JAN-MARTIN WIARDA

Journalist     Moderator     Fragensteller


Willkommen auf meiner Website.

Wenn Sie mehr erfahren wollen über mich und meine Themen, sind Sie hier richtig. Schauen Sie doch auch mal in meinen Blog, in dem ich regelmäßig aktuelle Ereignisse in Bildung und Forschung aufspieße. Ich freue mich auf Ihr Feedback.


Blick zurück (4)

Seit 20 Jahren beschäftigte ich mich mit Hochschulen, Bildung und Wissenschaft. Viel ist passiert in dieser Zeit, vieles davon durfte ich als Journalist begleiten. Der Blick zurück zeigt, wie aktuell einige meiner Themen von einst geblieben sind – obwohl sich fast alles verändert hat. Machmal allerdings auch, weil sich fast gar nichts verändert hat. Der vierte Teil einer Serie.

Die Ludwig-Maxmilians-Universität in München, Wulfs damalige Wirkungsstätte. Foto: dustpuppy: "Vor der Uni, Geschwister-Scholl-Platz", CC BY 2.0

Universalist im fünfzigsten Semester

Warum sich ein ewiger Student nicht damit abfinden will, dass Zweitstudien in Bayern neuerdings 2000 Mark im Jahr kosten.

(erschienen in der Süddeutschen Zeitung vom 26. Januar 1999)

 

AUF DEM HERD stapeln sich die Magazine. „Kochen ist nicht mein Ding”, sagt Wulf, 58 Jahre, Student im fünfzigsten Semester. „Dazu bin ich zu intellektuell. ” Er braucht jeden Quadratzentimeter der Ein-Zimmer-Wohnung, um die Überbleibsel seines akademischen Lebens unterzubringen: vergilbte Zeitungen in Plastikkisten, angestaubte Lehrbücher auf Klavier und Fußboden. Seit 1974 studiert er an der Universität München, da hat sich eine Menge angesammelt. Seine Garderobe musste er in einen Einkaufswagen an der Wohnungstür auslagern, im Zimmer war kein Platz mehr.

 

Wulf ist einer von mehreren tausend Studenten in Bayern, die in diesen Tagen Post von ihrer Hochschule bekommen. In dem freundlichen Brief steht, dass Zweitstudiengänge vom Sommersemester an Geld kosten, 1000 Mark pro Semester. So steht es im heiß diskutierten neuen Landeshochschulgesetz. Die Regelung trifft Studenten, die schon ein Uni-Studium abgeschlossen haben. Bei Wulf ist das nicht nur eines. „Ich führe ein Leben für die Bildung”, sagt er nicht ohne Stolz. Und er ist bereit, dieses Leben zu verteidigen: „Ich werde Einspruch einlegen. ”

 

Wie schafft man das überhaupt, fünfzig Semester an der Uni? Wulf rückt den Stuhl zurecht. „Eigentlich wollte ich gar nicht studieren”, sagt er nachdenklich. Ein Lebenslauf im Zeitraffer: Gymnasium, in der zwölften Klasse ein schizophrener Anfall, wie er es nennt, ein Jahr später noch einer. Dann nie wieder. Schulabbruch, Ausbildung zum Gärtner, später Gartenbau-Diplom an der Fachhochschule, acht Anstellungen und sieben Kündigungen, mit 31 Jahren frühverrentet. „Das mit der Rente war mehr Glück als Verstand”, sagt er grinsend. „Chronische Leistungsschwäche” nennt der Junggeselle seine Krankheit. Zusammen mit seiner Vorgeschichte reichte das in Zeiten der Vollbeschäftigung für eine fünfzigprozentige Erwerbsminderung und eröffnete ihm drei Jahre später die Möglichkeit, ganz aus dem Arbeitsalltag auszusteigen. Ein neues Leben nahm seinen Anfang: das Studium.

 

Los ging es mit vier Semestern Anglistik und Germanistik, doch konnte sich der hoffnungsfrohe Jungstudent mit der Literaturwissenschaft nie richtig anfreunden. „Da wurde total gesiebt. Ein Professor hat mich mal über eine Stunde lang geprüft – und durchfallen lassen. Der war gründlich. ” 1976 kam Wulf auf die Idee, es mit Medizin zu versuchen. „Das lag mir viel näher, schließlich war ich auf einem naturwissenschaftlichen Gymnasium gewesen. ” Nach vierzehn Semestern Examen und Anmeldung zur Promotion. „Mein Doktorvater sagte, ich sei intelligent und würde das schaffen. Aber am Ende ist es keine runde Sache geworden. ” Der Professor lehnte die Arbeit ab, eine riesige Enttäuschung nach drei Jahren Plackerei.

