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Die Johanna-Schule in Bernau bei Berlin

Die Johanna-Schule ist eine Schule mit dem sonderpädagogischen Förderschwerpunkt emotional-soziale Entwicklung, die nach den Rahmenlehrplänen der Grundschule unterrichtet.

Escla: "Bernau bei Berlin Johanna-Schule.jpg", CC BY-SA 3.0

Die Alten sind wirklich frei

Jede Gesellschaftsform in der Geschichte hatte ihre älteren Weisen. Wieso sie in Hochschulen, Wissenschaft und Gesellschaft gerade heute so wichtig sind. Ein Gastbeitrag von Volker Rein.

Foto: pixabay/Pexels

DIE WESTLICHEN GESELLSCHAFTEN altern rapide. Seit Jahrzehnten beschäftigten sich die Industriestaaten daher zunehmend mit den daraus entstehenden Herausforderungen, von der künftigen Ernährung über die Gesundheitsversorgung, die Rentensysteme und, damit verbunden, mit der Frage, wie in Zukunft der Übergang aus dem regulären Erwerbsleben geregelt werden sollte. Die wachsende Diskrepanz zwischen gesetzlichem Renteneintritt und dem langjährig erworbenen Wissen Älterer wird dabei immer augenscheinlicher. Auch wenn sie ihren Unterhalt möglicherweise nicht mehr per Erwerbsarbeit sichern müssten: Viele der neuen Alten möchten ihren Erfahrungsschatz trotzdem weiter professionell einsetzen, und sie werden als Experten in den alternden Gesellschaften auch immer stärker nachgefragt. 

 

Im Folgenden möchte ich mich auf die Konsequenzen unserer postmodernen Zeiten speziell für die wissenschaftlich qualifizierten unter den Älteren konzentrieren – und auf ihre Optionen für wissenschaftlich begründete Aktivitäten nach ihrem eigentlichen Erwerbsleben. Hier sei zunächst eine kulturhistorische Einordnung vorangestellt. 

 

Die älteren Weisen in vormodernen Gesellschaften 

 

Ältere Wissensexperten früherer Gesellschaftsformationen lassen sich nicht nach modernen Erwerbsgesichtspunkten von jüngeren Generationen abgrenzen. In bäuerlichen, nach Abstammung und Altersklassen organisierten Gesellschaften diente das Senioritätsprinzip der kulturellen Stabilisierung ihrer materiellen, sozialen und religiösen Ordnung. Demzufolge verfügten die Älteren über das nötige Wissen und die Erfahrung, ihren Gesellschaften Orientierung zu geben und Gefahren abzuwehren. Das Senioritätsprinzip erstreckte sich auch auf die Verehrung der Ahnen, denen Macht über die Lebenden zugeschrieben wurde, und von denen über häufig ältere Spezialisten wie zum Beispiel Priester Rat zu Problemen eingeholt wurde. Die Wissensvermittlung erfolgte mündlich. Weder ‚weise‘ Stammesälteste noch ältere Priester waren davor gefeit, bei ‚falschen‘ Entscheidungen und Ratschlägen zum Teil hart bestraft zu werden.  >>




>> In den Sklavenhalter-Gesellschaften des antiken Roms und Griechenlands konnte sich eine frühwissenschaftlich aktive Gelehrtenschicht herausbilden, die in der Philosophie, Astronomie, Geometrie und anderen Bereichen Erkenntnisse und Überlegungen generiert hat, welche bis heute diskutiert werden und teilweise noch Gültigkeit besitzen. Ihre Vertreter, meist freie privilegierte Bürger, erfreuten sich häufig großem Respekt in Bürgerschaft und Adel, gaben unabhängig von ihrem abstammungsbezogenem Status Orientierung in zentralen gesellschaftlichen Fragen. Doch auch ihnen drohten in Krisenzeiten drakonische Strafen, Verbannung oder sogar der Tod. Nach allem, was bekannt ist, konnten diese Gelehrten ihre Tätigkeit bis ins hohe Alter auch wirtschaftlich autonom ausführen.       

 

Ältere Weise, meist Abkömmlinge privilegierter Schichten aus Adel und Bürgertum, konnten ihren wissenschaftlichen Tätigkeiten auch im Mittelalter und der beginnenden Neuzeit bis ins hohe Alter und meist alimentiert über kirchliche und fürstliche Zuwendungen nachgehen. Die forschende Neugier der Mönche fand in den Klöstern ihre Grenzen in dem universellen Deutungsprimat der katholischen Kirche über alle Erkenntnisse. Auch die sich entwickelnden säkulare Wissenschaft der Universitäten musste sich über Jahrhunderte immer wieder kirchlichen und fürstlichen Einsprüchen, ebenfalls mit drastischen Sanktionsdrohungen bekräftigt, beugen. Eine Praxis, die bis in die jüngste Zeit hinein auch von autoritären Regimen gepflegt wird.         

 

Sicher ist: Für sämtliche Gesellschaftsformen der vergangenen drei Jahrtausende lässt sich nachweisen, wie stark ihr Fortbestehen abhing von der zuverlässigen Weitergabe von erfahrungsbasiertem und systematisierten Wissen durch die Älteren, die damit gerade in Krisenzeiten wichtige Orientierung und auch Innovationen boten.  

 

Und heute?

 

Kehren wir zurück in die modernen Industriegesellschaften. Hier möchte ich zunächst jene als ‚Senior-Weise‘ anführen, die sich auf der Grundlage ihres erworbenen professionellen Status’ nach dem Auslaufen ihrer eigentlichen beruflichen Position weiter wissenschaftlich betätigen und so zur Lösung von Problemen in Gesellschaft und Umwelt beitragen. Damit meine ich unter anderem Professoren und Wissenschaftler, die sich auch in höherem Alter im öffentlichen oder im privatwirtschaftlichen Bereich engagieren.

 

Die wissenschaftlichen Senior Professionals sind, was ihre Ausgangsbedingungen angeht, gegenüber anderen Berufsgruppen sicherlich privilegiert darin, überhaupt weitermachen zu können. Sie haben dank ihrem gesammelten Wissen und ihrer Vertrautheit mit wissenschaftlicher Forschungsmethodik unabhängig von ihrem Sozialversicherungsstatus weiter Zugang zu beruflichen Ressourcen in Forschung und im Publikationswesen und nicht zuletzt auch zu einschlägigen Institutionen. Obgleich Hochschulen zunehmend die nötigen administrativen Voraussetzungen zum Beispiel für Seniorprofessoren schaffen, sind es neben den veränderten Rahmenbedingungen vor allem die individuelle Initiative und die fortgesetzt hochwertigen Leistungen wissenschaftlicher Senior Professionals, die ihrem Weitermachen die gesellschaftliche Akzeptanz sichern. Viele der Alten sind, gerade weil sie frei sind von ökonomischen und institutionellen Zwängen, hochmotiviert, mit ihrer Forschung neues disziplinären und transdisziplinären Wissens zu generieren. Viele erachten dies sogar als ihre gesellschaftlich begründete Selbstverpflichtung zur Aufklärung.

Trotzdem ist die Situation wissenschaftlicher Senior Professionals nicht frei von Problemen. Ähnlich wie in anderen Berufsfeldern sehen sich auch Wissenschaftler im Pensionsalter mit einem besonderen Bewährungsdruck innerhalb der wissenschaftlichen Community konfrontiert. Sie stehen im Wettbewerb um Ressourcen, der auch durch ihren Erfahrungsvorsprung nicht per se abgemildert wird. Einige der jüngeren Kollegen stellen sogar die Berechtigung in Frage, mit der die Alten ihnen weiter Konkurrenz machen wollen. 

 

Anstatt dass jede Hochschule und Forschungseinrichtung ihren eigenen Weg geht in Sachen wissenschaftlich tätiger Senior-Professionals, wäre deshalb die Herausbildung übergreifend gültiger Regelungen wünschenswert, um ihre kulturelle Anerkennung als Statusgruppe zu verbessern. Diese Regelungen könnten zum Beispiel in Anlehnung an die Rahmenbedingungen für verbeamtete Professoren entwickelt werden. Allerdings ist trotz der wachsenden Anzahl von Senior-Professionals und ihrer zunehmenden Sichtbarkeit auch im öffentlichen Raum als Projektverantwortliche, Berater und Sachverständige ist eine solche Entwicklung bisher nicht absehbar.  

 

Richten wir den Blick über die ehemaligen Professoren und Berufswissenschaftler hinaus, so erkennen wir, dass in postmodernen Gesellschaften weitere Akademikergruppen zu den ‚Senior-Weisen‘ zu zählen. Gemeint sind Ruheständler, die nach der regulären Erwerbsphase neugierig auf eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit ihnen bislang weniger vertrauten Fragestellungen sind. Neben einer steigenden Anzahl von Studierenden und Promovenden im Senioren-Alter sind hier auch viele Akademiker jenseits der Erwerbsgrenze anzuführen, die sich zum Beispiel systematisch mit der Geschichte ihres Stadtteils, ihrer Ortschaft oder den verändernden Naturbedingungen in deren Umgebung befassen. Sie alle tragen ausgehend von ihrem persönlichen Interesse zur Weiterentwicklung akademischer Disziplinen und, allgemeiner formuliert, zur gesellschaftlichen Aufklärung bei.

 

Senior-Weise, ihre Rolle und Optionen in der Postmoderne 

 

Allen ‚Senior Weisen‘  gemeinsam ist die Neugier, sich auch in der dritten Lebensphase mit Themen und Fragestellungen wissenschaftlich systematisch auseinanderzusetzen. Mit ihren Erkenntnissen sind sie anschlussfähig an den Kanon der jeweils relevanten akademischen Disziplinen. Sie engagieren sich mit dem Wunsch, zur Weiterentwicklung akademischen und gesellschaftlichen Wissen beizutragen. Dies ist ganz im Sinne der Grundsätze der akademischen Selbstverpflichtung und steht sicherlich auch im Einklang mit ihrem Bedürfnis nach Anerkennung ihrer Leistung. 

Das Phänomen der akademischen Senior-Weisen und ihrer Antriebskraft lässt sich sicherlich auch als Spätfolge des Bildungsaufbruchs der 1960er und 1970er Jahre erklären. Dieser ging mit der Öffnung der Hochschulen für breitere Bevölkerungskreise und dem Postulat gesellschaftlich verantwortlicher Bildung nicht nur in der Akademia einher, das bis heute in allen Bildungsgesetzen Deutschlands seinen Widerhall gefunden hat.

 

Wie nachhaltig das Engagement der Senior-Weisen im Sinne der Gesellschaft sein kann, hängt nicht nur von ihrer gesellschaftlichen Akzeptanz und ihrer erwähnten ökonomischen Autonomie ab. Weiterentwickelte Rahmen- und Statusregelungen für ältere wissenschaftliche Tätige innerhalb der Akademia (Seniorprofessoren, Senior-Lehrbeauftragte und Senior-Forscher), aber auch außerhalb (Forscher, Berater und ähnliche Tätigkeitsfelder zum Beispiel im Kontext von Vereinen, öffentlichen Einrichtungen, oder Stiftungen) wären eine wichtige Absicherung. Es wird spannend sein zu beobachten, ob angesichts der zunehmenden Ökonomisierung von Bildung und Wissenschaft diese wissenschaftlich und wirtschaftlich autonom agierenden Seniors von den hauptberuflichen Wissenschaftlern eher als Konkurrenten oder als geachtete unabhängig-aufklärende Korrektive gesehen werden.         

 

Im Vergleich zum Status der vormodernen Weisen scheinen die Rahmenbedingungen in den postmodernen Gesellschaften jedenfalls trotz aller bekannten Krisen und ihren Folgen für wissenschaftlich tätige Senior-Weisen heute gut zu sein. Sie können mit ihrem Wissen und ihrer Erfahrung in den unterschiedlichsten Disziplinen innerhalb der Akademia wie auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen als post-moderne ‚säkulare Priester‘ wissenschaftlicher Aufklärung wirken. So können sie durch Forschung und Beratung gegen postfaktisch begründete Einflüsse und Ängste wichtige gesellschaftliche Beiträge leisten und Orientierung geben. 

 

Wichtige Voraussetzungen für den Erfolg ihrer aufklärenden Tätigkeit und ihrer Akzeptanz sind schließlich auch die entsprechende Weiterentwicklung des Verständnisses von Wissenschaft innerhalb der Gesellschaft und die gleichzeitige Bekräftigung eines für aufklärerische Zwecke notwendigen Maßes an Autonomie von Wissenschaft. Hierfür sind nachhaltige demokratisch-rechtsstaatliche Rahmenbedingungen und ein breiter gesellschaftlicher Konsens unabdingbar, wenn Sanktionen gegen missliebige Erkenntnisse, wie sie aus vormodernen, aber auch aus modernen autoritären  Regimen und parziell sogar aus liberalen demokratischen Gesellschaften bekannt sind, nicht wirksam werden sollen. 

 

Alle Senior-Weisen können jedenfalls durch ihre aufklärende Tätigkeit einen wichtigen Beitrag dazu leisten, dass erfahrene Ältere in den postmodernen Gesellschaften bei möglichen Fehlentwicklungen Orientierung geben und Korrekturen anmahnen können, wie es ihrer Rolle in allen gesellschaftlichen Formationen der Spezies Homo sapiens immer entsprach.  

 

Volker Rein ist Bildungs- und Kulturwissenschaftler und arbeitet am Bundesinstitut für Berufsbildung.

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Der ewige Patriarch

Kein anderer Universitäts-Präsident ist länger im Amt als er, keiner hat so viel Gestaltungsfreiheit wie Wolfgang Herrmann, der Präsident der Technischen Universität München. Ein Porträt.

Fotos: Kay Herschelmann

DIE SITZUNG MIT den Stiftungsleuten hat kaum angefangen, da fällt Wolfgang Herrmann etwas ein. Neulich, berichtet er, habe er wieder seine Privatsprechstunde gehabt. So nennt Herrmann das, wenn ein Spender zu ihm kommt und ihm von seinen Sorgen und körperlichen Wehwehchen erzählt. Einer von denen, die der Technischen Universität München (TUM) fünfstellige Beträge spenden, manchmal auch sechsstellige; einer vor denen, die Herrmann anruft, wenn er eine seiner Ideen hat und das Geld dazu braucht. Wenn Herrmann seine Privatsprechstunde hatte, weiß er, jetzt ist Zeit zum Zurückgeben. Also holt Herrmann mitten in der Sitzung am nächsten Morgen sein Handy aus der Tasche und ruft einen befreundeten Chefarzt an, um bei dem einen Termin für einen der Spender zu organisieren. „Es wäre schön, wenn du deine Leute mal bei dem Mann anrufen lässt“, bittet er, sagt „Dank dir“, legt auf. Und hält einen Moment inne. Lässt die Szene wirken. Denn Wolfgang Herrmann, seit 22 Jahren TUM-Präsident, weiß dass er beobachtet wird. Nicht, weil das etwas Besonderes ist. Sondern weil es immer so ist.

 

Herrmann ist eine Ausnahme-Erscheinung unter den deutschen Hochschulrektoren und -präsidenten. Weil er der dienstälteste unter ihnen ist. Weil der Experte für Katalyseprozesse selbst ein hochdekorierter Forscher war, ausgezeichnet mit dem Leibniz-Preis, und bis heute zu den meistzitierten deutschen Chemikern zählt. Weil alle, die ihn kennen, sagen, er sei ein Überflieger, der dreimal so schnell denke wie die anderen im Raum. 

 

Seit seinem Amtsantritt 1995 hat er die TUM in einer Weise umgekrempelt, dass sie und ihr Präsident sprichwörtlich geworden sind für die grundlegende Transformation, die die Politik in den vergangenen zwei Jahrzehnten von den Universitäten forderte –  und die doch die wenigsten geliefert haben. Heute ist die TUM, die seit ihrem Bestehen im Schatten der benachbarten Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) stand, wie diese Exzellenzuniversität, hat einen strahlend-neuen Campus draußen vor der Stadt – Investitionssumme für die TUM allen 820 Millionen Euro –, eine Niederlassung in Singapur, und bald wird sie, wenn es nach Herrmann geht, alle ihre Masterstudiengänge nur noch auf Englisch anbieten. >>



>> Herrmann habe schon Ende der 1990er Jahre als erster Rektor eine Experimentierklausel im damaligen bayerischen Hochschulgesetz gezogen, sagt der ehemalige Generalsekretär der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), Josef Lange. „Dadurch hatte die TUM mit ihrem Präsidenten früh eine Gestaltungsfreiheit, um die andere sie bis heute beneiden. Und schauen Sie, wie gut die TUM dasteht.“ Kein zweiter Hochschulrektor hat so viel verändert. Kein zweiter Rektor hat so viel verändern können, weil er stets das Netzwerk hatte, das ihn stützte und beschützte. Jetzt ist Herrmann 69, seine fünfte Amtszeit endet 2019. Und dann? 

 

>> Und dann, sagt er, „könnte ich mir gut vorstellen, hier einzuziehen.“ Als er das sagt an jenem Herbstmorgen, steht er vor einem Jugendstilbau in München-Maxvorstadt: frisch herausgeputzte Fassade, hohe Decken. Im holzvertäfelten Sitzungssaal stehen noch Umzugskisten. Hier, hat Herrmann verfügt, soll die TUM-Universitätsstiftung ihren neuen Sitz haben. Weil er das für standesgemäß hält für den 34 Millionen Euro schweren Förderverein, der natürlich auf seine Initiative entstand und dessen Stiftungsratsvorsitzender ebenso selbstverständlich er selber ist. 

 

Hier nimmt Herrmann um kurz nach zehn Platz am Kopfende eines Konferenztisches, erzählt von seiner Privatsprechstunde und ruft den Chefarzt an. „Man muss auch Danke sagen können“, sagt er danach zufrieden und hält seinen ersten Vortrag des Tages. Darüber, dass er von den Rundbriefen, die die Stiftungsleute gerade herausgeschickt haben, um Spenden zu akquirieren, nichts hält. Dafür umso mehr von der persönlichen Ansprache. „Wenn der Präsident dich anruft, wächst du gleich einen halben Meter“, sagt er. Die Leute wollen spüren, dass sie dazu gehören, sagt er. Das sei das Geheimnis. 

 

Die drei Stiftungsleute, darunter ein ehemaliger Vizepräsident der TU München, nicken. Sagen nichts. Sie sagen überhaupt wenig, die meisten der Leute, mit denen Herrmann den ganzen Tag redet. Vielleicht weil, wenn er fertig ist, nicht mehr viel Zeit bleibt. 

 

Über einen wie ihn, könnte man denken, Typ traditioneller Patriarch, ausgestattet mit der Macht einer Experimentierklausel und dem Hang zur Selbstgefälligkeit, müssten sie doch hinter seinem Rücken umso mehr reden, lästern müssten sie, sich beklagen über ihre vermeintliche Machtlosigkeit. Von wegen. Die ehemalige Studierendenvertreterin im Senat sagt, sie habe selten jemanden getroffen, der zwei Generationen älter ist als sie und mit dem die Studierenden doch so auf Augenhöhe reden könnten. Als Herrmann seinen Plan mit den englischsprachigen Masterstudiengängen ankündigte, erntete er heftige Kritik der Studierenden – was ihn nicht davon abhielt, im nächsten Moment und über das nächste Thema wieder konstruktiv mit ihnen zu diskutieren.  >> 


Wolfgang Anton Herrmann,

 

geboren 1948 in Kelheim, ist seit 1995 Präsident der Technischen Universität München (TUM),  wo er Chemie studiert hatte. Promoviert und habilitiert wurde er an der Universität Regensburg. Dort hatte er eine Professor inne, danach in Frankfurt am Main und schließlich an der TU München.

1986 erhielt der Experte für Katalyseprozesse den Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Herrmann ist Mitglied in mehreren Aufsichtsräten und Akademien, unter anderem der Leopoldina; er ist verheiratet und hat fünf Kinder. An der TUM wurde Herrmann 2013 zum vierten Mal in seinem Amt bestätigt.



>> Wahr ist allerdings auch, dass einige seiner Vizepräsidenten nach ihrer ersten Amtszeit nicht in die Verlängerung gingen. Dass jeder in seinem Umfeld schon mal erlebt hat, wie Herrmann einen Mitarbeiter in den Senkel gestellt hat, auf gut bayerisch gesagt, zum Fremdschämen sei das jedes Mal. Viele dieser Mitarbeiter konnte man freilich am nächsten Tag dabei beobachten, wie sie mit strahlenden Augen von ihrem Chef schwärmten. 

 

Wenn man Herrmann durch seinen Arbeitstag begleitet, wie er von einem Termin in den anderen wechselt, vom Berufungsgespräch mit einer jungen Professorin über die Verabschiedung seiner Büroleiterin bis hin zur Präsidiumssitzung am Nachmittag, wer den TUM-Präsidenten beobachtet zwischen bayerisch-charmanten Gesten und hochschulpolitischer Grundsatzreden, der weiß nie so genau: Ist das gerade Inszenierung von Führung, oder liegt die Führung gerade in der Inszenierung? Was man spürt: Das ist einer, dessen Ehrgeiz nach 22 Jahren an der Spitze nicht geringer geworden ist. Der mehr denn je weiß, wie man den Leuten gibt, was sie brauchen. Weil es ihnen hilft und am Ende auch ihm. 

 

Und so verspricht er der schwangeren Neuberufenen, dass man ihren Vertrag noch vor der Elternzeit anlaufen lasse, „ist doch selbstverständlich, da gibt es kein Vertun.“ Und dem Forscher, der sich reinhängt in Sachen internationalem Austausch, bewilligt er aus dem Stand heraus eine Deputatsreduzierung. Was der bei aller Jovialität doch lieber schriftlich haben möchte.

 

Herrmanns Büro misst über 100 Quadratmeter, hat Parkettfußboden, einschüchternd hohe Flügeltüren, Samtvorhänge und einen runden Besprechungstisch, an den ein ganzes Kabinett passen würde. Was insofern angemessen ist, weil sein Büro größer ist als das der meisten Wissenschaftsminister und mehr Grandezza besitzt dank des Flügels, auf dem der Chef zwischendurch Klavierkonzerte einübt. Obenauf liegt die „Festmusik für die TU München“, komponiert von Franz Hummel. Einen Computer sucht man in seinem Büro dagegen vergebens. 

 

Seine Kontakte in die Politik hinein sind legendär; ihnen, heißt es, sei es zu verdanken, wie gut die TUM heute finanziell ausgestattet sei. 2001 wollte Herrmann selbst mal Gesundheitsminister werden, sein Nachfolger wurde bereits per Inserat gesucht, da wurde ihm vorgeworfen, dass er dem Finanzamt jahrelang Nebeneinkünfte für Vorträge und wissenschaftliche Gutachten verschwiegen hätte, insgesamt rund 180.000 Mark. Eine „unabsichtliche Unkorrektheit“, sagte er damals und musste später eine Geldstrafe zahlen. An der TUM wurde Herrmann trotzdem wiedergewählt. Heute trägt die Episode bei zu seinem Nimbus als unangefochtener Herrscher der bayerischen Wissenschaftsszene. Unangefochten auch davon, wer gerade Wissenschaftsminister im Freistaat ist. Von denen hat er vier erlebt bislang.

 

Was wird aus der TUM, wenn er mal nicht mehr da ist, fragen viele, und selbst seine Kritiker prophezeien, dass die Uni dann erstmal in ein Loch fallen wird. „Dann wird es eine grundsätzliche Neuorientierung geben müssen“, sagt ein früherer Vizepräsident. „Personell und inhaltlich.“ Viele von denen, die jetzt Herrmanns Vertraute sind, dürften bei der Neuorientierung auf der Strecke bleiben, die entscheidende Frage lautet: Wer kann die Erfolgsgeschichte der TUM so überzeugend, so blendend weitererzählen wie Herrmann? Wer hält die Kontakte in die Politik, wer pflegt das Netzwerk, das die TUM hält und, wenn nötig, abfedert?

 

Andere Fragen beschäftigen sich eher mit Herrmann persönlich. Warum ist so einer nicht längst außerhalb Münchens etwas geworden, warum wird der zum Beispiel nicht Präsident der Hochschulrektorenkonferenz und mischt den Laden mal gehörig auf? Die Antwort ist einfach. Die Art, wie er sich an der TUM als ewiger und allmächtiger Präsident inszeniert, führt anderswo zu Ehrfurcht. Und zu Misstrauen: Was würde der wohl dann mit uns anstellen, fragen sich viele.  

 

Herrmann genießt es sichtlich, wenn andere sich Gedanken um seine Zukunft machen. Bei der Frage, was nach 2019 kommt, sitzt er gerade bei im „Il Mulino“ ein paar Straßen von der TUM entfernt, gönnt sich einen Mittagswein und baut eine dramaturgische Pause ein. Den Laden würde er gern kaufen für die Uni, sagt er, das wäre eine Goldgrube, doch der Besitzer will nicht. Herrmann spürt die Ungeduld bei seinem Gesprächspartner, wartet noch kurz, dann sagt er: „Ich glaube, dass wir in Nürnberg etwas ganz Neues schaffen können.“ 

 

Die bayerische Staatsregierung will von 2020 an in der fränkischen Metropole eine komplett neue Uni aufbauen, vom Reißbrett, Herrmann leitet die Strukturkommission. Aus Nürnberg erwarte er sich die nächste Innovation in Sachen Hochschul-Governance, sagt Hochschulexperte Josef Lange. Herrmann selbst sagt, ihm schwebe eine besondere Fächerorganisation vor, vor allem aber herausragende Betreuungsrelationen. Für die er angesichts des geltenden Kapazitätsrechts wieder eine Sonderregelung bräuchte. 

 

Ob der dann über 70-Jährige auch noch Gründungspräsident werden möchte? „Ich leiste mir mit zunehmenden Alter den Luxus, nicht schon alles vorausplanen zu müssen“, sagt er und lächelt genüsslich. In einem anderen Interview sagte er neulich: „Vielleicht werde ich wieder schwach. Aber geplant ist ein neues Pontifikat nicht.“

 

Dieser Artikel erschien zuerst im DSW-Journal 4/2017 des Deutschen Studentenwerks. 


Die TUM und die Dieter-Schwarz-Stiftung

 

Am 06. Juni 2017 meldete ich hier im Blog erstmals, dass die TU München nach Baden-Württemberg expandiert – und 20 Stiftungsprofessuren der Dieter-Schwarz-Stiftung erhalten soll. In den vergangenen Wochen gab es dazu noch einmal ausführliche Debatten. Zum Beitrag von damals geht es hier. 

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Darüber werden wir reden – darüber sollten wir reden!

Bildungsrat, Deutsche Lehrgemeinschaft, Macrons Europa-Initiative: Das sollten drei der zentralen Bildungsthemen für 2018 sein, meint Ernst-Dieter Rossmann. Ein Gastkommentar.

DIESE AUFFORDERUNG DARF Mensch sich nicht entgehen lassen. Jan-Martin Wiarda gibt in seinem Jahresausblick im Blog profunde, umfassende und sehr plausible Prognosen dazu ab, worüber er 2018 am häufigsten berichten wird. Und er fragt nach weiteren bildungs- und wissenschaftspolitischen Themen, die in seinem Ausblick nicht enthalten sind und ebenfalls wichtig werden könnten. Hierzu drei Vorschläge.

 

1.  Mehr als ein Evergreen: Ein Deutscher Bildungsrat

 

Schon vergessen? Von 1966 bis 1975 gab es den Deutschen Bildungsrat. Gegründet von Bund und Ländern, um eine Bedarfs- und Entwicklungsplanung für das deutsche Bildungswesen zu entwerfen, machte seine aus 18 Experten bestehende Bildungskommission Strukturvorschläge, schätzte den Finanzrahmen ab und sprach Empfehlungen für langfristige Planungen aus. Für seine Arbeit bildete der Rat Ausschüsse und Unterausschüsse zu diversen Einzelthemen und holte rund 100 externe Gutachten ein. Begleitet wurde die Bildungskommission von einer „Regierungskommission“ mit Regierungsvertretern aus Bund und Länder und kommunalen Vertretern, die aber lediglich anzuhören waren. Im Streit zwischen Bund und Ländern um ungeklärte Kompetenzen wurde der Bildungsrat 1975 aufgelöst. 

 

Danach war von dem Gremium lange keine Rede mehr. Bis Bildungspolitiker der SPD-Bundestagsfraktion die Idee eines Bildungsrates wieder aufgriffen, um ihrer Forderung nach einer Aufhebung des 2006 beschlossenen Kooperationsverbots Nachdruck zu verleihen und gleichzeitig die ebenfalls 2006 im Grundgesetz-Artikel 91 verankerten neuen Instrumente des Nationalen Bildungsberichts und der Bildungsforschung zu stärken. Besonders die langjährige Vorsitzende des Bildungsausschusses im Deutschen Bundestag Ulla Burchardt hat sich her engagiert. 2011 war die Idee dann auch wieder bei der Union angekommen: Zeile 751 des zentralen Antrages zur Bildungspolitik, der auf dem CDU-Bildungsparteitag im November 2011 beschlossen werden sollte, enthielt die Forderung nach einem Bildungsrat „analog zum Wissenschaftsrat“, dessen Aufgabe „wissenschaftliche Stellungnahmen und Empfehlungen zur langfristigen Entwicklung des Bildungssystems“ sein sollte. So wurde der Antrag auch beschlossen. Schon damals hatte sich speziell die saarländische Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer für eine Neuauflage des Rates in die Bresche geworfen und diagnostiziert: „Die Menschen sind das Wirrwarr unterschiedlicher Systeme leid, sie wollen Vergleichbarkeit und Transparenz“, was bei allen Fortschritten und Anstrengungen in der Kultusministerkonferenz (KMK) eben „noch nicht optimal gelungen“ sei. Und weiter: „Wer den Föderalismus auf Dauer im Bildungsbereich erhalten will, muss endlich für eine vernünftige Zusammenarbeit sorgen.“ 

 

Wenn nun nach der erfolgreichen Aufhebung des Kooperationsverbots ein neuer Rahmen für die Zusammenarbeit zwischen Bund und Ländern in Bildungsfragen kommen soll, der mehr ist und sein muss als eine reine Finanzumschichtung vom Bund zu den Ländern, braucht es hierfür eine kompetente Beratungsstruktur. Diese würde die KMK nicht ersetzen, sondern ergänzen, denn die politische Verantwortung für die Schulen und Hochschulen läge selbstverständlich auch in Zukunft bei den Ländern und einer hoffentlich noch leistungsfähiger gemachten KMK (worauf Jan-Martin Wiarda zu Recht hinweist). Der Bund strebt keine eigene Bundes-Schulkompetenz und keine erweiterte Bundes-Hochschul-Kompetenz an, aber um gemeinsame Beratung, Planung, Verabredung, Finanzierung darf es in der Bildungsrepublik der Zukunft schon gehen.  Ein Bildungsrat wäre dabei der „missing link“ zwischen mehr Bildungsforschung und Bildungspolitik: die Hinwendung zur Evidenz, zur kontinuierlichen nationalen Bildungsberichterstattung zusätzlich zu einem dann hoffentlich klarer strukturierten Kooperationsrahmen für den Bund und die Länder. Deshalb der Wunsch für 2018: dass die Initiative für einen neuen Bildungsrat nicht einfach vom Tisch gewischt wird, sondern dass Bund und Länder die Idee gemeinsam zu einem Erfolg führen.

 

 

2. Gute Lehre an den Hochschulen braucht eine gute Institution für die Hochschulen: die Deutsche Lehrgemeinschaft

 

Was gute Bildungsberatung bedeutet und wie sie durch politisch-demokratische Entscheidungen zur Praxis werden kann, wird sich 2018 hoffentlich auch beim Großthema „Gute Lehre“ an den Hochschulen erweisen. Und zwar anhand der jüngsten Vorschläge des Wissenschaftsrates. Dieses nach allgemeinem Urteil wichtigste wissenschaftspolitische Beratungsgremium in Deutschland hat vergangenes Jahr ein Positionspapier zu „Strategien für die Hochschullehre“ vorgelegt, das es in sich hat. Sein Ausgangspunkt lautet: „Lehre und Forschung sind die traditionellen Kernaufgaben der Hochschulen. Ihre Einheit und Gleichwertigkeit werden gerne beschworen, schließlich bilden sie das Alleinstellungsmerkmal der Hochschulen. Die Studierenden nehmen die Hochschulen zunächst und vor allem als Ort der Lehre wahr.“ Der Wissenschaftsrat entmystifiziert damit den Blick auf die Hochschulen von heute in der Verantwortung für die Hochschulen von morgen.  

 

Dass die Wissenschafts- und Hochschulpolitik sich stärker der Verbesserung der Lehre zuwenden müssen, ist ein über die Jahre gewachsener Konsens. 2014 wurde dafür sogar das Grundgesetz dahingehend geändert, dass Bund und Länder bei der „Förderung von Wissenschaft, Forschung und Lehre zusammenwirken“ können, und zwar dauerhaft und nicht nur in besonderen Programmen.  So prominent und explizit war die Lehre in keiner anderen Fassung des Grundgesetzes seit 1949 vertreten. In der Verfassung wurde eine Entwicklung nachgeholt, die sich in der politischen Praxis in vielen einzelnen Schritten vollzogen hatte: von der großen Bologna-Reform des Jahres 1999, die ja nicht zuletzt eine umfassende Studien- und Lehrreform angesichts der wachsenden Studierendenzahl in Europa sein sollte, über die Hochschulpakte I, II und III von 2005 bis 2020, um die Hochschulen in ihrer Ausstattung zu stärken, bis hin zum Zwei-Milliarden-Qualitätspakt Lehre für die Jahre 2011 bis 2020 und der Qualitätsoffensive Lehrerbildung 2015 bis 2023. 

 

Parallel entwickelte sich seit 2008 eine Kontroverse zwischen den damaligen Exponenten der Hochschulpolitik in den Ländern: dem baden-württembergischen Wissenschaftsminister Frankenberg (CDU), der die DFG zu einer Wissensgemeinschaft zur Förderung von Forschung und Lehre nach dem Vorbild der „National Science Foundation“ in den USA weiterentwickeln wollte, und dem Berliner Wissenschaftssenator Zöllner (SPD), der zur Verbesserung der Lehrqualität für einen „Exzellenzwettbewerb für die Lehre“ eintrat. Mit dem Qualitätspakt Lehre sollte sich die Zöllner-Linie bei der Bundesbildungsministerin Schavan durchsetzen, während die Idee der Lehrgemeinschaft erst einmal in den hochschulpolitischen Fundus wanderte und dort unter anderem vom Stifterverband für die deutsche Wissenschaft, aber auch von einzelnen anderen Protagonisten hochgehalten wurde. 

 

Die Suche nach den effektiven Hebeln für eine nachhaltige Verbesserung der Lehre ging allerdings weiter. In seinem bereits erwähnten Positionspapier zu „Strategien für die Hochschullehre“ forderte der Wissenschaftsrat im April 2017 wieder die Einrichtung einer eigenständigen Organisation für die Lehre. Diese neue Organisation biete dem Bund und den Ländern „die Chance, sich auf Grundlage der Erfahrungen mit dem Qualitätspakt Lehre in gemeinsamer Verantwortung systematisch für die Förderung und Qualitätsentwicklung der Lehre einzusetzen. Ihr Mehrwert liegt auf der Systemebene…“ Konkrete Aufgaben sollen laut Wissenschaftsrat zum einen in der Vorhabenförderung liegen, womit die Entwicklung innovativer Lehrformate und neuer Methoden gemeint ist, außerdem der evidenzbasierte Transfer von guter Praxis und schließlich die Unterstützung fächerübergreifender Strukturen und einer hochschulischen Gesamtstrategie für die Lehre. Darüber hinaus hält der Wissenschaftsrat die systematische Vernetzung der Akteure für zentral. Ohne dass das Gremium den Begriff benutzt, lässt sich in seinen Vorschlägen unschwer die Blaupause für eine Deutsche Lehrgemeinschaft als entfristete und institutionelle Weiterentwicklung des zu Ende gehenden Qualitätspakts Lehre erkennen. 

 

Damit sich die Idee einer eigenständigen Organisation zur Förderung der Lehre jetzt nicht im Ungefähren eines Prüfauftrages verliert, braucht es einen klaren Zeitplan mit dem ausdrücklichen Ziel, 2020 zum Auslaufen des Qualitätspaktes Lehre unmittelbar anschlussfähig zu sein. Damit ist klar, dass diese Diskussionen jetzt, zum Jahresanfang 2018, mit Hochdruck angeschoben und noch dieses Jahr zum Abschluss gebracht werden müssen, damit 2019 sowohl die finanziellen wie auch die organisatorischen Voraussetzungen für die Folgejahre geschaffen werden können. 

 

 

3. Die Europäische Bildungsidee: Von Peter Glotz über Emmanuel Macron bis zu Jean-Claude Juncker 

 

„Die Bildung der Zukunft ist humanistisch, ökologisch und europäisch.“ Was Peter Glotz, dieser europäische Freigeist und sozialdemokratische Vordenker, noch im alten Jahrhundert postuliert hat, bekommt neue Aktualität. Die Garantie von Frieden und das Versprechen von gemeinsamen Wohlstand in Europa können nicht mehr für ausreichende Identifikation sorgen oder gar Begeisterung entfachen. Orban, Brexit und PiS sind Zeichen des drohenden Verfalls der europäischen Gemeinschaft mit ihrem Grundkonsens an Werten und Zielen. Umso wichtiger werden das Erleben und Verstehen von Europa und der Aufbau und die Aneignung einer europäischen Bildungsidee. 

 

Gerade fünf Monate im Amt, hat der französische Staatspräsident Macron mit seiner fundamentalen Europa-Rede an der Sorbonne-Universität versucht, eine neue tiefgreifende „Initiative für Europa“ zu entfalten, mit der er weitreichende Ideen zu einer europäischen Bildungspolitik verbindet. Er sieht dabei „Solidarität und Kultur“ als „Bindemittel“ für die Fundamente, auf die jene bauen müssen, die vorangehen wollen zu mehr Souveränität, Einheit und Demokratie in Europa. Die jungen Menschen müssen erlernen und erleben können, mit der Vielfalt und Einheit in Europa offen und selbstbewusst, eben souverän, umzugehen. Sie müssen wachsen in der inneren Haltung und Fähigkeit zur konstruktiven Aneignung von Europa und seiner Geschichte, Kultur und seiner „Idee des partnerschaftlichen Zusammenlebens“.  

 

Macrons erster großer Vorschlag: Jeder junge Mensch in Europa sollte bis 2024 mindestens zwei europäische Sprachen sprechen, und die Hälfte einer Altersgruppe sollte bis zu ihrem 25. Lebensjahr mindestens sechs Monate in einem anderen europäischen Land verbracht haben. Sein zweiter großer Vorschlag: Am Beispiel des Bologna-Prozesses für die Hochschulen fordert er einen Sorbonne-Prozess für die Schulen auf Ebene der Sekundarstufe mit gegenseitiger Anerkennung von Abschlüssen. Hierauf aufsetzen will Macron die Einrichtung eines Netzwerks europäischer Universitäten mit europäischen Abschlüssen. Ein Anfang soll gemacht werden mit der Errichtung mindestens 20 solcher Universitäten bis zum Jahre 2024. 

 

Mag das Echo auf Macrons Ideen in Deutschland bisher „schwach bis tonlos“ (Jürgen Habermas) geblieben sein, haben sie auf europäischer Ebene umso mehr Resonanz gefunden und Aktivität ausgelöst. Bildung und Kultur waren in den fünf Weißbüchern der Europäischen Kommission für den Zukunftsplan Europa 2025 noch weitgehend ausgespart. Umso umfassender waren dafür die Vorschläge, mit denen die EU-Kommission im Rahmen des Sozialgipfels in Göteborg am 17. November aufgewartet hat. Unter dem Leitmotiv der Stärkung von europäischer Identität durch Bildung und Kultur wurde eine Sammlung konkreter Vorschläge für einen europäischen Bildungsraumes 2025 vorgestellt, unter anderem die verstärkte Zusammenarbeit im Schulbereich (Lehrpläne, Lehrkräfteausbildung, digitale Bildung, Anerkennung von schulischen Abschlüssen) , das Sprachenlernen, die Stärkung der beruflichen Qualifizierung und das Lebenslange Lernen, die Einrichtung eines Netzes europäischer Universitäten und die Festlegung eines Basisniveaus für Investitionen in die Bildung von mindestens fünf Prozent des Bruttosozialprodukts. 

 

Wer die Rolle Europas in der Bildung und Kultur lediglich als ergänzend und unterstützend begreift und jegliche Harmonisierung ablehnt, muss diese sehr ambitionierte Agenda als gezielte Provokation erleben. Insofern liegt der Grund dafür, dass es von der deutschen Bundesregierung bislang keine differenzierte Stellungnahme gegeben hat, sicher nicht allein darin, dass die Regierung nur geschäftsführend im Amt ist. Der Bundesrat hat bereits massive Vorbehalte gegen jegliche Standardsetzungen, Benchmarking-Prozesse und Harmonisierungen geäußert. Über das besonders ausgeprägte föderative Selbstverständnis in Deutschland hinaus macht er grundsätzlich Front gegen das angeblich utilitaristische Bildungsverständnis der Kommission, als ob die Bestrebungen zur Stärkung der europäischen Identität nicht mit dem persönlichen Eigenwert von Bildung in Einklang zu bringen seien. 

 

Zu alldem muss es 2018 nicht nur eine klärende Debatte in Europa, sondern insbesondere auch im größten Land der EU, in Deutschland, geben. Schließlich hat die Kommission schon für den 25. Januar 2018 zum Bildungsgipfel als Auftakt für eine breite Debatte um einen Europäischen Bildungsraum eingeladen. Damit wird es höchste Zeit, dass wir auch in Deutschland solche europäischen Impulse nicht nur verdrängen oder abwehren, sondern die Diskussion konstruktiv eröffnen. 2018 muss das Jahr hierfür werden. 

 

Ernst Dieter Rossmann ist Sprecher für Bildung und Forschung der SPD-Fraktion im Bundestag.


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Nicht für ein paar Jahre, für immer!

Kommt die Große Koalition, werden die Hochschulpaktmittel verstetigt. Das alle paar Jahre wiederkehrende Zittern an den Hochschulen hätte sich damit erledigt – zum Glück.

EIN ERGEBNIS DER SONDIERUNGSGESPRÄCHE ist womöglich im nachfolgenden Theater etwas untergegangen, dabei könnte es sich als eine der folgenreichsten Vereinbarungen zwischen Union und SPD überhaupt herausstellen. Folgenreich im denkbar positivsten Sinne. Immer vorausgesetzt, dass die Sondierungen überhaupt irgendwelche Folgen haben und nicht noch an querschießenden CSU-Ex-Verkehrsministern oder der SPD-internen GroKo-Opposition scheitern. 

 

Auf Seite 11 des Ergebnispapiers steht ein nüchterner Satz: "Um vor dem Hintergrund der anhaltend hohen Studiennachfrage eine qualitativ hochwertige Lehre sicherzustellen, werden wir die Bundesmittel auf Grundlage des neu geschaffenen Artikel 91b GG dauerhaft verstetigen." Im Klartext: Die Hochschulen erhalten Bundesmittel – ohne zeitliches Limit. Für immer.

 

Wer jetzt die Schultern zuckt, sollte nachlesen, was die Jamaika-Unterhändler Ende Oktober in ihrem entsprechenden Papier stehen hatten. Zitat: "Es soll eine Nachfolgevereinbarung zum Hochschulpakt geben, wobei unter anderem Fragen der Qualität, des Erhalts der Kapazitäten und der Digitalisierung eine Rolle spielen sollen." Eine Nachfolgevereinbarung. Die nächste Förderperiode. Und dann schauen wir weiter. 

 

Natürlich kann keine Bundesregierung, ob schwarz-rot oder schwarz-gelb-grün, etwas auf ewig versprechen. Jedes neu gewählte Parlament kann und wird seine eigenen Haushaltsprioritäten beschließen. Insofern bitte ich meine obige Formulierung "für immer“ nicht ganz wörtlich zu nehmen. Doch das Signal, dass die potenzielle, nicht mehr wirklich große Große Koalition mit diesem mutigen und sehr bewussten Satz sendet, würde sehr wohl über die laufende Legislaturperiode hinausweisen. Es würde sozusagen die Beweispflicht umkehren. Künftig müsste sich auf die Hinterbeine stellen, wer die Bundes-Hochschulfinanzierung abschaffen will. Und nicht mehr, wer für ihre Beibehaltung kämpft.

 

Wer derzeit noch misstrauisch nach SPD-Verhandlungserfolgen sucht: Hier findet er einen. Da sei den Sondierern verziehen, dass sie im Wie der Förderkriterien nebulös bleiben – bis auf die Festlegung, dass sie "periodisch" ausverhandelt werden könnten. 

 

Hier kann und sollte den Hochschulen einiges zugemutet werden. Umso mehr, weil die Hauptzumutung durch die Groko-Vereinbarung entfallen würde: das ewige Zittern vor der alle paar Jahre näher rückenden finanziellen Abrisskante. 

 

Die Rektoren jedenfalls sollten Martin Schulz beim Parteitag am Sonntag die Daumen drücken. 

 

Dieser Kommentar erschien heute zuerst im ZEITChancen Brief.

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Zeit, zu gehen?

Für viele Professoren ist die Wissenschaft ihre große Leidenschaft – über die Pensionierung hinaus. Wie gelingt der Stellenausgleich zwischen Jung und Alt? Zwei Beispiele.

Marco Verch: "Vintage Taschenuhr", CC BY 2.0

EINMAL MUSS ER noch zurückfahren. Die Wohnung leer räumen. Dem Vermieter die Schlüssel in die Hand drücken. Dann gibt es nichts mehr, was ihn hier hält. Nichts außer den Erinnerungen an die Stadt, die 16 Jahre lang seine Arbeitsheimat war. So hat er Hildesheim immer genannt. "Ich kann nicht sagen, dass ich nichts bereue", sagt Guido Bausenhart, 64. "Aber mit dem allermeisten bin ich zufrieden, mit dem größten Teil vom Rest einverstanden. Und mit dem wenigen, was dann immer noch übrig bleibt, kann ich leben."

 

Vielleicht muss es so klingen, wenn jemand Bilanz zieht, der sich die letzten Jahre seines Berufslebens mit dem beschäftigt hat, was Wissenschaftler als "Eschatologie" bezeichnen: der Frage nach den letzten Dingen. Bausenhart ist Professor für Katholische Theologie und Religionspädagogik, oder vielmehr: Er war es. Vor wenigen Monaten ist er in Rente gegangen, mehr als drei Jahre früher, als es die im Niedersächsischen Hochschulgesetz festgeschriebene reguläre Altersgrenze von 68 vorsieht. So hatte er es geplant, als er sich 2001 auf die Pendelei zwischen Hildesheim und seiner 550 Bahnkilometer entfernten "Familienheimat" Rottenburg am Neckar einließ. Und so hat er es durchgezogen.

 

Bausenhart ist keiner von jenen, die den viel diskutierten "Flaschenhals" verstopfen. Er hat niemandem den Weg blockiert. Seit Jahren gehört der Flaschenhals zu den Lieblingsthemen der deutschen Wissenschaftspolitik: Nachwuchswissenschaftler stoßen schnell auf ihn, wenn sie von einer Professur träumen. Von der "mangelnden Planbarkeit wissenschaftlicher Karrierewege" sprechen die Hochschulforscher dann: zu wenige Stellen, intransparente Berufungsverfahren und verlorene Zeit. Denn wenn der Traum platzt, ist es für eine Karriere außerhalb der Wissenschaft oft schon zu spät. Ein milliardenschweres "Tenure-Track"-Programm haben Bund und Länder vereinbart, das den Einstieg in die Professur flüssiger machen soll. Wovon kaum einer redet: was eigentlich am anderen Ende der wissenschaftlichen Karriere passiert. Wie erleben Hochschullehrer ihren Ausstieg in Zeiten, in denen alle nur noch vom Nachwuchs reden? Und: Ist jeder alte Professor in Pension ein guter Professor – weil er den Jungen den Weg frei macht?

 

Das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) hat kürzlich nachgewiesen, dass der große Generationswechsel an den Hochschulen bereits Geschichte ist. Waren 2001 noch 21 Prozent aller Professoren älter als 60 Jahre, sank der Anteil bis 2010 auf 13 Prozent und blieb seitdem konstant. Gleichzeitig stieg der Anteil jüngerer Professoren unter 46 von 22 auf zuletzt 28 Prozent. "Verbesserte Beschäftigungsoptionen für jüngere Wissenschaftler entstehen nur noch aus zusätzlichen unbefristeten Stellen", sagt DZHW-Forscher Kolja Briedis. Verstärkt wird die Unbeweglichkeit der Personalstruktur im Flaschenhals durch die Rente mit 67. Die Altersgrenze der Professoren steigt in den meisten Ländern allmählich an, in Niedersachsen liegt sie bereits bei 68 Jahren. Die Profs bleiben also im Schnitt länger, ihre Stellen werden später nachbesetzt. Ein problematischer Trend?

 

Erst Referent des Bischofs, dann Professor

 

Wenn man Guido Bausenhart nach der Planbarkeit von Karrierewegen fragt, erzählt er, welchen Weg er selbst nahm, bis er auf seiner Professur ankam. Die ersten sechs Jahre nach dem Studium war Bausenhart persönlicher Referent des Rottenburger Bischofs, danach leitete er 16 Jahre lang die Ausbildung der Pastoralreferenten im Bistum. "Und dann ging ich auf die 50 zu und habe mich gefragt: Was hast du noch vor mit deinem Leben?" Er zog seine Habilitation durch und bewarb sich in Hildesheim, einer Uni in der Diaspora. "Mit meinem Werdegang konnte ich nicht wählerisch sein", sagt Bausenhart. Er meint das nicht negativ. Alle seine Studenten waren Lehrämtler, "die konnte ich nicht mit meinen persönlichen Forschungsvorlieben belästigen, da musste ich mich auf das Wesentliche konzentrieren". Was ihm umgekehrt in der Forschung eine große Freiheit gegeben habe.

 

Als er das erzählt, räumt seine Frau gerade den Mittagstisch ab, im Hintergrund läuft leise Radiomusik. Die vier Kinder sind längst aus dem Haus, sie sind erwachsen geworden in den Jahren, in denen er fast jede Woche in den Zug stieg und erst am Wochenende zurückkehrte. "Transkulturelle Ortsbigamie" habe das mal ein Professorenkollege, ein Geograf, genannt. Das hat Bausenhart gefallen. Einmal ist er nur für eine Sitzung nach Hildesheim gefahren, die dann ausgefallen sei. "Aber ich habe mich nie beschwert", sagt er. "Ich wusste, das ist meine Privatsache mit dem Pendeln, da kann ich nicht maulen."

 

Er könnte jetzt, da er vorzeitig aufhört, einfach behaupten, er tue das im Interesse der Generationengerechtigkeit. Doch Bausenhart ist keiner, der zur Selbststilisierung neigt. Er sagt, das Hin und Her sei dann zuletzt doch beschwerlich geworden. Und nur weil Niedersachsen, nachdem er schon Professor war, die Altersgrenze hochgesetzt habe, ändere er nicht seine Lebensplanung.

 

Auch Christina von Braun war schon älter, 50 Jahre, als sie 1994 auf den Lehrstuhl für Kulturtheorie mit dem Schwerpunkt Geschlecht und Geschichte an der Berliner Humboldt-Universität (HU) berufen wurde. Ihr Mann und ihre Kinder blieben in Bonn, und sie blickte zurück auf eine Karriere als Filmemacherin und Buchautorin. In Berlin gründete und leitete sie den deutschlandweit ersten Studiengang Gender Studies, sie wurde Sprecherin des Graduiertenkollegs "Geschlecht als Wissenskategorie". Irgendwann nahte ihr Ruhestand, und das sollte es gewesen sein?

 

Schlecht gemacht kann die Seniorprofessur eine Sparlösung sein

 

Bei dem Gedanken muss von Braun, inzwischen 73, lächeln. "Die Frage stellte sich für mich gar nicht", sagt sie leicht abgehetzt. Zu tun gibt es immer noch viel zu viel. Sie sitzt auf einer Holzbank in dem kleinen Café im Prenzlauer Berg, trinkt einen Tee und erzählt, wie sie vor acht Jahren "sehr nachdrücklich" von ihrer Fakultät gebeten worden sei, über die gesetzliche Altersgrenze hinweg zu bleiben. "Das hilft natürlich", sagte sie.

 

Was auch half: dass die HU zu den Hochschulen in Deutschland gehört, die am häufigsten sogenannte Seniorprofessuren einrichten. 28 waren es vergangenes Wintersemester, inklusive der Senior Researcher, die von der Lehre befreit sind, und der Senior Advisor, die sich besonders in der Nachwuchsförderung engagieren.

 

Auf den ersten Blick wirkt die Seniorprofessur wie der perfekte Generationsausgleich: Die Alten räumen ihre Professur für die Jungen und können trotzdem bis zu drei Jahre lang weitermachen – über einen Honorarvertrag, der die Differenz zwischen Pension und früherem Gehalt ausgleicht. "Es ist allerdings keineswegs ausgemacht, dass die Stelle tatsächlich gleich neu besetzt wird", sagt Hubert Detmer, Justitiar des Deutschen Hochschulverbandes. So könne die Seniorprofessur schnell zur vorübergehenden Sparlösung werden. Trotzdem überwiegen für Detmer die Vorteile: "Die richtig guten Leute können bleiben."

 

Christina von Braun blieb, ihr Mann zog nach, die Pendelei hatte ein Ende. Dann begann ihre dritte Karriere. Sie gründete das Kollegium "Jüdische Studien" an der Humboldt-Universität und schrieb gemeinsam mit Kollegen ein Konzept für ein uni- und länderübergreifendes "Zentrum Jüdische Studien Berlin-Brandenburg". Da könne sie noch mal richtig was bewegen, habe sie sich selbst gesagt, all die Erfahrungen einbringen, die sie im Umgang mit Politik und Verwaltung gesammelt hatte. Mit Erfolg: 2012 wurde das Zentrum, ausgestattet mit 7,8 Millionen Euro Fördergeldern des Bildungsministeriums, eröffnet. Von Braun wurde Sprecherin und Projektleiterin.

 

Ob sie manchmal ein schlechtes Gewissen habe, dass sie so ein erfülltes Leben als Wissenschaftlerin hatte, während die Jungen heute so strampeln müssen? So einfach sei die Sache ja nun nicht, sagt von Braun. Klar, allzu viele säßen auf befristeten Postdoc-Stellen und müssten sich von Antrag zu Antrag hangeln. "Eigentlich ein unhaltbarer Zustand." Und das Pensum, das der "Nachwuchs" zu bewältigen habe, zwischen Lehre, Forschung und Bürokratie, sei gewaltig. Aber auch sie und ihr Mann hätten in den vergangenen 30 Jahren flexibel leben müssen, seien von Ort zu Ort gezogen. Und die Wissenschaft sei heute weitgehend offen. Offener für Frauen, die Rollenbilder veränderten sich. "Ich bin da total optimistisch."

 

Ein Gegensatz lässt sich allzu leicht konstruieren zwischen den immer zahlreicheren Alten, die großzügige Ruhegelder beziehen und weiter gemütlich vor sich hin forschen – und der ebenso steigenden Zahl der Jungen, die keine Dauerstelle mehr abbekommen, weil die Pensionen das System erdrücken. Für die HU träfen solche Vorwürfe nicht zu, sagt Uni-Sprecher Hans-Christoph Keller. Hier spiele niemand die Alten gegen die Jungen aus, weil in den vor wenigen Monaten vereinbarten Hochschulverträgen die steigenden Versorgungslasten ausgeglichen worden seien.

 

Einmal Wissenschaftler, immer Wissenschaftler

 

Jetzt, da die ersten fünf Jahre am Zentrum für Jüdische Studien hinter ihr liegen, hat von Braun sich vorgenommen, doch mal etwas weniger zu tun. Sie bleibt dem Zentrum als Senior Research Fellow verbunden, was bedeutet, dass die Tage nicht mehr ganz so voll sind, "sodass ich jetzt endlich Zeit habe, mir neue Buchprojekte vorzunehmen oder einfach mal in Ruhe zu verreisen".

 

Auch Guido Bausenhart wird oft gefragt, was er vorhabe. "Ich bin keiner, der dann antwortet: Endlich komme ich zu etwas, auf das ich lange hingelebt habe." Ja, er wolle weiter wissenschaftlich arbeiten, "aber dafür brauche ich keine Gremiensitzungen, keine Formulare, keine Vorlesungen. Ich will einfach nur noch gescheiter werden als Theologe." So ganz ist er mit den Gedanken aber noch nicht weg aus Niedersachsen. Mit seinen Kollegen hat er erfolgreich für die Erhaltung der Theologie in Hannover gekämpft. Auch das ist für ihn ein Beitrag zur Generationengerechtigkeit.

 

"Für mich ist es ein gutes Gefühl, zu wissen, dass bald jemand Junges auf meiner Professur sitzen wird", sagt Guido Bausenhart. Und Christina von Braun sagt: "Wenn ich durch mein Bleiben die Stelle für den Nachwuchs blockiert hätte, wäre ich nicht geblieben." Abschied von der Uni, aber niemals von der Wissenschaft: die Paradoxie eines Berufs, den man behält, solange man klar denken kann. Daran wird auch kein Arbeitsrecht je etwas ändern.

 

Dieser Artikel erschien zuerst am 09. November in der ZEIT.

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Die KMK will sich reformieren, und die SPD gibt sich zufrieden mit den Änderungen am Kooperationsverbot

Wie die Kultusminister gestern bei ihrem Festakt über sich selbst und ihr Verhältnis zum Bund diskutierten – und warum SPD-Bildungsexperte Heil noch nie Bundeslehrer wollte.

WIE SOLLEN DIE Aufgaben in der Bildungspolitik künftig zwischen Bund und Ländern verteilt sein, und wie muss die Kultusministerkonferenz (KMK) sich reformieren? Darüber diskutierten die Kultusminister gestern bei ihrer 70-Jahr-Feier. Unterdessen betonte der SPD-Bildungspolitiker Hubertus Heil, seine Partei werde keine weitergehenden Forderungen in Sachen Kooperationsverbot stellen. 

 

Die KMK müsse "ein bisschen den Hintern hochheben", sagte Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann beim Festakt in Berlin. Einen lesenswerten Bericht über die Veranstaltung finden Sie heute im Tagesspiegel. Kurz zusammengefasst: Eisenmann (CDU), die gestern offiziell die KMK-Präsidenschaft abgab, und ihr Nachfolger an der Spitze der Kultusminister, Thüringens Kultusminister Helmut Holter (Linke), waren sich mit Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) einig, dass jetzt schnell etwas passieren muss. Das (Reform-)Mittel der Wahl scheint ein neuer Staatsvertrag für mehr Vergleichbarkeit zu sein. Eisenmann erneuerte darüber hinaus ihren Vorschlag, das Institut für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) so weiterzuentwickeln, dass es ein System-Monitoring leisten kann. Der in den Sondierungsgesprächen zwischen Union und SPD im Bund vereinbarte Nationale Bildungsrat stieß dagegen noch auf wenig Gegenliebe. Den "brauchen wir nicht", sagte KMK-Generalsekretär Udo Michallik. 

 

SPD-Fraktionsvize Hubertus Heil wiederum gab gestern laut Tagesspiegel zu Protokoll, seine Partei sei mit dem Erreichten in Sachen Kooperationsverbot zufrieden. "Wir hatten nie vor, Bundeslehrer einzustellen", sagte er bei einem Pressegespräch. Es müsse bei der Kultushoheit der Länder bleiben. Union und SPD hatten vereinbart, dass der Bund künftig wieder in Schulbauten und Infrastruktur investieren dürfen soll. Personal dagegen kann weiter nur über die Kinder- und Jugendhilfe und nur für Betreuung finanziert werden.  

 

Nach Bekanntwerden der Sondierungsergebnisse hatte Berlins Wissenschaftsstaatssekretär Steffen Krach (SPD) per Twitter das "Ende Kooperationsverbot in der Bildung" verkündet. Auch der sozialdemokratische Bildungsexperte Ernst Dieter Rossmann sagte laut Spiegel Online: "In der Substanz wird das Kooperationsverbot abgeschafft." Der CDU-Bildungsexperte Stefan Kaufmann meinte dagegen, er verstehe die Änderung lediglich "als Erweiterung der Möglichkeiten des Bundes, die Länder im Bildungsbereich noch stärker zu unterstützen". 

 

Über die in den Sondierungsgesprächen erreichten Ziele hinausgehende Bundesbefugnisse seien indes noch nie das Ziel der SPD gewesen, betonte Heil gestern. 

 

Was so nicht ganz stimmte und stimmt, wenn man sich unter Sozialdemokraten umhört oder auch in alten Äußerungen führender Bildungspolitiker stöbert, aber sei's drum: Das Signal, das Heil aussendet, ist ein richtiges und wichtiges: Der ewige Streit ums Kooperationsverbot könnte mit dem gefundenen Konsensmodell, wie ich es vor dem Wochenende schon skizziert hatte, tatsächlich zu Ende gehen. Was gut wäre. Denn dann könnte endlich das konkrete Arbeiten an einem neuen Bund-Länder-Verhältnis in der Bildung beginnen. 

 

Am Nachmittag des 16. Januar gab es dann aber doch noch einmal Ärger. Der neue KMK-Chef Holter hatte (wie zuvor schon sein Ministerpräsident Bodo Ramelow) in Interviews vorgeschlagen, Bildung künftig als "Gemeinschaftsaufgabe" von Bund und Ländern zu definieren. Dem erteilte sein bayerischer CSU-Kollege Spaenle per Pressemitteilung eine wortgewaltige Absage. Dann würde die Bildungspolitik "zentralistisch gesteuert vom fernen Berlin", meinte Spaenle und sprach sich für mehr Vergleichbarkeit von Bildungsinhalten und Anforderungen für Prüfungen aus. Doch die Bildungs- und Kultushoheit müsse bei den Ländern bleiben, sie "sichert Entscheidungen nahe bei den Menschen". Holters Anregungen zu "einheitlichen Lehrplänen" lasse "dessen Ansatz zu einem überzogenen Zentralismus erkennen, der jedenfalls von den Unionskultusministern nicht geteilt wird." Zum Thema Kooperationsverbot sagte Spaenle, die Sondierungsgespräche hätten nicht dessen Aufhebung ergeben. "Ein solches Kooperationsverbot gibt es im Grundgesetz nicht." Vielmehr arbeiteten Bund und Länder in vielen Bildungsfragen lange und intensiv zusammen.

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Macrons Reformvorschläge sind eine Riesenchance für Bildung und Forschung

Die Antwort Berlins auf die Initiative des französischen Präsidenten steht noch aus. Wie sie lauten könnte: ein Gastbeitrag von Stefan Kaufmann.

Emanuel Macron. www.kremlin.ru: "Emmanuel Macron (2017-05-29, cropped).jpg", CC BY 4.0

MIT SEINER REDE "Initiative für Europa" an der Pariser Sorbonne kurz nach der Bundestagswahl im September 2017 hat der französische Staatspräsident Emmanuel Macron eine rege Debatte über die Zukunft Europas angestoßen, die mittlerweile viele Mitgliedstaaten erreicht hat – in einer Zeit, da Europa nach dem angekündigten Austritt Großbritanniens an einem Scheideweg zu stehen scheint. Jüngste Äußerungen aus Polen geben weiteren Grund zur Besorgnis. 

 

Angesichts der noch andauernden Regierungsbildung in Deutschland steht eine Antwort der Bundesregierung auf Macrons Vorschläge aus. Das muss uns jedoch nicht daran hindern, Teilbereiche der Rede aus deutscher Sicht näher zu betrachten – und eine Antwort zu versuchen.

 

Einige der wichtigsten und auch visionärsten Vorschläge Macrons betreffen die Themen Bildung, Wissenschaft, Forschung und Innovation:

 

1. Der Austausch von Schülern und Studierenden soll intensiviert werden, damit ab 2024 jeder junge Europäer mindestens sechs Monate in einem anderen europäischen Land verbracht hat und jeder Studierende bis 2024 zwei europäische Sprachen spricht. Bis 2024 soll jedenfalls die Hälfte des Jahrgangs sechs Monate im europäischen Ausland verbringen.

 

2. Bis 2024 sollen 20 europäische Universitäten entstehen, die einen europäischen Abschluss anbieten. Außerdem sollen universitäre Netzwerke geschaffen werden, um Auslandsstudien und die Teilnahme an einem mindestens zweisprachigen Unterricht zu ermöglichen.

 

3. An den Gymnasien soll ein Prozess der Harmonisierung beziehungsweise der gegenseitigen Anerkennung von Abschlüssen in der Sekundarstufe auf den Weg gebracht werden – nach dem Vorbild der Hochschulabschlüsse im Zuge des Bologna-Prozesses.

 

4. Europa soll sich mit einer Agentur für bahnbrechende Innovationen ausstatten, durch die neue oder noch unerforschte Forschungsbereiche wie die künstliche Intelligenz von den europäischen Mitgliedstaaten gemeinsam finanziert werden.

  

Wie könnte nun eine deutsche Antwort hierauf lauten?

 

Zunächst einmal sollten wir Macron dankbar sein, dass er eine Debatte über Europa angestoßen hat, die weit über die aktuellen Struktur- und Finanzdebatten hinausgeht und das Wesentliche Europas in den Mittelpunkt rückt: den Zusammenhalt der Menschen und die Zukunft Europas als Innovationsstandort. Eine Idee Europas, die sich rückbezieht auf die Wurzeln des europäischen Gedankens – ein Kontinent des Friedens und der Werte, der Chancen und des Miteinanders.

 

Einigkeit sollte darin bestehen, den Austausch junger Europäerinnen und Europäer noch sehr viel stärker als bisher zu fördern. Das Instrument dafür gibt es seit langem: das Erasmus-Programm. Wir sollten gemeinsam alles dafür tun, das Programm Erasmus+ und natürlich auch das entsprechende Nachfolgeprogramm weiter voranzutreiben. Allein im Zeitraum von 2014 bis 2020 sollen bis zu 275.000 Studierende, 150.000 Auszubildende und 130.000 junge Menschen in Begegnungsmaßnahmen aus Deutschland in den Genuss einer Förderung kommen; europaweit sind es rund vier Millionen. Das Programm ist in diesem Zeitraum schon mit immerhin 14,8 Milliarden Euro ausgestattet. Gemeinsam mit vielen Mitstreitern aus anderen Mitgliedstaaten und tatkräftiger Unterstützung auch aus dem Bundestag konnten die deutschen Akteure in Brüssel eine Kürzung der Gelder für den laufenden 7-Jahres-Zyklus verhindern.

 

Aber das reicht noch nicht. Zukünftig sollte noch mehr Geld für das Programm Erasmus zur Verfügung zu gestellt werden – eine substanzielle Erhöhung also. Diese Forderung hat auch die CDU-/CSU-Fraktion in einem vom Bundestag Anfang Juni 2017 beschlossenen Antrag "Für gute Bildung in Europa - Erfolgreiches Programm Erasmus+ weiterentwickeln" formuliert (BT-Drs. 18/11726).

 

Wichtig ist mir, dass der integrierte Ansatz des Erasmus-Programms beibehalten wird: Erasmus soll weiter ein Programm für alle Bereiche sein, nicht nur für Hochschule und Studium. Auch in der beruflichen Ausbildung, der Weiterbildung und in der Schule gilt es die Mobilität und den Austausch junger Menschen weiter zu fördern. Gerade im Bereich des Schüler- und vor allem Lehrlingsaustausches besteht noch viel Spielraum nach oben.

 

Sehr ambitioniert mutet die Idee Macrons an, dass jeder Studierende bereits bis 2024 wenigstens zwei europäische Sprachen sprechen soll – und zwar zusätzlich zur jeweiligen Muttersprache. Klar ist aber in jedem Fall: Ein stärkerer Austausch wird erfreulicherweise zwangsläufig dazu führen, dass faktisch zumindest eine zweite Sprache neben der Muttersprache selbstverständlich ist und gut beherrscht wird.

 

Die Bedeutung der Sprache für die Entwicklung einer europäischen Identität, aber auch für den Ausbau einer wettbewerbsfähigen Wirtschafts- und Forschungslandschaft sollte man nicht unterschätzen. Und Sprache ist notwendig, damit sich Menschen auch intellektuell leichter näher kommen. Daher ist die Ausbildung, Förderung und Verbesserung von Fremdsprachenkompetenz – wie auch vom Europäischen Rat Mitte Dezember 2017 gefordert – dringend erforderlich und unterstützenswert.

 

Begrüßenswert ist zudem der Vorschlag Macrons zur Schaffung von 20 europäischen Universitäten, die europäische Abschlüsse anbieten – Abschlüsse also, die per se in ganz Europa anerkannt werden. An Universitäten, die den Geist Europas atmen. Universitäten, an denen tatsächlich Studierende aus vielen europäischen Staaten (und darüber hinaus) über Jahre hinweg gemeinsam studieren, und zwar mehr als nur ein Austauschsemester. Universitäten, an denen die Lehr- und Forschungstraditionen und die wissenschaftlichen Ansätze aus verschiedenen europäischen Ländern gelehrt und erforscht werden.

 

Wir sollten nun aber nicht daran gehen, neue Universitäten auf der "grünen Wiese“ zu planen. Wir sollten vielmehr bestehende Universitäten zu Leuchttürmen der europäischen Idee ausbauen und zu international sichtbaren Hochschulen machen, die an den Zielen Europas ausgerichtet sind. Als Vorbild könnte unter anderem die 1992 gegründete Viadrina in Frankfurt/Oder dienen. 

 

Ein dickes Brett sind sicherlich Macrons Vorschläge zur Harmonisierung und gegenseitigen Anerkennung von Abschlüssen in der Sekundarstufe. Hier wird sich auf absehbare Zeit kein Durchbruch erzielen lassen. Denn die Vergleichbarkeit der Abschlüsse ist nicht nur eine Aufgabe für Europa, sondern – auf Deutschland herunter gebrochen – eine der drängendsten Aufgaben der Länder auf Ebene der Kultusministerkonferenz (KMK). Der Vorschlag Macrons zeigt insoweit nochmals den Handlungsbedarf in Deutschland, aber auch in anderen Mitgliedstaaten - bei diesem Thema auf.

 

Sehr interessant ist schließlich der Vorschlag Macrons für eine Agentur für bahnbrechende Innovationen. Hintergrund hierfür ist sicherlich die Erkenntnis, dass die großen Herausforderungen nur noch gemeinsam und mit viel finanziellem Aufwand gestemmt werden können. Das zeigen weltweite Großforschungsprojekte wie CERN, ITER, SKA oder ILC. Auch Raumfahrtprogramme und Weltrauminfrastrukturen wie die ISS erfordern starke Netzwerke und verlässliche Partnerschaften. Um international mithalten zu können – insbesondere mit China und den USA, aber auch Südostasien und Russland – bedarf es deshalb einer gemeinsamen Kraftanstrengung ganz Europas. Und diese muss klug abgestimmt und unterstützt werden. In diese Richtung ging auch die Idee von Forschungskommissar Carlos Moedas zu Beginn seiner Amtszeit für einen Europäischen Innovationsrat. Inzwischen ist es etwas stiller geworden um diese Idee. Dies macht sie aber nicht weniger richtig.

 

Fazit: Macrons Initiative bietet eine Riesenchance

 

Die ambitionierten Vorschläge des französischen Präsidenten mit dem Ziel, Europa in einer Welt mit vielen Herausforderungen stärker und zukunftsfest zu machen, sind aus deutscher Sicht ausdrücklich zu begrüßen. Ja, sie sind eine Riesenchance, der EU auch in den Bereichen Bildung, Forschung und Innovation neuen Schub zu geben – und zwar in einem Schulterschluss mit Frankreich.

 

Im Bildungsbereich muss dabei vor allem die Stärkung der Mobilität und des Austauschs junger Europäer über das Erasmus-Programm im Mittelpunkt stehen. Darüber hinaus sind verstärkt auch die Mobilität und der Austausch von Auszubildenden zu fördern. Sie hinkt bei der Programmrealität noch weit hinterher – und bietet doch so viele Chancen.

 

Stefan Kaufmann ist Obmann der CDU-/CSU-Fraktion im Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung des Deutschen Bundestages.

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Jetzt ist die KMK an der Reihe

Heute feiern die Kultusminister den 70. Geburtstags ihres Clubs. Die Debatten beim heutigen Festakt werden hoffentlich zeigen, dass sie den Ernst der Lage erkannt haben.

Das KMK-Feierlogo. Quelle: Screenshot der KMK-Website
Das KMK-Feierlogo. Quelle: Screenshot der KMK-Website

HEUTE feiert die Kultusministerkonferenz mit großem Aufwand ihren 70. Geburtstag – und sucht nach ihrem Selbstverständnis. Vergangene Woche hatte Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU), die heute die KMK-Präsidentschaft offiziell an ihren Thüringer Kollegen Helmut Holter übergibt, hier im Blog dem Club der Bildungs- und Wissenschaftsminister ein "grundsätzliches Konstruktionsproblem" attestiert und organisatorische und strategische Reformen angemahnt, "und zwar jetzt." Vor dem Wochenende dann legten Union und SPD die Ergebnisse ihrer Sondierungsgespräche vor und darunter Passagen, die sich laut meinem ZEIT-Kollegen Manuel J. Hartung im heutigen ZEITChancen Brief wie "ein Angriff auf den Föderalismus" lesen.

 

Zwar ist es ein Angriff mit Augenmaß, denn im Gegensatz zur SPD-Lesart fällt das sogenannte Kooperationverbot keineswegs komplett weg. Auch ist der angekündigte Bildungsrat nur möglich, wenn alle Länder mit an Bord sind – auch die Föderalismus-Lordsiegelbewahrer aus Bayern und Baden-Württemberg. Zumal dieser Bildungsrat, richtig aufgelegt, sogar eine Stärkung der Kultusminister bedeuten könnte – weil sie zusammen mit dem Bund ein stärkeres Gegengewicht zu ihren eigenen Finanzministern bilden könnten. Dennoch dürfte die Feier der KMK heute weniger feierlich und dafür kritisch-selbstreflektierter verlaufen, als sich das einige noch vor Monaten hätten vorstellen können. Ein entscheidender Auslöser dafür waren sicherlich auch die enttäuschenden Ergebnisse im IQB-Bildungstrend und zuletzt in der IGLU-Studie

 

Bevor der Bund in die Schulpolitik einsteigt, ist allerdings noch ein Hindernis zu überwinden. Kein kleines. Zunächst müssen sich die Sozialdemokraten einig werden, ob sie eine Koalition mit der Union überhaupt wollen. Oder ob sie ihre Führung weiter derart kompromittieren, indem einige von ihnen nur Tage nach dem offiziellen Abschluss der Sondierungsgespräche fordern, das gemeinsam beschlossene Papier nochmal aufzumachen – was gleichbedeutend ist mit dem Vorwurf, die eigenen Leute hätten schlecht verhandelt und sich von CDU und CSU über den Tisch ziehen lassen. 

 

Wir werden sehen. Womöglich setzen einige Kultusminister ja heute genau darauf: dass die Große Koalition gar nicht kommt. Dass sie Aufschub bekommen bis nach den dann anstehenden Neuwahlen. Was ein Fehler wäre. Denn, wie Susanne Eisenmann im Interview sagte: Wenn man den Bildungsföderalismus erhalten wolle,  reiche es nicht, "wenn wir Kultusminister nur aus Prinzip dagegenhalten, weil das eben unser Job ist." Stattdessen müssten sie und ihre Kollegen die mit dem Föderalismus "verbundene Verantwortung annehmen und definieren, wo wir als Länder konzertiert handeln müssen." Spannende Diskussion heute. 


NACHTRAG am 16. Januar:

Die KMK müsse "ein bisschen den Hintern hochheben", sagte Susanne Eisenmann gestern beim Festakt in Berlin. Einen lesenswerten Bericht über die Veranstaltung lesen Sie heute zum Beispiel im Tagesspiegel. Kurz zusammengefasst: Eisenmann (CDU) und ihr Nachfolger als KMK-Präsident, Helmut Holter (Linke) waren sich mit Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) einig, dass jetzt schnell etwas passieren muss. Das (Reform-)Mittel der Wahl scheint ein neuer Staatsvertrag für mehr Vergleichbarkeit zu sein. Eisenmann erneuerte darüber hinaus ihren Vorschlag, das Institut für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) so weiterzuentwickeln, dass es ein System-Monitoring leisten kann. Der in den Sondierungsgesprächen zwischen Union und SPD im Bund vereinbarte Nationale Bildungsrat stieß dagegen auf wenig Gegenliebe. Den "brauchen wir nicht", sagte KMK-Generalsekretär Udo Michallik. 

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Nicht teilen, größer machen!

Kommt die Große Koalition, wird sie mit Symbolakten den Neuanfang beschwören. Womöglich sogar mit einem Superministerium für Innovation. Es wäre ein Riesenfehler, dafür das BMBF zu fleddern.

Das Berliner Dienstsitz des BMBF. Foto: Ansgar Koreng (weitere Angaben unten)
Das Berliner Dienstsitz des BMBF. Foto: Ansgar Koreng (weitere Angaben unten)

ES IST EINES dieser Schlagwörter, die jeder gutfinden muss. Innovation. Wollen wir alle. Brauchen wir mehr von. Als die FDP 2005 in Nordrhein-Westfalen das Wissenschaftsministerium übernahm, taufte der neue Minister Andreas Pinkwart es um in Innovationsministerium. Die SPD-Opposition lästerte. Nach dem Regierungswechsel 2010 behielt Pinkwarts SPD-Nachfolgerin Svenja Schulze die Bezeichnung bei.

 

Es spricht viel dafür, dass demnächst auch ein Bundesministerium das Schlagwort "Innovation" im Namen führen wird. Allerdings, so wird gemunkelt, dürfte es das für Wirtschaft sein. 

 

Es entspräche dem Zeitgeist. Als Schwarz-Gelb 2017 in NRW die Wahlen gewann, wurde Pinkwart erneut Minister. Wirtschaftsminister. Den Titel "Ministerium für Innovation" nahm er mit. Seitdem heißt das Wissenschaftsministerium wieder nur Ministerium für (Kultur und) Wissenschaft.

 

Nach ihrem Sondierungserfolg wollen die möglichen Koalitionspartner CDU, CSU und vor allem die SPD nun im Bund signalisieren, dass sie einen echten Neuanfang wollen. Wenn schon nicht mit neuem Personal, dann wenigstens mit schönen Worten und spektakulären Ressortzuschnitten. Ein Bundesministerium für Wirtschaft und Innovation könnte ein echtes Super-Ministerium werden, womöglich ergänzt um das zweite Super-Schlagwort: Digitalisierung. >>



>> Das Problem ist, wenn zu den schönen Worten die Taten kommen müssen. Innovation, das bedingt Forschung, und grundlegende Teile der Forschung könnten vom Wissenschafts- ins Wirtschaftsministerium herüberwandern. Die außeruniversitären Forschungseinrichtungen etwa, die komplette Programmforschung. So stellen sich das zumindest einige Sondierer vor und führen dafür zwei Argumente an. Erstens: Wirtschaftlicher Fortschritt und wissenschaftliche Erkenntnis sind eng gekoppelt. Zweitens: Das BMBF muss künftig auch Schulpolitik machen.

 

Beide Argumente stimmen. Es gibt Bundesländer wie Thüringen oder Sachsen-Anhalt, in denen Wirtschaft und Wissenschaft und Digitalisierung deshalb ganz unter dasselbe Dach gekommen sind. Und was die Bildung angeht, so ist klar, dass ein möglicher Nationaler Bildungsrat, vor allem aber die zusätzlichen Milliarden, die die Koalitionäre springen lassen wollen, und die weitere Einschränkung des Kooperationsverbots dem Bund einen Machtzuwachs bringen werden – und damit dem BMBF. 

 

Trotzdem wäre es ein Riesenfehler, Hochschulen, Wissenschaft und Forschung auseinanderzureißen. Auch angewandte, auch Programmforschung ist Teil des Systems Wissenschaft und lebt vor allem von ihren Bezügen zur Grundlagenforschung, zur Hochschullehre, zur Bildung. Deshalb war die Wissenschaftspolitik der vergangenen Jahre darauf ausgerichtet, die Versäulung in Hochschulen und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen abzubauen.

 

Vorausgesetzt die Koalition kommt überhaupt, was angesichts der Debatten in der SPD alles andere als sicher ist: Wenn Union und SPD dann Symbole für ihren Aufbruch suchen, wenn sie ein Superministerium brauchen, sollten sie dafür das bisherige Bundesministerium für Bildung und Forschung nehmen. Ungeteilt. Mit mehr Wissenschaft und mit mehr Bildung. Das Etikett "Innovation" dürfen sie gern draufkleben.

 

Dieser Beitrag erschien heute zuerst in meiner Kolumne "Wiarda will's wissen" im Tagesspiegel. 


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Bildungsrat ja – aber richtig!

Union und SPD wollen eine neue Institution schaffen für mehr Abstimmung und Planung in der Bildungspolitik. Ein faszinierender Plan – aber nur, wenn sie von der Vergangenheit lernen.

Abbildung: Pixabay/Mediengestalter
Abbildung: Pixabay/Mediengestalter

DAS WIRD NOCH Diskussion geben. Noch Anfang der Woche hatte die scheidende Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK), Susanne Eisenmann, der Gründung eines nationalen Bildungsrates eine Absage erteilt. Sie persönlich glaube nicht, dass eine wachsende Zahl an Gremien weiterhelfe, sagte die CDU-Politikern und reagierte damit auf einen Vorstoß ihrer Parteikollegin, der saarländischen Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer. Die KMK sei handlungsfähig, müsse gestärkt werden und vor allem sei sie "im Gegensatz zu einem Bildungsrat entscheidungsbefugt", sagte Eisenmann. Ein Bildungsrat "wäre am Ende doch nur ein Raumschiff ohne Erdung."

 

Nun haben sich die potenziellen Koalitionäre von CDU, CSU und SPD unter Mitwirkung Kramp-Karrenbauers und weiterer Ministerpräsidenten (aber nicht dem von Baden-Württembergs Kultusministerin Eisenmann) darauf geeinigt, genau einen solchen Bildungsrat gründen zu wollen. Oder genauer: erneut gründen zu wollen. Es gab ihn ja bereits einmal, einen Deutschen Bildungsrat, und zwar in den Jahren von 1966 bis 1975, angelegt als (strukturell allerdings nur teilweises) Pendant zum bis heute existierenden Wissenschaftsrat. Der Bildungsrat, gegründet von Bund und Ländern, sollte eine gemeinsame Bildungsplanung ermöglichen, das Bildungssystem insgesamt strukturieren und harmonisieren und Vorschläge für seine langfristige Weiterentwicklung machen.

 

Kommt Ihnen bekannt vor? Entspricht ziemlich genau der gegenwärtigen Rhetorik in der Bildungspolitik, den Bildungsföderalismus zugunsten von mehr bundesweiter Koordinierung zurückzuschrauben? "Wir wollen die Bildungschancen in Deutschland im gemeinsamen Schulterschluss von Bund und Ländern verbessern. Dafür wollen wir einen nationalen Bildungsrat einrichten", heißt es in der finalen Fassung des Sondierungspapiers.

 

Tatsächlich begleiten uns Forderungen nach einer Neuauflage des Bildungsrates seit Jahren, besonders heftig zuletzt Ende 2011, als mehrere Stiftungen die Idee pushten und diese es daraufhin sogar in in einen Antrag des CDU-Parteivorstandes auf dem Bundesparteitag schaffte (schon damals zählte Kramp-Karrenbauer zu den Hauptinitiatoren). 2012 versickerte das Thema wieder, abgeblockt ausgerechnet auch von einer Phalanx von SPD-Bildungspolitikern, die mehr Einfluss der damaligen schwarz-gelben Bundesregierung auf ihre Bildungspolitik fürchteten. Vor wenigen Wochen erst haben nun wiederum Pädagogen und Wissenschaftler eine neue Petition an die KMK und Bundesregierung gestartet, Ziel: ein Bildungsrat für Bildungsgerechtigkeit.

 

Wer ihn will, sollte allerdings auch den Ausgang der Geschichte von einst kennen: Auf mehrheitliches Betreiben vor allem, aber nicht nur der CDU-regierten Länder wurde das Mandat des ersten Deutschen Bildungsrates vor 42 Jahren nicht verlängert – weil die Wissenschaftler im Rat sich nach Meinung der Politiker zu stark in die Politik eingemischt hatten. Indem sie ihre eigenen Themen und Methoden bestimmt hatten, teilweise gegen das Votum der Politik, was ihnen die Konstruktion des Rates ermöglichte: Die sogenannte Regierungskommission im Bildungsrat musste von den Wissenschaftlern nur angehört werden.

 

Woraus gleich drei Lehren für die geplante Neuauflage folgen.

 

Erstens: Die Gründung wird nur gelingen, wenn auch die skeptischen Länder ins Boot geholten werden. Einseitige Absichtserklärungen des Bundes und einiger, aber eben nicht aller Länder werden beim Länderthema Bildung nicht funktionieren. Insofern sei vor zu viel Euphorie, ob der Bildungsrat wirklich kommt, zum jetzigen Zeitpunkt noch gewarnt. 

 

Zweitens: Ein Nationale Bildungsrat müsste wie damals auch heute wieder zwangsläufig und zu einem guten Teil Bildungsforscher enthalten, und zwar vorrangig empirisch arbeitende. Als reines Abstimmungsinstrument von Bund und Ländern im Bereich der Bildungspolitik, wie es die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz (GWK) für die Wissenschaft ist, würde ein Rat seinem Namen nicht gerecht und darüber hinaus nicht in der Lage sein, wissenschaftlich fundierte und doch vorausschauende Visionen für ein chancengerechtes, zukunftsorientiertes Bildungssystem zu entwickeln. 

 

Drittens: Bund und Länder sollten von den Konstruktionsfehlern des Bildungsrates 1.0 lernen. Das heißt: Er muss diesmal wirklich wie der Wissenschaftsrat organisiert sein: mit zwei gleichberechtigten Kammern, einer wissenschaftlichen und einer Verwaltungskommission, die dann gemeinsam in der Vollversammlung mit Zweidrittelmehrheit Beschlüsse fassen können. Auch wenn die dann erzielten Kompromisse, wie der Wissenschaftsrat zeigt, kaum spektakulär und nur selten richtig mutig sind, gibt es dann immerhin die Chance auf die Erdung und Handlungsfähigkeit, die Susanne Eisenmann dem neuen Gremien nicht zutraut.

 

Dann, aber nur dann könnte aus dem Bildungsrat mehr werden als eine schillernde Idee. Mal sehen, wie die Kultusminister sie bei ihrer anstehenden 70-Jahrfeier am Montag diskutieren werden.


