JAN-MARTIN WIARDA

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Krise bei "Hochschulstart.de": Politik will offenbar handeln

Die ehemalige ZVS produziert seit Jahren eine Panne nach der anderen. Nach dem jüngsten Fiasko bei der Online-Studienplatzvergabe planen die Kultusminister Konsequenzen. Am Mittwoch treffen sich ihre Amtschefs zur Sondersitzung.

Screenshot des DoSV-Onlineportals
Screenshot des DoSV-Onlineportals

DIE KRISE DER STIFTUNG für Hochschulzulassung (SfH) ist so ernst, dass die Wissenschaftsministerien offenbar endlich zu tiefgreifenden Veränderungen bereit sind. „Wir haben eine Menge Zeit verloren und brauchen jetzt eine Zäsur“, sagt die Brandenburger Staatssekretärin Ulrike Gutheil, die Ende November zur Stiftungsratsvorsitzenden der SfH gewählt worden ist. 

 

Die Stiftung vermittelt unter dem Label „Hochschulstart.de“ hunderttausende Studienbewerber auf Studienplätze. Über die tiefgreifenden Probleme der Stiftung hatte ich wiederholt berichtet, zuletzt im September.  Gutheil, ehemalige Kanzlerin der Technischen Universität Berlin, gilt nun als treibende Kraft hinter der neuen Entschlossenheit der KMK, in der Dortmunder Hochschulstart-Zentrale aufzuräumen. An diesem Mittwoch hat die Kultusministerkonferenz zu einer Sondersitzung eingeladen, die sogenannte Amtschefskommission „Qualitätssicherung in Hochschulen“ berät über die Zukunft von „Hochschulstart.de“. 

 

Seit Jahren läuft die Stiftung ihren eigenen Ankündigungen hinterher. Die Anbindung der Hochschulen an die vor sechs Jahren (schon damals mit erheblicher Verspätung) gestartete Online-Studienplatzvergabe DoSV klappt weiter nur zögerlich. Im Sommer hatte die Stiftung den Wissenschaftsministern der Länder mitgeteilt, dass sie voraussichtlich erst zum Wintersemester 2020/21 alle relevanten Hochschulen in Deutschland erreichen wird. Damit wird das ursprüngliche Ziel, bereits 2018/19 alle in Frage kommenden Hochschulen mit möglichst allen örtlich zulassungsbeschränkten Einfach- und Mehrfachstudienangeboten einzubinden, deutlich verfehlt.

 

Zum aktuellen Wintersemester nutzten zwar 129 von schätzungsweise 175 möglichen Hochschulen DoSV, die Zahl der angeschlossenen Studiengänge beträgt mittlerweile 1080. Was auf den ersten Blick gar nicht schlecht aussieht, erweist sich auf den zweiten jedoch als Fiasko: Es gibt deutschlandweit mehr als 4000 Studiengänge, die eigentlich bis 2018 flächendeckend ins DoSV eingebunden werden sollten. >>


Fast zehn Jahre Verzögerung

Das 2009 initiierte „Dialogorientierte Serviceverfahren“ (DoSV) sollte das sich jährlich wiederholende bundesweite Zulassungschaos bei der Studienplatzvergabe beenden: Keine Bewerber mehr, die monatelang auf eine Zusage warten und dann mitunter anderswo leer ausgehen, während anderswo Plätze frei werden.

 

15 Millionen Euro spendierte Bundesregierung für die Entwicklung einer Software, die international Standards setzen sollte.

 

Inzwischen ist klar, dass DoSV frühestens 2020/2021 das ursprünglich für 2011 geplante Ziel erreichen wird, möglichst alle in Frage kommenden Hochschulen mit möglichst allen 

örtlich zulassungsbeschränkten Einfach- und Mehrfachstudienangeboten einzubinden. 

 

Vor besondere Probleme stellt "Hochschulstart.de" die Anbindung der Mehrfachstudiengänge. Diese setzen sich aus zwei oder mehreren Studienfächern zusammen, sogenannten Teilstudiengängen: Lehramtsstudiengänge zum Beispiel. Auch der sogenannte „Mehrfach-Bachelor“ ist keine Ausnahme, sondern als Nachfolgemodell des ehemaligen Magisterstudiums eine äußert beliebte Studienoption. Laut Umfrage von Brandenburgs Wissenschaftsministerium waren Anfang des Jahres nur zwei Prozent der erfassten Mehrfachstudiengänge in DoSV eingebunden – gegenüber immerhin rund 37 Prozent bei den Einfachstudiengängen. 



