Direkt zum Inhalt

Debatte um degradierte Max-Planck-Direktorin: Jetzt melden sich MPG-Doktoranden zu Wort

Frauen werde schneller Führungsfehlverhalten vorgeworfen – doch die Schlussfolgerung könne nicht sein, Vorwürfe gegen sie weniger zu beachten. Stattdessen müssten junge Wissenschaftler auch vor männlichem Machtmissbrauch besser geschützt werden.

DIE ENTLASSUNG DER ARCHÄOLOGIN Nicole Boivin aus ihrer Position als Direktorin am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena hat eine neuerliche Debatte über den Umgang mit Machtmissbrauch in der Wissenschaft ausgelöst. Nicht nur, aber ganz speziell in der Max-Planck-Gesellschaft (MPG). Nach einem Offenen Brief von 145 Wissenschaftlerinnen hat am Donnerstagabend nun auch das MPG-Doktorennetzwerk "Max Planck PhDnet" eine Stellungnahme veröffentlicht, Überschrift: "Beurteilt die akademische Welt das Verhalten weiblicher Führungskräfte strenger?"


Wie es weiterging: Siehe Update vom 16. Dezember am Ende des Artikels


Zuerst hatte Science Ende Oktober berichtet, dass die 51 Jahre alte Boivin degradiert worden war und nur noch als Forschungsgruppenleiterin am Institut bleiben soll. Grund seien mehrjährige Untersuchungen über das angebliche Führungsverhalten Boivins gewesen. Nature berichtete später, der kanadischen Forscherin werde eine schlechte Behandlung junger Wissenschaftler und die Aneignung wissenschaftlicher Ideen von Kollegen vorgeworfen, weswegen MPG-Präsident Martin Stratmann Boivin am 23. Oktober ihre sofortige Abberufung vom Direktorenposten mitgeteilt habe.

Berichte in Science und Nature : Mehr öffentliche Beachtung in der internationalen Wissenschaftswelt geht nicht.

145 Wissenschaftlerinnen und ihr Offener Brief über ...

Sie sehen die gekürzte Fassung dieses Artikels

Der volle Zugang zu Artikeln, die älter sind als vier Wochen, ist nur für registrierte Unterstützer des Wiarda-Blogs vorgesehen.

Sind Sie bereits ein registrierter Benutzer / Unterstützer?
Hier können Sie sich einloggen.

Nein, ich habe noch kein Benutzer / Unterstützer-Konto:
zur Anmeldung

Kommentare

#1 -

Björn Brembs | Fr., 03.12.2021 - 10:59
Früchte einer fehlgeleiteten Politik.



Was mir bisher in dieser Debatte etwas zu kurz kommt, ist der Umstand, dass in einer wissenschaftlichen Gemeinschaft, in der sozialdarwinistische Bestenauslese (euphemistisch "Meritokratie" genannt) ganz offiziell oberstes Gebot ist, die Definition von Machtmissbrauch verschwimmt: was bei einer Person als in dieser Welt notwendige und hilfreiche Motivation und Anreiz ankommt, gilt bei einer anderen als klarer Machtmissbrauch. Die Kollision einer mit Helikoptereltern erwachsenen gewordenen Generation mit knallharter, neoliberaler Realität könnte dramatischer kaum sein.



Was will deutsche Wissenschaftspolitik denn nun? Dass Chefs ihre Mitarbeiter, hart wie Kruppstahl, zu Höchstleistungen anspornen? Das wird ohne Schmerzen nicht gehen - ...

#2 -

Edith Riedel | Fr., 03.12.2021 - 11:22
Eine Absetzung wegen Führungsfehlverhaltens erfolgt meiner Erfahrung nach nie aufgrund des Führungsfehlverhaltens selbst. Führungsfehlverhalten wird nur dann als Abesetzunggrund genutzt, wenn man die Person aus anderen Gründen loswerden möchte. Es wird toleriert, solange die Person die Leistung bringt oder die (forschungs)politische Agenda bedient, die die Einrichtung haben möchte. Sobald sie das nicht mehr tut, ist eine Absetzung wegen Führungsfehlverhalten eine feine Sache, da sie der Einrichtung die Möglichkeitet bietet, die Person loszuwerden und gleichzeitig "Verantwortungsbewusstsein" zu demonstrieren. Man sollte sich also eher fragen, warum Einrichtungen Frauen in Führungspositionen eher loswerden wollen als Männer in Führungspositionen.

#3 -

Michael | Mo., 06.12.2021 - 13:37
Ich finde es bei dieser Debatte befremdlich, dass sich viele geäußert haben, ohne den konkreten Fall zu kennen und nun daraus ein Gender-Ding machen. Könnte es nicht auch sein, dass es einfach Frauen in wiss. Führungspositionen gibt, die tatsächlich ihre Mitarbeiter schlecht behandeln - aus jahrelanger Erfahrung als Mitarbeiter an Unis weiß ich, dass es Männer und Frauen in Führungspositionen gibt, die so agieren, dass man das auch leicht als Fehlverhalten deklarieren könnte - nur hat man das früher selten so erkannt / bezeichnet. Da muss ich dem Kommentar 1 recht geben - junge Wissenschaftler , die heute an der ...

