JAN-MARTIN WIARDA

Journalist     Moderator     Fragensteller


Willkommen auf meiner Website.

Wenn Sie mehr erfahren wollen über mich und meine Themen, sind Sie hier richtig. Schauen Sie doch auch mal in meinen Blog, in dem ich regelmäßig aktuelle Ereignisse in Bildung und Forschung aufspieße. Ich freue mich auf Ihr Feedback.


"Das war keine Flüchtlingskrise"

Rebecca Moeti ist WHO-Direktorin für Afrika, Elhadj As Sy Chef des Internationalen Roten Kreuzes. In Berlin haben sie mit der Gesundheitspolitik-Expertin Ilona Kickbusch über weltweite Fluchtbewegungen und ihre Ursachen diskutiert. Und sie formulieren Erwartungen an eine neue Bundesregierung.

Rebecca Moeti, Elhadj As Sy und Ilona Kickbusch (von links) trafen sich beim World Health Summit in Berlin. Fotos: Jelka von Langen

Herr Sy, wann waren Sie zuletzt in einem Flüchtlingscamp?

 

Elhadj As Sy: In den vergangenen drei Monaten war ich im Flüchtlingscamp Gaziantep in der Türkei, ich war in einem griechischen Lager, und ich war im größten Flüchtlingslager der Welt, in Dadaab im Norden Kenias. 

 

Wie sieht das typische Flüchtlingslager aus?

 

Sy: Das gibt es nicht. Die Türkei zum Beispiel hat eine Menge investiert in Gaziantep. So schwierig die Umstände dort sein mögen, sie sind nichts im Vergleich zu Dadaab, das seit fast 30 Jahren unkontrolliert wächst und in dem das Elend unvorstellbare Ausmaße angenommen hat. Doch selbst in Dadaab ist die Situation noch besser als in vielen Dörfern und Städten, wo all jene die Flüchtlinge stranden, die es nie in ein Lager schaffen. 

 

Die im Lager sind also die Starken, die Privilegierten?

 

Rebecca Moeti: Ohne Zweifel sind sie das. Wobei selbst das luxeriöste Lager nichts ändert an dem schlimmsten Verlust, den sie als Flüchtling erleiden. Sie mögen ein Dach über dem Kopf haben mit ordentlichen sanitären Anlagen und sogar einer funktionierenden ärztlichen Versorgung. Doch in den Augen der Flüchtlinge können Sie sehen, wie die Dankbarkeit sich mit der Scham vermischt, über Nacht zum Objekt geworden zu sein. Eben waren Sie noch der stolze Vater oder die Mutter, die für ihre Kinder sorgen konnten, und jetzt können Sie nicht mal mehr sich selbst versorgen. Ein Flüchtlingslager kann daher niemals die Lösung sein.

 

Trotzdem bleiben manche Menschen über Jahrzehnte.

 

Ilona Kickbusch: Aus zwei simplen Gründen. Erstens: Ihr Zuhause ist nicht mehr sicher. Zweitens: Sie haben keinen Ort, wo sie sonst hingehen könnten. Sie sind gefangen im Dazwischen.

 

Moeti: Und genau diese Menschen, die sich nicht mehr selbst helfen können, sind diejenigen, denen dann von anderen am übelsten mitgespielt wird. Sie haben all ihr Geld ausgegeben, um es in ein Lager zu schaffen, und dann beginnt die Ausbeutung. Ich höre immer wieder bestürzende Geschichten von Frauen, die in die Prostitution gezwungen werden. Die Ungewissheit für die Flüchtlinge trifft auf eine organisierte Struktur von Ausbeutung in einigen Lagern. 

 

Kickbusch: Was wir uns in Deutschland oft nicht vorstellen können, ist das Ausmaß psychischer Erkrankungen in den Lagern. Die Menschen erleiden schon durch die Flucht seelische Verwundungen, und der verbreitete Missbrauch in den Lagern verursacht zusätzliche Traumata. Dagegen hilft die beste medizinische Basisversorgung wenig. >>



>> In Deutschland haben wir erst angefangen, uns wirklich für die Probleme von Flüchtlingen zu interessieren, seit wir unsere eigene Flüchtlingskrise hatten. 

