 

Sie wollen den Begriff „Deutsche Lehrgemeinschaft“ nicht in den Mund nehmen, um keine Vorfestlegung zu treffen. Machen Sie dadurch die Idee nicht so abstrakt, dass sie leicht kaputtzureden ist?

 

Man kann das auch andersherum sehen. Wenn wir alles ausbuchstabiert hätten, könnte man uns mit Recht vorwerfen, keine ergebnisoffene Diskussion zu führen. Eine Lehrgemeinschaft legt eine eigene Governance nahe, aber „eine eigenständige Organisation“ wäre durchaus auch innerhalb einer bereits bestehenden Institution denkbar.

 

Als eigene Förderabteilung in der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG)?

 

Das ist eine unwahrscheinliche Alternative. Denn erstens müsste jede Institution, an die wir eine neue Organisation andocken wollten, dem erstmal zustimmen. Und zweitens möchte ich wirklich keine Vorfestlegungen.

 

Ist die Diskussion wirklich so ergebnisoffen, wie Sie behaupten? Müssten Sie nicht ganz klar sagen, dass die Idee nur funktioniert, wenn die Politik sich aus der Organisation raushält?

 

Wir sprechen im Positionspapier von einer „eigenständigen“ Organisation. Und eigenständig bedeutet für mich: wissenschaftsgeleitet. In der Begutachtung und Bewilligung von Lehrprojekten darf es keinen Länderproporz geben.

 

Im Positionspapier tauchen mit „Lehrverfassung“ und „Lehrprofile“ erneut Begriffe auf, die der Wissenschaftsrat seit 2015 zu prägen versucht. Trotzdem könnte man den Eindruck bekommen, als hätten selbst viele Prorektoren für Studium und Lehre bislang nicht verstanden, was Sie damit meinen.

 

In der Tat gibt es da Unschärfen in der öffentlichen Wahrnehmung. Mitnichten regen wir an, den Lehrenden irgendwelche praxisfernen Vorschriften von oben zu machen. Was wir uns wünschen, ist eine wirklich grundlegende Debatte, die die ganze Hochschule mit einbezieht und in der sich am Ende dann auch alle auf gemeinsame Ziele verpflichten. Das wäre die gemeinsame Lehrstrategie, und eine Lehrverfassung wird daraus nicht im juristisch einklagbaren Sinne, sondern als eine Maxime, zu der sich die Mitglieder der Universität bekennen.

 

Und was ist dann das Lehrprofil?

 

Das Lehrprofil bricht die Verfassung auf die einzelnen Studiengänge herunter. Nicht im Sinne irgendwelcher Lehrinhalte, die vorgegeben werden, sondern im Sinne eines gemeinsamen Grundverständnisses dessen, welche Kompetenzen die Studierenden mitbekommen sollen und welche Lehrformate und –methoden dabei besonders helfen können.   

 

Ob Lehrverfassung, Lehrprofile oder ihre „eigenständige Organisation“: Im Grunde geht es immer um dasselbe: um eine strategische Aufwertung der Lehre. Ist das vielleicht der Grund für den heftigen Widerstand? Weil festgefügte Hierarchien an den Hochschulen sich verschieben könnten?

 

Das kann und möchte ich nicht bewerten. Aber natürlich haben Sie Recht: Es geht um die verdiente und ihr lange vorenthaltene Wertschätzung der Lehre. Dass da mancher die Sorge hat, ihm werde von oben etwas aufoktroyiert, kann ich nachvollziehen, muss aber gleichzeitig entgegenhalten: Noch viel mehr als Forschung ist die Lehre eine Gemeinschaftsaufgabe aller an den Hochschulen und wesentliches Element für die Nachwuchsförderung. Eine Forschungsstrategie wird an einer Hochschule ohne Probleme diskutiert und akzeptiert. Doch wenn von einer Strategie für die Lehre die Rede ist, reagieren die Leute anders. Das sollte nicht so bleiben.

 

Die Debatte um eine Deutsche Lehrgemeinschaft ist vor sechs Jahren schon einmal versandet. Warum sollte das diesmal anders werden?

 

Weil erstens unser Vorschlag inhaltlich ein anderer ist. Und zweitens, weil es ein neues Gelegenheitsfenster gibt. Der Qualitätspakt Lehre läuft aus, und eine eigenständige Organisation für die Förderung innovativer Lehre wäre eine fast schon logische Folge, um die Paktmittel weiter sinnvoll einzusetzen. Ich weiß, dass einige die Hoffnung haben, die Förderung ihrer Projekte durch den Qualitätspakt könnte verstetigt werden. Aber das war nie die Idee. Das Ziel muss sein, die Mittel dauerhaft für einen Wettbewerb um innovative Formate zu sichern, damit die Reputation der Lehre zu erhöhen und einen Transfer ausgezeichneter Projekte an andere Hochschulen zu ermöglichen.    


DIE IDEEN DES Wissenschaftsrates zu "Strategien für die Lehre" polarisieren nicht nur, sie schieben auch eine überfällige Debatte an – und fördern die Kreativität. So haben die Mitglieder im 

Expertennetzwerk "Lehre hoch n" gleich eine ganze Website gestaltet: "Vorbild Pusteblume: Was Lehre vom Löwenzahn lernen kann".  Sehr sehens- und lesenswert.


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Wenn das Ideologie sein soll, dann bitte mehr davon!

Die rot-grüne Niederlage in NRW mag viele Gründe haben. Einige mögen sogar in der Schulpolitik liegen. Falsch würde sie dadurch nicht.

Website des NRW-Volksbegehrens "G9 jetzt!" (Screenshot)
Website des NRW-Volksbegehrens "G9 jetzt!" (Screenshot)

ULF POSCHARDT WEISS, warum SPD und Grüne die Wahl in Nordrhein-Westfalen verloren haben. Als „wäre es nicht schlimm genug“, schreibt der WELT-Chefredakteur, „dass dem Innen- und Wirtschaftsminister mehrere Patzer unterliefen, kamen auch noch die Ungeschicklichkeiten der grünen Vizeministerpräsidentin und Bildungsideologin dazu.“

 

Worin genau diese Ungeschicklichkeiten bestanden und was die grüne Schulministerin Sylvia Löhrmann zur Ideologin machte, sagt Poschardt nicht. Das „Sie wissen schon“ steht auch so deutlich zwischen den Zeilen: Inklusion, Vernachlässigung des Gymnasiums, solche Sachen. Ach, ja: Und G8.

 

Die Ideologie der Sylvia Löhrmann hätte dann wohl unter anderem darin bestanden, dass sie nicht einfach widerstandslos zu G9, also zum neunjährigen Gymnasium, zurückkehren wollte, sondern die Schulzeitverkürzung lange verteidigt hat.

 

Und das Gegenteil von Ideologie wäre demnach, wenn man wie der CDU-Spitzenkandidat in Schleswig-Holstein, Daniel Günther, nur drei Monate vor der Wahl von einem Tag auf den anderen verspricht, G8 wieder abzuschaffen – ohne stichhaltige Begründung, nur weil das gerade besser ankommt.

 

Erst vergangene Woche hat das Kieler Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften (IPN) übrigens eine Meta-Studie veröffentlicht, derzufolge G8 und G9 zu identischen Lernergebnissen führen, aber auch zu ähnlichen Stresslevels. Eine Rückkehr zu G9, sagte IPN-Chef Olaf Köller im Deutschlandfunk, biete keine positiven Folgen. Köller ist nicht der erste Bildungsforscher, der zu diesem Ergebnis kommt, aber seine Untersuchung war besonders umfangreich.

 

Ist es ideologisch, wenn sich eine Politikerin im Einklang mit der Bildungsforschung weigert, für ein paar Wählerprozente eine erneute Großreform (und das wäre die Rückabwicklung von G8) auf die Schulen loszulassen? In diesem Falle sollten wir den Begriff „Ideologie“ nochmal neu diskutieren. Wenn überhaupt, so kann man Löhrmann vorwerfen, dass sie im vergangenen Herbst dann eben doch „individuelle Lernzeiten“ angekündigt hatte, was auf ein Nebeneinander von G8 und G9 an jeder Schule und viel Unruhe hinausgelaufen wäre. Löhrmanns ungeschickter Versuch, G8 zu retten.

 

Aufschlussreich ist übrigens, dass auch der CDU-Spitzenkandidat in NRW, Armin Laschet, im Gegensatz zu Günther keinen totalen Sprung zurück versprochen hatte, sondern ein Nebeneinander von „funktionierenden“ G8-Schulen und Gymnasien, die zu G9 zurückkehren – aber eben immer nur auf freiwilliger Basis.

 

Noch aufschlussreicher ist, dass die saarländische CDU-Ministerpräsidenten Annegret Kramp-Karrenbauer vor der Landtagswahl im März sagte, die Frage von G8 oder G9 sei „kein Thema, bei dem man eben mal kurz vor der Wahl seine Meinung ändern kann.“ Und das, nachdem ihr die später unterlegene SPD-Spitzenkandidatin Anke Rehlinger im TV-Duell gerade „den G8-Murks“ vorgeworfen hatte.

 

Im Ergebnis ist die Haltung zu G8 also offenbar viel weniger eine Frage von Parteizugehörigkeit und Ideologie als von politischer Gradlinigkeit und des Vertrauens in Forschungsergebnisse. Wie lautete doch gleich die Empfehlung von IPN-Forscher Köller: „Nicht mehr... G8 und G9 Wahlkampf zu betreiben.“

 

Kehren wir nochmal kurz zurück zu Ulf Poschardt und seiner Botschaft zwischen den Zeilen. Ja, es ist richtig, dass Sylvia Löhrmann zu einer der engagiertesten Befürworterinnen der Inklusion zählt. Doch ist die Umsetzung einer in Deutschland lange vernachlässigten UN-Behindertenrechtskonvention ein Akt der Ideologie? Vielleicht muss man es häufiger sagen: Deutschland ist nicht überehrgeiziger Vorreiter in Sachen Inklusion, sondern hinkt anderen Industriestaaten meilenweit hinterher. Gut gemachte Inklusion geht, aber sie kostet viel Geld. Womit wir beim eigentlichen Versäumnis der abgewählten rot-grünen Landesregierung wären: Sie wollte das richtige, aber in der Finanzierung dieses Richtigen fehlte ihr die Konsequenz.

 

Hier kann die neue, voraussichtlich von Armin Laschet geführte NRW-Regierung nachlegen. Seine diesbezüglichen Äußerungen sind allerdings widersprüchlich. Er und seine Partei seien immer für Inklusion gewesen, „auch aus dem christlichen Menschenbild heraus“ sagte Laschet in der Kölnischen Rundschau – sehr ideologisch im Sinne Poschardts. Doch, so Laschet, die Inklusion sei von Rot-Grün mit der Brachialgewalt eingeführt worden. Man habe Förderschulen geschlossen, aber nicht die Lehrer- und Sozialpädagogen mitgeliefert.“ Deshalb wolle er den Inklusionsprozess vorerst aufs Eis legen – aber nur solange, bis „das nötige Personal, Geld und Fortbildungsangebote da sind.“

 

Moment, will man dem Ministerpräsidenten in spe zurufen: Das mit dem Geld, das kannst doch du jetzt regeln. Wenn du es also ehrlich meinst mit deiner Befürwortung von Inklusion und nicht nur mit ihrem Aufs-Eis-Legen, dann los. In dem Fall dürfte Sylvia Löhrmann ganz unideologisch die Daumen drücken.

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"Es kommt der Tag, da will die Säge sägen"

Max-Planck-Vizepräsident Ferdi Schüth ist der Kopf hinter den Max Planck Schools. Im Interview antwortet er auf die harsche Kritik der Universitäten und verrät, wie genau die Schools funktionieren sollen.

Herr Schüth, die Max-Planck-Gesellschaft will die Wissenschaftswelt mit einer, wie Sie sicherlich gleich sagen werden, großartigen Idee beglücken. Die Gründung so genannter Max Planck Schools. Und was macht die Wissenschaftswelt: Sie mäkelt an sämtlichen Details herum. Nervt Sie das?

 

Also ich erlebe das anders. Die Leute, mit denen ich spreche, sagen fast ausnahmslos: Das ist ein super Einfall, ein tolles Konzept, bottom up von der Wissenschaft her gedacht, organisationsübergreifend. Die wissenschaftliche Exzellenz ist in Deutschland über das ganze Land verteilt. Top-Forscherinnen und Forscher sind bei Max-Planck und genauso an Universitäten oder bei anderen Forschungsorganisationen. Wir bringen mit unserer Initiative alle diese Leute zusammen, damit sie gemeinsam eine Strahlkraft entwickeln, wie sie eine Forschungsorganisation, eine Universität allein in Deutschland nie haben könnte. Mit dieser Strahlkraft schaffen wir es zum ersten Mal, mit Harvard, Berkeley oder Cambridge um die talentiertesten Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler konkurrieren zu können. Alle sind von dem Konzept begeistert. Die Kritik, wenn sie uns begegnet, setzt allein bei der Umsetzung an. 

 

Kürzlich hat die German U15, in dem sich 15 der größten deutschen Universitäten verbunden haben, einen Brief an Bundesministerin Johanna Wanka geschrieben. Schon der Name der Schools sei der falsche, schrieben die Rektoren. Außerdem berge das aktuelle Konzept die Gefahr, dass das Promotionsrecht der Universitäten schleichend ausgehöhlt werde. Hat Sie die Kritik auf dem falschen Fuß erwischt?

 

Inhaltlich nicht. Dass die Rektoren ihren Brief gleich an die Ministerin geschickt haben, schon eher. Es ist ja nicht so, dass wir nicht mit allen Beteiligten seit Wochen im Gespräch sind. Die Bedenken an sich hatte uns die U15 auch in einem langen persönlichen Gespräch mitgeteilt. Übrigens erfahren wir aus dem anderen großen Universitätsverbund, der TU9, eine deutlich stärkere Zustimmung für unser Konzept.

 

Den Namen Max Planck Schools finden aber auch die anderen außeruniversitären Forschungsorganisationen wenig amüsant. Wenn der bleibt, machen wir nicht mit, sagen einige hinter vorgehaltener Hand.

 

Wir haben den Namen deshalb doch längst angepasst. Er lautet jetzt: "Max Planck Schools – a joint initiative between leading German universities and the German research organizations".

 

Ein bisschen lang, oder? >>



 >> Dafür ist er nun integrativer. Er drückt aus, was die Schools sind. Keine Max-Planck-Nummer, sondern eine Aktivität des gesamten Wissenschaftssystems. 

 

Die Leute lesen doch trotzdem nur „Max Planck“.

 

Machen Sie einmal eine Umfrage, auch gern unter den Präsidenten der anderen Wissenschaftsorganisationen, wie diejenige deutsche Wissenschaftsmarke heißt, die weltweit am etabliertesten ist. Welche Marke also international am stärksten für höchste wissenschaftliche Qualität steht. Die werden alle „Max Planck“ antworten. Ob sie nun darüber glücklich sind oder nicht. Es wäre daher geradezu fahrlässig, diese Marke nicht als Werbeträger zu nutzen, wenn wir die Schools von Anfang an international sichtbar machen wollen. Wir können nicht erst ein paar Jahre darauf verwenden, einen unbekannten Namen international hochzupäppeln.

 

Das heißt, die anderen Forschungsorganisationen müssen den Namen schlucken. Und auch die Universitäten der U 15, die es in ihrem Brief als „nicht denkbar bezeichnen“, dass ihre besten Leute ihre Doktoranden künftig „in einer Struktur betreuen und promovieren, die durch ihren Namen ausschließlich mit der MPG verbunden ist“.

 

Unabhängig von der Zahl der Max-Planck-Forscher an einer School ist der Name immer noch ein Markenvorteil.

 

Frau Wanka argumentiert ähnlich. Ist das ein Trostpflaster für die Max-Planck-Gesellschaft, weil die Ministerin Ihre Idee ansonsten gekapert hat?

 

Der Name der Schools ist für uns nicht nur Ehre; diesen als Aushängeschild für das deutsche Wissenschaftssystem zu nutzen, birgt natürlich auch Risiken. Und gekapert hat Frau Wanka gar nichts. Wir hatten von Anfang den Plan, herausragende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus allen Universitäten und Forschungseinrichtungen an den Schools zu beteiligen. Es wäre auch verrückt, die Schools auf die Max-Planck-Gesellschaft zu beschränken, wenn wir wirklich die besten Forscherinnen und Forscher dabei haben wollen, um auch die besten Studierenden aus aller Welt anzuziehen. Übrigens ist die Idee nicht in der Max-Planck-Leitung entstanden, sondern wurde von den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern selbst vorangetrieben und irgendwann an uns herangetragen. Von Forschern aus der Max-Planck-Gesellschaft und von außerhalb. Hier ist die Wissenschaft ganz klar initiativ geworden, und Frau Wanka unterstützt das.

 

Sie wollen Wissenschaftler aus allen Organisationen dabei haben, aber Sie wollten am Anfang nicht alle Organisationen in der Governance der Schools. Das hat Ihnen erst Frau Wanka verordnet.

 

Weil es nicht ausschlaggebend ist, ob ein guter Forscher oder eine gute Forscherin bei Helmholtz, Leibniz oder Max Planck ist. Aber wir haben nichts dagegen, dass die Organisationen sich auch in der Kommission beteiligen, die über die Auswahl der Schools entscheidet. Übrigens ist das Wort „Governance“ arg übertrieben. Die Schools werden ja keine rechtsfähigen Einheiten, sondern die beteiligten Forscher bleiben immer Teil ihrer Universität oder ihres Forschungsinstituts. 

 

Die Entscheidungen sollen in derselben Kommission fallen, die auch bislang über die lokalen International Max Planck Research Schools (IMPRS) entscheidet. Wo ist denn da die Augenhöhe mit den Partnern, von der Sie gern reden?

 

Die IMPRS-Kommission besteht bislang aus sechs Mitgliedern, drei werden von der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) bestimmt, drei von uns. Wir erweitern sie um drei Mitglieder, damit auch Helmholtz, Fraunhofer und Leibniz eine Stimme haben.

 

Jeweils eine Stimme, während Max Planck drei hat.

 

Die Initiative ging nun einmal von Max Planck aus. Außerdem sind die Schools, wie sie im Moment angelegt sind, stark grundlagenforschungsorientiert. Und das ist die wesentliche Mission der Max-Planck-Gesellschaft. Insofern sollte diese Verteilung in Ordnung sein.

 

Geht auch in Ordnung, dass Max Planck mit den Schools den Universitäten das Promotionsrecht streitig macht?

 

In jedem Papier, das wir zu den Schools formuliert haben, steht der gleiche Satz: Die MPG strebt kein Promotionsrecht an. Punkt. 

 

Warum glauben die Universitäten Ihnen das nicht?

 

So pauschal würde ich das nicht sagen. Das steht so auch nicht im Brief der U15.

 

Da steht drin, die Promotion sei Angelegenheit der Universitäten und müsse es bleiben.

 

Und das wird sie.

 

Woher kommt dann das Misstrauen?

 

Womöglich gibt es da noch Reflexe aus vergangenen Zeiten. Institutionelle Gedächtnisse haben eine lange Verfallszeit. Und zugegebenermaßen hat es in der Vergangenheit ja durchaus immer wieder Diskussionen um das Promotionsrecht auch für außeruniversitäre Forschungseinrichtungen gegeben. 

 

Das ist noch untertrieben. Als die MPG und die Universität Mainz 2008 ankündigten, ein gemeinsam getragenes "Graduate Center" solle eigenständig Nachwuchswissenschaftler promovieren, warnte der damalige TU9-Präsident und heutige HRK-Präsident Horst Hippler vor einem "Ausverkauf der Universitäten". Bundesweite Proteste führten dazu, dass die Pläne in letzter Minute modifiziert wurden.

 

Die Zeiten haben sich geändert. Wir würden heute nicht mehr so handeln. Es gibt inzwischen hervorragende Beziehungen zwischen Max-Planck-Wissenschaftlern und Universitäten an so vielen Standorten. Wir sind offen für Kooperation und haben das in den vergangenen Jahren an vielen Orten bewiesen. Die MPG kann nur in einem Ökosystem florieren, in dem es auch den Universitäten gut geht. Deren Stärke, nicht ihre Schwächung, liegt in unserem ureigenen Interesse. Gerade Max-Planck-Direktorinnen und Direktoren sagen uns: Macht uns die guten Kontakte zu den Universitäten und das aufgebaute Vertrauen bloß nicht kaputt, indem ihr jetzt das Promotionsrecht fordert. Wir wollen uns jetzt mit der neuen Initiative noch mehr öffnen und gemeinsam die besten künftigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nach Deutschland holen.

 

Die U15 kritisieren, die MPG werde mit dem Konzept der Schools Druck auf die Universitäten ausüben und die Promotionskultur so verändern, dass am Ende Abschlüsse, die nicht im Rahmen von Max Planck Schools erworben werden, weniger wert sein könnten.

 

Die Rede ist von so genannten Fast Track-Promotionen, bei denen Studierende direkt nach dem Bachelor-Studium ihr Promotionsstudium beginnen. In der Tat wollen wir den Fast Track fördern, weil bei den neugierigsten und engagiertesten Leuten die Weichen für eine wissenschaftliche Karriere meist schon zu einem so frühen Zeitpunkt gestellt werden. Wenn wir sie da nicht abholen, sind sie weg, gehen in die USA oder nach Großbritannien. Aber natürlich werden wir Fast Track-Optionen nur in Absprache mit den Universitäten anbieten.

 

Und alle anderen Promotionsprogramme sind dann zweiter Klasse?

 

Es gibt viele jungen Menschen, die sich bewusst gegen den Fast Track entscheiden. Tatsächlich sehe ich Vorteile bei beiden Modellen: dem Einstieg in die Promotion schon nach dem Bachelor wie auch erst nach der klassischen Masterphase. Und beides wird an Max Planck Schools möglich sein, das verordnen nicht wir von oben herab, sondern das wird im Konzept jeder einzelnen School von den beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern entschieden werden.

 

Viele Hochschulrektoren, und längst nicht nur die zur U15 gehörenden, regen sich auch über den Zeitplan auf. Bis 15. Mai läuft die Ausschreibung, bei der sich laut Ihrem Konzept „interessierte Initiativen“ mit einer kurzen Beschreibung ihrer School-Idee bewerben können. Völlig illusorisch, so die Kritik – und unfair dazu, weil so schnell nur vorher verabredete Beutegemeinschaften eine Chance hätten.

 

Diese Kritik nehmen wir ernst, und wir haben jetzt reagiert, indem wir den Zeitplan gestreckt haben. Die neue Deadline ist der 1. Juli, so dass den Forschern mehr Zeit bleibt. Ziel ist, dass wir dann in der Auswahlkommission bis Ende Juli eine Entscheidung über die ersten drei Schools treffen können. Und der Begriff „Beutegemeinschaft“ trifft bei den Schools nicht zu: Max-Planck intern etwa sind die Schools finanziell nicht incentiviert, die intern reservierten Mittel decken lediglich die zusätzliche Lehr-Infrastruktur etc. ab.

 

Sechs Wochen mehr Zeit, immerhin. Aber warum nicht sechs Monate?

 

Wie Sie wissen, finden im September Bundestagswahlen statt. Bis sich eine neue Regierung formiert hat, ist das Jahr faktisch zu Ende. Das heißt, wenn wir die Schools nicht bis zum Sommer auf den Weg bringen, liegen sie auf Eis, mindestens bis Mitte nächsten Jahres, und das wäre noch optimistisch gerechnet.

 

Ja, und?

 

Dafür ist uns unser Konzept ehrlich gesagt zu schade. Im Moment herrscht noch Dynamik. Die Forscherinnen und Forscher formieren sich zu gemeinsamen Verbünden, die wollen anfangen, und genau dieses Momentum dürfen wir nicht ausbremsen. Ich glaube auch, dass wir auf einem guten Weg sind, um die noch vorhandenen Bedenken auszuräumen. Und wenn nichts Anderes hilft, planen wir am Ende eben doch nur mit internen Verbünden, aber der Nutzen für das Wissenschaftssystem wäre dann natürlich geringer. Im Übrigen sollte man die Kirche mal im Dorf lassen. Wir planen gerade die Pilotphase. Wobei der Ausdruck Explorationsphase eigentlich besser passt, denn bei einem Piloten weiß man in der Regel, wo die Reise hingeht. Wir aber wollen überhaupt erst herausfinden, ob wir uns auf die Reise machen sollen. Wir reden dabei von gerade einmal drei Schools und nicht von einer flächendeckenden Ausschreibung. Das muss doch zu schaffen sein in den nächsten paar Monaten.

 

Viele befürchten, Sie wollen jetzt schnell Tatsachen für die endgültige Architektur der Schools schaffen.

 

Eben genau das nicht. Top down-Programme gibt es schon ausreichend im System. Wir starten nicht mit einem fertigen Konzept, wir meißeln nichts in Stein. Wir wollen aus der Wissenschaft heraus initiativ sein und sehen, was wie funktioniert und welche Voraussetzungen wir schaffen müssen, falls wir in vielleicht fünf Jahren die Idee der Schools über weitere Fächer und Forschungsfelder, also systemweit, ausbauen.

 

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) will für die universitären Partner neun Millionen Euro pro Jahr bereitstellen, auf fünf Jahre.

 

Die 60 universitären „Fellows“, so nennen wir die beteiligten Forscher, erhalten jeweils 100.000 Euro pro Jahr, ihre Fakultäten weitere 50.000 Euro, um das Ausstattungsgefälle zwischen Universitäten und den außeruniversitären Forschungsorganisationen auszugleichen. Mit dem Geld sollen die Fellows möglichst frei agieren können, ob sie nun ihre Doktorandinnen und Doktoranden davon bezahlen oder notwendige Lern-Infrastrukturen an den Universitäten einrichten helfen. Denn klar ist: Wenn man dezentrale Schools hat, wird das Thema Fernlehre wichtig, die Fellows benötigen für ihre Studierenden Seminarräume, wo interaktives Lernen über Distanz möglich ist. Einige Universitäten haben das, aber viele eben auch nicht. 

 

Max Planck muss seinen Anteil dagegen selbst finanzieren. Was ist Ihnen eigentlich der Spaß wert?

 

Wir rechnen etwa mit denselben Kosten, wobei die eine Hälfte aus zentralen Mitteln der MPG, die andere Hälfte von den beteiligten Institutsdirektoren selbst aufgebracht werden sollte. Die Überlegung ist, dass unsere Direktorinnen und Direktoren etwa die Kosten für die Arbeitsverträge für ihre beteiligten Masterstudierenden und Doktoranden tragen. Die MPG wiederum würde die Kosten für Onlinekurse, aber auch für Reisen und die Unterbringung bei den Blockseminaren übernehmen. Auch alle weiteren außeruniversitären Forschungsorganisationen müssten selbst zahlen und werden sicherlich ähnlich kalkulieren. Auf jeden Fall gibt es keinen gemeinsamen Topf, in den erstmal alle einzahlen.

 

Gehen wir mal von 120 Fellows insgesamt aus, 40 pro School. Werden die dann schön proportional und analog zur Stimmengewichtung in der Auswahlkommission aus Universitäten, Max Planck und den anderen außeruniversitären Einrichtungen stammen?

 

Wissenschaft funktioniert nicht nach Gesetzen des Proporzes, sondern der Exzellenz. Um das ganz deutlich zu sagen: Wenn da Proporz anfängt, stellen wir die Aktivität sofort wieder ein. Die einzige feststehende Größe ist, dass beim BMBF über alle drei Schulen hinweg für 60 Fellows Mittel beantragt werden sollen, das kann pro Schule aber ganz unterschiedlich aussehen.

 

Von wie vielen Studierenden pro School reden wir eigentlich?

 

Das ist extrem feldabhängig, aber als Mittelwert erwarten wir etwa 60 Studierende pro School und Jahrgang. Also auf fünf Jahre gerechnet 250 bis 300 Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler pro School. Für deren Bezahlung reichen natürlich die 100.000 Euro pro Fellow nicht. Wir gehen deshalb davon aus, dass der eine oder die andere Studierende anders finanziert werden wird – was völlig in Ordnung ist, solange die Qualität stimmt. 

 

Und die übrigen sind quasi Angestellte der Schools?

 

Nein, sie sind dort angestellt, wo sie tätig sind. An den Universitäten oder den außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Wir lösen keine Strukturen auf, sondern schaffen ein darüber liegendes Netzwerk.

 

Klingt schön egalitär – mit dem Schönheitsfehler, dass die Universitäten das Geld nicht direkt vom BMBF bekommen sollen, sondern von der Max-Planck-Gesellschaft. 

 

Die Mittel werden ein reiner Durchlaufposten für uns sein. Uns wäre es lieber, das BMBF würde die Mittel selbst verteilen,  denn wir wollen ja eben nicht systemübergriffig werden und schon gar nicht über die Strukturen an den Universitäten entscheiden. Insofern hoffen wir, dass wir nach der Pilotphase eine andere Finanzierungsform finden können, möglicherweise auch über die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) – die übrigens zu 100 Prozent hinter dem Grundkonzept und seinen Zielen steht.

 

Einige Wissenschaftsminister beschweren sich, angesichts einer so tiefgreifenden Veränderung für die Universitäten und den vorgesehenen Finanzierungsströmen hätten die Länder schon längst offiziell in die Beratungen einbezogen werden müssen. Tatsächlich hat das bislang offenbar weder das BMBF noch die MPG für nötig gehalten.

 

Bundesministerin Wanka ist bereit, die Schools in einer Pilotphase mit Bundesmitteln zu finanzieren. Es gibt diese Woche eine Sitzung der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz, auf der will das BMBF die Pläne den Ländern offiziell vorstellen. Aber natürlich hat es schon jede Menge inoffizielle Gespräche mit Landesministerinnen und -ministern gegeben. Sollte die Initiative erfolgreich sein, werden selbstverständlich die Länder in weiteren Fragen der Konkretisierung einbezogen.

 

Andere Landesminister denken schon darüber nach, wie sie eine der Schools zu sich ins Land holen können.

 

Was ein Widerspruch in sich wäre. Die Schools werden in allen Bundesländern und in keinem sein. Sie haben keinen Sitz, sondern nur eine einzige Geschäftsstelle, und die wird zunächst in der MPG-Generalverwaltung angesiedelt sein. Aber sicherlich auch das nur, solange die Pilotphase läuft. 

 

Sie sagen, ein fester Ort für eine School wäre ein Widerspruch in sich. Aber brauchen die Fellows und die Studierenden nicht doch einen festen Ort, einen Anlaufpunkt, um sich mit der School zu identifizieren?

 

Sicherlich werden alle Fellows und Studierenden regelmäßig zusammenkommen, bei sogenannten Retreats zum Beispiel. Es ist ja nicht so, dass es dafür keine Vorbilder gibt. Jede Graduiertenschule einer Universität funktioniert so. Da trifft man sich dann eben jeweils für ein paar Tage in einem Seminarhotel, Gästehaus oder an einem Universitätsstandort, wo mehrere Fellows angesiedelt sind. Bei den Masterstudierenden wiederum könnte ich mir vorstellen, dass sie die ersten drei Monate im Block gemeinsam absolvieren. Aber auch dafür braucht man kein festes Gebäude für die Schools. Und nach den drei Monaten ziehen sie weiter von Station zu Station, lernen unterschiedliche Einrichtungen und Fellows kennen und finden so die Betreuerin oder den Betreuer für ihre Doktorarbeit.

 

Die Studierenden werden also viel reisen: zwischen Kiel, Konstanz oder Frankfurt/Oder?

 

In der Masterphase ja. Während der Promotion nicht zwingend, da haben sie ja schon den Professor oder die Professorin gefunden, bei der oder dem sie arbeiten möchten.  

 

Ein unstetes Leben zwischen den Wissenschaftsmetropolen: Viele wird das abschrecken.

 

Es ist genau anders herum. Die Botschaft an die jungen Menschen in der ganzen Welt lautet: Du hast die Chance, zum Master nach Deutschland zu kommen und verschiedene Orte kennenzulernen. Du bekommst die Gelegenheit, mit drei oder vier Top-Forscherinnen und -forschern etwas länger zusammenzuarbeiten und dann zu schauen: Mit welchem von den vier möchtest du am liebsten deine Dissertation angehen? Das ist einzigartig. Damit erreicht man sicher nicht alle. Aber man kriegt einen Typ Mensch, von dem ich glaube, dass er offen, interessiert und engagiert für die Wissenschaft ist. Eine Max Planck School wird kein Ort sein, sondern eine Gemeinschaft der Köpfe, der Lehrenden, die sich in ihr zusammenschließen, und für diese Gemeinschaft entscheiden sich die Studierenden. 

 

Wann soll die erste Kohorte an den Start gehen?

 

Nachdem wir unseren Zeitplan jetzt gestreckt haben, gehen wir von der ersten Hälfte 2018 aus. Um das nochmal ganz klar zu sagen: Wir haben das Gefühl, viele der Bedenken aufgenommen zu haben.

 

So haben Sie sich zum Beispiel davon verabschiedet, die drei Schools schon mit dem gebührenden Pomp bei der Max-Planck-Jahrestagung im Juni vorstellen zu können – auch so eine Vorstellung, die einige in den anderen Wissenschaftsorganisationen nicht so witzig gefunden hätten.

 

Das war ehrlich gesagt mit am unwichtigsten für uns. Aber was stimmt: Eigentlich müssten jetzt alle mit dem veränderten Konzept leben können. Natürlich werden nie alle zu 100 Prozent zufrieden sein. Aber lasst uns doch jetzt erst einmal loslegen. Oder wie der Ruhrgebietler sagt: Es kommt der Tag, da will die Säge sägen.

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Gute Idee und dickes Aber

Die German U15 haben einen Brandbrief an Johanna Wanka geschrieben: Sie fürchten, die geplanten Max Planck Schools könnten das Promotionsrecht aushöhlen – und der Zeitplan sei "illusorisch". Jetzt reagiert die Max-Planck-Gesellschaft.

Foto: Max-Planck-Generalverwaltung in München
Foto: Max-Planck-Generalverwaltung in München

DIE ANSAGE DER Ministerin war deutlich. „Max Planck hat international die größte Strahlkraft", sagte Johanna Wanka (CDU), als sie im März hier im Blog die Gründung von drei neuartigen Max Planck Schools ankündigte. "Das müssen alle akzeptieren.“ Das mit dem Akzeptierenmüssen ist allerdings so eine Sache. Viele Hochschulrektoren stören sich nicht nur an dem Namen, sie fürchten auch den Druck, den die neuen Schools auf ihre eigenen Promotionsprogramme ausüben könnten. 

 

Worum es im Kern geht: Schon 2015 hatte Martin Stratmann, Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, bei deren Jahresversammlung vorgeschlagen, MPG-Direktoren und herausragende Universitätsprofessoren sollten sich in überregionalen Max Planck Schools zusammentun, nicht zu verwechseln mit den 60 thematisch fokussierten International Max Planck Research Schools (IMPRS), die es seit Jahren gibt, die aber immer lokal organisiert sind. Die größeren, nach Fächern organisierten Max Planck Schools sollten demgegenüber "besonders talentierten Bachelor- und Masterabsolventen“ aus aller Welt „die Gelegenheit zu geben, sich mit jüngstem Wissen von der vordersten Front der Wissenschaft auseinanderzusetzen." Die neuen Schools würden auf den IMPRS "aufsetzen", als eine Art Dachstruktur – so stellte sich das Stratmann 2015 vor. Doch im März erklärte Ministerin Wanka: Dabei werde es nicht bleiben. Nicht nur Max Planck soll mit den Unis kooperieren, sondern die anderen außeruniversitären Forschungsorganisationen auch. Und zwar alle auf "Augenhöhe". >>

Foto: Das Ambiente an einer International Max Planck Research School laut deren Website
Foto: Das Ambiente an einer International Max Planck Research School laut deren Website

>> Genau diese Augenhöhe vermissen viele Hochschulrektoren. Die Chefs der in der "German U15" organisierten Universitäten haben daher am 2. Mai einen Brandbrief an die Wanka geschrieben, in der sie auf drei Seiten ihre Kritikpunkte auflisteten und die Ministerin um ein Gespräch baten. Die Promotion sei Angelegenheit der Universitäten und müsse es bleiben. "Der Name einer Struktur, in der die Forschungsuniversitäten und die AUF (außeruniversitären Forschungseinrichtungen) junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gemeinsam zur Promotion führen, muss diese zentrale Stellung der Universitäten klar zum Ausdruck bringen." So steht es in dem Schreiben, das mittlerweile überall in der Hochschulszene kursiert. 

 

Von "großer Skepsis" sprechen allerdings nicht nur die in der U15 organisierte Hochschulrektoren. Im Vorfeld der Jahresversammlung der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) haben einige Mitgliedshochschulen spekuliert, man könne sich ja mit einer offiziellen Entschließung öffentlich zu den Schools äußern. Tatsächlich meldete sich die HRK aus Bielefeld mit gleich mehreren Stellungnahmen zu Wort – zu dem Max Planck Schools aber schwieg sie. 

 

Im Gegensatz zu den U15. In dem vom Freiburger Rektor und U15-Vorsitzenden Hans-Jochen Schiewer unterzeichneten Schreiben heißt es, die Mitglieder begrüßten "grundsätzlich" den Vorschlag einer themengebundenen Vernetzung von Wissenschaftlern führender Forschungsuniversitäten und der außeruniversitären Forschungsorganisationen, um internationale Spitzenabsolventen für das deutsche Wissenschaftssystem zu gewinnen. In seiner aktuellen Form berge das Konzept der Max Planck Schools jedoch die Gefahr, "dass das Promotionsrecht der Universitäten und ihr Einfluss auf die Entwicklung der Promotion schleichend ausgehöhlt werden." Statt auf die bewährten Strukturen der in der Exzelleninitiative geförderten Graduiertenschulen aufzusetzen, solle "ein völlig neuer, bislang nicht erprobter Ansatz" verfolgt werden, der demgegenüber "keine signifikanten Vorteile" erkennen lasse. 

 

Der Brief sei in der MPG-Generalverwaltung "wie eine Bombe eingeschlagen", berichten Insider. Die U15 listen darin zahlreiche weitere Kritikpunkte auf. Unter anderem lösten die konzeptionellen Überlegungen "in ihrer aktuellen Fassung die Spannung zwischen einer notwendigen Anbindung von Doktorandinnen und Doktoranden an einen bestimmten Standort und der standortübergreifend angelegten Struktur nicht auf."

 

Wankas Ministerium will das Schreiben "wie in der Regel alle Briefe" öffentlich nicht kommentieren. Der zuständige MPG-Vizepräsident Ferdi Schüth, frisch zurückgekehrt von einer Klausur des MPG-Präsidiums zu den Schools, tut es dafür im Interview umso ausführlicher. Inhaltlich habe ihn die Kritik nicht überrascht, "dass die Rektoren ihren Brief gleich an die Ministerin geschickt haben, schon eher."

 

Die Bedenken stammen übrigens nicht aus Universitäten. Auch die außeruniversitären Forschungsorganisationen stören sich am Namen und an der aus ihrer Sicht nur oberflächlich ausgewogenen Governance der neuen Schools. "So droht das am Ende doch eine Max-Planck-Nummer zu werden", sagt ein Präsident. "Das ist okay und kann gut werden, aber dann wohl doch eher ohne uns."

 

Einige Wissenschaftsminister wiederum äußern sich irritiert, dass sie bislang gerade einmal in einem Kamingespräch mit Bundesministerin inoffiziell über das Konzept informiert wurden, offizielle Gespräche bislang: Fehlanzeige. "Das ist bemerkenswert, wenn man sich überlegt, dass die Universitäten zum Kernbereich der Länder gehören", sagt eine Ministerin. Ein Staatssekretär fürchtet, dass durch die "bisherige schräge Kommunikation seitens des Bundes und der MPG" eine gute Idee am Ende Schiffbruch erleiden könnte. Solche kaum verhohlenen Warnungen scheinen mittlerweile angekommen zu sein: Diese Woche soll es in der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz von Bund und Ländern (GWK) ein Gespräch über die Schools geben. 

 

Ulrike Beisiegel ist Präsidentin der Universität Göttingen, die ebenfalls zu den U15 gehört. Beisiegel sagt, die Schools seien eine gute Idee "mit dem womöglich falschen Namen." Doch der Zeitplan sei verfehlt. "Wenn wir Zeit kriegen, das gemeinsam konzeptionell aufzustellen, dann wird das ein Erfolg." 

 

Apropos Zeitplan: Ursprünglich sollte heute die Deadline für die Ausschreibung auslaufen. "Völlig überhastet und unverständlich" sei dieser Zeitdruck, kommentierten Hochschulen, außeruniversitären Forschungseinrichtungen (außer MPG) und Landeswissenschaftsminister einmütig. Auch diese Botschaft ist angekommen. Wie Schüth im Interview mitteilt, wurde die Deadline um sechs Wochen auf Anfang Juli verschoben. Etwas mehr Zeit, immerhin. Mehr Aufschub allerdings wird es wohl nicht geben. Oder wie der MPG-Vize es formuliert: "Es kommt der Tag, da will die Säge sägen."

 

Bildnachweise: Michael Förtsch/Zufallsfaktor: "Max Planck Gesellschaft", CC BY-NC 2.0./Sceenshot der Website der IMPRS "Mathematics in the Sciences": https://www.imprs-mis.mpg.de/index.html

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Was heißt hier eigentlich Wissenschaftsfreiheit?

Das Grundgesetz sichert Forschern besondere Abwehrrechte zu. Doch wer darf sie in Anspruch nehmen?

Foto: Klaaschwotzer
Foto: Klaaschwotzer

PROFESSOREN SIND EINE besondere Spezies, das bekommen sie in Deutschland sogar gerichtlich bescheinigt. „Grundrechtsträger“ nennt das Bundesverfassungsgericht sie. Schon 1973 hatten die Richter festgelegt: Wenn an Hochschulen Gremienentscheidungen zur Forschung anstehen, haben die Professoren immer die Stimmenmehrheit. Und bei der Lehre steht ihnen mindestens die Hälfte zu.

 

„Grundrechtsträger“ soll bedeuten, dass die Professoren an den Hochschulen diejenigen sind, die (lyrisch ausgedrückt) die heilige Fackel der Wissenschaftsfreiheit vor sich hertragen, wie sie das Grundgesetz garantiert. Eine kleine Funzel halten auch die wissenschaftlichen Mitarbeiter in der Hand, aber das ist angesichts des professoralen Grundrechtsstrahlens kaum der Rede wert. Von den Studenten ganz zu schweigen.

 

Geht es in Ordnung, wenn die Professoren mit Verweis auf Artikel 5 GG ausbremsen können, was immer ihnen nicht passt? Ja, sagten die Bundesrichter 1973. Ja, sagte auch Baden-Württembergs Verfassungsgerichtshof vor ein paar Monaten, das müssten sie sogar: Als Grundrechtsträger müssten die Professoren das Grundrecht auch verteidigen können. Mit dem Ergebnis, dass der Stuttgarter Landtag ein neues Hochschulgesetz schreiben muss – das bisherige war zu professorenunfreundlich.

 

Wissenschaftsfreiheit gleich Professorenfreiheit: Ist das noch zeitgemäß? Im Südwesten der Republik grummeln nicht nur die Rektoren, die Angst um ihre Macht haben. Die Politik fürchtet um die „Handlungsfähigkeit“ der Hochschulen in Zeiten der Exzellenzstrategie. Auch die Studenten haben Grund zum Ärger – und die 91 Prozent der Wissenschaftler an Deutschlands Hochschulen, die nicht Professoren sind.

 

Zumindest für letztere gibt es einen Hoffnungsschimmer: In einem anderen Urteil zur Professorenmehrheit sprach das Bundesverfassungsgericht 2014 erstmals umfassender von„Wissenschaftlern“ anstatt von „Hochschullehrern“ als Grundrechtsträgern.

 

Bei den Stuttgarter Richtern ist diese neue Sichtweise allerdings noch nicht angelangt. Und genau das macht die Debatte in Baden-Württemberg so spannend für den Rest der Republik. Kann die grüne Wissenschaftsministerin Theresia Bauer eine Lösung finden, die in die Zukunft weist statt in die Vergangenheit? Die alle mitbestimmen lässt? Die den Profs trotzdem das Gefühl gibt, am Ende den Ausschlag zu geben? Und am wichtigsten: Eine Lösung, die die Hochschulen florieren lässt?

