JAN-MARTIN WIARDA

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Jetzt erst recht

Die Kultusminister verteidigen tapfer die Zukunft einer Initiative, die viele von ihnen anfangs gar nicht wollten. Zum Schweigen Wankas kommt jetzt noch ein Offener Brief, der vor synthetischer Beschulung durch den Digitalpakt warnt.

DER POSTEINGANG IM Berliner Sekretariat der Kultusministerkonferenz (KMK) ist derzeit für besondere Überraschungen gut. Ein Brief kam, auf den die Kultusminister lieber verzichtet hätten, und auf einen anderen warten sie bis zum heutigen Tag. 

 

Der Offene Brief, der am 20. Juni einging, trägt als Absender ein "Bündnis für humane Bildung", er ist die aktualisierte Variante einer Online-Petition mit dem Titel "Trojaner aus Berlin: Der Digitalpakt#D", die am 2. November 2017 veröffentlicht wurde und bislang 1680 Unterzeichner fand. Darunter prominente Namen wie der langjährige Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, der Ulmer Psychiater und Neurodidaktiker Manfred Spitzer oder der Mathe-Fachdidaktiker Peter Bender. Initiator der Petition war der Medienwissenschaftler Ralf Lankau von der Hochschule Offenburg, der jetzt auch den Offenen Brief publiziert hat. Überschrift diesmal: "DigitalPakt Schule der Kultusminister: Irrweg der Bildungspolitik". Womit eigentlich schon alles gesagt ist zu seiner Stoßrichtung.

 

Der Brief, auf den die Kultusminister bislang vergeblich warten, ist die Antwort von Bundesforschungsministerin Johanna Wanka (CDU) auf das Schreiben von KMK-Präsidentin Susanne Eisenmann (ebenfalls CDU). Eisenmann, die Kultusministerin in Baden-Württemberg ist, hatte vor drei Wochen in einem unter Parteikolleginnen selten offiziösen Schritt bei Wanka nachgefragt, wann genau diese die Anfang Juni ausgefallene Verabschiedung des gemeinsam ausgehandelten Paktes nachzuholen gedenke. Solange die ausstehe, sehe sie "für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unserer Häuser keine Grundlage für in die Tiefe gehende Erörterungen". Bis heute: keine Erwiderung aus Berlin. "Das lange Schweigen von Bundesministerin Wanka bestätigt unsere schlimmsten Befürchtungen: Sie kann oder will ihr Versprechen offensichtlich nicht halten", sagt Hamburgs Schulsenator Ties Rabe (SPD). "Einen solchen Vorgang habe ich als Kultusminister in meiner sechsjährigem Amtszeit noch nicht erlebt."

 

Seit der geplatzten gemeinsamen Pressekonferenz vor acht Wochen hängt das im vergangenen Herbst von Wanka überraschend angekündigte und in zahlreichen Runden zwischen Bund und Ländern ausgehandelte Fünf-Milliarden-Paket in der Luft. Ein Umstand, den sich das "Bündnis für humane Bildung" nun zu Nutze macht. Ihre Petition hatte in den vergangenen sechs Monaten nur noch gut 100 Unterzeichner hinzugewonnen und drohte in Vergessenheit zu geraten. Bis die Funkstille zwischen KMK und BMBF begann und Ralf Lankau, Manfred Spitzer & Co ihren Brief verschickten. 

 

Die Unterzeichner verweisen auf verschiedene Studien, denen zufolge der Einsatz von Computern und "softwaregesteuerter Unterricht" keinerlei nachweisbaren Nutzen und keine nennenswerten Verbesserungen der Schülerleistungen brächten, teilweise sogar das Gegenteil. Doch offenbar genüge Politikern wie Ties Rabe, dass Digitaltechnik im Unterricht nicht nachweisbar schade.

 

Etwas weiter unten im Text packen die Autoren die ganz große Keule aus: Aus der neurobiologischen Forschung sei bekannt, dass die Nutzung digitaler Medien bei Kindern zu einer Schädigung in der Gehirnentwicklung führen könne. Womit die Briefschreiber freilich noch zurückhaltender formulieren als in ihrer älteren Petition. Dort stand nachzulesen, der Digitalpakt sei "Teil einer Neudefinition von Schule und Unterricht auf dem Weg zu einer zunehmend vollautomatisierten digitalgesteuerten Lernfabrik 4.0. Lehrkräfte werden zu Sozialcoaches und Lernbegleitern degradiert. Statt Unterricht ist die automatisierte Belehrung durch Computerprogramme und Sprachsysteme das Ziel."

