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Hitzekollaps im Hörsaal

Wer Studierende und Lehrende vor den immer häufigeren Hitzetagen schützen will, sollte die Semesterzeiten neu denken. Ein Gastbeitrag von Nils Weidmann.
Sonne am blauen Himmel mit einzelnen Wolkenschleiern.

Bild: freepik.

IN KONSTANZ studiert es sich gut. "Studieren, wo andere Urlaub machen", so warb die Universität vor einigen Jahren, und das trifft insbesondere auf die Sommermonate zu: Der See lädt zum Baden ein, die Alpen sind nicht weit, und ein schöner Sommertag lässt sich bei einem Glas Bodenseewein entspannt in den Gassen der Altstadt beschließen.

Doch die Sommerfrische am Bodensee hat ihren Preis. Wenn die Temperaturen steigen, wird es schnell ungemütlich an der Uni Konstanz. Im Fachbereich Politik- und Verwaltungswissenschaft sind die Seminarräume im Obergeschoss besonders berüchtigt, die sich im Tagesverlauf so sehr aufheizen, dass das Lernen und Arbeiten darin fast unmöglich wird. Dozierende bringen eigene Ventilatoren mit, um das Leiden etwas erträglicher zu machen. Vergangene Woche, auf dem Höhepunkt der Hitzewelle, kletterte das Thermometer in der Stadt und drumherum zeitweise auf fast 40 Grad. Und an sehr vielen anderen Hochschulstandorten in Deutschland sah es kaum besser aus.

Das Frustrierende ist, dass dieses Problem fast vollständig obsolet wäre, wenn man sich von den etablierten Vorlesungszeiten lösen könnte. Ein einfacher Vergleich am Beispiel Konstanz illustriert, wie sich alternative Semesterdaten auf die Anzahl der Hitzetage innerhalb eines Semesters auswirken. Beispiel Sommersemester 2025: In der zweiten Junihälfte wurde es über Wochen hinweg so heiß, dass teils über mehrere Tage hinweg eine Tageshöchsttemperatur von über 30 Grad gemessen wurde (siehe Abbildung 1).

Die Universität Mannheim macht es vor

Dabei hätte sich die Hitze im Hörsaal größtenteils vermeiden lassen, wenn die Universität Konstanz die Semesterdaten der Universität Mannheim verwendet hätte. Deren Frühjahrssemester begann in Februar und endete bereits Anfang Juni. Nur ein einziger Tag, zeigt die Analyse, wies in Konstanz in diesem Zeitraum eine Höchsttemperatur zwischen 26 und 28 Grad auf, was keine große Beeinträchtigung mit sich gebracht hätte (siehe Abbildung 1 unten).


Grafik zur Darstellung der Tageshöchsttemperaturen im Sommersemester 2025 an der Universität Konstanz.

Abb. 1 oben: Tageshöchsttemperaturen im Sommersemester 2025 an der Universität Konstanz, Hitzetage in orange und rot. Abb. 1 unten: Tageshöchsttemperaturen in Konstanz unter der Annahme, dass die Universität Konstanz die Daten des Frühjahrsemesters 2025 der Universität Mannheim verwendet hätte. Vorlesungsfreie Tage wurden ausgelassen. Wetterdaten von open-meteo.com, Feiertage von date.nager.at.


War der Sommer 2025 vielleicht eine Ausnahme? Keineswegs – und war schon klar vor der gerade zu Ende gegangenen Hitzewelle. Die Auswertung der langfristigen Wetterdaten zeigt teilweise große Unterschiede zwischen den einzelnen Jahren. Doch wird deutlich, dass die Anzahl heißer Tage zwischen Mitte Mai und Mitte Juli über die Zeit zugenommen hat (siehe Abbildung 2). Das ist die Periode, in der es auch an der Universität Konstanz normalerweise (zu) heiß wird. Ein Ausdruck des Klimawandels, den wir überall sehen, und diese Entwicklung wird noch weiter gehen.  


Grafik zur Darstellung der Anzahl der Hitzetage in Konstanz im Zeitraum 15. Mai bis 15. Juli des jeweiligen Jahres.

Abb. 2: Anzahl der Hitzetage in Konstanz im Zeitraum 15. Mai bis 15. Juli des jeweiligen Jahres (ohne Auslassung vorlesungsfreier Tage). 


