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Die Datenerhebungskatastrophe

Das Pandemiemanagement der Bundesrepublik baut auf einem
Corona-Monitoring auf, das diese Bezeichnung nicht verdient.
Die Politik weiß bis heute kaum, was genau sie mit ihren
Lockdown-Maßnahmen bewirkt und wer sich warum infiziert.
Wie konnte das passieren? Eine Spurensuche.

Kaffeesatzleserei statt repräsentativer Datenerhebung. Foto: Stephanie Albert / Pixabay.

IM NACHHINEIN ist es leicht, Prognosen zu kritisieren. Zum Beispiel die des Robert-Koch-Instituts (RKI), derzufolge die bundesweite 7-Tages-Inzidenz schon Mitte April die 350 überschritten haben und mit 95-prozentiger Wahrscheinlichkeit zumindest deutlich über 200 liegen sollte. Womöglich aber auch schon bei über 500. Tendenz: weiter stark steigend.

 

Tatsächlich meldete das RKI für Anfang dieser Woche eine Inzidenz von 169, Tendenz: unklar. Wie haben sich die Modellierer derart verrechnen können? Die Antwort: Sie haben sich nicht verrechnet. Jede Aussage über die Zukunft ist nur so gut wie das ihr zugrunde liegende Wissen über die Gegenwart. Mit anderen Worten: Die Prognostiker vom RKI und anderswo füttern ihre Modelle mit den aktuellsten Daten über den Verlauf der Pandemie. Und die sind mies in Deutschland. So mies, dass es für Politik, Wissenschaft und Verwaltung peinlich ist. Und für die Corona-Bekämpfung ein gefährliches Manko.

 

Der WELT-Journalist Olaf Gersemann schrieb vor ein paar Wochen vom "Tatbestand der vorsätzlichen Ahnungslosigkeit", weil die Bundesrepublik auch ein gutes Jahr nach Beginn der Pandemie kein Corona-Panel organisiert habe, keine regelmäßig wiederholten Massentests derselben repräsentativ ausgewählten Bevölkerungsstichprobe. 

 

Wie wichtig, wie unverzichtbar ein solches Panel wäre, wird beim Blick auf jüngste Corona-Debatten sofort sichtbar. Die gemeldeten Infektionszahlen bei Kindern und Jugendlichen gehen seit Wochen durch die Decke: ein Beleg dafür, dass die zuerst in Großbritannien festgestellte Virusmutation B.1.1.7. viel stärker an den Kitas und Schulen grassiert? Oder beruht der überdurchschnittliche Anstieg darauf, dass nur für Kitakinder und Schulkinder zweimal die Woche eine Schnelltest-Pflicht besteht?

 

Statt repräsentativer Stichproben
gibt es Streit und Kaffeesatzleserei

 

Während Wissenschaftler, Mediziner, Lehrer- und Elternverbände wenig produktiv streiten, während die Politik hin- und herschwankt zwischen der Beschwörung von Teilhaberechten und hastigem Schließungsaktionismus, könnte die Frage durch ein repräsentatives Panel längst geklärt sein. Und, noch wichtiger, die Folgen jeder neuen Mutation und jeder Öffnungsmaßnahme könnten immer aufs Neue geklärt werden. So wie überhaupt die Wirkung jeder neuen Eindämmungsentscheidung sich nach Alter, Beruf und sozialem Hintergrund abbilden ließe. Ist die im Rahmen der Bundesnotbremse beschlossene Ausgangssperre zwischen 22 und 5 Uhr sinnloser Aktionismus oder hilfreiches Instrument? Wir wüssten es in wenigen Wochen – und zwar unabhängig von der Kaffeesatzleserei schwankender Testzahlen, Positivquoten und Meldeverzögerungen. 

 

Und, womit wir wieder bei den Prognosen wären: Könnten wir nachvollziehen, wie sich die Pandemie bislang entwickelt hat, wer sich wann wie häufig angesteckt hat und welche Alters- und Berufsgruppe wie auf welche Eindämmungsmaßnahmen reagiert, könnten das RKI und andere Institute auch ihre Modellrechnungen auf seriösen Daten basieren. 50.000 bis 100.000 Stichproben-Tests alle ein bis zwei Wochen würden genügen. 

