Bremer Flucht nach vorn
Seit Jahren drückt sich die deutsche Bildungspolitik um die Arbeitszeiterfassung von Lehrkräften. Jetzt startet das kleinste Bundesland mit einem bundesweit beachteten Praxistest den Abschied von der überkommenen Deputatslogik. Verändert sich so auch der Blick auf das, was Schule ausmacht?
Das kleinste Bundesland als Vorreiter: Bildungssenator Mark Rackles (am Mikrofon), Pressesprecherin Patricia Brandt und Schulleiter Peter Hons (von rechts). Foto: Michael Schnelle/SKB-Medienarchiv.
EIN SATZ, den Pädagogen vor den Sommerferien oft hören, sagte Peter Hons, sei "schöne Ferien". Wenn Lehrkräften stattdessen irgendwann "schönen Urlaub" gewünscht werde, hätten die Bremer Pläne funktioniert. Denn dann sei die Wahrnehmung durchgesickert, dass für Lehrer Ferien nicht gleich Urlaub seien.
Als Hons, Leiter des Schulzentrums Grenzstraße und aktiv in der GEW, das sagte, saß er in einem Klassenraum seiner Schule, hinter sich ein Whiteboard, zwei Stühle weiter der Bremer Bildungssenator Mark Rackles. Es sah aus wie Unterricht mit Namensschildern, und wenn man Hons, Rackles und ihren Mitstreitern an diesem Montagmorgen so zuhörte, war das durchaus passend: Es ging bei der Pressekonferenz um Arbeitszeiten und Dienstrecht. Ein wenig aber ging es auch um die Zukunft von Unterricht und Schule.
Von August an startet Bremen als erstes Bundesland einen Praxistest zur digitalen Arbeitszeiterfassung an Schulen. Acht Schulen in Bremen, darunter Hons' Schulzentrum, und eine in Bremerhaven machen mit, ein Schuljahr lang. Erfasst werden soll Unterricht und alles drumherum: die Vorbereitung und Nachbereitung, Korrekturen, die Konferenzen und Gespräche mit Schülern und Eltern bis hin zu der Zeit, die für die Bürokratie drumherum draufgeht.
Das "Wie" nach dem "Ob"
Laut SPD-Politiker Rackls soll das Pilotprojekt "die reale Arbeitszeit und damit auch die reale Belastungsverteilung des pädagogischen Personals an Schulen sichtbar machen". Ein nüchtern klingender Satz mit potenziell großen Implikationen für die Bildungspolitik: Denn wer erhebt, was und wie viel gearbeitet wird, muss auch bereit sein, die Konsequenzen daraus zu ziehen.
Dass Bremen voranschreitet, ist genauso bemerkenswert wie dass es bis zum Jahr 2026 gedauert hat, dass überhaupt ein Land loslegt mit der Arbeitszeiterfassung. Denn seit einem spektakulären Urteil des Europäischen Gerichtshofs von 2019 und spätestens seit dem Beschluss des Bundesarbeitsgerichts von 2022 ist eigentlich klar, dass auch die deutschen Schulen um das Thema nicht herumkommen: Arbeitgeber müssen in der Europäischen Union die Arbeitszeiten ihrer Arbeitnehmer komplett erfassen, Ausnahmen den Gerichten zufolge: keine.
Doch bestanden die Reaktionen der deutschen Politik über Jahre hinweg darin, die Umsetzung zu verschleppen. Parallel drängten die Bildungs- und Wissenschaftsminister wiederholt auf einen Sonderweg, auf sogenannte Bereichsausnahmen für Schulen und Hochschulen. Das Bundesarbeitsministerium hielt dagegen. Im Grundsatz, lautete die Botschaft aus Berlin, sei das Ob geklärt. Jetzt arbeite man am Wie. Allerdings auch das im Schneckentempo. Demnächst will das Ressort von Bärbel Bas (SPD) endlich einen Referentenentwurf vorlegen.