>> Allein bei den technisch wenig komplexen Einfach-Studiengängen schafft die Stiftung eine nennenswerte Beteiligung, von den 1080 bislang erreichten Studienprogrammen entfallen 982 auf diese Gruppe. Die Zahl der Mehrfachstudiengänge in der Online-Plattform dagegen stagniert seit Jahren, im vergangenen Jahr stieg sie gerade einmal um 12 auf nunmehr 98 Angebote. Der Grund: Noch immer läuft DoSV in den meisten Fällen nicht rund im Zusammenspiel mit den hochschuleigenen Systemen – weshalb die große Mehrheit der Hochschulen die Finger von der Einbindung ihrer Mehrfachstudiengänge lässt. In ihrem Sachstandsbericht an die Amtschefs räumt die Stiftung nun in bislang nicht gekannter Deutlichkeit „vor allem technische und organisatorische Probleme auf Seiten der Hochschulen... und der SfH“ ein. 

 

Was noch euphemistisch formuliert ist: Als ob die Probleme um die örtlich zulassungsbeschränkten Studiengänge noch nicht schlimm genug wäre, bekommt die Stiftung auch die DoSV-Weiterentwicklung 2.0 nicht in den Griff – trotz eigens zu diesem Zweck eingerichteter Software-Schmiede in Berlin. Mithilfe von DoSV 2.0 sollten bis 2018/19 zusätzlich die bundesweiten NC-Studiengänge wie Medizin oder Pharmazie in die Online-Plattform einbezogen werden. Ende vergangenen Jahres wurde klar: Auch daraus wird nichts. Die Inbetriebnahme wurde auf unbestimmte Zeit verschoben. 

 

Gleichzeitig verschlingt die Stiftung immer mehr Geld, was die Landesfinanzminister im November zu einer offiziellen Warnung veranlasste. Sie stellten mit Sorge fest, heißt es in einem Beschluss der Finanzministerkonferenz, „dass bei der Weiterentwicklung und Integration des Zentralen Verfahrens (DoSV 2.0) erneut eine massive Kostensteigerung auftritt sowie eine spätere Inbetriebnahme vorgesehen ist.“ Zwar entschieden sich die Finanzminister „aus übergeordneten Gründen“ dagegen, den Haushaltsplan der Stiftung abzulehnen, doch gaben sie gleichzeitig ihrer Erwartung Ausdruck, dass „für die Wahrung der Grundsätze von Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit Sorge getragen wird.“ Eine Ohrfeige nicht nur für die Stiftung, sondern auch für die verantwortlichen Wissenschaftsministerien, denen die Probleme bei "Hochschulstart.de" seit Jahren zumindest in Ansätzen bekannt waren, die sich jedoch bislang nie zum entschiedenen Gegensteuern hatten durchringen können.

 

Der Geschäftsführer räumte die Probleme nur auf Nachfrage ein

 

Seit einem guten Jahr nimmt der Ärger über die Stiftung und ihre Geschäftsführung massiv zu. So hätten bereits Ende September 2016 die ersten Hinweise über deutliche Probleme in der Entwicklung des DoSV 2.0 die damaligen Vorsitzenden des Stiftungsrates „auf verschiedenen Wegen“ erreicht, berichtet die nordrhein-westfälische Staatssekretärin Annette Storsberg der Amtschefskommission. Doch die Meldungen kamen nicht vom Geschäftsführer, sondern über Dritte. Den Stiftungsrat führten damals Storsberg Staatssekretärs-Vorgänger Thomas Grünewald und Holger Burckhart, Präsident der Universität Siegen und Vizepräsident der Hochschulrektorenkonferenz. Als die beiden bei SfH-SfH-Geschäftsführer Ulf Bade nachfragten, habe der nur „zeitlich verzögert“ geantwortet, dazu „unvollständig“ und „inhaltlich unbefriedigend“. Vor allem aber seien seine Angaben „in relevanten Teilen nicht deckungsgleich“ gewesen mit dem, was die Stiftungsratsvorsitzenden schon anderswo erfahren hatten. 

