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Nicht twittern, handeln!

Karl Lauterbach äußert sich viel und pointiert. Seine Arbeit als Gesundheitsminister zeichnet sich bisher durch wenig Effektivität aus. Wann schafft er endlich die Voraussetzungen, dass Deutschland bessere Gesundheitsdaten erhebt?

DASS Karl Lauterbach als Minister überfordert sein mag, ist spätestens deutlich geworden, nachdem er mit seinen Länderkollegen zunächst eine Abschaffung der Absonderungspflicht für Corona-Infizierte vereinbart hatte – um diese dann wenige Tage später per Talkshow-Ansage wieder "einzukassieren", wie er das formulierte, weil es ein "verheerendes Signal" wäre, so der SPD-Politiker, wenn ein Infizierter "selbst entscheidet, ob er zu Hause bleibt oder nicht".

 

Ein verheerendes Signal war auf jeden Fall diese Art der politischen Kommunikation, vor allem auch in Lauterbachs Zusammenarbeit mit anderen Gesundheitspolitikern. "Auf der Suche nach seiner Rolle als Minister", schrieb der Tagesspiegel über Lauterbach und berichtete von einer Pressestelle, die manchmal nicht wisse, was der Minister gerade treibe und twittere, und einem Apparat im Ministerium, den Lauterbach nicht richtig ans Laufen bekomme.

 

Das war Mitte Februar. Seitdem hat sich nicht viel geändert, außer dass inzwischen die Impfpflicht gescheitert ist und aus den Krankenhäusern die Forderungen lauter werden, Lauterbach solle nicht nur vor neuen Corona-Wellen im Herbst warnen, sondern allmählich anfangen, den schon vor Corona bestehenden Pflege-Notstand politisch und organisatorisch anzugehen. Denn dann ließen sich auch mögliche Corona-Wellen besser abfangen.

 

Doch fremdelt der Individualist Lauterbach nicht nur mit den an ihn gerichteten Erwartungen als Chef einer obersten Bundesbehörde, auch wissenschaftlich ist sein Ruf stark angekratzt. Dabei war genau seine Expertise als Professor, Mediziner und Gesundheitsökonom für viele seiner Unterstützer das, was ihn als Gesundheitsminister qualifizierte. 

 

Spekulieren über
eine "Killervariante"

 

Wenig qualifiziert erscheint indes, wenn Lauterbach öffentlich vor einer Corona-"Killervariante" warnt. Nicht weil eine Veränderung des Virus hin zu einer höheren Gefährlichkeit als Omikron, bei aber gleich hoher Ansteckungshäufigkeit komplett ausgeschlossen wäre. Ist sie, obgleich unwahrscheinlich, nicht. Sondern weil diese spekulative Art seiner Kommunikation weder für einen Wissenschaftler noch für einen Gesundheitsminister geeignet erscheint. Für beide wäre es vielmehr die Aufgabe, Forschung und vor allem die Gesundheitsversorgung so aufzustellen, dass sie für jegliche Veränderungen möglichst gut gewappnet sind. Und genau daran, siehe oben, sagen zumindest Lauterbachs Kritiker, hapere es in der Alltagsarbeit des Ministers gewaltig.

 

Unterdessen twittert "Prof. Karl Lauterbach", so der Name seines Accounts mit inzwischen fast einer Million Follower, munter weiter über dies und das, postet Links zu neuen Corona-Studien, deren Inhalte und Schlussfolgerungen er oft in einem Tweet zusammenzufassen versucht. Gestern zum Beispiel: "Die Langzeitwirkungen von COVID werden unserer Gesundheitssystem noch lange sehr viel Geld kosten. Die Forschung für Long COVID muss dringend ausgebaut werden."

 

Indes: So richtig der Ruf von "Prof. Karl Lauterbach" nach mehr Forschung ist, desto ärgerlicher ist, dass dort, wo der Minister Karl Lauterbach sie ermöglichen könnte, wenig passiert. So berichtete die WELT am Sonntag, dass das Bundesgesundheitsministerium mehrere vom Robert-Koch-Institut (RKI) vorgeschlagenen Reformprojekten blockiere, darunter die Einrichtung eines regelmäßigen Gesundheitspanels.