#4 -

MüderProf | Mo., 06.12.2021 - 15:12
Vielen Dank, sehr geehrter Herr Wiarda, für das Teilen des Briefes aus dem Max-Planck-Doktoranden-Netzwerk. Er wirft einige Fragen auf:



Doktorand:innen berichten zweieinhalbmal häufiger von wahrgenommenen Führungsverletzungen durch weibliche Direktoren als von wahrgenommenen Führungsverletzungen durch männliche Direktoren. Die Gründe für die Nichtmeldung sind 1) dass die Doktorand:innen nicht glauben, dass der Konflikt gelöst wird, oder 2) dass sie Angst vor persönlichen Konsequenzen haben. Haben die Doktorand:innen bei den männlichen Vorgesetzten also 2,5 Mal mehr Angst vor persönlichen Konsequenzen als bei den weiblichen Vorgesetzten?



Die Doktorand:innen kommen zu dem Schluss, dass "1. Konflikte mit weiblichen Führungskräften entweder eher gemeldet werden oder eher ...

#5 -

Noch 'ne Hanna | Di., 07.12.2021 - 08:44
"Da muss ich dem Kommentar 1 recht geben - junge Wissenschaftler , die heute an der Uni sind, wollen exakt so arbeiten, wie es der Tarifvertrag vorsieht, work-life-balance etc. Das ist aber für eine wissenschaftliche Karriere oft nicht ausreichend."



Was vermutlich darauf zurückzuführen ist, dass die jetzigen Professor:innen den Generationenvertrag mit Füßen getreten haben, indem sie zu viele Doktorand:innen als billige Arbeitskräfte verheizt haben. Den jetzigen Doktorand:innen ist schlicht bewusst, dass auch Selbstausbeutung für eine wissenschaftliche Karriere nicht ausreichend ist. Mit dieser Einsicht steigt die Gegenwartspräferenz: Warum Lebenspläne aufschieben, wenn der/die Vorgesetzte das Direktionsrecht doch nur schamlos für eigene Zwecke ...

#6 -

Spurt | Di., 07.12.2021 - 12:55
Der Präsident der MPG Stratmann hat 2019 in einem Interview auf diesem Blog referiert, die MPG hätte eine Umfrage zu Arbeitsbedingungen durchgeführt, von der diejenigen Ergebnisse, die "weniger schön" (Zitat) ausgefallen wären, auf der Ebene der Institute behandeln werden würden. Die MPG hat im Fall der laut FAZ-Interna "weniger schönen" Vorwürfe gegen eine Direktorin diesen von ihr angekündigten Weg beschritten. 2019 betonte der MPG-Präsident, dass selbstverständlich die Direktorinnen und Direktoren, gegen die Vorwürfe bei der MPG eingingen, die wiederum von einer Kommission geprüft würden, von den Vorwürfen Kenntnis erhielten und die Kommission ihnen Gelegenheit böte, Stellung zu nehmen. Wenn man ...

#7 -

Schreck | Di., 07.12.2021 - 01:00
zu #4 "Die Autor:innen des Schreibens gehen nicht darauf ein, dass sie selbst [...] das Führungsverhalten selbst signifikant unterschiedlich bewerten könnten." Darf ich fragen: wenn Senat und Präsidium der MPG aggressives Agieren von Direktorinnen gegenüber Untergebenen mehrfach mit Rauswurf beantwortet haben und es Direktoren mehrfach durchgehen liessen - was wäre dann in Zukunft gerechter, alle rauszuwerfen oder alles durchgehen lassen?

#8 -

MüderProf | Mi., 08.12.2021 - 12:21
Zu #7: Ich zitiere aus dem Brief:

„Etwa 13% der Promovierenden haben Konflikte mit ihren direkten Betreuenden (nur Direktor*innen) erlebt, und zwar sowohl bei weiblichen wie auch bei männlichen Betreuenden. Erstaunlich ist, dass 8,7% der Promovierenden, also knapp zwei Drittel dieser 13% den Konflikt melden, wenn es sich um eine Direktorin handelt, während dies nur auf 3,4% der Promovierenden mit männlichen Betreuenden zutrifft. Die Hauptgründe für den Verzicht der Meldung eines Konfliktes mit einem Betreuenden sind: 1) dass die Promovierenden nicht glauben, dass der Konflikt beigelegt werden würde, oder 2) weil sie Angst vor persönlichen Konsequenzen haben.“

Tatsache ist, dass ...

#9 -

Noch 'ne Hanna | Mi., 08.12.2021 - 14:48
"Und ich möchte noch hinzufügen: warum die Promovierenden bei Frauen in Führungspositionen sich stärker am Loswerden beteiligen als bei Männern in Führungspositionen?"



