Dann erleiden wir auch Schiffbruch, nur auf andere Weise
Was macht das Coronavirus mit unserer Gesellschaft? Inwiefern ist es gerechtfertigt, den Schutz vor der Pandemie vor alles Andere zu setzen? Und: Wird die Politik ihrer Verantwortung gerecht? Die Philosophen Holger Burckhart und Michael Quante suchen angesichts wachsender gesellschaftlicher Spannungen gemeinsam nach Antworten.

Herr Burckhart, Sie sind Philosoph und Diskursethiker; Herr Quante, Ihr Schwerpunkt ist die Praktische Philosophie. Bevor Sie Ihre disziplinären Brillen aufsetzen, möchte ich Sie beide ganz persönlich fragen: Wie viel Angst macht Ihnen die Corona-Pandemie – um sich selbst und die Menschen, die Sie lieben?
Michael Quante: Ehrlich gesagt, um mich selbst nicht besonders viel. Wir gehören zwar vom Alter und anderen Faktoren her ein Stückweit zur Risikogruppe. Aber wir leben auf dem Land, wir konnten uns die ganze Zeit frei bewegen, wir haben keine kleinen Kinder, um die wir uns sorgen müssten. Das ist sicherlich aber auch Teil des Problems für viele von uns: dass die Gefahrenlagen sehr abstrakt bleiben, die Einschränkungen und Verbote aber sehr konkret spürbar wurden.
Holger Burckhart: Da geht es mir ähnlich. Persönlich hatte ich eigentlich nie Angst, weil ich davon ausgehe, dass man durch sein eigenes diszipliniertes Verhalten den Selbstschutz signifikant erhöhen kann. Viel stärker berührt mich, was die Kontaktbeschränkungen in vielen Familien ausgelöst haben mögen: an Stress, an möglichen Gewaltausbrüchen aus dem Frust über die Isolation heraus. Diese Sorge vor den sozialen Auswirkungen des Virus hat mich die ganze Zeit über umgetrieben, und sie verstärkt sich gerade. Denn je stärker die Einschränkungen gelockert werden, desto mehr werden die gesellschaftlichen Konflikte aufbrechen: zwischen denen, die schnell zurück wollen zur Normalität, zumindest möglichst nah an sie heran, und den anderen, die jede schnelle Öffnung ablehnen als große Gefahr für sich und die anderen. Wir erleben ja an vielen Orten diese Spannungen, die sich auch in Aggressionen entladen, das kann zu einer tiefgreifenden Spaltung der Gesellschaft als Ganzes führen.
Quante: Und dabei haben wir noch gar nicht über Deutschland hinausgesehen. Die Ungleichheiten werden sich nicht nur in unserer Gesellschaft verstärken. International drohen in den nächsten zwei, drei Jahren politischen Verwerfungen, in manchen lateinamerikanischen ...
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