 

Andere Länder machen vor, wie das geht. So die britische Statistikbehörde ONS, deren zusammen mit der Universität Oxford auf die Beine gestelltes Panel "COVID-19 Infection Survey" so gut ist, dass deutsche Wissenschaftler regelmäßig aus den Ergebnissen zitieren und sie in die deutsche Corona-Debatte einspeisen. Was die deutsche Hilflosigkeit nur noch offensichtlicher macht: Denn was helfen die britischen Daten, wenn sie auf gesellschaftlichen, sozialen und medizinischen Strukturen sowie auf einer Corona-Eindämmungspolitik beruhen, die ganz andere sind als hierzulande?

 

Forscher forderten schon
im März 2020 ein Corona-Panel

 

Dass ein repräsentatives Corona-Panel – so wie gute epidemiologische Daten überhaupt – ein entscheidendes Instrument im Kampf gegen Corona hätte sein können, ja müssen, hatten Forscher auch in Deutschland früh erkannt. So hatte schon am 18. März 2020 unter anderem Gabriel Felbermayr, Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW) "repräsentative Corona-Tests zur Eindämmung der Unsicherheit", gefordert. Alle fünf Tage müsse eine für die Gesamtbevölkerung repräsentative Stichprobe auf eine Corona-Infektion getestet werden. Denn: "Je weniger sicher man den Anteil der infizierten Menschen in der Bevölkerung kennt, desto umfangreicher müssen vorbeugende Maßnahmen ausfallen, um das Risiko eines überlasteten Gesundheitswesens einzudämmen."

 

Und desto ungenauer, könnte man hinzufügen – wenn man nicht weiß, wer sich wo und weshalb angesteckt hat. Hinzu kommt: Je plumper und weniger zielsicher die von der Politik beschlossenen Eindämmungsmaßnahmen darauf sind, desto geringer ist ihre erwünschte Wirkung – und desto inakzeptabler ihre (wie bei Kita- und Schulschließungen) drastischen und mitunter ebenfalls gesundheitsgefährdenden Nebeneffekte. 

 

Ein gutes Jahr später heißt es aus dem IfW: "Wir würden weiterhin sagen, dass die mangelnde systematische Datenerhebung und -auswertung ein Problem für die (wirtschafts)politischen Entscheidungen in dieser Pandemie war und ist." Warum die Gelegenheiten zum Aufbau eines solchen Panels ausgelassen worden seien, "ist auch für uns nur schwer nachvollziehbar. Es war immer schwierig für diese eigentlich unmittelbar einleuchtende Idee in der Politik – und auch in den Medien – gewichtige Fürsprecher zu finden." 



Und sie haben es wirklich versucht, am IfW und anderswo. Doch die gemeinsame Initiative mit dem Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie (BIPS) in Bremen scheiterte. Dabei handelte es sich um einen bestechenden Plan: Die Forscher wollten das bereits bestehende Riesen-Panel der NAKO-Gesundheitskohorte nutzen, 200.000 Menschen zwischen 20 und 69 Jahre, die sich ohnehin bereit erklärt haben, sich über viele Jahre hinweg medizinisch untersuchen zu lassen und zu ihren Lebensumständen und ihrer Krankheitsgeschichte Auskunft zu geben. "Unser Konzept fand sogar Zustimmung des RKI", sagt die BIPS-Direktorin Iris Pigeot.

 

Das BMBF habe die Bedeutung des Vorhabens
nicht erkannt, kritisieren die Forscher

 

Warum trotzdem nichts aus der Intiative wurde, darüber gehen die Darstellungen auseinander. Egoismen auf Seiten einiger NAKO-Forscher seien verantwortlich gewesen, sagen die einen. "Die saßen auf ihrer Studie und wollten nicht teilen." Und das BMBF habe ein solches Panel auch nicht finanzieren wollen, dort habe man die Bedeutung des Vorhabens offenbar nicht erkannt.

