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Vom Hergebrachten haben wir genug an deutschen Unis

Ein Jahr lang hat eine Expertenkommission diskutiert, wie die geplante neue Universität in Nürnberg aussehen soll. Heute ging das Ergebnis ins bayerische Kabinett. Ein Interview mit dem Kommissionsvorsitzenden Wolfgang Herrmann.

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Artikelbild: Vom Hergebrachten haben wir genug an deutschen Unis

Anecken garantiert: Die Vorschläge, die Wolfgang Herrmann und seine Mitstreiter in der Strukturkommission heute der bayerischen Staatsregierung vorgelegt haben, dürften in mehrfacher Hinsicht für Diskussionen sorgen. So wollen die 16 Expertinnen und Experten den Zugang zur neuen Nürnberger Universität grundsätzlich durch Auswahlverfahren beschränken; sie wollen Departments statt Lehrstühle einrichten, dazu ein extrem kompetitives Tenure-Track-Verfahren. Den Bachelor will die Kommission grundsätzlich in seiner Bedeutung beschneiden, alle Studiengänge der Technischen Universität (Kürzel: "TUN") sollen zudem umfangreiche Pflichtveranstaltungen in den Geistes- und Sozialwissenschaften enthalten. Zu der Expertengruppe gehören neben Herrmann Ex-Stanford-Präsident Gerhard Casper, der

Hochschuldidaktik-Experte Jürgen Handke, der Chef der VolkwagenStiftung, Wilhelm Krull, der Ex-Wissenschaftsratsvorsitzende Wolfgang Marquardt, der langjährige Präsident der Universität Luxemburg, Rolf Tarrach, und die Präsidentin der Frankfurter Goethe-Universität, Birgitta Wolff. Ihre Vorschläge wurden heute ohne Änderung vom bayerischen Kabinett akzeptiert, das Konzept soll jetzt gegen Jahresende zur Begutachtung an den Wissenschaftsrat gehen. Ministerpräsident Markus Söder (CSU) kündigte an, das insgesamt drei Milliarden Euro in den Aufbau der Wissenschaft in Franken gehen sollen: 300 Millionen an die TH Nürnberg, 1,5 Milliarden an die Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen und 1,2 Milliarden für den Aufbau der geplanten TU Nürnberg.




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Wolfgang Herrmann, Präsident der TU München. Foto: TUM

Herr Herrmann, als der damalige Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) Sie und 15 weitere Experten im Juli 2017 mit der Ausarbeitung von Eckpunkten für Nürnberg beauftragte, versprachen Sie ein "neues, modernes Universitätskonzept". Sind Sie in der Kommission einig geworden, was das konkret bedeuten soll?

Zunächst einmal bedeutet es, dass wir ziemlich viel ziemlich anders machen werden. Wir werden Forschung, Lehre und Transfer in einer neuen Weise wechselseitig miteinander verschränken. Wir wollen den Entrepreneurship-Gedanken durch alle Bereiche der Universität ziehen, wir wollen die Lehre digitalisieren und gleichzeitig persönlicher machen, und wir wollen die Technik- und Naturwissenschaft mit den Geistes- und Sozialwissenschaften enger verschränken als an irgendeiner bestehenden Technischen Universität. Apropos: Das Kind wird TU Nürnberg heißen. Und das ist ...

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Kommentare

#1 -

Mannheimer Studi | Mi., 04.07.2018 - 11:51
Klingt ja alles toll. Aber lässt sich so etwas überhaupt am Reissbrett planen?
Ich habe mal gelernt, dass gute Leute gerne dort hingehen, wo schon andere gute Leute sind. Wie will man aus dem Stand eine solche kritische Masse erreichen?
Ich hätte Interesse an einem Expertenkommentar dazu.

#2 -

Hajo Müller | Mi., 04.07.2018 - 12:50
Interessante Punkte. Ich finde es bedenklich, dass der Bachelor abgewertet wird und faktisch wieder die Diplomstrukturen geschaffen werden. Wäre es nicht sinnvoll Bachelorstudiengänge zu konstruieren, die tatsächlich auf ein Berufsfeld vorbereiten?
Für mich klingt das alles zudem sehr elitär. Man möchte nur die Besten, der Durchschnitt darf sich nicht an der TUN immatrikulieren.

#3 -

Regina Link | Mi., 04.07.2018 - 15:35
Und Bayern wird eine solche Uni mit diesem Anspruch dauerhaft finanzieren? Ich bin gespannt, frage mich allerdings auch, ob das effizient ist, einerseits bundesseitig einen Exzellenzwettbewerb auszuloben und andererseits landesseitig eigene Exzellenzeinrichtungen zu gründen.

Eine zweite Sache lässt mich in dieser Kombination immer etwas stutzen: Nichts gegen Technikfolgenforschung; eine gute, notwendige Sache. Wenn aber in diesem Zusammenhang von Interdisziplinarität gesprochen wird, frage ich mich immer, ob hier wirklich auch Augenhöhe gemeint ist oder die Geistes- und Sozialwissenschaften nicht doch als Auftraggeber in den Dienst der Natur- und Ingenieurwissenschaften gestellt werden. Umso mehr, als es ja, wie Herr Herrmann betont, mit ...