 

Es wurde eine Expertengruppe eingesetzt, die schon wenige Tage später „Schwierigkeiten“ vermeldete, die ermittelt werden müssten. Bade selbst habe allerdings bis Mitte Dezember 2016 gebraucht, bis er erstmals selbst vor den beiden Stiftungsratsvorsitzenden die Probleme eingeräumt habe. Im Februar 2017 wurde Bade daraufhin die operative Steuerung des Projekts DoSV 2.0 entzogen und einem neu gegründeten Beirat „Einbettung Zentrales Verfahren“ übergeben. Weitere Konsequenzen für Bade gab es nicht.

 

Ebenfalls noch auf Betreiben von Thomas Grünewald wurde der Geschäftsführung der ehemalige Kanzler der Universität Hannover, Günter Scholz, als „Beauftragter des Stiftungsratsvorsitzenden“ zur Seite gestellt. Scholz stellt in seinem Bericht an die Amtschefs der Stiftung nun ein katastrophales Zeugnis aus.  Die „Vielzahl“ der Stiftungsgremien, die sich in ihren Aufgaben offenbar teilweise überschnitten, werde „einer zügigen Aufgabenerfüllung nicht gerecht“. Vom Stiftungsrat, der die Arbeit der SfH-Geschäftsführung begleiten soll, sei schon aufgrund seiner schieren Größe (16 Länder- und 16 Hochschulvertreter) nur eine „bedingte Arbeitsfähigkeit“ zu erwarten, weil schon die erheblichen Terminabstimmungen dazu führten, dass er gerade zweimal im Jahr tage. Die hohe personelle Fluktuation im Stiftungsrat führe zudem dazu, dass Informationsfluss und Sachkunde vielfach zu wünschen übrig ließen – und in der Folge die Geschäftsführung große und laut Scholz „möglicherweise unerwünschte“ Freiräume erhalte. 

 

"Besonderer Fall eines Kommunikationsmangels"

 

Der SfH-Geschäftsstelle selbst bescheinigt Scholz „den besonderen Fall eines Kommunikationsmangels“ zwischen der Berliner DoSV 2.0-Entwicklungsabteilung und der Dortmunder Zentrale. Die in Dortmund zuständige Abteilung habe den Vorrang bei der Sicherheit des künftigen Massenverfahrens gesehen und deshalb bei den notwendigen Tests der neuen DoSV 2.0-Funktionalitäten nur mit Verzögerungen mitgearbeitet. Warum? Weil den Dortmunder Mitarbeitern nie jemand in hinreichender Deutlichkeit gesagt hatte, wie politisch wichtig DoSV 2.0 ist. Woraufhin offenbar ziemlich dicke Luft zwischen Berlin und Dortmund geherrscht hat. Ein Fall von Führungsversagen? Apropos: Es fehle, so Scholz, eine „Strategie für die Zukunftsentwicklung der SfH, die nicht zuletzt für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Hinblick auf persönliche Motivation und Perspektive“ wichtig sei. 

 

„Die Bewertung ist natürlich besorgniserregend, zumal der Geschäftsführung eine Schlüsselrolle im Gesamtprozess zukommt“, räumt die neue Stiftungsratsvorsitzende Ulrike Gutheil ein. Die Mitarbeiter der Stiftung, denen man zu überwiegenden Teilen gute Arbeit bescheinigen könne, bräuchten gerade in schwierigen Zeiten besondere Aufmerksamkeit, besonders was die Führung der Stiftung angeht. „Da geht es um Fehlerkultur, aber auch um Motivation und Schutz.“

 