 

Fest steht: Das Grundrecht der Wissenschaftsfreiheit ist zu strahlend, als dass es nur für die Professoren leuchten sollte.


Dieser Kommentar erschien heute zuerst im ZEITChancen Brief. Für die Print-ZEIT von heute habe ich den seit Jahrzehnten währenden Kampf um die Deutungshoheit an den Hochschulen ausführlicher beschrieben, angefangen mit der alten Ordinarienuniversität und ihrem Ende in den 60er Jahren über die Gruppenuniversität und die unternehmerische Hochschule bis hin zum Stuttgarter Urteil. 

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Reflexartige Ablehnung

Warum die Hochschulrektoren falsch liegen mit ihrer Kritik an einer Deutschen Lehrgemeinschaft

NORMALERWEISE GILT DIE Hochschulrektorenkonferenz (HRK) als eher schwerfällig in der internen Meinungsbildung. Umso erstaunlicher, wie schnell die 268 Mitglieder öffentlich Kante zeigen können, wenn sie sich einig sind. So geschehen gestern bei ihrer Vollversammlung in Bielefeld, als die Hochschulchefs dem Wissenschaftsrat eine unmissverständliche Botschaft übermittelten: Eine Deutsche Lehrgemeinschaft? Nein, danke! Oder, wie HRK-Präsident Horst Hippler es formulierte: "Wir brauchen jetzt und auch nach 2020 keine neuen Institutionen, sondern vor allem eine klar konzipierte, verlässliche Hochschulfinanzierung in gemeinsamer Verantwortung von Ländern und Bund."

 

Damit spielt Hippler auf die Diskussionen um die Nachfolge des 2020 auslaufenden Hochschulpakts an, für die im Wesentlichen zwei Finanzierungslogiken im Raum stehen. Erstens: Der Bund übernimmt einen Teil der Grundfinanzierung der Hochschulen, die Mittel werden nach einem vorher festgelegten Mechanismus verteilt (das ist die Variante, die die Hochschulen favorisieren). Zweitens: Bund und Länder einigen sich auf politische Handlungsfelder und investieren in dazu passende Programme und Einrichtungen, zum Beispiel zur Stärkung der Fachhochschulen, einer weiteren Öffnung der Hochschulen für beruflich Qualifizierte – oder aber zur gezielten Förderung von Innovationen in der Hochschullehre. 

 

Zu zweitens würde natürlich auch die Einrichtung einer "bundesweit eigenständigen Organisation" zählen, wie sie der Wissenschaftsrat (WR) sie in seinem Positionspapier jüngst anregte. Sie solle Fördermittel für lehrbezogene Vorhaben auf Antrag vergeben können, "sowohl für neue innovative Lehrprojekte und übergeordnete Programme an Hochschulen als auch für die Ausbreitung erfolgreicher Maßnahmen." Eine DFG für die Lehre also, die Projektförderung von Exzellenz. Übrigens ist Projektförderung nicht gleichbedeutend damit, dass auch die Institution vorübergehend wäre. Der Wissenschaftsrat will eine dauerhafte Einrichtung. „Auch die Lehre braucht in Deutschland eine eigene Stimme", kommentierte die WR-Vorsitzende Martina Brockmeier.

 

Doch die Hochschulrektoren halten dagegen: "Eine dauerhaft wettbewerbliche Förderung von Lehre wäre ein zweifelhaftes Unterfangen." So klar die Kante, so schwammig die Argumentation. Was soll denn das konkret heißen, wenn Hippler ausführt, dem wettbewerblichen Vergleich von Lehre und Lehrprojekten seien "Grenzen gesetzt"? Und ist der Satz von HRK-Vizepräsident Holger Burckhart, die HRK betrachte die Lehre schon jetzt "selbstverständlich als Kernaufgabe", ein Argument für oder gegen eine Deutsche Lehrgemeinschaft? 

 

Es ist spannend zu beobachten, wie sich ein Kluft auftut innerhalb der Hochschulen. Redet man mit Hochschuldidaktikern und besonders in der Lehre engagierten Professoren, spürt man die Begeisterung für die ihres Erachtens endlich wiederbelebte Idee einer "DLG". Die Rektoren dagegen zeigen mehrheitlich die gleiche reflexartige Ablehnung, mit der sie die Lehrgemeinschaft vor fünf Jahren schon einmal weggeredet haben – zusammen mit einigen Landesministern, die auch heute wieder lieber möglichst viel Bundesgeld für die vom eigenen Finanzminister vernachlässigte Grundfinanzierung der Hochschulen hätten.

 

Viele Rektoren fürchten sich dagegen mehr vor einer politischen Einflussnahme durch die Lehrgemeinschaft und haben damit einen Punkt: Die von Brockmeier beschriebene "eigene Stimme für die Lehre" wäre nur hörbar, wenn, genau wie bei der DFG, allein die Wissenschaft über die Kriterien der Exzellenzförderung entscheidet. Auch der Reputationsgewinn für die Lehrenden, die erfolgreich DLG-Projekte einwerben, wäre andernfalls geringer oder sogar hinfällig. Genau dieser Punkt – wissenschaftsgeleitete Verfahren als Grundvoraussetzung einer neuen Institution – ist bislang in der Debatte unterbelichtet, auch in der HRK-Stellungnahme findet er keine Erwähnung.


Eines der von Horst Hippler vorgebrachten Argumente ist demgegenüber bedenkenswert. Es wäre, sagt der HRK-Präsident, "das politisch völlig falsche Signal, jetzt in großem Umfang eine institutionell verwaltete Programmförderung anzukündigen, während es den Hochschulen seit langem an einer Grundsicherung ihrer Lehrkapazitäten fehlt." Das stimmt. Darum funktioniert die Idee einer Deutschen Lehrgemeinschaft auch nur als Teil eines größeren Pakets. Eines Paket, das wie oben skizziert aus zwei unterschiedlichen Finanzierungslogiken kombiniert werden dürfte.

 

Die Botschaft an die Wissenschaftsminister ist damit eindeutig: Nur, wenn ein guter Teil der Hochschulpakt-Milliarden kriterienbasiert und dauerhaft in die Grundfinanzierung der Hochschulen fließt, kann und sollte ein anderer Teil in die ebenfalls dauerhafte Innovations- und Exzellenzförderung gehen. Vielleicht können sich ja dann sogar die Hochschulrektoren mit der Idee anfreunden. 

 

Und das Beste daran: Fast wortwörtlich steht es so schon im Papier des Wissenschaftsrates: Die Voraussetzung für eine "eigene Organisation" zur Förderung innovativer Lehrformate sei eine auskömmliche Grundfinanzierung der Hochschulen. 


NACHTRAG AM 12. MAI:
Nur zwei Tage, nachdem sie mit maximalem Nachdruck eine "institutionell verwaltete Programmförderung" in der Lehre abgelehnt haben, stellen die Hochschulrektoren ihr Modell für eine künftige Hochschulfinanzierung vor. Säule 1: "umfassend verwendbare, unbefristet verfügbare Mittel" – also eine verlässliche Grundfinanzierung. Säule 2: "programmatisch (befristet oder auf Dauer) ausgelobte Mittel" zur Sicherung der Qualität. Als Nachfolge des auslaufenden Hochschulpaktes solle den Hochschulen außerdem, angelehnt an den Pakt für Forschung und Innovation, ein jährliches Plus von drei Prozent gewährt werden, das "insbesondere Säule 1" zugute kommen müsse.

 

Wie passt es zusammen, die Programmförderung in der Lehre abzulehnen und gleichzeitig eine Säule für Programmförderung als Grundarchitektur der Hochschulfinanzierung vorzuschlagen? Auch wenn diese Frage eher rhetorisch gemeint ist, würde ich mich doch über eine Antwort freuen.

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Streit um die Zukunft des Hochschulpakts? Eher nicht.

Die Hochschulen sollen weiter Bundesmilliarden erhalten, aber anders als bisher: Das sagt der Bund, das sagen die Länder. Diskussionen gibt es nur bei der Frage nach dem Wie.

HEUTE BERICHTET DER TAGESSPIEGEL, Bund und Länder seien sich uneins, was die Fortsetzung des Hochschulpakts angeht. Der entsprechende Passus im gemeinsamen GWK-Papier zur Zukunft der Hochschulfinanzierung lese sich „wolkig“. Dort heiße es lediglich, Bund und Länder „könnten die Möglichkeiten des neuen Artikels 91b nutzen, um – auch vor dem Hintergrund der anhaltend hohen Studiernachfrage – gute Rahmenbedingungen für qualitativ hochwertige Studienangebote an Hochschulen dauerhaft zu sichern und auszubauen.“

 

Ist das wirklich so wolkig? Ist die Uneinigkeit so groß?

 

Viele Landeswissenschaftsminister äußern sich optimistischer. Für sie steht im Vordergrund, dass der Bund bereits im Dezember in den Verhandlungen um das Papier signalisiert hat, die Mittel aus dem Hochschulpakt dauerhaft bei den Hochschulen zu belassen. Der Hochschulpakt, so die Botschaft, wird also weitergehen. Dass er nicht eins zu eins fortgesetzt wird, liegt ebenfalls auf der Hand. SPD, Union und Grüne (nur diese Parteien stellen Wissenschaftsministerien) sind sich auf Bundes- wie auf Landesebene einig, dass angesichts stagnierender oder leicht sinkender Studentenzahlen künftig stärker die Qualität des Studiums im Vordergrund stehen soll. Allerdings wird noch darüber diskutiert, wie sich diese Qualität am besten messen lässt – über die Studiendauer, die Abbrecherquote oder auch über etwas ganz anderes? Ebenfalls noch offen: Soll es überhaupt einen Automatismus bei der Mittelzuteilung geben?

 

In der Unionsfraktion im Bundestag bestreitet man unterdessen, gegen die Fortsetzung des Hochschulpakts an sich eingestellt zu sein, wie den Bildungspolitikern von CDU und CSU zuletzt häufiger vorgeworfen wurde. Die entsprechenden Passagen im fraktionseigenen, im vergangenen Dezember veröffentlichten Ideenpapier „Starke Forschung und Bildung für Deutschlands Zukunft“ fordern tatsächlich eine Weiterführung mit „Qualität vor Quantität“ und „klaren, verbindlichen und überprüfbaren inhaltliche Anforderungen“. Es könne nicht um neue Studienkapazitäten gehen, befindet die "AG Bildung und Forschung" – eine Absage an eine rein kapazitätsorientierte Grundfinanzierung der Hochschulen durch den Bund. Einen Teil der bisherigen Hochschulpaktmittel wollen CDU und CSU lieber „gezielt für die Stärkung der Schnittstelle zur beruflichen Bildung einsetzen“, zum Beispiel für duale Studiengänge und die weitere Öffnung der Hochschulen für beruflich Qualifizierte. Aber: Auch diese Gelder sollen weiter an die Hochschulen fließen.

 

Dass auch das Ministerium von Bundesforschungsministerin Johanna Wanka (CDU) einen reinen Automatismus ablehnt, ist logisch, hat der Bund doch gerade im bisherigen Hochschulpakt einigen Ländern machtlos dabei zuschauen müssen, wie sie bei der Gegenfinanzierung getrickst haben.

 

Doch auch viele Sozialdemokraten sind dagegen, die kompletten Hochschulpaktmilliarden künftig über einen vorher festgelegten Mechanismus an die Hochschulen weiterzureichen. Zwar forderten einige führende SPD-Wissenschaftspolitiker im Februar in ihrem "Zukunftsvertrag für Wissenschaft und Forschung", der Bund solle sich mit einer "Qualitätsstrategie Hochschullehre" nach 2020 "dauerhaft und unbefristet" an der Grundfinanzierung der Hochschulen beteiligen, und zwar je nach Studienfach mit bis zu 3000 Euro pro Student und Jahr in der Regelstudienzeit, doch war auch den Autoren um SPD-Fraktionsvize Hubertus Heil klar: Dazu wird es höchstens als Teil einer Paketlösung kommen.

 

Halten wir fest: Bund und Länder sind sich einig, dass die Milliarden weiter für die Hochschulen reserviert sein sollen nach Auslaufen des Hochschulpakts. Sie sind sich ebenfalls einig, dass es kein einfaches „Weiter so“ geben wird, sondern dass das Geld nach transparenten Qualitätskriterien und gleichzeitig in vereinbarte bildungspolitische Schwerpunkte fließen soll. Der Rest ist in der Tat Verhandlungssache. Mit dem (meines Erachtens) wahrscheinlichen Ergebnis, dass ein Teil der Gelder nach 2020 der Logik des SPD-Papiers folgend über einen Mechanismus verteilt werden wird, dessen (Qualitäts-)Kriterien noch festgelegt werden müssen. Und ein anderer Teil wird in strategische Schwerpunkte investiert werden – so ähnlich, wie die Unionsfraktion das fordert. Spannend wird eher, wie am Ende das prozentuale Verhältnis zwischen beiden Varianten aussehen wird. 

 

Dass genau diese Fragen erst nach der Bundestagswahl festgeklopft werden, ja festgeklopft werden können, war schon seit vergangenem Jahr klar. Mit dem Papier der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz habe man sich ja gerade deshalb so beeilt, damit es als Grundlage etwaiger Koalitionsverträge dienen könne, sagen Hochschulpolitiker aus Bund und Ländern und aller Couleur unisono. 

 

Ist das zu wenig konkret? Nein, ich finde das ist ein ziemlich guter Zwischenstand. Über die allgemeinen haushaltspolitischen Risiken in Zeiten von Trump und Nato-Ausbau schweigen wir an dieser Stelle heute mal.

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Minister wollen Eckpunkte des Digitalpakts im Juni verabschieden

Bund und Länder sind sich einig über Antragsformate, streiten aber weiter über die Finanzierung des gemeinsamen Programms.

Foto: Markus Spiske
Foto: Markus Spiske

BUND UND LÄNDER haben sich auf die inhaltlichen Grundzüge für den Digitalpakt verständigt. In der verantwortlichen Staatssekretärsrunde sei zwar noch kein abschließendes Papier beschlossen worden, berichten Teilnehmer, doch sei man sich in den meisten Verfahrensfragen einig gewesen. 

 

Die Architektur der Initiative geht aus einem "Entwurf für Eckpunkte" hervor, der den Staatssekretären in ihrer Sitzung Ende April vorlag. Darin trägt die von Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) mit dem schnittigen Namen "DigitalPakt#D" getaufte Initiative einen sehr viel nüchterneren Titel: "Bund-Länder-Vereinbarung zur Unterstützung der Bildung in der digitalen Welt im Bereich Schulen". In den kommenden Wochen sollen die Eckpunkte von den Staatssekretären zu Ende verhandelt werden, Anfang Juni dann sollen auch die Minister ihnen zustimmen. Alles, damit nach der Bundestagswahl im Herbst sehr zügig die eigentliche Vereinbarung auf den Weg gebracht werden kann. 

 

Hervorgezaubert hatte Wanka den Fünf-Milliarden-Plan in einem Interview in der Bild am Sonntag im vergangenen Herbst, unabgesprochen, wie der SPD-Koalitionspartner im Bund stets empört betonte, und zwischendurch sah es tatsächlich so aus, als könnte die Offerte von den überrumpelten Ländern ausgeschlagen werden. Die Ministerin mische sich in die Bildungshoheit der Länder ein, sie habe angesichts der nahen Wahlen gar nicht mehr die Autorität für ein solches Angebot, und überhaupt: Wo bitte seien denn die besagten fünf Milliarden? 

 

Mitte März goß dann auch noch der SPD-Haushaltsexperte Swen Schulz Öl ins Feuer. Er habe sich den Eckwerte-Beschluss für 2018 angeschaut, den Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) ins Kabinett eingebracht hat. Und darin sehe er deutlich mehr Geld für Verteidigung, sinkende Ausgaben für Bildung und Forschung und „kein Geld für die Digitalisierung“, sagte Schulz. Seine Schlussfolgerung: "Der von Bildungsministerin Wanka groß angekündigte Digitalpakt hängt jetzt erst einmal finanziell in der Luft.“ Die CDU hielt gegen: Das sei Quatsch und ein durchsichtiges Wahlkampfmanöver. Politische Pläne seien, solange sie noch nicht vom Bundestag beschlossen worden seien, noch nie in Budgetplänen aufgetaucht. 

 

Parallel zum lauten Geschrei vornerum haben die Ministerialbeamten hintenrum derweil überraschend geräuschlos den "Entwurf für Eckpunkte" ausgearbeitet. Zu verschiedenen Runden wurden auch Bildungswissenschaftler und Digitalexperten in Wankas Ministerium eingeladen, in Gesprächen mit Staatssekretärin Cornelia Quennet-Thielen wurde das Vorhaben allmählich geschärft. Das Ergebnis: Zwischen 2018 und 2022 soll massiv in die digitale Ausstattung an allgemeinbildenden und berufsbildenden Schulen sowie an sonderpädagogischen Einrichtungen öffentlicher und freier Träger investiert werden. >>



>> Im Fokus stehen dem Entwurf zufolge die Schulhausvernetzung, die "W-LAN-Ausleuchtung", "standortgebundene Endgeräte" und Server. "Das ist mehr als die reine Kabelverlegung, die der Bund ursprünglich angeboten hatte", sagt ein Landesminister zufrieden, "ein erfreuliches Entgegenkommen" sei das – und auch dringend nötig gewesen, da die Länder unterschiedlich weit seien im Ausbau ihrer Breitbandnetze und sich Schema-F-Lösungen daher verböten.

 

Bemerkenswert ist auch, dass Gelder dem Staatssekretärs-Entwurf zu folge nicht nur für die Infrastruktur und für technische Lösungen, sondern auch für "die umfassende und schrittweise Qualifizierung des gesamten Lehrpersonals" fließen können, damit diese, wie es heißt, dem veränderten Bildungsauftrag in der "digitalen Welt" gerecht würden. Der Bund finanziert indirekt pädagogische Maßnahmen und Konzepte an Schulen: Das wäre ein Novum in der jüngeren Föderalismusgeschichte. 

 

Insgesamt gilt: Die Standorte selbst sollen entscheiden, was sie brauchen, um technisch und pädagogisch in der digitalen Moderne anzukommen. Wobei einzelne Schulen nur in Ausnahmefällen antragsberechtigt sein werden. Eingereicht werden sollen die Bewerbungen stattdessen von den Schulträgern, die das jeder für sich oder in Verbünden tun können. Denkbar seien sogar Verbünde ganzer Bundesländer, wenn diese übergreifende Strukturen aufbauen wollten. Und einen Teil der Paktmittel – in der Diskussion sind fünf Prozent – haben die Landesstaatssekretäre im Entwurf für "Landesprojekte zu schulischen Zwecken" gesichert, etwa zum Aufbau von Schul-Clouds. 

Ihren Einfluss geltend gemacht haben die Länder auch bei der Förderentscheidung. Die Kultusministerien selbst oder von ihnen "benannte Stellen" sollen in Eigenregie über die Anträge aus ihrem Bundesland entscheiden, auf der Grundlage jeweils eigener Bewertungkriterien, die jedes Bundesland mit dem Bund abstimmen soll. Ein wissenschaftsgeleitetes Auswahlverfahren? Zumindest laut vorliegendem Entwurf Fehlanzeige. Teil der Anträge sollen eine technische Bestandsaufnahme der vorhandenen Infrastruktur und ein Medieneinsatzkonzept sein, außerdem sollen die Antragsteller belegen, wie eine "angemessene/bedarfsgerechte Fortbildung der beteiligten Lehrkräfte" aussehen soll. 

 

Was dann in den "Eckpunkten" folgt, ist eine weitere Überraschung: Die Schulträger selbst sollen den Betrieb und die Wartung sicherstellen. Überraschend ist das insofern, weil Bund und Länder über genau diese Frage heftig gestritten hatten. Während der Bund auf einer Anschubfinanzierung allein bestanden hatte, forderten die Länder ein längerfristiges Engagement, und zwar auch für den Unterhalt. "Wer soll denn für die Wartung der neuen Technik aufkommen?", hatte ein Kultusminister im Januar gefragt. Keiner brauche Server und Kabelstränge, die nach ein paar Jahren im Keller verfaulten. Nein, der Bund müsse in die regelmäßige Finanzierung einsteigen, ein dauerhaftes Bund-Länder-Programm für den IT-Unterhalt müsse her, Umfang: bis zu drei Milliarden Euro. Pro Jahr. 

 

Die aus Sicht der Staatssekretäre elegante Lösung des Problems lautet nun: Weder Bund noch Länder zahlen für die Folgekosten. Das soll Aufgabe der Schulträger sein. Es wäre erstaunlich, wenn dies so bliebe – auf eine gewisse Weise aber auch ein folgerichtiger Deal: Der Bund kommt den Ländern und vor allem den Schulträgern entgegen, indem er sie selbst entscheiden lässt, was sie am dringendsten brauchen; die Länder verzichten dafür auf Dauerüberweisungen für die Wartung.

Bei aller inhaltlichen Annäherung, in einem entscheidenden Punkt streiten sich Bund und Länder weiter: Wieviel müssen die Länder zu den fünf Bundesmilliarden beisteuern? Soll es überhaupt einen Eigenanteil geben? Viele Länder sagen: Unser Eigenanteil ist das, was wir schon längst in unsere Schulen gesteckt haben. Es könne nicht sein, dass gerade diejenigen Länder doppelt zahlen müssten, die schon in der Vergangenheit viel in die digitale Infrakstruktur ihrer Länder investiert hätten, heißt es aus einem Bildungsministerium, und der Minister eines anderen Landes wird noch konkreter: "Wenn der Bund sich nicht an der Wartung der neuen Technik beteiligt, dann muss man auch die anfallenden Wartungskosten als impliziten Länderanteil mitrechnen."


Der Bund fordert dagegen frisches Geld von den Ländern, um das Programmvolumen entsprechend aufzustocken, und manch Kultusminister stimmt Wankas Position hinter vorgehaltener Hand sogar zu. Das sei bei 16 Ländern immer schwierig, beim Geld eine gemeinsame Position zu finden", sagt einer. "Aber logisch wäre eine Kofinanzierung zugegebenermaßen schon." Bundesministerin Wanka dürfte diese länderinterne Debatte mit einer gewissen Genugtuung sehen, hatten ihr, siehe oben, doch einige Länderkollegen noch kürzlich vorgehalten, sie sei diejenige, die mit virtuellem Geld hantiere.

Diskussionen um die Finanzen gibt es noch an zwei weiteren Stellen. Der Bund will fünf Prozent der Paktmittel nur für "Projekte länderübergreifender Zusammenarbeit" freigeben. Gegen diesen Zwang zur Kooperation sträuben sich die Länder. Zwei weitere Prozent der Milliarden wollen umgekehrt die Länder am liebsten für eigene Administrationskosten einbehalten, doch da stellt sich der Bund bislang quer.

Überhaupt: Was bekommt eigentlich der Bund für seine Spendabilität? Neben einer Beteiligung "in angemessener Form" an den Steuerungs-, Begutachtungs und Controllingprozessen", also vor allem an den Gremien, soll es eine Evaluation geben. Und in dieser Evaluation werden sich die Länder an ihren Selbstverpflichtungen messen lassen müssen, die sie im Rahmen ihrer viel beachteten, im Dezember von der Kultusministerkonferenz beschlossenen Strategie "Bildung in der digitalen Welt" eingegangen sind. Haben die Länder zum Beispiel ihre Bildungs- und Lehrpläne bis zum Ende der Paktlaufzeit auf die in der Strategie beschriebenen digitalen Kompetenzen ausgerichtet? Um solche Fragen wird es dann gehen. Wobei der Passus "bis zum Ende der Programmlaufzeit" vom Bund gewollt ist, während einige Länder es in den Eckpunkten gern schwammiger hätten. So auch bei der im Entwurf enthaltenen Verpflichtung, dass die Länder im Zuge des Digitalpakts die KMK-Beschlüsse zur Lehrerbildung entsprechend ergänzen sollen. Der Bund will den Zeitraum "bis spätestens 2020" hinzufügen, einige Länder sind offenbar dagegen.

 

Zu viel Transparenz, so scheint es, wollen die Länder dann also doch nicht als Gegenleistung für die Bundesmilliarden in Aussicht stellen. Und trotzdem: Während noch vor wenigen Tagen einige Landesminister die Verhandlungen mal wieder auf der Kippe sahen, stehen die Zeichen jetzt auf Einigung. Diese wäre ein großer Erfolg für Johanna Wanka auf der Zielgeraden der Legislaturperiode. Womöglich ein Erfolg, den ihr einige so kurz vor der Wahl schwer gönnen? So bleibt es am Ende doch spannend. 

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1200 Euro für den Staatshaushalt, 300 Euro für die Hochschulen

Baden-Württembergs Wissenschaftsministerin Bauer hat sich durchgesetzt:  Landtag beschließt Studiengebühren für internationale Studenten.

HEUTE STEHT ES in allen Zeitungen: Baden-Württembergs Landtag hat Theresia Bauers Studiengebührenmodell durchgewinkt. Die grüne Wissenschaftsministerin hatte ihren Plan im Oktober zuerst hier im Blog vorgestellt. 1500 Euro pro Semester sollen internationale Studenten aus Nicht-EU-Staaten vom Wintersemester an zahlen. 300 Euro davon bleiben die Hochschulen. Der Rest dient zum Stopfen eines 48 Millionen Euro großen Haushaltslochs, mit dem Finanzministerin Edith Sitzmann im vergangenen Herbst überraschend Bauer und die anderen Ressortchefs konfrontiert hatte. Teil des gestern verabschiedeten Gesetzes ist auch eine Zweitstudiengebühr in Höhe von 650 Euro pro Semester. 

Damit hat Bauer, die mehrfach vom Deutschen Hochschulverband zur "Wissenschaftsministerin des Jahres gekürt wurde, vorerst die wahrscheinlich schwierigste Phase ihrer bislang sechsjährigen Amtszeit erfolgreich überstanden – trotz Onlinepetitionen, Demos in fünf Unistädten am vergangenen Wochenende, lautstarker Proteste der Landtagsopposition und auch einer nicht restlos überzeugten grünen Landtagsfraktion. Zuletzt hatte sogar der Senat der Universität Freiburg den Gesetzentwurf wegen des befürchteten Verwaltungsaufwand und "dem Risiko von Fehlsteuerungen" abgelehnt: ein bemerkenswerter Schritt, hatten die meisten Hochschulrektoren sich zuvor demonstrativ hinter Bauer gestellt.

 

Der Verwaltungsaufwand ergibt sich laut Freiburger Senat aus dem Erlass der Gebührenbescheide, der Zahlungskontrolle, dem permanenten Beratungsaufwand, möglichen Klagen gegen die Bescheide und vor allem das aufwändige Verfahren zur Gebührenbefreiung. All das müssen die Hochschulen in Eigenregie übernehmen.  

 

Ausgenommen von den Gebühren sind Bildungsinländer mit deutschem Abitur und anerkannte Asylbewerber oder Flüchtlinge mit guter Bleibeperspektive. Zudem können die Hochschulen eigenständig fünf Prozent der internationalen Studenten von den Gebühren ausnehmen – was vor allem jungen Menschen aus Entwicklungsländern helfen soll. 

Ministerin Bauer hatte stets darauf verwiesen, dass die Alternative zur Einführung der Gebühren in einem geringeren staatlichen Zuschuss für die Hochschulen bestanden hätte, "und das will ich auf keinen Fall" (siehe hierzu auch ihren Gastbeitrag im Blog). 

Die Wissenschaftsminister benachbarter Bundesländer werden genau beobachten, welche Auswirkungen die Gebühren haben: auf die Zahl der internationalen Studienanfänger, die aus Baden-Württemberg umsteuern, aber  auch auf die Entwicklung der Einnahmen für den Staatshaushalt. 35 Millionen Euro pro Jahr will Bauer mittelfristig einnehmen, doch schon im Sommersemester sind die Einschreibungen internationaler Studenten laut Stuttgarter Zeitung um fast die Hälfte zurückgegangen. Oder werden die baden-württembergischen Hochschulen mit den 300 Euro pro Student und Semester, die sie abbekommen, womöglich sogar langfristig attraktiver für internationale Studenten, weil sie endlich extra Orientierungs- und Beratungsangebote finanzieren können? 


Kaum ist das Gebührengesetz unter Dach und Fach, droht Ministerin Bauer allerdings schon das nächste budgetäre Ungemach: Finanzministerin Sitzmann hatte Ende März eine weitere Sparrunde angekündigt, um die Schuldenbremse zu erfüllen. Das Minus laut Kabinettsvorlage allein für Bauers Ministerium: weitere 23 Millionen Euro pro Jahr. 

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Gastbeitrag: "Nehmen wir die Medizin als Ansporn!"

Das Lehramtsstudium braucht auch einen Masterplan, fordert MANFRED PRENZEL.

Manfred Prenzel. Foto: privat
Manfred Prenzel. Foto: privat

"WANN KOMMT DER Masterplan Lehramtsstudium?" hatte Jan-Martin Wiarda am 10. April 2017 gefragt. Das Stöhnen und Ächzen von Leserinnen und Lesern aus der Kultus- und Bildungspolitik konnte ich fast hören, aber dann – Schweigen im Wald. 

 

Schade, denn ich muss sagen, dass ich als Bildungsforscher, der viel mit Lehrerbildung zu tun hat, immer wieder neidisch auf die Medizin und ihre ebenfalls professionsorientierten Studiengänge schaue.

 

Die Ausbildung künftiger Ärztinnen und Ärzte ist über ganz Deutschland hinweg abgestimmt, weite Teile des Staatsexamens sind bundesweit identisch. Die Verknüpfung von Lernen und Anwendung könnte kaum besser funktionieren als über die von Universitäten betriebenen Klinika, weil so ständig aufs Neue die Frage beantwortet wird: Ist das, was den Studierenden im Hörsaal begegnet, noch relevant und aktuell genug für ihren Einsatz am Krankenbett? Und was können die Studierenden wirklich, wenn es ernst wird?

 

Dann sehe ich dort Reformstudiengänge, in denen seit vielen Jahren an verschiedenen Standorten neue Ausbildungsmodelle erprobt werden, vom problem- und fallorientierten Lernen bis bin zum ständigen Wechsel von Theorie- und Praxisphasen. Neue Modelle, die am Ende in den Regelbetrieb einfließen. Alles, um sicherzustellen, dass die Absolventinnen und Absolventen in ihrem Beruf handlungsfähig sind, aber auch anschlussfähig an neue Erkenntnisse aus der Forschung.

Der kürzlich beschlossene Masterplan Medizinstudium 2020 ist für mich ein weiterer Beleg für diese besondere Professionsorientierung. Deshalb kann ich Jan-Martin Wiardas Vorschlag eines „Masterplans Lehramtsstudium“ nur unterstützen. Wir sollten uns die Medizin als Vorbild und als Ansporn nehmen, in der Lehrerbildung einen ähnlichen Weg zu gehen.

 

Es hat sich ja bereits viel geändert in den vergangenen zehn Jahren. Politik und Bildungsforschung haben gemeinsame Anstrengungen unternommen, die Lehrerbildung auf eine neue, bundesweit vergleichbarere Basis zu stellen und gleichzeitig Innovationen zu fördern. Gerade die von Bund und Ländern angestoßene Qualitätsoffensive Lehrerbildung hat eine Aufbruchsstimmung in die Universitäten gebracht. Geholfen haben bei dieser neuen Dynamik die Erkenntnisse zahlreicher Bildungsstudien, denen zufolge der Bildungserfolg der Schülerinnen und Schüler viel weniger von den Schulstrukturen abhängt als von der Qualifikation der Lehrenden.

 

Das ist ein guter Anfang, aber es muss noch mehr passieren. Trotz der an vielen Orten entstandenen Dachstrukturen ist die Lehrerbildung über die Fächer hinweg verstreut, fragmentiert und damit in ihrer Bedeutung für die Universitäten immer noch zu wenig sichtbar. Die von Kultusministerkonferenz und Wissenschaft aufgestellten Grundsätze und ländergemeinsamen Anforderungen für das Lehramtsstudium bleiben zu allgemein, sind wenig verbindlich und ermöglichen eine fast beliebige Interpretation vor Ort. Es fehlt an gemeinsamer Absicht, an gemeinsamer Planung und ja, an einem gemeinsamen Plan.

 

Selbstverständlich muss man die unterschiedlichen föderalen Zuständigkeiten anführen, die es bei der Medizin – anders als beim Lehramt – dem Bund ermöglichen, eine koordinierende Rolle einzunehmen. Doch abgesehen von den verfassungspolitischen Gegebenheiten leuchtet es nicht ein, warum wir uns zwar einig sind, dass die Gesundheitsversorgung in Schleswig-Holstein dasselbe bedeuten sollte wie in Bayern, aber bei der Bildung unserer Kinder anscheinend an einen regionalen Qualitätsbegriff glauben. So wie sich Schulstrukturen zwischen Städten und Bundesländern unterscheiden, gibt es auch in der Medizinerausbildung die Notwendigkeit, auf die jeweils eigenen Gegebenheiten von Stadt und Land, von Krankenversorgung in der Arztpraxis oder der Arbeit in einem Großklinikum einzugehen. Und so vielfältig die Interessengruppen und -gegensätze in der schulischen Bildung auch sein mögen: Wer möchte ernsthaft behaupten, dass sie im Bereich der Medizin per se einfacher in Einklang zu bringen seien? Doch, wie nicht erst der Masterplan Medizinstudium trotz gewisser Misstöne im Zieleinlauf gezeigt hat: Die Akteure lassen sich auf ein gemeinsames Ziel einschwören, es gibt ein Einsehen in der Medizin, dass alle einheitliche professionelle Standards anstreben.

 

Deshalb argumentiere ich hier: Zumindest für die universitäre Phase müsste ein Masterplan Lehramtsstudium kein Hirngespinst bleiben. Er wäre ein bedeutender, ja der entscheidende Schritt hin zu einem gemeinsamen Verständnis von Qualität, einem gegenseitigen Einschwören auf das Ziel einer hochwertigen, bundesweit vergleichbaren und professionsorientierten Lehrerausbildung. Die Kultusminister könnten zusammen mit ihren Wissenschaftsministerkollegen, den Universitäten, den kommunalen Schulträgern und den Berufsverbänden einen Dialogprozess anstoßen mit dem klaren Ziel Masterplan. Am Ende liefe alles auf die eine Frage heraus: Können Lehrerinnen und Lehrer am Ende des Studiums und an weiteren Stellen ihrer Berufsbiographie jeweils das, was sie können sollten? Fachlich, pädagogisch, berufsethisch? Das, was sie können müssen, gälte es genau zu beschreiben und als ein verbindliches Mindestniveau zu formulieren.

 

Aber natürlich frage ich mich, ob es nicht andere Gründe jenseits unseres Kultusföderalismus gibt, die einen Masterplan politisch als unrealistisch erscheinen lassen. Denn der Blick auf den Masterplan Medizinstudium zeigt ja auch: Wenn man das Ziel verbindlicher Professionsstandards ernst nimmt, wird es teuer. Richtig teuer. Wer bislang „auf Lehramt“ studiert, ist ein besonders kostengünstiges Mitglied der Universität. Denn selbst dort, wo es eine der neuen Schools of Education gibt, laufen die Lehramtsstudierenden bislang im Regelbetrieb mit, belegen zum Beispiel Physikvorlesungen gemeinsam mit den Physik-Hauptfachstudenten. Demgegenüber weiß ein Physikprofessor, der an die Medizinische Fakultät wechselt, sehr genau, dass er dort Physik für Medizinerinnen und Mediziner macht und nicht Physik für Physiker. Ein Lehramtsstudium, das analog zum Medizinstudium organisiert wird, bräuchte auch entsprechende Verknüpfungen mit der Schulpraxis, zum Beispiel mit Universitätsschulen. Ein Masterplan Lehramtsstudium, der die Profession in den Mittelpunkt stellt, würde transparent machen, was eine hochwertige Lehrerausbildung tatsächlich kostet – und auf den damit verbundenen Aufwand und Ärger ist die Politik verständlicherweise wenig erpicht. Allerdings darf man sich schon fragen, ob uns Bildung nicht ähnlich wichtig sein sollte wie Gesundheit.

 

Ein Masterplan Lehramtsstudium könnte aber auch Anlass geben, über Alternativen nachzudenken, die finanzierbar sind und aus denen ein zukunftsträchtiges Gesamtmodell für die Lehrerbildung der nächsten 20 oder 30 Jahre entwickelt werden könnte.

 

Um die Diskussion anzuregen, hier ein Impuls, der finanzierbar ist, weil er wenig strukturelle Veränderungen im Ausbildungssystem der Hochschulen verlangen würde. Dafür allerdings müssten sich die Politik, und vielleicht auch die Profession vom liebgewordenen, aber nur mit enormen Streuverlusten zu realisierendem Ideal des Mehrfachstudiums verabschieden (zumindest für das Lehramt auf der Sekundarstufe). Ein zukunftsträchtiges Modell würde an dessen Stelle zwei Stufen setzen. Stufe eins: Die Studierenden entscheiden sich für ein beliebiges Bachelor-Fach und studieren es, noch ohne pädagogische Anteile, fertig. Über Praktika und universitäre Orientierungsangebote tasten sie sich an den Lehrerberuf heran, und wenn sie nach dem Bachelor Lehramt studieren wollen, bewerben sie sich, Stufe zwei, für ein zwei Jahre dauerndes Masterprogramm (an einer School of Education), das sie mit der fachdidaktischen, pädagogischen und organisatorischen Kompetenz versorgt. So wäre die gesamte Lehrerausbildung unter einem Dach konzentriert, zusammen mit der berufsbezogenen Bildungsforschung, und ein solcher Master ließe sich sogar sehr gut mit dem Referendariat, also der bisherigen zweiten Phase der Lehrerausbildung verzahnen. Dann würde die Lehrerbildung in Deutschland auch nicht mehr länger dauern als sonstwo auf der Welt.

 

Ein solches Modell hätte den zusätzlichen Reiz, dass bei Bedarf ein zweites Fach im späteren Berufsverlauf in relativ kurzer Zeit und auch berufsbegleitend dazu studiert werden könnte: Eine auch bildungspolitisch sehr viel elegantere Möglichkeit, auf nicht absehbaren Lehrermangel in bestimmten Fächern zu reagieren.

 

Lassen Sie mich betonen: Das von mir hier skizzierte Reformmodell ist nur eine unter verschiedenen Möglichkeiten. Aber wir sollten die Diskussion über einen Masterplan Lehramtsstudium jetzt starten und damit auch die Diskussion darüber, wie wir die Lehrerbildung längerfristig auf eine neue, eine qualitativ höherwertige und deutschlandweit einheitlichere Grundlage stellen. Programme wie die Qualitätsoffensive Lehrerbildung können dann – ähnlich wie die Reformstudiengänge in der Medizin – wesentlich dazu beitragen, die Tragfähigkeit von neuen Ansätzen und deren Umsetzbarkeit zu erproben.

 

Manfred Prenzel, 64, ist Bildungsforscher an der TU München und war bis Januar 2017 Vorsitzender des Wissenschaftsrats. 

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Viel Lärm und Schluss

Monatelang haben Hochschulen, Kultusminister und VG Wort über die Zukunft der digitalen Semesterapparate gerungen. Kommt die Bildungsschranke im Juni durch den Bundestag, haben sich die Verhandlungen faktisch erledigt.

Foto: Sergey Zolkin
Foto: Sergey Zolkin

DIE BILDUNGSSCHRANKE WAR gerade erst durchs Bundeskabinett, da gab Horst Hippler schon die künftige Marschrichtung vor. Sicher bestehe die Möglichkeit, „dass die Hochschulen bis zur Verabschiedung des Gesetzes im Bundestag die Verhandlungen mit der VG Wort aussetzen", sagte der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) am 12. April. Dies sei aber zwischen den Verhandlungspartnern zu besprechen.

 

Die Verhandlungspartner, das sind zwei Staatssekretäre im Auftrag der Kultusministerkonferenz, zwei HRK-Vertreter und zwei Bevollmächtigte der Verwertungsgemeinschaft (VG) Wort, die die Urheberrechte tausender Autoren vertritt. Seit Januar telefonieren und treffen sich die sechs regelmäßig, um einen seit Jahren schwelenden Konflikt um die Vergütung digitaler Semesterapparate (Einzelheiten siehe Kasten unten) aus dem Weg zu räumen.

 

Das vom HRK-Präsidenten in seiner ersten Reaktion angekündigte Gespräch hat am vergangenen Freitag per Telefonkonferenz stattgefunden. Man verabredete strikte Vertraulichkeit, die Abstimmung einer gemeinsamen Sprachregelung und teilte vorerst nach außen nur mit, es gebe „keine Brüche“, KMK, HRK und VG Wort hätten eine Vereinbarung: nämlich bis Ende September gemeinsam eine neue Abrechnungspraxis zu beschließen.

 

Tatsächlich gibt es solche Brüche aber durchaus. Nicht nur, weil Hippler laut über eine Aussetzung der Verhandlungen nachdachte. Sondern weil anders als Hochschulrektoren und Kultusminister es offiziell behaupten, ein vom 1. April an geplanter Testlauf an „bis zu fünf Hochschulen“ gar nicht mehr angelaufen ist, „in Anbetracht der zwischenzeitlichen Entwicklungen“, wie in internen KMK-Papieren nachzulesen ist. 

 

Der Testlauf sollte ermitteln, wie ein für die Hochschulen praktikables „Verfahren einer zentralen Erfassung und Meldung der Einzelnutzungen“ funktioniert– und welchen personellen und technischen Aufwand es nach sich gezogen hätte. Das Konzept dafür hatte die Sechser-Arbeitsgruppe von KMK, HRK und VG Wort in den vergangenen Monaten unter Einbeziehung von Experten entwickelt. Ein Konzept, das durch die im Kabinett beschlossene Bildungsschranke überholt war.

 

Faktisch ist also das, was Hippler ankündigte, längst geschehen. Auch aus Sicht der KMK hat der Regierungsentwurf der VG Wort auf einmal alle Trümpfe aus der Hand geschlagen. Statt Einzelerfassung erwarten die Kultusministerkonferenz eine künftige Vergütung „auf Basis von Pauschalen oder Stichproben“ vor. Also ziemlich genau so, wie die Abrechnung vor dem Urteil des Bundesgerichtshofs von 2013 aussah.

 

An diesem Donnerstag (04. Mai) wird nun auch die KMK-Amtschefskommission über die veränderte Sachlage beraten. Und ob offizielles Moratorium oder nicht: Bis die Parlamentarier ihren Haken hinter den Regierungsentwurf machen, was voraussichtlich Ende Juni der Fall sein wird, gibt es nicht mehr viel zu verhandeln in der Sechser-Arbeitsgruppe „Digitale Semesterapparate“. Und danach, zumindest wenn das neue „Urheberrechts-Wissensgesellschafts-Gesetz“ in der gegenwärtigen Form den Bundestag passiert, auch nicht.

 

Warum man danach voraussichtlich trotzdem weitermachen wird: Weil die VG Wort, als sie alle juristischen Argumente auf ihrer Seite hatte, auf KMK und HRK zuging. Weil KMK und HRK schon aus Fairness jetzt das gleiche tun werden. Und weil auch die nötige „Basis von Pauschalen und Stichproben“ zwischen den drei Organisationen abgestimmt werden muss.

 

„Verhandlungen“ indes wären das nicht mehr. Denn eines steht fest: Kommt das UrhWissG, können die Hochschulen – und mit ihnen die auf Lehrmaterialien angewiesenen Studenten – sich zurücklehnen. Die Befürchtungen, die digitalen Semesterapparate könnten demnächst leer bleiben, hätten sich erledigt. Und KMK und HRK könnten das Ding ganz gemütlich nach Hause schaukeln.