Kooperationsverbot: Keine totale Aufhebung

Die Jamaikaner hatten das Thema noch mit spitzen Fingern in spätere (und dann nicht mehr abgeschlossene) Verhandlungsrunden geschoben. "Über die Art und Weise der Zusammenarbeit zwischen Bund, Ländern und Kommunen muss noch gesprochen werden, insbesondere über die Frage des Kooperationsverbotes", hieß es Ende Oktober lediglich im als Verhandlungszwischenstand veröffentlichten Papier. 

 

Im Gegensatz dazu haben sich Union und SPD in ihren Sondierungsgesprächen bereits darauf verständigt, erneut eine Änderung beim Kooperationsverbot vorzunehmen. Konkret soll der erst 2017 eingefügte Grundgesetzartikel 104c "angepasst" werden, heißt es im Ergebnispapier – mit der Folge, dass  der Bund künftig den Ländern "Finanzhilfen für gesamtstaatlich bedeutsame Investitionen" ALLER Gemeinden und nicht nur wie bisher der FINANZSCHWACHEN "im Bereich der kommunalen Bildungsinfrastruktur gewähren" kann. Auf dieser Grundlage wollen Union und Sozialdemokraten "eine Investitionsoffensive" für die Schulen starten, insbesondere für "Ganztagsschul- und Betreuungsangebote, Digitalisierung und berufliche Schulen". Kanzleramtsminister Helge Braun (CDU) twitterte von einem "gemeinsamen ehrgeizigen Plan", der damit auch den Digitalpakt umfasse. Wie hoch der ausfallen soll, ist offenbar noch nicht beziffert. Seine Finanzierung ist jedenfalls nicht in der Liste priorisierter Bildungsinvestitionen enthalten.

 

Komplett abgeschafft ist das Kooperationsverbot mit der gefundenen Einigung nicht, denn eine dauerhafte Finanzierung schulischer Einrichtungen durch den Bund (also vor allem die Übernahme von Personalkosten) ermöglicht auch der neue Wortlaut nicht. Und wie die Sondierer betonen: "Die Kultushoheit bleibt Kompetenz der Länder."

 

Zusammen mit einem wie oben skizzierten Bildungsrat könnte sich die gefundene Lösung indes als kluges Konsensmodell herausstellen, dem alle zustimmen könnten – und das die ewigen Debatten ums Kooperationsverbot ein für alle Mal beendet. 


NACHTRAG am 12. Januar abends: 

Wir werden sehen, ob mein diesbezüglicher Optimismus wirklich berechtigt ist. In den Stunden nach der Veröffentlichung des Papiers gab es jedenfalls schon wieder den üblichen Symbolstreit zwischen Union und SPD, ob denn nun das Kooperationsverbot erledigt ist oder doch nicht. Der Berliner SPD-Wissenschaftsstaatssekretär Steffen Krach verkündete per Twitter: "Ende Kooperationsverbot in der Bildung". Auch der sozialdemokratische Bildungsexperte Ernst Dieter Rossmann sagte laut Spiegel Online: "In der Substanz wird das Kooperationsverbot abgeschafft." Der CDU-Bildungsexperte Stefan Kaufmann meinte dagegen,  er verstehe die Änderung lediglich "als Erweiterung der Möglichkeiten des Bundes, die Länder im Bildungsbereich noch stärker zu unterstützen".

 

NACHTRAG am 16. Januar:

SPD-Fraktionsvize Hubertus Heil gab gestern laut Tagesspiegel zu Protokoll, seine Partei sei mit dem Erreichten in Sachen Kooperationsverbot zufrieden. "Wir hatten nie vor, Bundeslehrer einzustellen", sagte er bei einem Pressegespräch. Union und SPD hatten vereinbart, dass der Bund künftig wieder in Schulbauten und Infrastruktur investieren dürfen soll. Personal dagegen kann weiter nur über die Kinder- und Jugendhilfe und nur für Betreuung finanziert werden.  Über die in den Sondierungsgesprächen erreichten Ziele hinausgehende Bundesbefugnisse seien noch nie das Ziel der SPD gewesen, betonte Heil. Was so nicht ganz stimmte und stimmt, wenn man sich unter Sozialdemokraten umhört oder auch in alten Äußerungen führender Bildungspolitiker stöbert, aber sei's drum: Das Signal, das Heil aussendet, ist ein richtiges und wichtiges: Der ewige Streit ums Kooperationsverbot könnte mit dem gefundenen Konsensmodell, wie ich es vor dem Wochenende schon skizziert hatte, tatsächlich zu Ende gehen. Was gut wäre. Denn dann könnte endlich das konkrete Arbeiten an einem neuen Bund-Länder-Verhältnis in der Bildung beginnen. 

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Was die Sondierer noch verabredet haben

Die Hochschulen sollen weiter Geld vom Bund bekommen, die außeruniversitäre Forschung ebenso, die Berufsbildung soll gestärkt werden – und natürlich darf auch die obligatorische Zahl 3,5 im Ergebnispapier nicht fehlen: ein Überblick.

ABGESEHEN VOM ÜBLICHEN PATHOS ("Bildung, Wissenschaft und Forschung sind Schlüsselthemen für Deutschland", "Für das Chancenland Deutschland werden wir zusätzliche Mittel mobilisieren") steht auf der Absichtenliste von Union und SPD, dass es einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung im Grundschulalter geben soll – finanziert offenbar über den Weg der Kinder- und Jugendhilfe. Was insofern hellhörig macht, weil damit eindeutig nur von einem Recht auf Betreuung und nicht von gebundenem Ganztagsunterricht die Rede ist. Für mehr würden die fest eingeplanten 500 Millionen Euro pro Jahr wohl ohnehin nicht reichen – wobei die SPD versichert, dass auch echte zusätzliche Ganztagsplätze geschaffen werden sollen. 

 

Für den Ausbau der Kitas wollen Union und SPD zwischen 2018 und 2021 insgesamt 3,5 Milliarden Euro zusätzlich investieren – sowohl für "mehr Qualität" als auch für das Ziel, die Eltern bei den Kitagebühren zu entlasten. Macht insgesamt gerade mal knapp 900 Millionen pro Jahr mehr für die Kitas  – der große Wurf ist auch das nicht. Ob und wenn ja, wieviel weiteres Geld für die Kitas über das große Ziel, die Kommunen finanzpolitisch zu entlasten, fließt, ist noch unklar. Zum Vergleich: Für die umstrittene familienpolitische Maßnahme Kindergeld und dessen Erhöhung soll der Bund den Planungen zufolge ebenfalls 3,5 Milliarden mehr aufwenden. 

 

Zum Dauerthema Hochschulpakt: Die Sondierer kündigen im Gegensatz zu Jamaika nicht nur an, ihn weiterzuführen, sondern ihn auf Dauer zu stellen. "Ein Riesending", loben sie sich in der SPD. Wobei, wenn man es genau nimmt, natürlich nicht der Pakt als solches verstetigt werden soll – sehr wohl aber die Höhe der dafür bislang aufgewendeten Bundesmittel. Den Zielkonflikt Quantität versus Qualität lösen die Verhandlungspartner in ihrem Ergebnispapier durch eine genial-schwammige Formulierung: "Um vor dem Hintergrund der anhaltend hohen Studiernachfrage eine qualitativ hochwertige Lehre sicherzustellen..." Anders formuliert: Wie die Milliarden an die Hochschulen fließen, zu welchen Konditionen, wieviel davon in die Grundfinanzierung geht oder auch in mögliche Wettbewerbe, ist völlig offen. Die bisherige Einigung beschränkt sich darauf, dass das Geld bleiben soll. Nur zwei Hinweise geben Union und SPD: Die Qualität von Forschung und Lehre soll auch anhand der Berufschancen der Studierenden gemessen werden, die wiederum durch Absolventenstudien ermittelt werden. Auch sollen die Weiterbildungsangebote der Hochschulen gefördert werden.

 

Die Ausbildungsförderung BAföG soll ausgebaut werden. Bis 2021 soll eine "Trendumkehr" erreicht werden, unter der die Sondierer einen Aufwuchs bei der Zahl der Geförderten verstehen. Wer die BAföG-Wirkungsmechanismen kennt, weiß: Damit werden schon 2020 deutlich höhere Fördersätze und Freibeträge fällig. Eine Milliarde Euro zusätzlich planen die Sondierer dafür bis 2021 ein. Interessant ist, dass man zwischen den Zeilen das Eingeständnis der Union herauslesen kann, dass die Entwicklung der Förderung zuletzt doch nicht so zufriedenstellend und im Plan war wie lange Zeit behauptet: "Unser gemeinsames Ziel ist es", steht in dem Papier, "die förderbedürftigen Auszubildenden wieder besser zu erreichen." Stipendienkultur und Begabtenförderwerke sollen außerdem weiter gestärkt werden, das Deutschlandstipendium soll offenbar weiterlaufen. Die Jamaikaner wollten auf Betreiben der Grünen und der FDP noch über "neue Modelle zur weiteren Stärkung und Modernisierung der Studienfinanzierung" sprechen, eine solche Absicht fehlt im schwarz-roten Papier.

 

Beim Thema Berufsbildung schießen die Sondierer aus allen Rohren: Eine Modernisierung des Berufsbildungspaktes wird ebenso versprochen wie eine "Ausbildungsoffensive für berufliche Schulen vor dem Hintergrund der Digitalisierung" und eine Novelle des Berufsbildungsgesetzes. Auch eine Mindesvergütung für Azubis soll es künftig geben.

 

Wenig überraschend und nicht wirklich ambitioniert: Bis 2025 sollen mindestens 3,5 Prozent der Wirtschaftsleistung für Forschung und Entwicklung ausgegeben werden. Exakt denselben großzügigen Zeitraum hatten sich schon die gescheiterten Jamaika-Sondierer gesetzt. Aber immerhin will Schwarz-Gelb bis 2021 schon mal zwei Milliarden zusätzlich als Bundesanteil einplanen, um den 3,5 Prozent schrittweise näherzukommen. Was wiederum angenehm konkret ist. 

 

Interessante Beobachtung: Die Jamaikaner planten noch 10 Prozent als Zielmarke für Bildung und Forschung insgesamt. Diese Zahl fehlt in der schwarz-roten Ergebniszusammenfassung, was kein Wunder ist angesichts einer gerade mal 5,95 Milliarden Euro umfassenden Prioritätenliste mit denjenigen zusätzlichen Investitionen in Bildung Forschung, Hochschulen und Digitalisierung, die auf jeden Fall kommen sollen – für den gesamten Zeitraum von 2018 bis 2021 wohlgemerkt. (Zum Vergleich: Für die Absenkung des Solidaritätszuschlages sind für den gleichen Zeitraum 10 Milliarden Euro fest vorgesehen. Und zum Nachrechnen: Allein das Wirtschaftswachstum im vergangenen Jahr würde es gesamtwirtschaftlich über den Daumen gepeilt um rund neun Milliarden Euro teurer machen, das 10-Prozent-Ziel, so es denn irgendwann mal erreicht würde, zu halten. Pro Jahr.)

 

Wie schon Schwarz-Gelb-Grün wollen auch die potenziellen Großen Koalitionäre die eine steuerliche Forschungsförderung einführen, "die beiden Personal- und Auftragskosten für Forschung und Entwicklung ansetzt". Was schade ist, denn die dafür aufgewendeten Millionen dürften der Wissenschaft an anderer und dringenderer Stelle fehlen.

 

Erstaunlich konkret und stark ist die Aussage zur Fortsetzung des Paktes für Forschung und Innovation von 2021 an: "Mindestens drei Prozent" Aufwuchs für die außeruniversitären Forschungseinrichtungen und die DFG kündigen die Verhandlungspartner an – allerdings "auf der Basis der bewährten Bund-Länder-Schlüssel". Wer will, kann zweierlei herauslesen: Erstens: Die Länder, die den gegenwärtigen Zuwachs nicht mitfinanzieren, müssen nicht nachzahlen. Zweitens: Wenn sie in der nächsten Runde wieder nicht mitmachen wollen, gibt es keinen Pakt mehr. Im Jamaika-Zwischenstand fehlte die konkrete Zahl, dafür hieß es dort, der Pakt sollte nicht nur "gestärkt", sondern auch "weiterentwickelt" werden. Wollen Union und SPD im Gegensatz dazu die Funktionsweise des Paktes wirklich unangetastet lassen? Kommen die Forschungsorganisationen also weiter mit kaum überprüften und – im Falle ihrer Nicht-Erfüllung – nicht sanktionierten Gegenleistungen davon? Das wäre wiederum eine Enttäuschung.

 

Für strukturschwache Regionen soll es "zielgenaue Förderinstrumente" geben, um die fehlende unternehmerische Innovationskraft auszugleichen. Die östlichen Bundesländer sollen besonders in ihrer Wissenschafts- und Innovationspolitik unterstützt werden.

 

Dass schließlich die Hightech-Strategie weiterentwickelt und auf "die großen gesellschaftlichen Herausforderungen fokussiert" werden soll, ist ebenso ein erwarteter Gemeinplatz wie die Formulierung, dass "neue Instrumente zur Förderung von Sprunginnovationen (Danke an die Autoren, dass sie die "Disruptionen" aus dem Papier gelassen haben) und des Wissenstransfer in die Wirtschaft entwickelt" werden sollen. 

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„Ein Hunger für Wissenschaft ist da, doch wir stillen ihn nicht“

Wissenschaftskommunikation boomt seit Jahren. Trotzdem scheint die Kluft zwischen Forschung und Gesellschaft zu wachsen. Was können Wissenschaftler tun, um wirklich mit der Öffentlichkeit ins Gespräch zu kommen? Johannes Vogel und Wilhelm Krull haben sich gemeinsam Gedanken gemacht.

Johannes Vogel, 54, (rechts) ist Generaldirektor des Berliner Museums für Naturkunde. Wilhelm Krull, 65, ist Generalsekretär der VolkswagenStiftung. Foto: Gordon Welters für VolkswagenStiftung.

Herr Vogel, "Tristan – Berlin zeigt Zähne", heißt eine Ausstellung, in der Ihre Besucher eines der am besten erhaltenen Tyrannosaurus rex-Skelette bewundern können. Der T. rex sei "der Superstar unter den Dinosauriern", steht auf der Museums-Website. Ist das noch Forschung oder schon Marketing?

 

Vogel: Tristan zeigt, wie alles mit allem zusammenhängt. Das Objekt als solches ist einmalig, aber die Fragen, die wir in der Ausstellung stellen und beantworten, verdeutlichen das Grundsätzliche unserer Forschung. Seitdem wissen die Titelseiten der Zeitungen, dass das Museum für Naturkunde Berlin Wissenschaft macht und nicht nur irgendwelche Exponate hinstellt. Das hat unseren Forscherinnen und Forschern, unseren Ausstellungsmachern sowie dem ganzen Haus einen gewaltigen Schub gegeben.

 

Herr Krull, ist die Kluft zwischen Wissenschaft und Gesellschaft vielleicht doch nicht so groß?

 

Krull: Wenn ein Museumsdirektor Forschung, Erschließung und Vermittlung nicht mehr zusammendächte, wäre wirklich Alarmstimmung angebracht. Das Problem liegt anderswo, im Alltag der Universitäten, wo die Verschraubung von Lehre, Forschung und Öffentlichkeit nicht so selbstverständlich ist. 

 

Womöglich gibt es ja gute Gründe für die Wissenschaft, sich einer Popularisierung um jeden Preis zu entziehen?  

 

Krull: Was wir lange übersehen haben ist, dass Wissenschaft die Gesellschaft nicht nur zur Finanzierung braucht, sondern dass eine Verzahnung auch dem Erkenntnisfortschritt dient und damit der Weiterentwicklung der Forschung. Wir sehen in den USA gerade, was geschieht, wenn in der Gesellschaft eine Kluft gegenüber den Eliten entsteht. Wir diskutieren eine "Vertrauenskrise der Wissenschaft", doch eigentlich handelt es sich um ein Auseinanderfallen der Gesellschaft in verschiedene Öffentlichkeiten.

 

Aber in Deutschland zeigen Umfragen doch regelmäßig, dass die Menschen der Wissenschaft einen enormen Vertrauensvorschuss geben. 

 

Vogel: Die Zahlen zeigen, dass zwei Drittel der Bevölkerung großes Interesse daran haben, mit Wissenschaft in Berührung zu kommen. Die Zahlen sagen aber auch, dass zwei Drittel nicht wissen, wo sie sich dieses Wissen abholen können. Ein Hunger für Wissenschaft ist da, aber wir stillen ihn nicht. 

 

Krull: Viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler denken immer noch: Dafür haben wir die Medien. Wissenschaftsjournalisten sind aber nicht die Sprachrohre der Wissenschaft, sondern ihre kritischen Beobachter und Begleiter. 

 

Vogel: Wir sollten hoffen, dass es sich um eine Generationenfrage handelt, die sich erledigt. In der Tat haben viele der jungen Leute, die bei uns anfangen, überhaupt keine Scheu mehr, Wissenschaftskommunikation als Teil ihrer Aufgabe zu sehen. 

 

Krull: Aber auch die jungen Leute bekommen mit Blick auf ihre Karriere ständig den Rat, sich nicht an der falschen Stelle zu engagieren. Hinzu kommt ein Verständnisproblem zwischen Forscherinnen und Forschern  und der Gesellschaft, das im System Wissenschaft angelegt ist. In vielen Fachgebieten wird nur noch auf Englisch publiziert. In der Molekularbiologie und in vergleichbaren Disziplinen findet gar keine Begriffsbildung mehr auf Deutsch statt, den Forschern fehlen im Austausch mit der Gesellschaft schlicht die Worte. 

 

Das Kernproblem bei der Wissenschaftskommunikation ist die Wissenschaft selbst?

 

Krull:  Das Problem ist, wie wir die Autonomie von Wissenschaft heute leben. Ein Großteil der Spielräume, die die Wissenschaft erhalten hat, geht wieder verloren, weil wir sie einer Vermessung unterwerfen, so dass nur noch Indikatoren zählen. Wir müssen den Mut haben zu sagen: Die Kernaufgabe einer Universität ist nicht das Verfassen wissenschaftlicher Artikel, die eine Million pro Seite kosten, sondern vor allem die kommende Generation für Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft heranzubilden und sich gegenüber der Gesellschaft erklären zu können. 

 

Herr Vogel, Sie beraten die Europäische Kommission als Vorsitzender der sogenannten "Open Science Policy Platform". Was sagen Sie dort?

 

Vogel: Wir müssen zeigen, dass in einer Organisation exzellente Forschung und innovative Kommunikation zu besseren Leistungen führen. Dass sie sich nicht widersprechen, sondern einander positiv beeinflussen. 

 

Hört sich toll an. Können Sie das mit harten Zahlen belegen?

 

Vogel: In den vergangenen fünf Jahren haben wir dank der politischen Unterstützung unser Personal um 15 Prozent erweitert, zudem konnten wir durch einen Generationswechsel weit mehr junge Forscherinnen und Forscher anstellen und ihnen vermitteln, dass Kommunikation und Exzellenz bei uns zusammengedacht werden. Das Ergebnis: Unsere Drittmittel sind um 40 Prozent gestiegen, wir haben 50 Prozent mehr Artikel in den bestgerankten Journals. Und unsere Besucherzahlen sind um 75 Prozent höher als 2012. Mit der Wissenschaftskommunikation ist es ein wenig wie mit der Frauenförderung. Auch die funktioniert nur, wenn sie Chefsache ist. 

 

Aber ihr Geld erhalten Forschungseinrichtungen und Universitäten von der Politik, nicht von der Gesellschaft. Die bleibt abstrakt. Warum also für sie Kommunikation betreiben? 

 

Krull: In der Tat, die Broschüren, die Pressemitteilungen, die Art, wie formuliert wird, all das zielt auf die Verantwortlichen in Bund und Ländern und in den Parlamenten. Die sollen erkennen, dass die Wissenschaft etwas Gutes tut und deshalb noch mehr gefördert werden muss. Dagegen ist erstmal nichts zu sagen, die Wissenschaftsorganisationen müssen Lobbyarbeit machen, damit zum Beispiel Herr Vogel seine Zuwächse bekommt. Nur ist das eben keine Wissenschaftskommunikation und darf sie nicht ersetzen. Wissenschaftskommunikation will nicht missionieren, sie ist dialogisch und interaktiv. 

 

Sollen Bürger auch mitentscheiden dürfen über Wissenschaft und ihre Themen?

 

Krull: Geht es um erkenntnisorientierte Grundlagenforschung, kann wirklich kein Laie mitreden. Aber wenn ich in Richtung großer Programme denke, in der Gesundheits-, Umwelt- oder Energieforschung, können sich Bürger durchaus einbringen mit ihren Ziel- und Wertvorstellungen. 

 

Vogel: Wir stehen vor einem großen Wandel, höchstwahrscheinlich getrieben durch die Gesundheitsforschung. Über Smartphones, bald auch über Formen künstlicher Intelligenz, werden die Leute mit ihren Krankheitserfahrungen zu Wort kommen, und das Herrschaftswissen, was eine richtige Therapie ist, wird sich auflösen. 

 

Für viele Wissenschaftler ein Schreckensszenario. 

 

Vogel: Die Forscherinnen und Forscher glauben doch selbst nicht mehr an ihre Heilsmythen. Wann hat Nixon den Krieg gegen den Krebs ausgerufen? 1971? Nein, neue Formen der Bürgerbeteiligung helfen den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, anders über ihre Fragestellungen nachzudenken und über ihr eigenes Tun. Das ist ein Geben und Nehmen, wenn der Prozess richtig organisiert wird. 

 

Was wünschen Sie sich von der neuen Bundesregierung?

 

Krull: Mit dem Hightech-Forum wurde unter der Großen Koalition ein Versuch unternommen, erstmals neben einem Dialog zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Politik auch die Zivilgesellschaft mit einigen Organisationen einzubinden. Das ist mit einiger Zaghaftigkeit und Vorsicht geschehen. Künftig müssen wir gerade die junge Generation in ganz anderer Weise beteiligen, damit es nicht mehr heißt: "Das läuft in Berlin, das geht mich nichts an".

 

Vogel: Mir ist völlig egal, aus welchem Grund sich die Wissenschaft öffnet, ob aus Druck oder echter Einsicht – weil sich nämlich durch das Tun am Ende das Bewusstsein verändert. Wir brauchen Schools of Public Engagement, um den jungen Wissenschaftler, die ja kommunizieren wollen, die Professionalität dafür an die Hand zu geben. Wir brauchen die digitale Infrastruktur, damit auch etablierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler experimentieren können, wie Wissenschaftskommunikation im 21. Jahrhundert aussehen kann. Und weil nicht nur Washington Post-Journalisten die Maxime "follow the money" haben, muss die Politik der Wissenschaft am Ende klar sagen: "Ab jetzt werden zehn Prozent der Mittel für Wissenschaftskommunikation ausgegeben." Man könnte mit ein oder zwei Prozent der Etats anfangen. Erst wird die Wissenschaft sich dagegen sträuben, und in fünf Jahren freuen sich alle, als sei es immer so gewesen. 


MORGEN ERSCHEINT IMPULSE, DAS MAGAZIN DER VOLKSWAGENSTIFTUNG. DAS GESPRÄCH ZWISCHEN JOHANNES VOGEL UND WILHELM KRULL GEHÖRT ZUM TITELTHEMA WISSENSCHAFTSKOMMUNIKATION, ÜBERSCHRIFT: "WIR MÜSSEN REDEN!".

WENN SIE DAS HEFT BEZIEHEN MÖCHTEN, SCHREIBEN SIE EINE MAIL MIT DEM STICHWORT "IMPULSE" UND IHRER POSTADRESSE AN PRESSE@VOLKSWAGENSTIFTUNG.DE .

DAS GESPRÄCH ZWISCHEN VOGEL UND KRULL KÖNNEN SIE AB MORGEN IN VOLLER LÄNGE ALS AUDIO-DATEI HERUNTERLADEN, UND ZWAR HIER.

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Keine Reaktion ist auch eine Reaktion

Die Kultusminister behaupten, sie hätten das neue Akkreditierungsverfahren im Dialog mit den Hochschulen beschlossen. Die Realität sah anders aus. Ein Gastkommentar von Gerhard Müller.

Abbildung: Artikel 1 des neuen Staatsvertrages
Abbildung: Artikel 1 des neuen Staatsvertrages

DIE STAADE ZEIT, wie wir in Bayern die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr nennen, gab mir wie jedes Jahr die mehr oder minder willkommene Gelegenheit, in der Vorweihnachtszeit liegen gebliebene Unterlagen genauer zu lesen. So zum Beispiel die Botschaft der Kultusministerkonferenz (KMK) mit der Überschrift "KMK beschließt neues und einheitliches Fundament für die Akkreditierung von Studiengängen". Es wird dort davon berichtet, dass die KMK die sogenannte Musterrechtsverordnung zum Studienakkreditierungsstaatsvertrag beschlossen habe. Zugegeben trockene Kost, die schon vom Titel her im Stapel des Nichtgelesenen bei Hochschullehrern eher unterhalb der spannenderen Dokumente aus Wissenschaft und Lehre gerutscht sein dürfte. 

 

Die KMK lobt in ihrer Mitteilung dann noch den intensiven Beratungs- und Abstimmungsprozess bei der Bearbeitung der Musterrechtsverordnung, der sich bewährt habe. Sie berichtet von einem "dialogorientierten Verfahren", mit dem es die Länder geschafft hätten, alle Partner zu berücksichtigen. 

 

Nach der Lektüre dieser Mitteilung und der damit verbundenen Verordnung reibe ich mir als Mitglied einer bayerischen Universität allerdings verwundert die Augen und frage mich, wie eigentlich auf das in eben diesen Diskussionsprozess eingebrachte Schreiben der Bayerischen Universitätenkonferenz (Universität Bayern e.V.) zu erwähnter Musterrechtsverordnung reagiert wurde. Darin haben wir über sieben zentrale Punkte eine dringende Nachbesserung des Dokuments gefordert.

 

Zusammenfassend stellten wir fest, dass aus der Sicht der elf bayerischen Universitäten – mit insgesamt immerhin rund 250.000 Studierenden – die Musterrechtsverordnung die Grundregeln von Governance und Qualitätskulturen sowie die Freiheit von Forschung und Lehre nicht ausreichend beachtet. Unsere Bedenken bezogen sich auf die sperrigen (und spezifisch deutschen) Überregulierungen bei der Gestaltung der Lehre, aber auch auf die unnötigen Einschränkungen von international anerkannten Optionen – der Möglichkeiten sogenannter "integrated cycles" zum Beispiel. Alles Dinge, die uns Lehrenden in den vergangenen Jahren unnötig Kraft und der Lehre an den Universitäten Gestaltungsmöglichkeiten gekostet haben.

 

Das Schreiben der Universität Bayern wandte sich aber auch gegen in der Musterrechtsverordnung enthaltene neue, kontraproduktive Veröffentlichungspflichten von internen Dokumenten. Um reflexartigen Missverständnissen vorzubeugen: Eine Transparenz bei Ergebnissen von Qualitätssicherungsprozessen ist selbstverständlich. Wir wiesen die KMK jedoch darauf hin, dass funktionierende Qualitätskulturen vor allem auch interne, nicht öffentlich gemachte Auseinandersetzungen benötigen, eigentlich eine Binsenweisheit. Bei Interesse können die vorgebrachten Argumente auf der Website der Universität Bayern nachgelesen werden. 

 

Wie wurde auf unser Schreiben reagiert? Ganz einfach: Gar nicht. Bis heute haben wir keinerlei Antwort auf unsere Bedenken hin erhalten. Natürlich fragen wir uns: Warum? Waren unsere Argumente zu wenig "mainstream" oder von zu geringer intellektueller Tiefe, um – und wenn nur aus Höflichkeit –  auf sie zu reagieren? Oder war unsere Wortmeldung umgekehrt zu kompliziert für die KMK, um darauf eingehen zu können? Waren unsere Ausführungen womöglich sogar für einzelne Akteure zu unbequem, da sie ihre Positionen begründen und dann womöglich relativieren oder aufgeben hätten müssen? Oder gar – horribile dictu – hätten die Kultusminister einräumen müssen, dass ihre bisherigen Vorgaben Schaden angerichtet haben? 

 

Erinnern wir uns: In den Nullerjahren wurden die Grundzüge für die heutigen Qualitätssicherungssysteme von Studiengängen gelegt. Das Paradigma der operativen ("Input-") Steuerung der Ministerien, der zentralistischen Instrumente, wurde aus gutem Grund auf eine strategische ("Output-") Steuerung über Leistungen und Wirkungen geschoben. Es erfolgte die überfällige Übertragung der operativen Ausgestaltung der Lehre auf die Universitäten, die ihrerseits entsprechende Strukturen in den Fakultäten und in zentralen Einheiten aufbauten. Gut so: Nur so können die Universitäten die Entwicklung der Wissensgesellschaft über neue Inhalte, Zuschnitte von Programmen und Lehrformate fördern und steuern. Damit entstehen auch ein gesunder Wettbewerb der besten Angebote und die Möglichkeit, Fachkulturen weiter zu entwickeln, kurzum Fortschritt zu gestalten. 

 

Wie passt es zusammen, wenn die Minister einerseits per "einheitlichem Fundament für die Akkreditierung von Studiengängen" in der neuen Musterrechtsverordnung Detailsteuerung auf neue Spitzen treiben und andererseits die Exzellenzstrategie preisen, die doch die Entwicklungschancen forschungsstarker, strategiefähiger und international sichtbarer Universitäten fördern soll?

 

Übrigens: Auf europäischer Ebene hat man sehr klug darauf geachtet, den Hochschulen den erforderlichen Gestaltungsspielraum zu geben, den sie brauchen, um ihre Autonomie leben zu können. In Deutschland sollte man akzeptieren, dass die Europäischen Standards und Leitlinien für die Qualitätssicherung im Europäischen Hochschulraum (ESG) einfach gut gemacht sind und es keiner weiteren, den internationalen Wettbewerb behindernden Einschränkung aus Deutschland bedarf. 

 

Jeder Paradigmenwechsel fällt schwer, auch dieser vom "Input" zum "Output", und ganz besonders wahrscheinlich denjenigen Akteuren, die in der Zeit der zentralistischen Steuerung der Hochschulen sozialisiert wurden. Denen es daher leichter fällt, mikromanagementmäßige Ideen zur Steuerung zu formulieren, als ihr Vertrauen in die Freiheit der Lehre und in die die Prozesse innerhalb der Universitäten zu setzen. Man darf gespannt sein: Schließlich hat das Bundesverfassungsgericht schon einmal die Akkreditierungspraxis als schwerwiegenden Eingriff in die Wissenschaftsfreiheit bewertet. 

 

Doch selbst wenn die Kultusminister bei all dem anderer Meinung sein sollten: Ich glaube, das deutsche Hochschulsystem hätte eine bessere Diskussionskultur verdient, als die KMK sie bei ihrem „dialogorientierten Verfahren“ gezeigt hat. Jedenfalls wenn man an die Binsenweisheit glaubt, dass Qualität sich nicht verordnen lässt. Auch wenn die Genese von Verordnungen natürlich an Arbeitsgruppen delegiert wird, so müssten, wenn schon nicht die Minister selbst, die eingesetzten Arbeitsgruppen sich mit von der Basis eingebrachten Argumenten auseinandersetzen.

 

Gerade der Gegenstand "Qualität der Hochschullehre" hätte diese Diskussion nicht nur gerechtfertigt, sondern geradezu verlangt. Wenn die Hochschulen sich zu Wort melden, artikuliert sich schließlich nicht irgendwer. Es artikulieren sich die Hauptgestalter moderner Lehre, denen durch das Mikromanagement der KMK schon in den vergangenen Jahren erhebliche Ressourcen und Kraft geraubt wurden – durch Detailvorgaben, die in der Sache nicht nachvollziehbar waren, in ihrer Auswirkung oft kontraproduktiv und noch dazu undifferenziert über alle Fachkulturen und Hochschultypen gezogen wurden. Bleibt die Musterrechtsverordnung, wie sie nun beschlossen wurde, werden die Hochschulen in ihrer Erfüllung noch mehr Ressourcen und Kraft verlieren. 

 

Gerhard Müller ist Professor für Baumechanik und Geschäftsführender Vizepräsident Studium und Lehre der Technischen Universität München.

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"Wir haben es mit einem grundsätzlichen Konstruktionsproblem zu tun"

Nächste Woche feiert die KMK ihr 70-jähriges Bestehen und steckt in der Krise. Will sie relevant bleiben, muss sie sich neu erfinden – und zwar schleunigst, sagt Susanne Eisenmann. Eine Bilanz am Ende ihrer KMK-Präsidentschaft – und ein Vorschlag, wie es weitergehen könnte.

Susanne Eisenmann (CDU), seit 2016 Kultusministerin in Baden-Württemberg, hatte 2017 turnusmäßig die KMK-Präsidentschaft inne. Vor ihrem Ministeramt war sie Stuttgarter Bürgermeisterin für Kultur, Schule und Sport. Foto: KM 

Frau Eisenmann, in ein paar Tagen übergeben Sie die Präsidentschaft der Kultusministerkonferenz (KMK) offiziell an Helmut Holter. Sind Sie erleichtert?

 

"Erleichtert" ist das falsche Wort. Manchmal ist es einfach hilfreich, in eine neue Aufgabe zu starten und nicht so genau zu wissen, was da auf einen zukommt. Inhaltlich haben wir immerhin erstmals seit 20 Jahren beim Thema berufliche Bildung Akzente setzen können. Und nach einem Jahr KMK-Vorsitz weiß ich: Das ist richtig Arbeit. Aber ich weiß auch: Die KMK ist besser als ihr Ruf. 

 

"Besser als ihr Ruf": Das scheint das größtmögliche Kompliment zu sein, das man dem Club der Bildungs- und Wissenschaftsminister zurzeit machen kann. 

 

Was erwarten Sie? Natürlich ist es ein aufwändiger, ein sehr aufwändiger Prozess, wenn 16 Bundesländer und 16 Kultusministerinnen und Kultusminister sich bis in die Details austauschen und abstimmen, wenn zu zahllosen Themen Gruppen und Unterarbeitsgruppen eingesetzt werden – und wenn Sie als Präsidentin sich dann ständig mit allen zu allem rückkoppeln müssen: Wo stehen wir bei dieser oder jener Frage? Wo hakt es? Das ist die Basis, auf der Sie eine gemeinsame Linie aller Länder entwickeln müssen. Natürlich gelingt das nicht immer, aber es gelingt.

 

Zu selten?

 

Ja, ich denke, es ist fair, das zu sagen. Es gelingt bislang zu selten. Aber nochmal: Den Austausch zwischen den 16 Kultusministerien habe ich als offener und gewinnbringender erlebt, als ich ihn – zugegeben ohne jede Vorstellung kommend – erwartet hatte. 

 

Der Bildungsforscher Eckhard Klieme nennt es einen „unbefriedigenden Zustand“, dass zentrale Fragen in der KMK „eher zufällig, zersplittert und damit ineffizient“ bearbeitet würden. Steckt die Kultusministerkonferenz in einer Krise?

 

Wäre es eine Krise, würden wir von einer vorübergehenden Zuspitzung sprechen. Ich glaube eher, dass wir es mit einem grundsätzlichen Konstruktionsproblem zu tun haben. Viele fordern derzeit lautstark, die Kompetenzen in der Bildungspolitik von den Ländern in Richtung Bund zu verschieben, was ich für einen eklatanten Fehler hielte. Wer den Bildungsföderalismus zentralisiert, löst kein einziges Problem. Umgekehrt reicht es aber auch nicht, wenn wir Kultusminister nur aus Prinzip dagegenhalten, weil das eben unser Job ist. Im Gegenteil: Wir müssen inhaltlich begründen, warum und wie wir nur als Ländergemeinschaft unser Bildungssystem leistungsstärker machen können – im Rahmen der bestehenden Aufgabenverteilung. >>



>> Der öffentliche Druck auf Sie und Ihre Kollegen ist enorm. Von hausgemachtem Lehrermangel ist die Rede, von scheiternder Inklusion und von Schulen, die in den internationalen Bildungsvergleichen nach hinten durchgereicht werden. Wie wollen Sie darauf antworten?

 

Ich glaube, dass wir im Jahr meiner KMK-Präsidentschaft schon ein Stück vorangekommen sind. Wir haben angefangen, uns kurzfristiger als bislang über aktuelle Herausforderungen und Handlungsbedarfe zu verständigen, die nicht nur einzelne Bundesländer betreffen, sondern uns alle gleichermaßen. Denn Sie haben Recht: Gerade die Ergebnisse der Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU) waren für Deutschland insgesamt nicht zufriedenstellend. 

 

Anstatt nur technokratisch Beschlüsse abzusegnen, will die KMK wieder mehr inhaltlich diskutieren, war vor Weihnachten zu hören. Was insofern eine verstörende Nachricht ist, weil sie im Umkehrschluss bedeutet, dass die Kultusminister offenbar lange genau das nicht mehr getan haben. Reicht es, wenn jetzt alle in der KMK wieder ein bisschen mehr miteinander reden

 

Ich halte das für einen guten Anfang. Man kann im gegenseitigen Austausch viel voneinander lernen, zum Beispiel über unterschiedliche Ansätze, mit dem großen Thema Heterogenität umzugehen. Das ist inspirierend und war für mich seit meinem Amtsantritt auch persönlich ein echter Mehrwert. Wie Sie wissen, sind auch Baden-Württembergs Schulen mit ernsten Herausforderungen konfrontiert, so dass ich mich bewusst bundesweit umgeschaut habe, wo wir uns was von anderen Bundesländern abgucken können. Und ich war positiv überrascht, wie viele ehrliche Antworten ich von meinen Kolleginnen und Kollegen bekommen habe. Auch nach dem Motto: Dieses oder jenes Programm lass mal lieber, das läuft bei uns in Wirklichkeit gar nicht so gut. 

 

Sie sprachen von einem Anfang. Was ist denn der nächste Schritt? 

 

Wir müssen die Zufälligkeit des Voneinanderlernens hinter uns lassen. Insofern hat Eckhard Klieme Recht. Die KMK muss sich strategisch und organisatorisch weiterentwickeln, und zwar jetzt. Das ist meine Kernbotschaft am Ende meiner KMK-Präsidentschaft. 

 

Geht das konkreter?

 

Wenn ich sage, dass der Bildungsföderalismus eine Stärke ist, und davon bin ich überzeugt, dann muss ich auch die damit verbundene Verantwortung annehmen und definieren, wo wir als Länder konzertiert handeln müssen. Wir haben uns bereits angenähert durch gemeinsame Bildungsstandards, durch einen länderübergreifenden Aufgabenpool beim Abitur. Sie haben vorhin ein bisschen despektierlich gefragt, ob es reicht, wenn jetzt alle ein bisschen mehr miteinander reden. Ich fand es großartig, dass wir bei der KMK-Sitzung im Dezember spontan die Tagesordnung geändert haben, um über IGLU zu diskutieren. Das hat es vorher noch nie gegeben. Und amüsant war es auch, wie wir uns gegenseitig eingestanden haben, alle schon mal inoffiziell in anderen Bundesländern unterwegs gewesen zu sein, um uns an den Schulen dort gute Konzepte abzugucken. "Was, du warst bei uns?", hat ein Kollege mich gefragt. Der wusste das gar nicht.  

 

Geht es noch konkreter?

 

Wir brauchen eine systematische Übersicht über die Bildungspolitik in den einzelnen Bundesländern, damit wir alle wissen, was funktioniert und warum. Das können wir nicht den Stiftungen überlassen. Das müssen wir als KMK hinbekommen, wenn sie der Zentralisierungsdiskussion etwas entgegenstellen möchte. Und wenn wir diese Systematisierung wollen, dann müssen wir auch sagen, wie wir sie erreichen wollen. Für mich liegt die Antwort in einem Ausbau des Instituts für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB).

 

Das schon heute von der KMK getragen wird.

 

Genau. Ich glaube, dass wir mit dem IQB bereits eine wissenschaftlich exzellente Einrichtung mit einer hervorragenden Reputation haben, auf der wir aufbauen können. Das IQB hat zurzeit nicht die Aufgabe, Förderprogramme zu evaluieren. Es hat nicht die Aufgabe, eine bundesweite Bestandsaufnahme bestehender Maßnahmen zu machen und die Ergebnisse anschließend allen Ländern zur Verfügung zu stellen. Ausgehend von den nachdenklich stimmenden Ergebnissen des IQB-Bildungstrends im Oktober 2017 schlage ich vor, das IQB zusätzlich zu seinen bisherigen Aufgaben zu einer Institution zu machen, die die Bundesländer in ihrer Bildungspolitik berät. 

 

Sie reden von einem systematischen Monitoring des gesamten Bildungssystems?

 

Exakt. Wir müssen ernstnehmen, was die IGLU-Forscher uns im Dezember gesagt haben. Wir haben bundesweit bei der Lesekompetenz der Grundschüler ein Problem, und wir geben eine Menge Geld aus für regionale Leseinitiativen, die überwiegend nicht evaluiert sind. Es wäre eine spannende Basis für alle Länder zu wissen, welches Programm für welche Altersgruppe am besten wirkt. Außerdem brauchen wir wirksame Bedarfsanalysen. Nicht nur, was die erforderlichen Lehrkräfte angeht. Nehmen Sie zum Beispiel auch das Thema Ganztag. Vor einigen Monaten hat die Bertelsmann-Stiftung dazu eine Studie veröffentlicht und alle über einen Kamm geschoren. Als wäre in Baden-Württemberg die demographische Situation dieselbe wie in Bremen oder in Sachsen-Anhalt. Einfach mal zu unterstellen, dass wir überall bis 2025 an 80 Prozent der Schulen ein Ganztagsangebot brauchen, und wer das nicht erreicht, ist gescheitert, das wird der bildungspolitischen und gesellschaftlichen Differenziertheit, die wir in der Bundesrepublik haben, nicht gerecht. 

 

Die Untersuchung scheint Sie wirklich geärgert zu haben. 

 

Einige Stiftungen schwingen sich zu einer Rolle auf, die ihnen nicht zusteht. Mit solchen Untersuchungen wird ein Scheinbedarf kreiert, der zumindest in Bezug auf Baden-Württemberg völlig losgelöst ist von dem, was die Eltern wollen. Wir wollen keine Zwangsbeglückung befördert aus stiftungseigenen Interessenerwägungen. Darum muss die KMK das Heft selbst in die Hand nehmen. 

 

Eben haben Sie vom IQB als wissenschaftlich exzellente Einrichtung gesprochen. Erwarten Sie, dass die Forscher Ihnen dort Gefälligkeitsstudien abliefern, die Ihnen ähnlichen Ärger wie bei Bertelsmann ersparen?

 

Es geht nicht um Gefälligkeit, es geht um wissenschaftlich fundierte Differenzierung. Diese werden wir nur erhalten, wenn wir dem IQB die dafür nötige wissenschaftliche und politische Freiheit geben. Um eigene Studien durchführen zu können, bei Bedarf Aufträge an andere Forschungseinrichtungen zu erteilen und am Ende aus all dem bildungspolitische Schlussfolgerungen ableiten zu können. Wenn die kritisch ausfallen, wirken sie umso nachhaltiger und werden zumindest von allen respektiert.

 

In den 70er Jahren gab es den Bildungsrat, bestehend aus hochrangigen Wissenschaftlern und Politikern, der Bund und Ländern Empfehlungen für eine koordinierte Bildungspolitik geben sollten und dafür auch bei Forschungsinstituten Studien in Auftrag geben konnte. Gerade erst hat Ihre Parteifreundin, die saarländische CDU-Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer, eine Neuauflage des Rates gefordert. Wäre er nicht die geeignetere Institution für mehr wissenschaftlich fundierte Koordination?

 

Ich persönlich glaube nicht, dass eine wachsende Fülle an Gremien uns weiterhilft. Vielmehr bin ich davon überzeugt, dass wir 16 Kultusministerinnen und Kultusminister handlungsfähig sind, wir sind starke Repräsentanten der Bildungspolitik, und wir sind im Gegensatz zu einem Bildungsrat entscheidungsbefugt. Der wäre am Ende doch nur ein Raumschiff ohne Erdung. Mit einem selbstbewussten, starken IQB an unserer Seite hätten wir dagegen allen Rat und alle unabhängige Orientierung, die wir brauchen.  

 

Sollte die KMK dem Institut die Themen vorgeben, oder würde das IQB selbst aktiv werden?

 

Beides. Natürlich wäre es Aufgabe der Kultusminister, kleinteiliger als bislang zu definieren, was wir wissen wollen, und dem Institut entsprechende Forschungsaufträge zu erteilen. Etwa beim Thema Heterogenität: Wir bräuchten dringend Studien, woran es liegt, dass zum Beispiel ein neunjähriges Kind, ob mit Migrationshintergrund oder ohne, nichts mehr mit Begriffen wie „den Anker lichten“ anfangen kann. Was ist da schiefgelaufen? Was hilft? Um das Problem zu definieren und die nötigen Handlungsansätze zu formulieren, reicht eine zentrale Institution, das muss nicht 16-mal gesondert passieren. Aber natürlich müsste das IQB umgekehrt auch die nötigen Ressourcen erhalten, um selbst aktiv zu werden und die Bildungspolitik auf Themen zu stoßen, die wir sonst nicht im Blick hätten. Auch hier ein Beispiel: Womöglich erkennen die Wissenschaftler am Institut durch selbst initiierte Untersuchungen, dass die Rechtschreibkompetenz in den Schulen weiter abnimmt. Darauf weisen sie uns dann als KMK hin und stellen uns zusätzlich eine Auswertung von Förderprogrammen zur Verfügung – verbunden mit einer Empfehlung, welche davon sich bewährt haben.  

 

Haben Sie die IQB-Chefin Petra Stanat gefragt, was sie von Ihren Ideen hält? Wäre das, was Ihnen vorschwebt, nicht die totale Arbeitsüberforderung des Instituts? 

 

Nein, ich habe Frau Stanat nicht gefragt, aber ich schätze sie so ein, dass sie sich und ihrem Institut eine solche Weiterentwicklung zutraut. Frau Stanat wird schon jetzt zunehmend von uns Kultusministern gefragt, was sie uns empfiehlt. Bislang antwortet sie konsequent: Das ist nicht meine Aufgabe. Was richtig ist. Aber ich glaube, dass es logischerweise künftig auch die Aufgabe ihres Instituts sein sollte. Klar ist aber auch: Wenn wir das IQB zum Thinktank ausbauen wollen, dann müssen wir als Kultusminister die nötigen finanziellen und personellen Mittel bereitstellen. Ich halte die Notwendigkeit, das zu diskutieren, für überfällig. 

 

Und was machen Sie, wenn das IQB Ihnen dann allzu viel Missliebiges berichtet? Die anhaltende Kritik seitens der Bildungsforscher war in den 70er Jahren Grund genug für die Kultusminister, den Bildungsrat wieder dichtzumachen.

 

Ich finde, das müssen wir als Bildungspolitik aushalten. Das IQB muss unabhängig agieren können, sonst wäre es sinnlos. Doch davor brauchen wir als Kultusminister keine Angst zu haben. Ein selbstbewusstes IQB muss uns Empfehlungen geben können, und wir als KMK müssen selbstbewusst sagen können: Wir folgen dem Rat der Bildungsforscher, das betrifft uns alle. Oder uns umgekehrt auch die Freiheit nehmen zu sagen: Vielen Dank, aber wir als Land XY sehen den beschriebenen Bedarf nicht. Entscheidend ist die Transparenz von Empfehlung und Reaktion.

 

Warum wollen Sie eigentlich das IQB mit dieser zentralen Aufgabe betrauen und nicht direkt das Sekretariat der KMK?

 

Weil es eben nicht nur um die bildungspolitische Beratung an sich geht. Wir brauchen Beratung auf der Grundlage wissenschaftlicher Forschung. Das Sekretariat berät uns Kultusminister natürlich auch, aber im Kern ist es dafür da, unser Arbeits- und Beschlussfähigkeit als Gremium sicherzustellen.  

 

KMK-Generalsekretär Udo Michallik sagte im Interview, das Sekretariat der Kultusministerkonferenz sei "das Gedächtnis der Länder, wenn es um die Bildungsvorhaben der vergangenen 70 Jahre geht. Wir handeln längst eigenständig, wenn wir die Notwendigkeit dafür erkennen." Angesichts des "gut bewältigten" Aufgabenzuwachses im vergangenen Jahrzehnt forderte er zudem mehr Stellen. Wäre es in der Tat nicht notwendiger, das Sekretariat auszubauen als das IQB? 

 

Einen Mangel an Stellen im Sekretariat kann ich nach einem Jahr intensiver Zusammenarbeit nicht erkennen. 

 

Was werden Sie Ihrem Nachfolger Helmut Holter bei der Amtsübergabe sagen?

 

Zunächst werde ich Herrn Holter natürlich Erfolg und eine glückliche Hand für sein neues Amt wünschen. Ich begrüße es sehr, dass er als Schwerpunkt für sein KMK-Jahr die Demokratiebildung gewählt hat. Dieses Thema ist heute wichtiger denn je. Außerdem möchte ich Herrn Holter ans Herz legen, dass sich die KMK dringend strategisch weiterentwickeln muss, so wie ich es bereits skizziert habe. Die 16 Länder müssen gemeinsam Antworten auf die bestehenden Probleme und Herausforderungen in der Bildung finden. Ich hoffe deshalb sehr, dass meine Impulse aufgegriffen und diskutiert werden.

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Der Zweck des Da-Seins

Dürfen Hochschulen Studenten zwingen, Lehrveranstaltungen zu besuchen? Oder reicht es, wenn sie die Prüfungen bestehen? 
Das Urteil eines Mannheimer Gerichts lässt die Debatte über die Präsenzpflicht wieder aufleben.

Humboldt trifft auf Verwaltungsgerichtshof: das Ideal des freien Studiums und die Präsenzpflicht. Foto: Christian Wolf (Nachweis unten)
Humboldt trifft auf Verwaltungsgerichtshof: das Ideal des freien Studiums und die Präsenzpflicht. Foto: Christian Wolf (Nachweis unten)

EIGENTLICH HÄTTE ER gar nicht zur Verhandlung kommen dürfen. In dem Seminar, das er verpasste, um den Richtern seine Klage gegen die Anwesenheitspflicht zu erläutern, herrschte Anwesenheitspflicht. Doch seine Dozentin machte eine Ausnahme – auch ohne das vorgeschriebene Attest. Und so stand der Politik-Student Stephan Fuhrmann, 21, am 21. November in einem Mannheimer Gerichtssaal und sprach von Freiheit und von Selbstbestimmung und von einem Studium, in dem kein Student mehr Angst haben müsse, wegen verpasster Lehrveranstaltungen seinen Prüfungsanspruch zu verlieren. 

 

Der Satz, mit dem der Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg eine Woche später sein Urteil bekannt gab, war langweilig. Seine Wirkung dafür umso größer: „Paragraph 13a, Absatz 3, Satz 2 der Prüfungsordnung für den Studiengang Bachelor of Arts (B. A.) Politikwissenschaft der Universität Mannheim ... ist unwirksam.“ Übersetzt: Die Universität muss ihre Prüfungsordnung in Politikwissenschaft neu schreiben. Denn so unbestimmt und überbordend, wie darin die Anwesenheitspflicht geregelt sei, befanden die Richter, verstoße sie gegen die durchs Grundgesetz geschützte Berufsfreiheit der Studenten und sei auch mit der ebenfalls als Grundrecht verbrieften Freiheit der Lehre nicht zu begründen.

 

Das Urteil sorgt über die Politikwissenschaft und Mannheim, ja sogar über Baden-Württemberg hinaus für Aufsehen. Denn an vielen Hochschulen in der Bundesrepublik existieren Prüfungsordnungen, die in einem ähnlichen Wortlaut abgefasst sind wie die, gegen die Fuhrmann, unterstützt vom Uni-AStA, geklagt hatte. Fast noch wichtiger ist, dass das Urteil einer Debatte neue Nahrung gibt, die seit Jahren die Hochschulszene entzweit: Ist es gerechtfertigt, wenn Hochschulen ihre Studenten zwingen, Lehrveranstaltungen zu besuchen? Oder sollte allein zählen, ob sie am Ende ihre Prüfungen bestehen?

 

Ende 2014 hatte die damalige nordrhein-westfälische Wissenschaftsministerin Svenja Schulze (SPD) ihr novelliertes Hochschulgesetz als „Meilenstein“ gefeiert. Darin enthalten war ein fast vollständiges Verbot von Anwesenheitskontrollen in Vorlesungen und Seminaren. Jeder konnte von da an so oft fehlen, wie er will. Die öffentlichen Reaktionen darauf waren heftig. Denn in vielen anderen Bundesländern fehlt eine solche gesetzliche Regelung – etwa in Baden-Württemberg, wo alleine die Hochschulen entscheiden, oder in Bayern, wo das Kultusministerium eine Anwesenheitspflicht nur in begründeten Ausnahmefällen für zulässig hält. 

 

Während die Rektoren in Nordrhein-Westfalen über die Gängelung klagten, applaudierten die Studierendenverbände – und das tun sie bis heute. Tobias Eisch, Vorstandsmitglied beim Freien Zusammenschluss von StudentInnenschaften (fzs), sagt: „Es muss erlaubt sein, dass man sich die Studieninhalte auf individuelle Weise aneignet, wenn man dazu in der Lage ist.“ Eine Präsenzpflicht schaffe unnötige Härten für Studenten, die Angehörige versorgen müssten, krank sind oder für ihren Lebensunterhalt arbeiten müssen. Auch Ministerin Schulz verkündete damals: „Die Studierenden sind Erwachsene. Die können selbst entscheiden, was gut für sie ist.“ 

 

Können sie das? >>



>> Der Hamburger Hochschulforscher Rolf Schulmeister legte 2015 eine Metastudie vor, als Reaktion auf das Ende der Präsenzpflicht in NRW. 298 Studien zur studentischen Anwesenheit wertete er aus, aus 25 Ländern und sieben Jahrzehnten. Schulmeisters Ergebnis: Es gibt einen klaren Zusammenhang zwischen der Anwesenheit der Studenten in den Lehrveranstaltungen und ihrem Studienerfolg. Konkret: Je nach Studie reichen schon drei verpasste Termine, um signifikant schlechter in Prüfungen abzuschneiden. „Die Untersuchungen decken auf, dass nicht alle Studierende selbstbestimmt studieren können oder wollen“, sagt Schulmeister, der in einer weiteren Studie namens „Zeitlast“ die Lerngewohnheiten von Studenten und die dafür aufgewendete Zeit gemessen hat. Ergebnis: Wo die Anwesenheitspflicht abgeschafft wird, fällt der Anteil derjenigen, die regelmäßig in den Lehrveranstaltungen auftauchen, auf etwa ein Sechstel. Besonders sinkt die Präsenzquote in den schwierigen Kursen – obwohl gerade dort die Anwesenheit umso wichtiger wäre. „Im Ergebnis fallen gerade die Leistungsschwächeren durchs Rost, wenn man die Pflicht aufhebt“, schließt Schulmeister. 

 

Seit einem halben Jahr regiert in Nordrhein-Westfalen eine schwarz-gelbe Koalition, und Schulzes Nachfolgerin, die parteilose Isabel Pfeiffer-Poensgen, hat angekündigt, das Hochschulgesetz zu entschlacken. Womit unter anderem auch Schulzes Verbot der Anwesenheitspflicht wieder wegfallen soll. An diesem Plan ändere auch die Mannheimer Entscheidung nichts, sagt die neue Ministerin – und auch nicht, dass die Richter in ihrem Urteil ausgerechnet die bisherige NRW-Regelung als beispielhaft zitieren, die Pfeiffer-Poensgen nun wieder abschaffen will. 

 

Sie erstaune gelegentlich, mit wie viel Leidenschaft, „übrigens von beiden Seiten“, die Debatte über die Präsenzpflicht geführt werde, sagt Pfeiffer-Poensgen. Dabei sei doch klar, dass man an den Hochschulen partnerschaftlich miteinander umgehen müsse. „Im Übrigen vertraue ich darauf, dass die Hochschulen rechtsstaatlich handeln, das muss ich nicht noch ins Gesetz hineinschreiben.“

  Ob Gesetz oder nicht, was die Mannheimer Richter bestimmten: Wenn es eine Präsenzpflicht gibt, muss die Prüfungsordnung eindeutig definieren, was sie bedeutet – und die Regeln müssen für alle Pflichtveranstaltungen dieselben sein. Es muss klar sein, wie oft Studenten fehlen dürfen, bevor sie nicht mehr zur Prüfung zugelassen werden. Zusätzlich muss in der Prüfungsordnung stehen, wie mit „Fehlzeiten aus wichtigem Grund wie zum Beispiel Krankheit“ umgegangen wird. Und die Hochschule muss sagen, für welche Lehrveranstaltungen eine Präsenzpflicht gilt und für welche nicht. Der Mannheimer Prorektor für Lehre, Thomas Puhl, hatte vor Gericht argumentiert, es sei nicht möglich, die Veranstaltungstypen konkret zu benennen, in denen eine Präsenzpflicht gelten solle. Doch, das ist es, halten die Richter entgegen – und verweisen wiederum auf das noch geltende NRW-Gesetz.

 

Ernst-Ludwig von Thadden ist Rektor in Mannheim und befürchtet durch das Urteil eine starke Zunahme an Bürokratie. Immerhin, so von Thadden, habe das Gericht gesagt, dass die Studierfreiheit sehr wohl eingeschränkt werden könne, wenn das die Freiheit der Lehre erfordere und pädagogisch sinnvoll sei. Die verlangte Präzisierung „werden wir in allen unseren Prüfungsordnungen nachliefern“. Einen Teil der nötigen Detailarbeit wird wohl erst der gerade gewählte Nachfolger Thaddens begleiten, der schon mit der Materie vertraut ist: Noch-Prorektor Thomas Puhl. 

 

Baden-Württembergs grüne Wissenschaftsministerin Theresia Bauer sagt, das Urteil ermögliche zwar die Präsenzpflicht, habe aber zugleich deutlich gemacht, „dass Dozenten sie nicht einfach aus Bequemlichkeit verordnen können“. An der geltenden Gesetzeslage will Bauer nichts ändern. „Die Entscheidung, wo und warum eine Anwesenheitspflicht nötig ist, liegt allein bei den Hochschulen.“ 

  Ohne gesetzliche Regelung bleibt die Frage nach der Präsenzpflicht eine Abwägung zwischen den Freiheitsrechten der Studenten, der Hochschullehrer und der Hochschule. Keine einfache Abwägung – auch wenn die Forschung die Vorteile der Anwesenheit so eindeutig zu belegen scheint. Selbst Rolf Schulmeister hält eine allgemeine Präsenzpflicht für den falschen Weg. „Einige Studien zeigen, dass schon die Thematisierung der Anwesenheitsproblematik zu Beginn einer Veranstaltung zu einer Verbesserung der Anwesenheit beiträgt und dass Anwesenheitskontrollen ohne Sanktion, also ein Monitoring zu einem deutlichen Anstieg der Anwesenheitsquote führt.“ Liegt hier der Schlüssel, damit Studenten die eigene Verantwortung für ihren Lernerfolg verstehen und das viel beschworene „selbstbestimmte Studium“ überhaupt lernen können?

 

Der Münchner Soziologieprofessor Armin Nassehi glaubt fest, dass es so ist. Es komme nicht darauf an, was in der Prüfungsordnung steht, sagt er. Am Beginn seiner Seminare stellt er sich vor die Studenten und sagt: „Ihr müsst nicht kommen. Aber wer nicht kommt, ist selber schuld.“

 

Doch nicht nur die Studenten müssen den Weg zur Eigenverantwortung finden, auch die Hochschullehrer müssen ihren Teil dessen tun, was Schulmeister als „Gesellschaftsvertrag, beruhend auf gemeinsamer Verantwortung“ bezeichnet. Was das heißt, zeigt zum Beispiel der Marburger Anglistikprofessor Jürgen Handke, Träger mehrerer Lehrpreise. Er hat seine Lehrveranstaltungen auf das „Inverted Classroom“-Prinzip umgestellt. Die Studenten finden die früheren Vorlesungsinhalte online, meist in Form von animierten Vorträgen. Vor Ort können sie dann das Erlernte mit dem Professor üben, diskutieren und vertiefen. In den Klausuren werde dann kein bloßes Wissen mehr abgefragt, sondern nur noch die Kompetenz, es anzuwenden, sagt Handke. „Und die erwerben die Studenten nur, wenn sie kommen, es lohnt sich also für sie.“ Ohne Pflicht, sagt Handke, habe er so die Anwesenheit auf über 80 Prozent steigern können – und die meisten der Anwesenden seien noch dazu vorbereitet. Sein Fazit: „Wenn ich meine Studenten nur per Anwesenheitspflicht zum Kommen bewegen kann, gestehe ich mein eigenes Versagen als Hochschullehrer ein.“

 

Stephan Fuhrmann, der mit seiner Klage die Präsenzdebatte wieder in Schwung gebracht hat, wird derweil von seinem Erfolg persönlich nicht mehr viel haben. Er hat gerade seine Bachelorarbeit abgegeben, alle Pflichtveranstaltungen sind abgehakt. Macht aber nichts, sagt er. „Das war für mich eine Grundsatzfrage.“ Als Fuhrmann die Klage einreichte, war er gerade zum AStA-Referent für Hochschulpolitik gewählt worden.

 

Dieser Artikel erschien zuerst in der Süddeutschen Zeitung.


Foto: Christian Wolf, www.c-w-design.de, CC BY-SA 3.0 de

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Darüber werden wir reden

Was 2017 in Bildung und Forschung wichtig war –  und was deshalb 2018 wichtig werden könnte. Ein subjektiver Jahresausblick.

Foto: pixabay/stux

IN MEINEM AUSBLICK auf das Jahr 2017 fragte ich ganz am Ende: „Wer wird eigentlich Ende des Jahres im BMBF sitzen?“  Kaum einer (ich auf keinen Fall) hätte sich damals vorstellen können, dass wir auch gut drei Monate nach der Bundestagswahl im September keine neue Regierung haben würden. Dass im Bundesministerium für Bildung und Forschung immer noch eine Ministerin Dienst tut, die kurz nach der Wahl verkündet hatte, dass es dann auch mal gut sei mit dem Ministeramt – sobald, nun ja, die neue Koalition im Amt sei. Johanna Wanka hält die Stellung, und ich kann meine letzte Frage aus dem Jahresausblick 2017 bequem per Copy and Paste in diesen Jahresausblick 2018 übernehmen: Wer wird eigentlich Ende des Jahres im BMBF sitzen? In ein paar Augenblicken mehr dazu. 

 

Doch das zu Ende gegangene Politik-Jahr war nicht nur in Sachen geplatzter Jamaika-Sondierungen ereignisreich und kaum vorhersehbar. Auch meine – und Ihre? – Lieblingsthemen Bildung und Forschung boten viel Stoff für aufgewärmten Streit und neue Debatten: Kooperationsverbot, Digitalisierung,  Bildungsgerechtigkeit, Hochschulfinanzierung – die Liste lässt sich, siehe unten, fortsetzen. Was bleibt uns davon 2018 erhalten? Welche wegweisenden Entscheidungen stehen an? Und wer werden eigentlich die Bildungs- und Forschungspolitiker sein, die sie treffen müssen? Hier kommt sie also – meine Prognose, worüber ich 2018 am häufigsten berichten werde. Zwangsläufig subjektiv, wacklig, unvollständig und keinesfalls nach Wichtigkeit sortiert. Zumal einige der Vorhersagen sich nicht immer von meinen persönlichen Ansichten trennen lassen, wie ich mir die Dinge wünschen würde. Schauen Sie doch mal, ob das auch Ihre Themen und Perspektiven sind – und ergänzen Sie gern weitere durch Ihre Kommentare.

 

 

1. Forschungsfinanzierung: Dritter Anlauf auf die 3?

 

Gute Nachrichten kann man gar nicht oft genug verkaufen. „3-Prozent-Ziel erreicht!“, lautete 2013 die Überschrift über einer BMBF-Pressemitteilung. Gemeint war der Anteil der Wirtschaftsleistung, den Staat und Unternehmen in Forschung und Entwicklung investieren. Ende 2016 vermeldete das BMBF erneut, allerdings in leicht veränderter Schreibweise: „Drei-Prozent-Ziel erreicht“, und Ministerin Johanna Wanka jubelte: „Noch nie wurde so viel in Deutschland in Forschung und Entwicklung investiert wie 2015!“ Ihr entsprechendes Zitat drei Jahre zuvor las sich übrigens so: „Deutschland investiert so stark wie noch nie in die Zukunft.“ 

 

So richtig scheint die seit Jahren angepeilte 3-Prozent-Marke allerdings weder 2013 noch 2015 gefallen zu sein. Der Stifterverband, der im Auftrag des BMBF die sogenannten FuE-Ausgaben berechnet, kam nämlich in seiner endgültigen, erst im Juni 2017 vorgelegten Auswertung der 2015er-Zahlen auf lediglich 2,92 Prozent. Und für 2016 bezifferte er den Anteil (vorläufig berechnet) auf 2,94 Prozent. Gut möglich also, dass wir auch im neuen Jahr dieselbe Erfolgsmeldung aus dem BMBF vernehmen werden nach dem Motto: Juhu, wir haben die drei Prozent erreicht. Oder auch nicht. Denn je stärker die Wirtschaft wächst, und sie wächst derzeit kräftig, desto höhere Forschungsausgaben fordert auch das Erreichen der magischen Drei.

 

Die Politik scheint sich mit solch statistischem Kleinkram allerdings nicht mehr aufhalten zu wollen und ist schon mal auf einen höheren Zielwert eingeschwenkt. In den Jamaika-Sondierungen wurden die seit Jahren von Grünen und Linken geforderten 3,5 Prozent unter Mitwirkung der Union bekräftigt, auch die SPD hat sich bereits vor einem Jahr dazu bekannt. Keiner kann und wird also künftig noch weniger bieten wollen. Hehre Ambitionen – wobei es wie gesagt schön wäre (und Milliarden zusätzlich kostete), wenn die Politik 2018 erstmal die drei Prozent dauerhaft sichern würde.  

 

 

2. G9 oder der gefährliche Pragmatismus der Schulpolitik

 

G8 ist tot, es lebe G9: So lässt sich der schulpolitische Trend zusammenfassen, der sich lange abgezeichnet hatte, durch die Regierungswechsel in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen 2017 aber nochmal so richtig an Fahrt gewonnen hat. Von der angekündigten Wahlfreiheit für Schulen, die bei 12 Jahren bis zum Abi bleiben wollen, ist angesichts der eingezogenen Hürden so wenig übrig, dass die allermeisten Standorte in beiden Bundesländern wieder auf die neunjährige Gymnasialzeit umschwenken werden. Geht das so weiter (und vermutlich wird es das), wird Deutschland in einigen Jahren erneut schulpolitisch geteilt sein: In den westlichen Flächenländern gilt dann wieder fast durchgängig G9, im Osten (und wohl auch weiter in den Stadtstaaten) bleibt es bei G8.

 

Lässt sich das irgendwie inhaltlich begründen? Forderten die Erkenntnisse der Bildungsforschung zum Handeln auf? Nicht wirklich. Das größte Problem von G8 war die überhastete und nicht zu Ende gedachte Umstellung von G9, die zu Recht den Ärger vieler Eltern auslöste. Doch anstatt weiter Besserung für G8 zu geloben (die übrigens vielerorts längst da war), witterten größtenteils sachfremde, dafür aber wahlkämpfende Oppositionspolitiker in NRW und Schleswig-Holstein und ein angeschlagener Ministerpräsident in Bayern die Gelegenheit, durch plötzliche G9-Bekenntnisse ein paar Popularitätspunkte abzustauben. Hat ja auch geklappt, werden die Wahlsieger jetzt sagen. 

 

Wie es 2018 weitergeht? Meine Prognose: Das Thema G8 ist durch, jetzt wird der Ärger zunehmen über die erneut überhastete Umstellung auf G9. Erste Anzeichen dafür gibt es bereits. Und es wird sich abzeichnen, dass ein gut gemachtes G9 Geld und zusätzliche Lehrer kostet. Zwar ist der Mangel an Gymnasiallehrern nicht so eklatant und noch dazu sehr fachabhängig, doch gute Lehrer gibt es nicht zum Nulltarif. Womit wir bei meiner zweiten G9-Prognose sind, die über das Jahr 2018 hinausreicht: Da, wie Bildungsforscher immer wieder betonen, nicht die Strukturen, sondern die Qualität für erfolgreichen Unterricht entscheidend sind, wird das neunjährige Gymnasium einen holprigen Start erleben. Eben weil vielerorts das nötige Geld fehlt, um es gut zu machen. So wird G9 die Schulen nicht besser machen, im Gegenteil: Es wäre ein Erfolg, wenn der angerichtete Schaden begrenzt bliebe.

 

Wie ich darauf komme? Nehmen wir ein zweites Schulstruktur-Thema dazu: Inklusion. Gerade erst hat Sachsen-Anhalts Kultusminister Marco Tullner (CDU) im Spiegel erklärt, die Diskussion über den gemeinsamen Unterricht von Schülern mit und ohne besonderen Förderbedarf gehe an der Alltagspraxis vorbei und sei „eine wissenschaftliche Diskussion im Elfenbeinturm“. Sowohl Schüler als auch Lehrer seien beim gemeinsamen Unterricht derzeit in manchen Situationen überfordert. Womit Tullner, der als Mann des offenen Wortes gilt, sicher nah dran ist an den Realitäten vieler Schulen. Doch woran liegt das? Vor allem doch wohl daran, dass viele Landesregierungen der Auffassung waren, Inklusion mal so nebenher einführen zu können. Was angesichts des Lehrermangels und des gleichzeitigen Bedarfs an zusätzlichen Fortbildungen und Personal illusorisch war. Doch die Finanzminister sitzen eben auf dem Geld, weswegen es für Kultusminister leichter ist, die Inklusion an sich zum Problem zu erklären, anstatt die mangelnde politische Prioritätensetzung von ganz oben. 

 

Den Tenor, dass die Inklusion eine nette Idee von Theoretikern sei, aber praktisch nicht funktioniere, werden wir also in 2018 noch häufiger hören. Und wir werden erleben, dass trotz anderslautender Beteuerungen auch für ein gut gemachtes G9 die Mittel fehlen werden. Apropos G8 und Inklusion: Der Blick in andere Länder (zum Beispiel Kanada) würde helfen, um zu sehen, dass beides nicht nur nette Ideen sind, sondern durchaus auch funktionieren kann. Wenn man es denn wirklich will. 

 

 

3. Der Streit ums Kooperationsverbot oder: Die Rückkehr eines alten Bekannten

 

Als wäre er nach Hause gekommen: Kaum hatte Hubertus Heil das Amt des SPD-Generalsekretärs abgegeben, meldete er sich mit seinem alten Lieblingsthema zu Wort. Er könne sich nicht vorstellen, sagte er laut Bild am Sonntag kurz vor Weihnachten, "dass es eine Unterstützung der SPD für eine neue Bundesregierung gibt, ohne dass wir das Kooperationsverbot abschaffen.“ Nur dann sei es möglich, mit Bundesmitteln die Ganztagsschulen flächendeckend in Deutschland auszubauen und in allen Schulen digitale Bildung voranzubringen. 

 

Endlich darf Heil wieder den eingefleischten Bildungs- (und Forschungs-) politiker geben, zu dem er sich in den vergangenen Jahren entwickelt hatte. Abgesehen davon, dass er in seiner recht verbindlichen Art erneut nicht als der geborene Wahlkampf-Generalsekretär rüberkam, dürfte seine Erleichterung schon deshalb groß sein, da sich während seiner thematischen Abwesenheit ausgerechnet FDP-Chef Christian Lindner zum Abschaffungs-Wortführer aufgeschwungen und im Spiegel-Interview erklärt hatte, die Sichtweise, dass die Konkurrenz von 16 Ländern die Qualität der Bildung verbessere, sei eine "deutsche Lebenslüge".

 

Dieser Jahresausblick würde aus allen Nähten platzen, wollte ich an dieser Stelle die Genese der aktuellen Debatte ums Kooperationsverbot, angefangen im Herbst 2016, noch einmal nachzuerzählen. Auch Sinn und Unsinn, Möglichkeiten und Grenzen einer Verfassungsänderung möchte ich hier nicht erneut diskutieren. Wen all dies interessiert, kann dazu meinen Essay aus dem August 2017 lesen – oder die Linksammlung unter dem Artikel „Was genau ist eigentlich das Kooperationsverbot?“ durchgehen (übrigens bis heute der meistgelesene Artikel meines Blogs). 

 

Heute nur zwei Prognosen für 2018. Erstens: Kommt eine neue Bundesregierung unter Angela Merkel, kommt auch die Veränderung beim Kooperationsverbot. Die CDU-Kanzlerin hat sich längst damit abgefunden, dass alle ihre potenziellen Bündnispartner mehr Bundesengagement für die Schulen wollen – und zwar dauerhaft. Die Frage ist, wieviel Veränderung die Schwesterpartei CSU zulässt – im Zusammenspiel etwa mit den Ministerpräsidenten Kretschmann (Grüne) und Laschet (CDU), die zwar (welch Wunder!) offen sind für mehr Bundesgeld, aber bitte ohne mehr Bundeseinfluss. Vielleicht wird es aber auch der "pragmatische Mittelweg", den Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) jüngst gegenüber der dpa ins Spiel brachte. Zitat: "Ich wünsche mir, dass die nächste Bundesregierung eine Bund-Länder-Gemeinschaftsaufgabe Bildung anstrebt." So bliebe die Länderhoheit in der Bildung erhalten, und der Bund käme über bisherige punktuelle Förderprogramme hinaus ins Boot, erläuterte Ramelow. Übrigens wird sein Bildungsminister Helmut Holter in wenigen Tagen offiziell Präsident der Kultusministerkonferenz (KMK). Wir sollten uns also für weitere Debatten bekannten Inhalts wappnen. 

 

Zweitens: Wie seine Wortmeldung zeigt, ist Hubertus Heil wieder im Rennen. Und zwar, womit wir wieder beim Anfang dieses Jahresausblicks angelangt wären, um den Chefsessel im BMBF. Gerade erst wurde Heil in seinem Amt als Fraktionsvize bestätigt, zuständig für Wirtschaft und Energie sowie Bildung und Forschung. Er gilt nicht gerade als engster Verbündeter von SPD-Chef Martin Schulz, aber seine Expertise ist auch bei den Sozialdemokraten unumstritten. Ergo: Wenn die SPD in einer neuen Regierung für die Themen Bildung, Forschung und Innovation verantwortlich zeichnet, dann wahrscheinlich mit Hubertus Heil am Kabinettstisch. 

 

 

4. Warten auf den Digi-Pakt

 

Noch so eine Debatte, die sich nie totläuft – wohl auch, weil so wenig passiert. „Jetzt ist Johanna Wanka an der Reihe“, schrieb ich im Jahresausblick 2017. Fünf Milliarden Euro für die digitale Aufrüstung der Schulen hatte sie im Oktober 2016 versprochen. „Endlich wird (ein bisschen) Tempo gemacht bei dem Thema“, frohlockte ich vor genau einem Jahr – und lag falsch. 

 

Zwar begannen die Verhandlungen zwischen Bund und Ländern, wie der Pakt konkret aussehen sollte, tatsächlich Ende Januar 2017. Ein Eckpunktepapier wurde in mühseliger Kleinstarbeit ausgearbeitet, bevor ein zehnwöchiges Sommertheater begann – ausgelöst durch eine abgesagte Unterzeichnung des Papiers durch Ministerin Wanka und die spitzen Reaktionen der Kultusminister. Auch hier erspare ich mir die Einzelheiten und verweise auf meine diesbezügliche Berichterstattung. Zuletzt berichtete ich Anfang Dezember, dass sich plötzlich der Staatsminister im Kanzleramt, Helge Braun, einschaltete, um Folgendes zu Protokoll zu geben: Die Bundesregierung habe "von Beginn an" darauf hingewiesen, dass der Digitalpakt erst nach der Bundestagswahl von einer neuen Bundesregierung verabschiedet werden könne, "sobald auch die dafür notwendigen Haushaltsmittel veranschlagt wurden." Der "Erarbeitungsprozess zwischen Bund und Ländern", zu denen Braun die Eckpunkte verbal degradierte, bilde dafür "die Grundlage". Ach so. 

 

Die Chancen, dass der Pakt kommt, stehen trotz des absurd anmutenden Hin und Hers weiter gut. Schon allein, weil der Bedarf so riesig ist: Anfang November haben Andreas Breiter und sein Team vom vom ifib an der Universität Bremen im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung berechnet, dass Bund und Länder 2,8 Milliarden Euro für die angemessene IT-Ausstattung aller Schulen ausgeben müssten – und zwar nicht einmalig, sondern jedes Jahr. Optimistisch stimmt auch, dass der Digitalpakt in den von Helge Braun persönlich mitverhandelten Jamaika-Sondierungsergebnissen bereits enthalten war. Und aus dem BMBF war erst neulich zu hören, dass zum jetzigen Zeitpunkt zwar noch nicht die fünf Milliarden auf fünf Jahre gesichert seien, aber immerhin schon 3,5 Milliarden auf drei Jahre. Es wäre halt schön, wenn die Bund-Länder-Vereinbarung dann im Jahr 2018 auch mal final festgeklopft würde. 

 

 

5. Die Krise der KMK

 

Nein, es war kein leichtes Jahr für viele Kultusminister. Nicht nur weil aktuelle oder Möchtegern-Ministerpräsidenten, siehe oben, sich in die Schulpolitik einmischten. Der Ärger fing schon Ende 2016 an mit den mauen Ergebnissen beim internationalen TIMSS-Grundschulvergleich. Eine Woche später folgten wenig berauschende Zahlen bei Pisa (das sind die Neuntklässler). Der innerdeutsche IQB-Bildungstrend im Oktober 2017 belegte dann schwächere Leistungen der Viertklässler in Mathe und Deutsch, und Anfang Dezember 2017 vermeldeten auch die an der Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU) beteiligten Forscher für Deutschland nur stagnierende Lesekompetenzen – nachdem es fünf Jahre zuvor bereits einen Rückgang gegeben hatte. Dennoch sprachen KMK und BMBF in ihrer gemeinsamen Pressemitteilung tapfer von einer „stabilen Entwicklung“. Tatsächlich bedeuteten die IGLU-Ergebnisse, dass Deutschland in der Ländertabelle nach hinten durchgereicht wurde, denn die Schulsysteme vieler anderer Länder waren nicht stehengeblieben. Insofern sollte die Politik aus all den enttäuschenden Studien der vergangenen 15 Monate Konsequenzen ziehen, anstatt Ausreden zu bemühen. Der Hinweis jedenfalls auf die zunehmende „Heterogenität“, mit dem KMK und BMBF den IGLU-Trend erklären wollten, ist in einer modernen, immer offeneren Gesellschaft kaum hilfreich. 

 

Susanne Eisenmann (CDU), KMK-Präsidentin des Jahres 2017 und Kultusministerin aus Baden-Württemberg, scheint das auch so zu sehen. Sie sagte in ihrer ersten Reaktion auf IGLU, es gelte zu analysieren, warum es "einer Reihe von Staaten im Grundschulbereich besser gelingt, die Leseleistungen zu verbessern." Wobei die Analysen in Wirklichkeit längst da sind. Die Bildungsforschung liefert nicht nur verlässliche Wasserstandserhebungen, sie hat seit Jahren und wiederholt darauf hingewiesen, wo die Defizite im deutschen Bildungssystem zu finden sind: Den Schulen gelingt es nicht, den Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Schülerleistungen aufzubrechen. Auch gibt es in vielen Bundesländern gute Ansätze, etwa Programme zur Leseförderung, doch evaluieren die Kultusminister zu wenige ihrer Initiativen und wissen noch dazu viel zu wenig von dem, was ihre Kollegen machen.

 

Womit wir beim gegenwärtigen Kernproblem der KMK angelangt wären: Solange die Schulstudien positive Trends vermeldeten, fiel kaum auf, wie wenig der Club der Kultusminister bislang als strategische Informations- und Austauschplattform für Best Practice taugt. Oft wird als Argument für den Wettbewerbsföderalismus angeführt, dann könnten die Bundesländer unterschiedliche Schulmodelle und Programme ausprobieren, gemeinsam die Ergebnisse analysieren und von den jeweils Besten lernen. Theoretisch schön. Der Bildungsforscher Eckhard Klieme brachte die aktuelle Praxis im Interview hier im Blog auf den Punkt: Es sei „ein unbefriedigender Zustand, dass zentrale Fragen eher zufällig, zersplittert und damit ineffizient bearbeitet werden  – mit dem Ergebnis, dass in der bildungspolitischen Debatte Stiftungen und Verbände in die Lücke stoßen und Themen besetzen“. 

 

Besonders augenfällig wurde das anhand einer Prognose der Bertelsmann-Stiftung zu künftigen Schülerzahlen und dem daraus folgenden Lehrerbedarf, die weit über den noch geltenden KMK-Berechnungen lag. In Zeiten des Extrem-Lehrermangels äußerst brisant, so dass die Kultusministerkonferenz ihren eigenen kleinen Shitstorm in den Medien erlebte. 

 

KMK-Generalsekretär Udo Michallik sagte hier im Blog, angesichts der wachsenden Aufgaben müsse das KMK-Sekretariat besser ausgestattet sein.  „Es liegt im Interesse der Länder, was wir hier machen“, sagte Michallik, „so dass es nett wäre, wenn die Finanzpolitiker nach zehn, 15 Jahren auch mal sagen würden: Das haben die gut gemacht in der KMK, sie haben den Aufgabenzuwachs gut bewältigt, und jetzt begleiten wir das mit den nötigen Ressourcen.“ 

 

Viele Kultusminister stöhnen derweil auch über die technokratischen Sitzungen, in denen viel zu viel vor sich hin verwaltet und zu wenig wirklich über Sachthemen geredet werde. Das zumindest, so haben sie sich in ihrem jüngsten Zusammentreffen geschworen, soll sich ändern. Es soll wieder mehr inhaltlich debattiert werden. Ein Hinweis auf eine echte Reform der KMK im Jahr 2018? Jedenfalls wäre in einer Zeit, in der die meisten mehr Bund-Länder-Zusammenarbeit in der Bildung fordern, eine effektivere Länder-Länder-Zusammenarbeit auch schon was. 

 

 

6. Rollback des Rollbacks in der Hochschulpolitik?

 

Während die Regierungswechsel in der Schulpolitik zu einem Rollback weg von G8 geführt haben, erleben wir in der Hochschulpolitik eher ein Rollback vom Rollback. Konkret: Als Svenja Schulze (SPD) 2010 in Nordrhein-Westfalen das Innovationsministerium von Andreas Pinkwart übernahm, gehörte es zu ihren Wahlversprechen, das sogenannte Hochschulfreiheitsgesetz von 2007 zu korrigieren. Symbolträchtig war anfangs vor allem die Debatte über die vermeintlich zu große Macht der Hochschulräte und, ein paar Jahre später, über den Sinn der Präsenzpflicht für Studenten. Letztere kippte Schulze, indem sie den Hochschulen per Gesetz vorgab, in welchen (sehr seltenen) Fällen die Studenten überhaupt noch zum Kommen gezwungen werden durften. Jetzt regiert in NRW wieder Schwarz-Gelb, und die neue parteilose Wissenschaftsministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen hat angekündigt, das Hochschulgesetz zu entschlacken. Womit unter anderem auch Schulzes fast vollständiges Verbot der Präsenzpflicht wieder wegfallen soll. Auch über Studiengebühren, die Schulze im Geleitzug der anderen Länder abgeschafft hatte, will Schwarz-Gelb wieder reden – wenn auch nur für internationale Studenten wie in Baden-Württemberg. So, wie Schulzes Kurswechsel vor einigen Jahren irgendwie idealtypisch schien für die hochschulpolitische Klimaveränderung in der Bundesrepublik insgesamt, so könnten es auch Pfeiffer-Poensgens Pläne jetzt wieder sein. Das Wort „Hochschulautonomie“ jedenfalls ist plötzlich wieder in aller Munde, nachdem sein Klang zwischendurch hohler geworden war und viele Wissenschaftspolitiker lieber von „politischen Gestaltungsvorbehalten“ gesprochen hatten. Vor einigen Wochen erst hat zum Beispiel das Netzwerk Wissenschaftsmanagement ein sehr lesenswertes Positionspapier namens „Wissenschaftsfreiheit neu gestalten“ produziert und die Bedeutung der institutionellen Freiheit hervorgehoben (meine Einordnung finden Sie hier). Wir werden sehen, was all das für 2018 bedeutet. 

  

 

7. Jahr 20 der Hochschulreform: Was Bologna jetzt braucht

 

Der durch eine erfolgreiche Verfassungsklage notwendig gewordene neue Staatsvertrag zur Akkreditierung ist durch, als 16. und letztes Bundesland hat ihn Mitte Dezember Hessen per Landtagsbeschluss ratifiziert. Auch die lange umstrittene Musterrechtsverordnung passierte die Kultusministerkonferenz – mit einer klugen Enthaltung von Mecklenburg-Vorpommerns Bildungsministerin Birgit Hesse (SPD), die so zwei Fliegen mit einer Klappe schlug: erstens es sich nicht mit ihrem Vorgänger und aktuellem Finanzminister Mathias Brodkorb (ebenfalls SPD) verderben, der den Staatsvertrag wegen seiner Diplom-Vorliebe zwischenzeitlich ganz hatte scheitern lassen wollen. Und zweitens nicht die Wissenschaftsminister-Kollegen aus den anderen Bundesländern gegen sich aufbringen, die ohnehin schon reichlich genervt waren von Brodkorbs Versuch, die Staatsvertrag-Verhandlungen zu kapern, um das Diplom per KMK-Beschluss zu rehabilitieren – einfach weil er persönlich so wenig von den Bologna-Abschlüssen Bachelor und Master hält. Brodkorb war es zwischendurch sogar gelungen, über seinen damaligen Regierungschef Erwin Sellering immerhin fünf weitere Ministerpräsidenten zu einer kuriosen Diplom-Protokollerklärung zu verleiten. Aber gut, Schwamm drüber.

