JAN-MARTIN WIARDA

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Künftig nur noch alle acht Jahre

Die Kultusministerkonferenz will die Akkreditierungszeiträume verlängern. Was noch in der fast fertigen Musterrechtsverordnung steht –und worüber sich die Ministerien aktuell streiten

Foto: evondue
Foto: evondue

LANGE WAR ES STILL um die Zukunft der Akkreditierung – zu still, fanden viele, denn unterdessen verhandelten die Wissenschaftsministerien das Kleingedruckte. Jetzt haben die Ministerialbeamten die Arbeit an der sogenannten „Musterrechtsverordnung“ fast beendet, und die Kultusministerkonferenz (KMK) hat sich zu einem erfreulichen Schritt entschlossen: Bevor sie die gut zwei Dutzend Seiten beschließt, will sie den Entwurf nochmal in eine „schriftliche Anhörung“ geben. Also nicht die Maximaltransparenz wie bei der Strategie zur „Bildung in der digitalen Welt“, die die KMK vorab online zur Diskussion gestellt hatte, aber immerhin sollen „alle relevanten Stakeholder“ die Möglichkeit zur Stellungnahme erhalten.

 

Diese Stakeholder sind laut KMK: die Hochschulrektorenkonferenz (HRK), die Arbeitgeber und die Gewerkschaften, die Studierenden, die Sprecher der Agenturen, der Akkreditierungsrat, die Berufsakademien, der Verband der Privaten Hochschulen und, wegen der kirchlichen Abschlüsse, die Kirchen. Wie hoch der Termindruck mittlerweile ist, zeigt, dass die Kultusminister gerade 14 Tage für die schriftlichen Rückmeldungen einräumen wollen.

 

Was aber steht nun drin im Entwurf der Musterrechtsverordnung? Ein paar Schlaglichter vorab: Die Akkreditierungszeiträume werden auf acht Jahre gestreckt, die Hochschulen sollen Lehrverfassungen beschließen, und neben Programm- und Systemakkreditierung kann es künftig „alternative Verfahren“ geben. 

 

Ein paar Details: 

 

o Hochschulen, die ihr Qualitätsmanagementsystem akkreditiert bekommen wollen, müssen künftig eine "Lehrverfassung" vorweisen können. Mit dieser Forderung setzen die Kultusminister eine Empfehlung des Wissenschaftsrats um. Die Lehrverfassungen müssen sich in den Studiengängen widerspiegeln. Weiter heißt es in der Musterrechtsverordnung: „Das Qualitätsmanagementsystem ist integraler Bestandteil der Gesamtstrategie zur Umsetzung der Lehrverfassung und zielt darauf ab, die Studienqualität kontinuierlich zu verbessern.“ 

 

o Hervorgehoben wird im Entwurf die Bedeutung eines kontinuierlichen Studiengangsmonitorings und einer vernünftigen Statistik: „Die für die Umsetzung der Lehrverfassung erforderlichen Daten werden hochschulweit und regelmäßig erhoben.“

 

o Die Agenturen sind im Akkreditierungsverfahren künftig für die Begutachtung der formalen Kriterien zuständig. Ihr Bericht geht an die Gutachter, die wiederum die fachlich-inhaltlichen Kriterien prüfen. 

 

o Bei der Formulierung der fachlichen und wissenschaftlichen Anforderungen nimmt der Entwurf der Musterrechtsverordnung Anleihen beim Qualifikationsrahmen für deutsche Hochschulabschlüsse und nennt die Aspekte "Wissen und Verstehen" (Wissensverbreiterung, Wissensvertiefung und Wissensverständnis), "Einsatz, Anwendung und Erzeugung von Wissen" (Nutzung und Transfer, wissenschaftliche Innovation) sowie "Kommunikation und Kooperation" und "wissenschaftliches Selbstverständnis / Professionalität".