 

Tatsächlich teilen Bundesforschungsministerium und Bundesgesundheitsministerium auf Anfrage gleichlautend mit, als Panel zum allgemeinen Monitoring des Infektionsgeschehens in Deutschland sei die NAKO "wenig geeignet – u.a. aufgrund ihrer Komplexität und ihres Stichproben- und Studiendesigns, die spezifisch auf das zugrunde gelegte wissenschaftliche Konzept zugeschnitten sind." Außerdem seien im Rahmen des BMBF-"Förderaufrufs zur Erforschung von COVID-19 im Zuge des Ausbruchs von Sars-CoV-2" vom 3. März 2020 auch gar keine Anträge für ein regelmäßiges Monitoring von COVID-19 Infektionen in repräsentativen regionalen oder bundesweiten Stichproben eingereicht worden.

 

Aus einem einfachen Grund, sagt BIPS-Forscherin Pigeot: "Die Ausschreibung hätte gar kein regelmäßiges Monitoring erlaubt." Dafür habe nämlich die pro Einzelprojekt vorgesehene Finanzierung nicht gereicht. Insgesamt, verkündete das BMBF zum Auftakt am 3. März 2020, gebe es in der Ausschreibung zehn Millionen – für alle Forschungsprojekte in vier Förderlinien. Maximum pro Projekt: 500.000 Euro über anderthalb Jahre. Zum Vergleich: Das Netzwerk "Universitätsmedizin" wurde gleich zum Auftakt mit 150 Millionen gefördert, Ende 2020 wurde die Summe auf 240 Millionen erhöht.

 

Aus der NAKO-Geschäftsstelle wiederum gibt es nur die schmallippige Auskunft, es gebe "im Moment keine NAKO-weiten Ergebnisse zu den Antikörpern, sobald Neues vorliegt, werde ich Sie informieren." Wobei eine nur einmalige Antikörper-Studie, bei der zurückliegende Infektionen nachgewiesen werden, etwas ganz Anderes wäre als ein regelmäßiges Panel. 

 

Die Initiative des RKI ist spät dran
und droht auch noch in die Hose zu gehen

 

Derweil verweisen die Bundesministerien aufs RKI und die dort vorhandenen unterschiedlichen "Surveillance-Instrumente(n), Modellierungen und Studien". Deren Qualität, siehe oben, aber ja genau das Problem sind. Außerdem, betonen BMBF und BMG, sei da ja noch die Studie "Leben in Deutschland – Corona-Monitoring", die das Institut in Zusammenarbeit mit dem Sozio-oekonomischen Panel des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) konzipiert hat – mit 34.000 Probanden, zur Bestimmung "der bundesweiten Seroprävalenz von bestimmten Antikörpern gegen SARS-CoV-2". Ist das nicht genau das, was IfW, BIPS und andere auch wollten? Und das, was das ONS ins Großbritannien macht? Oder auch der nationale Gesundheitsdienst NHS, der zusammen mit dem Imperial College im Rahmen der REACT-Studien ebenfalls regelmäßig hunderttausende Briten auf Antikörper testet?

 

Die Antwort: Nein, beim besten Willen nicht. Hinzu kommt: Auch dieses Unterfangen am RKI droht offenbar in die Hose zu gehen. Erstens: Das Institut  hat viel zu spät losgelegt. Erst im September – ein halbes Jahr nachdem die Pandemie in Deutschland zu grassieren begann. Zweitens: Es geht zwar um eine Untersuchung, die differenziert "nach Altersgruppen, Geschlecht und sozialen Unterschieden", aber nicht regelmäßig, nicht in Form eines fortlaufenden wöchentlichen oder zweiwöchentlichen Infektionsmonitoring. 

 

Drittens: Wenn Ergebnisse vorliegen, werden sie hauptsächlich noch historischen Wert haben. Denn die erste Erhebungswelle sollte ursprünglich von September bis Dezember 2020 laufen – also zu einer Zeit, als die britische Mutation noch keinerlei Rolle spielte. Später wurde der Untersuchungszeitraum zwar bis Ende Februar verlängert. Um den Preis allerdings, dass die ursprünglich für Ende März/Anfang April vorgesehene Veröffentlichung auf unbestimmte Zeit verschoben wurde. "Noch im zweiten Quartal" sei diese geplant, heißt es jetzt am RKI, genauer festlegen will man sich nicht mehr.

