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Das Ende eines noch gar nicht begonnenen Sonderweges

2021 hatte die damalige rot-rot-grüne Koalition in Berlin kurz vor der Wahl Aufsehen erregt mit ihrem Beschluss, die Hochschulen zu Dauerstellen für Postdocs zu verpflichten. Drei Jahre später kassiert die SPD-Wissenschaftssenatorin die Pläne, die unter anderem eine HU-Präsidentin zum Protestrücktritt bewegten. Und nun?

ES GIBT DA DIESES FOTO von Ina Czyborra, aufgenommen vor dem Berliner Abgeordnetenhaus Anfang September 2021, wie sie mit anderen Abgeordneten der damaligen rot-rot-grünen Koalition sichtlich gut gelaunt auf das neue Hochschulgesetz anstößt. Und auf ihren gemeinsamen Coup, gegen den Willen von Senator und Staatssekretär einen bundesweit einzigartigen Passus in die Novelle zu drücken: Postdocs, Juniorprofessor:innen und Hochschuldozenten sollten laut Paragraph 110, Absatz 6 grundsätzlich den Anspruch auf eine unbefristete Beschäftigung erhalten. Eine für Hochschulen verpflichtende Anschlusszusage, wenn auch nur auf Haushaltsstellen. Schon von 2023 an. "Jetzt geht's an die Umsetzung!", schrieb Tobias Schulze, damals wie heute wissenschaftspolitischer Sprecher der Linken-Fraktion im Berliner Parlament, der das Bild auf Twitter gepostet hatte samt dem Hashtag "#IchbinHanna". Die wenig subtile Botschaft an die deutsche Wissenschaftlercommunity: Mission accomplished, zumindest in Berlin.

Viel ist passiert seitdem. Zwei Abgeordnetenhauswahlen, zwei Verfassungsbeschwerden gegen die Neuregelung und zwei Senatorenwechsel später ist Czyborra selbst Senatorin, und an ihrer Seite hat die Sozialdemokratin mit der CDU einen Koalitionspartner, der den neuen Paragraphen 110,6 von Anfang an bekämpft hatte. Im Koalitionsvertrag von April 2023 hatte man sich zwecks gegenseitiger Gesichtswahrung geeinigt, den Konflikt in die Zukunft zu verlagern: Die Übergangsregelung für Einstellungen von promovierten wissenschaftlichen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen auf Qualifikationsstellen werde ...

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Kommentare

#1 -

tja | Do., 24.10.2024 - 14:47
Zitat: ''Fest steht: Von der Sektlaune der rot-rot-grünen Hochschulreformer von 2021 bleibt vor allem eines: Ernüchterung.''

Sektlaune ist eine gute Beschreibung. Man muss schon beschwipst gewesen sein bei der Verfassung von §110 (6). Gut, dass der Unfug jetzt vom Tisch ist.

#3 -

Wolfgang Kühnel | Do., 24.10.2024 - 20:45
Ich vermisse in diesem Zusammenhang jeden fundierten, also auf Zahlen basierenden Vergleich mit dem europäischen Ausland. Das Problem gibt es doch überall. Wie ist das mit den befristeten und unbefristeten Stellen in anderen Ländern? Und wie korreliert der Anteil der unbefristeten Stellen mit der wissenschaftlichen Konkurrenzfähigkeit? Diese Korrelation könnte ja auch negativ sein, denn es ist keineswegs klar, ob all diejenigen, die in jungen Jahren auf eine Dauerstelle im Mittelbau gelangen, dann bis zum Rentenalter Leistungen in der Forschung erbringen werden. Die besten werden später reguläre Professuren bekommen oder apl. Prof. werden, man kann sich aber bekanntlich auch "zur Ruhe ...

#5 -

tja | Fr., 25.10.2024 - 10:56
Aus #3: ''Vieles basiert auf einer "intrinsischen" Motivation, die sich aber jeder juristischen Regelung entziehen dürfte.''

Genau das ist der springende Punkt, den viele Akteure überhaupt nicht begreifen. Tätigkeit im wiss. Betrieb lässt sich nicht in Gewerkschaftsmanier organisieren.

