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Zwei Begriffe der Wissenschaftsfreiheit

Die Unterstützer des Netzwerks Wissenschaftsfreiheit wollen sich für einen offenen Diskurs einsetzen und plädieren doch in Teilen für seine Beschränkung. Wie ist das zu erklären? Und was folgt daraus? Ein Gastbeitrag von Karsten Schubert.

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Artikelbild: Zwei Begriffe der Wissenschaftsfreiheit

Karsten Schubert ist Associate Fellow am Lehrbereich Politische Theorie der Humboldt-Universität zu Berlin. Foto: privat.

DAS NETZWERK WISSENSCHAFTSFREIHEIT warnt, dass die Wissenschaftsfreiheit durch Moralisierung und Politisierung bedroht werde . Identitätspolitik und "Cancel Culture" hätten auch in die Wissenschaft Einzug gehalten, führten zum Ausschluss von "kontroversen" wissenschaftlichen Positionen und verhinderten so einen kritischen wissenschaftlichen Austausch.

Grundlage dieser Kritik ist ein Verständnis von Wissenschaftsfreiheit, das in liberaler Tradition steht und eine negative Begriffsdefinition umfasst. Negativ insofern, dass Wissenschaftsfreiheit vom Netzwerk als Abwesenheit politischer Einmischung verstanden wird: Wissenschaft, so die Überzeugung, ist dann frei, wenn sie nicht politisch beeinflusst und normiert wird.

Doch anders als dieser negative Freiheitsbegriff erwarten ließe, geht es im Verständnis des Netzwerks nicht in erster Linie um die Freiheit von staatlichen Eingriffen. Vielmehr ist die Freiheit von der Kritik durch andere wissenschaftliche Ansätze gemeint. Im Fokus des Netzwerks stehen kritische Ansätze, zu deren Geschäft es gehört, Forschung zu kritisieren, die Diskriminierungsstrukturen stützen kann. Diese Kritik versteht das Netzwerk als unwissenschaftliche ...

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Kommentare

#3 -

McFischer | Mi., 03.04.2024 - 14:32
Ebenfalls Danke für diesen sehr klugen, differenzierten Beitrag.

Seit Habermas & Co in den 1960/70ern ist klar, dass es unpolitische Wissenschaft nicht geben kann - insofern ein gutes Plädoyer, die negative Freiheit der Wissenschaft von politischer Beeinflussung immer neu auszuhandeln. (Letztlich ist jede Forschungsförderung - zumindest aus öffentlichen Mitteln - ein politischer Akt, da immer Themen und Fragestellungen präferiert werden.)

Nur bei dem Argument, dass gesellschaftlich benachteiligte Positionen ein genuines Vorrecht haben, sich gegen "durch den wiss. Fortschritt überholte Ansätze" durchzusetzen, kann ich nicht ganz mitgehen. Das ist zu mechanistisch, als Abfolge von neuen, besseren wissenschaftlichen Erkenntnissen die alte, schlechtere ...

#4 -

McFischer | Mi., 03.04.2024 - 14:38
Und noch ein Nachsatz: Die Twitter/X-Posts von Frau Schröter sind mittlerweile abstrus rechtspopulistisch-aktivistisch geworden, lassen jede wissenschaftliche Nuancierung und Reflexion vermissen. Ein schon fast tragisches Abdriften aus dem wissenschaftlichen Diskurs hinaus.

#5 -

Laubeiter | Mi., 03.04.2024 - 21:41
Mir gefällt, dass dieser Beitrag so genau argumentiert, vielen Dank. Ich möchte zu einem Argument nachfragen, und zwar" Der Protest solcher Menschen für die Änderung der Strukturen wird sogar als Freiheitseinschränkung empfunden; als ein von "politischer Korrektheit" und "Cancel Culture" getriebener Eingriff. Tatsächlich können die mit diesen Schlagworten kritisierten Phänomene aber zu einer Verbesserung der Wissenschaftsfreiheit führen, weil sie dabei helfen, die Wissenschaft zu diversifizieren." Wenn einem Prof. Protest begegnet, der erst eine Partei gründet, die das GG kippen möchte, und dann aus der von ihm gegründeten Partei austritt und an der Uni wieder Vorlesungen abhalten will, so soll der ...

#6 -

Contrarian | Do., 04.04.2024 - 08:53
Dieser Beitrag wirkt wie aus der Zeit gefallen. Über 80% der Professoren der Harvard University identifizieren sch selbst (!) als links bzw. linksliberal. Nur gut 1% als konservativ (Quelle: The Harvard Crimson). Diese Schlagseite wirkt sich selbstverständlich auf Dissertationen und Berufungen aus: Wer Forschungsschwerpunkte verfolgt wie Herr Schubert, schwimmt im universitären Mainstream. Wer mit einem konservativen Thema promoviert werden möchte, wird mindestens scheel angesehen.

