JAN-MARTIN WIARDA

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Masterplan Medizinstudium: Einigung möglicherweise noch vor dem Wochenende

Zwischen Bund und Ländern kursiert ein Kompromisspapier, das den Durchbruch bringen soll.

DAS RINGEN UM einen Kompromiss um den „Masterplan Medizinstudium 2020“ geht in seine entscheidende Phase. Zusammengetrommelt auf Initiative von Bremens Wissenschafts- UND Gesundheitssenatorin Eva Quante-Brandt (SPD), haben am Dienstag acht Amtschefs der Gesundheits- und Wissenschaftsministerien in Berlin zusammengesessen, um sich erstmal darüber einig zu werden, worüber genau sie eigentlich noch streiten. 

 

Vergangene Woche war die eigentlich geplante Verabschiedung des Masterplans in der Kultusministerkonferenz kurzfristig von der Tagesordnung gestrichen worden, nachdem Baden-Württembergs grüne Wissenschaftsministerin Theresia Bauer ein "Nein" angekündigt hatte. 

 

Die Atmosphäre der am Dienstag wiederaufgenommenen Verhandlungen beschreiben Anwesende als „bisweilen giftig im Ton“. Die Gesundheitsseite habe sich „wenig konziliant“ gegeben, berichtet ein Wissenschaftspolitiker. Nur den anstehenden Landtags- und Bundestagswahlen sei es geschuldet, dass der Wille zur schnellen Einigung bei den Noch-Bundeskoalitionären SPD und Union überhaupt so ausgeprägt sei.

 

Womit auch erklärbar wird, warum der offizielle Widerstand gegen den Masterplan (genauer: gegen die bislang verabredeten Modalitäten seiner Finanzierung) nur aus zwei grün geführten Wissenschaftsministerien kam: aus Niedersachsen (gegen die Landarztquote) und aus Baden-Württemberg (gegen die mangelnde finanzielle Beteiligung der Gesundheitsseite). In der kritischen Bewertung stimmten ihnen nämlich fast alle anderen Wissenschaftsminister zu.

 

Das Ergebnis der Beratungen vom Dienstag ist ein zweiseitiges Kompromisspapier zu Finanzierung und Landarztquote, das jetzt zwischen Wissenschafts- und Gesundheitsseite kursiert – mit dem Ziel, die Kuh möglichst noch vor dem Wochenende vom Eis zu holen.

 

Der Medizinische Fakultätentag (MFT) kritisiert unterdessen die mangelnde Transparenz der Verhandlungen. „Es kann nicht sein, dass jede Frage nach dem Stand des Masterplans mit dem Hinweis abgefertigt wird, dass man nichts sagen könne, solange es keinen abschließenden Beschluss gibt“, sagt MFT-Generalsekretär Frank Wissing.

 

Dabei hätten der MFT und andere Akteure im Gesundheitssektor durchaus etwas zu sagen. Beispiel Finanzierung: Weil die Gesundheitsministerien lange „Wünsch dir was“ gespielt und alle möglichen kostenintensiven Forderungen in den Masterplan geschrieben hätten, sei die Forderung der Wissenschaftsministerien, dass sich Bund, Ärztekammern oder auch Kassenärztliche Vereinigungen stärker an den Kosten beteiligen sollten, „sehr nachvollziehbar“. Doch: „Das darf nicht zu einem Flickenteppich bei der Finanzierung führen, so dass die Fakultäten am Ende das Geld für die Reform Häppchen für Häppchen selbst einsammeln müssen“, sagt Wissing. Zentraler Ansprechpartner für die Finanzierung müssten die Länder bleiben.   

 

Beispiel Studienqualität: Die Politik will den so genannte „Nationalen Kompezenzbasierten Lernzielkatalog Medizin“ (NKLM) weiterentwickeln und zum Teil der Approbationsordnung machen. Dazu soll eine Kommission mit eigener Geschäftsstelle beim Institut für medizinische und pharmazeutische Prüfungsfragen (IMPP) eingerichtet werden – mit Vertretern von Bund und Ländern und der unterschiedlichsten Akteure aus Medizin und Gesundheitssektor. „Sehr irritierend“ nennt MFT-Generalsekretär Wissing diese Pläne. Denn der NKLM sei bislang von den Fakultäten und Fachgesellschaften selbst entwickelt worden, bei ihnen liege auch das Copyright. „Wenn jetzt also die Protagonisten des Masterplans durch die Lande reisen und verkünden, der NKLM werde durch sie weiterentwickelt, ohne dass sie vorher die Fakultäten gefragt haben, wie die das überhaupt finden, ist das unangemessen.“

 

Wissing berichtet von einer „großen Verunsicherung in den Fakultäten, gerade auch in den bisherigen Modell-Studiengängen, die nicht wüssten, wie es mit ihnen weitergehen solle. „Dieser Schwebezustand muss beendet werden.“

 

Zumindest der letzte Wunsch Wissings könnte bald in Erfüllung gehen. Darauf zumindest deuten momentan alle Zeichen hin.  