#6 -

Tim | Fr., 25.10.2024 - 14:45
@tja

Wie ist diese Aussage denn im Kontext zu ihrem ersten post zu verstehen?

Dass unbefristete Lebenszeitstellen mit sehr hohem Freiheitsgrad bezüglich Arbeitszeiten und deren Ausgestaltung sich positiv auf intrinsische Motivation auswirken? So wie bei den von mir hineiniterpretierten Professuren?

Oder negativ, so wie bei der längeren Ausführung von Herrn Kühnel, bei der Professuren im Nebensatz erwähnt sind?

Oder gibt es ganz grundsätzlich zwei Klassen von Personen, auf die sich unbefristete Arbeitsverhältnisse in Bezug auf die intrinsische Motivation unterschiedlich auswirken?

Letztere Auslegung fände ich schon sehr problematisch.

Die beiden Vorangehenden führen mich irgendwie allerdings eher zum Schluss, dass intrinsische Motivation ...

#7 -

Berliner Uni | Fr., 25.10.2024 - 17:49
@Tim: Ich denke nicht, dass jemand hier denkt, dass die Gruppe der WiMis eine "andere Klasse" sei als die der Profs. Alles Menschen.



Meine eigene (natürlich vergleichsweise kleine) Stichprobe zeigt deutliche Unterschiede: Langjährige WiMis, deren Engagement und Wille zum Neuen deutlich nachlässt, versus auch über die 65 hinaus noch hochaktive ProfessorInnen. Natürlich nicht als Gesetz, aber als Tendenz. Ich erkläre mir das aus einer Reihe von Unterschieden in der Auswahl und Ausgestaltung der Gruppen:



- Längerer, mehrstufiger Auswahlprozess bei Profs. gegenüber typischerweise einem einzigen Vorstellungsgespräch bei WiMis. Das führt bei Profs. zu einer stärkeren Selektion auf ehrgeizige Personen (mit Vor- ...

#8 -

tja | Fr., 25.10.2024 - 20:14
#Tim

Gemeint ist bspweise: dass Dinge wie Arbeitszeiterfassung im Bereich von Wissenschaftlern - egal ob Mitarbeiter oder Prof - zum allergrößten Teil keinen Sinn machen. Warum? Weil ein Wiss. zu den unmöglichsten Tageszeiten und Gelegenheiten über seine Probleme nachdenkt und ggf so lange bis das Problem gelöst ist. Also auch unter der Dusche, beim Spazierengehen und, falls nötig, wochenlang 15h am Tag auch am WE. Solch ein Verhalten, das stark motivierte Wiss. mitnichten als Ausbeutung beschreiben würden, mit Arbeitszeiterfassung abbilden zu wollen ist völlig absurd.



Das ist ein Beispiel, was mit #5 gemeint war. Hilfts Ihnen?

#9 -

Lilly Berlin | Sa., 26.10.2024 - 01:33
Ich finde es seltsam, hier immer der Politik den schwarzen Peter zuzuschieben. Die Universitäten können die Dauerstellen schaffen und auch dabei alle möglichen Tenure-Modelle und Aufstiegsmöglichkeiten realisieren. Aber statt dessen spielen die Damen und Herren Universitätspräsidenten ihr Theater auf der großen Bühne. Die guten WiMis suchen das Weite und die Trägen bleiben. Super.

#10 -

Berliner Uni | Sa., 26.10.2024 - 16:21




@lilly Berlin



Ich denke, Sie verkennen die wahren Gegebenheiten:



- "Universitäten können die Dauerstellen schaffen". Das ist von Fall zu Fall sehr unterschiedlich. Dauerstellen sind teurer, weil ältere Mitarbeiter höhere Erfahrungsstufen erreichen. Deshalb wollen auch die Bundesländer im Grunde keine Dauerstellen, egal was die Politik sagt. In Berlin war es z.B. auch unter RGR fast unmöglich, befristete WiMi Stellen in Dauerstellen umzuwandeln. Und die Umwandlung bedarf der Zustimmung des Landes (was in anderen Bundesländern anders sein mag).