Mitarbeiter der Stiftung selbst berichten von angeblich undurchsichtigen Geschäftsbeziehungen mit der Berliner IT-Firma ITSO, die einerseits ohne Ausschreibung Aufträge der Stiftung erhalten habe, andererseits aber selbst mindestens einen Mitarbeiter in die Geschäftsstelle entsandt habe. Die SfH-Geschäftsführung bestätigt, dass es über Jahre eine Zusammenarbeit mit ITSO „durch die gemeinsame Entwicklung des DoSV- Converters sowie durch Unterstützung bei Durchführung von Softwaretests im Rahmen des Projekts zur Entwicklung von DoSV 2.0“ gegeben habe. Die „in den Entscheidungsprozess involvierten Gremien der Stiftung“ hätten sich „bezüglich der Notwendigkeit einer Ausschreibung nicht im Detail geäußert.“ Was den in der Stiftung arbeitenden ITSO-Mitarbeiter angeht: Den gebe es tatsächlich, räumt die SfH-Geschäftsführung ein, er sei auf der „Basis einer Arbeitnehmerüberlassung“ dauerhaft in der IT-Entwicklung der Stiftung tätig – mit Aufgaben, die klassischerweise einem Entwicklungsleiter „zugeschrieben werden“. So verfüge er auch über die notwendige Personalkompetenz, habe aber, betont die Stiftung, „keinerlei Budgethoheit“. Im Ergebnis seien Mitarbeiter von ITSO „nicht an der Durchführung von Vergabeverfahren (Auftragsvergaben) beteiligt“. 

 

Aus mehreren Wissenschaftsministerien werden auf Nachfrage die Beziehungen zwischen der Stiftung und ITSO nun ebenfalls mit zunehmender Aufmerksamkeit beobachtet. 

 

Die Politik hat das Problem erst unterschätzt und dann verschleppt

 

Fragezeichen ergeben sich jedoch nicht nur bei Gremienstruktur und SfH-Geschäftsführung. Eine erhebliche Mitschuld für die gegenwärtigen „Verwerfungen und Finanzierungsproblemen“ sieht Berichterstatter Scholz auch bei den Wissenschaftsministerien der Länder. Als diese 2008 beschlossen, die ehemalige Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen“ (ZVS) in eine Stiftung umzuwandeln, hätten sie eine „seriöse“ Bestandsaufnahme „der organisatorischen und infrastrukturellen Notwendigkeiten“ und der „finanziellen Auswirkungen der politischen Entscheidungen für eine solche Serviceeinrichtung“ versäumt. So sei schon der Start der DoSV-Plattform für die Einfachstudiengänge unter anderem deshalb „problematisch“ gewesen, weil die Wissenschaftsministerien die technische „Vielfalt“ bei den Immatrikulationsverfahren ihrer Hochschulen „unbekannt“ gewesen sei. 

 

Auch das wiederum eine vergleichsweise nette Umschreibung für das Chaos bei den Campusmanagement-Systemen an den Hochschulen, das eine von Brandenburgs Staatssekretärin Gutheil in Auftrag gegebene bundesweite Befragung unter 171 Hochschulen im Frühjahr offenbart hatte. 50 Prozent der Hochschulen berichteten, dass sie kurzfristig ein neues oder zumindest überarbeitetes System brauchen, langfristig sagen das sogar 90 Prozent. Der entstandene Software-Wildwuchs ist atemberaubend: Über die vergangenen Jahrzehnte hat jede Hochschule ihr eigenes Campus-Management-System aufgesetzt, um die Studentendaten und die digitalen Studienangebote zu verwalten. Eine Vielzahl von Systemen, die größtenteils auf der gleichen Grundsoftware beruhen, dann jedoch im Alltag so lange umgebaut, angebaut und an die lokalen Notwendigkeiten angepasst wurden, bis sie außerhalb der eigenen Hochschule mit fast gar nichts mehr zusammenpassten. Erst recht nicht mit DoSV, so dass schon die Anbindung der Einfach-Studiengänge zu der von Scholz angesprochenen jahrelangen Verzögerung führte. 

 

So schwach die gegenwärtige SfH-Geschäftsführung unter Ulf Bade sein mag: Dass die Stiftung und DoSV überhaupt auf die schiefe Bahn geraten sind, haben also die Wissenschaftsministerien zu einem guten Teil auch selbst zu verantworten. Weil sie eine Stiftung mit undurchsichtigen Gremien geschaffen und einem offenbar überforderten Geschäftsführer jahrelang einfach bei der Arbeit zugesehen haben. Weil sie sich über das Chaos bei der Zulassungssoftware an ihren Hochschulen offenbar lange gar nicht im Klaren waren und, als sie es allmählich begriffen, sich viel zu lange wegduckten. 

 

Womöglich ist es ja auch so, dass sich das Engagement in Sachen SfH für die jeweiligen Stiftungsratsvorsitzenden politisch nicht wirklich auszahlte. Dann schon lieber die Zähne zusammenbeißen, die heiße Kartoffel SfH für eine Weile in der Hand halten und dann schnell weitergeben an die Nachfolger. 

