Direkt zum Inhalt

"Wir haben keine Bodenschätze, aber wir haben Kinder"

Bernd Siggelkow hat die Arche gegründet. Jetzt will er für die CDU ins Berliner Abgeordnetenhaus. Ein Podcast über den jahrzehntelangen Kampf gegen Kinderarmut, über Schulen, die sich am Kind orientieren müssten – und über den Versuch, Politik von innen zu verändern.
Collage aus dem Cover des Podcasts

Foto Bernd Siggelkow: Die Arche.

SEINE Kindheit, erzählt Bernd Siggelkow, war "Existenzkampf": Der Vater wollte keine Kinder, die Mutter verließ die Familie, als Siggelkow sechs war, die Großmutter war schwer krank, zu Hause gab es Gewalt und emotionale Kälte. Dann stellte ihm ein Jugendpastor eine Frage, die sein Leben veränderte: "Weißt du eigentlich, dass es jemanden gibt, der dich liebt?"

Aus dem Jungen von St. Pauli wurde ein Pastor, aus dem Pastor ein Kämpfer gegen Kinderarmut. Anfang der Neunziger Jahre kam Bernd Siggelkow nach Berlin. In Hellersdorf, damals, wie er sagt, dem kinderreichsten Bezirk Europas, gründete er 1995 die Arche. Angefangen habe alles mit 20 Kindern in seinem Wohnzimmer, sagt Siggelkow in einer neuen Folge von "Wiarda wundert sich".

31 Jahre später umfasst die Arche 37 Einrichtungen in Deutschland, dazu Standorte im Ausland, 400 Angestellte – und jeden Tag 11.000 Kinder. Gewollt habe er diese Expansion nie, sagt der inzwischen 62-Jährige. Im Gegenteil: "Ich möchte die Arche lieber schließen." Denn dass sie immer weiter wachse, sei kein Grund zur Freude, sondern ein Warnsignal: "Der Erfolg der Arche ist der Misserfolg der Gesellschaft und der Politik."

Im Gespräch mit Jan-Martin Wiarda erzählt Bernd Siggelkow von Kindern, die nach der Schule in die Arche kommen, ihren Lieblingsmitarbeiter umarmen, essen, Hausaufgaben machen, spielen, reden, Ferien erleben. Von Hausbesuchen, Elternarbeit, Krisen, Todesfällen, von jungen Erwachsenen, die als Kinder in die Arche kamen und heute ihre eigenen Kinder dorthin bringen. Das Wort "Betreuung" sei bei ihm verboten. Die Arche wolle nicht betreuen, sondern "langfristig in das Leben der Kinder investieren".

Das Motto, das die Arbeit der Arche in diesem Jahr begleitet, lautet: "Bildung durch Beziehungen." Für Siggelkow geht es immer auch um Bildung. Aber nicht zuerst um Basiskompetenzen, Vergleichsarbeiten, Digitalisierung oder Ganztag, sondern um Essen, Vertrauen, Verlässlichkeit und Beziehung. Bildungsarmut beginnt für Siggelkow dort, wo Bildung vom Einkommen der Eltern und vom Förderverein der Schule abhängt. "Wir waren ja mal das Land der Dichter und Denker und wir verdummen immer mehr", sagt Siggelkow. Ein Satz, der typisch ist für ihn: direkt und drastisch, ohne Angst vor Zuspitzungen.

Wenn man Siggelkow fragt, wie Schule sein müsste, dann sagt er nicht nur: irgendwie anders, sondern bringt ein Beispiel nach dem anderen. Kinder, die mit abstrakten Aufgaben nichts anfangen können, aber sofort rechnen, wenn es um neun Euro und drei Freunde geht. Social Media als Lebenswelt. Skandinavien als Vorbild. Und Kinder, die in Deutschlands Schulen "wie Könige" behandelt werden sollten. "Wir haben keine Bodenschätze in Deutschland, aber wir haben Kinder", sagt er. "Und dann lasst uns doch verdammt nochmal in diese Kinder so investieren", dass sie Zukunft haben.

Wie passt es, dass einer wie Siggelkow jetzt ausgerechnet für die CDU ins Berliner Abgeordnetenhaus einziehen will? Alles, was er sage, sei werteorientiert und müsse in jede Partei passen, antwortet er. Ob die CDU "die sozialste Partei" sei, stellt Siggelkow selbst in Frage. "Aber heute bin ich das soziale Gewissen in der CDU." Er habe 31 Jahre lang "Klartext" geredet und werde sich nicht den Mund verbieten lassen. Eher im Gegenteil: Siggelkow sagt, er werde auch in der eigenen Partei "ein sehr unbequemer" sein. In der Politik fehlten Menschen "aus der Praxis, aus der Basis"; es brauche eine "Politik 2.0", in der Politiker nicht "Staatsoberhaupt", sondern "Staatsdiener" seien – und wieder lernten, dem Volk "aufs Maul" zu schauen.

Ein Podcast über Kinderarmut, Bildungsarmut und Beziehung – und über einen, dem das Mahnen nicht mehr reicht. JMW



Alternativ auch zum Herunterladen: 

Neuen Kommentar hinzufügen

Ihr E-Mail Adresse (wird nicht veröffentlicht, aber für Rückfragen erforderlich)
Ich bin kein Roboter
Geben Sie die Zeichen ein, die im Bild gezeigt werden.
Diese Sicherheitsfrage überprüft, ob Sie ein menschlicher Besucher sind und verhindert automatisches Spamming.