 

Wobei das mit dem Schwamm drüber nur für die Ratifizierung selbst gilt. Der Streit über Akkreditierung und Bologna an sich bleibt. Gut möglich, dass wir neue Klagen erleben werden, weil Akkreditierungsgegner auch die Neuregelung für fragwürdig halten. Und die 1999 in Bologna beschlossene Studienreform ist zwar längst nicht mehr in ihrer Existenz bedroht, doch sie wird mehr hingenommen als geliebt. Was Bachelor und Master bräuchten, wäre ein echter inhaltlicher Aufbruch. Je formalistischer und prinzipieller die Bologna-Debatte läuft, je mehr daraus über die Jahre eine Glaubensfrage geworden ist, desto stärker gerät ihr Potenzial in den Hintergrund: Warum ist es in Deutschland eigentlich selbstverständlich geworden, dass man Bachelor und Master zusammendenkt, wie in einem Rutsch? Warum ist es in Deutschland nicht üblich wie anderswo in der Welt, nach dem (meinetwegen auch längeren) Bachelor erstmal arbeiten zu gehen und dann, ausgestattet mit erster Berufserfahrung und vielleicht neuen Karriereplänen, an die Hochschule zurückzukehren? Zurückzukehren, um einen passgenauen Master zu machen, der im Zweifelsfall andere fachliche Schwerpunkte setzt als der Bachelor? Es wäre gut, im Jahr 20 der Studienreform eine Debatte loszutreten, wie wir ihre Möglichkeiten besser nutzen für das, was wir in Sonntagsreden immer als „lebenslanges Lernen“ preisen – und doch in seinen Konsequenzen für unser Bildungssystem bislang kaum wirklich begriffen haben.

 

 

8. Schrauben am Numerus Clausus

 

Es war der letzte Rumms vor Weihnachten. Das Bundesverfassungsgericht hat den Numerus Clausus im Medizinstudium in seiner bisherigen Form für teilweise nicht vereinbar mit dem Grundgesetz erklärt. Bis zum 31. Dezember 2019 muss die Studienplatzvergabe auf eine neue Grundlage gestellt werden, vermutlich in Form eines reformierten Staatsvertrages. Die Folgen auch für andere Fächer dürften weitreichend sein, wie ich in meinem Artikel in der ZEIT aufgeschrieben habe. Besonders viel Ärger droht bei folgenden drei Fragen: Erstens: Wollen wir wirklich, wie die Verfassungsrichter nahelegen, dass künftig Studienbewerber jahrelang warten, um dann womöglich doch keinen Studienplatz zu bekommen? Zweitens: Welche Tests bieten sich an, um die Eignung zum Studieren abseits der Abiturnote zuverlässig nachzuweisen, und wie unterschiedlich werden diese Tests von Uni zu Uni ausfallen? 

 

Die dritte Frage regt erstmal zum Stirnrunzeln an, dürfte sich womöglich aber als die entscheidende herausstellen: Schafft die für die bundesweite Studienplatzvergabe zuständige Stiftung für Hochschulzulassung (Sfh) den notwendigen Neustart bei der Bewerbungssoftware? Die vom Verfassungsgericht geforderten Veränderungen lassen sich nicht mit dem System abbilden, das die Stiftung derzeit noch beim Aussortieren der Bewerber in den Medizinstudiengängen und der Pharmazie einsetzt. Eine Neuentwicklung namens DoSV 2.0 ist 2014 (!) beschlossen worden, doch die für 2018 geplante Fertigstellung verzögert sich nach heutigem Stand um mehrere Jahre, und zwar bis 2021/22. Die Krise der Stiftung, besser bekannt unter dem Label „Hochschulstart.de“, habe ich vergangenes Jahr eng begleitet. Die Wissenschaftsminister planen jetzt für 2018 eine umfassende Reform. „Hochschulstart.de“ wird folglich in den nächsten zwei Jahren alle zur Verfügung stehenden Ressourcen in DoSV 2.0 investieren – übrigens mit der Nebenfolge, dass die Bewältigung anderer drängender technischer Probleme bei der SfH-Software in den Hintergrund geraten dürfte. Aber reicht das? Politisch jedenfalls wäre es kaum vorstellbar, dass die Umsetzung der Verfassungsgerichtsvorgaben an einem Softwareproblem hängen bliebe.  

 

 

9. Die Pakte werden runderneuert

 

Die Neuauflage der Exzellenzinitiative als Exzellenzstrategie wurde in der vergangenen Legislaturperiode mit Verspätung, aber noch rechtzeitig auf die Strecke gebracht. Hier gab es 2017 erste Weichenstellungen und Überraschungen. Im September 2018 steht nun die Förderentscheidung bei den Clustern an, und im Dezember 2018 müssen die Anträge zu den Exzellenzuniversitäten eingereicht werden. Aber was ist mit den beiden anderen großen Brocken Hochschulpakt und Pakt für Forschung und Innovation, die in dieser Legislaturperiode auslaufen? Je länger die neue Regierung auf sich warten lässt, desto ungeduldiger werden Hochschulrektoren und Wissenschaftsmanager – wollen sie doch möglichst bald Klarheit.

 

Über den Hochschulpakt 2020 hat der Bund seit 2007 hunderttausende zusätzliche Studienplätze finanziert, allein 2017 flossen so laut Plan fast 2,5 Milliarden in die Länder. Doch der Pakt geht, wie sein Name schon sagt, nach 2020 Ende. Dass danach etwas kommen muss, da sind sich alle einig. Allerdings: Was dann kommt, darüber streitet die Hochschulpolitik seit Jahren – mit zunehmender Intensität, seit Bund und Länder 2014 ein dauerhaftes Engagement des Bundes per Grundgesetzänderung (Stichwort Artikel 91b) ermöglicht haben. Nach welchen Regeln sollen künftig die Bundesmilliarden an die Hochschulen transferiert werden? Was müssen die Länder dafür im Gegenzug versprechen? Wird der ebenfalls auslaufende Qualitätspakt Lehre (noch 200 Millionen pro Jahr) mit dem Hochschulpakt-Nachfolger fusioniert? Geht das Geld in die Grundfinanzierung, oder soll es mindestens teilweise leistungsabhängig gezahlt werden? Und was genau hieße in dem Fall leistungsabhängig? Es existieren verschiedene Konzepte, vor allem auf Seiten der SPD. Doch im Kern sind sich nicht einmal die Länder untereinander einig, was genau sie vom Bund wollen – abgesehen von dem Geld an sich, versteht sich.

 

Zu sehr sorgen sollten sich die Hochschulrektoren dennoch nicht. Sobald die neue Regierung steht, werden die Bund-Länder-Verhandlungen über die Zukunft des Hochschulpakts beginnen und gleich in die heiße Phase gehen. Dann wird auch darüber geredet werden,  ob der Bund doch noch einmal in den Hochschulbau einsteigt und wie er die Digitalisierung an den Hochschulen unterstützen kann (die Rede ist unter anderem von einem Konzept-Wettbewerb mit zehn, 20 Gewinnern). Und über all dem schwebt die Frage, wo eigentlich genau die finanziellen Grenzen des Bundes liegen.

 

Apropos finanzielle Grenzen: Abgesehen von den finanziell erheblichen Kosten einer möglichen Abschaffung des Kooperationsverbots für den Bereich der Schulen (siehe Punkt 3) gibt es auch in der Wissenschaftspolitik konkurrierende „Bedarfe“, wie Finanzpolitiker das nennen. Den besagten Pakt für Forschung und Innovation (PFI) vor allem, über den die vier großen außeruniversitären Forschungsorganisationen und die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) jedes Jahr ein ordentliches Plus erhalten. Der muss wie gesagt ebenfalls neu verhandelt werden. Hier pocht der Bund darauf, dass die Länder anders als in der aktuellen, bis 2020 laufenden Runde die Zuwächse künftig wieder mitfinanzieren. Schon das würde für die Länder richtig teuer. Zwischen 2016 und 2020 zahlt der Bund den Aufwuchs allein – Kostenpunkt: 3,9 Milliarden Euro.

 

So wird es unter anderem darauf ankommen, das Größenverhältnis der zwei großen Brocken Hochschulpakt und PFI so zu justieren, dass am Ende alle halbwegs zufrieden sind. An den Hochschulen fordern viele schon länger, das Plus für die Außeruniversitären zu begrenzen, damit für sie mehr übrigbleibt, schließlich hätten sie großen Nachholbedarf. 

 

Ende des Jahres sollten wir mehr wissen. Bis dahin müssten die Eckpunkte beider Großpakte feststehen, so dass (noch ganz entspannt) im Laufe des Jahres 2019 die offiziellen Vereinbarungen unterschrieben werden könnten.  Wobei die Entscheidungen auf den letzten Drücker zur Neuauflage der Exzellenzstrategie gezeigt haben: Knapper geht immer. 

 

Bleiben die kleineren Brocken. So erführen zum Beispiel die Fachhochschulen gerne mal, wie genau eigentlich der ihnen versprochene Nachwuchspakt aussehen und dotiert sein soll. Es wäre peinlich, wenn die neue Regierung hier in 2018 nicht liefern würde. 

 

Soweit meine neun Themen, von denen ich glaube, dass sie 2018 wichtig werden an Schulen und Hochschulen. Wobei ich viele andere zentrale Fragen zwangsläufig weglassen musste. Wie geht es zum Beispiel an den Kitas weiter? Kommt eine Offensive für mehr gebundene Ganztagsschulen? Wie gelingt die weitere Integration der Geflüchteten in Schulen, Hochschulen und Arbeitsmarkt? Reformiert die neue Bundesregierung, wenn sie denn mal da ist, die Studienfinanzierung und das Bafög? Und: Werden wir möglicherweise sogar ein ganz neu zugeschnittenes Bundeswirtschaftsministerium erleben, ergänzt um Digitalisierung, Teile der Forschung und der Technologie – und im Umkehrschluss einen BMBF-Nachfolger, der sich viel stärker auf Schule, Ausbildung und Studium konzentrieren wird?

 

Fest steht: Auch 2018 wird für Bildung und Wissenschaft ein spannendes und, wenn ich wirklich ehrlich bin, auch ein kaum vorhersagbares Jahr. Sicher ist: Ich bleibe – mit Ihnen – dran an den Themen und Diskussionen, die es ausmachen werden. In diesem Sinne: Alles Gute, Glück und Gesundheit für 2018!

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"Eigentlich kann man das, was ich mache, als verhaltenstherapeutische Maßnahme bezeichnen"

Der Soziologe Armin Nassehi über seinen Start als Professor vor 19 Jahren, Wanderungen durchs Audimax und Sätze, die er eigentlich nicht sagen will.

ARMIN NASSEHI. Foto: Hans Günther Kaufmann
ARMIN NASSEHI. Foto: Hans Günther Kaufmann

Herr Nassehi, am 1. Oktober 1998 haben Sie als Soziologieprofessor an der Ludwig-Maximilians-Universität in München angefangen. Nur ein paar Wochen später schrieb ich über Ihre erste Einführungsvorlesung einen Artikel in der Süddeutschen Zeitung. Mitten im Vortrag griffen Sie sich das Mikrofon, wanderten durch die Hörsaalreihen und fragten die Studenten im Plauderton, was subjektiv gemeinter Sinn ist. "Es geht schlicht um eines, um Aufmerksamkeit", sagten Sie damals. "Mein Mittel, sie zu kriegen: Dialog statt Vorlesung." Eine Wort-Neuschöpfung hatten Sie damals für das, was Sie da machten, auch schon parat: Gottschalkisierung. Erkennen Sie sich heute in dem Artikel von 1998 noch wieder?

 

Wenn ich ehrlich sein soll, war ich mit dem Artikel damals nicht ganz glücklich. Ich komme darin so unernst rüber. Einige Kollegen sagten danach zu mir: Na, das ist ja eine schöne Show, die du da veranstaltest.

 

War es doch auch. 

 

Klar war es das. Aber darum ging es nicht. Es ist im Gegenteil die ernsteste Form, eine Lehrveranstaltung so zu machen, dass die Leute wirklich etwas davon mitnehmen. 

 

Die Einführungsvorlesung gibt es immer noch. Sie geht jetzt in ihr 20. Jahr.

 

Krass, oder? "Armin Nassehi, 38 Jahre alt", steht im Artikel. Tempi passati, kann ich da nur sagen. Wobei ich aufgrund der physikalischen Gesetze davon ausgehe, dass Sie auch 20 Jahre älter geworden sind seit damals. 

 

Dem kann ich leider nicht widersprechen. Wie läuft denn die Vorlesung heute ab? >>



>> Im Kern noch genauso. Nur dass ich jetzt gar nicht mehr vorne stehe. Ich habe die Geschichte von Herrn A und Frau B erfunden, die erzähle ich immer erstmal. Herr A ist Banker und erlebt so einiges in Beruf und Liebesleben. Jede Woche lese ich eine Episode aus dem Leben der beiden vor und entwickle daran mit den Studenten gemeinsam soziologische Grundbegriffe, Handeln, Rolle, Kommunikation, Interaktion, Organisation, Gesellschaft, soziale Ungleichheit, Macht usw. Das funktioniert super. Ich gehe durch die Reihen und frage die Studenten: Was habt ihr da gerade über Kultur gelernt? Daraus lässt sich dann die soziologische Begriffsarbeit entfalten.  

 

Warum der ganze Zirkus?

 

Sie müssen sich die Aufmerksamkeit erkämpfen, hart erkämpfen. Heute mehr als je zuvor. Die Studenten können mit theoretischen Texten noch viel schlechter umgehen als vor 20 Jahren. In ihrem Artikel von damals zitieren Sie mich mit dem Satz: "Eine Vorlesung ohne Lacher hat ihr Ziel verfehlt“. Das gilt immer noch. Das Gehirn muss durchgepustet werden, mindestens einmal pro Vorlesung, du musst den Studenten die Angst nehmen vor dem, was du ihnen erzählst. 

 

Vor dem Soziologendeutsch?

 

Vor dieser Textsorte überhaupt. Die Studenten sollen merken, dass Begriffe, Theorien und Argumente gar nicht so schlimm und kompliziert sind, wie sie zunächst für sie klingen. Und dass sie etwas Praktisches damit anfangen können. Das ist so ähnlich wie bei Leuten mit Flugangst. Die müssen Sie an die Hand nehmen und einmal mit ihnen nach Berlin und zurückfliegen. Eigentlich kann man das, was ich mache, als verhaltenstherapeutische Maßnahme bezeichnen. Ich bin von Hause aus Pädagoge, und ich verstehe mich auch als Pädagoge.

 

Wenn Sie Ihren Studenten ohne Vorwarnung das Mikro hinhalten, was erleben Sie für Reaktionen? 

 

Die meisten machen toll mit. Ich bin immer wieder positiv überrascht, wie jede Antwort den Erkenntnisprozess irgendwie voranbringt. Ich mache das in der Theorievorlesung im zweiten Semester genauso. Da werfe ich immer ein Zitat an die Wand aus einer soziologischen Theorie und entwickle gemeinsam mit den Studenten, was sie damit anfangen können. Diejenigen, die das Zitat noch nie gehört haben, antworten ganz naiv – und sagen dabei oft viel Wahres. Und diejenigen, die sich schon besser auskennen, bringen eine Tiefe in die Diskussion, die uns ebenfalls weiterträgt. Und an beide Antworttypen kann ich gut anschließen. 

 

Im Artikel damals haben Sie gesagt: "In der Soziologie gibt es zwei Alternativen. Top oder Flop. Professor oder Taxifahrer."

 

Das war ein kleines Missverständnis, denn diese Alternative gilt nur für den universitären Wissenschaftsbetrieb. In Deutschland gibt es für universitäre Karrieren tatsächlich nur das Ziel einer Professur, nur Top oder Flop, weil die Stellenstruktur so ist. Aber mit dem Taxi komme ich ihnen immer noch. "Ihr werdet alle nach dem Studium Taxi fahren", sage ich denen. "Die Frage ist, ob ihr links vorn oder rechts hinten sitzt." Heute ist der Arbeitsmarkt allerdings so günstig, dass die meisten rechts hinten sitzen werden. Wie wir von unseren Absolventen wissen, gibt es einen Arbeitsmarkt für Leute mit soziologischem Sachverstand.

 

Kommt es eigentlich oft vor, dass ein Student vor lauter Aufregung nichts antworten kann, wenn er im vollen Audimax plötzlich das Mikro vor sich sieht?

 

Mein Grundprinzip lautet: kein Gesichtsverlust, keine Prüfungsangst. Wenn ich mal merke, da ist jemand, den überfordert die Situation, dann gehe ich sensibel damit um. Umgekehrt kommen noch Jahre später Leute zu mir, um sich zu bedanken. Es sei eine tolle Erfahrung gewesen, sagen sie, gleich im ersten Semester in einem Hörsaal vor 800 Leuten mitreden zu dürfen, ohne rot zu werden. Das habe ihnen wahnsinnig geholfen, ins Studium hineinzukommen. 

 

Das klingt alles fast zu schön, um wahr zu sein.

 

Manchmal kommt das Wahre, Schöne und Gute zusammen. Aber es gibt natürlich auch Kritik. Was den Studenten regelmäßig fehlt, ist die Zusammenfassung am Ende. Das schreiben sie so auch in die Evaluationsbögen rein. Sie wollen am Schluss jeder Veranstaltung fünf Sätze, die sie lernen können. Aber die gebe ich ihnen nicht, sonst lernen sie nur noch die fünf Sätze. Zusammenfassungen sind abgeschlossene Sätze, aber da ist nichts Abgeschlossenes, im Gegenteil: Die Studenten in der Einführungsvorlesung fangen doch gerade erst an. Die sollen angefixt werden. Auf Anhieb zu verstehen, ist riskant. Man sollte schnellem Verstehen immer misstrauen. Mir geht es darum, bei den jungen Leuten Déjà-Vu-Erlebnisse vorzubereiten. Wenn ihnen die Begriffe und Themen später im Studium wiederbegegnen, sollen sie sagen: "Das kenne ich doch schon aus dem ersten Semester. Jetzt kapiere ich endlich, was der Nassehi damals gemeint hat." So geht nachhaltiges Lernen.

 

Ihre Einführungsvorlesung hat es in ihrem 20. Jahr zu einiger Berühmtheit gebracht. Da sitzen längst nicht nur Studenten drin, sondern manche Leute kommen einfach so, aus Interesse, um den Nassehi mal zu erleben. Haben Ihre Münchner Kollegen sich Ihren Vorlesungsstil abgeguckt?

 

Ich glaube nicht. Aber ich weiß es nicht. Das Unbekannteste an deutschen Hochschulen ist die Vorlesung des Kollegen. 

 

Heute füllen Sie die Feuilletons der überregionalen Zeitungen mit ihren Beiträgen. War der Artikel von damals der erste Auftritt des Armin Nassehi?

 

Das war er sicher. Ich hatte bis dahin nur wissenschaftlich publiziert. Mein erster eigener Artikel in der Süddeutschen Zeitung erschien erst im Jahr 2000.

 

Warum sind Sie eigentlich so umtriebig? Andere Professoren lesen vorn am Pult ihren Stoff runter, und den Drang, sich öffentlich zu Wort zu melden, haben die auch nicht.

 

Schade eigentlich. Mich an öffentlichen Debatten zu beteiligen, wirkt sich inzwischen auch auf meine wissenschaftliche Arbeit positiv aus. Ich habe gelernt, mich anders auszudrücken.

 

Und das hilft bei Ihrer wissenschaftlichen Arbeit?

 

Es geht ja nie nur um das, was ich sage, sondern auch darum, wie ich es sage. Kann ich komplizierte Sachverhalte nur kompliziert ausdrücken? Oder kann ich Sätze produzieren, die an mein Gegenüber denken? Diese Übersetzungsleistung lernt man zwangsläufig, wenn man im Radio nur drei Minuten reden darf und in der Zeitung nur 8000 Zeichen hat und nicht 80.000 wie in einem wissenschaftlichen Aufsatz.

 

Einige Ihrer Kollegen werden solche Artikel als Verkürzung sehen.

 

Und sitzen einem Irrtum auf, wenn sie denken, wissenschaftliche Aufsätze seien im Gegensatz dazu Abbildungen der Realität. In Wahrheit ist jedes Format, auch der wissenschaftliche Fachaufsatz, eine Verkürzung eigener Art, genau wie jeder Vortrag, jede Monografie. Das sind alles inszenierte Formen der Realität. Wir müssen aber lernen, in unterschiedlichen Formaten zu denken. Natürlich: Wenn ich in einem Interview über soziologische Fragen spreche, löse ich damit keine soziologischen Forschungsprobleme. Aber ich habe schon den Anspruch, dass alles, was ich sage, ein soziologisches Backup hat, eine wissenschaftliche Erdung. Richtig spannend wird es doch, wenn ich mich plötzlich aufgrund meiner wissenschaftlichen Beschäftigung mit einem Thema gezwungen sehe, Sätze zu sagen, die ich eigentlich gar nicht sagen möchte.

 

Wie meinen Sie das?

 

Ich finde, die Aufgabe eines Wissenschaftlers in und für die Öffentlichkeit kann sich nicht darin erschöpfen, lediglich in komplizierte Sätze zu verpacken, was alle schon wissen. Es kommt darauf an, Schlussfolgerungen auszusprechen, die im Zweifel dem, was man gern gesagt hätte, zuwiderlaufen. Neulich habe ich das wieder so erlebt, als ich in einem Spiegel-Artikel angemerkt habe, die Präsenz der AfD im Bundestag sei im Grunde ein sehr demokratischer Vorgang. Das hört sich vielleicht so an, als wolle ich die Politik der AfD rechtfertigen – und mit diesem Vorwurf hat sich meine Mailbox ordentlich gefüllt) – aber das ist Unsinn. Es geht mir als Soziologe nicht um die normative Frage, ob ich Antidemokraten im Bundestag sehen will oder nicht, sondern ich muss erklären, was deren politischer Erfolg bedeutet und ob man das soziologisch erklären kann. Erkenntnisse müssen manchmal unbequem sein. 

 

Ecken Sie mit solchen Positionen bei Ihren Kollegen an?

 

Ich glaube nicht. Falls dem so sein sollte, bekomme ich es nicht mit. Aber es stimmt schon, ich bin nicht so der typische kulturlinke Sozialwissenschaftler, der vor allem als semantischer Verstärker des eigenen Milieus auftreten will. Wenn sich einige Kollegen wie immer wieder über mangelnde öffentliche Resonanz beklagen, liegt das vielleicht ja auch daran, dass sie primär politisch-normativ argumentieren – oder eben nur Reflexionen des eigenen Milieus zum besten geben. Diese Tendenz ist derzeit sehr stark. Ich sehe meine öffentliche Rolle als Wissenschaftler darin, den Menschen nicht nur eine Bestätigung ihrer Weltsicht zu bieten, sondern Kontraintuition, eine Abweichung von dem, was sie erwarten. Abweichungsverstärkung, auch von den Erwartungen des eigenen Milieus, ist vielleicht das stärkste Erkenntnismittel.

 

Sind Sie eigentlich eitel?

 

Was soll ich darauf antworten? Natürlich bin ich eitel. Das ist Teil der Geschäftsgrundlage. Sonst würde das alles nicht funktionieren. 

 

Wenn man sich die Feuilletons der Zeitungen ansieht, gibt es außer Jutta Allmendinger eigentlich nur noch Ihren Bielefelder Kollegen Stefan Kühl, der sich ähnlich häufig zu Wort wie Sie meldet. 

 

Es gibt schon noch ein paar mehr. Aber dass sie Stefan und mich nennen, ist vielleicht kein Zufall. Wir arbeiten zwar auf inhaltlich unterschiedlichen Gebieten, aber mit ähnlichen Theoriemitteln. Bei uns beiden bildet die Systemtheorie die Grundlage unseres Herangehens an die Welt, und die eignet sich nun einmal besonders gut, um gesellschaftliche Prozesse zu erklären. Weil sie eben Verfremdung, Abweichung und analytische Schärfe kombinieren kann. 

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Blick zurück (10)

Seit 20 Jahren beschäftigte ich mich mit Hochschulen, Bildung und Wissenschaft. Viel ist passiert in dieser Zeit, vieles davon durfte ich als Journalist begleiten. Der Blick zurück zeigt, wie aktuell einige meiner Themen von einst geblieben sind – obwohl sich fast alles verändert hat. Machmal allerdings auch, weil sich fast gar nichts verändert hat. Der 10. Teil einer Serie.

Wetten, dass Du drankommst

Show im Hörsaal: Wie ein Münchener Soziologie-Professor seine Studenten schon am Montagmorgen in Schwung bringt

(erschienen in der Süddeutschen Zeitung vom 05. Januar 1999)

 

AUF DER GALERIE wird es allmählich eng. "Sie glauben wohl, daß ich nicht bis zu ihnen komme!", ruft der schwarzgekleidete Mann durch den Hörsaal. So weit geht er dann aber doch nicht. Seine Show läuft unten ab. "Was wissen Sie von mir?", fragt er in die Runde. Und er beginnt, das Mikrophon in der Hand, eine seiner Wanderungen entlang der Sitzreihen. Die Studenten ziehen die Köpfe ein, setzen bemüht gleichgültige Blicke auf. Lautloses Hoffen: Er möge vorübergehen.

 

Eine Mutige meldet sich: "Sie wollen uns was beibringen. Sie sind halt der Soziologe. " Ein Grummeln erfüllt das Audimax – so klingt es, wenn 500 Leute schmunzeln. Der Soziologe ist zufrieden. "Eine Vorlesung ohne Lacher hat ihr Ziel verfehlt", sagt er später. In seinem Büro riecht es nach Farbe, unausgepackte Umzugskisten stehen neben fabrikneuen Ledersesseln. Der Mann gönnt sich keine Eingewöhnungszeit. Armin Nassehi, 38 Jahre alt, seit wenigen Wochen Professor, hat Sendungsbewusstsein. "Es geht schlicht um eines, um Aufmerksamkeit. Mein Mittel, sie zu kriegen: Dialog statt Vorlesung." Eine Wort-Neuschöpfung für das, was er treibt, hat der Soziologe auch schon parat: Gottschalkisierung. Eigentlich, sagt Armin Nassehi, führe er einen Kampf gegen den Lärmpegel. Am Lärmpegel erkenne er, ob ihm zugehört wird. "Jeder Mensch macht Geräusche. Es furzt oben und niest unten. Gegen diesen Klangteppich muß ich an. Bleibt’s leise, bin ich auf dem richtigen Weg." Wenn nicht, ist es Zeit für ein paar Zwiegespräche.

 

Warum der Aufwand? Welchen Professor interessiert es schon, ob die Studenten ihm zuhören? Nassehi hebt den Zeigefinger. "Begriffe lernen ist ein totes Ritual. Es geht um das soziologische Leben." Dass der Westfale mit iranischem Vater Spaß am Leben hat – und nicht nur am soziologischen –, glaubt man gern. Seine Augen blitzen bei der Beschäftigung mit "Perspektivendifferenzen" wie beim Erzählen von Frau und Kind. "In der Soziologie gibt es zwei Alternativen. Top oder Flop. Professor oder Taxifahrer."

 

Dennoch kann der Neuling mit seinen Plaudereien nicht jeden Zuhörer mitreißen. Die Kommentare reichen von "Mal was anderes" bis zu der Klage, Nassehis Vorlesungsstil sei verwirrend – besonders für Erstsemester. Vermisst werden abrufbare Fakten, an denen man sich bei der Klausur-Vorbereitung orientieren kann. Nassehi kennt solche Einwände. "Pennälermentalität. Die legt sich mit der Zeit", sagt er und kommt ins Schwärmen: "Irgendwann fängt sie die Erotik der Verfremdung ein."

 

Ein starkes Stück, Montag morgens um neun von Erotik zu reden. Auf der Galerie hängen sie müde über dem Geländer, unten hält sie die Angst vorm Ertapptwerden munter. Nassehi ist wieder unterwegs. "Was ist Sinn?" Das Mädchen mit dem Mikrophon vor der Nase druckst herum, sucht nach Worten. Schließlich sagt sie: "Sinn ist das, was wir in der Welt sehen." Nassehi nickt zustimmend. Für die Uhrzeit keine schlechte Antwort. Der kleine Professor mit Stoppelbart und Rollkragenpulli spurtet zur nächsten Wortmeldung, nimmt drei Stufen auf einmal. Leichtfüßig sieht das aus, doch es ist harte Arbeit: "Man muss die Dinge von Anfang an entwickeln." Seine Konsequenz: "Ich kann meine Forschungsergebnisse erst dann wissenschaftlich vertreten, wenn ich auch in der Lage bin, sie zu lehren."

 

Nach einer Stunde hat er sein Publikum soweit. Spontane Antworten häufen sich, das schmale Mikrophon hat seinen Schrecken eingebüßt. "Preisfrage", verkündet Nassehi und reckt sich fröhlich. "Wo kommt der subjektiv gemeinte Sinn her? Hat jemand eine Idee?" Sein Enthusiasmus ist echt. Um Viertel vor elf ist die Vorstellung vorbei. Nächste Woche die Fortsetzung, gleicher Ort, gleiche Zeit. Wie Armin Nassehi seine Vorlesung versteht? Vor allem als Anleitung zum selbständigen Denken – weg von Paukorgien und Studienordnungen. Wie er das meint, verdeutlicht der Professor am eigenen Beispiel. Er hat Philosophie studiert, Erziehungswissenschaften und sich "nebenbei für allerlei Dinge interessiert" – zum Beispiel für die Soziologie. "Und am Ende bin ich Professor geworden, ohne richtig Soziologie studiert zu haben. Das Leben ist voller Unwägbarkeiten, da kann das Studium doch nicht den traditionellen Weg gehen!"

 

Ein aktuelles Interview mit Armin Nassehi lesen Sie hier. 

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Frohe Weihnachten!

Ich wünsche Ihnen und Ihren Lieben von Herzen frohe Weihnachten. Vielen Dank, dass Sie sich für meinen Blog interessieren. Ich freue mich, wenn das auch im neuen Jahr so bleibt – und werde mir Mühe geben, dass sich der Besuch auf meiner Seite weiterhin lohnt. An spannenden Themen aus Bildung, Wissenschaft und Beruf wird sicherlich auch 2018 kein Mangel bestehen.

Nach Sondersitzung: KMK bereitet Reform der Stiftung für Hochschulzulassung vor

Kurzfristig soll die "Arbeitsfähigkeit" erhöht werden, in einem halben Jahr dann wollen die Wissenschaftsministerien offenbar Hand an die Governance der Dortmunder Behörde legen.

DIE ZUSTÄNDIGEN AMTSCHEFS der Kultusministerkonferenz (KMK) haben auf ihrer Sondersitzung vergangene Woche weitreichende Beschlüsse zur Zukunft der Stiftung für Hochschulzulassung getroffen. Wie berichtet versucht die Stiftung, die unter dem Label „Hochschulstart.de“ hunderttausende Bewerber auf Studienplätze vermittelt, seit Jahren und bislang vergeblich, alle in Frage kommenden Hochschulen wie geplant an die Online-Studienplatzvergabe DoSV anzubinden.

 

Bis Mai 2018 soll eine länderoffene KMK-Arbeitsgruppe unter Beteiligung der Hochschulrektorenkonferenz nun Vorschläge erarbeiten, wie die Stiftung und insbesondere das ihr zugrundeliegende sogenannte Errichtungsgesetz reformiert werden können. Dabei zielen die Amtschefs auf eine „grundlegende Überarbeitung der Governancestrukturen“ ab. Ebenfalls bis Mai 2018 soll der Stiftungsrat die „Funktionsfähigkeit“ der aktuellen Geschäftsführung bewerten sowie „mögliche Konsequenzen“ prüfen. Schon in den kommenden Monaten soll die neue Arbeitsgruppe Maßnahmen erarbeiten, die unabhängig vom Gesetz „die Arbeitsfähigkeit der Stiftung“ erhöhen könnten.

 

Bei der Weiterentwicklung der Hochschulsoftware will die KMK ebenfalls Tempo machen. Denn die flächendeckende Anbindung ans DoSV scheitert auch an der mangelnden Kompatibilität vieler Campus-Management-Systeme (CMS). Konkret will die KMK die Standardisierung vorantreiben und dafür eine Bestandsaufnahme über den Entwicklungsstand und die Entwicklungsziele der CMS in den einzelnen Bundesländern vornehmen.

Wie wir unser Bildungssystem in die Zukunft navigieren

Künstliche Intelligenz, das Internet der Dinge, lernende Maschinen und die Automatisierung verändern unsere Gesellschaft. Darum müssen wir unsere Schulen verändern. Ein Gastbeitrag von Denise Feldner.

DIE VIERTE INDUSTRIELLE REVOLUTION fordert von uns, unser Bildungssystem kreativ zu reformieren. Ein zukunftsorientiertes Verständnis von Schule, Studium und Ausbildung bedingt den strategischen Einsatz des "Internet of Things" und der künstlichen Intelligenz, um die Menschen auf die Anforderungen vorzubereiten, die zukünftige Jobs von ihnen verlangen werden. Doch was bedeutet das konkret?

 

Zunächst müssen Bundes- und Landesregierungen mit den Schulen, Berufsschulen, Universitäten, Weiterbildungseinrichtungen und Unternehmen in einen offenen Dialogprozess einsteigen, um zu klären, mit welchen Qualifikationen wir unsere Weltmarktposition in Wissenschaft und Wirtschaft erhalten können. Als Vorbild kann hier die Strategie "Bildung in der digitalen Welt" dienen, die die Kultusministerkonferenz erarbeitet hat. 

 

Aus diesem auf Dauer angelegten Dialogprozess könnte ein bundesweiter "Kompetenznavigator" entstehen, der nach dem Vorbild des SkillsFramework der Regierung in Singapur international und sektorenübergreifend aufgestellt sein sollte. Ziel wäre eine Informationsplattform für Daten über Entwicklungen, Tendenzen und Bedarfe. Aus der Vernetzung dieser Informationen ergeben sich aktuelle Karrierewege und Kompetenzen. Eine solche Agenda wäre die Plattform für alle Bildungseinrichtungen. 

 

Sie sollte mit Fördermaßnahmen unterlegt werden. So würde es den Bürgern möglich, sich entlang neuester Entwicklungen zu qualifizieren. Der Staat würde in einem weiteren Schritt die Weiterbildungsbemühungen finanzieren, zum Beispiel durch Bildungsgutscheine, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken und um der Digitalisierung Vorschub zu leisten.

 

Arbeitswelt 2030

 

Jeder, der heute das Bildungssystem durchläuft, wird sich – gewollt oder nicht – in der Arbeitswelt 4.0 wiederfinden. Wie die aussieht, ist allerdings in großen Teilen noch unklar. Darum müssen Bildungsangebote zeitgleich auf Kreativitätsförderung, Job-Designs, neue Management- und Führungsmodelle für die Arbeitswelt 4.0 und auf die innovationspolitischen Strategien der Bundesrepublik fokussiert werden. Ein Beispiel, was das für die Schulen der Zukunft bedeuteten könnte, sind so genannte FabLabs – Fabrikationslabore – wie sie mancherorts bereits existieren. Sie bieten neben dem theoretischen Diskurs im Unterricht eine Gelegenheit zum praktischen Handeln: In den FabLabs könnten die Kinder und Jugendlichen den Umgang mit modernen Produktionsverfahren wie dem 3D-Printing lernen.

 

Auch ein Vergleich mit anderen Staaten ist Voraussetzung für eine intelligente Transformation des eigenen Bildungssystems. Gute Beispiele für fundamentale Änderungen bieten zum Beispiel Südkorea und Singapur.

 

Südkorea ist bekannt für sein sehr gutes Bildungssystem. Der letzte Schritt zur Erneuerung war die ganzheitliche Implementierung des Lebenslangen Lernens im TVET-Programm der Regierung. Hier werden in einem Programm die Stränge Bildung in Schule und Universität sowie die duale Ausbildung bis zum lebenslangen Lernen abgebildet. Neben dem starken Fokus auf Innovation und der politisch-rhetorisch (und uns allzu gut vertrauten) Betonung von Bildung als allerhöchstem Gut scheint diese konkrete Strategie von Erfolg gekrönt zu sein. 

 

Auch Singapur, ein Land, das sich strategisch um die Einwanderung nur der allerschlausten Köpfe bemüht, hat einen ebenso strategischen Blick auf die Bildung gerichtet. Mit dem übergreifenden Programm SkillsFuture wird die gesamte Bildungskette abgedeckt und mit Bildungsangeboten unterlegt. Es ist eine langfristige nationale Agenda, die alle Bürger unabhängig vom Stand der Ausbildung und vom Fortschritt des Lebensalters dazu befähigen soll, aktuellste Kompetenzen zu erwerben.

 

Singapur und Korea haben zudem Bildungssysteme, die traditionell früh Mathematik, IT und MINT-relevante Fächer vermitteln, was einen bedeutenden Vorteil bei der Qualifizierung für Jobs der digitalisierten Welt nach sich zieht. 

 

Die künstliche Intelligenz, das Internet der Dinge, lernende Maschinen und die Automatisierung verändern unsere Gesellschaft. Wir wissen auch, dass die demographische Entwicklung, die Individualisierung, die Urbanisierung sowie die Globalisierung, zunehmende politische Unsicherheiten und der Klimawandel unsere Arbeitswelt beeinflussen werden. Diese Trends wirken gleichzeitig auf die Vermittlungsprozesse der Bildung ein, sodass der Wandel aufgegriffen werden muss.

 

Deutschland kann hier seine starke Tradition in den Sozial- und Geisteswissenschaften nutzen. Ohne kritisches Denken, grundlegende Kenntnisse über das soziale Miteinander und die gesellschaftlichen Reaktionen auf künstliche Intelligenz und den Umgang mit privaten Daten im Netz wird es auf Dauer keinen adäquaten Einsatz neuer Technologien geben können. 

 

Hybride Lehrformen 

 

Hochschulen und Wissenschaftseinrichtungen sind das innovative Rückgrat einer Gesellschaft, die sich fundamental verändert. Trotzdem sollte die traditionelle Präsenzlehre nicht ersetzt, sondern durch digitales Buch-, Sammlungs-, Museumsmaterial, verbunden mit einem attraktiven Angebot an Online-Kursen, lediglich ergänzt oder – noch besser – verschmolzen werden. Erste Ansätze sind bereits von der Kiron University und von der Khan Academy entwickelt worden. 

 

Leistungen, die in einem sogenannten MOOC (Massive Open Online Courses)-Modul erbracht werden, müssen künftig wie selbstverständlich beim Zugang in bestehende Studienprogramme anerkannt werden. Universitäten profitieren dabei von erprobten Systemen der Zertifizierung und können digital verträgliche Studienmodelle entwickeln. 

 

Die Universitäten müssen sich aber auch organisatorisch neu aufstellen und dabei vor allem die oft als Insellösung aufgebauten Hochschul-IT-Systeme weiter vernetzen und sichern. Gemeinsame Rechenzentren und Sicherheitslösungen sind eine mögliche Antwort auf bestehende Anforderungen. 

 

Individuelle Wissensvermittlung

 

Der Einsatz künstlicher Intelligenz und neue Analysemöglichkeiten führen zu einer stärkeren Individualisierung der Wissensvermittlung. Das Erheben und Speichern immenser Datenmengen auch in der Bildung wird neue Einblicke in individuelle Lernentwicklungen geben. Eine angemessene Nutzung solcher Instrumente muss schon in der Schule beginnen. Auch hier stellen sich jedoch große regulative Herausforderungen, die sich auf den Berufsbildungs- und Hochschulbereich ausweiten.

 

Denn angesichts zunehmender Mobilität und anhaltender Fluchtbewegungen werden Bildungsbiografien zunehmend nicht mehr linear verlaufen. Dabei kommt es vor, dass Kurse nicht voll absolviert werden können oder etwa nicht mehr alle Zertifikate vorhanden sind. Hier bietet es sich an, das gewohnte Zertifikatssystem in kleinere Module zu zerlegen. Diese können dann ortsunabhängig und zeitunabhängig digital absolviert werden. Auch westliche "Multigrafien" internationaler Studierender lassen sich damit besser abbilden.

 

Neue Technologien können dies durch die Erschaffung von "Global Identities" unterstützen. Global Identities sind digital gespeicherte Lebensläufe mit allen dazugehörigen Zertifikaten und Abschlüssen. Gespeicherte Zertifikate sind so bei physischen Zerstörungen nicht mehr von Verlust betroffen. Die Universitäten stehen für die Echtheit der Informationen ein. Sie sind langlebiger als Unternehmen und versprechen Nachhaltigkeit auch bei der Speicherung der Daten.

 

Damit das funktioniert, werden zwischenstaatliche Einigungen und angepasste Regelwerke zum Umgang mit Daten im nationalen Raum erforderlich. Die Bereitstellung von Speicherplatz und dessen Absicherung müssen in die politischen Entscheidungen einbezogen werden. 

 

Auch der Faktor Mobilität der Menschen ist zu berücksichtigen. Kreative Köpfe werden auf lange Zeit im Zentrum eines hart umkämpften globalen Marktes um Wissen stehen. Sie werden einen großen Anteil am Fortschritt in der digitalen Welt haben und international sehr mobil sein. Die Global Identities könnten daher auch auf das Erwerbsleben ausgedehnt werden (zum Beispiel weltweit gültige Versicherungspolicen). 

 

Ausblick

 

Die neue Bundesregierung ist aufgefordert, die Strategie und die Finanzierung des beschriebenen Wandels hin zur Arbeitswelt 4.0 im Koalitionsvertrag zu verankern, etwa durch eine Weiterentwicklung des Hochschulpakts: Zur Verbesserung der Qualität in der Lehre gehören neue Technologien, der bessere Zugang zu Wissen, die Erfassung und Speicherung von Abschlüssen. 

Zusätzlich muss der Breitbandausbau vorangetrieben werden und das Programmieren schon in der Schule unterrichtet werden. Ein gutes Beispiel dafür ist das Projekt "Coding und Charakter" von der Vodafone Stiftung, das breiter ausgerollt werden könnte.

 

Zwingende Voraussetzung, um voranzukommen auf dem Weg zu einer ganzheitlichen Bildungsbiografie, ist eine funktionierende Zusammenarbeit im Bildungsföderalismus. Insbesondere nach der Abschaffung des bisher gewohnten Bund-Länder-Finanzausgleichs sind hier neue Wege der Vertrauensbildung unumgänglich.

 

Denise Feldner ist Cyber-Juristin und Technologieexpertin in Berlin.

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So geht es nicht weiter

Karlsruhe hat sein Urteil zum Numerus Clausus im Medizinstudium verkündet. Mit weitreichenden Folgen für die künftige Vergabe von Studienplätzen.

Foto: Mehr Demokratie/Nicola Quartz: "mehr-demokratie/25095088385", CC BY-SA 2.0

DAS BUNDESVERFASSUNGSGERICHT HAT den Numerus Clausus im Medizinstudium in seiner bisherigen Form für teilweise nicht vereinbar mit dem Grundgesetz erklärt.

 

Die gesetzlichen Rahmenvorschriften von Bund und Ländern verletzten den grundrechtlichen Anspruch der Bewerber auf gleiche Teilhabe am staatlichen Studienangebot, begründeten die Richter des Ersten Senats ihr Urteil. Außerdem verfehlten die Bestimmungen zum Auswahlverfahren der Hochschulen teilweise die gesetzlichen Anforderungen. Bis zum 31. Dezember 2019 muss die Studienplatzvergabe per Numerus Clausus auf eine neue Grundlage gestellt werden, "welche die verfassungsrechtlichen Beanstandungen beseitigt", heißt es in dem Urteil. Dabei muss die überragende Bedeutung der Abiturnote in den hochschuleigenen  Auswahlfahren beschnitten werden, mindestens ein nicht schulnotenbasiertes Kriterium muss verpflichtend hinzukommen, und die Wartezeiten müssen begrenzt werden. Der Gesetzgeber sei zwar nicht "von Verfassung wegen" auf die Verwendung eines bestimmten Eignungskriteriums oder sogar einer bestimmten Kriterienkombination bei der Zulassung verwiesen, so die Richter. Die Kriterien müssten aber in ihrer Gesamtheit "eine hinreichende Vorhersagekraft" gewährleisten.

 

Bereits in der mündlichen Verhandlung Anfang Oktober hatte sich der Erste Senat skeptisch gezeigt, ob die gegenwärtigen Regelungen zur Studienplatzvergabe in der Humanmedizin verfassungskonform sind. „Irgendwann kommen nur noch die Graubärte rein, irgendwann ist ja auch die Lebenszeit zu Ende“, sagte der Senatsvorsitzende und Vizepräsident des Gerichts, Ferdinand Kirchhof. Derzeit konkurrieren in der Humanmedizin 62.000 Bewerber um 11.000 Plätze, ein Verhältnis von fast 6 zu 1. 20 Prozent der Plätze werden an die Abiturienten mit dem besten Schnitt vergeben, wobei es Länderquoten gibt, um Unterschiede in der Notengebung auszugleichen. Administriert wird die Abiturbestenquote von der Stiftung für Hochschulzulassung (SfH)

 

Bei 60 Prozent der Studienplätze dürfen die Universitäten selbst entscheiden, wie sie ihre Studenten auswählen. Dabei zählt die Abinote jedoch laut bisheriger Vorgabe am meisten – ohne dass bei den unieigenen Verfahren Länderquoten zum Tragen kommen. Die übrigen 20 Prozent gehen an die Bewerber, die am längsten warten, wiederum vermittelt über die SfH. Derzeit verstreichen 15 Semester, bevor sie einen Studienplatz erhalten. 

 

Das Verfassungsgericht war auf eine Vorlage des Verwaltungsgerichts Gelsenkirchen hin tätig geworden. Die Gelsenkirchener Richter hatten in dem konkreten Fall zweier Bewerber entschieden, der Verzicht auf Landesquoten bei den Auswahlverfahren der Hochschulen verletzte ihre im Grundgesetz garantierte Berufsfreiheit, den allgemeinen Gleichheitsgrundsatz und das aus beidem hergeleitete Teilhabrecht der Studienplatzbewerber bei der Vergabe der Studienplätze. Die überragende Bedeutung der Abiturnote im gesamten Auswahlverfahren schließe zudem eine sehr große Gruppe potenzieller Bewerber faktisch von vornherein von der Zulassung aus, befanden die Gelsenkirchener Richter.

 

Die Bestenauswahl per Abiturnote geht in Ordnung – aber...

 

Das sah der Erste Senat in Karlsruhe nur zum Teil so und ließ die 20 Prozent umfassende bundesweite Bestenquote unbeanstandet – vor allem weil es dort besagte Landesquoten gibt. Zudem befanden die Verfassungsrichter, dass an der grundsätzlichen Sachgerechtigkeit der Abiturnote als Eignungskriterium "keine verfassungsrechtlichen Bedenken" bestünden.  Allerdings sei es tatsächlich mit dem Grundgesetz unvereinbar, solange es bei den Auswahlverfahren der Hochschulen keinen "Ausgleichsmechanismus zur Herstellung einer hinreichenden Vergleichbarkeit der Abiturnoten über die Landesgrenzen hinweg" gebe. 

 

Auch deshalb muss künftig bei den hochschuleigenen NC-Verfahren zusätzlich zur Abiturnote verpflichtend mindestens ein "ergänzendes, nicht schulnotenbasiertes" Auswahlkriterium "zur Bestimmung der Eignung" zum Tragen kommen. Womit die Richter vor allem Eignungstests und Bewerbergespräche meinen. Diese "hochschuleigenen Eignungsprüfungsverfahren oder die Auswahl nach vorangegangener Berufsausbildung oder -tätigkeit" müssten unbedingt auf standardisierte und strukturierte Weise erfolgen, erläuterte das Gericht. Was nicht heißt, dass künftig alle das gleiche machen müssen: Die Richter betonten, dass sich die Eignungstests, solange sie die genannten Anforderungen erfüllten, sehr wohl von Hochschule zu Hochschule unterscheiden könnten. Hier kämen sowohl der "Erfahrungsbezug" der Hochschulen als auch die grundgesetzlich geschützte Freiheit von Forschung und Lehre zum Tragen. 

 

Ebenfalls bestimmten die Karlsruher Richter, dass die überlange Wartezeiten begrenzt werden müssen. Ein zu langes Warten beeinträchtige erheblich die Erfolgschancen im Studium und damit die Möglichkeit zur Verwirklichung der Berufswahl.

 

Die Stiftung für Hochschulzulassung muss ihre Verfahren ändern

 

Neu gestaltet werden muss auch die Praxis der SfH, im Rahmen der Abiturbestenquote bislang nur sechs Ortswünsche der Bewerber einzubeziehen, wo sie am liebsten studieren wollen. Das konkrete Verfahren führe derzeit dazu, dass die Chancen der Abiturienten auf einem Studienplatz in erster Linie davon abhingen, welchen Ort sie angegeben hätten – "und nur in zweiter Linie von ihrer Eignung zum Studium". Wenn überhaupt, so dürften Ortswünsche nur von sekundärer Bedeutung für die Zulassungsentscheidung sein. Eine Begrenzung des Zulassungsantrags auf sechs Studienorte sei daher verfassungsrechtlich nicht gerechtfertigt. Hier muss die Stiftung ihr Verfahren ändern – und reagiert bereits. Die SfH stellte nach der Urteilsverkündung einen Hinweis an alle Bewerber auf ihr Bewerberportal "Hochschulstart.de": Die Stiftung werde in den kommenden Tagen ein "offizielles Statement" veröffentlichen. 

 

In einem weiteren Kritikpunkt hatte die SfH bereits vor dem heutigen Urteil nachgebessert. Das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen hatte beanstandet, dass die Wartezeitquote gleichheitswidrig ausgestaltet sei, weil sie allein nach der seit dem Abitur vergangenen Zeit messe. Mit dem Ergebnis, dass Menschen, die sich spontan und zum Beispiel erst nach Jahren in einem anderen Beruf um einen Studienplatz bewerben, vorbeiziehen könnten an Studieninteressenten, die sich viel früher beworben haben und immer noch ihre Wartesemester absitzen. Künftig will die SfH allein auf Bewerbungssemester abheben, nicht mehr auf die seit der Hochschulzugangsberechtigung vergangene Zeit. 

 

Die Konsequenzen des Karlsruher Urteils dürften weit über die Humanmedizin und die anderen bundesweit administrierten NCs in Tier- und Zahnmedizin sowie Pharmazie hinausreichen. Die überwiegende Zahl der Zulassungsverfahren bei lokalem Numerus Clausus verläuft bislang nach ähnlichen Kriterien wie die hochschuleigenen Verfahren im Medizinstudium – woraus sich auch derselbe Reformbedarf ergibt. Es werden spannende zwei Jahre bis Ende 2019.

 

Meine ausführliche Einordnung des Urteils finden Sie in der ZEIT.

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"Irgendwann kommen nur noch die Graubärte rein"

Morgen entscheidet das Bundesverfassungsgericht über die Zukunft des Numerus Clausus. Ein totaler Systemwechsel ist möglich – aber unwahrscheinlich.

Foto: pixabay/geralt
Foto: pixabay/geralt

WER ARZT WERDEN will und keine 1,2 (besser eine 1,0) im Abi anpeilt, sollte viel Zeit mitbringen. Bis zu 15 Semester müssen Schulabgänger warten, um einen Medizin-Studienplatz zu ergattern. „Irgendwann kommen nur noch die Graubärte rein“, sagt Ferdinand Kirchhof. 

 

Schon dass jemand wie Kirchhof einen solchen Satz sagt, lässt aufhorchen. Er ist Vizepräsident des Bundesverfassungsgerichts, und das befasst sich seit Oktober mit den Folgen seiner eigenen Rechtsprechung. An einem Sommertag im Jahr 1972 entschieden Kirchhofs Vorgänger: Weil das Grundgesetz die freie Berufswahl garantiert, muss jeder Mensch, der die Fähigkeiten dazu hat, auch studieren können, was er oder sie will. Der Staat müsse dafür sorgen, indem er die Plätze schafft und, wenn sie einmal zu knapp werden, ihre faire Verteilung organisiert. Der „Numerus Clausus“ (NC) war geboren, und die Argumentation der damaligen Verfassungsrichter zeigt: Eigentlich sollte er die große Ausnahme bleiben.

 

Tatsächlich wurde aus dem Notbehelf der Normalfall. Derzeit konkurrieren 62.000 Bewerber um 11.000 Plätze, ein Verhältnis von fast 6 zu 1. In den Neunzigern lag es bei 2 zu 1. Und so steigt die Wartezeit. Der NC in der Medizin funktioniert so: 20 Prozent der Plätze werden an die Abiturienten mit dem besten Schnitt vergeben, bei 60 Prozent dürfen die Universitäten selbst entscheiden, wie sie ihre Studenten auswählen, wobei die Abinote am meisten zählt. Die letzten 20 Prozent gehen an die Bewerber, die am längsten warten.  

 

Doch nicht nur die Bewerberzahlen unterscheiden sich von 1972. Experten kritisieren, dass die Abinoten im Zehnjahres-Vergleich stark gestiegen sind, doch haben die Zensuren wenig mit den tatsächlichen Leistungen zu tun. Berlins Abiturienten etwa gehen inzwischen fast mit dem gleichen Schnitt (2,40) nach Hause wie die Bayern (2,30). Man muss gar nicht erst die anders ausfallenden Pisa-Ergebnisse bemühen, um zu merken, dass da was schräg ist. Übrigens auch innerhalb der Bundesländer beim Vergleich von Schule zu Schule.

 

Das sei ungerecht, argumentierte das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen und hatte das Verfassungsgericht aufgefordert zu entscheiden, ob die geltenden NC-Vorschriften noch mit dem Grundgesetz-Recht auf freie Berufswahl vereinbar sind. Beim ersten Mal verweigerten die Karlsruher Richter die Annahme: Die Vorlage sei schlecht begründet. Den zweiten Anlauf aus Gelsenkirchen konterten sie mit einem Seufzen und einem Verhandlungstermin.

 

Bei der Verhandlung fiel Kirchhofs Satz von den Graubärten. Am 19. Dezember nun verkündet das Bundesverfassungsgericht seine Entscheidung. Werden die Richter den NC insgesamt kippen? Unwahrscheinlich, denn dann müssten sie die Politik verdonnern, genügend Studienplätze für alle zu schaffen. Ein Medizin-Platz kostet aber rund 250.000 Euro. 

 

Der Studierendenverband fzs hat indes im Vorfeld der Entscheidung ein Gutachten veröffentlicht, das zeigen soll: Das Argument mit den Zusatzkosten ist vielleicht gar kein so gutes. Durch „Vereinheitlichung der Lehrdeputatstunden und Umwandlung einiger befristeter Stellen in Unbefristete“, so der fzs, könnten die Universitäten rechnerisch 438 Studienplätze in Humanmedizin mehr anbieten. „Das entspricht etwa zwei medizinischen Fakultäten, ohne dass für die Hochschulen ein finanzieller Mehraufwand entstehen würde.“ Erstellt hat das Gutachten der Fachanwalt und Experte für Zulassungsrecht Wilhelm Achelpöhler. Der betont, dass seine Berechnungen sich auch auf andere Disziplinen übertragen ließen. „Selbstverständlich führen die vorgeschlagenen Maßnahmen auch in anderen NC- Fächern zu einer deutlichen Erhöhung der Zahl der Studienplätze. Insgesamt können allein durch diese beiden Maßnahmen mehrere Tausend zusätzliche Studienplätze geschaffen werden. Dazu bedarf es nicht zusätzlicher Geldmittel“, zitiert der fzs Achelpöhler. 

 

Der Verweis auf andere Fächer ist deswegen wichtig, weil die Entscheidung der Verfassungsrichter in der Tat Folgen haben könnte, die über die Human-, Zahn- und Tiermedizin hinausgehen. So werden auch in Pharmazie die Studienplätze im bundesweiten Verfahren zentral verteilt, zudem orientieren sich die lokalen Vergabeverfahren (44 Prozent der grundständigen deutschen Studiengänge sind zulassungsbeschränkt!) an den Regeln für bundesweite NCs. 

 

Wahrscheinlicher als das grundsätzliche Kippen der Zulassungsbeschränkung, die der fzs fordert, ist allerdings, dass die Richter die maximale Wartezeit beschränken könnten, was zumindest auf (etwas) mehr Studienplätze hinausliefe. Möglich wäre auch, dass sie die Bedeutung der Abinote relativieren und zusätzliche Auswahlverfahren verpflichtend machen. 

 

taz-Autor Ralf Pauli forderte am Wochenende die totale Abkehr von der Abiturnote zugunsten verbindlicher Eingangsprüfungen an den Hochschulen. Eine Entscheidung, die „politischen Mut erfordern“ würde, denn, wie Pauli zu Recht anmerkt, würde so das Abitur als zentraler Leistungsmaßstab entwertet. Doch: „Die Vergabe der Studienplätze würde gerechter.“

 

 

Dieser Artikel erschien zuerst in der ZEIT-Beilage "Abitur". Für den Blog wurde er aktualisiert und ergänzt.

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Zahlenspiele

Weil sich deutlich weniger internationale Studenten an Baden-Württembergs Hochschulen eingeschrieben haben, erklären Kritiker die gerade eingeführten Studiengebühren für gescheitert. Doch ihr Erfolg entscheidet sich nicht an statistischen Momentaufnahmen.

Clker-Free-Vector-Images/Pixabay
Clker-Free-Vector-Images/Pixabay

DIE ZAHL DER Studienanfänger aus Nicht-EU-Ländern an Baden-Württembergs Hochschulen ist gegenüber dem Vorjahr um 21,6 Prozent zurückgegangen. Schuld sind die Studiengebühren für diese Studierendengruppe, die das Land auf Initiative der grünen Wissenschaftsministerin Theresia Bauer zum Wintersemester eingeführt hatte. 1500 Euro werden jetzt pro Semester fällig, 300 davon sollen in die bessere Betreuung fließen, um die hohen Abbrecherquoten unter internationalen Studenten zu senken. Mit dem Rest will Bauer Löcher in der Hochschulfinanzierung stopfen.

 

Nach Bekanntwerden der vorläufigen Einschreibezahlen unternahm die Grüne Jugend beim Landesparteitag am vergangenen Wochenende vergeblich den Versuch, das Bezahlstudium zu kippen. Die Gebührengegner fühlen sich bestätigt, sehen in dem Rückgang um ein Fünftel eine katastrophale Entwicklung und den Beleg dafür, dass das Bezahlstudium gerade die Studenten aus armen Ländern und Familien dauerhaft vertreiben wird. 

 

Eine Deutung, die sich als voreilig herausstellen könnte. Der Schwund entspricht exakt der Größenordnung, die Bauer selbst vor einem Jahr prognostiziert hatte. Nicht aus dem hohlen Bauch heraus, sondern weil andere Länder wie Schweden und Dänemark einen ähnlichen Rückgang verzeichneten, nachdem sie Studiengebühren für Nicht-EU-Bürger eingeführt hatten. Die Ministerin kann insofern mit einigem Recht nun wiederum auf diese Länder verweisen, wenn sie von einer Erholung der Zahlen in den kommenden Jahren ausgeht. Zu der ist es dort nämlich auch gekommen. >>



>> Besonders aufmerksam dürfte Nordrhein-Westfalens schwarz-gelbe Koalition die Zahlen analysieren, hatte sie bei Regierungsübernahme doch angekündigt, das baden-württembergische Gebührenmodell kopieren zu wollen. Die Güte einer Idee entscheidet sich allerdings nicht an kurzfristigen Immatrikulationsstatistiken. So wie ein (möglicherweise vorübergehendes) Wegbleiben internationaler Erstsemester nicht automatisch als Argument gegen das Bezahlstudium taugt, wird ihre Rückkehr nicht den Mehrwert beweisen. Die viel wichtigeren Fragen lauten: Nutzen die Hochschulen ihren Anteil an den Gebühren tatsächlich, um die Neuankömmlinge besser ins und durch das Studium zu führen? Und: Gelingt es Ministerin Bauer, in den nächsten Jahren mehr als nur einen Bruchteil der Gebühren an die Hochschulen zu geben? Andernfalls wird ihre Legitimation auf Dauer leiden – und zwar zu Recht. 

 

Die Gebühren nur für Nicht-EU-Ausländer träfen die Schwächsten unter den Studenten, kritisieren Studierendenverbände – was angesichts der vielen Ausnahmeregelungen und Stipendien gerade für Anfänger aus Entwicklungsländern nicht der Fall sein dürfte. Man kann die Kritik aber auch in ihr Gegenteil wenden: Die Hochschullehre ist seit vielen Jahren chronisch unterfinanziert. Warum also reden wir nicht endlich wieder darüber, wie wir die Stärksten in unserer Gesellschaft – die einheimischen Akademiker – direkt und sozial verträglich an den Kosten ihrer Ausbildung beteiligen, von der sie ja auch direkt profitieren? 

 

So angemessen Studiengebühren für alle wären, drängt sich ein Verdacht auf: Nur die internationalen Studenten werden zur Kasse gebeten – weil ihnen die nötige Lobby fehlt. 

 

Dieser Beitrag erschien heute zuerst in meiner Kolumne "Wiarda will's wissen" im Tagesspiegel. 


Wie ein Gebührenmodel für alle aussehen könnte

2013 beschloss mit Niedersachsen das letzte Bundesland, Studienbeiträge abzuschaffen. Zwischenzeitlich hatten Studenten in bis zu sieben Bundesländern zahlen müssen. Mit dem niedersächsischen Beschluss war die gern als „Campus-Maut“ verspottete Gebühr von maximal 1000 Euro pro Jahr in Deutschland politisch tot – nur sieben Jahre nach ihrer Einführung. Eine Neuauflage müsste nach einem völlig anderen Modell erfolgen: nachgelagert – also fällig erst nach dem Studium und erst nach Erreichen einer vernünftigen Einkommenshöhe. Dazu zinssubventioniert, damit die Gebührenschuld nicht stärker als die Inflation steigt. Schließlich müssten die restlichen Gebühren nach einer Anzahl von Jahren erlassen werden, falls Absolventen nicht oder nur zeitweise über die Rückzahlungsschwelle bei ihrem Einkommen gelangt sind. 

 

Auch wenn die Gebührenzahlung nachgelagert sein sollte – die Hochschulen müssten sofort das zusätzliche Geld erhalten, vorgestreckt vom Staat. Womit zweierlei klar ist:

Erstens ist ein wirklich sozialverträgliches Studienmodell für den Staat das Gegenteil eines Sparprogramms. Zweitens würde es idealerweise eine Mitwirkung des Bundes erfordern, um die Gebührenausfälle und die Zinssubventionen abzusichern. 

 

Das Ergebnis wäre es freilich wert: Zahlen würden später nur diejenigen, die es sich wirklich leisten könnten – und nur solange sie genug verdienen. Keiner müsste eine lebenslange Verschuldung fürchten. Und das Geld käme trotzdem und vollständig bei den Hochschulen an – was den wichtigsten Unterschied zu der häufig erhobenen Forderung darstellt, statt Studiengebühren einfach die Einkommensteuer für alle (und damit im Übrigen auch für die Nicht-Akademiker) zu erhöhen.

 

Im Hintergrund werden ähnliche Modelle seit längerem diskutiert – die öffentliche Debatte scheut die Politik hingegen noch immer. 



Nach "drei bis vier Jahren" ausgeglichen?

IM WINTERSEMESTER 2017/18 haben sich nach vorläufigen Zahlen insgesamt 5155 Studienanfänger aus Nicht-EU-Staaten an Baden-Württembergs Hochschulen eingeschrieben, teilte das Stuttgarter Wissenschaftsministerium mit – 21,6 Prozent weniger als im Vorjahr. Ressortchefin Theresia Bauer (Grüne) sprach von einem "moderaten Rückgang" über alle Hochschularten hinweg. Trotzdem liege die Zahl der internationalen Studenten immer noch über dem Niveau des Wintersemesters 2011/12.  Sie erwarte, dass der Rückgang nach drei bis vier Jahren ausgeglichen sein werde. Parallel zu den Studiengebühren für internationale Studenten wurde auch ein Zweitstudium kostenpflichtig – und zwar für alle Studenten. Es kostet jetzt 650 Euro pro Semester. 

 

Die Landeschef der Grünen Jugend, Lena Schwelling, bezeichnete die Studiengebühren für internationale Studenten laut dpa als ein falsches Signal – besonders in diesen Zeiten, in denen es einen globalen Trend dazu gebe, Grenzen hochzuziehen. 

 

Maimouna Oattara, die Sprecherin des Bundesverbands ausländischer Studierender (BAS), kritisierte, einerseits würden "händeringend" Fachkräfte gesucht. "Andererseits werden Fachkräfte aktiv von der Landespolitik abgeschreckt mit solch einer Unwillkommenskultur.“

 

Das Wissenschaftsministerium betonte, es existierten "sehr detaillierte Ausnahmen und Befreiungsregeln". So zahlten Flüchtlinge keine Gebühren, und für entwicklungspolitische Aspekte gebe es umfangreiche Ausnahmen, ebenso für BAföG-Empfänger, bei "aufenthaltsrechtlichen Besonderheiten" oder für Studierende im Rahmen von Hochschulaustauschprogrammen. Zudem könnten die Hochschulen selbst "besonders begabte" Studenten von den Gebühren zu befreien.

 

Theresia Bauer kündigte an, im Laufe des laufenden Semesters einen Monitoring-Beirat unter dem Vorsitz von Antonio Loprieno einzusetzen, der die Auswirkungen beider Gebührenarten überprüfen soll. So war es bereits im Studiengebührengesetz vorgesehen. Loprieno ist Präsident des österreichischen Wissenschaftsrats. 

 

Rein rechnerisch geht das Wissenschaftsministerium angesichts der aktuellen Immatrikulationsszahlen von Mehreinnahmen von rund 14 Millionen Euro durch Studiengebühren und Verwaltungskostenbeiträge aus. Da aber noch Ausnahmeregelungen und Befreiungen zu berücksichtigen seien, dürften sich der Ertrag des ersten Jahres am Ende auf rund zehn Millionen Euro belaufen. Bis 2022 sollen die Einnahmen dann auf 45 Millionen Euro jährlich steigen. 

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Unis, geht auf die Fachhochschulen zu!

Der Stifterverband hat Beispiele gesammelt, wieso Partnerschaften zwischen Universitäten und Fachhochschulen sich lohnen. In der Realität ist die Distanz zwischen beiden Hochschultypen allerdings immer noch gewaltig. Ein Interview mit dem zuständigen Programmleiter Mathias Winde.

Mathias Winde. Foto: privat
Mathias Winde. Foto: privat

Herr Winde, der Stifterverband veröffentlicht heute eine Untersuchung zum Verhältnis der Hochschultypen und stellt gleich zu Anfang fest: „Fachhochschulen werden als Kooperationspartner für Universitäten immer attraktiver.“ Schaut man sich die Befunde Ihrer Studie im Detail an, drängt sich allerdings der gegenteilige Befund auf: Die Universitäten scheinen die Zusammenarbeit mit Fachhochschulen zu meiden. 

 

Zugegebenermaßen tut sich eine Kluft auf zwischen dem Nutzen, die Partnerschaften zwischen Universitäten und Fachhochschulen beiden Seiten bringen könnten, und der mangelnden Begeisterung, mit der vor allem die Universitäten vielerorts zur Tat schreiten. Dabei reden eigentlich alle von Kooperationen in der Wissenschaft: Es ist in den vergangenen zehn Jahren gelungen, die sogenannte Versäulung zwischen außeruniversitären Forschungseinrichtungen und Universitäten aufzubrechen. Auch Universitäten arbeiten dank Exzellenzinitiative und anderer Programme untereinander viel intensiver zusammen als früher: im Rhein-Main-Gebiet genauso wie in Berlin oder im Ruhrgebiet. Nur im Zugehen auf die Fachhochschulen ist die Zurückhaltung immer noch groß.

 

Und das wollen Sie mit Ihrer Studie ändern?

 

Nicht nur wir. Für Januar hat der Wissenschaftsrat eine Empfehlung zur regionalen Hochschulentwicklung angekündigt, auf die wir gespannt warten. Es ist doch frappierend, wie sich in vielen Regionen die Gewichte verschoben haben. Traditionell waren die Universitäten die Platzhirsche, und dann gab es in ihrer Peripherie deutlich kleinere Fachhochschulen. Man steht sich argwöhnisch gegenüber. Inzwischen beobachten wir aber vor allem abseits der großen Metropolen eine wirkliche Dualität beider Hochschultypen. An einigen Orten sind die Fachhochschulen bereits so dynamisch gewachsen, dass sie von ihren Studierendenzahlen mit den Unis gleichgezogen haben und diese in den kommenden Jahren sogar überholen werden. Es entsteht ein paritätisches Kräfteverhältnis, in dem beide Partner sich viel zu bieten haben. 

 

Bund und Länder haben doch deshalb vergangenes Jahr den Wettbewerb „Innovative Hochschule“ aufgelegt, um die Zusammenarbeit zwischen Unis und FHs zu fördern. Reicht das noch nicht?

 

Der Wettbewerb hat geholfen. Vor allem hat er bereits bestehende Kooperationen verstärkt, und für einige Fachhochschulen war es eine neue Erfahrung, in einem Verbundantrag mit Universitäten die Sprecherrolle zu übernehmen. Allerdings blieb die „Innovative Hochschule“ auf ein Feld beschränkt: den Wissens- und Technologietransfer. Dabei geht es in der Zusammenarbeit um viel mehr, um die Lehre genauso wie um die Forschung oder die Administration. Und gerade diese Bereiche sind unterbelichtet. 

 

Sie reden immer von ungenutzten Potenzialen. Machen Sie das doch mal konkret.

 

Genau das tun wir in der Studie, indem wir sogenannte Best-Practice-Beispiele vorstellen. Wir haben in den vergangenen Jahren gelernt, dass die meist besser überzeugen als alle theoretischen Abhandlungen. Nehmen wir die Universität Jena und die benachbarte Ernst-Abbe-Hochschule. Beide sind mit einer in Ostdeutschland häufigen Problematik konfrontiert: Die Abiturientenjahrgänge schrumpfen, der Wettbewerb um die Studienanfänger verschärft sich. Anderswo reagieren Hochschulen, indem sie sich noch stärker voneinander abgrenzen, ihr „Profil“ betonen und Lobbyarbeit im zuständigen Wissenschaftsministerium betreiben, nach dem Motto: Wenn ihr Studienplätze abbauen wollt, dann bitte bei den anderen. In Jena gehen Uni und Fachhochschule einen anderen Weg. Sie haben gemeinsame Studiengänge aufgelegt und ihre Studienmodule für die Studierenden der jeweils anderen Hochschule geöffnet – genauso wie ihre Werkräume und Labore. Anstatt gegeneinander um die weniger werdenden Studierenden zu kämpfen, etablieren die beiden Hochschulen jetzt ein gemeinsames Markenzeichen in der Lehre: ihre gegenseitige Durchlässigkeit. 

 

Und das ist mehr als ein netter Marketinggag?

 

Es wird gelebt. Wenn zum Beispiel FH-Studenten merken, dass sie sich für eine forschungsorientierte Lehre interessieren, können sie die entsprechenden Seminare an der Universität belegen und im Master vielleicht ganz dorthin wechseln. Und wenn Universitätsstudenten ihr Studium zu abstrakt wird, müssen sie nicht abbrechen, sondern können ihre Studienleistungen verlustfrei an die Fachhochschule mitnehmen. Im Ergebnis führt das Jenaer Kooperationsmodell dazu, dass sich mehr junge Menschen aus dem Ausland und aus anderen Regionen in Deutschland für ein Studium in Jena interessieren. 

 

Vorhin sprachen Sie von Kooperationen in der „Administration“. Was kann man sich darunter vorstellen?

 

Die Hochschulen klagen zu Recht darüber, dass die Gesellschaft immer mehr Erwartungen an sie richtet. Sie sollen nicht nur Lehre und Forschung betreiben, sie sollen auch die Weiterbildung vorantreiben. Zum Technologietransfer kommt die Gründerförderung. Alles richtig und wichtig, doch die Hochschulen sind mit alldem oft überfordert. Also schaffen sie pro forma hier und da ein paar Stellen und kommen auf keinen grünen Zweig. Ganz anders, wenn sie ihre Aktivitäten mit denen einer anderen Hochschule clustern. Plötzlich erreichen sie die kritische Masse, und das Ding hebt ab. In Kaiserslautern zum Beispiel haben TU und Fachhochschule ein gemeinsames Gründerzentrum aufgebaut, das sehr erfolgreich operiert. Und das Ganze hat einen praktischen Nebeneffekt: Im Gründerzentrum treffen unterschiedliche Typen mit ihren Ideen aufeinander, plötzlich entstehen neue Vorhaben und Firmen, die sich Uni- und FH-Absolventen nur gemeinsam ausdenken können. 

 

Im Augenblick ist im Verhältnis von Universitäten und Fachhochschulen meist vom Streit ums Promotionsrecht die Rede. Haben Sie da in Ihrer Studie auch positive Beispiele parat, wie sich Ärger vermeiden lässt?

 

Es gibt da zum Beispiel „MoRits“, einen Forschungsverbund der Universität und Fachhochschule Bielefeld in der Biotechnologie und in den Nanowissenschaften. Die Bielefelder haben ein beispielhaftes Promotionsmodell entwickelt, wobei man dazu sagen muss, dass Nordrhein-Westfalen und andere Länder die kooperative Promotion mittlerweile an vielen Orten fördern und vorantreiben. Aber an „MoRits“ lässt sich gut zeigen, was man alles machen kann. In dem Verbund arbeiten Absolventen ingenieur- und naturwissenschaftlicher Studiengänge zusammen, und zwar von Fachhochschule und Universität. Auch ihre Retreats verbringen sie gemeinsam. Und bei ihrem Promotionsprojekt werden sie jeweils von einem Uni- und einem FH-Prof betreut, wobei noch etwas Besonderes hinzukommt: Die Federführung hat immer ein Professor von der Hochschule des Promovierenden, also je nachdem auch ein FH-Professor. Mehr Gleichstellung der Doktoranden, aber auch der Professoren geht nicht. 

 

Ihre Beispiele in Ehren: Am Ende müssen sie die krasse Ausnahme sein, wenn die Kooperationen insgesamt so rar sind. 

 

Sie sind selten, das stimmt. Das hat ja auch seine Gründe. In der Studie zitieren wir einen Uniprofessor mit dem Satz: „Es ist leichter, den Studierenden nach Hongkong zu schicken als an die Fachhochschule nebenan.“ Die bürokratischen Hürden sind enorm, das fängt bei den unterschiedlichen Einschreibeformalitäten an, geht weiter mit den Anforderungen an den Datenschutz und endet mit etwas so Banalem wie unterschiedlichen Semesterzeiten. Auch die unterschiedliche Vergütung von Fachhochschul- und Universitätsprofessoren und –mitarbeitern erschwert die Zusammenarbeit. Hinzu kommen psychologische Hürden. Universitäten definieren sich vor allem über ihre Forschungsleistung, es gibt Professoren, die haben uns gesagt: „Solange wir für einen Projektantrag, den wir gemeinsam mit einer FH bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft einreichen, eher Malus- als Bonuspunkte bekommen, lassen wir das lieber.“ 

 

Klingt in der Tat nach guten Gründen.

 

Man darf aber eines nicht vergessen: So dynamisch die Fachhochschulen bei den Studierenden zugelegt haben, so beeindruckend ist ihr Wachstum auch bei den Forschungsleistungen. In den vergangenen zehn Jahren haben FH-Forscher die Zahl ihrer Publikationen, die nach Peer Review von den führenden wissenschaftlichen Zeitschriften angenommen wurden, um 166 Prozent steigern können. Und immer mehr davon sind Koproduktionen mit Uniforschern. Selbst im Bereich der genuinen Forschung und Grundlagenforschung sieht man also, dass die Fachhochschulen zunehmend interessante Partner werden. 

 

Wobei 166 Prozent besser klingt als die absolute Zahl von insgesamt gerade mal 2600 Artikeln aus der Feder von FH-Wissenschaftlern im Jahr 2016, die Sie für Ihre Studie gezählt haben. 

 

Das stimmt. Aber selbst in der Forschung gibt es immer mehr Fachbereiche und Professoren, die mit den Universitäten sehr wohl mithalten können von ihrer Forschungsleistung her. 

 

Warum engagiert sich der Stifterverband überhaupt bei dem Thema? Was ist für Sie drin?

 

Wir bieten den Hochschulen ein Transfer-Audit an und beraten sie bei diesem Thema. Dabei hat uns hellhörig gemacht, was wir aus vielen Unternehmen hören. Die berichten uns nämlich, dass sie in vielen Regionen Kooperationen sowohl mit Universitäten und Fachhochschulen pflegen, aber dass diese Kooperationen in den meisten Fällen komplett getrennt voneinander ablaufen. Es herrscht eine große Distanz zwischen den Hochschulkulturen, beide Hochschultypen haben jeweils ihre eigenen Fachvertreter und Verbünde. Sobald die Wissenschaftsministerien dann zu mehr Kooperation auffordern, kommen sofort die üblichen Abwehrreflexe aus der Angst heraus, die Politik wolle Geld sparen. Deshalb haben wir uns beim Stifterverband gefragt, wer das Thema „Partnerschaften von Universitäten und Fachhochschulen“ eigentlich anstoßen kann. Das Ergebnis ist unsere Studie. 

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Auf den letzten Drücker

Bundesregierung veröffentlicht ihren überfälligen BAföG-Bericht – allerdings mit verwässerten Schlussfolgerungen.

Claim auf der BMBF-Homepage
Claim auf der BMBF-Homepage

HEUTE HAT DIE Bundesregierung ihren 21. BAföG-Bericht vorgelegt. Damit ist sie auf den letzten Drücker ihrer Verpflichtung nachgekommen, bis Ende 2017 Bilanz zu ziehen bei den „Bedarfssätzen, Freibeträgen sowie Vomhundertsätzen und Höchstbeträgen“, deren Überprüfung der Bericht dient. 

 

Das 56-seitige Dokument umfasst 2012 bis 2016, was insofern ganz praktisch ist, weil die Bundesregierung das Zahlenwerk so unter eine Art Aktualisierungsvorbehalt stellen konnte. Zitat auf Seite 55: Dem „beschriebenen Rückgang der Gefördertenquote“ sei mit den „umfangreichen Leistungsverbesserungen durch das 25. BAföGÄndG“ bereits Rechnung getragen worden. „Allerdings konnte sich dies in der BAföG-Statistik 2016 angesichts der Veränderung nur für wenige Monate in 2016 noch nicht voll abbilden.“ 

 

Sechs Jahre ohne Bafög-Anpassung nach der Erhöhung der Bedarfssätze und Freibeträge zum 1. Oktober 2010 haben tatsächlich tiefe Spuren hinterlassen. Laut Bericht ist die Quote der geförderten Studenten zwischen 2012 und 2016 von 28,0 auf 22,1 Prozent gefallen. Umso mehr setzt die Bundesregierung nach der überfälligen Erhöhung nun offenbar darauf, für 2017 einen Anstieg der Gefördertenquote vermelden zu können – was durchaus auch wahrscheinlich ist. Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) sagte: „Der Bericht unterstreicht, dass die letzte BAföG-Reform richtig und wichtig war.“ 

 

Für so richtig vorzeigbar scheint Wankas Ministerium den Bericht allerdings selbst nicht zu halten – eine eigene Pressemitteilung blieb aus, der Bericht erschien ohne weiteren Hinweis auf einer Unterseite der BMBF-Homepage.

 

Das Deutsche Studentenwerk (DSW) wies in einer ersten Reaktion darauf hin, dass der Nachholbedarf vor der 2016er Erhöhung besonders groß war und die Novelle insofern unzureichend sei. Laut Sozialerhebung erhielten aktuell sogar nur noch 18 Prozent der Studenten Bafög, „das ist der tiefste Wert seit Anfang der 1990er Jahre.“

 

Der grüne Bildungsexperte Kai Gehring befand: „Das BAföG ist auf Talfahrt“. Die Novelle von 2016 sei „vollständig verpufft.“ Somit erfülle die Ausbildungsförderung immer weniger ihren Zweck „als wichtigstes Bildungsgerechtigkeitsgesetz in unserem Land.“ Die große Koalition habe mit ihrem Wirken „das Vertrauen einer ganzen Studierendengeneration in das BAföG“ erschüttert. Gehring forderte „eine große BAföG-Reform“. Auch der stellvertretende bildungspolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Oliver Kaczmarek, erklärte es zur Messlatte künftiger Koalitionsverhandlungen, „ob und in welcher Form strukturelle Reformen beim BAföG vereinbart werden können.“ 

 

DSW-Präsident Dieter Timmermann lobt die Bundesregierung immerhin für die Schlussfolgerung, die sie am Ende des BAföG-Berichts zieht. Dort schreiben die Autoren: „Aus der Gesamtsicht der in diesem Bericht dargestellten Entwicklungen folgt, dass eine mögliche Neufestlegung der Bedarfssätze und Freibeträge sowie der Höchstbeträge bei den Sozialpauschalen eine Aufgabe der künftigen Bundesregierung ist." Passend dazu gab Bundesbildungsministerin Wanka  heute ihre Überzeugung zu Protokoll, dass die Bundesregierung auch in der neuen Legislaturperiode „das Vertrauen in die Verlässlichkeit der staatlichen Ausbildungsförderung gewährleisten“ werde.

 

Endlich habe die Bundesregierung ein Einsehen in den Handlungsbedarf beim Bafög, sagte DSW-Präsident Timmermann und fügte mit leichter Süffisanz hinzu: „Allerdings hindert niemand die geschäftsführende Bundesregierung, dies schon jetzt auf den Weg zu bringen.“

 

Die DSW-Spitze trifft umso besser, weil die Bundesregierung die Schlussfolgerung im Bericht gegenüber der ursprünglichen Fassung deutlich verwässert hat. Eine Anhebung der Bedarfssätze und Freibeträge sowie der Höchstbeträge bei den Sozialpauschalen werde „notwendig“, hatte die ursprüngliche Formulierung gelautet. Pikant ist in dem Zusammenhang auch, dass das Bundesbildungsministerium vor Abfassung der Schlussfolgerungen keine Einschätzung des unter anderem zu diesem Zweck eingerichteten „Beirats für Ausbildungsförderung“ abgefragt hat, in dem unter anderem das DSW sowie Vertreter der Arbeitgeber, Gewerkschaften und kommunale Spitzenverbände sitzen. 

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Krise bei "Hochschulstart.de": Politik will offenbar handeln

Die ehemalige ZVS produziert seit Jahren eine Panne nach der anderen. Nach dem jüngsten Fiasko bei der Online-Studienplatzvergabe planen die Kultusminister Konsequenzen. Am Mittwoch treffen sich ihre Amtschefs zur Sondersitzung.

Screenshot des DoSV-Onlineportals
Screenshot des DoSV-Onlineportals

DIE KRISE DER STIFTUNG für Hochschulzulassung (SfH) ist so ernst, dass die Wissenschaftsministerien offenbar endlich zu tiefgreifenden Veränderungen bereit sind. „Wir haben eine Menge Zeit verloren und brauchen jetzt eine Zäsur“, sagt die Brandenburger Staatssekretärin Ulrike Gutheil, die Ende November zur Stiftungsratsvorsitzenden der SfH gewählt worden ist. 

 

Die Stiftung vermittelt unter dem Label „Hochschulstart.de“ hunderttausende Studienbewerber auf Studienplätze. Über die tiefgreifenden Probleme der Stiftung hatte ich wiederholt berichtet, zuletzt im September.  Gutheil, ehemalige Kanzlerin der Technischen Universität Berlin, gilt nun als treibende Kraft hinter der neuen Entschlossenheit der KMK, in der Dortmunder Hochschulstart-Zentrale aufzuräumen. An diesem Mittwoch hat die Kultusministerkonferenz zu einer Sondersitzung eingeladen, die sogenannte Amtschefskommission „Qualitätssicherung in Hochschulen“ berät über die Zukunft von „Hochschulstart.de“. 

 

Seit Jahren läuft die Stiftung ihren eigenen Ankündigungen hinterher. Die Anbindung der Hochschulen an die vor sechs Jahren (schon damals mit erheblicher Verspätung) gestartete Online-Studienplatzvergabe DoSV klappt weiter nur zögerlich. Im Sommer hatte die Stiftung den Wissenschaftsministern der Länder mitgeteilt, dass sie voraussichtlich erst zum Wintersemester 2020/21 alle relevanten Hochschulen in Deutschland erreichen wird. Damit wird das ursprüngliche Ziel, bereits 2018/19 alle in Frage kommenden Hochschulen mit möglichst allen örtlich zulassungsbeschränkten Einfach- und Mehrfachstudienangeboten einzubinden, deutlich verfehlt.

 

Zum aktuellen Wintersemester nutzten zwar 129 von schätzungsweise 175 möglichen Hochschulen DoSV, die Zahl der angeschlossenen Studiengänge beträgt mittlerweile 1080. Was auf den ersten Blick gar nicht schlecht aussieht, erweist sich auf den zweiten jedoch als Fiasko: Es gibt deutschlandweit mehr als 4000 Studiengänge, die eigentlich bis 2018 flächendeckend ins DoSV eingebunden werden sollten. >>


Fast zehn Jahre Verzögerung

Das 2009 initiierte „Dialogorientierte Serviceverfahren“ (DoSV) sollte das sich jährlich wiederholende bundesweite Zulassungschaos bei der Studienplatzvergabe beenden: Keine Bewerber mehr, die monatelang auf eine Zusage warten und dann mitunter anderswo leer ausgehen, während anderswo Plätze frei werden.

 

15 Millionen Euro spendierte Bundesregierung für die Entwicklung einer Software, die international Standards setzen sollte.

 

Inzwischen ist klar, dass DoSV frühestens 2020/2021 das ursprünglich für 2011 geplante Ziel erreichen wird, möglichst alle in Frage kommenden Hochschulen mit möglichst allen 

örtlich zulassungsbeschränkten Einfach- und Mehrfachstudienangeboten einzubinden. 

 

Vor besondere Probleme stellt "Hochschulstart.de" die Anbindung der Mehrfachstudiengänge. Diese setzen sich aus zwei oder mehreren Studienfächern zusammen, sogenannten Teilstudiengängen: Lehramtsstudiengänge zum Beispiel. Auch der sogenannte „Mehrfach-Bachelor“ ist keine Ausnahme, sondern als Nachfolgemodell des ehemaligen Magisterstudiums eine äußert beliebte Studienoption. Laut Umfrage von Brandenburgs Wissenschaftsministerium waren Anfang des Jahres nur zwei Prozent der erfassten Mehrfachstudiengänge in DoSV eingebunden – gegenüber immerhin rund 37 Prozent bei den Einfachstudiengängen. 



>> Allein bei den technisch wenig komplexen Einfach-Studiengängen schafft die Stiftung eine nennenswerte Beteiligung, von den 1080 bislang erreichten Studienprogrammen entfallen 982 auf diese Gruppe. Die Zahl der Mehrfachstudiengänge in der Online-Plattform dagegen stagniert seit Jahren, im vergangenen Jahr stieg sie gerade einmal um 12 auf nunmehr 98 Angebote. Der Grund: Noch immer läuft DoSV in den meisten Fällen nicht rund im Zusammenspiel mit den hochschuleigenen Systemen – weshalb die große Mehrheit der Hochschulen die Finger von der Einbindung ihrer Mehrfachstudiengänge lässt. In ihrem Sachstandsbericht an die Amtschefs räumt die Stiftung nun in bislang nicht gekannter Deutlichkeit „vor allem technische und organisatorische Probleme auf Seiten der Hochschulen... und der SfH“ ein. 