Inwiefern ist das für die Behebung der Machtmissbrauchs-Problematik in der Wissenschaft relevant? Es gibt zunehmendes Bewusstsein für den unconscious bias, der in solchen Zusammenhängen wirkt: Die "Fallhöhe" ist bei Frauen größer, weil man von ihnen nicht nur neutrales Führungsverhalten, das keinen Schaden anrichtet, sondern aktiv fürsorgliches Verhalten erwartet. In den wenigen Fällen, in denen es zu Konsequenzen wegen Führungsfehlverhalten kam, ging es aber nicht darum, dass die Vorgesetzten nicht aktiv fürsorglich oder neutral nicht-schädigend aufgetreten sind, sondern es ...

#10 -

MüderProf | Mi., 08.12.2021 - 16:53
Für Noch 'ne Hanna #9,



ich kann Ihre Argumente nicht nachvollziehen. Mein Argument ist, dass die Promovierenden weibliche Vorgesetzte unterschiedlich zu männlichen Vorgesetzten behandeln (diskriminieren) und frage danach, ob das nicht auch in Bezug auf die Wahrnehmung von Führungsverhalten Wirksamkeit entfalten könnte. Sie schreiben, es gäbe ein zunehmendes Bewusstsein für den unconscious bias, aber im vorliegenden Fall habe es aktiv schädigendes Verhalten, in Form von Rassismus und Diskriminierung gegeben. Ich frage noch einmal nach: Wie kommt man in einer Situation weiter, in der sich die Diskriminierenden diskriminiert fühlen? Zielführend scheint mir, dass man die Situation im sozialen Kontext analysiert. Zu ...

#11 -

Dr. A Chemseddine | Fr., 17.12.2021 - 11:44
Ich habe den Eindruck, dass Wissenschaftler versuchen, sich auf ein Mann-Frau-Problem zu beschränken. Schauen Sie sich die Vorwürfe im Detail an.
Nature berichtete, dem kanadischen Forscher sei vorgeworfen worden, sich wissenschaftliche Ideen von Kollegen angeeignet zu haben.
Dies ist wissenschaftliches Fehlverhalten, das unabhängig untersucht werden sollte, ob der Chef eine Frau oder ein Mann ist.

Neuen Kommentar hinzufügen

Ihr E-Mail Adresse (wird nicht veröffentlicht, aber für Rückfragen erforderlich)
Ich bin kein Roboter
Geben Sie die Zeichen ein, die im Bild gezeigt werden.
Diese Sicherheitsfrage überprüft, ob Sie ein menschlicher Besucher sind und verhindert automatisches Spamming.

Vorherige Beiträge in dieser Kategorie


  • allgemeines Artikelbild - Der Wiarda Blog

Jetzt sind die Hochschulen dran

Der wissenschaftspolitische Teil des Koalitionsvertrages ist ein Mutmacher, das Versprechen eines wirklichen Aufbruchs. Organisiert werden soll er vor allem über die Hochschulen. Gut so.


  • Bremen duckt sich weg

Bremen duckt sich weg

Wissenschaftliche Experimente mit Primaten? Ein schwieriges, ein komplexes Thema. Deshalb macht es sich der rot-rot-grüne Senat der Hansestadt bei den Bremer Affenversuchen zu einfach. Weniger als ein Makake pro Jahr komme neu in sein Labor, sagt Forscher Andreas Kreiter. EIN SCHMÄCHTIGER AFFE hockt auf grauem Betonboden und sieht dem Betrachter mit weit aufgerissenen Augen direkt ins Gesicht.


  • Artikelbild: Der Weg zu den 3,5 Prozent

Der Weg zu den 3,5 Prozent

Am Mittwoch haben die 22 Arbeitsgruppen ihre Vorschläge für den Ampel-Koalitionsvertrag abgegeben. Jetzt sickern erste Details durch, was auf den Seiten zu Wissenschaft, Forschung und Innovation steht.


Nachfolgende Beiträge in dieser Kategorie


  • Große Wissenschaftsorganisationen protestieren gegen BILD-Berichterstattung

Große Wissenschaftsorganisationen protestieren gegen BILD-Berichterstattung

Einzelne Forschende öffentlich an den Pranger zu stellen, sei "diffamierend", "in keiner Weise akzeptabel" und "gegen die Grundprinzipien unserer Demokratie", heißt es in einer gemeinsamen Erklärung, die es in dieser Form noch nicht gegeben hat.


  • Artikelbild: Was von Merkel bleibt

Was von Merkel bleibt

Die Ära der Wissenschafts- und Krisenkanzlerin endet. So viel sie für die Forschung getan hat: An Deutschlands Modernisierungsrückstand trägt sie eine Mitverantwortung.


  • Artikelbild: Zwischen A und Bernd

Zwischen A und Bernd

Der Regierungswechsel im Bund ist ausgerechnet für einen Unions-Wissenschaftspolitiker eine große Chance: Bayerns Ressortchef Sibler kann sich als neuer GWK-Vorsitzender profilieren.