NACHTRAG am 04. Mai:
Unter anderem im unten stehenden Kommentar von Constantin Pittruff kam die Frage auf, was denn eigentlich in dem faktisch rechtlosen Zustand zwischen dem Ablauf des zwischen HRK, KMK und VG Wort vereinbarten Moratoriums  (30. September) und dem voraussichtlichen Inkrafttreten des neuen Gesetzes (1. März 2018) passieren soll. Ein sehr berechtigter Punkt. Aus der Sechsergruppe ist zu vernehmen, genau das sei einer der Gründe, weswegen man weiter eine Lösung zum 1. Oktober anstrebe. 

 

Meine Vermutung: Entweder wird das Moratorium in seiner jetzigen Form bis Ende März verlängert, oder KMK, HRK und VG Wort einigen sich darauf, die vom Gesetz vorgegebene Pauschalvergütung schon vorher anzuwenden, und zwar auf der zwischen den Partnern verabredeten neuen Basis "von Pauschalen und Stichproben". Dass es zum GAU einer ungeregelten Zwischenphase kommt, halte ich für nahezu ausgeschlossen.


Alles begann mit einem BGH-Urteil

2013 hatte der Bundesgerichtshof (BGH) geurteilt, dass die Bundesländer künftig keine Pauschale mehr an die VG Wort zahlen dürfen, um die digitale Nutzung von urheberrechtlich geschützten Texten in den Hochschulen abzugelten. Die Autoren hätten das Recht auf eine Einzelabrechnung. Und genau über die Frage, wie die praktisch vonstatten gehen soll, ohne den befürchteten administrativen Alptraum auszulösen, verhandelte die Arbeitsgruppe von Hochschulen, Kultusministerkonferenz und VG Wort – bis der vom Bundeskabinett beschlossene Gesetzentwurf zur Bildungsschranke vor drei Wochen sagte: Eine Einzelabrechnung ist nicht nötig, eine pauschale Vergütung reicht aus.

Die zwischen KMK, VG Wort und HRK vereinbarte Sprachregelung bestätigt nun indirekt, dass sich Verhandlungen im engeren Sinn damit erledigt haben. Die Verhandlungspartner, heißt es in der dünnen Erklärung, die am Donnerstag den KMK-Amtschefs vorgelegt wird, "nehmen zur Kenntnis, dass der Bundesgesetzgeber den Verhandlungsgegenstand der Arbeitsgruppe noch in der laufenden Legislatur zu regeln beabsichtigt." Dennoch würden die drei Parteien die "Gespräche auf der Grundlage der Vereinbarung von Dezember 2016 und unter Berücksichtigung des laufenden Gesetzgebungsverfahrens" fortsetzen. 


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Sehnsucht nach dem "Markenzeichen"

Sechs Ministerpräsidenten wollen das Diplom zurück. Ihre Kultusminister haben sich jetzt eine Sprachregelung ausgedacht, wie sie die große Debatte um die Studienreform doch noch vermeiden können.

Foto: Tobias Sieben: "Hörsaal", CC BY-NC 2.0

EIGENTLICH WAR ES nur der Wunsch einiger Ministerpräsidenten. Doch für die Kultusministerkonferenz (KMK) sind die paar Zeilen Protokollerklärung ein echtes Problem. Als die Regierungschefs im März dem neuen Staatsvertrag zur Akkreditierung zustimmten, äußerten sechs von ihnen die zusätzliche „Erwartung“: Wenn in den nächsten Monaten die so genannte Musterrechtsverordnung formuliert wird, müsse dabei doch noch „eine für alle Länder tragfähige Lösung zur Anerkennung des Diploms“ erreicht werden.

 
Die Musterrechtsverordnung dient im föderalen Zusammenspiel der Länder normalerweise dazu, eine bundesweit möglichst einheitliche Umsetzung eines Staatsvertrags zu erreichen. Was als Extra-Wunsch einiger Ministerpräsidenten so technokratisch-schwammig daherkommt, ist also in Wahrheit der gefährlichste Angriff, den die Studienreform seit Jahren erlebt hat. Wollen die sechs Ministerpräsidenten aus Bayern, Brandenburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Sachsen-Anhalt eine Art Bologna-Öffnungsklausel nach dem Motto: Bachelor, Master, Diplom – alles dasselbe? Und vor allem, welches Interesse haben sie, die Debatte zum jetzigen Zeitpunkt in dieser Form zu starten?

 

Das haben sich die Kultusminister in den vergangenen Wochen seit dem Beschluss der Ministerpräsidentenkonferenz (MPK) auch gefragt. Und nicht nur sie: In den Berufsverbänden und an den Universitäten rumort es merklich. Dabei sind es fast ausschließlich die Ingenieure, die die Protokollerklärung in Schwingungen versetzt hat. Hinter den Kulissen lassen mehrere Verbandschefs ihre Mitarbeiter prüfen, welche politischen Optionen sich durch das MPK-Votum bieten. Auch einige Universitätsrektoren, obgleich die meisten sich mit offiziellen Statements noch zurückhalten, zeigten sich hocherfreut. Dresdens TU-Rektor Hans Müller-Steinhagen etwa sagte, die Diplomingenieur-Studiengänge fast flächendeckend abzuschaffen, sei ein Fehler der deutschen Politik gewesen – "und der Wirtschaft, die dies inzwischen weitgehend bereut". 

 

Dass sich viele Branchenfunktionäre und Wirtschaftsführer nur widerwillig in den Verlust des von ihnen gern zum „internationalen Markenzeichen“ stilisierten „Diplom-Ingenieurs“ gefügt haben, zeigt auch die von 2010 stammende Sammlung von Pro-Diplom-Statements, die bis heute auf der Website des Zusammenschlusses neun Technischer Universitäten, der TU9, abrufbar ist. „Ein ‚Dipl.-Ing.‘ vor dem Namen ist wie ein Stern auf der Haube“, wird dort etwa der Daimler-Vorstandsvorsitzende Dieter Zetsche zitiert. Unter den prominenten Unterstützern auf der Website befindet sich auch der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU), der den „international wertvolle(n) und anerkannte(n) Titel“ zum „Alleinstellungsmerkmal deutscher Bildung“ erklärt und hinzufügt: „Wir wollen speziell dafür einen Weg eröffnen, wie wir dieses internationale Prädikat auch künftig bewahren können.“ >>



>> Womit sich der Kreis zur jüngsten MPK-Protokollerklärung schließt. Wer die langen Linien in der Politik Horst Seehofers gelegentlich vermisst: Hier findet er sie.

 

Ebenfalls 2010 erreichte der öffentlichkeitswirksame Diplom-Einsatz eines anderen Mannes seinen ersten Höhepunkt: Mathias Brodkorb, damals noch hochschulpolitischer Sprecher der SPD im Landtag Mecklenburg-Vorpommerns, war der Kopf hinter einer damals gemeinsam mit der CDU getragenen Gesetzesnovelle, die den Hochschulen unter anderem die Wiedereinführung von Diplomabschlüssen erlaubte. Auch Brodkorbs Wirken seitdem offenbart eine erstaunliche Kontinuität: Zwischendurch sechs Jahre lang Bildungsminister, amtiert er seit Herbst als Finanzminister – was ihn dem Vernehmen nach nicht davon abhielt, seinen Chef und derzeitigen MPK-Vorsitzenden Erwin Sellering (ebenfalls SPD) in Sachen Diplom loszuschicken.

 

Hinter dem Zeitpunkt der Protokollerklärung steckt dabei weniger Kalkül als eine einfache Prozesslogik: Es war das erste Mal seit Jahren, dass die Ministerpräsidenten überhaupt einen Beschluss zu Studium und Studienreform fassen mussten.

 

Die meisten Wissenschaftsminister in der Kultusministerkonferenz erwischte die Protokollerklärung ihrer Chefs dennoch auf dem falschen Fuß. Auch wenn nur eine Minderheit der Ministerpräsidenten die Anerkennung des Diploms per Musterverordnung gefordert hat, ist der Arbeitsauftrag eindeutig. Bis Ende September soll eine eigens eingerichtete Arbeitsgruppe „Musterrechtsverordnung“ des KMK-Hochschulausschusses ihren Entwurf vorlegen, dann inklusive der Diplom-Bezüge.

 

Um zu verhindern, dass ihnen die Debatte vollends entgleitet, hat das KMK-Präsidium jetzt eine so genannte Sprachregelung ausgearbeitet. Sie ging an alle ministeriellen Pressestellen, als „Grundlage für eine abgestimmte Reaktion auf entsprechende Anfragen der Medien“. In der Sprachregelung heißt es, bei der Protokollerklärung der sechs Länder zum Diplom handle es sich nicht um einen Bestandteil des Beschlusses der MPK zum Akkreditierungsvertrag. Am Ende der entscheidende Satz: „Es ist nicht beabsichtigt, vom System der gestuften Studiengänge abzuweichen.“

 

In der Sprachregelung steckt auch ein Stück Selbstbeschwörung. Hinter vorgehaltener Hand nämlich äußern etliche Wissenschaftsminister und Staatssekretäre schon lange Sympathien für das Diplom. „Der Abschluss hatte schon eine enorm integrative Wirkung“, sagt einer. „Und die findet sich in der unüberschaubaren Vielfalt der Master-Abschlüsse, die an die Stelle des Diploms getreten sind, nicht wieder.“ Dabei gehe es in keiner Weise um die Studienqualität, die sei immer schon abhängig gewesen vom Standort und weniger vom Namen des Abschlusses.

 

Trotz ihrer Diplom-Sympathien hatten die Kultusminister nach Monate langer erbitterter Diskussion fast geschlossen mit 15 Ja-Stimmen für einen Akkreditierungsvertrag votiert, der das Diplom unberücksichtigt ließ – und nur Mecklenburg-Vorpommern enthielt sich. Schon das war übrigens ein Zugeständnis von Brodkorbs Nachfolgerin Birgit Hesse, hatte doch Brodkorb selbst vorher stets mit einem „Nein“ gedroht. Warum die KMK die Reihen so geschlossen hielt? Weil die Minister fürchteten, über die vermeintlich isolierte Anerkennung des Diploms könne eine neue Grundsatzdebatte über die Zukunft des gesamten Bachelor- und Mastersystems in Gang kommen. Weswegen jetzt auch der letzte Satz der KMK-Sprachregelung, siehe oben, so zentral für die Minister ist.

 

Ihre Diplom-Sympathien haben einige Wissenschaftsminister deshalb lieber in anderer Form ausgelebt und ganz ohne die Lautstärke eines Mathias Brodkorb ihren Hochschulen ähnliche Diplom-Möglichkeiten eingeräumt. So bietet die Technische Universität Dresden mit ihrem Rektor Müller-Steinhagen zehnsemestrige Diplomstudiengänge, und erst im vergangenen Jahr hatte die TU Illmenau zwei neue einstufige Diplomstudiengänge eingerichtet. Thüringens Wissenschaftsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) kommentierte im Mitteldeutschen Rundfunk: „Wir wollen das Diplom neu definieren.“

 

Der Unterschied zu Mecklenburg-Vorpommern: Bislang hatten Tiefensee und seine sächsische Amtskollegin Eva-Maria Stange (SPD) kein Problem damit, dass ihre Diplom-Studiengänge unter dem KMK-Radar flogen und keine offizielle Anerkennung fanden im Akkreditierungs-Staatsvertrag. Anders übrigens neuerdings Stanges Regierungschef Stanislaw Tillich (CDU): Er gehörte zu den sechs Unterzeichnern der Protokollerklärung.

 

Womit dem letzten klar sein sollte, worauf die sechs Ministerpräsidenten hinauswollen. Es geht ihnen nicht um den leisen Betrieb einiger Diplom-Studiengänge, der auch so möglich wäre, es geht ihnen um die große Geste, um genau die Grundsatzreform der Bologna-Reform, die die Wissenschaftsminister verhindern wollen.  

 

Und übrigens nicht nur die. Während TU9-Mitglied Müller-Steinhagen sagt, er "begrüße" die Forderung der Ministerpräsidenten, sagt der aktuelle TU9-Chef und Präsident der TU Darmstadt, auch wenn "einige" seiner Rektorenkollegen das anders sähen, mehrheitlich wolle sein Verband nicht mehr hinter der gestuften Studienstruktur zurück. Der Verband halte die Abschaffung des Grades Diplom-Ingenieur immer noch für einen Fehler,  das ja, doch "der Zug ist abgefahren, wir stehen zur Reform." 

 

Womöglich ist die Lösung also gar nicht so kompliziert, und sie wird von einigen in der KMK bereits in Spiel gebracht: Wenn es schon bei der Diplom-Sehnsucht den meisten, die sich auskennen, vor allem nach dem Titel verlangt und kaum einen nach der Wiederherstellung einer überkommenen Studienstruktur, wenn selbst die Befürworter eines Rollbacks von einer „Neudefinition“ sprechen – warum verbindet man nicht beides miteinander?

 

In den Ingenieurwissenschaften an den Universitäten sind die Abbrecherquoten in den vergangenen Jahren drastisch gesunken (leider im Gegensatz zu den Fachhochschulen), was auf das Potenzial der gestuften Studiengänge Bachelor und Master hindeutet. Die Studienreform hat lange überfällige Anpassungen der Studiengänge hin zu einer stärkeren Ausrichtung an den Bedürfnissen der Studenten ermöglicht. Mit den Namen „Bachelor“ und „Master“ indes hat das am wenigsten zu tun. Und so könnte ein Kompromiss darin bestehen, dass solche Diplom-Studiengänge anerkannt werden, die eine gestufte Studienstruktur aufweisen. Sprich: Nach dem Bachelor folgt das Diplom-Studium, das vier Semester umfasst.

 

Schon 2010 verwies der damalige TU9-Präsident Ernst Schmachtenberg, bis heute Rektor der RWTH Aachen, auf das österreichische Universitätsgesetz. Dort sei klar geregelt: Der „Dipl.-Ing.“ ist ein Mastergrad. So einfach kann das sein." Sein Nachfolger Prömel bestätigt auf Anfrage: "Das ist bis heute exakt unsere Position."

 

Tatsächlich: Das Diplom wäre gerettet. Die Studienreform auch. Und alle Beteiligten hätten das Gesicht gewahrt. Sogar Horst Seehofer.


NACHTRAG am 03. Mai 2017:
Dresdens TU-Rektor Hans Müller-Steinhagen sagt, die Diplomingenieur-Studiengänge fast flächendeckend abzuschaffen,  sei ein Fehler der deutschen Politik gewesen – "und der Wirtschaft, die dies inzwischen weitgehend bereut". Der Verband Deutscher Maschinen und Anlagenbau (VDMA) widerspricht und bezeichnet eine neue Diskussion um den Diplom-Ingenieur als "überflüssig". Nicht der Abschusstitel sei entscheidend, sondern die Inhalte eines Studiums seien es, sagt der stellvertretende VDMA-Hauptgeschäftsführer Hartmut Rauen. "Statt über Titel zu diskutieren, sollte diese Energie in die weitere Verbesserung der Lehre investiert werden.“ Ein bisschen über Titel diskutieren will dann aber auch der VDMA und fordert den Zusatz "of Science in Engineering" nach dem Bachelor- und Mastertitel, um den Ingenieurabschluss auch in Bologna-Zeiten unverwechselbar zu machen. Der Begriff "Ingenieur" sei wichtiger im Dipl.Ing. gewesen als das Wort "Diplom", sagt Hartmut Rauen: "Diese Identitätsstiftung ist genauso umsetzbar mit dem Begriff Engineering." 

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Falsch verstandene Solidarität

Wenn das Proporzdenken siegt, ist das Tenure-Track-Programm kaputt.

VERKRUSTUNGEN AUFBRECHEN soll das neue Tenure-Track-Programm.
VERKRUSTUNGEN AUFBRECHEN soll das neue Tenure-Track-Programm.

IN ZWEI MONATEN ist Deadline für die erste Antragsrunde im so genannten Tenure-Track Programm, und es gibt kaum einen Rektor oder Rektorin, die nicht auf die Nachkommastelle genau sagen könnten, wie viele der bundesweit 1000 zusätzlichen Professuren auf ihre jeweilige Universität entfallen. So wie laut Verwaltungsvereinbarung zwischen Bund und Ländern die Fördergelder nach Länderproporz verteilt werden sollen, so wollen die Universitäten innerhalb der Länder gleich weiter verteilen.

 

Es gibt da nur ein Problem. In der Förderbekanntmachung kann man nachlesen, dass der Zuschlag für die Bewerbungen „in einem wettbewerblichen Verfahren“ erfolgen soll. Entscheidend ist die „Qualität des Gesamtkonzepts“, kurz gesagt: Wollen die Unis nur mehr Stellen haben, oder sind die Laufbahnprofessuren Teil einer in sich stimmigen Strategie zur Personalentwicklung? Können die Rektoren nachweisen, dass die mit den beantragten Fördergeldern die Karrierewege ihrer Wissenschaftler wirklich und dauerhaft transparenter und planbarer machen?

 

Nimmt man die Logik des Programms ernst, liest man die Bekanntmachung wörtlich, dann muss, dann wird es Gewinner und Verlierer geben. Wer glaubt, es müssten lediglich ein paar Formulare ausgefüllt und ein paar Buzzwords in der verlangten Vorhabenbeschreibung auftauchen, der irrt also – hoffentlich. Denn dafür müssten erstmal die Wissenschaftsminister selbst ihr Programm ernst nehmen und bereit sein, massenweise Verlierer zu akzeptieren. Mit der letzten Konsequenz, dass die Universitäten anderer Bundesländer am Ende mehr abbekommen. Doch genau diese Bereitschaft lassen im Moment viele Minister, womöglich aus falsch verstandener Solidarität mit ihren Rektoren, nicht erkennen. So steigt der Druck besonders auf die zwölf Wissenschaftler in der Jury, dem so genannten „Auswahlgremium“.

 

Für einen Wettbewerb spricht übrigens mehr, als dass er nun mal so in der Vereinbarung steht. Denn nur wenn die Universitäten wirklich die Gefahr spüren, leer auszugehen, werden sie sich so reinhängen, wie sie das zum Beispiel gerade erst bei den Exzellenzclustern getan haben. Und nur wenn (wenig genug!) Universitäten mit ihrer Bewerbung erfolgreich sind, werden die siegreichen Konzepte so gefördert, dass sie angesichts des schmalen Programmvolumens mehr sein können als eine leichte Personalaufstockung. Dass sie wirklich einen Wendepunkt in der universitären Personalstrategie markieren und Modellcharakter entwickeln können.

 

Es ist verständlich, dass die Universitäten wettbewerbsmüde sind. Es ist nachvollziehbar, dass die Länder vor allem auf das zusätzliche Bundesgeld schielen. Doch: Wenn das Proporzdenken siegt, dann ist das Tenure-Track-Programm kaputt.


Föderales Stellengetrickse

Dass einige Landesminister das Tenure-Track-Programm vor allem als nette Finanzspritze des Bundesforschungsministeriums begreifen, verrät ihr Verhalten auch an anderer Stelle. In der Vereinbarung mit der Bundesregierung haben sie zugesagt, die durch die Initiative geschaffenen zusätzlichen Professorenstellen nach Programmende (offiziell 2032) dauerhaft weiterzufinanzieren. Schließlich ist es eine der Botschaften, mit denen Bundesministerin Johanna Wanka (CDU) das Programm anpreist: 1000 zusätzliche unbefristete Professorenstellen entstünden da, und zwar auf Dauer. 

 

Dass sich sechs Länder dabei Sonderkonditionen herausgehandelt haben, ist das eine. Auch dass teilweise im identischen Umfang befristete Professuren zugunsten von unbefristeten abgebaut werden sollen, könnte man bereits als föderales Getrickse bezeichnen. 

 

Problematischer ist jedoch: Mehrere Ministerien haben ihren Universitären jetzt im Vorfeld der Antragstellung signalisiert, dass sie die Anschlussfinanzierung der Tenure-Track-Stellen selbst stemmen müssen, und zwar über ihre normalen Budgets.

Diejenigen Landesminister, die ihren Hochschulen für die nächsten Jahre Zuwächse versprochen haben, argumentieren: Ihr kriegt doch schon mehr Geld. Einen Teil der Professorenstellen, die ihr daraus schafft, könnt ihr ja für die Anschlussfinanzierung reservieren.

 

Und in Ländern, deren Hochschulen zurückgehende Studentenzahlen erwarten, heißt es: Wir lassen euch weniger schrumpfen dank des Tenure-Track-Programms, also – siehe oben – nehmt euer eigenes Geld für den Anschluss. 

 

Eine Logik, gegen die schwer anzuargumentieren ist. Denn wer kann schon widerlegen, dass in einer Welt ohne Tenure-Track-Programm die Uni-Haushalte weniger gewachsen oder stärker geschrumpft wären?

 

Fakt ist: Bei einigen Rektoren sorgt die Botschaft ihrer Minister für Zurückhaltung, so dass sie in ihren Anträgen mitunter sogar weniger Stellen haben wollen, als ihnen (siehe oben) rechnerisch zustünden. Sie fürchten das böse Erwachen in zehn Jahren, wenn das Programm ausläuft. 



Eine gekürzte Fassung dieses Beitrags erschien gestern im ZEITChancen Brief.

Foto: Alastair Dunning: "Professors", CC BY-NC 2.0. 

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Wir brauchen die Deutsche Lehrgemeinschaft!

Die Hochschulen sollen "Lehrverfassungen" formulieren, fordert der Wissenschaftsrat. Damit gute Lehre sich für die Wissenschaftler lohnt, muss die Politik aber erstmal eine vorschnell verworfene Idee wiederbeleben.

Vorbild für die Lehre? Die DFG-Zentrale in Bonn. Foto: DFG
Vorbild für die Lehre? Die DFG-Zentrale in Bonn. Foto: DFG

GERADE TRIFFT SICH der Wissenschaftsrat zu seiner Frühjahrssitzung, und zu den Unterlagen, über die sich die Experten aus Wissenschaft und Politik beugen, gehört ein Positionspapier „Strategien für die Lehre“. Anfang nächster Woche soll es offiziell veröffentlicht werden, eine seiner Kernforderungen hat das Gremium aber schon 2015 in einer anderen Empfehlung formuliert:  "Lehrverfassungen" sollen sie richten, die Unwucht zwischen Forschung und Lehre.

 

Die Hochschulen, so die Idee, sollen endlich mal genau sagen, was sie unter „guter Lehre“ verstehen – und wie sie sie konzeptionell zu fördern gedenken. Und es dann verbindlich aufschreiben. Und zwar jede einzelne Hochschule für sich.

Moment, gibt es nicht schon die Leitbilder, mögen jetzt manche fragen, und wo ist der Unterschied?

 

Der Unterschied ist, dass die Leitbilder, die sich viele Hochschulen pflichtschuldig und oft auf Wunsch der Politik gegeben haben, fast alle gleich klingen – und nicht nur zufällig so, als hätten da die einen von den anderen abgeschrieben. Mit dem Ergebnis, dass selbst Rektoren nicht genau sagen können, was in ihrem eigentlich drinsteht.

 

Das soll bei den Lehrverfassungen anders werden, ein „strategischer Prozess“, so nennt man das heute wohl, soll losgetreten werden hin zur Selbstvergewisserung – gesteuert, aber nicht vorgegeben von der Hochschulleitung. Mit daraus abgeleiteten konkreten Maßnahmen. Aber kann gelingen, was bei den Leitbildern vielerorts so gründlich danebengegangen ist?

 

Es kann. Aber nicht, weil der Wissenschaftsrat einen abstrakten Begriff mehr ins Rennen geschickt hat. Es kann gelingen, wenn man sich ausgerechnet die Forschung als Vorbild nimmt. Warum werden Karrieren über die Forschung gemacht? Warum können Rektoren, die wohlwollend-schwammig über die Lehre referieren, exakt und bis ins Detail auflisten, wie ihre „institutionelle Forschungsstrategie“ aussieht? Kurz gesagt: Weil es sich für sie lohnt. Ausgerechnet die zuletzt viel gescholtenen Projektmittel, ausgeschüttet von DFG & Co, sind die Währung der Forscherreputation. Und die Exzellenzinitiative mag die ultimative Karotte sein, aber ihre Logik funktioniert.

 

Als Annette Schavan noch Bundesministerin war, machte der Begriff einer „Akademie für die Lehre“ eine kurze Karriere, von der Etablierung einer „Deutschen Lehrgemeinschaft“ analog zur DFG war die Rede: Projektförderung von Exzellenz. Daraus wurde nichts. Stattdessen kam der zeitlich befristete „Qualitätspakt Lehre“: ein guter Start, nicht mehr. Doch schon sein Erfolg zeigt, wie viel noch möglich wäre.

 

Unterdessen versuchen private Förderer, das Vakuum zu füllen, zum Beispiel der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft und die Baden-Württemberg-Stiftung, die tapfer und seit mittlerweile etlichen Jahren „Fellowships für Innovationen in der Hochschullehre“ ausschreiben. 

 

Die alte Idee einer dauerhaften Deutschen Lehrgemeinschaft sollte dringend wieder ausgemottet werden. Der Anlass ist da, wenn demnächst die Anschlussfinanzierung des auslaufenden Hochschulpakts ansteht. Der setzte bislang vor allem auf die großen Studierendenzahlen. Künftig, da sind sich Bund und Länder einig, soll er stärker auf Qualität abheben. Wie wäre es, beides zu verbinden: eine Studienplatzfinanzierung für gute Lehre in der Breite und ein von Proporz befreites, echtes Förderprogramm für exzellente Ideen?

 

Mit der Deutschen Lehrgemeinschaft zur Lehrverfassung: Das könnte funktionieren. Vielleicht ja Stoff fürs nächste Positionspapier des Wissenschaftsrates.


NACHTRAG:
Heute steht in der ZEIT ein Interview (leider noch nicht online), das Anna-Lena Scholz mit dem ehemaligen Vorsitzenden des Wissenschaftsrats, Manfred Prenzel, geführt hat. Der Bildungsforscher ist maßgeblicher Autor des Positionspapiers zur Lehre. Und erfreulicherweise endet das Gespräch mit derselben Forderung, die ich in meinem Kommentar aufgestellt habe: Eine Deutsche Lehrgemeinschaft, sagt Prenzel, wäre "ein klares Bekenntnis dazu, Innovationen und gute Konzepte in der Lehre zu fördern."

 

Übrigens habe ich mich, nachdem ich mich Anfang der Woche für mein Plädoyer für eine Deutsche Lehrgemeinschaft entschieden hatte, unter Hochschulrektoren und Professoren umgehört. Deren mehrheitliche Reaktion: Bloß nicht! Sie bezweifeln, dass eine Lehrgemeinschaft über dieselbe wissenschaftliche Unabhängigkeit verfügen würde wie die DFG, und fürchten eine neue Form des staatlichen Dirigismus. Außerdem gebe es ohnehin schon zu viele Wettbewerbe, Projekte und Drittmittel – und jetzt solle das auch in der Lehre der Normalfall werden?

 

Die zum Teil sehr deutlichen Reaktionen haben mir eines gezeigt: Ein Selbstläufer ist die Debatte über die Deutsche Lehrgemeinschaft nicht – was auch der Grund war, weswegen sie schon einmal abgesetzt wurde. Doch – und da stimme ich völlig mit Manfred Prenzel überein – es ist nötig, sie zu führen.

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"Ach, der Brexit"

Die TU Dresden und ihre Partner eröffnen eine Wissenschaftsschau in der Londoner Innenstadt. Rektor Hans Müller-Steinhagen über Dresdens Imageprobleme, eine besondere Partnerschaft und die Frage, wie Wissenschaft  an die normalen Leute herankommt.

So sah die Ausstellung in Dresden aus – jetzt geht sie nach London. Foto: René Jungnickel/TU Dresden

DIE TECHNISCHE UNIVERSITÄT Dresden präsentiert sich und ihre Forschung mit einer Ausstellung in London. Sind Sie mit der Wissenschaftskommunikation im eigenen Land nicht ausgelastet?

 

Im Gegenteil. Die DRESDEN-concept-Ausstellung ist bei uns in Dresden so gut gelaufen, dass wir selbstbewusst genug sind, sie jetzt auf Reisen zu schicken: zuerst nach London, dann nach Breslau und schließlich nach Prag. Damit wollen wir ein Signal in die Welt senden, dass vom Dresdner Neumarkt auch positive Nachrichten ausgehen können.

 

Auf dem Dresdner Neumarkt treffen sich jeden Montagabend die Pegida-Demonstranten...

 

...und dort stand auch über viele Wochen unsere Ausstellung, deren Exponate übrigens weit über die TU Dresden hinausreichen und den gesamten Wissenschaftsstandort Dresden repräsentieren.

Hans Müller-Steinhagen
Hans Müller-Steinhagen

Sie wollen den Londonern zeigen: Dresden kann nicht nur ausländerfeindlich. Dresden kann auch international?

 

Das ist ein ganz wichtiges Motiv. Die Pegida-Leute marschieren ja immer noch, wenn auch ihre Zahl – zum Glück!  – tendenziell abnimmt. Die Demonstrationen und andere ausländerfeindliche Aktionen haben einen Schatten auf das zuvor leuchtende Image Dresdens geworfen. Diesen Schaden müssen wir Dresdner jetzt alle gemeinsam reparieren.

 

Was gibt es denn zu sehen in der Ausstellung?

 

Für jeden etwas, würde ich sagen. Für Erwachsene und für Kinder. Sie können etwas über neue Krebstherapien erfahren, die Zukunft des Taktilen Internets ausprobieren oder superleichten Beton anfassen. Der ist mit Carbon verstärkt und wird, davon bin ich überzeugt, das Bauen revolutionieren. Und dann setzen Sie sich auf einen der CityTrees, die Dresdner Studierende in einem Startup entwickelt haben. Das ist eine Art Bank, hinter der eine mit Moosen und Stauden bewachsene Wand hochragt – ein natürlicher Schadstofffilter, der effektiver arbeitet als ein Baum. Und speziell für die Forscher planen wir um die Ausstellung herum eine Serie wissenschaftlicher Veranstaltungen und Symposien.

  

Das ist alles sehr schön. Zu schön, um wahr zu sein? Hand aufs Herz: Eine nette PR-Aktion des DRESDEN-concepts, dem Zusammenschluss der Dresdner Wissenschaftseinrichtungen, um im gerade angelaufenen Exzellenzstrategie-Wettbewerb zu punkten? Internationalität geht schließlich immer bei den Gutachtern...

 

Klar ist das PR, aber nur zufällig zum Auftakt der Exzellenzbewerbung. Wir wollen zeigen, welch tolle Wissenschaft in Dresden gemacht wird. Aber eben nicht nur. Wir wollen auch die Zusammenarbeit zwischen London und Dresden vertiefen, genauer: zwischen dem King’s College und der TU Dresden bzw. DRESDEN-concept. Die ist schon jetzt besonders. Zusammen haben wir den so genannten TransCampus aufgezogen, eine strategische Partnerschaft, die bislang unsere Mediziner verbindet und auf weitere Disziplinen ausgeweitet werden soll, die Mikroelektronik zum Beispiel oder die Geisteswissenschaften insbesondere auf dem Gebiet des gesellschaftlichen Wandels. Schon jetzt nutzen unsere Forscher die Labore und Einrichtungen des King’s College und umgekehrt. Es gibt ein gemeinsames Graduiertenkolleg und sogar schon Wissenschaftler, die teilweise von uns, teilweise von den Londonern bezahlt werden.  Wir steuern auf gemeinsame Studiengänge und gemeinsame Promotionen hin.

 

Sie entkräften nicht gerade meine Vermutung, dass Sie sich für die Exzellenzstrategie in Stellung bringen. Vielleicht bewerben Sie sich ja eines Tages sogar im Verbund mit dem King’s College in der Förderlinie „Exzellenzuniversitäten“?

 

Mal abgesehen davon, dass das, wie Sie wissen, von den Ausschreibungsbedingungen her gar nicht möglich ist, ergäbe es meines Erachtens auch wenig Sinn, einen Teil der für die Entwicklung der deutschen Universitäten vorgesehenen Mittel ins Ausland weiterzuleiten. Wir reden von einer Fördersumme von vielleicht 20, 25 Millionen Euro pro Jahr für Universitätsverbünde, das ist viel Geld, aber um neue Hochschulstrukturen aufzubauen, ist das erschreckend wenig und nicht im Entferntesten vergleichbar mit dem, was Eliteuniversitäten in den USA oder Großbritannien zur Verfügung steht. Wenn wir diese Mittel nun durch weitere internationale Partner ausdünnen, wir der Nutzen noch geringer. Im Übrigen dürfte es schon bei den deutschen Verbundbewerbungen in der Förderlinie „Exzellenzuniversitäten“ nicht einfach sein, die Gutachter davon zu überzeugen, dass sie mehr sind als Beutegemeinschaften. Bei den Forschungsclustern dagegen könnte ich mir gemeinsame Bewerbungen mit dem King’s College, mit Breslau oder Prag durchaus vorstellen – solange die ihren eigenen Finanzierungsanteil mitbringen.

 

Zurück zur Ausstellung. Wenn man so will, haben ja beide Partner ein Problem mit ihrem internationalen Image. Dresden wegen Pegida, das King’s College wegen des Brexits. Schweißt die Not zusammen?

 

Ach, der Brexit. Viele unserer Kollegen am King’s College können es noch immer nicht fassen und sagen, das sei doch alles der reinste Wahnsinn. Aber der Ausstieg Großbritanniens aus der Europäischen Union war nicht der Anlass für unsere Ausstellung. Als die Planungen dafür begannen, hat noch kaum einer glaubt, dass es soweit kommt.

 

Außerdem gilt London ja nun ausgerechnet als europafreundlich.

 

Insofern müssten wir, wenn das eine Ausstellung gegen den Brexit sein sollte, unsere Exponate irgendwo im Hinterland zwischen zwei Farmen aufbauen, wo die wirklichen Europagegner zu Hause sind. Dass die Wissenschaftsausstellung trotzdem in eine Großstadt gehört, in die Mitte Londons, auf den Campus einer Spitzenuniversität, das versteht sich von selbst. Genauso, dass bei allem, was Wissenschaft auf die Beine stellt, die Botschaft mitschwingt: Forschung floriert nur in einem Klima der Offenheit und der Internationalität.

 

Glauben Sie wirklich, dass sich am Ende viele Londoner die Ausstellung angucken werden? Und zwar normale Londoner, nicht die Wissenschaftler und Studenten, die ohnehin auf dem Campus herumlaufen?

 

Es gab auch in Dresden Leute, die am Anfang skeptisch waren. Und dann riss der Besucherstrom nicht mehr ab, von Einheimischen wie von Touristen. Ich weiß noch, wie ich ein paar Mal um zehn oder elf Uhr abends am Neumarkt vorbeikam, und staunend stehenblieb: Da waren immer noch Leute zwischen den Ausstellungsstücken unterwegs. 

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"Bildungsstandards behandeln Kinder wie defizitäre Erwachsene"

Seit dem Mathe-"Brandbrief" streitet die Bildungsrepublik mit besonderer Heftigkeit über Kompetenzen und Kompetenzbegriffe. Der Gastbeitrag eines hessischen Gymnasiallehrers.

Foto: Mike Wilson; Abbildung aus Lambacher Schweizer "Algebra 1", 2. Auflage, Klett-Verlag 1966.

SIE ERINNERN SICH vielleicht: Vor einem Monat habe ich an dieser Stelle die 130 Schreiber eines Mathe-Brandbriefs kritisiert. Sie unterlägen einer Fehlwahrnehmung, wenn sie einen Verfall der Matheleistungen beklagten und den Missstand dann auch noch der Etablierung von Bildungsstandards zuschrieben. Was folgte, war eine heftige Debatte in meinem Blog. Mit einigem Abstand erhielt ich nun den Brief eines Mathelehrers. Er hatte die Stellungnahme herausgekramt, die seine Fachschaft an einem hessischen Gymnasium 2010 ans Kultusministerium geschickt hatte. Gegenstand: die bevorstehende Einführung von Bildungsstandards. Die Stellungnahme von damals liest sich wie eine hervorragende Replik auf meinen Essay. Darum veröffentliche ich sie hier mit Zustimmung des Autors, der lieber ungenannt bleiben möchte.


Die Lehre vom Raben und der Ameise

 

VOR LANGER, LANGER Zeit, da gab es einen Raben, der zeigte Schülern und Lehrern, wann es besonders schwierig und anspruchsvoll wurde. Zum Beispiel im Lambacher Schweizer „Algebra 1“ von 1966. Viele schreckte der Rabe im Mathebuch ab, aber manchmal passte das Bedürfnis eines Schülers mit dem Angebot des Raben zusammen. Und hin und wieder geschah es dann, dass ein Schüler das Aha-Erlebnis seiner Schulzeit hatte, die Mathematik auf neue Weise lieben lernte und einen unumkehrbaren Entwicklungsschritt in seinem Leben machte.

 

Häufiger als der Rabe war in den Mathebüchern jener Jahre allerdings die Ameise anzutreffen. Sie kennzeichnete Aufträge, die nur durch großen Fleiß und langanhaltendes sorgfältiges Ausführen bekannter Operationen, zu bewältigen waren. Darüber möchte man heute gern die Nase rümpfen, bei Schülern, jüngeren zumal, hatten diese Aufgaben keinen schlechten Ruf. Das gute Gefühl, das der Lohn dafür war, etwas richtig zu machen sorgte dafür, dass man die Monotonie der Aufgabe nicht als ermüdend wahrnahm. Kam ein Schüler an den Punkt, sich von der Ameise zu verabschieden, dann war auch hier ein Reifungsschritt vollzogen. Viele waren aber froh, dass ihnen die Ameise im ungeliebten Fach Mathematik wenigstens zu einer befriedigenden Note verhalf.

 

Seit der Zeit des Raben und der Ameise hat die Aufgabenkultur des schulischen Mathematik­unterrichts ungeheuer an Vielfalt gewonnen. Lag früher der Blick fast ausschließlich auf der fachlichen Schwierigkeit, so hat seitdem der Blick auf den Schülerauftrag eine Vielzahl von Perspektiven hinzugewonnen. Der ungewöhnliche Auftrag, die Umkehrung von Frage und Antwort, die Skizze, die konstruierte Einkleidung in einen Bezug zur „Lebensumwelt“, die Aufforderung zur Kommunikation, - in manchen Schulbüchern ist heute die Ausnahme zur Regel geworden. Den Unterrichtserfolg eines so unterrichtenden Lehrers bewirkt dann der Paukunterricht des Nachhilfeinstituts.

 

Zweck des Raben und seiner vielen Abkömmlinge ist es, den Blick des Schülers auf die fachliche Substanz des zu behandelnden mathematischen Gegenstandes zu lenken. Damit kein Schüler denke, mit der erlernten Routine sei der Kern des neu zu Lernenden bereits erfasst. Der erfahrene Lehrer postiert deshalb seine Raben wohlüberlegt und sparsam dosiert in seinen Unterrichtsgang. Sie sind unverzichtbare Angebote, den Sachverhalt tiefergehend zu verstehen. Aber was der Rabe in einer heterogenen, kommunikativen, in rascher persönlicher Veränderung befindlichen Lerngruppe beim Einzelnen bewirkt, ist unmöglich zu kalkulieren.

 

Nicht alles muss immer so bleiben, wie es war, aber dieser Reformentwurf gehört eingestampft. Und zwar aus vier Gründen:

 

1. Kinder und Jugendliche werden durch den Bildungsstandardansatz wie defizitäre Erwachsene behandelt. Die altersgemäßen Belange und die Heterogenität der individuellen Entwicklung werden ausgeblendet. So passen zum Beispiel Wiederholen, Sammeln, Ordnen und Motorisches besser zu Zehnjährigen als das x-te Säulendiagramm als Vorübung zur Powerpoint-Präsentation.

 

2. Die entwicklungspsychologische Erkenntnis, dass sich Kinder und Jugendliche von sich aus auf ihre Weise weiterentwickeln wollen, bleibt völlig unbeachtet. Die Grundlagen lassen sich in behavioristischer Manier fortschreitend aufbauen und abprüfen. Wenn es aber anspruchsvoller wird, dann macht der Lehrer, wie jeder gute Erzieher Angebote. Angebote, die das Kind wahrnimmt, wenn alles passt.

 

3. Dass die Fachkonferenz das unlösbare Problem beschließen soll, jeden Schüler vor eine „Anforderungssituation“ zu stellen, in der die „Performanz“ seines „Kompetenzerwerbs“ „überprüfbar“ wird, das ist ein schlechter Witz! Die Bildungsstandardtests und die neuartigen Versuche, das Abitur mit Kompetenz anzureichern, zeigen jedem, der es sehen will, dass sich Kompetenz im Sinne dieser Bildungsstandards weder beibringen noch abprüfen lässt. Ein guter Lehrer wird sich natürlich freuen, wenn er einen kompetenten Schüler hat und er wird andererseits in einem Elterngespräch darauf hinweisen, was Mathematik jenseits von Routinen auf dem Gymnasium noch ist.

 

4. Die nervige Wiederholung der grauenhaften Wortbildung „Lebensumwelt“ zeigt, wie die Autoren der Bildungsstandards die Funktion von Schule vollkommen verkennen. Die „Lebensumwelt“ unserer Kinder ist oft genug die Spielkonsole, der Fernseher, vielleicht der Sport, eventuell Musik. Die Schnittmenge der Lebensumwelt hessischer Schüler mit Eltern aus allen Ländern der Welt ist, na was wohl, die Schule. 

 

Noch schlimmer: Wer je als Berufstätiger oder als Hochschulassistent mit einem Anwendungsproblem konfrontiert wurde, das unter Zeit-, Ökonomie- und Erfolgsdruck mathematisch behandelt werden musste, der kennt dessen unüberschaubare Komplexität und die rein am Ergebnis orientierten Methoden seiner Lösung.

 

Die Schule braucht das genaue Gegenteil. Ohne weltfremd zu sein, muss sie dazu stehen, eine Welt für sich zu sein, geschaffen zu dem Zweck, Kinder und Jugendliche vor altersgerechte Anforderungen zu stellen, an denen sie reifen können. Sie muss Inseln schaffen, auf denen man etwas begreifen, einsehen und verstehen kann, - wo man exemplarisch von einer Einsicht zur nächsten voranschreiten kann. Alles, was hier passt, und dazu gehören natürlich auch Anwendungsprojekte, hat seinen Platz in der Schule, egal ob „Lebensumwelt“ drin ist oder nicht.

 

Wäre ich Kultusminister, dann würde ich den alten Fachlehrplan beibehalten. Eventuell könnte man ihn jeweils in Doppeljahrgänge zusammenfassen. Wollte ich die Kompetenz der Schulabgänger im Sinne der vorgelegten Bildungsstandards erhöhen, so würde ich ein weiteres Schuljahr einführen, damit ein Schüler insgesamt neun Jahre am Gymnasium verbringt. Damit die Lehrer nicht in gar zu öden Bahnen des herkömmlichen Fachunterrichts verharren, würde ich Wettbewerbe mit kreativen Ideen wie etwa den Känguru-Wettbewerb, Mathematique sans frontières oder den Mathematikwettbewerb des Landes Hessen nach Kräften fördern. Schulen müssten genug Personal und Sachmittel für Mathematik-, Forscher- und Informatik-AGs haben, die heute wegen Lehrermangel kaum noch stattfinden. Ebenso bräuchten die Schüler genügend Muße, um daran teilnehmen zu können. Die Kompetenz der so gebildeten Schüler wird dann allemal hoch genug sein, um dazuzulernen, was im „Anwendungsbezug“ zählt, und mit welcher Technik man dafür sorgt, dass man ihnen zuhört.

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Wo Fakten allein eben nicht reichen

Wenn es um Essen geht, ist Gentechnik ist immer noch das Sorgenthema der Deutschen schlechthin – während andere Risiken massiv unterschätzt werden. Was folgt daraus für die Wissenschaft?

DIE UMFRAGE ERSCHIEN pünktlich zum Science March, und doch hat sie bislang kaum einer wahrgenommen. Dabei ist der "BfR-Verbrauchermonitor", den das Bundesinstitut für Risikobewertung alle sechs Monate veröffentlicht, alles andere als eine gewöhnliche Konsumentenumfrage. Es geht darin nicht um irgendwelche Vorlieben, Gewohnheiten oder die neusten Luxustrends; der Verbrauchermonitor handelt von Ängsten, falschen Wahrnehmungen und echten Risiken. Was lässt die Menschen in Deutschland um ihre Gesundheit fürchten? Wo vermuten sie die größten Gefahren für sich und ihre Familie?