 

o Einem Gutachtergremium gehören bei einer Programmakkreditierung mindestens vier „fachlich nahestehende“ Personen an: zwei Hochschullehrer, ein/e Vertreterin aus der beruflichen Praxis und ein/e Student/in.  Bei Systemakkreditierungen steigt die Mindestzahl auf fünf Gutachter, davon mindestens drei Professoren. Und in jedem Fall verfügen die Hochschullehrer über die Mehrheit der Stimmen. Das Gutachten geht dann an den Akkreditierungsrat, der die Akkreditierungsentscheidung trifft.

 

o Zur Bestellung der Gutachter heißt es lediglich, sie würden von der beauftragten Agentur benannt. „Die Agentur ist bei der Bestellung an das von der Hochschulrektorenkonferenz zu entwickelnde Verfahren gebunden.“ Wie genau dieses Verfahren aussehen soll, will die HRK voraussichtlich bei ihrer Mitgliederversammlung im November beschließen. Allerdings sind die Hochschulrektoren nur für das Verfahren für die Hochschullehrer zuständig. Wie die Berufsvertreter und die studentischen Gutachter ausgewählt werden, dürfen offenbar weiter die Agenturen festlegen. 

 

o Dass es neben Programm- und Systemakkreditierung im Rahmen einer Experimentierklausel „alternative Akkreditierungsverfahren“ geben kann, steht schon so im neuen Staatsvertrag. Die Verordnung sagt dazu, diese müssten vom Akkreditierungsrat genehmigt werden, allerdings könne der Rat die Genehmigung nur dann versagen, wenn das Verfahren den Grundsätzen des Staatsvertrags widerspricht. Die Genehmigung gilt für zunächst acht Jahre, das Verfahren muss am Ende unabhängig evaluiert werden.

 

o Und, wie bereits erwähnt: Akkreditierungen und Reakkreditierungen gelten künftig für acht Jahre. 

 

Alles in allem liest sich der Entwurf der Musterrechtsverordnung erstaunlich konkret und in sich stimmig. Bis auf eine ungeklärte Kontroverse, die sich seit dem Verfassungsgerichtsurteil wie ein roter Faden durch die Verhandlungen um die Reform der Akkreditierung zieht. Es handelt sich um die Gretchenfrage der Akkreditierung: Wie hältst du es mit dem Diplom? Wieder ist es vor allem Mecklenburg-Vorpommern, das auf der Diplom-Lösung besteht, diesmal aber mit dem Minderheitsvotum von sechs Ministerpräsidenten im Rücken, die bei der Verabschiedung des Akkreditierungsvertrages ihre Erwartung geäußert hatten: In der Musterrechtsverordnung  müsse „eine für alle Länder tragfähige Lösung zur Anerkennung des Diploms“ erreicht werden.

 

Im Entwurf ist betont nüchtern von „Entscheidungsbedarf zu folgenden Lösungsoptionen“ die Rede. Maximaloption eins: Nur die Abschlussbezeichnungen Bachelor und Master sind erlaubt. Maximaloption zwei: Will ein Land das Diplom verleihen, dann darf es. Die zuständigen Beamten in den Ministerien hatten ihren Staatssekretären für deren letzte Sitzung nicht weniger als vier Kompromisslösungen (von einer Äquivalenzlösung über eine Bestandsgarantie bestehender Diplom-Abschlüsse bis hin zu einer Diplom-Verleihung nur auf Antrag der Studenten) ausgearbeitet, einigen konnte man sich bislang auf keine. 

 

Der Verständigungsdruck ist groß, aber nicht übermächtig. Eine ländereinheitliche Musterrechtsverordnung ist keineswegs verpflichtend, im Gegenteil: Theoretisch darf jedes Land separat definieren, wie es den Staatsvertrag in konkrete Anwendungsregeln umzusetzen gedenkt. Was sicher nicht so kommen wird. Denkbar ist allerdings, dass es am Ende 15 gleichlautende und eine abweichende Verordnung geben könnte. Zumindest ist das ein Szenario, was derzeit wieder diskutiert wird. Jetzt müssen die Minister ran. 