 

Wie geht es jetzt weiter?

 

Brandenburgs Staatssekretärin Gutheil und ihr Co-Vorsitzender Holger Burckhart allerdings scheinen es diesmal wirklich ernstzumeinen. „Die Analyse und die sich daraus ableitenden Handlungen sind technisch und organisatorisch sehr komplex“, sagt Gutheil vieldeutig. Was könnte das heißen? Kommt diesmal wirklich die dringend nötige Neuaufstellung der Stiftungsgremien, anstatt weiter notbehelfsmäßige Beiräte und Bevollmächtigte in undankbare Rollen zu drängen? Wird womöglich sogar Bade abgelöst – der Geschäftsführer, über den bislang immer alle hinter vorgehaltener Hand gemeckert hatten, um ihn dann wiederzuwählen? Gutheil ist zudem seit einigen Monaten Leiterin einer eigens eingerichteten KMK-Arbeitsgruppe „Campus-Management-Systeme“, die den möglichst bundesweiten Neustart bei der Hochschulsoftware vorbereiten soll – mit einer möglichst einheitlichen technischen Lösung für alle. 

 

Diesen Mittwoch können die KMK-Amtschefs zeigen, dass sie die nötigen Konsequenzen, strukturell wie personell, nicht erneut scheuen. Es wäre höchste Zeit. Nicht nur, weil das peinliche DoSV-Geschiebe den Hochschulföderalismus seit geraumer Zeit schlecht aussehen lässt. Sondern weil, bis das Chaos beseitigt ist, hunderttausende Studienbewerber mangels Koordination weiter überflüssige Bewerbungen an Hochschulen überall im Land verschicken. Und während tausende von ihnen am Ende leer ausgehen, während tausende Studienplätze unbesetzt bleiben. Das ist der eigentliche DoSV-Skandal. 


Wie die Stiftung auf Presseanfragen reagiert: ein Lehrstück

Wer wissen will, wie schief die Dinge bei der Stiftung für Hochschulzulassung stehen, muss ihr nur einmal eine Presseanfrage stellen. So geschehen am 12. Oktober, als ich einen acht Fragen umfassenden Katalog an die Pressestelle der Stiftung verschickte, verbunden mit der Bitte um eine Rückmeldung innerhalb von zwei Wochen.

 

Fünf Tage später die erste Reaktion: Fragen angekommen, die 14 Tage werde man wohl brauchen, um die Antworten zu liefern. Am 27. Oktober, nach 15 Tagen, eine erneute Mail: Da der gewünschte „Reaktionszeitraum nunmehr beinahe“ verstrichen sei, wolle man vor dem Wochenende rasch Bescheid geben, dass „die erfragten Inhalte inzwischen zwar als ausformulierte Antworten vorliegen, sich aber derzeit noch im Prozess der benötigten Freigabe befinden.“ 

 

Am 3. November meine Nachfrage: Wie sieht es aus? Keine Antwort. Am 6. November meldet sich Geschäftsführer Ulf 

Bade persönlich per Mail: Die Stiftung erwäge „anläßlich Ihrer Fragen mit Ihnen ein Gespräch zu führen. Sobald eine konkrete Entscheidung getroffen ist, werde ich Sie informieren“. Zum Verbleib der Antworten auf meine Fragen kein Wort.

 

Eine von mir bis zum 13. November gesetzte Nachfrist lassen Bade und die Pressestelle der Stiftung ebenfalls unbeantwortet. Erst nach meinem erneuten Drängen am 20. November eine Mail aus der Pressestelle, im Anhang die Antworten auf meine Fragen – Aussagekraft gering. Dafür eine Bitte um Entschuldigung angesichts der Verzögerungen „im Hinblick auf erforderliche Abstimmungen“. Auf meine Nachfrage, wann ich denn nun ein persönliches Gespräch mit Geschäftsführer Bade führen könne, am 21.11. die lapidare Antwort: „Aufgrund der Vielzahl der bevorstehenden Termine ist es ihm (Bade, JMW) leider in der nächsten Zeit nicht möglich, ein Gespräch mit Ihnen zu führen.“


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Aus Homs ins deutsche Klassenzimmer

In Syrien arbeitete Hend Al Khabbaz als Lehrerin, zwei Jahre nach ihrer Flucht kann sie nun wieder unterrichten: in Brandenburg. Die Geschichte einer Frau, die Brücken bauen soll.