 

Was noch euphemistisch formuliert ist: Als ob die Probleme um die örtlich zulassungsbeschränkten Studiengänge noch nicht schlimm genug wäre, bekommt die Stiftung auch die DoSV-Weiterentwicklung 2.0 nicht in den Griff – trotz eigens zu diesem Zweck eingerichteter Software-Schmiede in Berlin. Mithilfe von DoSV 2.0 sollten bis 2018/19 zusätzlich die bundesweiten NC-Studiengänge wie Medizin oder Pharmazie in die Online-Plattform einbezogen werden. Ende vergangenen Jahres wurde klar: Auch daraus wird nichts. Die Inbetriebnahme wurde auf unbestimmte Zeit verschoben. 

 

Gleichzeitig verschlingt die Stiftung immer mehr Geld, was die Landesfinanzminister im November zu einer offiziellen Warnung veranlasste. Sie stellten mit Sorge fest, heißt es in einem Beschluss der Finanzministerkonferenz, „dass bei der Weiterentwicklung und Integration des Zentralen Verfahrens (DoSV 2.0) erneut eine massive Kostensteigerung auftritt sowie eine spätere Inbetriebnahme vorgesehen ist.“ Zwar entschieden sich die Finanzminister „aus übergeordneten Gründen“ dagegen, den Haushaltsplan der Stiftung abzulehnen, doch gaben sie gleichzeitig ihrer Erwartung Ausdruck, dass „für die Wahrung der Grundsätze von Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit Sorge getragen wird.“ Eine Ohrfeige nicht nur für die Stiftung, sondern auch für die verantwortlichen Wissenschaftsministerien, denen die Probleme bei "Hochschulstart.de" seit Jahren zumindest in Ansätzen bekannt waren, die sich jedoch bislang nie zum entschiedenen Gegensteuern hatten durchringen können.

 

Der Geschäftsführer räumte die Probleme nur auf Nachfrage ein

 

Seit einem guten Jahr nimmt der Ärger über die Stiftung und ihre Geschäftsführung massiv zu. So hätten bereits Ende September 2016 die ersten Hinweise über deutliche Probleme in der Entwicklung des DoSV 2.0 die damaligen Vorsitzenden des Stiftungsrates „auf verschiedenen Wegen“ erreicht, berichtet die nordrhein-westfälische Staatssekretärin Annette Storsberg der Amtschefskommission. Doch die Meldungen kamen nicht vom Geschäftsführer, sondern über Dritte. Den Stiftungsrat führten damals Storsberg Staatssekretärs-Vorgänger Thomas Grünewald und Holger Burckhart, Präsident der Universität Siegen und Vizepräsident der Hochschulrektorenkonferenz. Als die beiden bei SfH-SfH-Geschäftsführer Ulf Bade nachfragten, habe der nur „zeitlich verzögert“ geantwortet, dazu „unvollständig“ und „inhaltlich unbefriedigend“. Vor allem aber seien seine Angaben „in relevanten Teilen nicht deckungsgleich“ gewesen mit dem, was die Stiftungsratsvorsitzenden schon anderswo erfahren hatten. 

 

Es wurde eine Expertengruppe eingesetzt, die schon wenige Tage später „Schwierigkeiten“ vermeldete, die ermittelt werden müssten. Bade selbst habe allerdings bis Mitte Dezember 2016 gebraucht, bis er erstmals selbst vor den beiden Stiftungsratsvorsitzenden die Probleme eingeräumt habe. Im Februar 2017 wurde Bade daraufhin die operative Steuerung des Projekts DoSV 2.0 entzogen und einem neu gegründeten Beirat „Einbettung Zentrales Verfahren“ übergeben. Weitere Konsequenzen für Bade gab es nicht.

 

Ebenfalls noch auf Betreiben von Thomas Grünewald wurde der Geschäftsführung der ehemalige Kanzler der Universität Hannover, Günter Scholz, als „Beauftragter des Stiftungsratsvorsitzenden“ zur Seite gestellt. Scholz stellt in seinem Bericht an die Amtschefs der Stiftung nun ein katastrophales Zeugnis aus.  Die „Vielzahl“ der Stiftungsgremien, die sich in ihren Aufgaben offenbar teilweise überschnitten, werde „einer zügigen Aufgabenerfüllung nicht gerecht“. Vom Stiftungsrat, der die Arbeit der SfH-Geschäftsführung begleiten soll, sei schon aufgrund seiner schieren Größe (16 Länder- und 16 Hochschulvertreter) nur eine „bedingte Arbeitsfähigkeit“ zu erwarten, weil schon die erheblichen Terminabstimmungen dazu führten, dass er gerade zweimal im Jahr tage. Die hohe personelle Fluktuation im Stiftungsrat führe zudem dazu, dass Informationsfluss und Sachkunde vielfach zu wünschen übrig ließen – und in der Folge die Geschäftsführung große und laut Scholz „möglicherweise unerwünschte“ Freiräume erhalte. 

 

"Besonderer Fall eines Kommunikationsmangels"

 

Der SfH-Geschäftsstelle selbst bescheinigt Scholz „den besonderen Fall eines Kommunikationsmangels“ zwischen der Berliner DoSV 2.0-Entwicklungsabteilung und der Dortmunder Zentrale. Die in Dortmund zuständige Abteilung habe den Vorrang bei der Sicherheit des künftigen Massenverfahrens gesehen und deshalb bei den notwendigen Tests der neuen DoSV 2.0-Funktionalitäten nur mit Verzögerungen mitgearbeitet. Warum? Weil den Dortmunder Mitarbeitern nie jemand in hinreichender Deutlichkeit gesagt hatte, wie politisch wichtig DoSV 2.0 ist. Woraufhin offenbar ziemlich dicke Luft zwischen Berlin und Dortmund geherrscht hat. Ein Fall von Führungsversagen? Apropos: Es fehle, so Scholz, eine „Strategie für die Zukunftsentwicklung der SfH, die nicht zuletzt für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Hinblick auf persönliche Motivation und Perspektive“ wichtig sei. 

 

„Die Bewertung ist natürlich besorgniserregend, zumal der Geschäftsführung eine Schlüsselrolle im Gesamtprozess zukommt“, räumt die neue Stiftungsratsvorsitzende Ulrike Gutheil ein. Die Mitarbeiter der Stiftung, denen man zu überwiegenden Teilen gute Arbeit bescheinigen könne, bräuchten gerade in schwierigen Zeiten besondere Aufmerksamkeit, besonders was die Führung der Stiftung angeht. „Da geht es um Fehlerkultur, aber auch um Motivation und Schutz.“

 

Mitarbeiter der Stiftung selbst berichten von angeblich undurchsichtigen Geschäftsbeziehungen mit der Berliner IT-Firma ITSO, die einerseits ohne Ausschreibung Aufträge der Stiftung erhalten habe, andererseits aber selbst mindestens einen Mitarbeiter in die Geschäftsstelle entsandt habe. Die SfH-Geschäftsführung bestätigt, dass es über Jahre eine Zusammenarbeit mit ITSO „durch die gemeinsame Entwicklung des DoSV- Converters sowie durch Unterstützung bei Durchführung von Softwaretests im Rahmen des Projekts zur Entwicklung von DoSV 2.0“ gegeben habe. Die „in den Entscheidungsprozess involvierten Gremien der Stiftung“ hätten sich „bezüglich der Notwendigkeit einer Ausschreibung nicht im Detail geäußert.“ Was den in der Stiftung arbeitenden ITSO-Mitarbeiter angeht: Den gebe es tatsächlich, räumt die SfH-Geschäftsführung ein, er sei auf der „Basis einer Arbeitnehmerüberlassung“ dauerhaft in der IT-Entwicklung der Stiftung tätig – mit Aufgaben, die klassischerweise einem Entwicklungsleiter „zugeschrieben werden“. So verfüge er auch über die notwendige Personalkompetenz, habe aber, betont die Stiftung, „keinerlei Budgethoheit“. Im Ergebnis seien Mitarbeiter von ITSO „nicht an der Durchführung von Vergabeverfahren (Auftragsvergaben) beteiligt“. 

 

Aus mehreren Wissenschaftsministerien werden auf Nachfrage die Beziehungen zwischen der Stiftung und ITSO nun ebenfalls mit zunehmender Aufmerksamkeit beobachtet. 

 

Die Politik hat das Problem erst unterschätzt und dann verschleppt

 

Fragezeichen ergeben sich jedoch nicht nur bei Gremienstruktur und SfH-Geschäftsführung. Eine erhebliche Mitschuld für die gegenwärtigen „Verwerfungen und Finanzierungsproblemen“ sieht Berichterstatter Scholz auch bei den Wissenschaftsministerien der Länder. Als diese 2008 beschlossen, die ehemalige Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen“ (ZVS) in eine Stiftung umzuwandeln, hätten sie eine „seriöse“ Bestandsaufnahme „der organisatorischen und infrastrukturellen Notwendigkeiten“ und der „finanziellen Auswirkungen der politischen Entscheidungen für eine solche Serviceeinrichtung“ versäumt. So sei schon der Start der DoSV-Plattform für die Einfachstudiengänge unter anderem deshalb „problematisch“ gewesen, weil die Wissenschaftsministerien die technische „Vielfalt“ bei den Immatrikulationsverfahren ihrer Hochschulen „unbekannt“ gewesen sei. 

 

Auch das wiederum eine vergleichsweise nette Umschreibung für das Chaos bei den Campusmanagement-Systemen an den Hochschulen, das eine von Brandenburgs Staatssekretärin Gutheil in Auftrag gegebene bundesweite Befragung unter 171 Hochschulen im Frühjahr offenbart hatte. 50 Prozent der Hochschulen berichteten, dass sie kurzfristig ein neues oder zumindest überarbeitetes System brauchen, langfristig sagen das sogar 90 Prozent. Der entstandene Software-Wildwuchs ist atemberaubend: Über die vergangenen Jahrzehnte hat jede Hochschule ihr eigenes Campus-Management-System aufgesetzt, um die Studentendaten und die digitalen Studienangebote zu verwalten. Eine Vielzahl von Systemen, die größtenteils auf der gleichen Grundsoftware beruhen, dann jedoch im Alltag so lange umgebaut, angebaut und an die lokalen Notwendigkeiten angepasst wurden, bis sie außerhalb der eigenen Hochschule mit fast gar nichts mehr zusammenpassten. Erst recht nicht mit DoSV, so dass schon die Anbindung der Einfach-Studiengänge zu der von Scholz angesprochenen jahrelangen Verzögerung führte. 

 

So schwach die gegenwärtige SfH-Geschäftsführung unter Ulf Bade sein mag: Dass die Stiftung und DoSV überhaupt auf die schiefe Bahn geraten sind, haben also die Wissenschaftsministerien zu einem guten Teil auch selbst zu verantworten. Weil sie eine Stiftung mit undurchsichtigen Gremien geschaffen und einem offenbar überforderten Geschäftsführer jahrelang einfach bei der Arbeit zugesehen haben. Weil sie sich über das Chaos bei der Zulassungssoftware an ihren Hochschulen offenbar lange gar nicht im Klaren waren und, als sie es allmählich begriffen, sich viel zu lange wegduckten. 

 

Womöglich ist es ja auch so, dass sich das Engagement in Sachen SfH für die jeweiligen Stiftungsratsvorsitzenden politisch nicht wirklich auszahlte. Dann schon lieber die Zähne zusammenbeißen, die heiße Kartoffel SfH für eine Weile in der Hand halten und dann schnell weitergeben an die Nachfolger. 

 

Wie geht es jetzt weiter?

 

Brandenburgs Staatssekretärin Gutheil und ihr Co-Vorsitzender Holger Burckhart allerdings scheinen es diesmal wirklich ernstzumeinen. „Die Analyse und die sich daraus ableitenden Handlungen sind technisch und organisatorisch sehr komplex“, sagt Gutheil vieldeutig. Was könnte das heißen? Kommt diesmal wirklich die dringend nötige Neuaufstellung der Stiftungsgremien, anstatt weiter notbehelfsmäßige Beiräte und Bevollmächtigte in undankbare Rollen zu drängen? Wird womöglich sogar Bade abgelöst – der Geschäftsführer, über den bislang immer alle hinter vorgehaltener Hand gemeckert hatten, um ihn dann wiederzuwählen? Gutheil ist zudem seit einigen Monaten Leiterin einer eigens eingerichteten KMK-Arbeitsgruppe „Campus-Management-Systeme“, die den möglichst bundesweiten Neustart bei der Hochschulsoftware vorbereiten soll – mit einer möglichst einheitlichen technischen Lösung für alle. 

 

Diesen Mittwoch können die KMK-Amtschefs zeigen, dass sie die nötigen Konsequenzen, strukturell wie personell, nicht erneut scheuen. Es wäre höchste Zeit. Nicht nur, weil das peinliche DoSV-Geschiebe den Hochschulföderalismus seit geraumer Zeit schlecht aussehen lässt. Sondern weil, bis das Chaos beseitigt ist, hunderttausende Studienbewerber mangels Koordination weiter überflüssige Bewerbungen an Hochschulen überall im Land verschicken. Und während tausende von ihnen am Ende leer ausgehen, während tausende Studienplätze unbesetzt bleiben. Das ist der eigentliche DoSV-Skandal. 


Wie die Stiftung auf Presseanfragen reagiert: ein Lehrstück

Wer wissen will, wie schief die Dinge bei der Stiftung für Hochschulzulassung stehen, muss ihr nur einmal eine Presseanfrage stellen. So geschehen am 12. Oktober, als ich einen acht Fragen umfassenden Katalog an die Pressestelle der Stiftung verschickte, verbunden mit der Bitte um eine Rückmeldung innerhalb von zwei Wochen.

 

Fünf Tage später die erste Reaktion: Fragen angekommen, die 14 Tage werde man wohl brauchen, um die Antworten zu liefern. Am 27. Oktober, nach 15 Tagen, eine erneute Mail: Da der gewünschte „Reaktionszeitraum nunmehr beinahe“ verstrichen sei, wolle man vor dem Wochenende rasch Bescheid geben, dass „die erfragten Inhalte inzwischen zwar als ausformulierte Antworten vorliegen, sich aber derzeit noch im Prozess der benötigten Freigabe befinden.“ 

 

Am 3. November meine Nachfrage: Wie sieht es aus? Keine Antwort. Am 6. November meldet sich Geschäftsführer Ulf 

Bade persönlich per Mail: Die Stiftung erwäge „anläßlich Ihrer Fragen mit Ihnen ein Gespräch zu führen. Sobald eine konkrete Entscheidung getroffen ist, werde ich Sie informieren“. Zum Verbleib der Antworten auf meine Fragen kein Wort.

 

Eine von mir bis zum 13. November gesetzte Nachfrist lassen Bade und die Pressestelle der Stiftung ebenfalls unbeantwortet. Erst nach meinem erneuten Drängen am 20. November eine Mail aus der Pressestelle, im Anhang die Antworten auf meine Fragen – Aussagekraft gering. Dafür eine Bitte um Entschuldigung angesichts der Verzögerungen „im Hinblick auf erforderliche Abstimmungen“. Auf meine Nachfrage, wann ich denn nun ein persönliches Gespräch mit Geschäftsführer Bade führen könne, am 21.11. die lapidare Antwort: „Aufgrund der Vielzahl der bevorstehenden Termine ist es ihm (Bade, JMW) leider in der nächsten Zeit nicht möglich, ein Gespräch mit Ihnen zu führen.“


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Aus Homs ins deutsche Klassenzimmer

In Syrien arbeitete Hend Al Khabbaz als Lehrerin, zwei Jahre nach ihrer Flucht kann sie nun wieder unterrichten: in Brandenburg. Die Geschichte einer Frau, die Brücken bauen soll.

Die neue Heimat von Hend Al Khabbaz: Fürstenwalde. (Clemensfranz: "Fuerstenwalde Spree.jpg", CC BY-SA 3.0)

MANCHMAL ERZÄHLEN DIE Kinder vom Krieg. Von Bomben und von Schießereien und von toten Körpern in den Straßen. Fast teilnahmslos klingen sie dann, und Hend Al Khabbaz lässt sie einfach reden.

Al Khabbaz, 34, ist Englischlehrerin. Zumindest war sie das, zu Hause in Westsyrien. Jetzt unterrichtet sie Erstklässler an einer Grundschule in Fürstenwalde / Spree, viele davon Bürgerkriegsflüchtlinge wie sie. Al Khabbaz' Weg aus einer Kleinstadt bei Homs in eine Kleinstadt in Brandenburg ist die Geschichte einer mutigen Frau, die unbedingt wieder in ihrem Beruf arbeiten wollte.

 

Es ist aber auch die Geschichte einer eigentlich naheliegenden Idee, die die Bildungswissenschaftlerin Miriam Vock Ende 2015 hatte: Wenn plötzlich Hunderttausende nach Deutschland strömen, sind darunter nicht nur ungezählte Kinder, die zur Schule gehen müssen. Sondern es kommen auch Tausende Lehrer. Das "Refugee Teachers Program", das Vock und ihre Mitstreiter an der Universität Potsdam aufgebaut haben, will sie fitmachen für deutsche Schulen, damit sie "Brückenbauer" sein können, wie Vock sie nennt, Vermittler zwischen den Kulturen. Nach über einem Jahr vollgepackt mit Intensivkursen hat die Uni Ende September die ersten 28 Absolventen verabschiedet. >>



>> Eine Plattenbausiedlung im Norden von Fürstenwalde, wo die Straßen nach sowjetischen Kosmonauten heißen und der Waschbeton besprenkelt ist von den Tauben, die zu Hunderten über den Dächern kreisen. Hier steht die Sigmund-Jähn-Grundschule, benannt nach dem ersten Deutschen im Weltraum, und wer wissen will, wann in dieser Gegend zuletzt die Pläne hochflogen, muss nach dem Datum schauen, an dem Jähn, gefeiert von der DDR-Propaganda, auf die Erde zurückkehrte: am 3. September 1978. Jetzt ist es die Gegend, in der die Behörden die Flüchtlinge unterbringen: aus Afghanistan, Tschetschenien, dem Irak, vor allem aber aus Syrien.

 

85 ihrer 285 Schüler seien Flüchtlinge, rechnet Ines Tesch vor, die Schulleiterin - in einer Schule, die zu DDR-Zeiten 400 Kinder fasste. Anfangs haben sie deren Eltern Briefe per "Google Übersetzer" geschrieben. Klar, dass Tesch sofort "Und ob!" rief, als jemand von der Uni Potsdam anrief und fragte, ob sie eine Praktikantin wolle aus dem Refugee Teachers Program. Als es plötzlich hieß, die Praktikantin solle doch woanders hingehen, sei sie "laut geworden", sagt Tesch.

 

Sie ist es gewöhnt, zu kämpfen, wenn es um die Zukunft ihrer Schule geht. Inzwischen ist diese mit ihrer frisch renovierten Fassade ein gelber Farbklecks im Grau der Siedlung. Beim Nachmittagscafé lernen die Eltern Deutsch, als nächstes will Tesch die Digitalisierung des Unterrichts vorantreiben. Die Praktikantin, die Tesch sich ertrotzte, hieß Hend Al Khabbaz, und sie blieb auch nach ihrem Abschluss. Jetzt hat sie eine Vollzeitstelle und unterrichtet im sogenannten Co-Teaching neben den Klassenlehrern.

 

Den Kindern bedeutet es viel, verstanden zu werden

 

Es ist 8.40 Uhr an diesem Morgen, als Al Khabbaz, halblange braune Haare, lila Bluse, rosa Schal, ihr Kartenspiel aus der Tasche zieht. Die drei Erstklässler um sie herum beobachten, wie sie die Karten auf dem Tisch verteilt. Im Nebenraum hat der Rest der 1b Deutsch, doch Ali, Mayla und Amira (Namen geändert) können noch nicht alles verstehen, was ihre Klassenlehrerin Frau Reichardt sagt. Weswegen Reichardt und Al Khabbaz sich für ein Extraprogramm für die drei entschieden haben.

 

"Bringt die Bilder in die richtige Reihenfolge und beschreibt bitte, was ihr seht", sagt Al Khabbaz mit ruhiger Stimme, nahezu akzentfrei. Kinderhände schieben die Karten hin und her, Ali beginnt: "Marie frühstückt". Dann ist Amira dran: "Marie putzt die Zähne." Schließlich Mayla: "Marie und Anna spielen mit Sandkasten." "Im Sandkasten", korrigiert Al Khabbaz behutsam. Hin und wieder sagt ein Kind etwas auf Arabisch, die Lehrerin antwortet auf Deutsch. Sie weiß, was es den Kindern bedeutet, verstanden zu werden. Selbst wenn sie nur aufs Klo müssen und nicht wissen, wie man das auf Deutsch sagt.

 

Im August 2015, erzählt Al Khabbaz, kam ein Freund zu ihr und berichtete, dass die Armee ihn einziehen werde. Er haue ab, ob sie mitkommen wolle? Ihre Schwester lebte da schon in Berlin, und Al Khabbaz sagte sich: Jetzt oder nie. Zusammen kämpften sie sich über den Balkan bis nach Westeuropa durch, zwei Männer, drei Frauen. 18 Tage, bis sie am 4. September 2015 die deutsche Grenze erreichten und aus der Lehrerin Hend Al Khabbaz der Bürgerkriegsflüchtling wurde, ohne Arbeitserlaubnis, ohne Deutschkenntnisse, ohne Idee, wie es weitergehen sollte. >>


Pädagogik, Didaktik – und Deutsch

Das "Refugee Teachers Program" an der Universität Potsdam gibt es seit Frühjahr 2016. Es soll geflüchtete Lehrer auf ihren Einsatz an deutschen Schulen vorbereiten. Von mittlerweile über 1000 Bewerben konnten bislang 80 Männer und Frauen in dem Qualifizierungsprojekt starten, 28 Teilnehmer der ersten Kohorte sind Ende September offiziell in die Schulen verabschiedet worden, die meisten davon stammen aus Syrien.

 

Abhängig von den sprachlichen Vorkenntnissen dauert das Programm bis zu 18 Monate lang. Im ersten Semester steht ausschließlich Deutschunterricht auf dem Stundenplan, 24 Stunden pro Woche. Im zweiten Halbjahr reduziert sich das Sprachenpensum auf acht Stunden, hinzu kommen ein Seminar "Einführung in die Schulpädagogik" und ein 

wöchentlicher Hospitationstag an einer Schule. Je nach Bedarf werden Fachdidaktikkurse angeboten. Im dritten Semestern ist dann wieder Deutschunterricht in Vollzeit angesagt.Lange bewarb die Universität Potsdam ihr Programm als "deutschlandweit einzigartig", mittlerweile sind andere Universitäten wie die Universität Bielefeld nachgezogen. Die Brandenburger Wissenschaftsministerin Martina Münch spricht von einem "erheblichen Bedarf" für "solche innovativen Programme". Insgesamt investiere ihr Ministerium allein 2017 1,2 Millionen Euro, um Flüchtlingen den Zugang zum Hochschulsystem zu ermöglichen.

Die Absolventen des Programms arbeiten jetzt auf Vollzeit-Basis in Brandenburger Schulen, behalten allerdings ihren befristeten Aufenthaltsstatus. Sie werden als zusätzliche Integrationslehrer im Team-Teaching eingesetzt. 



>> Per Bus wurde sie ins Aufnahmelager nach Eisenhüttenstadt verfrachtet, "das waren schreckliche Zustände dort", sagt sie. Mehr nicht. Lieber will sie über ihre Ankunft in Fürstenwalde reden. Nach drei Tagen saß sie im ersten Deutschkurs. "Die Sprache ist beste Material von uns Lehrern", sagt sie. Wenn sie schnell erzählt, holpert ihre Grammatik noch ein bisschen, dann hält sie inne und schüttelt den Kopf. "Wenn ich einen Fehler mache, finde ich das so peinlich." Irgendwann berichtete ihr Deutschlehrer von dem neuen Programm in Potsdam, und sie dachte: Da hast du keine Chance. 700 Männer und Frauen bewarben sich auf die Ausschreibung.

 

"Wir hatten mit 15 Leuten gerechnet", erzählt Andreas Musil, Vizepräsident der Uni Potsdam. "Dann gab es den ersten Pressebericht, und plötzlich hatten wir Hunderte Bewerber." Was folgte, war das, was Musil "den Anruf meines Lebens" nennt. Er fragt im Wissenschaftsministerium um Hilfe nach, der Staatssekretär sagt "Machen wir" und verspricht 300 000 Euro für mehr als 80 Plätze. Einer geht an Al Khabbaz.

 

Der 4. Juli 2016 ist wieder so ein Tag, der sich in ihr Gedächtnis eingebrannt hat. Es ist der Tag, an dem es für Al Khabbaz losgeht in Potsdam: Am Anfang fünfmal die Woche Deutsch, später auch Schulpädagogik, Fachdidaktik, ein begleitendes Praktikum. Auch den ganzen Sommer durch. Täglich fährt sie zum Campus am Neuen Palais, anderthalb Stunden die einfache Fahrt. Einige Kursteilnehmer, die als Flüchtlinge über alle Landkreise Brandenburgs verteilt leben, haben es noch weiter.

 

Der Tag, an dem aus dem Bürgerkriegsflüchtling offiziell wieder die Lehrerin wird, ist der 26. September 2017, ein windiger Herbsttag. Alle sind gekommen zur Abschlussfeier des ersten Refugee-Jahrgangs: Unipräsident, Vizepräsident, Wissenschaftsministerin. Und hätte er nicht drei Stunden zuvor seinen Rücktritt eingereicht, hätte auch der Bildungsminister eine Rede beigesteuert. Sie sind gekommen, um Al Khabbaz und ihre Kommilitonen zu feiern, und ein bisschen sich selbst.

 

Denn so naheliegend Miriam Vocks Idee war, so einzigartig sind die Potsdamer lange mit ihrem Projekt geblieben. Was Vock zum Schwärmen veranlasst, welch schlagkräftige Organisation ihre Universität sei, wenn alle mitzögen: vom International Office über das Sprachenzentrum und das Zentrum für Lehrerbildung bis hinauf zum Vizepräsidenten. Noch bemerkenswerter ist, dass auch alle beteiligten Behörden mitgemacht haben, ausnahmsweise: das Sozialministerium, die Ministerien für Wissenschaft und Bildung, die Schulämter. Erst allmählich ziehen anderswo Universitäten nach, Bielefeld etwa mit dem Programm "Lehrkräfte Plus".

 

Eine Urkunde, ein Händeschütteln, ein Foto. Und wie Al Khabbaz so dasteht auf der Bühne, zwischen all den Honoratioren, könnte man denken: Sie ist am Ziel. Aber nur für den Moment. Denn sie will weiter. Ein Jahr voll arbeiten, dann zurück an die Uni, ihr deutsches Staatsexamen machen. Eine Aufenthaltsverlängerung erhalten, ihre eigenen Klassen unterrichten. Am liebsten in Fürstenwalde, sagt sie, die eigentlich nach Berlin wollte. Die meisten Leute seien nett hier. Klar gebe es auch die anderen, die Nachbarin etwa, die wegschaut, wenn sie ihr im Hausflur begegnet. "Aber wissen Sie, auch das ist eine Frage der Bildung", sagt Al Khabbaz, fast zu abgeklärt. "Viele Menschen haben selbst nicht viel."

 

Wenn man sie nach einem Wunsch an die Politik fragt, muss die Lehrerin nicht lange überlegen. "Lasst die vielen Flüchtlinge nicht so lange herumsitzen", sagt sie. Sie wollten ihren Platz in der Gesellschaft finden. "Die Chance zu arbeiten ist wichtiger als alle netten Worte."

 

Dieser Artikel erschien zuerst in der Süddeutschen Zeitung.

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Aufatmen in München Teil I

LMU stellt Plagiatsverfahren gegen Max-Planck-Klinikdirektor ein.

Screenshot der Instituts-Website
Screenshot der Instituts-Website

DER KLINIKDIREKTOR DES Münchner Max-Planck-Instituts für Psychiatrie, Martin Keck, hat eine Sorge weniger. Der Untersuchungsausschuss der Ludwigs-Maximilians-Universität München (LMU) hat das Verfahren „zur Selbstkontrolle in der Wissenschaft im Fall Professor Keck“ eingestellt, nach "eingehender Beratung", wie LMU-Sprecherin Luise Dirscherl mitteilte. Keck habe "kein bewusstes oder grob fahrlässiges Verhalten nachgewiesen werden können", der Beschluss des neunköpfigen Ausschusses sei einstimmig ergangen.

 

"Die MPG freut sich, insbesondere für Herrn Prof. Keck, dass nun endlich Klarheit in der Sache hergestellt werden konnte", zitierte die Süddeutsche Zeitung am 12. Dezember eine Sprecherin der Max-Planck-Gesellschaft. 

 

Die LMU-Pressestelle teilte der SZ jedoch auf Anfrage mit, der Untersuchungsausschuss habe sehr wohl "einen Verstoß gegen die Regeln der guten wissenschaftlichen Praxis festgestellt." Angesichts des konkreten Sachverhalts und der individuellen Umstände könne das Keck Verhalten jedoch nicht als "grob fahrlässig" eingestuft werden. 

 

Konkret ging es um die Habilitationsschrift von Keck – also die zentrale Voraussetzung für seinen Professorentitel. Vorwürfe gegen den Klinikdirektor existierten seit längerem. Die Online-Plattform Vroniplag Wiki hatte dann Anfang Oktober ihre Untersuchung der von 2004 stammenden Arbeit veröffentlicht, ihr Ergebnis: Bis zum 30. November seien auf 72 der insgesamt 174 Seiten Plagiatsfundstellen dokumentiert worden. 43 Seiten bestünden zu mehr als 75 Prozent aus Plagiatstext, ist auf Vroniplag Wiki nachzulesen.  

 

Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft am Institut, die inhaltlich nichts mit den Plagiatsvorwürfen gegen Keck zu tun haben, dauern dagegen noch an. 

 

Dies ist eine am 13. Dezember ergänzte Version des Artikels vom 8. Dezember. 

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Kultusminister verweigern dem Diplom die Wiederauferstehung

KMK beschließt die Musterrechtsverordnung zur Akkreditierung – Mecklenburg-Vorpommern enthält sich.

DIE KULTUSMINISTER HABEN das drohende Diplom-Revival in letzter Minute abgewendet und gleichzeitig die Reform des Akkreditierungssystems besiegelt. Heute Nachmittag beschlossen sie in der KMK die sogenannte Musterrechtsverordnung zur Akkreditierung  – mit 15 Ja-Stimmen und einer Enthaltung.

 

In Sachen Diplom kommt eine sogenannte Äquivalenzlösung zum Tragen. Sie besagt, und ich zitiere aus der Sitzungsvorlage, dass künftig in Zeugnissen „an geeigneter Stelle“ verdeutlicht werden darf, „dass das Qualifikationsniveau des Bachelorabschlusses einem Diplomabschluss an Fachhochschulen bzw. das Qualifikationsniveau eines Masterabschlusses einem Diplomabschluss an Universitäten oder gleichgestellten Hochschulen entspricht.“

 

Mecklenburg-Vorpommerns Kultusministerin Birgit Hesse (SPD) enthielt sich der Stimme, ließ damit aber die Verordnung passieren. Faktisch bedeutet das Ergebnis, dass MV sich nicht hat durchsetzen können mit seiner schon von Hesses Vorgänger Mathias Brodkorb erhobenen Forderung. Die besagte, dass künftig anstelle von Bachelor und Master wieder bundesweit der Diplomgrad hätte verliehen werden dürfen.

 

Die KMK hat mit ihrem Beschluss die minimal mögliche Kompromisslösung gewählt als Antwort auf die im Frühjahr in einer Protokollnotiz von sechs Ministerpräsidenten formulierte Erwartung, „eine für alle Länder tragfähige Lösung zur Anerkennung des Diploms zu finden“. Mecklenburg-Vorpommern wiederum hat heute in einer Protokollnotiz erklärt, weiter eine gegenteilige Auffassung zum Thema Diplom zu vertreten: Der Staatsvertrag umfasse auch die Möglichkeit alternativer Abschlussbezeichnungen, hierzu stehe der heute gefasste Äquivalenzbeschluss im Widerspruch. 

 

Klingt vor allem nach Gesichtswahrung. Am Ende zählt, dass die Kultusminister in Sachen Bologna gestanden haben. Sie haben ihre Entschlossenheit so eindeutig demonstriert, dass MV am Ende eingelenkt hat. Am glücklichsten dürfte heute Abend Nordrhein-Westfalens neue Wissenschaftsministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen sein. Ihrem Land nämlich hatte das Bundesverfassungsgericht vergangenes Jahr aufgetragen, das Thema Akkreditierung bis Ende 2017 rechtlich in Ordnung zu bringen. Gut drei Wochen vor Jahresende ist das Thema Staatsvertrag damit abgeräumt – zumindest vorläufig. Etliche Professoren haben angekündigt, gegen die Neuregelung klagen zu wollen. Ob sie es am Ende tun, ist allerdings noch offen. 

 

Nachtrag am 11. Dezember
Heute hat die Kultusministerkonferenz doch noch eine Pressemitteilung zu ihrem Beschluss vom Donnerstag veröffentlicht. Darin handelt sie noch einmal wesentliche Punkte der Akkreditierungsreform ab. Die Stichworte "Diplom" und "Mecklenburg-Vorpommern" sucht man dagegen vergeblich. 

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Zu Tode geprüft

Die Kultusminister wollten die Zulassung zum Master fairer machen und hatten deshalb Prozentränge für die Bachelor-Zeugnisse versprochen. Jetzt blasen sie das Vorhaben ab.

Foto: geralt/Pixabay

DER WISSENSCHAFTSRAT HATTE 2012 die Alarmglocken schrillen lassen. Die deutschen Hochschulen verteilten immer bessere Noten, berichtete das wichtigste wissenschaftspolitische Beratungsgremium von Bund und Ländern. Fast 77 Prozent aller Absolventen schlössen ihr Studium mit zwei oder besser ab – neun Prozentpunkte mehr als ein Jahrzehnt zuvor. 

 

Seit damals ist die Noteninflation munter weitergaloppiert, begleitet von starken regionalen und disziplinären Ausschlägen. Was dazu führt, dass der Schnitt auf einem Bachelorzeugnis heute mitunter stärker von Fach und Studienort abhängt als von der persönlichen Leistung der Studenten. Was besonders bei der Zulassung zum Master ein Ärgernis sein kann. 

 

Auch seit Hochschulrektoren und Kultusministerkonferenz (KMK) Abhilfe angekündigt haben, sind Jahre ins Land gegangen. Schon 2013 traf die KMK die Grundsatzentscheidung, zusätzlich zur absoluten Note auf dem Bachelorzeugnis den Prozentrang verbindlich einzuführen, um so die Zulassung zu Masterstudiengängen objektiver zu machen. Zuletzt 2016 versprachen Rektoren und KMK in ihrem gemeinsamen Bologna-Papier: Der Prozentrang kommt. Dies diene der „Transparenz und der Fairness“. Intern wurde das Ziel ausgegeben, die „tatsächlichen und rechtlichen“ Voraussetzungen bis 01. Januar 2017 zu schaffen.

 

Seitdem Ruhe. Und jetzt kommt heraus, dass die KMK das Vorhaben gekippt hat. Das „Verfahren zur Bildung von Prozenträngen und ihre Einbeziehung in das Auswahl- und Zulassungsverfahren zu Masterstudiengängen“ erscheine grundsätzlich umsetzbar, hieß es in der Beschlussvorlage, doch ergäben sich nach einem Modellversuch „im Hinblick auf bestimmte Fallkonstellationen“ rechtliche Probleme, viele Fragen seien weiter offen. Auch angesichts der Unsicherheiten „hinsichtlich der erreichbaren Effekte“ und des administrativen Aufwands sehe man von der Einführung ab. 

 

Der Beschluss ist ein Paukenschlag. Er bedeutet mit anderen Worten: Die KMK kapituliert vor der Komplexität der Hochschulwirklichkeit. Dass das geplante System nicht in allen Fächern gleichermaßen umsetzbar ist und, um fair zu sein, eine Studiengangs-Mindestgröße im Bachelor erfordert: Alles richtig. Aber indem die Minister gleich komplett von einer Verpflichtung der Hochschulen und einem neuen Master-Zulassungsverfahren zumindest in einigen Fächern absehen, verschenken sie die riesige Chance einer dringend nötigen Harmonisierung innerhalb unserer föderalen Hochschullandschaft.

 

Natürlich bekräftigt die KMK, sie halte „grundsätzlich“ am Ziel eines Ausgleichs der „Unterschiede in der Notenvergabekultur“ fest und spreche sich daher für „die Prüfung alternativer Verfahren aus“. Schaut man sich an, wie lang die KMK allein gebraucht hat, um ihre bislang beste Idee in der Angelegenheit zu killen, ist das ein schwacher Trost. 

 

Dieser Kommentar erschien heute zuerst im ZEITChancen Brief. 

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Das will Helge Braun

In der Debatte um eine Bundesbildungscloud meldet sich Merkels Staatsminister noch einmal zu Wort – und wird deutlich.

GESTERN HATTE ICH über den Vorstoß von Helge Braun in Sachen Digitalpakt berichtet. Will der Staatsminister im Bundeskanzleramt nun eine Bundesbildungscloud oder nicht? Und wenn ja, läge sie in der Logik der bislang zwischen Bund und Ländern ausgehandelten Eckpunkte? Regen sich die Länder demzufolge nur künstlich auf?

 

Auf meine Nachfrage hin legt Helge Braun heute nach. Er habe angeregt, "dass auch im Bildungsbereich über eine engere Kooperation im Bereich der Bereitstellung digitaler Plattformen nachgedacht wird." Auch im Bildungsbereich? Ja, denn Vorbilder für gemeinsame Lösungen sieht Braun in anderen Politikfeldern etwa bei der Digitalisierung des Asylverfahrens. Zudem zeige auch die "Dynamik der Plattformökonomie im Bereich der Wirtschaft ... eindrücklich, dass dies sinnvoll ist."

 

Läuft sein Vorschlag also auf eine Bundesbildungscloud hinaus, ist diese Interpretation seiner Worte zutreffend? Brauns Antwort: "Völlig okay." Zwar basiere das Kerndatensystem im digitalen Asylverfahren nicht auf einer Cloud, sondern auf einem Register. "Aber letztlich haben alle technischen Lösungen gemeinsam, dass sie mit mehr oder weniger Aufwand Interoperabilität sicherstellen." Die Federführung beim Projekt "Digitalisierung Asylverfahren" hatte übrigens von Anfang an: der Bund. 

 

Der CDU-Politiker äußert sich auch zur Berechtigung seines Vorschlages zum jetzigen Zeitpunkt und dem Vorwurf, er wolle das vereinbarte Ergebnispaket wieder aufschnüren. Die Bundesregierung, so Braun, habe "von Beginn an" darauf hingewiesen, dass der Digitalpakt erst nach der Bundestagswahl von einer neuen Bundesregierung verabschiedet werden könne, "sobald auch die dafür notwendigen Haushaltsmittel veranschlagt wurden." Der "Erarbeitungsprozess zwischen Bund und Ländern", wie Braun die Eckpunkte nennt, bilde dafür "die Grundlage".

 

Eine klare Ansage an die Länder, dass zumindest Braun den Pakt noch keineswegs als in seinen Grundzügen ausgehandelt sieht. Und dass durchaus noch mehr Änderungswünsche kommen könnten, solange die Finanzierung nicht final ist. Die inhaltliche Diskussion über Sinn oder Unsinn einer Plattform für alle für alle tritt angesichts so deutlicher Töne fast schon in den Hintergrund. 

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Die Botschaft der IGLU-Studie

Die Bildungspolitik sollte die mittelmäßigen Leistungen deutscher Grundschüler nicht schön reden, sondern Konsequenzen ziehen.

EIN ZYNIKER WÜRDE zu den heutigen IGLU-Ergebnissen sagen: Wenigstens zeigen sie, dass die empirische Bildungsforschung inzwischen ein echt genaues Messinstrumentarium entwickelt hat.

 

Ende vergangenen Jahres hatte schon die TIMS-Studie eher maue Ergebnisse für Deutschland produziert. Damals ging es um die mathematischen und naturwissenschaftlichen Kompetenzen von Grundschülern im internationalen Vergleich – mit stagnierenden Leistungen in den Naturwissenschaften und abfallenden in Mathematik. Im Ländervergleich rutschten Deutschlands Grundschüler in Mathe unter dem EU-Schnitt. 

 

Dann der IQB-Bildungstrend im Oktober 2017, diesmal der innnerdeutsche Vergleich, wieder Grundschüler, 4. Klasse, in Mathe und Deutsch. Sowohl in Deutsch als auch in Mathe zeigten die Schüler deutlich schwächere Leistungen als vor fünf Jahren, im Lesen noch am wenigsten, in Orthografie war der Rückgang am größten. Das Fazit musste deshalb bereits vor den heutigen Ergebnissen lauten: Waren die Viertklässler (und speziell ihr Lesevermögen) nach dem Pisa-Schock von 2001, der sich auf die Kompetenzen von Neuntklässlern bezog, noch und über Jahre der Lichtblick im Bildungssystem, haben inzwischen auch die Grundschulen immer größere Probleme, das erreichte Niveau zu halten. 

 

Und nun also die Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU) 2016. Dort hatte es schon bei der letzten Erhebung 2011 Leistungsrückgänge gegeben. 2016 verharrten die Ergebnisse auf demselben Level. Die Kultusministerkonferenz (KMK) und das Bundesbildungsministerium sprechen deshalb tapfer von einer "stabilen" Entwicklung seit 2001 – und bringen gleich im ersten Absatz ihrer gemeinsamen Pressemitteilung den mittlerweile obligatorischen Hinweis auf die zunehmende "Heterogenität". Nach dem Motto: Wenn die Schüler immer schwieriger werden, dann ist Stagnation doch schon eine Leistung. 

 

Lässt man den nett klingenden Spin von der Stabilität einmal beiseite, dann sind die IGLU-Zahlen vor allem folgendes: erstens eine angekündigte Enttäuschung. Deutschland wird in der Ländertabelle nach unten durchgereicht, denn die Schulsysteme vieler anderen Länder sind nicht stehengeblieben. Zweitens sind sie eine immer dringlichere Warnung an die Politik, Konsequenzen zu ziehen, anstatt Ausreden zu bemühen. Die Schüler sind, wie sie sind in einer modernen, offenen Gesellschaft. Darauf müssen sich die Schulen einstellen und nicht umgekehrt. Und die Schulen können sich nur darauf einstellen, wenn die Politik die dafür nötigen Rahmenbedingungen schafft.

 

Susanne Eisenmann (CDU), KMK-Präsidentin und Kultusministerin aus Baden-Württemberg, sagte, es gelte zu analysieren, warum es "einer Reihe von Staaten im Grundschulbereich besser gelingt, die Leseleistungen zu verbessern." Wobei die Analysen in Wirklichkeit längst da sind. Die Bildungsforschung liefert nicht nur verlässliche Wasserstandserhebungen, sie hat seit Jahren und wiederholt darauf hingewiesen, wo die Defizite im deutschen Bildungssystem zu finden sind: Den Schulen gelingt es nicht, den Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Schülerleistungen aufzubrechen, im Gegenteil. So, wie der Anteil der Schüler, die besonders gut lesen können, steigt (von 8,6 Prozent 2001 auf 11,1 Prozent 2016), wächst auch die Gruppe derjenigen Schüler, die kaum oder nur schlecht lesen können (von 16,9 Prozent 2001 auf 18,9 Prozent 2016). Entsprechend hat der grüne Bildungsexperte im Bundestag, Kai Gehring, Recht, wenn er sagt: "Ein Messen von Bildungsleistungen reicht nicht aus, viel notwendiger sind gezielte Konsequenzen und gemeinsames Handeln."

 

Das Zauberwort heißt individuelle Förderung, das Eingehen auf die Stärken und Schwächen jedes einzelnen Schülers und jeder einzelnen Schülerin. Derzeit erhält zum Beispiel nur ein Drittel der leseschwachen Schüler in Deutschland überhaupt eine zusätzliche schulische Förderung im Lesen. Zumal es dann nicht irgendwelche Förderprogramme sein dürfen, sondern durch die Bildungsforschung evaluierte.

 

Mehr individuelle Förderung kostet natürlich Geld, zusätzliche Ressourcen für die im Vergleich zu etwa den Gymnasien schwach finanzierten Grundschulen. Zum Beispiel, um mehr Ganztagsunterricht zu ermöglichen, das heißt: echten Ganztag, auch mit Unterricht am Nachmittag, wie Studienautor Wilfried Bos von der TU Dortmund betonte. 

 

Doch es geht auch um neue Unterrichtskonzepte und Lehrerbildung. So fordern Bos und die anderen Autoren der IGLU-Studie, dass die sprachliche Bildung Bestandteil aller Unterrichtsfächer werden müsse, nicht nur des Deutschunterrichts. Das jedoch wird nur klappen, wenn sie auch verpflichtender Bestandteil des Lehramtsstudiums für alle Fächer wird, wie Michael Becker-Mrotzek, Direktor des Mercator-Instituts für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache der Universität zu Köln, zu Recht betont. 

 

Einen Schock wie den nach Pisa 2000 (inklusive dem daraus resultierenden bildungspolitischen Aufbruch und den zwischenzeitlichen Leistungssprüngen wiederum vor allem bei Pisa) gibt es nur alle paar Jahrzehnte. Man sollte ihn auch nicht herbeireden angesichts der mauen, aber keineswegs katastrophalen Ergebnisse heute und im vergangenen Jahr. Ein Umsteuern in den Schulen brauchen wir allerdings auch jetzt wieder. Und zwar dringend.


Bei IGLU 2016 wurden rund 4300 deutsche Viertklässler getestet, weltweit beteiligten sich diesmal 57 Staaten und Regionen an der alle fünf Jahre stattfindenden Studie. Detaillierte Ergebnisse und weitere Analysen können Sie zum Beispiel bei den Kollegen von Spiegel Online nachlesen. 

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Was will Helge Braun?

Merkels Staatsminister hat offenbar neue Pläne zum Digitalpakt – die Kultusminister wehren sich. Geht der Streit um den Fünf-Milliarden-Plan in die nächste Runde?

Foto: Markus Spiske
Foto: Markus Spiske

DIESE MELDUNG IST im Hin und Her von geplatzten Jamaika-Sondierungen, möglichen GroKo-Anbahnungen und Neuwahl-Unkereien fast untergangen: Helge Braun, CDU-Staatsminister im Bundeskanzleramt, will offenbar das Verhandlungsergebnis um den Digitalpakt Schule aufschnüren. Es müsse auf Basis des ausverhandelten Eckpunktepapiers eine neue Vereinbarung geben, zitiert ihn die Märkische Oderzeitung (MOZ).

 

Brauns Äußerung, sollte sie so gefallen sein, wäre in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert: Braun gilt als Bildungsfachmann, er war bis Ende 2013 Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), zunächst unter Annette Schavan, später unter deren Nachfolgerin Johanna Wanka. Im Kanzleramt ist Braun nun unter anderem für die Bund-Länder-Beziehungen zuständig. Mit der Forderung nach einer neuen Vereinbarung würde Merkels Staatsminister sein ehemaliges Ministerium, das besagtes Eckpunktepapier mit den Ländern ausgehandelt hatte, desavouieren. Und den schon zahlreichen Irritationen um den Digitalpakt ein weiteres Kapitel hinzufügen.

 

Die Kultusminister denken immer noch mit Grummeln daran, wie Bundesbildungsministerin Wanka Anfang Juni das über Monate erzielte Verhandlungsergebnis erst hatte unterzeichnen wollen, dann aber wegen anderer Verpflichtungen nicht zur entscheidenden Sitzung der Kultusministerkonferenz (KMK) in Stuttgart hatte anreisen können. Als dann auch Wankas Staatssekretärin Cornelia Quennet-Thielen krankheitsbedingt ausfiel, blieb der BMBF-Platz in Stuttgart verwaist. „Hat die Ministerin gar nicht das Geld?“, fragten SPD-Haushälter und Kultusminister. Die versprochenen fünf Milliarden Euro stünden ja in keinem Haushaltsansatz und auch nicht in der mittelfristigen Finanzplanung. Wanka selbst konterte: Könnten sie gar nicht, weil es ja ohne fertige Bund-Länder-Vereinbarung keinen Beschluss dazu geben könne. Und zeigte sich verärgert, dass die Kultusminister die aus ihrer Sicht vorläufigen Eckpunkte veröffentlicht hatten, ohne auf die BMBF-Unterschrift zu warten. 

 

Nach der ausgefallenen Unterschrift folgten jedenfalls zehn Wochen Sendepause, zornige Proteste mehrerer Kultusminister („Missachtung der KMK!“) und schließlich ein ungewöhnlich deutlicher Brandbrief von KMK-Präsidentin Susanne Eisenmann, übrigens einer Parteifreundin Wankas, bevor die Bundesministerin Mitte August endlich zum Telefon griff und signalisierte: Okay, wir machen das wie in den Eckpunkten festgelegt

 

Das Misstrauen bei den Ländern blieb trotzdem, wobei Wanka mehrfach versuchte, den Spieß umzudrehen. Die Debatte mit den Ländern sei von Wahlkampf und „bewusster Fehlinformation“ geprägt gewesen, sagte die Ministerin im August. Tatsächlich lägen die Unsicherheiten nicht auf Seiten des Bundes: Es sei unklar, welche Verlässlichkeit eigentlich die Zusage der Länder habe, ihrerseits mehr für Aus- und Weiterbildung der Lehrer zu tun. Gleichzeitig versicherte Wanka, natürlich stehe sie zu dem Pakt, er gehe ja auf ihren Vorschlag zurück: „Er ist für unsere Schulen sehr wichtig. Deshalb will ich ihn zu einem Erfolg machen.“ 

 

Die wahrscheinlichste Erklärung für Wankas Betätigen der Pausentaste: Sie war zwischendurch selbst nicht sicher, ob sie die fünf Milliarden zusammenbekommt, und wollte die Wahlen abwarten. Als der Digitalpakt dann im CDU-Wahlprogramm stand und auch sonst die Signale aus dem Kanzleramt eindeutig waren, kam der Anruf bei Eisenmann. Und zur Sicherheit schickte Wanka noch ein bestätigendes Schreiben hinterher.

 

Und nun also Auftritt Helge Braun, zeitgleich in der MOZ und in der Südwest Presse, die einen gemeinsamen Mantelteil haben. Dem Bericht zufolge kritisiert der Staatsminister, dass jedes Land seine eigene Bildungscloud entwickle. Mit zu vielen Schnittstellen seien die zu fehleranfällig. Daher müsse eine bundesweite Schulcloud her – als einheitliche Plattform für alle Länder.

 

Eine Bundesbildungscloud? Von der war in den Eckpunkten explizit zumindest bislang keine Rede. Hamburgs Bildungssenator Ties Rabe, der die SPD-Ministerien in der KMK koordiniert, reagierte prompt: „Staatssekretäre aller Länder und des Bundesbildungsministeriums haben monatelang sehr sachkundig und sehr genau die Eckpunkte des Digitalpakts verhandelt", zitiert ihn die Märkische Oderzeitung"Beide Seiten sind Kompromisse eingegangen, um zu einem tragfähigen Ergebnis zu kommen.“ Es sei ihm unverständlich, warum dieser „sicher nicht einfache Prozess“ nun wieder von vorn losgehen solle. „Man kann aus einem so umfangreichen Paket nicht einzelne Bausteine isolieren und neu verhandeln, weil alle Bausteine ineinander greifen.“

 

Saskia Esken, SPD-Expertin für digitale Bildung im Bundestag, bezeichnet es hier im Blog sogar als „abwegig, dass der Staatsminister Braun die Vereinbarung mit den Ländern nochmals aufschnüren will.“ Schließlich gebe es im Parlament eine „fraktionsübergreifende Überzeugung“, dass der Bund in die digitale Bildung investieren müsse. „Der Digitalpakt muss nun endlich auf den Weg gebracht werden, unabhängig von der Regierungsbildung.“ 

 

Im BMBF bemühen sie sich, die durch Brauns Vorstoß entstandenen Wogen zu glätten. „Die Länder wissen genau, dass die vorläufigen Eckpunkte nicht die komplette gemeinsame Bund-Länder-Vereinbarung sind", sagt Wankas Staatssekretärin Quennet-Thielen auf Nachfrage. Soll heißen: Brauns Vorstoß geht in Ordnung, die Länder sollen sich mal nicht künstlich aufregen. Tatsächlich waren die Eckpunkte immer nur als Grundlage der noch nicht im Detail ausbuchstabierten Bund-Länder-Vereinbarung gedacht. Ein Problem wäre Brauns Forderung demzufolge nur, wenn sie auf mehr hinausliefe als eine logische Folge des im Frühsommer erreichten Verhandlungsergebnisses. Laut Hamburgs Bildungssenator Rabe tut sie das. Laut BMBF-Staatssekretärin Quennet-Thielen tut sie das nicht: „Ich sehe in den Äußerungen von Staatsminister Braun keinen Widerspruch zu den Eckpunkten.“ Dort sei sehr wohl vorgesehen, dass für Projekte in länderübergreifender Zusammenarbeit bis zu fünf Prozent der Paktmittel zweckgebunden sein können.  

 

Was denn nun? Formulierte Braun lediglich Selbstverständliches? Oder will er wirklich eine neue Logik im Digitalpakt? So oder so müsste der Staatsminister eigentlich wissen, was er durch seine überraschende Wortmeldung bewirkt hat: Er hat nicht nur Ministerin Wanka schlecht aussehen lassen. Er hat auch dafür gesorgt, dass die Landesminister sich erneut in Stellung bringen – was den Abschluss der Bund-Länder-Vereinbarung noch schwieriger machen dürfte. War das womöglich sein eigentlich Ziel?, fragen einige bereits. Aber wenn ja: warum?

 

Schließlich war der Digitalpakt auch in den von Braun persönlich mitverhandelten Jamaika-Sondierungsergebnissen enthalten. Und aus dem BMBF ist zu hören, dass zum jetzigen Zeitpunkt zwar noch nicht die fünf Milliarden auf fünf Jahre gesichert seien, aber immerhin schon 3,5 Milliarden auf drei Jahre. Seinen Vorstoß garnierte Braun in SWP und MOZ übrigens mit einem Angebot, das die beiden Zeitungen nicht weniger verwirrend zitieren: „Wir stehen bei der Digitalisierung vor so großen Herausforderungen", sagte Braun demzufolge, "dass man das Kooperationsverbot zeitweise punktuell lockern könnte, um dem Bund Kompetenzen für die Errichtung digitaler Infrastrukturen in Schulen einzuräumen."

 

Zeitweise? Punktuell? Kompetenzen für den Bund? Die Fragezeichen in den Ländern sind groß. 

 

Unabhängig vom politischen Hin und Her: Was die inhaltliche Idee einer Bundescloud angeht, halten Bildungsexperten diese für ebenso wenig zielführend. „Was sie für Vorteile haben soll, ist mir unklar“, sagt zum Beispiel Andreas Breiter, wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Informationsmanagement an der Universität Bremen. Breiter hatte vor kurzem im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung berechnet, dass die angemessene Digital-Ausstattung aller Schulen in Deutschland 2,8 Milliarden Euro jährlich kosten würde. Eine Reihe von Ländern, sagt Breiter, hätten längst funktionierende Clouds, bei ihnen bestehe das wirkliche Problem darin, alle Schüler und Lehrer mithilfe der nötigen Schul-IT einzubinden. Viel sinnvoller – und sicherer – seien im Übrigen viele kleine „Cloudchen“, die miteinander kommunizieren können, sagt Breiter. 

 

Wie gesagt: so viele Fragezeichen. Eines indes ist inzwischen klar. Bildungsministerin Wanka hatte noch im August, bevor sie mit KMK-Präsidentin Eisenmann telefonierte und die Zehn-Wochen-Sendepause beendete, gesagt: "Es war und bleibt mein Ziel, wie mit den Länderministerinnen und -ministern im Januar vereinbart, dass die Staatssekretärsgruppe bis Ende des Jahres den Entwurf einer Bund-Länder-Vereinbarung erarbeitet." Dreieinhalb Monate, eine Bundestagswahl und gescheiterte Sondierungsgespräche später steht fest: Dieses Jahr wird das ganz sicher nichts mehr. Und ganz sicher kann man das Wanka nicht vorwerfen. 

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Brennpunktlehrer belohnen

Die Helden unseres Bildungswesens finden sich nicht an den sogenannten Elite-Gymnasien. Wir müssen anfangen, ihre Leistung stärker zu würdigen – und zwar mit mehr als nur mit Worten.

Foto: Pixnio, CCO

EINE GUTE SCHULE? Ist doch klar. Das ist eine Grundschule, die möglichst viele Gymnasiasten produziert. Eine gute Schule ist ein Gymnasium, dessen Schüler nicht nur irgendwie das Abi schaffen, sondern mit Bestnoten. Die dann studieren und Ärzte werden, Anwälte, Wirtschaftsprüfer. Ist irgendwas falsch an dieser Definition? Ich glaube: eine Menge.

 

Die meisten der oben genannten Schulen werden von vor allem von Kindern und Jugendlichen besucht, deren Eltern schon Abi gemacht haben, einen Studienabschluss, das ganze Programm. Braucht es engagierte,  begnadete Lehrer, um solche Kinder zum Erfolg zu führen? Damit Sie mich nicht falsch verstehen: An den Schulen die gemeinhin als die „leistungsstärksten“ gelten, gibt es jede Menge herausragende Lehrer. Sie holen aus Kindern und Jugendlichen, die  von zu Hause viel Unterstützung erhalten, noch mehr heraus. Indes: Selbst wenn ihnen eine Niete gegenübersitzt, werden die meisten dieser Schüler immer noch Abi machen. >>



>> Und wie ist das an „Brennpunktschulen“? Schulen, an denen 70, 80 Prozent der Schüler aus armen Familien stammen. An denen häufig nur eine Handvoll Deutsch als Muttersprache spricht. Können die auch „gute Schulen“ sein? Ich glaube: In Wirklichkeit sind einige von ihnen sogar die besseren. Weil ihre Lehrer es schaffen, trotz widriger Voraussetzungen bei den Schülern einen Lernzuwachs zu erzeugen, von denen manch bürgerliches Gymnasium nur träumen kann. Auch wenn am Ende einer solchen Erfolgsgeschichte womöglich nur mittelmäßige Noten stehen, ein mittlerer Abschluss und die Aussicht, einen Ausbildungsplatz zu ergattern.

 

Es ist der stille, unspektakuläre Erfolg, der die eigentlich guten Schulen auszeichnet. Der Erfolg von Schülern und ihren Lehrern, die nicht auf Eltern schimpfen, die mehr tun könnten. Die nicht aufstecken, obwohl viele Jugendliche es ihnen erst auf Umwegen danken, obwohl die materielle Versorgung der Schule mangelhaft ist – und die Bezahlung: nun ja. Traditionell bekommen Gymnasiallehrer deutlich mehr als ausgebildete Haupt- oder Realschullehrer und Grundschullehrer.

 

Zum Glück kommt die Tradition in Bewegung. In Berlin etwa sollen Grundschullehrer ähnlich viel verdienen wie Oberschullehrer. Mindestens ebenso wichtig: Voll ausgebildeten Lehrern, die an besagten Brennpunktschulen unterrichten, verspricht die rot-rot-grüne Koalition eine Zulage von im Schnitt 300 Euro. Ein Schmerzensgeld? Nein. Keine Lehrkraft, die weg will, wird wegen 300 Euro im Monat bleiben. Aber jene, die jeden Tag das Beste geben, aus Überzeugung, aus Leidenschaft, die trotzdem oft zu kämpfen haben, für die sind die 300 Euro ein Einstieg. Und zwar in die lange überfällige Anerkennung für jene Schulen, an denen sich der soziale Zusammenhalt unserer Gesellschaft entscheidet.

 

Klar: 300 Euro mehr Gehalt können für die Lehrer an Brennpunktschulen nur der erste Schritt sein. Und für alle anderen hoffentlich Anlass, genauer hinzuschauen, wenn das nächste Mal von „den besten“ Schulen und Lehrern die Rede ist.

 

Dieser Beitrag erschien heute zuerst in meiner Kolumne "Wiarda will's wissen" im Tagesspiegel. 

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"Es geht darum, die Leute aus ihren Blasen herauszuholen"

Die Berliner Soziologin Jutta Allmendinger über soziale Innovationen und die Frage, was ein Online-Videoportal mit den dringend benötigen gesellschaftlichen Markplätzen zu tun hat.

Jutta Allmendinger. Foto: Inga Haar
Jutta Allmendinger. Foto: Inga Haar

Frau Allmendinger, Sie waren dieses Jahr zum ersten Mal Juryvorsitzende beim "Innovationspreis Berlin Brandenburg". Und wie es sich gehört für eine Sozialwissenschaftlerin, haben Sie gleich erstmal einen neuen Preis für Soziale Innovationen durchgedrückt.

 

Durchgedrückt ist das falsche Wort. Sagen wir mal so: Ich habe mich dafür eingesetzt, dass wir neben den technologischen Innovationen eine weitere Dimension des Fortschritts in den Blick nehmen, die für die Zukunft unserer Gesellschaft mindestens ebenso zentral ist. 

 

Manche rollen bei dem Begriff eher mit den Augen und sagen: Noch so ein Modewort, das total wichtig daherkommt, bei dem aber jeder was Anderes meint. Was genau ist eine "soziale Innovation"?

 

Eine soziale Innovation zeichnet sich dadurch aus, dass sie der wachsenden gesellschaftlichen Spaltung entgegenwirkt. Was uns in Deutschland fehlt, sind die sozialen Marktplätze, an denen sich die Menschen aus verschiedenen Schichten, Altersgruppen und Kulturen treffen. Soziale Innovationen fördern also gesellschaftliche Solidarität und den gesellschaftlichen Zusammenhalt. 

 

Ein wunderbares Ziel. Bleibt die Frage, wieso uns eine Website für Online-Videos dem näherbringen soll. Der Preis, den Sie am 1. Dezember verleihen, geht an "filmfriend", ein Video-On-Demand (VoD)-Portal.

 

Moment, da verkürzen Sie aber gewaltig. "filmfriend" ist nicht irgendein kostenpflichtiges VoD-Portal wie Netflix oder Amazon Video, sondern der Gegenentwurf dazu. In "filmfriend", einem Kooperationsprojekt zwischen dem Medienunternehmen „filmwerte“ und dem Verbund der Öffentlichen Bibliotheken Berlins, können sich Bibliotheksnutzer kostenfrei einloggen. 

 

Also ein Video-Portal, das nicht gewinnorientiert ist, in Ordnung. Aber ist das wirklich innovativ?

 

Und ob. Erstens macht es die Bibliotheken wieder für eine junge Zielgruppe relevant. Zweitens beseitigt es die finanziellen Zugangshürden, steht also allen gleichermaßen zur Verfügung. Drittens erhebt das Portal keinerlei benutzerbezogene Daten, ist insofern auch beim Datenschutz vorbildlich. Und viertens, womöglich sogar am wichtigsten, finden Sie dort nicht eine Actionserie neben der anderen, sondern eine gut kuratierte Auswahl hervorragender Spielfilme und Dokumentationen.   

 

Das "arte" der VoD-Portale? Die Leute wollen aber keinen erhobenen Zeigefinger, sie sind meist weniger auf kulturell wertvolle Seherlebnisse aus, sondern sie wollen unterhalten werden. 

 

Ich verstehe gar nicht, warum da so oft ein Gegensatz konstruiert wird. Der Übergang zwischen Bildung und Unterhaltung ist fließend. Ich kann mit guten Bildungsangeboten hervorragend unterhalten werden. Nur merken viele Leute das nie, weil sie es gar nicht erst ausprobieren. Hier geht es um Bildung mit einer extrem niedrigen Zugangsschwelle. Und nebenbei führt das Portal auch noch online-ferne Bibliotheknutzer an die neuen technologischen Möglichkeiten heran. 

 

Am Anfang sprachen Sie von den dringend benötigen sozialen Marktplätzen. Filme schauen die Leute aber eher allein.

 

Das ist so nicht richtig. Außerdem geht es nicht nur darum, ob die Leute gemeinsam vor dem Bildschirm hocken. Der soziale Zusammenhalt entsteht vor allem durch den Inhalt, über die kulturelle Teilhabe, die Leuten ermöglicht wird, die sonst von den kommerziellen Portalen ausgeschlossen wären. Sie kommen über das, was sie da gesehen haben, ins Gespräch. Und wenn alles gut läuft, kann ein solches Angebot eben auch den öffentlichen Raum Bibliothek wieder attraktiver machen. >>


Der Preis und der Preisträger

Den Innovationspreis Berlin Brandenburg wird seit 1992 gemeinsam von der Berliner Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Forschung und dem Brandenburger Ministerium für Wirtschaft und Energie vergeben. Eigentlich ist der Preis noch älter, in seiner Berliner Version hat ihn der Senat bereits 1984 eingeführt. Dieses Jahr führt erstmals Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB), den Juryvorsitz, und ebenfalls zum ersten Mal gibt es einen Sonderpreis für soziale Innovationen, gestiftet hat ihn die Berliner Sparkasse.

Der Preisträger "filmfriend" ermöglicht es Bibliotheksnutzern, sich allein mit ihrer Bibliotheksausweisnummer und einem Passwort einzuloggen und das gesamte Filmangebot zeitlich unbeschränkt zu nutzen. Dabei werden keinerlei personenbezogene Daten erhoben. Das Angebot umfasst aktuell rund 1000 Titel und wird von "filmwerte" gemeinsam mit den Bibliotheken ausgesucht.  Die Filme, Serien und Dokumentationen werden in der Regel im Originalton gezeigt, das Zuschalten von Untertiteln oder anderen Sprachfassungen ist möglich.



>> Laufen wir denn Gefahr, die Bibliotheken und andere seit Jahrhunderten bestehende öffentliche Räume durch die Digitalisierung zu verlieren?

 

Wenn wir keine neuen Angebote entwickeln, die Schritt halten mit dem technologischen Fortschritt: auf jeden Fall. Was genau das für Angebote sind, kann sehr unterschiedlich sein. Das Museum für Naturkunde in Berlin zum Beispiel hat es auf fast schon wundersame Weise geschafft, sich als öffentlicher Raum neu zu erfinden. Zu den Ausstellungen dort gehen Jung und Alt, Arm und Jung, Akademiker und Nicht-Akademiker – weil sie alle etwas finden, das sie anspricht. So wie die Digitalisierung den Museen Gelegenheiten bietet, ihre Wissensstände auf ungekannte Weise zu katalogisieren und zu inszenieren, kann ausgerechnet die Technologie auch den Bibliotheken dabei helfen, ihre Nutzer zu sich zurück zu locken. 

 

Kann ein kleines Projekt wie "filmfriend" da wirklich viel reißen?

 

So klein ist das nicht. Das Tolle an Stadtteilbibliotheken ist ja eben, dass sie überall zu finden sind. Die Frage ist vielmehr, wie wir die Jugendlichen dazu bekommen, überhaupt mal in eine Bibliothek zu gehen, vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben, damit sie die neuen Angebote dort entdecken können. Da müssen wir neue Zugänge finden. Wenn die Jugendlichen aber erstmal da sind, da bin ich mir sicher, gehen sie nicht so schnell wieder. Und daran haben Angebote wie "filmfriend" einen entscheidenden Anteil. 

 


Abgesehen von Bibliotheken und Museen: Welche gesellschaftlichen Orte haben Soziale Innovationen besonders nötig?

 

Am meisten fehlen sie uns in Schulen und Kindergärten. Dabei wissen wir längst, dass wir Sozialkompetenzen nicht lernen, indem wir nur über sie reden, sondern indem wir sie praktisch vermitteln. Darum sollten wir mit unseren Kindern nicht nur an Krankenhäusern und Altenheimen vorbeigehen. Warum machen wir Vorlesen für eine bettlägerige Person nicht zu einem verpflichtenden Schulprojekt, das über drei oder vier Wochen läuft? Einige Schulen tun so etwas längst mit großer Wirkung. Und wir müssen Wege finden, um der immer stärkeren sozialen Spaltung an unseren Schulen entgegenzuwirken. Im Grunde geht es immer um dasselbe: das gezielte Zusammenführen von Leuten, die sonst in ihren Blasen und Echokammern sitzen würden. Darum fordere ich seit längerem, das soziale Jahr wieder einzuführen, und zwar für alle und verpflichtend.  

 

Ihre Begeisterung in allen Ehren: Ist Soziale Innovation für die meisten nicht doch noch ein typisches Soft-Thema? Nach dem Motto: Kann man machen, muss man aber nicht? Selbst beim Innovationspreis ist es keine reguläre Sparte geworden, sondern eine Art Sonderpreis. 

 

Wir machen das zum ersten Mal, und zugegebenermaßen wäre es mir lieber gewesen, wenn wir eine eigene Ausschreibung gemacht hätten, als einfach unter den Einsendungen den Sieger herauszusuchen. Auch die Macher von "filmfriend" haben sich ja als technologische Innovation beworben. In der nächsten Runde würde ich gern die Botschaft senden: Wir suchen sowohl marktreife technologische als auch marktreife soziale Innovationen, und für beide Kategorien können Bewerbungen eingereicht werden. Das wäre mein Wunsch. 

 

Offenbar ist für viele das Thema eben doch noch zu wenig greifbar. 

 

Das finde ich nicht. Den meisten Politikern zum Beispiel ist längst klar, dass die soziale Spaltung Ausgangspunkt für einen Großteil unserer gesellschaftlichen Probleme ist. Ich rede von alltäglichen Ängsten, Konflikten und von Ausgrenzung. Am meisten lehnen Menschen ab, was sie nicht kennen, was wir exemplarisch in den neuen Bundesländern sehen können, wo am wenigsten Ausländer leben und sie doch am meisten abgelehnt werden. Nochmal: Soziale Innovationen bestehen im aktiven Heranführen von Menschen an das Unbekannte. Wir tun uns als Gesellschaft ganz allgemein schwer damit, uns für neue Welten und Denkweisen zu öffnen. Gleichzeitig besteht in der Politik trotz allem Problembewusstseins eine unheimliche Trägheit, ja Bräsigkeit, diese besondere Innovationsschwäche, die wir da haben, verantwortungsvoll anzugehen. Bei rein technologischen Innovationen und dem Etablieren neuer Startups ist die Begeisterungsfähigkeit in der Politik um ein Vielfaches höher. Das müssen wir ändern. 

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Also wir kommen auf weniger

Hochschulforscher berichten regelmäßig eklatant hohe Abbrecherquoten in den Ingenieurwissenschaften. Jetzt halten TU9 und acatech mit einer eigenen Studie dagegen.

HEUTE VERÖFFENTLICHEN die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften, kurz acatech, und der Hochschulverbund TU9 eine neue Studienabbrecherstudie. Wobei sie ganz so neu dann doch nicht ist, erste Ergebnisse hatte der TU9-Vizepräsident und Stuttgarter Rektor Wolfram Ressel schon im Sommer präsentiert. 

 

Interessanter noch als die Studie selbst ist der Grund für ihr Zustandekommen. An den technischen Universitäten fühlen sie sich nämlich schon länger an den Pranger gestellt, vor allem in den Medien. Die Abbrecherquoten in den Ingenieurwissenschaften, so der Tenor, seien unangemessen hoch. Auch ich hatte 2012 einen Artikel zum Thema in der ZEIT geschrieben und gefragt: „Wie kann es sein, dass fast jeder zweite Ingenieurstudent an Deutschlands Universitäten sein Studium abbricht, und alles, was die verantwortlichen Professoren dazu zu sagen haben, erschöpft sich in müden Ausreden?“

 

Laut einer Untersuchung des damaligen Hochschul-Informations-Systems (HIS) verließen zu dem Zeitpunkt 48 Prozent der Ingenieurstudenten eines Jahrgangs Deutschlands Universitäten ohne Abschluss. Die TU9-Universitäten gehören zu den größten Anbietern ingenieurwissenschaftlichen Studiengänge. Ihre Reaktion: Sie wollten ihre eigene Studie. Und sie bekamen sie, finanziert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF). Das Ergebnis formulieren TU9 und acatech nun in ihrer Pressemitteilung wie folgt: „Die Abbruchquote liegt zwischen 21 und 23 Prozent und damit deutlich niedriger als bislang angenommen.“ Eingeflossen in die Auswertung sind die Daten von rund 60.000 Studenten an 12 technischen Universitäten, die zwischen Wintersemester 2008/09 und 2011/12 ein ingenieurwissenschaftliches Studium an einer Universität aufgenommen haben.

 

Im Unterschied zum HIS, deren Hochschulforschungsteil seit einigen Jahren Deutsches Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DHZW) heißt, sei in der Studie zwischen Studienabbrechern, Fach- und Hochschulwechslern unterschieden worden, begründen die technischen Universitäten die enorme Diskrepanz zu dessen Zahlen. Über alle ingenieurwissenschaftlichen Studiengänge hinweg liegen die bundesweiten Abbrecherquoten an Universitäten für die Bachelorstudenten der Jahrgänge 2010 und 2011 nämlich laut DZHW bei 32 Prozent. 

 

"Jeder Studienabbruch ist einer zuviel"

 

„Klar ist: jeder Studienabbruch ist einer zu viel“, sagt Projektleiter Eberhard Umbach, früherer Präsident des zu TU9 gehörenden Karlsruher Instituts für Technologie und jetzt acatech-Präsidiumsmitglied. „Wir können jedoch die Abbruchquoten nur nachhaltig senken, wenn wir eine differenzierte Analyse vornehmen.“ Implizite Botschaft: Das, was das HIS/DZHW macht, ist nicht differenziert.

 

Ulrich Heublein ist beim DZHW für Bildungsverläufe zuständig und trägt in Fachkreisen den Spitznamen „Mr. Studienabbruch“. Die DZHW-Abbrecherstudien sind im Wesentlichen seine Arbeit, kaum einer kennt sich in dem Gebiet so gut aus wie er. Ein Quasi-Monopol, könnte man sagen. Genau das halten offenbar auch im BMBF einige für ein Problem und haben deshalb die TU9-/acatech-Studie finanziert. 

 

Heublein kommentiert die heute veröffentlichten Zahlen wie folgt: „Die vorgelegte Studie gibt keine hinreichende Auskunft über den Studienabbruch in den Ingenieurwissenschaften an den deutschen Universitäten." Sie versuche, auf der Basis studiengangsspezifischer Abbruchquoten den Studienabbruch in Ingenieurwissenschaften für die Universitäten insgesamt zu bestimmen. Da sie aber den, so Heublein, "durchaus beträchtlichen" Hochschulwechsel nicht berücksichtige, sondern diesen einfach als Studienerfolg verbuche, "kann sie den Studienabbruch nicht vollends erfassen.“ Auch sei die Fächerzusammensetzung in den Ingenieurwissenschaften der untersuchten technischen Universitäten anders als im Bundesvergleich. Daher sei ein Vergleich mit den DZHW-Daten „völlig auszuschließen.“

 

Die Quote der Hochschul- und Fachwechsler summiert sich auf 16 bis 18 Prozent in der TU9-/acatech-Studie und bleibt bei der Berechnung der Abbrecherquoten tatsächlich außen vor. Das, so sagen die Autoren, sei ja auch kein Geheimnis, stehe mehrfach in der Studie und sei insofern allen Beteiligten bewusst.  

 

An den Zitaten von Umbach und Heublein kann man die herrschenden Spannungen ablesen, wobei acatech und TU9, siehe oben, bei jeder Gelegenheit betonen, mit ihren halbierten Zahlen das Problem Studienabbruch keineswegs verharmlosen zu wollen. Was sie natürlich trotzdem tun, zumindest sollen die Ergebnisse den bildungspolitischen Druck aus der Debatte nehmen. 

 

Doch bleiben sie dabei nicht stehen. Zur heute veröffentlichten Studie gehört auch eine Zusammenstellung sogenannter „Best-Practice-Beispiele“, garniert mit Handlungsempfehlungen an Politik und Hochschulen: Wie können Studieninteressierte schon vor dem Studium besser orientiert werden? Laut Studie wirken sich auch Eignungsfeststellungsverfahren, Orientierungsprüfungen, verpflichtende Vorkurse, eine Anwesenheitspflicht oder gar eine Studienhöchstdauer positiv aus. Insofern appellieren TU9 und acatech an die Länder, ihren Hochschulen die dafür nötigen Freiheiten zu geben. Darüber hinaus sei es unter anderem wichtig, die „systematische Analyse hochschulübergreifender Daten voranzutreiben.“

 

Die TU München schwört auf Eignungsprüfungen

 

Zu den TU9 gehört die Technische Universität München (TUM), und die hat nur zwei Tage vor der TU9-/acatech-Studie ihre eigene Auswertung veröffentlicht. Typischer TUM-Tenor und ganz im Sinne ihres umtriebigen Präsidenten Wolfgang A. Herrmann: Wir sind die besten. Oder, wie die dazu gehörenden Pressemitteilung es formuliert: „Studierende der TUM, die nach einer Eignungsprüfung zugelassen wurden, schließen ihr Studium deutlich häufiger erfolgreich ab als Studierende anderer Universitäten.“

 

Und genau an der Stelle werden die Münchner Zahlen, bei denen sich die TUM interessanterweise am DZHW und nicht an der TU9-/acatech-Vorgehen orientiert hat, wirklich spannend. Beispiel Informatik: Die TUM kommt auf 20 Prozent "Exmatrikulationen ohne Abschluss", bundesweit liegt die Abbrecherquote an Unis laut DZHW bei 45 Prozent. Oder Maschinenbau: TUM: 22 Prozent, alle Unis: 31 Prozent. Eigentlich seien die TUM-Werte sogar noch niedriger, betont Herrmann, weil man im Gegensatz zum DZHW die Hochschulwechsler, die ihr Studium anderswo erfolgreich abgeschlossen haben, nicht habe herausrechnen können. 

 

Die TUM ist überzeugt: Das Geheimnis liegt im vor 17 Jahren eingeführten "Eignungsfeststellungsverfahren", das in vielen Studiengängen den Numerus Clausus ersetzt hat. So beträgt die Exmatrikulationsquote in Studiengängen ohne Verfahren aktuell 40 Prozent, bei denen mit Eignungsprüfung sind es 21 Prozent.

 

Bei den Verfahren wird zunächst die Abiturleistung differenziert nach Fächernoten berücksichtigt, von einer Mindestpunktzahl an kommen die Bewerber in die Auswahlgespräche. Allein zu den Wintersemestern führe man 5000 bis 6000 Interviews, bei denen dann vor allem die Motivation und das Durchhaltevermögen der Bewerber ergründet werden sollen. Doch, so Herrmann, der Aufwand „lohnt sich“. Die Gesellschaft könne es sich nicht leisten, „durch undifferenzierte Verfahren wie den Numerus Clausus Ressourcen zu vergeuden“– vor allem nicht die Talente, die trotz Eignung nicht zugelassen würden. Es sei darüber hinaus bequem, aber „ungerecht und verschwenderisch“, Bewerber nur aufgrund des Abiturs zuzulassen und sie nach einem Jahr hinauszuprüfen. Trotz der „hervorragenden Erfahrungen“ erschwerten jedoch gesetzliche Vorgaben die Eignungsprüfungen. Die Politik, so Herrmann, sei „dringend aufgefordert“, dies zu ändern. 

 

Die TUM-Auswertung gefällt Ulrich Heublein methodisch übrigens besser. „Fundiert“ sei sie, die Berechnungen seien „völlig korrekt“. Ihre Schlussfolgerungen teilt der Hochschulforscher ebenfalls: „Wir können den beobachteten Effekt auch in unseren Studien feststellen.“ Allerdings kenne er außerhalb der TUM lediglich aus Kunst- und Musikhochschulen sowie aus einigen Architekturstudiengängen und privaten Hochschulen ein ähnlich „elaboriertes“ Eignungsfeststellungsverfahren. Anderswo scheiterten solche Ansätze meist an den gesetzlichen Regeln. 

 

Womit sich Heublein und die Autoren der TU9-/acatech-Studie in einem entscheidenden Punkt doch einig sind: Ganz gleich, wie hoch die Abbrecherquoten tatsächlich sind: Wer sie senken möchte, sollte auch über Alternativen zum Numerus Clausus nachdenken. 

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Forderungsroutine

Die Studierendenzahlen steigen erneut, die Forderungen an den Bund sind die üblichen. Wir müssen gedanklich weiterkommen.

JEDEN SPÄTHERBST dasselbe: Das Statistische Bundesamt verkündet einen neuen Studierendenrekord. 2.847.800 Menschen waren nach vorläufigen Zahlen in diesem Wintersemester an deutschen Hochschulen eingeschrieben. So viele wie noch nie. Mal wieder.

 

Auch die ersten Reaktionen von Rektoren, Verbandschefs und Bildungspolitikern scheinen mittlerweile vorrangig von deren Kleinhirnen produziert zu werden. Der Hochschulpakt müsse weiterlaufen, forderten sie am Dienstag zum x-ten Mal, er müsse aufgestockt werden, er müsse, wie etwa der grüne Hochschulexperte Kai Gehring sagte, „das feste und dauerhafte Fundament einer besseren Grundfinanzierung der Hochschulen bundesweit bilden“.

 

Falsch werden solche Sätze selbst durch ihre routiniert abgespielte Wiederholung nicht. Doch allzu oft bleiben sie unvollständig. Ein dauerhaftes Engagement der Bundesregierung für die Hochschulfinanzierung über den Hochschulpakt ergibt nur Sinn, wenn die Länder durch die Forderung nicht ungewollt aus der Verantwortung entlassen werden. Denn natürlich könnten die meisten von ihnen selbst mehr tun, wenn denn die politischen Prioritäten entsprechend wären. Auch das müsste häufiger mal gesagt werden.

 

Mehr hochschulpolitische Fantasie würde sich auch an anderer Stelle lohnen. Obgleich die Erstsemesterzahlen nun schon seit fünf Jahren stagnieren und damit auch die absoluten Werte demnächst leicht abbröckeln dürften – sie bleiben höher, als es sich die Kultusministerkonferenz je hatte vorstellen können. Die Öffnung der Hochschulen verschiebt die Erwartungen, die das Gros der Studenten an ihre Hochschulbildung haben. Schon jetzt gehen 40 Prozent der Erstsemester an Fachhochschulen, 1999 waren es nur 28 Prozent. Wie auch immer der Hochschulpakt also künftig aussehen mag, er muss vor allem ein Hochschulpakt für die Fachhochschulen sein.

 

Dieser Kommentar erschien heute zuerst im ZEIT Chancen Brief.


Wo Fantasie gefragt ist

Schon im Dezember 2016 hatte die Bundesregierung den Ländern signalisiert, dass das Geld aus dem bisherigen Hochschulpakt weiterfließen wird, und zwar auch nach dessen Auslaufen. Doch wie viel genau soll fließen, wohin und nach welchen Konditionen? Anders formuliert: Wie kann der Hochschulpakt-Nachfolger bei weiter hohen, aber nicht mehr wachsenden Studierendenzahlen Qualität und Quantität zusammenbringen?

 

Das ist die zentrale Frage, die sich Hochschulpolitiker und Rektoren stellen. Sehr weit mit ihrer Antwort ist zumindest die Landespolitik noch nicht gekommen, wie jüngst die erwartbare "Berliner Erklärung" aller 16 Wissenschaftsminister zeigte. Während die unionsregierten Länder seit Monaten an einer darüber hinausgehenden gemeinsamen Position schrauben, haben die Sozialdemokraten immerhin schon zwei Konzepte vorgelegt: im Februar einen "Zukunftsvortrag für Wissenschaft und Forschung", und – in gedanklicher Verwandtschaft, aber persönlicher Abgrenzung – die fünf ostdeutschen SPD-Ressortchefs mit ihrem eigenen "Positionspapier für eine sichere und gerechte Hochschulfinanzierung“ im Juni.

 

Im Wesentlichen verstehen die Sozialdemokraten unter ihrer „Qualitätsstrategie für die Hochschullehre“ , dass der Bund pro Student und Jahr je nach Studienfach zwischen 1000 und 3000 Euro beisteuern soll. Und zwar dauerhaft. Bei Studierenden ohne Abitur sollen erhöhte Ansätze von 3000 Euro pro Kopf und nochmal 1500 Euro pro Abschlussprüfung angesetzt werden. Kostenpunkt jährlich laut SPD-Schätzung:

 

3,3 Milliarden Euro, wovon die Länder „mindestens zehn Prozent“ übernehmen sollen.  

 

Auch das besondere Wachstum der Fachhochschulen hatten die SPD-Fachpolitiker im Februar bereits auf dem Schirm, wenn auch nur in Ansätzen: Über einen zusätzlichen "Perspektivpakt", so ihre Forderung, sollte der Bund die Forschungsprojektförderung an Fachhochschulen auf rund 100 Millionen Euro bis 2025 fast verdoppeln. Der ebenfalls in dem Konzept geforderte FH-Nachwuchspakt hat es, obgleich politisch unumstritten, vor der Bundestagswahl nicht mehr in die Umsetzung geschafft und liegt nun bis mindestens Mitte nächsten Jahres auf Eis. Irgendwie symbolträchtig.

 

Zum Pakt vor allem für Fachhochschulen würde der neue Hochschulpakt nur, wenn er speziell gute, studierendenzentrierte Lehre trotz hoher Studierendenzahlen belohnen würde – nach Meinung vieler eine Spezialität gerade der Fachhochschulen. Doch wie genau misst man sie?

 

In jedem Fall müssten die Kriterien feinkörniger sein als die von der SPD vorgeschlagenen Finanzierungsstufen. Inspiration kann hier womöglich das britische Teaching Excellence Framework bieten. Ein ganz anderes Modell hat hier im Blog kürzlich der Potsdamer Unipräsident Oliver Günther vorschlagen. Es würde über die sogenannten Curricularnormwerte direkt in die Mittelverteilung zwischen Universitäten und Fachhochschulen eingreifen und nebenbei auch die Lehre an Universitäten verbessern. Wie gesagt: Fantasie ist gefragt. 


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Wo wollen wir hin?

Das Netzwerk Wissenschaftsmanagement möchte eine Debatte zur Zukunft der Organisation Hochschule anzetteln. Zum Glück läuft die schon.

DERZEIT ERLEBEN POSITIONSPAPIERE eine erstaunliche Renaissance. „Wer liest die denn?“, hieß es vor nicht allzu langer Zeit über derlei Schriften, die meist in großer Runde und in langwierigen Diskussionsprozessen entstehen – so groß und so langwierig, dass am Ende kaum noch Unrundes übrigbleibt.