Nachtrag am 24. März:
Stand heute Morgen ist eine kurzfristige Einigung nicht absehbar. Gesundheits- und Wissenschaftsministerien diskutierten immer noch über einzelne Dissenspunkte, heißt es aus den Verhandlungen.

 

Nachtrag am 25. März:
Die Verhandlungen sind vertagt. Über das kursierende Kompromisspapier ließ sich entgegen aller zwischenzeitlichen Hoffnungen bislang kein Kompromiss finden in Sachen Finanzierung und Anwendung der Landarztquote. Nächste Woche soll es weitergehen. 

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Bitte an die Fakten halten!

Die Abiturienten von heute können nicht mehr richtig Mathe, warnen 130 Professoren und Lehrer in einem "Brandbrief". Dabei unterliegen sie einer Fehlwahrnehmung.

Foto: Mike Wilson
Foto: Mike Wilson

DER TAGESSPIEGEL HAT gerade einen ziemlichen Scoop gelandet. 130 Professoren und Lehrer haben einen, wie das immer so schön heißt, „Brandbrief“ verschickt an die Bildungspolitik von Bund und Ländern, und der Tagesspiegel machte ihn gestern öffentlich. Den Abiturienten mangele es an mathematischem Grundwissen, warnen die Unterzeichner, selbst die Bruchrechnung werde nicht sicher beherrscht. Damit seien viele Schulabgänger nicht mehr studierfähig, zumindest nicht in Studiengängen wie Wirtschaft, Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik.  

 

Der Nachhall heute in der Medienlandschaft auf den Aufschrei ist gewaltig, viele Lehrer, Eltern und Wissenschaftler sehen sich bestätigt in ihrem gefühlten Wissen. Endlich trauen sich die Leute mal zu sagen, wie es wirklich ist!

 

Die Frage ist allerdings: Ist es wirklich so? Stimmt es, wie die Unterzeichner kritisieren, dass „die Bildungsstandards“, die nach dem Pisa-Schock von 2001 eingeführt wurden, schuld sind an der Misere, weil sie ein Mindestniveau zum Standard erklärt haben? Machen sie den Mathematikunterricht kaputt, weil sie auf eine zweifelhafte „Kompetenzorientierung“ abheben, anstatt das Erlernen der Grundlagen einzufordern? Ist es so, wie Tagesspiegel-Redakteurin Susanne Vieth-Entus heute schreibt, dass die Lehrer und Schüler sich nur auf die Pisa-spezifischen Aufgaben eingestellt und so etwas bessere Befunde eingefahren hätten, „ohne dass sich an der grundsätzlichen Einstellung zur Mathematik etwas geändert hätte“?

 

Was wundert an dem Brief selbst wie an seiner öffentlichen Kommentierung ist die unverhohlene Skepsis der empirischen Bildungsforschung gegenüber, die da zum Ausdruck kommt. Während sonst überall gewarnt wird vor der aufkommenden Wissenschaftsfeindlichkeit, die unsere Demokratie gefährde, wird der Bildungsforschung mit einem Federstrich die Aussagekraft ihrer Erkenntnisse abgesprochen. Ein erstaunlicher Vorgang.

 

Halten wir uns mal an die Fakten. Erstens: Es ist gibt unzählige Studien, die belegen, das Pisa weitaus mehr misst als nur die Fähigkeit der Schüler, sich auf bestimmte Aufgabentypen einzustellen. Natürlich kann man alle diese Untersuchungen bezweifeln, aber eigentlich nur, indem man das wissenschaftliche Fundament der empirischen Bildungsforschung insgesamt in Frage stellt.

 

Das gleiche gilt zweitens für die angegriffene Kompetenzorientierung: Es fällt schwer, einen ernsthaften Gegensatz zu konstruieren zwischen dem im Brief geforderten Beherrschen fachlicher Grundfertigkeiten und dem Anspruch moderner Bildungswissenschaft, diese Grundfertigkeiten dann auch anwenden zu können. Ohne Grundlagen keine Anwendung, so einfach ist das. Insofern sind Bildungsstandards, die über die Beschreibung solcher Problemlösekompetenzen definiert werden, sehr wohl eng verknüpft mit dem fachlichen Grundwissen.