 

Sy: Ich finde nicht, dass der Begriff Flüchtlingskrise auch nur in Ansätzen angemessen war. Die Welt als Ganzes erlebt gerade die größten Migrationsbewegungen seit dem zweiten Weltkrieg. 66 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht. Das ist die Flüchtlingskrise. Nicht wenn davon eine Million nach Deutschland kommt – auf einen Kontinent, der mehr Ressourcen hat als jeder andere, um mit dem Zustrom klarzukommen. Ich will das deutsche Engagement ausdrücklich nicht gering schätzen, aber andere Länder tragen eine deutlich größere Last. 

 

Welche meinen Sie? 

 

Sy: Die Menschen bewegen sich auf ihrer Flucht in konzentrischen Kreisen um ihre Heimat herum - in der Hoffnung, möglichst bald dorthin zurückkehren zu können. Darum sind die meisten Flüchtlinge auf der Welt Binnenflüchtlinge. Allein in Syrien gibt es 6,5 Millionen davon. Der nächste Kreis sind die Nachbarländer. Ein Drittel der Einwohner im Libanon stammt inzwischen aus Syrien, in vielen Schulklassen sitzen mehr Flüchtlinge als Einheimische. Nochmal eine Million lebt in Jordanien, drei Millionen in der Türkei. Und bislang haben wir noch gar nicht von den Flüchtlingen aus dem Südsudan gesprochen, aus Uganda, aus Irak dem oder aus Afghanistan.  

 

Finden Sie es eigentlich beschämend, dass die deutsche Politik erst jetzt über Fluchtursachen diskutiert - mit der erklärten Absicht, uns die potenziellen Flüchtlinge von morgen vom Hals zu halten?

 

Kickbusch: Wenn der Politik das Argument hilft! Hauptsache, es passiert endlich was um Entwicklung zu ermöglichen, das Warum ist mir dann egal. 

 

Frau Moeti, wie kann Deutschland in der momentanen Situation am besten helfen?

 

Moeti: Ich kann diese Frage nur für Afrika beantworten. Die Afrikanische Union sagt in ihrer Agenda 2063 sehr genau, worauf es ankommt. Wir müssen für die schnell wachsende junge Generation die Gelegenheit schaffen, dass sie sich einbringen können, dass sie Jobs haben und, anstatt abzuwandern, in ihren Heimatländern zum Aufbau beitragen. Deshalb müssen wir unsere Volkswirtschaften entwickeln, und dafür brauchen wir Investitionen aus dem Ausland. Aber die müssen fair sein, das heißt, wir erwarten, dass die Unternehmen, die in Afrika Geschäfte machen, dort auch Steuern zahlen. >>


Ilona Kickbusch ist Expertin für Weltgesundheitspolitik und hat an der Yale Universität das Global-Health-Programm mit aufgebaut. Sie ist Professorin am Hochschulinstitut für internationale Studien und Entwicklung in Genf und berät unter anderem den Bundesgesundheitsminister.

 

Rebecca Moeti, geboren in Südafrika, ist Ärztin und begann ihre internationale Karriere in den Neunziger Jahren bei UNAIDS. seit 2015 Regionaldirektorin der Weltgesundheitsorganisation WHO für Afrika.

 

Elhadj As Sy stammt aus dem Senegal und ist studierter Germanist. 25 Jahre lang hat er für verschiedene internationale Organisationen den Kampf gegen Krankheiten wie AIDS, Tuberkulose und Malaria organisiert, bevor er 2014 Direktor beim Internationalen Roten Kreuz wurde.


>> Während Europa lange Zeit zurückhaltend war, ist China in vielen afrikanischen Ländern längst groß eingestiegen. Verhalten die Chinesen sich so, wie Sie es gerade beschreiben?