 

Doch in letzter Zeit haben einige Positionspapiere tatsächlich starke Reaktionen ausgelöst. Die Junge Akademie forderte „Departments statt Lehrstühle“, das Forum Hochschulräte warnte vor der Übermacht der Professoren, und das Promovierenden-Netzwerk N² widersprach per Positionspapier Bundesforschungsministerin Wanka, dass Wissenschaftlerkarrieren „immer attraktiver“ würden. Sogar die Wissenschaftsminister der 16 Länder meldeten sich in einer gemeinsamen – wenn auch nur halbseitigen – „Berliner Erklärung“ zu Wort.

 

Bedeutet die Vielzahl scheinbar oder tatsächlich konzeptionell angelegter Wortmeldungen, dass der Ideenwettbewerb um die bestmögliche Zukunft für unser Wissenschaftssystem an Kreativität zunimmt – oder erleben wir das Auseinanderbrechen der wissenschaftspolitischen Debatte in die Formulierung klientelhafter Einzelinteressen? 

 

Zweifellos ist da etwas in Bewegung geraten: Eingefahrene Organisationsstrukturen werden hinterfragt, es werden argumentative Linien gezogen zwischen den vorhandenen Freiräumen für die einzelnen Wissenschaftler auf der einen Seite und gegenseitigen Abhängigkeiten und der Finanzierung von Wissenschaft insgesamt auf der anderen. „Oben der Professor, unten alle anderen“, formulierte am Montag die Süddeutsche Zeitung: „Das Machtgefälle an deutschen Universitäten ist so steil wie nirgends sonst.“ Das ermögliche Schikanen und Ausbeutung. Doch: „Der Widerstand wächst“. 

 

Eine weitere Wortmeldung, die heute erscheint, bringt den Anspruch, den die meisten genannten Positionspapiere teilen, auf den Punkt. „Wissenschaftsfreiheit neu gestalten“, haben die Autoren als Überschrift gewählt. Dahinter steht das „Netzwerk Wissenschaftsmanagement“, ein 2011 gegründeter Zusammenschluss meist jüngerer Wissenschaftsmanager. 

 

Lässt man das unverzichtbare, richtige aber natürlich auch erwartbare Bekenntnis zum großen Ideal (Wissenschaftsfreiheit als „Pfeiler einer offenen Gesellschaft und funktionierenden Demokratie“), mit dem das Papier beginnt, mal beiseite, bleibt als erste zentrale Botschaft: „Eine gute Organisation ermöglicht freie Wissenschaft.“ So weit werden alle zustimmen, doch was heißt das konkret? 

 

Was, fragen die Autoren, hat ein
Urteil von 1973 mit heute zu tun?

 

Erstmal, so die Autoren, müsse sich die Debatte über freie Wissenschaft und die dafür nötige Organisationsform wegbewegen von juristischen Erwägungen. Gemeint ist damit vor allem das Aufsehen, das der Verfassungsgerichtshof von Baden-Württemberg im November 2016 mit seinem Urteil verursacht hat: Die Macht der Professoren in der Selbstverwaltung der Hochschulen müsse gestärkt werden, das Landeshochschulgesetz neu formuliert werden. Die Richter begründeten dies – in Rückgriff auf das Bundesverfassungsgericht und dessen von 1973 stammende Entscheidung – mit der im Grundgesetz-Artikel 5 verankerten Wissenschaftsfreiheit.  

 

Was aber hat ein Verfassungsgerichtsurteil von 1973 noch mit den Hochschulen von heute zu tun, fragen die Autoren: „Die wissenschaftspolitische Auseinandersetzung mit der Frage, wie Hochschulen im 21. Jahrhundert ihre Wissenschaftsfreiheit nicht nur erhalten, sondern auch lebendig halten können, und was dies für ihre innere Verfasstheit und Organisation bedeutet, findet bisher kaum statt.“ Es müsse mehr über das „inhaltlich Sinnvolle“ gesprochen werden. 

 

Dieser Problembeschreibung kann man mit Hinweis auf die oben erwähnten Positionspapiere und weitere Wortmeldungen ein Stückweit widersprechen. Auch die Strategie der baden-württembergischen Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne), mit einer bislang so nicht bekannten Urabwahl des Rektorats auf das Urteil zu reagieren und dazu noch die Doktoranden als neue sogenannte Statusgruppe einzuführen, ist weniger eine juristische Abarbeitung der Vorgaben als ein wissenschaftspolitisches Statement. 

 

Trotzdem hat die „Einladung“ zur öffentlichen Diskussion, die das Netzwerk im weiteren Verlauf seines Positionspapiers ausspricht, Charme: „Wie sollte eine Wissenschaftseinrichtung organisiert sein? Was mach eine gute Governance in der Wissenschaft aus? Wie lässt sich die Organisationsqualität definieren, bestimmen und überprüfen?“

 

Gerade letztere Frage – die nach der Überprüfung, Evaluation der Effektivität einer bestehenden Governance-Form im Vergleich zu anderen ist keine, die Jubelstürme an den seit Jahrzehnten in ihrem Bestehenden tradierten Gruppenuniversitäten auslösen wird. Zumal man zu Recht entgegnen kann: Wie lässt sich denn das Aufblühen von Wissenschaftsfreiheit objektiv prüfen und feststellen?

 

Eine Antwort auf seine selbst gestellten Fragen hält das Netzwerk natürlich auch parat: Im „Licht der neuen Hochschulautonomie“ müsse die Wissenschaftsfreiheit künftig „stärker als organisationales Grundrecht“ interpretiert werden. 

 

Müssen individuelle und institutionelle
Wissenschaftsfreiheit neu justiert werden?

 

Schließlich habe sich die Hochschullandschaft in den vergangenen 20 Jahren verändert, so habe sich „spätestens seit dem Jahr 2000“ der Staat sukzessive – „wenn auch nicht in allen Bundesländern mit der gleichen Geschwindigkeit und Stetigkeit – aus der Steuerung der Hochschulen zurückgezogen“. Das müsse Rückwirkungen auf das Verständnis von Wissenschaftsfreiheit haben, so die Autoren: Solange der Staat stärker direkt auf die Hochschulen eingewirkt habe, sei der Freiheit der einzelnen Wissenschaftler eine große Bedeutung zugekommen, um der „Kritikfähigkeit und Eigengesetzlichkeit der Hochschule gegenüber dem Staat notfalls auch als Einzelpersonen und unter Berufung auf sich selbst Gültigkeit zu verschaffen“. Heute jedoch seien die Hochschulen als Organisation deutlich besser vor „wissenschaftsfremden Einflussnahmen“ geschützt und müssten daher selbst entscheiden können, wie sie ihre Freiheit als Organisation wahrnehmen „und welche Wege der Mandatierung, Abstimmung und Partizipation sie hierfür als notwendig und sinnvoll erachten“. Eine besondere Freiheit einzelner Wissenschaftler jedenfalls, „etwa durch die Rehabilitation der Professorenmehrheit oder Ähnlichem“, sei dann nicht mehr erforderlich „oder schränkt gar die Wissenschaftsfreiheit anderer Mitglieder der Hochschule und somit die Wissenschaftsfreiheit der Hochschule als Gesamtorganisation ein“. 

 

Irgendwo im vorhergehenden Absatz wird bei vielen Professoren das Nicken aufgehört haben. Theresia Bauer hingegen dürfte sich bestätigt fühlen, hatte sie doch in einem Streitgespräch mit dem Philosophen Jens Halfwassen zum Verfassungsgerichtsurteil gesagt: „Die Wissenschaftsfreiheit ist nicht nur ein Recht, das dem Individuum zusteht, sondern auch der Institution als Ganzes. Wissenschaftsfreiheit bedeutet auch die Freiheit einer Hochschule, sich eigenständig zu verändern und weiterzuentwickeln.“

 

Die Wortmeldung des Netzwerkes Wissenschaftsmanagement, dessen Mitglieder sich gerade in Bonn zu ihrer Jahrestagung treffen, wäre nicht vollständig, wenn nicht noch die Wendung hin zur eigenen Bedeutung folgen würde: „Den Schlüssel für eine stärker organisationale Wissenschaftsfreiheit sehen wir in einem modernen Wissenschaftsmanagement.“ Aha.

 

Man muss nicht die doch sehr einseitige Zuspitzung weg von der individuellen hin zur organisationalen Wissenschaftsfreiheit teilen, um an einem entscheidenden Punkt den Autoren zuzustimmen: Am richtigen Verhältnis beider Sphären entscheidet sich die Zukunftsfähigkeit einer Hochschule. Und zusätzlich muss geklärt werden, ob die individuelle Wissenschaftsfreiheit auch künftig vor allem auf die Wissenschaftsfreiheit einiger weniger – der Professoren – hinauslaufen darf. 

 

Die Hochschulräte hatten in ihrem Papier fast genau dieselbe Frage gestellt. Und die Junge Akademie bietet mit ihrem Engagement für Departmentstrukturen eine Antwort, wie aus dem „Chosen Few“ der Lehrstuhlinhaber zumindest schon mal ein „Chosen Many“ werden könnte. 

 

Die Debatte, die sich die Wissenschaftsmanager wünschen, läuft also schon. Zum Glück.


DAS POSITIONSPAPIER DES NETZWERKS WISSENSCHAFTSMANAGEMENT ZUR WISSENSCHAFTSFREIHEIT UND EIN WEITERES ZUM ZUSAMMENHANG VON EXZELLENZSTRATEGIE UND GOVERNANCE FINDEN SIE HIER

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Akademische Kirchturmpolitik

Das alte Diplom spukt nicht nur in den Köpfen vieler Politiker herum. Auch viele Hochschullehrer romantisieren längst Vergangenes. Ein  Gastkommentar von Jens Rolff.

MIT GROSSEM INTERESSE las ich Jan-Martin Wiardas Kommentar „Da war doch was an der Sorbonne“ in seinem Blog und im Tagesspiegel. Als jemand der von 2000 bis 2012 an der Universität Sheffield in England gearbeitet hat, bin ich immer noch irritiert, wieviel vom alten Diplom nicht nur in den Köpfen vieler Politiker herumspukt, sondern auch in den Köpfen meiner Kolleginnen und Kollegen. Im Prinzip sind viele Kurse nur aus dem Diplom in das neue System übernommen worden, ohne dabei auch die Inhalte zu überarbeiten. 

 

Die Idee der Freizügigkeit in den Wissenschaften ist damit oft nicht gegeben. Die europäischen Ideale, die sie erwähnen, werden oftmals schon beim Übergang vom Bachelor in den Master verletzt. Zulassungsordnungen für Masterstudiengänge sind oftmals so restriktiv, dass nur Studierende aus demselben Fach von derselben Hochschule zugelassen werden. Ein Wechsel oder Quereinstieg, der zum Beispiel in Großbritannien üblich ist, ist damit sehr schwierig.

 

Diese und andere Beispiele von akademischer Kirchturmpolitik unterlaufen leider die Öffnung der Hochschulen. Es ist auch bedauerlich, dass ein sehr gut funktionierendes Bachelor-/Master-System, nämlich in Großbritannien (und vor allem England) durch die Kombination aus de facto Privatisierung und Brexit unter die Räder kommt.  Dies führt zur Mittelkürzung, zur Abwanderung internationaler Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und vermutlich mittelfristig auch zu einer verringerten Zahl an Studieninteressierten.

 

Zum Schluss noch eine Beobachtung, die vermutlich das Festhalten am Diplom, wie es Herr Brodkorb propagiert, zumindest teilweise erklärt. Viele Leute romantisieren die Zeit Ihres Studiums. Das mag trivial klingen, aber es begegnet mir sehr oft und auch bei aktiven Hochschullehrinnen und-lehrern.

 

Jens Rolff ist seit 2012 Professor für Evolutionsbiologie an der Freien Universität Berlin. Vorher war er NERC Research Fellow und Senior Lecturer an der Universität Sheffield.


NÄCHSTE WOCHE KOMMT ES ZU DIPLOM-SHOWDOWN IN DER KULTUSMINISTERKONFERENZ. DANN ENTSCHEIDEN DIE WISSENSCHAFTSMINISTER, OB DER ALTE ABSCHLUSS EINE NEUE AUFWERTUNG ERFÄHRT. DETAILS FINDEN SIE HIER


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Wollen wir wirklich machen, was er sagt?

Die Debatte um den Familiennachzug kann eigentlich nur einen freuen – Alexander Gauland und seine AfD. Was wirklich gegen Ressentiments hilft: dass die Flüchtlinge zeigen können, was in ihnen steckt.

Alexander Gauland. Foto: Olaf Kosinsky/Skillshare.eu

LANGE WAREN „die Flüchtlinge“ nicht mehr Gegenstand so heftiger Debatten wie in den vergangenen acht Tagen, seit FDP-Chef Christian Lindner spätabends seine „Besser-nicht-regieren-als-falsch-regieren“-Rede hielt. 

 

Lindner selbst erklärte später im Interview mit Spiegel Online, seine Partei wolle „ein liberales Einwanderungsrecht“ – aber „klare Regeln und eine Rücksichtnahme auf die Integrationsfähigkeit unserer Gesellschaft“. Einige in seiner Partei formulieren deutlicher, zum Beispiel der Vorsitzende der FDP-/DVP-Fraktion im baden-württembergischen Landtag. Es habe sich gezeigt, hatte Hans-Ulrich Rülke schon am vergangenen Montag per Pressemitteilung verkündet, „dass sogar die CSU den massenhaften Nachzug von Flüchtlingsfamilien zulassen will.“ Eine „solche Politik“ könne die FDP nicht zulassen. Der grüne Bundestagsabgeordnete und stellvertretende Fraktionsvorsitzende Konstantin von Notz erregte sich per Twitter: „Gibt es in der FDP Widerspruch zu solchen Positionen?“

 

Im Bundestag plädierten am Donnerstag Politiker von Union, FDP und AfD dafür, den Familiennachzug für Flüchtlinge mit eingeschränkten Schutzstatus weiter auszusetzen. Prompt forderte AfD-Fraktionschef Alexander Gauland, die Abgeordneten müssten jetzt „über ihren parteipolitischen Schatten springen und an Deutschland denken und im Sinne des Gemeinwohls handeln.“ Gemeinsam handeln mit der AfD wohlgemerkt. Der geschäftsführende Innenminister Thomas de Maziere (CDU) äußerte sich uneindeutig: Man werde keine gemeinsamen Anträge, Gesetze oder Initiativen mit der AfD einbringen, sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland, doch: „Wenn wir etwas für richtig halten, kann man nicht allein deswegen den guten Vorschlag unterlassen, weil vielleicht die AfD zustimmt.“ >>



>> Das ist die politische Gemengelage, in die ebenfalls vergangene Woche zwei bemerkenswerte Studien hineinstießen. Die erste stammt vom Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) und der Robert-Bosch-Stiftung: Nichts wünschen sich die 2015 eingewanderten Flüchtlinge demnach so sehr wie Arbeit, finanzielle Unabhängigkeit und neue soziale Kontakte. Moment, könnte man einwenden, das war doch „nur“ eine qualitative Studie, deren Aussagen auf der Befragung von 62 Asylsuchenden unterschiedlichen Alters und Herkunft beruhen. 

 

Zwischen 30.000 und 110.000
Menschen könnten hochschulreif sein

 

Die erstaunlich hohe Motivation der meisten Geflüchteten brachte indes auch der „Hochschul-Bildungs-Report 2020“ zum Ausdruck, den Stifterverband und McKinsey ebenfalls am Donnerstag veröffentlichten. Die Autoren haben in ihrer Analyse Zahlen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) und des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) kombiniert und hochgerechnet. Das Ergebnis: Von den 420.000 zwischen 2014 und 2016 nach Deutschland geflüchteten 16- bis 34-Jährigen mit hoher Bleibewahrscheinlichkeit könnten am Ende bis zu 110.000 den Weg an die Hochschule finden. 

 

Stifterverband und McKinsey räumen selbst ein, dass ihre Berechnungen optimistisch sind und Unschärfen enthalten. Grundlage sind Selbstangaben der Flüchtlinge zu ihrem Bildungsniveau, außerdem werden nicht alle, die sich ein Studium vorstellen können, dies am Ende tatsächlich absolvieren. „Auch verringert sich die Zahl von bis zu 110.000 Studienanfängern in mehreren Schritten auf möglicherweise nur noch 32.000 – weil unterwegs viele an den Sprachhürden, an finanziellen oder an gesundheitlichen Problemen scheitern könnten“, sagt Mathias Winde vom Stifterverband. Forscher gehen davon aus, dass rund 20 Prozent der Flüchtlinge weltweit an Traumafolgen oder Depressionen leiden. 

 

Ob die absoluten Zahlen so stimmen oder nicht: Entscheidend ist der enorme Wille der Geflüchteten und das Bildungspotenzial, das sie mitbringen und das Politik und Bildungseinrichtungen regelmäßig unterschätzt haben. Als zum Beispiel die Universität Potsdam vergangenes Jahr zum ersten Mal Plätze zur Nachqualifikation geflüchteter Lehrer ausschrieb, rechnete sie mit 15 Leuten – es bewarben sich 700.

 

In die politische Post-Jamaika-Debatte um eine vermeintliche gesellschaftliche Überlastung durch die Flüchtlinge fanden die aktuellen Analysen von SVR, Stifterverband und McKinsey trotzdem wenig Widerhall. Und das obwohl die meisten Journalistenkollegen die beiden Studien aufgriffen und zum Teil ausführlich darüber berichteten. Selbst Michael Kretschmer, bislang ein besonnener CDU-Bildungs- und Wissenschaftspolitiker und designierter Nachfolger von Stanislaw Tillich als sächsischer Ministerpräsident, war eine andere Botschaft im ZEIT-Interview (noch nicht online) wichtiger: „Die Mehrzahl der Menschen in Deutschland will nicht, dass aus einer Million Flüchtlinge zwei oder drei Millionen werden.“ Und zum von ihm selbst eingebrachten Stichwort „Flüchtlingskriminalität“ befand Kretschmer: „Da heißt es schnell: Wer das thematisiert, der will polemisieren, der ist rechts. Die Menschen denken aber in anderen Kategorien.“ Kretschmer selbst hatte seinen Wahlkreis bei der Bundestagswahl an den AfD-Konkurrenten verloren. 

 

Wie anders war die Rhetorik vor zwei Jahren. Die Flüchtlinge könnten ein „neues Wirtschaftswunder auslösen“, sagte Daimler-Chef Dietmar Zetsche im September 2015 bei der IAA. Natürlich sei nicht jeder Flüchtling ein brillanter Ingenieur, Mechaniker oder Unternehmer, zitierte die dpa ihn damals. Aber wer sein komplettes Leben zurücklasse, sei hoch motiviert. „Genau solche Menschen suchen wir bei Mercedes und überall in unserem Land.“ 

 

Bildungsforscher mahnten früh
den nötigen Kraftakt an 

 

Doch schon im November 2015 warnte zum Beispiel der Bildungsökonom Ludger Wößmann. „Zu meinen, dass die erwachsenen Flüchtlinge bei uns den Fachkräftemangel lösen werden, halte ich nicht für realistisch“, sagte er. Bei vielen Flüchtlingen sei kein ausreichendes Bildungsniveau vorhanden, um darauf aufbauen zu können. So könnten etwa zwei Drittel der Schüler in Syrien nur „sehr eingeschränkt“ lesen und schreiben. 

 

Vollends endete die Euphorie mit den bis heute nicht völlig geklärten Ereignissen der Kölner Silvesternacht 2015/2016. ZEIT-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo schrieb im Februar 2016: „Nach der Grenzöffnung Anfang September ging ungewollt das Signal in die ganze Welt, dass jeder Flüchtling in Deutschland willkommen sei. Auch ein gegenteiliges Signal käme vermutlich an – wenn Deutschland und Europa deutliche Zeichen der Begrenzung setzten.“

 

Spätestens nach der für die etablierten Parteien bestürzenden Bundestagswahl und den vergeigten Jamaika-Sondierungen scheinen die meisten in Union und FDP nun zu der Auffassung gelangt zu sein, dass es an derlei deutlichen Signalen gar nicht zu viele geben kann. 

 

Sie vergessen darüber offenbar den zweiten – wichtigeren Teil – ihrer politischen Verantwortung. Ausgerechnet Christian Lindner hat sie im Interview mit Spiegel Online in einem Nebensatz erwähnt: Der Familiennachzug müsse ausgesetzt werden, „solange wir nicht in der Lage sind, den Menschen in Sachen Integration, Schulen, Wohnungen gerecht zu werden.“ Und genau das ist es: Die Menschen sind da. Die allermeisten wollen sich integrieren.

 

Warum reden Lindner und andere anstelle der Begrenzung des Familiennachzugs dann nicht mehr über die sehr wohl vorhandenen Ideen, wie die Menschen ihre Potenziale zur Geltung kommen lassen können – zum Wohl aller? Warum erwähnen sie nicht die zahllosen Bildungsinitiativen und Fortschritte, die es längst überall im Land gibt? Sei es besagtes Refugee Teachers Program der Universität Potsdam, seien es regionale Bürgerinitiativen oder auch all die Anstrengungen und Förderprogramme des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD), die der Bund wohlweislich finanziert?

 

Bildungsökonom Wößmann sagte schon vor zwei Jahren: „Wenn wir es jetzt richtig machen bei den Kindern der Flüchtlinge, wenn wir zugleich ihren Eltern eine Chance auf Arbeit und Integration geben, dann werden die Kinder es sein, die in 25 Jahren unsere demografischen Probleme verringern.“

 

Was wir brauchen, ist eine realistische Sicht als Gegenentwurf zu den Parolen von AfD & Co. Dabei würde es helfen, Forschern wie Ludger Wößmann bei ihren Problem- und Chancenanalysen zuzuhören – und auch die aktuell vorliegenden Studien genau zu lesen. Denn wie groß „das Problem“ mit den Geflüchteten wird, hat die Politik eben ein Stückweit selbst in der Hand. Stifterverband und McKinsey verdeutlichen dies anhand der potenziellen Studienanfänger: Zwischen den 32.000 und den 110.000 liegt nicht allein das Wollen und Können der Flüchtlinge. Sondern vor allem auch die anhaltende Bereitschaft der Politik, sie bei ihren Aspirationen zu unterstützen. Mit Taten. Aber auch mit Worten. 

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Nutzt die Ungewissheit!

Beim Professorinnenprogramm hat Johanna Wanka als geschäftsführende Forschungsministerin überraschende Beweglichkeit gezeigt. Bei den Verhandlungen um den Hochschulpakt wird das nicht gehen. Die Länder sollten die Zwangspause nutzen, um endlich eine gemeinsame Position zu finden.

Foto: Judy Dean: "Lecture theatre seating", CC BY 2.0

WENN SICH DIE Parteien jetzt nicht zu einer Minderheitsregierung oder einer Großen Koalition durchringen, wählt Deutschland – wohl am 22. April – einen neuen Bundestag. Die geschäftsführende Regierung ginge in dem Fall mindestens ein halbes Jahr in Verlängerung. Und einige müssten ihre Pläne ändern. Johanna Wanka etwa, die eigentlich ihren Rückzug angekündigt hatte. Aus einem entspannten Start ins neue Jahr wird für die Noch-BMBF-Chefin wohl nichts.

 

Stillstand allenthalben, Schaden auch für Bildung und Forschung? Nicht zwangsläufig. Jüngst gab es ein Beispiel dafür, dass selbst eine geschäftsführende Regierung Spielräume hat. Zur Überraschung ihrer Länderkollegen winkte Wanka in der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz (GWK) das Professorinnenprogramm durch – und stimmte gar einer Aufstockung um 50 Millionen Euro zu. Hatte es nicht vor der Wahl geheißen, das könnte nur eine neu gewählte Koalition?

 

Ein zweiter ausstehender großer Brocken dagegen geht tatsächlich auf die lange Bank: Das Fachhochschulprogramm wird die GWK erst beschließen, wenn die nächste Regierung steht. Also kaum noch vor der Sommerpause. Immerhin können die Ministerialbeamten bis dahin an der Vereinbarung feilen.

 

Noch mehr Kopfzerbrechen dürfte den Hochschulen die fortdauernde Ungewissheit beim Hochschulpakt bereiten. Vergangene Woche hatten die Wissenschaftsminister aller 16 Länder in einer „Berliner Erklärung“ vom Bund „essentielle Planungssicherheit“ verlangt. Doch es war ein Minimalkonsens voller Allgemeinplätze. Abgesehen davon, dass alle 16 auch künftig viel Geld wollen, bleibt der Dissens auch zwischen den Ländern groß. Und zwar parteifarbenunabhängig: Die unionsregierten Länder schrauben seit gefühlt mehreren Monaten an einem eigenen Positionspapier zum Hochschulpakt – veröffentlicht haben sie es bislang nicht.

 

Und genau hier könnte die Chance der unfreiwilligen Atempause liegen: So beweglich sich eine geschäftsführende Bundesministerin Wanka im Kleinen erweist – und hoffentlich weiter erweisen wird! –, so wenig sprechfähig ist sie beim Milliardenbrocken Hochschulpakt. Raufen sich die Länder in der Zwischenzeit endlich mal zusammen, definieren sie untereinander die Details und vor allem die Gegenleistung, die sie dem Bund für all die Euros zu geben bereit sind, erobern sie sich die Deutungshoheit in Sachen Hochschulpakt.

 

Einem kraftvollen, einem aufrichtigen Angebot aller Länder wird sich eine irgendwann existierende neue Bundesregierung nicht erwehren können.

 

Dieser Kommentar erschien heute zuerst im ZEITChancen Brief. 

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"Die meisten reagieren neugierig"

Die VolkswagenStiftung testet Losverfahren und Förderjoker bei der Projektauswahl. Macht das die Begutachtungen fairer? Die Leiterin der Förderabteilung über erste Erfahrungen, das Aufspüren echten Schrotts und die Harmoniebedürftigkeit der meisten Gutachter.

Henrike Hartmann. Credit: Mirko Krenzel für VolkswagenStiftung

Frau Hartmann, der Wissenschaftsrat (WR) hat jüngst in einem Positionspapier eine Neuorientierung bei wissenschaftlichen Begutachtungen gefordert. "Mit einer Mischung aus behutsamen Veränderungen und mutigen Experimenten sollte es uns gelingen, das Begutachtungswesen krisenfest für die Zukunft zu machen“, erläuterte die WR-Vorsitzende Martina Brockmeier im ZEITChancen Brief. Die beiden wichtigsten Reformvorschläge dürften Ihnen bekannt vorgekommen sein, oder?

 

Sie meinen die im Positionspapier erwähnte Zufallsauswahl und das, was der Wissenschaftsrat als „Wild Card“ bezeichnet. Bei uns heißt die Wild Card Förderjoker. Beide Begutachtungsinstrumente setzen wir in unserer Förderinitiative „Experiment! – Auf der Suche nach gewagten Forschungsideen“ ein: die Wild Card seit Beginn der Initiative 2014, das Losverfahren erstmals in diesem Jahr. 

 

Und? Funktionieren die Ideen so gut, wie der Wissenschaftsrat es hofft?

 

Unsere Erfahrungen sind sehr vorläufig. Es wurde auch im Kuratorium der VolkswagenStiftung lange diskutiert, ob wir Förderjoker und Losverfahren überhaupt einsetzen sollen. Was aber von Anfang an klar war: Wenn wir es machen, müssen wir die gemachten Erfahrungen systematisch auswerten in Form einer Begleitforschung, deren Ergebnisse dann allen Förderorganisationen zur Verfügung stehen. Bis dahin dauert es allerdings einige Vergaberunden, und selbst dann werden wir sicherlich keine statistisch signifikanten Aussagen machen können. Dafür sind die Fallzahlen wohl zu gering. 

 

Können Sie das mit den Fallzahlen konkretisieren?

 

In den bisher fünf Vergaberunden von „Experiment!“ haben wir 96 Projekte in die Förderung aufgenommen, davon elfmal auf der Grundlage eines Förderjokers. Jeder Gutachter hat pro Vergaberunde einen Joker. Eingesetzt wird er, wenn die Mehrheit der Gutachter einen Antrag für nicht gut genug befindet, aber mindestens einer sagt: Ich finde den trotzdem super, dieses Projekt muss unbedingt gefördert werden. Was seltener vorkommt, als man denken könnte. Die Gutachter sind durch das bisherige System offenbar weitgehend so sozialisiert, dass sie möglichst einen Konsens suchen. Interessant ist, dass wir bislang keinerlei Indiz dafür haben, dass die durch einen Joker ausgewählten Projekte sich wissenschaftlich schlechter entwickeln. 

 

Und wie finden die Wissenschaftler selbst, dass ihr Projekt durch ein Einzelvotum ausgewählt wurde, obwohl die Mehrheit der Gutachter dagegen war?

 

Sie erfahren es gar nicht. Die einzigen, die wissen, welches Projekt warum bewilligt wurde, sind die Gutachter selbst, die Begleitforscher und natürlich wir in der Stiftung. Beim Losverfahren ist das genauso.

 

Weil sonst andere Wissenschaftler den Geförderten vorhalten könnten, sie verdankten ihren Erfolg nur einer „Lotterie“? 

 

Das könnte in der Tat eine Belastung sein. Auf jeden Fall müssen wir fragen: Was bedeutet das für die Reputation eines Förderprogramms, wenn keiner weiß, auf welcher Grundlage die Gelder bewilligt wurden, ob per Joker, Losverfahren oder, was auch bei „Experiment!“ immer noch für die Hälfte und in diesem Jahr für die Mehrheit der Projekte gilt, per Peer Review? Dazu müssen die Wissenschaftler und Forschungseinrichtungen erst eine Haltung entwickeln.

 

Was bekommen Sie derzeit für Rückmeldungen aus der Szene?

 

Die meisten reagieren neugierig, nach dem Motto: Endlich traut sich da mal einer ran. Doch den Einfluss unseres Versuchs auf das Positionspapier des WR würde ich deshalb nicht überbewerten. Wir wurden vom WR nach unseren Erfahrungen gefragt, das schon, aber die Ideen stammen von den Ökonomen Margit Osterloh und Bruno Frey, die solche Veränderungen im Begutachtungssystem schon länger vehement gefordert haben. 

 

Wie viele Förderentscheidungen sind bei Ihnen schon per Los gefallen?

 

In der vergangenen Sitzung, in der das Losverfahren zum ersten Mal zum Einsatz kam, haben wir insgesamt 594 Förderanträge bearbeitet. Vier Fünftel davon haben wir schon in einer hausinternen Vorauswahl und nach Rücksprache mit den Gutachtern herausgenommen, aus formalen Gründen oder wegen offensichtlicher Schwächen. 119 erreichten die Shortlist, über die die Jury dann diskutiert hat. Aus diesen 119 haben die Gutachter zunächst 17 herausragende Vorhaben ausgewählt. Danach wurden von ihnen 34 einvernehmlich als nicht exzellent genug ausgeschlossen. Die restlichen 85 kamen in die Lostrommel, aus der ebenfalls 17 Anträge gezogen wurden. Weil von den zuerst ausgewählten Vorhaben fünf zugleich Losglück hatten, kamen wir am Ende auf insgesamt 29 Bewilligungen. 

 

Der WR argumentiert, das Losverfahren könne besonders dann helfen, wenn die Zahl der Antragsteller hoch liege und damit die zu vergebenden Fördermittel sehr knapp seien. Bei den von Ihnen zitierten Zahlen sieht es aber nicht so aus, als hätten die Gutachter die Antragsflut nicht auch auf herkömmlichem Weg bewältigen können. 

 

Die Last der Gutachter zu reduzieren darf nicht die Hauptmotivation sein. Es kann auch nicht darum gehen, das Peer-Review-Verfahren abzulösen oder zu beschädigen. Aber wir stellen fest, dass Gutachter immer wieder einem impliziten Bias unterliegen, selbst wenn die Verfahren doppelt anonymisiert ablaufen, also die Gutachter zum Beispiel nicht wissen, ob die Antragsteller Männer oder Frauen sind. In solchen Fällen haben Frauen trotzdem offenbar schlechtere Erfolgschancen. Zum anderen kann unsere Gutachterkommission, die aus acht oder neun Leuten besteht, naturgemäß nicht die gesamte Breite wissenschaftlicher Disziplinen abdecken. Schließlich war unsere Fragerichtung: Wie stellen wir sicher, dass Projektthemen, die am Rande der Jury-Expertise liegen, nicht zu schnell hinten runterfallen? Kriegen wir mit dem Losverfahren eine größere Vielfalt in die Förderung, ohne dass es zu Qualitätseinbußen kommt?

 

Als Grund für Losverfahren wird auch genannt, dass die Qualität der Anträge eben oft nicht so eindeutig in „toll“ und „mäßig“ abzugrenzen sei. 

 

Wer behauptet, er könne so eine Antragsflut exakt nach der Qualität ordnen und dann den fairen Cut machen zwischen den Geförderten und denen, die leer ausgehen, sagt nicht die Wahrheit, zumindest wenn budgetäre Festlegungen den Rahmen bestimmen. Das führt nur allzu oft in eine Grauzone mit dem Trostpflaster „Approved, but not funded“. 

 

Und um diese Grauzone geht es?

 

Genau. Wenn die Gutachter etwas können, dann die paar wirklich exzellenten Projekte aus der Masse herauszufiltern. 

 

Und was ist mit den richtig schlechten?

 

Den echten Schrott auszusortieren, fiel den Gutachtern tatsächlich schwerer. Das ist normalerweise nicht ihre Perspektive, weil sie nur auf die absolut Besten schauen, aber für das Losverfahren war auch das Aussortieren am unteren Ende wichtig. Wir wollen als Stiftung ja nicht, dass am Ende Projekte durchkommen, die unseren Ruf als Forschungsförderer beeinträchtigen. Und den Projekten, die schließlich übrigbleiben, gibt das Losverfahren den benefit of the doubt. Aus Sicht der Gutachter ist es nicht trivial, da loszulassen und sich auf so ein Verfahren einzustellen. 

 

Und wie leicht fiel Ihnen als Stiftung das Loslassen?

 

Klar ist das für uns auch ein Wagnis, ein Test. Darum haben wir ja auch bei einem kleinen Förderprogramm angefangen. Die 120.000 Euro pro Projekt, die es bei „Experiment!“ gibt, sind im heutigen, von kollektiven Großformaten geprägten Drittmittelmarkt vergleichsweise wenig. Bei unseren „Freigeist“-Fellowships, die mit je einer Million Euro dotiert sind, würden wir Joker und Losverfahren zurzeit auch nicht einsetzen. Wir glauben, dass die neuen Verfahren in vielerlei Hinsicht die Auswahlverfahren bereichern. Aber zu dem Glauben muss jetzt erst noch die Evidenz kommen. 

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Was von Jamaika übrig ist

Könnte man Bildung und Forschung isoliert betrachten, wären die Folgen der gescheiterten Sondierungen gar nicht mal nur negativ.

ES BLEIBT KONSTERNATION. Dass die schwarz-grün-gelben Sondierungen scheitern konnten, war vermutlich jedem bewusst. Erst recht in den vergangenen paar Tagen. Aber so? Alle weiteren allgemeinpolitischen Einschätzungen zu den Auswirkungen möglicher Neuwahlen auf die Parteienlandschaft überlasse ich meinen Kolleginnen und Kollegen der innenpolitischen Redaktionen. Dem eifrigen Spekulieren könnte ich ohnehin nichts mehr hinzufügen.

 

Was ich beisteuern kann, sind ein paar Schlussfolgerungen für Bildung und Wissenschaft. Und sie sind im Gegensatz zu dem, was heute sonst über den Äther geht, gar nicht so negativ.

 

1. Die Jamaika-Sondierer haben die Bildung aufs Treppchen gehoben. Da wird sie auch bleiben. Ausbau der Ganztagsschulen, Digitalpakt, neue Studienfinanzierung: Für diese und weitere Themen waren die Partner, zur Abwechslung mal ganz ohne Streit, bereit, einen zusätzlichen zweistelligen Milliardenbetrag in die Hand zu nehmen. Daran wird jede künftige Koalition mit oder ohne Neuwahlen gemessen werden – und sicherlich nicht mit weniger aufwarten.

 

2. Keine Einigung gab es beim Streit ums Kooperationsverbot. Hier bleibt das inhaltliche Vakuum der Bildungspolitik überdeutlich, und hierin hätte auch die Enttäuschung eines möglichen Jamaika-Koalitionsvertrages gelegen. Einfach mehr Geld für Bildung, wie die Ministerpräsidenten Laschet (NRW) und Kretschmann (BaWü) es forderten – aber ohne jede Gegenleistung? Genau auf so einen Selbstbedienungsladen für die Länder wäre Jamaikas Bildungsfinanzierung wahrscheinlich hinausgelaufen, wenn im fertigen Produkt, wie einige planten, die Extra-Ausgaben für Ganztagsschulen & Co fest dringestanden hätten, auf der anderen Seite aber nur eine lauwarme Ankündigung nach dem Motto: „Wir werden prüfen, ob wir irgendwie ans Kooperationsverbot gehen.“ In den nächsten Koalitionsverhandlungen von wem mit wem auch immer wird das Thema wieder auf dem Tisch liegen, und dann sollte klar sein: Kein A (der Bund gibt mehr Geld) ohne B (der Bund darf mitbestimmen, was damit passiert – und es auch nachprüfen). 

 

3. Die steuerliche Forschungsförderung, die Jamaika bereits fest eingeplant hatte, sollten sich künftige potenzielle Koalitionäre nochmal genau anschauen. Wie wird sie gegenfinanziert? Wie wird sichergestellt, dass das Geld nicht der Wissenschaft an anderer Stelle fehlt? Auch hier eine neue Chance, es besserzumachen. 

 

4. Die Sorge, dass zusätzliche Militärausgaben eine Bedrohung für Bildung und Wissenschaft werden könnten, hatte sich in den Sondierungen zunächst nicht bestätigt. Dabei hatte Angela Merkel seit dem Frühjahr im Hintergrund an verschiedenen Stellen gestreut, dass die NATO-Zielzahlen (wie verpflichtend die auch immer sein mögen) Auswirkungen auf alle übrigen Haushaltsposten haben könnten – und gerade für den Einzelplan 30 (BMBF), dessen prozentualen Zuwächse in den vergangenen Legislaturperioden besonders hoch gelegen hatte. Welche neue Koalition will hier plötzlich andere Töne anschlagen als die gescheiterten Jamaikaner?

 

Grundsätzlich gilt: All jene, die lautstark am Bildungsföderalismus zweifeln, sollten gerade in diesen Tagen froh sein, dass wir ihn haben. Die Irrungen und Wirrungen um eine neue Bundesregierung werden Schulen, Hochschulen und Forschungseinrichtungen kurzfristig weit weniger anhaben können, als es in einem Zentralstaat der Fall wäre. Auch laufen die bestehenden Wissenschaftspakte unverändert weiter. 

 

Das Scheitern der Jamaika-Sondierungen muss, wenn man Bildung und Forschung allein betrachtet, insofern kein Schaden sein – zumindest solange man die durchaus zahlreichen guten Ideen der vier verhandelnden Parteien mitnimmt und die weniger guten liegenlässt. Nur leider lassen sich Bildung und Forschung eben nicht isoliert betrachten, womit wir wieder am Anfang wären. Und da sind die Sorgen dann doch gewaltig und berechtigt: Eine erneute Bundestagswahl dürfte die Aussichten auf eine stabile, zukunftsorientierte und weltoffene Bundesregierung nicht gerade vergrößern. Was das wiederum für Bildung und Forschung bedeuten könnte: Man kann es sich denken.

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Da war doch was an der Sorbonne

Übernächste Woche kommt es zum Diplom-Showdown in der Kultusministerkonferenz. Vielleicht sollten die Minister vor ihrer Entscheidung kurz mal 20 Jahre zurückdenken.

Die Sorbonne in Paris. Dinkum: "La Sorbonne.JPG, CC CC0 1.0

IM MAI 2018 wird es 20 Jahre her sein, dass die Bildungsminister Deutschlands, Frankreichs, Italiens und Großbritanniens an der Sorbonne den europäischen Gedanken in die Hochschulen brachten. Es war eine Sternstunde auf dem Weg zur Einigung des Kontinents, der in eine politische Erklärung gegossene Traum einer grenzenlosen Hochschullandschaft.

 

Aus der Sorbonne-Erklärung wurde der Bologna-Prozess, und irgendwo zwischen damals und heute ist bei einigen der Ursprung aus dem Blick geraten. „Bürokratisierung! Verschulung!“ rufen sie, sobald von Bachelor und Master die Rede ist. Wie viele es wirklich sind, ist kaum auszumachen, weil sie so laut schreien. Anstatt daran zu arbeiten, wie sich das Ideal aus seiner teilweise selbst verschuldeten kleinkrämerischen Umsetzung befreien lässt, träumen sie lieber ihren sehr deutschen Traum vom guten alten Diplom.

 

Und sie finden Verbündete. Im März haben sechs von 16 Ministerpräsidenten in einer Protokollerklärung ihre „Erwartung“ geäußert, die Wissenschaftsminister müssten „eine für alle Länder tragfähige Lösung zur Anerkennung des Diploms“ finden. Gemeint waren nicht etwa die Abschlüsse von einst, sondern die zum Teil erst kürzlich eingerichteten neuen Diplom-Studiengänge. >>



>> Ja, die gibt es. In mehreren Ländern. Doch während die meisten Wissenschaftsminister dazu vornehm schweigen, rühmte sich einer von ihnen jahrelang dafür, die Studienreform rundheraus abzulehnen. Die Rede ist von Mathias Brodkorb aus Mecklenburg-Vorpommern. Für seinen Kampf kaperte er die aus anderen Gründen durch ein Verfassungsgerichtsurteil ausgelösten Verhandlungen um einen neuen Staatsvertrag zur Akkreditierung von Studiengängen. Er wollte eine Grundsatzentscheidung, dass die alten Studiengänge genauso willkommen sind wie die neuen. Ein Signal an all jene, die sich eigentlich  auch die Vergangenheit zurückwünschen.

 

Als seine Ministerkollegen ihn ausbremsten, wechselte er, inzwischen Finanzminister geworden, die Ebene und zog nicht nur den eigenen inhaltlich ahnungslosen Regierungschef, sondern fünf weitere Ministerpräsidenten auf seine Seite. Die Diplom-Anerkennung, fordern die sechs, soll rein in die sogenannte Musterrechtsverordnung zum Staatsvertrag. Das Erpressungspotenzial ist groß: Der Vertrag soll am 1. Januar 2018 in Kraft treten.

 

Das Problem ist nicht ein Politiker mit skurrilem Diplom-Faible. Das Problem ist, wenn deshalb 16 Ministerialapparate neun Monate lang nicht in der Lage sind, sich auf eine gemeinsame Position zur europäischen Studienreform zu einigen. Am 7. Dezember kommt es bei der Kultusministerkonferenz zum Show-Down. Dann sollen die Minister selbst entscheiden.

 

Vielleicht ist es in Zeiten von Brexit und Anti-EU-Populismus nötig, sich auch in der Hochschulpolitik an die europäischen Ideale zu erinnern. Und wenn einige von jenen, die am 7. Dezember zusammensitzen, das Wort „Bologna“ nicht mögen, sollten sie an die Sorbonne denken. Und was die Erklärung von damals mit ihnen heute zu tun hat.

 

Dieser Beitrag erschien heute zuerst in meiner Kolumne "Wiarda will's wissen" im Tagesspiegel.


Immer Ärger mit der Akkreditierung

Alles begann im März 2016, als eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts bekannt wurde. Die geltenden Regelungen zur Akkreditierung, so die Richter, seien nicht mit dem Grundgesetz vereinbar.

 

Dabei ging es ihnen nicht um Bologna, die neuen Studiengänge oder die Akkreditierung an sich – sondern um die Administration dieser hoheitlichen Aufgabe durch eine Behörde, die a) Stiftung des öffentlichen Rechts nur eines Bundeslandes (Nordrhein-Westfalen) war und b) die Akkreditierungsentscheidung dann auch noch an privatrechtlich organisierte Agenturen delegierte. Nicht einmal gegen die Beteiligung der Agenturen an der externen Qualitätssicherung sei im Prinzip etwas einzuwenden – nur müsse die gesetzlich ausreichend begründet und verankert werden, genauso wie die Bewertungskriterien, Verfahren und Organisation der Akkreditierung. 

 

Bis Ende 2017 gaben die Richter den Ländern Zeit, und schon im März 2016 prophezeite ich: "Das wird ein Spaß." Denn in allen Ländern, nicht nur in NRW, mussten nach der Entscheidung die diesbezüglichen Gesetze neu formuliert und idealerweise über länderübergreifende Vereinbarungen aufeinander bezogen werden. Schnell einigten sich die Wissenschaftsminister in der Kultusministerkonferenz (KMK) darauf, einen Staatsvertrag zur Akkreditierung zu schließen. Doch dann begann das Hickhack, vor allem ausgelöst durch Mecklenburg-Vorpommerns damaligen Bildungsminister Mathias Brodkorb (SPD), der – siehe oben – eine Gelegenheit erkannte, Bologna nochmal neu aufzurollen.

 

Am Ende setzten sich die 15 anderen Länder durch und der Staatsvertrag wurde vereinbart, es war allerdings ein unvollständiger Sieg: Es fehlte noch die Musterrechtsverordnung, also das Kleingedruckte zum

 Vertrag. Und außerdem gaben sechs Ministerpräsidenten bei der Unterzeichnung des Staatsvertrages im März 2017 besagtes Minderheitenvotum zum Diplom ab. Weitere sechs Monate mühsamen Verhandelns später stand die Musterrechtsverordnung, doch blieben ein Streitpunkt und eine Überraschung. Der Streitpunkt war die Diplomfrage. Vier mögliche Lösungen haben die Ministerialbeamten ihren Ministern für die KMK-Sitzung am 6. Dezember aufgeschrieben, einigen konnten sich selbst die Staatssekretäre dazu nicht. 

 

Die Überraschung war die Pflicht zu einer Lehrverfassung, die die Beamten in den Entwurf der Musterrechtsverordnung geschrieben hatten. Die Lehrverfassung ist eine Idee des Wissenschaftsrates und würde, richtig angewendet, einen entscheidenden Schritt zur mehr Anerkennung exzellenter Hochschullehre bedeuten. Doch auf den letzten Metern sorgten die Hochschulen dafür, dass die Lehrverfassung wieder aus der Verordnung kippte. Schade. Eine ähnliche Erregung der Hochschulen bei dem Diplom-Thema blieb hingegen aus, Mecklenburg-Vorpommern kann sich weiter seine Sondernummer erlauben.

 

Und was ist, wenn auch die Minister sich nicht einig werden? Der Staatsvertrag würde trotzdem zum 1. Januar 2018 in Kraft treten, und theoretisch könnte dann jedes Land separat definieren, wie es den Staatsvertrag in konkrete Anwendungsregeln umzusetzen gedenkt. Womit das Diplom- und Akkreditierungschaos perfekt wäre. Wahrscheinlicher ist, dass dann 15 Länder gleichlautende Verordnungen erlassen – und Mecklenburg-Vorpommern außen vor steht. Womöglich ist das die einzige Variante, die am Ende den Nordosten zur Vernunft bringen könnte. Eine herbe Niederlage für die Wissenschaftspolitik und die Kultusministerkonferenz wäre allerdings auch diese Notlösung.


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Das U-Boot ist gesunken

Auf Druck der Hochschulen streicht die KMK die Pflicht zur Lehrverfassung.

ENDE SEPTEMBER HATTE ich berichtet, dass sich in der Musterrechtsverordnung zur Akkreditierung ein U-Boot befand. Ein Passus, der überraschend dort aufgetaucht und doch zunächst von vielen übersehen worden war – die Verpflichtung der Hochschulen zu einer Lehrverfassung. Zitat aus Paragraph 17: „Die Hochschule verfügt über eine Lehrverfassung, die sich in ihren Studiengängen widerspiegelt.“

 

Trockener Satz, große Wirkung. Keine Akkreditierung mehr ohne Lehrverfassung, genauer: keine Systemakkreditierung, auf die zumindest die größeren Hochschulen spitzen, weil sie sich damit die externe Akkreditierung von Studiengängen sparen können.  

 

Das Problem: Es handelte sich lediglich um einen Entwurf, und schon damals stand auf der Kippe, ob die Lehrverfassung es in die Endversion schaffen würde. Sieben Wochen später ist klar: Hat sie nicht. Vor ein paar Tagen haben die Amtschefs in der Kultusministerkonferenz (KMK) die neueste Fassung der Verordnung auf dem Tisch gehabt, doch das Wort "Lehrverfassung" sucht man darin vergeblich. Die KMK hat sie auf der Zielgeraden herausgenommen und durch den Begriff "Lehrleitbild" ersetzt.

 

Schon viele Wissenschaftsminister und Staatssekretäre hatten skeptisch auf die "Lehrverfassung" geschaut. Doch den Ausschlag gaben am Ende offenbar die Hochschulen, die in der abschließenden Befragungsrunde vor einer "Bürokratisierung" durch die Pflicht zur Lehrverfassung warnten. Wobei die vom Wissenschaftsrat erstmals 2015 formulierte Idee eigentlich genau das nicht sein sollte: ein Papiertiger. Die Rektorate, so zumindest die Vorstellung des Wissenschaftsrates, könnten mithilfe der Lehrverfassung, eine hochschulweite Debatte über den Stellenwert der Lehre anzustoßen. Fertig wäre die Verfassung erst, nachdem Professoren, Mitarbeiter und Studenten ihre Inhalte gemeinsam ausgehandelt haben. So verstanden könnte die Lehrverfassung der Gesellschaftsvertrag einer Hochschule werden. 

 

Zuletzt hat der Wissenschaftsrat seine Idee im Positionspapier "Strategien für die Hochschullehre" bekräftigt, das im Mai veröffentlicht wurde. Doch offenbar ist es dem wissenschaftspolitischen Beratungsgremium seitdem nicht gelungen, die Stimmung in den Hochschulleitungen zugunsten seines Vorschlags zu drehen. 

 

Was womöglich tatsächlich auch mit dem Wort an sich zu tun hat. "Ich finde den Begriff der Lehrverfassung schon deshalb nicht ganz glücklich", sagt etwa der Mainzer Unipräsident Georg Krausch, "weil man ihn juristisch als eine Art einklagbares Regelwerk missverstehen kann. Auch absichtlich missverstehen kann."

 

Bei dem statt dessen in die Verordnung gerutschten Begriff "Leitbild" handle sich um eine "begriffliche Modernisierung", beschwichtigt ein Ministerialbeamter, "vom Regelungsgehalt her läuft der Begriff auf dasselbe hinaus." Viel kann das nicht sein, denn wie der Beamte hinzufügt: Er und seine Kollegen hätten mit "Lehrverfassung" ohnehin nie die Deutung des Wissenschaftsrates im Sinn gehabt. 

 

Apropos Modernisierung: Von "Leitbildern" war bei der Akkreditierung auch bislang schon die Rede. So tut der Paragraph 17 in seiner finalen Fassung keinem mehr weh. Eine spürbare Wirkung entfalten wird er aber auch nicht.

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"Die Zeiten ändern sich gerade"

Der Mainzer Unipräsident Georg Krausch über Lehrverfassungen, Belohnungen für engagierte Hochschullehrer und geplante Freiraum für neue Ideen.

Foto: Universität Mainz
Foto: Universität Mainz

Herr Krausch, im Mai hat der Wissenschaftsrat die Hochschulen erneut aufgefordert, Lehrverfassungen zu beschließen. An der Universität Mainz haben Sie seit Jahren eine Lehrstrategie. Ist das eigentlich das gleiche?

 

Gute Frage. So genau weiß ich das auch nicht. In den Papieren des Wissenschaftsrates werden die Wörter „Verfassung“ und „Strategie“ verwendet. Ich finde den Begriff der Lehrverfassung schon deshalb nicht ganz glücklich, weil man ihn juristisch als eine Art einklagbares Regelwerk missverstehen kann. Auch absichtlich missverstehen kann. An der Johannes Gutenberg-Universität haben wir jedenfalls schon 2010 eine Lehrstrategie beschlossen.

 

Ironischerweise wird die Universität Mainz vom Wissenschaftsrat informell häufig als Beispiel für eine funktionierende Lehrverfassung genannt.

 

Ja, das habe ich auch gehört. Der Unterschied kann also kein gravierender sein. 

 

Mit Ihrer Lehrverfassung waren Sie für den diesjährigen Genius Loci-Preis für Lehrexzellenz nominiert, den der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft vergibt. Gleich noch ein Grund, dass Sie uns Ihre Strategie mal etwas näherbringen.

 

Es ist ja nicht „meine“ Strategie. Damit fängt es schon an. Innovationen, ob in der Lehre oder anderswo, werden nicht von der Spitze der Universität „verordnet“. Sie können dort initiiert werden, aber ohne einen entsprechenden Diskurs in der Breite der Universität werden sie wenig Erfolg haben. Wenn ein solcher Strategieprozess nur in der Leitung einer Universität stattfindet, dann laufen Sie Gefahr, über denjenigen zu schweben, die die eigentliche Arbeit in der Lehre machen.  >>


Der Genius-Loci-Preis für Lehrexzellenz

Die erstmals in diesem Jahr vergebene Auszeichnung stammt vom Stifterverband und soll künftig einmal im Jahr eine Universität und eine Fachhochschule würdigen, die sich in Sachen Lehre "beispielhaft aufgestellt haben, über eine (...) Lehrverfassung bzw. Lehrstrategie verfügen und Lehre auch als Experimentier- und Innovationsfeld begreifen". Mit dieser Formulierung bezieht sich der Stifterverband  explizit auf eine erstmals 2015 vom Wissenschaftsrat formulierte Empfehlung, dass sich die Hochschulen solche hochschulweit gültigen Statute geben sollen.

 

Nominiert für den "Genius-Loci-Preis" wurden jeweils drei Universitäten und Fachhochschulen, und zwar neben der Universität Mainz die RWTH Aachen die Leuphana Universität Lüneburg, die Hochschule Coburg, die SRH Hochschule Heidelberg und die TH Köln. Wie der Stifterverband heute mitteilte, hatten die RWTH Aachen und die TH Köln am Ende die Nase vorn. Die RWTH habe mit einer "soliden und

sehr durchdachten Lehrstrategie" überzeugt, befanden die Juroren. Die Uni selbst nennt ihr Konzept den "Aachen Way", besonders wichtig ist dabei die Evaluation der Lehrveranstaltungen. Das Lehrkonzept der TH Köln, an der viele Bildungsaufsteiger studieren, nannte die Stifterverbandsjury "sehr schlüssig". Alle Bachelor-Studiengänge beruhen auf projektbasierter Lehre, alle Neuberufenen sind verpflichtet, an einem Coaching-Programm zur Lehre teilzunehmen.

 

Sowohl Aachen als auch Köln wurden bereits 2009 im „Wettbewerb exzellente Lehre“ des Stifterverbandes und der Kultusministerkonferenz der Länder ausgezeichnet. 

 

Das "Genius-Loci"-Preisgeld von je 10 000 Euro sollen die Hochschulen zweckgebunden für die Einladung eines "Visiting Scholar of Teaching and Learning in Higher Education" einsetzen.



>> Haben Sie damit nicht gerade den entscheidenden Grund genannt, warum Strategien in den allermeisten Fällen eben nicht funktionieren? Neulich haben Sie in Forschung und Lehre die Idee der Lehrverfassung gepriesen. Dem hielten in derselben Ausgabe die Soziologen Stefan Kühl und Marcel Schütz entgegen, durch einen strategisch „verfassten“ Lehrbetrieb würden die Hochschulen „zunächst vor allen dazu gezwungen, ihre Fassadenpflege noch weiter zu optimieren, das heißt, eigene sporadische Maßnahmen aufwändig mit Managementgeklingel zu garnieren.“

 

Innovationen brauchen Freiräume, dem würde ich ja gar nicht widersprechen. Aber ich behaupte, dass Sie solche Freiräume strategisch ermöglichen müssen. Wir haben an deutschen Universitäten nicht die notwendigen Spielräume, um für alle die Lehrverpflichtung deutlich zu verringern. Darum brauchen wir Strategien, um diejenigen, die sich besonders für die Lehre engagieren, zeitlich in die Lage zu versetzen, Innovationen zu erarbeiten und zu erproben. 

 

Dann lassen Sie uns konkreter werden. Erklären Sie uns bitte in ein paar Sätzen Ihre Lehrstrategie.

 

Zunächst mal will ich noch über den Prozess der Strategiebildung reden, denn der ist mindestens so wichtig wie das Ergebnis selbst. In Mainz spielt die Auseinandersetzung mit der Qualität der Lehre seit den 90er Jahren eine hervorgehobene Rolle. Damals wurde hier ein Zentrum für Qualitätssicherung und Qualitätsentwicklung gegründet, das sich der Lehre, der Forschung und dem Wissenschaftsmanagement widmet. Das Zentrum ist als zentrale wissenschaftliche Einrichtung konzipiert. Die Wissenschaftler, die dort arbeiten, waren von Anfang an nicht nur für Qualitätsmanagement zuständig, sondern sie sind auch selbst in der Hochschulforschung und in der Hochschuldidaktik aktiv. Sie publizieren und werben Drittmittel ein. Das halte ich für ihre Akzeptanz unter den anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern für wichtig. Sie können ihr Tun wissenschaftlich reflektieren – was das Handeln an einer Universität eigentlich immer begleiten sollte.  

 

Okay, das war in den 90er Jahren. Und dann?

 

Vor bald zehn Jahren nahm dann die Debatte in der Universität Fahrt auf: Brauchen wir eine Lehrstrategie, und wie sollte sie aussehen? Ein erster Entwurf entstand und wurde über die Fachbereichsräte in die einzelnen Fächer und alle rund 150 Institute der Universität hineingespielt. So wurde die Strategie diskutiert und am Ende vom Senat der Universität beschlossen. Professoren, wissenschaftliche Mitarbeiter, Studierende, alle konnten mitreden, und nur so geht es. Sonst denken Sie sich ein tolles Papier aus, das aber nichts bewirkt, weil diejenigen, die täglich die Lehre machen, nicht dabei waren und es nicht in ihren Herzen tragen. >>


Das U-Boot ist gesunken

Ende September hatte ich berichtet, dass sich in der Musterrechtsverordnung zur Akkreditierung ein U-Boot befand. Ein Passus, der überraschend dort aufgetaucht und doch zunächst von vielen übersehen worden war – die Verpflichtung der Hochschulen zu einer Lehrverfassung. Zitat aus Paragraph 17: „Die Hochschule verfügt über eine Lehrverfassung, die sich in ihren Studiengängen widerspiegelt.“

 

Trockener Satz, große Wirkung. Keine Akkreditierung mehr ohne Lehrverfassung, genauer: keine Systemakkreditierung, auf die zumindest die größeren Hochschulen spitzen, weil sie sich damit die externe Akkreditierung von Studiengängen sparen können.  

 

Das Problem: Es handelte sich lediglich um einen Entwurf, und schon damals stand auf der Kippe, ob die Lehrverfassung es in die Endversion schaffen würde. Sieben Wochen später ist klar: Hat sie nicht. Vor ein paar Tagen haben die Amtschefs in der Kultusministerkonferenz (KMK) die neueste Fassung der Verordnung auf dem Tisch gehabt, doch das Wort "Lehrverfassung" sucht man darin vergeblich. Die KMK hat sie auf der Zielgeraden herausgenommen und durch den Begriff "Lehrleitbild" ersetzt.

 

Schon viele Wissenschaftsminister und Staatssekretäre hatten skeptisch auf die "Lehrverfassung" geschaut. Doch den Ausschlag gaben am Ende offenbar die Hochschulen, die in der abschließenden Befragungsrunde vor einer 

"Bürokratisierung" durch die Pflicht zur Lehrverfassung warnten. Wobei die vom Wissenschaftsrat erstmals 2015 formulierte Idee eigentlich genau das nicht sein sollte: ein Papiertiger. Die Rektorate, so zumindest die Vorstellung des Wissenschaftsrates, könnten mithilfe der Lehrverfassung, eine hochschulweite Debatte über den Stellenwert der Lehre anzustoßen. Fertig wäre die Verfassung erst, nachdem Professoren, Mitarbeiter und Studenten ihre Inhalte gemeinsam ausgehandelt haben. So verstanden könnte die Lehrverfassung der Gesellschaftsvertrag einer Hochschule werden. 

 

Zuletzt hat der Wissenschaftsrat seine Idee im Positionspapier "Strategien für die Hochschullehre" bekräftigt, das im Mai veröffentlicht wurde. Doch offenbar ist es dem wissenschaftspolitischen Beratungsgremium seitdem nicht gelungen, die Stimmung in den Hochschulleitungen zugunsten seines Vorschlags zu drehen. 

 

Was womöglich tatsächlich auch mit dem Wort an sich zu tun hat. "Ich finde den Begriff der Lehrverfassung schon deshalb nicht ganz glücklich", sagt etwa der Mainzer Unipräsident Georg Krausch, "weil man ihn juristisch als eine Art einklagbares Regelwerk missverstehen kann. Auch absichtlich missverstehen kann."

 

Jetzt steht also im Verordnungsentwurf das unverfänglichere Leitbild. Das wird keinem wirklich wehtun. Eine spürbare Wirkung entfalten aber vermutlich auch nicht. 



>> „Lehrverfassungen? Das werden doch wieder nur Papiertiger“, winken tatsächlich auch jetzt viele wieder ab. Und Sie behaupten, bei Ihnen sei das anders gelaufen? 

 

Natürlich fängt es erstmal mit Zielen an, die auf dem Papier stehen. In unserem Fall elf Ziele, darunter zum Beispiel der Wunsch, Raum für Reflexion und Innovation in der Lehre zu schaffen, oder auch die Absicht, die Zahl der Studierenden mit Auslandserfahrung zu erhöhen. Die Studienberatung wollten wir ebenfalls professionalisieren. Doch im zweiten Schritt müssen dann die konkrete Maßnahmen folgen, durch die die Ziele umgesetzt werden können. Nehmen wir beispielhaft das Gutenberg-Lehrkolleg, eingerichtet als think tank für Fragen der Lehre und zur Unterstützung innovativer Lehrprojekte. Im Leitungsgremium dieses Kollegs sitzen Leute, die sich in besonderer Weise um die Lehre verdient gemacht haben, die Lehrpreise gewonnen haben oder bei den Evaluationen durch die Studierenden besonders gut abschneiden. Auch wissenschaftliche Mitarbeiter und Studierende gehören zum Kolleg. Pro Jahr stehen ihm rund eine Million Euro zur Verfügung. Daraus werden innovative Lehrprojekte finanziert, aber auch „Lehrfreisemester“, also die Freistellung von den Standardaufgaben der Lehre zur Entwicklung innovativer Lehrprojekte. 

 

Schön für den einzelnen Lehrenden. Aber hat am Ende die Universität etwas davon?

 

Das ist die zentrale Frage. Und darum müssen die Antragsteller immer darlegen, wie aus einem einmaligen Highlight ein dauerhafter Mehrwert für die universitäre Lehre entstehen kann. Die besten Projekte werden beim jährlichen Dies Legendi, dem Tag der Lehre, universitätsweit zur Diskussion gestellt. Außerdem wird jedes Projekt evaluiert, damit wir sehen, was funktioniert und was nicht. 

 

Und was machen Sie, um die Studienberatung zu professionalisieren?

 

Wir haben im Qualitätspakt Lehre eine Projektförderung gewonnen, die uns dabei hilft. Nebenbei gesagt ist es eigentlich verwunderlich, dass der Qualitätspakt nicht „Exzellenzinitiative für die Lehre“ genannt worden ist, denn Exzellenz gibt es ja nicht nur in der Forschung. Aber gut. Auf jeden Fall haben wir dank des Paktes das Projekt LOB einrichten können, in dem es unter anderem darum geht, wie wir die Bologna-Reform und die neuen Studiengänge zu einem Erfolg machen können. Da stehen beispielsweise zusätzliche Mittel bereit, um die Studienberater in den Fachbereichen zu professionalisieren. Gute Beratung setzt gute Berater voraus. Wir bieten diese Fortbildung nicht nur für uns selbst, sondern auch für Angehörige anderer Hochschulen an. 

 

Entwickeln sich die Maßnahmen zu den elf von Ihnen genannten Ziele dann nach dem Zufallsprinzip, oder wussten Sie, als sie die Strategie vor sechs, sieben Jahren formuliert haben, schon, was kommen würde?

 

Da wussten wir natürlich noch nicht, dass es mal einen Qualitätspakt Lehre geben würde. Aber wir wussten, was wir wollen. Das ist so ähnlich wie in der Forschung und mit der Exzellenzinitative: Sie haben eine Strategie, und dann kommt das richtige Vehikel vorbei, um sie umzusetzen. Aber natürlich steckt damit in so einer Strategie auch etwas Anarchisches: Ich weiß nicht, welche Innovationen ich am Ende fördern werde. Die Ideen müssen aus der Praxis kommen. 

 

Die Ideen müssen aus der Praxis kommen und die Strategie eine breite Zustimmung in der Hochschule finden, sagen Sie. Schließt das jeden Schubser von außerhalb aus? Ist die Wissenschaftspolitik mit ihren Impulsen also machtlos?

 

Das will ich so nicht sagen. Die Exzellenzinitiative hat ja gezeigt, dass Anreize von außen durchaus etwas bewirken können. Da geht es nicht in erster Linie um die Fördergelder, sondern um das Prestige, das mit dem Erfolg verbunden ist. Das gilt auch für den Genius Loci Preis für Lehrexzellenz des Stifterverbandes. Am Ende funktionieren jedoch nur Anreize, die zu den vorhandenen Interessen der Hochschule passfähig sind. 

 

Ist eine Deutschen Lehrgemeinschaft oder – im Sinne des Wissenschaftsrats zurückhaltender formuliert – eine „eigene Stimme“ für die Lehre eine solche passfähige Idee? Die Hochschulrektorenkonferenz hat sie ungewohnt heftig abgelehnt. 

 

Die Idee ist ja nicht neu, sie wurde vor einigen Jahren schon diskutiert, als wir gerade unser Gutenberg-Lehrkolleg einrichteten, aber bislang ist der Plan nicht umgesetzt worden. Da schlagen ehrlich gesagt auch zwei Herzen in meiner Brust. Einerseits ärgert es mich, wenn Bund und Länder ihre Programme immerzu wie Karotten einsetzen, hinter denen sie uns Hochschulen herjagen lassen. Dann sollen wir Anträge schreiben für Dinge, die eigentlich zu unserer Grundausstattung gehören sollten. Andererseits weiß ich: Wären die 820 Millionen Euro einfach in die Grundfinanzierung der Hochschulen geflossen, statt sie in den Qualitätspakt Lehre zu stecken, hätten wir den Effekt an einer großen Universität wie der unseren kaum bemerkt. Da kann ein Wettbewerb schon helfen, aber nur bedingt, weil die Lehre anders funktioniert als die Forschung.

 

Wie meinen Sie das?

 

Der Goldstandard in der Forschung ist immer noch der persönliche Reputationsgewinn, über Auszeichnungen wie den Leibniz-Preis zum Beispiel oder ERC-Grants, die die individuelle Forschungsleistung belohnen. Während exzellente Forschung also auch ganz alleine gelingen kann, braucht gute Lehre neben der individuellen Leistung immer auch die gemeinsame Arbeit im Team – und das beschränkt die Möglichkeit persönlicher Wettbewerbsanreize. Das Ironische ist allerdings, dass wir in der Realität längst einen Forschungsverbund nach dem anderen starten, während viele Hochschullehrer Lehre immer noch als eine eher persönliche Sache ansehen und kollegialer Austausch immer noch zu wenig stattfindet. 

 

Exzellente Forschung geht ganz alleine: Ist es immer noch in Ordnung, als Hochschullehrer eine Niete zu sein, solange man in der Forschung top ist?

 

Als ich junger Wissenschaftler war, stimmte das wahrscheinlich noch. Doch die Zeiten ändern sich gerade. Vor wenigen Wochen wurden die ersten 468 Professuren im Tenure-Track-Programm vergeben. Die Entscheidung, ob eine solche Professur verstetigt wird, dürfte künftig auch stark von den Lehrleistungen abhängen. Womit wir wieder bei unserer Lehrstrategie sind. In Mainz, aber auch an vielen anderen Universitäten müssen Sie während eines Berufungsverfahrens längst nicht nur einen Forschungsvortrag halten, sondern auch eine Probevorlesung halten zu einem typischen Lehrthema. Und wenn Sie bei uns die vollen Leistungszulagen in der W-Besoldung haben wollen, müssen Sie sich als Professor hochschuldidaktisch fortbilden. Es mag ja immer noch didaktisch schlechte Hochschullehrer geben, aber wir sorgen systematisch dafür, dass es weniger werden. 

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Gebt uns das Geld!

Die Wissenschaftsminister aller 16 Bundesländer einigen sich auf gemeinsame Forderungen an den Bund.

PÜNKTLICH ZUM FINALE der Sondierungsgespräche haben sich die Wissenschaftsminister aller 16 Länder auf eine gemeinsame Position zur Zukunft der Hochschulfinanzierung geeinigt. Ihre „Berliner Erklärung“ umfasst drei schlanke Punkte, ist aber dennoch eine hinreichend deutliche Ansage an den Bund: Wir wollen, dass der Hochschulpakt auf jeden Fall weitergeht. Er sei, schreiben die Minister, „mit Blick auf die Qualität und Quantität unverzichtbar“ und werde es auch zukünftig sein. 

 

Angesichts gleichbleibend hoher Studierendenzahlen und „aufgrund der Anforderungen an eine qualitativ hochwertige Ausbildung“ fordern die Ressortchefs für die Fortsetzung des Pakts einen finanziellen Umfang, der mindestens der bisherigen Höhe entspreche. 

 

Den wenig überraschenden Weg zum Ziel skizzieren die Minister im dritten Punkt ihrer Erklärung: Sie wollen in Verhandlungen mit der neuen Bundesregierung „für die Hochschulen und den Wissenschaftsstandort Deutschland essentielle Planungssicherheit (...) schaffen, um so auch die Fachkräftesicherung in Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft zu gewährleisten.“

 

Ein kurzer Text mit umso höherer Buzzword-Dichte: Wirklich Neues bietet die gemeinsame Erklärung aller Landeswissenschaftsminister zwar nicht, auch werden die zentralen Konflikte (Wie sollen die Mittel vergeben werden? Und wofür genau?) ausgeklammert. Und doch ist sie ein starkes, parteiübergreifendes Signal an die potenziellen Jamaika-Koalitionäre. 

 

Ein Signal der 16 Wissenschaftsminister, die fürchten mussten, dass über all den Debatten zum Kooperationsverbot und zu zusätzlichen Milliarden für die Schulen die Interessen der Hochschulen aus den Blick geraten könnten. So steht im Ergebnis-Entwurf der Sondierungsgespräche (Stand 16. November) zwar bereits ein Absatz, der fast aufs Wort dem Konsens der Landesminister entspricht – bis hin zu dem ungeklärten Nebeneinander von qualitativer und quantitativer Förderung:  Es soll, heißt es da "eine Nachfolgevereinbarung zum Hochschulpakt geben, wobei unter anderem Fragen der Qualität, des Erhalts der Kapazitäten und der Digitalisierung eine Rolle spielen sollen." Dennoch: Über Hochschulen und Wissenschaft verloren die Sondierer in den vergangenen Wochen kaum noch ein Wort. 

 

Mit ihrer „Berliner Erklärung“ holen sie sich die Wissenschaftsminister der Länder nun die Aufmerksamkeit der Jamaikaner zumindest kurzfristig zurück. 

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"Wir sind besorgt und enttäuscht"

Bei der Exzellenzstrategie ist der Cluster "Normative Ordnungen" durchgefallen. Wissenschaftler aus aller Welt fordern in einem Brief: Das darf nicht das Ende für den Forschungsverbund sein. Hessens Wissenschaftsminister Rhein reagiert prompt.

Der Offene Brief im Wortlaut
Der Offene Brief im Wortlaut

DER EXZELLENZCLUSTER „Normative Ordnungen“ an der Frankfurter Goethe-Universität zählt zu den bekanntesten Forschungsverbünden in den Geistes- und Sozialwissenschaften der Bundesrepublik insgesamt. Entsprechend groß war die Überraschung, als der seit 2007 geförderte Cluster schon beim Vorentscheid der neuen Exzellenzstrategie (ExStra) Ende September aus dem Wettbewerb kippte.

 

Jetzt haben sich fast 80 Wissenschaftler aus aller Welt zusammengetan, um in einem Offenen Brief gegen das drohende Aus des Clusters zu protestieren. Unter dem Briefkopf der Yale-Universität haben die Initiatoren Seyla Benhabib und Charles Larmore, die beide im internationalen Beirat der „Normativen Ordnungen“ sitzen, ein Who is Who der internationalen Forscher-Community als Mitunterzeichner versammelt: aus den USA, Großbritannien, Kanada, Frankreich, Indien und weiteren Staaten. Die bekannte Philosophin, Politikwissenschaftlerin und gegenwärtige Präsidentin der American Philosophical Association, Nancy Fraser, ist genauso darunter wie die Harvard-Professorin und ehemalige Präsidentin der American Political Science Association, Jane Mansbridge. Auch ein knappes Dutzend deutscher Wissenschaftler steht auf der Liste (siehe unten), darunter Jürgen Habermas, Julian Nida-Rümelin und Hartmut Rosa.

 

„Wir wollen mit größtmöglichem Nachdruck unsere Besorgnis und unsere Enttäuschung zum Ausdruck bringen“, heißt es in dem Schreiben, dass dem Cluster „von der Deutschen Forschungsgemeinschaft eine Verlängerung der Förderung für seine wissenschaftliche Arbeit“ versagt worden sei. Im Rahmen der Zusammenarbeit mit den Frankfurter Forschern seien „bedeutsame Bände“ entstanden, anregende Konferenzen hätten stattfinden können. Ehemalige Studenten des Clusters, die exzellent seien, befänden sich mittlerweile auf Positionen an Universitäten überall auf der Welt. „Kurz gesagt sind wir der Meinung, dass die Frankfurter Kollegen ein wirkmächtiges Zentrum für die philosophische, aber auch die empirische Bearbeitung der wichtigsten sozialen, politischen und ethischen Fragen unserer Zeit aufgebaut haben, das sich in Bezug auf seine Qualität und die Originalität der betriebenen Forschung weltweit an der Spitze befindet“. 

 

Auch wenn die Unterzeichner betonen, sie wollten mit ihrem Schreiben nicht den Evaluationsprozess der DFG in Frage stellen, tun sie es indirekt natürlich doch. Schon dem ExStra-Vorläufer Exzellenzinitiative hatten Kritiker eine Einseitigkeit zugunsten der Natur- und Lebenswissenschaften vorgeworfen. 

 

Bei der Vorentscheidung Ende September hatte eine international besetzte Jury aus 195 Cluster-Skizzen 88 Projekte ausgewählt, die nun bis Ende Februar einen Vollantrag abgeben dürfen. Waren die eingereichten Skizzen von ihren thematischen Schwerpunkten her noch in etwa gleich verteilt auf die vier von der DFG klassifizierten Fächergruppen – Geistes- und Sozialwissenschaften, Ingenieurwissenschaften, Lebenswissenschaften und Naturwissenschaften – so kamen die Geistes- und Sozialwissenschaften bei der Vorauswahl nur noch auf 19 Prozent der Vollanträge, die Naturwissenschaften erreichten 31 Prozent. 

 

Die Briefeschreiber bekräftigen ihr Unverständnis, dass ausgerechnet die „Normativen Ordnungen“ zu den Aussortierten zählten: Der Cluster habe wahrhaftig herausragend die intellektuellen Ziele erreicht, die die Exzellenzinitiative gesteckt habe. „Es wäre ein furchtbarer Verlust für die internationale Forscher-Community, nicht nur in den USA, sondern in vielen Ländern weltweit, wenn die Arbeit des Clusters abreißen würde.“

 

Der Brief endet mit einem Appell an das Bundesland Hessen und „andere Institutionen der Forschungsförderung in Deutschland“, das ihnen Möglichste zu tun, um die Weiterführung dieses „extrem erfolgreichen“ Clusters zu sichern.

 

Die DFG teilte mit, sie werde das Schreiben nicht kommentieren, da weder sie selbst noch das Verfahren kritisiert werde und auch die Adressaten des Offenen Briefes andere seien. Der hessische Wissenschaftsminister Boris Rhein (CDU) sagte in einer unmittelbaren Reaktion, der Exzellenzcluster seit "etwas Einzigartiges. Wir müssen uns daher sehr genau anschauen, woran es gelegen hat, dass der Antrag die erste Hürde nicht geschafft hat." Er wolle sich aber sehr klar hinter die Beteiligten stellen, die eine "großartige Arbeit" leisteten: "Das Land Hessen wird sie weiter unterstützen.“


Die vollständige Liste aller Unterzeichner

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Bis fertig geprüft ist

Die Münchner Uni ermittelt gegen den Klinikdirektor wegen möglichen wissenschaftlichen Fehlverhaltens, die Staatsanwaltschaft geht weiter dem Verdacht eines Abrechnungsbetruges nach: Seit vielen Monaten befindet sich das Max-Planck-Institut für Psychiatrie im Ausnahmezustand.

Screenshot der Instituts-Website
Screenshot der Instituts-Website

NEULICH BESCHÄFTIGTE SICH das Hamburger Abendblatt mit der Frage, „was gegen den Herbst-Blues hilft“. Einer der Experten, die einen Tipp für übel gelaunte Leser parat hatten, war Chefarzt Martin Keck. „Lichttherapie ist sein sehr wirksames antidepressives Therapieverfahren", sagte er. "Sie ist fast nebenwirkungsfrei und kann auch zu Hause erfolgen.“

 

Einen Herbst-Blues dürfte auch Keck selbst haben. Seit vergangenem Jahr ermittelt die Staatsanwaltschaft München I am Max-Planck-Institut für Psychiatrie, dessen Klinikdirektor Keck ist, ausgelöst durch eine anonyme Anzeige. Ende Februar 2017 beschlagnahmten die Beamten bei einer Hausdurchsuchung Dokumente und Daten, weil sich, so formulierte damals eine Sprecherin, während der Ermittlungen „ein konkreter Anfangsverdacht“ ergeben habe, dass „Verantwortliche des Max-Planck-Instituts möglicherweise Abrechnungsbetrug begangen haben“. Es liege eine Strafanzeige gegen mehrere Personen vor. 

 

Neun Monate später ermittelt die Staatsanwaltschaft immer noch. Für Wirtschaftsverfahren sei das durchaus üblich, dass die so lange dauerten, sagt die zuständige Pressesprecherin. Klinikdirektor Keck widerfährt indes weiteres Ungemach. An der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) läuft seit Monaten ein Verfahren „zur Selbstkontrolle in der Wissenschaft im Fall Professor Keck“, wie LMU-Sprecherin Luise Dirscherl bestätigt. Wann es abgeschlossen werde, sei offen. Auch dieses Verfahren wurde nach einem anonymen Hinweis eingeleitet. 

 

Konkret geht es um die Habilitationsschrift von Keck – also die zentrale Voraussetzung für seinen Professorentitel. Die Online-Plattform Vroniplag Wiki hat Anfang Oktober ihre Untersuchung der von 2004 stammenden Arbeit veröffentlicht, Ergebnis: Bis zum 14. November seien auf 72 der insgesamt 174 Seiten Plagiatsfundstellen dokumentiert worden. 43 Seiten bestünden zu mehr als 75 Prozent aus Plagiatstext. 

 

Keck hatte sich bereits im Frühjahr zu den Vorwürfen geäußert, und zwar in einer Stellungnahme gegenüber dem LMU-Ombudsmann, aus dem der Bayerische Rundfunk zitierte. Die erwähnten Texte seien das Ergebnis „gemeinsamer, von mir geleiteter Anstrengungen. Diese stellen die Ergebnisse einer Gemeinschaftsarbeit dar, welche als gemeinsame Textpassagen in die Dissertation [….] bzw. meine Habilitation [….] einfließen.“ Die identischen Textpassagen seien insofern der „allgemein akzeptierten und nicht anders zu bewerkstelligenden wissenschaftlichen Arbeitsweise meines Fachgebietes (hier explizit Grundlagenforschung) geschuldet“. 

 

Seit über einem Jahr kursieren in der Wissenschaftsszene Beschuldigungen gegen Keck und weitere Mitarbeiter des Instituts, die, zusammen mit umfangreichen Unterlagen, unter anderem an die Geschäftsstelle der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz (GWK) von Bund und Ländern versandt wurden. Hierbei geht es auch um die Frage, ob für die Forschungsfinanzierung gedachte Gelder für den Klinikbetrieb eingesetzt wurden. 

 

Die Generalverwaltung der Max-Planck-Gesellschaft (MPG) betonte in den vergangenen Monaten mehrfach, die Untersuchungen einer unabhängigen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft seien 2016 zu dem Ergebnis gekommen, „dass die aktuelle Abrechnungspraxis keinen Grund zur Beanstandung gibt.“ Auf erneute Anfrage teilt die MPG mit, sie warte das Ergebnis der staatsanwaltlichen Ermittlungen und das Prüfergebnis der LMU München ab. 

 

Im Februar hatte sich die MPG noch etwas kampfeslustiger angehört. Sicherlich müssten viele Prozesse „vor dem Hintergrund veränderter Strukturen und aktueller gesetzlicher Vorgaben neu justiert werden.“ Seither sei es jedoch „zu einer nicht abreißenden Kette anonymer Anschuldigungen“ gegen die Betroffenen gekommen, die sich „allesamt als haltlos“ erwiesen hätten. Die MPG hatte die anonymen Anschuldigungen deshalb auch mit einer eigenen Anzeige gegen Unbekannt „wegen übler Nachrede, Verleumdung und Strafvorschriften des Bundesdatenschutzgesetzes“ beantwortet.

 

Insider beschreiben die Stimmung am Institut seit langem als „schwierig“, die Unzufriedenheit vieler Mitarbeiter mit der Klinikführung soll enorm sein. Handelt es sich bei den lancierten Vorwürfen also lediglich um eine geschickt orchestrierte Rufmordkampagne? Oder steckt doch mehr dahinter? Muss sich am Ende gar die Generalverwaltung der MPG unangenehme Fragen zu ihrem Umgang mit dem Institut gefallen lassen? Klar ist: Bis Staatsanwaltschaft und LMU sich abschließend äußern, gilt für alle Beteiligten die Unschuldsvermutung. Und der Schwebezustand bis dahin schadet dem Institut wie der Max-Planck-Gesellschaft insgesamt. 

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"Ein paar Platzhirsche machen keine Mehrheit"

Engagieren sich junge Studenten zu selten hochschulpolitisch? Prägen deshalb die älteren die öffentliche Wahrnehmung der aktuellen Studierendengeneration? Drei Gegenreden zu meinem Beitrag "Junge Studenten, alte Sprecher".

Vergangene Woche schrieb ich in einem zugegebenermaßen zugespitzten Kommentar, die lautstärksten Repräsentanten der aktuellen Studierendengeneration stammten in Wirklichkeit oft aus der Generation davor. Das Problem sei, dass sie mit ihren Äußerungen ein Bild studentischer Gefühlslagen zeichneten, das längst nicht mehr der Realität entspreche, schrieb ich in meinem Text, der zuerst im ZEITChancen Brief erschien. Mein Fazit: "Wenn die Jungen nicht bald selbst aktiver werden, können sie sich über die Alten nicht beschweren."

 

Ich hatte im Vorfeld mit Reaktionen gerechnet. Als sie kamen, war ich aber doch überrascht angesichts der ehrlichen Empörung, der Vielzahl

leidenschaftlicher Gegenreden und auch der schlagkräftigen Argumente, um zu zeigen, dass ich falsch liege mit meiner Wahrnehmung. 

 

Ein Punkt ist mir persönlich noch wichtig: Ich habe bewusst nicht die etwaige Überalterung der gewählten Studierendenvertreter kritisiert (denn die sind in der Tat oft jung), sondern dass es meist die Alten sind, die sich auf öffentlichen Veranstaltungen in den Vordergrund spielen und so scheinbar die Studierenden insgesamt repräsentieren. Darum ging es mir, das muss aufhören. Das mit dem Heine zitierenden Studi habe ich übrigens neulich wieder bei einer Uni-Veranstaltung erlebt... Nun aber zu den Reaktionen auf mein Kommentar.



FRANZISKA CHULECK, ILMENAU:

 

IN JAN-MARTIN WIARDAS Kommentar "Junge Studenten, alte Sprecher" wurde die Mitarbeit von erfahrenen (ehemaligen) Studierendenvertreter*innen sehr einseitig als negativ dargestellt. Dazu möchte ich ein paar Gegenargumente vorbringen.

 

Als (gewählte) Studierendenvertreterin, die schon etwas länger dabei ist, kann ich sicher einige Punkte durchaus nachvollziehen. Doch für uns in der studentischen und auch für die universitäre Selbstverwaltung sind Studierendenvertreter*innen, die schon ein wenig länger dabei sind, ein großer Zugewinn und auch sehr wichtig. Es benötigt Zeit, um sich in die große Zahl an Gesetzestexten, Verordnungen, Handreichungen, Auslegungen, Gutachtenberichte und Ordnungen einzuarbeiten. Dabei werden auch eben aufgrund der großen Zahl Spezialgebiete entwickelt. Viele der Regularien, Handreichungen und Ordnungen sind zum Schutz der Studierenden da - damit die Universitäten und Hochschulen nicht nach Gutdünken in unsere durch das Rahmenhochschulgesetz garantierte Studienfreiheit eingreifen können. Studierendenvertreter*innen, die in der Lage sind, genau sagen zu können, an welche Gesetze, Paragraphen und Verordnungen sich die Hochschule in einem bestimmten Moment zu halten haben, sind daher extrem wichtig.

 

Des Weiteren sehen sich die Studierendenvertretungen immer wieder mit dem Problem konfrontiert, dass durch die hohe Fluktuation der Studierenden einige langfristigere Projekte, wie beispielsweise Systemakkreditierungen, nicht vollständig durch eine einzelne Person oder eine Gruppe begleitet werden. Dies kann zu inkonsistenten Meinungen und Abstimmungsverhalten der Studierendenvertreter*innen führen – und das wird wiederum häufig durch die Hochschulleitungen kritisiert. Beschäftigen sich jedoch einzelne Studierende länger mit einem Projekt, führt dies zu einer höheren Kontinuität. Dies kann als Professionalisierung missverstanden werden.