 

Fleißkärtchen
und Mesamarken

 

Gut nachvollziehen kann der gescheiterte Doktorand, wie sich Promotionsstudenten nun über eine weitere Neuerung des Hochschulgesetzes ärgern. Sie sollen nach sechs Semestern automatisch exmatrikuliert werden – ohne Rücksicht auf das Einzelschicksal. „Man weiß doch nie, was passiert”, sagt Wulf, und seine heisere Stimme macht einen Sprung.

 

Doch der passionierte Student hat sich aufgerappelt damals, und ein dritter Abschnitt in seinem Leben begann, ein Abschnitt, der bis heute andauert. „Ich verbringe meine Zeit mit Büchern, als Autodidakt. ” Besonders schätzt er die Bibliothek des Studentenwerks, die ist sehr umfangreich. Er beschäftigt sich mit Anglistik, Psychologie, Philosophie und neuerdings Portugiesisch. So gehen die Tage dahin, ohne dass er richtig sagen könnte, womit er sie füllt. „Früher habe ich viel Zeit verbummelt”, gibt er zu. „Doch jetzt bin ich viel motivierter. ”

 

Auf dem kleinen Tisch liegen Berge von Karteikärtchen. Wulf lernt fleißig Vokabeln und weiß auch einen Grund dafür. „Ich habe eine Freundin in Brasilien”, sagt er lächelnd. 

 

Es tut ihm weh, von seinen Mitmenschen ausgegrenzt zu werden, nur weil er anders ist. Aufdringliche Blicke begleiten ihn, wenn er sich in der Mensa einen Weg durch die wartenden Kommilitonen bahnt. Dreißig, vierzig Jahre älter, lange weiße Haare, zotteliger Vollbart – das fällt auf. Einen einzigen Studenten in seinem Alter kennt er: Aber der, findet Wulf, sei ein komischer Kauz. „Als ich 1974 mit Anglistik anfing, waren wir zwölf Leute im Seminar. Da war noch ein Gemeinschaftsgefühl. Das gibt es heute an der Massenuni nicht mehr. ”

 

Einen Funken Resignation, mehr leistet er sich nicht: Trotz seiner Einsamkeit bleibt er freundlich und zuvorkommend. An der Essensausgabe reiht er sich geduldig in die Schlange der Vegetarier ein, wechselt hier und dort ein Wort. In der Hand trägt er ein kleines Plastiksäckchen mit Essensmarken. Die hat er gebunkert, damit er sich nicht jeden Tag aufs Neue anstellen muss. In manchen Dingen kann er sehr organisiert sein.

 

„Die Uni hat in Deutschland eine umfassende Aufgabe, nicht so wie die Klippschulen in England”, sagt Wulf und genehmigt sich ein Gemüsegulasch. „Ich versuche, ihre Angebote zu nutzen und Universalist zu sein. Fachidiotentum ist nichts für mich. Ich stöbere einfach gern. ” Und wenn sein Einspruch scheitert? Wenn er doch zahlen muss?

 

Wulf überlegt ein paar Augenblicke, dann sagt er: „Ich habe im Prinzip nichts gegen Studiengebühren. ” Es folgt eine Argumentation, die von Jahrzehnten dialektischen Denkens zeugt. These: „Die Politiker haben recht, wenn sie die mangelnde Beteiligung der Bürger an ihrer Ausbildung beklagen. ” Antithese: „Allerdings trifft es bei einer Zahlungsaufforderung stets die falschen. Dann müssen Leute wie ich zahlen, während die wirklich Vermögenden drum herumkommen. ” Synthese: „In der Praxis lassen sich gerechte Studiengebühren nicht verwirklichen. ”

 

Lebenshilfe auf
dem Lehrplan

 

Einspruch hin oder her, Wulf wird auch mit dem neuen Gesetz weiterstudieren. Und so leicht kriegen sie ihn nicht. Zum Sommersemester trägt er sich für ein Aufbaustudium ein, das bleibt ohnehin gebührenfrei. Wahrscheinlich wechselt er auch nochmal, zu den Wirtschaftswissenschaften. Denn der ewige Student hat geerbt. Seine Mutter ist gestorben, und nun muss er sehen, wohin mit dem Geld. „Ich spekuliere an der Börse. Nun habe ich schon so viel studiert, doch wie man mit Geld umgeht, natürlich nicht. Aber das lässt sich ja nachholen. ”

 

Wieder zu Hause, zwängt er sich mühsam durch den engen Türspalt, den der Garderoben-Einkaufswagen freilässt. Was seine Aussichten betrifft, mit fast 59 Jahren nochmal einen Job zu finden, sieht Wulf zwischen all seinen Büchern glasklar: „Ich würde liebend gerne in meinem Beruf als Arzt arbeiten, irgendwo in der Wissenschaft oder so. Aber das ist wohl aussichtslos. ” Oft raten ihm Bekannte, er solle auf die Rente verzichten und sich irgendwo bewerben. Doch dieses Risiko möchte er nicht eingehen. „Es gibt kein Verfahren der Rehabilitation für mich”, sagt er. „Wenn die mir dann auch kündigen, stehe ich auf der Straße, ganz ohne alles. ” Bevor ihm das zustößt, gibt sich Wulf lieber seinem Schicksal hin und tut das, was er ohnehin am besten kann: studieren.