 

Bis dahin veralten die für aktuelle politische Entscheidungen schon jetzt kaum noch nutzbaren Daten weiter. "Von Verzögerung würde ich nicht sprechen", sagt indes die Pressesprecherin des Instituts. "Bei solch umfassenden Studien lässt sich der Veröffentlichungstermin meist nicht so langfristig exakt vorhersagen." 

 

Dass bei den Studienmachern offenbar keinerlei Bewusstsein für die Bedeutung aktueller epidemiologischer Daten als Grundlage politischer Entscheidungen inmitten einer Jahrhundert-Pandemie besteht, zeigt auch der Blick in die weitere Projektplanung: Die zweite Erhebungswelle ist für Ende 2021 geplant. 

 

"Wir bräuchten in der Pandemie eigentlich gleich
mehrere Monitoring-Systeme, und wir haben nichts davon."

 

Auch sonst ist erstaunlich, für wie wenig Aufsehen in Wissenschaft und Politik das sorgt, was der Datenerhebungs-Experte Rainer Schnell als "Datenerhebungskatastrophe" bezeichnet. Schnell war Professor in London und Perth, jetzt lehrt und forscht er an der Universität Duisburg-Essen. Seit vielen Jahren beschäftigt er sich mit den Problemen statistischer Datenanalyse und Datenerhebung. Er sagt: "Wir bräuchten in der Pandemie eigentlich gleich mehrere Monitoring-Systeme, und wir haben nichts davon." Und das obwohl es nicht an Forschern und Instituten gefehlt habe, die dies immer wieder mit deutlichen Worten bemängelt hätten.

 

"Deutschland läuft der Datenerhebungsqualität der englischsprachigen Länder meilenweit hinterher", sagt auch der Medizinstatistiker Gerd Antes, Mitbegründer des Deutschen Netzwerks Evidenzbasierte Medizin und über 20 Jahre lang Direktor des Deutschen Cochrane-Zentrums. Das Schlimme aber sei, dass es weder in der Politik noch in der Wissenschaft vielversprechende Anstrengungen gebe, das Empirie-Defizit zu beheben. "Da herrscht eine Mischung aus Inkompetenz, Arroganz und Interessenkonflikten". Wenn es so weiter gehe, werde das RKI die Monitoring-Studie wohl an die Wand fahren, warnt Antes – und, was die NAKO angehe, "so hätte die Politik deren Studienleiter verpflichten müssen zu einem solchen Corona-Panel, so einfach ist das."

 

Kommt da noch was? Wie wichtig hielten es BMBF und BMG, dass ein repräsentatives Corona-Panel, sei es als Teil der NAKO oder anderswo, jetzt noch aufgesetzt wird? Eine Frage, die beide Ministerien unbeantwortet lassen, auf Nachfrage schickt das BMBF dann ein paar nichtssagende Sätze von wegen, BMBF und BMG seien "in ständigem Austausch über verschiedene Aspekte des Umgangs mit dem Infektionsgeschehen". 

 

Wie kann es sein, dass so wenige in der Politik diese Dramatik überhaupt zu verstehen scheinen? Oder will man es gar nicht genauer wissen? Ist er tatsächlich erfüllt, der von WELT-Journalist Gersemann attestierte "Tatbestand der vorsätzlichen Ahnungslosigkeit"? Aber warum? Welchen Vorteil hätte die Politik von dem Stochern im Nebel?

 

Viel wahrscheinlicher scheint eine andere Erklärung, die Rainer Schnell präsentiert: Sämtliche Kernakteure, die anderswo für das nötige empirische Wissen sorgten, seien in Deutschland gelähmt (siehe Kasten). Und weil das so ist, will die Bundesregierung auch nicht darüber reden. Und erst recht nicht, dass diese unbegreifliche Empirie-Leerstelle Debattenthema wird. So lässt sie auch die immer neuen Initiativen einzelner Forscher und Institute an sich abperlen. Die Frage ist: Wie lange lassen Opposition und Medien sie noch damit durchkommen? 