 

Die Ergebnisse der repräsentativen Studie sind aus Sicht der Wissenschaft besorgniserregend. Zumindest wenn die Wissenschaft ihr am Samstag in die Innenstädte herausgerufenes Ziel, sich den Nicht-Wissenschaftlern stärker erklären zu wollen, ernst nimmt.

 

Bei der Frage nach den größten gesundheitlichen Risiken kommen im "Verbrauchermonitor" noch die nachvollziehbaren Antworten: zuerst das Rauchen, dann Klima- und Umweltbelastungen, ungesunde Ernährung, Alkohol. Als nächstes aber wollte das BfR von den Verbrauchern wissen, von welchen "Gesundheits- und Verbraucherthemen" sie überhaupt schon einmal gehört haben. 93 Prozent pickten "gentechnisch veränderte Lebensmittel" aus der ihnen präsentierten Liste – von keinem zweiten Thema hatten die Befragten häufiger gehört. Mit deutlichem Abstand folgten gefährliche Zusätze und Bakterien in Lebensmitteln (74 Prozent und weniger). Und welche Themen beunruhigen die Befragten am meisten? 56 Prozent antworteten wiederum: gentechnisch veränderte Lebensmittel, der zweithöchste Wert nach Antibiotikaresistenzen (59 Prozent). Fast am Ende der Skala: mangelnde Lebensmittelhygiene zu Hause, um die sich nur 13 Prozent Gedanken machen.

 

Warum das besorgniserregend ist? Weil es der Wissenschaft, den zuständigen Behörden, aber auch den Medien offenbar nicht gelungen ist, den Menschen zu vermitteln, wo die wirklichen Risiken für ihre Ernährung liegen. Und ihnen gleichzeitig zu verdeutlichen, dass es absolute Sicherheiten und Wahrheiten in der Forschung nie geben kann.

 

Genau diese aber, so scheint es, erwarten die Menschen von der Gentechnik, zu der man ja persönlich stehen kann, wie man mag. Fest steht indes: Obwohl seit über 40 Jahren daran geforscht wird, hat bislang keine Studie eindeutige Belege für eine gesundheitliche Gefährdung von Menschen durch gentechnologisch veränderte Lebensmittel, etwa den so genannten "Gen-Mais", gefunden. So sagen es zumindest die allermeisten Forscher in großer Übereinstimmung. Was nicht bedeutet, dass es die Gefahren nicht gibt, aber sollten sie da sein, verstecken sie sich sehr gut.

 

Weniger einig sind sich die Wissenschaftler beim Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat, das gerade (aber nicht nur!) beim Anbau von Genmais eingesetzt wird. Während die Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation (IARC) Glyphosat 2015 als "wahrscheinlich krebserzeugend" einstufte, halten viele Experten eine solche Aussage für nicht falsch, aber wenig informativ, weil man diese Potenzialaussage richtigerweise über sehr viele Lebensmittel, zum Beispiel über rotes Fleisch, treffen könne. Am Ende komme es wie überall auf die Dosis an. Der BfR-Pestizidexperte Roland Solecki sagte in der Süddeutschen Zeitung (nicht online): "Richtig angewendet löst Glyphosat keinen Krebs aus." >>



>> Bei anderen potenziellen Risiken fällt der Expertenstreit wiederum flach. Beispiel Kräutertees. Viele von ihnen enthielten in Tests aufgrund versehentlich mitgeernteter Wildkräuter so genannte Pyrrolizidinalkaloide, mit denen sich die Pflanzen in der Natur vor Fressfeinden schützen. Die Wissenschaftler vermuten einmütig, dass die Stoffe beim Menschen Krebs verursachen können. Besonders verbreitet sind Pyrrolizidinalkaloide übrigens in Babytees. 

 

Noch gefährlicher ist mangelnde Hygiene im Haushalt. Die so genanntem Campylobacter- Bakterien lösen ansteckende Durchfallerkrankungen aus, weswegen jedes Jahr geschätzte 75.000 Menschen klinisch versorgt werden müssen, insgesamt erleiden rund eine Million Menschen in Deutschland pro Jahr eine Lebensmittelvergiftung. BfR-Präsident Andreas Hensel nannte kürzlich in einem Interview mit den Zeitungen der Funke-Mediengruppe ein Beispiel: "Eine Gruppe junger Leute trifft sich zum Grillen. Da fasst einer den rohen Hühnerschenkel an und nimmt dann mit der gleichen Hand das fertige Würstchen vom Grill. Wer das isst, nimmt genügend Bakterien für fünf Tage Durchfall auf. " 

 

Auch eine erneute Ehec-Epidemie wird durch mangelndes Gefahrenbewusstsein der Konsumenten wahrscheinlicher. Sobald rohe tierische und pflanzliche Lebensmittel im Kühlschrank nicht getrennt würden, steige das Risiko, sich mit der bakteriellen Darmerkrankung anzustecken, sagte der Mikrobiologe Helge Karch, Direktor des Instituts für Hygiene am Universitätsklinikum Münster, laut dpa – das gelte erst recht, wenn die Leute sich nicht häufig genug die Hände wüschen. 

 

Die Risiken in Sachen Ernährung scheinen also klar verteilt – und trotzdem sorgen sich die Menschen in Deutschland seit vielen Jahren konstant vor allem um die Folgen der Grünen Gentechnik – und kaum um die Gefahren ihres eigenen gedankenlosen Verhaltens. Was läuft da falsch? Und welche Verantwortung trägt dafür die Wissenschaft? Das BfR selbst gibt in seiner Pressemitteilung zur Studie folgende, auf den Science March gemünzte Antwort: Die Ergebnisse des aktuellen Verbrauchermonitors zeigten, "wie wichtig es ist, Erkenntnisse und überprüfbare Resultate aus der Forschung stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken." 

 

Wobei das womöglich nur ein Teil der Antwort ist. Die Wissenschaft kommuniziert die aufgezählten Erkenntnisse zu Kräutertees, Ehec oder Kühlschrankhygiene ja längst aktiv in die Öffentlichkeit hinein. Wer (und das noch nicht mal besonders aufmerksam) die Nachrichten verfolgt, kommt an den Warnhinweisen nicht vorbei. Umgekehrt sagt die Forschung jedem, der es hören will oder auch nicht, dass keine belastbaren Belege zu den Gefahren zum Beispiel der Gentechnik existieren. Doch während die real vorhandnen, enormen Schadenpotenziale der alltäglichen Lebensmittelhygiene von vielen Leuten ignoriert werden, wird aus den nicht bis zum letztem ausschließbaren Restrisiko der Gentechnik für weite Teile der Bevölkerung eine Bedrohung fundamentalen Ausmaßes. 

 

Warum? Weil häusliche Hygiene irgendwie vertraut ist und man über Leute, die von der Toilette kommen, ohne sich die Hände zu waschen, den Kopf schüttelt, um es dann gleich wieder zu vergessen. Weil ein bisschen Durchfall ja jeder mal hat und das mit dem Krebs im Kräutertee seltsam abstrakt bleibt. Umgekehrt kommt die Grüne Gentechnik daher als etwas Undurchschaubares, in seiner Komplexität kaum Begreifbares, über das man keine Kontrolle hat, von dem man fürchtet, das wirtschaftliche Potenzial dahinter könnte Wissenschaft und Politik korrumpieren, nicht die ganze Wahrheit über die Gefahren zu sagen. 

 

Gegen dieses dumpfe Gefühl kommt die Wissenschaft nicht an, indem sie einfach noch mehr auf die Faktenbasis pocht. Dieses dumpfe Gefühl geht nur weg, wenn sich die Wissenschaft der Gesellschaft auf Augenhöhe nähert. Wenn aus einem "Belehren" ein "Voneinander Lernen" wird. Ein Gespräch statt einer Einweg-Kommunikation. Um den Leuten ein Stück Kontrollgefühl zurückzugeben. Dann sinkt ihre Angst, und die Akzeptanz nimmt zu. 

 

Bei der Gentechnik ist diese Chance versäumt, und das in Deutschland wohl endgültig. Stand 2017 existiert kein einziger Freilandversuch mehr mit gentechnisch veränderten Pflanzen in der Bundesrepublik. Die weltweit führenden Genforscher tun ihre Arbeit abseits von Deutschlands Hochschulen und Universitäten.

 

Doch, und ausgerechnet hier macht der aktuelle BfR-Verbrauchermonitor Mut, die Wissenschaft erhält gerade eine zweite Chance. In der Szene ist es schon seit Jahren das neue Zauberwort: Genom Editing. Die Genschere werde Aids und Krebs heilbar machen, die Gefahr zunehmender Antibiotikaresistenzen beseitigen, so erhoffen es sich zumindest die Vorreiter der neuen Technik. Das mag übertrieben sein, doch um es herauszufinden, muss das Potenzial des Genom Editings erstmal ausgeforscht werden. Doch geht das überhaupt im Gentechnik-feindlichen Deutschland? Möglicherweise ja. Denn laut BfR-Zahlen ist das Genom Editing nur 14 Prozent der befragten Verbraucher überhaupt ein Begriff bislang. Und lediglich sieben Prozent machen sich Sorgen darum.

  

Mit anderen Worten: Hier kann die Wissenschaft noch vieles, vielleicht alles richtig machen in Sachen Wissenschaftskommunikation. Die Frage ist, wie lange noch. 


Fotonachweise:

Azri: "fridge", CC BY-NC-ND 2.0; Oregon Department of Agriculture: "Corn Field", CC BY-NC-ND 2.0

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Reden ist Gold

Eine aktuelle Pisa-Auswertung zeigt in neuer Schärfe, wie stark das Elternhaus über die Zufriedenheit und auch die Lernleistung der Jugendlichen entscheidet.

Screenshot www.oecd.org: Titelseite der Studie
Screenshot www.oecd.org: Titelseite der Studie

EIN ALTER SPRUCH hat gerade Hochkonjunktur in der öffentlichen Debatte über unsere Schulen. "Leistung muss sich wieder lohnen", lautet er. Das Abitur: entwertet, weil zu viele es machen. Die Noten: inflationär, weil die Lehrer Konflikte mit den Eltern scheuen. Und: Während neue Schulformen wie die Sekundarschule die Leistungsschwachen fördern sollen, verkommen die Gymnasien. Die Schlussfolgerung: Richtig gerecht ist unser Schulsystem erst wieder, wenn die Leistungsstarken und Leistungsbereiten ihre gesellschaftliche Belohnung erhalten. Und diese gesellschaftliche Belohnung heißt Distinktion. Durch höhere Bildungsabschlüsse. Durch Erfolg im Beruf. Durch mehr Geld und Einfluss. 

 

So ähnlich, wenn auch gelegentlich verdruckster, konnte man es in zahlreichen Zeitungskommentaren der vergangenen Monate nachlesen, vor allem seit die jüngsten Pisa- und Timss-Ergebnisse eine Stagnation der Schülerleistungen in Deutschland gezeigt haben. Und stimmt es nicht auch? Haben wir uns von Bildungspolitik und Bildungsforschung zu sehr auf einen pädagogischen Kurs des Mittelmaßes und der falsch verstandenen Standardisierung einschwören lassen?

 

Ausgerechnet von den Pisa-Machern kommt nun eine Nachfolgeuntersuchung, die die gefühlte Plausibilität einer solchen Argumentation nein: nicht ins Wanken bringt. Sondern sie geradezu ad absurdum führt. Nichts gegen Leistung. Das Problem, die himmelschreiende Schieflage unseres (und nicht nur unseres!) Bildungssystems, besteht darin, dass das, was wir in der Schule unter "Leistung" verstehen, aufs Engste verknüpft ist mit den sozialen Voraussetzungen, unter denen Schüler aufwachsen. Das ist nicht, das KANN nicht gerecht sein. 

 

Allgemein formuliert und in abstrakten Korrelationen errechnet kennen wir diesen gefährlichen Zusammenhang schon lange. Doch so theoretisch daherkommend berührt er uns kaum noch, weswegen die öffentliche Debatte überhaupt in die oben beschriebene Richtung laufen konnte. Was aber bedeutet soziale Ungleichheit, die zu ungleichen Schülerleistungen und damit zu Lebenschancen führt, konkret? Mit besonderer Pointiertheit können wir es nun nachlesen in den Daten, die diese Woche von der OECD veröffentlicht wurden. Sie stammen aus einer ergänzenden Befragung unter den 15 Jahre alten Schüler aus insgesamt 68 Ländern, deren Leistungsniveau in PISA 2015 getestet wurde. Andreas Schleicher, der für Pisa verantwortliche OECD-Bildungsdirektor, nennt die Ergebnisse "den „spannendsten Pisa-Report, den wir bisher herausgegeben haben“. Und er hat Recht. 

 

In der Befragung stand das subjektive Wohlbefinden der Jugendlichen im Vordergrund und die Bedingungen, unter denen ihr Alltag abläuft. Frühstücken sie morgens, bevor sie zur Schule gehen? Treiben sie Sport? Leiden sie unter Hänseleien? Wollen sie zu den Besten in ihren Klassen gehören? Und eben auch: Wie viel Zeit verbringen sie in ihrer Familie, mit ihren Eltern? Reden die Eltern mit ihren Kindern?

Sicherlich kann man sich nun, wie die Tagesschau, in der Berichterstattung auf die Besorgnis erregenden Zahlen zum Mobbing konzentrieren. Jeder sechste Jugendliche berichtete, regelmäßig Opfer zu werden – ein im internationalen Vergleich übrigens nicht einmal besonders hoher Wert.  Man kann, wie die WELT, den mangelnden schulischen Ehrgeiz vieler Jugendliche kritisieren, weil in Deutschland nur knapp 40 Prozent antworteten, sie wollten zu den Besten in ihrer Klasse gehören. Oder man drückt, wie die Süddeutsche Zeitung, seine "Überraschung" aus: "Wenn Eltern oft mit ihren Kindern sprechen, sind diese mit größerer Wahrscheinlichkeit glücklicher und erfolgreicher in der Schule." Punkt. 

 

Kann es tatsächlich so einfach sein? Entscheiden sich Schülerkarrieren auch und gerade daran, ob Eltern mit ihren Kindern reden, ob sie sich genügend Zeit dafür nehmen und wirklich für das interessieren, was die Kinder ihnen zu sagen haben? Ja, so berichtet es die Pisa-Auswertung: Während Eltern-Lehrer-Gespräche über die schulische Situation der Jugendlichen kaum Einfluss auf deren Zufriedenheit und Leistungsbereitschaft ausüben, sind Kinder, deren Eltern regelmäßig mit ihnen reden (übrigens egal, worüber!), mit einer 60-prozentigen Wahrscheinlichkeit zufriedener als ihre Altersgenossen. Und im Schnitt bei Pisa rund 20 Leistungspunkte besser – was immerhin rund einem halben Schuljahr entspricht.


Aber, aber, kann man entgegnen: Reden mit ihren Kindern können ja nun alle Eltern. Auch die weniger gebildeten. Schon richtig. Aber viele Eltern, auch das steht in der Pisa-Auswertung, empfinden es als schwierig, mit ihren Kindern zu kommunizieren – aufgrund ihrer Arbeitszeiten, weil sie zu wenig Unterstützung bei der Kinderbetreuung haben oder weil sie schlicht keine gemeinsame Sprache finden. Gerade sozial schlechter gestellte Eltern, berichtet die OECD, sind ihren Kindern zufolge seltener interessiert an dem, was bei ihnen in der Schule los ist. Gleichzeitig wirkt sich die soziale Situation der Schüler selbst auf ihre Leistungsbereitschaft und ihren Ehrgeiz aus. Anders formuliert: Benachteiligte Schüler sind die weniger engagierten Lerner. Warum wohl? Siehe oben. 

 

Wenn und solange basale Unterschiede wie die Kommunikation im Elternhaus oder auch das gemeinsam eingenommene Abendessen über die Lebenszufriedenheit der Schüler mitbestimmen, solange der soziale Wohlstand der Familie signifikanten Einfluss auf die schulischen Leistungen eines Schülers hat, so lange hört sich die plakative Forderung "Leistung muss sich wieder lohnen!" schief an. Bitte, gern, möchte man antworten, aber lasst uns zunächst einmal ähnliche Voraussetzungen für Leistung schaffen – und genau das war und ist eines der zentralen Ziele der zuletzt heftig kritisierten Bildungsexpansion. Durch mehr Beratung für die Eltern. Durch bessere Betreuungsangebote für die Kinder und Jugendlichen. Und durch Schulen, die nicht einfach blind davon ausgehen, dass alle schon irgendwie dieselben Chancen haben. Und wenn die einen dann schlechtere Leistungen bringen, sind sie selber schuld. 

 

An ausgerechnet dieser Stelle stimmen die Pisa-Ergebnisse optimistisch. Schulen und Lehrer seien sehr wohl imstande, steht da, die ungleichen Lebensbedingungen der Schüler zumindest teilweise auszugleichen – indem sie ihnen Mut machen, sie unterstützen und ihnen gute Leistungen zutrauen. Tun die Lehrer letzteres, ist das schon die halbe Miete – und eine bessere Note wahrscheinlicher. 

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"Wir müssen das konfrontative Denken hinter uns lassen"

Thüringens neues Hochschulgesetz ebnet den Weg zur Viertelparität. Wissenschaftsminister Tiefensee widerspricht Vorwürfen, das sei Symbolpolitik, und sagt, warum er nur dieses Modell für demokratisch hält.

Wolfgang Tiefensee. Foto: TMWWDG
Wolfgang Tiefensee. Foto: TMWWDG

Die rot-rot-grüne Koalition in Thüringen will die Viertelparität einführen. Ist das jetzt besonders fortschrittlich oder einfach nur rückwärtsgewandt?

 

Wir haben im Koalitionsvertrag verabredet, die Demokratie an den Hochschulen zu stärken. Das geht nur, wenn alle Statusgruppen im Senat auf Augenhöhe miteinander kommunizieren.

 

„Statusgruppen“: Hinter dem sperrigen Begriff steckt die Idee der Gruppenhochschule, entstanden in den 1960er Jahren als Gegenentwurf zur „Ordinarienuniversität“, in der die Professoren allein das Sagen hatten. Studenten, wissenschaftliche Mitarbeiter, die übrigen Mitarbeiter und die Professoren regieren gemeinschaftlich die Hochschule: Ist diese Vision der 68er nicht längst an der Realität gegenseitigen Blockierens gescheitert?

 

Das glaube ich nicht. Eine Hochschule gründet eben nicht nur auf der Professorenschaft und der Hochschulleitung. Gerade wenn wichtige Zukunftsentscheidungen anstehen, die mittelbar und unmittelbar die unterschiedlichsten Gruppen betreffen, braucht es eine gründliche Vorbereitung, die Rückbindung in die Mitte der Hochschule hinein. Meine langjährige politische Erfahrung lehrt mich, dass mehr Mitbestimmung nicht der Blockade Vorschub leistet, sondern die gemeinsame Motivation und den Gestaltungswillen stärkt. Vielerorts wird dieses kollegiale Miteinander auf Augenhöhe ja auch in den jetzigen Strukturen längst gelebt, wir wollen das befördern und zur Regel machen. >>


Die Thüringer Rektoren sind gegen die Pläne

"Hochschulreform soll Macht der Professoren brechen", titelte die Thüringer Allgemeine Anfang vergangener Woche in einem Artikel zu Tiefensees Hochschulreform. Die Viertel- bzw. an den Fachhochschulen die Drittelparität bringe eine paritätische Besetzung des wichtigsten universitären Entscheidungsgremiums, des Senats: "Damit werden die Studenten den Professoren gleichgestellt."

 

Klingt sensationell. Tatsächlich treibt das Thema "Viertelparität" die deutschen Hochschulen seit Jahren um. Nordrhein-Westfalens rot-grüne Landesregierung schrieb schon 2014 die Stimmengleichheit ins Hochschulgesetz – räumte allerdings den Hochschulen die Möglichkeit ein, auch alternative Modelle zu entwickeln – solange sie auf mehr Teilhabe hinausliefen. Schleswig-Holstein wiederum hat vergangenes Jahr im Erweiterten Akademischen Senat der Hochschulen die Viertelparität eingeführt.

Sowohl in NRW als auch in Schleswig-Holstein gilt allerdings eine entscheidende Einschränkung, die auch das neue Thüringer Hochschulgesetz vorsieht: In Angelegenheiten, die Forschung und Lehre betreffen, entscheidet auch künftig die Professorenmehrheit. 

Zuletzt hatte es an der Technischen Universität Berlin Streit um die Stimmenverteilung  gegeben. Vergangenen Juni hatte der dortige Erweiterte Akademische Senat (EAS) mit nur einer Stimme Mehrheit für die Viertelparität gestimmt, doch musste

die Abstimmung wegen eines Formfehlers wiederholt werden. Im Februar einigte man sich nach heftigen Debatten im EAS, einen Kompromissentwurf der eigens eingerichteten "AG Partizipation" abzuwarten, der nun im Juni kommen soll.  Darin soll es jedoch nicht mehr um Viertelparität im EAS gehen, sondern um die "Einrichtung eines viertelparitätisch besetzten neuen Gremiums für die Präsidiumswahl".  

 

Die Thüringer Landesrektorenkonferenz (LRK) lehnt die geplanten Änderungen der Hochschulgovernance ab. Es gebe keine Notwendigkeit, die derzeitige Struktur grundsätzlich neu auszurichten.  "Die bisherige Praxis von Zuständigkeiten, Entscheidungskompetenz und Verantwortung (hat sich) bewährt“, sagte der LRK-Vorsitzenden und Illmenauer Rektor, Peter Scharff schon im vergangenen Herbst. Der Präsident der Universität Jena, Walter Rosenthal sieht das genauso, ergänzt jedoch: "Wenn schon Viertelparität, dann nach dem Modell, wie es das Ministerium jetzt vorgeschlagen hat." (zu den geplanten Zahlenverhältnissen siehe Interview)


Die Neuformulierung des Thüringer Hochschulgesetzes ist auch deshalb spannend, weil der Freistaat das erste Bundesland ist, das nach einem viel beachteten Urteil des Verfassungsgerichtshofs von Baden-Württemberg zur Reform schreitet. Der Verfassungsgericht, dessen Entscheidungen für Thüringen nicht bindend sind, hatte die Macht der Professoren deutlich gestärkt. 



>> Braucht es dafür aber überhaupt die Stimmengleichheit aller vier Gruppen? Im Gegensatz zur Viertelparität haben die Professoren in den meisten Hochschulsenaten in Deutschland so viele Stimmen wie die anderen drei Statusgruppen zusammen.

 

Und genau das ist unseres Erachtens nicht demokratisch. Wer den drei Statusgruppen lediglich ein Beratungs- oder Anhörungsrecht anräumt, macht sie zu Zaungästen, verschleudert Potenzial und verringert die Akzeptanz gegenüber den getroffenen Entscheidungen. Übrigens reden wir nicht nur von Demokratie und Transparenz, wir leben sie selbst, auch und gerade bei der Formulierung unseres neuen Hochschulgesetzes. In Dialogforen an den sieben Hochschulstandorten haben wir unser Vorhaben mit 700 Vertretern aller Statusgruppen öffentlich diskutiert und ihre Anregungen entgegengenommen. Anschließend hatten Hochschulexperten in zwei Werkstattgesprächen die Gelegenheit, unsere Eckpunkte zum Gesetz zu kommentieren. Das soll Markenzeichen unseres Hause sein: frühzeitige Beteiligung. Betroffene werden nicht erst einbezogen, wenn der Gesetzesentwurf längst fertig und quasi in Stein gemeißelt ist.

 

Wenn wir schon über Symbolhandlungen sprechen: Ist nicht auch die von Ihnen so beschworene Viertelparität in Wirklichkeit eine? Tatsächlich haben die Professoren ja doch das letzte Wort.

 

Nur bei exakt festgelegten Entscheidungen!

 

1973 hat das Bundesverfassungsgericht entschieden, dass die Professoren bei allen Belangen, die Forschung und Lehre unmittelbar betreffen, mindestens die Hälfte der Stimmen oder sogar die Mehrheit der Stimmen in Senat und Fakultätsräten haben müssen. Neuere Verfassungsgerichtsurteile haben das zuletzt bestätigt. Wie wollen Sie das mit der Viertelparität zusammenbekommen?

 

Das war in der Tat eine zentrale Fragestellung: Wie definiert man die unterschiedlichen Beratungsgegenstände. Ich bin überzeugt, dass wir eine gute und verfassungskonforme Lösung gefunden haben, indem wir einem Katalog ins Gesetz aufgenommen haben, der festlegt, was die von Ihnen zitierten Belange von Forschung und Lehre sind. Und wenn es an den Hochschulen doch einmal unterschiedliche Auffassungen dazu zwischen den Statusgruppen gibt, dann regelt das Gesetz auch, wie solche Streitigkeiten zu lösen sind.

 

Wie aber muss man sich das praktisch vorstellen? Mal haben die Professorenvertreter im Senat mehr Stimmen, mal weniger?

 

Genau das wollten wir vermeiden. Wir wollen, dass das Prinzip „eine Person=eine Stimme“ weiter gilt. Darum erweitern wir bei den Entscheidungen, die die Professorenmehrheit erfordern, den Senat um zusätzliche Professorenvertreter. So wird verhindert, dass eine zahlenmäßig extrem kleine Gruppe mit aufgewerteten Stimmen für die Professorenschaft insgesamt entscheiden kann.

 

Die Statusgruppe der Professoren wächst dann je nach Entscheidung auf ihre dreifache Größe?

 

So ist es.

 

Das klingt kompliziert. Vor allem, wenn man bedenkt, dass vermutlich die große Mehrheit der Entscheidungen, die ein Senat oder ein Fakultätsrat zu treffen hat, unmittelbar Forschung und Lehre betrifft. Darum nochmal meine Frage: Ist die Viertelparität nur eine schöne Kulisse, hinter der die Macht der Professoren sogar noch wächst?

 

Sie haben Recht, ein großer Teil der Entscheidungen erfordert die Professorenmehrheit. Aber es gibt darüber hinaus äußerst wichtige Weichenstellungen für eine Hochschule, die die Viertelparität erfordern. Das betrifft zum Beispiel die Stellungnahme zum Wirtschaftsplan einer Hochschule oder die Entscheidung über die Gebührenordnung, die Bestellung der Gleichstellungs- und Diversitätsbeauftragten. Sie bekommen übrigens auch zusätzliche Antragsrechte. Überhaupt darf man das Thema Mitbestimmung nicht nur auf den Senat verengt betrachten. So werden die Hochschulen künftig auch so genannte Studienkommissionen einrichten, in denen die Studierenden über Prüfungs- und Studienangelegenheiten mitentscheiden können. 

 

Gleichzeitig wird aber die Macht von Präsidium und Hochschulrat zurückgeschnitten zugunsten der Professoren im Senat.

 

Auch das ist eine Folge jüngerer Verfassungsgerichtsentscheidungen, vor allem des so genannten MHH-Urteils zur Medizinischen Hochschule Hannover. Der Hochschulrat bleibt aber kritischer Freund der Hochschule, er bekommt sogar zusätzliche Verantwortung in Budgetfragen. Er muss als eine Art Aufsichtsrat dem Wirtschaftsplan zustimmen, den die Hochschule aufstellt. Das Ressortprinzip im Präsidium wird gestärkt, wodurch die Vizepräsidenten an Einfluss gewinnen. Der Präsident oder die Präsidentin hat die Richtlinienkompetenz, erhält sogar zusätzlich neu die Ernennungszuständigkeit für Professoren vom Ministerium übertragen. Kurzum: Wir haben künftig eine klare Aufgaben- und Kompetenzverteilung zwischen Senat, Hochschulrat und Präsidium.

 

Aber anders als bislang kann kein Präsidiumsmitglied mehr gewählt werden, ohne die Professorenmehrheit im Senat zu haben – selbst wenn Hochschulrat und alle anderen Senatsmitglieder dafür sind. Und der Hochschulrat selbst wird komplett vom Senat gewählt und abgewählt. Welches Präsidium, welcher Hochschulrat legt sich da noch mit den Professoren an?

 

Die Präsidien und Hochschulräte haben weiter eine starke Stellung. Das können Sie schon daran sehen, dass eine Zweidrittelmehrheit im Senat nötig wäre, um ihre Mitglieder abzuwählen. Ich glaube aber, wir müssen ein gelegentlich anzutreffendes konfrontatives Denken hinter uns lassen. Auch hier zeigt das neue Hochschulgesetz Wege auf. 

 

Welche meinen Sie?

 

Bislang gab es ein ständiges Gremium, das Senat und Hochschulrat vereint, nur an einer Thüringer Hochschule und zwar unter Nutzung einer Experimentierklausel. Künftig kommen Senat und Hochschulrat an allen Hochschulen mindestens einmal im Jahr zur so genannten Hochschulversammlung zusammen, um übergeordnete strategische Fragen zu besprechen oder Präsidiumsmitglieder zu wählen. Die Hochschulen können sich sogar entscheiden, Senat und Hochschulrat dauerhaft zusammenzulegen, die Hochschulversammlung wird dann zur ständigen Einrichtung und ersetzt das separate Tagen der beiden Gremien. Das ergibt ganz neue, faszinierende Debattenkonstellationen. Wer neue Formen der Mitbestimmung an den Hochschulen für rückwärtsgewandt hält, der sollte da mal zuhören kommen.

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"Für eine Gesellschaft, in der sich das Lügen nicht mehr lohnt"

Kurz vor dem Science March habe ich mit Claus Martin, einem der deutschen Initiatoren, über seine Motive und die Erfahrungen der vergangenen Monate gesprochen.

Claus Martin. Foto: privat
Claus Martin. Foto: privat

CLAUS MARTIN IST Opern-Regisseur und Musical-Komponist. Und einer der Initiatoren des Science March Germany. Wie passt das zusammen, habe ich mich gefragt – und dann im Auftrag von Spektrum.de ihn. Martins Antwort: Sehr gut. Wissenschaft sei ja nichts, was nur die Wissenschaftler angeht. "Wir wollen für eine Gesellschaft auf die Straße gehen, in der sich das Lügen nicht mehr lohnt. In der sich Politiker Fakten nicht einfach zurechtbiegen können, in der Populisten auffliegen, wenn sie gefühlte Wahrheiten als Wahrheiten deklarieren."

 

Martin räumt im Interview ein, dass der deutsche March ein Wahrnehmungsproblem habe – "weil wir zu stark mit dem US-March gleichgesetzt werden, der in der Tat eher eine Kundgebung der Wissenschaft ist." Genau das wolle der deutschen March nicht sein, "sondern eine Demonstration aus der Mitte der Gesellschaft heraus von Leuten, die sich Sorgen um die Demokratie machen. Das ist keine Lobbyveranstaltung aus der Wissenschaft für die Wissenschaft."

Gerade weil in Deutschland die Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit nicht direkt bedroht sei, "können und müssen wir uns solidarisch mit den Ländern zeigen, wo Wissenschaftler unter Druck geraten sind, in den USA, aber vor allem auch in der Türkei, Ungarn und anderswo."

 

In der März-Ausgabe des DSW Journals habe ich einen Blick in einige der genannten Länder geworfen. Ich habe mit US-Forschern gesprochen, mit einem deutschen Wissenschaftler in Ägypten und mit der türkischen Juraprofessorin Ece Göztepe, die von den fortwährenden Entlassungen und Ausreiseverboten berichtete. Zum von Präsident Erdogan initiierten Verfassungsreferendum sagte sie damals: „Wenn er damit durchkommt, ist das Parlament seiner Funktion beraubt, die Gewaltenteilung ist am Ende, und die Türkei ist eine Ein-Mann-Diktatur. "Und ihre Rolle als Professorin, sagte Göztepe, sei, genau darauf hinzuweisen. Er ist, wie wir wissen, wenn auch nur äußerst knapp, damit durchgekommen. 

 

An diesem Samstag, den 22. April, gehen in mehr als 500 Städten weltweit Menschen für die Wissenschaft, für bedrohte Wissenschaftler und für die Meinungsfreiheit auf die Straße, auch an 20 Orten in Deutschland.  Nähere Informationen zu den Orten und Zeiten gibt es auf der Website von Science March Germany. 


EINEN AKTUELLEN ESSAY ÜBER EINE LEKTION, DIE MEINES ERACHTENS VIELE WISSENSCHAFTSMANAGER IN SACHEN WISSENSCHAFTSKOMMUNIKATION NOCH LERNEN MÜSSEN, FINDEN SIE HIER –  MITSAMT DEN ENGAGIERTEN KOMMENTAREN VON LESERN. 

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Wer auf "die Zuwendungsgeber" schielt, wird "die Gesellschaft" nicht erreichen

Alle reden vom "March for Science", natürlich auch die Chefs der Wissenschaftsorganisationen. Doch die wichtigste Lektion müssen einige von ihnen noch lernen.

Screenshot von www.marchforscience.com
Screenshot von www.marchforscience.com

DIE WISSENSCHAFT MUSS sich stärker der Gesellschaft öffnen, tönt es in diesen Tagen allenthalben. Und es stimmt ja auch: Wenn die Gesellschaft zunehmend Misstrauen gegenüber der Wissenschaft empfindet, kann das nicht nur an der Gesellschaft liegen. Und die Hochschulrektoren und Präsidenten der großen Forschungsorganisation beeilen sich zu versichern: Haben wir doch längst kapiert. In Interviews rechnen sie dann vor, wie sich ihre Kommunikationsabteilungen vergrößert haben in den vergangenen Jahren, sie holen stolz die Hochglanzmagazine hervor und berichten beseelt von Science Slams und Bürgerworkshops. Das Problem, sagen die Chefs dann nicht mehr ganz so öffentlich, sei der immer noch beachtliche Anteil zumeist älterer Wissenschaftler, die sich einfach nicht aus ihrem Elfenbeinturm zerren ließen. 

 

Das Problem ist, dass die Rektoren und Präsidenten, die so argumentieren, komplett daneben liegen. Die Kommunikationsabteilungen sind enorm gewachsen, das stimmt. Doch ihr Potenzial, einen echten Ideenaustausch mit der Gesellschaft zu organisieren, bleibt größtenteils ungenutzt. Und das hat nichts mit den Kommunikationsabteilungen zu tun oder mit vermeintlich unkommunikativen Wissenschaftlern. Es liegt an den Chefs selbst. 

 

Um das zu verstehen, muss man sich die Finanzierungslogik unseres Wissenschaftssystems vor Augen halten. Griffig lässt es sich über vermeintlich zu hohe private Spenden und zu viele von Unternehmen bezahlte Forschungsprojekte diskutieren, die schnell als Gefährdung der Wissenschaftsfreiheit interpretiert werden. Dabei gerät jedoch aus dem Blick, dass die Wissenschaftslenker die meiste Zeit auf eine andere Finanzquelle schielen: den Staat. In der Sprache öffentlich finanzierter Institutionen hat sich indes eine andere Bezeichnung eingebürgert. Der Staat, das sind "die Zuwendungsgeber". >>



>> Wobei man naturgemäß mehr an den monetären und weniger an den verbalen Zuwendungen interessiert ist. Und um sich erstere zu sichern, gilt für die Pressestellen und PR-Abteilungen der Wissenschaft ein gelegentlich unausgesprochenes, häufig aber sogar explizit formuliertes Grundgesetz: Die erste, die entscheidende Zielgruppe ihrer Arbeit ist nicht das, was so schwammig wie umfassend mit "allgemeiner Öffentlichkeit" umschrieben wird. Die erste Zielgruppe sind: die Zuwendungsgeber. In den Parlamenten. Vor allem aber in den Ministerien. Die gilt es zu überzeugen, dass das Steuergeld, das sie jedes Jahr überweisen, gut angelegtes Geld ist. Und zwar nicht irgendwo in der Wissenschaft. Sondern hier, in genau dieser und nur in dieser Wissenschaftseinrichtung. 

 

Erst wer sich diese Realität vor Augen hält, für den ergeben all die Artikel in den Wissenschaftsmagazinen und Jahresberichten dieser Universität und jenes Forschungsinstituts plötzlich einen Sinn, in denen komischerweise immer die Wissenschaftler aus dem eigenen Hause faszinierende Erkenntnisse erlangen. Der versteht, warum Pressestellen Mitteilungen versenden über irgendwelche komplizierten Fördermechanismen und deren wohltuende Wirkung, die kein Nicht-Experte "da draußen" auch nur in Ansätzen verstehen kann und die dementsprechend auch keine einzige Zeitung jemals aufnimmt. Und der wundert sich nicht mehr, warum es bei Youtube aufwändig gestaltete Werbespots von Wissenschaftsorganisationen gibt, deren Zuschauerzahl sich im dreistelligen Bereich bewegt.

 

Alles, damit die Chefs zu den Zuwendungsgebern gehen und sagen können: Guckt mal, was wir alles Tolles machen. Und das Ganze läuft dann als "Wissenstransfer" oder noch besser: als Öffnung der Wissenschaft hin zur Gesellschaft. Entsprechend können zum Beispiel die Chefs der fünf am Pakt für Forschung und Innovation beteiligten Wissenschaftsorganisationen (jede Jahr garantierte drei Prozent Budgetzuwachs) genau aufzählen, wie bravourös sie das Paktziel "Stärkung des Austauschs der Wissenschaft mit Wirtschaft und Gesellschaft" erfüllen. Sie schreiben es in ihre jährlichen Berichte zum Pakt-Fortschritt und schicken es an: die Zuwendungsgeber. Und kommunizieren derweil munter an der großen Mehrheit der Bürger vorbei. 

 

Strategisch ist das nachvollziehbar. Die erste Loyalität der Rektoren und Präsidenten muss gerade in Zeiten von Wissenschaftspakten und Exzellenzwettbewerben  der eigenen Institution gelten, erst die zweite gilt der Wissenschaft insgesamt. Ist damit eine ehrliche Öffnung hin zur Gesellschaft von vornherein ausgeschlossen?

 

Nicht unbedingt. Der wirklicher Austausch mit der Öffentlichkeit, der endgültige Auszug aus der großen Blase, beginnt, wenn zwei Grundregeln der Wissenschaft auch in ihrer Kommunikation beachtet werden. Erstens: Wissenschaft ist grenzenlos, das heißt: Sie macht auch an den Grenzen von Institutionen nicht Halt. Zweitens: Wissenschaft wird von Menschen gemacht. Sie ist dann faszinierend, wenn man von ihren Ideen und Entdeckungsgeschichten erzählt und nicht von Fördermechanismen und Strukturen, die sein müssen, die aber nur für Insider von Interesse sind. 

 

So egal es den meisten Wissenschaftlern ist und sein muss, in welcher Universität und Organisation sie forschen, solange sie forschen können, so egal ist es der Öffentlichkeit, welche Einrichtung hinter einem Forscher steht. Wer Begeisterung für Wissenschaft wecken möchte, muss also die Menschen, die forschen, mit denen ins Gespräch bringen, die sie finanzieren und im besten Fall von ihr profitieren. Nein, nicht mit den Zuwendungsgebern. Sondern mit den Bürgern. Und sie dann auch mitentscheiden lassen. Lektionen, die vor allem die Chefs an der Spitze der Organisationen lernen müssen. Um ihren Kommunikationsabteilungen dann die Freiheit zu lassen, die sie brauchen, um ihre Arbeit zu tun.

 

Möglicherweise ja mit einem überraschenden Ergebnis. Da auch die Politiker, die "Zuwendungsgeber", Menschen sind, werden auch sie sich von dieser anderen Form der Öffentlichkeitsarbeit viel stärker packen lassen als von einer mitunter mutlosen, phrasenhaften Eigen-PR. Was wiederum die Akzeptanz der Universitäten und Wissenschaftsorganisationen, also der Institutionen, in der Politik genau dadurch erhöht, dass sie das Anpreisen der eigenen Institution nein: nicht unterlassen. Aber auf ein Minimum beschränken.

 

Der March for Science diese Woche, zu dem selbstverständlich auch alle einflussreichen Rektoren und Präsidenten aufgerufen haben (bitte nicht verwechseln mit den Initiatoren!), ist ein hervorragender Anlass, die Wissenschaftslenker beim Wort zu nehmen: Steckt mehr Geld in institutionenübergreifende Aktionen! Ladet zu euren eigenen Veranstaltungen mehr Forscher anderer Organisationen ein! Lasst eure Forscher den Bürgern (wenn sie denn kommen) nicht so viele Vorträge halten, sondern setzt sie mit den Bürgern an einen Tisch. Habt nicht immer das letzte Wort, sondern lasst all das organisieren von euren Kommunikationsprofis, die sich, auch wenn ihr es manchmal kaum glaubt, besser mit dem Thema auskennen als ihr selbst. Das macht auch den Wissenschaftlern Spaß. Und der Rest ergibt sich dann von ganz allein. 

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"Ein echter Etappensieg"

Die Bildungs- und Wissenschaftsschranke ist durchs Bundeskabinett. Was bedeutet das für die Verhandlungen um die digitalen Semesterapparate?

VIEL IST NICHT mehr zu erwarten von der Großen Koalition in Sachen Wissenschaftspolitik, aber dass Union und Sozialdemokraten diese Entscheidung fünf Monate vor der Bundestagwahl noch gemeinsam durchs Kabinett gebracht haben, ist so bemerkenswert wie erfreulich: Wie Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) heute Morgen mitteilte, hat die Bundesregierung die schon im Koalitionsvertrag von 2013 versprochene und von der Wissenschaft zunehmend ungeduldig herbeigesehnte „Bildungs- und Wissenschaftsschranke“ im Urheberrecht beschlossen. Der von der Ministerrunde verabschiedete Entwurf des „Gesetzes zur Angleichung des Urheberrechts an die aktuellen Erfordernisse der Wissensgesellschaft“ enthält allerdings einige Veränderungen gegenüber dem Referentenentwurf, der noch großzügiger formuliert war. Unter anderem sollen nur 15 Prozent einer Veröffentlichung frei genutzt werden dürfen – gegenüber 25 Prozent im Referentenentwurf.
 

Wenig überrascht äußern sich die beteiligten Politiker dennoch zufrieden mit ihrer Arbeit. Maas spricht von einer „grundlegenden Modernisierung“, Bundesforschungsministerin Johanna Wanka (CDU) sagt, durch die Neufassung würden die Regelungen „verständlicher und praxistauglicher“, und der SPD-Bildungsexperte Hubertus Heil nimmt sogar das arg strapazierte Sprachbild vom „großen Wurf“ in den Mund – nicht ohne, da ist dann doch schon Wahlkampf, seinen Parteikollegen Maas gleich zweimal in einem Absatz herauszustellen. Komme der Entwurf durch, so Heil, reiche künftig wieder "ein Blick ins Gesetz um zu wissen, was erlaubt ist und was nicht.“

 

Naturgemäß skeptischer hört sich der wissenschaftspolitische Sprecher der Grünen, Kai Gehring an. Es sei „intensiv zu hinterfragen, ob die vom Kabinett vorgeschlagene Alternative trägt.“ Der Bundestag werde das nun „auch mit Sachverständigen“ prüfen und entscheiden.“

 

Unterdessen beobachten Hochschulrektoren und Landeswissenschaftsminister den Gesetzgebungsprozess besonders aufmerksam, laufen doch parallel Verhandlungen um die künftige Vergütung digitaler Semesterapparate (eine aktuelle Zusammenfassung der Ereignisse finden Sie hier). Der Bundesgerichtshof (BGH) hatte 2013 geurteilt, dass die Bundesländer künftig keine Pauschale mehr an die Verwertungsgesellschaft (VG) Wort zahlen dürfen, um die digitale Nutzung von urheberrechtlich geschützten Texten in den Hochschulen abzugelten. Die Autoren hätten das Recht auf eine Einzelabrechnung. Und genau über die Frage, wie die praktisch vonstatten gehen soll, ohne den befürchteten administrativen Alptraum auszulösen, verhandelt derzeit eine Arbeitsgruppe von Hochschulrektorenkonferenz (HRK), Kultusministerkonferenz (KMK) und VG Wort. Der vom Bundeskabinett beschlossene Gesetzentwurf sagt nun: Eine Einzelabrechnung ist nicht nötig, eine pauschale Vergütung reicht aus.