 

Als Studierendenvertreter*innen haben wir zudem häufig das Problem, dass uns entweder vorgehalten wird, wir wären durch die hohe Fluktuation zu unstet oder durch langfristigere Besetzungen zu professionell und nicht mehr Studierenden-nah. Diese beiden Vorwürfe sind widersprüchlich und lenken häufig von anderen Problemen ab. Es erschwert es auch, Personen für einzelne Stellen, gerade im höheren Gremienbereich, zu finden, da weniger erfahrene Personen sich nicht trauen und erfahrenere abgelehnt werden. Ein Beispiel sind die studentischen Mitglieder des Akkreditierungsrates. Diese benötigen weitreichende Erfahrungen im Akkreditierungswesen, im Bereich der Programm- und Systemakkreditierung, gewünscht sind auch Erfahrungen mit Agenturgremien und sollte die*der Vorgeschlagene eine Agentur akkreditiert haben, wird dies begrüßt. Jedoch sollten die Personen sich doch bitte noch in Regelstudienzeit befinden.

 

Es ist leicht erkennbar, dass Erfahrung und gleichzeitig eine geringe Anzahl an Semester nur schwer möglich ist. „Suchen 20jährigen mit 10 Jahren Berufserfahrung“ scheint die Devise zu sein. Eine, die nicht umsetzbar ist. Doch nicht nur auf der Bundesebene ist dies ein Problem - auch in den einzelnen Hochschulen. Studierendenvertretungen tuen sich meist und hoffentlich auch verständlicherweise schwer, eine*n (minderjährige*n) Studienanfänger*in für den Hochschulrat vorzuschlagen. Es fehlt schlicht die Erfahrung und das Wissen. Daher wird häufiger auf Personen zurückgegriffen, die länger dabei sind und daher auch mehr Erfahrung und Wissen haben.

 

Der Standpunkt von Jan-Martin Wiarda verkennt doch auch einen weiteren wichtigen Punkt – diese angebliche Professionalisierung findet sich vor allem in den höheren Ebenen. Die ersten Anlaufstellen für Studierende mit Problemen, die Fachschaftsräte, haben einen stärkeren Wechsel an Studierenden, die aktiv und/oder gewählt sind. Auch auf den Bundesfachschaftentagungen, den bundesweiten Vernetzungstreffen der Fachschaften, sind diese personellen Wechsel leicht zu beobachten. Doch auch die Fachschaftsräte sind bei ihren Problemen und Anliegen auf die erfahrenen Studierendenvertreter*innen angewiesen.

 

Im Umgang mit den Studierendenvertreter*innen sollte dringend ein anderer Weg gefunden werden. Sie können nicht gleichzeitig durch hohe Fluktuation zu unerfahren, daher auch nicht im benötigten/gewünschten Maß entscheidungsfähig und durch erfahrene und langjährige Vertreter*innen zu professionell und daher nicht mehr Studierenden-Nah sein. Hier wäre ein Nachsteuern durch das Verhalten der Hochschulleitungen sicher hilfreich. Anerkennung der Leistung der Studierendenvertreter*innen und Unterstützung bei der Förderung von Nachwuchs für die Studierendenvertretungen sind nur zwei Beispiele für Handlungsmöglichkeiten der Hochschulleitungen.

 

Doch auch eine differenzierte Betrachtung durch die Presse könnte an dieser Stelle förderlich sein. Verständlich sind einige Punkte des Standpunktes durchaus, doch der Standpunkt betrachtet nicht die Gesamtsituation. Die meisten Studierendenvertreter*innen haben einen sehr guten Kontakt zur studentischen Basis und die älteren Vertreter*innen sind ein wichtiger Teil der studentischen und universitären Selbstverwaltung, durch ihr breites Wissen und ihre Erfahrungen.

 

Franziska Chuleck, 24, studiert Informatik auf Bachelor und ist Studentisches Mitglied im Senatsausschuss für Hochschulentwicklung und Qualitätssicherung an der TU Ilmenau. 


JAN CLOPPENBURG, ZURZEIT VANCOUVER: 

 

DASS SICH GERADE ein Journalist wundert, dass Menschen ihre Beiträge mit Zitaten einleiten, das überrascht mich dann doch. Auch ich – weiterhin Student und ehemals gewählter Vertreter – besuche gerne Diskussionsveranstaltungen, habe aber nie Zitatesammlungen mitgebracht! Ein langfristiges Engagement in den Gremien kann sich dennoch lohnen. Denn die zahlreichen Rechtsdokumente, Strukturen und Zusammenhänge im Hochschulwesen versteht niemand von heute auf morgen. Ein bisschen Erfahrung hilft ungemein, um sich argumentativ und habituell gegenüber erfahreneren Präsidentinnen und Journalisten behaupten zu können.

 

Es gibt gewiss auch ein paar Platzhirsche hier und da, die sich mit oder ohne Wahlamt festhalten und es mit ihrem gesammelten Herrschaftswissen den Neuen schwer machen. Diese sollten ihre Stellung durchaus einmal überdenken. Die überragende Mehrheit der tausenden Studierendenvertreter*innen aber absolviert ihr Studium mehr oder minder in Regelstudienzeit. Aus diesem Grund treffen Sie diese auch so selten bei bundesweiten Diskussionsrunden an. Vielleicht haben Sie deshalb ein verzerrtes Bild davon, wie Studierendenvertreter*innen eigentlich aussehen?

Die meisten versuchen, neben einem vollen Semester und knapper Studienfinanzierung noch zehn bis zwanzig Stunden die Woche aufzubringen, um Kommilitonen*innen zu beraten und Prüfungsordnungen mitzugestalten. Die meisten Studierendenvertretungen freuen sich auch über gute Beratungsangebote und viele engagieren sich ganz lebhaft für das langjährig erprobte und bewährte Konzept „nachgelagerte Studiengebühren“ namens „Steuern“. Ist Ihnen nie aufgefallen, wie viele Pressemitteilungen und Protestmaterial Studierendenvertretungen gerade zu den Themen BAföG und der sich alljährlich überraschend wiederholenden Wohnungsnot produzieren? Und warum sollten sich jüngere und ältere Vertreter*innen in dieser Hinsicht unterscheiden?

 

Sie merken ganz richtig an, dass viele Studierende sich gezwungen fühlen, schnell durchs Studium zu kommen. Das Problem der Studienfinanzierung kennen auch viele Studierendenvertreter*innen ganz persönlich. Wer sich aber kaum Zeit nehmen kann, dem fällt es nicht leicht, Strukturen und Prozesse an den Hochschulen zu hinterfragen und zu kritisieren. Sich Zeit zu nehmen und Gedanken zu machen ist nicht nur hilfreich, sondern auch ganz im Sinne des Bildungsideals, für das viele von uns kämpfen. Um das zu erleichtern, sollte unter anderem endlich das BAföG von der Regelstudienzeit losgelöst werden. Für eine bessere Studienfinanzierung, aber auch als Signal: Denn das Ende der Regelstudienzeit ist nicht das Ablaufdatum einer individuell erfolgreichen Studienzeit.

 

Lieber Herr Wiarda, abschließend ein Vorschlag: Damit wir das ein oder andere Klischee über Studierendenvertretungen loswerden und Ihr Bild von ihnen entzerren können, lade ich Sie ein, eine Reportage über die alltägliche Arbeit einer Studierendenvertretung zu schreiben. Aber passen Sie auf, dass nicht nur die älteren zu Wort kommen!

 

Jan Cloppenburg, 30, hat Politikwissenschaft an der Uni Bremen studiert (B.A.), war dort in AStA, Senat und Studierendenwerk aktiv und schließlich im Vorstand des fzs, dem "freien Zusammenschluss von studentInnenschaften". Jetzt macht er einen Master in Wissenschaftsforschung an der HU Berlin. 


TOBIAS EISCH, PASSAU

 

Der Artikel von Jan-Martin Wiarda über angeblich „zu alte“ Student*innenvertreter*innen hat in vielen hochschulpolitischen Kreisen für Unverständnis gesorgt. Der Aufruf, die jungen Student*innen mögen doch die Hochschulpolitik übernehmen, zeigt aber ganz unfreiwillig tatsächlich existierende Probleme auf: Wissenschaftspolitische Akteur*innen weigern sich, diese zu sehen und ihre Interessen anzuerkennen. Das Alter der Student*innen scheint hier lediglich vorgeschoben zu werden, um inhaltliche Positionen zu delegitimieren.

 

Nun aber der Reihe nach. Die Vorstellung, dass in den ASten Leute sitzen, die bereits vor 15 Jahren aktiv waren und dort fröhlich vor sich hin Heine in irgendwelche Journalist*innenblöcke zitieren, klingt für heutige hochschulpolitisch aktive Student*innen geradezu absurd. Ich studiere jetzt seit drei Jahren, mache genauso lange schon Hochschulpolitik und habe so etwas noch nie erlebt. Aber vielleicht war das vor einigen Jahren ja tatsächlich noch so und ist vereinzelt ein reales Problem - das kann ich allerdings schwer beurteilen.

 

Der Vorstand der bundesweiten Student*innenvertretung (fzs) ist, mit im Schnitt 23 Jahren, jünger als der Altersdurchschnitt der Student*innen, auch die Vorstände der anderen hochschulpolitischen Jugendverbände sind nicht viel älter (bei den Juso-Hochschulgruppen ist beispielsweise niemand im Vorstand über 23). Seit der Bachelor/ Master Umstellung ist es auch gar nicht mehr so einfach möglich, dass Menschen langjährig hochschulpolitisch aktiv sind.

 

Ein anderes Problem des Artikels sehe ich allerdings in der Stigmatisierung „alter Studenten“, als sei es Student*innen vorzuwerfen, wenn sie sich Zeit für politische Arbeit nehmen. Tatsächlich ist das Alter ein schlechter Indikator, um daraus Bildungs- und Lebenswege abzuleiten, da diese inzwischen sehr vielfältig sind. Die Student*innenschaft ist divers – wieso sollte es verwerflich sein, wenn dies auch die hochschulpolitisch Aktiven sind. Das Alters-Argument wirkt an dieser Stelle eher wie Ausflüchte, die rechtfertigen sollen, warum man die studentischen Gremien nicht ernst nimmt oder ihre inhaltlichen Positionen nicht teilt.

 

Der Artikel wird dort interessant, wo es um die Forderungen geht. Auch hier sei vorangestellt, dass Demokratisierung eine wichtige Rolle in studentischer Politik spielt. Die Behauptung, wir würden uns übermäßig viel mit paritätischer Besetzung beschäftigen, entspricht allerdings nicht der Realität. Um zu diesem Ergebnis zu kommen reicht es, die Pressemitteilungen der ASten und des fzs der letzten Jahre zu durchforsten. Hier stellt sich viel eher die Frage, wie es zu dieser verzerrten Wahrnehmung kommt.

 

Was meiner Meinung nach wirklich Problem studentischer Politik ist: sie wird oft nicht ernst genommen, ignoriert oder offen als überflüssig bezeichnet. Die hochschulpolitische Welt besteht überwiegend aus alten Netzwerken, die schwer auf zu brechen sind und die ihre Macht mit aller Kraft gegen Student*innen verteidigen. 

 

Ein gewähltes studentisches Gremium entsendet demokratisch eine*n Student*in in ein bundesweites Gremium? – Die Hochschulrektorenkonferenz verhindert das, weil sie lieber selbst bestimmen will, mit welchen Student*innen sie verhandelt. Student*innen wählen sich einen AStA, der sich gegen den enormen Konkurrenz- und Leistungsdruck einsetzen soll – es wird behauptet, dieser sei nicht legitim, weil er zu unerfahren, zu alt oder zu kritisch ist.

 

Die Behauptung, wir wären, im Gegensatz zum Autor, nicht in der Lage Verhältnisse zu erkennen, lasse ich mal unkommentiert. Sie unterstreicht ganz ohne einen Kommentar meinerseits, wie versucht wird, studentische Interessen zu delegitimieren. Gewählte Student*innen werden in Gremien selten ernst genommen und kommen schwer gegen die verkrusteten Strukturen der Hochschulleitungen an. Verdient haben wir das sicher nicht, aber gefallen lassen wir es uns das erst recht nicht: Gründe dafür zu erfinden nicht mit uns, sondern über uns zu sprechen hilft niemandem weiter. Erkennt uns als Teil der Hochschule an, der etwas zu sagen hat!

 

Tobias Eisch, 23, studiert European Studies an der Universität Passau und ist Mitglied im Vorstand des fzs.

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Der Traum vom Verschiebebahnhof

Ministerpräsidenten wollen von Jamaika mehr Zuschüsse für die Bildung, verweigern sich aber einer konstruktiven Zusammenarbeit mit dem Bund.

MAN STELLE SICH VOR, in Niedersachsen verhandeln CDU und SPD eine große Koalition, und bei den wichtigsten Punkten säßen Angela Merkel und Martin Schulz mit am Tisch. Sie formulierten den Koalitionsvertrag mit und sorgten dafür, dass bei möglichst vielen Themen möglichst viel für den Bund herausspringt. Auch wenn Niedersachsen dann draufzahlen würde. Klingt absurd?  

 

Finde ich auch. Umso erstaunlicher, dass es kaum einen stört, wenn bei den Verhandlungen um die Bildung einer neuen Bundesregierung, derzeit noch Sondierungen genannt, wieder einmal genau das passiert. Unter den insgesamt 36 Unterhändlern von CDU, CSU, FDP und Grünen befinden sich acht amtierende Ministerpräsidenten und damit sämtliche Regierungschefs, die Union (7) und Grüne (1) aufzubieten haben. Die naheliegende, wenn auch nicht gedankenschärfste Rechtfertigung der Sondierer für die auffällige MP-Dichte in den Bundes-Verhandlungen: Das war doch schon immer so. Die Länder müssen eben ihre Interessen wahren, wenn die Bundespolitik für die nächsten vier Jahre festgezurrt wird. Und dann könnten zumindest CDU und CSU noch darauf verweisen, dass viele ihrer Ministerpräsidenten zugleich in der Führung der Bundesparteien aktiv sind.

 

Ich möchte mich an dieser Stelle gar nicht weiter in verfassungstheoretischen Erörterungen ergehen, ob solche Begründungen im Sinne der föderalen Gewaltenteilung wirklich tragfähig sind. Sehr wohl aber lässt sich anhand eines aktuellen Beispiels aufzeigen, wohin die Verquickung von Landes- und Bundesinteressen führen kann. >>



>> Am vergangenen  Freitag haben Nordrhein-Westfalens CDU-Ministerpräsident Armin Laschet und sein grüner Kollege aus Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann, einen gemeinsamen Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlicht. Was an sich erstaunlich genug ist. Fast schon atemberaubend wird ihre Koproduktion durch die vorgebrachten Argumente. Kurz zusammengefasst: Bildung ist das zentrale Aufstiegsversprechen für alle. Dafür brauchen wir einen Kraftakt in der Bildungspolitik. Den können die Länder nicht allein finanzieren. Darum muss der Bund ran. Aber nur zum Bezahlen. Mitspracherechte bekommen soll er dafür nicht. Zitat: „Der Bund hat die Pflicht, die Bildung zu stärken, ohne die Länder zu schwächen. Denn auf der Basis der geltenden Kompetenzordnung unseres Grundgesetzes können wir die bildungspolitischen Herausforderungen am besten meistern. Kooperation muss sein, Einmischungen in die verfassungsmäßigen Aufgaben der Länder aber schaden.“

 

Für so eine Logik existiert eine leider schon reichlich abgegriffene Redewendung, die an dieser Stelle so hervorragend passt, dass ich sie dennoch zitieren möchte: „Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass.“

 

Eigentlich war das mit der seit Monaten diskutierten Abschaffung des Kooperationsverbots anders gemeint. Als zum Beispiel die sieben SPD-Ministerpräsidenten vor der Bundestagswahl zusammen mit dem Ex-SPD-Kanzlerkandidaten Schulz ihre Pläne einer "Nationalen Bildungsallianz" vorstellten, ging es ihnen nicht nur um einen zusätzlichen Geldfluss von Bund Richtung Länder, sondern die Ministerpräsidenten erklärten sich bereit, im Gegenzug für die Milliarden dem Bund genau die von Laschet und Kretschmann so wortreich abgelehnten Mitspracherechte zu geben – also sehr wohl die "geltende Kompetenzordnung", von der das schwarz-grüne Duo spricht, zu ändern. Was dann sozusagen der Moment gewesen wäre, in dem der Pelz nass wird. Wobei auch die Sozialdemokraten in wohlweislicher Vermeidung potenziellen Ärgers vor der Wahl von der genaueren Definition besagter Mitspracherechte abgesehen hatten. 

 

Nun hat die SPD zwar die Bundestagswahl verloren, doch gehört auch zu den wenigen Gewissheiten einer möglichen Jamaika-Koalition, dass die Bund-Länder-Zusammenarbeit in der Bildung verstärkt werden soll. Und wie schon die sieben SPD-Ministerpräsidenten verstehen auch die meisten Grünen und die FDP darunter eine echte Kompetenzverlagerung. Ausgerechnet FDP-Chef Christian Lindner äußert das im aktuellen Spiegel drastisch wie selten. Dass die Konkurrenz von 16 Ländern die Qualität der Bildung verbessere, sei eine "deutsche Lebenslüge": "Wir wollen eine Revolution. Der Bund muss die Modernisierung der Bildung finanzieren und dafür auch Qualitätsvorgaben aussprechen können."

 

Was Laschet und Kretschmann durchaus als Kampfansage verstehen können. Die in der kommenden Woche anstehende Fortsetzung der Sondierungsgespräche könnte also auch in Sachen Bildung spannender als bislang werden. Auf die Tatsache nämlich, einen zweistelligen Milliardenbetrag zusätzlich für Schulen und Hochschulen zu investieren, ließ es sich schnell verständigen. Rumpeln wird es bei der Frage nach dem Wie. 

 

Wobei die beiden Ministerpräsidenten im Gespann mit ihrem bayerischen CSU-Kollegen Horst Seehofer am Ende sogar Erfolg haben könnten mit ihrer Blockade. Denn seit die Sozialdemokraten den Gang in die Opposition angekündigt haben, hat auch die Begeisterung der SPD-regierten Länder für mehr Einfluss des Bundes auf ihre Bildungspolitik spürbar abgenommen. Neuerdings verstehen viele Sozialdemokraten unter der Abschaffung des Kooperationsverbots eher folgende Formel: Mehr Geld vom Bund: gern. Mehr Steuerung: nein. 

 

Zurück zum FAZ-Artikel von Laschet und Kretschmann. Die Liste zusätzlicher Bildungsaufgaben, die beide (zu Recht!) anführen, ist lang: eine qualitativ hochwertige frühkindliche Bildung, mehr Ganztag, eine besser gelungene Inklusion, die Integration von Einwandererkindern, die Bildung in der digitalen Welt.

 

Irritierend ist allerdings, wie die beiden das jährliche Zehn-Milliarden-Extra, das der Bund den Ländern bereits bei der Neuordnung der Finanzbeziehungen gegönnt hat, als "nicht wesentlich" beiseiteschieben. Dass die Länder als Gesamtheit laut Statistischem Bundesamt im vergangenen Jahr mit knapp neun Milliarden Euro bereits einen höheren Haushaltsüberschuss auswiesen als der Bund, lassen die beiden Ministerpräsidenten ebenfalls unerwähnt. Genauso wie das peinliche Kapitel, als der Bund 2015 den Länderanteil der BAföG-Finanzierung übernahm und die gute Milliarde Euro, die dadurch pro Jahr frei wurde, eigentlich an die Hochschulen gehen sollte. Doch in Wirklichkeit kam das Geld nur in einigen Ländern voll, in anderen Ländern teilweise an seinem Bestimmungsort an. Mitunter landete es nicht einmal in Schulen oder Kitas, sondern verschwand vollends im Säckel des zuständigen Landesfinanzministers. 

 

All das heißt nicht, dass ein größeres Engagement des Bundes in der Bildung nicht trotzdem eine gute Idee und sogar angemessen sein könnte. Aber wenn sich zwei Landespolitiker ihre finanzpolitischen Argumente so passend zurechtlegen, ist Vorsicht auch beim zweiten Teil ihrer Gedankenführung geboten. Dem Teil, in dem sie behaupten, dass die Länder schon jetzt das ihnen Mögliche für die beste Bildung aller täten und die heutige Zusammenarbeit zwischen den Ländern und zwischen Bund und Ländern schon im Ist-Zustand doch hervorragend funktioniere.

 

Die nervige Debatte um das Zurückdrehen von G8 und das Ankündigen von "Denkpausen" in der Inklusion (bei beiden Themen hat sich besonders Laschet hervorgetan) zeigen überdeutlich, dass bei vielen Problemen in den Schulen nicht nur mehr Geld nötig ist, sondern vor allem eine klare, kenntnisreiche Bildungspolitik auf Landesebene. Eine Bildungspolitik, die sich traut, auf die Erkenntnisse der Bildungsforschung zu hören, anstatt ständig zu schwanken zwischen Reformen und deren Rücknahme. Gleichzeitig bedeuten die aktuellen Überschüsse in fast allen Ländern, dass sehr wohl noch Spielraum für mehr Bildungsinvestitionen auf Landesebene bestünde – selbst im chronisch klammen NRW, wenn nur die Prioritäten entsprechend gesetzt würden.

 

Das jedoch wäre herausfordernder, als mal wieder nach dem Bund zu rufen. Erst recht, nachdem in der Öffentlichkeit erfolgreich die Illusion aufgebaut wurde, der Bund sei so reich und die Länder seien allesamt so arm. Dabei ist die Wahrheit, dass sich die Finanzlagen der einzelnen Länder dramatisch voneinander unterscheiden. 

 

Was die bildungspolitische Koordination zwischen den Bundesländern angeht, ist die Art und Weise, wie die Bertelsmann-Stiftung mit ihren Studien die Bildungspolitik vor sich hertreibt, der aktuell beste Beleg, dass es eben doch an Abstimmung fehlt und auch am Setzen politisch ausgehandelter Standards. Wenn die Länder angeblich so wirkungsvoll eine gemeinsame Bildungspolitik betreiben wollen, warum halten sie dann seit Jahren die Kultusministerkonferenz und ihr Sekretariat so kurz?

 

Einst war es vor allem die Angst einiger Ministerpräsidenten vor dem „Goldenen Zügel“ des Bundes, die 2006 erst zur Verschärfung des Kooperationsgebotes geführt hatte. „Goldener Zügel“ nannten sie das ungewollte Szenario, der Bund könne mit seinen Milliarden winken und die Länder damit in die von ihm gewünschte bildungspolitische Richtung treiben. Eine berechtigte Sorge, die auch erklärt, warum die Länder jetzt so auf Dauergeld vom Bund erpicht sind anstelle von immer neuen zeitlich begrenzten Vorhaben. Vorhaben wie den bislang nicht umgesetzten Digitalpakt – wobei der sicherlich als hervorragendes Beispiel für schlechte Verhandlungsführung zwischen Bund und Ländern herhalten mag, von seiner Konzeption aber im Gegenteil beweist, dass eine klare Abmachung ohne überbordende Einflussnahme des Bundes sehr wohl möglich ist.

 

Keine Frage: Den "Goldenen Zügel" gilt es zu verhindern. Doch wäre der umgekehrte Fall genauso schädlich: wenn am Ende der Koalitionsverhandlungen eine Lösung stünde, die mehr Geld vom Bund bedeutet ohne klar definierte Gegenleistung der Länder. Zumindest solange diese – anders als Laschet und Kretschmann behaupten – eben nicht schon jetzt für die Bildung das tun, wozu sie von sich aus imstande wären. 

 

Nur ein mit zusätzlichen Kompetenzen ausgestatteter Bund kann sicherstellen, dass die Länder die zusätzlichen Bildungsmilliarden nicht erneut einfach einsacken. Und deshalb sollte der Bundeseinfluss, den Laschet und Kretschmann so tunlichst verhindern wollen, genau darin – und nur darin ­– bestehen: dass der Bund zwar niemals gegen den Willen der Länder die bildungspolitische Richtung vorgeben kann, aber sehr wohl das Recht bekommt, den genauen Verwendungsnachweis der an die Länder überwiesenen Gelder zu verlangen – und auch selbst nachzuprüfen, ob die Länder diesbezüglich wahrheitsgetreue Angaben machen. Nur so wäre auch die von Laschet und Kretschmann selbst anregte Selbstverpflichtung der Länder, „zusätzlichen Mittel ausschließlich für die mit dem Bund vereinbarten Maßnahmen zu verwenden“, mehr als eine Leerformel.

 

Diese Gegenleistung der Länder bei den Verhandlungen herauszuholen, zählt zu den zentralen Aufgaben der Jamaika-Sondierer. Dass acht von 36, siehe oben, zugleich Ministerpräsidenten sind, lässt allerdings die Hoffnungen gering erscheinen, dass dabei mehr entsteht als ein weiterer Verschiebebahnhof für Bundesmilliarden ohne verlässliche Zweckbindung. Oder soll man Laschet, Kretschmann und ihren MP-Kollegen wirklich glauben, dass es ihnen in den Sondierungen darum geht, aus prinzipiellen Gründen die Kulturhoheit der Länder zu verteidigen? Viel wahrscheinlicher ist, dass sie doch vor allem die Haushaltinteressen der von ihnen geführten Landesregierungen im Blick haben. Was ihre Rolle als Unterhändler umso attraktiver und die Verquickung der Interessen umso kritikwürdiger macht: Selten lässt sich auf derart unkomplizierte Weise Bundesgeld abgreifen. Die von den Jamaika-Sondierern beschworenen "optimalen Lehr- und Lernbedingungen" schafft man so jedenfalls nicht.

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Weiter mit Auszeichnung

Das Professorinnenprogramm wird fortgesetzt. Der Bund hat sich mit den Ländern auf ein kluges Format geeinigt – und beweist seine forschungspolitische Handlungsfähigkeit trotz schwieriger Regierungsbildung.

DIE NEUAUFLAGE DES PROFESSORINNENPROGRAMMS ist durch. Und sie ist gut geworden. Am vergangenen Freitag hat die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz (GWK) von Bund und Ländern das neue Format beschlossen, über das ich in Grundzügen bereits Ende August berichtet hatte. Die neue– dritte – Förderphase beginnt 2018 und läuft bis 2022.

 

Wie bislang werden über eine Anschubfinanzierung Erstberufungen von Frauen auf eine Professur gefördert, und auch in der neuen Programmrunde müssen die Hochschulen ihrer Bewerbung ein Gleichstellungskonzept beilegen. Nur wenn das positiv bewertet wird, können pro Hochschule bis zu drei Professuren bewilligt werden. 

 

So weit, so bewährt. Wirklich zu loben sind die Wissenschaftsminister aus Bund und Ländern jedoch an anderer Stelle: Im künftigen Wettbewerb soll es nun zusätzlich für die bis zu 20 Hochschulen mit den im Bereich "Personalentwicklung und -gewinnung auf dem Weg zur Professur" besten Konzepten zur Belohnung eine vierte Stelle geben, dazu das Prädikat "Gleichstellung: ausgezeichnet!". Eine mutige Zuspitzung des bislang eher auf Breite angelegten Programms, die nicht unumstritten war: Einige Länder fürchteten zunächst die Benachteiligung kleinerer Hochschulen. Doch die Vorteile überwogen, denn das neue Prädikat wird jenen Hochschulen Gerechtigkeit widerfahren lassen, die sich besonders um die Förderung junger Wissenschaftlerinnen kümmern, "die sich erst auf dem Weg zur Professur befinden", wie die GWK-Vorsitzende und Bremer Wissenschaftssenatorin Eva Quante-Brandt (SPD) sagte. 

 

Bemerkenswert ist die Neuauflage auch in finanzieller Hinsicht: Das Volumen wächst von bislang 150 auf 200 Millionen Euro, womit eine Ausweitung von 250 auf insgesamt rund 280 geförderte Professuren möglich wird, hinzu kommen noch die 20 Prädikatsprofessuren. Auch steigt die Fördersumme pro Professur deutlich. Während die Länder (die 50 Prozent des Programms finanzieren) schon seit Sommer auf eine Erhöhung drängten, hatte das Bundesministerium für Bildung und Forschung auf Zeit gespielt, wollte erst die Bundestagswahl abwarten. Jetzt ist die Wahl vorbei, die bisherige Regierung nur noch kommissarisch im Amt – und die Verständigung klappte trotzdem. Ein Beleg dafür, dass der Bund auch in dieser Zwischenphase durchaus noch handlungsfähig ist. Und ein Erfolg für die scheidende Bundesforschungsministerin Johanna Wanka (CDU), die trotz der stockenden Jamaika-Sondierungen den Sack noch vor Jahresende zumachen konnte. 

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Wie wissenschaftlich ist die Gender-Forschung?

Ob gerechte Sprache oder Frauenquote – viele Themen und Forderungen des Feminismus berufen sich auf Ergebnisse der Gender-Forschung. Doch die steht in der Kritik. Zu Recht?

Christoph Michels: "Text", CC BY-SA 3.0

ES WAR EIN VORWURF mit Aufmerksamkeitsgarantie. Die Genderstudies seien "der akademische Sargnagel der Frauenemanzipation", schrieb ein ehemaliger Gender-Student in der Emma. Die meisten Lehrveranstaltungen der Geschlechterforschung hätten kein Interesse mehr an feministischem Gedankengut, sie trügen Titel wie "Muslim Queer Subjectivities and Islamic Ethics", diskutiert werde über "Critical Whiteness", "Intersektionalität" oder "Femonationalismus".

 

Soweit eine normale Auseinandersetzung unter Fachvertretern, könnte man denken, mit spitzer Feder, aber so entstehen halt akademische Debatten. Doch dann holte Vojin Saša Vukadinović, inzwischen Koordinator eines Graduiertenkollegs an der Universität Zürich, die ganz große Keule raus: Der queerfeministische Nachwuchs, befand er, "pöbelt auf dem Campus", die Sprache des Fachs sei unverständlich, das methodische Vorgehen stehe in merklichem Kontrast zur Arbeit anderer Disziplinen. Die Studierenden lernten nicht, globale Probleme objektiv zu erfassen, sondern sie durch eine hochgradig antiimperialistische Agenda zu filtern. "Das Studium der Genderstudies macht Studierende oft nicht schlauer, sondern in vielen Fragen dümmer."

 

Zu wenig feministisch?

 

Da war er wieder, der Vorwurf, mit dem sich die Genderstudies regelmäßig auseinandersetzen müssen, eigentlich seit ihrem Bestehen: Das ist doch keine richtige Wissenschaft oder, wie der Konstanzer Evolutionsbiologe Axel Meyer es formuliert: "Wer Beiträge der bekanntesten Gender-Forscherin Judith Butler liest, merkt sofort, dass ihre Äußerungen größtenteils auf Ideologie und Aktivismus gründen und weniger auf empirischer und wissenschaftlicher Fundierung.

 

Meyer hat im Jahr 2015 das Buch "Adams Apfel und Evas Erbe: Wie die Gene unser Leben bestimmen und warum Frauen anders sind als Männer" geschrieben. Er sehe sein Buch auch als eine bewusste Verteidigung gegen die Angriffe der Genderstudies auf die Naturwissenschaften und insbesondere die Biologie. "Wer die Relevanz unseres biologischen Geschlechts für unser Verhalten und für viele unserer Eigenschaften negiert, verhält sich für mich als Naturwissenschaftler unwissenschaftlich." Auch wenn der Mensch die "kulturellste aller Arten sei", sei er doch grundsätzlich ein Produkt der Evolution, sagt Meyer und zieht ein persönliches Resümee: "Das Leben ist zu kurz, um Judith Butler zu lesen."

 

Die Zeitschrift der Urfeministin Alice Schwarzer bringt einen Abgesang auf die Genderstudies, ein hochdekorierter, herausragender Forscher spricht ihnen die wissenschaftliche Satisfaktionsfähigkeit ab: Wenn die Dinge so eindeutig liegen, wie kann es sein, dass der Staat die Förderung nicht einstellt, wie zum Beispiel die AfD es fordert? Zeit für eine Bestandsaufnahme: Wie wissenschaftlich sind die Genderstudies wirklich?

 

Zu wenig wissenschaftlich?

 

Die Suche nach Antworten erweist sich allerdings schon beim Gegenstand als komplex: Die Genderstudies gibt es nämlich gar nicht. Gender-Professuren erstrecken sich über 30 Disziplinen, wie in der "Datensammlung Geschlechterforschung" der Freien Universität Berlin nachzulesen ist, von der Germanistik über die bildenden Künste, die Psychologie oder die Soziologie bis hin zur Medizin. Insgesamt 188 Stellen listet die Datensammlung für Deutschland auf, was 0,4 bis 0,5 Prozent aller Professuren entspreche, wie Gender-Forscherinnen selten zu erwähnen vergessen.

 

Ein Anteil, der dazu seit vielen Jahren nahezu unverändert sei, Tenor: Das kann doch keiner für zu viel halten. Jene, die die akademische Machtübernahme der Gender-Forschung herbeireden, mögen solche Zahlen tatsächlich zum Schweigen bringen, doch die Frage nach ihrer Qualität ist damit nicht beantwortet. Im Gegenteil: Durch die Fächervielfalt, die sich hinter den Genderstudies versteckt, wird die Aufklärung sogar noch schwieriger.

 

Ein Anruf bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), dem größten Forschungsförderer der Bundesrepublik. Über drei Milliarden Euro investiert die DFG pro Jahr in mehr als 31 000 Forschungsprojekte, ein Drittel davon in die so genannte Einzelförderung. "Unsere Gutachter entscheiden allein auf Grund der wissenschaftlichen Qualität und der Erfolgsaussichten der Anträge", bemerkt Eckard Kämper, der bei der DFG für die Sozial- und Verhaltenswissenschaften zuständig ist, auf die sich ein guter Teil der Genderstudies verteilt, aber eben, siehe oben, nur ein Teil. Weshalb sie bei der DFG auch nicht einfach auf einen Knopf drücken können, und dann spuckt der Computer die Förderquote aus.

 

Eine Frage der Qualität

 

Weil sie aber immer wieder nach der wissenschaftlichen Qualität der Gender-Forschung gefragt werden, haben sie jetzt ein eigenes Suchmuster entwickelt, bei dem sie unter anderen mit Schlagworten wie "Gleichstellung", "Gender" "männlich" oder "weiblich" arbeiten. Noch läuft die Analyse, aber schon das Zwischenergebnis, so Kämper, sei eindeutig: "Anträge auf Forschungsförderung, die sich mit Gender auseinandersetzen, liegen von ihren Erfolgsaussichten her recht genau im DFG-Schnitt von gut 30 Prozent."

 

Das, so Kämper, wundere ihn persönlich kaum, denn natürlich gebe es in der Gender-Forschung schwache Anträge, aber umgekehrt eben auch zahlreiche Projekte mit brillanten Fragestellungen und Vorhaben, "also alles genau so, wie wir es in anderen Forschungsgebieten auch beobachten".

Gerade erst hat die DFG einem Forschungsverbund die Förderung bewilligt, langer Titel: "Recht – Geschlecht – Kollektivität: Prozesse der Normierung, Kategorisierung und Solidarisierung". Das Projekt verbindet Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus der Soziologie, den Rechtswissenschaften, der Ethnologie, den Kulturwissenschaften sowie der Geschichte und soll unterschiedliche Formen menschlicher Kollektive untersuchen, von sozialen Bewegungen über Hausgemeinschaften bis hin zu politischen Parteien, und dabei besonders "genderspezifische und politische Dynamiken in den Blick" nehmen.

 

Eine zweite Wissenschaftsorganisation, die sich besonders um die Qualität in der Forschung kümmert, ist der Wissenschaftsrat (WR), der Bund und Länder bei ihren wissenschaftspolitischen Entscheidungen berät. Christiane Kling-Mathey verfolgt für den WR seit über 20 Jahren das Feld der Gleichstellungspolitik. 1998 erschien das erste umfangreiche Papier mit "Empfehlungen zur Chancengleichheit von Frauen in Wissenschaft und Forschung", darin enthalten ein langer Abschnitt über Frauen- und Geschlechterforschung. Den hat Kling-Mathey sich für das Gespräch noch mal herausgekramt, und bei der Lektüre, sagt sie, beschlichen sie angesichts der aktuellen Entwicklungen "fast nostalgische Gefühle".

 

Immer einen Tick besser

 

Vieles, was da steht, treffe nämlich immer noch zu. Vor allem die folgende Einschätzung: "Von einer durchgängigen Akzeptanz der Frauen- und Geschlechterforschung in der Wissenschaft und bei den an ihr Beteiligten kann noch nicht die Rede sein. Die enge Verknüpfung von Analyse und Aktion, das heißt der Versuch, aus einem Wissensbestand zusätzlich reformatorische Konsequenzen abzuleiten, stößt häufig noch auf massive Kritik, nicht nur männlicher Wissenschaftler. Ein gesellschaftlicher Grundkonsens, auf dem die Frauen- und Geschlechterforschung mit ihren spezifischen Reformvorstellungen basieren könnte, existiert bislang nicht." O-Ton 1998, passend für 2017.

 

Der mangelnde gesellschaftliche Konsens, sagt Kling-Mathey, habe Folgen: "So wie Frauen immer einen Tick besser sein müssen als Männer, um die gleiche Anerkennung zu erhalten, verhält es sich allem Anschein nach auch mit der Gender-Forschung im Verhältnis zu anderen Wissenschaftsgebieten." Was ein Problem werden könne, wenn in den Genderstudies genauso mittelmäßig gearbeitet werde wie in allen anderen Fächern bisweilen.

 

Fest steht: Die Gender-Forschung hat in den vergangenen 20 Jahren unzählige Erkenntnisse und Impulse produziert, in der Ungleichheitsforschung ebenso wie in der Literaturwissenschaft – und übrigens auch in der Biologie, betont Christina von Braun, die 1996 an der Berliner Humboldt-Universität den ersten deutschen Gender-Studiengang gegründet hat: "So haben Neurobiologen nachgewiesen, wie sich die Hirnfunktionen von Männern, die sich intensiv um ihre Kinder kümmern, verändern." Der Hormonhaushalt stelle sich um, dafür würden Aktivitäten hochgefahren, "von denen man glaubte, dass sie biologisch an den weiblichen Körper gebunden seien". Um solche naturwissenschaftlichen Forschungen auszulösen, sagt von Braun, habe es der Gender-Forschung mit ihren "völlig neuen Perspektiven" bedurft.

 

Gender-Medizinerinnen wie die Berliner Herz-Kreislauf-Expertin Vera Regitz-Zagrosek konnten zeigen, dass Männer und Frauen unterschiedlich krank werden – und dass die Risikofaktoren nicht nur vom biologischen Geschlecht abhängen, sondern von der persönlichen Geschlechtsidentität. So spiegelt die Vielfalt der Methoden und Perspektiven am Ende genau jene Breite wider, in der sich die Gender-Forschung über das gesamte Fächerspektrum verteilt.

 

"Politisch ahnungslos"

 

Zu den im Emma-Artikel kritisierten Forscherinnen gehört auch die Soziologin Sabine Hark von der TU Berlin, die Vukadinović als "politisch ahnungslose Akademikerin" bezeichnete, die Butlers Überhöhung eines "antiimperialistischen Egalitarismus" nur nachplappere und in der Folge sogar Gewalt gegen Frauen durch muslimische Flüchtlinge verharmlose. Vukadinović selbst antwortet auf Anfrage, er habe nach "2,5 eher polemischen, aber notwendigen Texten in dieser Angelegenheit beschlossen, mich nur noch wissenschaftlich zu äußern". In Emma schrieb er: "Nach der Silvesternacht in Köln initiierte Hark nicht etwa empirische Erhebungen, um Informationen über die Zusammensetzung der patriarchalen Meute am Hauptbahnhof zu gewinnen, sondern sinnierte darüber, wie der 'Feminismus von der Borniertheit der Ersten Welt zu lösen' sei."

 

Dieselbe Sabine Hark hat gerade erst mit Kolleginnen den oben genannten Forschungsverbund bei der DFG eingeworben und sitzt nun zusammen mit Paula-Irene Villa, Professorin für Allgemeine Soziologie und Genderstudies in München, in einem Café in Berlin-Kreuzberg. Das Gespräch beginnt mit einem artigen Dank an den Journalisten, dass der überhaupt zu einem Gespräch bereit sei. Als Gender-Forscherin ist man derzeit offenbar schon für Selbstverständlichkeiten dankbar.

 

Natürlich, sagt Sabine Hark, hätten sich die Genderstudies in den vergangenen 20 Jahren gewandelt, wie sich auch die Gesellschaft insgesamt verändert habe. Während es vor ein paar Jahrzehnten noch sinnvoll gewesen sei, "die Frauen" an sich als benachteiligt zu erforschen, sei die Situation heute vielschichtiger. "Es gibt Frauen, die ganz und gar nicht benachteiligt sind, und andere, auch Männer, die es sind." Natürlich müsse man ebenso über sexuelle Orientierung, Migration, Religion und Geschlechtsidentitäten reden, wenn man die moderne Gesellschaft in ihrer Komplexität erfassen wolle.

 

Dann erzählt Villa von ihrer Replik, die sie auf Vukadinović verfasst hat, Titel: "The Sargnagel talks back". Eine Kritik an der Ausrichtung der Genderstudies gehe ja in Ordnung, sagt Villa, "als politische Kritik fair enough. Daraus einen Strick gegen die Wissenschaftlichkeit zu drehen: not so much. Das funktioniert einfach nicht."

 

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Spektrum.de.

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Junge Studenten, alte Sprecher

Die lautstärksten Repräsentanten der aktuellen Studierendengeneration stammen  in Wirklichkeit oft aus der Generation davor.

Foto: Clker-Free-Vector-Images/pixabay

JEDER, DER REGELMÄSSIG an Universitäten unterwegs ist, kennt sie. In Diskussionsveranstaltungen sind sie oft die einzigen Studenten im Publikum. Wenn sie das Mikrofon ergreifen, folgt erst mal ein Zitat von Heinrich Heine, Karl Marx oder Carl von Ossietzky. Sie sitzen mit Vorliebe in den Asta-Büros, auch wenn ihre eigene Zeit als gewählte Studentenvertreter oft schon zehn, 15 Jahre her ist. Und wenn Journalisten nach Gesprächspartnern suchen, um über „die aktuelle Lage der Studierenden“ zu reden, sind sie die ersten, die druckreife Sätze in die Blöcke diktieren.

 

Während das Durchschnittsalter der Erstabsolventen deutscher Hochschulen zwischen 2004 und 2014 um fast anderthalb Jahre auf 24,4 gesunken ist, müssen einige ihrer lautstärksten Repräsentanten bei der Frage nach ihrem Studiensemester erst mal passen. Weil sie längst mit dem Zählen aufgehört haben. Jetzt könnte man schmunzeln und sagen: Ist doch nett, dass es solche Originale noch gibt in Zeiten der durchorganisierten Bologna-Universitäten und all der angeblich ständig gehetzten Kreditpunkte-Sammler. Das Problem ist jedoch, dass sie mit ihren Äußerungen ein Bild studentischer Gefühlslagen beschreiben, das längst nicht mehr der Realität entspricht. 

 

Gut lässt sich das gerade in Berlin und anderswo bei der Debatte um die Drittel- beziehungsweise Viertelparität beobachten: Kann man ja machen. Man kann möglicherweise sogar triftige Gründe dafür finden, warum ein Mehr an mittelalterlich anmutender Ständevertretung die Hochschulen demokratischer machen soll. Aber entspricht die Intensität, mit der beileibe nicht nur die gewählten Studentenvertreter das Thema verfolgen, wirklich den drängendsten Problemen und Wünschen der heutigen Studenten? Und wenn die Alten den Verlust von Diplom und Magister beklagen, merken sie nicht die Diskrepanz zu den Umfragen, denen zufolge sich die Mehrheit der Studenten um Studienfinanzierung und Wohnungssituation Gedanken macht, mit der fachlichen Qualität ihrer Lehrveranstaltungen aber sehr zufrieden ist? Wahrscheinlich schon, aber selbst das passt ins Bild, denn der Bachelor macht die Jungen zum Gefangenen eines Systems, dessen Perfidität sie am Ende gar nicht mehr erkennen können.

 

Die Ironie ist, dass an letzterer Kritik sogar etwas dran ist. Während die Jungen vor allem an ihren Jobeinstieg denken und beim Studieren Tempo machen, lassen sie die Alten für sich reden. Und nehmen in Kauf, dass die Hochschulpolitiker sich an einige der wichtigsten Themen nicht mehr herantrauen, weil die professionellen (nicht zwangsläufig die gewählten!) Studierendenvertreter ihnen sonst die Hölle heiß machen. Verpflichtende Beratung, mehr Orientierung im Studium? Bloß nicht! Die Verschulung ist schon schlimm genug. Nachgelagerte, sozialverträgliche Studiengebühren, damit die Studienbedingungen jetzt besser sind? Auf keinen Fall, das wäre neoliberal. Mehr FH-Studienplätze zulasten der Universitäten? Besser nicht, wo bleibt sonst Humboldts Bildungsideal?

 

Jede Generation bekommt die Studierendenvertreter, die sie verdient. Auch wenn sie aus der vorigen Generation stammen. Wenn die Jungen nicht bald selbst aktiver werden, können sie sich über die Alten nicht beschweren.

 

Dieser Kommentar erschien zuerst im ZEITChancen Brief.

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2,8 Milliarden Gründe

Die Koalitions-Sondierer suchen das große Bildungsprojekt. Die IT-Misere in den Schulen dürfte es ihnen liefern.

Foto: ebayink: "Tablet use 2", CC BY-NC-ND 2.0

IN BERLIN LAUFEN die Jamaika-Sondierungsgespräche, zu den beliebtesten und zugleich schwammigsten Schlagwörtern zählen dabei „Digitalisierung“ und „Bildung“. Deutschland solle künftig zu den „Spitzenländern bei den Bildungsinvestitionen“ aufschließen, haben Union, Grüne und FDP verkündet. Und allen Bürgern die digitale Teilhabe und die Nutzung der damit verbundenen "großen Chancen" versprochen.

 

Wohlklingende Ziele, auf die man sich im Gegensatz zu anderen Themenfeldern wie Migration oder Klima schnell einigen konnte. Das Problem, das die potenziellen Koalitionäre jetzt lösen müssen: Was heißen ihre Bekenntnisse, abgesehen davon, dass sie viel kosten würden, eigentlich konkret?

 

Dass es deutlich mehr echte (=gebundene) Ganztagsschulen geben soll und der Bund dabei helfen wird, scheint bereits ausgemacht. Aber für den demonstrativ-programmatischen Schul-Kraftakt wäre das zu wenig. So ist es erneut die Bertelsmann-Stiftung, die in fast schon traumwandlerischer Sicherheit Agenda-Setting betreibt. Am Freitag und damit mitten in die Sondierungen hinein hat sie eine Studie veröffentlicht, derzufolge die vernünftige IT-Ausstattung aller Schulen in Deutschland mit 2,8 Milliarden Euro zu Buche schlagen würde. Pro Jahr. Dauerhaft. Die Berechnung stammt von Forschern um den Bremer Informatikprofessor Andreas Breiter. >>



>> Nun kann man sich an einigen der in der Studie genannten Grundannahmen, welche Digital-Ausstattung die durchschnittliche Schule braucht, durchaus festbeißen, und einige Forscher tun das auch bereits. Doch egal, ob nun jede Schule im Jahr 2017 noch einen Computerraum braucht und ob die tatsächlich nötigen Ausgaben nun bei 2,5, bei 2,8 oder bei 3,5 Milliarden Euro liegen: Die Debatte, die Bertelsmann mit seiner Studie auslöst, ist erwartungsgemäß so leidenschaftlich, dass sie den Jamaika-Unterhändlern ihr dringend gesuchtes Bildungsthema ansehnlich verpackt vor die Füße legt.

 

Wer unsicher war, ob der von der scheidenden Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) vor einem Jahr versprochene Digitalpakt noch kommt, kann spätestens seit Freitag mit dem Zweifeln aufhören. Mehr noch: Angesichts der holzhammerartigen Betonung in der Studie, dass die Ausstattung der Schulen mit moderner IT eine Daueraufgabe sei, könnte das Jamaika-Vorhaben am Ende sogar umfangreicher und länger ausfallen als Wankas auf fünf Jahre und fünf Milliarden Euro ausgelegte Bund-Länder-Vereinbarung.

 

Die Schulen hinken in Sachen IT der digitalen Gegenwart meilenweit hinterher. Der Bund hat das Geld, und die neue Koalition braucht ein Bildungsprojekt: So macht man Politik, werden jetzt einige sagen, die die Aktivitäten der Bertelsmann-Stiftung, und das mit Recht, kritisch beobachten. Hierzu habe ich neulich meine Gedanken aufgeschrieben. Allerdings ist es nicht verboten, wenn gesellschaftliche Akteure, eigennützig oder nicht, ein von der Politik gelassenes Deutungsvakuum mit Inhalt füllen und zu diesem Zweck renommierte Wissenschaftler beauftragen. Am Ende zählt das Ergebnis. Und das dürfte in diesem Fall ein gutes sein. 

 

Dieser Beitrag erschien heute zuerst in meiner Kolumne "Wiarda will's wissen" im Tagesspiegel.

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"Ministerin Wanka hat Unrecht"

Die Promovierenden von Helmholtz, Max Planck und Leibniz haben einen gemeinsamen Dachverband gegründet. Wie sie vereint der Politik Beine machen wollen, sagt Leonard Borchert.

Leonard Borchert. Foto: Martin Grund
Leonard Borchert. Foto: Martin Grund

Herr Borchert, im Frühjahr haben Sie und Ihre Mitstreiter N² gegründet, als Netzwerk der Doktoranden-Netzwerke vom Helmholtz, Max Planck und Leibniz. Ist das nicht ein bisschen viel Meta-Ebene?

 

Wenn ich Sie richtig verstehe, fragen Sie nach dem Mehrwert von N², weil jede einzelne außeruniversitäre Forschungsorganisation schon ihr eigenes Promovierendennetzwerk hat. In der Tat könnte man ein solches Dachnetzwerk für überflüssig halten, wenn denn die Belange von uns Doktorand_innen in der Wissenschaftspolitik bereits ausreichend Beachtung fänden. Tatsächlich aber konnten Bundesforschungsministerin Wanka und andere bislang fast unwidersprochen behaupten, die Karriereperspektiven für junge Wissenschaftler_innen würden „immer attraktiver“. Als Zusammenschluss hoffen wir auf mehr Sichtbarkeit und können auch unsere Öffentlichkeitsarbeit viel besser organisieren. Kürzlich haben wir unsere erste gemeinsame Stellungnahme veröffentlicht und sagen darin ganz klar: Ministerin Wanka hat Unrecht. 

 

Sie selbst promovieren zum Thema Klimamodellierung – und dann?

 

Ich bin auch so einer, der in der Wissenschaft bleiben möchte, und das schon seit meinem ersten Schülerpraktikum im Landesmuseum Hannover. In der neunten oder zehnten Klasse war das, und schon damals haben sie mich gewarnt. Aber natürlich bin ich trotzdem in mein Studium gestartet mit dieser romantischen Vorstellung, welch ein cooler Job der eines Wissenschaftlers ist. Und das glaube ich bis heute. Wo sonst wird man dafür bezahlt, seiner Neugier zu folgen, Neues zu erforschen und auszuprobieren? Doch seit ich promoviere, hat sich in meiner Wahrnehmung etwas verschoben.

 

Und das wäre?

 

Ich dachte immer, wenn man sich reinhängt und anstrengt, dann schafft man es in der Wissenschaft automatisch. Dann eröffnet sich irgendwann die berufliche Perspektive, auf die man hingearbeitet hat. Doch in Wirklichkeit ist da ein gleichbleibender Druck, eine hohe Unsicherheit. Und selbst diejenigen, die irgendwann auf einer Professur ankommen, sind konfrontiert mit einer enormen Arbeitsverdichtung. Sie müssen forschen, publizieren, zwischendurch ins Ausland. Familienfreundlich ist das alles nicht.

 

Keiner zwingt Sie, in der Wissenschaft zu bleiben. 

 

Und weil das so ist, steigen die meisten tatsächlich aus. Ich bin Sprecher des Max Planck PhDnet, und da haben wir neulich eine Umfrage unter den Max-Planck-Promovierenden gemacht. Von allen Befragten sagten 80 Prozent, sie würden gern in der Wissenschaft bleiben. Laut Bundesbericht wissenschaftlicher Nachwuchs können aber angesichts von Zeitverträgen, niedriger Bezahlung und maximaler zeitlicher Belastung nur 20 Prozent in der Forschung bleiben. Darum orientieren sich die anderen um. 

 

Vielleicht sind die 80 Prozent, die gehen, ja auch die Leute, die die Wissenschaft ohnehin nicht haben will. 

 

Weil sie vielleicht Lust haben, eine Familie zu gründen oder ein Leben neben der Forschung zu haben? Es wäre doch dramatisch, wenn wir all jenen, die sich Kinder wünschen oder andere private Ziele verfolgen, die Botschaft vermitteln würden: Ihr habt in der Wissenschaft nichts verloren. Nur weil jemand nicht für die Wissenschaft allein leben möchte, ist er oder sie keine schlechtere Wissenschaftler_in. Im Gegenteil: Ich finde, wir müssen die Wissenschaft so attraktiv machen, dass die Besten in der Wissenschaft bleiben und nicht abwandern, weil die Bedingungen anderswo erträglicher sind. 

 

Die Wissenschaft vertreibt also ungewollt die besten Leute?

 

Zumindest verliert sie jede Menge Leute, die ihr ausgesprochen guttun würden. In Hochschulen und Forschungseinrichtungen gelten immer noch Wissenschaftler_innen als brillant, die im letzten Detail stecken, die Fragestellungen bis in die zehnte Nachkommastelle ergründen. Dagegen will ich auch gar nichts sagen. Aber es schadet der Wissenschaft, wenn gleichzeitig jene abwandern, die den Blick aufs Große und Ganze haben, die sich eindenken können in die Belange von Gesellschaft und Wirtschaft, die womöglich auch den wissenschaftlichen Nachwuchs ganz anders betreuen würden oder besonders talentiert in der Lehre wären. Doch die landen derzeit eben eher in Unternehmensberatungen oder anderswo.  

 

Die Politik verweist auf die Verbesserungen der jüngsten Zeit. Streiten Sie wirklich ab, dass die Lage für Doktoranden und Postdocs heute günstiger ist als noch vor einigen Jahren?

 

Es gibt tatsächlich einige Sachen, die glücklicherweise inzwischen besser laufen. Dazu zähle ich die Reform der Promotionsförderung bei Max Planck, wo von Stipendien auf sozialversicherte Arbeitsverträge umgestellt wurde. Auch die Zahl strukturierter Promotionsprogramme wächst zum Glück, sie bringen mehr Verlässlichkeit, eine klare Organisation und meist auch eine bessere Finanzierung. 

 

Und wo sehen Sie den dringendsten Veränderungsbedarf?

 

Da muss ich nochmal was zur Familienfreundlichkeit der Wissenschaft sagen. Nur sieben Prozent der Promovierenden in der Max-Planck-Gesellschaft haben Kinder, und das bei einem Durchschnittsalter von Ende 20, Anfang 30. Das muss uns doch zu denken geben. Auch bei der Finanzierung sieht es in anderen Wissenschaftsorganisationen und Universitäten immer noch finster aus. Da läuft immer noch viel über Stipendien. Und selbst die Leute, die auf einer regulären Stelle sitzen, bekommen 50 Prozent bezahlt, arbeiten aber mindestens Vollzeit. In unserer Umfrage, an der immerhin 2000 Promovierende teilgenommen haben, kommen wir auf eine durchschnittliche Wochenarbeitszeit von 47 Stunden. Kein_e Doktorand_in verlangt eine 35-Stunden-Woche, aber angesichts von 50- oder 65-Prozent-Verträgen ist die Diskrepanz dann doch zu groß. Und das ist absolut kein exklusives Max-Planck-Problem.  

 

Wie wollen Sie das Problem mit den mangelnden Karriereperspektiven lösen? Der Flaschenhals zwischen Promotion und Professur ist doch, wie er ist.

 

Nicht zwangsläufig. Wir fordern in einer Stellungnahme, die wir als N² vor ein paar Wochen veröffentlicht haben, flachere Hierarchien und eine Stärkung des wissenschaftlichen Mittelbaus. So unterstützen wir beispielsweise den Vorstoß der Jungen Akademie, die Department-Strukturen an die Stelle von Lehrstühlen setzen möchte. Übrigens noch aus einem anderen Grund. Wissenschaft gibt sich international, ist es auch auf der Ebene der Promovierenden, aber sicherlich nicht auf der Ebene der Professuren. Ein Lehrstuhl-Inhaber, der Einfluss auf die Karrierechancen vieler hat, wird im Zweifel immer ein Stückweit sich selbst kopieren in seiner Nachwuchsförderung. Und das hilft nicht der Vielfalt, wenn wir doch wissen, dass die meisten Lehrstuhlinhaber weiße Männer sind.

 

Departments statt Lehrstühle mag rechnerisch mehr Professuren bringen, aber die meisten werden den Sprung trotzdem nicht schaffen. 

 

Weshalb wir uns auch fordern, mehr feste Wissenschaftler_innenstellen unterhalb der Professur einzurichten, auf denen Forscher unabhängig und frei arbeiten können. 

 

Das hilft genau einer Generation von jungen Wissenschaftlern, und dann sind die festen Stellen wieder auf viele Jahre dicht.

 

Das sind sie faktisch doch auch jetzt. Schauen Sie doch mal, wie viele Leute über zehn, 15 Jahre auf immer wieder neuen Zeitverträgen hocken. Wenn Sie denen berufliche Sicherheit geben, ändert das die Stellenstruktur praktisch gar nicht. Aber subjektiv macht es einen riesigen Unterschied und die Änderungen wären sogar nachhaltig.

 

Um die Vielfalt in der Wissenschaft zu erhöhen, fordern Sie auch einen „Pakt für Diversität“. Wie sollte der aussehen?

 

Wir stellen uns eine Vereinbarung vor, die angelehnt sein sollte an den Nachwuchspakt. Es geht um ein klar definiertes Diversity Management, das gleiche Bezahlung vorsieht, wo nötig, auch Quoten, und das die internationale Mobilität junger Wissenschaftler_innen fördert. Warum geben wir Postdocs, die nach Deutschland gehen wollen, nicht viel häufiger eine Art finanzielle Starthilfe? Wir müssen vernünftige Regelungen für die Elternzeit definieren und die Kinderbetreuung in der Promotionsphase sicherstellen. All das gehört für uns zur Förderung von Diversität. 

 

Alles Forderungen, die Sie im Verband mit den Kollegen von Helmholtz und Leibniz lautstärker als bislang vertreten wollen. Warum ist Fraunhofer eigentlich nicht dabei?

 

Das hat was mit den Traditionen der einzelnen Netzwerke zu tun. Unser Max Planck PhDnet und die Helmholtz Juniors gibt es schon seit über zehn Jahren, wir besuchen uns bei unseren Generalversammlungen gegenseitig und reden über gemeinsame Probleme und Lösungsansätze. Da hatten wir irgendwann die Idee, auch Leibniz und Fraunhofer ins Boot zu holen, woraus dann auch die Gründung des Leibniz-Netzwerks vergangenes Jahr resultierte. Mit den Fraunhofer-Leuten sind wir im Gespräch, aber deren Interessenlage ist etwas anders. Durch den hohen Grad an Industrieforschung haben dort schon einige eine Vollzeitstelle, und die persönliche Zufriedenheit mit den Rahmenbedingungen scheint höher zu sein; das ist aber nur mein subjektiver Eindruck. 

 

Heute laden Sie mit N² auch zu Ihrer ersten Veranstaltung ins Berliner Museum für Naturkunde. Motto: „Science Beyond Borders“.

 

Es hat uns selbst überrascht, wie schnell unser Science Festival ausgebucht war. Es findet im Rahmen der Berlin Science Week statt, und die Organisation war ein Riesenaufwand, alles von Promovierenden selbst organisiert und zu hundert Prozent im Ehrenamt – finanziert übrigens von unseren jeweiligen Mutterorganisationen. Wir wollen die Verknüpfung von Wissenschaft und Kunst ergründen. Ist Wissenschaft vielleicht selbst eine Kunst? Gut 100 Leute haben sich angemeldet. Im Anschluss an die Veranstaltung setzen sich die Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler unserer drei Netzwerke zusammen, nochmal über 150 Leute. So können wir richtig was bewegen; ich spüre schon das Kribbeln im Bauch. 

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"Keine goldenen Computertasten"

Forscher haben im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung berechnet, wieviel Bund und Länder für die angemessene IT-Ausstattung aller Schulen ausgeben müssten: 2,8 Milliarden pro Jahr. Und das sei eher die Untergrenze, sagte Studienautor Andreas Breiter vom ifib an der Universität Bremen.

Andreas Breiter. Foto: privat
Andreas Breiter. Foto: privat

Herr Breiter, Sie haben im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung berechnet, was eine vernünftige digitale Lernumgebung für alle Schüler deutscher Schulen kosten würde: 2,8 Milliarden Euro pro Jahr. Ist das viel oder wenig?

 

Die Antwort hängt davon ab, wie viel die Länder und Kommunen bereits jetzt für die IT-Ausstattung ihrer Schulen ausgeben. Die Wahrheit ist: Wir wissen es schlicht nicht. 

 

Wie kann das sein? Seit über einem Jahr diskutieren wir über einen fünf Milliarden schweren Digitalpakt, dessen Realisierung auf sich warten lässt, und wir haben keine Ahnung, wie weit das Geld reichen würde?

 

Weil die Kosten auch innerhalb einer Kommune an so vielen unterschiedlichen Stellen anfallen und die Gesamtsicht fehlt. Wenn eine neue Schule verkabelt wird, stehen die Ausgaben dafür meist im Budget des Hochbauamts. Support erfolgt bei fast allen Schulträgern durch Beteiligung der Lehrkräfte, die wiederum Beschäftigte des Landes sind. Am allerwenigsten können wir beziffern, was die letzte Meile der Internetanbindung kostet. In Städten ist das egal, aber auf dem Land, wo überhaupt nur wenige der Kommunen über Breitband verfügen, lässt sich der finanzielle Aufwand für den Breitbandanschluss einer Schule überhaupt nicht seriös einschätzen.

 

Möglicherweise wäre das Angebot des Bundes also nur ein Tropfen auf dem heißen Stein?

 

Sicherlich wäre es mehr als das. Aber lassen Sie uns doch mal rechnen. Bundesbildungsministerin Wanka hatte fünf Milliarden über fünf Jahre angeboten, macht eine Milliarde pro Jahr bzw. 35 Prozent von den 2,8 Milliarden. Und wenn uns auch der Überblick fehlt, wissen wir doch bei einzelnen Kommunen durchaus, was sie in ihre Schul-IT stecken. Nehmen wir diese Erfahrungswerte und rechnen sie auf die Bundesebene hoch, was natürlich extrem ungenau ist, entspräche das weiteren 20 bis 50 Prozent der erforderlichen Ausgaben. Die Lücke, die mit dem Digitalpakt bliebe, betrüge also zwischen 15 und 45 Prozent der nötigen Gesamtkosten. Wobei die Unterschiede gewaltig sein dürften, es gibt 15.000 Kommunen in Deutschland. Einige Städte und Gemeinde haben jetzt schon praktisch eine Vollversorgung ihrer Schulen, in anderen fehlt die selbst die basale technische Infrastruktur. >>


Die Studie und wer dahintersteht

"Kommunen brauchen Unterstützung für milliardenschwere Daueraufgabe", so lautet der Titel, mit dem die Autoren Andreas Breiter, Anja Zeising und Björn Eric Stolpmann ihre Studie überschrieben haben. Sie ist auf der Homepage der Bertelsmann-Stiftung abrufbar.

 

Die Stiftung veröffentlicht regelmäßig Untersuchungen zum Bildungssystem. Der Bildungsforscher Eckhard Klieme kritisiert, dass die Bundesländer zentrale

Bildungsfragen nicht selbst bearbeiten ließen –  "mit dem Ergebnis", so Klieme, "dass in der bildungspolitischen Debatte Stiftungen und Verbände in die Lücke stoßen und Themen besetzen."

 

Andreas Breiter ist Direktor des Instituts für Informationsmanagement an der Universität Bremen und erforscht den Umgang mit Informationen und neue Formen des Lernens im digitalen Zeitalter.



>> Wie sind Sie überhaupt auf die 2,8 Milliarden Euro gekommen?

 

Wir haben uns überlegt, was eine Schule idealtypischerweise bräuchte, damit ihre Schülerinnen und Schüler jederzeit, wenn es denn pädagogisch sinnvoll ist, Zugriff auf Internet und Endgeräte haben. In einem vernünftigen Tempo, also Breitband, und inklusive den nötigen Peripheriegeräten, also digitalen Whiteboards anstelle traditioneller Tafeln, Drucker, Beamer, Scanner und so weiter. Wir haben berechnet, was die W-LAN-Ausleuchtung kostet pro Quadratmeter Klassenraum und abhängig von der Gebäudestruktur, den Wandstärken zum Beispiel. Dazu kommen noch der technische Support, Software oder auch sogenannte Programmierbaukästen. Wir haben für all das getrennte Modellannahmen gemacht für Grundschulen und weiterführende Schulen. Im nächsten Schritt haben wir diese beiden Idealtypen heruntergerechnet auf die nötigen Ausgaben pro Schüler – und dann wieder hochgerechnet auf alle knapp acht Millionen Schülerinnen und Schüler beider Schularten in Deutschland. 

 

„Idealtypen“ klingt ziemlich luxuriös. Geht es nicht auch mit weniger?

 

Gut, dass Sie fragen. Idealtypisch heißt nicht luxuriös, sondern notwendig. Wir reden hier nicht über die Super-Raketen-Ausstattung, über keine goldenen Computertasten, sondern über eine Infrastruktur, wie sie in anderen Ländern, zum Beispiel in Großbritannien, in den Niederlanden oder in Skandinavien, selbstverständlich ist. Und bei den 2,8 Milliarden Euro haben wir noch gar nicht über gutes Lernen selbst gesprochen, sondern nur über die dafür nötige digitale Ausstattung. Die zusätzlichen Kosten für die notwendige Lehrerqualifizierung, für besser Unterrichtsmaterialien oder neue Unterrichtskonzepte sind in dieser Summe noch gar nicht berücksichtigt.

 

Sind die 2,8 Milliarden Einmal-Investitionen oder Dauerkosten?

 

Das will die Politik auch immer wissen. Die öffentliche Verwaltung plant halt größtenteils immer noch kameralistisch. Das Problem ist nur, dass Sie bei der IT diese Unterscheidung kaum noch sinnvoll machen können. Die Technik entwickelt sich so rapide weiter, dass Sie ständig neue Erstinvestitionen rechtzeitig tätigen müssen, Sie also nie mit dem Investieren aufhören und auch die Wartung in vielen Fällen immer neue Investitionen erfordert. Aber weil wir der Logik der Haushälter folgen wollten, haben wir uns trotzdem bemüht, sogenannte investive und konsumtive Ausgaben auch getrennt auszuweisen. Von den 2,8 Milliarden pro Jahr würden demzufolge knapp 1,2 Milliarden auf Investitionen entfallen.  

 

Was wiederum ziemlich nah dran ist an der einen Milliarde jährlich, die Ministerin Wanka im Digitalpakt angeboten hatte – und die explizit nur für Investitionen vorgesehen sein sollten.

 

Das stimmt nur oberflächlich betrachtet. Denn in den 1,2 Milliarden sind 800 Millionen für die Anschaffung von Endgeräten enthalten, die die vereinbarten Eckpunkte zum Digitalpakt ebenfalls ausgeschlossen hatten. 

 

Wenn keiner weiß, wie viel die Länder und Kommunen bereits investieren, wie sollte sich der Bund dann eigentlich mit seiner Forderung durchsetzen, dass die Länder beim Digitalpakt einen fairen Eigenanteil beisteuern?

 

Das könnte er momentan tatsächlich nicht, er kann die Angaben der Länder ja gar nicht überprüfen. Deshalb sollte die Bundesregierung als Gegenleistung für ihren Anteil von den Ländern verlangen, dass sie künftig die IT-Ausgaben der Kommunen im Detail erheben. Interessanterweise laufen in einigen Bundesländern derzeit Investitionsprogramme nach ähnlichem Muster wie der vorgeschlagene Digitalpakt. Eines evaluieren wir gerade, und da stellen wir fest, dass die Kommunen den von ihnen verlangten Eigenanteil an den IT-Investitionen immer als genau geleistet melden, selbst wenn sie in Wirklichkeit zum Teil signifikant weniger oder manchmal auch mehr bezahlen. Und die Länder müssen das akzeptieren, eben weil sie es nicht nachprüfen können. Wahr ist aber auch, dass unseren Zahlen zufolge die Kommunen schon jetzt 80 Prozent der IT-Kosten zahlen und die Länder nur 20 Prozent. Weswegen mich persönlich auch immer so gestört hat, dass Bund und Länder die Verhandlungen um den Digitalpakt unter sich ausmachen wollten.  

 

Sie haben 800 Millionen Euro pro Jahr für die nötigen Endgeräte eingeplant. Warum eigentlich? Die Kinder haben doch heute alle schon ein Smartphone.

 

Manche denken tatsächlich, das mit BYOD, also „Bring your own device“, hochwertiger Unterricht möglich ist. Und dann begründen das einige noch mit dem Klischee, dass das Smartphone umso dicker ist, je weniger Geld die Leute haben. Selbst wenn das so wäre, was ich nicht glaube: Mit einem Smartphone können Sie doch keine komplexe Tabelle oder Grafiken bearbeiten, keine Präsentation vorbereiten und keine Textanalysen machen. Dafür brauchen Sie ein Tablet oder ein Notebook, und die besitzen nicht 90 oder 95 Prozent der Schüler, sondern nur um die 30 Prozent. Für den Rest müsste der Staat Zuschüsse zahlen, hätte aber nicht die gleichen Skaleneffekte, wenn er von Anfang an für alle die gleichen Modelle kaufen würde und die entsprechenden Rabatte eingeräumt bekäme. Insofern halte ich es für eine naive Annahme, dass BYOD eine Billiglösung wäre. 

 

Hand aufs Herz: Glauben Sie, der Digitalpakt kommt noch?

 

Oh ja, ich bin da optimistisch. Alle potenziellen Jamaika-Partner haben das Thema auf der Agenda und betonen immerzu die Bedeutung der Digitalisierung. Die Beteiligung des Bundes ist schon aus symbolischen Gründen von enormer politischer Bedeutung. Ob der Pakt am Ende die fünf Milliarden oder mehr oder weniger umfasst, ist dagegen völlig offen. Entscheidend ist, dass das eine intelligentere Vereinbarung wird, als sie bislang in den Eckpunkten steht, mit einem klaren Monitoring und einer Beteiligung der Kommunen. Die befinden sich derzeit ganz am Ende der Nahrungskette, dabei würden vier von fünf Milliarden Euro an sie gehen. Und worüber wir noch gar nicht gesprochen haben, ist die Evaluierung der verbesserten IT-Ausstattung in den Schulen. Bringt das wirklich einen Lernfortschritt? Und wie genau will man den etwa bei kreativer Medienarbeit eigentlich messen? Das sind spannende Fragen, die bislang nicht mal in Ansätzen diskutiert worden sind. 

 

Und was ist mit der Laufzeit des Paktes?

 

Über die nochmal zu reden, ist am allerdringendsten. Die 2,8 Milliarden Euro, die wir errechnet haben, fallen jedes Jahr an. Das sind dauerhafte Kosten, die durch den technologischen Fortschritt, gerade bei notwendigerweise weiter steigenden Bandbreiten, eher noch wachsen dürften. Kommunen müssen daher einen Medienentwicklungsplan mit ihren Schulen erarbeiten. Den Fehler, erst groß zu investieren und die Schulen dann hängen zu lassen, hat man in den 90er Jahren bei „Schulen ans Netz“ schon einmal gemacht. Mit dem Ergebnis, dass viele Schulen noch in den Nullerjahren auf ihrem ISDN-Anschluss hockten. Mit anderen Worten: Der Spuk ist nicht nach fünf Jahren vorbei! Die Digitalisierung hört nicht auf.  

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Vor dem Aufbruch kommt die Konkretisierung

Die Jamaika-Partner haben erstmals über Bildung und Forschung gesprochen. Was ist vom vereinbarten Sondierungsstand zu halten? Eine Analyse.

DIE DENKPAUSE ÜBERS Wochenende habe den Verhandlungspartnern gut getan, befand CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer. "Wir sind heute gut im Arbeitsmodus." Sogar der sonst so kritische grüne Bildungsexperte Kai Gehring setzte am Abend einen geradezu euphorischen Tweet ab und sprach von "Aufbruch und Aufwuchs für Bildung und Forschung". 

 

Was Union, Grüne und FDP nach ihren gestrigen Gesprächen als "Sondierungsstand Bildung, Forschung und Innovation" aufgeschrieben haben, erweist sich bei genauerem Hinsehen allerdings vor allem als wenig konkret. Dafür gibt es reichlich guten Willen. Die Frage ist: Kann, sollte man von Sondierungsergebnissen mehr erwarten?

 

Bis zum Jahr 2025 wollen die potenziellen Jamaika-Koalitionäre also die gesamtstaatlichen Aufwendungen für Bildung und Forschung auf mehr als 10 Prozent der Wirtschaftsleistung steigern, davon sollen 3,5 Prozent in Forschung und Entwicklung investiert werden. Gute Ziele, aber sie waren, schon bevor sich die vier Parteien zusammensetzten, nicht strittig. Spannend ist einzig das Zieldatum, und das liegt in für die Jamaika-Koalition bequemer Ferne am Ende der nächsten Legislaturperiode. Damit aus den genannten Prozentwerten bis zum Koalitionsvertrag mehr wird als zwei unverbindliche Zahlenhülsen, müssen die Jamaika-Partner in den nächsten Wochen zwingend die Zwischenschritte für die Jahre 2018 bis 2021 formulieren.


Der Rest des Sondierungsstandes besteht größtenteils aus derselben Stimmt-Immer-Aber-Nagelt-Uns-Nicht-Drauf-Fest-Rhetorik, die seit Jahren in keiner Politikerrede fehlen darf und für die die Jamaika-Partner vor der Wahl (und teilweise zu Recht) den SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz mit seiner Idee einer "Nationalen Bildungsallianz" gegeißelt haben. Dass Deutschland künftig zu den "Spitzenländern bei den Bildungsinvestitionen" zählen solle, steht da, die Bedeutung von Aus- und Weiterbildung und des lebensbegleitenden Lernens wird betont und ein Berufsbildungspakt angekündigt. "Optimale Lehr- und Lernbedingungen" an den allgemeinbildenden und beruflichen Schulen werden versprochen. Die Frage nach dem Weg zu all den schönen Zielen wird indes nicht beantwortet, weil man – da ist das Papier offenherzig ehrlich – noch gar nicht so richtig darüber geredet hat. Zitat: "Über die Art und Weise der Zusammenarbeit zwischen Bund, Ländern und Kommunen muss noch gesprochen werden, insbesondere über die Frage des Kooperationsverbotes." 

 

Was denn nun? Wird das Kooperationsverbot fallen oder nicht? Irgendwie offenbar schon, signalisieren die Jamaika-Partner. Aber nur zu einem Grad, der keinem der Verhandlungspartner (gemeint: die CSU und Teile von CDU und Grünen) zu sehr wehtun wird. Dass Kanzlerin Angela Merkel bereit ist zu dem einen oder anderen Schritt bei der Bildungszusammenarbeit zwischen Bund und Ländern, hatte sie schon vor einigen Wochen durchblicken lassen

 

Die Hightech-Strategie soll fortgesetzt werden, und (wie lässt sich das eigentlich verordnen?) die Technologieoffenheit beibehalten werden, neben der Forschungsfreiheit. Dass auch Exzellenzstrategie und Hochschulpakt weitergehen sollen: alles ebenfalls nicht umstritten und längst klar. Und zur geplanten Neuausrichtung beim Hochschulpakt folgt ein Allgemeinplatz: Es soll um Qualität gehen, um Kapazitäten (=Quantität) und um Digitalisierung. 

 

Leicht konkreter sind bereits die Pläne zum BAföG (soll modernisiert werden), wobei ein Riesen-Unterschied besteht zwischen höheren Fördersätzen oder neuen elternunabhängigen Modellen, wie sie FDP und – zusätzlich zur bedarfsabhängigen Förderung – die Grünen wollen. Interessant zu wissen wäre zudem, was sich hinter der Formulierung verbirgt, "über neue Modelle zur weiteren Stärkung und Modernisierung der Studienfinanzierung" müsse noch gesprochen werden. Vielleicht ja, was zugegebenermaßen nicht sehr wahrscheinlich ist, der überfällige Einstieg in nachgelagerte Studiengebühren für alle, der einhergeht mit einem System staatlich finanzierter und garantierter Studienkredite für alle?

 

Immerhin überrascht, dass der Pakt für Forschung und Innovation nicht nur "weiterentwickelt", sondern sogar "gestärkt" werden soll. Eine entsprechende Formulierung, die beim Hochschulpakt fehlt. Also weiter ein deutlicher Aufwuchs für die außeruniversitären Forschungsorganisation und die Deutsche Forschungsgemeinschaft? Zuletzt galt ein solches Plus als nicht unbedingt gesetzt– zumindest solange die Länder nicht zu ihrer Kofinanzierung zurückkehren. 

 

Faszinierend ist, dass die konkreteste Vereinbarung eine ist, die den Schulen und Hochschulen finanziell gesehen noch gefährlich werden könnte: die "Einführung einer steuerlichen Forschungs- und Entwicklungsförderung". Hier steht nichts davon, dass darüber geredet oder dass irgendwas irgendwie entwickelt werden müsse. Die Forschungsförderung kommt. Punkt. 

 

Vermutlich wäre es unfair, von ein paar Stunden Sondierungen zu viel zu erwarten. In der Summe sind die Jamaika-Partner immerhin für den demonstrierten Willen zu loben, der ein optimistisch stimmendes Signal in sich bedeutet. Positiv betrachtet sind die gut eineinviertel Seiten Sondierungsstand ein Dokument, in dem alles drinsteckt. Zumindest drinstecken könnte, wenn aus größtenteils nebeligen Ankündigungen am Ende ein detaillierter Fahrplan ins avisierte Bildungs- und Forschungsspitzenland Bundesrepublik würde. Bis dahin gilt: Vor dem Aufbruch muss erst noch die Konkretisierung kommen. 

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Redet diese Idee nicht zu schnell klein!

Könnte der "Ein-Fach-Lehrer" den Lehrermangel lindern? Möglich. Vor allem aber wäre er Teil einer überfälligen Reform des Lehramtsstudiums. Wie sie aussehen könnte, hat der Bildungsforscher Manfred Prenzel schon vor Monaten beschrieben.

LEHRERMANGEL MACHT ERFINDERISCH. Und manchmal führt die Not sogar dazu, dass endlich längst überfällige Debatten geführt werden. "Berlin, Hamburg und Bremen diskutieren Ein-Fach-Lehrer", berichtete Spiegel Online am Freitag. Denkbar wäre dem Vorstoß der drei SPD-Schulsenatoren Sandra Scheeres (Berlin), Ties Rabe (Hamburg) und Claudia Bogedan (Bremen) zufolge, dass etwa Absolventen von Kunst- und Musikhochschulen kein zweites Studienfach mehr bräuchten, sondern nur die zusätzliche pädagogische Qualifikation erwerben müssten, um als Lehrer eingestellt zu werden. Zunächst müssten noch die Vor- und Nachteile abgewogen werden, betont Scheeres, doch könnten sich durch das Modell die Studienzeiten verkürzen, der Lehrerberuf auch für Universitätsabsolventen interessant werden, die bislang nicht auf Lehramt studiert hatten.  

 

Erwartungsgemäß ließ der reflexartige Widerspruch nicht lange auf sich warten. "Die Anforderungen zu senken, um den Lehrkräftebedarf zu decken, ist nicht der richtige Weg", zitiert die Berliner Morgenpost den Berliner Landesvorsitzenden der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Tom Erdmann. Gerade erst seien die Anforderungen für die Grundschullehrer in Berlin erhöht worden, die Einführung von Ein-Fach-Lehrern hätte Auswirkungen auf die Ausbildungszeit und somit auf die Bezahlung.

 

Tatsächlich wäre es grob fahrlässig, die Idee der drei Senatoren unter der Überschrift "Sparpolitik" zu diskutieren. Richtig umgesetzt wäre sie vielmehr ein Weg, den Zugang zum Lehramtsstudium flexibler zu machen und das Studium insgesamt zu modernisieren. Wie das funktionieren könnte, hat im Mai hier im Blog bereits der Bildungsforscher und ehemalige Wissenschaftsratsvorsitzende Manfred Prenzel  umrissen. Das Lehramtsstudium brauche einen Masterplan, forderte Prenzel, dafür müsse sich die Politik, "und vielleicht auch die Profession vom liebgewordenen, aber nur mit enormen Streuverlusten zu realisierendem Ideal des Mehrfachstudiums verabschieden" – zumindest für das Lehramt auf der Sekundarstufe.

 

Ein zukunftsträchtiges Modell, so Prenzel, würde an dessen Stelle zwei Stufen setzen. Stufe eins: Die Studierenden könnten sich für ein beliebiges Bachelor-Fach entscheiden und es zu Ende studieren, noch ohne pädagogische Anteile. Über Praktika und universitäre Orientierungsangebote würden sie sich an den Lehrerberuf herantasten und sich bei Interesse nach dem Bachelor für ein zwei Jahre dauerndes Masterstudium (Stufen zwei) an einer School of Education bewerben. Dieser Master würde sie mit der fachdidaktischen, pädagogischen und organisatorischen Kompetenz versorgen.  

 

Der Vorschlag Prenzels klingt wie die durchdachte und fundierte Weiterführung des Vorstoßes der drei Schulpolitiker. Wer ernsthaft an einer Debatte über die Modernisierung des Lehramtsstudiums interessiert ist, sollte sich Prenzels Szenario erst einmal sehr genau durchlesen.

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Die zweite Chance

Horst Hippler war ein umstrittener HRK-Präsident, viele warteten schon auf seinen Abschied. Doch dann kam DEAL.

Foto: HRK
Foto: HRK

EIGENTLICH HATTE ES längst so ausgesehen, als sei seine Karriere gelaufen. Im September ist er 71 geworden, nächstes Jahr im Juli endet seine Amtszeit als Chef der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), und nach einem schrillen Einstieg war es zwischendurch auffällig ruhig geworden um Horst Hippler. Er sei der richtige Mann im falschen Job gewesen, bilanzierten einige bereits über seine Präsidentschaft, sprachen gar von verlorenen Jahren für die HRK. Doch mit einem Mal wirkt Hippler wieder locker, er trägt ein unnachahmliches Grinsen im Gesicht. Was passiert ist? Ganz einfach: Er darf endlich wieder das machen, was er am liebsten tut. Angreifen. Hipplers Glück trägt einen Namen. Elsevier.  

 

Der Reihe nach. Es war im Mai 2012, der Physikochemiker war erst ein paar Tage im Amt, als er der damaligen Financial Times Deutschland ein Interview gab. „Unis müssen Downgrade befürchten“, titelte die FTD danach, der Vorschlag des neuen HRK-Präsidenten: Man könne forschungsschwache Universitäten doch zur Strafe zu Fachhochschulen herabstufen. Die Fachhochschulen waren empört. Hippler selbst attestierte sich den „Mut zur Polarisierung“.     

 

Dazu muss man wissen, dass Hippler bei der HRK-Mitgliederversammlung drei Wochen zuvor nicht nur gegen die Stimmen der meisten Fachhochschulrektoren, sondern sogar gegen die Mehrheit der Rektoren insgesamt gewählt worden war. Da bei der Wahl die Stimmen studentenstarker Hochschulen indes mehr zählten als die von kleinen, pushten die großen Universitäten ihn ins Amt. Ein unglücklicher Start, der Hippler jedoch nicht zu beeindrucken schien. >>



>> Schon vor seiner Wahl, damals war er noch Präsident des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT), hatte der Hippler angekündigt, er wolle Schluss machen mit dem ewigen „Harmoniegetue“ in der HRK. Das war auch auf seine Vorgängerin gemünzt, die Psychologin Margret Wintermantel, die versucht hatte, die Fliehkräfte zwischen Groß und Klein, zwischen Unis und Fachhochschulen durch Ausgleich und Diplomatie zu kompensieren. 

 

Hippler dagegen hatte als KIT-Chef die TU9 mitgegründet, den Verbund von neun Technische Unis, die sich für die besten ihrer Art in Deutschland halten, noch 2010 öffentlich den Abschied vom Diplom bedauerten und Hippler zu ihrem Gründungspräsidenten wählten. Das Problem für Hippler, als er HRK-Präsident wurde: Wintermantel hatte die ansonsten meist unentschiedene Organisation ausgerechnet als entschiedene Vorkämpferin der Bologna-Studienreform positioniert und den Bachelor selbst auf dem Höhepunkt der Studentenstreiks 2008/2009 wortreich verteidigt.

 

Hippler wartete nach seiner Wahl genau drei Monate, dann gab er der Süddeutschen Zeitung ein Interview. „Ein Bachelor in Physik ist nie im Leben ein Physiker“, verkündete er im August 2012. Eine Universität müsse mehr leisten als Ausbildung, nämlich Bildung. „Das tut sie mit dem Bachelor nicht.“ Hipplers Äußerungen seien nicht mit ihnen abgestimmt gewesen, beeilten sich viele Rektoren zu versichern. „Unzulässige Verkürzungen“ seien das. Wenn Hippler so weitermacht, setzen wir ihn ab, sagten einige sogar. „Wie viel Horst Hippler verträgt die Hochschulrektorenkonferenz?“, fragte Spiegel Online. Vor der nächsten HRK-Mitgliederversammlung im November 2012 wurden Putschgerüchte kolportiert.

 

Plötzlich eierte Hippler herum

 

Auch seine Unterstützer wurden nervös. Der ist doch eigentlich ein netter Kerl, sagten sie, er provoziert halt gern, okay. Aber bislang wusste er immer, wann es genug ist. Im HRK-Präsidium rumorte es so stark, dass der Streit längst nicht mehr nur hinter den Kulissen ausgetragen wurde. Hippler trete erkennbar als Präsident der Universitäten auf und „nicht für die Interessen der Hochschulen für Angewandte Wissenschaften ein“, sagte zum Beispiel der damalige HRK-Vizepräsident und Neubrandenburger FH-Rektor Micha Teuscher.

 

So unbeeindruckt er sich nach außen gab, die Debatten um seine Amtsführung hinterließen mit der Zeit Spuren bei Hippler. Nicht dass er sich je verleugnete. Aber ewig der Buhmann zu sein, das macht vermutlich am Ende doch müde. Irgendwann konnten Journalisten ihn nicht mehr zu jeder Zuspitzung verleiten, und wenn er über die Bologna-Reform sprach, eierte er mit einem Mal herum. Fand sie nicht wirklich schlecht. Nicht wirklich gut. Man musste ihm jetzt manchmal lange zuhören, um zu wissen, was er sagen wollte. Mit dem Ergebnis, dass er höchstens noch ein bisschen aneckte und die HRK-Kollegen ihm die öffentlichen Zurechtweisungen ersparten. 2015 sicherte ihm das die Wiederwahl und seine zweite Amtszeit.