 

Unterdessen teilt das RKI mit, dass es an einer "Machbarkeitsstudie" arbeite zum Aufbau eigenes Gesundheitspanels. Doch sei für ein repräsentatives Corona-Infektionsmonitoring nach Altersgruppen, Geschlecht, Region und sozio-demografischen Merkmale eine sehr große Stichprobe erforderlich, wie auch der aufs britische REACT2-Programm zeige. Was stimmt – allerdings ist dessen Aufbau den Briten ja auch gelungen. Doch das RKI formuliert diesbezügliche Ambitionen gar nicht mehr. "Für die aktuelle Corona-Pandemie steht ein solches Panel leider noch nicht zur Verfügung", sagt seine Sprecherin.


Rechtsakte statt Forschung

Warum Deutschlands Politik und Wissenschaft kein Corona-Monitoring hinbekommen: das Versagen aus Sicht eines Datenerhebungs-Experten.

Wie lässt sich die deutsche "Datenerhebungskatastrophe", von der der Datenerhebungs-Experte Rainer Schnell spricht, erklären? Schnell sagt, sämtliche Kernakteure, die anderswo für das nötige empirische Wissen sorgten, seien in Deutschland gelähmt 

 

Das deutsche ONS-Pendant, das Statistische Bundesamt (Destatis), etwa sei gefangen in der föderalen Struktur und durch das sogenannte Legalitätsprinzip. "Das ist eine Behörde, bei der es nicht um Forschung geht, sondern um Rechtsakte." Während das ONS ständig mit Universitäten zusammenarbeite, werde am Destatis einmal im Jahr feierlich ein Austauschtag mit der Wissenschaft gefeiert. Was aber auch nicht so schlimm sei, denn das Destatis dürfe ohnehin keine eigene Initiative entwickeln. "Das ist ein Fehler der Gesetzgebung. Für jede größere Erhebung braucht es als Grundlage ein eigenes Gesetz."

 

Das RKI sei ebenfalls keine unabhängige Forschungseinrichtung, sondern politisch gebunden. Es präsentiere präsentiere regelmäßig Corona-Einschätzungen, die so unvollkommen seien wie die Daten, auf denen sie beruhten. Und lenke von den wissenschaftlichen Unzulänglichkeiten ab mit Projekten wie der Datenspende-App. "Totaler Unsinn", sagt Schnell. "Aber sexy." 

 

Doch selbst wenn das RKI aktiv werden wolle, stoße es auf Datenschutzbedingungen, die etwa die Verarbeitung der bei den über 100 gesetzlichen Krankenkassen 

vorhandenen umfangreichen epidemiologischen Daten "schwer, aber nicht unmöglich" machten. Unmöglich würden sie erst durch die technischen Bedingungen: "Es gibt keine Datenaustausch-Infrastruktur zwischen Krankenkassen, Gesundheitsämtern und der Wissenschaft", sagt Schnell. "Jetzt wünschen die sich alle, aber die langfristigen Planungen hat das Bundesgesundheitsministerium verpasst."

 

Überhaupt das BMG: Dort sei man "mit allem Möglichen" beschäftigt, doch hätte es das Ministerium in 15 Jahren noch nicht einmal geschafft, ein Mortalitätsregister einzuführen. "Der Gesetzentwurf liegt seit fünf Jahren in der Schublade, die Datenschützer haben keine Einwände, aber es passiert nichts." Unter Fachleuten sei das "unfassbar". 

 

Wobei auch die wissenschaftliche Szene bei Schnell nicht gut wegkommt. "Seit Beginn der Pandemie erleben wir ein Versagen der Fachgesellschaften, von der Statistik über die Epidemiologie bis zur Soziologie", sagt Schnell. Keine von ihnen habe die von der Politik verantwortete "Datenerhebungskatastrophe" kritisiert, Lösungen wie ein Corona-Panel eingefordert oder andere Vorschläge gemacht. Die seien immer nur von Einzelforschern oder Institutionen gekommen. "Genau ein Jahr nach Pandemiebeginn haben sich die Gesellschaften für Statistik und Epidemiologie dann immerhin bequemt, eine eigene Stellungnahme zu veröffentlichen. Doch die ist ein einziger Wattebausch und liest sich wie die Erklärung von jemand, der nichts sagen will."




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Kommentare: 22
  • #1

    Gerhard Bludau (Mittwoch, 28 April 2021 08:23)

    Wenn das alles nur halbwegs stimmt, bin ich einfach
    sprachlos.

