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Reform auf halber Strecke

Der Wissenschaftsrat fordert eine Neugestaltung der Personalstrukturen in der Wissenschaft – liefert aber vor allem vage Kategorien, alte Konzepte und wenig Mut zur klaren Linie. Ein Gastbeitrag von Mathias Kuhnt und Tilman Reitz.
Vier Buerotueren mit Schildern „S1“, „S2“, „S3“, „S4“ – nur bei „S4“ ein goldener Tuergriff, die anderen abgesperrt oder mit Stolperfallen davor.

Bild: KI-generiert.

ZUNEHMEND BESTEHT EINIGKEIT darüber, dass die Beschäftigungsverhältnisse in der deutschen Wissenschaft stark reformbedürftig sind. Nun empfiehlt auch der Wissenschaftsrat, das wichtigste Beratungsgremium des Bundes und der Länder, nicht weniger als eine Neugestaltung wissenschaftlicher Personalstrukturen. Mit erfreulicher Deutlichkeit unterstreicht er in seinem am 15. Juli 2025 erschienenen Positionspapier Anliegen, die er in ähnlicher Form bereits früher vertreten hatte – namentlich in einem Papier von 2014 , das allerdings ohne nennenswerte Wirkung blieb.

Besonders weitreichend wäre die Konsequenz aus der Einsicht, dass wissenschaftlich Beschäftigte, wenn sie überwiegend Daueraufgaben erfüllen, auch unbefristet beschäftigt sein sollten. Dies gilt bereits für Promovierende, deren Stellen in erster Linie der Qualifikation dienen müssten, statt wie gegenwärtig maßgeblich zur Aufrechterhaltung des Verwaltungs-, Lehr- und Forschungsbetriebs beizutragen. Der Wissenschaftsrat stellt dies klar heraus; ergänzend hätte er auf die niedrigen Promotionsabschlussquoten hinweisen können, die auch durch die Überlastung Promovierender mit anderen Aufgaben bedingt sind.

Spätestens zwei bis drei Jahre nach der Promotion soll – wie Insa Großkraumbach und Wolfgang Wick im Wiarda-Blog noch einmal betont haben – die Entscheidung über einen Verbleib in ...

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Kommentare

#1 -

Inside Uni | Di., 29.07.2025 - 14:48

Der Artikel macht ja gerade im Einstieg einige starke, aber leider unbelegte Aussagen:

"Dies gilt bereits für Promovierende, deren Stellen in erster Linie der Qualifikation dienen müssten, statt wie gegenwärtig maßgeblich zur Aufrechterhaltung des Verwaltungs-, Lehr- und Forschungsbetriebs beizutragen. Der Wissenschaftsrat stellt dies klar heraus; ergänzend hätte er auf die niedrigen Promotionsabschlussquoten hinweisen können, die auch durch die Überlastung Promovierender mit anderen Aufgaben bedingt sind."

Woher wissen die Autoren das? Laut Brandt/Franz (2020) gibt es keine quantitativen Daten zu den Gründen von Promotionsabbrüchen

https://www.hof.uni-halle.de/journal/texte/20_1/Brandt_Franz.pdf

Die Zahl der Abbrüche wird darin auf ca. 16% geschätzt. Ist das eine geringe Abschlussquote? Ich ...

#1.1 -

Literaturwisse… | Mi., 30.07.2025 - 00:59

Antwort auf von Inside Uni (nicht überprüft)

Im Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs von 2017 (S. 155-156) werden Studien zitiert, die Abbruchquoten von 33-43% erheben.

#1.1.1 -

Inside Uni | Mi., 30.07.2025 - 12:07

Antwort auf von Literaturwisse… (nicht überprüft)

 

Interessante Quelle, Danke. Die 33% werden geschätzt aus einer Umfrage unter Absolventinnen des Jahres 2001 - nicht ganz taufrisch. Die 43% sind neuer (2014), aber werden geschätzt, ohne Kohorten zu beachten (Quaotient begonnene versus abgeschlossene Promotionen), was ich für sinnlos halte, da die Zahl Promovierender stark schwankt bzw. lange stark gestiegen ist.

Es gibt auch eine Neuauflage zum Bericht aus dem Jahr 2025:

https://www.bmftr.bund.de/SharedDocs/Downloads/DE/2025/2025_buwik.pdf?__blob=publicationFile&v=1

Dort steht: "Verlässliche, verallgemeinerbare Informationen zu Erfolgs- beziehungsweise Abbruchquoten von Promotionen liegen weiterhin nicht vor." 