 

Moeti: Ich rede jetzt von Europa. China war bis vor kurzem selbst noch ein Entwicklungsland. Europa dagegen profitiert noch immer von seiner kolonialen Vergangenheit und verdankt einen Teil seines Reichtums dieser Ära. 

 

Kickbusch: Man kann die Chinesen sicherlich für manches kritisieren, auch für ihr Eigeninteresse, aber Fakt ist: Sie sind das Risiko eingegangen und haben in Afrika investiert. Selbst den Sitz der Afrikanischen Union haben sie gebaut, sie haben die Bahnstrecken erweitert und die Züge dazu geliefert. Während wir "die armen Afrikaner" gesagt und ihnen ein bisschen Entwicklungshilfe geschickt haben - in dem sicheren Glauben, dort lasse sich nie Geld verdienen - haben die Chinesen sich einen geopolitischen Vorteil verschafft. 

 

Herr Sy, wenn wir von Investitionen in die Wirtschaft reden, sind Sie doch eigentlich raus aus dem Gespräch, oder? Das Rote Kreuz ist ja nur für die Nothilfe zuständig. 

 

Sy: Falsch. Das Rote Kreuz muss immer da sein und nicht erst, wenn die Krise entsteht. Im konkreten Fall kann das bedeuten, dass wir den Zugang Trinkwasser sichern für ein Dorf, das von der Schafzucht lebt. Anderswo helfen wir beim Bau eines Krankenhauses oder bei der Entwicklung der regionalen Wirtschaftsstruktur. Wenn die nächste Krise kommt, sollen die Menschen besser vorbereitet sein, das ist es. Das ist unser Kampf gegen die Ursachen von Flucht und Migration. Wobei ich an dieser Stelle gern nochmal über den Begriff "Migration" diskutieren würde. 

 

Nur zu.

 

Sy: Denken Sie an all die Europäer und Amerikaner, die nach Afrika gehen, um dort zu arbeiten. Die nennt keiner Flüchtlinge oder Migranten, sondern "Expats". Und wie war das in Europa, als all die Gastarbeiter geholt wurden, um die Arbeit zu machen, die wir auf Englisch "3D" nennen: dirty, dangerous, demeaning. Kurzum: Migration ist etwas Alltägliches, war sie schon immer, und oft heißen wir sie gut oder brauchen sie sogar. Sie passiert aber auch, wenn wir sie nicht wollen und uns ihr entgegenstemmen, erst recht in unserer globalisierten Welt: Die Technik verbindet uns weltweit, die Sehnsüchte der Menschen wachsen über bestehende Grenzen hinweg. Wir müssen erst noch begreifen, dass die Globalisierung keinen Rückwärtsgang hat. Wenn die westlichen Regierungen das ihren Bürgern klarmachen, erfüllen sie ihre größte Verpflichtung gegenüber der Welt, das ist wichtiger als jede Entwicklungshilfe.

 

Auch aus der deutschen Politik hört man immer noch eher Sätze nach dem Motto, wir sollten nicht vor den Problemen, die die Flüchtlinge verursachten, die Augen verschließen.

 

Kickbusch: Viele Bürger sind viel weiter. Während den Politikern aller Parteien die Worte fehlten, als die Flüchtlinge eintrafen, konnte man beobachten, wie die Leute in München und selbst im konservativen Passau die Flüchtlinge unterstützen, viele von ihnen setzen sich bis zum heutigen Tag für sie ein, alles ehrenamtlich. Natürlich gab und gibt es Probleme. Diese müssen offen, angesprochen und  ins richtige Verhältnis gesetzt werden. 

 

Und das wäre?

 

Kickbusch: Wir brauchen kein Coverup der bestehenden Probleme. Es gab Vergewaltigungen durch Flüchtlinge, und es wird wohl weitere geben, was furchtbar und unerträglich ist für jede Frau, die Opfer wird. Wahr ist aber auch, dass nicht nur Flüchtlinge Vergewaltigungen verüben und dass der weit überwiegende Teil der Flüchtlinge rechtschaffen ist. Die Politik muss viel mehr in eine ehrliche gesellschaftliche Debatte investieren. 