  • #2

    Thomas (Mittwoch, 28 April 2021 14:38)

    Deutschland ist im Bereich Public Health ein Schwellenland und der Politik fehlt hierfür das nötige Bewusstsein. Das Versagen des BMBF ist eklatant.

  • #3

    Gernot Munk (Mittwoch, 28 April 2021 15:04)

    @Thomas: Unter der Ministerin Johanna Wanka wäre das dem BMBF gewiß nicht unterlaufen. Als Mathematikerin
    hätte sie die Rolle solider Statistik verstanden. Aber solche
    Posten werden ja heute eher nach Proporz (welchem auch
    immer) vergeben.

  • #4

    Stefan Heinemann (Mittwoch, 28 April 2021 21:31)

    https://www.blutspendedienst-west.de/presse/mit-blut-zur-datenspende

  • #5

    Martin Ruthenberg (Mittwoch, 28 April 2021 22:19)

    Fachleute wie Gerd Antes kommen in den Medien durchaus zu Wort, nur eben viel zu selten, so dass Sie nur von Menschen wahrgenommen werden, die sehr genau und aufmerksam hinhören bzw. hinschauen. Diese Fähigkeit scheint den meisten Menschen, ganz gleich, wo sie stehen, jedoch abhanden gekommen zu sein, falls sie überhaupt jemals entwickelt wurde.

  • #6

    Regina Hebisch (Donnerstag, 29 April 2021 12:52)

    Tatsächlich frage ich mich schon seit Monaten, warum keine Studien zum Infektionsgeschehen durchgeführt werden und warum Daten der Gesundheitsämter nicht anonymisiertdurchaus genutzt werden können. Ich hatte immer die Hoffnung, dass das doch passiert, ohne dass man davon erfährt. Dieser Beitrag desillusioniert mich sehr.

  • #7

    E.Pielert (Donnerstag, 29 April 2021 20:20)

    Genau so ist es. Erlebe ich jeden Tag wieder, wenn die Tagesberichte der Landesämter kommen. Unglaubliche Defizite, Landkreise,die gar nichts melden, Desinteresse zur Abfrage von Berufsanamnese, keinerlei Aussagen zu den aktuellen POCT in den Schulen und Kitas. Dabei wäre es so einfach zu erfassen. Das Fundament der politischen Entscheidungen, die Datenbasis, ist löchrig wie ein Schweizer Käse,- vermutlich tut man dem Käse dabei noch unrecht.

  • #8

    Ralf Krämer (Donnerstag, 29 April 2021 22:30)

    Sehr spannend und natürlich deprimierend. Was die Feststellung der Frage: "Wo genau hat man sich infiziert?" angeht, heißt es ja, dass eben das in diesem Fall aufgrund der erst spät - wenn überhaupt - auftauchenden Symptome nicht so einfach sei. Aber das grundlegende Problem war auch für Laien schon zu erahnen, als ca. im April letzten Jahres ein Spiegel-Artikel bekannt gab, dass mehrere relevante Forschungsinstitute nun in Sachen Corona zusammen arbeiten würden. Nicht etwa, weil das logisch und geboten wäre, sondern weil die Kanzlerin sich ans Telefon gesetzt und dort persönlich angerufen haben soll... Da war schon zu befürchten, was hier beschrieben wird.

  • #9

    Oakeshott (Freitag, 30 April 2021 12:52)

    Darf man hier fragen: cui bono? Oder ist man dann schon ein 'Querdenker'? Wenn keine fundierten wissenschaftlichen Erhebungen über die Situation vorliegen - wer profitiert davon? Und wer von denen, die profitiert, hat, hatte oder hätte Einfluss darauf, dass keine Datenerhebung stattfindet? Ich will hier keine Antwort wagen, aber dieser Blogeintrag scheint mir solche Fragen nahe zu legen. Wer versucht sich an einer solchen Antwort?