Die neue Heimat von Hend Al Khabbaz: Fürstenwalde. (Clemensfranz: "Fuerstenwalde Spree.jpg", CC BY-SA 3.0)

MANCHMAL ERZÄHLEN DIE Kinder vom Krieg. Von Bomben und von Schießereien und von toten Körpern in den Straßen. Fast teilnahmslos klingen sie dann, und Hend Al Khabbaz lässt sie einfach reden.

Al Khabbaz, 34, ist Englischlehrerin. Zumindest war sie das, zu Hause in Westsyrien. Jetzt unterrichtet sie Erstklässler an einer Grundschule in Fürstenwalde / Spree, viele davon Bürgerkriegsflüchtlinge wie sie. Al Khabbaz' Weg aus einer Kleinstadt bei Homs in eine Kleinstadt in Brandenburg ist die Geschichte einer mutigen Frau, die unbedingt wieder in ihrem Beruf arbeiten wollte.

 

Es ist aber auch die Geschichte einer eigentlich naheliegenden Idee, die die Bildungswissenschaftlerin Miriam Vock Ende 2015 hatte: Wenn plötzlich Hunderttausende nach Deutschland strömen, sind darunter nicht nur ungezählte Kinder, die zur Schule gehen müssen. Sondern es kommen auch Tausende Lehrer. Das "Refugee Teachers Program", das Vock und ihre Mitstreiter an der Universität Potsdam aufgebaut haben, will sie fitmachen für deutsche Schulen, damit sie "Brückenbauer" sein können, wie Vock sie nennt, Vermittler zwischen den Kulturen. Nach über einem Jahr vollgepackt mit Intensivkursen hat die Uni Ende September die ersten 28 Absolventen verabschiedet. >>



>> Eine Plattenbausiedlung im Norden von Fürstenwalde, wo die Straßen nach sowjetischen Kosmonauten heißen und der Waschbeton besprenkelt ist von den Tauben, die zu Hunderten über den Dächern kreisen. Hier steht die Sigmund-Jähn-Grundschule, benannt nach dem ersten Deutschen im Weltraum, und wer wissen will, wann in dieser Gegend zuletzt die Pläne hochflogen, muss nach dem Datum schauen, an dem Jähn, gefeiert von der DDR-Propaganda, auf die Erde zurückkehrte: am 3. September 1978. Jetzt ist es die Gegend, in der die Behörden die Flüchtlinge unterbringen: aus Afghanistan, Tschetschenien, dem Irak, vor allem aber aus Syrien.

 

85 ihrer 285 Schüler seien Flüchtlinge, rechnet Ines Tesch vor, die Schulleiterin - in einer Schule, die zu DDR-Zeiten 400 Kinder fasste. Anfangs haben sie deren Eltern Briefe per "Google Übersetzer" geschrieben. Klar, dass Tesch sofort "Und ob!" rief, als jemand von der Uni Potsdam anrief und fragte, ob sie eine Praktikantin wolle aus dem Refugee Teachers Program. Als es plötzlich hieß, die Praktikantin solle doch woanders hingehen, sei sie "laut geworden", sagt Tesch.

 

Sie ist es gewöhnt, zu kämpfen, wenn es um die Zukunft ihrer Schule geht. Inzwischen ist diese mit ihrer frisch renovierten Fassade ein gelber Farbklecks im Grau der Siedlung. Beim Nachmittagscafé lernen die Eltern Deutsch, als nächstes will Tesch die Digitalisierung des Unterrichts vorantreiben. Die Praktikantin, die Tesch sich ertrotzte, hieß Hend Al Khabbaz, und sie blieb auch nach ihrem Abschluss. Jetzt hat sie eine Vollzeitstelle und unterrichtet im sogenannten Co-Teaching neben den Klassenlehrern.

