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Universitäten sind Trainingslager für die Demokratie

Dieter Lenzen will Hochschulleitungen künftig von den Wissenschaftsministerien einsetzen lassen. Doch die Antwort auf dysfunktionale Verfahren kann nicht weniger Mitbestimmung sein. Eine Replik von Angelika Epple. 
Portraitfoto Angelika Epple.

Angelika Epple ist Geschichtswissenschaftlerin und seit Oktober 2023 Rektorin der Universität Bielefeld. Foto: Universität Bielefeld.

DIETER LENZEN ist bekannt für klare Worte. "Abgemeiert, übermüdet, unterbezahlt" steht über seinem jüngsten Beitrag, in dem er gescheiterte Besetzungen von Hochschulleitungen als Aufhänger nimmt, um über die Wahl von Rektoren und Präsidentinnen zu räsonieren. Das jüngste Scheitern in Erfurt zeige, schrieb er vor drei Wochen in der FAZ, wie reformbedürftig das Verfahren sei. Sein Plädoyer: Die Wahl solle durch eine Einsetzung der Hochschulleitung durch die Wissenschaftsministerien ersetzt werden – bei der Bundeswehr oder anderen staatlichen Einrichtungen sei das nicht anders. Auch in Unternehmen bestimmten nicht die Arbeitnehmer oder gar die Kundinnen über die Besetzung der Chefetage. Überhaupt, so Lenzen, seien die Demokratisierungsbemühungen der 1970er Jahre nur ein "Quietiv" gewesen, um politische Turbulenzen zu beruhigen. Lenzens Beitrag bedarf in mehrfacher Hinsicht der Gegenrede. An der Oberfläche sind seine Ausführungen irreführend, in der Tiefe steuern sie das falsche Ziel an.

Zunächst zur Oberfläche. Eine erfolgreiche Wahl bringt immer auch Verlierer hervor – ein üblicher demokratischer Vorgang. Ein Scheitern des Berufungsverfahrens oder gar die Beschädigung der Person kommen vor, liegen jedoch fast nie in einer verlorenen Wahl begründet. Im Gegenteil: Meist folgen sie nach einer erfolgreichen Wahl, etwa in Form gescheiterter Gehaltsverhandlungen oder einer drohenden Konkurrentenklage. 

Diese Fragilität ist besonders für die betroffenen Kandidaten eine Zumutung, aber auch für alle anderen Akteure, die sich in dem aufwändigen Verfahren engagiert haben. Einem Plädoyer für eine Verbesserung des Verfahrens nach der Wahl könnte man insofern zustimmen. Lenzens Schlussfolgerung jedoch, das Wahlverfahren müsse grundsätzlich aufgegeben werden, läuft in die Irre. Sie verkennt, wie wertvoll und schützenswert die demokratisch legitimierte Steuerung von Universitäten ist, und steuert in der Tiefe deren Beseitigung an. Nicht zufällig wünschen sich autoritäre Regierende eben diesen von Lenzen favorisierten Durchgriff auf das höchste Wahlamt der Universität. 

Universitäten sind weder Unternehmen noch die Bundeswehr

Die demokratische Verfasstheit deutscher Universitäten ist komplex, keine Frage. Das wird auch bei der Wahl der Hochschulleitungen deutlich: Über Senat und Hochschulrat sind nicht nur alle Statusgruppen der Universität, sondern auch externe Mitglieder an der Wahl von Hochschulleitungen beteiligt. Ein partizipatives Verfahren, das konfliktanfällig ist, da die Interessen der Statusgruppen sehr unterschiedlich sein können. In den meisten Fällen einigen sich Senat und Hochschulrat jedoch. Und im Anschluss erfährt die gewählte Person von der geäußerten Kritik und formulierten Erwartungen, sie kann darauf reagieren und zugleich sicher sein, dass ihr Programm, ihre Vorhaben zum derzeitigen Zeitpunkt von der Mehrheit der Mitglieder der Universität mitgetragen werden. Kurzum: Universitätsrektoren sind keine Generäle und Universitätspräsidentinnen keine Unternehmerinnen und das ist gut so. 

Gerade an dem Unterschied zur Bundeswehr oder zu einem Unternehmen lässt sich festmachen, warum Lenzens Ausführungen nicht nur irreführend sind, sondern das falsche Ziel ansteuern. Seit gut 20 Jahren bestimmt der globale Wettbewerb, angefeuert von weltweiten Rankings, das Wissenschaftssystem auf eine neue Art und Weise. Deutschland (und andere Staaten ebenso) reagierten mit unterschiedlichen Ausformungen einer Exzellenzstrategie. Dies verschärfte den nationalen Wettbewerb. Ziel der Exzellenzinitiative und ihrer Nachfolgerinnen war die Hierarchisierung von Universitäten. Die Hochschulleitung muss nun dafür sorgen, dass ihre Universität im Wettbewerb erfolgreich ist.