Man weiss also nicht, wie viele Promovierende abbrechen. Noch weniger, warum. Heisst nicht, dass es da nicht ein Problem geben ...

#1.1.1.1 -

Tilman Reitz | Mi., 30.07.2025 - 17:22

Antwort auf von Inside Uni (nicht überprüft)

Sorry, etwas verspätet noch einmal zur Detailfrage bezüglich der abgeschlossenen und abgebrochenen Dissertationen (auch wenn inzwischen bereits sehr viel Spannendes zu den Kernpunkten unseres Kommentars gepostet wurde):

Das ist eine berechtigte Frage; wir hätten unsere These hier als begründete Vermutung ausweisen müssen. Allerdings legen die uns bekannten Daten wirklich Anderes nahe, als es der zitierte Artikel (mit Verweis auf z.T. ältere Studien, die das DZHW-Absolventenpanel nutzen) annimmt. Die Zahl der abgeschlossenen Dissertationen stagniert seit Ende der 1990er Jahre annähernd, während sich die Zahl der Qualifikationsstellen seit dieser Zeit mehr als verdoppelt hat (so die Zahlen des statistischen Bundesamts, die Freya ...

#1.1.1.1.1 -

Inside Uni | Mi., 30.07.2025 - 19:59

Antwort auf von Tilman Reitz (nicht überprüft)



Ja nun. Ich freue mich sehr, dass wir beginnen, Daten auszutauschen und nicht Vermutungen und Stimmungen. Ich finde diese Fragen nämlich wirklich wichtig.

Zum Abbruch bleibt es also vollkommen unklar - Studien ergeben 16%, 33%, 43%. Mit unterschiedlichen Methoden, zu unterschiedlichen Zeiten. Keine der Umfragen scheint repräsentativ zu sein. Die DFG schätzte in 2021 die Erfolgsquote in Graduiertenkollegs übrigens auf 79%

https://www.dfg.de/de/aktuelles/zahlen-fakten/evaluation-studien-monitoring/studien/bericht-promotionen

Das ist eine *vollständige* Datenbasis, aber (a) auch nur eine Schätzung (übereine überlange Promotionsdauer) und (b) eben nur für Promotionen in Graduiertenkollegs.

Zu Abbruchgründen ist die Datenlage noch dünner. Man liest zwar ständig irgendwo, wie grauenhaft promovieren ist ...

#1.1.1.1.2 -

Kaktus | Fr., 01.08.2025 - 00:54

Antwort auf von Tilman Reitz (nicht überprüft)

"Eine Evaluation des Rahmenkodex in Sachsen durch das dortige Ministerium hat zudem gezeigt, dass fast 70% der Befragten nicht dazu kommen, das dafür mindestens vorgesehene Drittel ihrer Arbeitszeit für die Promotion zu verwenden."
Stimmt das wirklich? 

Das wäre dann eine Katastrophe. Werden diese Promovierenden zu günstigen Hilfstätigkeiten für ihre Professoren herangezogen? 

#2 -

Edith Ridel | Di., 29.07.2025 - 21:43

"Die Einbeziehung der wissenschaftsnahen Stellen sorgt zudem eher für Verwirrung als für Klarheit, da hier dauerhafte Beschäftigung ohnehin oft mit dem Verzicht auf eine wissenschaftliche Laufbahn erkauft ist – und die eigentlichen Probleme sich bei den befristeten wissenschaftlichen Stellen konzentrieren."

Als Wissenschaftsmanagerin bin ich sehr überrascht, wie viel Abwertung die wissenschaftsnahen Stellen hier erfahren. Der Fokus auf wissenschaftsnahe Tätigkeiten und die Entscheidung gegen eine wissenschaftliche Laufbahn erfolgt meiner Erfahrung nach sehr bewusst - ein Framing als "Verzicht" mit dem eine dauerhafte Beschäftigung "erkauft" wird ist aus meiner Sicht weder korrekt noch der Professionalität der Menschen angemessen, die wissenschaftsnahe Tätigkeiten ausführen, und ...

#2.1 -

Kaktus | Fr., 01.08.2025 - 00:52

Antwort auf von Edith Ridel (nicht überprüft)

"Im größeren Bild ist die Befristungsthematik für alle Beschäftigungsgruppen an deutschen Hochschulen gleich relevant, ganz egal, ob sie nun wissenschaftlich, wissenschaftsnah, oder in Verwaltung und Technik arbeiten"



Das sehe ich anders. Erst das WissZeitVG ermöglicht die Befristung von Wissenschaftlern über einen Zeitraum von 12 Jahren. Kein Techniker, Kein Verwaltungsmitarbeiter wird solange befristet hingehalten. Hier regelt das TzBfG die Situation. Entweder tauscht man Techniker und Verwaltung alle 2-3 Jahre aus oder man verstetigt die Stellen. 