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Weil eben nicht alles bleibt, wie ist

Manche sagen, die Debatte um die Digitalisierung in der Bildung sei übertrieben. Welch ein Irrtum. Wir müssen das Bildungssystem dringend auf die große Transformation vorbereiten. Sechs Thesen von Myrle Dziak-Mahler.

Foto: Dragons/Pixabay

ÜBER DIE SCHULEN wird derzeit viel geredet: Es gibt zu viele Schüler und zu wenig Lehrer, viele Schulgebäude sind marode und bei all den Problemen müssen die Schulen auch noch neue Aufgaben bewältigen. Eines der Schlagworte, über das derzeit mit am meisten diskutiert wird, ist die Digitalisierung. Deutsche Schulen stehen im internationalen Vergleich schlecht dar, wenn es um die Vermittlung von Medienkompetenzen geht. Da ist der von Bundesministerin Wanka angekündigte Digitalpakt nicht nur ein wichtiges Signal, sondern dringend notwendig – sollte er denn kommen. 

 

In die digitale Infrastruktur von Schulen zu investieren, ist zwingend – ohne Frage, aber nur ein Anfang. Das allein reicht nicht aus. Es braucht vor allem neue Konzepte, wie Unterricht angesichts komplett veränderter Bedingungen gelebt werden soll. An dieser Stelle setzt das Papier „Bildung in der digitalen Welt“ an, das Ende vergangenen Jahres von der Kultusministerkonferenz (KMK) beschlossen wurde. Dieses Papier ist an sich sehr begrüßenswert, da es normativ wirkt und eine strategische Ausrichtung definiert. Gleichzeitig formuliert das Papier Maßnahmen für Schulen und Hochschulen, die sehr konkret sind und sich im Wesentlichen auf den Einsatz digitaler Werkzeuge beschränken. Das Papier lässt allerdings eine Leerstelle an der Frage, auf welchem Weg die langfristigen Ziele erreicht werden können. 

 

Die Digitalisierung verändert unsere Gesellschaft derzeit tiefgreifend auf allen Ebenen. Ein Blick auf die sich zurzeit schnell weiterentwickelnde Forschung zur Künstlichen Intelligenz macht deutlich, wo es in naher Zukunft hingehen wird. Es werden Jobs entstehen, die sich heute niemand vorstellen kann und gleichzeitig werden viele Arbeitsplätze wegfallen. Diese Situation macht unsicher: Wie sollen wir Bildungsziele für junge Menschen bestimmen, wenn wir keine Vorstellung haben, welche Bildungsinhalte die Gesellschaft morgen und übermorgen benötigt? Und trotzdem müssen wir junge Menschen auf ihre Zukunft vorbereiten, intellektuell wie emotional. Und unter fairen Bedingungen. Der Einzug der Digitalisierung an die Schulen macht es notwendig, Schule komplett neu zu denken. 

 

Bis dato orientiert sich das Bildungssystem an den Normen- und Wertevorstellungen des 20. Jahrhunderts. Damit bereitet es Schülerinnen und Schüler für die Aufgaben der Vergangenheit, nicht aber auf eine sich zunehmend verändernde Gesellschaft und ihre Herausforderungen vor. Was wir benötigen, ist Pioniergeist. Eine Haltung, die keine Angst davor hat, das, was wir als nicht mehr zielführend erkannt haben, einfach abzustellen. Wir probieren das Neue, das Andere einfach aus, wir experimentieren. Behutsam, zugewendet, verantwortlich – und mutig. Die disruptiven Veränderungsprozesse der nächsten Dekaden werden uns nichts Anderes übriglassen. 

 

Wir brauchen deshalb einen mutigen und offenen Reformprozess – und der muss bereits in der Ausbildung der angehenden Lehrerinnen und Lehrer ansetzen. Dazu sechs Thesen:

 

1. Schule wird sich verändern

Die Digitalisierung unserer Gesellschaft führt dazu, dass Schülerinnen und Schüler eigenständiger und damit selbstbestimmter und selbstbewusster lernen. Sie finden Bildungsinhalte zunehmend außerhalb der Schule, insbesondere in sozialen Netzwerken. Unterricht an Schulen muss darauf angepasst werden, dass Schülerinnen und Schüler nach individuellem Interesse und individuellem Lerntempo lernen. 