Der Hitzekollaps in Hörsaal ließe sich an der Universität Konstanz und anderswo mit einer einfachen Maßnahme vermeiden. Es braucht keine Klimaanlagen – deren Einbau ist in öffentlichen Gebäuden streng reguliert. Es braucht auch keine besser gedämmten Gebäude – eine kostspielige Sanierung ist in Zeiten finanzieller Knappheit unwahrscheinlich. Es braucht auch keine Änderung gesetzlicher Rahmenbedingungen, denn die Universität Mannheim (im selben Bundesland) hat ihre Semester ja auch verschoben und kann so den Hitzewellen ausweichen.

Der Mut, alte Zöpfe abzuschneiden

Es bräuchte nur ganz einfach den Mut, alte Zöpfe abzuschneiden. Denn die Diskussion um eine Vorverlegung der Semesterdaten an deutschen Universitäten reicht fast 20 Jahre zurück, nur getan hat sich wenig. Erklärtes Ziel war und ist dabei nicht die Vermeidung von Hitzetagen, sondern die Anpassung an die international üblichen Zeiträume. Semesterdaten, die mit ausländischen Universitäten kompatibel sind, bringen viele Vorteile mit sich: Sie machen den internationalen Austausch in Wissenschaft und Lehre einfacher, und sie sind familienfreundlicher. Und zusätzlich, Stichwort Hitze, könnte eine Anpassung auch die Leistungen von Studierenden verbessern. Wie Studien gezeigt haben, sind Klausurergebnisse besser, wenn eine Prüfung mit kühlem Kopf geschrieben wird.

Wer allerdings schwitzend und mit rotem Kopf im Seminarraum sitzt und auf eine schnelle Linderung hofft, wird enttäuscht sein. An der Universität Konstanz etwa sind die Semesterdaten schon bis zum Sommersemester 2029 festgelegt. Universitäre Mühlen mahlen langsam, und wahrscheinlich müssen noch ein paar Hitzesommer ins Land ziehen, bis diese einfache Maßnahme der Klimaanpassung ernsthaft in Betracht gezogen wird. Aber wenigstens ist in Konstanz der Weg vom Seminarraum zum See nicht weit.

Nils Weidmann ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität Konstanz.

Kommentare

#1 -

Gast | Di., 30.06.2026 - 09:26

Was man bei unklimatisierten öffentlichen Gebäuden eben nicht unterschätzen darf ist, dass die sich während des Sommers quasi nicht mehr abkühlen. Ich bin gerade an eine belgischen Uni und es ist warm und stickig-klar, denn auch wenn draußen 19 Grad sind, es wird ja nachts nicht gelüftet-geschweige denn Durchzug gemacht weil das feuertechnisch nicht möglich ist. D.h. eine Hitzwelle im Juni heizt das Gebäude dauerhaft auf-bis zur nächsten Welle. Auch viele Schulgebäude usw. werden sich bis Ende August kaum abkühlen-es kommt ja morgens um 5:00 kein Hausmeister und macht die Fenster auf...
Und natürlich wird sich da kaum etwas bewegen, weil Unis und der öffentliche Sektor unflexibel sind.

#2 -

Andreas Drotloff | Di., 30.06.2026 - 13:10

"An der Universität Konstanz etwa sind die Semesterdaten schon bis zum Sommersemester 2029 festgelegt. Universitäre Mühlen mahlen langsam, und wahrscheinlich müssen noch ein paar Hitzesommer ins Land ziehen, bis diese einfache Maßnahme der Klimaanpassung ernsthaft in Betracht gezogen wird." 

Wir können die Behäbigkeit der Hochschulen auch herbeireden. Die Einschätzung mag nicht unrealistisch sein, aber sie wird gleichzeitig zur selbsterfüllenden Prophezeiung. Ich versuche einen optimistischeren Blick: Das Thema ist eine wunderbare Gelegenheit, die Stärken der Hochschuldemokratie zu beweisen. Wenn Studierende und Mitarbeitende, die unter diesen Bedingungen lehren und lernen müssen, über die Hochschulgremien entsprechenden Druck machen, lassen sich auch bereits festgelegte Semesterzeiten wieder anpassen.

