JAN-MARTIN WIARDA

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Blick zurück (5)

Seit 20 Jahren beschäftigte ich mich mit Hochschulen, Bildung und Wissenschaft. Viel ist passiert in dieser Zeit, vieles davon durfte ich als Journalist begleiten. Der Blick zurück zeigt, wie aktuell einige meiner Themen von einst geblieben sind – obwohl sich fast alles verändert hat. Machmal allerdings auch, weil sich fast gar nichts verändert hat. Der fünfte Teil einer Serie.

Studium

Nummer 250 000

Die Zahl ausländischer Studenten in Deutschland hat eine Rekordhöhe erreicht. Doch viele von ihnen tun sich schwer – sie klagen über zu wenig Service und zu viel Bürokratie.

(erschienen in der ZEIT vom 24. Juni 2004)

 

WAHRSCHEINLICH IST NUMMER 250 000 schon da. Vielleicht hockt er oder sie in dieser Sekunde in einem Hörsaal irgendwo in Deutschland und denkt sich nichts Besonderes. Dabei ist der Rekord, der sich da anbahnt, tatsächlich bemerkenswert: In diesem Sommersemester studieren aller Voraussicht nach erstmals mehr als eine viertel Million ausländische Studenten in Deutschland – so viele wie nie zuvor. Irgendwann in den vergangenen Wochen dürfte Student oder Studentin Nummer 250 000 eingereist sein, aus China möglicherweise, aus Polen oder Bulgarien, wo ein Studium in Deutschland zurzeit besonders beliebt ist.

 

Der Run auf deutsche Hochschulen war wirklich gewaltig in den vergangenen fünf Jahren: Die Zahl der ausländischen Studenten stieg um mehr als 50 Prozent. Fast ebenso lange läuft die konzertierte Aktion „Internationales Marketing für den Bildungs- und Forschungsstandort Deutschland“, die Bund und Länder im Oktober 2000 ins Leben gerufen haben, um mehr ausländische Akademiker ins Land zu holen und Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. Was daneben oft vergessen wird: Die Studenten bringen auch Kaufkraft ins Land, nach Hochrechnungen des Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie immerhin 1,2 Milliarden Euro. >>


Quelle: Wissenschaft weltoffen 2017
Quelle: Wissenschaft weltoffen 2017

Wie es nach 2004 weiterging:

Nachdem die 250 000er Marke geknackt war, passiert erstmal nicht mehr viel – über Jahre hinweg. Bis 2012 die Zahl der ausländischen Studenten in Deutschland plötzlich erneut abhob. Im April 2013 gab der DAAD zudem seine neue "Strategie 2020" bekannt, Ziel unter anderem: 350 000 ausländische Studenten an deutschen Hochschulen bis 2020. Erfolg vermelden konnte der DAAD bereits in diesem Jahr. Warum Deutschlands Wissenschaft trotzdem nicht nur glänzt in Sachen Internationalität, habe ich in meiner Analyse zu "Wissenschaft weltoffen 2017" aufgeschrieben, und die findet sich hier. In der ZEIT von 2004 hatte ich übrigens auch drei ausländische Studenten porträtiert und ihre Erfahrungen geschildert. Diese Texte finden Sie hier. 


>> Mittlerweile hat sich die Bundesrepublik fest als Gastland Nummer drei hinter Großbritannien und den USA etabliert. Mission erfüllt? Statistisch gesehen schon. Trotzdem sind nicht alle glücklich mit dem Ergebnis der Kampagne. „Es kann nicht nur darum gehen, die Zahl der Ausländer zu erhöhen“, warnt Dieter Maßberg, Geschäftsführer des Studentenwerks in München, wo der Ausländeranteil an den Hochschulen mit 17 Prozent über dem bundesweiten Uni-Durchschnitt von 12 Prozent liegt. „Wir müssen stärker auf die Qualität der Bewerber achten.“ Die guten Studenten gehen nach Nordamerika und Großbritannien, der Rest nach Deutschland, klagen Professoren. Was natürlich übertrieben ist. Doch selbst Jürgen Schlegel, Generalsekretär der Bund-Länder-Kommission (BLK), sagt: „Wir hätten gerne mehr Studenten, die auch nach Harvard gehen könnten.“ Offenbar scheint bei der Entscheidung für Deutschland weniger die akademische Exzellenz der Hochschulen eine Rolle zu spielen als die Studiengebührenfreiheit und eine Bewerberauswahl, die nicht so streng ist wie etwa in den USA. Auffallend ist, dass sich immer weniger Westeuropäer und Nordamerikaner für ein Studium in Deutschland interessieren, während der Zuwachs hauptsächlich aus Südostasien und Osteuropa kommt. 