  • #10

    Ralp (Samstag, 01 Mai 2021 10:49)

    Genauso Katastrophal sind doch die Zahlen bzgl. Krankenhauseinweisungen und besonders Belegung der Intensivstationen, obwohl doch einfach zu erheben.
    Aber man hat keine Ahnung,
    wer mit Corona-Symptomen behandelt wird oder wer nur zufällig routinemässig positiv getestet wurde.
    Wie die Altersstruktur ist.
    Etc.
    Traurig? Oder Absicht?

  • #11

    R. Juran (Samstag, 01 Mai 2021 11:14)

    "Inzidenz (?)"-Angaben von Kreisen, Ländern und Staaten ohne Berücksichtigung lokaler Testzahlen und -strategien, aber mit Kommastelle!? Und daraus werden Grundrechtseinschränkungen abgeleitet (z.B. >165 Schulen zu)! usw. usw. usw.
    "Datenerhebungskatastrophe" ist eine sehr treffende Beschreibung!
    Allein ein Blick auf die Formatierung der vom RKI veröffentlichten Exceltabellen zeugt von Sorgfalt (Ironie).

  • #12

    Herbert Honigmann (Samstag, 01 Mai 2021 14:02)

    Warum äußert sich eigentlich niemand vom BMBF zu derart fundamentalen Fragen? Bezogen auf den Eintrag von @Oakeshott kommt ja im Umkehrschluss auf ganz unangenehme Gedanken.

  • #13

    Bananita (Samstag, 01 Mai 2021 14:14)

    In Deutschland mag man über Vieles gar nicht so genau wissen, was die Kehrseite von Merkel-Deutschland zeigen würde. Seit Jahren werden Armutsberichte veröffentlicht, die kaum noch jemand zur Kenntnis nimmt und über diejenigen, die durchs Netz gefallen sind, weiss man so gut wie gar nichts.
    Warum sollte es also bei Corona anders sein? Schliesslich wird auch hier nur das ganze Ausmass der schlechten Politik sichtbar mit all ihren Härten und Zumutungen sichtbar, die man seit Jahren wegdiskutiert.

  • #14

    Dodo (Samstag, 01 Mai 2021 16:11)

    Nicht das Bildungsministerium hat hier gepennt, sondern das Gesundheitsministerium. So ein Panel muss eine ständige Einrichtung sein. Das nächste Virus kommt bestimmt.

  • #15

    Marco Niemann (Sonntag, 02 Mai 2021 07:59)

    Unfassbar, was hier steht! Und jetzt... was sind die nächsten Schritte? Wir dürfen nicht so untätig rumsitzen.

  • #16

    Thomas Assheuer (Montag, 03 Mai 2021 08:45)

    Man muss nur jede beliebige Grafik des RKI anschauen (Infektinsgeschehen, Impfen etc.) und findet überall den "Weekend Gap".

    Am WE wird halt nicht gearbeitet, das sieht der TVöD nicht vor...

    Und das ist nur das für jeden Laien Offensichtliche!

  • #17

    Walter Steuer (Montag, 03 Mai 2021 09:54)

    Ich habe diesen Artikel gefunden, weil dieses Thema gestern bei Anne Will von Frau Woopen (europäischer Ethikrat) in einem Nebensatz kurz erwähnt, dann aber in der Runde ignoriert wurde. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass die lautstärksten Lockdown-Gegner (in den Talkshows FDP oder Wirtschaftsverbände) je so etwas eingefordert hätten. Woran liegt das? Ist das schiere Ahnungslosigkeit? Ist das Faulheit? Eine Verschwörung kann ich da nicht entdecken, denn die große Mehrheit in Deutschland ist sich ja über alle politischen Lager hinweg einig, Corona-Tote sind doof, Lockdown ist auch doof, aber weit darüber hinaus geht die Unterhaltung ja nicht.

  • #18

    Compeff-Blog (Montag, 03 Mai 2021 10:41)

    Exzellenter Artikel. Der Frust bei Schulrektoren und Lehrern und Eltern steigt. Bei uns im Landkreis wurden alle Schulen geschlossen, nachdem Infektionen in 6 Betrieben und einer einzigen KiTa den Inzidenzwert nach oben katapultiert haben. In den Schulen, die ich kenne, wurden 3 Reihentests die Woche durchgeführt. Keine Funde. Ein Rektor meinte verzweifelt: "Wir testen wie blöde, aber keiner interessiert sich für unsere Zahlen".