 

Es klingt fast wie eine Verschwörung: Ein Kartell aus Politik und Computerindustrie bei der Arbeit – wider besseres Wissen und zum Schaden der Kinder. Man kann sich vorstellen, wie nervös sie in der KMK sein dürften angesichts solcher Argumente, wissen sie doch um die Fangemeinde von Manfred Spitzer unter den Lehrern, sie kennen auch die Zustimmung, die Josef Kraus immer wieder für seine markigen Sprüche erntet. Und dass eine Mehrheit der Pädagogen schon so skeptisch auf den Einsatz digitaler Medien im Unterricht blickt, zeigte 2013 die internationale ICILS-Studie: Damals nutzten nur 34,4 Prozent der deutschen Lehrer Computer regelmäßig im Unterricht. In anderen Ländern müsse sich "kein Lehrer – wie vielerorts in Deutschland noch – rechtfertigen, wenn er Computer im Unterricht einsetzt", sagte die Leiterin der Studie, Birgit Eickelmann, der ZEIT

 

Um auch die finanzpolitische Unsinnigkeit des Unterfangens "Digitalpakt" zu verdeutlichen, fordert das "Bündnis für humane Bildung" zum Nachrechnen auf und beruft sich dabei auf den Bremer Informatiker Andreas Breiter, demzufolge die versprochenen fünf Milliarden Euro ohnehin nur einen Bruchteil der tatsächlich notwendigen Investitionen (zwischen 7 und 35 Prozent) abdecken würden. Die Message könnte eindeutiger nicht sein: So viel Geld, und dann bringt es so wenig: "Durch die Digitalpakte", folgern die Unterzeichner, "werden die Budgets der beteiligten Schulen für Jahre im Voraus für Digitaltechnik verplant – und stehen damit für bewährte, nicht technikbasierte pädagogische Konzepte nicht zur Verfügung." Worauf es ankomme: eine Vielfalt der Unterrichtsmethoden und die "Individualität der Lehrerpersönlichkeiten". 

 

Das Problem: Andreas Breiter ist als Kronzeuge für diese Argumentation denkbar ungeeignet. "Die Autoren haben meine Berechnung nicht richtig verstanden", sagt er. Die von ihm genannte jährlichen Beträge von je nach Schüler-Computer-Relation zwischen 71.715 und 349.087 Euro pro Schule seien die insgesamt nötigen Kosten, und natürlich investierten die Kommunen als Schulträger schon heute eine Menge Geld in die digitale Ausstattung der Schulen. "Wieviel, lässt sich wegen einer fehlenden bundesweiten Erhebung unter Kommunen nicht sagen", sagt Breiter. Doch ganz sicher sei die Finanzierungslücke wesentlich geringer als die im Offenen Brief genannte Summe. "Und in vielen Schulen und Kommunen wird der Digitalpakt in der Lage sein, diese Lücke zu schließen."

 

Auch an anderer Stelle ist die Argumentation der Unterzeichner löchrig: Die OECD-Studie "Students, Computers and Learning: Making the Connection", die in Brief und Petition explizit genannt wird, bezieht sich auf Pisa, und da die internationale Vergleichsstudie Pisa eine Momentaufnahme ist und keine Dauerbeobachtung einzelner Schüler, sind Kausalitäten zwischen den einzelnen Ergebnissen nicht verlässlich abzuleiten. Dass eine häufigere Computernutzung dort zum Beispiel mit schlechteren Leistungen in Mathematik einherging, könnte auch damit zusammenhängen, dass schwächere Schüler häufiger mit digitalen Medien arbeiten, etwa als Teil eines Förder- oder Übungsprogramms.  

 

Von solchen Unschärfen und der offensichtlichen Ironie einer Digital-Petition gegen die Digitalisierung mal abgesehen: Die Kultusminister tun gut daran, Brief und Petition ernst zu nehmen – unabhängig davon, dass der Offene Brief seinerseits bislang nur knapp 900 Unterzeichner gefunden hat. Solange Wankas Antwort aus Berlin ausbleibt, können Szenarien von "automatisierten Lehrfabriken" und zu Computer-Helfern verkümmerten Lehrkräften in den Lehrerkollegien und Schulverwaltungen der Republik umso ungestörter ihre subkutane Wirkung entfalten – erst recht, sobald die Sommerferien zu Ende gehen. 