 

Dass sich die ausländischen Studenten an Deutschlands Hochschulen tatsächlich schwer tun, belegt eine Studie, die der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) beim Hochschulinformationssystem in Auftrag gegeben hat: Von 100 ausländischen Studenten kommen weniger als 50 bis zum Examen, der Rest geht irgendwo unterwegs verloren. Ein gewaltiger Schwund. „Die Ergebnisse sind teilweise erschütternd“, sagt Christian Thimme vom DAAD. Beispiel Rheinisch-Westfälische Hochschule Aachen: Hier erreichen innerhalb von acht Jahren gerade 21 Prozent der ausländischen Studenten einen Abschluss.

 

Die Zahlen sind eindeutig. Die Ursachen sind es nicht. Sind viele Studenten tatsächlich überfordert vom Leistungsdruck an deutschen Hochschulen, oder stimmen die Rahmenbedingungen noch immer nicht? Der Bundesverband Ausländischer Studierender (BAS) wirft den Hochschulen vor, nicht genug für die fachliche Betreuung der Gastakademiker zu tun. „Die Professoren kümmern sich nicht um die besonderen Probleme von Ausländern“, sagt BAS-Geschäftsführer Johannes Glembek.

 

Tatsächlich tut sich vielerorts eine Kluft auf zwischen den Akademischen Auslandsämtern, die mit Unterstützung des DAAD ihr Angebot an Orientierungsveranstaltungen und Lebensberatung ausgebaut haben, und den einzelnen Fachbereichen, die sich bislang kaum auf den internationalen Zustrom eingestellt haben. „Die soziale Betreuung ist sehr gut mittlerweile. Doch bei der fachlichen Betreuung hinken wir weit hinterher“, sagt Christian Thimme.

 

Gerade die wäre wichtig: Nirgendwo sonst wird so selbstbestimmt studiert wie in Deutschland, doch um die Freiheit nutzen zu können, sind die meisten ausländischen Studenten, wie viele ihrer deutschen Studienkollegen übrigens auch, auf Rat angewiesen. Dabei sind die Studenten, die ein, zwei Semester in Deutschland verbringen und eigene Programmkoordinatoren haben, noch besser dran als ihre Kommilitonen, die für ein komplettes Studium herkommen und alles selbst organisieren müssen.

 

Die Universität zu Köln zeigt, wie eine bessere fachliche Beratung an den Massenuniversitäten aussehen könnte: In den Fakultäten sitzen Mitarbeiter und Hilfskräfte, die eigens für die ausländischen Studenten abgestellt sind, zusätzlich zum zentralen Akademischen Auslandsamt, das jede Hochschule hat. „Die Betreuung der Studenten lebt vom Engagement Einzelner, das darf auf keinen Fall unterdrückt werden“, sagt Stefan Bildhauer, Leiter des Kölner Auslandsamtes. Nach einem revolutionären Konzept klingt das nicht gerade, aber selbst solch ein überschaubares Maß an Service ist an Deutschlands Hochschulen selten und dem DAAD dieses Jahr einen Preis für besonders gute Betreuung wert.

 

Doch nicht nur die mangelnde Fachberatung macht den Gästen zu schaffen, zu ihren Deutschland-Erfahrungen zählen auch nervenaufreibende Auseinandersetzungen mit der einheimischen Bürokratie: beschränkte Arbeitserlaubnis, befristete Aufenthaltsgenehmigung, das zeitraubende Vorsprechen in der Ausländerbehörde. Viele Ausländer müssen zudem erst Sprachkurse belegen, bevor sie sich nach bestandener Sprachprüfung an einer Hochschule bewerben dürfen. Für all das bleibt ihnen nur ein Jahr Zeit. Haben sie dann keinen Studienplatz, droht die Abschiebung. Ein Regelung, die dazu führt, dass sich viele erst mal für irgendein Fach bewerben, um eine Verlängerung ihres Visums zu erhalten: noch ein Grund für die niedrige Abschlussquote.

 

Immerhin, das Zuwanderungsgesetz soll Arbeitsrecht und Melderegeln vereinfachen, doch zeigt schon die erbitterte Debatte um das Gesetz, dass sich Deutschland mit seinen Gastakademikern noch schwer tut. „Gegen das, was die Amerikaner machen, ist unser Ausländerrecht aber noch eher spaßig“, sagt Elke Löschhorn vom Auslandsamt der Berliner Freien Universität.

 

Tatsächlich leiden die US-Hochschulen seit den Terroranschlägen unter einer restriktiveren Einwanderungspolitik und beklagen das Wegbleiben der ausländischen Studenten – obwohl sich deren Mobilität nach DAAD-Schätzungen in den nächsten 20 Jahren vervierfachen soll.