Anstatt weiter abzuwarten, hat man in Bremen die Flucht nach vorn ergriffen. Rackles' Staatsrat Torsten Klieme formulierte es im Schulzentrum Grenzstraße mit trockenem Unterton: Dass 15 andere Bundesländer an diesem Tag keine Pressekonferenz veranstalteten, um ihre Pilotprojekte vorzustellen, sei "ja auch eine Aussage". Man habe sich schon gefragt, ob ausgerechnet das kleinste Bundesland mit der kleinsten Verwaltungskapazität diesen Brocken angehen könne, "von dem alle anderen möglichst die Finger weglassen". Dann habe man gesagt: Jetzt ist es so, jetzt gehen wir es an.
Rackles zufolge klärt Bremen Fragen, die bald alle Länder beschäftigen könnten: Arbeit am Abend, Ruhezeiten, Wochenenden, Klassenfahrten, Teilzeit. "Das tun wir nicht nur für Bremen", sagte er, "das tun wir tatsächlich für alle Länder".
Der Senator und sein Lieblingsthema
Warum Bremen? Vielleicht gerade weil es hier keine große Ministerialverwaltung gibt. Weil die Gewerkschaften und die Personalvertretung hier mehr Druck machen als anderswo. Und weil seit vergangenem Jahr ein Senator im Amt ist, der das Thema im Bundesland zwar nicht auf die Agenda gesetzt hat, dessen Vorgeschichte aber auffallend zu dem Thema passt.
Rackles war Bildungsstaatssekretär in Berlin, anschließend arbeitete er als Berater. Und wurde einer der Vordenker der Arbeitszeiterfassung in Schulen. Gemeinsam mit dem Arbeitszeitforscher Frank Mußmann hat er zur Lehrkräftearbeitszeit publiziert und das Deputatsmodell kritisiert. Bei der Pressekonferenz sagte Rackles, er komme nun praktisch mit einem Arbeitszeitmodell zusammen, an dem er vorher theoretisch gearbeitet habe.
Seit rund 150 Jahren, ergänzt Rackles' Staatsrat Klieme, werde Schule über Deputate gesteuert und damit im Kern darüber, wie viele Unterrichtsstunden Lehrkräfte zu leisten haben. Nur passt die preußische Verwaltungslogik immer schlechter zu dem, was Schule heute leisten soll. Ganztag, Beratung, Teamarbeit, Schulentwicklung.
Die Telekom-Stiftung begleitet das Bremer Pilotprojekt. Sie hat das Projekt "Freiräume(n)" organisiert, in dem Schulleitungen und Lehrkräfte von bundesweit 13 Schulen ihre eigenen Erfahrungen und Konzepte zur Arbeitszeitorganisation eingebracht und gemeinsam Handlungsempfehlungen entwickelt haben. Die einzelnen Bausteine werden derzeit an Schulen erprobt, evaluiert und weiterentwickelt. Stiftungs-Geschäftsführer Jacob Chammon sagte in der Pressekonferenz, er habe einen Dinosaurier vor Augen, wenn er an das Deputatsmodell denke.
Praktisch behalten die Lehrer ihr bisheriges Unterrichtsdeputat, doch es wird in ein Jahresarbeitszeitmodell übersetzt. Bei Vollzeit entspreche das im Schuljahr 2026/27 gut 1820 Stunden, haben sie in Rackles' Behörde ausgerechnet.
Staatsrat Klieme sagte, allein die explizite Definition einer Jahresarbeitszeit könne in Schulen und Kollegien etwas auslösen: ein anderes Bewusstsein dafür, wie man mit der eigenen Arbeitszeit und mit der Arbeit in der Schule insgesamt umgeht.
Eine Minute pro Tag
Damit dieses erhoffte andere Bewusstsein nicht mit einem Stechuhr-Schock beginnt, bemüht sich Bremen um maximalen Pragmatismus bei der Umsetzung. Die technische Lösung heißt "Untis Arbeitszeit" und soll auf den dienstlichen iPads laufen. Christian Gruber, Geschäftsführer von Untis, sagte, es gehe nicht darum, minutengenau abzubilden, wann genau was getan wurde. Lehrkräfte trügen einen Zeitraum ein und ordneten ihn Tätigkeitskategorien zu. Der tägliche Aufwand, sagte Gruber, solle bei maximal einer Minute liegen. Eine mutige Ansage.