 

Drittens: Die Aufgaben, mit denen die Einhaltung der Bildungsstandards überprüft werden sollen, werden am im Brief ebenfalls kritisierten Institut für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) entwickelt, und natürlich finden sich unter den IQB-Testaufgaben etliche, die zu leicht sind, zu schwer, wirklichkeitsfremd oder gar lächerliche Szenarien enthalten. Doch was ist diese Feststellung wert angesichts Tausender ebenfalls misslungener Aufgaben, die sich Mathematiklehrer überall im Land ausdenken (übrigens neben Tausenden anderen, die hervorragend sind)?

 

Fest steht im Gegensatz dazu, dass nur dank des zentralen Abitur-Aufgabenpools, den ebenfalls das IQB entwickelt hat, etwa in Hamburg wie selten zuvor über die Qualitätsverbesserung des Mathematikunterrichts gerungen wird – denn erst die Bildungsforschung hat die nötige Transparenz in die Auseinandersetzung gebracht.   

 

Halten wir uns an all die Fakten, gelangen wir ziemlich schnell zum Kern der Auseinandersetzung um den Brandbrief. Pisa belegt, dass die 15-Jährigen heute nicht ein klein wenig, sondern deutlich fitter sind in Mathematik als die Neuntklässler Anfang der 2000er Jahre. Sie haben bessere Grundlagen und sie können diese zielsicherer anwenden. Warum aber ignorieren das die Professoren und Lehrer? Warum sprechen Kommentatoren lieber der Bildungsforschung ihre Wissenschaftlichkeit ab, also diese Tatsache akzeptieren zu können?

 

Weil sie einer Fehlwahrnehmung unterliegen. Heute studieren 50 Prozent mehr junge Menschen als 2003. Viel mehr Jugendliche absolvieren das Abitur. Eigentlich sollte man keinem Mathematiker erklären müssen, was das bedeutet: Ein größerer Anteil eines Altersjahrgangs an den Hochschulen bedeutet trotz besserer Durchschnittsleistungen mehr Studienanfänger mit schwächeren Mathematikkenntnissen. Punkt. Es kann also sehr wohl sein, dass die Schüler in Deutschland heute besser Mathe können als vor 15 Jahren und gleichzeitig die Studienanfänger im Schnitt mit weniger Vorkenntnissen in die Hörsäle strömen.

 

Kann, soll, muss man das kritisieren? Es kommt darauf an. Wenn man der Meinung ist, dass mehr Bildungsbeteiligung das Niveau der Leistungsstarken senkt, dann ja. Dann muss man sie wohl als „Gleichmacherei“ diskreditieren. Allerdings gibt es für die These, dass die Starken unter der wachsenden Zahl der (zunächst) Leistungsschwächeren leiden, keinerlei empirischen Belege.

 

Im Gegenteil aber gibt es sehr wohl Belege dafür, dass die Öffnung von Abitur und Hochschulen nicht dümmere Schüler in neue Bildungshöhen katapultiert, sondern solche mit den schlechteren sozialen Voraussetzungen. Die sehr wohl in der Lage wären, aufzuholen und mitzuhalten – wenn man sie den gerade am Übergang zwischen Schule und Hochschule besonders unterstützt. Darauf, das weiß die Bildungspolitik längst, wird es in den nächsten Jahren besonders ankommen.

 

Und ja, keine Frage: Mit der Zahl der Studienanfänger steigt die auch Herausforderung für die Hochschullehrer, mit diesen offensichtlichen Schwächen vieler First-Generation Students umzugehen. Ist das ein Grund, sich in die 80er Jahre zurückzuwünschen? Für einige offenbar schon. Auf jeden Fall ist es für sie der Grund, unter den Stichwörtern „Pisa, Kompetenzorientierung & Co“ zu einem Rundumschlag gegen die empirische Bildungsforschung insgesamt auszuholen.

 

Produktiver wäre es freilich, ihre Erkenntnisse nutzen, um Antworten zu finden auf die eine berechtigte Frage: Wie bringen wir das mathematische Grundwissen zu jenen Schülergruppen, die es noch nie hatten – erst recht nicht in den vermeintlich guten alten Vor-Pisa-Zeiten? Genau an der Stelle wird es spannend. Und der "Brandbrief" gähnend langweilig.  

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