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Massiv gegensteuern

Der Bildungsforscher Olaf Köller über Lernrückstände nach der Pandemie, Versäumnisse der Kultusminister, das Corona-Nachholprogramm und den gemeinsamen Kampf um die nächste Generation von Bildungsverlierern.

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Artikelbild: Massiv gegensteuern

Olaf Köller ist Geschäftsführender Wissenschaftlicher Direktor des Leibniz-Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik (IPN) in Kiel. Foto (bearbeitet): IPN/Davids/Sven Darmer.

Herr Köller, zwischen zehn und 13 Lernwochen Rückstand haben Deutschlands Schüler in den zwei Corona-Jahren angesammelt, berichten Sie im heute erschienenen " MINT Nachwuchsbarometer" . Der Anteil der leistungsstarken Schüler ist um zehn Prozent geschrumpft, zugleich ist der Anteil der Leistungsschwachen um zehn Prozent gestiegen. Ist das erschreckend viel oder erstaunlich wenig?

Zunächst einmal muss ich einschränken: Die zehn bis 13 Wochen und die Angaben zu den Leistungsstärken beziehen sich auf Grundschüler, auf die 6- bis 11-Jährigen, und auf ihren Wissensstand in Mathematik und Lesen. In den Naturwissenschaften gibt es bislang kaum Erkenntnisse, und in höheren Klassen sind die Rückstände geringer. Vom Umfang her entsprechen die zehn bis 13 Wochen dem, was wir in anderen Ländern als Folge der Corona-Pandemie, aber auch nach anderen Krisen beobachten konnten. Also nach Erdbeben oder anderen Naturkatastrophen, etwa als in Teilen der USA nach dem Hurrikan Katrina wochenlang der Unterricht ausfiel.

Das klingt fast so, als wollten Sie die Rückstände nicht überdramatisieren.

Zumindest ist es nicht so, wie in Teilen der Presse kolportiert wurde, dass in den Phasen des Lockdowns überhaupt nichts gelernt wurde. Die Schülerinnen und Schüler sind vorangekommen in ihrem Lernstoff. Nur eben deutlich langsamer als normalerweise.

Woher wissen Sie das eigentlich genau?

Wir haben für das MINT Nachwuchsbarometer verschiedene Lernstandsmessungen, Studien und Umfragen ausgewertet, national vor allem, aber teilweise auch international. Sie ergeben ein rundes Bild. Auch in den Datenlücken, die wir feststellen mussten.


Das "MINT Nachwuchsbarometer"

Seit 2014 sammelt und kommentiert das "MINT Nachwuchsbarometer" jedes Jahr wichtige Zahlen, Daten und Fakten zum bundesweiten Stand der Bildung in den MINT-Fächern und zeigt langfristige Trends auf. Studienleiter ist Olaf Köller, Geschäftsführender Wissenschaftlicher Direktor des IPN Leibniz-Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften und

Mathematik in Kiel, außerdem Ko-Vorsitzender der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission (SWK) der Kultusministerkonferenz.



Dieses Jahr hat das "MINT Nachwuchsbarometer" als Schwerpunkt die ...

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Kommentare

#1 -

Falk Radisch | Do., 28.04.2022 - 11:36
Insgesamt sind viele bedenkenswerte Aspekte angesprochen und auc gut analysiert. Irritierend sehe ich allerdings den Verweis auf Befunde auf Pakistan und New Orleans. Es ist wohl kaum mit der Corona-Erschütterung vergleichbar, was dort nach einem Erdbeben an Folgen für Bildung und Schule nach dem Krisenereignis eines Erdbenes oder einer Flut entstanden ist. Ganz abgesehen von den üblichen Problemen der Übertragbarkeit von internationalen Befunden in völlig anders aufgestellten Bildungssystemen. Das ist hier im Interview alles andere als wissenschaftlich dargestellt. Der Schluss auf Basis der Befunde ist schlicht falsch.

#2 -

JW | Fr., 29.04.2022 - 17:05
Auch von meiner Seite vielen Dank für die sehr gute Analyse. Vielleicht zwei Punkte aus der Erfahrung:



Den Hochschulen ist die Digitalisierung nicht nur deshalb besser gelungen, weil sie mit Beginn der Pandemie zusätzliche Serverkapazitäten und Softwarelizenzen gekauft haben. Die Hochschulen waren schon vor der Pandemie etwas weiter mit ihren Digitalisierungsbemühungen. Zudem muss mitbedacht werden, dass Studierende eigenverantwortlich(er) lernen können (sollten) als Schüler. Diese für distantes Lernen erforderliche Eigenverantwortlichkeit müssen Schüler erst lernen.



Bezüglich der Curriculaentwicklung für die MINT-Studiengänge ist es nicht ausreichend, die hochschuldidaktischen Zentren zu stärken. Es bedarf auch mehr Einfluss von außen, beispielsweise durch den Akkreditierungsrat. Viele ...

#3 -

David J. Green | Mo., 02.05.2022 - 16:06
Ein recht interessanter Beitrag, Danke.



Abbruchquote: Vermeidung von Abbrüchen in der 2. Bachelor-Hälfte muss Vorrang haben! Häufig sind’s unzureichende Mathe-Kenntnisse. Beste Lösung: Bei Oberstufe Mathe aufwerten, damit Abi die Studierbefähigung und nicht nur -berechtigung liefert.



Letzter Absatz: Weltweit bieten viele Unis ein Foundation Year an. Hätten wir das auch in DE, so wären fehlende Mathe-Kenntnisse gut zu reparieren. Die Länder müssten aber 1) Gelder bereitstellen, und 2) Rahmen schaffen, damit 1J Foundation + 3J BSc + 2J MSc akkreditierungsfähig.



Herzensangelegenheiten der Unipräsidien: Unipräsidien haben Einkünfte und Anerkennung zu maximieren. In DE ist weder das eine noch das andere nur auch ...

#4 -

Dr.Wolfgang Kühnel | So., 02.10.2022 - 17:23
Hochschuldidaktische Zentren sind nichts neues: An der TU Berlin gab es schon um 1970 ein solches Institut, geleitet von dem umtriebigen Prof. Wagemann, einem Ingenieur. Nach seiner Emeritierung wurde es aufgelöst.

Man fragt sich natürlich: woher hat Herr Köller diese Weisheit hinsichtlich der hochschuldidaktischen Zentren? Welche Wirkung haben denn die nun empirisch-nachweislich gehabt? Will man das überhaupt untersuchen? Woher kommt der Glaube daran, dass die Lehrenden die Defizite der Studierenden durch Hochschuldidaktik wettmachen können? Dient das vielleicht der Rechtfertigung davon, dass in den Schulen auf keinen Fall mehr an Mathematik gefordert werden soll als jetzt üblich? Ist das ein "Schwarzer-Peter-Spiel" ...

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