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Keine Angst vor Quereinsteigern

Eine neue Studie von Bildungsforschern liefert überraschende Hinweise:

Wer ohne klassisches Lehramtsstudium Lehrer wird, macht deshalb noch lange keine schlechtere Arbeit. Teilweise gilt sogar das Gegenteil.

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Artikelbild: Keine Angst vor Quereinsteigern

SIE SIND ZUM Symbol einer gescheiterten Personalpolitik der Kultusminister geworden: Quereinsteiger. Allein der Berliner Senat musste zum neuen Schuljahr 800 von ihnen einstellen, neue Lehrer, die nicht über ein klassisches Lehramt-Studium in den Beruf gekommen sind. Denn die frei werdenden Stellen lassen sich in Berlin und anderswo schon seit Jahren nicht mehr mit den Absolventen der Lehramts-Studiengänge allein besetzen. Die Kultusminister haben sich gründlich verplant, und die Korrektur ihres Fehlers in Form zusätzlich eingerichteter Studienplätze wird erst nach Jahren die Schulen erreichen.

Also die Quereinsteiger: Sie haben kein Lehramt studiert, zumindest aber ein zu ihrem Schuleinsatz passendes oder damit verwandtes Fach, und sie haben danach das Referendariat gemacht. Weil aber auch die Zahl der Quereinsteiger längst nicht mehr reicht, wächst zugleich die Gruppe der Seiteneinsteiger: Sie gehen ohne Referendariat direkt in die Schulen und werden parallel zu ihrem Unterrichtseinsatz didaktisch ausgebildet. Berlins Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) hat, wie der Tagesspiegel berichtete, zum neuen Schuljahr bislang rund 1000 solcher Seiteneinsteiger eingestellt, womit sich Quer- und Seiteneinsteiger insgesamt auf 1800 Lehrkräfte summieren – gegenüber 1600 neu eingestellten regulären Lehramtsabsolventen. Und obgleich die Entwicklung anderswo nicht ganz so extrem ist, auch bundesweit stieg der Anteil von Quer- ...

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Kommentare

#1 -

E. Lehrprobe | Mo., 17.08.2020 - 12:50
Die genannten Ergebnisse überraschen mich nicht wirklich. Zuletzt begegnete mir ein eigenartiger Fall: Ein recht hochqualifizierter Absolvent, der schon an der Uni durch hohes Engagement in der Lehre auffiel, versuchte sich in der Schule als Quereinsteiger (bei Spezialisierung in zwei Fächern). Er war in seinen Anforderungen durchaus konsequent, aber immer fachlich bestens. Bei der zweiten Examensprüfung wurde er dann offenbar von den Prüfern raus"qualifiziert"? War er zu streng?

#2 -

tmg | Mo., 17.08.2020 - 17:58
Jeder Hochschullehrer, der an der Lehramtsausbildung für Gymnasiallehrer in Mathematik beteiligt ist, weiss, dass das Gros der Kandidaten nicht viel verstanden hat vom Fach. Irgendwie sind sie durch das Fachstudium und Staatsexamen durchgekommen, nicht zuletzt auch deshalb, weil viele Kollegen sich davor drücken, die rote Karte zu zeigen. Das Resultat ist, dass das Gros dieser Lehrer Angst hat vor dem Fach, das sie unterrichten sollen. Und wer Angst hat, macht schlechten Unterricht.

Quereinsteiger mit einem Diplom oder Master in Mathematik haben keine Angst vor ihrem Fach. Sie haben es i.d.R. mit Freude studiert. Das ist ein großer Unterschied.

#4 -

René Krempkow | Mo., 17.08.2020 - 21:46
Interessant wäre auch noch zu erfahren, inwieweit neben so etwas wie Selbstwirksamkeitserwartungen (die wie im Artikel angesprochen eine große Rolle spielen dürften) auch Selbstselektion nach Leistung(-sfähigkeit) eine Rolle gespielt haben könnte - insbesondere bei den Lehramtsabsolvent(inn)en.

Eine frühere Sekundärdatenanalyse bundesweiter Absolventenstudien speziell für Lehrämter (und für in etwa die Jahrgänge, zu denen auch im o.g. Artikel Ergebnisse vorgestellt wurden) zeigte, dass gerade die für die ersten Jahre des Schülerlebens entscheidenden Grundschullehrer gemessen an ihren Abiturnoten tatsächlich selbst eher mäßige Schüler waren.

Hinzu kommt - auch das scheint in gewisser Weise meine Vorredner(innen) zu bestätigen, dass solche Aspekte wie die Einübung ...

#5 -

Mayer | Di., 18.08.2020 - 12:44
Der entscheidende Knackpunkt ist natürlich tatsächlich das Alter der Daten. Denn man muss berücksichtigen, unter welchen Bedingungen die Befragten studiert haben: Zu deren Studienzeiten dürfte es an den meisten Hochschulstandorten nämlich noch keine Fachdidaktik gegeben haben. Erst in den letzten Jahren ist ja - durchaus als Resultat des sog. "Pisa-Schocks" - die Lehramtsausbildung an nahezu allen Hochschulen reformiert worden. Was in der Studie also verglichen wurde ist letztlich 2-Fach-Studierende vs. 1-Fachstudierende.

#6 -

tmg | Di., 18.08.2020 - 20:52
@ Mayer: Der Knackpunkt ist, dass die meisten Mathematiklehrer den Fachstoff nicht hinreichend verstehen, siehe #2. Das ist kein alter Sachverhalt, sondern der aktuelle Sachverhalt. Da hilft auch keine Fachdidaktik.

#7 -

David J. Green | Mi., 19.08.2020 - 01:20
Ein faszinierender Befund.



Als Mathematiker bin ich einerseits froh, dass mein Fach ausnahmsweise im Mittelpunkt stehen darf. Andererseits aber würde es mich nicht überraschen, wenn die Mathematik in dieser Hinsicht kein repräsentatives Fach wäre.



Denn neben ihrer herausragenden Bedeutung für die moderne Gesellschaft hat die Mathematik außerdem zwei wichtige Merkmale, die sie von den meisten anderen Fächern unterscheiden: Erstens, man muss sie wirklich verstehen, um sie zu beherrschen – und dieses Verständnis lässt sich nicht vortäuschen, das deckt sich ganz gut mit dem besseren Fachverständnis bei den Diplom-Mathematikern. Zweitens, nur weil man Mathe gut versteht, heißt es noch lange nicht, ...

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