 

Tatsächlich will die KMK in den nächsten Tagen eine Antwort auf den Offenen Brief losschicken. Mal gucken, was drinsteht. Hamburgs Schulsenator Rabe gibt die Richtung vor: "Trotz großer Publicity ist Spitzers Meinung bis heute eine Einzelmeinung geblieben. Auf die Entscheidung der Länder und der KMK hat die Initiative daher keine Auswirkungen."

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Blick zurück (1)

Seit 20 Jahren beschäftigte ich mich mit Hochschulen, Bildung und Wissenschaft. Viel ist passiert in dieser Zeit, vieles davon durfte ich als Journalist begleiten. Der Blick zurück zeigt, wie aktuell einige meiner Themen von einst geblieben sind – obwohl sich fast alles verändert hat. Machmal allerdings auch, weil sich fast gar nichts verändert hat. Der Beginn einer neuen Serie.


Kapazitätsverordnung

Die fiese Formel

Wie eine alte Verordnung die Hochschulen zum Stillstand verurteilt.

(erschienen in der ZEIT vom 20. September 2007)

JAN-HENDRIK OLBERTZ (CDU), Kultusminister von Sachsen-Anhalt, gilt als einer der versiertesten Bildungspolitiker im Land. Doch wenn das Wort »Kapazitätsverordnung« fällt, wird Olbertz kurz ruhig. Dann sagt er: »Ich will ehrlich sein. Bis in den letzten Winkelzug verstehe ich die auch nicht.« Es ist ein Wortungetüm, dessen bürokratisch-abschreckender Klang noch eine Untertreibung ist für die verworrene Komplexität, die es umschreibt: Die sogenannte KapVO ist ein besonders grausames Relikt der Bildungsexpansion der Siebziger , ein Stück Planwirtschaft, das es bis in die Gegenwart von Exzellenzinitiative und Bologna-Reformgeschafft hat.

 

Sie soll, gespickt mit mathematischen Formeln, festlegen, wie viele Studenten pro Professor jede einzelne Hochschule in Deutschland in jedem ihrer zulassungsbeschränkten Studiengänge aufnehmen muss. Bei ihrer Erwähnung bekommen einige von Olbertz’ Kollegen kalte Füße und stehen für Interviews nicht mehr zur Verfügung. Denn wirklich verstanden hat die KapVO kaum einer, einmal abgesehen von ein paar Ministerialbeamten in jedem Bundesland, die für ihre Ausführung zuständig sind. 

 

Und genau das ist das Problem: Ihre Unverständlichkeit hat die Kapazitätsverordnung lange vor Angriffen geschützt. So konnte sie in aller Ruhe ihre schädliche Wirkung entfalten. Erst recht, seit an fast allen großen Universitäten die Studiengänge so überlaufen sind, dass die Einführung flächendeckender NCs erforderlich war . Christoph Markschies, Präsident der Berliner Humboldt-Universität, sagt: »Die KapVO ist überflüssig. Wenn sie abgeschafft wird, knallen hier die Champagnerkorken.«

Foto: Beispielhafte Kapazitätsberechnung nach KapVO, Screenshot der Website der Universität Mainz: http://www.puc.verwaltung.uni-mainz.de/Illustrationen/Formel_KapR.JPG
Foto: Beispielhafte Kapazitätsberechnung nach KapVO, Screenshot der Website der Universität Mainz: http://www.puc.verwaltung.uni-mainz.de/Illustrationen/Formel_KapR.JPG

Am besten lässt sich das an einem Beispiel nachvollziehen. Man stelle sich das Magisterstudium Germanistik an einer beliebigen deutschen Massen-Uni vor, inklusive überfüllter Hörsäle und überquellender Seminarräume. Am liebsten würde die Uni-Präsidentin einfach 20 Prozent weniger Erstsemester zulassen, doch das darf sie nicht, denn das Wissenschaftsministerium schreibt ihr die Zahl der Studienplätze vor. Um trotzdem auf die berechtigten Proteste der Studenten einzugehen, wagt die Präsidentin den Konflikt und schafft eine neue Germanistikprofessur – auf Kosten der Anglistik, die einen Lehrstuhl verliert. Doch der ganze Ärger ist umsonst, denn jetzt greift die Kapazitätsverordnung: Mehr Germanistikprofessoren bedeuten automatisch mehr Germanistikstudenten, die KapVO legt das so fest – und die Studenten leiden weiter.

