JAN-MARTIN WIARDA

Journalist     Moderator     Fragensteller


Willkommen auf meiner Website.

Wenn Sie mehr erfahren wollen über mich und meine Themen, sind Sie hier richtig. Schauen Sie doch auch mal in meinen Blog, in dem ich regelmäßig aktuelle Ereignisse in Bildung und Forschung aufspieße. Ich freue mich auf Ihr Feedback.


"Ach, der Brexit"

Die TU Dresden eröffnet eine Wissenschaftsschau in der Londoner Innenstadt. Rektor Hans Müller-Steinhagen über Dresdens Imageprobleme, eine besondere Partnerschaft und die Frage, wie Wissenschaft  an die normalen Leute herankommt.

So sah die Ausstellung in Dresden aus – jetzt geht sie nach London. Foto: René Jungnickel/TU Dresden

DIE TECHNISCHE UNIVERSITÄT Dresden präsentiert sich und ihre Forschung mit einer Ausstellung in London. Sind Sie mit der Wissenschaftskommunikation im eigenen Land nicht ausgelastet?

 

Im Gegenteil. Die DRESDEN-concept-Ausstellung ist bei uns in Dresden so gut gelaufen, dass wir selbstbewusst genug sind, sie jetzt auf Reisen zu schicken: zuerst nach London, dann nach Breslau und schließlich nach Prag. Damit wollen wir ein Signal in die Welt senden, dass vom Dresdner Neumarkt auch positive Nachrichten ausgehen können.

 

Auf dem Dresdner Neumarkt treffen sich jeden Montagabend die Pegida-Demonstranten...

 

...und dort stand auch über viele Wochen unsere Ausstellung, deren Exponate übrigens weit über die TU Dresden hinausreichen und den gesamten Wissenschaftsstandort Dresden repräsentieren.

Hans Müller-Steinhagen
Hans Müller-Steinhagen

Sie wollen den Londonern zeigen: Dresden kann nicht nur ausländerfeindlich. Dresden kann auch international?

 

Das ist ein ganz wichtiges Motiv. Die Pegida-Leute marschieren ja immer noch, wenn auch ihre Zahl – zum Glück!  – tendenziell abnimmt. Die Demonstrationen und andere ausländerfeindliche Aktionen haben einen Schatten auf das zuvor leuchtende Image Dresdens geworfen. Diesen Schaden müssen wir Dresdner jetzt alle gemeinsam reparieren.

 

Was gibt es denn zu sehen in der Ausstellung?

 

Für jeden etwas, würde ich sagen. Für Erwachsene und für Kinder. Sie können etwas über neue Krebstherapien erfahren, die Zukunft des Taktilen Internets ausprobieren oder superleichten Beton anfassen. Der ist mit Carbon verstärkt und wird, davon bin ich überzeugt, das Bauen revolutionieren. Und dann setzen Sie sich auf einen der CityTrees, die Dresdner Studierende in einem Startup entwickelt haben. Das ist eine Art Bank, hinter der eine mit Moosen und Stauden bewachsene Wand hochragt – ein natürlicher Schadstofffilter, der effektiver arbeitet als ein Baum. Und speziell für die Forscher planen wir um die Ausstellung herum eine Serie wissenschaftlicher Veranstaltungen und Symposien.

  

Das ist alles sehr schön. Zu schön, um wahr zu sein? Hand aufs Herz: Eine nette PR-Aktion des DRESDEN-concepts, dem Zusammenschluss der Dresdner Wissenschaftseinrichtungen, um im gerade angelaufenen Exzellenzstrategie-Wettbewerb zu punkten? Internationalität geht schließlich immer bei den Gutachtern...

 

Klar ist das PR, aber nur zufällig zum Auftakt der Exzellenzbewerbung. Wir wollen zeigen, welch tolle Wissenschaft in Dresden gemacht wird. Aber eben nicht nur. Wir wollen auch die Zusammenarbeit zwischen London und Dresden vertiefen, genauer: zwischen dem King’s College und der TU Dresden bzw. DRESDEN-concept. Die ist schon jetzt besonders. Zusammen haben wir den so genannten TransCampus aufgezogen, eine strategische Partnerschaft, die bislang unsere Mediziner verbindet und auf weitere Disziplinen ausgeweitet werden soll, die Mikroelektronik zum Beispiel oder die Geisteswissenschaften insbesondere auf dem Gebiet des gesellschaftlichen Wandels. Schon jetzt nutzen unsere Forscher die Labore und Einrichtungen des King’s College und umgekehrt. Es gibt ein gemeinsames Graduiertenkolleg und sogar schon Wissenschaftler, die teilweise von uns, teilweise von den Londonern bezahlt werden.  Wir steuern auf gemeinsame Studiengänge und gemeinsame Promotionen hin.