 

Den Kindern bedeutet es viel, verstanden zu werden

 

Es ist 8.40 Uhr an diesem Morgen, als Al Khabbaz, halblange braune Haare, lila Bluse, rosa Schal, ihr Kartenspiel aus der Tasche zieht. Die drei Erstklässler um sie herum beobachten, wie sie die Karten auf dem Tisch verteilt. Im Nebenraum hat der Rest der 1b Deutsch, doch Ali, Mayla und Amira (Namen geändert) können noch nicht alles verstehen, was ihre Klassenlehrerin Frau Reichardt sagt. Weswegen Reichardt und Al Khabbaz sich für ein Extraprogramm für die drei entschieden haben.

 

"Bringt die Bilder in die richtige Reihenfolge und beschreibt bitte, was ihr seht", sagt Al Khabbaz mit ruhiger Stimme, nahezu akzentfrei. Kinderhände schieben die Karten hin und her, Ali beginnt: "Marie frühstückt". Dann ist Amira dran: "Marie putzt die Zähne." Schließlich Mayla: "Marie und Anna spielen mit Sandkasten." "Im Sandkasten", korrigiert Al Khabbaz behutsam. Hin und wieder sagt ein Kind etwas auf Arabisch, die Lehrerin antwortet auf Deutsch. Sie weiß, was es den Kindern bedeutet, verstanden zu werden. Selbst wenn sie nur aufs Klo müssen und nicht wissen, wie man das auf Deutsch sagt.

 

Im August 2015, erzählt Al Khabbaz, kam ein Freund zu ihr und berichtete, dass die Armee ihn einziehen werde. Er haue ab, ob sie mitkommen wolle? Ihre Schwester lebte da schon in Berlin, und Al Khabbaz sagte sich: Jetzt oder nie. Zusammen kämpften sie sich über den Balkan bis nach Westeuropa durch, zwei Männer, drei Frauen. 18 Tage, bis sie am 4. September 2015 die deutsche Grenze erreichten und aus der Lehrerin Hend Al Khabbaz der Bürgerkriegsflüchtling wurde, ohne Arbeitserlaubnis, ohne Deutschkenntnisse, ohne Idee, wie es weitergehen sollte. >>


Pädagogik, Didaktik – und Deutsch

Das "Refugee Teachers Program" an der Universität Potsdam gibt es seit Frühjahr 2016. Es soll geflüchtete Lehrer auf ihren Einsatz an deutschen Schulen vorbereiten. Von mittlerweile über 1000 Bewerben konnten bislang 80 Männer und Frauen in dem Qualifizierungsprojekt starten, 28 Teilnehmer der ersten Kohorte sind Ende September offiziell in die Schulen verabschiedet worden, die meisten davon stammen aus Syrien.

 

Abhängig von den sprachlichen Vorkenntnissen dauert das Programm bis zu 18 Monate lang. Im ersten Semester steht ausschließlich Deutschunterricht auf dem Stundenplan, 24 Stunden pro Woche. Im zweiten Halbjahr reduziert sich das Sprachenpensum auf acht Stunden, hinzu kommen ein Seminar "Einführung in die Schulpädagogik" und ein 

wöchentlicher Hospitationstag an einer Schule. Je nach Bedarf werden Fachdidaktikkurse angeboten. Im dritten Semestern ist dann wieder Deutschunterricht in Vollzeit angesagt.Lange bewarb die Universität Potsdam ihr Programm als "deutschlandweit einzigartig", mittlerweile sind andere Universitäten wie die Universität Bielefeld nachgezogen. Die Brandenburger Wissenschaftsministerin Martina Münch spricht von einem "erheblichen Bedarf" für "solche innovativen Programme". Insgesamt investiere ihr Ministerium allein 2017 1,2 Millionen Euro, um Flüchtlingen den Zugang zum Hochschulsystem zu ermöglichen.

Die Absolventen des Programms arbeiten jetzt auf Vollzeit-Basis in Brandenburger Schulen, behalten allerdings ihren befristeten Aufenthaltsstatus. Sie werden als zusätzliche Integrationslehrer im Team-Teaching eingesetzt. 