 

Im Wettbewerb um die besten Studenten hat allerdings auch Deutschland einen gravierenden Nachteil: seine Sprache. Eine Marketingaktion dürfte da in Zukunft nicht mehr reichen. „Die Qualität der ausländischen Studenten wird automatisch besser, wenn das Angebot der Hochschulen besser wird“, glaubt BLK-Generalsekretär Jürgen Schlegel. Viele Hochschulen haben das begriffen und machen es inzwischen wie die Kölner. Gute Aussichten also: „Stimmt die Betreuung, hört auch der Schwund bei den Absolventen auf“, sagt Christian Thimme. So kriegt dann auch Nummer 250 000 ihren Abschluss.

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18 Jahre sind nicht genug

Wie inkonsequent die Kultusminister immer noch bei der Akkreditierung agieren: ein aktuelles Beispiel aus Bayern.

Foto: evondue
Foto: evondue

DAS PASSIERT ALSO, wenn man die Kultusministerkonferenz (KMK) an ihren eigenen Ansprüchen misst. Ende 1998 verabredeten die Minister die Gründung des Akkreditierungsrates. Parallel zur Einführung der Abschlüsse Bachelor und Master sollte die Akkreditierung der neuen Studiengänge „Vielfalt ermöglichen, Qualität sichern und Transparenz schaffen“, hieß es im damaligen KMK-Beschluss. Auch sei erforderlich, den Studienbewerbern bei ihrer Studienentscheidung eine verlässliche Orientierung zu geben – und den Arbeitgebern ebenfalls. 

 

18 Jahre später dachten die Arbeitgeber, in dem Fall die kommunalen: Dann nehmen wir die KMK doch mal beim Wort und handeln einen Tarifvertrag aus, der die Akkreditierung berücksichtigt. Seitdem bestimmt die zum Tarifvertrag gehörende Entgeltordnung, dass Hochschulabschlüsse bei der Eingruppierung von Mitarbeitern in die entsprechenden Entgeltgruppen nur noch anerkannt werden, wenn der absolvierte Studiengang „nach den Regelungen des Akkreditierungsrates“ akkreditiert worden ist. Sprich: Ohne Akkreditierung gibt es weniger Gehalt. >>



>> Was zumindest im bayerischen Kultusministerium Aktivitäten auslöste, wenn auch nicht gerade hektische. In einem am 14. Juli an alle Hochschulen im Freistaat verschickten Brief teilt Amtschef Peter Müller mit, dass man sich mit dem Kommunalen Arbeitgeberverband Bayern geeinigt habe, die "im bundesweit geltenden TVöD-K" zum 01. Januar 2017 in Kraft getretene Regelung zunächst für drei Jahre, also bis Ende 2019, nicht anzuwenden. Ob auch für das übrige Bundesgebiet eine entsprechende Lösung gefunden werden könne, sei offen. 

 

So viel also zur Ende der 90er Jahre von der KMK versprochenen Orientierung der Arbeitgeber. In Bayern sind sie schon stolz, dass sie in den vergangenen Jahren zum bundesweiten Schnitt aufgeschlossen haben und nun um die 60 Prozent aller Studiengänge akkreditiert sind. 60 Prozent. Nach jetzt schon fast 19 Jahren. 

 

Und da die Kultusminister und ihre zahlreichen Vorgänger selbst nicht vermocht haben, den Akkreditierungszug zu beschleunigen, verstecken sie sich jetzt hinter den vermeintlich so überstrengen Arbeitgebern. Da „nicht auszuschließen“ sei, dass demnächst in weiteren Tarifverträgen vergleichbare Bestimmungen auftauchen, schreibt Amtschef Müller, „wird zudem gebeten, grundsätzlich dafür Sorge zu tragen, noch nicht akkreditierte Bachelor- und Masterstudiengänge baldmöglich zu akkreditieren, um Nachteil für Absolventinnen und Absolventen zu vermeiden.“ Auch sei im Interesse der Studenten eine „lückenlose Reakkreditierung“ anzustreben.

 

In Zeiten des Akkreditierungs-Bashings muss man ja fast noch dankbar sein, dass sich das bayerische Staatsministerium nicht für die Dummheit der Arbeitgeber entschuldigt. Nach dem Motto: Wer braucht schon diese lästige Akkreditierung. Noch dankbarer wären die Studenten und ihre künftigen Chefs indes, wenn die Ministerien im dritten Akkreditierungsjahrzehnt bei den staatlichen Hochschulen dann mal mit dem Bitten aufhören und mit dem Fordern anfangen würden.

 

Bei der privaten Konkurrenz klappt das schließlich auch: Ein Studiengang, der nicht akkreditiert ist, erhält keine ministerielle Genehmigung. Übertragen auf die staatlichen Hochschulen könnte das heißen: Wer nicht schleunigst akkreditiert, bekommt weniger Geld... Und zwar die Hochschulen, nicht die Absolventen. Wie wär's? 

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