#7 -

Norbert | Do., 04.04.2024 - 16:32
In den ersten Absätzen argumentiert der Autor, dass das Netzwerk für Wissenschaftsfreiheit eigentlich nur möchte, dass die eigene (konservativere) Vorstellung von Wissenschaft nicht angegriffen wird. Ich bin mir nicht sicher, ob das Netzwerk das tatsächlich meint. Mir scheint eher, dass das mittlerweile eine klassische Verteidigung gegen Personen ist, die mit Cancel Culture argumentieren: "Wer Cancel Culture sagt, hat eigentlich nur Angst kritisiert zu werden. Und es gibt kein Recht, nicht kritisiert zu werden." Es ist in meinen Augen allerdings ein großer Unterschied, ob man kritisiert wird oder ob man nicht mehr zu einer Veranstaltung eingeladen wird, auf der man seine ...

#8 -

Josef König | Fr., 05.04.2024 - 13:34
#7 ist m.E. zuzustimmen.

Was beim Beitrag von Karsten Schubert auffällt, ist zweierlei:

1) dass er den rein negativen Begriff der Wissenschaftsfreiheit zurückweist, obwohl gerade und nur dieser von GG 5 gedeckt wird (man sollte nicht vergessen, dass für diese Freiheit vor staatlicher Bevormundung jahrhundertelang gekämpft worden ist), und



2) dass er zwar von einem "kritischen Wissenschaftsfreiheitsbegriff" spricht und diesen für sich positiv reklamiert, dieser aber völlig diffus bleibt und an seinen Ränder ausfranst.

Damit sind zwei Eindrücke bei mir entstanden,

a) dass der Autor mit seinem Begriff des "kritischen" W-Begriff die Kritik aus dem Lager der Verfechter des negativen ...

#9 -

McFischer | Fr., 05.04.2024 - 15:29
@#8:

Zu ihrer Feststellung "Das Wissenschaftssystem hat in den letzten Jahrzehnten in der Öffentlichkeit zu viel Kapital und Glaubwürdigkeit verloren, weil genau diese Vermischung von Wissenschaft und Aktivismus stattgefunden hat und weiter stattfindet." möchte ich widersprechen.

(a) Das Wissenschaftssystem hat meines Erachtens überhaupt nicht an Glaubwürdigkeit allgemein verloren. Gerade die Covid-Pandemie hat die Reputation gerade von Grundlagenforschung (biomedizinisch etc., aber auch begleitender Erkenntnisse aus den Bildungswissenschaften, Soziologie etc.) maßgeblich erhöht. Über 60 Mio Menschen in D haben sich bis April 2023 mind. einmal impfen lassen - die Verzerrung der öffentlichen Wahrnehmung basiert aber auf den lauten und politisch gestützten Impfkritikern.

#10 -

#IchBinTina | So., 07.04.2024 - 19:30
@Josef König (#8): "... dass er den rein negativen Begriff der Wissenschaftsfreiheit zurückweist, obwohl gerade und nur dieser von GG 5 gedeckt wird (man sollte nicht vergessen, dass für diese Freiheit vor staatlicher Bevormundung jahrhundertelang gekämpft worden ist)".



Exakt: Nur die Freiheit vor staatlichem Eingriff ist vom GG gedeckt - das ist allerdings nicht das, was das Netzwerk fordert, sondern es fordert staatlichen Eingriff in die Freiheit der Kritisierenden.



Anhand von Beispielen: Die "cause célèbre" des NW ist die Vorlesung von Bernd Lucke an der Universität Hamburg nach seiner Rückkehr auf die Professur. In diesem Fall war schon vorher bekannt, ...

#11 -

Josef König | Mo., 08.04.2024 - 22:29
#9

zu a) dass sich 60 Mio. Menschen gegen Covid 19 haben impfen lassen, kann doch nicht als Argument für das Vertrauen in die Wissenschaft angeführt werden. Vergessen Sie bitte nicht, wie viel Angst im Spiel war, die sowohl von Wissenschaftlern (insb. Virologen), Politikern und Medien verbreitet wurden und welcher Druck dabei erzeugt worden ist. Und wie wenig Vertrauen selbst die Politik in die Wissenschaft zeigte, erweist die Tatsache, dass eine RCT Untersuchung über das Tragen von Masken bei Kindern unterblieben ist, obwohl positive Gutachten und Finanzierung vorhanden waren. (Von so genannten "Querdenkern" spreche ich nicht in dem Zusammenhang). Immerhin ...

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