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Als wäre nichts gewesen

Bundesbildungsministerin Wanka teilt KMK-Präsidentin Eisenmann mit: Alles klar, Zeitplan und vereinbarte Eckpunkte gelten. Was das für den Digitalpakt bedeutet.

ZUERST DIE FAKTEN. Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) hat heute gegen Mittag mit Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann (ebenfalls CDU) telefoniert. Nach dem Gespräch hat sie ihr ein offizielles Schreiben geschickt, als Antwort auf Eisenmanns Brief von Anfang Juli, in dem die derzeitige Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK) auf die Fortsetzung der Gespräche zum Digitalpakt gedrängt hatte. Inhalt des Telefonats und von Wankas Schreiben: Wir machen weiter wie besprochen. 

 

Wie im Januar festgelegt soll also die zuständige Arbeitsgruppe der Staatssekretäre bis Ende des Jahres eine Bund-Länder-Vereinbarung erarbeiten, die, wie Wanka heute noch einmal betonte, "Voraussetzung für die Umsetzung des Digitalpakts und die Bereitstellung der erforderlichen Mittel in den Haushalten von Bund und Ländern ist". Direkt nach dem Telefonat ging Wanka an die Presse. Ihr per Pressemitteilung verbreitetes Statement beendete sie mit dem Satz: "Wir sind auf einem guten Weg, um den Digitalpakt Schule Wirklichkeit werden zu lassen."

 

KMK-Präsidentin Eisenmann sprach von einem "guten Signal", sie sei jetzt zuversichtlich, "das wir das gemeinsame Ziel einer unterschriftsreifen Bund-Länder-Vereinbarung zum Digitalpakt noch in diesem Jahr erreichen werden." Damit sei man jetzt tatsächlich wieder im Anfang des Jahres zwischen Bundesbildungsministerium und KMK besprochenen Zeitplan drin.

 

Soweit die Ereignisse des heutigen Tages. Nun zur Frage, was sie bedeuten. Der bildungspolitische Sprecher der grünen Bundestagsfraktion, Özcan Mutlu sagte, Wankas Auftritt heute habe einem Trauerspiel geglichen. Noch im November 2016 habe die Ministerin ausdrücklich erklärt, die Länder schon von 2017 an beim Ausbau der digitalen Bildung an den Schulen unterstützen zu wollen. Wer sich darauf verlassen habe, habe offensichtlich Pech gehabt. "Von den großspurigen Versprechungen der Bundesregierung ist nicht mehr viel übrig." 

 

Die SPD-Expertin für digitale Bildung, Saskia Esken, kommentierte bei Twitter: "Wankas DigitalPakt war die Torschlusspanikreaktion eines untätigen BMBF, zum ITGipfel16 etwas vorweisen und die KMK überstrahlen zu können."

 

Tatsächlich hatte Wanka in und nach ihrem ersten Interview in der Bild am Sonntag, mit dem sie im Oktober Parteifreunde wie politische Gegner überrumpelt hatte, von fünf Milliarden Euro für die Jahr 2017 bis 2021 gesprochen, und vielleicht hat es in besagten Wochen wirklich kurzfristig ein Zeitfenster gegeben, in dem die Ministerin dachte, sie bekäme die erste Milliardenrate noch im Haushalt 2017 unter. Doch rasch muss ihr klar geworden sein, dass die dazu gehörige Vereinbarung mit den Ländern so schnell nicht mehr realisiert werden konnte, und so hatte Wanka ihr reichlich optimistisches Versprechen im Einvernehmen mit den Länderkollegen schon im Januar kassiert. Im Eckpunkte-Papier, dessen für den 1. Juni geplante Unterzeichnung durch Wanka bzw. ihre Staatssekretärin Cornelia Quennet-Thielen kurzfristig ausgefallen war, stand dementsprechend längst 2018 bis 2022. Also keine Überraschungen hier. 