 

Die Kehrseite war nicht nur, dass die HRK (Slogan „Stimme der Hochschulen“) und ihr Präsident seltener in den Medien auftauchten, während etwa der Deutsche Hochschulverband, eine Professorengewerkschaft mit klar einseitiger Mission, sich zum Lautsprecher vermeintlicher Universitätsinteressen aufschwang. Das Problem war auch, dass Hippler, der begnadete Rhetorik-Raufbold, plötzlich lustlos wirkte. Es ging jetzt um andere Themen: Exzellenzinitiative, die Fortsetzung der Wissenschaftspakte. Gedankenverloren saß er auf manchem Podium und sagte zwischendurch das, was man halt so sagt als HRK-Präsident. Oder von dem die Leute denken, dass ein HRK-Präsident es sagen sollte. Besser als zuvor ging es der Hochschulrektorenkonferenz durch den Mangel Hipplerscher Polarisierung auch nicht. 

 

Und dann kam die Sache mit Elsevier. Sie schlich sich an, und zunächst sah es nicht so aus, als könnte das Thema große Emotionen wecken, erst recht nicht bei einem wie Horst Hippler. Das Schlüsselwort lautete DEAL: „die bundesweite Lizensierung von Angeboten großer Wissenschaftsverlage“. 

 

Und dann kam DEAL

 

Doch was sperrig–langweilig nach einer Fingerübung für Juristen klingt, ist in Wirklichkeit ein Kampf um Abermillionen Euro. Die Publikation von Forschungsergebnissen findet traditionell in renommierten Journals statt, allein der niederländische Verlag Elsevier veröffentlicht über 2000 – mittlerweile elektronische – Zeitschriften. Für die Journals mussten die Hochschulen, Institute und Bibliotheken bislang Abo-Gebühren zahlen, und weil die Marktmacht sich auf wenige Großverlage konzentriert, konnten diese den einzelnen Abnehmern ihre Preise diktieren. Bis dahin, dass eine Uni, wenn sie eine bestimmte Zeitschrift wollte, schon mal ein paar andere weniger begehrte im Bündel dazubuchen musste – eben weil es das Preismodell der Verlage so vorsah. Unglaubliche 40 Prozent soll die Profitmarge zwischenzeitlich allein bei Elsevier betragen haben. 

 

Und hier setzte DEAL an. Anstatt einzeln mit den Verlagen zu verhandeln und dabei hoffnungslos unterlegen zu sein, taten sich Wissenschaftsorganisationen und Hochschulen zusammen, um auch eine Marktmacht zu haben. Sie forderten von Elsevier & Co einen nationalen Vertrag, Kerninhalt: eine „angemessene Bepreisung nach einem einfachen, zukunftsorientierten Berechnungsmodell, das sich am Publikationsaufkommen orientiert.“ Parallel will die Wissenschaft eine „Open-Access-Komponente“, damit die Einrichtungen nicht doppelt an die Verlage zahlen, wenn sie schon die Open-Access-Veröffentlichung finanziert haben. 

 

Die Verlage dachten zunächst, das Thema aussitzen zu können. Indem sie in Frage stellten, ob die Allianz der Wissenschaftsorganisationen, in der die großen Forschungseinrichtungen und auch die HRK zusammengeschlossen sind, überhaupt ein Mandat habe zu solchen Verhandlungen. Der Börsenverein des deutschen Buchhandels reichte sogar eine am Ende erfolglose Kartellbeschwerde gegen die DEAL-Allianz ein und drehte den Vorwurf um: Die Wissenschaft missbrauche rechtswidrig ihre Marktmacht und verschlechtere drastisch den Zugang kleinerer Verlage.  Unterdessen rechnete Elsevier vor, dass der Preis pro Artikel ja längst deutlich gefallen sei, zwischen 2011 und 2015 um 3,6 Prozent – und zwar jedes Jahr. 

 

Doch sie hatten ihre Rechnung nicht mit dem Mann gemacht, den die Allianz der Wissenschaftsorganisationen, welch schlaue Entscheidung, zu ihrem Verhandlungschef gemacht hatte: Horst Hippler. Denn in seiner neuen Rolle darf er endlich wieder ärgern und austeilen. Alles für die gute Sache. Denn, welch ungewöhnliche Erfahrung für ihn, je mehr er ärgert und austeilt, desto mehr führt er die Wissenschaft zusammen.

 

Schaut man sich den Zeitstrahl auf der DEAL-Website an, wurde es für den HRK-Präsidenten schon von 2015 an so richtig interessant: „Eskalation vorbereiten“ steht da. Und genau das tut Hippler seitdem. 2016 begannen die Verhandlungen zunächst mit Elsevier, den die HRK wegen seiner umstrittenen Preispolitik als schwierigsten Brocken sah. Um den Druck zu erhöhen, kündigten 60 Forschungsinstitutionen, orchestriert von der HRK, ihre bestehenden Einzelverträge zum Jahresende. Doch das Angebot, das Elsevier Anfang Dezember vorlegte, wies Hippler zurück. Die wollten noch mehr Geld anstatt weniger, schimpfte der HRK-Präsident, auf die Open-Access-Komponente wollten sie gar nicht einlassen, und jetzt drohten sie auch noch damit, den Hochschulen und Forschungseinrichtungen ihre Zugänge abzuschalten.

 

Böse Verlage, gute Wissenschaft?

 

Böse Verlage, gute Wissenschaft: Wer sich die rechtliche Materie hinter den Verhandlungen anschaut, sieht schnell, dass es so einfach nicht ist. Macht aber nichts. Es ist eine wirkungsvolle Geschichte, die sich da erzählen lässt, schön polarisierend, und keiner erzählt sie so gut wie Horst Hippler. Die Verhandlungen scheinen ihm längst verloren geglaubte Energie zurückzugeben. 

 

In den Zeitungen ist er präsent wie selten, in öffentlichen Diskussionen spitzt er wieder zu, übrigens nicht nur zum DEAL-Thema. Und immer öfter ist da dieses Lächeln in seinem Gesicht, das seinen Schnauzer hochzieht und seine Augen zu kleinen Leuchtpunkten werden lässt. Es sind die Momente, in denen er nicht wie Hippler, der Grantler aussieht, sondern wie der nette, gutmütige Kerl, der, wie viele seiner Kollegen und Mitarbeiter behaupten, in Wirklichkeit immer nur spielen will. 

 

Elsevier befindet sich längst in der Defensive. Hannfried von Hindenburg, Senior Vice President „Global Communications“ bei Elsevier, kündigte an, selbstverständlich würden alle Institutionen auch nach dem Auslaufen ihres Abos vorerst weiter versorgt. In den vergangenen Monaten sucht von Hindenburg auffällig oft das Gespräch mit Wissenschaftspolitikern und Rektoren, er trifft Wissenschaftsjournalisten zu Hintergrundgesprächen. Versucht zu vermitteln, warum das mit dem DEAL-Vertrag bei allem guten Willen deutlich komplexer sei, als Hippler es öffentlich darstellt. 

 

Der HRK-Präsident hat unterdessen die Verhandlungen mit den Großverlagen Wiley und Springer/Nature gestartet, und die scheinen wenig Interesse daran zu haben, Elseviers Beispiel zu folgen und ebenfalls in Hipplers Schusslinie zu geraten. „Zielorientiert und konstruktiv“ seien die Gespräche mit Wiley, konstatierte Hippler Ende September. Mitte Oktober teilten HRK und Springer Nature mit, sie hätten „in grundsätzlichen Fragen bereits Annäherung erzielen“ können. 

 

Die einen in der Spur, die anderen (Elsevier) legen sich, einer aktuellen Zuspitzung des Horst Hippler folgend, „auf die Schienen“. Hippler sagt: „Wir kommen mit Springer/Nature und Wiley voran. Dort hat man klar gesehen, dass gewinnt, wer die Zeichen der Zeit erkennt.“ Elsevier dagegen kämpfe „mit harten Bandagen“ und versuche, die Wissenschaftsseite auseinander zu dividieren. Dass Hippler derweil das gleiche – und offenbar erfolgreich – mit den Verlagen tut: geschenkt. 

 

Hippler provoziert – und sie lieben ihn dafür

 

Der HRK-Präsident setzt noch einen drauf: Dass Elsevier sich nicht mehr lange konstruktiven Verhandlungen verschließen könne, zeigten die prominenten Rücktritte von Herausgebern, sagt er. Rücktritte, die der HRK-Präsident natürlich ebenfalls selbst in persönlichen Schreiben an zahlreiche Wissenschaftler angeregt hatte. Zuletzt erklärte der frühere Vorsitzende des Wissenschaftsrats, Wolfgang Marquardt, öffentlichkeitswirksam seinen Rücktritt von der Herausgebertätigkeit für Elsevier-Zeitschriften. Die DEAL-Website verzeichnet mittlerweile neun Namen: Forscher von Max Planck, von Hipplers alter Hochschule, dem KIT oder auch von der Universität Konstanz. „Und da werde noch einige folgen“, prophezeit Hippler bewusst wolkig und irgendwie genüsslich zugleich – als arbeite er schon an den nächsten Überraschungen. 

 

Und was passiert, wenn Hipplers HRK-Präsidentschaft nächstes Jahr zu Ende ist? Ja, und dann munkeln sie schon in der Allianz, könnten sie ihn ja zum DEAL-Verhandlungsführer in Vollzeit zu machen – bis auch der letzte Verlag eingeschwenkt ist. Welch Drohung an Elsevier & Co – und welch Genugtuung für Horst Hippler: So oft ist er angeeckt, und jetzt ist es ausgerechnet seine Lust zu provozieren, die ihm die Sympathien der Szene zufliegen lässt. Manche Geschichten in der Wissenschaft sind so schön, die kann man sich gar nicht ausdenken.  


Nachtrag am 08. Januar 2018: 

"Zwingen Deutschlands Hochschulen den wissenschaftlichen Verlagsgiganten Elsevier in die Knie und schaffen sie am Ende vielleicht einen internationalen Präzedenzfall?", fragt der ZEITChancen Brief heute und zitiert einen THE-Artikel. "Im Moment sieht es fast danach aus." Jedenfalls haben sich Horst Hipplers wolkige Ankündigungen aus dem Oktober erfüllt – die nächste Überraschung kam noch im Dezember. Viele weitere Universitäten haben ihre Verträge mit Elsevier zum Jahresende gekündigt, darunter die Humboldt- und die Freie Universität. Abgeschnitten von der Literaturversorgung sind sie trotzdem nicht, denn der Verlag will, wie schon nach der letzten Kündigungswelle, den Zugang für die Hochschulen für die Dauer der Verhandlungen offenhalten. Und der Bericht bei Times Higher Education und wenige Wochen zuvor in nature zeigen: Je aufmerksamer der Rest der Welt zuschaut, desto mehr wird die Auseinandersetzung mit der deutschen Wissenschaft wird für Elsevier zum grundsätzlichen Problem.

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Was hat Angela Merkel für die Forschung geleistet?

Ein Nature-Artikel pries vor der Wahl überschwänglich die Wissenschaftspolitik der Kanzlerin. Was ist dran an der Lobeshymne? Und was bleibt davon in den laufenden Jamaika-Sondierungen?

Angela Merkel bei der CeBIT-Eröffnung 2012. Foto: Ralf Roletschek/roletschek.at
Angela Merkel bei der CeBIT-Eröffnung 2012. Foto: Ralf Roletschek/roletschek.at

WENN MAN NATURE glauben darf, hat das deutsche Wissenschaftswunder einen Namen: Angela Merkel. Die promovierte Physikerin habe ihre DDR-Wurzeln nicht vergessen, schrieb das internationale Wissenschaftsmagazin kurz vor der Bundestagswahl, und ihre Herkunft habe sie zu der Erkenntnis geführt, wie grundlegend Bildung und Forschung für die Zukunft der Bundesrepublik sind. Wie genau Wurzeln und Wunder zusammenhängen, bleibt ein bisschen neblig in dem umfangreichen Dossier, dafür steht die Grundthese umso strahlender: die Kanzlerin als Garant wissenschaftlicher Prosperität.

 

Wie herausragend aber ist Deutschlands wissenschaftspolitische Bilanz tatsächlich, welchen Anteil hat Angela Merkel daran? Und: Was lässt sich daraus für die Zukunft ableiten? Fragen, die umso drängender werden angesichts der stockenden Jamaika-Sondierungen und der Nachricht, dass Union, Grüne und FDP aus lauter Streit über Klima und Zuwanderung am Donnerstagabend die Bildungspolitik und andere zentrale Themen erstmal vertagt haben. 

 

Die Bestandsaufnahme und wie positiv sie ausfällt, hängt entscheidend davon ab, mit wem man redet. Den Chefs von Max-Planck-Gesellschaft, Helmholtz-Gemeinschaft und Co, also der großen außeruniversitären Forschungsorganisationen, kommen die Lobeshymnen leicht über die Lippen: "Seit Bestehen der Bundesrepublik ging es Deutschlands Wissenschaft noch nie so gut wie heute", lautete einer der Textbausteine, die in keiner Rede fehlen durften, wenn die Kanzlerin oder ihre bisherige Wissenschaftsministerin Johanna Wanka in den vergangenen vier Jahren zu Besuch kamen. Kein Wunder, profitieren die außeruniversitären Einrichtungen und die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) doch seit 2005 von jährlichen Zuwächsen von zuletzt drei Prozent, garantiert im so genannten Pakt für Forschung und Innovation. Macht aktuell fast neun Milliarden Euro Grundfinanzierung pro Jahr, wovon der Bund 6,3 Milliarden spendiert.

 

Redet man dagegen mit Hochschulrektoren, hört sich die Beschreibung des Ist-Zustands anders an. Von maroden Hörsälen ist dann die Rede, von überlaufenen Vorlesungen und von der Frage, wie es weitergeht, wenn der so genannte Hochschulpakt nach 2020 ausläuft, über den der Bund zurzeit immerhin gut 2,4 Milliarden Euro pro Jahr für zusätzliche Studienplätze spendiert. Jüngst hat der Industriestaaten-Klub OECD gewarnt, trotz aller Bundeszuschüsse hätten die ohnehin klammen Hochschulen pro Student weniger Mittel zur Verfügung als noch vor einigen Jahren.

 

Golden die Forschung, grau die Hochschullehre: So könnte man die Lage beschreiben, und Angela Merkel kann sich an der Stelle hervorragend herausreden: Hochschulen sind eben Ländersache, und über den Hochschulpakt, die Exzellenzinitiative und diverse weitere Bund-Länder-Abkommen tut sie längst weit mehr, als sie müsste. Dann könnte die Kanzlerin noch mit demselben Recht anführen, dass sie den Etat des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt hat – und dass es nur so möglich wurde, die lang ersehnten drei Prozent Forschungs- und Entwicklungsanteil an der Wirtschaftsleistung pünktlich im Jahr vor der Wahl zu erreichen.

 

Stimmt alles und ist doch nicht einmal die Hälfte der Geschichte. Zu der gehört nämlich, dass der Pakt für Forschung und Innovation genau wie die Exzellenzinitiative beschlossen wurden, als nicht sie, sondern ihr Vorgänger Gerhard Schröder Kanzler war. Und was den damit verbundenen politischen Mut angeht: Schröders von seiner schlauen Wissenschaftsministerin Edelgard Bulmahn induziertes Bekenntnis zu Spitzenforschung stammte aus einer Zeit, die nicht geprägt war von Rekordüberschüssen im Bundeshaushalt, sondern vom Reißen der Maastricht-Kriterien. Als Pragmatikerin, die Merkel ist, war sie in der Lage, den Wert der Initiativen zu erkennen und, in Zusammenarbeit mit Bulmahns nicht weniger schlauen Nachfolgerin Annette Schavan, die Logik der Pakte fortzuführen und zu erweitern. Das IST eine Leistung, und das verdient Anerkennung.

 

Wenn Angela Merkel mit ihrer Wissenschaftspolitik allerdings mehr als Anerkennung verdienen möchte, wenn sie auf jene Verklärung aus sein sollte, von der Nature ihr einen Vorschuss gezahlt hat, dann liegt die wichtigste Bewährungsprobe noch vor ihr. US-Präsident Donald Trump fordert von Deutschland, deutlich mehr Geld in die Verteidigung zu investieren. Die familienpolitischen Wünsche von CSU und Grünen würden laut einer CDU-Schätzung, die Spiegel Online zitiert, 76 Milliarden Euro zusätzlich kosten. Womit, so die Berechnungen, der finanzielle Spielraum einer möglichen Jamaika-Koalition schon dahin wäre. Dabei sollen eigentlich auch – und zu Recht! – viele Milliarden zusätzlich in die Schulen fließen. Und schließlich steht, nachdem Bund und Länder den Irrtum des Kooperationsverbots zumindest in der Wissenschaft hinter sich gelassen haben, eine Neuordnung der Hochschulfinanzierung an.  

 

So werden die holprigen Sondierungsgespräche zu einem Vorgeschmack auf die anstehenden Weichenstellungen und zu einem Lackmustest auch für die Kanzlerin. Wird und kann Merkel, falls die Jamaika-Koalition zustande kommt, angesichts aller sonstigen Ausgabenpläne und trotz paralleler Steuersenkungsfantasien ihre erklärte Priorität für Bildung und Wissenschaft aufrechterhalten – selbst dann noch, falls doch irgendwann einmal die Konjunktur abkühlt und das ewige Steuerplus sich eines Tages womöglich in ein Minus verwandeln sollte? Wird sie dauerhaft in die Hochschulfinanzierung einsteigen und die Projektförderung beenden? 

 

Das deutsche Wissenschaftswunder beweist sich in den Hochschulen, und es beweist sich in den Koalitionsverhandlungen. Vor allem aber beweist es sich an dem Tag, an dem die Hochkonjunktur mal vorbei ist. Bis dahin bleibt über Merkels Wissenschaftspolitik vor allem eines zu sagen: Zusammen mit ihrem Vorgänger Gerhard Schröder hat sie es geschafft, die Wissenschaft aus der Nische politischer Bedeutungslosigkeit zu holen und international zum Strahlen zu bringen. Deutschland erscheint wieder modern und innovativ. Jetzt wird es darauf ankommen, dass die Realität dem Image folgen kann.

 

Dieser Text erschien zuerst auf Spektrum.de. Dies ist eine aktualisierte Fassung.

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Hidden Champions

Die Hochschulen im Süden und Osten Europas weisen überraschende Stärken auf, wenn man genau hinschaut.  Isabel Roessler vom Centrum für Hochschulentwicklung hat das getan.

Isabel Roessler. Foto: privat
Isabel Roessler. Foto: privat

Frau Roessler, eigentlich ist die Frage, die Sie in Ihrer aktuellen Studie bearbeiten, ziemlich naheliegend. Hat sie gewundert, dass sich noch keiner vor Ihnen an einer Antwort versucht hat?

 

Ein bisschen schon. Aber wir alle kennen das Phänomen von gefühltem Wissen, das keiner mehr hinterfragt. Wahrscheinlich ist genau das hier der Fall: Ein Vergleich der europäischen Hochschulregionen, denken womöglich manche, ist doch klar, was dabei rauskommt. 

 

Sie haben Europa nach den Himmelsrichtungen in vier Großregionen eingeteilt und die Performance der Hochschulen in diesen vier Regionen miteinander verglichen – auf der Grundlage der Daten, die im U-Multirank gesammelt werden. Und, kam denn etwas Überraschendes dabei raus?

 

Und ob. Dass die Unterschiede groß sind, das hatten wir erwartet, klar. Aber dass man eben nicht einfach sagen kann: Die im Norden und Westen, die sind gut, die im Süden und Osten dagegen schwach, das widerspricht dann doch weitläufigen Vorurteilen.  

 

Aber wenn wir uns die gängigen Hochschulrankings anschauen oder auch die Zahl der Nobelpreise, dann tauchen da ständig Universitäten aus Großbritannien, Skandinavien oder – mit Abstrichen – aus Deutschland auf. Um Griechenland, Russland oder Zypern zu finden, müssen Sie ziemlich weit runterscrollen in den Listen. 

 

Sie reden von der Forschungsleistung in der Grundlagenforschung. Aber Hochschulen haben noch mehr Aufgaben als nur die Forschung. Auch wenn manche das gelegentlich vergessen. Tatsächlich sind die Unterschiede bei der Forschung ja auch groß. 30 Prozent der westeuropäischen Universitäten gehören da laut U-Multirank zur Spitzengruppe, in Osteuropa sind es nur 10 Prozent. Wobei der Vorsprung in einer anderen Dimension noch gewaltiger ist: 45 Prozent der westeuropäischen Hochschulen sind in der Spitzengruppe bei der Internationalisierung, von den osteuropäischen nur 12 Prozent. >> 


U-Multirank geht in die Verlängerung

Isabel Roessler ist Senior Projektmanagerin beim Centrum für Hochschulentwicklung (CHE). Bevor sie dort 2007 anfing, war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fakultät für Sozialwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum. Eine Kurzfassung ihrer auf U-Multirank beruhenden Studie kann online unter diesem Link abgerufen werden.

 

Apropos U-Multirank: Lange Zeit war offen, wie es weitergeht mit dem Projekt, das die EU 2013 als nichtkommerzielle Alternative zu den Hochschulrankings vom Times Higher Education & Co initiiert hatte. Ende 2017 ist die Anschubfinanzierung vorbei, und die EU-Kommission will sich zurückziehen – aber nicht ganz. Zunächst bis Juni 2019 habe die Kommission weitere Mittel zugesagt, berichtet das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE), Konsortialführer von U-Multirank.

 

Der Preis war offenbar, dass sich künftig weitere Partner an der Finanzierung beteiligen. Konkret sind das die Bertelsmann-Stiftung, einer der Träger des CHE, und die Santander-Gruppe, die künftig auch die strategische Weiterentwicklung von U-Multirank verantworten sollen. 

 

Beim CHE heißt es, das  neue Finanzierungsmodell stelle sicher, "diesen internationalen Vergleich von Hochschulen und Fachbereichen weiterhin nicht-

kommerziell, sondern als Open Access Modell für Studierende, Hochschulen, Unternehmen und Regierungen anbieten zu können."

 

Der Einstieg von Bertelsmann und Santander und der kurze Förderzeitraum von zunächst anderthalb Jahren zeigt allerdings auch, dass die langfristige Existenz des Rankings, das kein Geld einbringt, noch nicht gesichert ist. 

 

Angelehnt an das CHE-Hochschulranking verzichtet U-Multirank auf plakative Bundesliga-Tabellen, die eine vorher festgelegte Gewichtung meist weniger Kriterien widerspiegeln. Die Logik von U-Multirank sei demgegenüber ein "multi-dimensionalen Ansatz", formulieren das CHE und die beiden niederländischen Konsortialpartner, das Center for Higher Education Policy Studies (CHEPS) an der Universität Twente und das Centre for Science and Technology Studies (CWTS) der Universität Leiden. Soll heißen: Die Hochschulen werden anhand von rund 30 Einzelindikatoren verglichen und dann in fünf Ranggruppen einsortiert – von „A“ (sehr gut) bis „E“ (schwach). Jeder Student und Interessant kann sich so seine persönliche Rangliste anhand der für ihn ausschlaggebenden Indikatoren zusammenstellen.

 

Wichtigste Datengrundlage ist eine Befragung von mehr als 100.000 Studenten an europäischen Hochschulen. 



>> Was heißt das immer mit „Spitzengruppe“? Was genau haben Sie da gemessen und wie? 

 

Das U-Multirank vergleicht insgesamt rund 30 Indikatoren, darunter Zitationsraten, Studienabsolventenquoten, Drittmitteleinnahmen oder auch der Anteil der Masterabsolventen, die in der näheren Umgebung der Hochschule einen Job annehmen. Diese Indikatoren sind nach fünf Dimensionen gruppiert, und zwar Forschung, Lehre, Wissenstransfer, Internationalität und regionales Engagement, wobei hier nicht die europäischen Großregionen gemeint sind, sondern die lokale Ebene. Und nun kann man alle europäischen Hochschulen nach ihrer Performance in fünf Leistungsgruppen einteilen, von herausragend bis mangelhaft, und zwar wiederum in jedem einzelnen Indikator.

 

Das heißt, eine Universität kann in der Forschung top sein und im lokalen Engagement mau?

 

Gut möglich. Wobei es gerade in Nord- und Westeuropa eine Reihe von Hochschulen gibt, die in allen Dimensionen gut abschneiden. Insgesamt aber beobachten wir, dass Nord- und Westeuropa vor allem bei der Internationalisierung ihrer Forscher und Studenten hervorstechen, bei der Forschung gar nicht mal so extrem. Die Hochschulen in Süd- und Osteuropa glänzen dafür mit ihrem regionalen Engagement. 

 

Wieso sind die Hochschulen im Norden und Westen internationalisierter?

 

Zum Beispiel weil sie über eine längere gemeinsame Geschichte beim Studierendenaustausch verfügen. Als das Erasmus 1987 begann, gab es elf Mitgliedsstaaten, die einen Austausch untereinander förderten: Belgien, Dänemark, Deutschland, Griechenland, Frankreich, Irland, Italien, Niederlande, Portugal, Spanien, Vereinigtes Königreich. Was Nord- und Westeuropa ebenso hilft, ist der Anteil englischsprachiger Studienprogramme. Am höchsten ist der in den Niederlanden, in Deutschland und Schweden. 

 

Ergibt eine Einteilung Europas in dieser groben Form nach Himmelsrichtungen überhaupt einen Sinn? Sind es nicht viel mehr einzelne Länder, deren Hochschulsysteme die Ergebnisse hoch- oder runterziehen?

 

Aber diese Hochschulsysteme sind nicht denkbar ohne die Regionen, in denen sie sich befinden. Die meisten Kooperationen in der Forschung zum Beispiel spielen sich innerhalb der europäischen Großregionen ab, darüber hinaus sind die Möglichkeiten schon aus rein praktischen Gründen beschränkt. Besonders eng vernetzt sind die skandinavischen Länder und steigern so die Zahl der Forschungspublikationen, die gemeinsam mit einem internationalen Partner geschrieben werden. 

 

Dass die ost- und südeuropäischen Hochschulen in der Forschung hinterherhinken, spricht das nicht schlicht und einfach für ihren Modernisierungsrückstand?

 

Nach dem Motto, wenn sie erstmal richtig ausgewachsen sind, sind sie auch gut in der Forschung und bei der Internationalisierung? Eben nicht. Ich glaube, wir müssen aufhören, unser eigenes Verständnis von Hochschule absolut zu setzen. Dass osteuropäische Hochschulen den Norden und Westen in Sachen Lehre überholen, ist genauso ein Ausweis ihrer Qualität. Und dass die Hochschulen in Südeuropa sich besonders für ihre nähere Umgebung engagieren, dass sie sich vernetzen mit der lokalen Wirtschaft und Gesellschaft, ist ebenfalls etwas, von dem wir lernen können. 

 

Dass die Universitäten gerade in Südeuropa Nachholbedarf haben, schon von ihrer Ausstattung her, ist doch unbestreitbar. 

 

Ja, und natürlich hat uns im Norden und Westen geholfen, dass hier dieses Humboldtsche Paradigma von Bildung durch Wissenschaft über Jahrhunderte so dominant war. Aber die Hochschulen in den wirtschaftlich schwächeren Ländern des Ostens und Südens haben parallel dazu ein ganz starkes Bewusstsein für die Bedürfnisse ihrer Regionen entwickelt. In Spanien zum Beispiel hat sich die Universität von Oviedo schon 1898 eine Satzung gegeben, die den Dienst für die Gesellschaft und Industrie formulierte.  

 

Was können wir im Norden und Westen von solchen Beispielen lernen?

 

In Bezug auf das regionale Engagement: sehr viel, gerade in unserer gegenwärtigen Debatte über Wissenstransfer. Denn im Technologietransfer sind wir schon ganz gut, aber der Austausch mit der Gesellschaft, das wissen wir alle, der stockt. Dass Osteuropa bei der Lehre so gut dasteht, ist vom Befund her komplizierter. Ich vermute, die viel traditionellere Studienstruktur inklusive der starken Verschulung erhöht die Abschlussquote. Inwiefern das ein Vorbild für uns sein kann, sollte man sich also genau anschauen. 

 

Mal ehrlich: Die Kernbotschaft ihrer Studie ist lautet, dass die Betrachtungsweise des U-Multiranks beispielhaft ist, oder? Geben Sie so viel Eigennutz zu?

 

Klar mache ich mit diesem Interview auch Werbung für U-Multirank. Aber nur, weil ich wirklich daran glaube, dass wir der Dritte Mission neben Forschung und Lehre mehr Aufmerksamkeit und Anerkennung zukommen lassen müssen. Und mit U-Multirank geht das. Wir müssen den Hochschulen in ihrer Unterschiedlichkeit die Gelegenheit geben, ihre jeweils besonderen Stärken zu zeigen. Und wenn das mit den Daten des U-Multiranks gelingt, ist das doch wunderbar. Allerdings ist ein Ranking am Ende wertlos, solange die Politik und die Gesellschaft als Ganzes nicht aufhören, die Hochschulen nach den paar gleichen klassischen Indikatoren zu bewerten. 

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"Da schreien im Augenblick viele"

KMK-Generalsekretär Udo Michallik über die Pläne, das Kooperationsverbot abzuschaffen, zur Legitimation von Kultusminister-Beschlüssen  – und über die Frage, welche Rolle er künftig für das KMK-Sekretariat sieht.

Foto: KMK
Foto: KMK

Herr Michallik, der Bildungsforscher Eckhard Klieme sagt, die Kultusministerkonferenz (KMK) sei zu klein, um eine Koordinatorenrolle in der Bildungspolitik zu übernehmen. Was antworten Sie als KMK-Generalsekretär?

 

Was mich an derlei Einwürfen gelegentlich stört, ist, wie die Begrifflichkeiten durcheinanderlaufen. Die KMK ist die Versammlung der Ministerinnen und Minister, die den Bildungs- und Wissenschaftsbereich verantworten. Die kann nicht größer oder kleiner sein, als zuständige Ministerien in den Ländern existieren. Dann gibt es das Sekretariat, das der KMK bei der Erfüllung ihrer Aufgaben hilft, das die länderübergreifende Kooperation der Länder koordiniert. 

 

Die Frage ist, ob das KMK-Sekretariat mehr sein sollte als eine Mini-Behörde, die Tagesordnungen von KMK-Sitzungen aufstellt und anschließend die Protokolle verschickt. 

 

Das Sekretariat ist viel mehr als das Schreibbüro, das Sie umreißen. Wir sind das Gedächtnis der Länder, wenn es um die Bildungsvorhaben der vergangenen 70 Jahre geht. Wir handeln längst eigenständig, wenn wir die Notwendigkeit dafür erkennen. Seit 2010 haben wir den Ländern immer wieder alte Beschlüsse und Empfehlungen vorgelegt, die unseres Erachtens an die Gegenwart angepasst werden mussten. Solches Verwaltungshandeln mag nach außen hin nicht immer spektakulär aussehen, aber wir leisten damit genau das, was Eckhard Klieme und andere fordern.  

 

Erst werfen Sie Klieme vor, die Begrifflichkeiten durcheinander zu bringen, dann stimmen Sie ihm zu?  

 

Moment. Klieme sagt, die KMK solle zusätzliche Aufgaben übernehmen. Das kann man so sehen. Aber dann wäre sie eine im Kern andere Organisation – so dass wir nicht über ein paar Stellen mehr fürs Sekretariat reden, sondern über die Grundfrage, was die KMK ist und sein sollte. 

 

Aber es gibt doch keinen Zweifel, dass die KMK mehr leisten muss. Wenn man im KMK-Sekretariat nach dem bundesweiten Stand bestimmter Schulreformen fragt, heißt es: „Entschuldigung, aber wir wissen auch nicht, wie die Situation in den einzelnen Ländern ist.“ Es kann nicht sein, dass Journalisten Artikel schreiben müssen, damit das eine Kultusministerium weiß, was das nächste macht.

 

Der Austausch der Länder findet auf anderer Ebene statt. Es gibt einen Schul- und einen Hochschulausschuss, wo die Länder sich sehr wohl gegenseitig informieren, und zwar nicht nur bei den einheitlichen Prüfungsanforderungen für das Abitur. Ihre Aufgabe, eine gewisse Vergleichbarkeit zwischen den Ländern herzustellen, erfüllt die KMK sehr gut. Aufgabe des Sekretariats ist es, die Länder bei ihren gemeinsamen Vorhaben zu begleiten. Das funktioniert seit Jahrzehnten richtig gut. >>


Udo Michallik

Der 49 Jahre alte CDU-Politiker ist seit 2011 Generalsekretär der Kultusministerkonferenz. Vorher war er fünf Jahre lang Staatssekretär im Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur von Mecklenburg-Vorpommern. Vor der Wende machte Michallik eine Ausbildung zum 

Maschinen- und Anlagenmonteur, von 1989 bis  1995 studierte er Geschichte, Politikwissenschaften, Soziologie und Germanistik. Seinen ersten Job nach dem Studium hatte er als wissenschaftlicher Mitarbeiter der CDU-Landtagsfraktion in Schwerin. 



>> Kritiker sagen, es sei mitunter einfacher, von einer belgischen auf eine nordrhein-westfälische Schule zu wechseln als von einer nordrhein-westfälischen Schule auf eine bayerische.  

 

Unsinn. Ich bin kein Freund der immerwährenden und gut gepflegten Behauptung, es gebe 16 unterschiedliche Bildungssysteme in Deutschland. Wenn man sich wirklich die Struktur der einzelnen Schulformen und Systeme anschaut, stößt man auf frappierende Ähnlichkeiten. Oft unterscheiden sich nur die Bezeichnungen, was zugegebenermaßen nicht ideal ist. Aber es gibt Koordination an allen Ecken und Enden, sei es zur Frage, in welcher Klasse der Fremdsprachenunterricht beginnen sollte oder welche naturwissenschaftlichen Fächer in der Sekundarstufe dran sind. Aber das Ganze hat auch Grenzen, die nicht wir setzen.

 

Welche Grenzen meinen Sie?

 

Bildungspolitik ist nicht nur das, was die Ministerien machen, sondern wesentliche Rahmenbedingungen werden durch die Landtage bestimmt und mitunter gegen die Kultusministerien durchgesetzt. Insofern ist es falsch, immer nur auf die Beamten und Fachminister zu schimpfen. 

 

Müsste die Bildungspolitik nicht genau aus diesem Grund die KMK mit mehr Befugnissen ausstatten? Bei den Verhandlungen um den Digitalpakt drängte sich der Eindruck auf, dass der Bund die Länder nicht wirklich als gleichberechtigtes Gegenüber akzeptiert. 

 

Die Länder verwalten ein Bildungsbudget von insgesamt über 100 Milliarden Euro im Jahr. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) kommt auf 19 Milliarden. So viel zur Augenhöhe. Wenn das BMBF mit großer Geste ein projektbezogenes Programm in die Welt setzt, müssten wir dem als KMK eigentlich jedes Mal entgegensetzen, was die Länder und Kommunen überall an Leistung erbringen. Und zwar an jedem Tag, in jedem Jahr, um das System am Laufen zu halten. 

 

Warum tun Sie es nicht?  

 

Ich sage es doch. Aber es ergibt keinen Sinn, ständig einen Gegensatz oder sogar eine Hierarchie zwischen Bund und Ländern zu konstruieren. Das BMBF ist bei der KMK permanenter Gast, sowohl in der Konferenz der Amtschefs als auch beim Treffen der Minister. Der Bund ist über alles, was die Länder machen, im Detail informiert. Manchmal wünschte ich mir, dass wir genauso gut Bescheid wüssten über das, was der Bund vorhat.

 

Um die eigentliche Frage schleichen Sie sich herum. Ob Abitur, Bildungsstandards oder Digitalpakt: Überall sehen wir den Trend hin zu mehr Harmonisierung, auch weil die Mehrheit der Menschen dies seit Jahren mit großem Nachdruck fordert. Aber verstehen die Länder auch, dass Sie dafür mehr Personal brauchen? 

 

Jetzt riskiere ich meinen Hals. Nein im Ernst, ich sage mal: Auf der Bildungsseite sehe ich das Bemühen, das Sekretariat so auszustatten, dass es den zusätzlichen Aufgaben nachkommen kann. Wir haben eine eigene Abteilung eingerichtet, die für die verstärkte Koordination verantwortlich ist, was die Qualität im Schulwesen und die Bildungsstandards angeht. Insofern: Klar, wir könnten besser ausgestattet sein, das würde den Druck von den einzelnen Mitarbeitern nehmen. 

 

Sie haben jetzt nur von „der Bildungsseite“ gesprochen...

 

In der Tat. Was ich mir wünsche, ist ein größeres Verständnis auf der Finanzseite. Es liegt im Interesse der Länder, was wir hier machen, so dass es nett wäre, wenn die Finanzpolitiker nach zehn, 15 Jahren auch mal sagen würde: Das haben die gut gemacht in der KMK, sie haben den Aufgabenzuwachs gut bewältigt, und jetzt begleiten wir das mit den nötigen Ressourcen. 

 

Wie viele Mitarbeiter hat die KMK Stand heute?

 

Wir sind 314 Mitarbeiter, von denen der Großteil in der Zentralstelle fürs ausländische Bildungswesen arbeitet, unserer größten Serviceeinrichtung. Und an der Stelle muss ich die Finanzpolitik loben: Angesichts der zunehmenden Migration war die Bereitschaft groß, uns die nötigen Stellen zu geben, damit wir mit der Anerkennung der ausländischen Bildungsabschlüsse hinterherkommen. 

 

Das ist nett. Aber wie viele von den 314 Leuten beschäftigen sich mit der Koordination in der Bildungspolitik?

 

Im sogenannten Kernbereich sind es 102. 

 

Das waren schon mal mehr, oder? 2004 forderte der damalige niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulf (CDU) die Auflösung der KMK. In der Konsequenz blieb das Sekretariat erhalten, musste aber seine Stellen reduzieren. 

 

Das ist richtig. 1996 waren wir 124 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Kernbereich. Die verlangte Stellenreduzierung hat in der politischen Koordinierung ganz schön eingeschlagen.  

 

Als Alternative zum Ausbau der KMK wird die Wiederbelebung des Bildungsrates diskutiert – als Pendant zum Wissenschaftsrat, der seit Jahrzehnten die Rolle als Think Tank für Wissenschaft und Hochschulen spielt.  

 

Und dann? Wer übernimmt am Ende des Tages die Entscheidung für die schönen Ideen, die im Wissenschaftsrat entstehen? Warum ist denn der Bildungsrat in den 70er Jahren gescheitert? Wir befinden uns gerade nicht in einer Situation, in der uns die bildungspolitischen Konzepte und Ansätze fehlen. Am Ende des Tages aber sind es immer wieder die Minister, die vor die Parlamente treten und Verantwortung übernehmen müssen für das, was in den Schulen passiert. Das macht kein Bildungsrat. Der muss sich auch nicht dem Votum der Wähler stellen und wird nicht, wie gerade in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen geschehen, im Zweifel abgewählt. 

 

Haben Sie gerade dem Wissenschaftsrat sein Existenzrecht abgesprochen? 

 

So schnell führen Sie mich nicht aufs Glatteis. Der Wissenschaftsrat bewegt sich in einem anderen Umfeld. Seit Beginn der 2000er Jahre wurden die Hochschulen zunehmend in die Autonomie entlassen, was die Rolle der Länder in der Steuerung komplett verändert. Darin sehe ich eine neue und andere Legitimation des Wissenschaftsrates, der Politik Empfehlungen an die Hand zu geben, damit die Hochschulen grundsätzlich in den richtigen Bahnen laufen. In der Schulpolitik dagegen benötigen wir eine Feinsteuerung, und die wird ein Bildungsrat nie und nimmer leisten können. 

 

Sie sagen mit Recht, der Bildungsrat hätte keine faktische Macht. Mit demselben Argument hat Mecklenburg-Vorpommerns ehemaliger Kultus- und jetziger Finanzminister Mathias Brodkorb (SPD) wiederholt die Legitimation der KMK in Frage gestellt, nach dem Motto: Eure Beschlüsse sind juristisch gesehen komplett wertlos. 

 

Nicht insofern, dass mit gemeinsamen Beschlüssen auch eine Akzeptanz und Anerkennung untereinander verbunden ist. Schert man hier aus, stellt man diesen Konsens in Frage. Wertlos sind unsere Beschlüsse sicher nicht, ganz im Gegenteil! Wer sich die Mühe macht, genauer hinzuschauen, wird zu einem anderen Ergebnis kommen.

 

Nämlich?

 

Die KMK hat Ende vergangenen Jahres ihre Strategie für die Bildung in der digitalen Welt verabschiedet – in einem selten offenen und konstruktiven Prozess. Was zeigt, dass Erfolg auch immer von Personen abhängt und von solchen, die nicht mehr dabei sind. Die Generation von Ministern und Staatssekretären, die jetzt die Geschäfte bestimmen, ist eine andere als jene, die viele von uns noch von früher kennen. Viele der Neuen glauben an Transparenz, an Partizipation. Wir sind als Politik darauf angewiesen, den Rat von Experten in Kommissionen und Anhörungen einzuholen. Das schafft Vertrauen und Legitimation. 

 

Das ist schon sehr positiv gezeichnet. Die Art, wie die Digitalstrategie zustande kam, ist deshalb so gelobt worden, weil sie die Ausnahme war. 

 

Mag sein, aber muss der KMK zugestehen, dass sie eine lernende Institution ist. 

 

Aber hat die Debatte um den neuen Staatsvertrag zur Akkreditierung oder der Streit ums Diplom nicht genau jene mangelnde Verbindlichkeit gezeigt, die Brodkorb und andere kritisieren?

 

Den Einwand kann ich nicht nachvollziehen. Es gibt da also ein Land, dessen Minister gesagt hat: Ich akzeptiere nicht, was meine Vorgänger Ende der Neunziger Jahre mit den anderen Ländern ausgehandelt haben, im Zuge der Bologna-Studienreform und der gemeinsamen Strukturvorgaben. Und derselbe Minister wirft dann der KMK mangelnde Verbindlichkeit vor, obgleich seine 15 Kollegen sich der Staatsräson stellen und sagen: Damals haben unsere Vorgänger etwas vereinbart, und daran halten wir uns jetzt. 

 

Die Kraft der Kultusministerkonferenz ist also eine normative, keine formaljuristische?

 

Es ist eine normative Kraft, und das ist das Entscheidende. Genau deshalb sind die Empfehlungen zur Bildung in der digitalen Welt so gut, so wegweisend geworden. Weil die Experten beteiligt wurden. Weil man sich dann die Kultusministerien darauf verständigt haben und weil nun in allen Ländern die Beamten an ihren Bildungsplänen sitzen, um sie an die Strategie anzupassen. Das System KMK funktioniert. Punkt. 

 

Warum kapieren das dann so wenige?

 

Weil es etwas Anderes ist, ob ich irgendwo zwei Sätze zur Erklärung sagen darf oder die Zeit und den Raum bekomme, das Wirken der KMK zu erklären. Das geht dann eben in eine Tiefe, in eine Komplexität, die zu vereinfachen schwer ist. Aber notwendig. 

 

Wo würden Sie sich diese Differenzierung noch wünschen?

 

Besonders anstrengend finde ich die Debatte beim Abitur. Beim Aufgabenpool. Es ist nicht so wichtig, dass am Ende alle Schüler genau die gleiche Prüfung schreiben. Wir wollen kein Bundeszentralabitur. Es kommt darauf an, dass alle Schüler vom Schwierigkeitsgrad eher vergleichbare Aufgaben lösen müssen. 

 

Einverstanden. Aber selbst diese vergleichbaren Aufgaben machen nur ein Drittel der gesamten Abiturnote aus, den Großteil der Zensuren verdienen sich die Abiturienten in den zwei Jahren vorher.

 

Auch da entfaltet sich die normative Wirkung, weil die Lehrer merken: Das ist jetzt der Standard. Man könnte sagen: Über den Abituraufgabenpool kommen die Bildungsstandards in der gymnasialen Oberstufe an. Und anstatt das zu loben, wird von einem aufgebrochenen Safe in Baden-Württemberg berichtet oder von einer Lehrerin, die ihren USB-Stick liegen gelassen hat. 

 

Den Anstoß zum Aufgabenpool gab gar nicht die KMK, sondern gerade mal eine Handvoll Bundesländer, die sich vor acht Jahren in Eigenregie verabredet hatten. 

 

Eine Handvoll unionsregierter Länder, zu dem Mecklenburg-Vorpommern gehörte, in dem ich damals der zuständige Staatssekretär war. Aber das ist wieder ein schräger Vorwurf. Wenn ein paar Länder, die in der KMK sind, sich zusammensetzen und eine gemeinsame Initiative starten, dann ist das die KMK.

 

Ist es nicht peinlich fürs KMK-Sekretariat, wenn solche Entwicklungen von außen kommen, anstatt von ihm gestartet zu werden?  

 

Ich weiß nicht, wie sie darauf kommen. Das ist nicht peinlich, schließlich ist das Sekretariat ein Dienstleister für die Länder, aber Sie sprechen da einen wichtigen Punkt an. Die KMK will Bildungspolitik erfolgreich gestalten und geht dabei auch neue Wege: Der Vergleich mit unserer kanadischen Schwesterorganisation, dem Council of Ministers of Education, Canada (CMEC), zeigt, dass man vielleicht nicht immer darauf warten muss, bis alle 16 Bundesländer sich auf ein Projekt einlassen, sondern dass durchaus drei, vier Länder etwas Neues ausprobieren können und sollen. Das passiert in der Realität ja längst. Eine ganz und gar einheitliche Lösung ist nicht immer die bessere Lösung. Das ist die Idee des Bildungsföderalismus.

 

In den Parteien sind die Schriftführer oft die mächtigsten Leute.

 

„Wer schreibt der bleibt“, ja, ja. Aber Sie dürfen nicht vergessen, dass ich als Generalsekretär zwischen den Stühlen sitze. Da sind, sage ich jetzt mal 16 Minister. Oder eigentlich 30, wenn man pro Land von eher zwei ausgeht.   Sie brauchen als Generalsekretär also ein funktionierendes Verständnis des Systems, wo sie mit Erfahrung und im Vertrauen Dinge bewegen können. 

 

Eckhard Klieme fordert, das Kooperationsverbot zu lockern – nicht aus finanziellen, sondern aus inhaltlichen Gründen. Zu Recht? 

 

Da schreien im Augenblick viele. Im Grundgesetz steht aber gar nicht, ihr dürft in diesen oder jenen Bereichen nicht zusammenarbeiten. Da ist nur explizit formuliert, wo eine Zusammenarbeit zwischen Bund und Ländern auf jeden Fall vorgesehen ist und wie die dann auszusehen hat. Die Frage, die bislang keiner beantwortet: Wie genau sollte denn so eine Grundgesetzänderung aussehen? Ich wüsste gar nicht, wie ich ein Verbot aus der Verfassung rausnehmen kann, das gar nicht drinsteht. 

 

Was ist die Alternative?

 

Beim Digitalpakt geht es auch ohne Grundgesetzänderung. Der Bund sagt: Ich mache einen Digitalpakt, und als Gegenleistung müsst ihr Länder nachweisen, dass ihr die Ziele, die ihr euch selbst in eurer Digitalstrategie gesetzt habt, wirklich erreicht. Am Ende läuft es wie eigentlich immer auf die eine Frage heraus: Ist Geld zum Ausgeben da? Wenn ja, wird man sich einigen, wie man es ausgibt. So einfach ist das. 

 

Der Digitalpakt ist, wenn er denn kommt, eine Einmal-Investition. Das ist etwas Anderes als mehr Dauermittel für die Schulen. 

 

Okay, dann lasst uns über mehr Umsatzsteuerpunkte für die Länder reden. Auch dafür müssten wir nicht das Grundgesetz ändern. 

 

Ein alter Vorschlag, dem wird der Bund entgegenhalten wird, dass es jetzt nach diversen Reformen der Bund-Länder-Finanzen mal gut ist. Zumal jedes Mal, wenn der Bund den Ländern Geld für Bildung gegeben hat, zuletzt beim Bafög, sie es zumindest teilweise nicht für Bildung verwendet haben. 

 

Ich weiß, dass das theoretisch dem sogenannten Gesamtveranschlagungsprinzip der Haushalte widerspricht, aber ich stelle mir vor, dass sich die Bundeskanzlerin und Ministerpräsidenten hinsetzen und ausmachen: Es gibt Geld nur über den Nachweis der zweckgebundenen Mittelverwendung. Und ich bin sicher, dass es genug schlaue Leute gibt, die dazu die rechtliche Lösung liefern. Beim Dresdner Bildungsgipfel hat das mit einer außergewöhnlichen Verständigung auch an vielen Stellen gut geklappt. 

 

An anderen Stellen aber weniger gut.  

 

Wie auch immer. Wenn wirklich mal einer ausbuchstabieren würde, was passiert, wenn der Bund mehr inhaltliche Kompetenzen in der Schulpolitik bekäme, dann wäre es ohnehin schnell vorbei mit der Begeisterung für mehr Zentralismus.

 

Warum? 

 

Weil dann die Leute bei allem, was nicht funktioniert, bei der Schulverwaltung fragen würden: „Warum ändert ihr es nicht?“ Und die Antwort würde lauten: „Da müssen wir erst in Berlin nachfragen.“ Keiner will doch diese Unmittelbarkeit aufgeben, die der Föderalismus mit sich bringt. Schon wenn ich mir ein großes Land anschaue wie Nordrhein-Westfalen mit mehr als 6000 Schulen, dann ist das eine echte Herausforderung, das am Laufen zu halten. Nein, eine Bundesbildungsbehörde würde dem Anspruch, das weltbeste Bildungssystem zu kreieren, fundamental widersprechen.


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An der richtigen Stelle mutig

Der Wissenschaftsrat fordert längst überfällige Veränderungen bei wissenschaftlichen Begutachtungen. Die meisten seiner Vorschläge sind behutsam – aber zwei Ideen stechen heraus.

Foto: Titelseite des Positionspapiers
Foto: Titelseite des Positionspapiers

DER WISSENSCHAFTSRAT hat es nicht so mit großen Worten. Kann er auch nicht, denn Ausgleich und Ausgewogenheit sind Teil seiner DNA (siehe Kasten). Entsprechend getragen-unspektakulär und auch ein bisschen langatmig kommt daher, was das Beratungsgremium heute Mittag verkündet hat. Im ZEITChancen Brief hatte Wissenschaftsratsvorsitzende Martina Brockmeier am Morgen bereits einen rhetorischen Vorgeschmack gegeben: "Mit einer Mischung aus behutsamen Veränderungen und mutigen Experimenten sollte es uns gelingen, das Begutachtungswesen krisenfest für die Zukunft zu machen", schrieb sie. Doch sollte man sich von solch gesetzten Worten nicht täuschen lassen.

 

Einige der im heute veröffentlichten Wissenschaftsrats-Positionspapier (kreativitätsbefreiter Titel: "Begutachtungen im Wissenschaftssystem") enthaltenen Ideen mögen für sich gesehen nicht vom Hocker reißen, so neu sind sie nicht. Ihre Außergewöhnlichkeit indes besteht darin, dass sie erst in ein Papier des Wissenschaftrates geschrieben und dann auch nicht herausgestrichen wurden, als dessen Vollversammlung Ende der vergangenen Woche abschließend über sie befand. Was das Papier am Ende doch fast spektakulär werden lässt. 

 

Das hat sehr viel mit Brockmeier selbst zu tun. Wer die Agrarökonomin kennt, weiß, dass sie beim Thema Begutachtungen durchaus Leidenschaft entwickelt. Es ist ihr Thema – das Thema, das sie seit vielen Monaten verfolgt hat und auch als erstes nannte, wann immer sie bei ihrer Wahl zur Wissenschaftsratsvorsitzenden im Januar 2017 nach ihren zentralen Vorhaben gefragt wurde. Brockmeier stört sich an dem, wie sie damals sagte, "Gejammer" über das System, das häufig einhergehe mit der Weigerung, wirklich etwas zu ändern. Das Paradox, das sie beobachtet: Auf der einen Seite forderten alle kürzere und effizientere Begutachtungen, auf der anderen Seite wolle keiner eine Vereinfachung bei den Kriterien. >>


Die DNA des Wissenschaftsrates

Bei der Gründung des Wissenschaftsrates 1957 gingen Bund und Länder auf Nummer sicher, dass das Gremium keine einseitig-kontroversen Empfehlungen produzieren würde. Lieber etwas weniger mutig, dafür aber realisierbar sollten die Ideen sein. Entsprechend ist der Wissenschaftsrat in zwei Kammern unterteilt, die ohne einander keine abschließenden Entscheidungen treffen können. 

 

Der wissenschaftlichen Kommission mit ihren 24 Wissenschaftlern und acht "Personen des öffentlichen Lebens" (wissenschaftsintern gern liebvevoll "die Außerirdischen" genannt) steht die Verwaltungskommission gegenüber, in der je ein Vertreter pro Landesregierung und sechs Entsandte der Bundesregierung sitzen, wobei letztere 16 Stimmen zu vergeben haben.

 

Wissenschaftliche und Verwaltungskommission kommen also auf jeweils 32 Stimmen, zusammen bilden sie die

Vollversammlung, in der Beschlüsse mit Zweidrittelmehrheit fallen müssen. Also: Will eine Kammer etwas durchsetzen, muss sie stets auch Mitglieder der anderen überzeugen.

 

Die Vorsitzenden des Wissenschaftsrates stammen stets aus der Wissenschaft, ihnen wird besonderes diplomatisches Geschick abverlangt.

 

Den Hang des Wissenschaftsrates zu umfassenden, ausgewogenen Äußerungen erkennt man schon an der Länge seiner Empfehlungen: Oft umfassen sie hundert Seiten und mehr, was ihre öffentliche Diskussion erschwert. Deshalb hat der Wissenschaftsrat vor einiger Zeit das Format des "Positionspapiers" eingeführt, das kürzer, prägnanter, zugespitzter sein soll. Die Äußerung zum Begutachtungssystem ist ein solches Positionspapier – wobei das mit der Prägnanz relativ ist. Das Papier umfasst inklusive Anhang immer noch 35 Seiten. 



>> Das Positionspapier, das unter Brockmeiers Leitung entstand, ist die Antwort des Wissenschaftsrates auf diese von vielen empfundene Legitimationskrise der Begutachtung, seine Auseinandersetzung mit der Gretchenfrage des Systems: Wie hältst du es mit dem Aufwand? Stimmt es wirklich, dass die Begutachtungen immer zeitraubender werden und die Gutachter immer stärker überlastet sind, und wenn ja, was kann man dagegen unternehmen?

 

Im Papier heißt es dazu: Immer mehr Organisationen suchten "Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler für Begutachtungen und stehen dabei untereinander häufig in Konkurrenz um die Ressource Gutachter." Zudem habe die Nachfrage nach Begutachtungen in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen, was der Wissenschaftsrat vor allem auf den Trend zu Drittmitteln und Wettbewerben wie der Exzellenzstrategie, aber auch auf die neuen Formen der Nachwuchsförderung mit Zwischenevaluationen (Juniorprofessur und Tenure Track) zurückführt – bei gleichzeitigem quantitativen Wachstum des Wissenschaftssystems (der Pakt für Forschung und Innovation lässt grüßen). 

 

Was das Problem verschlimmert: Die wachsende Zahl der Begutachtungen, so der Wissenschaftsrat, werde nicht gleichmäßig von den Wissenschaftlern übernommen. Die "verfügbaren Daten" deuteten darauf hin, "dass etwa zwei Drittel des Personals wenig und ein Drittel mittel bis hochaktiv gutachtend tätig sind, wobei eine kleine Personengruppe in besonderem Umfang Begutachtungsaufgaben wahrnimmt." Was auch logisch ist: Wer zuverlässig gute Arbeit macht, wird von Zeitschriftenredaktionen und Förderorganisationen gern wieder angefragt. Kein Wunder, dass die Betroffenen irgendwann stöhnen. 

 

Ein Missverhältnis, das Brockmeier schon länger umtreibt. Nicht die Menge der Begutachtungen sei das eigentliche Problem, sagte sie im Januar, sondern dass die immer gleichen Aktiven an ihrer Entstehung beteiligt seien. „Wir müssen sehen, wie wir mehr Wissenschaftler einbeziehen, und ganz besonders, wie wir mehr junge Kolleginnen und Kollegen dazu befähigen, bei Begutachtungen mitzuwirken.“

 

Entsprechend fordert das Positionspapier eine Professionalisierung" oder, anders formuliert, "das Begutachten (zu) unterstützen". Informationsangebote für neue Gutachter sollten ergänzt werden "durch ein transparentes Mentoring" mit erfahrenen Gutachtern, durch "regelhafte" Rückmeldungen an Gutachter sollen Lerneffekte ermöglicht werden. Und so geht das weiter: mehr Transparenz im Begutachtungsprozess, effizientere Verfahren, eine passgenaue Auswahl der Gutachter. Alles richtig, alles nicht wirklich neu.

 

Deshalb nun zu den Ideen, die, obgleich ebenfalls nicht neu, deutlich innovativer sind. Die, und das macht sie wirklich besonders, es trotz ihres Innovationsgrades in ein Papier des Wissenschaftsrates geschafft haben. Sie verbergen sich in einem einzigen Absatz auf Seite 26.

 

Ein Absatz, den man sich ganz genau durchlesen sollte. Er beginnt mit einer wissenschaftsratstypisch diplomatischen Bestandsaufnahme: Von "Vorwürfen" des "Mainstreamings" ist dort die Rede, soll heißen: Wer Projektideen hat, die weit weg sind von dem, was die Gutachter selbst machen, hat bei Förderanträgen oft geringere Chancen – nicht aufgrund der Qualität, sondern weil die Gutachter dem Ungewöhnlichen tendenziell misstrauen. Dieses Mainstreaming beschreibt der Wissenschaftsrat als "Folge risikoscheuer, strukturkonservativer oder bestimmte Denkschulen stützender Begutachtungen". So vorsichtig und distanziert die Problembeschreibung, so konkret und mutig sind die zwei Vorschläge, die dann folgen.

 

Erstens: Wenn die Zahl der Antragsteller sehr hoch liege und damit die zu vergebenden Fördermittel sehr knapp, "könnte ein Teil der förderungswürdigen Anträge nach einer Zufallsauswahl gefördert werden." Ja, Sie haben richtig gelesen. Der Wissenschaftsrat fordert ein Losverfahren, obgleich Brockmeier selbst diesen Begriff offiziell nie benutzen würde – vermutlich weil sie die Entwertung der Idee fürchtet (Losverfahren=Lotterie). Wobei selbst eine abfällige Intonation des Wortes "Lotterie" eigentlich nur von denen kommen dürfte, die das dahinterliegende Potenzial entweder nicht begriffen haben oder eben zu den vom Wissenschaftsrat erwähnten "strukturkonservativen Denkschulen" gehören. Wie wirkungsvoll eine Zufallsauswahl tatsächlich sein könnte, hatte hier im Blog vor über einem Jahr der Münchner Professor Klaus Diepold skizziert.

 

Idee zwei des Wissenschaftsrats: "Werden Leistungen oder Anträge uneinheitlich bewertet..., könnte... Auswahlkommissionen ein effektives Sondervotum (auch wild card) eingeräumt werden". Ein "effektives Sondervotum"? Als habe den Wissenschaftsrat am Ende des einen Absatzes der Mut schon wieder verlassen, führt er seine Idee nicht weiter aus. Gemeint ist aber vermutlich folgendes: Wenn ein einzelner Gutachter im Gegensatz zur Mehrheit der Meinung ist, dass ein Projektantrag besonders gut und förderwürdig sei, dann kann er in Ausnahmefällen die Förderung allein durchsetzen. Alternativ könnte die wild card auch zum Einsatz kommen, wenn mehrere Gutachter ein Forschungsvorhaben als zu risikoreich beurteilen, weil es sich nicht ohne Weiteres einschätzen lässt in seinem Potenzial und seinen Erfolgsaussichten. Woraufhin die Gutachter sagen könnten: Geben wir dem Antragssteller einfach mal die Chance. 

 

Losverfahren und wild cards – sage noch mal jemand, der Wissenschaftsrat traue sich nichts. Spannend ist, ob die Deutsche Forschungsgemeinschaft und andere öffentliche Förderorganisationen sich trauen werden, die Vorschläge aufzugreifen. Sie zumindest mal, wie Martina Brockmeier sagt, "mit einem kleinem Budget" auszuprobieren, um dann, wie der Wissenschaftsrat ebenfalls anregt, die "Experimente" systematisch auszuwerten. Damit sie es tun, brauchen wir erst einmal eine Debatte über diese halb vergrabenen mutigen Ideen des Wissenschaftsrates.

 

Brockmeier selbst hat sie bereits eröffnet heute mit ihrem Beitrag im ZEITChancen Brief, indem sie die Vorschläge von Seite 26 ganz nach vorn gezogen hat. Jetzt müssen andere ihr nur noch helfen, den nötigen Erwartungsdruck zu erzeugen. 

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Ungeliebte Lückenfüller

Stiftungen und Verbände veröffentlichen eine Bildungsstudie nach der anderen. Anstatt sie für ihr Einflussnahme zu kritisieren, sollten wir lieber die Kultusminister fragen: Warum sorgt ihr nicht selbst für die nötigen Evaluationen?

VERGANGENE WOCHE war es wieder soweit. Da verkündete die Bertelsmann-Stiftung: „Das kostet gute Ganztagsschule für alle“ und listete die Ausgabenposten auf: 2,8 Milliarden Euro pro Jahr für zusätzliches Personal, dazu 15 Milliarden Investitionen in Gebäude und Infrastruktur, immerhin nur einmal. 

 

Ein Rauschen ging durch den Blätterwald, den analogen wie den digitalen, Politiker aller Parteien gaben zu Protokoll, dass Bildung nun aber wirklich und besonders in einer eventuellen Jamaika-Koalition ganz oben auf die Agenda gehöre. 

 

So ist das meistens. Eine Stiftung, ein Verband, manchmal auch ein Unternehmen veröffentlicht eine neue Studie mit Zahlen zur bildungspolitischen Lage an Kitas, Schulen oder Hochschulen, beziffert wie zuletzt ebenfalls die Bertelsmann-Stiftung den Lehrermangel oder lässt wie die Kindermoden-Marke Jako-o Forscher untersuchen, wie Eltern von schulpflichtigen Kindern die Verteilung der Bildungschancen wahrnehmen. Und die Kultusminister beeilen sich zu versichern: Sind wir dran, wir kümmern uns. 

 

Oft vermischt sich die Entrüstung über die berichteten Missstände mit einem wachsenden Misstrauen gegenüber den Auftraggebern der Studien. Ein Medienkonzern wie Bertelsmann, heißt es dann, mache immer mehr Umsatz mit seinen Bildungsprodukten, da müsse doch ein Interessenkonflikt bestehen. Was die Stiftung regelmäßig zurückweist und die strikte Trennung der Themenfelder betont. >>



>> Das Kernproblem ist ohnehin ein anderes. Es sei ein unbefriedigender Zustand, sagte neulich der Bildungsforscher Eckhard Klieme in einem Interview, dass zentrale Bildungsfragen „eher zufällig, zersplittert und damit ineffizient“ untersucht würden. Denn ob Bertelsmann-Stiftung & Co aus Eigennutz handeln oder im Interesse der Gesellschaft: Fest steht, dass ihre Studien meist von hoher wissenschaftlicher Qualität sind und nur deshalb solche Beachtung finden, weil die Bundesländer selbst die Nachfrage nach verlässlichen, regelmäßigen und unabhängigen Evaluationen nicht befriedigen. 

 

Und hier spreche ich nicht von Bildungsstandards und der Frage, ob die Schüler sie erreichen. Hier gibt das von der Kultusministerkonferenz gegründete Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) längst die nötigen Antworten – und löst wie zuletzt vor zehn Tagen mit seinem „Bildungstrend“ auch die nötigen Debatten aus. Aber warum existiert keine öffentliche Organisation, die das Bildungssystem als Ganzes in den Blick nimmt und dann die Wirkung einzelner bildungspolitischer Maßnahmen, vom Frühenglisch bis zur Einschulung mit fünf, systematisch und bundesweit untersuchen lässt? Warum hängt unser Wissen meist davon ab, ob sich gerade eine Stiftung für dieses oder jenes Thema stark macht?  

 

Bei den Koalitionsverhandlungen wird es um viel Geld gehen, auch um Geld, das der Bund womöglich in die Schulsysteme der Länder pumpen soll. Vielleicht müsste der Bund verlangen: Nur wenn ihr im Gegenzug systematische Evaluationen einführt. Bis dahin sollten wir den Verbänden und Stiftungen dankbar sein, dass sie versuchen, die von den Kultusministern verantwortete Lücke zu füllen. 

 

Dieser Beitrag erschien heute zuerst in meiner Kolumne "Wiarda will's wissen" im Tagesspiegel.

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"Das Problem ist die Professorenmehrheit"

Warum nicht nur Hochschullehrern die Wissenschaftsfreiheit zusteht und Verfassungsrichter aufpassen müssen, in Sachen von Wissenschaft nicht von sich auf andere zu schließen. Ein Interview mit Josef Lange.

Foto: Pius-Hospital Oldenburg
Foto: Pius-Hospital Oldenburg

Herr Lange, Sie waren Mitglied einer Arbeitsgruppe, die für das Forum Hochschulräte ein Positionspapier erarbeitet hat, Überschrift: „Wissenschaftsfreiheit durch Checks und Balances“. Kritiker der Hochschulräte sagen, gerade deren Übermacht habe dafür gesorgt, dass die Machtbalance an den Hochschulen überhaupt erst aus dem Gleichgewicht geraten sei.

 

Was natürlich Unsinn ist. Wir erleben die gegenteilige Tendenz an den Hochschulen: ein Rollback, das uns zwar nicht in die Zeit vor 68 zurückführt, sehr wohl aber gefährlich nah heran an die damalige Ordinarienuniversität. Nicht starke Hochschulräte sind zurzeit das Problem, erst recht nicht starke Rektorate. Das Problem ist die Rückkehr der so genannten Professorenmehrheit, die alle Geschicke der universitären Entwicklung lenken soll. 

 

Wieso die Rückkehr? Die Verfassungsgerichtsurteile, die in den 70er Jahren die Professorenmehrheit festlegten, sind doch nie aufgehoben worden. 

 

Wir haben aber zwischenzeitlich eine Phase erlebt, in der sich die Governance der Hochschulen entsprechend den Anforderungen der Wissenschaft weiterentwickelt hatte. Das war auch die Zeit, in der die Hochschulräte entstanden, als überwiegend extern besetzte Beratungs- und Entscheidungsinstanz an den Hochschulen. 

 

Gesponsert von Stifterverband und Heinz-Nixdorf-Stiftung haben sich die Hochschulräte in besagtem Forum organisiert. Was passiert da eigentlich? 

 

Wir treffen uns, zweimal im Jahr, und sprechen über aktuelle Herausforderungen für die Hochschulen und ihre Handlungsfähigkeit. Nach dem Urteil des Verfassungsgerichtshofs Baden-Württemberg vom vergangenen Herbst hatten wir das Gefühl, es ist Zeit, einen Gegenakzent zu setzen. Gegen den Tenor des Urteils, das den Professoren noch mehr Macht zugesteht als ohnehin schon. So entstand das Papier, das wir erst in der Arbeitsgruppe erarbeitet, dann dem Forum vorgelegt und gemeinsam fertiggestellt haben.  >>


Das Forum Hochschulräte wurde 2009 von Stifterverband und Heinz-Nixdorf-Stiftung gegründet und versteht sich als Plattform zum Informations- und Meinungsaustausch für  "alle Hochschulräte aus Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft". Das neue Positionspapier ist von heute an unter diesem Link abrufbar.

Josef Lange war zuletzt Vorsitzender des Hochschulrates in Jena und stellvertretender Vorsitzender des Hochschulrates an der Universität Leipzig. Als Staatssekretär für Wissenschaft trug Lange zunächst in Berlin (2000 bis 2001) und dann in Niedersachsen (2003 bis 2013) Verantwortung. Von 1990 bis 2000 war er Generalsekretär der Hochschulrektorenkonferenz. 



>> Ist das nicht alles ein bisschen spät? Das neue Hochschulgesetz, mit dem Baden-Württembergs Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) auf den Richterspruch reagiert, ist doch schon längst durchs Kabinett

 

Schon, aber die Klage, auf die der Verfassungsgerichtshof reagiert hat, liegt auch beim Bundesverfassungsgericht. Die Stuttgarter Richter haben nur einen Teil der in der Klageschrift aufgeworfenen Fragen erledigt. Wir müssen also damit rechnen, dass Karlsruhe im nächsten Jahr einen eigenen Aufschlag zur Hochschul-Governance machen wird. Hinzu kommt, dass nicht nur Baden-Württemberg, sondern zahlreiche Länder ihre Hochschulgesetze überarbeiten. Und nicht überall kommt dabei so ein erfreuliches Ergebnis heraus, wie Theresia Bauer es vorgelegt hat. 

 

Wie lautet Ihre Kernbotschaft an die Verfassungsrichter?

 

Ganz einfach: Es darf nicht dazu kommen, dass die Hochschulen künftig nach den Vorstellungen des Deutschen Hochschulverbandes oder des Holchschullehrerbunds  nur von  der Gruppe von Professoren regiert werden, die sich auf die Professorenmehrheit im Senat berufen und nicht  realisieren, dass moderne Hochschulen – schon von der Zahl der in der und für die Wissenschaft Tätigen her – Großbetriebe sind und keine Gelehrtenakademien des 19. Jahrhunderts. 

 

Wenn man Ihr Papier liest, könnte man denken, Sie hätten tatsächlich ein argumentatives Schlupfloch entdeckt. 2014 hat das Bundesverfassungsgericht sich zur Governance der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) geäußert und eine weitreichende Stärkung der Gremien gegenüber dem Präsidium verfügt... 

 

...doch die Karlsruher Richter sprachen im Gegensatz zum Stuttgarter Verfassungsgerichtshof nicht allein von den Professoren bzw. den Hochschullehrern als den zentralen Grundrechtsträgern der Wissenschaftsfreiheit, sondern in allgemeinerer Form von „Wissenschaftlern“ und „in der Wissenschaft Tätigen“. Und das ist nur logisch. Denn die individuelle Wissenschaftsfreiheit, die das Grundgesetz garantiert, gebührt nicht nur den Professoren, sondern allen, die eigenständig und eigenverantwortlich Wissenschaft betreiben.

 

Eine Auslegung, die den Nebeneffekt hätte, dass die Gruppe der Professoren ihre Übermacht einbüßen würde.

 

Eine Auslegung, die der Realität der Wissenschaft im 21. Jahrhundert entspricht. Nehmen Sie die Juniorprofessoren, die es seit bald 15 Jahren gibt und die tatsächlich hier und da noch zum akademischen Mittelbau gezählt werden. Nehmen Sie die Nachwuchsgruppenleiter auf eigenen Stellen, die unabhängig von Professoren und finanziert zum Beispiel durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) wirken. Oder denken Sie an die eigenständigen Projektleiter von Sonderforschungsbereichen, an die „frei schwebenden“ Wissenschaftlerpositionen an Hochschulen wie der Technischen Universität München (TUM): Wollen Sie all denen sagen: Ihr seid zwar frei, über eure eigenen Inhalte und Methoden zu entscheiden, aber denkt bloß nicht, dass euch die Wissenschaftsfreiheit genauso schützt wie Hochschullehrer?  Eine solche Reduktion des Grundrechts auf die „lebenslänglichen“ Professorinnen und Professorinnen ist der modernen Wissenschaft nicht  mehr angemessen. 

 

Glauben Sie, dass das die Verfassungsrichter überzeugen wird?

 

Ich sage das ja nicht aus dem hohlen Bauch heraus, die Richter haben es selbst so formuliert in ihrer MHH-Entscheidung. Und viele Promotionsordnungen spiegeln die Gleichstellung längst wieder. In einer Promotionsordnung der Universität Oldenburg zum Beispiel heißt es: „Prüfungsberechtigt sind auch promovierte selbstständige Nachwuchsgruppenleiterinnen und Nachwuchsgruppenleiter im Rahmen einer extern begutachteten Förderung durch anerkannte Forschungs- und Forschungsförderungseinrichtungen.“ Das nochmals den  Richtern in Karlsruhe zu sagen, bevor sie entscheiden, war uns Hochschulräten ein Anliegen. 

 

Warum entscheiden Juristen dann so wie in Stuttgart geschehen?

 

Mein Vorwurf an die Adresse der Verfassungsgerichte lautet: Ihr Juristen habt vielfach offenbar nicht begriffen, dass die Genese von Wissenschaft mit Ausnahme der Jurisprudenz einen Modernisierungsschub erlebt hat. Die unzureichende Wahrnehmung der wissenschaftlichen Realität außerhalb der juristischen Fakultäten wirkt sich auf die Entscheidungen der Verwaltungs- und Verfassungsgerichte aus. Ich würde sogar noch weitergehen und kann mir eine ketzerische Anmerkung nicht ersparen: Wir haben am Bundesverfassungsgericht eine Vielzahl von Professoren. Die meisten gehen eines Tages an ihre Fakultäten zurück. Erfüllt das nicht den Tatbestand der Befangenheit? Urteilen sie nicht zum Teil in eigener Sache?  

 

Theresia Bauer will die Machtverschiebung zugunsten der Professorenmehrheit verhindern, indem sie eine Ur-Abwahl der Rektorate einführt, damit diese ansonsten ihre Kompetenzen behalten dürfen. Eine gute Idee?

 

Auf jeden Fall konstruktiver, als was sich die Thüringische Landesregierung ausgedacht hat, wo es im Senat eine Viertelparität geben soll. Bei allen Entscheidungen zu Forschung und Lehre müssen die Hochschulen künftig die Professorenmehrheit gesondert sicherstellen, indem sie den Senat mit zusätzlichen Professoren auffüllen, die aber nur bei diesen Fragen mitstimmen dürfen. Und wenn man sich nicht einig wird, welche Entscheidungen überhaupt der Professorenmehrheit unterliegen, geht das Gefeilsche los. Mit Verlaub: Die Entwicklungen in der Wissenschaft und damit die Geschicke von Hochschulen warten nicht, bis die Gremien dieses   Spiel durchexzerziert haben. Das ist weltfremd. Demgegenüber finde ich Theresia Bauers Ansatz schon „schlitzohrig“: Er nimmt den Professoren im Senat das Erpressungspotenzial gegenüber der Hochschulleitung und bezieht die Gesamtheit der Professorinnen und Professoren in das Verfahren ein.   

 

Trotzdem versucht auch Ministerin Bauer nur, den Status Quo zu retten. Die internationale Expertenkommission, die vor bald zwei Jahren die Exzellenzinitiative evaluiert hat, forderte mehr. Die Rektorate müssten dringend handlungsfähiger werden, so lautete ihr Aufruf. Ziemlich weltfremd, oder? 

 

Eher ihrer Zeit voraus, würde ich sagen. Es existieren ja bereits hoffnungsvolle Ansätze. Schon Ender der 90er Jahre gab es im damaligen bayerischen Hochschulgesetz eine Experimentierklausel,  die zuerst nur die TUM gezogen hat. Die Technische Universität München mit Präsident Wolfgang Herrmann hatte dadurch früh eine Gestaltungsfreiheit, um die andere sie beneiden. Und schauen Sie, wie gut die TUM dasteht. Die nächste Innovation in Sachen Hochschul-Governance erwarte ich übrigens in Nürnberg, wo unter der Leitung von Herrmann eine neue Universität geplant wird, begleitet von einem Gründungsausschuss, der in einer einzigartigen Weise international und hochkarätig ist. Vielleicht entwickelt sich auch in Berlin etwas im Rahmen der Verbundbewerbung in der Exzellenzstrategie, aber das kann man noch nicht richtig abschätzen. 

 

Ihre dritte von vier Empfehlungen im Positionspapier lautet: bei der Hochschul-Governance gelte es den „europäischen Kontext“ zu „berücksichtigen“. Mal ehrlich, wenn man bei solchen Forderungen ankommt, ist man ziemlich verzweifelt.

 

Die Botschaft ist, dass wir das deutsche Verständnis von Wissenschaftsfreiheit nicht absolut setzen sollten. Nirgendwo sonst gilt die Professorenmehrheit als verfassungsrechtliche Vorgabe für die Organisation von Hochschulen, auch wenn selbstverständlich weltweit die Professorinnen und Professoren in Grundsatzentscheidungen einbezogen werden. Doch auch wenn die deutschen staatsexaminierten Juristen immer nur um Deutschland kreisen, ist die Wissenschaftsfreiheit deshalb noch längst keine deutsche Erfindung. Wir müssen schon sehen, wie wir mit unserer Hochschulgovernance anschlussfähig bleiben an den europäischen Hochschul- und Forschungsraum, zu dem wir gehören – dies zeigen die Diskussionen zum Brexit überdeutlich. 

 

Am Ende Ihres Papiers fordern Sie, der „Spielraum für landesspezifische Lösungen“ müsse erhalten bleiben. Zur Abwechslung mal kein Appell an die Verfassungsrichter?

 

Genau. Wir erwarten, dass die Länder zwar einerseits die Rahmenvorgaben des Verfassungsgerichts einhalten, andererseits aber auch kreative Ideen für die Zukunft entwickeln. Die organisierte Wissenschaft muss selbstverständlich grundgesetzliche und ethische Grenzen einhalten und den Gesetzen folgen, die die Politik aufstellt, aber darin besteht nicht ihr eigentlicher Sinn. Im Gegenteil: Die Politik hat die Gesetze  so zu  gestalten, dass sie die Wissenschaft nicht unnötig einschränken.  

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Wir sehen uns in Dresden

Michael Kretschmer könnte Ministerpräsident in Sachsen werden. Eine Überraschung – und eine große Gelegenheit für die Bildungspolitik.

SO SCHNELL KANN es gehen. Kaum hatten sich für Michael Kretschmer die bundespolitischen Karrierepläne vorerst verstopft, entschloss sich Sachsens angezählter Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) zur Flucht nach vorn. Er werde sein Amt im Dezember abgeben, teilte Tillich mit – und schlug Kretschmer als seinen Nachfolger vor.

 

Dass die AfD bei der Bundestagswahl in Sachsen mit 27 Prozent stärkste Partei wurde und die CDU auf Platz zwei verwies, war ein Schock für die Partei. Drei Direktmandate wanderten ebenfalls zur AfD, eines davon: das von Kretschmer. "Ein Verlierer geht – ein Verlierer übernimmt", formulierte die Welt heute süffisant. 

 

Direkt nach dem Bundestags-Aus hatte der 42 Jahre alte Kretschmer sich in Demut geübt. Er strebe derzeit kein Ministeramt an, sagte er laut Leipziger Volkszeitung, vielmehr benötige er erstmal Zeit, um sich neu zu sortieren. Die Selbstfindungsphase fällt nun offenbar kürzer aus als gedacht. Eine auch für Kretschmer selbst überraschende Wende, zumindest überraschend schnell. 

 

Damit schließt sich auch bildungspolitisch ein Kreis. Tillich war gerade mal fünf Monate im Amt, als er im Oktober 2008 alle Ministerpräsidenten und Bundeskanzlerin Merkel zum Bildungsgipfel in Dresden empfing. Damit tritt der letzte noch amtierende Ministerpräsident zurück, der damals mit Merkel am Verhandlungstisch saß. Horst Seehofer wurde erst ein paar Tage nach Dresden vereidigt. 

 

Tillich, der Bildungsgipfel-Gastgeber von 2008, will an Kretschmer übergeben, einen der bislang profiliertesten Bildungs- und Wissenschaftspolitiker. Bleibt zu hoffen, dass Kretschmer seine in jahrelanger parlamentarischer Arbeit erworbene Expertise nicht allzu schnell vergisst. Nicht nur Sachsen, das beim IQB-Bildungstrend ordentliche Ergebnisse erzielte, aber mit einem enormen Lehrermangel zu kämpfen hat,  verlangt nach dem Rücktritt von Kultusministerin Brunhilde Kurth einem Neustart in der Schulpolitik. Auch die Bundesrepublik könnte, sobald die neue Bundesregierung steht, einen zweiten Aufbruch in die Bildungsrepublik brauchen. Wie geht es weiter  mit dem Kooperationsverbot? Was folgt auf den Hochschulpakt 2020? Und wie schaffen wir die erneute Trendwende in den Schülerleistungen bundesweit?  

 

Ein nationaler Bildungsgipfel 2018 wieder in Dresden, ein Sondertreffen der Regierungschefs mit der Kanzlerin: Das wäre doch mal ein Start für den Ministerpräsidenten Michael Kretschmer. 

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Wir brauchen eine Berliner Erklärung 2.0

Seit 14 Jahren fordern Forscher für alle den freien Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen  – mit bis heute mäßigem Erfolg, gerade in Deutschland. Dabei könnte mehr Transparenz im Rahmen von Open Science auch dem absurden Impact Factor den Garaus machen. Ein Gastkommentar von Alexander Grossmann

Open-Access-Logo der Public Library of Science
Open-Access-Logo der Public Library of Science

2003 FORDERTEN WISSENSCHAFTLER und Wissenschaftsorganisationen den ungehinderten und offenen Zugang zu wissenschaftlichen Erkenntnissen, und zwar für alle. Wo also stehen wir heute mit Open Access? Die Antwort: Leider immer noch kilometerweit hinter dem, was sich die Initiatoren einst vorgestellt haben. 

 

Hinter Open Access steht die Idee, dass Ergebnisse aus öffentlich geförderter Grundlagenforschung jedermann, jederzeit, unmittelbar nach der Veröffentlichung und kostenlos verfügbar gemacht werden sollte. Dass die neuesten Erkenntnisse der Wissenschaft nicht mehr hinter Bezahlschranken immer kostspieligerer Zeitschriften-Abonnements verborgen liegen und nur noch über einige Bibliotheken in finanzstarken Ländern zugänglich sind. „Kostenloses Wissen für Alle“, titelte die FAZ dementsprechend am 9. September 2004. Die Berliner Erklärung zu Open Access wurde am 22. Oktober 2003 von 19 Initiativmitgliedern deutscher und internationaler Forschungsorganisationen beschlossen und danach von einer Vielzahl von Institutionen weltweit unterzeichnet, in Deutschland darunter die führenden Wissenschaftseinrichtungen, wie die Helmholtz-Gemeinschaft, die Max-Planck-Gesellschaft, die Fraunhofer-Gesellschaft oder die Deutsche Forschungsgemeinschaft.

 

Diese gut gemeinte Erklärung ist nicht ins Leere gelaufen, allerdings läuft sie in eine andere Richtung als ursprünglich geplant. Spezielle Artikel-Tauschbörsen im Internet wie Academia, ResearchGate oder SciHub stellen mittlerweile Millionen von wissenschaftlichen Fachartikeln, teilweise ohne Rechtsgrundlage, frei zur Verfügung, was heftige Angriffe der Verlagsindustrie mit sich bringt. Schließlich geht es um einen 10 Milliarden-Markt weltweit jährlich, allein im Bereich der naturwissenschaftlich-medizinischen Fachveröffentlichungen. Vor wenigen Wochen wurde deshalb die mächtige internationale STM-Organisation der wissenschaftlichen Fachverlage über eine große Schweizer Anwaltskanzlei beim Berliner Unternehmen ResearchGate vorstellig; der Verlagsriese Elsevier und die American Chemical Society (ACS) haben mittlerweile in Deutschland eine Klage eingereicht. 

 

Sind Institutionen, Bibliotheken und Fachverlage mit der Umsetzung von Open Access gescheitert? Wiederholt sich das, was wir in einem anderen wichtigen Medienmarkt in den 2000er Jahren erlebt haben, nun auf dem Sektor der wissenschaftlichen Publikationen? Haben die Verantwortlichen aus der Erfahrung, wie seinerzeit ein Drittel des Umsatzes der weltweiten Musikindustrie irreparabel vernichtet wurde, nichts gelernt? 

 

Momentan geht man davon aus, dass lediglich zwischen 15 und 18 Prozent, also ein Bruchteil aller neu erscheinenden Fachartikel in der Schlussfassung weltweit sofort, also ohne Verzögerung (Embargo), legal und in vollem Umfang frei jedermann zugänglich gemacht werden. Für einen Außenstehenden mag das unverständlich wenig klingen. Hat man jedoch die Open-Access-Bewegung und ihre Entwicklung von Anfang an aus verschiedenen Perspektiven verfolgt, weiß man: Wir haben es hier mit einer komplizierten Gemengelage von verschiedenen Interessen zu tun. Einerseits die Wissenschaftler, die mit ihrer Arbeit von Kollegen wahrgenommen werden wollen. Und welche gleichzeitig mehr Prestige gewinnen wollen, indem sich beispielsweise in sehr bekannten oder weit verbreiteten Fachzeitschriften veröffentlicht werden. 

 

Um dieses Bild zu verwenden: um in Berlin von A nach B zu kommen, kann man laufen, Fahrrad fahren, den Bus oder das Auto nehmen. Fahre ich mit meinem Mercedes vor, erhalte ich von vielen Mitmenschen mehr Aufmerksamkeit. Fahre ich Fahrrad, schütteln dieselben Mitmenschen vielleicht den Kopf und denken, der arme Kerl, kann er sich kein Auto leisten. So ähnlich ist es in der Wissenschaft und erklärt, warum ein Forscher lieber in Nature oder Science veröffentlicht, als in einem, sagen wir, indischen Journal für Physik. Schließlich spielt jeder von uns Forschern doch lieber in der Champions League als in der Kreisklasse, wenn das möglich wäre. 

 

Ich möchte dieses Bild allerdings etwas einschränken, denn es geht den Forschern nicht nur um gefühltes Prestige. Seit Jahren hängt ihre berufliche Zukunft zunehmend davon ab, wieviel und wo sie veröffentlichen. Danach werden Jahr für Jahr beispielsweise die Mittelzuweisungen berechnet, davon hängt der Zuschlag für ein neues Förderprojekt mit ab. Die Publikationsleistung entscheidet, ob man auf eine begehrte neue Stelle berufen wird oder nicht. Es geht also um existenzielle Fragen, um den eigenen Job und die Stellen der Mitarbeiter, weniger um persönliche Eitelkeit.

 

Wie absurd das Ganze ist, fiel mir vor knapp 20 Jahren auf, als ich erstmals in einer Berufungskommission saß. Absurd, weil man schon damals als wesentliches Kriterium für die Berufungsentscheidung eine Strichliste abfasste, die unterteilt war in die Zahl der Veröffentlichungen in „A- und B-Journals“ sowie „andere“. Was sagt das über den Bewerber oder die Bewerberin aus? Was sagt das über die Qualität der Forschung aus? Was sagt das darüber aus, wie andere Kollegen diese Arbeiten einschätzen? Wenig. Oder eher nichts. Absolut nichts! 