 

Viele Europäer schauen stattdessen mitleidig auf politische Verwerfungen in Afrika, zucken dann aber mit den Schultern und sagen: Das haben die selbst verantwortet, das müssen die selbst lösen. 

 

Sy: Kein Europäer kann behaupten, die Probleme Afrika gingen ihn nicht an, solange europäische Truppen dort stationiert sind, solange die Europäer Kriegsparteien finanzieren, sie mit Waffen oder Flugzeugen ausstatten. Und wodurch entstehen denn viele Konflikte und Notsituationen? Durch Umweltverschmutzung, durch das Fehlen sauberen Wassers. Die größten Verschmutzer sitzen nicht in Afrika oder anderen Entwicklungsländern, sondern weit weg von den Orten, wo die schlimmsten Umweltschäden anfallen.

 

Moeti: In einigen Regionen der Welt werden Minerale abgebaut und es wird Öl gefördert in einer Weise, die schlimmste Umweltschäden verursacht, landwirtschaftliche Flächen vernichtet und Weideland. Das sind die Schäden, die die Leute von zu Hause vertreiben, und oft stecken international Unternehmen dahinter und wenden Fördermethoden an, die in ihren Heimatländern komplett illegal wären. 

 

Es geht also gar nicht darum, dass der Westen mit großer Geste neue Investitionen leistet, sondern vor allem muss er erstmal aufhören, sich Vorteile auf Kosten der Entwicklungsländer zu verschaffen?

 

Moeti: Was schwierig genug wird. Parallel aber kommt es schon darauf an, dass der Westen den Entwicklungsländern hilft, ihre Bildungssysteme zu erweitern, und zwar über die Grundschule hinaus, deren Aufbau am Anfang besonders wichtig war. Als nächstes müssen wir in die berufliche Ausbildung der Menschen investieren, technologisch erstklassig, damit sie sich selbst ernähren können. 

 

Sy: Wir dürfen uns nur nicht selbst vormachen, auf die Weise könnten wir alle jungen Leute in ihren Heimatländern halten. Es wird trotzdem Millionen geben, die in den Norden umziehen wollen. Darauf sollten wir uns vorbereiten.

 

Kickbusch: Und zwar insofern vorbereiten, dass wir nicht nur das Klischee der syrischen Ärzte beschwören, die bei uns hochwillkommen sind. Anstatt von einem Punkte-Einwanderungssystem für Hochqualifizierte wie in Kanada zu reden, sollten wir der Öffentlichkeit vermitteln, wen wir künftig wirklich brauchen: Nicht die Professoren, sondern die Pflegekräfte. Die in einer alternden Gesellschaft die Menschen versorgen. Und wenn wir schon dabei sind, über eine kreativere Migrationspolitik nachzudenken: Warum helfen wir nicht mehr jungen Menschen aus Entwicklungsländern, die zum Studieren zu uns kommen, nach ihrem Abschluss dabei, in ihrer Heimat ein Unternehmen aufzubauen?

 

Alles gute Ideen, aber fast ausschließlich Appelle an die Politik. Weil Krisenländer eben doch nicht attraktiv sind für die Investitionen privater Unternehmen?

 

Kickbusch: Ich erinnere mich an eine Rede der Gesundheitsministerin von Botswana, die an die Adresse der deutschen Wirtschaft sagte: Kommt zu uns, helft uns beim Aufbau unserer Infrastruktur, und die Gewinne werden dann fair aufgeteilt im Sinne einer echten Partnerschaft. Das ist doch gerade für die deutsche Wirtschaft mit ihrem starken Mittelstand spannend, zumal man vielversprechenden jungen Leuten eine Ausbildung in Deutschland ermöglichen könnte damit sie in ihrer Heimat  als Führungskräfte tätig werden.