Man könnte mit Blick etwa auf China zunächst entgegenhalten, dass es gerade nicht demokratischer Strukturen bedarf, damit Universitären im nationalen und globalen Wettbewerb erfolgreich sind. Denn tatsächlich – und dies spielt Lenzen in die Karten – gelingt es chinesischen Universitäten, deren Leitungen sicherlich nicht durch freie Wahlen bestimmt werden, hervorragend in dem globalen Wettbewerb zu reüssieren. Und ja: Universitäre Gremien, wie sie unsere Universitäten prägen, sind häufig noch nicht angemessen auf diese neue Aufgabe eingestellt. Wer sein Leben an verschiedenen Universitäten im In- und Ausland verbracht hat, kennt unzählige dysfunktionale Gremien und Kommissionen, unkluge Entscheidungen, bewusst provozierte Verzögerungen, unnötige Umwege, Mikro- und Makroaggressionen, Machtspiele und Misserfolge. Deshalb wird Dieter Lenzens Vorschlag auch auf positive Resonanz stoßen. Richtig wird er dadurch nicht. 

Das Ziel ist mehr Verantwortungsbewusstsein

Die Dysfunktionalität entsteht in Universitäten nicht durch zu viel Demokratie, sondern durch die Trennung von Entscheidungen und dem Einstehen für deren Folgen. Sie nimmt  in dem Maße zu, in dem die Verantwortung und die damit verbundenen Konsequenzen den universitären Gremien und Kommissionen nicht zugemutet werden. Ebenso nimmt die Dysfunktionalität zu, wenn sich universitäre Statusgruppen ausschließlich als Lobbygruppen verstehen. 

Das notwendige Verantwortungsbewusstsein aller Mitglieder für das Ganze mag in streng hierarchisch geführten Organisationen, wie zum Beispiel einer Armee, ebenfalls vorhanden sein, jedoch aus einer anderen, einer einzigen Funktionalität heraus: dass einem Befehl gefolgt wird. Demokratisch geführte Organisationen haben im Gegensatz dazu die Chance und die Pflicht, die Verantwortung der Mitglieder für das Ganze über einen anderen Weg zu erreichen: über die Einbindung der Klugheit der vielen und deren Akzeptanz einer gemeinsamen Entscheidung.

So kann es dann zum Beispiel gelingen, auch in Zeiten knapper Finanzen die herausragende Qualität deutscher Universitäten in der Breite zu erhalten, Innovationen zu befördern, die Wirtschaft zu stärken und Menschen für die Zukunft auszubilden. Anders gesagt: Wir haben gewonnen, wenn die Mitglieder einer Universität erleben, dass sie die Zukunft selbst mitgestalten können.

So wird das Ziel, die Demokratie zu stärken, zu einer Erfahrung innerhalb der Universität. Es ist dieser Spirit, den unsere Gesellschaft und den jede Demokratie braucht: die Verantwortung des Einzelnen für das Ganze. Das ist schwierig, ungemütlich, manchmal nicht zielführend, aber der einzige Weg, den zu gehen sich lohnt. Universitäten sind Trainingslager für unsere Demokratie. 

Kommentare

#1 -

Friedrich Stratmann | Di., 25.08.2026 - 15:59

Die Kontroverse über die Auswahl von Hochschulleitungen wird meines Erachtens zu stark auf die Alternative „demokratische Wahl oder ministerielle Ernennung“ zugespitzt. Damit gerät die eigentliche Funktion des Auswahlverfahrens aus dem Blick.

Bei der Wahl einer Hochschulleitung besteht erhebliche Unsicherheit: Weder Lebenslauf noch Anhörung, bisherige Leitungserfahrung oder wissenschaftliche Reputation können verlässlich zeigen, ob jemand in den kommenden Jahren eine Universität erfolgreich führen wird. Das Verfahren kann diese Unsicherheit nicht beseitigen. Es kann sie aber verarbeiten. Am Ende steht eine Person, deren zuvor nur vermutete Führungskompetenz durch die Entscheidung in eine institutionalisierte Leitungsrolle überführt wird.

Gerade deshalb ist die Beteiligung von Senat, Hochschulrat und weiteren Akteuren nicht lediglich Ausdruck universitärer Demokratie. Im Verfahren werden unterschiedliche Erwartungen an die künftige Hochschulleitung sichtbar, Konflikte ausgetragen und schließlich eine Entscheidung erzeugt, an die die Organisation anschließen kann. Akzeptanz bedeutet dabei keineswegs Zustimmung: Wer eine Präsident: in gewählt hat, kann ihre erste wichtige Strukturentscheidung vehement ablehnen.

Umgekehrt löst eine Ernennung durch das Ministerium dieses Problem nicht. Sie vereinfacht den Entscheidungsweg, beseitigt aber weder die unterschiedlichen Interessen innerhalb der Universität noch die besondere Schwierigkeit, hochgradig autonome wissenschaftliche Expert: innen zu führen.

Interessanter als die Gegenüberstellung von Wahl und Ernennung erscheint mir deshalb die Frage: Wie muss ein Verfahren gestaltet sein, das Kompetenzzuschreibung, unterschiedliche Interessen, externe Erwartungen und interne Akzeptanz so verarbeitet, dass am Ende eine belastbare Leitungsentscheidung entsteht?

Vielleicht liegt genau darin die besondere Leistung eines guten Auswahlverfahrens für Hochschulleitungen.

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