- " alle möglichen Tenure-Modelle und Aufstiegsmöglichkeiten". Das ist vollkommen realitätsfern. Der Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes ist extrem beschränkt und wird von Personalräten ...

#11 -

Tim | Mo., 28.10.2024 - 19:04
@tja

Ehrlich gesagt nicht so recht. Es verengt den Blickwinkel zumindest sehr stark.

Arbeitszeiten sind lediglich ein verhandelbarer Aspekt in Tarifverträgen. Da gab und gibt es auch viele verschiedene Ideen, wie die Forderungen Europas abgebildet werden könnten. Hier z.B.: https://www.forschung-und-lehre.de/politik/vertrauensarbeitszeit-wird-neu-geregelt-5561

Der Teilaspekt Arbeitszeit sagt aber über Gewerkschaften nichts grundsätzliches aus, hat eher einen technischen Bezug zur intrinsischen Motivation Wissenschaftstreibender und gar keinen zu verdauerten Stellen.



@Berliner Uni

Was die gute Dialektik für mich nicht so ganz verdeckt ist die sprachliche Relativierung aller Menschen durch das Aufzeigen deutlicher Unterschiede im Folgesatz.

So wie sie Beispiele für hochmotivierte Professuren jenseits der Pensionierung ...

#14 -

A. Tobinsky | Fr., 01.11.2024 - 15:54
Ich verstehe die Gesetzesnovelle nicht. Können die Unis wirklich Dauerstellen jenseits der Professuren -in der Forschung wohlgemerkt- wollen? Sollen diese Dauerbeschäftigten "nur" forschen und wenn ja wie? An der Uni forschen Professor/innen "unabhängig" , das heißt, diese Personen können den Inhalt ihrer Forschung- das "Was" und die Methoden - das "Wie" - beides- selbst wählen. Das bedeutet nämlich Freiheit der Forschung. Wiss MA können forschen- auch selbständig soweit die eigene wiss. Karriere im Spiel ist: Doktorarbeit/Habil. oder vergleichbare Leistungen, ansonsten in Abhängigkeit zu einem Lehrstuhl- d.h. als Unterstützung für den Prof/die Prof`in. Die erstere Fotschung- für Doktorarbeit und Habil.- ist ...

#15 -

McFischer | Sa., 02.11.2024 - 16:09
#3: Eine kleine, aber feine Randbemerkung: die Denkweise, wer einmal einen unbefristeten Vertrag hat, verliert die Motivation, ist eigentlich unbegreiflich. "Eigentlich", weil sie mir aus dem Uni-Betrieb natürlich wohlbekannt ist, aber "unbegreiflich", weil hier ein Personal-Bild besteht, was auch nur im universitären Kontext funktioniert. Und auch nur, solange es ein "Arbeitgeber-Markt" ist.

Denn welche Firma, ja selbst welche Behörde folgt heute einem solchen Beschäftigungsmodell? Die Mitarbeiter*innen möglichst lange im Ungewissen lassen, bloß keine unbefristeten Verträge (was ja auch nicht heißt, dass man diese nicht ordnungsgemäß kündigen kann), erst ganz spät die Aussicht auf eine verdauerte Stelle?!

Geht die Deutsche Bahn ...

#16 -

Wolfgang Kühnel | Sa., 02.11.2024 - 23:47
Zum Beitrag #14: Das ist genau richtig, es ist der Hauptknackpunkt dabei (jenseits von finanziellen Erwägungen): Dauerbeschäftigte für die Forschung müssen dazu auch in der Lage sein, aber in der Regel sind auch Professoren für Forschung UND Lehre zuständig. Allzu oft hat man es erlebt, dass ein älterer Professor einen seiner jungen Mitarbeiter auf eine Dauerstelle setzt, was nach der Pensionierung des Professors dann von den anderen als "Altlast" empfunden wird. Der Nachfolger vertritt meist ein (zumindest etwas) anderes Spezialgebiet und kann mit einer besetzten Stelle nichts anfangen. Anders ist es, wenn der Mitarbeiter habilitiert und vielleicht apl. Prof. wird. ...

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