 

In Deutschland entscheidet sich demnächst, ob es erneut eine Große Koalition aus SPD und Union geben wird. Wie lautet Ihre Botschaft an die Politik?

 

Kickbusch: Ich habe anfangs von der Welle psychischer Erkrankungen unter Flüchtlingen hingewiesen, die auf uns zurollt. Das ist ein sehr ernstes Problem, das wir hier in Deutschland bei der Integration der neuankommenden Menschen angehen müssen. Wir müssen ihnen die therapeutische Versorgung bieten, die sie brauchen. Nur wenn wir ihnen dabei helfen, ihr eigenes Leben unter Kontrolle zu bekommen, gelingt langfristig Integration.  

 

Sy: Was passiert, wenn die Politik ihre Bürger nicht genug auf die Globalisierung vorbereitet, können wir zurzeit weltweit sehen. Dann kommt es zu Spannungen, zu Fremdenfeindlichkeit und zu Populismus. 

 

Moeti: In der Tat brauchen wir Nationen, die den Blick nach außen gerichtet halten, anstatt sich nur noch auf die eigenen Vorteile zu besinnen. Und das sage ich nicht nur in Hinblick auf die gegenwärtige US-Regierung, den Brexit oder anderen nationalistischen Trends, die zu verstehen uns mitunter schwerfällt. Ich hoffe, dass die Europäische Union und innerhalb der EU Deutschland die Anführer einer Gegenbewegung sein können. 

0 Kommentare

Studienzulassung für Medizin: Bis Mai sollen die Eckpunkte eines neuen Staatsvertrages stehen

In ihrer Sitzung am Donnerstag haben die KMK-Amtschefs den Fahrplan für die Neuformulierung und erste Reformideen diskutiert. Die könnten über die vom Verfassungsgericht geforderten Änderungen hinausgehen.

DIE AMTSCHEFS DER Kultusministerkonferenz (KMK) haben sich bei ihrem Treffen gestern dafür ausgesprochen, dass die Länder die Humanmedizin-Studienplatzvergabe in Eigenregie neu regeln. Der Beschluss ist insofern bemerkenswert, als der Bund bei der Hochschulzulassung ebenfalls Gesetzgebungskompetenz besitzt im Rahmen der konkurrierenden Zuständigkeiten. Doch hat das Bundesbildungsministerium der KMK diese Woche informell signalisiert, dass es den Ländern den Vortritt lassen möchte. 

 

Den Beratungen in der KMK-Amtschefskonferenz vorausgegangen war ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 19. Dezember 2017, das die bisherige Praxis bei der Studienplatzvergabe als teilweise verfassungswidrig verworfen hatte. Die gesetzlichen Rahmenvorschriften von Bund und Ländern verletzten den grundrechtlichen Anspruch der Bewerber auf gleiche Teilhabe am staatlichen Studienangebot, begründeten die Richter des Ersten Senats ihr Urteil. Außerdem verfehlten die Bestimmungen zum Auswahlverfahren der Hochschulen teilweise die gesetzlichen Anforderungen. Bis zum 31. Dezember 2019 muss die Studienplatzvergabe per Numerus Clausus auf eine neue Grundlage gestellt werden, "welche die verfassungsrechtlichen Beanstandungen beseitigt", heißt es in dem Urteil. 

 

Um die Auflagen des Gerichts zu erfüllen, wollen die Kultusminister den bestehenden Länder-Staatsvertrag zur Hochschulzulassung ändern. Ein Bundesgesetz zur Hochschulzulassung, das die Verfassungsrichter als Möglichkeit explizit erwähnt hatten, ist vor dem Hintergrund äußerst unwahrscheinlich. Auch ein gemeinsamer und rechtlich möglicher Bund-Länder-Staatsvertrag erscheint ausgeschlossen. Denn die Amtschefs machen bereits Tempo: Bis zu ihrer Mai-Sitzung soll der KMK-Hochschulausschuss die Eckpunkte der Neufassung formulieren, die die Amtschefs dann beschließen und direkt an ihre Minister weiterreichen wollen. Den Großteil der konzeptionellen Arbeit wird die eigens eingerichtete KMK-Arbeitsgruppe "Staatsvertrag Hochschulzulassung" erledigen. 