 

Sie entkräften nicht gerade meine Vermutung, dass Sie sich für die Exzellenzstrategie in Stellung bringen. Vielleicht bewerben Sie sich ja eines Tages sogar im Verbund mit dem King’s College in der Förderlinie „Exzellenzuniversitäten“?

 

Mal abgesehen davon, dass das, wie Sie wissen, von den Ausschreibungsbedingungen her gar nicht möglich ist, ergäbe es meines Erachtens auch wenig Sinn, einen Teil der für die Entwicklung der deutschen Universitäten vorgesehenen Mittel ins Ausland weiterzuleiten. Wir reden von einer Fördersumme von vielleicht 20, 25 Millionen Euro pro Jahr für Universitätsverbünde, das ist viel Geld, aber um neue Hochschulstrukturen aufzubauen, ist das erschreckend wenig und nicht im Entferntesten vergleichbar mit dem, was Eliteuniversitäten in den USA oder Großbritannien zur Verfügung steht. Wenn wir diese Mittel nun durch weitere internationale Partner ausdünnen, wir der Nutzen noch geringer. Im Übrigen dürfte es schon bei den deutschen Verbundbewerbungen in der Förderlinie „Exzellenzuniversitäten“ nicht einfach sein, die Gutachter davon zu überzeugen, dass sie mehr sind als Beutegemeinschaften. Bei den Forschungsclustern dagegen könnte ich mir gemeinsame Bewerbungen mit dem King’s College, mit Breslau oder Prag durchaus vorstellen – solange die ihren eigenen Finanzierungsanteil mitbringen.

 

Zurück zur Ausstellung. Wenn man so will, haben ja beide Partner ein Problem mit ihrem internationalen Image. Dresden wegen Pegida, das King’s College wegen des Brexits. Schweißt die Not zusammen?

 

Ach, der Brexit. Viele unserer Kollegen am King’s College können es noch immer nicht fassen und sagen, das sei doch alles der reinste Wahnsinn. Aber der Ausstieg Großbritanniens aus der Europäischen Union war nicht der Anlass für unsere Ausstellung. Als die Planungen dafür begannen, hat noch kaum einer glaubt, dass es soweit kommt.

 

Außerdem gilt London ja nun ausgerechnet als europafreundlich.

 

Insofern müssten wir, wenn das eine Ausstellung gegen den Brexit sein sollte, unsere Exponate irgendwo im Hinterland zwischen zwei Farmen aufbauen, wo die wirklichen Europagegner zu Hause sind. Dass die Wissenschaftsausstellung trotzdem in eine Großstadt gehört, in die Mitte Londons, auf den Campus einer Spitzenuniversität, das versteht sich von selbst. Genauso, dass bei allem, was Wissenschaft auf die Beine stellt, die Botschaft mitschwingt: Forschung floriert nur in einem Klima der Offenheit und der Internationalität.

 

Glauben Sie wirklich, dass sich am Ende viele Londoner die Ausstellung angucken werden? Und zwar normale Londoner, nicht die Wissenschaftler und Studenten, die ohnehin auf dem Campus herumlaufen?

 

Es gab auch in Dresden Leute, die am Anfang skeptisch waren. Und dann riss der Besucherstrom nicht mehr ab, von Einheimischen wie von Touristen. Ich weiß noch, wie ich ein paar Mal um zehn oder elf Uhr abends am Neumarkt vorbeikam, und staunend stehenblieb: Da waren immer noch Leute zwischen den Ausstellungsstücken unterwegs. 

0 Kommentare

"Bildungsstandards behandeln Kinder wie defizitäre Erwachsene"

Seit dem Mathe-"Brandbrief" streitet die Bildungsrepublik mit besonderer Heftigkeit über Kompetenzen und Kompetenzbegriffe. Der Gastbeitrag eines hessischen Gymnasiallehrers.

Foto: Mike Wilson; Abbildung aus Lambacher Schweizer "Algebra 1", 2. Auflage, Klett-Verlag 1966.

