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Ambitionslos

Das RKI veröffentlichte wie nebenbei ein paar Erkenntnisse zur Seroprävalenz der Deutschen. Doch die Ursprungsdaten hält das Institut noch zurück. Den Anspruch, sein Corona-Monitoring könne relevant sein für aktuelle politische Entscheidungen, scheint es gar nicht mehr zu erheben.

ENDE APRIL SCHRIEB ICH über das deutsche Corona-Monitoring, das diesen Namen nicht verdient. In "Die Datenerhebungskatastrophe" prangerte ich an, dass es im Gegensatz etwa zu Großbritannien immer noch keine regelmäßigen Bevölkerungsstichproben gibt. Immerhin war damals gerade eine – einmalige – Untersuchung in der Mache, Titel: "Leben in Deutschland – Corona-Monitoring" mit 34.000 Probanden, die auf Antikörper getestet worden waren. Die Ergebnisse hatte das Robert-Koch-Institut (RKI) ursprünglich für Anfang des zweiten Quartals angekündigt, doch zum Zeitpunkt meines Artikels hieß es bereits: Die Zahlen kommen irgendwann bis Ende Juni. 

 

Kamen sie dann auch. Am 9. Juni. Nur dass wenige es merkten, weil das RKI keine Pressemitteilung dazu herausgab. Bei näherem Hinsehen aus gutem Grund: Das Institut veröffentlichte nur ein "Faktenblatt", keinerlei Primärdaten oder Studienberichte. Die Analyse der Ergebnisse sei noch nicht abgeschlossen, erfuhr ich auf Nachfrage. Immerhin soll bald ein Bericht zu sozialen Unterschieden im Infektionsrisiko folgen und ein Manuskript zur sogenannten Seroprävalenz auf einem Preprint-Server veröffentlicht und bei Fachzeitschriften eingereicht werden. Und dann, so das RKI, beginne der Peer-Review-Prozess.

 

Zur Einordnung: Der Erhebungszeitraum endete größtenteils bereits im November. Wir reden also von Seroprävalenzen von vor acht Monaten – noch von vor Alpha und vor dem Höhepunkt der zweiten (!) Welle. Mich macht das sprachlos. Im RKI scheint man gar nicht mehr den Anspruch zu erheben, dass ein Corona-Monitoring von Relevanz für politische Entscheidungen sein könne. 

 

Falls Sie die wenigen – sehr kursorisch berichteten – Ergebnisse interessieren: Männer und Frauen infizierten sich in etwa gleich oft, die 18- bis 34-Jährigen am häufigsten, und schlechter gebildete Menschen hatten ein fast doppelt so hohes Infektionsrisiko wie Hochqualifizierte. Schätzungsweise hatten bis November 1,7 Prozent der Bevölkerung eine Infektion durchgemacht – 1,8 mal so viele wie bis dahin gemeldet. Was eine fast unglaublich gute Qualität des Corona-Meldewesens bedeuten würde. Das müssen wir jetzt erstmal so glauben. Denn die Daten einsehen können wir weiterhin nicht. 

 

Großbritannien veröffentlicht derweil im Wochenrhytmus neue repräsentative Infektionsdaten, heruntergebrochen auf einzelne Regionen und immer wieder auch auf soziale Gruppen.

 

Dieser Beitrag erschien zuerst in meinem Newsletter.


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