 

In ihrem Zusammentreffen gestern haben die Amtschefs anhand einer Frageliste diskutiert. Kernpunkt der Debatte: Sollen die Länder lediglich die Mängelliste des Verfassungsgerichts abarbeiten im Sinne einer "Minimallösung", oder nutzen sie die Gelegenheit zur einer "Weiterentwicklung mit Gestaltungsmöglichkeiten"? Und wie viel mehr bundesweite Standardisierung ist sinnvoll?

 

Klar ist, dass die von den Verfassungsrichtern heftig kritisierte vorrangige Berücksichtigung der Ortspräferenzen vor Abiturnote und Wartezeit in der sogenannten Abiturbestenquote beseitigt werden muss. Die Vorlage der AG "Staatsvertrag Hochschulzulassung" nennt hier eine Reihe von Möglichkeiten. Entweder könnten die Länder bei der Abiturbestenquote eine gleichzeitige Bewerbung an allen 35 Medizinstandorten bundesweit erlauben. Oder sie könnten die Abiturbestenquote oder gleich alle Quoten (bis auf die Vorabquoten) komplett abschaffen. Denkbar wäre auch, allein die Abiturbestenquote abzuschaffen und das Auswahlverfahren der Hochschulen auf 80 Prozent auszuweiten. Was mit der Wartezeitquote, die derzeit ebenfalls 20 Prozent beträgt, passieren könnte, dazu später mehr.

 

Einig war sich die Länderrunde gestern bereits, dass die Abiturnote als bisher mit Abstand wichtigstes Zulassungskriterium weiter eine – allerdings deutlich geringere – Rolle spielen wird. Das Verfassungsgericht hatte angesichts der mangelnden bundesweiten Vergleichbarkeit der Schulzensuren eine Relativierung ihrer Gewichtung gefordert. Wohl könnten sich einige Wissenschaftsminister noch mehr vorstellen – sprich: ein Zulassungsverfahren ganz ohne Abischnitt – doch drängen vor allem die Schulministerien in der KMK auf Bestandschutz für das Kriterium, weil sie ansonsten eine Entwertung des Abiturs als Abschluss insgesamt fürchten. Unstrittig ist aber, dass es neue Ausgleichsmechanismen zur länderübergreifenden Vergleichbarkeit der Schulzensuren geben muss.

 

Zu den Auflagen des Gerichts gehörte zudem, dass künftig mindestens ein nicht schulnotenbasiertes Eignungskriterium Pflicht wird. Vor wenigen Tagen erst hatte die Deutsche Gesellschaft für Psychologie (DPGs) an die Länder appelliert, "eine zentrale wissenschaftliche Einrichtung" zu gründen, die "hochwertige standardisierte und strukturierte Leistungsprüfungen für die Zulassungen an staatlichen Hochschulen entwickelt und hilft, die Qualität der Studienplatzvergabe zu verbessern". 

 

Standardisierte Eignungsprüfungen sind in Deutschland immer noch die Ausnahme. Der eigens entwickelte "Test für medizinische Studiengänge" (kurz: Medizinertest) wurde zwischen 1986 und 1996 routinemäßig eingesetzt, dann eine Weile gar nicht, und seit 2007 nutzen ihn, ausgehend von Baden-Württemberg, immer mehr medizinische Fakultäten in Deutschland erneut. Allerdings ist die Teilnahme freiwillig und lediglich eine Möglichkeit, die Chance auf einen Studienplatz zu vergrößern.