  • #19

    Compeff-Blog (Montag, 03 Mai 2021 10:44)

    Plädoyer für Maßnahmenmarketing, bessere Datenerfassung, Positivanreize statt Lockdownhämmer und Social Health Gamification:
    https://compeff-blog.de/2021/lockdown-muedigkeit-gamifizieren-wir-die-pandemie-durch-positivanreize-und-einen-wettbewerb-des-richtigen-verhaltens/

    Gerne dürfen Sie auf diesem Blog dortige Ideen aufgreifen, kopieren, weiterverwenden. Denn es dient ja der guten Sache!

  • #20

    Frank Mertens (Dienstag, 04 Mai 2021 14:02)

    Eine sehr dezidierte Bestandsaufnahme, die gleichwohl erschüttert und unweigerlich das komplette Politikversagen ( über alle Parteien ) zum Ausdruck bringt. Was ist nur aus dem einstigen, technologisch/wissenschaftlichen Musterland geworden? Nun, für eine weitreichende Analyse ist hier kaum ausreichender Platz! Aber in Krisenzeiten sind nun mal Kompetenzen wie Führungsstärke, analytischer Verstand und Macher Qualitäten gefragt ... und man sollte sich natürlich im eigenen ( Politik) - Ressort auskennen. Statt dessen regieren uns in Schlüsselministerien (BMBF/BGM/KMK etc.) größtenteils Menschen, die fachfremd zum Teil noch nie irgendeine Berührung mit der Wissenschaft als solches hatten. Hinzu kommen lähmende föderale Strukturen, ebenfalls besetzt mit zum Teil ahnungslosen Schaustellern! Die Politik benötigt dringend ein umfassendes Kontrollorgan, besetzt mit Experten der jeweiligen Fachrichtungen! Wird aber leider nicht passieren!

  • #21

    CR (Dienstag, 04 Mai 2021 17:32)

    Gut geschrieben und nachvollziehbar.
    Eine Frage bleibt aber offen: Wie haben die Briten die Daten genutzt? Ist dort wirklich eine "evidenzbasierte" Politik betrieben worden? Gibt es Beispiele, wie dort die Ziele "Schutz der Bevölkerung" und "Schutz der Wirtschaft" besser unter einen Hut gebracht wurden - wie sich Infektionsschutz-Maßnahmen aufgrund statistischer Analysen als wirkungslos herausstellten und daher wieder eingestellt wurden?

  • #22

    Walter Steuer (Mittwoch, 05 Mai 2021 10:59)

    "Politikversagen" und "Föderalismusversagen" ist zu einfach, wie es ja auch m.E. aus dem Artikel hervorgeht. Das eigentlich Erschütternde ist die Erklärung, dass wir in Deutschland keine State-of-the-Art "Public Health"-Strukturen haben, weil wir uns erstmal aussortieren müssen, ob das etwas ist, was die Nazis seinerzeit gut fanden. Das passt aber zur Dominanz der Datenschutzfundamentalisten, die ja schon in den ersten Wochen der Pandemie in Deutschland den Deckel auf jede Diskussion über Datenerhebung gemacht haben. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass jedenfalls die, die sich öffentlich vehement gegen Datenerfassung via Corona-Warn-App geäußert haben, ebenso energisch für alternative Lösungen, wie die hier diskutierten Panels, eingesetzt und v.a. die dringende Notwendigkeit der Datenerhebung als solche anerkannt hätten. Das fügt sich dann aber auch wieder gut zur Ungerechtigkeits-Hysterie, die sich darin ausdrückt, dass in Deutschland lieber gar keiner geimpft werden soll, als die "Falschen" (so zu Anfang der Diskussion um AstraZeneca-Dosen, die die manche Leute nicht haben wollen) und lieber alle "eingesperrt" werden sollen, als nur die nicht Geimpften, obwohl damit viel mehr allen geschadet, als nur wenigen genutzt wird. Kann es sein, dass letztlich auch die meisten unserer Wissenschaftler, da doch überwiegend wenigstens mittelbar vom Staat abhängig, die Probleme nicht so gut vernehmbar artikulieren, wie es möglich wäre?