 

Die HRK begrüßt den Kabinettsbeschluss denn auch als "sehr wichtigen und guten Schritt für die Wissenschaft", und aus der KMK heißt es inoffiziell, das sei „ein echter Etappensieg“. Doch sei, dem alten Spruch entsprechend, noch nie ein Gesetz aus dem Bundestag herausgekommen, wie es hineingekommen sei. Es sei davon auszugehen, dass die Verwertungsgesellschaften, die die Interessen der Autoren und Verlage vertreten, bis zum Schluss versuchen würden, auf Änderungen zu drängen. Insofern, steht es auch in der offiziellen KMK-Stellungnahme, hätten sich die Verhandlungen „nicht erledigt, sie werden aber ganz sicher unter Berücksichtigung des weiteren Gesetzgebungsverfahrens geführt werden.“

 

Was man so übersetzen könnte, dass die Wissenschaftsminister und Hochschulrektoren ihre Verhandlungsposition gegenüber der VG Wort gestärkt sehen, hatte die doch bislang ein Gerichtsurteil im Rücken – dessen Hauptaussage durch das Gesetz, sollte es im Kern so bleiben, aufgehoben würde. So gestärkt fühlt sich die HRK, dass sie heute im Gegensatz zur KMK sogar ein Aussetzen der Verhandlungen ins Gespräch brachte, "bis zur Verabschiedung des Gesetzes im Bundestag". Dies sei aber zwischen den Verhandlungspartnern zu besprechen. Sätze, die den Fans eines VG-Wort-Verhandlungsboykotts um den Hannoveraner Universitätspräsidenten Volker Epping enorm Auftrieb geben dürfte. 

Dass das Gesetz eine Einigung mit der VG Wort gänzlich überflüssig machen würde, ist indes unwahrscheinlich. Auch eine pauschale Vergütung braucht schließlich eine gemeinsam vereinbarte Grundlage, „eine exemplarische Erfassung der Realität“, wie ein Beteiligter es formuliert, auf die man sich einigen müsse. Wie genau aber würden diese Stichproben aussehen, wo und wie oft würden sie stattfinden? Alles offene Fragen.

 

So dürfte nach dem heutigen „großen Wurf“, dem „Etappensieg“,  statt eines Aussetzens der Verhandlungen doch wieder die Detailarbeit beginnen, sowohl beim laufenden Praxistest an fünf Hochschulen bundesweit als auch in der KMK-HRK-VG-Wort-Arbeitsgruppe. Das Ende 2016 verhandelte Moratorium für eine Neulösung verstreicht Ende September. Und die Bildungspolitiker von Union und SPD müssen nun im Bundestag weiter die Anstürme seitens der Nicht-Bildungspolitiker abwehren – so, wie sie es bislang in fast schon bravouröser Gemeinsamkeit getan haben. 

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Zwei Kapitäne, ein Boot

Johanna Wanka und Peter Strohschneider: Was ihre besondere Beziehung über unser Wissenschaftssystem aussagt.

ES WAR EINER dieser Texte, mit denen man lange unterwegs ist, bevor man auch nur ein Wort aufgeschrieben hat. Ich habe ihn vor mir hergeschoben, weil mir klar war: In dem Artikel muss wirklich jeder Satz sitzen. Nicht nur, weil ich zwei Menschen und ihren Verdiensten gerecht werden wollte, sondern auch, weil ihr Verhältnis zueinander so zentral ist für die deutsche Wissenschaftspolitik.

 

Dass ich über Johanna Wanka, Peter Strohschneider und ihre lange gemeinsame Geschichte schreiben wollte, wusste ich schon, bevor ich von Helmholtz in den Journalismus zurückgekehrt war. Kein Wunder. In meinem Job gehören sie seit mehr als zehn Jahren zu meinen wichtigsten Gesprächspartnern: Wanka erst als langjährige Landeswissenschaftsministerin, dann als Bundesministerin für Bildung und Forschung. Peter Strohschneider als Vorsitzender des Wissenschaftsrats und später als Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Die beiden sind über so viele Ebenen in Vergangenheit und Gegenwart miteinander verschränkt, sie sind so oft verschiedener Meinung gewesen und haben doch gemeinsam eine Menge erreicht, dass man ohne die beiden und ihr Wirken nicht verstehen kann, warum die deutsche Wissenschaftslandschaft heute aussieht, wie sie ist.

 

An der Ministerin und dem Forschungsmanager kann man ihn gut beobachten, den großen Konflikt der deutschen Forschungsszene: Wie stark darf die Politik sich einmischen? Darf der Staat, der Milliarden in die Wissenschaft pumpt, auch bestimmen, was mit ihnen passiert?

 

Das feinziselierte Geflecht zwischen Grundlagen- und Programmforschung, zwischen Grundfinanzierung und Drittmitteln, zwischen Länderhoheit und Bundesinitiativen dreht sich eigentlich immerzu um diese eine Frage. Es gibt Stimmen, die einen stärkeren Einfluss der Politik auf die Forschungsagenda fordern, und wenn sie laut werden, dauert es nicht lange, bis die Gegenrede ertönt. Oft genug stammt letztere von Strohschneiders DFG. Und so, wie es nachvollziehbar ist, dass die Politik mit ihren sich wandelnden Erwartungen die Wissenschaft nicht in Ruhe lässt, muss es Organisationen wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft geben, die diese Ansinnen abpuffern, die als Scharnier dienen kann zwischen politischen Wünschen und der erkenntnisgeleiteten Forschung.

 

Wanka und Strohschneider reden viel miteinander. Sie reden aber auch gern übereinander. Gelegentlich arbeiten sie sich eher aneinander ab als miteinander. Dann wieder, wenn es darauf ankommt, können sie sich aufeinander verlassen. Sagen sie zumindest beide voneinander, und ich glaube, das stimmt auch.

 

Jetzt ist mein Artikel über die Mathematikerin und den Mediävisten erschienen, und zwar in der ZEIT. „Zwei Kapitäne, ein Boot“, so heißt er. Vielleicht haben Sie die Gelegenheit, ihn an den freien Tagen zu lesen. Ob mit oder ohne Lektüre: Ich wünsche frohe Ostern. 

 

Fotos: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung/Steffen Kugler – DFG/David Ausserhofer

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Wann kommt der Masterplan Lehramtsstudium?

Jedes Bundesland geht seinen eigenen Weg, die Hochschulen stricken munter Studienmodelle – und wo bleibt die Koordination? Was für Ärzte möglich ist, sollte auch bei künftigen Lehrern funktionieren.

Sharon Hinchliffe: "teacher", CC BY-NC-ND 2.0

ZUGEGEBEN, AM ENDE der Verhandlungen hatte der Masterplan, der das Medizinstudium revolutionieren sollte, ein bisschen an Glanz eingebüßt. Schuld war ein ärgerlicher Streit zwischen Wissenschafts- und Gesundheitsministern über die ungesicherte Finanzierung des Großprojekts. Ärgerlich insofern, weil jede gute Idee nur so viel wert ist wie ihre Umsetzung, und die wird im Falle des „Masterplan Medizinstudium 2020“ nach ersten internen Schätzungen mit rund 250 Millionen Euro jährlich zu Buche schlagen.

 

Trotzdem war die Begeisterung über das Erreichte, die besonders Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) bei der Präsentation Ende März zur Schau trug, mehr als die Selbstinszenierung von Politikern im Vorwahlkampfmodus. Wer weiß, wie vielfältig, wie unterschiedlich und häufig genug konträr die Interessen im Gesundheitssektor sind, der kann erst so recht einzuschätzen, was es bedeutet, das Ziel und die Inhalte der gesamten Ärzteausbildung von Grund auf neu zu formulieren (die Details finden Sie hier). Aber es ist möglich.

 

Warum diese Erkenntnis so wichtig ist: Es gibt einen zweiten Sektor öffentlichen Gemeinwohls, dessen Ausbildungsgrundlagen einer dringenden und nicht weniger grundlegenden Überholung bedürfen. „Wann wird es einen Masterplan Lehramtsstudium geben?“, fragte vorvergangene Woche jemand auf Twitter. Auf den ersten Blick mag man darüber schmunzeln. Und auf den zweiten fragen: Ja, wann eigentlich? Und warum redet keiner drüber?

 

Von der zielgenaueren (Selbst-)Auswahl künftiger Lehrer über ihre Beratung vor Studienbeginn und die Orientierung in den ersten Semestern bis hin zur richtigen Verknüpfung frühzeitiger Unterrichtspraxis mit den fachlichen Inhalten, den Fachdidaktiken und der allgemeinen Pädagogik: Jedes Bundesland geht seinen eigenen Weg. Und es mangelt an mutigen Ideen, die das Lehramtsstudium endlich ins 21. Jahrhundert (vielleicht sogar gleich ins Jahr 2020?) katapultieren. Ein Jahrhundert, in dem die Vielfalt der Schüler immer weiter wächst und die soziale Zusammensetzung der Elternhäuser genauso im Wandel begriffen ist wie die Gesellschaft, deren aktive Mitgestalter die Schulabgänger werden wollen.  >>



>> Es ist schon ein frappierender Gegensatz: Während Bildungsstandards für eine stärkere Vergleichbarkeit des im Unterricht Gelernten sorgen sollen, und zwar über ganz Deutschland hinweg, während landauf, landab über die zentrale Bedeutung des Lehrerberufs für die Zukunft unseres Landes schwadroniert wird, listet der „Monitor Lehrerbildung“ nach eigenen Angaben „mehr als 8000 relevante Daten und Fakten“ auf, um das Lehramtsstudium in Deutschland auch nur halbwegs erfassen zu können.

 

Wie viele weitere Daten wären wohl nötig, um auch die zweite Phase der Lehrerbildung (Referendariat) und danach die Fort- und Weiterbildung der Lehrkräfte deutschlandweit beschreiben zu können?

 

Worauf sich die Kultusminister in den vergangenen 15 Jahren geeinigt haben, sind elf mit so genannten „Standards“ gekoppelte Kernkompetenzen für die Bildungswissenschaften, deren Verbindlichkeitsgrad schon aus den Formulierungen deutlich wird. Beispiel Kompetenz 1: „Lehrerinnen und Lehrer planen Unterricht unter Berücksichtigung unterschiedlicher Lernvoraussetzungen und Entwicklungsprozesse fach- und sachgerecht und führen ihn sachlich und fachlich korrekt durch.“ Oder Kompetenz 10: „Lehrerinnen und Lehrer verstehen ihren Beruf als ständige Lernaufgabe.“

 

Auf die einzelnen Fächer heruntergebrochen gibt es die „ländergemeinsamen inhaltlichen Anforderungen für die Fachwissenschaften und Fachdidaktiken in der Lehrerbildung“, aber die stammen schon von 2008. Darüber hinaus existiert lediglich eine Reihe kurzer Empfehlungen zur Inklusion oder zur „Eignungsabklärung“ von Studienanfängern.

 

Bei den Vorgaben zum Referendariat (Vorbereitungsdienst) und dem Staatsexamen wird es noch dünner, die diesbezüglichen „Ländergemeinsamen Anforderungen“ sind inklusive Titelblatt gerade mal vier Seiten lang, und in Bezug auf die Fort- und Weiterbildung findet sich auf der Website der Kultusministerkonferenz (KMK) nur ein Link zu den zuständigen Landesinstituten.

 

Zu wenig, zu zerfasert, zu allgemein: So lassen sich die bisherigen Anstrengungen der Kultusminister zusammenfassen, die Lehrerbildung, diese ewige, aber nie richtig umgegrabene Reformbaustelle, strategisch abzustimmen und auf die Zukunft auszurichten. Und selbst das Bisschen, was sie machen, wird mitunter von den Hochschulen konterkarriert, die sich dank ihrer (an sich sinnvollen) Autonomie jeweils ganz eigene Versionen des Lehramtsstudiums stricken können.

 

Immerhin: Angestoßen ausgerechnet von der eigentlich gar nicht zuständigen Bundesregierung, fördern Bund und Länder in der zeitlich befristeten „Qualitätsoffensive Lehrerbildung“ neue Studienmodelle. Ertrag: offen. Und sonst? Müssen Studenten, Lehrer und Schulen sich also hilflos seufzend dem Schicksal beugen, das der Föderalismus ihnen zugedacht hat? Werden die Kultusminister auch künftig entschuldigend mit den Händen ringen, wann immer die Rede auf die immer noch ausstehende grundsätzliche Reform des Lehramtsstudiums kommt?

 

Der „Masterplan Medizinstudium 2020“ sagt: Nein. Groß denken lohnt sich. Die Entgegnung, dass sich dafür nicht nur die Wissenschafts-, sondern auch die Schulminister aus allen 16 Ländern einig werden müssten, überzeugt nicht wirklich. Denn auch wenn beim Masterplan am Ende vor allem über den Streit berichtet wurde, gehört zur Bilanz, dass sich über die inhaltliche Neuausrichtung des Medizinstudiums nicht nur 16 Wissenschaftsminister und 16 Gesundheitsminister, sondern sogar Bund und Länder einig geworden sind. Und beim Lehramt hat der Bund noch nicht einmal etwas zu sagen.   

 

Ein Masterplan Lehramtsstudium wäre mehr als ein Zusammenfassen verstreuter Einzelempfehlungen. Er wäre mehr als das Sammeln zukunftweisender Ideen aus Pädagogik und Bildungsforschung als Reaktion auf Inklusion, Digitalisierung und die Etablierung neuer Schulformen. Ein Masterplan Lehramtsstudium wäre ein Symbol, ein Signal der Bildungspolitik: Wir wollen nicht nur immer ein besseres Lehramtsstudium. Wir gehen es an. Und zwar gemeinsam.

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War das jetzt enttäuschend oder nicht?

Die Wissenschaftsminister aus Bund und Ländern haben heute wichtige Beschlüsse in Sachen Professorinnenprogramm und FH-Nachwuchsinitiative gefasst. Wäre noch mehr drin gewesen?

IN DER POLITIK liegen Erfolg und Misserfolg häufig dicht beieinander, und manchmal weiß man nicht einmal so recht, womit man es gerade zu tun hat. Darum hat dieser Artikel zwei Anfänge. 

Erster Anfang:
Heute hat die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz (GWK) entschieden, das Professorinnen-Programm fortzuführen, das 2008 startete, um den Frauenanteil an den Professuren zu steigern. Die Bund-Länder-Initative habe maßgebliche Anstöße gegeben, sagt die GWK-Vorsitzende und Bremer Wissenschaftssenatorin, Eva Quante-Brandt (SPD), und ihre Stellvertreterin, Bundesforschungsministerin Johanna Wanka (CDU), ergänzte, das Programm habe die "Chancengerechtigkeit an deutschen Hochschulen nachhaltig verbessert." 

 

Zweiter Anfang:
Der grüne Wissenschaftsexperte Kai Gehring kritisierte heute die Bundesregierung, sie habe bei dem Ziel, bessere Bedingungen für Frauen in der Wissenschaft zu schaffen, "keinen Ehrgeiz und Weitblick gezeigt." Es fehle ihr an neuen Initiativen, an neuen Ansätzen, sagte Gehring. "Dazu passt, dass die Fortsetzung des Professorinnen-Programms in dieser Wahlperiode nicht mehr kommen wird, obwohl es in diesem Jahr ausläuft."

 

Erfolg oder Misserfolg: Am Ende kommt es darauf an, welche Erwartungen man im Vorfeld der GWK-Sitzung hatte bzw. haben durfte. Könnte eine Bundesministerin fünf Monate vor der Bundestagswahl überhaupt noch das nötige Geld versprechen, um ein Programm, das in den vergangenen neun Jahren rund 300 Millionen Euro gekostet und die Berufung von 524 Professorinnen gefördert hat, nahtlos zu verlängern? Oder sogar, wie alle es für nötig halten, das Programm noch aufstocken? 

An einer zweiten Entscheidung, die heute von der GWK getroffen wurde, wird der Zwiespalt noch deutlicher. Vor zwei Monaten hatte Wanka im Interview angekündigt, noch vor der Bundestagswahl in Verhandlungen mit den Ländern über ein Fachhochschul-Nachwuchsprogramm treten zu wollen. "Bis zum Sommer" wolle sie mit den Ländern im Kern einig sein.  "Zu spät, zu unkonkret!", kritisierten nicht nur die Fachhochschulen, aus einigen SPD-regierten Wissenschaftsministerien hieß es sogar, "Ankündigungen, die keine Finanzierungsvorschläge enthalten, können keine Grundlage für Diskussionen, geschweige denn für Verhandlungen sein."

 

Heute nun beschloss die GWK: Die Staatssekretäre aus Bund und Ländern sollen den Ministern "Eckpunkte für ein gemeinsames Bund-Länder-Programm" vorlegen, und zwar auf der Grundlage der "Wissenschaftsratsempfehlungen zur Personalgewinnung und -entwicklung an den Fachhochschulen und sowie bestehende(n) Best-Practice-Beispiele(n)".  Bis November. Also nicht bis zum Sommer. Aber Verhandlungen.

 

Beim FH-Programm gilt: Dass überhaupt noch etwas passiert vor der Bundestagswahl, ist mehr, als zwischendurch zu erwarten war, und insofern ein Erfolg vor allem für Wanka – während umgekehrt bei den Professorinnen das "Ob" der Verlängerung nie wirklich in Frage stand. Daher ist der auch hier an die Staatssekretärs-AG ergangene Auftrag, bis November eine Neuauflage der Initiative zu formulieren, das Minimum dessen, was erwartet werden konnte. Selbst wenn man in Rechnung stellt, dass die Evaluation des Programms einige Änderungen am Vergabeverfahren nahelegt und auch die Minister keine 1-zu-1-Neuauflage wollen und all das jetzt erst ausgearbeitet werden muss.

 

Eine weitere mögliche Verzögerung ist dabei noch gar nicht eingerechnet. Sollte es nach der Bundestagswahl eine neue Hausherrin bzw. einen neuen Hausherr im BMBF geben, wird diese so kurz nach der Bundestagswahl vermutlich nicht einfach ihre Unterschrift unter den vorgelegten Entwurf setzen – sondern gleich mal eigenes Profil zeigen wollen.

Der einzige Ausweg wäre gewesen, sowohl die Verlängerung des Professorinnen-Programms als auch die neue FH-Initiative früher in der GWK anzugehen und nicht erst im Wahljahr. Doch selbst den Vorwurf kann man Wanka und ihren Länderkollegen nur bedingt machen. Es geht eben nicht alles gleichzeitig, und dass sie mit der Exzellenzstrategie, dem Uni-Nachwuchspakt und der "Innovativen Hochschule" vergangenes Jahr gleich drei teilweise milliardenschwere Großprogramme auf den Weg gebracht haben, ist eine bleibende wissenschaftspolitische Leistung. 

 

Waren die GWK-Beschlüsse heute also Erfolge oder Misserfolge? Die Antwort muss sich am Ende jeder selbst geben. 

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Seehofer genießt den Beifall

Die Medien feiern Bayerns Rückkehr zu G9 in einer Einhelligkeit, die nur auf den ersten Blick erstaunt.

BAYERNS MINISTERPRÄSIDENT HORST SEEHOFER dürfte heute mit sich zufrieden sein. Das Medienecho, nachdem die CSU-Landtagsfraktion am Mittwoch die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium (G9) beschlossen hat, ist überwältigend. Und zwar überwältigend positiv. Der Tagesspiegel zitiert den "neoliberalen Zeitgeist", der vor 14 Jahren die Schulzeitverkürzung beschert habe; die FAZ feiert den "Sieg der Eltern" und bescheinigt Seehofers Staatsregierung, sie habe "sogar doppelt gelernt", weil sie sich für die Rückkehr zu G8 Zeit lasse. Fast schon skurril mutet der Kommentar des stellvertretenden Handelsblatt-Chefredakteurs, Thomas Tuma, an, der das einst von Wirtschaftslenkern gefeierte G8 zum "Rohrkrepierer" und zu einer "Ideologie" erklärt (leider nicht online abrufbar). Der Schulstoff sei "brutal komprimiert worden", die "Zeit für Muße" hätten die G8-Reformer weggespart: "Wir wollten global taugliche Überholspur-Studenten und schufen Interrailer auf der Suche nach der verlorenen Zeit."

 

Na, ein Glück, dass Horst Seehofer die Sache in Ordnung gebracht hat. Dass er damit vor allem sich selbst und seinen Wiederwahlchancen dient, hält abgesehen von der Süddeutschen Zeitung kaum ein Kommentar für erwähnenswert. Immerhin bezeichnet die Tagesspiegel-Kollegin Anja Kühne, tapfer dialektisch argumentierend, die "Rolle rückwärts" einerseits als "überflüssig", da nur neun Prozent der Eltern ihre Kinder von G8 überfordert sehen, andererseits meint aber auch sie, es mache die jungen Leute nicht dümmer, wenn sie ein paar Jahre länger als nötig im Bildungssystem zubringen. "Deutschlands Sozialkassen werden es aushalten." Übrigens ein Satz, den vor 15 Jahren angesichts von Rekordarbeitslosigkeit und maximaler Neuverschuldung keiner gesagt hätte. 

 

Die enorme Diskrepanz zwischen gefühlter Wirklichkeit (die heute wie kein zweiter der Handelsblatt-Kollege Tuma recht faktenfrei beschreibt) und der nicht wirklich schlechten Bilanz von G8 (siehe hierzu auch meinen Blogbeitrag vom 13. März) zieht sich durch die Zeitungskommentare wie durch die gesamte Riege der Bildungspolitik. Ertragen können oder wollen sie immer weniger Kultusminister bzw. ihre Regierungschefs, die endlich mal Ruhe fordern an der Schulfront. Eigentlich erstaunlich, dass Annegret Kramp-Karrenbauer ihre CDU im Saarland gerade zum Wahlsieg geführt hat, obwohl sie standhaft bei G8 blieb. Wir werden sehen, ob sie es auch in den anstehenden Koalitionsverhandlungen tut.

 

Wie sehr sich die "Turbo-Abi"-Diskussion von den Realitäten abgekoppelt hat, merkt man auch daran, wie bestimmte Behauptungen, von wem auch immer in die Welt gesetzt, in fast keinem Artikel zum Thema unerwähnt bleiben: Der damalige bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber habe die Reform "überstürzt" eingeführt, heißt es – im Gegensatz zu Seehofer, der jetzt bei der Umkehr richtig behutsam vorgehe. Tatsächlich hatte Stoiber G8 Ende 2003 angekündigt, und los ging es schon zum Schuljahr 2004/2005. Der Teil stimmt. Aber: Horst Seehofer macht es genauso. Er betätigt sich nur als Verpackungskünstler. Zwar soll G9 offiziell erst 2018/19 beginnen, also mit 17 Monaten Vorlauf statt mit 10 wie einst bei Stoiber (Riesen-Unterschied, oder?), aber faktisch sollen schon die jetzigen Viertklässler, die diesen Herbst aufs Gymnasium kommen, erst nach 13 Jahren Abitur machen. Ist das weniger weniger "blinde Hast" (Süddeutsche Zeitung über Stoibers G8-Reform)? Und wenn SZ-Kollege Paul Hunzinger schreibt, Stoibers G8-Reform "entsprang einer Mischung aus Panik und Hybris" – ist das nicht auch eine recht passende Beschreibung für Seehofers Vorgehen?

 

Und schließlich, wenn Stoibers Kultusminister Ludwig Spaenle ankündigt, die Gymnasien in den nächsten 25 (!) Jahren von Reformen verschonen zu wollen, sei auch diese Frage erlaubt: Was ist denn der Wechsel zu G9? Aber was soll's. Die Kritik an der vermeintlichen Hechelbildung hat Konjunktur. Da guckt man nicht so genau hin. Das hat auch Horst Seehofer gemerkt. Und genießt jetzt den Beifall. 

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"Wissenschaftliche Qualität" ist keine Frage der Disziplin

Die DFG hat ihre Statistik zu den ExStra-Antragsskizzen vorgelegt – inklusive Fächerverteilung. Mal sehen, was die Gutachter daraus machen.

Foto: Leo Hidalgo: "Research", CC BY-NC 2.0

DIE EXZELLENZSTRATEGIE IST nicht die Exzellenzinitiative. Wissenschaftspolitisch eine triviale Feststellung, sobald man über Bewerbungsregeln, über Förderperioden (bei der ExStra länger), oder auch die Lebensdauer des neuen Bund-Länder-Programms (Plan: für immer) redet. In anderer Hinsicht dagegen ist es ein Satz, der – trotz vieler Verdiensten der alten Exzellenzinitiative – vor allem eine Hoffnung ausdrückt.

 

Gestern hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) mitgeteilt, wie viele Antragsskizzen für ExStra-Exzellenzcluster eingegangen sind, 195, und wie diese sich von ihren thematischen Schwerpunkten her auf vier von der DFG definierte Wissenschaftsgebiete verteilen. Naturwissenschaften, Lebenswissenschaften, Ingenieurwissenschaften und Geistes- bzw. Lebenswissenschaften: Alle vier kommen auf rund ein Viertel. Soweit alles ganz beim Alten. Auch 2010, als die DFG die Antragsskizzen für die zweite Runde der Exini-Cluster vermeldete, stand in der Pressemitteilung, die „großen Wissenschaftsgebiet“ seien „etwa gleich stark vertreten“.

 

Aber dann. Als die DFG 2012 bekanntgab, wie viele der schlussendlich eingereichten Vollanträge erfolgreich waren, las sich die Statistik anders. Von den insgesamt bewilligten 43 Exzellenzclustern stammten 17 aus den Lebenswissenschaften, 11 aus den Naturwissenschaften, 9 aus den Ingenieurwissenschaften und sechs aus den Geistes- und Sozialwissenschaften. 

 

Dass Exini und ExStra nur teilweise vergleichbar seien, war auch gestern aus der DFG-Geschäftsstelle zu hören. Das stimmt. Schon deshalb, weil diesmal auch die Alt-Cluster Skizzen abgeben mussten, während Verlängerungsanträge 2012 direkt in die Hauptauswahl durchsegeln konnten.

 

Doch der Beweis, dass sich die beiden Wettbewerbe nicht nur von den Regeln unterscheiden, sondern auch von ihrem Geist her, der steht noch aus. Man möchte den international besetzten Panels, schon jenen 21, die in den nächsten Monaten die Skizzen nach „wissenschaftlichen Qualitätskriterien“ (DFG-Formulierung) begutachten und die besten zur Vollantragstellung empfehlen, zurufen: Beweist es. Und zwar inhaltlich. Es ist einfach nicht einleuchtend, warum die Lebens- und Naturwissenschaften im Schnitt die höhere wissenschaftliche Qualität haben sollten. Genau hier, in der nach Meinung vieler ungleichen Beurteilung der verschiedenen Wissenschaftsgebiete, lag eine entscheidende Schwäche der alten Exzellenzinitiative – was wiederum ihre Akzeptanz in Teilen der Universitäten schwächte.

 

Die Exzellenzstrategie ist nicht die Exzellenzinitiative: Ob das wirklich stimmt, erfahren wir im September 2018. Dann nämlich wissen wir, welche Cluster das Rennen machen.

 

Dieser Kommentar erschien heute zuerst im ZEITChancen Brief.


Wenige Gemeinschaftsproduktionen, gute Aussichten

Insgesamt haben sich 67 Universitäten aus allen 16 Bundesländern an der Ausschreibung beteiligt. Von den 195 Antragsskizzen wurden nach DFG-Angaben 41 von zwei Universitäten gemeinsam eingereicht, sechs weitere von drei Hochschulen. Wie viele der 67 Universitäten insgesamt an Verbundbewerbungen beteiligt sind, teilte die DFG nicht mit. 

 

Fest steht: Nur 21 Prozent der Skizzen sind universitäre Gemeinschaftsproduktionen, während zwei Drittel die Beteiligung außeruniversitärer Forschungsinstitute vorsehen. Ein frappierender Unterschied, soll doch die ExStra vor allem die universitäre Zusammenarbeit stärken.

 

In den kommenden Monaten begutachten international besetzte Panels die Antragsskizzen. Sie berichten ihre Ergebnisse an das so genannte

„Expertengremium“, bestehend aus 39 größtenteils internationalen Wissenschaftlern, das am 28. September entscheidet, welche Universitäten zu Vollanträgen aufgefordert werden.

 

Diesmal mussten auch die bestehenden Exzellenzcluster, so sie in der ExStra erneut gefördert werden wollen, in die Skizzen-Vorauswahl. Für die neuen Projekte könnte darin eine Chance liegen. 2012 waren von 107 Neuantragsskizzen gerade einmal 12 zu Exzellenclustern erwählt worden. Diesmal stehen die 195 Antragsskizzen geplanten 45 bis 50 ExStra-Clustern gegenüber.

Weitere Details zu den Antragsskizzen und dem weiteren Verfahren finden Sie auf der Website der DFG. 


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"Diese Leute stellen die Machtfrage"

DFG-Präsident Peter Strohschneider über Wissenschaftsfeindlichkeit in Ungarn, den USA und anderswo – und wie man sie bekämpfen kann.

Foto: DFG/David Ausserhofer
Foto: DFG/David Ausserhofer

Die Türkei entlässt zehntausende Wissenschaftler, Polens Regierung fördert polenfreundliche Wissenschaftsdisziplinen, und Donald Trump forderte kurz nach seiner Wahl Namenslisten von Klimaforschern an: Ist Wissenschaftsfreiheit ein Auslaufkonzept?

 

Was wir erleben, ist paradoxerweise ein Beleg für die umfassende Bedeutung, die Wissenschaft erlangt hat. Je abhängiger sie von den Wissenschaften wird, umso anspruchsvoller ist es für die Gesellschaft, diesen die nötige Unabhängigkeit einzuräumen. Die Wissenschaften verändern die Grundlagen unseres Zusammenlebens, sozial, kulturell, ökonomisch. Der technologische Fortschritt zwingt uns, öffentliche Kommunikation neu definieren und zu regulieren. Wir müssen unser Verständnis von Leben neu denken, weil nicht mehr eindeutig ist, wann es anfängt, wann es aufhört. All dies und vieles andere gehört zu den langfristigen Entwicklungsdynamiken hoch entwickelter Wissenschaftsnationen. Und die treffen nun auf eine Krise des demokratischen Konstitutionalismus: Neue Formen des autoritären Cäsarismus entstehen, in Polen, in Ungarn, in Russland, und sie haben Implikationen, auch für die Wissenschaften. 

 

Welche Implikationen meinen Sie?

 

Die Reflexivität, die kritische Wissenschaft einer Gesellschaft bietet, wird als etwas Riskantes verstanden und eingeschränkt. An ihre Stelle tritt ein bloß noch instrumentelles Verständnis von Forschung, das einhergeht mit einem instrumentellen Verständnis von Medien, von Kunst und anderen Feldern unabhängigen Denkens. Nehmen Sie Japans Ministerpräsident Shinzo Abe: Eine nationalistische Geschichtspolitik, wie sie der Besuch des Yasukuni-Schreins für die japanischen Kriegstoten symbolisiert, und die Umstrukturierung der  Geisteswissenschaften an den wichtigsten japanischen Universitäten und ihre Ausrichtung hin zu mehr gesellschaftlicher Relevanz muss man doch zusammensehen. Auch Donald Trump hat als eine seiner ersten Amtshandlungen angekündigt, das National Endowment for the Humanities abzuschaffen. Um die gerade einmal 50 Millionen Dollar, die dort jährlich für Forschungsförderung in unserem Sinne ausgegeben werden, ging es dabei kaum. Es ging vielmehr um ein politisches Signal. >>  


UNGARNS PARLAMENT BESCHLIESST GESETZ GEGEN AUSLÄNDISCHE HOCHSCHULEN

Heute Nachmittag hat das Parlament auf Betreiben von Präsident Victor Orbán beschlossen, dass ausländische Hochschulen in seinem Land nur noch dann operieren und Abschlüsse vergeben dürfen, wenn a) ein Staatsvertrag zwischen Ungarn und dem Herkunftsland den Rahmen regelt und b) die jeweilige Hochschule auch in ihrem Herkunftsland Studiengänge anbietet. Was abstrakt klingt, hat ein konkretes Ziel: Es geht offenbar darum, die in den USA akkreditierte Central European University in Budapest auszuschalten, die einst vom bei Orbán verhassten US-Milliardär George Soros gegründet wurde. Weltweit protestieren Wissenschaftler, Forschungseinrichtungen und Politiker gegen die Änderung des Hochschulgesetzes, in Deutschland unter anderem die Junge Akademie, der Historikerverband, der Wissenschaftsrat und zuletzt sogar Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.


>> Hinter den Akten gegen die Wissenschaftsfreiheit steckt die Angst der Gesellschaft, den Spiegel vorgehalten zu bekommen?

 

Das Populistische am Populismus ist die abwegige Vorstellung, die Gesellschaft sei eine homogene Einheit. Alles, was diese Einheitlichkeit stört, muss dann exkludiert werden, ob das nun Ausländer sind, Andersgläubige oder kritische Geister. Beispiel Türkei: Für Erdogan und seine Anhänger gehört eine bedrohlich große Zahl von Professorinnen und Professoren  zur Gülen-Bewegung und deswegen ins Gefängnis. Mit einer alten Differenzierung des Soziologen Ferdinand Tönnies von 1887 gesagt: Gemeinschaft soll an die Stelle von Gesellschaft treten. Gesellschaft ist auf Distanz gebaut, auf Indirektheit und Pluralität. Medien erzeugen Mittelbarkeiten, genauso wie die repräsentative Demokratie, die Herrschaft vom direkten Willen der Bürger entkoppelt. Gemeinschaften hingegen sind auf Unmittelbarkeit gebaut, auf Nähe – oder deren Anschein. Den unmittelbaren autoritären Durchgriff stört alles, was Vielfalt erzeugt, Indirektheiten, und zeitliche, räumliche, sachliche Distanzen schafft. Wie die Wissenschaft.

 

Manche sagen über Trump: Der redet doch nur.

 

Dass Trump über Jahre vorbereitete Investitionsentscheidungen internationaler Konzerne mit einem Tweet knacken kann, zeigt, dass diese simple Entgegensetzung von Worten und Taten nicht greift. Und es geht auch um mehr als bloß um Fragen des politischen Stils. Die amerikanischen Verfassungsväter haben gewusst, dass es die Verfassung braucht, um Mittelbarkeiten herzustellen. Sie wussten aber auch, dass sie allein dann funktionieren kann, wenn der Bürger, wie man im späten 18. Jahrhundert sagte, sich zugleich tugendhaft verhält. Trumps Vulgarisierung der Politik ist ein ganz praktischer, unmittelbar machtförmiger Angriff auf die Tugend des Bürgers als Konstituens der Republik. Ähnliches war schon bei Sarah Palin zu beobachten, und ebenso auch jene Wissenschaftsfeindlichkeit, die mit den jeweils neuesten hightech-gadgets protzt und zugleich die gesellschaftlichen Grundlagen von Wissenschaft unentwegt in Frage stellt. Wir haben es nicht zu tun mit ein paar bornierten Äußerungen von Politikern, die sich nicht für Wissenschaft interessieren. Diese Leute stellen ganz machiavellistisch die Machtfrage. >>

 

Wenn wir ehrlich sind, war die Wissenschaftsfreiheit in den meisten Ländern der Welt noch nie gefestigt. Richtig nahe geht uns das erst, seit unsere Kollegen in den USA oder in Osteuropa unter Druck geraten.

 

Weil dies Länder sind, die für uns als Wissenschaftsnation eine besondere Bedeutung haben. Und im Falle der Vereinigten Staaten kommt eine soziokulturelle Leitbildfunktion hinzu. Viele sind ja ganz ernsthaft erschüttert, dass ein Land, das die Nachkriegsdeutschen als Modell von Wohlstand, coolness und Freiheit wahrnahmen, so ins Vulgäre, ins Brachiale, ins Antidemokratische abzudriften droht. Und was die Türkei angeht: Sie ist nah, weil eben sehr viele Türken und türkischstämmige Deutsche hier leben. Wenn sich auf den Philippinen der Staatspräsident damit rühmt, er habe schon eigenhändig Leute auf der Straße abgeknallt, dann wendet man sich mit Grausen, aber das Grausen ist weiter weg.

 

Welche Verantwortung ergibt sich aus all dem für uns?

 

Ich habe 2008 in einem Anflug von Zynismus gesagt: Das deutsche Wissenschaftssystem könnte jetzt auf Shoppingtour gehen. Das war, als die US-Universitäten unter der Finanzkrise litten und nicht wenige Forscher empfindliche Einbußen ihrer Forschungsmöglichkeiten und Gehälter erlebten. Doch wäre das eine Art Kriegsgewinnerlogik, und die hat einen moralischen Gout. Ganz anders ist die Philipp-Schwartz-Initiative der Alexander-von-Humboldt Stiftung. Sie gründet in dem Bewusstsein historischer Verantwortung für verfolgte Wissenschaftler, und ich finde sie sehr wichtig. Die intellektuelle Geschichte der Deutschen ist in besonderer Weise durch Exile geprägt. Das verpflichtet uns.

 

Wir helfen einigen wenigen Forschern, und ansonsten business as usual?

 

Dies eben gerade nicht! Ich meine, dass die gesellschaftliche Verantwortung von Wissenschaft derzeit in neuer Weise sichtbar wird. Die Frage ist nicht mehr allein: Was muss die Gesellschaft den Wissenschaften geben, damit diese gut funktionieren – also Geld, Freiheiten, Rechte? Die Frage lautet nun auch: Wenn die pluralistische Gesellschaft bedroht ist, welche Verantwortung folgt daraus für die Wissenschaft? Und diese Frage stellt sich auch bei der internationalen Zusammenarbeit. Denn einerseits: Je schwieriger politische Beziehungen werden, desto wichtiger sind wissenschaftliche Kooperationen als ein tragendes Gewebe, das Zusammenhalt schaffen kann, wo sonst vieles auseinanderdriftet. Ein Gewebe, das man nicht einfach aufgibt, weil etwa nationalpopulistische Strömungen an Gewicht gewinnen. Mit Russland pflegen wir derzeit ein solches Gewebe, mit Polen ebenfalls.

 

Und andererseits?

 

Andererseits muss unentwegt und aufmerksam jene Schwelle zwischen autoritären und offen diktatorischen Regimen im Blick gehalten werden, jenseits welcher wissenschaftliche Zusammenarbeit nicht mehr verantwortbar ist.

 

Viele Wissenschaftler in der Türkei oder in Ägypten fordern von Deutschland: Macht endlich mehr Druck, ihr habt die Macht!

 

Das sind Hilferufe, und auf die angemessen zu reagieren, fällt uns immer noch schwer. Das hat nicht zuletzt mit jenem gesellschaftlichen Selbstverständnis zu tun, das für die alte Bundesrepublik kennzeichnend war: ein ökonomisches Schwer- als außenpolitisches Leichtgewicht. Dieser kulturelle Habitus der Deutschen verändert sich, aber erst allmählich. Ein gelassenes Verhältnis zur eigenen Interventionsmacht lässt sich nicht verordnen, auch nicht im Bereich der science diplomacy.

 

Auch die deutsche AfD gibt wissenschaftsfeindliche Töne von sich. Dennoch ist hierzulande die gesellschaftliche Akzeptanz der Wissenschaft Umfragen zufolge hoch. Bleibt das so?

 

Nur, wenn wir ernsthaft dafür streiten. Im AfD-Programm haben wissenschaftsfeindliche und reflexionsaverse Strömungen eine eigene Prägnanz gewonnen. Da kann man nachlesen, was von der Erdsystemwissenschaft zu halten sei oder von der Genderforschung. Doch es geht mir weniger um eine einzelne Partei als um eine aufgeheizte gesellschaftliche Stimmungslage. Gegen die Populismen muss auf den verschiedensten Ebenen gestritten werden: Wissenschaftlich, in politischen Auseinandersetzungen, in den Medien, im persönlichen Austausch. Auch in Alltagssituationen, morgens in der S-Bahn und immer häufiger auch im Hörsaal kann die Zivilität der pluralistischen Bürgergesellschaft gefährdet sein, muss sie also gewonnen und verteidigt werden.

Dieses Interview erschien zuerst im DSW Journal als Teil der Titelgeschichte "Grenzen der Freiheit: Wird Studieren und Forschen zum Risiko?" Für die Geschichte habe ich mit Forschern in Ägypten, der Türkei, Polen und den USA gesprochen. Am meisten beeindruckt hat mich der Mut der türkischen Juraprofessorin Ece Göztepe, die sich entschied, mit Foto und vollem Namen zitiert zu werden. Sie müsse leben, was sie lehrt, sagte sie.

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Deprimierend erfolgreich

Beim Förderprogramm "Innovative Hochschule" haben 118 Hochschulen Anträge gestellt, nur ein Bruchteil kann gefördert werden. Was tun?

Christian Heilmann: Innovation Drive, CC BY 2.0

BEGEISTERUNG KLINGT ANDERS. Als die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz (GWK) von Bund und Ländern im vergangenen Mai die "Förderinitiative Innovative Hochschule" beschloss, mahnte die SPD-Fachhochschulexpertin Daniela De Ridder, das Programm dürfe nicht "bloß ein Trostpflaster für fehlende Antragsmöglichkeiten bei der Exzellenzinitiative sein".

 

De Ridder formulierte, was viele FH-Rektoren dachten: Tolle Idee, aber 55 Millionen Euro Fördervolumen pro Jahr, davon nur zehn Prozent Länderanteil, das wird vorne und hinten nicht reichen. Zum Vergleich: Für die große, mittlerweile "Exzellenzstrategie" genannte Schwester der "Innovativen Hochschule" machen Bund und Länder gemeinsam aufs Jahr gerechnet fast zehnmal so viel locker, und die Länder beteiligen sich mit 25 Prozent. Und während die Exzellenzstrategie nur den forschungsstarken Universitäten offen steht, müssen sich Fachhochschulen und kleine Universitäten die 55 Millionen auch noch teilen.

 

So kam es, wie es kommen musste: Das Programm ist drastisch überzeichnet. Aktuellen Zahlen des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) zufolge sind allein in der ersten von zwei Bewerbungsrunden 118 Förderanträge für die "Innovative Hochschule" eingetrudelt. Nur jede fünfte Bewerbung dürfte damit zum Zuge kommen, erwarten Experten wie Karim Khakzar, Sprecher der Fachhochschulen in der Hochschulrektorenkonferenz (HRK). Khakzar warnt: "Wenn die überwiegende Mehrheit der Anträge trotz überzeugender Qualität und hohem Potenzial abgelehnt werden muss, weil zu wenig Geld bereitgestellt wurde, ist das nicht nur eine vertane Chance, sondern wird auch bei den vielen Praxispartnern zu erheblicher Frustration führen und die Bereitschaft zur zukünftigen Kooperation mit den Hochschulen sehr negativ beeinflussen." 

 

Was der HRK-Vize mit den Praxispartnern meint, ergibt sich aus der Logik des Wettbewerbs: In ihren Förderanträgen sollen sich Hochschulen mit den regionalen Unternehmen, Organisationen, Vereinen und Bildungseinrichtungen verknüpfen und so neue Brücke bauen zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Experten sprechen deshalb neuerdings auch von der "Third Mission" der Hochschulen neben Lehre und Forschung. Im BMBF-Sprech klingt das so: Das Programm trage dazu bei, "dass aus Erkenntnissen der Forschung in allen Wissenschaftsdisziplinen noch effizienter kreative Lösungen für die drängenden Herausforderungen unserer Zeit werden". Werden diese Praxispartner, die sich vielleicht erstmals auf ein gemeinsames Projekt mit der Wissenschaft eingelassen haben, nun verschreckt durch die in Khakzar Augen hoffnungslose Überzeichnung des Wettbewerbs?

 

Das BMBF beschwichtigt, eine Abschätzung der Zahl der Förderfälle sei noch gar nicht möglich, "da diese davon abhängt, wie viele Einzel- bzw. Verbundvorhaben ausgewählt werden und wie viele Mittel die am Ende ausgewählten Hochschulen mit ihren Partnern tatsächlich beantragt haben." Die finale Auswahlentscheidung werde "im Sommer" fallen. Einzeln konnte eine Hochschule bis zu zwei Millionen Euro pro Jahr beantragen, mehrere Hochschulen im Verbund können bis zu drei Millionen Euro erhalten. Die Erfahrung mit bisherigen Förderprogrammen lehrt allerdings, dass die Hochschulen fast immer den zulässigen Maximalbetrag anmelden – was bei 55 Millionen Euro jährlich wiederum die Zahl der möglichen Förderfälle senkt und zwar in Richtung der von Khakzar vermuteten 20 Prozent. 