 

Da die Beschlüsse der KMK zur Zulassung Experten zufolge auf die Studienplatzvergabe in weiteren NC-beschränkten Fächern ausstrahlen dürften, wird die Debatte über die künftige Bedeutung und Ausgestaltung standardisierter Tests in den nächsten Monaten besonders engagiert geführt werden – was sich in der KMK-Amtschefrunde gestern bereits andeutete. Und Eignungsprüfungen sind nicht die einzige Möglichkeit, die Bedeutung der Abiturnote abzuschwächen. Bereits vergangenes Jahr hatte der zwischen Bund und Ländern vereinbarte "Masterplan Medizinstudium 2020" weitere Eignungskriterien ins Spiel gebracht: vor allem passende berufliche Vorerfahrungen etwa von Krankenpflegern oder Rettungssanitätern. Auch solche Überlegungen ließen sich auf andere Fächer übertragen.

 

Ebenfalls auf der gestern in der KMK-Amtschefskonferenz debattierten Liste stand die Frage, ob die Wartezeitquote beibehalten werden soll oder alternativ ganz wegfallen könnte. Ein schwieriges Thema, hatten doch die Verfassungsrichter überlange Wartezeiten von vier und mehr Jahren als unzulässig erklärt. Üblich sind derzeit 15 Semester. Solche Wartezeiten beeinträchtigen erheblich die Erfolgschancen im Studium und damit die Möglichkeit zur Verwirklichung der Berufswahl, befanden die Richter. Allerdings ist fraglich, ob es wirklich fairer wäre, wenn Bewerber künftig vier Jahre warteten und dann endgültig und ohne Studienplatz aus dem Verfahren flögen. Umgekehrt würde aber auch die ersatzlose Streichung der Quote die Zulassung nicht gerechter und erst recht nicht offener machen. Die Länder diskutieren deshalb unter anderem, ob aus dem Warteverfahren gekippte Bewerber sich künftig erneut über standardisierte Eignungstests bewerben dürfen. 

 

Am Ende zu einer Frage, die sich womöglich als die praktisch bedeutsamste erweisen könnte: Ist das alles zeitlich zu schaffen? Die KMK-AG "Staatsvertrag Hochschulzulassung", bestehend aus hohen Ministeralbeamten der Länder, interpretiert das Verfassungsgerichtsurteil so, dass das neue Zulassungsverfahren bereits zum Sommersemester 2020 greifen müsste. Was bedeutet, dass der neue Staatsvertrag spätestens bis Anfang November 2019 in allen Ländern ratifiziert werden und in Kraft treten müsste – und das unter den erschwerenden Bedingungen von sechs Landtagswahlen bis dahin. Und wenn das gelingt, ist da immer noch die Stiftung für Hochschulzulassung (SfH), die ihre Software für das neue Zulassungsverfahren umschreiben muss. 

 

Die Arbeitsgruppe schlägt vor, von Anfang eine Übergangsregelung in den neuen Staatsvertrag einzubauen, derzufolge das Zulassungsverfahren "mit den bestehenden oder nur rudimentär weiterentwickelten EDV-technischen Gegebenheiten durchgeführt werden kann." Faktisch würde dies bedeuten, dass der neue Staatsvertrag die bisherige Zulassungspraxis auf eine bestimmte Zeit verlängern würde. 

 

Droht dort die nächste Hängepartie? Ursprünglich wollte die SfH bereits bis Ende 2018/19 eine neue Software für die bundesweiten NC-Studiengänge wie Medizin oder Pharmazie an den Start bringen. Doch die Inbetriebnahme des sogenannten DoSV 2.0 wurde auf unbestimmte Zeit verschoben, wohl auf mindestens 2020/2021. Und das war noch vor dem aktuellen Verfassungsgerichtsurteil. Kein Wunder also, dass die Amtschefs gestern so aufs Tempo drückten. 

0 Kommentare

Sie wollen mehr wissen? Schauen Sie doch direkt in meineBLOG nach. Ganz oben finden Sie hier ein Inhaltsverzeichnis: Alle Einträge seit Juli 2015 sortiert nach Themen und Kategorien. Viel Spaß beim Stöbern!

...und hier geht es zu meinem RSS Blog-Feed...