SIE ERINNERN SICH vielleicht: Vor einem Monat habe ich an dieser Stelle die 130 Schreiber eines Mathe-Brandbriefs kritisiert. Sie unterlägen einer Fehlwahrnehmung, wenn sie einen Verfall der Matheleistungen beklagten und den Missstand dann auch noch der Etablierung von Bildungsstandards zuschrieben. Was folgte, war eine heftige Debatte in meinem Blog. Mit einigem Abstand erhielt ich nun den Brief eines Mathelehrers. Er hatte die Stellungnahme herausgekramt, die seine Fachschaft an einem hessischen Gymnasium 2010 ans Kultusministerium geschickt hatte. Gegenstand: die bevorstehende Einführung von Bildungsstandards. Die Stellungnahme von damals liest sich wie eine hervorragende Replik auf meinen Essay. Darum veröffentliche ich sie hier mit Zustimmung des Autors, der lieber ungenannt bleiben möchte.


Die Lehre vom Raben und der Ameise

 

VOR LANGER, LANGER Zeit, da gab es einen Raben, der zeigte Schülern und Lehrern, wann es besonders schwierig und anspruchsvoll wurde. Zum Beispiel im Lambacher Schweizer „Algebra 1“ von 1966. Viele schreckte der Rabe im Mathebuch ab, aber manchmal passte das Bedürfnis eines Schülers mit dem Angebot des Raben zusammen. Und hin und wieder geschah es dann, dass ein Schüler das Aha-Erlebnis seiner Schulzeit hatte, die Mathematik auf neue Weise lieben lernte und einen unumkehrbaren Entwicklungsschritt in seinem Leben machte.

 

Häufiger als der Rabe war in den Mathebüchern jener Jahre allerdings die Ameise anzutreffen. Sie kennzeichnete Aufträge, die nur durch großen Fleiß und langanhaltendes sorgfältiges Ausführen bekannter Operationen, zu bewältigen waren. Darüber möchte man heute gern die Nase rümpfen, bei Schülern, jüngeren zumal, hatten diese Aufgaben keinen schlechten Ruf. Das gute Gefühl, das der Lohn dafür war, etwas richtig zu machen sorgte dafür, dass man die Monotonie der Aufgabe nicht als ermüdend wahrnahm. Kam ein Schüler an den Punkt, sich von der Ameise zu verabschieden, dann war auch hier ein Reifungsschritt vollzogen. Viele waren aber froh, dass ihnen die Ameise im ungeliebten Fach Mathematik wenigstens zu einer befriedigenden Note verhalf.

 

Seit der Zeit des Raben und der Ameise hat die Aufgabenkultur des schulischen Mathematik­unterrichts ungeheuer an Vielfalt gewonnen. Lag früher der Blick fast ausschließlich auf der fachlichen Schwierigkeit, so hat seitdem der Blick auf den Schülerauftrag eine Vielzahl von Perspektiven hinzugewonnen. Der ungewöhnliche Auftrag, die Umkehrung von Frage und Antwort, die Skizze, die konstruierte Einkleidung in einen Bezug zur „Lebensumwelt“, die Aufforderung zur Kommunikation, - in manchen Schulbüchern ist heute die Ausnahme zur Regel geworden. Den Unterrichtserfolg eines so unterrichtenden Lehrers bewirkt dann der Paukunterricht des Nachhilfeinstituts.

 

Zweck des Raben und seiner vielen Abkömmlinge ist es, den Blick des Schülers auf die fachliche Substanz des zu behandelnden mathematischen Gegenstandes zu lenken. Damit kein Schüler denke, mit der erlernten Routine sei der Kern des neu zu Lernenden bereits erfasst. Der erfahrene Lehrer postiert deshalb seine Raben wohlüberlegt und sparsam dosiert in seinen Unterrichtsgang. Sie sind unverzichtbare Angebote, den Sachverhalt tiefergehend zu verstehen. Aber was der Rabe in einer heterogenen, kommunikativen, in rascher persönlicher Veränderung befindlichen Lerngruppe beim Einzelnen bewirkt, ist unmöglich zu kalkulieren.

 

Nicht alles muss immer so bleiben, wie es war, aber dieser Reformentwurf gehört eingestampft. Und zwar aus vier Gründen:

 

1. Kinder und Jugendliche werden durch den Bildungsstandardansatz wie defizitäre Erwachsene behandelt. Die altersgemäßen Belange und die Heterogenität der individuellen Entwicklung werden ausgeblendet. So passen zum Beispiel Wiederholen, Sammeln, Ordnen und Motorisches besser zu Zehnjährigen als das x-te Säulendiagramm als Vorübung zur Powerpoint-Präsentation.

