Der scheinbar unscheinbare Präsident
Warum Martin Stratmann das Beste war, was der Max-Planck-Gesellschaft in diesen unruhigen Zeiten hat passieren können. Ein Porträt anlässlich der MPG-Jahresversammlung.

Martin Stratmann. Foto: Axel Griesch/MPG
ES GIBT SIE, diese Augenblicke, da wirkt Martin Stratmann wie die personifizierte Antithese zu allem, was die Max-Planck-Gesellschaft (MPG) in der Öffentlichkeit ausmacht. Hier Deutschlands bekannteste Forschungsorganisation mit 108 Jahren Tradition, 18 Nobelpreisträgern seit 1948 und einem, wenn nötig, aggressiv zur Schau getragenen Selbstverständnis. Ein Selbstverständnis, das manchmal selbst nicht zwischen Mythos und Wirklichkeit zu unterscheiden weiß. Und dort ihr Präsident, ein inzwischen 65 Jahre alter Eisenwissenschaftler mit runder Brille, Halbglatze und der Andeutung eines Schnurrbarts über den Lippen. Ein leiser Mann, der den Raum betreten kann, ohne aufzufallen.
Es war vor genau fünf Jahren im Münchner Prinzregententheater, als Stratmann von Peter Gruss die vergoldete Amtskette mit dem Minerva-Konterfei überreicht bekam. Auf dem damals entstandenen Foto steht Stratmann wie Beiwerk neben seinem Vorgänger, fast schon an den Bildrand gedrängt, einen Kopf kleiner als Gruss, der selbst seinen Abschied noch so zelebrierte, wie nach Meinung vieler seine Amtszeit gewesen war: mit viel Grandezza und einem Selbstbewusstsein, das nicht immer im Einklang mit seinen strategischen Leistungen stand. Und das vielleicht gerade deshalb ziemlich gut zu Max Planck zu passen schien.
Unter den Chefs der Wissenschaftsorganisationen zählt Stratmann zu den derzeit wenigen Aktivposten
Das war bei der 65. MPG-Jahresversammlung. Gestern Abend hat in Hamburg die 70. Jahresversammlung begonnen, und eines lässt sich in Stratmanns sechstem und womöglich letztem Amtsjahr mit Bestimmtheit sagen: Dieser scheinbar unscheinbare Präsident ist das Beste, was der Max-Planck-Gesellschaft in diesen unruhigen Zeiten hat passieren können. Ja, mehr als das: Unter den Chefs der großen deutschen Wissenschaftsorganisationen zählt Stratmann zu den derzeit wenigen Aktivposten, er prägt die nationale Wissenschaftspolitik. Eine Frage ist indes offen: Wird er in eine zweite Amtszeit gehen?
Als Stratmann 2014 an die MPG-Spitze rückte, sah die internationale Großwetterlage vergleichsweise unproblematisch aus. Donald Trump als möglichen US-Präsidenten hatte kaum einer auf dem Zettel. Die Möglichkeit eines Brexit wirkte wie ein akademisches Gedankenspiel, und Begriffen wie "Fake News" oder "Fake Science" stand ihre Karriere noch bevor. Die ...
Sie sehen die gekürzte Fassung dieses Artikels
Der volle Zugang zu Artikeln, die älter sind als vier Wochen, ist nur für registrierte Unterstützer des Wiarda-Blogs vorgesehen.
Neuen Kommentar hinzufügen