 

Markschies spricht von einer »Strangulation der Hochschulen«. Der Hamburger Wissenschaftssenator Jörg Dräger (parteilos) drückt sich nüchterner aus: »Die bundesweit einheitliche Festschreibung von Betreuungsrelationen ist nicht mehr vermittelbar und nicht mehr zeitgemäß.«

 

Denn genau darum ging es bislang: Einheitlichkeit. Das Bundesverfassungsgericht hatte in einem berühmten Urteil vor über drei Jahrzehnten festgestellt, dass prinzipiell jeder Studienbewerber Anspruch auf einen Studienplatz habe. Um diesem Ziel möglichst nahezukommen, entschied das höchste deutsche Gericht, müssten die Hochschulen ihre Kapazitäten voll ausnutzen, und das gehe nur, wenn überall die gleichen Studienbedingungen herrschten und sich keiner auf Kosten der anderen besserstelle. 

 

»Unzulässige Niveaupflege« nannte das Gericht dieses unerwünschte Streben nach Exzellenz, Ausfluss dieser Logik war die Kapazitätsverordnung, auf die sich alle Länder in einem Staatsvertrag einigten. Sie ermöglichte es den Wissenschaftsministern, den Hochschulen haarklein vorzuschreiben, wie viel Studienplätze sie in jedem einzelnen Studiengang vorhalten mussten, mit Hilfe eines Schlüssels, der verbindlich für jede Professorenstelle eine bestimmte Anzahl von Studienplätzen festlegt. Je mehr Stellen, desto mehr Studenten. 

 

Ob dieser Schlüssel, der sogenannte Curricular-Normwert , realistisch war oder nicht, spielte dabei keine Rolle. Vielmehr war die Versuchung groß, in Zeiten leerer Staatskassen und steigender Studentenzahlen so lange an den Normwerten herumzuschrauben, bis rein rechnerisch die größtmögliche Anzahl an Studienplätzen erreicht war. Mit den bekannten Folgen für die Massenuniversitäten.

 

»Es kann nicht länger unser Ziel sein, möglichst viele Studienplätze zu generieren«, sagt die Hamburger Uni-Präsidentin Monika Auweter-Kurtz und spricht damit vielen ihrer Kollegen aus der Seele – auch wenn die gelegentlich davor zurückschrecken, dies öffentlich zu sagen. »Wir müssen möglichst viele hochbegabte Studenten anlocken . Dafür brauchen wir eine bessere Ausstattung pro Student.« Der Druck auf die Hochschulen, die Studienqualität zu erhöhen, ist nochmals gewaltig gewachsen, seit die Umstellung auf die europaweit vergleichbaren Abschlüsse Bachelor und Master in die Endphase geht. Die neuen Studienprogramme funktionieren nur, wenn sich die Betreuungsrelationen entscheidend verbessern und die Hochschulenflexibler auf die Nachfrage reagieren können .

 

Da jedoch nicht mehr Geld von den Finanzministern zu erwarten ist, läuft die Forderung von Auweter-Kurtz und vielen ihrer Kollegen auf eins hinaus: deutlich weniger Studienanfänger . Es wäre die erste Maßnahme, die sie umsetzen würden, sobald das Kapazitätsrecht fiele und sie selbst über die Zahl der Studienplätze entscheiden könnten. Das wissen auch die Wissenschaftsminister. Und halten genau deshalb bislang an der KapVO fest, denn politisch wäre der erhebliche Verlust an Studienplätzen Selbstmord angesichts der großen Abiturjahrgänge, die in den nächsten Jahren aus den Schulen strömen.