Hinter der App verbergen sich umfangreiche Vorarbeiten zu Datenschutz, Mitbestimmung, Beschäftigtenschutz und Vertrauensschutz. Bis zuletzt sei geklärt worden, welche Daten wirklich gebraucht würden und welche nicht, sagte Rackles. Schulleitungen sollen nur begrenzte Informationen sehen. Die Kategorisierung der Tätigkeiten werde freiwillig sein. Klieme sagte, die Beschäftigten blieben im überwiegenden Teil "Herrinnen und Herren ihrer eigenen Daten". Leistungs- und Verhaltenskontrolle solle ausgeschlossen werden.
Rackles trat auch dem Verdacht entgegen, Lehrkräfte könnten am Ende einfach eintragen, was ihnen passt. Studien hätten gezeigt, dass Beschäftigte tatsächlich aufschreiben, was sie real gearbeitet haben. "Die machen da keinen Wildwuchs." Ohne Vertrauen werde das Projekt scheitern.
Zugleich soll die Erfassung dem Gesundheitsschutz dienen. Gruber sagte, das Schulleitungsdashboard solle vor allem diesbezügliche Hinweise geben: wenn Lehrer dauerhaft zu viel arbeiteten oder die Ruhezeiten verletzten und so ihre eigene Gesundheit gefährdeten.
Was Bremen herausfinden will
Wenn die Bundesregierung ernstmacht, die Arbeitszeiterfassung bundesweit umsetzt und die Bildung dabei nicht ausnimmt, werden die Bremer Erfahrungen noch wertvoller. Denn dann können sich auch die Bildungsministerien anderswo nicht mehr wegducken. Stiftungs-Mann Jacob Chammon sagte mit Blick auf Bremen und die anderen Länder, man müsse "nicht immer das Rad 16 Mal erfinden".
Seine Kollegen würden genau zuschauen, was sie hier in Bremen unternähmen, gibt sich Bildungssenator Rackles betont selbstsicher. Bei den Treffen der Bildungsminister sei Arbeitszeiterfassung regelmäßig Thema am Rand. Andere Länder wollten wissen, was Bremen mache. Denn wenn die Pflicht kommt, werden sie dieselben Fragen beantworten müssen: Wie zählen Klassenfahrten? Was gilt bei Arbeit am Abend? Wie geht man mit Teilzeit um? Was folgt aus der hohen Belastung vieler Schulleitungen?
Zugleich ist es so, wie eine Grundschulleiterin es auf der Seite der Bremer Bildungsverwaltung ausgedrückt hat: Allein durch Arbeitszeiterfassung werde man das System nicht heilen können. Sie schafft keine neuen Lehrkräfte, sie reduziert keine Aufgaben und ersetzt keine Schulverwaltungsassistenz.
Im Gegenteil: Womöglich, das ist die vielleicht größte Angst vieler Bildungspolitiker vor der Arbeitszeiterfassung und Grund ihres Widerstandes, wird sie den Lehrkräftemangel noch verschärfen, wenn plötzlich offenliegt, wie viele Pädagogen deutlich mehr arbeiten, als sie müssten.
Rackles indes fürchtet das nicht. Er verweist auf eine Studie des Sächsischen Bildungsministeriums im vergangenen Herbst, die keine dramatische Überlastung gezeigt habe, wohl aber eine sehr ungleiche Verteilung der Arbeit.
Die eigentliche Musik
Fest steht: Der Realitätscheck beginnt nur mit der App. Ernst wird er bei dem, was dann aus ihren Daten folgt. Rackles sagt, genau da, im Anschluss, spiele die "eigentliche Musik": Wenn Arbeitszeit anders erfasst werde als über Deputate, wenn man sich von den 45 Minuten-Einheiten löse, könne man Projekte, Schule und Zeit anders organisieren.
Darin liegt die eigentliche Hoffnung an diesem Montag im Schulzentrum Grenzstraße. Sobald sichtbar wird, wofür Lehrkräfte Zeit brauchen, verändert sich auch der Blick auf Schule: hin zu der Frage, wer welche Aufgaben übernimmt, welche davon überhaupt pädagogisch sinnvoll sind – und welche besser anders organisiert werden sollten. Wie viel Enthusiasmus doch eine Flucht nach vorn auslösen kann. JMW.
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