#4 -

Steffen Prowe | Do., 02.07.2026 - 21:21

Tja, sich dem Klimawandel zeitlich beugen passt ggf für Seminare. Auch eine Siesta wäre da angebracht, gleich dann noch die Lokale rundherum animieren, nach dem 20 h Seminar noch Studi-Preise auszurufen ;)

Im Ernst: in Laboren wird es auch in Sommer-Randzeiten schnell sehr warm und eine Klimatisierung ist nicht nur wegen der Versuche, sondern vor allem wegen der darin zu >20 Personen (im Labor-Kittel!) arbeitenden Studierenden & Lehrenden aus gesundheitlichen Gründen ratsam. Ein reiner Luftwechsel kann bei >30 Grad draußen kaum Linderung herbeiführen. Habe gerade 1 Woche bei 29 Grad im Labor in einem sehr neuen Gebäude hinter mir. Bei dem man vor 10 Jahren die Planung begann und trotz Hinweisen auf "Abwärme-Quellen" durch Nutzer eine Temperatur-Regulierung abschlägig behandelt hat. Inmitten der Stadt. An einer großen Strasse. Mit viel Sonne & Asphalt. Heiß, ohne Kühlung durch große Bäume. Tolle, chice Labore. Denen "nur noch" eine Techniketage vollgepflastert mit Solarmodulen gefehlt hätte, die sommers die nur dann tätige Klimatisierung kostenneutral ermöglicht hätten. So dürfen wir nun als Dozent*innen ein Trost-Speiseeis spenden und uns des öfteren von begeisterten Besucher*innen fragen lassen, warum man denn "in einem modernen Laborgebäude keine Klimatisierung eingeplant hatte".

#5 -

Michaela Volkmann | Fr., 03.07.2026 - 13:39

das könnte dazu führen, dass es für Studierende und Mitarbeiter*innen mit Kindern noch schwieriger wird, ihre Urlaubs- und vorlesungsfreie Zeit mit den Schulferien und Kita-Schließzeiten zu vereinbaren. Diese Diskussion gibt es ja nun auch schon länger.
Vgl. etwa: https://www.news4teachers.de/2026/06/sommerferien-schon-im-juni-philologen-fordern-bundesweite-neuregelung-zu-viel-stress-fuer-schueler-und-lehrer-im-abitur/; https://www.tagesspiegel.de/wissen/hochschulferien-versus-schulferien-ein-missmatch-unter-dem-familien-leiden-10188367.html

 


 

#6 -

Tilo Prautzsch | Mi., 15.07.2026 - 12:43

Zunächst: Richtig ist, über die Änderung der Vorlesungszeiten und nicht erst nach 2029 nachzudenken und Vor- und Nachteile abzuwägen und entsprechende Entscheidungen herbeizuführen. 
Die Situation an der Universität Konstanz ist jedoch in Teilbereichen besser, als man beim Lesen vermuten würde. Die großen Hörsäle sowie die Bibliotheken sind allesamt gekühlt. Mit dem Neubau eines Seminargebäudes werden (ab 2027) auch 39 Seminarräume entstehen, die ebenfalls gekühlt werden können. Insofern hat man sehr wohl die Klimafolgenanpassung im Blick und reagiert. Das Thema "Behaglichkeit in Innenräumen" wird bei jeder Neubau- und Sanierungsmaßnahme bewertet. Nicht immer können aufgrund finanzieller Spielräume, optimale Bedingungen geschaffen werden.

Gerade bei Prüfungen halte ich es für wichtig, dass die Studierenden in Räumen aufhalten, die einen Erfolg unterstützen.

Bei der ganzen Diskussion wird m.E. jedoch nur die komfortable Situation der Studierenden und einem Großteil der Lehrenden betrachtet, die die umfangreichen Semesterferien zur Erholung auch außerhalb der Universitätsgebäude nutzen können. 
Der Großteil der Verwaltung arbeitet jedoch vollkommen unabhängig von Semesterterminen ganzjährig. Gerade die Kolleginnen und Kollegen, z.B. die Handwerker, Hausmeister und Werkstätten, die auch bei mehr als 30 °C körperlich arbeiten müssen haben nicht die Möglichkeit, der Hitze zu entfliehen. 
In diesem Sinne frohes Schwitzen und weiterhin einen schönen Sommer!

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