 

Bundesforschungsministerin Johanna Wanka (CDU), die früher selbst Fachhochschulrektorin war, sendet bereits versöhnliche Signale. Sie persönlich könne sich einen finanziellen Nachschlag für die "Innovative Hochschule" gut vorstellen, deutete sie bei einer FH-Tagung im März an – und schickte gleich noch einen harschen Vorwurf in Richtung der Länder hinterher: Schon bei den Verhandlungen vergangenes Jahr habe sie angeboten, mehr als die 495 Bundesmillionen auf den Tisch zu legen, die es am Ende wurden. Doch einigen Bundesländern sei selbst das Aufstocken ihres 10-Prozent-Anteils zu viel gewesen. 

Kann das wirklich sein? Und wer sind "die Länder"? >>



>> Spricht man Landesminister auf Wankas Vorwurf an, ist es schwierig, eine eindeutige Antwort zu bekommen. Ja, sagen einige, da sei schon etwas dran. Wanka habe mal so etwas angedeutet. Theresia Bauer aus Baden-Württemberg etwa erinnert sich, das sei in einem der zahlreichen informellen Kamingespräche gewesen, zu denen die GWK-Vorsitzende, vergangenes Jahr war das Wanka, ihre Ministerkollegen regelmäßig einlädt. "Eine formale Vorlage dazu hat es aber nie gegeben." Ihr Gefühl, sagt Bauer, sei schon damals gewesen, dass "Frau Wanka damit eines Tages wieder um die Ecke kommt und sagt: Ich habe es den Ländern doch angeboten." Wenn die Bundesministerin es wirklich ernst meine, sagt ihre grüne Kollegin aus Baden-Württemberg, dann "wird das an uns nicht scheitern, und sicher auch an den übrigen Ländern nicht."

 

Andere Wissenschaftsminister dagegen springen Wanka zur Seite und reichen den schwarzen Peter hinter vorgehaltener Hand schwammig an "die ärmeren Bundesländer" weiter. Von denen hätten in den informellen Gesprächen tatsächlich einige ihr Veto eingelegt und ein höheres Volumen ausgebremst. Eine kaum überprüfbare Behauptung, da es keine Protokolle bei den Kaminrunden gibt. 

 

Zumal die Logik eines solchen Verhaltens schwer nachvollziehbar wäre. Geht man von einem erfolgreichen Antrag pro kleinem Bundesland aus (was eine gute Quote wäre!), müsste das zuständige Wissenschaftsministerium pro Einzelbewerbung lediglich 200.000 Euro jährlich kofinanzieren – für 1,8 Millionen Euro Bundesgelder. Ein unglaublich lohnendes Geschäft sollte man denken. "Die Logik der Finanzpolitiker ist aber eine andere", widerspricht ein Wissenschaftsstaatssekretär.

 

Nachfrage im Saarland, das besonders oft genannt wird als eines der angeblichen Bremser. Die Wissenschaftsministerin dort heißt Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) und ist in Personalunion Ministerpräsidentin. Ihre Sprecherin versichert: "Die von Ihnen dem Saarland zugeschriebenen Äußerungen können wir nicht zuordnen." Die Verabschiedung des Programms sei seitens Bund und Ländern "einstimmig und ohne Protokollnotizen" erfolgt. Was indes nichts aussagt über die zuvor zwischen den Wissenschaftsministern gelaufenen Gespräche. 

 

Ein anderer Insider bestreitet, dass es "den Ländern", und zwar nicht nur den armen, überhaupt um das Geld gegangen sei, als sie Wankas nur informell gemachten Vorschlag ignorierten.  "Das war Wankas Programm, da wollte sich kaum einer für aus dem Fenster lehnen." 

 

Fest steht: Stand heute können sich viele Wissenschaftsminister, auch Kramp-Karrenbauer, einen Nachschlag vorstellen. Das Saarland, sagt ihre Sprecherin, würde, "sofern es die Absicht des Bundes gäbe, die Mittel für das Programm aufzustocken – ein solches Signal kennen wir allerdings nicht – dies begrüßen." Wobei, wenn man genau liest, die Sprecherin der saarländischen Ministerpräsidentin, nur vom Bundesanteil redet. 

 

Denn auch hierüber hat es vergangenes Frühjahr in der GWK offenbar Diskussionen gegeben. Einige Landesminister hatten vorgeschlagen, von ihren eigenen Finanzministerkollegen einen höheren Anteil – zum Beispiel 25 Prozent wie bei der Exzellenzstrategie – einzufordern, was das Volumen der "Innovativen Hochschule" ebenfalls spürbar vergrößert hätte. Andere Ressortchefs hätten das jedoch sofort als unrealistisch zurückgewiesen, heißt es.

 

Wie auch immer es genau gewesen sein mag in den Verhandlungen, am Ende, sagt HRK-Fachhochschulsprecher Karim Khakzar zähle vor allem eines: "Frau Wanka hat ihre Bereitschaft signalisiert, jetzt wären vor allem die Länder am Zug." Und dann schwärmt Khakzar noch ein bisschen von der Breite der 118 Anträge, mit denen "praktisch eine flächendeckende Strategie zur Förderung des Transfers zwischen Hochschulen und kleinen und mittleren Unternehmen, sozialen Einrichtungen, Städten und Gemeinden" vorliege: "Eine bessere Basis zur Förderung der Innovationskraft in den Regionen kann man sich kaum vorstellen."

Eine bessere Finanzierung allerdings schon.  

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Jetzt ist Schluss

Bei der Exzellenzstrategie ist am Montag Deadline für die Antragsskizzen. Doch der Tag markiert nur eine kurze Verschnaufpause für die Forscher.

AN DIESEM MONTAG erreicht die Exzellenzstrategie (ExStra) ihre erste wichtige Zwischenstation. Bis spätestens 24 Uhr müssen die Universitäten ihre Antragsskizzen zu den Exzellenclustern einreichen. In ein paar Tagen dann wird der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), Peter Strohschneider, mitteilen, wie viele Skizzen es insgesamt geworden sind und wie viele davon Gemeinschaftsprojekte mehrerer Universitäten werden sollen. 

 

Strohschneiders Statistik wird mit Spannung erwartet. Nicht nur behandelten die meisten Universitätsrektoren die Antragsskizzen bislang wie Top-Secret-Geheimdienstdokumente; auch die an den Clusterbewerbungen beteiligten Forscher haben eifersüchtig darüber gewacht, dass bloß keine inhaltlichen Details an die Konkurrenz gehen. 

 

Im Dezember, als die Antrags-Absichtserklärungen fällig waren, hatte deren niedrige Zahl überrascht: Nur 192 Meldungen hatten die Universitäten an die Bonner DFG-Zentrale geschickt. Dabei hatte Strohschneider noch im November gesagt, die DFG erwarte „mehrere hundert Antragsskizzen“ für die Großforschungsverbünde. Allerdings war die Abgabe von Absichtserklärungen unverbindlich. Die Zahl der tatsächlich eingereichten Antragsskizzen, die Strohschneider in den nächsten Tagen bekanntgibt, könnte niedriger oder, was wahrscheinlicher ist, höher liegen. 

 

Für die Forscher folgt auf den Vor-Deadline-Stress eine kurze Phase der ExStra-Entspannung. Erst Ende September erfahren die Antragsteller, ob sie es in die Hauptrunde schaffen, sprich: ob sie einen Vollantrag einreichen dürfen. Dann aber geht es erneut rund, und zwar auch für die Hochschulleitungen: Wenn sie, eine Neuerung gegenüber der Exzellenzinitiative, eine so genannte Universitätspauschale zusätzlich zum Cluster beantragen wollen, müssen sie das zusammen mit dem Vollantrag tun, und zwar in Form einer "schlanke(n) Darstellung der universitären strategischen Ziele", wie es in der Verwaltungsvereinbarung zur ExStra heißt. 

 

45 bis 50 Exzellenzcluster sollen in der ersten ExStra-Runde von 2019 an gefördert werden mit jeweils bis zu zehn Millionen Euro pro Jahr. Die bislang geförderten 43 Cluster werden wie Neuanträge behandelt. Die Verantwortlichen können also, auf den bisherigen Forschungsverbünden aufsetzend, eine neue Bewerbung einreichen – angefangen mit den Antragsskizzen. Die meisten werden das vermutlich getan haben. 

 

Viele Rektoren haben indes auch schon Anderes im Kopf. Denn Ende Mai steht laut ExStra-Zeitplan die erste Informationsveranstaltung zur zweiten Förderlinie, den Exzellenzuniversitäten, an – "auf Einladung". Während die Universitätspauschale, wenn sie denn bewilligt wird, für den ersten Cluster eine Million Euro beträgt, sollen Exzellenzuniversitäten mit jährlich 10 bis 15 Millionen Euro gefördert werden, Universitätsverbünde mit bis zu 28 Millionen Euro. 

 

Wer all diese Terminpläne und Antragsstatistiken als zu trocken empfindet, wem also noch die nötigen Emotionen im Wettbewerb fehlen, kann heute im ZEITChancen Brief von einem Streit an der Universität Bremen lesen. Den Weser Kurier zitierend, berichten die Kollegen von Kannibalisierungsvorwürfen zugunsten der ExStra. Susanne Schattenberg, Direktorin der Forschungsstelle Osteuropa, wirft Unirektor Bernd Scholz-Reiter vor, er wolle den Studiengang „Kulturgeschichte Ostmitteleuropas“ einzustellen, um Stellen für die Exzellenzanträge freizuschaufeln. „Das ist leider ein übliches Beutezugverfahren."

 

Womöglich lohnt es sich auch, heute kurz entschlossen nach München reisen, zur vom Deutschen Hochschulverband (DHV) veranstalteten "Gala der Deutschen Wissenschaft". Da erhält nämlich Mecklenburg-Vorpommerns Finanzminister Mathias Brodkorb (SPD) die Auszeichnung "Wissenschaftsminister des Jahres" (wem das komisch vorkommt, der kann hier nachlesen, wie es dazu kam). Jener Brodkorb, über den Dieter Imboden, Vorsitzender der internationalen Expertenkommission zur Zukunft der Exzellenzinitiative, einst sagte, er habe ihm von allen Wissenschaftsministern "die intelligentesten Fragen gestellt". Vielleicht hat Brodkorb in seiner Dankesrede heute Abend ja wieder ein paar von ihnen auf Lager. 

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Diesmal soll es klappen

Nach dem Scheitern kam ein neuer Anlauf: Seit Monaten ringen Hochschulen und VG Wort ums Urheberrecht. Jetzt gibt es einen überraschend positiven Zwischenstand.

Foto: Josh Felise
Foto: Josh Felise

DIE ANGST hat vier Buchstaben. DEAL heißt sie. Die Wissenschaftsorganisationen und der Großverlag Elsevier haben sich bei ihren Verhandlungen um bundesweite Lizenzverträge in die strategische Sackgasse manövriert. Theoretisch könnte Elsevier die Hochschulen und Forschungseinrichtungen jederzeit von der digitalen Belieferung mit wissenschaftlichen Journals abschneiden, da seit Anfang des Jahres die Geschäftsgrundlage fehlt. Viele Hochschulen und Wissenschaftseinrichtungen hatten vorher ihre Einzelverträge mit Elsevier gekündigt, um gemeinsam in einer vermeintlich stärkeren Verhandlungsposition bessere Konditionen, eben einen besseren DEAL, herauszuholen. Der drohende Totalboykott werde Elsevier schon einschüchtern und rechtzeitig in eine Vereinbarung drängen, versicherten sich die Wissenschaftsstrategen gegenseitig. Doch der Verlag ließ sich nicht drängen – mit dem absurden Ergebnis, dass Elsevier jetzt einerseits nicht die Leitungen kappt, weil der Verlag den damit verbundenen Imageschaden fürchtet, andererseits aber zum Beispiel Horst Hippler, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), schimpft, nach fünf Gesprächsterminen frage er sich, ob Elsevier ernsthaft mit der deutschen Wissenschaft einen zukunftsfähigen Vertrag" abschließen wolle. "Wir wollen eine Lösung", beteuerte dagegen Elsevier-Manager Hannfried von Hindenburg im ZEITChancen Brief – und dass Forscher in Deutschland "weiterhin zur Weltspitze gehören". Man habe sich halt ziemlich hoffnungslos verhakt, so lautet die Einschätzung selbst derjenigen, die mitverhandeln. 

 

Deshalb ist DEAL auch das Stichwort, das häufig fällt, wenn man in diesen Tagen mit Hochschulrektoren über die Verhandlungen mit der Verwertungsgesellschaft (VG) Wort spricht. Auch hier geht es um Nutzungsrechte und Zugänge. Der Bundesgerichtshof (BGH) hatte 2013 geurteilt, dass die Bundesländer künftig keine Pauschale mehr an VG Wort zahlen dürfen, um die digitale Nutzung von urheberrechtlich geschützten Texten in den Hochschulen abzugelten. Die Autoren hätten das Recht auf eine Einzelabrechnung. Die daraufhin zwischen Kultusministerkonferenz (KMK), HRK und VG Wort ausgehandelte Regelung erwies sich in der Praxis jedoch als derart umpraktikabel, dass die Hochschulen auf die Barrikaden gingen. Ein Pilotversuch an der Universität Osnabrück hatte zuvor ergeben, dass die Zahl der auf der hochschulinternen Lernplattform verfügbaren Texte von 4500 auf 1000 zurückging. Offenbar scheuten viele Dozenten den mit der Einzelmeldung verbundenen Aufwand. Zudem schätzte die Universität die administrativen Mehrkosten auf 26.000 Euro pro Semester – bei geschätzten 8000 Euro an die VG Wort abzuführenden Tantiemen.  

Im letzten Moment hatten sich KMK, HRK und VG Wort im Dezember 2016 darauf geeinigt, die Neuregelung bis Ende September 2017 auszusetzen und in der Zwischenzeit nach einer besseren Lösung zu suchen. Was die Sache für die Hochschulrektoren zusätzlich kompliziert macht: Ganz ähnlich wie bei DEAL hält die Gegenseite vermeintlich alle Trümpfe in der Hand. VG Wort kann auf das BGH-Urteil verweisen, die Hochschulen haben nur Möglichkeit, über die Öffentlichkeit Druck zu erzeugen – und gleichzeitig an die Vernunft der VG Wort - Vertreter zu appellieren. Etwa, indem man warnend auf das DEAL-Patt verweist. 

 

Letzteres scheint zu funktionieren, denn aus den Verhandlungen lässt sich ein erstaunlich positiver Zwischenstand vermelden. VG Wort hat sich bereit erklärt, einen Großteil der Texte aus der Einzelerfassung herauszunehmen. So soll die gesamte Nutzung wissenschaftlicher Zeitschriften auch künftig pauschal abgegolten werden, und unter den so genannten Monografien, also Büchern, müssen die Hochschulen nur noch jene melden, die im so genannten Verzeichnis lieferbarer Bücher (VLB) verzeichnet sind. "Damit haben wir 70 Prozent des Aufkommens raus aus der Einzelerfassung", sagt ein Teilnehmer der Verhandlungen. Und auch bei den verbleibenden Titeln ist die VG Wort offenbar bereit, sich auf einen Kompromiss einzulassen.

 

So soll ein vom 1. April an laufender Pilottest an bis zu fünf Hochschulen ergeben, inwieweit sich ein praktikabler Kompromiss zwischen der Einzelerfassung wirklich jeden einzelnen Werkes einerseits und der bisherigen Pi-mal-Daumen-Schätzung andererseits finden lässt. "Evidenzbasierte Flatrate", so lautet das Stichwort, wobei es noch unterschiedliche Interpretationen gibt, wie die am Ende aussehen könnte. Möglicherweise könnte anhand einer konkreten Zahl von Studenten und der Zahl der pro Semester auf Online-Plattformen eingestellten Titel der Betrag errechnet werden, den eine Hochschule an VG Wort zahlen muss. Oder man nimmt von den eingestellten Titeln und Buchseiten eine bestimmte Anzahl, zählt sie einzeln aus und rechnet die Vergütung auf die Gesamtzahl der Titel hoch.


Eine Einigung scheint möglich, und trotzdem gibt es in der HRK Stimmen, die ähnlich wie bei DEAL zu einem Totalboykott aufrufen. Am lautesten äußert seine Vorbehalte der Präsident der Universität Hannover, Volker Epping. "Die bisherige Linie", also Pauschalvergütung ohne Einzelfallerhebung, müsse "in der Geschlossenheit aller Hochschulen aufrechterhalten werden", fordert Epping. "Eine neue Mustervereinbarung mit Einzelfallerhebung, in welcher Form auch immer", sei "abzulehnen". Isoliert ist Epping mit seiner Meinung nicht. Die niedersächsische Wissenschaftsministerin Gabriele Heinen-Kljajic (Grüne) etwa outet sich zwar nicht als total auf einer Linie mit dem Chef ihrer zweitgrößten Landeshochschule liegend. Man setze sich weiter für "konstruktive Verhandlungen" ein, heißt es aus ihrem Ministerium. Aber: "Einer bürokratischen und nicht hochschulkonformen Lösung werden wir nicht zustimmen."

 

Epping verfahre offenbar nach dem Motto: "Man muss nur fest genug wollen, dann kann man auch Gerichtsbeschlüsse ignorieren", kommentiert dagegen ein an den Gesprächen mit der VG Wort beteiligter Staatssekretär. Der Verhandlungsführer auf Seiten der Hochschulen, der HRK-Vizepräsident und Siegener Rektor Holger Burckhart, hält sich bedeckt und spricht nur von "positiv laufenden Verhandlungen". Hinter den Kulissen indes hat er es geschafft, die große Mehrheit der Rektoren als Unterstützer seiner Linie zu gewinnen, die da heißt: auf jeden Fall einen tragfähigen Kompromiss mit VG Wort heraushandeln, anstatt "alles oder nichts" zu spielen. Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass HRK und KMK Drohgebärden wie die Eppings durchaus in die Hände spielen, können sie so doch gegenüber der VG Wort signalisieren: Wenn ihr uns nicht entgegenkommt, dann ist der gute Wille der Rektoren schnell weg, und dann haben wir Chaos, das keinem hilft. 

 

Um die Komplexität der Angelegenheit abzurunden, läuft im Hintergrund gerade die Ressortabstimmung in der Bundesregierung für das schon lange angekündigte neue Urheberrechtgesetz. Der bekannte Referentenentwurf würde die Abrechnungsmodalitäten zugunsten der Hochschulen deutlich vereinfachen – und eine Einigung mit der VG Wort wäre überflüssig. Doch: Keiner weiß, was aus dem Gesetz wird und ob es noch vor der Bundestagswahl kommt. Selbst Niedersachsens Wissenschaftsministerium sieht daher "akuten Handlungsdruck, um Studierenden digitale Lehrangebote weiter zugänglich zu machen."

 

Erst recht, weil das mit der VG Wort ausgehandelte Moratorium Ende September ausläuft. Sogar wenn es nochmal verlängert werden könnte, was zuletzt nicht ausgeschlossen schien: Die Angst vor dem DEAL-Szenario ist immer dabei in den Verhandlungen. Der jetzt startende Pilotversuch an den Hochschulen geht bis Ende Juni. Danach heißt es dann für HRK, KMK und VG Wort endgültig: Farbe bekennen. 

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Die KMK sagt ja – und Thüringen, warum es nicht zustimmen wollte

Die Wissenschaftsminister lassen den "Masterplan Medizinstudium 2020" passieren.

DIE KULTUSMINISTERKONFERENZ (KMK) hat wie erwartet dem Masterplan zugestimmt und zusätzlich eine einseitige Erklärung beschlossen. Lediglich Thüringens Wissenschaftsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) enthielt sich der Stimme. Am Freitag um 12 Uhr laden Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe und Bundesforschungsministerin Johanna Wanka (beide CDU) Vertreter der KMK, der Gesundheitsministerkonferenz und einige Bundestagsabgeordnete ins Gesundheitsministerium ein. Seitens der KMK wird ein Staatssekretär kommen – was man durchaus als Statement der Minister verstehen darf.

 

Neben der formalen Verabschiedung des Masterplans soll die "Expertenkommission zur Neustrukturierung des Medizinstudiums" eingesetzt und der Aufbau einer Geschäftsstelle beschlossen werden. Auch wird sich die designierte Vorsitzende, die ehemalige Generalbundesanwältin Monika Harms, offiziell vorstellen. 

 

Über den Verlauf der Verhandlungen und das Hin und Her der vergangenen Wochen  hatte ich zuletzt gestern ausführlich berichtet. 


Das Unbehagen der Wissenschaftsminister drückt sich in ersten offiziellen Statements aus. Der Berliner Wissenschaftsstaatssekretär Steffen Krach (SPD) twitterte am späten Donnerstagnachmittag: "Die vollständige Umsetzung des Masterplans ist nur möglich, wenn die Uni-Kliniken finanziell massiv gestärkt werden." Baden-Württembergs grüne Wissenschaftsministerin Theresia Bauer sagte, es sei "zwingend für den Erfolg und die Umsetzung des Masterplans", dass die Finanzierung klar geregelt sei und dass sich auch der Bund und die Träger der Gesundheitsversorgung angemessen beteiligten." Die Kosten können am Ende nicht an den bereits heute überlasteten Haushalten der Hochschulmedizin, der Universitätskliniken und der Wissenschaftsressorts hängen bleiben." Deshalb sei sie froh, dass dieser Finanzierungsvorbehalt am Ende so klar von der KMK betont worden sei. 

Im Gegensatz dazu war für Thüringens Wissenschaftsstaatssekretär Markus Hoppe die einseitige KMK-Erklärung genau der Grund, weswegen sein Ministerium sich der Stimme enthalten habe. Er bedaure, dass keine gemeinsame Erklärung mit der Gesundheitsministerkonferenz zustande gekommen sei, sagte Hoppe. „Nach wie vor ist unklar, wie die Finanzierung des Masterplans gesichert werden soll. Dazu finden sich leider keine belastbaren Aussagen." Immerhin solle die Expertenkommission die Kosten der Umsetzung ermitteln. "Hier müssen dann der Bund und die Träger der medizinischen Versorgung einen angemessenen Finanzierungsbeitrag leisten. Neue finanzielle Belastungen für die Hochschulkliniken lehne ich ab.“

 

Der Medizinische Fakultätentag (MFT) lobte "viele sinnvolle Punkte" im Masterplan, "etwa die Kompetenzorientierung der Ausbildung oder die frühe Verknüpfung theoretischer und klinischer Lehrinhalte über den gesamten Verlauf des Studiums." Umso bedauerlicher, sagte MFT-Präsident Heyo K. Krömer, sei daher, "dass die Hängepartie für den weiteren Reformprozess, was die Finanzierung betrifft, auch nach der heutigen Entscheidung weitergeht."

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Ausgepokert

Die Wissenschaftsminister stimmen dem "Masterplan Medizinstudium 2020" heute voraussichtlich doch zu – obwohl ihre Forderungen nicht erfüllt wurden.

MINDESTENS EINER DÜRFTE  heute Mittag schmunzeln. Voraussichtlich wird das Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe sein, der schon vor drei Wochen eine Einladung für den 31. März versandt hatte, um an dem Tag den „Masterplan Medizinstudium 2020“ offiziell zu verabschieden. Zwischendurch drohten einige Wissenschaftsminister mit Ablehnung, und die Kultusministerkonferenz (KMK) verschob die Abstimmung. Ein Kompromisspapier zwischen Gesundheits- und Wissenschaftsministern kursierte und scheiterte. Doch Gröhe blieb unverdrossen und erneuerte sogar seine Einladung, mit der er Wissenschaftsminister, Gesundheitsminister und Bundestagsabgeordnete zum feierlichen Abschluss an einen Tisch holen wollte. 

 

Seit gestern sieht es so aus, als hätte sich die Abgebrühtheit des CDU-Politikers ausgezahlt: Bis heute Mittag 12 Uhr sollen die Wissenschaftsminister einem so genannten Umlaufbeschluss der KMK zustimmen, mit dem sie per E-Mail den Masterplan durchwinken. Und zwar so wie gehabt. Ohne Kompromisspapier. Trotzdem konnte sich gestern keiner der Ressortchefs ernsthaft vorstellen, dass das Ding noch danebengeht, so dass Gröhe, wie er es seit Wochen beabsichtigt, am Freitag in seinem Ministerium den strahlenden Gastgeber spielen kann.

Im Ergebnis haben die Wissenschaftsminister damit weder, wie von ihnen gefordert, die Zusicherung vom Bund erhalten, dass er sich an den Kosten der Reformen beteiligt, auch die „für die ärztliche Versorgung verantwortlichen Träger“ werden durch den verabschiedeten Masterplan nicht in die Pflicht genommen. Vor allem Baden-Württembergs grüne Wissenschaftsministerin Theresia Bauer hatte zuletzt vor einer einseitigen Überlastung der Wissenschaftshaushalte durch die Umsetzung gewarnt. Schließlich steht auch die Landarztquote, die unter anderem Niedersachsens grüne Wissenschaftsministerin Gabriele Heinen-Kljajic ablehnte, ohne die von den Wissenschaftsministern verlangten Einschränkungen in dem Papier. 

 

Warum sie dennoch voraussichtlich zustimmen? Die Motive sind sehr unterschiedlich. Das Wichtigste formuliert ein Landesstaatssekretär: „Die Reform ist so bedeutend, so grundlegend, dass wir die Gelegenheit, sie jetzt zu verabschieden, nicht verstreichen lassen dürfen.“ Natürlich habe der Termindruck, den Gröhe aufgebaut habe, sein Übriges getan. Besonders, so ist zu vermuten, in den von SPD oder Union geführten Wissenschaftsministerien, ist doch der Masterplan eines der letzten großen gemeinsamen Vorhaben der Großen Koalition.

 

Getröstet haben sich die Wissenschaftsminister, indem sie statt einer gemeinsamen Erklärung mit den Gesundheitskollegen jetzt eine, wie es heißt, „starke einseitige Stellungnahme“ zu ihrem Beschluss hinzufügen. Da haben sie alles hineingeschrieben, was die Gesundheitsminister ihnen nicht zugestehen wollten. Dort kann man jetzt nachlesen, dass „ein angemessener Finanzierungsbeitrag des Bundes“ erwartet werde und natürlich auch der Träger. Auch dass die vollständige Umsetzung des Masterplans unter Haushaltsvorbehalt stehe, betonen die Wissenschaftsminister noch einmal, und dass die Bundesregierung sich für finanzielle Verbesserungen für die Hochschulkliniken einsetzen soll. Bei der Durchsetzung der Landarztquote sprechen sie sich für Sanktionen aus, falls eingegangene Verpflichtungen nicht erfüllt werden – Sanktionen, für die, so die Wissenschaftsminister, die Gesundheitsminister verantwortlich sein sollen. Überhaupt komme die Quote nur in Betracht, wenn alle anderen Maßnahmen „nachweislich“ nicht ausreichten, um die ländliche Versorgung sicherzustellen.

 

Klare Worte haben sie da formuliert ­– nur sind sie allesamt nicht Teil des Masterplans. Denn das haben die Gesundheitsminister verhindert. Entsprechend groß ist das Gemurre in der KMK. „Mit vollem Herzen stimmt da kaum einer zu“, sagt ein hoher Beamter in einem Landesministerium. „Aber sie stimmen halt zu, weil keiner Schuld daran sein will, dass die Reform scheitert.“

 

Genau darauf haben die Gesundheitsminister offenbar gesetzt: auf das Verantwortungsgefühl ihrer Wissenschaftskollegen. Denn tatsächlich enthalten die 37 Punkte des Masterplans so viele überfällige Verbesserungen des Medizinstudiums, dass an vielen Stellen die Umschreibung „großer Wurf“ durchaus angebracht ist (zu den inhaltlichen Details siehe den Blogeintrag vom 08. März). „Allerdings“, sagt ein Staatssekretär, „die letzten Meter, die zur wirklichen Qualität der Reform geführt hätten, die haben am Ende gefehlt“ – und meint damit vor allem die unsichere Finanzierung der zum Teil sehr teuren Maßnahmen.

 

Wobei das nicht alle so negativ sehen. Ausgerechnet aus Niedersachsens Wissenschaftsministerium heißt es, mit der scharfen einseitigen Erklärung der KMK könne man jetzt viel besser leben als mit der „verwaschenen gemeinsamen Erklärung“, die vor dem vergangenen Wochenende kursierte, aus der nämlich „die Gesundheitsminister alle Klarheit und Verbindlichkeit herausgestrichen hatten“. Und die deshalb auch keine Mehrheit in der KMK gefunden habe. Die Mehrheit der Wissenschaftsministerien hingegen hatte sich für das Kompromisspapier ausgesprochen.

 

So reflektiert die voraussichtliche Zustimmung samt Extra-Erklärung an diesem Donnerstag auch das Bemühen der Wissenschaftsminister, trotz aller Dissensen wieder geschlossen gegenüber den Gesundheitskollegen und der Bundesregierung aufzutreten. „Was schon schwer genug ist, weil wir es uns aus sachlichen Gründen und den unterschiedlichen Länderperspektiven wirklich nicht leichtgemacht haben,“ sagt ein Staatssekretär. Insofern wäre alles andere als eine Zustimmung bis heute Mittag eine Blamage für die KMK.

 

Dass die Gesundheitsminister aus Bund und Ländern dagegen „wie eine Bank“ gestanden hätten, konnte man unter den Wissenschaftsministern immer wieder vernehmen – mit einer Mischung aus Anerkennung und Besorgnis. Das seien eben „rustikalere Typen“. Gestern kommentierte ein Wissenschaftsstaatssekretär frustiert: „Wir stimmen jetzt zu und üben daran, uns künftig so nicht mehr behandeln zu lassen.“ 

 

Gröhes Einladung wollten übrigens, Stand Mittwochabend, offenbar keine Wissenschaftsministerin und kein Wissenschaftsminister folgen. Vermutlich schicken sie ihre Staatssekretäre.


Foto: lobstar28: „surgeon“, CC BY-NC-ND 2.0. Die Skulptur heißt "Hope and Help" und steht steht vor dem International Museum of Surgical Science in Chicago.

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Eine Kehrtwende, die gerade noch rechtzeitig kommt

Berlins SPD-Regierungschef Michael Müller verkündet die neuen Hochschulverträge und ein erstaunliches Plus für die Hochschulen. Derweil sollte sich SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz ehrlich machen in Sachen Wissenschaftsfinanzierung.

EIGENTLICH WAR VORHER schon alles Wesentliche durchgesickert. So ungewohnt waren die Zuwächse für die Berliner Hochschulen, dass es einigen Chefs offenbar schwer fiel, bis zur heutigen Pressekonferenz des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller (SPD) das von oben verordnete Stillschweigen zu bewahren. In den vergangenen Tagen berichteten schon Tagesspiegel und Berliner Morgenpost ausführlich über Details der neuen Hochschulverträge. 

 

Irgendwie kann man es verstehen. Nach anderthalb Jahrzehnten der Sparrunden für die Berliner Wissenschaft sind die Zahlen, die der in Personalunion als Regierender und Wissenschaftssenator agierende Müller als gefühlt letzter, aber dafür offiziell verkündete, in sich eine kleine Sensation für die Hauptstadt. Das von Rot-Rot-Grün im Koalitionsvertrag gemachte Versprechen soll Wirklichkeit werden: Innerhalb von fünf Jahren steigt das Jahresbudget der staatlichen Berliner Hochschulen um 221 Millionen Euro, das entspricht fast einem Fünftel. "Rekord!", schreit die Pressemitteilung der Senatskanzlei, Müller selbst formuliert den Fast-schon-Gänsehautsatz: "Unsere Hochschulen sind das Rückgrat Berlins, die Wissenschaft und Forschung seine Zukunft."

 

Auch dass die Verhandlungen um die Hochschulverträge, bei denen das seit Herbst bekannte Plus auf die Hochschulen verteilt wurde, ebenfalls in Rekordzeit vonstatten gingen, rühmte Müller. Obgleich sie sich in den Hochschulen mitunter etwas weniger Zeitdruck und mehr Verhandlungsführung auf Augenhöhe gewünscht hätten. Ebenfalls festgelegt wurden in den Verträgen die Gegenleistungen, die die Hochschulen für das Geld bringen sollen. So sollen sie zum Beispiel unter dem Strich deutlich mehr Stellen entfristen.

 

Vor allem die Fachhochschulen feiern das Plus, aber auch die Universitäten, die mutig geworden von den guten Zahlen zuletzt noch mehr forderten, können, wie der Berliner sagt "kaum meckern". Ein bisschen taten sie es aber doch: über die hohe und aus ihrer Sicht kaum erfüllbare Vorgabe von künftig 2000 Lehramtsabsolventen pro Jahr zum Beispiel.

 

Mit seiner Kehrtwende in Sachen Hochschulfinanzierung reiht sich Berlin ein in den Club der Bundesländer, die ernst machen mit mehr Grundmitteln für die Hochschulen – wie etwa auch, um nur ein paar Große zu nennen, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen. Womöglich gerade noch rechtzeitig, wenn man die Signale aus der Bundespolitik beachtet. Die bundesweite Debatte um mehr Militärausgaben, die in den vergangenen Wochen an Schärfe gewonnen hat, zeigt: Das von den Ländern lange favorisierte Prinzip, nach Bundesprogrammen zu rufen, die dann mit einem möglichst geringen Anteil von Ländermitteln kombiniert werden, stößt an seine Grenzen. Der Bund wird künftig schlicht und einfach nicht mehr alle Bedürfnisse der Länder bedienen können. Er könnte es im Übrigen, siehe Neuordnung der Bund-Länder-Finanzbeziehungen und die Verteilung des Steueraufkommens, auch ohne die in der NATO geforderte Aufstockung der Verteidigungsausgaben nicht. 

 

Die Länder geraten dadurch ebenfalls in eine Situation, die sie lange nicht mehr erlebt haben: Sie werden in Sachen Wissenschaftsfinanzen ein Stückweit auf sich selbst zurückgeworfen. Und stärker als in den vergangenen zehn Jahren wird dadurch die Schere aufgehen zwischen den Bundesländern, die wie Berlin eine verlässliche Schippe auf die Hochschulbudgets drauflegen, und anderen, die das nicht können oder (was es leider auch immer noch gibt) politisch nicht wollen. 

 

An dieser Stelle wäre es an der Zeit auch für die Sozialdemokraten im Bund, sich ehrlich zu machen. Kanzlerkandidat Martin Schulz tut demonstrativ so, als gingen ihn die von den NATO-Mitgliedstaaten (allen voran, aber nicht nur von den USA) erhobenen Forderungen, auch Deutschland müsse mehr fürs Militär tun, nichts an. Sigmar Gabriel verkündet sogar, die NATO-Abmachung sei gar nicht bindend. Natürlich: Es geht um einen Wahlkampfschlager, der da in den nächsten Monaten gesungen werden soll nach dem Motto: Die Merkel-Union will raus aus Bildung und Wissenschaft, wir halten die Priorität und die Finanzierung weiter hoch. Das ist allerdings etwas einfach und durchsichtig vor dem Hintergrund, dass man Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) alles Mögliche vorwerfen kann, ganz sicher aber nicht, sich seit 2005 nicht nach ihren Möglichkeiten für eine Erhöhung der Forschungs- und Bildungsausgaben der Bundesregierung eingesetzt zu haben. Auch als begeisterte Militaristin ist sie bislang nicht in Erscheinung getreten. 

 

Ohne Merkels Leistung überhöhen zu wollen: Eine gewiefte Taktikerin wie die Bundeskanzlerin ist viel zu schlau, um ohne Not das BMBF-Budget einfrieren zu wollen. Wissenschaft ist populärer als Militär. Dass sie ihrem Finanzminister Wolfgang Schäuble erlaubt, genau dies zumindest in der Haushaltsplanung zu tun, deutet auf die Zwangssituation hin, die entstanden ist. Einer Zwangssituation, der sich – soviel steht fest – auch ein Bundeskanzler Martin Schulz auf die eine oder andere Weise würde stellen müssen. Es wird in den nächsten vier Jahren nicht darauf ankommen, zusätzliche BMBF-Milliarden zu verteilen; es wird darauf ankommen, den harten Verteilungskampf mit den Sozial- und Verteidigungspolitikern so zu absolvieren, dass es bestenfalls, so ist zu hoffen, keine realen Einbußen gibt. Doch genau an dieser Stelle jedoch bleibt die SPD plausible Antworten schuldig. 

 

Die Berliner Sozialdemokraten und ihre Koalitionspartner von den Grünen und der Linken hingegen geben sie auf ihre Weise. Auch zeigt sich, dass die Personalunion von Bürgermeister und Wissenschaftssenator von Vorteil für die Wissenschaft sein kann – solange, wie im Falle Müllers, der Regierungschef sich tatsächlich fürs Thema interessiert. Wie sollte jetzt noch der Finanzsenator dem Wissenschaftssenator Müller die Finanzierung der Hochschulverträge verweigern? Das Konstrukt funktioniert auch deshalb, weil hinter Müller ein so ehrgeiziger wie gewiefter Staatssekretär, Steffen Krach, wirbelte. Der Schwerpunkt, den sie gemeinsam in den nächsten Jahren auf die Hochschulfinanzierung legen wollen, wird indes nicht dazu führen, dass an den Unis der Luxus ausbricht. Im Gegenteil: Zunächst wird er die über Jahre angestaute Unterfinanzierung mildern, um dann ein Stückweit abzufedern, falls (oder wenn?) die Bundesmittel ins Stocken geraten. Hochschulchefs in manch anderem Bundesland werden heute neidisch nach Berlin schauen.

Fotos: Senatskanzlei; Foto-AG Gymnasium Melle: "Martin Schulz", CC BY-SA 3.0 CC

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Haken dran an den 91b

Die Wissenschaftsstaatssekretäre aus Bund und Ländern haben ihr Papier zur Wissenschaftsfinanzierung fertiggestellt. Was drinsteht und wie es jetzt damit weitergeht.

IRGENDWIE MUSS DEN Staatssekretären ihre eigene Arbeit hin und wieder absurd vorgekommen sein. Da saßen sie über Monate hinweg immer wieder zusammen in der Arbeitsgruppe „91b GG“, um neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit zwischen Bund und Ländern in der Wissenschaft auszuloten. Sie hantierten mit virtuellen Milliarden zwischen Studienplätzen, Hochschulbau und Programmkostenpauschalen, und parallel verkündete Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) fast wöchentlich und immer unverhohlener, dass sich die Haushaltsprioritäten des Bundes in Richtung Verteidigung und innerer Sicherheit verschieben müssten. 2,0 Prozent der Wirtschaftsleistung, wie die NATO sie fürs Militär fordert, entsprächen 25 Milliarden Euro zusätzlich, die laut Merkel eine wie auch immer geartete Bundesregierung nach der Bundestagswahl im September auftreiben müsste. Pro Jahr. Und das ziemlich bald.* 

 

So taten die Staatssekretäre das einzig Richtige in so einer Situation: Sie beeilten sich, ihre Arbeit fristgerecht abzuschließen, damit das Ergebnis in die politischen Verteilungsdiskussionen der nächsten Monate einfließen kann. Seit vergangener Woche liegt ihr fertiges Papier vor, „Möglichkeiten zur Anwendung des neuen Artikels 91b GG im Hochschulbereich“ heißt es. Und damit passiert nun was? Ja, da fängt der Streit schon wieder an. Doch dazu später.

 

Das wichtigste Ergebnis der Arbeitsgruppe habe ich in einem früheren Blogeintrag bereits vermeldet: Die Mittel, die der Bund bislang in den Hochschulpakt investiert hat, sollen auch nach 2020 weiter in die Hochschullehre fließen, und zwar dauerhaft. Über die Mechanismen gibt es besonders zwischen Union und SPD noch Diskussionen; tendenziell will die SPD stärker in die Breitenförderung aller Hochschulen, während die Union eher Schwerpunkte fördern will. Beide Seiten wollen im Vergleich zu bislang allerdings vermehrt Innovationen in der Lehre belohnen. Im Papier klingt das dann so: Bund und Länder könnten auf den Erfahrungen aus dem Hochschulpakt 2020 und dem Qualitätspakt Lehre „mit ihren kapazitäts- und qualitäts- steigernden Komponenten aufbauen und nach Auslaufen beider Programme im Jahr 2020 die hierfür bislang bereitgestellten Mittel weiterhin in diesem Sinne für die Hochschulen einsetzen“.

Allein für dieses klare Bekenntnis von Bund und Ländern habe sich ihre Arbeit gelohnt, sagen einige der beteiligten Staatssekretäre nicht ohne Selbstzufriedenheit. >>



>> Tatsächlich ist die Passage zum Hochschulpakt aber auch eine der wenigen, die nicht ambivalent daherkommt. So besteht zwar grundsätzlich Übereinstimmung zwischen Bund und Ländern, was die heilsame Wirkung des Paktes für Forschung und Innovation (PFI) angeht, der die vier großen außeruniversitären Wissenschaftsorganisationen und die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziert. Die Zukunft des Pakts adressiert allerdings ein einziger Absatz, der noch dazu nur die Position des Bundes wiedergibt. Eine mögliche Fortsetzung des PFI sei an die Rückkehr zu einer schlüsselgerechten Finanzierung zwischen Bund und Ländern gebunden, hat Cornelia Quennet-Thielen, die Staatssekretärin von Bundesforschungsministerin Johanna Wanka (CDU), dort aufschreiben lassen. Im Klartext: Wenn die Länder nicht wieder mitmachen, gibt es auch keinen neuen Pakt. In der aktuellen Paktperiode hatte der Bund das jährliche Drei-Prozent-Plus allein übernommen. Warum die Länder sich in dem Papier auf keine Zusagen einlassen wollten, bleibt fraglich, zumal etliche Landesminister in kleiner Runde bestätigen, dass der Bund da natürlich Recht habe. Fürchten sie die Reaktion ihrer Ministerpräsidenten?

 

Ähnlich zwiespältig sind die Passagen zu einer etwaigen Verstetigung der DFG-Programmpauschalen. Während die Länder sich eine dauerhafte Zahlung wünschen und (sehr dialektisch!) bekräftigen, sie trügen ja schon über die Grundfinanzierung der Hochschulen zur Programmfinanzierung bei, notiert der Bund klipp und klar: Das Thema habe nichts mit der Grundgesetzänderung zu tun, weil Änderungen bei der Projektförderung auch schon vorher möglich gewesen seien. Bislang allerdings sei eine Verstetigung an der mangelnden Bereitschaft der Länder gescheitert, ihren Anteil beizusteuern. Die Botschaft lautet also: Da ginge mehr, aber nur, wenn die Länder mitgehen.

 

Nicht mehr geht laut Bund beim Thema Hochschulbau: Für eine Anwendung des Artikels 91b bestehe „weder rechtlich noch politisch Raum“, gleiches gelte für die den Ausbau der sozialen Infrastrukturen. Auch den Ruf der Länder, beim Aufbau von mehr Dauerstellen in der Wissenschaft zu helfen, weist der Bund zurück mit dem Hinweis, Karrierekonzepte und mehr Stellen für den Mittelbau seien „Sache jeder einzelnen Hochschule“ – und bei den Professoren habe der Bund ja über das Tenure-Track-Programm bereits Akzente gesetzt. Und dann sind da noch die von den Ländern gewünschten „thematischen Zentren“ an Hochschulen, die, so die Länder, einen „Beitrag zur überregionalen Bedeutung und Profilierung des jeweiligen Feldes im internationalen Wettbewerb leisten“ könnten. Die Antwort des Bundes: Wenn die Länder solche Zentren wollten, könnten sie ja jederzeit die Grundfinanzierung ihrer Hochschulen erhöhen.