 

So kommt es zu einer einzigartigen Kombination ambitionierter Sonntagsreden, in denen Politiker die Unabhängigkeit und Profilbildung der Hochschulen anmahnen mit Fachreferaten, in denen sie Hochschulen Curricular-Normwerte diktieren, die die Mangelwirtschaft der Gegenwart zementieren. »Es gibt da einen Interessenkonflikt«, räumt Dräger ein, und der niedersächsische Wissenschaftsminister Lutz Stratmann (CDU) sagt: »Natürlich können wir die KapVO nicht einfach ersatzlos streichen. Wir müssen etwas an ihre Stelle setzen.«

 

Der Gegensatz zwischen Reformrhetorik einerseits und verschärftem Leinenzwang für die Hochschulen andererseits dürfte selbst dann erhalten bleiben, wenn die Wissenschaftsminister ernst machen und die KapVO beerdigen – wofür sich mittlerweile die Mehrheit von ihnen ausspricht. Denn die zwei derzeit diskutierten Nachfolgemodelle mögen moderner klingen, im Kern zwingen sie die Hochschulen weiter zur Verwaltung des Mangels, anstatt ihnen die Möglichkeit zur Profilbildung einzuräumen. 

 

Besonders gilt dies für das von vielen Ländern favorisierte Bandbreitenmodell, nach dem sich die Hochschulen für jedes Fach innerhalb eines gewissen Spielraums für bessere oder schlechtere Betreuungsrelationen entscheiden können. Grundlage bliebe immer noch der Curricular-Normwert. 

Doch auch bei der zweiten Lösung, dem sogenannten Vereinbarungsmodell, besteht die gewonnene Freiheit hauptsächlich darin, den Schwarzen Peter an die Hochschulen weiterzugeben: Das Vereinbarungsmodell verzichtet zwar gänzlich auf jede Formelberechnung und stellt den Hochschulen für jeden Studiengang die Betreuungsrelation völlig frei. Doch insgesamt dürfen, auf die Fakultät oder Hochschule gerechnet, dabei keine Studienplätze verloren gehen, das fordert die Zielvereinbarung zwischen Uni und Ministerium. »Das hat den Charme, dass Rechtssicherheit herrscht und dieses ständige Reinklagen aufhören würde«, sagt Dräger, der sich bemüht, seinen Ministerkollegen das Vereinbarungsmodell nahezubringen.

 

In der Tat war die Klageindustrie, die sich in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt hat, nur möglich, weil die Studenten aufgrund der KapVO immer noch den Nachweis führen konnten, dass die Normwerte in einem Studienfach nicht stringent durchgehalten wurden – was unter praktischen Gesichtspunkten so gut wie ausgeschlossen ist. Die absurde Folge: Eine Verordnung, die an sich Gleichheit garantieren sollte, erleichterte es gerade den finanzstarken Studienanfängern mit zu schlechter Abi-Note, sich über den teuren Rechtsweg mit fast hundertprozentiger Erfolgschance in NC-beschränkte Studiengänge zu drängeln.

 

Das Vereinbarungsmodell wäre da rechtssicherer. Doch wirkliche Freiheit für die Hochschulen kostet Geld. Oder Studienplätze. Kein Wunder, dass sich die Kapazitätsverordnung in ihrer ganzen Monstrosität so lange hat halten können. Hinter ihren Formeln konnten sich die Wissenschaftsminister hervorragend verstecken. Damit immerhin ist es jetzt vorbei.


Die Kapazitätsverordnung

Um den ersten Studentenberg zu bewältigen, wurden die Länder vom Bundesverfassungsgericht vor über 30 Jahren verpflichtet, Numerus-clausus-beschränkte Studiengänge bis an die Grenze der möglichen Kapazität mit Studenten zu füllen. Der GLEICHBEHANDLUNGSGRUNDSATZ und die Freiheit der Berufswahl, so das Gericht, erforderten zudem bundesweit gleiche Kriterien, damit die Abweisung von Studenten überall auf gleicher Grundlage erfolge. Diese Grundlage war die Kapazitätsverordnung (KapVO), die jedes Bundesland wortgleich erließ. Für jeden Studiengang wird ein verbindlicher Curricular-Normwert (CNW) errechnet, der den

 Betreuungsbedarf oder den Personalaufwand pro Student angibt. Der angenommene Betreuungsbedarf hängt von der Zahl der Vorlesungen, Seminare und Prüfungen ab: je mehr Vorlesungen und je weniger Seminare, desto geringer der Personalaufwand, desto geringer der CNW. Schließlich werden alle zur Verfügung stehenden Deputatsstunden der Lehrenden in dem Studiengang durch den CNW geteilt. Heraus kommt die Zahl der Studienplätze, die besetzt werden müssen. Die zugrunde liegenden mathematischen Formeln sind indes so komplex, dass für Außenstehende jede Transparenz auf der Strecke bleibt.


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