 

Deutschlands Datenkatastrophe
und ein Vorschlag des RKI

 

Dazu muss man wissen, dass Deutschlands Pandemiebekämpfung von Anfang an unter den Vorbedingungen einer in Europa ziemlich einmaligen "Datenerhebungskatastrophe" stattzufinden hatte. Das womöglich größte, immer wieder von Wissenschaftlern kritisierte Manko bestand darin, dass im Unterschied etwa zu Großbritannien keine repräsentativen Daten zu Infektionshäufigkeiten sowie zu Demografie und Lebensumständen der Infizierten erhoben wurden. Die Politik musste sich daher bei ihrer Corona-Strategie größtenteils auf die von den Gesundheitsämtern ans RKI gemeldeten Fallzahlen stützen, die jedoch durch im Jahresverlauf und zwischen den unterschiedlichen Altersgruppen variierende Testhäufigkeiten stark verzerrt waren – mit der Folge einer unmöglich zu bestimmenden Dunkelziffer. Was wiederum die Messung der Wirkung einzelner Eindämmungsmaßnahmen nahezu unmöglich machte.

 

Ein fast unglaubliches Versäumnis der föderalen Gesundheitspolitik, aber auch des RKI, das die Einrichtung eines solchen Panels lange nicht genug forciert hatte. Umso wichtiger, dass das Institut nun immerhin einen womöglich brauchbaren Vorschlag lieferte: Laut WELT am Sonntag sollten rund 100.000 Menschen in Deutschland regelmäßig einbezogen werden, zu Corona, aber auch zur Verbreitung anderer Volkskrankheiten – und zu Long Covid. Doch habe das Gesundheitsministerium die RKI-Bitten um die nötigen Geldmittel abgelehnt.

 

Und zwar nicht nur für das Panel, das, insofern richtig aufgesetzt, auch in den von Lauterbach befürchteten kommenden Wellen von großer Wichtigkeit hätte sein können. Sondern auch für das RKI als Organisation selbst, obwohl dessen Reformbedürftigkeit seit Beginn der Pandemie immer offensichtlicher wurde – angefangen vom grundlegenden Gesundheitsmonitoring (etwa der unklaren Impfquote) bis hin zur Nutzung moderner wissenschaftlicher, vor allem auch digitaler Methoden. Mit seinen Reformvorhaben hatte der selbst immer wieder (auch von mir) kritisierte RKI-Chef Lothar Wieler endlich die lange überfällige Flucht nach vorn angetreten. Sieben Millionen Euro mehr wollte das Institut pro Jahr, um seine gesetzlich vorgegebenen Aufgaben dauerhaft finanziert zu bekommen, anstatt sich von Projektmitteln zu Projektmitteln hangeln zu müssen. 

 

Lauterbach nimmt sich selbst
die Möglichkeit, informierter zu entscheiden

 

Mit seiner Weigerung nimmt Lauterbach der Politik – und damit sich selbst – die Möglichkeit, informierter Entscheidungen treffen zu können, die potenziell große Auswirkungen haben auf die Grundrechte von Bürgern. Und je weniger repräsentative Daten erhoben werden, desto unmöglicher wird es auch, die ergriffenen Maßnahmen anschließend zu evaluieren.

 

"Für eine seriöse Evaluation vieler einzelner Corona-Maßnahmen dürften in Deutschland (aber auch anderswo) schlicht die nötigen Daten fehlen", schrieb der Mannheimer Statistikprofessor Christoph Rothe gestern auf Twitter zu der Arbeit eines hochkarätigen Sachverständigenrats, der genau dies tun soll, aber laut WELT dabei ebenfalls wenig Unterstützung von Lauterbachs Ministerium erfahre. "Ein Vorschlag für die Zukunft wäre: neue Maßnahmen nur mit gleichzeitiger Schaffung einer Datenbasis für Evaluation."

 

Wissenschaft lebt von Transparenz und eine wissenschaftsbasierte Gesundheitspolitik von möglichst repräsentativen Erhebungen. Das sollte sowohl Minister und als auch der Wissenschaftler Lauterbach eigentlich wissen. Und dann auch beherzigen.




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Kommentare: 1
  • #1

    Detlef A. Rose (Samstag, 30 April 2022 18:50)

    Sehr richtig!