 

Eine Reihe weiterer Ideen, allesamt unstrittig, werden in dem Papier munter diskutiert, von der gemeinsamen Unterstützung digitaler Lehrinnovationen bis zu themenübergreifenden Verbünden, in denen eine oder mehrere Hochschulen mit einer oder mehreren außeruniversitären Forschungseinrichtungen zusammen neue „institutionelle Kooperationen“ eingehen könnten, langfristig, standortbezogen oder standortübergreifend. Dank des 91b könnten die Länder nun bei solchen länderübergreifenden „Verbünden, Zentren oder Konsortien“ gleichberechtigte Partner sein. Hört sich irgendwie vertraut an? Zu diesem Ergebnis könnte man zumindest kommen, wenn man die Ankündigung von Bundesforschungsministerin Johanna Wanka (CDU) in Sachen „Max Planck Schools“ verfolgt hat.

 

„Großen Schnittmengen“ habe man gefunden und „kleine Dissensen“ festgehalten, bilanziert ein Staatssekretär. Eine optimistische Sichtweise, zumindest was die Dimension der Dissense angeht. Dennoch könnte das Papier eine Grundlage für schnelle Beschlüsse in der neuen Legislaturperiode bieten. Die Optimisten sehen schon ganze Passagen davon in künftigen Koalitionsverträgen auftauchen. In jedem Fall kann sich das Ergebnis in seiner Klarheit sehen lassen. In der Klarheit dessen, was alle wollen, und auch in Bezug auf das, wo Länder und Bund nicht zusammengefunden haben.

 

Kein Glanzstück war hingegen der Schlagabtausch, den sich Bund und Länder in ihrer finalen Sitzung zu dem Papier geliefert haben. Wankas Staatssekretärin Quennet-Thielen beharrte darauf, dass das fertige Papier nur den Ministerpräsidenten und nicht der Bundeskanzlerin vorgelegt werden soll. Was viele ihrer Kollegen aus den Ländern als unsinnig kritisieren, schließlich handle es sich um ein Dokument im Auftrag der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz (GWK) von Bund und Ländern. Quennet-Thielen berief sich jedoch auf den Auftrag, den die GWK der Arbeitsgruppe von Anfang an erteilt hatte, und darin sei eben nur von den Ministerpräsidenten die Rede gewesen.

 

Was soll das?“, könnte man jetzt in der Tat fragen, wenn die Antwort nicht so offensichtlich wäre: Wenn die Bundeskanzlerin nicht offiziell Kenntnis von dem Papier erhält, macht sie es sich weniger zueigen und behält mehr Spielraum. Spielraum, vor dem sich einige in den Ländern bereits fürchten. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) hat kürzlich die Haushaltseckpunkte für 2018 und die Finanzplanung bis 2021 vorgelegt, denen zufolge das Budget von Wankas Ministerium sinken soll. Das werde am Ende sicher anders kommen, versichern Wankas Leute, doch, siehe Merkels Ansagen in Sachen Verteidigungshaushalt, die Nervosität steigt angesichts der im 91b-Papier festgehaltenen Absicht von Bund und Ländern, den Hochschulpakt nach 2020 zu verstetigen.

 

Indes hat selbst dieses unschöne Gezerre am Ende einen gewissen Unterhaltungswert: Der Termin im Frühjahr, an dem die Ministerpräsidenten allein das Papier vorgelegt bekommen sollen, ist einer, bei dem Bundeskanzlerin Merkel vorraussichtlich auch dabei ist. „Wenn sie das nicht mitkriegen will, muss sie schon aus dem Raum gehen“, sagt eine Wissenschaftsministerin.

 

Fotonachweis: David~: "Ufo-Lampen", CC BY 2.0


*Eine spannende Analyse zum 2-Prozent-Ziel der NATO und den sich darüber abzeichnenden Streit zwischen Union und SPD findet sich im aktuellen SPIEGELDas Nachrichtenmagazin zitiert Außenminister Sigmar Gabriel mit dem Satz, die Nato habe "niemals beschlossen, dass wir in acht Jahren zwei Prozent unseres Sozialprodukts für Verteidigung ausgeben sollen". Dann hätten es die 27 Länder falsch verstanden, habe dagegen CDU-Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen gefragt. 

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Masterplan Medizinstudium: Einigung möglicherweise noch vor dem Wochenende

Zwischen Bund und Ländern kursiert ein Kompromisspapier, das den Durchbruch bringen soll.

DAS RINGEN UM einen Kompromiss um den „Masterplan Medizinstudium 2020“ geht in seine entscheidende Phase. Zusammengetrommelt auf Initiative von Bremens Wissenschafts- UND Gesundheitssenatorin Eva Quante-Brandt (SPD), haben am Dienstag acht Amtschefs der Gesundheits- und Wissenschaftsministerien in Berlin zusammengesessen, um sich erstmal darüber einig zu werden, worüber genau sie eigentlich noch streiten. 

 

Vergangene Woche war die eigentlich geplante Verabschiedung des Masterplans in der Kultusministerkonferenz kurzfristig von der Tagesordnung gestrichen worden, nachdem Baden-Württembergs grüne Wissenschaftsministerin Theresia Bauer ein "Nein" angekündigt hatte. 

 

Die Atmosphäre der am Dienstag wiederaufgenommenen Verhandlungen beschreiben Anwesende als „bisweilen giftig im Ton“. Die Gesundheitsseite habe sich „wenig konziliant“ gegeben, berichtet ein Wissenschaftspolitiker. Nur den anstehenden Landtags- und Bundestagswahlen sei es geschuldet, dass der Wille zur schnellen Einigung bei den Noch-Bundeskoalitionären SPD und Union überhaupt so ausgeprägt sei.

 

Womit auch erklärbar wird, warum der offizielle Widerstand gegen den Masterplan (genauer: gegen die bislang verabredeten Modalitäten seiner Finanzierung) nur aus zwei grün geführten Wissenschaftsministerien kam: aus Niedersachsen (gegen die Landarztquote) und aus Baden-Württemberg (gegen die mangelnde finanzielle Beteiligung der Gesundheitsseite). In der kritischen Bewertung stimmten ihnen nämlich fast alle anderen Wissenschaftsminister zu.

 

Das Ergebnis der Beratungen vom Dienstag ist ein zweiseitiges Kompromisspapier zu Finanzierung und Landarztquote, das jetzt zwischen Wissenschafts- und Gesundheitsseite kursiert – mit dem Ziel, die Kuh möglichst noch vor dem Wochenende vom Eis zu holen.

 

Der Medizinische Fakultätentag (MFT) kritisiert unterdessen die mangelnde Transparenz der Verhandlungen. „Es kann nicht sein, dass jede Frage nach dem Stand des Masterplans mit dem Hinweis abgefertigt wird, dass man nichts sagen könne, solange es keinen abschließenden Beschluss gibt“, sagt MFT-Generalsekretär Frank Wissing.

 

Dabei hätten der MFT und andere Akteure im Gesundheitssektor durchaus etwas zu sagen. Beispiel Finanzierung: Weil die Gesundheitsministerien lange „Wünsch dir was“ gespielt und alle möglichen kostenintensiven Forderungen in den Masterplan geschrieben hätten, sei die Forderung der Wissenschaftsministerien, dass sich Bund, Ärztekammern oder auch Kassenärztliche Vereinigungen stärker an den Kosten beteiligen sollten, „sehr nachvollziehbar“. Doch: „Das darf nicht zu einem Flickenteppich bei der Finanzierung führen, so dass die Fakultäten am Ende das Geld für die Reform Häppchen für Häppchen selbst einsammeln müssen“, sagt Wissing. Zentraler Ansprechpartner für die Finanzierung müssten die Länder bleiben.   

 

Beispiel Studienqualität: Die Politik will den so genannte „Nationalen Kompezenzbasierten Lernzielkatalog Medizin“ (NKLM) weiterentwickeln und zum Teil der Approbationsordnung machen. Dazu soll eine Kommission mit eigener Geschäftsstelle beim Institut für medizinische und pharmazeutische Prüfungsfragen (IMPP) eingerichtet werden – mit Vertretern von Bund und Ländern und der unterschiedlichsten Akteure aus Medizin und Gesundheitssektor. „Sehr irritierend“ nennt MFT-Generalsekretär Wissing diese Pläne. Denn der NKLM sei bislang von den Fakultäten und Fachgesellschaften selbst entwickelt worden, bei ihnen liege auch das Copyright. „Wenn jetzt also die Protagonisten des Masterplans durch die Lande reisen und verkünden, der NKLM werde durch sie weiterentwickelt, ohne dass sie vorher die Fakultäten gefragt haben, wie die das überhaupt finden, ist das unangemessen.“

 

Wissing berichtet von einer „großen Verunsicherung in den Fakultäten, gerade auch in den bisherigen Modell-Studiengängen, die nicht wüssten, wie es mit ihnen weitergehen solle. „Dieser Schwebezustand muss beendet werden.“

 

Zumindest der letzte Wunsch Wissings könnte bald in Erfüllung gehen. Darauf zumindest deuten momentan alle Zeichen hin.  

Nachtrag am 24. März:
Stand heute Morgen ist eine kurzfristige Einigung nicht absehbar. Gesundheits- und Wissenschaftsministerien diskutierten immer noch über einzelne Dissenspunkte, heißt es aus den Verhandlungen.

 

Nachtrag am 25. März:
Die Verhandlungen sind vertagt. Über das kursierende Kompromisspapier ließ sich entgegen aller zwischenzeitlichen Hoffnungen bislang kein Kompromiss finden in Sachen Finanzierung und Anwendung der Landarztquote. Nächste Woche soll es weitergehen. 

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Bitte an die Fakten halten!

Die Abiturienten von heute können nicht mehr richtig Mathe, warnen 130 Professoren und Lehrer in einem "Brandbrief". Dabei unterliegen sie einer Fehlwahrnehmung.

Foto: Mike Wilson
Foto: Mike Wilson

DER TAGESSPIEGEL HAT gerade einen ziemlichen Scoop gelandet. 130 Professoren und Lehrer haben einen, wie das immer so schön heißt, „Brandbrief“ verschickt an die Bildungspolitik von Bund und Ländern, und der Tagesspiegel machte ihn gestern öffentlich. Den Abiturienten mangele es an mathematischem Grundwissen, warnen die Unterzeichner, selbst die Bruchrechnung werde nicht sicher beherrscht. Damit seien viele Schulabgänger nicht mehr studierfähig, zumindest nicht in Studiengängen wie Wirtschaft, Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik.  

 

Der Nachhall heute in der Medienlandschaft auf den Aufschrei ist gewaltig, viele Lehrer, Eltern und Wissenschaftler sehen sich bestätigt in ihrem gefühlten Wissen. Endlich trauen sich die Leute mal zu sagen, wie es wirklich ist!

 

Die Frage ist allerdings: Ist es wirklich so? Stimmt es, wie die Unterzeichner kritisieren, dass „die Bildungsstandards“, die nach dem Pisa-Schock von 2001 eingeführt wurden, schuld sind an der Misere, weil sie ein Mindestniveau zum Standard erklärt haben? Machen sie den Mathematikunterricht kaputt, weil sie auf eine zweifelhafte „Kompetenzorientierung“ abheben, anstatt das Erlernen der Grundlagen einzufordern? Ist es so, wie Tagesspiegel-Redakteurin Susanne Vieth-Entus heute schreibt, dass die Lehrer und Schüler sich nur auf die Pisa-spezifischen Aufgaben eingestellt und so etwas bessere Befunde eingefahren hätten, „ohne dass sich an der grundsätzlichen Einstellung zur Mathematik etwas geändert hätte“?

 

Was wundert an dem Brief selbst wie an seiner öffentlichen Kommentierung ist die unverhohlene Skepsis der empirischen Bildungsforschung gegenüber, die da zum Ausdruck kommt. Während sonst überall gewarnt wird vor der aufkommenden Wissenschaftsfeindlichkeit, die unsere Demokratie gefährde, wird der Bildungsforschung mit einem Federstrich die Aussagekraft ihrer Erkenntnisse abgesprochen. Ein erstaunlicher Vorgang.

 

Halten wir uns mal an die Fakten. Erstens: Es ist gibt unzählige Studien, die belegen, das Pisa weitaus mehr misst als nur die Fähigkeit der Schüler, sich auf bestimmte Aufgabentypen einzustellen. Natürlich kann man alle diese Untersuchungen bezweifeln, aber eigentlich nur, indem man das wissenschaftliche Fundament der empirischen Bildungsforschung insgesamt in Frage stellt.

 

Das gleiche gilt zweitens für die angegriffene Kompetenzorientierung: Es fällt schwer, einen ernsthaften Gegensatz zu konstruieren zwischen dem im Brief geforderten Beherrschen fachlicher Grundfertigkeiten und dem Anspruch moderner Bildungswissenschaft, diese Grundfertigkeiten dann auch anwenden zu können. Ohne Grundlagen keine Anwendung, so einfach ist das. Insofern sind Bildungsstandards, die über die Beschreibung solcher Problemlösekompetenzen definiert werden, sehr wohl eng verknüpft mit dem fachlichen Grundwissen.

 

Drittens: Die Aufgaben, mit denen die Einhaltung der Bildungsstandards überprüft werden sollen, werden am im Brief ebenfalls kritisierten Institut für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) entwickelt, und natürlich finden sich unter den IQB-Testaufgaben etliche, die zu leicht sind, zu schwer, wirklichkeitsfremd oder gar lächerliche Szenarien enthalten. Doch was ist diese Feststellung wert angesichts Tausender ebenfalls misslungener Aufgaben, die sich Mathematiklehrer überall im Land ausdenken (übrigens neben Tausenden anderen, die hervorragend sind)?

 

Fest steht im Gegensatz dazu, dass nur dank des zentralen Abitur-Aufgabenpools, den ebenfalls das IQB entwickelt hat, etwa in Hamburg wie selten zuvor über die Qualitätsverbesserung des Mathematikunterrichts gerungen wird – denn erst die Bildungsforschung hat die nötige Transparenz in die Auseinandersetzung gebracht.   

 

Halten wir uns an all die Fakten, gelangen wir ziemlich schnell zum Kern der Auseinandersetzung um den Brandbrief. Pisa belegt, dass die 15-Jährigen heute nicht ein klein wenig, sondern deutlich fitter sind in Mathematik als die Neuntklässler Anfang der 2000er Jahre. Sie haben bessere Grundlagen und sie können diese zielsicherer anwenden. Warum aber ignorieren das die Professoren und Lehrer? Warum sprechen Kommentatoren lieber der Bildungsforschung ihre Wissenschaftlichkeit ab, als diese Tatsache akzeptieren zu können?

 

Weil sie einer Fehlwahrnehmung unterliegen. Heute studieren 50 Prozent mehr junge Menschen als 2003. Viel mehr Jugendliche absolvieren das Abitur. Eigentlich sollte man keinem Mathematiker erklären müssen, was das bedeutet: Ein größerer Anteil eines Altersjahrgangs an den Hochschulen bedeutet trotz besserer Durchschnittsleistungen mehr Studienanfänger mit schwächeren Mathematikkenntnissen. Punkt. Es kann also sehr wohl sein, dass die Schüler in Deutschland heute besser Mathe können als vor 15 Jahren und gleichzeitig die Studienanfänger im Schnitt mit weniger Vorkenntnissen in die Hörsäle strömen.

 

Kann, soll, muss man das kritisieren? Es kommt darauf an. Wenn man der Meinung ist, dass mehr Bildungsbeteiligung das Niveau der Leistungsstarken senkt, dann ja. Dann muss man sie wohl als „Gleichmacherei“ diskreditieren. Allerdings gibt es für die These, dass die Starken unter der wachsenden Zahl der (zunächst) Leistungsschwächeren leiden, keinerlei empirischen Belege.

 

Im Gegenteil aber gibt es sehr wohl Belege dafür, dass die Öffnung von Abitur und Hochschulen nicht dümmere Schüler in neue Bildungshöhen katapultiert, sondern solche mit den schlechteren sozialen Voraussetzungen. Die sehr wohl in der Lage wären, aufzuholen und mitzuhalten – wenn man sie den gerade am Übergang zwischen Schule und Hochschule besonders unterstützt. Darauf, das weiß die Bildungspolitik längst, wird es in den nächsten Jahren besonders ankommen.

 

Und ja, keine Frage: Mit der Zahl der Studienanfänger steigt die auch Herausforderung für die Hochschullehrer, mit diesen offensichtlichen Schwächen vieler First-Generation Students umzugehen. Ist das ein Grund, sich in die 80er Jahre zurückzuwünschen? Für einige offenbar schon. Auf jeden Fall ist es für sie der Grund, unter den Stichwörtern „Pisa, Kompetenzorientierung & Co“ zu einem Rundumschlag gegen die empirische Bildungsforschung insgesamt auszuholen.

 

Produktiver wäre es freilich, ihre Erkenntnisse nutzen, um Antworten zu finden auf die eine berechtigte Frage: Wie bringen wir das mathematische Grundwissen zu jenen Schülergruppen, die es noch nie hatten – erst recht nicht in den vermeintlich guten alten Vor-Pisa-Zeiten? Genau an der Stelle wird es spannend. Und der "Brandbrief" gähnend langweilig.  

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Fingerzeig nach irgendwo

Sechs Ministerpräsidenten haben sich als Diplom-Fans geoutet. Was folgt daraus für die Hochschulpolitik?

Foto: Shirly Niv Marton
Foto: Shirly Niv Marton

DAS KOMMT DABEI heraus, wenn Ministerpräsidenten selbst Hand an die Hochschulpolitik legen. Eigentlich hätte es eine Formsache sein sollen, als die Länderchefs vergangene Woche in ihrer Konferenz dem neuen Staatsvertrag zur Akkreditierung von Studiengängen zustimmten, den ihre Wissenschaftsminister über Monate ausgehandelt hatten. Doch sechs Ministerpräsidenten beließen es nicht bei dem Ja, sondern fügten eine Protokollnotiz hinzu. Mit der noch ausstehenden Erarbeitung der so genannten Musterverordnung, formulierten die sechs, „sei die Erwartung verbunden, doch noch eine für alle Länder tragfähige Lösung zur Anerkennung des Diploms zu erreichen.“

 

Hinter der konzilianten Technokratensprache verbirgt sich Sprengstoff. Durch die Hintertür wollen die Ministerpräsidenten den totgeglaubten Abschluss wiederbeleben. Und das geht so: Jeder Staatsvertrag ist nur so viel wert wie die Ausführungsverordnung, mit der jedes Bundesland für sich bestimmt, wie der Vertrag praktisch umgesetzt werden soll. Um einen föderalen Flickenteppich zu vermeiden, einigen sich alle 16 Länder normalerweise auf eine Musterverordnung, die sie dann gleichlautend in Landesrecht übernehmen.

 

Und obwohl der Staatsvertrag die Kombination der Wörter „Diplom“ und „Akkreditierung“ tunlichst vermeidet, wollen die sechs Ministerpräsidenten jetzt über diese Verordnung seinen Wirkungsbereich auf Abschlüsse mit dem alten Namen ausdehnen. Eine faktische Gleichstellung mit den neuen gestuften Abschlüssen Bachelor und Master, denen bislang die Akkreditierung vorbehalten war. Es bröckelt etwas in der Hochschullandschaft, und es bröckelt von oben nach unten.

 

So, wie Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) bereits die Rückabwicklung der Schulzeitverkürzung G8 zur „Chefsache“ erklärt hat, so wollen er und fünf Mitstreiter nun offenbar auch bei einem anderen Bildungsthema Populismuspunkte sammeln. Zwar war es ruhiger geworden um die Bologna-Studienreform, doch beliebt sind die Anfang des neuen Jahrtausends eingeführten europaweit gültigen Studienabschlüsse bei vielen Professoren bis heute nicht. Auch unter den Spitzenmanagern finden sich immer noch viele, die den „Diplom-Ingenieur“ als verloren gegangenes Aushängeschild deutscher Wertarbeit verklären.

 

Mit ihrer Diplom-Nostalgie zeigen die Ministerpräsidenten wenig Fachkenntnis. Doch auch wenn der Wunsch der Sechs dank des Einstimmigkeitsprinzips in der Kultusministerkonferenz in Sachen Akkreditierung folgenlos bleiben dürfte, ist er ein Signal. Zuallererst an die Bologna-Kritiker: Da geht noch was. Die Reform ist in der Politik nicht so fest verankert, wie die meisten Minister glaubhaft machen wollen. Das Signal geht aber auch an die Kultusminister: Wenn ihr jetzt nicht eure Chefs überzeugt, war die Protokollnotiz erst der Auftakt.

 

Die Hochschulen jedenfalls sollten sich in Acht nehmen. Der Riss, der da ganz offenbar durch die Politik geht, könnte sehr schnell auf dem Campus ankommen. Falls es noch einen Bologna-Fan gab, der dachte, es sei Zeit sich zurückzulehnen, sollte er jetzt dringend aufwachen.

Dieser Kommentar erschien heute zuerst im ZEIT Chancen Brief.

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Ein Flaschenhals, der (vielleicht) gar nicht existiert

Es gebe zu wenige Professorenstellen für qualifizierte Nachwuchswissenschaftler, heißt es immer. Plausible Schätzungen kommen zu einem anderen Ergebnis. Ein Gastbeitrag von Karl Ulrich Mayer.

Foto: Pete Wright
Foto: Pete Wright

NICHT ALLE KLAGEN, die über die Arbeitsbedingungen junger Wissenschaftler erhoben werden, sind berechtigt. Zum Beispiel die, dass „Nachwuchs“-WissenschaftlerInnen mehr als acht Stunden am Tag und mehr als 40 Stunden in der Woche arbeiten, und wohl auch nicht, dass Promovierende neben ihrer Dissertationsarbeit noch lehren und Arbeiten in Projekten übernehmen. Andere Beschwerden hingegen kann man gar nicht oft genug wiederholen. Dass die Arbeitsverträge in der Promotions- und Postdocphase immer noch viel zu kurz befristet sind etwa.

 

Das eigentliche Skandalon wäre jedoch, wenn junge WissenschaftlerInnen, die den mühsamen Weg der Qualifizierung, der Publikationen und Konferenzarbeit hinter sich gebracht haben, die höchst qualifiziert und spezialisiert sind, im schon nicht mehr sehr jungen Alter von um 42 Jahren feststellen müssten, dass ihnen trotz allem keine Stellen als Hochschullehrer offen stünden. Ein bekannter Sprecher der Juniorprofessoren, Remigius Bunia, hat 2014 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vermutet, dass es ungefähr zwei Drittel aller Berufungsfähigen nicht auf eine Dauerstelle schafften Der Präsident der Freien Universität, Peter-André Alt, konstatierte schon 2012 ebenfalls in der FAZ ein Glücksspiel von 1: 300 für die Berufungschancen von Promovierten. Nach einem Beitrag von Neufeld und Johann (in Forschung&Lehre 9/2016) bleibt 82 Prozent der Aspiranten eine Professur verwehrt.

Doch was wissen wir wirklich über Angebot und Nachfrage an der Schwelle zur Professur? Wie groß und daher empörend ist dieses Skandalon?  Der neue Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs erlaubt dazu einige Aufschlüsse.

 

Gefragt, was sie in zehn Jahren beruflich machen werden bzw. wollen, streben etwa die Hälfte der Promovierten an Universitäten und außeruniversitären Forschungseinrichtungen nach der Promotion eine Tätigkeit in der akademischen Forschung und Lehre an. 22 Prozent wünschen sich eine Professur oder leitende wissenschaftliche Tätigkeit im öffentlichen Hochschulsektor, 20 Prozent eine   Mitarbeiterstelle und 34 Prozent eine wissenschaftliche Tätigkeit außerhalb der Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen. 22 Prozent wiederum planen eine Tätigkeit ohne Forschungsbezug. 

 

Diese Zahlen zu den Berufszielen stammen aus der 2016 von Stifterverband und Deutschem Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) veröffentlichten Studie „Personalentwicklung“. Einer anderen Umfrage zufolge nennen 61 Prozent der befragten Nachwuchswissenschaftler als Berufsziel die Professur. Wenn von den jährlich rund 20.000 Promovierten (ohne Medizin) etwa ein Drittel in Forschung und Lehre verbleiben, sind es also je nach Studie 1500 bis 4500 Personen pro Jahr, die eine Tätigkeit in der akademischen Forschung und Lehre oder explizit eine Professur anstreben. Dem stehen jährlich etwa 2000 Vakanzen an ausgeschriebenen Professuren demgegenüber. Diese Personengruppe kann man als Rekrutierungs-, aber noch nicht als Kandidatenpool betrachten.

 

Die einzige vermutlich belastbare Zahl zu den offensichtlich schon Berufungsqualifizierten ist die jährliche Zahl der Habilitierten, die von 2128 im Jahr 2000 auf 1627 im Jahr 2014 fiel. Dazu kommen (wiederum für das Jahr 2014) die 1613 Juniorprofessoren und 921 Leiter von Nachwuchsgruppen.  Wir wissen allerdings auch, dass etwa die Hälfte der erstberufenen W2- und W3-Berufenen nicht habilitiert ist, da seit einigen Jahren auch habilitationsäquivalente Leistungen qualifizieren. Von den   Habilitierten muss man allerdings den größten Teil der Humanmediziner abziehen, da sie mit der Habilitation keine Universitätsprofessur, sondern die Leitung einer Klinik   anstreben. Die Mediziner stellten 2014 die Hälfte der Habilitationen, gleichzeitig wurden 122 habilitierte Mediziner auf eine Professur (davon 58 auf eine W2 Professur) berufen.

 

Der Pool an Berufungsqualifizierten umfasst also schätzungsweise jährlich 850 Habilitierte (ohne Mediziner), ein Sechstel der Juniorprofessuren (um 270) und ein Fünftel der Nachwuchsgruppenleiter (um 180), also insgesamt rund 1300 Personen. Davon muss man noch die Gruppe der Personen abziehen, die sowohl eine Juniorprofessur haben oder eine Nachwuchsgruppe leiten. Unter den 2014 Erstberufenen gab es etwa ein Fünftel, die sowohl aus einer Juniorprofessur kamen als auch habilitiert waren. Unterstellt man, dass es auch unter den Leitern von Nachwuchsgruppen ähnlich viele Habilitierte gab, so gelangt man zu einer Zahl von Berufungsqualifizierten für 2014 von etwa 1220 Personen. Dem standen 2014 887 Erstberufungen (ohne Fachhochschulen) gegenüber. Dies ergäbe ein Chancenverhältnis von ca. 1: 1,4.  

 

Alle diese Schätzungen sind freilich mit hohen Unsicherheiten verbunden. So dürften etwa von den Bewerbern mit habilitationsäquivalenten Leistungen, im Jahr 2014 insgesamt 345 Personen, etliche   aus der Gruppe der Juniorprofessoren und Nachwuchsgruppenleiter gekommen sein. Das könnte leicht zu einer Minderung der Chancen führen. In Rechnung zu stellen ist aber auch, dass die Fachhochschulen ihre Professoren zum Teil aus der Gruppe der wissenschaftlichen Mitarbeiter an Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen rekrutieren. Die vielen unterschiedlichen, teilweise widersprüchlichen Zahlen, die in dieser Debatte genannt werden, zeigen den morastigen Boden in der Abschätzung des Flaschenhalses. Zwischen 1999 und 2011 gab es laut Deutschem Hochschulverband (DHV) jährlich rund 1500 Ausschreibungen für W2- und W3-Professuren, 2014 kamen 40.000 Bewerbungen auf 1648 W2- und W3-Berufungen. Daraus wird im BuWiN eine Berufungsquote von etwa vier Prozent abgeleitet, also ein Chancenverhältnis von 1:25.

 

Die Angebotsseite des Professoriats wird in hohem Maße durch das altersbedingte Ausscheiden bestimmt. Von 2015 bis 2024 sollen 7866 Professoren altersbedingt ausscheiden; im EFI-Bericht 2017 werden für den kleineren Zeitraum von 2017 bis 2024 11.770 altersbedingte Vakanzen errechnet. Das würde durchschnittlich eine jährliche Anzahl von 800 bis 1400 Vakanzen produzieren.  Dazu kommen über die nächsten 15 Jahre 1000 Stellen für Tenure-Track-Professuren aus dem 2016 beschlossenen Nachwuchswissenschaftlerprogramm der Bundesregierung, also jährlich weitere 100 Vakanzen ab 2023. Könnte es angesichts solch annähernd ausgeglichener Zahlen also sein, dass das Skandalon in massiver Form gar nicht existiert?


HABEN SIE EINE ANDERE POSITION?
SAGEN ZAHLEN, DIE SIE KENNEN, ETWAS ANDERES?
FOLGEN SIE KARL ULRICH MAYERS AUFFORDERUNG UND SCHREIBEN SIE ES AUF. 


Woher kommt aber dann die Diskrepanz zwischen den subjektiv gefühlten und in der Öffentlichkeit dramatisierten Unsicherheiten und diesen meines Erachtens plausiblen Schätzungen?  Es ist höchste Zeit, durch bessere (Längsschnitt-)Daten diese Diskrepanz in der einen oder anderen Richtung aufzulösen. Und ich fordere zu mindestens ebenso detaillierten Alternativrechnungen und –simulationen auf. Denn das potenzielle Problem ist nicht nur für die jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler viel zu wichtig, um Ad-Hoc-Spekulationen überlassen zu bleiben.

 

Unbestritten ist darüber hinaus, dass die Betreuungsverhältnisse zwischen Professoren und Studierenden auch im internationalen Vergleich himmelsschreiend sind und die Qualifizierungszeiten des wissenschaftlichen Nachwuchses nach der Promotion viel zu lang dauern.

 

Der Soziologe Karl Ulrich Mayer ist emeritierter Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, war Präsident der Leibniz-Gemeinschaft und leitet den wissenschaftlichen Beirat des "Bundesberichts Wissenschaftlicher Nachwuchs".

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Leise Grüße vom Digitalpakt

SPD-Haushaltsexperte Swen Schulz warnt: Finanzminister Schäuble legt Wankas Fünf-Milliarden-Plan trocken. Die Realität ist noch etwas komplexer.

Foto: Thomas Kvistholt
Foto: Thomas Kvistholt

DAS HABEN DIE Sozialdemokraten Johanna Wanka bis heute nicht vergessen. Ende September war es, und die SPD versuchte sich an der großen Geste. Eine „nationale Bildungsoffensive“ forderte sie, eine „gemeinsame Kraftanstrengung von Bund, Ländern und Gemeinden für eine bessere Bildung an unseren Schulen“. Doch kaum einer hörte zu. Dann gab die CDU-Bundesbildungsministerin ein unabgesprochenes Interview in der Bild am Sonntag, stellte einfach mal fünf Milliarden Euro in Aussicht und versprach, Deutschlands Schulen informationstechnisch ins 21. Jahrhundert zu katapultieren. Einen schnittigen Namen für ihre Initiative lieferte Wanka den BamS-Leuten auch gleich dazu – DigitalPakt#D – und die Presse fraß ihr aus der Hand. Was war nochmal die „nationale Bildungsoffensive“?

 

Fünf Bundesmilliarden für funktionierende Netze an den Schulen, ein knappes Jahr vor der Bundestagswahl und zwei Monate, bevor die Kultusminister ihre eigene, viel beachtete Strategie zur „Bildung in der digitalen Welt“ verabschieden wollten:  Was sollte die SPD machen, außer schnell auf den Zug aufzuspringen, wenn man nicht als miesepetrig dastehen will. Kurzum: 1:0 für Wanka, und das obwohl sie vorher nicht gerade als Vordenkerin der digitalen Bildungsrevolution in Erscheinung getreten war.

 

Und so verhandelt seit Ende Januar eine gemeinsame Staatssekretärsgruppe „die Einzelheiten“ einer Bund-Länder-Vereinbarung, wie die Kultusministerkonferenz damals in einer Pressemitteilung mitteilte. Eine gewagt niedliche Formulierung angesichts des Wusts technischer, administrativer und auch datenschutzrechtlicher Probleme, die es zu regeln gilt. Vor allem aber muss man sich erstmal einig werden über die Zahlungsmodalitäten: Einzelüberweisung (das will der Bund, und zwar für die technische Ausstattung) oder Dauerauftrag (das fordern die Länder, und zwar auch für den Unterhalt). Wobei letzteres langfristig auf deutlich mehr als fünf Milliarden hinauslaufen würde.

 

Vergangene Woche nun hat der SPD-Haushaltsexperte Swen Schulz sich zu Wort gemeldet. Er ist Berichterstatter für Bildung und Forschung im Haushaltsausschuss und hat sich den Eckwerte-Beschluss für 2018 angeschaut, den Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) durchs Kabinett gebracht hat. Deutlich mehr Geld für Verteidigung und sinkende Ausgaben für Bildung und Forschung seien darin vorgesehen, beklagt Schulz – und „kein Geld für die Digitalisierung“. Seine Schlussfolgerung: Der von Bildungsministerin Wanka groß angekündigte Digitalpakt von Bund und Ländern für Schulen und Berufsschulen hängt jetzt erst einmal finanziell in der Luft.“ >>



>> Es ist nicht die erste, aber eine besonders heftige Retourkutsche für Wankas Vorpreschen im Oktober. Wanka macht „viel Lärm um nichts“, lautet die Kernbotschaft. Endlich die Gelegenheit für die Sozialdemokraten, ihr den BamS-Move zurückzuzahlen?

 

Logisch, dass die Bundesministerin das nicht auf sich sitzen lassen will. „Das Geld kann ja in keiner mittelfristigen Finanzplanung stehen, weil es noch nicht haushaltsrelevant ist“, sagt Wanka. Damit meint sie, dass für ein noch nicht beschlossenes Bund-Länder-Programm auch keine Milliarden reserviert werden können. Was haushaltsrechtlich sicherlich stimmt. Wobei kaum vorstellbar ist, dass Schäuble oder sein Nachfolger nach der Bundestagswahl angesichts der internationalen Sicherheitslage auf wundersame Weise zusätzliche Milliarden für die digitale Bildung finden wird.

 

So ist Schulz' Kritik ein Stückweit wohlfeil, und doch trifft sie Wanka an einem empfindlichen Punkt. Spätestens seit Bundeskanzlerin Angela Merkel ständig von der veränderten weltpolitischen Sicherheitslage und höheren Verteidigungsetats redet, weiß ihre Bildungsministerin, sie wird kämpfen müssen um jeden (und nicht nur jeden zusätzlichen) Euro für ihr Ressort. Für digitale Bildung genauso wie für andere Aufgaben. Klar sei, sagt Wanka, dass die Bund-Länder-Vereinbarung nicht bis zum Sommer fertig sein könne, „dafür ist der Vorgang zu komplex.“ Doch wichtig sei, dass die Bund und Länder sich so weit verständigten, „dass man in neuen Koalitionsverhandlungen die entsprechenden Mittel für einen Digitalpakt einwerben kann.“ Sonst habe man beim Finanzminister keine guten Argumente.

 

Ist der Digitalpakt wirklich so schwierig auszuverhandeln? Nordrhein-Westfalens grüne Bildungsministerin Sylvia Löhrmann widerspricht. „Von Länderseite aus gibt es meines Erachtens keinen Grund, nicht bis zum Sommer zu einer Bund-Länder-Vereinbarung zu kommen.“ Die KMK-Strategie zur digitalen Bildung stehe seit Ende vergangenen Jahres, auch seien sich die Landesregierungen unabhängig von ihrer Couleur einig, was sie vom Bund – siehe oben – erwarten. Die Komplexität der Materie sei jedenfalls nicht dafür verantwortlich, dass nichts vorangehe. "Es muss der Wille dazu da sein, auch beim Bund.“

 

Löhrmann zufolge stellt sich die Realität also anders herum da: Die Schwierigkeit bestehe nicht darin, dass die Verhandlungen so schwierig seien und daher das Geld nicht fließen könne. Das Problem sei, dass Wanka auf Zeit in den Verhandlungen spiele, weil sie das Geld nicht habe. Löhrmanns Schlussfolgerung: „Frau Wanka hat die fünf Milliarden Euro in die Welt gesetzt, da muss sie auch gegenüber dem Finanzminister Sorge tragen, dass das Geld am Ende auch zur Verfügung steht.“ 

 

Dass Wanka Schäuble gegenüber gute Argumente habe, bezweifelt SPD-Politiker Schulz grundsätzlich. Die Ministerin erweise sich „leider als unambitioniert und wenig durchsetzungsfähig“, sagt er – was er an einem weiteren vermeintlichen Versäumnis der Ressortchefin festmacht. Für die Fortschreibung der auslaufenden Pakte im Bereich Hochschule und Wissenschaftsorganisationen nach 2020 werde ebenfalls keine Vorsorge in der Finanzplanung getroffen, sagte Schulz. „Das Problem wird damit der nächsten Bundesregierung vor die Füße gekippt.“

 

Aus Wankas Ministerium heißt es indes, an der Stelle liege der SPD-Haushaltspolitiker komplett falsch. Die bisherigen Volumina würden in der Finanzplanung des Jahres 2021 auf der Höhe von 2020 fortgeschrieben.

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Brodkorb verliert und triumphiert

Die Ministerpräsidenten beschließen den Staatsvertrag zur Akkreditierung. Doch sechs Länderchefs fordern zugleich die Rehabilitierung des Diplomabschlusses.

Martin Abegglen: "diplom", CC BY-SA 2.0

DIE MINISTERPRÄSIDENTEN HABEN in ihrer Sitzung am Donnerstag dem Staatsvertrag zur Akkreditierung zugestimmt. Am 1. Juni wollen sie ihn unterzeichnen, am 31. Dezember 2017 soll er in Kraft treten. Soweit die Formalia, wie sie sich im vorläufigen Ergebnisprotokoll der Ministerpräsidentenkonferenz (MPK) nachlesen lassen. Was dann unter "Protokollerklärung" folgt, ist allerdings ein Hammer. Mit der Erarbeitung der Musterrechtsverordnung werde "die Erwartung verbunden, doch noch eine für alle Länder tragfähige Lösung zur Anerkennung des Diploms zu erreichen". 

 

Eine Protokollerklärung als Zusatz eines MPK-Beschlusses ist an sich nichts Ungewöhnliches; ausschlaggebend ist der Beschluss selbst. Auch in diesem Fall war mit einem solchen Zusatz gerechnet worden, hatte doch Mecklenburg-Vorpommerns Finanzminister Mathias Brodkorb (SPD) im Vorfeld der Sitzung ein letztes Mal die Trommel fürs Diplom gerührt – womit er oberflächlich betrachtet scheiterte, denn das Bekenntnis zum "Dipl.Ing." schaffte es eben nicht in den Beschluss selbst.

 

Weswegen die Protokollerklärung dennoch eine kleine Sensation ist: Weil nicht nur der von Brodkorb umfassend bearbeitete Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern, Erwin Sellering, sie unterschrieben hat, sondern auch die Regierungschefs fünf weiterer Länder: Horst Seehofer aus Bayern, Dietmar Woidke aus Brandenburg, Volker Bouffier aus Hessen, Stanislaw Tillich aus Sachsen und Reiner Haseloff aus Sachsen-Anhalt. Sie alle sagen: Gebt uns das Diplom zurück. Zumindest ein bisschen. Sie sagen es übrigens zum Teil gegen den erklärten Willen ihrer eigenen Wissenschaftsminister. Dem muss sich die Kultusministerkonferenz jetzt stellen und nochmal ran, getreu dem Motto, "oben" (Ministerpräsidenten) schlägt "unter" (Kultusminister).

 

Zehn Ministerpräsidenten waren allerdings auch anderer Auffassung, weswegen die Protokollerklärung, sagen zumindest einige aus der Kultusministerkonferenz (KMK) tapfer, wenig mehr sei als ein kaum erfüllbarer Wunschzettel. Denn das Diplom-Revival in der Musterrechtsverordnung könne ja nur im Einklang aller Länder beschlossen werden. Und dennoch ist das, was sich da gestern in der MPK zu getragen hat, mehr als eine skurrile Fußnote.  Es wird den Kritikern von Akkreditierung und Bologna-Abschlüssen gewaltig Auftrieb geben. Vor allem aber ist es eine Warnung in Richtung der Wissenschaftsminister, dass die Vorbehalte gegen die Studienreform, wie Mathias Brodkorb sie als Bildungsminister formuliert hat, in der Chefetage der Ministerpräsidenten salonfähig sind.

 

Ein paar Schlussfolgerungen.

 

Erstens: Brodkorbs Aktion auf der Zielgeraden der Akkreditierungsverhandlungen hat viele seiner ehemaligen KMK-Kollegen schwer geärgert, doch hat er damit auch einmal mehr seine strategische Kreativität unter Beweis gestellt. Auf die Idee und den Mut, seinen Chef zu schicken, um KMK-Beschlüsse von oben her auszuhebeln, muss man erstmal kommen. Erst recht, wenn man selbst gar nicht mehr der zuständige Minister ist. Zweitens: Eigentlich war dies gestern auch ein Moment der Niederlage für Brodkorb, denn die Ministerpräsidenten haben dem Akkreditierungsstaatsvertrag, dessen Zustandekommen er über Monate hinweg verhindern wollte, zugestimmt. Doch durch seine Finte schaffte er es, von diesem Umstand abzulenken und seine Ex-Kollegen schlecht aussehen zu lassen. Drittens: Der seit einem Jahr laufende Streit um die Zukunft der Akkreditierung ist damit in seiner ersten Ableitung angelangt. Ging es den Gegnern des Staatsvertrags lange um die Komplettabschaffung des Systems, werden sie sich nun, da der Vertrag kommt, auf die Aufwertung des Diploms konzentrieren. Nach dem Motto: Wenn schon weiter Akkreditierung, dann wollen wir wenigstens auch was davon haben. 

 

Viertens und am wichtigsten: Die Wissenschaftsminister tun gut daran, sich zu überlegen, wie sie Querschüsse ihrer Chefs in Sachen Hochschulreform künftig verhindern können. Und zwar, indem sie ihnen besser erklären, worum es geht. Gefährliches Halbwissen bei den Ministerpräsidenten, verbunden mit einem Schuss Nostalgie für die Uni von gestern, ist eine brüchige Basis, wenn die Wissenschaftsminister für künftige Reformentscheidungen in einem derart umkämpften Politikfeld Rückendeckung brauchen. Schließlich ist es kein Zufall, dass sie sich beim parallel verhandelten "Masterplan Medizinstudium 2020" noch nicht einmal daran gewagt haben, die Stichworte "Bachelor und Master" in die Debatte um die Zukunft der Medizinerausbildung einzubringen. Nicht durchsetzbar bei den Gesundheitskollegen, sagen die Wissenschaftsminister einhellig. Bei ihren Chefs, den Ministerpräsidenten, aber ganz sicher auch nicht. 

 

Nie in den vergangenen zehn Jahren war das Diplom so lebendig wie seit gestern Abend. Als vor einem Jahr das Bundesverfassungsgericht die bisherige Akkreditierungspraxis als grundgesetzwidrig einstufte und die aktuelle Debatte um eine Neufassung auslöste, sei das für ihn Grund gewesen, "eine gute Flasche Wein aufzumachen", sagt Mathias Brodkorb hinterher. Gestern Abend dürfte er sich mal wieder an seinem Weinvorrat bedient haben.

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Streit ums Geld: Politik vertagt Reform der Medizinerausbildung

Baden-Württembergs Wissenschaftsministerin Theresia Bauer hatte ihr Nein angekündigt, weil sie einseitige Belastung für die Wissenschaft befürchtete.

BUNDESGESUNDHEITSMINISTER HERMANN GRÖHE (CDU) hatte schon die Pressekonferenz geplant, bei der er den Erfolg verkünden wollte: den Masterplan Medizinstudium 2020, einhellig verabschiedet von allen, die in Sachen Gesundheit etwas zu sagen haben. Von den Gesundheitsministern also. Von den Wissenschaftsministern. Von den Finanzministern. Aus allen Ländern und aus dem Bund. Kein Wunder, dass einige bereits vom „großen Wurf“ schwärmten. Daraus allerdings wird vorerst nichts. Weder aus dem großen Wurf noch aus Gröhes Pressekonferenz. Die für heute geplante Verabschiedung des Reformpapiers durch die Kultusministerkonferenz (KMK) wurde kurzfristig abgesagt. Und hinter den Kulissen beginnen bereits die Schuldzuweisungen.