Es finden sich wenig gute Techniker, die das mit sich machen lassen. 

#3 -

Wolfgang Kühnel | Di., 29.07.2025 - 22:29

Ist eigentlich jemals das gemacht worden, was der Wissenschaftsrat empfohlen hat?

#4 -

Michael Liebendörfer | Di., 29.07.2025 - 23:29

Das WR-Papier und die Kritik in diesem Beitrag ignorieren m.E. weitgehend die individuellen Handlungslogiken und daraus resultierende Dynamiken auf dem wissenschaftlichen Arbeitsmarkt. Der scheinbare Missbrauch der Beschäftigungsregeln stellt sich z.B. in vielen Einzelfällen als gemeinsame Aktion von Prof und WiMi dar, damit die arme Hanna nicht arbeitslos wird bzw. gehen muss. Da ist kein böser Wille im Spiel.

Treffend ist daher die Kritik an den vielen Drittmitteln und daraus resultierenden Befristungen. Hier macht das System Fehler, insbesondere, wenn die Landesmittel auch überwiegend befristet eingesetzt werden. 

Ein weniger utopischer, realistischer Blick wäre gut, der konkrete Vorschläge für Regeln angesichts ihrer realistisch ...

#4.1 -

Kaktus | Mi., 30.07.2025 - 10:29

Antwort auf von Michael Liebendörfer (nicht überprüft)

"Der scheinbare Missbrauch der Beschäftigungsregeln stellt sich z.B. in vielen Einzelfällen als gemeinsame Aktion von Prof und WiMi dar, damit die arme Hanna nicht arbeitslos wird bzw. gehen muss. Da ist kein böser Wille im Spiel."



Das kann man natürlich so verkaufen. Aber es stimmt nicht. Wenn Prof und WiMi wollen, dass die arme Hanna bleibt, dann muss eine Dauerstelle her. Wer das nicht kann, hält Hanna eine Karotte hin. Es hat nichts mehr damit zu tun, dass Hanna nicht gut genug ist, sondern, dass es zu wenige Stellen gibt. 

Auch Professoren sind an ihrem Prestige interessiert und definieren sich ...

#4.1.1 -

David J. Green | Mi., 30.07.2025 - 23:06

Antwort auf von Kaktus (nicht überprüft)

Lieber Herr Wiarda,

Es ist vielleicht Geschmacksache, aber in meinen Augen überschreitet diese Replik an einem Klarnamen-Kommentar doch knapp die Grenze dessen, was ich gerne in Ihrem Blog lesen möchte (“Sie leiden offenbar an Survivalship-Bias”, “Als Prof sollten Sie ehrlicher hier sein”, “Ihre Aussagen sind weiterhin verachtend gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund, #firstgen”).

Zumal: Es ist wirklich so, dass 1) nicht alle Profs im Alleingang Entfristungen durchsetzen können, und 2) im aktuellen System jene Hannas einen gewissen Vorteil haben, die deren Köpfe länger über Wasser halten können als die anderen: was übrigens ein Grund ist, warum das aktuelle System jene ohne ...

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1 Jahr 5 Monate

#4.1.1.1 -

jmwiarda Do., 31.07.2025 - 08:27

Antwort auf von David J. Green (nicht überprüft)

Lieber Herr Green,

vielen Dank für das Feedback! Es ist immer ein Balanceakt zwischen dem Ermöglichen einer offenen und kritischen Debatte und persönlichen Angriffen, die nicht sein sollen. Offenbar ist mir hier etwas durchgerutscht, wo ich genauer hätte hinschauen sollen. Mir ist ein fairer und wertschätzender Ton im Blog, wie Sie wissen, sehr wichtig. Gleichzeitig bemühe ich mich immer, berechtigte Kritik an meiner Arbeit anzunehmen. Besagte Replik ist an verschiedenen Stellen nicht akzeptabel. Deshalb kürze ich den Text um alle problematischen Stellen und bitte um Entschuldigung. Gern kann der Kommentar in einer weniger persönlich angreifenden Form neu veröffentlicht werden. Und ...