 

2. Die entwicklungspsychologische Erkenntnis, dass sich Kinder und Jugendliche von sich aus auf ihre Weise weiterentwickeln wollen, bleibt völlig unbeachtet. Die Grundlagen lassen sich in behavioristischer Manier fortschreitend aufbauen und abprüfen. Wenn es aber anspruchsvoller wird, dann macht der Lehrer, wie jeder gute Erzieher Angebote. Angebote, die das Kind wahrnimmt, wenn alles passt.

 

3. Dass die Fachkonferenz das unlösbare Problem beschließen soll, jeden Schüler vor eine „Anforderungssituation“ zu stellen, in der die „Performanz“ seines „Kompetenzerwerbs“ „überprüfbar“ wird, das ist ein schlechter Witz! Die Bildungsstandardtests und die neuartigen Versuche, das Abitur mit Kompetenz anzureichern, zeigen jedem, der es sehen will, dass sich Kompetenz im Sinne dieser Bildungsstandards weder beibringen noch abprüfen lässt. Ein guter Lehrer wird sich natürlich freuen, wenn er einen kompetenten Schüler hat und er wird andererseits in einem Elterngespräch darauf hinweisen, was Mathematik jenseits von Routinen auf dem Gymnasium noch ist.

 

4. Die nervige Wiederholung der grauenhaften Wortbildung „Lebensumwelt“ zeigt, wie die Autoren der Bildungsstandards die Funktion von Schule vollkommen verkennen. Die „Lebensumwelt“ unserer Kinder ist oft genug die Spielkonsole, der Fernseher, vielleicht der Sport, eventuell Musik. Die Schnittmenge der Lebensumwelt hessischer Schüler mit Eltern aus allen Ländern der Welt ist, na was wohl, die Schule. 

 

Noch schlimmer: Wer je als Berufstätiger oder als Hochschulassistent mit einem Anwendungsproblem konfrontiert wurde, das unter Zeit-, Ökonomie- und Erfolgsdruck mathematisch behandelt werden musste, der kennt dessen unüberschaubare Komplexität und die rein am Ergebnis orientierten Methoden seiner Lösung.

 

Die Schule braucht das genaue Gegenteil. Ohne weltfremd zu sein, muss sie dazu stehen, eine Welt für sich zu sein, geschaffen zu dem Zweck, Kinder und Jugendliche vor altersgerechte Anforderungen zu stellen, an denen sie reifen können. Sie muss Inseln schaffen, auf denen man etwas begreifen, einsehen und verstehen kann, - wo man exemplarisch von einer Einsicht zur nächsten voranschreiten kann. Alles, was hier passt, und dazu gehören natürlich auch Anwendungsprojekte, hat seinen Platz in der Schule, egal ob „Lebensumwelt“ drin ist oder nicht.

 

Wäre ich Kultusminister, dann würde ich den alten Fachlehrplan beibehalten. Eventuell könnte man ihn jeweils in Doppeljahrgänge zusammenfassen. Wollte ich die Kompetenz der Schulabgänger im Sinne der vorgelegten Bildungsstandards erhöhen, so würde ich ein weiteres Schuljahr einführen, damit ein Schüler insgesamt neun Jahre am Gymnasium verbringt. Damit die Lehrer nicht in gar zu öden Bahnen des herkömmlichen Fachunterrichts verharren, würde ich Wettbewerbe mit kreativen Ideen wie etwa den Känguru-Wettbewerb, Mathematique sans frontières oder den Mathematikwettbewerb des Landes Hessen nach Kräften fördern. Schulen müssten genug Personal und Sachmittel für Mathematik-, Forscher- und Informatik-AGs haben, die heute wegen Lehrermangel kaum noch stattfinden. Ebenso bräuchten die Schüler genügend Muße, um daran teilnehmen zu können. Die Kompetenz der so gebildeten Schüler wird dann allemal hoch genug sein, um dazuzulernen, was im „Anwendungsbezug“ zählt, und mit welcher Technik man dafür sorgt, dass man ihnen zuhört.

2 Kommentare

Sie wollen mehr wissen? Schauen Sie doch direkt in meineBLOG nach. Ganz oben finden Sie hier ein Inhaltsverzeichnis: Alle Einträge seit Juli 2015 sortiert nach Themen und Kategorien. Viel Spaß beim Stöbern!

...und hier geht es zu meinem RSS Blog-Feed...