 

Skurril mutet indes an, dass Wanka offenbar so tun möchte, als habe es ihre zehnwöchige Sendepause gar nicht gegeben. Als könne sie einfach dort weitermachen, wo sie Anfang Juni ausgestiegen ist. Dass dem nicht so ist, dürfte sie selbst am besten wissen: Die Kultusminister sind immer noch schwer irritiert von der Art, wie Wanka sie ihrer Meinung nach hat auflaufen lassen, und zwar parteiübergreifend. Die für derartige Bund-Länder-Verhandlungen so wichtigen informellen Kanäle sind weiter verstopft. Wanka drehte heute abermals den Spieß um und sagte, in der Debatte mit den Ländern seien Wahlkampf und "bewusste Fehlinformation" dabei gewesen. Während zuletzt stets Wankas Verlässlichkeit angezweifelt worden war, betonte die Ministerin, es sei noch unklar, welche Verlässlichkeit eigentlich die Zusage der Länder habe, ihrerseits mehr für Aus- und Weiterbildung der Lehrer zu tun.

Faktisch jedenfalls hat die zweieinhalb Monate lange Gesprächspause dazu geführt, dass vor der Bundestagswahl gar nichts mehr passieren wird. Bestenfalls noch ein Treffen auf Arbeitsebene im September, dann nichts mehr. 

 

War genau das Wankas Ziel? Und wenn ja, warum? Wie gesagt: Dass erst der neue Bundestag die Gelder freigeben wird, war schon im Januar klar. Doch was hätte es geschadet, schon vor der Wahl im Formulieren der Bund-Länder-Vereinbarung weiter zu sein? Wollte man verhindern, dass mögliche Koaltionsverhandlungen mit einer nahezu fertigen Vereinbarung zu stark vorbestimmt werden? Wanka selbst sagte heute, es solle schon bald nach der Bundestagswahl ein weiteres Staatssekretärs-Treffen geben, außerdem werde der Digitalpakt "ein Kernprojekt für die Koalitionsverhandlungen". Was könnte sonst noch der Grund sein für die Verzögerung? Wurde aus Richtung Kanzleramt und/oder Finanzministerium gebremst, weil Anfang Juni das CDU-/CSU-Wahlprogramm noch nicht fertig war? All das fragen sich auch Wankas Länderkollegen, und sie haben keine wirkliche Antwort. Am wenigsten taugt die immer wieder genüsslich von Opposition und SPD hervorgeholte Erklärung, Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) habe die Berücksichtigung des Digitalpakts im Haushalt 2018 als "nicht etatreif" verweigert. Denn das ist Standard, solange noch kein formaler Beschluss vorliegt. 

 

Zur Haben-Seite des heutigen Tages. Dass der Digitalpakt am Ende kommt, ist heute nicht weniger wahrscheinlich, als es nach einer pünktlichen Eckpunkte-Unterzeichnung am 1. Juni gewesen wäre. Wie wahrscheinlich das ist? Sehr. Übrigens unabhängig davon, ob Wanka nach der Bundestagswahl im Amt bleibt. Weil nämlich nicht nur die aktuelle Bundesbildungsministerin, sondern auch Bundeskanzlerin Angela Merkel selbst (sollte sie nach der Wahl noch im Amt sein) das Gesicht verlöre, wenn sie den fertig ausgehandelten Pakt Ende des Jahres noch kassieren würde. Weil die Länder Druck den Druck weitergeben, den sie ihrerseits von den klammen Kommunen zu spüren bekommen. Weil zudem der Digitalpakt in besagtem CDU-/CSU-Wahlprogramm, das Anfang Juni noch nicht fertig war, drinsteht. Und weil keine Bundesregierung, gleich ob Merkel oder ihr SPD-Opponent Martin Schulz sie führt, mit dem nie da gewesenen Affront in die neue Legislaturperiode starten wollte, allen 16 Kultusministerien mitteilen zu müssen: Sorry, machen wir doch nicht. 

 

Der Digitalpakt kommt, und es ist eine gute Initiative im Zusammenspiel des Bundes mit der KMK-Strategie "Bildung in der digitalen Welt", auch dank Wankas Einsatz zu Beginn der Verhandlungen. 

 

Am Ende freilich bleibt die Ironie, dass Ministerin Wanka die kurzfristige Genugtuung, alle mit ihrer Digitalpakt-Ankündigung überrascht zu haben, bezahlen musste mit der Erkenntnis, dass sich ein Fünf-Milliarden-Projekt so spät in der Legislaturperiode kaum noch realisieren lässt. Zumindest nicht in einer Art und Weise, dass sie mit dem gleichen Glanz aus der Sache herauskommt, mit dem sie im Oktober in den Pakt gestartet ist. Dafür aber mit umso mehr Ärger.

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