>> Per Bus wurde sie ins Aufnahmelager nach Eisenhüttenstadt verfrachtet, "das waren schreckliche Zustände dort", sagt sie. Mehr nicht. Lieber will sie über ihre Ankunft in Fürstenwalde reden. Nach drei Tagen saß sie im ersten Deutschkurs. "Die Sprache ist beste Material von uns Lehrern", sagt sie. Wenn sie schnell erzählt, holpert ihre Grammatik noch ein bisschen, dann hält sie inne und schüttelt den Kopf. "Wenn ich einen Fehler mache, finde ich das so peinlich." Irgendwann berichtete ihr Deutschlehrer von dem neuen Programm in Potsdam, und sie dachte: Da hast du keine Chance. 700 Männer und Frauen bewarben sich auf die Ausschreibung.

 

"Wir hatten mit 15 Leuten gerechnet", erzählt Andreas Musil, Vizepräsident der Uni Potsdam. "Dann gab es den ersten Pressebericht, und plötzlich hatten wir Hunderte Bewerber." Was folgte, war das, was Musil "den Anruf meines Lebens" nennt. Er fragt im Wissenschaftsministerium um Hilfe nach, der Staatssekretär sagt "Machen wir" und verspricht 300 000 Euro für mehr als 80 Plätze. Einer geht an Al Khabbaz.

 

Der 4. Juli 2016 ist wieder so ein Tag, der sich in ihr Gedächtnis eingebrannt hat. Es ist der Tag, an dem es für Al Khabbaz losgeht in Potsdam: Am Anfang fünfmal die Woche Deutsch, später auch Schulpädagogik, Fachdidaktik, ein begleitendes Praktikum. Auch den ganzen Sommer durch. Täglich fährt sie zum Campus am Neuen Palais, anderthalb Stunden die einfache Fahrt. Einige Kursteilnehmer, die als Flüchtlinge über alle Landkreise Brandenburgs verteilt leben, haben es noch weiter.

 

Der Tag, an dem aus dem Bürgerkriegsflüchtling offiziell wieder die Lehrerin wird, ist der 26. September 2017, ein windiger Herbsttag. Alle sind gekommen zur Abschlussfeier des ersten Refugee-Jahrgangs: Unipräsident, Vizepräsident, Wissenschaftsministerin. Und hätte er nicht drei Stunden zuvor seinen Rücktritt eingereicht, hätte auch der Bildungsminister eine Rede beigesteuert. Sie sind gekommen, um Al Khabbaz und ihre Kommilitonen zu feiern, und ein bisschen sich selbst.

 

Denn so naheliegend Miriam Vocks Idee war, so einzigartig sind die Potsdamer lange mit ihrem Projekt geblieben. Was Vock zum Schwärmen veranlasst, welch schlagkräftige Organisation ihre Universität sei, wenn alle mitzögen: vom International Office über das Sprachenzentrum und das Zentrum für Lehrerbildung bis hinauf zum Vizepräsidenten. Noch bemerkenswerter ist, dass auch alle beteiligten Behörden mitgemacht haben, ausnahmsweise: das Sozialministerium, die Ministerien für Wissenschaft und Bildung, die Schulämter. Erst allmählich ziehen anderswo Universitäten nach, Bielefeld etwa mit dem Programm "Lehrkräfte Plus".

 

Eine Urkunde, ein Händeschütteln, ein Foto. Und wie Al Khabbaz so dasteht auf der Bühne, zwischen all den Honoratioren, könnte man denken: Sie ist am Ziel. Aber nur für den Moment. Denn sie will weiter. Ein Jahr voll arbeiten, dann zurück an die Uni, ihr deutsches Staatsexamen machen. Eine Aufenthaltsverlängerung erhalten, ihre eigenen Klassen unterrichten. Am liebsten in Fürstenwalde, sagt sie, die eigentlich nach Berlin wollte. Die meisten Leute seien nett hier. Klar gebe es auch die anderen, die Nachbarin etwa, die wegschaut, wenn sie ihr im Hausflur begegnet. "Aber wissen Sie, auch das ist eine Frage der Bildung", sagt Al Khabbaz, fast zu abgeklärt. "Viele Menschen haben selbst nicht viel."

 

Wenn man sie nach einem Wunsch an die Politik fragt, muss die Lehrerin nicht lange überlegen. "Lasst die vielen Flüchtlinge nicht so lange herumsitzen", sagt sie. Sie wollten ihren Platz in der Gesellschaft finden. "Die Chance zu arbeiten ist wichtiger als alle netten Worte."

 

Dieser Artikel erschien zuerst in der Süddeutschen Zeitung.

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