Setzt Konkurrenz unter Studierenden richtig ein!
Mehr Transparenz über den eigenen Leistungsstand im Vergleich zu Mitstudierenden wirkt erstaunlich gut. Entscheidend ist allerdings, welche Botschaft Studierende bekommen – und welche besser nicht. Ein Kommentar.
Illustration KI-generiert.
ES WAR EINE AUFWÄNDIGE STUDIE. Mehr als 1.600 Bachelorstudierende haben Wissenschaftler des ifo Zentrums für Bildungsökonomik, der Universität Erfurt und der TH Nürnberg über mehrere Jahre hinweg begleitet, die meisten ihr gesamtes Studium lang. Vom zweiten Semester an erhielt eine Gruppe jedes Semester Informationen zu eigenen Studienleistungen, erreichten Credits und ihrer Durchschnittsnote. Den Studierenden der zweiten Gruppe gaben die Forscher jedes Mal eine zusätzliche Information: ihren relativen Leistungsstand im Vergleich zu ihren Kommilitonen – garniert mit einem Smiley bei mindestens durchschnittlichem Fortschritt und zwei Smileys für die besten 20 Prozent.
Das Ergebnis: Die Studierenden mit dem sogenannten "relativen Leistungsfeedback" schlossen ihr Studium im Schnitt früher ab, und zwar merklich. Der Anteil, der bis Ende des achten Semesters abschloss, stieg gegenüber der Kontrollgruppe um knapp vier Prozentpunkte. Die Abschlussnote fiel ebenfalls etwas besser aus, und zwar um 0,04 Notenpunkte. Die endgültige Abschlussquote blieb dagegen unverändert.
Konkurrenz belebt also offenbar auch bei Studierenden das Geschäft. Was nicht wirklich wundert, wenn man weiß, wie sehr schon Schulkinder am Zeugnistag auf die Noten ihrer Mitschüler schielen. Wobei die Erklärung der Forscher etwas anspruchsvoller ausfällt: Das Feedback verändert die Erwartungen der Studierenden über ihre relative Leistungsfähigkeit. Unter der Annahme, dass Fähigkeit und Anstrengung einander ergänzen, strengt sich stärker an, wer sich aufgrund des Feedbacks für fähiger hält. Positiv ist in jedem Fall auch, dass sich das subjektive Wohlbefinden der Studierenden durch die Jahrgangsvergleiche nicht verschlechtert hat. Und ein preisgünstiger Studienbeschleuniger ist es noch dazu: Pro Kopf und Studium schätzen die Forscher die Kosten auf gerade einmal 14 Euro. Mehr Mut zu Transparenz und Wettbewerb sollte die Konsequenz für Hochschulen lauten.
Nur dass beim genaueren Hinsehen dann doch das eine oder andere Aber auf dem Fuß folgt. Erstens: Untersucht wurden nur Studierende aus fünf BWL- und Maschinenbau-Studiengängen an einer großen Hochschule für angewandte Wissenschaften. Zweitens: Es reagierten nur diejenigen mit einer mittleren Abschlusswahrscheinlichkeit auf das Vergleichsfeedback. Während die Studierenden am oberen und unteren Ende der Skala – die Bestperformer und diejenigen mit dem höchsten Abbruchrisiko – offenbar jeweils zu fest in ihrer Spur steckten. Und drittens: Das positive Feedback führt in der mittleren Gruppe zwar zu einem deutlich schnelleren Abschluss und auch langfristig zu höheren Abschlussquoten. Die Nachricht, schwächer zu performen als der Durchschnitt, fördert bei den Betroffenen allerdings die Neigung zum Studienabbruch. Ihre langfristige Abschlussquote sinkt um knapp neun Prozentpunkte. Auch das ist psychologisch nicht wirklich verwunderlich.
Nur "richtig eingesetzt", betonen die Studienautoren denn auch, sei relatives Leistungsfeedback daher ein wirksames Instrument zur Verbesserung des Studienerfolgs. Ein Weg zum "richtigen" Einsatz liegt auf der Hand: Es wird nur im positiven Fall verschickt. "Gratulation, Du liegst über dem Schnitt des Jahrgangs", diese Botschaft hilft. Die gegenteilige Botschaft sollte dagegen mit einem Beratungsangebot verbunden werden, wie die Forscher anregen – oder lieber gleich im Postausgang der Hochschule verbleiben. Mit intelligenter Software kein Problem. Das ist wahrscheinlich nicht die reine Lehre von Transparenz und Wettbewerb. Aber eine ziemlich wirksame schon. JMW
Dieser Kommentar erschien zuerst im ZEIT WISSEN DREI Newsletter.
Neuen Kommentar hinzufügen