 

Soweit ich es beurteilen kann und aus Gesprächen mit etlichen Kollegen und Forschern erfahre, hat sich an diesem zweifelhaften Prinzip vor allem bei Stellenbesetzungen hierzulande wenig geändert. Nur dass man heute keine Strichliste mehr macht, sondern eine Excel-Tabelle anlegt. Das klingt sarkastisch, formuliert aber den Kern des Problems. Inzwischen hat man lediglich einige Verfeinerungen eingebaut: Man berücksichtigt nur noch die Arbeiten der letzten fünf Jahre oder man lässt den Bewerber die wichtigsten fünf Arbeiten auswählen. Oder man rechnet sogenannte „Impact-Points“ aus, wie ich es neulich in einer Ausschreibung der Charité gelesen habe. Besser wird durch diese Verfeinerungen nicht. Man festigt nur ein pervertiertes System.

 

Dazu muss man wissen, dass der sogenannte „Journal Impact Factor“ ein rechnerisches Konstrukt aus den Fünfziger Jahren ist, ursprünglich dafür bestimmt zu ermitteln, wie viele Zitate alle in einem bestimmten Jahr veröffentlichten Artikel in einer Fachzeitschrift in einem Zeitraum von zwei darauffolgenden Jahren erhalten haben. Je höher die Zahl, desto mehr Zitate – im Durchschnitt – hat ein Beitrag in dieser Zeitschrift erhalten. Und je größer der Impact Factor, desto mehr Prestige, und desto eher spielt man in der Champions League. Klingt kompliziert, die Formel an sich ist aber ganz einfach. Nur dass die meisten Wissenschaftler sie nicht richtig verstehen. 

 

Viele gehen davon aus, dass ein großer Impact Factor automatisch viele Zitate für jeden Beitrag in dieser Zeitschrift bedeutet. Das ist falsch, da es sich ja um einen Durchschnittswert handelt, der möglicherweise über hunderte oder manchmal tausende von einzelnen Fachartikeln gemittelt wurde, die in einem Jahr in dieser Zeitschrift erschienen sind. Man kann anhand von Auswertungen einzelner Top-Zeitschriften belegen, dass nur ganz wenige Artikel wirklich häufig zitiert wurden, während die Mehrheit eher unter dem Durchschnitt lag. Fast zehn Prozent wurden sogar nur ein einziges Mal oder gar nicht zitiert, obwohl sie in einer der renommiertesten Fachzeitschriften weltweit erschienen waren, deren Impact Factor doch so hoch ist. Ich könnte also fünf Beiträge in einem dieser Champions-League-Journals haben, und kaum ein Kollege hat diesen Beitrag so relevant gefunden, dass er ihn zitiert hat. Dennoch bin ich auf der Strichliste der Berufungskommission ganz oben. 

 

Warum setzt sich der Glaube an den Impact Factor dann überhaupt so ungebrochen fort? Ich vermute: Weil die wenigsten Wissenschaftler die Zeit haben, sich wirklich damit zu beschäftigen, und würden sie ihre Zweifel äußern, hätten sie die Verlage und diejenigen Bibliotheken gegen sich, die den Impact Factor seit Jahren als wichtiges, vermeintlich objektives Instrument protegieren. Insofern mache ich meinen Forscherkollegen auch keinen Vorwurf, dass sie sich nicht öffentlich exponieren. Doch zumindest in den Gremien der eigenen Hochschule oder Forschungseinrichtung sollten all jene, die erkannt haben, dass es so nicht weitergehen kann, dafür eintreten, dass wir alternative Möglichkeiten zur Bewertung und Evaluierung von Forschung und Forschern nutzen. 

 

Möglichkeiten, die es ebenfalls seit Jahren gibt. Heute kann ich für fast jeden Beitrag, der in einer Fachzeitschrift erschienen ist, relativ genau sagen, wie oft dieser Artikel von anderen Wissenschaftlern zitiert wurde: einmal oder 500mal in einem Jahr. Auf Google Scholar beispielsweise finde ich diese Information sofort. Oder ich sehe mir die Häufigkeit an, mit der ein bestimmter Fachartikel in sozialen Netzen erwähnt oder in Blogs diskutiert wurde. Das nennt man alternative Metriken oder englisch Altmetrics. Ein Beispiel: Auf ScienceOpen, dem Netzwerk, das ich 2013 zusammen mit meinem Partner Tibor Tscheke aus Boston als Berliner Start-Up gegründet habe, haben wir für derzeit 34 Millionen Artikel sowohl die Zahl der Zitate, als auch diese Altmetrics-Angabe für jeden Artikel tagesaktuell verfügbar. Offen, frei und kostenlos. Ein Forscher irgendwo auf der Welt kann hier also die Verknüpfung neuester wissenschaftlicher Ergebnisse mit anderen Fachartikeln überprüfen und damit den Impact, also die wissenschaftliche Relevanz von Forschung individuell und im Kontext bestimmen.

 

Womit wir bei Open Science angelangt sind, wie es auf EU-Ebene seit jüngster Zeit massiv vorangetrieben wird. Open Science besteht aus einer ganzen Reihe von Bausteinen, von denen ich nur einige nennen konnte: Open Access, Altmetrics, transparente Kriterien zur Bewertung von Forschung. Aber auch offene Forschungsdaten oder Open Data sind unmittelbar verknüpft mit der zunehmenden Forderung nach mehr Transparenz in der Wissenschaft. Forschungsergebnisse können nur dann sofort leicht nachgeprüft werden, wenn die zugrundeliegenden Messdaten verfügbar gemacht werden. Offen verfügbar gemacht werden, genauso wie der Fachartikel selbst. Doch was Open Data angeht, ist der Rückstand sogar noch größer als bei Open Access. 

 

Was kann die Politik, was können die Institute selbst machen, um Forscher bei Open Science zu unterstützen? Ein erster Schritt ist sicherlich eine Vorgabe oder Richtlinie, also eine Strategie, die Open Science ganz klar als Ziel vorschreibt. Man muss nicht allzu tief in die Materie eintauchen, um festzustellen, dass in anderen Ländern in Europa, zum Beispiel in Holland oder der Schweiz, von der Politik viel ehrgeizigere Vorgaben gemacht wurden und in konkrete Open-Access-Strategien umgesetzt wurde. Im Gegensatz zu Berlin sollen in Holland oder in der Schweiz zum Beispiel bis Ende dieses Jahrzehntes alle neuen Veröffentlichungen sofort, also unmittelbar offen und frei allen Lesern zugänglich gemacht werden. 

 

In jedem Fall ist es gut, dass wir auch hierzulande immer mehr von diesen Strategien haben, wenn auch oft noch zu zaghaft oder zu unverbindlich. Wenn die Bundesrepublik, die erklärtermaßen auf digitale Technologien setzt, nicht noch weiter zurückfallen will, müssen wir jetzt dringend die Umsetzung einer Open-Access-Strategie 2.0 anzugehen. Die Zeit des darüber Redens läuft ab. 

 

Alexander Grossmann ist Professor für Verlagsmanagement und Studiendekan für Buch- und Medienproduktion an der HTWK in Leipzig. Kontakt über Linkedin oder ORCID. Sein Text wurde unter der Creative-Commons-Lizenz CC-BY 4.0 veröffentlicht. Die freie Nutzung, Weitergabe und Verwendung des Textes, auch in Auszügen, ist jederzeit möglich, wenn der Urheber genannt wird. Das Open Access Logo stammt aus der PLoS und wurde in der vorliegenden Version angepasst von den Wikipedia-Nutzern Nina, Beao und JakobVoss, CC0 1.0.

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Das Geld ist doch da

Die Steuern steigen und die Hochschulen kommen trotzdem zu kurz. Warum wir dringend mehr Mut in der Hochschulfinanzierung brauchen. Und mehr Fantasie.

MAN KENNT DAS ARGUMENT. Die Hochschulen seien unterfinanziert, wie schlimm, beginnt es. Aber deshalb Studiengebühren einführen? Auf keinen Fall! Ausfinanzierte Hochschulen seien schließlich eine Kernaufgabe des Staates. Die Schlussfolgerung: Erhöhen wir die Steuern, dann können wir die Hochschulen sanieren. 

 

Es gibt mit dem Argument nur ein Problem. Bislang hat es noch nie so funktioniert. Allein zwischen 2010 und 2014 stiegen die Steuereinnahmen von Bund und Ländern um gut 20 Prozent, das entspricht 89,2 Milliarden Euro zusätzlich pro Jahr. Trotzdem mussten sich die Hochschulen mit neun Prozent Budgetplus begnügen. Immerhin, könnte man denken – wären die Studentenzahlen im selben Zeitraum nicht sogar um 23 Prozent geklettert, was am Ende zu einem Minus bei den Ausgaben pro Student um 11 Prozent führte. Trotz aller laufenden Bundesprogramme. Laut OECD investierte Deutschland 2014 nur 17.180 Dollar pro Kopf, Tendenz fallend, die Vereinigten Staaten knapp 29.300, Großbritannien 24.500 Dollar – Tendenz steigend. Zwischen 2014 und 2016 sind die Steuereinahmen von Bund und Ländern übrigens um weitere 52 Milliarden hochgerauscht, und doch sieht es derzeit so aus, als könnte es für die Hochschulen in den nächsten Jahren eher enger werden. >>



>> Warum es so aussieht, habe ich neulich in meinem Kommentar „Jamaika und die Bildung“ aufgeschrieben. Kurz gefasst gerät die Wissenschaft auf Bundesebene gleich in mehrere Verteilungskämpfe. Innerhalb des BMBFs, weil die Prioritäten sich Richtung Schule verschieben und ein Einstieg des Bundes in die Schulfinanzierung extrem kostspielig wäre. Gleichzeitig könnte selbst bei grüner Regierungsbeteiligung der Verteidigungshaushalt rapide wachsen – auch auf Kosten der über Jahre so dynamischen Entwicklung des BMBF-Budgets. Dass die Hochschulen im innerwissenschaftlichen Verteilungskampf mit der außeruniversitären Forschung derzeit die besseren Karten zu haben scheinen, dürfte den Effekt immerhin abmildern. 

 

Die nächsten Jahre werden also ungemütlicher für Wissenschaft und Hochschulen. Hinzu kommt eine forschungspolitische Forderung, die seit Jahren erhoben wird, zurzeit aber wieder einmal ganz besonders en vogue ist und den Fiskus Milliarden kosten könnte: die Einführung einer steuerlichen Forschungsförderung zugunsten der Unternehmen. Ob sich die Wissenschaftsorganisationen, die erst vergangene Woche einen entsprechenden Appell mitunterschrieben haben, darüber im Klaren sind, welche Folgen das für sie haben könnte? Steuerliche Forschungsförderung, könnte der oder die Nachfolgerin von Noch-Finanzminister Wolfgang Schäuble denken, die kommt doch der Wissenschaft zugute, also holen wir uns einen Teil davon auch beim BMBF wieder.  

 

Ich komme zum dem eingangs erwähnten Argument zurück, das sich in der Vergangenheit vor allem bei den Linken sowie in Teilen der SPD, der Grünen und der Union großer Beliebtheit erfreute: Erhöhen wir die Steuern, dann können wir die Hochschulen sanieren. Keine Frage, theoretisch eine bestechend einfache und klare Idee. Kaum eine Steuererhöhung ließe sich ethisch besser begründen als eine für Investitionen in Bildung und Forschung.

 

Im Zusammenhang mit der Hochschulfinanzierung aber hat sich das Argument schon seit vielen Jahren als unpräzise, teilweise sogar als eine Ausflucht erwiesen. Genauso wie seine Variante, die Politik müsse halt endlich mal ihre budgetären Prioritäten in Ordnung bringen. Ist schon richtig. Die Erfahrung lehrt indes, dass sie es trotz aller Sonntagsreden vor allem in den Ländern nie wirklich getan hat und viele Wissenschaftsminister am Kabinettstisch nicht gerade die dicksten Muskeln zur Schau stellen können. >>



>> Eigentlich wissen das auch alle, die Verantwortung tragen in der Wissenschafts- und Bildungspolitik. Trotzdem wiederholten die meisten von ihnen über Jahre hinweg gebetsmühlenartig das Steuer- und Prioritätenargument. Und alles, was den Landespolitikern sonst noch zum Thema Hochschulfinanzierung einfiel, erschöpfte sich in der an sich ja ebenfalls richtigen, aber eben längst nicht ausreichenden Forderung nach mehr Bundesmitteln. Was bislang nur einfallslos war, tendiert angesichts der beschriebenen finanzpolitischen Ausgangslage für die kommenden Jahre ins Fahrlässige. Erst recht, wenn gleichzeitig Milliarden von Euro für die Hochschulen in erreichbarer Nähe lägen.

 

Ja, ich rede von Studiengebühren. Aber nicht so, wie sie beim ersten hoffnungslos vergeigten Versuch ihrer Einführung gemacht wurden. Damit sie im zweiten Anlauf funktionieren, müssen sie so gestaltet werden, dass kein Studienanfänger Sorge haben muss, am Ende mit unbezahlbaren Schulden dazustehen. Das geht. Wie das gehen könnte, habe ich vor gut anderthalb Jahren einmal ausführlich in einem Artikel für brand eins aufgeschrieben. 

 

Als einzige Partei hatte die FDP die Forderung nach „nachgelagerten Studienbeiträgen“ in ihr Programm zur Bundestagswahl aufgenommen. Ein wenig verstohlen allerdings, zumal seit der Wahl kaum einer mehr von ihnen redet. Und das im FDP-Programm formulierte Prinzip, die Hochschulen sollten Beiträge „erheben dürfen“ deutet daraufhin, dass die Liberalen gern die Entscheidung über die Einführung den einzelnen Standorten überlassen möchte. Was eigentlich schon das Ende der Idee bedeuten würde – weniger, weil es nicht genügend Rektoren gäbe, die in ihren Hochschulen für das Modell zu streiten bereit wären, sondern weil, siehe die Berechnungen in meinem brand eins – Artikel, die Voraussetzung für wirklich sozialverträgliche, nachgelagerte Studiengebühren massive staatliche Zuschüsse nötig wären. Ohne sie hat das Modell – zu Recht! – keine wirkliche Realisierungschance.

 

Wenn die Unterfinanzierung der Hochschulen nun so drängend ist, die gesamtstaatliche Prioritätensetzung für die Hochschulen aber bislang nie richtig geklappt hat und die Verteilungskämpfe in den kommenden Jahren absehbar noch härter werden, wie lässt es sich da rechtfertigen, das Thema weiter links liegen zu lassen? Wie lässt es sich noch rechtfertigen, dass  Bund und Länder gar nicht erst einsteigen in eine Debatte, wie sich möglicherweise viele Milliarden Euro zusätzlich für die Hochschulen sichern ließen – von Menschen, die für ihr Hochschulbildung einen Beitrag zahlen könnten und sollten.

 

Die gute Nachricht ist, dass viele Wissenschaftspolitiker (übrigens aller Parteien!) längst wissen, welche Stunde geschlagen hat, und in den Startlöchern stehen. Die nächsten Monate dürften also spannend werden. Angefangen – hoffentlich – mit den Koalitionsverhandlungen.

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Wer wird's? Chefin/in fürs BMBF gesucht

Die Grünen haben ihre Ambitionen auf das Ressort offenbar schon aufgegeben. Dabei bezeichnen auch sie Bildung und Forschung gern als die Zukunftsthemen. Der Union ist ihr Favorit auf die Nachfolge von Johanna Wanka durch den Verlust seines Bundestagsmandats abhanden gekommen. Allein die FDP scheint an ihren Plänen, das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) zu übernehmen und möglicherweise sogar auszubauen, festzuhalten. 

 

Die Grünen haben mit der baden-württembergischen Wissenschaftsministerin Theresia Bauer die womöglich bundesweit profilierteste Fachpolitikerin in ihren Reihen. Doch parteiinterne Hierarchien und der parteiübergreifend übliche Regionalproporz schmälern Bauers Chancen auf das BMBF erheblich. Die beiden – fachfremden – Spitzenkandidaten Cem Özdemir und Katrin Göring-Eckardt gelten als gesetzt für zwei der wahrscheinlich drei grünen Ministerien, und mit Özdemir ginge dann schon ein Ressort an den baden-württembergischen Landesverband. Eine Alternative zu Bauer wäre womöglich der aus Nordrhein-Westfalen stammende Kai Gehring, bislang Sprecher für Hochschule und Wissenschaft. Doch dafür müsste es den Grünen erstmal richtig nach dem Ressort verlangen.

 

In der CDU wird Michael Kretschmer weiter als großes Talent gehandelt. Der Mann aus Sachsen war Vize-Vorsitzender der CDU-/CSU-Bundestagsfraktion, unter anderem für Bildung und Forschung zuständig, und galt parteiübergreifend als kenntnisreich und verbindlich. Doch der Verlust seines Bundestagsmandats an die AfD hat ihn – zumindest vorübergehend – so weit geschwächt in seinem Landesverband, dass ein Bundesminister ohne Bundestagsmandat derzeit kaum vermittelbar wäre. 

 

Kundige Alternativen stünden zwar  bereit, der bisherige Obmann der CDU-CSU-Fraktion im Ausschuss für Bildung und Forschung, Stefan Kaufmann etwa, doch wird spekuliert, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel längst andere

Pläne haben könnte. Die finanzpolitische Großwetterlage deutet auf geringere Zuwächse für das BMBF hin, insofern böte sich doch eigentlich an, das Ministerium abzugeben. Zumal die FDP unbedingt zu wollen scheint. Spitzenkandidat Christian Lindner hatte den Wahlkampf der Liberalen zu einem guten Teil auf dem Thema Bildung aufgebaut und beim Thema Kooperationsverbot demonstrativ die rot-rot-grüne Position („Weg damit!“) unterstützt.

 

Allerdings hat Andreas Pinkwart, der FDP-Experte für Bildung und Wissenschaft schlechthin, signalisiert, dass er auf jeden Fall Wirtschaftsminister in Nordrhein-Westfalen bleiben möchte. Für den Fall, dass er seine Meinung nicht ändert, kursieren in der Partei zwei Namen als mögliche Ressortchefinnen: Zum einen die FDP-Generalsekretärin Nicola Beer, die sogar schon einmal anderthalb Jahre hessische Kultusministerin und zuletzt hochschulpolitische Sprecherin im Landtag war. 

 

Zum anderen ist da die PR-Beraterin Katja Suding, die stellvertretende Chefin der Bundespartei ist, dazu Fraktionschefin in der Hamburger Bürgerschaft und äußert beliebt: Ihren Bürgerschafts-Wahlkreis Blankenese hat sie, extrem ungewöhnlich für eine FDP-Politikerin, zweimal direkt gewonnen. Doch auch wenn Suding vor der Wahl viel über Bildung ("die soziale Frage schlechthin") sprach: Ihre politische Erfahrung bei den Themen Schule und Hochschule gilt als gering.

 

Die liberalen Bildungsambitionen scheinen sich unterdessen neben der Schule vor allem auf das Feld der Digitalisierung zu erstrecken. Ein eigenes Digitalministerium, das die Querschnittsaufgabe unter einem Dach vereinen soll, könnte unter dem Dach des bisherigen BMBF untergebracht werden oder – alternativ und Pinkwarts Schema in NRW folgend – im Wirtschaftsministerium. Die Intensität, mit der auch in der FDP über die Abschaffung des Kooperationsverbots, mehr Bundesengagement in den Schulen und die Digitalisierung gesprochen wird, verheißt denn auch – bei aller Dringlichkeit dieser Themen – wenig Gutes für die Wissenschaft.  



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Runter geht's

Der "IQB-Bildungstrend 2016" bestätigt die befürchtete Trendwende bei den Schülerleistungen. Die Suche nach den Ursachen ist allerdings komplexer, als sie auf den ersten Blick aussehen mag.

Foto: HolgersFotografie/Pixabay

ES MUSS SUSANNE EISENMANN wie ein schlechter Witz vorkommen. Seit die frühere Stuttgarter Schulbürgermeisterin im Mai 2016 das baden-württembergische Kultusministerium übernommen hat, darf sie immerzu miese Nachrichten entgegennehmen. „Baden-Württemberg schmiert ab“, titelte Spiegel Online im Oktober 2016, als das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen den „IQB-Bildungstrend 2015“ veröffentlichte. Damals hatten die Forscher sich die Neuntklässler vorgenommen, und während ihre Leistungen bundesweit in Englisch stiegen und in Deutsch stagnierten, ging es für den Südwesten in beiden Fächern deutlich bergab.

 

Dieses Jahr ist die CDU-Politikerin Eisenmann zudem Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK), und so musste sie auch noch das Vorwort zum „IQB-Bildungstrend 2016“ schreiben, den KMK und IQB heute Vormittag präsentiert haben. Antreten zu den repräsentativen Leistungstests mussten diesmal mehr als 29.000 Schülerinnen und Schüler der 4. Jahrgangsstufe aus ganz Deutschland. Geprüft wurden sie in Deutsch und Mathematik, und wieder: Die baden-württembergischen Viertklässler haben sich fast durchgängig verschlechtert im Vergleich zu den Viertklässlern fünf Jahre zuvor.

 

Wenn Eisenmann eine Zynikerin wäre, und das ist sie nicht, könnte sie sich immerhin damit trösten, dass Baden-Württemberg anders als im Vorjahr diesmal nur der allgemeinen Richtung folgt. Dass etwas im Busch ist, ließ sich bereits nach den deutschlandweit durchwachsenen IQB-Ergebnisse im Oktober 2016 vermuten. Der Verdacht bekam Nahrung durch die im November 2016 veröffentlichte Tims-Grundschulstudie (Stagnation) und nur eine Woche danach noch einmal durch die Ergebnisse von Pisa 2015 (ein leichter, statistisch aber noch nicht signifikanter Leistungsabfall). Die aktuellen IQB-Zahlen bestätigen jetzt: Nach einem guten Jahrzehnt steigender Leistungskurven sind Deutschlands Schulen, zumindest mal Deutschlands Grundschulen, mit einer Trendumkehr konfrontiert. Sowohl in Deutsch als auch in Mathe zeigen die Schüler deutlich schwächere Leistungen als vor fünf Jahren, im Lesen noch am wenigsten, in Orthografie ist der Rückgang am größten. Um allerdings zu großer Schwarzmalerei vorzubeugen: „Niederschmetternd“ sind die heutigen Ergebnisse deshalb auch nicht. Dazu später mehr.

 

Zunächst noch ein paar Fakten. Die deutschen Viertklässler des Jahres 2016 konnten statistisch signifikant schlechter schreiben als ihre Vorgänger 2011. Der Anteil der Schüler, die in Orthografie den sogenannten Regelstandard erreichen, ist um zehn Prozentpunkte auf nur noch 54 Prozent gefallen. Das heißt: Knapp jeder zweite Viertklässler erreicht nicht die Schreibkompetenz, die Schüler am Ende der vierten Klasse eigentlich im Schnitt haben sollten. Auch zuhören können die Grundschüler schlechter als früher, allein mit dem Lesen klappt es noch ähnlich gut. Und genau dort, beim Lesen, versteckt sich eine der guten Nachrichten, auf die IQB-Direktorin Petra Stanat Wert legt: Nur noch 12,5 Prozent der Schüler verfehlen hier den sogenannten Mindeststandard, im Umkehrschluss erreichen also 87,5 Prozent das grundlegende Klassenziel. „Dieser Wert sollte zwar bei Null liegen“, sagt Stanat, doch sei dieser Wert „weitaus weniger dramatisch“ als etwa bei der ersten Pisastudie im Jahr 2000, als fast ein Viertel der Schüler unter dem Mindeststandard lag.

 

Bedenklich fallen die Ergebnisse allerdings auch in Mathe aus: 62 Prozent der Schüler erreichen den Regelstandard, sechs Prozentpunkte weniger als 2011.

 

Selbst in Bayern muss man die Aufwärtsbewegungen mit der Lupe suchen; fast überall und in allen Ländern fällt der Vergleich zu 2011, wenn auch in unterschiedlicher Stärke und an unterschiedlicher Stelle, negativ aus. Signifikant schwächere Durchschnittswerte in beiden Fächern und damit eine durchgängige Verschlechterung melden die Forscher für Bremen, Sachsen-Anhalt und Thüringen.

 

Kein einziges Land konnte die durchschnittlichen Leistungen seiner Schüler steigern. Lediglich in einer einzigen Dimension schneiden zwei Bundesländer bei den Standards signifikant besser ab, und zwar beim Lesen: Hamburg (dort mehr erreichen den Regelstandard) und Schleswig-Holstein (weniger verfehlen den Mindeststandard). Die Liste der Länder, die sich hier oder da verschlechtert haben, ist dagegen zu lang, um sie hier im Einzelnen aufzuführen. 

 

Das IQB gibt sich große Mühe, einen Ländervergleich in Form von Bundesligatabellen zu erschweren, und sortiert in seinen Grafiken Bayern bis Thüringen konsequent alphabetisch. Doch klar ist, wie die Forscher selbst hervorheben, dass es nur Bayern und mit Abstrichen Sachsen gelingt, sich positiv von den übrigen Bundesländer abzuheben. Am Ende der Skala befinden sich Bremen und Berlin, wo, Zitat IQB-Studie, „in allen Kompetenzbereichen die Regelstandards seltener erreicht oder übertroffen und die Mindeststandards häufiger verfehlt (werden), als dies deutschlandweit der Fall ist“. 

 

Bei den übrigen Bundesländern fällt die Bilanz wiederum gemischter aus. Saarlands Viertklässler sind vergleichsweise stark in der Rechtschreibung, die Schleswig-Holsteiner können im Schnitt ordentlich lesen und zuhören. Die Hamburger haben einen relativ hohen Anteil von Schülern mit besonders gutem Hörverstehen. In Mathe steht Sachsen-Anhalt recht gut da.

 

Eisenmanns Kommentar klang denn auch ein wenig wie das sprichwörtliche Pfeifen im Wald: "Die Länder werden die große Stärke des Bildungsföderalismus nutzen, im Wettbewerb der Ideen voneinander zu lernen." Während Baden-Württembergs Kultusministerin bei der heutigen Pressekonferenz also auf die Zukunft vertrösten musste, konnte sich ihr SPD-Kollege Ties Rabe aus Hamburg, siehe oben, auch ein Stückweit in der Gegenwart sonnen. Denn  dort setzt sich ebenfalls ein Trend fort, wie Petra Stanat sagte. Es sei „bemerkenswert, wie gut Hamburg sich insgesamt entwickelt hat.“ Inzwischen setze sich die Hanse-Metropole deutlich von den anderen beiden Stadtstaaten ab. Dies weise darauf hin, „dass die die Etablierung eines Systems der Qualitätsentwicklung, bei dem Schulen regelmäßig Rückmeldungen über Leistungen ihrer Schüler erhalten und bei der Interpretation dieser Ergebnisse unterstützt werden, Früchte getragen hat.“

 

So stellt der „Bildungstrend 2016“ weiter die vertrauten Hackordnungen des Bildungssystems in Frage, zählt doch neben Hamburg erneut Schleswig-Holstein zu den wenigen Ländern, die wirklich auch positive Nachrichten zum Verkaufen haben. Dass ausgerechnet in Norddeutschland gegen den Deutschlandtrend mehr Kinder die erwarteten Standards im Lesen erreichen, ist längst kein überraschender Ausreißer mehr. Schleswig-Holsteins Förderprogramm „Lesen macht stark“ hat Susanne Eisenmann schon nach den 2015er Ergebnissen zum nachahmenswerten Vorbild erklärt.

 

Zurückhaltender sollten Eisenmann und ihre Kollegen dagegen an anderer Stelle sein, wenn sie die die IQB-Zahlen interpretieren. Die Methode „Schreiben nach Gehör“, bei der die Grundschüler erst einmal drauflosschreiben dürfen, ohne sich um Orthografieregeln kümmern zu müssen, ist arg in Verruf geraten in den vergangenen Jahren. Auch Eisenmann schimpft gern auf sie. Doch liefern die heute veröffentlichten keine klaren Belege für ihre Position, da die Methode zum Beispiel auch an Schulen in Schleswig-Holstein und Hamburg praktiziert wird. Doch auch wenn die Suche nach den Ursachen der deutschen Rechtschreibschwäche komplexer sein mag, mahnt Stanat, die Debatte nicht zu verschleppen: „Man wird darüber sprechen müssen, wie orthografische Kompetenzen besser gefördert werden können, ohne dass dies zum Selbstzweck wird."

 

Warum aber sind insgesamt enttäuschenden Ergebnisse des IQB-Bildungstrends am Ende doch nicht so niederschmetternd? Weil man sie im Zusammenhang sehen muss. Das, was die Bildungsforscher als „Heterogenität“ bezeichnet, also die Vielfalt an den Schulen, hat merklich zugenommen in den vergangenen fünf Jahren. Das ist normal in einer offenen Gesellschaft, und wer im gleichen Atemzug von „Heterogenität“ und „Problem“ spricht, sollte bei seiner Wortwahl aufpassen. Doch so sehr wachsende Vielfalt einen Gewinn für die Gesellschaft als Ganzes darstellt, so herausfordernd ist es für die Schulen, alle Kinder unabhängig von ihrer Herkunft und ihren Lebensumständen zum schulischen Erfolg zu führen.

 

So ist der Anteil der Viertklässler mit mindestens einem Elternteil, das im Ausland geboren ist, zwischen 2011 und 2016 deutschlandweit um neun Prozentpunkte auf 34 Prozent gestiegen. Und in dieser Steigerung sind die hunderttausenden seit Ende 2015 nach Deutschland geflüchteten Kinder noch nicht einmal enthalten, da vom IQB nur Kinder getestet werden, die bereits seit mehr als einem Jahr in deutscher Sprache unterrichtet werden. Auch besuchen heute deutlich mehr Kinder mit sogenanntem sonderpädagogischen Förderbedarf eine allgemeine Schule als noch 2011. Die zunehmende Migration und Inklusion, sagt IQB-Chefin Stanat, erklärten zwar nicht „die ungünstigen Entwicklungen“, zeige aber doch, „dass die Optimierung des Umgangs mit Heterogenität eine besonders wichtige Zukunftsaufgabe ist.“ 

 

Der Bildungsexperte Axel Plünnecke vom IW Köln kommentierte dagegen auf Twitter: "Keine signifikante Veränderung bei Migranten und Nichtmigranten von 2011 zu 2016, aber Änderung der Schülerstruktur."

 

Zum IQB-Bildungstrend gehörte auch eine repräsentative Befragung unter Lehrern, und diese berichteten von einem hohen Fortbildungsbedarf, aber auch von einer hohen Bereitschaft, sich vor allen in den Bereichen „Inklusion“ und „Binnendifferenzierung/individuelle Förderung“ weiterqualifizieren zu wollen. Die Motivation der Lehrer ist somit eine der wirklich erfreulichen Nachrichten des heutigen Tages. Weniger erfreulich ist, dass der Zusammenhang zwischen der sozialen Herkunft und den Schülerleistungen in den vergangenen Jahren im Schnitt nicht verringert hat. 

 

Klar ist: Wenn es heute an die Interpretation der Ergebnisse geht, wird ein Satz selten fehlen. Und zwar der, dass parallel zum Negativtrend bei den Schülerleistungen der Lehrermangel gerade in den Grundschulen drastische Dimensionen angenommen hat. Das Ausmaß, in dem die meisten Kultusministerien danebengelegen haben mit ihren Prognosen zu den künftigen Schülerzahlen, ist von einer kaum noch zu steigernden politischen Brisanz – zumal die Abhilfe jahrelang dauern wird. Das weiß auch die Kultusministerkonferenz (KMK) und hat am Vortag der IQB-Veröffentlichung demonstrativ einen Maßnahmenkatalog zum Umgang mit dem „Thema Lehrkräftebedarf“ beschlossen. Die Beschwichtigung wird indes wenig helfen, konstatierte die KMK doch in ihrer begleitenden Pressemitteilung gestern selbst, es sei zu erwarten, dass ich die Situation zunächst noch verschärfen werde.  

 

Umso frappierender, dass gerade die IQB-Ergebnisse nicht herhalten können als Beispiel für die erschreckenden Folgen des Lehrermangels. Zwar erreicht der Anteil der Grundschullehrer, die das von ihnen unterrichtete Fach weder studiert noch als Schwerpunkt im Studium hatten, in Mathe 31 Prozent und in Deutsch immerhin noch 19 Prozent. In Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und im Saarland liegen die Werte für Mathe sogar noch höher. Doch: Schüler, deren Lehrer fachfremd unterrichten, konnten deshalb im Schnitt nicht schlechter lesen, schreiben, zuhören oder rechnen. Freilich weisen das IQB daraufhin, dass Analysen für die Sekundarstufe I zu anderen Ergebnissen gekommen sind. Wie gesagt: So plakativ die Debatte in den nächsten Tagen ausfallen dürfte, so komplex sind die Hintergründe der Verschlechterung tatsächlich. 

 

Einer hatte die Entwicklung übrigens schon vor sechs Jahren vorausgesehen: Jürgen Baumert, der die erste Pisa-Studie für Deutschland koordinierte und als Nestor der Bildungsforschung gilt. 2011 prognostizierte er im ZEIT-Interview, Deutschland könne die erreichten Verbesserungen verspielen, wenn es „in den nächsten Jahren nicht gelingt, die Gruppe derjenigen deutlich zu verkleinern, die die Mindestvoraussetzungen für das Erlernen eines zukunftsfähigen Berufs nicht erfüllen.“ Der Anteil der Zuwanderer aus sozial schwächeren Verhältnissen werde steigen. „Der Zusammenhang zwischen Herkunft und Bildungserfolg wird dann zu einem nicht tolerierbaren Problem, wenn die für gesellschaftliche Teilhabe notwendigen Grundkompetenzen nicht erworben werden“, warnte Baumert. Das Gutachten, auf das er sich im damaligen Interview bezog, hatte eine Kultusministerin in Auftrag gegeben. Aus Baden-Württemberg. 

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So könnte es gehen

Wie Deutschlands Universitäten den Sprung aus der Lehrstuhl-Erstarrung schaffen könnten: Die Junge Akademie veröffentlicht ein lesenswertes Plädoyer für den Siegeszug der Department-Struktur.

Abbildung: Junge Akademie

DIE TRAUEN SICH WAS. Fünf Mitglieder der Jungen Akademie nehmen es mit der geballten Macht der deutschen Lehrstuhlinhaber auf. In ihrem Papier, das heute veröffentlicht wird, fordern sie erneut "die Schaffung einer modernen Departmentstruktur" oder griffiger: "Departments statt Lehrstühle!" Man kann sich das Augenrollen der arrivierten Hochschullehrer vorstellen, ihre verschränkten Arme, ihr Achselzucken, bevor sie antworten: "Das lassen wir mal lieber. Ist doch alles gut, wie es läuft."

 

Ist es eben nicht. Oder zumindest nur für eine Minderheit – eben jene Glücklichen, die es auf einen Lehrstuhl geschafft haben. Allein das wäre Grund genug, über die Zukunftsfähigkeit eines Organisationsprinzips nachzudenken, dass sich aus längst vergangenen Jahrhunderten herübergerettet hat, aus Universitäten, an denen nur ein paar hundert Studenten eingeschrieben waren, um "bei Professor Soundso" zu studieren. Aber der deutsche Sonderweg des Lehrstuhls gefährdet auch die Zukunftsfähigkeit des zuletzt so oft gepriesenen Forschungsstandortes Bundesrepublik.

 

Übrigens will ich das mit dem Augenrollen zurücknehmen. Ich bin davon überzeugt, dass auch unter den Lehrstuhlinhabern von heute viele sind, die genau wissen, dass die Strukturreform überfällig ist. Die nur nicht wissen, wie sie anzustellen wäre.  

 

Wo wieder der Vorstoß von Jule Specht, Christian Hof, Julia Tjus, Wolfram Pernice und Ulrike Endesfelder ins Spiel kommt. Die Junge Akademie hat schon 2013 vorgerechnet, wie bei Abschaffung des haushaltsfinanzierten Mittelbaus die Zahl der Professuren in Deutschland kostenneutral verdoppelt werden könnte. In ihrem aktuellen Vorstoß sagen die fünf von der "AG Wissenschaftspolitik" nun, was die Umstellung wem bringen und wie genau sie funktionieren könnte. 

 

Im Kern läuft ihre Beschreibung auf den Verlust symbolischen Kapitals für künftige Professoren hinaus, die anders als die gelegentlich als "Sonnenkönige" bezeichneten Lehrstuhlinhaber keine eigenen Sekretärinnen mehr hätten, keine eigenen haushaltsfinanzierten Mitarbeiter und keine eigenen Forschungsgeräte. All das müssten sie sich mit ihren Kolleginnen und Kollegen teilen, würde doch die gesamte Infrastruktur dem Department gehören und nicht mehr ihnen persönlich. Was mancher als schmerzhafte Statusaufgabe empfinden mag, würde den Druck (oder besser: die Motivation) zur Kooperation und zum gemeinsamen Nachdenken über Forschung und Lehre erhöhen.

 

Ein Trost für die Drittmittelkönige: Sie könnten ihre projektfinanzierten Doktoranden und Postdocs behalten, doch würden sich wahrscheinlich auch diese viel stärker integriert fühlen in einem Department. Gewonnen wäre also nicht nur ein stärkeres Miteinander, ein größeres Wir-Gefühl über bisherige Lehrstuhlgrenzen hinweg, sondern auch mehr Dynamik in Forschung und Lehre – und mehr Karrierechancen, weil im Department-System nur noch Professoren mit Karriereperspektiven (was nicht zwangsläufig und in jedem Fall Entfristung bedeuten darf!) arbeiten würden. 

 

Die fünf Autoren der Jungen Akademie wissen freilich, dass sie nicht nur ihre eigenen Vorteile als Professoren der nächsten Generation in den Vordergrund stellen dürfen, wenn sie eine breite Unterstützung für ihren Vorstoß aktivieren wollen. Darum verwenden sie einen Großteil ihres Papiers darauf, die Auswirkungen, sprich: Vorteile, für die einzelnen Statusgruppen auszubuchstabieren. Das Lockmittel für die Professoren: mehr Zeit für Forschung und Lehre, weniger Aufgaben in Management, weil sich die administrative Last auf mehr professorale Schultern verteilen würde. Dem derzeitigen Mittelbau versprechen die Autoren: Ihr seid diejenigen, die in einer Department-Struktur eher auf eine Professur hoffen können; und falls es damit nicht klappt, bleiben ja die bisherigen Drittmittelstellen bestehen.

 

Das Ganze versieht die Junge Akademie mit einer nett anzusehenden Grafik (siehe oben). Erstens die Lehrstuhlstruktur: schön hierarchisch, ein paar oben, sehr viele von Abhängige unten. Zweitens die Department-Struktur: ein zumindest optisch ausbalanciertes Verhältnis zwischen Profs und drittmittelfinanzierten Wissenschaftlern.

 

Den Studenten versprechen die Autoren bessere Betreuungsverhältnisse, wobei das ein wenig schön gerechnet ist, denn ob die Lehre besser ist, wenn sie künftig nur noch von Professoren anstatt von wissenschaftlichen Mitarbeitern kommt, ist fraglich. Eine wundersame Vermehrung von Lehrpersonen insgesamt bringt zumindest auch die Department-Struktur nicht. 

 

Den Universitätspräsidien wiederum stellt die Junge Akademie in Aussicht, dass sie dank der Reform neue strategische Spielräume erhielten, weil die vergrößerte Professorenschaft eine "flexiblere, breitere und differenzierte Forschungsausrichtung" zulasse. Und, ganz wichtig, an der Einstellung von Professoren sind die Präsidien immer beteiligt – also ein Machtgewinn für die Chefs? Sogar die Drittmittel, sagen die fünf Autoren, könnten steigen, weil es ja dann mehr potenzielle Antragsteller gebe. Zuletzt die Ansage an die Politik: Die Department-Struktur mache die deutschen Hochschulen "international sichtbar und konkurrenzfähig", die Profilbildung der Universitäten werde unterstützt. 

 

In der Summe eine Menge Segnungen, die die Junge Akademie allen Beteiligten verspricht, so viele, dass es schon zu dick aufgetragen wirkt. Womöglich ist es ja gar nicht nötig, dass alle profitieren, um eine Reform in der Summe sinnvoll zu machen? In jedem Fall ist es ein Verdienst der Autoren, einmal alle Argumente pro Department zusammengetragen zu haben. 

 

Ebenso lesenswert ist der Abschnitt, in dem die Autoren beschreiben, wie die Umstellung weg vom Lehrstuhl-Prinzip zeitlich gestaffelt ablaufen könnte, nach dem Motto: Jeder Lehrstuhl, dessen Inhaber in Pension geht, fließt mit seiner Ausstattung ins Department. Ergänzend (die Autoren schreiben "alternativ") könnte die Umwandlung natürlich mit zusätzlichen Finanzspritzen beschleunigt werden. Zu Recht weist das Papier darauf hin, dass das gegenwärtige Kapazitätsrecht mit der Reform unvereinbar wäre, weil die scheinbare Verbesserung der Lehrkapazität durch mehr Professoren zu mehr Studienplätzen führen würde, was wiederum eine reale Verschlechterung der Lehrqualität zu Folge hätte. 

 

Weitere Details im Papier, etwa die Folgen für die Förderregularien der Deutschen Forschungsgemeinschaft, können an dieser Stelle unerwähnt bleiben, sind aber für die konkrete Umsetzung des Department-Prinzips grundlegend und werden daher richtigerweise von der Jungen Akademie ausgeführt.

 

Beeindruckend ist die Zahl der Kommentatoren, die die Sprecherin der Jungen Akademie, Jule Specht, und ihre Mitstreiter im zweiten Teil ihres Papiers zu Wort kommen lassen, darunter der Mannheimer Unirektor Ernst-Ludwig von Thadden, der neue schleswig-holsteinische Wissenschaftsstaatssekretär Oliver Grundei, die sächsischen Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange (SPD) und die Bundestags-Hochschulexperten Stefan Kaufmann (CDU) und Kai Gehring (Grüne). Nicht alle rufen "Hurra", einige sagen "Ja, aber", doch sie alle zeigen, dass es Zeit ist, die Debatte über das Ende des Lehrstuhl-Prinzips neu zu führen. Und zwar jetzt. Ideal wäre, wenn am Ende wirklich mal ein Ergebnis stehen würde. Ein mögliches – ein inspirierendes! – hat die Junge Akademie mit ihrem Debattenbeitrag geliefert.

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Müder Weckruf

Wissenschaft und Wirtschaft einigen sich erstmals auf einen gemeinsamen Forderungskatalog zur Innovationspolitik. Die Zahl der Unterzeichner übersteigt allerdings das Gewicht ihrer Argumente.

ANFANG JANUAR HABEN die Chefs der fünf größten Wissenschaftssorganisationen einen Brief an die Politik geschrieben, Titel: "Empfehlung zur Fortsetzung des Paktes für Forschung und Innovation". Das Schreiben kam bei den Adressaten (Bundestag, Bundesforschungsministerium und Gemeinsame Wissenschaftskonferenz) nicht wirklich gut an. Zu allgemein, lautete der Tenor, dem Positionspapier mangele es an richtungsweisenden neuen Ideen. "Konkret werden die fünf vor allem  bei ihren Forderungen an die Politik", kommentierte auch ich damals, "ein erwartbares Papier, dem die Vision, das mutige Angebot in Richtung Gesellschaft fehlt." Die informelle Reaktion der Autoren auf all die Kritik: leicht resigniertes Achselzucken. So sei das halt gelegentlich, wenn man so viele unterschiedliche Interessen unter einen Hut bringen müsse. 

 

Deutlich formulierten Max Planck, Helmholtz, Fraunhofer, Leibniz und die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) in ihrem damaligen Papier eigentlich nur, dass sie "weiterhin anhaltende jährliche Zuwächse" im Rahmen des Paktes erwarten. Deutlich formulierte die Politik daraufhin in Richtung von Max Planck & Co, dass da noch mehr kommen müsse.

 

Monatelang kam erstmal gar nichts. Bis gestern die Frankfurter Allgemeine Zeitung vorab über ein weiteres Papier berichtete. Diesmal nicht nur unterzeichnet von den Big Five, sondern von insgesamt 22 Organisationen und Verbänden. "Ein Weckruf von Wirtschaft und Wissenschaft" sei das, titelte die FAZ, und die DFG verkündete in der begleitenden Pressemitteilung, anlässlich der beginnenden Regierungsbildung hätten sich "erstmals führende Wissenschaftsorganisationen und Wirtschaftsverbände auf gemeinsame Empfehlungen für eine wirksame Innovationspolitik verständigt". Der Stolz über ihre konzertierte Aktion ist vor allem in der Wissenschaft groß, ist das doch die kraftvolle Positionierung, die die Politik immer gefordert hat. Wobei die Frage erlaubt ist, ob sich die Wirkung eines solchen Papiers vor allem aus der Zahl der Unterzeichner oder aus den enthaltenen Vorschlägen ableitet.

 

Ein kurzer Inhaltscheck. Die Unterzeichner, darunter auch der Bundesverband der Deutschen Industrie, die Leopoldina, der Pharma-Verband VFA und der Wissenschaftsrat, "unterstützen das Ziel", die Ausgaben für Forschung und Entwicklung auf einen Anteil von 3,5 Prozent am Bruttoinlandsprodukt zu steigern – freilich ein Ziel, das zu unterstützen vor ein, zwei Jahren wegweisender gewesen wäre als heute, nachdem sich vor der Wahl als letzte Bundestagsfraktion auch die Union dazu bekannt hat. Was nichts über seine Realisierungschancen aussagt, die sich mehr in der Dimension des künftigen Verteidigungshaushaltes entscheiden dürften.

 

Aber gut. Die Hinweise, wie die 3,5 Prozent laut Wissenschaft und Wirtschaft zu erreichen sind, lauten kurz zusammengefasst: 1. die steuerliche Forschungsförderung für F&E in Unternehmen einführen, aber (Kompromiss!) dafür bitte nicht die "bewährte Projektförderung" einschränken. 2. Die Wissenschaftspakte, inklusive Pakt für Forschung und Innovation (siehe oben), fortsetzen, Begründung: "Die Kombination von forschungspolitischen Zielen und kontinuierlichem Aufwuchs der Grund nanzierung hat sich außerordentlich bewährt." Ausgeblendet wird erneut die Unzufriedenheit vor allem in den Bundestagsfraktionen mit der bisher zu schwammigen Zielformulierung im Pakt und dem unzureichenden Monitoring. Auch diesmal: Kein Wort dazu von den Wissenschaftsorganisationen. Zumindest nicht an dieser Stelle.

 

Die Hochschulen dürften dagegen zufrieden sein: Das Papier fordert, nach Ende des Hochschulpakts die Mittel "unbefristet und umfassend verwendbar" weiterfließen zu lassen. Fehlt eigentlich nur noch (zum Glück!) das Stichwort "konditionslos". Punkt 3 fordert: Die technologieoffene Forschungsförderung der Industriellen Gemeinschaftsforschung und des Zentralen Innovationsprogramms Mittelstand sollen auch Zuwächse erhalten, die "dem tatsächlichen Bedarf" entsprechen.

 

Punkt 4: Die Spitzenforschung soll gestärkt, Innovationen sollen gefördert werden. Sowohl "herausragende Grundlagenforschung" (hier spricht die DFG) als auch" exzellente anwendungsnahe Forschung" (darauf kann man sich immer einigen) müssten ihren "hohen Stellenwert" behalten. Ach ja, und dann gelte es noch neue Förderformate (kommen bei Punkt 5 nochmal) in den Blick zu nehmen, "die auf disruptive Innovationen" abzielen. Schade nur, dass keiner so genau weiß, wie disruptive Innovationen gezielt zu fördern sind und auch das Papier keinerlei Beispiele solcher neuer Förderformate vorschlägt. 

 

In Punkt 5 werden die Reallabore von Fraunhofer als Erfolgsmodelle (sind sie wirklich!) gepriesen, doch dann stehen da wieder so aussagefreie Sätze wie der folgende: "Die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Wirtschaft ist weiter zu fördern und mit dem Ziel zu stärken, vollständige Innovationskreisläufe von der Grundlagenforschung bis in die Anwendung und zurück abzubilden." Positiv ist die Forderung, im Rahmen sogenannter  "Validierungs- und Transferaktivitäten" Technologie- und Wissenstransfer gleichermaßen zu berücksichtigen, wenn die Wissenschaft in den stärkeren inhaltlichen Austausch mit der Gesellschaft tritt also – wobei auch hier zu fragen ist, ob die Wissenschaft nicht längst von sich aus viel mehr tun könnte und sollte, anstatt erst auf mehr Förderung zu pochen.

 

Der letzte – 6. – Punkt schließlich ist symbolisch für fast den gesamten Punktekatalog: Die Hochschulbildung, heißt es da, bleibe wichtig, die Nachfrage hoch. Aber die duale Ausbildung und die betriebliche Weiterbildung seien "ebenfalls entscheidend". Auch an dieser Stelle sollen also alle alles bekommen. Der Orientierungswert für die Politik tendiert gegen null. Das "Lastenheft für die Politik", das die FAZ lobte, ist mehr eine Wünsch-dir-was-Liste ohne Überraschungseffekte und ohne zwingende Argumentation. Bis zu dieser Stelle.

 

Denn zum Glück ist das Papier mit Punkt 6 noch nicht zu Ende. Nach all den Kompromissen folgen zwei wirklich wertvolle Forderungen an die Politik: Regierung und Parlament sollten künftig stärker die Auswirkungen berücksichtigen, die geplante Gesetze auf Forschung und Innovation haben können. Implizit kann man daraus die Erwartung ableiten, dass die Politik zusätzlich die Auswirkung geltender Gesetze und Fördervorhaben nach einigen Jahren ernsthaft evaluieren sollte. Eine starke, eine wichtige Empfehlung, die unterstützt wird durch eine weitere im vorletzten Absatz des Positionspapiers: Die Förderschwerpunkte müssten "stärker als bisher ressortübergreifend und methodisch konsistent" festgelegt werden, inklusive einem Mehr an Transparenz und (ja, bitte!) einer nachvollziehbaren Förderberichterstattung. 

 

So sind es ausgerechnet diese letzten Absätze, die wie ein Nachklapp wirken, diejenigen, die mit dem Papier ein Stückweit versöhnen. "Toll, dass Ihr 22 Euch habt einigen können", möchte man Wissenschaft und Wirtschaft zurufen, "nur bitte macht mehr aus dieser geballten Kraft." Auch wenn das mal bedeutet, das nicht jeder jeden Wunsch formulieren kann. 

 

Das Papier finden Sie auf den Websites der unterzeichnenden Organisationen, zum Beispiel hier

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Neue Verhältnisse

Wie man die Studentenströme zwischen Universitäten und Fachhochschulen neu verteilen könnte, wieso alle davon etwas hätten und was das mit der ungeliebten Kapazitätsverordnung zu tun hat: ein Gastkommentar von Oliver Günther.

Foto: ulrichw

DIE KAPAZITÄTSVERORDNUNG (KapVO) regelt, wieviel Lehrkapazität für die Ausbildung eines Studierenden erforderlich ist. Sie hat sich nie besonderer Beliebtheit erfreut. Als ein in dieser Form international wohl einmaliges Konstrukt versucht sie, landes- bzw. bundesweit einheitlich zu regeln, wie viele Lehrstunden in die Ausbildung eines Mediziners (viele!), Juristen (eher weniger) oder Historikers (ganz wenige) zu investieren sind. Schon die normative Idee, die diesen Beispielen zugrunde liegt, ist nicht immer nachzuvollziehen. Zudem ist die KapVO schwer zu verstehen, nur wenige Spezialisten durchschauen sie im Detail. Unterschiede zwischen Hochschulen ebnet sie ein, abgesehen von dem Bekenntnis zu einem zweistufigen Studiensystem, das Fachhochschulen dezidiert von Universitäten abgrenzt. Aber dazu später mehr. Im Ergebnis fordern viele die ersatzlose Abschaffung der Kapazitätsverordnung.

 

Ihren Kern bildet das Konzept des Curricularnormwerts (CNW) – laut Wikipedia „eine Festlegung, wie viele Deputatsstunden für die Ausbildung eines Studenten in einem bestimmten Studiengang an Hochschulen erforderlich sind.“ Höhere CNWs indizieren einen Bedarf an mehr Personal, das in dem entsprechenden Studiengang pro Studierendem vorzusehen ist. Die CNWs waren ursprünglich festgelegt in den eingangs angesprochenen Kapazitätsverordnungen der Bundesländer, inzwischen sind sie in den unwesentlich flexibleren Curricularwerten (CWs) aufgegangen. Der Öffentlichkeit sind die jeweils angewandten CNWs bzw. CWs nur beschränkt zugänglich.

 

KapVOs und CWs sind gerade wegen ihrer Sperrigkeit ein praktisches Konstrukt, wenn es um das so genannte „Einklagen“ von Studienplätzen geht. Richter berechnen hier aufgrund der Personaltableaus der Hochschulen das insgesamt verfügbare Lehrdeputat einer Fakultät oder eines Instituts. Einschlägige Prozessakten beeindrucken durch den Detaillierungsgrad, mit dem hier gerechnet wird. Dieser Wert geteilt durch den CW eines Studiengangs ergibt die theoretisch verfügbare Kapazität. Ist diese nicht durch die immatrikulierten Studierenden ausgeschöpft, wird der Klage stattgegeben und der Klagesteller ist zuzulassen. 

 

So weit so gut. Oder vielleicht nicht so gut. Denn seit Einführung der KapVO hat sich in der bundesdeutschen Hochschullandschaft doch einiges verändert. Als die KapVO in der alten Bundesrepublik das Licht der Welt erblickte, gingen dort gerade einmal rund 15 Prozent eines Altersjahrgangs auf eine Hochschule. In der DDR waren es damals wohl knapp über 10 Prozent. Fachhochschulen waren in der Bundesrepublik gerade eingeführt worden, als praxisorientierte Alternative zu den scheinbar theorielastigen Universitäten. Eine Kernidee war, Bildungsaufsteigern und junge Menschen mit Berufserfahrung über ein praxisorientiertes, betreuungsintensives Studium den Weg in die Führungsetagen zu ebnen. Die hohe Betreuungsintensität hat sich auch von vornherein in den vergleichsweise hohen CWs der Fachhochschulen niedergeschlagen. 

 

Trotz aller anfänglichen Skepsis gegenüber dem „Dipl.-Ing. (FH)“ oder auch dem „Dipl-Kfm. (FH)“ hat sich das Modell Fachhochschule als Erfolgsmodell erwiesen. Heute besuchen rund ein Drittel aller Studierenden in Deutschland eine Fachhochschule. Das diskriminierende Kürzel „(FH)“ ist verschwunden, viele Fachhochschulen sind zu „Hochschulen für angewandte Wissenschaften (HAW)“ mutiert. Die Absolventen haben gute Chancen am Arbeitsmarkt, sie verdienen nicht selten mehr als ihre Kommilitoninnen von der Universität. 

 

Statt den erwähnten 10 bis 15 Prozent eines Altersjahrgangs beginnt derzeit mehr als die Hälfte ein Hochschulstudium. Nur ein Bruchteil dieser jungen Menschen ist an einer wissenschaftlichen Laufbahn interessiert. Gefragt ist vielmehr ein wissenschaftlich fundiertes Studium, das auf die berufliche Laufbahn in einem Unternehmen oder einer Behörde vorbereitet. Genau das leisten unsere Fachhochschulen. Aber warum studiert trotzdem nur gut ein Drittel an einer Fachhochschule? Wäre es andersherum nicht besser für alle Beteiligten?

 

Drei Gründe lassen sich ausmachen. Erstens bieten die Fachhochschulen nicht alle Fächer an. So lassen sich zum Beispiel Jura oder Medizin nur an einer Universität studieren, auch das Lehramtsstudium ist traditionell eine Domäne der Universitäten. Zweitens gilt das Studium an einer Fachhochschule vielerorts noch als Studium zweiter Klasse; dies gilt insbesondere für die Eltern- und Großelterngeneration des Bildungsbürgertums, die dem Nachwuchs dann „sicherheitshalber“ doch zum universitären Studium raten. Und drittens haben die Universitätsleitungen gemischte Gefühle hinsichtlich einer Umschichtung: Einerseits hätten viele nichts gegen geringere Jahrgangsstärken, weil sich so schnell Verbesserungen in der Studienqualität erzielen ließen. Andererseits hat man Sorge, dass derartige Verschiebungen Haushaltskürzungen zur Folge haben könnten. Dies wäre insbesondere bei den forschungsstarken Universitäten auch volkswirtschaftlich problematisch, da diese im internationalen Vergleich ohnehin schon strukturell unterfinanziert sind.

 

Die politische Herausforderung besteht also darin, das Image der Fachhochschulen weiter zu verbessern und vielleicht auch über neue Berufsbilder in den traditionell universitär verankerten Studienfächern nachzudenken. So engagieren sich viele Fachhochschulen bereits im Bereich der Gesundheitsberufe oder in der Rechtspflege. Darüber hinaus müssen die angestrebten Verschiebungen der Kapazitäten aber auch finanziell unterlegt werden. Hier schlägt nun, siehe oben, wieder die Stunde der ungeliebten KapVO. Denn der gordische Knoten könnte durch folgenden Viersprung elegant zerschlagen werden:

 

(1) Eine schrittweise Erhöhung der CWs für die Universitäten, möglicherweise abhängig von deren Forschungsleistung;

(2) Konstanz oder leichte schrittweise Absenkung der CWs für die Fachhochschulen;

(3) Eine privilegierte Behandlung der Fachhochschulen bei der Verteilung zusätzlicher Finanzmittel – ohne dass dies zu Absenkungen bei den Haushalten der Universitäten führt;

(4) Die Einführung von Fachhochschulstudiengängen auch in traditionell universitätsdominierten Studiengängen wie der Jura und der Medizin. >>

Wie die Verteilung der Studenten sich verändern würde

>> Diese Maßnahmen würden zu deutlich mehr Studienplätzen an den Fachhochschulen führen, ohne dass dort unzumutbare Zustände zu befürchten wären. Mit Maßnahme (2) würde die Anzahl der Studienplätze an den Universitäten tendenziell sinken und die Studienqualität entsprechend steigen. Maßnahme (3) würde bewirken, dass letztlich alle – jedenfalls alle, die eine angemessene Leistung erbringen – gewinnen. Denn Zuwächse würden den Universitäten ebenso wie den Fachhochschulen zuteil, und der Steuerzahler bekäme letztlich mehr „bang for the buck“, mehr von dem, was das Land wirklich braucht.

 

Auf diese Weise ließe sich das derzeitige Verhältnis ein Drittel FHs zu zwei Drittel Unis schrittweise zugunsten der Fachhochschulen erhöhen. Unsere Berechnungen zeigen, dass sich dieser Effekt vergleichsweise zügig erzielen lässt (für die genauere Berechnung kontaktieren Sie den Autor). Ein mögliches Szenario sähe so aus, dass es pro Jahr für die Hochschulen 3,5 Prozent mehr Budget gibt, die Universitäten aber nur eine Erhöhung von 2,5 Prozent Prozent Jahr erhielten und im Gegenzug (wegen der niedrigeren Haushaltszahlen insgesamt) pro Jahr 7,5 Prozent zusätzlich den Fachhochschulen zugutekommen. Parallel hierzu würden die CWs der Universitäten pro Jahr um 5 Prozent erhöht, die CWs der FHs pro Jahr nur um ein Prozent. Ein solches Szenario würde nach 8 Jahren dazu führen, dass die Kapazitäten von Universitäten und Fachhochschulen ungefähr gleich hoch wären. Wobei offen ist, ob die Nachfrage nach FH-Studienplätzen einer solchen Verschiebung von Kapazitäten folgen würde. >>

Mit welchen Budgets Unis und Fachhochschulen rechnen könnten

>> Auch diese teilweise überraschende Berechnung kann allerdings die eigentliche Schlussfolgerung nicht beseitigen: Die Curricular(norm)werte sind kein sachgerechtes Konstrukt für Hochschulbildung im 21. Jahrhundert.  Eigentlich gehört die Kapazitätsverordnung abgeschafft. Aber wenn die Politik schon davon absieht, den großen Schritt zu gehen, sollte das Konstrukt wenigstens an die derzeitigen Verhältnisse angepasst und für die vereinbarten politischen Ziele genutzt werden. Dabei sollte auch darüber nachgedacht werden, ob das Zwei-Klassen-System Universität versus Fachhochschule überhaupt noch den aktuellen Verhältnissen entspricht. Vielleicht wäre eine Lösung entlang eines Spektrums sachgerechter. Dies würde freilich mehr Flexibilität bedingen, was die Aushandlung von CWs und Lehrdeputaten zwischen Landesregierung und Hochschule angeht. Dabei wären auch Sondertatbestände wie etwa die Lehramtsausbildung zu berücksichtigen. Doch auch davor scheuen viele Landesministerien noch zurück.

 

Oliver Günther ist Präsident der Universität Potsdam. Sie erreichen ihn unter oliver.guenther@uni-potsdam.de. 

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Verlorene Kompetenz

Viele erfahrene Bildungspolitiker sind im neuen Bundestag nicht mehr dabei. Das hat nicht nur mit Pech zu tun.

Özcan Mutlu, Simone Raatz, Rosemarie Hein, Michael Kretschmer Fotos (von oben links im Uhrzeigersinn)

ZUM BEISPIEL ÖZCAN MUTLU, vier Jahre lang Fraktionssprecher für Bildungspolitik: Kaum ein Abgeordneter setzte so viele Pressemitteilungen ab wie der Grüne, wenige kämpften so leidenschaftlich für mehr Chancengerechtigkeit und – vor allem – für mehr Bundeszuständigkeit in der Bildung. 

 

Zum Beispiel Michael Kretschmer, zuletzt Vize-Vorsitzender der CDU-/CSU-Fraktion, verantwortlich für Bildung, Forschung, Kultur: Der kennt sich aus, sagten sie über ihn, der kann auch mit den Forschungspolitikern der anderen Parteien. Kurz vor der Wahl spekulierte die ZEIT, Kretschmer, seit 2002 im Bundestag, könnte Chef im Bundesbildungsministerium werden.

 

In zwei Wochen trifft sich erstmals der neu gewählte Bundestag. Viele erfahrene Experten für Bildung und Wissenschaft werden nicht mehr dabei sein. So geht Demokratie, und doch ist es bitter zu sehen, wenn dem Parlament so viel Kompetenz auf einmal verloren geht – Kompetenz, die nichts mit Parteizugehörigkeit zu tun hat. Kretschmer verpasste sein Direktmandat, Mutlu hatte seine Partei auf Listenplatz vier in Berlin gesetzt. Die ersten drei kamen rein. >>



>> Zum Beispiel Rosemarie Hein. Die Lehrerin kam 2009 für die Linke in den Bundestag, in den vergangenen vier Jahren stand sie als Fraktionssprecherin für allgemeine Bildung 44 Mal am Rednerpult. Sie warb für die Gemeinschaftsschule, für Schulsozialarbeit und für ausfinanzierte Hochschulen. Die 64-Jährige verzichtete auf eine erneute Kandidatur.

 

Simone Raatz wäre gern wieder dabei gewesen. Die SPD in Sachsen wählte sie mit 97,5 Prozent auf die Landesliste, das beste Ergebnis von allen. Aber eben nur auf Platz fünf. Vier schafften den Sprung. Auf Raatz’ Website stand bis vergangene Woche: „Ich bin Ihre Stimme im Bundestag“. Vor allem war sie eine Stimme für Schulen und Hochschulen, als stellvertretende Vorsitzende des Bundestagsbildungsausschusses. 

 

Dass viele Politiker, die sich in Berlin um Bildung und Wissenschaft verdient gemacht haben, daheim um ihr politisches Überleben kämpfen mussten, hatte sich im Frühjahr abgezeichnet, als die Landesverbände ihre Wahllisten aufstellten. So sehr Schulen und Hochschulen von den Spitzenpolitikern hochgejubelt werden, in der Hackordnung der Fachthemen rangieren sie unten: Zu komplex, zu oft gibt’s Ärger. Tatsächlich ist es leichter, über Rentenerhöhungen zu schwadronieren, als Kollegen und Wählern zu erklären, was Inklusion ist, der Hochschulpakt oder gar der Pakt für Forschung und Innovation.  

 

Misserfolg hat immer mehrere Gründe. Der Listenplatz sei auch die Quittung für seine ruppige Art gewesen, heißt es über einen Kandidaten. Beim nächsten hat die AfD-Stärke zum Mandatsverlust beigetragen. Doch auch wenn andere Bildungspolitiker den Wiedereinzug geschafft haben, auch wenn neue Leute nachrücken, die sich genauso reinhängen werden, ist die Botschaft der Wahl 2017 deprimierend deutlich: Wer politisch Karriere machen will, sucht sich ein anderes Betätigungsfeld. Zum Glück gibt es immer wieder Überzeugungstäter. 

 

Dieser Beitrag erschien heute zuerst in meiner Kolumne "Wiarda will's wissen" im Tagesspiegel.

 

Fotonachweise: Heinrich-Böll-Stiftung: "Öczan Mutlu", CC BY-SA 2.0; Foto-AG Gymnasium Melle: "Simone Raatz", CC BY 3.0; Gerd Seidel: "Rosemarie Hein", CC BY-SA 3.0; Angelika Kohlmeier: "Michael Kretschmer", CC BY-SA 3.0 DE

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Blick zurück (9)

Seit 20 Jahren beschäftigte ich mich mit Hochschulen, Bildung und Wissenschaft. Viel ist passiert in dieser Zeit, vieles davon durfte ich als Journalist begleiten. Der Blick zurück zeigt, wie aktuell einige meiner Themen von einst geblieben sind – obwohl sich fast alles verändert hat. Machmal allerdings auch, weil sich fast gar nichts verändert hat. Der neunte Teil einer Serie.

Tim Reckmann: "BAföG", CC BY-NC-SA 2.0

Minenräumer im Einsatz

Die große Bafög-Reform bleibt bislang im ideologischen Kleinkrieg der Parteien stecken. Die Koalitionsgespräche zwischen Union und SPD verheißen Besserung.

(erschienen in der ZEIT vom 03. November 2005)

 

DIE BEIDEN HAUPTAKTEURINNEN sind mit einem Mal ganz schmallippig. Noch-Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) lässt ein bereits vereinbartes Interview durch ihren Sprecher absagen mit der Begründung, sie wolle die Verhandlungen nicht durch das Wiederholen bekannter Positionen belasten. Bald-Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) verliert sich in allgemeinen Andeutungen und sagt: "Es darf auf keinen Fall der Eindruck entstehen, dass wir alles infrage stellen."

 

Es ist ein vermintes Terrain, das die führenden Bildungspolitiker beider großen Parteien in den Berliner Koalitionsgesprächen diese Woche abschreiten. Die Themen lauten Studiengebühren, Studienfinanzierung und, allem voran, Reform des Bafög, das Studenten derzeit nur dann erhalten, wenn ihre Eltern nicht zu viel verdienen. Veränderungen an der Ausbildungsförderung sind seit der Ankündigung von Studiengebühren in einigen Bundesländern noch komplizierter geworden, weil der Bund zu zwei Dritteln das Bafög finanziert und auf keinen Fall den Ländern indirekt die Studiengebühren bezahlen will. Schavan wollte sich daher vor den Verhandlungen noch nicht einmal die Aussage entlocken lassen, dass sie eine solche Reform überhaupt anstrebe, was wohl auch mit unschönen Erinnerungen zu tun hat: Im April erst hatte sie dem Bulmahn-Lager eine Steilvorlage gegeben mit der an sich wenig spektakulären Bemerkung, Studiengebühren und Studienfinanzierung müssten im Zusammenhang gesehen werden. Schavan wolle die Bafög-Förderung ersatzlos streichen, empörte sich die SPD: eine im höchsten Maße unsoziale Bildungspolitik zugunsten der Reichen. Noch einmal, so hat sich Schavan offenbar geschworen, passiert ihr das nicht.

 

Andere Unterhändler der Arbeitsgruppe Bildung äußern sich da, wenn auch hinter vorgehaltener Hand, unbefangener. Natürlich stehe eine große Reform des Bafögs auf dem Programm. Stichwort Drei-Körbe-Modell, das eine Grundförderung für alle mit einkommensabhängigen Zuschüssen und Studienkrediten verbindet: Wenn Schavan das als Vorschlag auf den Tisch legt, könnte sie ihr Gegenüber Bulmahn womöglich aus der Reserve locken, schließlich waren die drei Körbe einmal auch Bulmahns Reformidee, bevor Gerhard Schröder sie 1999 einkassierte. Die rasche Einigung auf einen umfassenden Umbau der Studienfinanzierung, die über die Gummiformulierung "Sicherung und Weiterentwicklung" hinausgeht, wäre allerdings in der Tat eine Sensation. In der Bestandsaufnahme immerhin sind sich beide Seiten schon einig: Das bisherige System, in dem nur ein knappes Viertel aller Studenten eine Förderung erhält, reicht bei weitem nicht aus.

 

Drei Körbe für ein
sorgenfreies Studieren

 

Die größten Chancen zur Verwirklichung hätte derzeit folgende Version des Drei-Körbe-Modells: Die Bundesregierung zahlt eine elternunabhängige Grundförderung, zum Beispiel indem sie das Kindergeld, den so genannten Ortszuschlag und die Steuerfreibeträge direkt an die Studenten überweist (Korb 1). Zusätzlich wandeln Bund und Länder das bisher gemeinsam finanzierte Bafög in einen Zuschuss um, der abhängig vom Elterneinkommen in der Höhe variiert (Korb 2). Den dritten Korb füllen öffentliche wie private Studienkredite, die jedem Studenten wiederum unabhängig vom Elterneinkommen zu möglichst günstigen Konditionen zur Verfügung stehen. Der entscheidende Vorteil des Drei-Körbe-Modells: Es ist weitgehend kostenneutral, es berücksichtigt die komplizierte Kostenverteilung zwischen Bund und Ländern, und Teile davon existieren bereits: Immer mehr Banken bieten Studienkredite an (siehe Kasten), allen voran die staatliche KfW-Bankengruppe. "Hauptsache, Schavan bringt die drei Körbe nicht in Zusammenhang mit den Studiengebühren", sagt ein SPD-Unterhändler. "Dann könnte die Einigung vielleicht gelingen." Beim Stichwort Studiengebühren nämlich fällt bei Edelgard Bulmahn die Klappe, sie will nicht als Verräterin ureigener SPD-Positionen dastehen, indem sie durch ihre Mitarbeit an der Reform die Einführung der Gebühren indirekt auch noch erleichtert.

 

Einige Bildungsexperten befürchten daher eine "Große Stillhalte-Koalition" in Sachen Studienfinanzierung. Dieter Dohmen, Leiter des Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS) in Köln, sagt: "Die SPD will keine Studiengebühren, die CDU will den Bund aus der Hochschulpolitik heraushalten. Beides spricht nicht dafür, dass wir eine bundesweite Lösung sehen werden." Doch sogar die Bildungsdenkfabrik CHE (Centrum für Hochschulentwicklung), die sich in der Vergangenheit für Studiengebühren und gegen eine bundeseinheitliche Hochschulpolitik stark gemacht hat, fordert eine bundesweite, elternunabhängige Grundsicherung der Studenten. "Die Sozialverträglichkeit der Studiengebühren ist ansonsten gefährdet", warnt CHE-Leiter Detlef Müller-Böling.

 

Kleine Schritte statt
des großen Wurfs

 

Für Baden-Württembergs Wissenschaftsminister sind das Problem jedoch nicht die Studiengebühren. "Die bisherige Diskussion verkennt, dass die Lebenshaltungskosten um ein Vielfaches höher liegen", sagt Peter Frankenberg (CDU), der vergangene Woche sein Studiengebührenmodell vorgestellt hat. Demnach bietet die landeseigene L-Bank baden-württembergischen Studenten ein Darlehen von 500 Euro pro Semester, aber nur zur Finanzierung der Gebühren. Zum Bestreiten der Lebenshaltungskosten sei eine grundlegende Reform des Bafögs im Sinne des Drei-Körbe-Modells unumgänglich, betont Frankenberg und baut so elegant eine Brücke für die Gebührengegner. "Ich hoffe, dass dies in den Koalitionsverhandlungen zumindest thematisiert wird."

 

Frankenbergs Hamburger Kollege dagegen bremst die Erwartungen: "Es sollte keine großen Sprünge geben, sondern einen schrittweisen Prozess weg von der Ausrichtung der Förderung am Elterneinkommen hin zu einer nachgelagerten Finanzierung für alle", sagt Wissenschaftssenator Jörg Dräger. Nachgelagerte Finanzierung heißt, dass Studiendarlehen erst nach dem Examen und mit dem Erreichen einer bestimmten Einkommenshöhe beglichen werden müssen. Anderswo, etwa in Australien, ist das seit langem Praxis. "Der KfW-Studienkredit ist ein guter Einstieg, um erste Erfahrungen zu sammeln", so Dräger.

 

Die beiden Chefunterhändlerinnen lassen sich indes auf keinerlei öffentliche Diskussionen ein. Annette Schavan begnügt sich mit der wolkigen Formulierung, dass sie das Thema Bildungssparen, einen Unionsvorschlag aus dem vergangenen Jahr, in den Koalitionsverhandlungen zur Sprache bringen werde. Demnach könnten Eltern nach der Geburt eines Kindes jeden Monat Geld für dessen spätere Ausbildung zurücklegen – mit staatlicher Förderung. Auf dieser Grundlage könne man überlegen, "wie wir weiter vorgehen", sagt Schavan. Die SPD signalisiert bereits Zustimmung. Das war es dann aber auch schon mit den Andeutungen. Denn eines ist für die künftige Bundesbildungsministerin entscheidend: "Wir dürfen nichts tun, was die Studierenden verunsichert."

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Wege aus dem Stimmungstief

Der Staatsvertrag zur Akkreditierung beseitigt nur die legale Schlagseite des Systems. Damit die externe Qualitätssicherung auch inhaltlich an Akzeptanz gewinnt, muss der Neuanfang noch viel grundsätzlicher werden. Ein Gastkommentar von Siegfried Hermes.

DER BESCHLUSS DES BUNDESVERFASSUNGSGERICHTS vom Februar 2016 hat die gegen das deutsche Akkreditierungssystem von vielen Seiten erhobenen Bedenken gleichsam höchstrichterlich bestätigt. Die Richter haben verdeutlicht, dass der Eingriff in die Wissenschaftsfreiheit, den die Akkreditierung bedeutet, grundsätzlich zulässig ist im Sinne der externen Qualitätssicherung von Lehre, dass das System jedoch auf eine tragfähige gesetzliche Grundlage gestellt werden muss.

 

Der jetzt im Ratifizierungsprozess der Länder befindliche „Studienakkreditierungsstaatsvertrag“ soll diesen gesetzlichen Rahmen schaffen, indem er Ziele, Verfahren, Akteure und Bewertungskriterien der Akkreditierung allgemein regelt. Aber indem der Staatsvertrag dem Akkreditierungssystem ein neues formalisiertes Fundament gibt, wird er unmittelbar nur dessen offenkundiges Legalitätsproblem lösen; das viel schwerer wiegende Legitimitätsdefizit hingegen, das der Akkreditierung seit seinen Anfängen anhaftet, wird er nicht ohne Weiteres beheben. Dass es der Akkreditierung bei vielen Professoren, Hochschulen und auch Studierenden an Akzeptanz mangelt, hat die nahezu ungeteilte Zustimmung zu dem Beschluss des Bundesverfassungsgerichts noch einmal nachdrücklich bestätigt. Warum aber ist das so? Und welche Chancen für das System eröffnet die Entscheidung?

 

Die Rolle der Gutachter muss sich wandeln

 

Speziell die Programmakkreditierung wird von vielen immer noch als eine bürokratische Urteilsmaschinerie wahrgenommen – oder gar als Quelle willkürlicher Urteile über Studiengänge, deren fachlich-wissenschaftliche Bewertungsgrundlagen sie nicht kennen oder teilen. Daher darf die mangelnde Akzeptanz gerade bei den Hochschulen und Lehrenden nicht verwundern. Solche Perzeptionen sind jedoch umso bedenklicher, als einer der Leitgedanken des Akkreditierungssystems gerade das Gegenteil bezweckte: Über das Peer- Review-Prinzip sollen statt der Ministerialbürokratie Fachexperten mit Fachexperten einen Diskurs über die Qualität von Lehre und Studium führen. Faktisch kann dies jedoch nur gelingen, wenn die Fachgutachter ihre Aufgabe mit großer Zustimmung aller Beteiligten führen können. Deshalb muss sich ihre Rolle wandeln, und zwar in zweifacher Hinsicht: Erstens müssen sie von der Bewertung rein formaler Aspekte des Studiums entlastet werden, und zweitens müssen sie ihre fachlich-inhaltliche Bewertung auf der Grundlage möglichst breit konsentierter Bewertungsgrundlagen treffen können. 

 

Für eine solche Fokussierung der Expertentätigkeit in der (Programm-) Akkreditierung enthält der Verfassungsgerichtsbeschluss wichtige Anhaltspunkte. Zwar beschränkt er sich auf die Nennung der wesentlichen Regelungsmaterien und sagt speziell zu den Bewertungskriterien inhaltlich nichts. Und doch werden unter Bezug auf die im Grundgesetz verbriefte Berufsfreiheit der Studierenden die Themen „Fachlichkeit“ und „Beruflichkeit“ ins helle Licht gerückt. >>



>> Der Staatsvertrag nimmt die Argumentation des Verfassungsgerichts auf, indem er nähere Bestimmungen zu den fachlich-inhaltlichen Bewertungskriterien enthält und dazu unter anderem „auf dem aktuellen Stand von Wissenschaft und Forschung befindliche fachlich-inhaltliche Standards“ anführt (Artikel 2, Absatz 3). Indem die Länder an dieser Stelle die bisherigen Kriterien für die Programmakkreditierung entlang der Merkmale „formal/inhaltlich“ aufspalten, sollen die Gutachter in die Lage versetzt werden, sich auf die fachlich-inhaltliche Dimension von Studienqualität zu konzentrieren. So sinnvoll das erscheint, so problematisch ist die vorgenommene Unterscheidung in ihrer praktischen Konsequenz, weil zahlreiche auf den ersten Blick scheinbar rein formale Aspekte von Studienprogrammen sich nur im Zusammenhang mit der inhaltlichen Analyse sinnvoll bewerten lassen – und die Entscheidung darüber können wiederum nur die Gutachter treffen. Für die verbleibenden rein formalen Kriterien wäre zudem zu hinterfragen, warum sie überhaupt Prüfgegenstand von Akkreditierungsverfahren sein müssen. Sie könnten ebenso gut der internen Qualitätssicherung der Hochschulen (den Justiziariaten im Zusammenspiel mit ihren Ministerien) überlassen werden. 

 

Fachliche Qualitätssicherung statt „Vollkontrolle“

 

In der Fokussierung der Gutachtertätigkeit auf die fachlich-inhaltliche Bewertung liegt hingegen eine wirkliche Chance der Reform. Hier könnten substantielle Akzeptanz- und damit Legitimitätsgewinne errungen werden, wenn innerhalb der Fächer ein Konsens erzielt wird, was die inhaltliche Qualität von Studienprogrammen ausmacht und wie man sie verbindlich formuliert. Die Frage, welche fachlichen Kriterien die Gutachter bei ihrer Bewertung denn eigentlich anlegen, wäre dann nämlich für alle Beteiligten nachvollziehbar geklärt. Dieser Punkt ist naturgemäß besonders sensibel, denn hier ist der Kern der Freiheit von Forschung und Lehre betroffen. An dieser Stelle entscheidet sich, wie tief die Akkreditierung eingreift und in welchem Maße sie dabei zwangsläufig die Autonomie der Hochschulen berührt.

 

Bei dem Versuch, die fachlich-inhaltlichen Kriterien näher zu bestimmen, räumt der Staatsvertrag den von den Fachbereichen selbstgesetzten Qualifikationszielen eines Studiengangs zu Recht eine prominente Stelle ein. Schon bisher bildeten diese den implizit wesentlichen Maßstab zur Beurteilung der Studiengänge. Indem die Fächer selbst ihre Qualifikationsziele formulieren, werden diese wie schon bisher zum Garant für die im Rahmen der externen Qualitätssicherung anerkannte Autonomie der Fakultäten und Fachbereiche in der Gestaltung von Studium und Lehre. Wie wichtig die Qualifikationsziele sind, um der fachinhaltlichen Bewertung der Studiengänge Plausibilität und Akzeptanz zu verschaffen, wird jedoch vielfach immer noch nicht gesehen – was nicht zuletzt daran liegt, dass sie innerhalb einer kaum systematisierten Vielfalt gleichrangiger Kriterien leicht unterschätzt werden konnte. 

 

In diesem Punkt leistet der neue Staatsvertrag zur Akkreditierung zwar weniger als wünschenswert wäre, trifft aber neben dem Bekenntnis zu selbstgesetzten Qualifikationszielen eine weitere wichtige Festlegung: Die Qualifikationsziele sollen auf Kompetenzen ausgerichtet sein, die auf dem Arbeitsmarkt verwertbar sind, auch weil sie den „auf dem aktuellen Stand von Wissenschaft und Forschung befindlichen fachlich-inhaltlichen Standards“ entsprechen (Artikel 2, Absatz 3). Wie der Prozess für die Entwicklung solcher Standards organisiert werden muss, um eine möglichst breite Zustimmung an den Fakultäten und Fachbereichen zu gewinnen, wird damit zur zentralen Frage. 

 

Das Modell disziplinspezifischer Qualitätsstandards

 

Damit ein für die Qualifikationsziele erforderlicher maßgebender Referenzrahmen innerhalb der jeweiligen fachlichen Community abgestimmt werden kann, erscheint die Zusammenarbeit maßgeblicher Akteure der Fachwissenschaften als vielversprechender Weg. Vorrangig zu diesem Zweck wurde beispielsweise die sogenannte Strategische Partnerschaft von Fakultäten- und Fachbereichstagen der MINT-Disziplinen gegründet. Für den Bereich der ingenieur- und naturwissenschaftlichen Disziplinen ist sie der Versuch, zunächst innerhalb des Wissenschaftssystems gemeinsam fachlich-inhaltliche Standards zu definieren. Zugleich ist das so entstandene Forum grundsätzlich offen für den Austausch mit Studierenden, Berufspraxis, Politik und Gesellschaft.

 

Vor diesem Hintergrund ist es bedauerlich, dass das Thema fachspezifischer Qualifikationsrahmen in der Reformdiskussion lange Zeit eine allenfalls nachrangige Rolle gespielt hat. Unter der Flagge der Freiheit von Forschung und Lehre wurde für die Hochschulen ein lediglich optionaler Einsatz derartiger Referenzrahmen in der Akkreditierung favorisiert. Gleichzeitig waren entsprechende Standards in sogenannten staatlich reglementierten Studiengängen schon seit einiger Zeit zu berücksichtigen. Das provoziert natürlich die Frage, warum, was für die „berufszulassungsrechtlich reglementierten Berufe“ und die damit verbundenen präzisen Qualifikationsanforderungen gilt, nicht ein generell für die akademische Ausbildung sinnvoller Ansatz sein soll. 

 

Die bloße Existenz „irgendwelcher“ (nationaler oder internationaler) fachbezogenen Referenzrahmen und deren am Ende unklare Verbindlichkeit im Rahmen der Qualitätssicherung werden dabei nicht ausreichen. Denn wenn es den Beteiligten ernst ist mit dem Ziel, durch die Reform auch die Akzeptanz des Akkreditierungssystems zu steigern, wird das ohne die gemeinsame Entwicklung anerkannter Fachstandards kaum zu realisieren sein. Politik, Wissenschaft und Gesellschaft haben einen Anspruch darauf, dass die Bewertung von Studienprogrammen in der Akkreditierung nicht divinatorisch, sondern auf der Basis vereinbarter und geteilter Qualitätsstandards erfolgt.

 

Siegfried Hermes ist Senior Project Manager bei der Akkreditierungsagentur ASIIN.

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Aufnahmetests statt Abinote

Das Bundesverfassungsgericht verhandelt am Mittwoch über die Rechtmäßigkeit des Numerus Clausus. Wie eine sinnvolle Reform aussehen könnte und warum sie vermutlich nicht kommen wird.

Foto: Musterbescheid auf der Website von hochschulstart.de
Foto: Musterbescheid auf der Website von hochschulstart.de

DASS DAS LEBEN eine insgesamt eher unfaire Angelegenheit ist, verdient als triviale Erkenntnis kaum eine Zeile dieser Kolumne. Anders verhält es sich mit Regeln, die pseudo-objektiv mit eben jener Ungerechtigkeit aufräumen sollen und das Gegenteil erreichen. Womit wir beim Numerus Clausus (NC) wären. In den 70er Jahren hat das Bundesverfassungsgericht entschieden: Solange es nicht genügend Studienplätze gibt, muss ihre Vergabe umso transparenter ablaufen. Die besten Bewerber müssen zuerst an die Reihe kommen. Eine Vorgabe, wie Juristen sie lieben: einfach, eindeutig, brillant. 

 

Wenn nur die Realität nicht wäre. Eine Realität, in der bayerische Abiturienten im Schnitt mit einer 2,30 nach Hause gehen und damit fast exakt gleichauf liegen mit ihren Altersgenossen aus Nordrhein-Westfalen (2,31). Auch die Berliner sind den Bayern hart auf den Fersen und haben seit 2006 einen Sprung nach vorn gemacht: von 2,68 auf 2,40. Man muss gar nicht erst die ganz anders ausfallenden Pisa-Ergebnisse bemühen, um zu merken, dass da was schräg ist. Übrigens auch innerhalb der Bundesländer beim Vergleich von Schule zu Schule. Doch ausgerechnet die Abinote zählt am meisten, wenn es um die Verteilung der Studienplätze mit bundesweitem NC (Medizin &Co) geht.


Wie es nach der Anhörung weitergeht

Das Bundesverfassungsgericht will voraussichtlich Ende 2017 oder Anfang 2018 beschließen, was aus dem NC wird. Dass eine Grundsatzentscheidung ansteht, ließen am Mittwoch Äußerungen der Richter zu den überlangen Wartezeiten vermuten. „Irgendwann kommen nur noch die Graubärte rein“, sagte zum Beispiel Ferdinand Kirchhof, der Vizepräsident des Gerichts, in der Anhörung. Uneinig waren sich die Beobachter im Anschluss, ob die Abiturnote als entscheidendes Kriterium daran glauben muss und die Hochschulen künftig noch freier über für sie