 

2. Wir brauchen einen anderen Lehrertypus

Das Berufsbild „Lehrer/in“ wird sich ändern: Digitale Medien verändern den Unterricht, denn der Zugang zu Informationen über digitale Medien wird immer einfacher und erstreckt sich flächendeckend über die gesamte Gesellschaft. Damit verlieren Lehrerinnen und Lehrer ihren Wissensvorsprung und ihre Deutungshoheit über Unterrichtsthemen. In Zukunft wird es stärker darum gehen, den Schülerinnen und Schülern Haltungen und Herangehensweisen zu vermitteln und sich in einem partnerschaftlichen Verständnis als Lehr- und Lerngemeinschaft zu verstehen. Von der OECD wurden dazu vier Kernkompetenzen formuliert: Kreativität, Kollaboration, Kommunikation und kritisches Denken. 

 

3. Schulen mit digitaler Technik auszustatten, reicht nicht aus

Gesellschaftliche Veränderungen erfordern, Schule neu zu denken, Unterrichtsstoff anders zu vermitteln und Fächerstrukturen und Unterrichteinheiten auf neue Gegebenheiten anzupassen. Die Kompetenzen von Lehrern und Schülern müssen dahingehend gestärkt werden, dass sie in der Lage sind, die digitalisierte Lebenswelt nicht nur zu konsumieren, sondern auch zu verstehen, zu hinterfragen und zu gestalten. 

 

4. An Schulen muss Informatik gelehrt werden

Schülerinnen und Schülern müssen IT- und Online-Kompetenzen vermittelt werden. Das Erlernen einer Programmiersprache trägt zum Beispiel dazu bei, ein Verständnis für die dahinterliegenden Prozesse zu erlangen. Dieses Verständnis hilft, im Berufsleben aber auch im Alltag digitale Prozesse zu verstehen und hinterfragen zu können. Dabei müssen sich Lehrer und Schüler auf eine (Berufs-) Welt einstellen, die wir heute noch gar nicht kennen. 

 

5. Der Austausch zwischen Schülern und Lehrern muss auf Augenhöhe stattfinden

Digitalisierung demokratisiert das Bildungssystem: Diskussion und Meinungsaustausch in sozialen Medien findet in der Regel auf Augenhöhe statt. Status, Beruf, Bildungshintergrund oder Einkommen werden in den sozialen Medien nicht gelebt. Das Netz sorgt für Transparenz und macht Informationen in hoher Geschwindigkeit allen zugänglich. Der Wissensvorsprung der Eliten schrumpft. Auch in der Schule wird der Austausch auf Augenhöhe zwischen Lehrern und Schülern gelebt werden müssen.

 

6. Digitalisierung muss bereits an den Hochschulen gelebt werden

Hochschulen bilden die Lehrer von morgen aus, die wiederum Schülerinnen und Schüler auf die (Arbeits-)Welt von übermorgen vorbereiten. Darauf müssen die Lehramtsstudierenden im Studium vorbereitet werden. Das erfordert digitale Lehr- und Lernmodule, die nicht nur Methoden und Techniken vermitteln, sondern die angehenden Lehrkräfte befähigen, Schülerinnen und Schülern einen kompetenten Umgang und die Fähigkeit zu einer reflektierten Auseinandersetzung mit neuen Medien zu vermitteln. 

 

Wir brauchen in Zukunft ganz andere Bedingungen an den Schulen, weil wir ganz anders werden unterrichten müssen. Wir brauchen also nicht nur neue Medien, sondern auch neue Lernkonzepte.

 

Myrle Dziak-Mahler ist Geschäftsführerin des Zentrums für LehrerInnenbildung an der Universität zu Köln.

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