#4.2 -

Kaktus | Fr., 01.08.2025 - 01:21

Antwort auf von Michael Liebendörfer (nicht überprüft)

M. Liebendörfer schreibt": "Man könnte Qualifikationsstellen, vielleicht sogar Projektstellen ohne eigene Leitungsfunktion, nicht durch das akademische Alter sondern (auch) durch das Lebensalter begrenzen"

Auch hier verkennt der Autor wieder die Folgen, die schlechte sozio-ökonomische Hintergründe haben können. Was ist, wenn man zunächst kein Abitur macht, aber eine Ausbildung? Dann entscheidet man sich zu studieren, dann arbeitet man. Erst dann macht man seinen Doktor. Soll dieser Person aufgrund eines willkürlichen Alters der weitere Weg verbaut werden?

Oder der Student hat Care- Verpflichtungen und kann erst später mit dem Doktor anfangen. Karrieren sind vielfältig. 



All diese Wege werden vom Autor ignoriert. Es ...

#5 -

Wolfgang Kühnel | Fr., 01.08.2025 - 09:17

"Aber genau aufgrund solcher Aussagen fehlt es deswegen an Diversität in der deutschen Wissenschaft."

Was üblicherweise heute unter "Diversität" verstanden wird, das hat bislang keinen nachweislich positiven Effekt auf Forschung und Lehre. Hinsichtlich der genannten Altersstruktur ist eigentlich genug Diversität vorhanden. Ich weiß von wissenschaftlichen Mitarbeitern auf befristeten Stellen auch jenseits des 50. Geburtstags und/oder mit sehr unterschiedlichen Biografien. Allerdings würde ich Herrn Liebendörfer auch widersprechen hinsichtlich der Empfehlung, die Altersgrenzen der Verbeamtung zugrunde zu legen. Die sind eher ein Ärgernis. Bei uns sollte mal jemand mit Habilitation zum Akad. Rat auf Dauer ernannt werden, und zwar für Lehraufgaben. Dann ...

#5.1 -

Michael Liebendörfer | Mo., 04.08.2025 - 09:02

Antwort auf von Wolfgang Kühnel (nicht überprüft)

... natürlich kenne ich den bürokratischen Unsinn und die Wirren des Beamtenrechts. Gegenüber des sehr schwammigen Qualifikationsbegriffs im WissZeitVG wäre eine Grenze durch biologisches Alter m.E. aber deutlich klarer. Sonderregelungen z.B. für Care-Arbeit (wie Kaktus sie eingefordert hat) existieren im Beamtenrecht und über diesen Teil habe ich bisher kaum Kritik gehört. 

Dass man, wie die Beispiele zeigen, auch mit gut gemeinten Regeln viel Unsinn erreichen kann, ist aber leider oft so. Man sollte die Sachen vorher gut überlegen. Von daher: Dankeschön für Ihre Einschätzung!

#5.2 -

Kaktus | Di., 05.08.2025 - 20:31

Antwort auf von Wolfgang Kühnel (nicht überprüft)

“Was üblicherweise heute unter "Diversität" verstanden wird, das hat bislang keinen nachweislich positiven Effekt auf Forschung und Lehre. Hinsichtlich der genannten Altersstruktur ist eigentlich genug Diversität vorhanden.”



Das ist aber eine sehr steile These. Gut, wenn man das nur auf die Altersverteilung reduzieren möchte, kann ich das nachvollziehen.

Allerdings: Solange man nicht annähernd 50% Frauen in einigen Fächern, gerne auch umgekehrt Männer, findet, kann von Diversität keine Rede sein. Hinzu kommen LGBTQIA+, Migrationshintergrund usw.

Davon sehe ich absolut nichts in meinem Bereich. Es sind in der Mehrheit, wenig überraschend, weiße Maenner.

Es gibt aus England Studien, wonach Frauen bei Zitierung ...

#5.2.1 -

Wolfgang Kühnel | Fr., 08.08.2025 - 11:47

Antwort auf von Kaktus (nicht überprüft)

"Hinzu kommen LGBTQIA+, Migrationshintergrund usw. Davon sehe ich absolut nichts in meinem Bereich. Es sind in der Mehrheit, wenig überraschend, weiße Maenner."

Aber wo ist der NACHWEIS, dass schwarze Frauen das besser könnten oder dass die sexuelle Orientierung irgendetwas zur Qualität von Forschung und Lehre an Universitäten beiträgt? Ich sehe nur einen pauschalen Glauben an den Segen einer Gleichverteilung nach allen möglichen (fachfremden) Kriterien, angefacht von Lobbyisten aller Art,  die gern Quoten einführen würden. Soll man etwa Statistiken über schwule bzw. lesbische Wissenschaftler/innen veröffentlichen und durch spezielle Ausschreibungen verändern? Jedenfalls sind die Werdegänge und auch die Nationalitäten der führenden Wissenschaftler ...

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