#4 -

Josef König | Fr., 06.07.2018 - 00:29
Das Konzept ist spannend und modern, wobei im Grunde bereits die Ruhr-Universität Bochum mit einer Department-Struktur 1965 eröffnet worden ist, aber wenig Jahre später wurde sie in eine „unechte“ Fakultätsstruktur umgewandelt, die eher eine Fachbereichsstruktur ist. Möge in Nürnberg das besser funktionieren.

Allerdings frage ich mich, ob die Gründer hoffen bzw. erwarten, dass bis zur Gründung die KapVO (Kapazitätsverordnung) abgeschafft sein wird, um diese besonderen Betreuungsrelationen zu gewährleisten. Sonst müsste der TUN ein Sonderstatus zugestanden werden - und der Neid wäre ihr gewiss!

#5 -

McFischer | Fr., 06.07.2018 - 11:23
Klingt erst einmal spannend!

Die Abwertung des Bachelorabschlusses sehe ich nicht so gravierend. Die 'Befähigung zur Aufnahme einer qualifizierten Berufstätigkeit' ist sowieso je nach Fach und Hochschulprofil sehr unterschiedlich. In vielen Fällen kann der Bachelor genau das leisten (vom Bachelor 'Tourismusmanagement" bis zum Bachelor "Ergotherapie"), in anderen, universitären Fächern (Physik, Chemie, Biochemie) ist das eine Illusion, da oftmals sogar eine Promotion für den Normaleinstieg ins Berufsleben nötig ist. Die hier vorliegende Idee, den Bachelor als Opt-Out-Möglichkeit zu nutzen, kommt dem gut entgegen. Das ist jedenfalls deutlich sinnvoller, als die Wende zum symbolisch überhöhten Diplom mitzumachen.

#6 -

Thomas A. H. Schöck | Fr., 06.07.2018 - 17:20
Es ist höchst bemerkenswert, wie ein kritischer Journalist die (inhaltlich und räumlich) sehr naheliegende Frage des Verhältnisses zu und der Kooperation mit benachbarten Wissenschaftseinrichtungen so konsequent ausklammern kann.

#7 -

Jan-Martin Wiarda | Fr., 06.07.2018 - 02:00
Lieber Herr Schöck,

point taken. Wobei a) Herrmann kurz darauf eingeht und b) in meiner Wahrnehmung eine eventuelle Ungleichbehandlung der bestehenden Hochschulen ja durch ein Milliardenpaket für Franken insgesamt abgefedert wurde. Wobei sich die anderen Landesteile dafür vermutlich umso mehr beschweren könnten.

Beste Grüße
Ihr Jan-Martin Wiarda

#8 -

Mannheimer Studi | Mo., 09.07.2018 - 13:19
"Die hier vorliegende Idee, den Bachelor als Opt-Out-Möglichkeit zu nutzen, kommt dem gut entgegen."



Vorgeschlagen ist ein Opt-in für das Bachelorzeugnis, nicht ein Opt-out. Das könnte womöglich zu einer Stigmatisierung von Absolventen führen, die eine andere Abzweigung auf ihrem Lebensweg nehmen. So nach dem Motto: "Wie, du hast dir ein Bachelorzeugnis ausstellen lassen? Hast es wohl nicht geschafft an der TUN."

Ein solcher Anschein sollte vermieden werden, auch im Interesse der TUN, wenn sie erfolgreiche Absolventen produzieren möchte.

#9 -

Gerhard Franz | Do., 12.07.2018 - 13:11
Es ist natürlich toll, wenn ein so erfolgreicher Präsident (und erstklassiger Naturwissenschaftler) sich zum Ziel setzt, zwingend geisteswissenschaftliche Bezüge ins Studium aufzunehmen. Das gilt auch anders herum. Leider wird dieses Defizit des umfassenden Approaches eher von Naturwissenschaftlern beklagt (vielleicht gibt es von uns nur mehr, vielleicht ist es aber auch mühsamer gerade bei einer geforderten Interdisziplinarität allein in verwandten Bereichen auch gut zu sein?).

Ein ganz wichtiger Punkt ist aber nicht angesprochen: wie macht man in seinen jungen Jahren ambitionierte Forschung? Diese trägt ein höheres Risiko des Scheiterns in sich als eher konventionelle Arbeit, die aber eher gefördert wird? Soll ...

#10 -

Gerhard Kroder | So., 01.09.2019 - 14:08
Die Spannung steigt. Der Wissenschaftsrat wird bald sein Urteil fällen. Neben einer bereits existierenden Volluniversität, die besonders durch Ingenieurwissenschaften und Innovationsstärke glänzt, eine neue TU zu gründen, macht auf den ersten, aber auch auf den zweiten Blick wenig Sinn. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der WR das Projekt für sinnvoll erklären wird. Wenn schon die Politik Milliardenprojekte ohne eingehende Analysen aufgleist, so wird zumindest die Wissenschaft die kritischen Fragen stellen müssen.

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