 

Das sind die Fakten: Baden-Württembergs grüne Wissenschaftsministerin Theresia Bauer hatte Anfang der Woche für einige ihrer Kollegen offenbar überraschend angekündigt, dass sie dem Masterplan nicht zustimmen werde. Nach zweitägigem Hin und Her einigten sich die Kultusminister schließlich am Donnerstagnachmittag, den Masterplan von der Tagesordnung zu nehmen.

 

Wahlkampf sei das, kommentieren nun einige von Bauers Kollegen, der Masterplan sei im Großen und Ganzen eben ein Projekt der großen Koalition im Bund, und deshalb, gestehen sie großzügig zu, sei es „politisch legitim“, wenn eine grüne Ministerin ein paar Aufmerksamkeitspunkte sammeln wolle.  

 

Wenn man Bauer und ihren Leuten spricht, bekommt man einen anderen Eindruck. Die Sorgen, die sie haben, sind echt. Und sie haben natürlich mit Geld zu tun.

 

Bauer sagt, es sei ihr nicht leicht gefallen, auf die Vertagung zu drängen, weil sie 36 der 37 im Entwurf enthaltenen Punkte inhaltlich voll zustimme und bis vor wenigen Tagen von einem tragfähigen Kompromissangebot der KMK an die Gesundheitsministerkonferenz ausgegangen sei. Dies betreffe auch den Punkt 37, die Landarztquote, die sie trotz ähnlicher Bedenken wie ihre niedersächsische Kollegin Gabriele Heinen-Kljajić (siehe Blog vom 08. März) in der Kompromissform mitgetragen hätte. Schluss mit Zustimmung sei für sie allerdings gleich zu Beginn des Papiers, bei der Präambel, wo ein paar vermeintlich dürre Sätze die Finanzierung der Reform regeln sollten.

 

Klar war schon länger, dass die Finanzminister keine zusätzlichen Millionen für die Umsetzung des Masterplans zu geben bereit waren, das hatten sie zuletzt vergangene Woche in einem Beschluss deutlich gemacht – zumindest solange die Universitätskliniken weiter so hohe Defizite anhäuften. Das Signal an die Wissenschafts- und Gesundheitsminister: Macht das mal unter euch aus. Und dieses "das" ist richtig teuer. Experten gehen bei vollständiger Umsetzung des Masterplans von einem mittleren dreistelligen Millionenbetrag zusätzlich aus – pro Jahr. 

 

Schon im Februar, berichtet Bauer, habe man einen Kompromissvorschlag in Richtung Gesundheitsseite formuliert, der Tenor: Die Wissenschaftsministerien der Länder übernehmen ihren Teil, doch auch der Bund und die Krankenversicherer müssten sich „angemessen“ an den Kosten beteiligen, da die geplante Stärkung der Allgemeinmedizin durchaus eine Frage der Ausbildungsqualität, zuerst aber der Krankenversorgung sei.

 

Sätze, die die Gesundheitsminister aus Bund und Ländern nicht akzeptieren wollten. „Die stehen immer wie eine Bank“, sagt ein Wissenschaftsstaatssekretär aus einem anderen Land anerkennend und besorgt zugleich. Die „Gesundheitsseite“, wie sie in den Verhandlungen genannt wird, hatte zuvor sogar verlangt, den im Entwurf enthaltenen Finanzierungsvorbehalt zu streichen.

 

Bauers Schlussfolgerung: So bleibe die Gesamtfinanzierung des Masterplans an den Wissenschaftshaushalten hängen, und der Druck, sie anzuzapfen, werde zunehmen, „sobald der Masterplan erst einmal beschlossen ist.“

 

Hätten dann nicht mehr Wissenschaftsministerkollegen wie Bauer ihr „Nein“ ankündigen müssen? Die Sorge zumindest, von den Gesundheitsministern über den Tisch gezogen zu werden, haben sie fast alle. Und auch die Forderung, der Bund müsse Geld zuschießen, verbindet sie. Doch aus zwei Gründen entschieden sich die anderen gegen die Konfrontation auf der Zielgeraden. Erstens: die Lagerzugehörigkeit, siehe oben. Ein Projekt der Großen Koalition will offenbar keine Ressortchefin der SPD oder Union kurz vor der Bundestagswahl in Frage stellen, zumal wenn die Reform inhaltlich von allen geteilt und als extrem sinnvoll befunden wird.

 

Zweitens: Kollegen von Bauer äußern die Sorge, dass eine Rückkehr in die Verhandlungen mit der „Gesundheitsseite“ schwer werden könnte. „Was soll denn das Ergebnis eines Neins zum jetzigen Zeitpunkt sein?“ fragt einer. „Vor der Wahl kann es doch seitens des Bundes keine juristisch wasserdichten Finanzierungszusagen mehr geben.“ Doch brauche man die Verabschiedung des Plans jetzt, damit nicht am Ende irgendwer auf die Idee komme, die umfassendste Reform des Medizinstudiums seit Jahrzehnten an sich wieder in Frage zu stellen.   

 

Vielleicht lässt sich das Wahlkampfargument gegen Bauer aber auch drehen: Man braucht den Erfolg jetzt, vor den Wahlen. Auf jeden Fall kam so überhaupt erst die Idee zustande, die Finanzierungsfrage einer Expertenkommission zu überlassen.

 

Jetzt fürchten sich alle ein bisschen vor der Reaktion der „Gesundheitsseite“, mal wieder. Denn einen Vorgeschmack, wie sie ausfallen kann, haben sie schon gestern bekommen. Als die Gesundheitsminister Wind davon bekamen, dass die KMK vertagen wollte, griffen einige zum Telefon und riefen ihre Ministerpräsidenten an. Sie verlangten, die Wissenschaftsseite zur Ordnung zu rufen. Mit dem Ergebnis, dass für eine paar Stunden nochmal hektische Betriebsamkeit auf allen Seiten ausbrach. Und am Ende, siehe oben, heute Nachmittag doch vertagt wurde. Die Kollegen der Gesundheitsseite seien allesamt eher „rustikale Typen“, munkeln sie in der KMK, die intern austeilen und in der Öffentlichkeit kräftig zuspitzen könnten. Nach dem Motto: Wir wollten die große Reform, und die Wissenschaftsseite hat es kleinkrämerisch vergeigt.

 

Indes: Vergeigt ist noch gar nichts. Nur all jene, die sich schon im Vorfeld angesichts der ungeklärten Finanzierung ernüchtert über den vermeintlichen „großen Wurf“ geäußert hatten, dürften sich bestätigt fühlen. Der Medizinische Fakultätentag (MFT) etwa warnt, wenn die Landarztquote komme, werde aufgrund der entstehenden Rechtsunsicherheit die Zahl der Studienplatzklagen zunehmen. Wenn gleichzeitig die Zahl der Studienanfänger steige und die Finanzierung unklar sei, komme es zwangsläufig zu einer Überforderung der Fakultäten.


Wie es jetzt weitergeht? Bremens Wissenschaftssenatorin Eva Quante-Brandt (SPD) hätte da eine Idee. Sie will alle zu einem ergebnisoffenen Gespräch einladen. Das könnte passen – nicht nur, weil die Senatorin parteiübergreifend als integrative Persönlichkeit geschätzt wird. Sondern auch, weil sie zugleich Gesundheitssenatorin ist. Und keine eigene medizinische Fakultät im Land hat. Mehr ehrliche Maklerin, könnte man denken, geht in der Sache kaum. Schon am nächsten Dienstag wollen sich acht Staatssekretäre aus Wissenschaft und Gesundheit in Berlin treffen. Es müsse doch möglich sein, einen Kompromiss zu erreichen, sagen sie. Vielleicht ja sogar noch vor Ende des Monats.

 

Womöglich kann Bundesgesundheitsminister Gröhe ja doch bald zu seiner Pressekonferenz einladen. 

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Einen hat sie noch

Kurz vor Ende der Legislaturperiode schafft Forschungsministerin Wanka Tatsachen. So genannte "Max Planck Schools" sollen die besten Studenten und Doktoranden ins Land holen. Die ersten drei werden schon in wenigen Monaten feststehen.

ES WAR EINE hochkarätige Telefonkonferenz, die Bundesforschungsministerin Johanna Wanka (CDU) gestern unmittelbar vor der Verleihung der Leibniz-Preise einberufen hatte. Die Chefs sämtlicher außeruniversitären Forschungsorganisationen waren angekündigt, dazu der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Horst Hippler, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), musste sich dagegen entschuldigen lassen, aber das war nicht so schlimm, denn mit dem hatte Wanka in den vergangenen Wochen schon häufiger über das Thema geredet. Genauso wie mit Max-Planck-Präsident Martin Stratmann, der an der Telefonkonferenz teilnahm, aber im Gegensatz zu seinen Kollegen nichts Neues gehört haben dürfte.

 

Was Wanka den Wissenschaftschefs mitteilte: Noch in diesem Jahr sollen die ersten drei so genannten Max Planck Schools gegründet werden. Nicht ganz so, wie Stratmann sie einst beschrieben hatte. Aber auch nicht so, dass die Chefs von Leibniz, Helmholtz & Co vor Freude aufgeschrien haben dürften. Trotzdem (oder gerade deswegen) könnte es ein Erfolgsmodell werden.

 

Der Reihe nach. 2015 hatte Stratmann bei der Jahresversammlung der Max-Planck-Gesellschaft (MPG) vorgeschlagen, MPG-Direktoren und herausragende Universitätsprofessoren sollten sich in überregionalen "Max Planck Schools" zusammentun, nicht zu verwechseln mit den 60 thematisch fokussierten International Max Planck Research Schools (IMPRS), die es seit Jahren gibt, die aber immer lokal organisiert sind.

 

Die größeren, nach Fächern organisierten Max Planck Schools sollten demgegenüber "besonders talentierten Bachelor- und Masterabsolventen“ aus aller Welt „die Gelegenheit zu geben, sich mit jüngstem Wissen von der vordersten Front der Wissenschaft auseinanderzusetzen." Die neuen Schools würden auf den IMPRS "aufsetzen", als eine Art Dachstruktur. 

Ein faszinierender Gedanke: Keine Universität in Deutschland kann von ihrer Dichte an Spitzenwissenschaftlern mit Harvard oder Yale mithalten, aber wenn man die Koryphäen aus Universitäten und Max Planck deutschlandweit zusammenführt, dann müssten sich doch einige der talentiersten Studenten aus aller Welt anlocken lassen.

 

Auch Wanka „fand die Grundidee sehr gut“, wie sie sagt. Aber sie wollte eine Änderung und eine Konkretisierung. Die Änderung: Das könne keine Sache nur zwischen den Unis und Max Planck sein. „Auch Helmholtz, Leibniz, Fraunhofer haben international führende Leute“, sagt die Ministerin. „Wenn wir die besten Forscher ortsunabhängig vernetzen wollen, dann können wir nicht an den Grenzen von Max Planck halten machen.“ Und die Konkretisierung: Das Promotionsrecht, so Wanka, müsse ganz klar und ohne jede Frage bei den jeweils beteiligten Universitäten liegen. Punkt.

 

Das Ergebnis hat die Ministerin nun gestern den fernmündlich versammelten Wissenschaftschefs mitgeteilt. Möglichst schon vor der Sommerpause sollen die ersten drei Schools nach ihrem fachlichen Schwerpunkt feststehen. Welche das sein werden, sollen Max Planck und die anderen Organisationen in einem gemeinsamen Abstimmungsprozess entscheiden. Wobei Max Planck keine Sonderrechte haben soll. Wanka sagt: „Ich wünsche mir hierzu eine Diskussion unter allen auf Augenhöhe.“ Nur Vielfalt sei ihr wichtig, „also ganz sicher fördern wir keine drei Schools, die allesamt aus den Lebens- oder Naturwissenschaften stammen.“

Über fünf Jahre soll das Pilotprojekt laufen. Die Schools sollen 35 bis 60 Studenten aufnehmen pro Jahr. Für sie alle gibt es Stipendien. Die vorgesehene Projektförderung geht an die universitären Partner. Pro School und Jahr soll dem Vernehmen nach ein mittlerer einstelliger Millionenbetrag eingeplant sein, pro Professor 100.000 Euro. Zahlen, die Wanka nicht bestätigen möchte. Was die Professoren angeht, spricht sie von einem Betrag, „der bewusst nicht so hoch sein soll, dass die Leute vor allem des Geldes wegen mitmachen.“ Um die intrinsische Motivation der besten Wissenschaftler gehe es, sagt sie.

 

Ihre ideale School vereinbare dann Studenten und Promovierende aus aller Welt mit Professoren mehrerer Universitäten und möglichst auch mit Wissenschaftlern aus mehreren außeruniversitären Forschungseinrichtungen.

 

Wer die Schools institutionell trage, sei offen, sagt Wanka, aber ganz sicher werde die Max-Planck-Gesellschaft nicht stärker repräsentiert sein als die übrigen Forschungsorganisationen und die Universitäten. Was eine klare Ansage in Richtung Stratmann ist, die den nicht gefreut haben dürfte, als er sie das erste Mal hörte.

 

Bei einer anderen Ansage Wankas wiederum dürften Stratmanns Kollegen gestern besonders geschluckt haben. Der Name "Max Planck Schools", sagt die Ministerin, sei für sie nicht verhandelbar. „Max Planck hat international die größte Strahlkraft, das müssen alle akzeptieren.“

Die Max-Planck-Gesellschaft selbst wollte sich gestern nicht zu den Plänen der Bundesministerin äußern. 

So ist es eine absurde Vorstellung, die bald Wirklichkeit werden könnte: Helmholtz und Fraunhofer betreiben zusammen mit Universitäten eine Max-Planck-School, um die schlausten Köpfe nach Deutschland zu holen. Das sei in der Tat denkbar, sagt Wanka. „Doch ich bin mir sicher, dass Max Planck auch viele sehr gute Leute ins Rennen schicken wird.“

 

Wer Wanka zuhört, spürt ihre Begeisterung für die Schools. Kein Wunder, es dürfte das letzte Großprojekt sein, das sie noch vor der Bundestagswahl erfolgreich auf den Weg bringen kann. Keine schlechte Wahl, könnte man sagen.

Fotonachweise: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung/Steffen Kugler -- unbekannter Fotograf/gemeinfrei 

 

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Da bin ich wieder

Mathias Brodkorb meldet sich zurück im Gezerre um die Zukunft der Akkreditierung. Mit einem Manöver, das seine Ex-Kollegen als "dreist" bezeichnen.

Foto: Ralf Roletschek/roletschek.at
Foto: Ralf Roletschek/roletschek.at

SEIT WOCHEN SCHON keine professoralen Aufschreie gegen den vermeintlichen „Akkreditierungswahn“, keine demonstrativen Zerwürfnisse in der Kultusministerkonferenz (KMK). Neulich fragte mich jemand: „Geht bei der Reform jetzt alles ganz geräuschlos über die Bühne?“

 

Das gleiche hat sich Mecklenburg-Vorpommers ehemaliger Bildungsminister Mathias Brodkorb (SPD), der inzwischen das Finanzressort übernommen hat, offenbar auch gefragt. Und entschieden, mal wieder dazwischenzugrätschen.

 

Seine Nachfolgerin Birgit Hesse hatte nach einem monatelangen Hickhack im Dezember in der KMK einen Kompromiss mitgetragen, indem sie sich bei der entscheidenden Abstimmung enthielt. Der neue Staatsvertrag, der nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts das Akkreditierungswesen auf rechtlich sichere Füße stellen soll, wird demzufolge im Frühjahr von den Ministerpräsidenten unterschrieben, voraussichtlich am 1. Juni. Was drinsteht, habe ich in mehreren Blogeinträgen berichtet.

Damit der Staatsvertrag wirksam werden kann, müssen die Länder noch Rechtsverordnungen erlassen, die „das Nähere“ regeln, wie das so schön heißt, und zwar, so steht es in Artikel 4 des Akkreditierungs-Staatsvertrags, „zu den formalen Kriterien“, den „fachlich-inhaltlichen Kriterien“ und „zum Verfahren“. Gewöhnlich steht so eine Musterrechtsverordnung schon, wenn ein Staatsvertrag in der KMK beschlossen wird, sprich: Die Länder haben sich dann schon auf eine gemeinsame Vorgehensweise bei der Umsetzung geeinigt.

 

In diesem Fall aber war die Rechtverordnung noch mehr als der Staatsvertrag selbst der Streitpunkt mit MV, so dass man sich einigte, die einfach später auszuhandeln – möglichst im Konsens, zur Not aber auch so, dass 15 Länder die gleiche Verordnung haben und ein Land, eben Mecklenburg-Vorpommern, eine andere.

 

Das war der Stand, bis die Staatskanzlei von Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD), der zurzeit Vorsitzender der Ministerpräsidentenkonferenz ist, die Sitzungsunterlagen an seine Kollegen versendet hat. Da stand plötzlich unter Ziffer 4 des Beschlussvorschlages zum Staatsvertrag, die KMK solle verpflichtet werden, bei der Ausarbeitung der Musterrechtsverordnung ein Diplom-Privileg zu berücksichtigen. Anders formuliert: All das, worüber die KMK monatelang gestritten hatte (im Kern die Frage, ob auch Diplom-Studiengänge gleichberechtigt akkreditiert werden können, Antwort von 15 Kultusministern: Nein), will MV jetzt durch die Hintertür der Ministerpräsidentenkonferenz wieder durchdrücken.  

 

Ein erstaunlicher Vorgang. Und noch erstaunlicher, dass dahinter Finanzminister Brodkorb steckt, der offenbar an seiner Nachfolgerin Hesse vorbei seinen Chef Sellering so lange bearbeitet hat, bis der sich losschicken ließ. Ein böser Affront gegen Hesse, die sich denn auch genötigt sah, im Kreise ihrer KMK-Kollegen ihr Bedauern über Brodkorbs Verhalten auszudrücken. Das Mitgefühl der anderen Minister ist ihr sicher. Nur zurück in Schwerin wird ihr das bei so einem Finanzminister wenig nützen.

 

Die anderen 15 Länder haben übrigens dem Beschlussvorschlag in der Ministerpräsidentenkonferenz ihr eigenes Votum beigefügt. Ihre Antwort auf Ziffer 4: Auf keinen Fall.

 

Fortsetzung folgt. Wie eigentlich immer bei Mathias Brodkorb.

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Eine Frage der Zeit

Horst Seehofer will G8 beseitigen. Was er gemeinsam hat mit vielen anderen Gegnern der Schulzeit-Verkürzung: Um Pädagogik  geht es ihm zu allerletzt.

JETZT ALSO BAYERN. Zwar steht noch kein Termin für den Ausstieg aus G8 fest, aber dass der Freistaat Abschied nehmen wird von dem, was Kritiker verächtlich „Turbo-Abi“ nennen, scheint ausgemacht.

 

Horst Seehofer, CSU-Ministerpräsident und selbsterklärter Stimmungsseismograph, ist zu dem Ergebnis gekommen, dass die vor knapp anderthalb Jahrzehnten beschlossene Schulzeitverkürzung die Wiederwahlchancen seiner Partei schmälert. Weswegen er das Thema im Februar demonstrativ zur „Chefsache“ machte und seitdem die Gespräche um die Zukunft von G8 selbst führt. Sein Kultusminister Ludwig Spaenle, maximal gedemütigt, nehme selbstverständlich an allen Runden teil, wird mitgeteilt.

 

Wer Seehofers Äußerungen der vergangenen Wochen nach einer pädagogischen Begründung für die Rückkehr zu 13 Jahren Schule durchsucht, wird kaum fündig werden. Um Pädagogik geht es Bayerns Regierungschef auch zu allerletzt.

 

Es ist eine der zahlreichen Paradoxien im G8-Streit: Die Erkenntnisse der Bildungsforschung, ihre Bestandsaufnahme der Stärken und Schwächen der Reform, haben die Politik eigentlich nie so richtig interessiert. Weil sie die Lehrer und Eltern nicht interessierte. Da konnten Wissenschaftler noch so oft betonen, dass G8 sich nicht negativ auf die Persönlichkeitsentwicklung auswirke, dass die Schüler trotzdem noch Zeit für ihre Hobbys hätten, sie genauso fit für die Uni seien und nur geringfügig gestresster. Am Ende zählte nur die Ansage der Verbände in Richtung Politik: Wir wollen das nicht. >>



>> Als G8 eingeführt wurde, habe der neoliberale Zeitgeist die Reform diktiert: Dieser Vorwurf klingt bis heute nach. Das Ziel sei gewesen, jüngere Absolventen für den Arbeitsmarkt zu produzieren. Da ist sogar etwas dran. Tatsächlich waren die deutschen Studienanfänger Anfang des neuen Jahrtausends so alt wie nirgendwo sonst in Europa.

 

War es also ein Argument, für das sich die Bildungspolitik schämen musste? Und stand nicht ohnehin längst an, die überladenen Gymnasiallehrpläne zu entschlacken, sie auf ihre Sinnhaftigkeit für die Welt von morgen abzuklopfen? Tatsächlich ist nach dem übereilten Fehlstart von G8 viel passiert. Die Stundentafeln wurden durchforstet, überflüssige Inhalte weggeschnitten. Gleichzeitig hielt an vielen Gymnasien der Ganztagsunterricht Einzug – wenn auch in vielen Fällen nur die offene Variante, also ohne regulären Unterricht in den Nachmittagsstunden.

 

Eine Rückkehr zum alten G9 dürfe es denn auch nicht geben, sagte Heinz-Peter Meidinger vom Philologenverband im Tagesspiegel – um anschließend doch von „mehr Lernstoff“ und „mehr Vertiefung“ zu reden. Die von der Kultusministerkonferenz vorgegebene Zahl von 265 Jahreswochenstunden bis zum Abitur wolle Bayern künftig überschreiten – um bis zu 19 Stunden. Wie passt das nun wieder damit zusammen, dass viele Lehrer vor allem in den ersten G8-Jahren davor gewarnt hatten, ihre Schüler seien überlastet?

 

Die Wahrheit ist: In der Debatte um G8/G9 passt fast gar nichts zusammen. Was der entscheidende Grund dafür sein dürfte, dass die Schulpolitik in Bayern und anderswo den eingeschlagenen Weg des geringeren Widerstands weitergehen wird. Niedersachsen ist bereits zu G9 zurückgekehrt. In Hessen, Schleswig-Holstein und in Baden-Württemberg ist G8 in unterschiedlichen Ausmaßen durchlöchert, und in Nordrhein-Westfalen spricht die grüne Kultusministerin Sylvia Löhrmann, die die Schulzeitverkürzung lange wacker verteidigt hat, von „G8- und G9-Optionen für alle Gymnasien“. So hofft sie, die 12 Jahre bis zum Abitur auch künftig möglichst flächendeckend anbieten zu können.

 

Bayerns Finanzminister Markus Söder (CSU) hat derweil schon einmal klargestellt, dass sich das Land die Mehrkosten, die durch die Rückkehr zu G9 entstünden, leisten könne. Man wünschte sich, eine ähnliche Ankündigung, die Einführung von G8 finanziell zu flankieren, hätte es vor 15 Jahren gegeben.

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Mehr Tiefgang bitte!

Warum wir von der amerikanischen Liberal-Arts-Tradition lernen sollten.

DER WIDERSPRUCH IST offensichtlich. Auf der einen Seite klagen viele den Verlust des akademischen Tiefgangs seit der Bologna-Studienreform, auf der anderen Seite wagt sich kaum eine Hochschule an mutige Studienmodelle. Die Politik lasse das nicht zu, so lautet die Standardausrede. Oder: Die engstirnigen Akkreditierer sind schuld.

 

Wer so argumentiert, redet den eigenen Spielraum klein – und unterschlägt die eigene Verantwortung für zu kleinteilige Studienprogramme, eine zu frühzeitige Spezialisierung und zu wenig Studium generale in den ersten Semestern.

 

Es ist doch ironisch: Ausgerechnet in den Vereinigten Staaten, die für ihre Studiengebührenexzesse gescholten werden, existiert eine Vielzahl so genannter Liberal-Arts-Colleges, die als Kern vierjähriger Bachelor-Programme das Sich-Bilden anbieten, die eingehende Beschäftigung mit den großen gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Fragen. Darüber hinaus gibt es ohnehin kaum ein Bachelor-Programm in den USA, das nicht in den ersten Semestern ein fachübergreifendes Überblicksstudium vorsieht, bevor die Studenten sich auf zumeist ein Haupt- und ein Nebenfach festlegen müssen.

 

Zuletzt hat die Zahl ähnlicher Modelle in Deutschland in homöopathischen Dosen zugenommen, doch die erdrückende Mehrheit der Studiengangsverantwortlichen versteht hierzulande unter „mehr Tiefgang“ immer noch mehr Grundlagen aus dem eigenen Fach; „mehr Breite“ erschöpft sich meist in fachnahen Wahlmöglichkeiten. Und die gleichen Studiengangsverantwortlichen beschweren sich dann die übergroße Spezialisierung der Studienangebote und die Diktatur der „Verwertungslogik“.

 

Wie wäre es, mal weniger über die Grenzen zu klagen, die Bologna und über 50 Prozent Studienanfänger setzen, und statt dessen über die Möglichkeiten nachzudenken, die sich hier eröffnen? Wenn dann die Politik und die Akkreditierer nicht mitspielen, kann man sich wirklich zu Recht über sie aufregen.

 

Dieser Kommentar erschien heute zuerst im ZEITChancen Brief. 

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So soll das Medizinstudium der Zukunft aussehen

Nächsten Donnerstag wollen die Kultusminister den "Masterplan Medizinstudium 2020" verabschieden. Bund und Länder, Gesundheits- und Hochschulpolitiker sind sich weitgehend einig. Streit gibt es um die geplante Landarztquote.

Foto: Paul Sableman: "Arzt", CC BY 2.0

SCHON DER TITEL des Dokuments verrät den Anspruch. „Masterplan Medizinstudium 2020“ haben Bund und Länder die Vereinbarung genannt, die die Kultusminister am 16. März beschließen wollen. Das Papier stelle „die Weichen für die Ausbildung der nächsten Medizinergeneration“, heißt es im Vorwort des Entwurfs, eine Ausbildung, „die den Herausforderungen einer Gesellschaft des längeren Lebens gerecht werden“ könne.

Ein bisschen hochgehängt, könnte man sagen, angesichts von 37 Punkten auf 12 Seiten, verfasst in der üblichen Ministerialprosa. Andererseits: Am Widerstand der versammelten Ärzteschaft haben sich schon ganz andere die Zähne ausgebissen, insofern ist das zwischen den Wissenschafts- und Gesundheitsministerien des Bundes und aller 16 Länder verhandelte Papier doch ein erstaunliches Signal in Richtung der medizinischen Fakultäten in der Bundesrepublik. Ein Signal, dass die Politik wirklich ran will an die Ärzteausbildung. Von einer „großartigen Leistung“ schwärmen schon einige in den beteiligten Ministerien, andere Minister gestehen selbstkritischer ein, dass die Finanzierung der Pläne noch überhaupt nicht gesichert sei. Und wenn es ein hochschulpolitisches Naturgesetz gibt, dann dieses: Sobald es ans Medizinstudium geht, wird’s immer teuer.

 

Doch was steht drin in dem noch unveröffentlichten Papier, und wie realistisch ist die Umsetzung dessen, was Bund und Länder beschließen wollen?

 

Die wichtigste Nachricht: Das Medizinstudium soll neu strukturiert werden, quantitativ, vor allem aber qualitativ.  Quantitativ: Die Zahl der Leistungsnachweise soll hinterfragt und die Notenpflicht je nach Kurs überprüft werden. Qualitativ: Das Prinzip der Modellstudiengänge, die seit mehr als 15 Jahren die Vermittlung so genannter arztbezogener Kompetenzen in den Vordergrund stellten, soll nun auch im Mainstream-Studium Einzug halten: eine frühzeitige Praxisorientierung „am Patienten und seinen Bedürfnissen“.  

 

Klinische und theoretische Inhalte sollen „vom ersten Semester an bis zum Ende der Ausbildung miteinander verknüpft“ werden: „Teilzeitstudienplätze gehören damit der Vergangenheit an“, heißt es in dem Papier. Angesichts von Plagiatsskandalen (gerade erst hat an der Universität Münster eine Untersuchungskommission ihre Ergebnisse vorgelegt) und von getürkten Studienergebnisse, mit denen die medizinische Forschung in Deutschland und anderswo im vergangenen Jahrzehnt von sich hat reden machen, soll gleichzeitig der „Vermittlung wissenschaftlichen Arbeitens ein größerer Stellenwert eingeräumt“ werden, der „routinierte Umgang mit wissenschaftlichen Konzepten und Methoden bereits während der Ausbildung“ systematischer als bislang an den oder die Studentin gebracht werden. Eine implizite, aber dadurch nicht weniger krasse Kritik an der bisherigen wissenschaftlichen Qualität eines Medizinstudiums.

 

Zu der Grundlogik, das Studium stärker an den Patientenbedürfnissen auszurichten, passt die Aufwertung der „Arzt-Patienten-Kommunikation“ und die Stärkung der Allgemeinmedizin. „Die Allgemeinmedizin muss im Studium den Stellenwert erhalten, der ihr auch in der Versorgung zukommt“, haben die Politiker formuliert. Erreichen wollen sie all das vor allem, indem der so genannte „Nationale Kompezenzbasierte Lernzielkatalog Medizin“ weiterentwickelt und Teil der Approbationsordnung werden soll – auch wenn ausgerechnet der bislang gar nicht aus der Feder der Politik, sondern vom Medizinischen Fakultätentag, der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung und weiteren Praktikern stammt. Das soll in der nächsten Fassung anders werden, eine Kommission mit eigener Geschäftsstelle soll dafür eingerichtet werden – mit Vertretern von Bund und Ländern und der unterschiedlichsten Akteure aus Medizin und Gesundheitssektor.

Auch sollen künftig alle Studenten im Staatsexamen am Ende ihres Studiums eine Prüfung in Allgemeinmedizin ablegen. Und an den Hochschulen sollen Lehrstühle für Allgemeinmedizin eingerichtet werden.

 

All die neuen Anforderungen an die Mediziner von morgen, so folgert der Masterplan, werde auch Auswirkungen auf die Auswahl der künftigen Mediziner haben: Bei ihrer Zulassung soll künftig ein größeres Augenmerk gelegt werden auf die vorhandenen sozialen und kommunikativen Kompetenzen und die besondere Motivation der Bewerber, Medizin zu studieren. Denn der Abischnitt erlaube keine Aussage über die „Eignung und die Bereitschaft für eine spätere Tätigkeit in der kurativen Versorgung“. Die Note bleibe wichtig, doch sollen die Hochschulen, über deren Auswahlverfahren 60 Prozent der Studienplätze vergeben werden, in Zukunft neben der Abiturnote mindestens zwei weitere Kriterien zugrunde legen, einschlägige Berufserfahrung zum Beispiel.

Soweit, so einig sind sich Bund und Länder, Wissenschafts- und Gesundheitsseite. Dann kommen die Knackpunkte. Erstens: Landarztquote. Um den Mangel an Ärzten in ländlichen Regionen zu verringern, soll in der Vergabeordnung der Stiftung für Hochschulzulassung „unverzüglich“ die Möglichkeit eröffnet werden, bis zu zehn Prozent der Studienplätze vorab an Bewerber zu vergeben, „die sich verpflichten, nach Abschluss des Studiums und der fachärztlichen Weiterbildung in der Allgemeinmedizin für bis zu zehn Jahre in der hausärztlichen Versorgung“ in ländlichen Regionen „tätig zu sein.“

 

Viele Kultusministerien halten eine solche Quote für „rechtlich höchst problematisch“, doch der Bund beharrt auf der Veränderung des Zulassungsrechts – wenn auch nicht über eine grundsätzliche Reform des Staatsvertrags zur Hochschulzulassung, sondern über die Vergabeordnung, womit jedes Land selbst entscheiden könnte, ob es die Quote anwendet oder nicht. Und in jedem Fall, versprechen sich Bund und Länder gegenseitig, soll die Quote nur ultima ratio sein, nachdem alle anderen Möglichkeiten, mehr Ärzte fürs Landleben zu gewinnen, ausgeschöpft worden sind.

 

Eine Lösung, der die meisten Länder voraussichtlich zustimmen werden. Im Gegensatz zu Niedersachsens grüner Wissenschaftsministerin Gabriele Heinen-Kljajić die ihr „Nein“ zu diesem Punkt 37 des Masterplans angekündigt hat. Die Landarztquote sei „unvereinbar mit dem Anspruch, die Hochschulzulassung chancengerecht zu gestalten“, sagt Heinen-Kljajić. „Sie würde die Vergabe von Medizin-Studienplätzen kommerzialisieren und die Zulassungschancen aller Studienbewerberinnen und Studienbewerber beeinträchtigen.“

 

Wenn mit Niedersachsen am 16. März nur ein Land in der Kultusministerkonferenz (KMK) gegen den Masterplan stimmte, läge der erstmal auf Eis. Doch hat Heinen-Kljajić signalisiert, dass sie der Verabschiedung des Reformwerks als Ganzes nicht im Weg stehen und es wohl bei einer Enthaltung belassen will.

 

Zweiter Knackpunkt: die Finanzierung. Die Verfasser des Masterplans sind sich einig, dass all die neuen Anforderungen an Studium und Absolventen zusätzliches Geld kosten werden. Einerseits reden sie das Problem zwar klein und schreiben, es werde voraussichtlich allenfalls zu einem „moderaten Aufwuchs“ bei den Studienplätzen kommen, und schieben die Verantwortung (sehr praktisch aus Sicht der Politik) den Hochschulen zu, die angesichts der Wissenschaftsfreiheit „weitreichende Spielräume“ zum Ausschöpfen hätten.

 

Andererseits stand jedoch in der Beschlussvorlage der KMK-Amtschefs, die KMK-Vertreter hätten erneut „die erhebliche Kostenbelastung der Wissenschaftsressorts und Universitäten durch die Umsetzung des Masterplans“ dargelegt. Dass da ein dicker Brocken auf Bund und Länder zukommt, lässt sich auch daran ablesen, dass Kultus- und Gesundheitsministerkonferenz die vollständige Umsetzung des Masterplans unter Haushaltsvorbehalt stellen und eine Arbeitsgruppe einsetzen wollen, die den zusätzlichen Finanzbedarf überhaupt erst einmal ermitteln soll.

 

An dieser Stelle ist der Masterplan dann doch nicht mehr so meisterhaft, sondern die übliche Gremienpolitik von Feinsten. Was Hoffnung macht: Die externe Expertenkommission soll geführt werden von der angesehenen ehemaligen Generalbundesanwältin Monika Harms. 

 

Werden Modellstudiengänge damit in Zukunft überflüssig, weil das Medizinstudium überall modellhaft wird? Im Gegenteil, sagt ein an den Verhandlungen beteiligter Staatssekretär: „Nur dank der Erfahrungen aus den Modellstudiengängen können wir das Studium so umfassend neu strukturieren. Genau dieselben Denkanstöße brauchen wir auch für die Zukunft.“  

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Haben wir doch die schlaueren Studenten?

Eine Studie belegt: Deutsche Wirtschaftswissenschaftler wissen mehr als ihre Kollegen aus den USA und Japan

ES IST EINES dieser Studienergebnisse, die schon eine Weile alt sind und die doch kaum einer zur Kenntnis genommen hat. Ich hörte zum ersten Mal bei einer Tagung davon, es ging um die Frage, welche Fertigkeiten Hochschulen ihren Studenten künftig beibringen sollen. Auf dem Podium saß auch ein hoher Beamter aus dem Bundesbildungsministerium, und der erzählte etwas von einem internationalen Leistungsvergleich, demzufolge deutsche Studenten als besonders kenntnisreich abgeschnitten hätten. Moment mal, fragte ich nach, wovon reden Sie da eigentlich? Von KoKoHS, sagt er. Und ich fragte: Wovon?

 

KoKoHS steht für "Kompetenzmodellierung und Kompetenzerfassung im Hochschulsektor". Die Bundesregierung fördert KokoHS mit jährlich drei Millionen Euro, will man doch endlich die Antwort wissen auf eine Frage, die die Bildungsforschung seit Langem umtreibt: Woher wissen wir, ob die Studenten das, was sie können sollen, auch wirklich lernen? Und vor allem, ob sie es auch praktisch anwenden können?

 

Ein Teilprojekt von KokoHS, erfuhr ich, bestand darin, dass Forscher einen in Amerika entwickelten Standardtest, der ökonomisches Fachwissen messen soll, von Studenten wirtschaftswissenschaftlicher Studiengänge an 31 Hochschulen bundesweit bearbeiten lassen: insgesamt 60 Multiple-Choice-Aufgaben je zur Hälfte aus der Makro- bzw. der Mikroökonomie. Die Antworten von 1600 Studenten verglichen sie anschließend mit denen Tausender Studenten an 51 US-Hochschulen, und siehe da: Die Amerikaner lagen viel häufiger daneben. Auch die 1200 Studenten von zehn japanischen Hochschulen, die den Test bearbeiteten, wussten seltener die richtige Lösung.

 

Erstaunlich. Sind deutsche Studenten am Ende doch die besseren Studenten? Müssen wir mit unseren Vorurteilen in Zeiten von Studienanfängerrekorden und Turbo-Abi aufräumen? Und wenn ja, was machen die Deutschen anders als die Amerikaner und die Japaner?

 

Fragen, denen ich in meinem Artikel für Spiegel Online nachgespürt habe. Die Antworten, so sich sie erhalten habe, können Sie hier nachlesen. 

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Wenn wichtig doch genug wäre

Die Bundestagsabgeordneten aller Fraktionen kämpfen um ihre Wiederwahl. Der Weg zur Parteibasis wird für einige Wissenschaftspolitiker besonders hart.

Foto: sfreimark: "Bundestag", CC BY-SA 2.0

HEUTE STARTE ICH mit einem sehr persönlichen Artikel in die neue Woche, der trotzdem komplett ohne Namen auskommt. Vielleicht gerade weil er so persönlich ist. Ich habe mich in den vergangenen Jahren unzählige Male mit Bundestagsabgeordneten aller Fraktionen getroffen, im Abgeordnetenrestaurant oben im Reichstag, in Cafés irgendwo unten an der Spree, oft auch einfach in ihren überraschend engen Büros, umgeben von Aktenbergen und jungen Mitarbeitern, die erstaunlich forsch und kenntnisreich mitdiskutierten. Es ging um Bildung, natürlich, um Wissenschaft und Forschung und das richtige Verhältnis zwischen konzeptionellem Mut und politischen Realismus.

 

Wer zu Politikerbashing neigt, wer glaubt, da säßen Menschen mit oberflächlichen Interessen und ohne echtes Gespür für Details, den würde ich gern mal zu so einem Gespräch mitnehmen. Auch wenn ich als Journalist inhaltlich Distanz halte, auch wenn ich bei vielen konkreten Fragen anderer Meinung bin und diese auch in zahlreichen Kommentaren formuliert habe, so empfinde ich für die meisten Abgeordneten, denen ich in meiner Arbeit als Journalist für Bildung und Wissenschaft begegne, große Achtung. Gerade weil sie sich ein Feld ausgesucht haben, das unter den Machtpolitikern als wenig glanzvoll gilt. Gerade weil sie sich, vor allem in der Forschung, für Themen stark machen, die von der Lebenswirklichkeit der meisten Wähler in ihrem Wahlkreis weit entfernt zu sein scheinen. Themen allerdings, die eine enorme Relevanz für unser aller Zukunft haben. Was sie, die sie diese Zeilen lesen, so gut wissen wie ich. Was aber nicht nur „den Menschen da draußen“ oft schwer zu vermitteln ist, sondern auch den regionalen Strippenziehern in den Parteien, die gerade vor den Wahlen über Sein und Nichtsein von Politikerkarrieren entscheiden. >>



>> Warum ich das so betone: weil wir es gerade wieder erleben können. Wie Politiker, die sich in Berlin um Bildung und Wissenschaft verdient machen, die hier in der Hauptstadt ein Stück Autorität haben und größtenteils (zum Glück!) anständig mit ihr umgehen, in ihrer Heimat die totale Machtlosigkeit erleben und um ihr politisches Überleben kämpfen. Stellt die Basis sie erneut als Kandidaten auf? Erhalten sie einen Listenplatz, der ihnen eine realistische Chance gibt, wieder in den Bundestag einzuziehen? Im beginnenden Wahlkampf geht es eben nicht so sehr um die Frage, ob Politiker über die Deutschlands Innovationskraft in 20, 30 Jahren nachdenken, ob sie sich um die allzu lang liegen gelassene Digitalisierung kümmern, die Zukunft der Fachhochschulen oder die Teilhabe bildungsfern aufwachsender Kinder. Es geht darum, ob der Horst und die Sigrid und der Helmut daheim denken, dass sie genügend für „die eigenen Leute“ getan haben, womit im Zweifel die Partei gemeint ist, dass sie sich oft genug haben sehen lassen bei den lokalen Parteiversammlungen in den Wirtshäusern und dass sie sich vor allem für das interessieren, was die Unternehmen und Verbände in Ihrem Wahlkreis bewegt. 

 

Positiv gewendet kann man das „Bürgernähe“ nennen, kritischer formuliert bedeutet es, dass sie sich ihre Themen und Gesprächspartner ausgesucht haben mit dem Ziel, ihre eigenen Wiederwahlchancen zu maximieren. Sozialpolitik zum Beispiel, damit sie den Rentnern im Wahlkreis sagen können: Die Rentenerhöhung, auf die habe ich ganz besonders gedrängt. Oder Verkehrspolitik. Um in der Bewerbungsrede beim Parteitag den Leuten zuzurufen: Dass wir jetzt mehr Geld für den Straßenbau kriegen, das habe ich von Anfang an gefordert. 

 

Sicher: Der Wunsch, wiedergewählt zu werden, muss nicht zwangsläufig im Gegensatz dazu stehen, sich für die Zukunft von Wissenschaft und Forschung einzusetzen, doch oft genug jedoch tut er es. Zum Beispiel weil es schwierig sein kann, den Wählern zu erklären, warum der Hochschulpakt für sie wichtig ist, wenn doch in ihrem Wahlkreis keine Universität liegt. Oder auch, warum der „Pakt für Forschung und Innovation“ zu Recht so viel Geld kostet, wenn doch die meisten Wähler noch nie ein Max-Planck- oder Leibniz-Institut von innen gesehen haben. Vor allem aber entsteht der Gegensatz  dadurch, dass ihre eigenen Parteifreunde vor Ort so weit weg sind von ihren Themen. Denn diese Parteifreunde müssen sie, siehe oben, aufstellen für die nächste Bundestagskandidatur, diese Parteifreunde entscheiden darüber, ob sie einen aussichtsreichen Listenplatz erhalten oder einen, der faktisch schon vor der Wahl das Ende Ihres Mandats bedeutet. 

 

Was folgt daraus? Eigentlich noch ein bisschen mehr Achtung und ziemlich viel Sorge. Ich empfinde noch mehr Achtung für die Forschungspolitiker aller Parteien, dass sie sich gerade dieses Themenfeld ausgesucht haben, obwohl „Innovation“ oder „Grundlagenforschung“ höchstens für eine Minderheit schillernde Begriffe sind. Dass sie sich für Hochschulen und Forschungseinrichtungen einsetzen, obwohl Milliarden für die Wissenschaft für viele ihrer Parteifreunde vor allem Milliarden bedeuten, die man nicht öffentlichkeitswirksam in Kitas, Renten oder Straßen stecken kann. Und ich mache mir Sorgen, weil ausgerechnet das Expertentum, das wir im Bundestag brauchen, gefährdet ist durch seine mitunter mangelnde Anschlussfähigkeit an lokalpolitische Diskurse.

 

Wie sich dieser Widerspruch auflösen lässt? Keine Ahnung. Ich könnte jetzt sagen: Indem Wissenschafts- und Bildungspolitiker ihre Ideen und Ziele noch besser und verständlicher erklären, aber das wäre eine zu einfache, eine zu wohlfeile Antwort. Es bleibt ein Stück Ratlosigkeit. Aber ich finde, in einem persönlichen Artikel wie diesem darf ich die mal einräumen.  

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Die Folgen falscher Selbstzufriedenheit

Der "Chancenspiegel 2017" hat einigen Bundesländern und ihren Schulpolitikern richtig wehgetan. Gut so.