Die Reform beginnt im Miteinander
Alle reden über Kompetenzen, Bildungsstandards und datengestützte Schulentwicklung. Doch Schulen verändern sich nicht durch Steuerung allein, sondern durch Vertrauen und echte Verantwortung vor Ort. Was das bedeutet: ein Gastbeitrag von Astrid Wolter.
Illustration "Schulkultur": pch.vector / freepik.
KARIN PRIEN HAT ES DEUTLICH GESAGT. "Wir wissen ziemlich genau, was zu tun ist." Die Bundesbildungsministerin setzt sich damit an die Spitze eines Reformprozesses, der seit den ernüchternden Ergebnissen des IQB-Bildungstrends an Fahrt aufnimmt. Die Bildungsministerkonferenz befasst sich auf Minister- und Staatssekretärsebene mit Reformschritten. Bildungsforscherinnen wie Petra Stanat und Felicitas Thiel geben wertvolle Hinweise. Außerdem hat die Dezember-BMK ein neues Leitbild für die Schulaufsicht auf den Weg gebracht. All das ist wichtig. Und doch habe ich das Gefühl: Ein entscheidender Hebel wird im politischen Betrieb systematisch unterschätzt: Es ist die Schulkultur.
Was Kennzahlen nicht erfassen
Die aktuelle Reformdebatte dreht sich vor allem um Bildungsziele und quantitative Indikatoren. Was Schülerinnen und Schüler wissen und können sollen, wie Kompetenzen gemessen werden, wie Schulaufsicht neu aufgestellt werden muss. Das sind legitime und notwendige Fragen. Aber sie greifen zu kurz, wenn die qualitativen Bedingungen des Lernens ausgeklammert bleiben.
Lernen findet nicht in einem Vakuum statt. Es geschieht in Beziehungen. Zwischen Lehrkraft und Kind. Zwischen Schule und Familie. Zwischen Kolleginnen und Kollegen, die miteinander oder aneinander vorbeiarbeiten. Genau diese Beziehungsqualität – das, was man in der Schulforschung als Schulkultur begreift – entscheidet mit darüber, ob Reformen in den Klassenzimmern ankommen oder im Reformpapier verbleiben.
Schulkultur ist mehr als ein weicher Faktor. Sie ist, um es mit den Worten der Schulentwicklungsforschung zu sagen, die "kontinuierliche Arbeit einer Schule an sich selbst". Wer sie ignoriert, kann Lehrpläne reformieren und Vergleichsstudien neu aufsetzen – und wird dennoch feststellen, dass an den Schulen vieles bleibt, wie es ist.
Leadership jenseits der Schulleitung
Ein zweites Missverständnis betrifft den Begriff der Führung. Im schulischen Kontext denken wir bei Leadership reflexartig an Schulleitungen und Schulaufsichten. Die Dezember-BMK hat folgerichtig ein neues Leitbild für Schulaufsicht beschlossen – notwendig und überfällig. Aber was ist mit den anderen Akteuren?
Lehrkräfte, die Schulentwicklungsprojekte vorantreiben. Sozialpädagoginnen, die neue Gesprächsformate mit Eltern erproben. Erzieherinnen, die das jahrgangsübergreifende Lernen gemeinsam mit Grundschullehrkräften gestalten. Sie alle üben Führung aus – und prägen die Schulkultur eines Hauses jeden Tag, oft ohne dass dieser Beitrag sichtbar gemacht wird. Wenn wir von einem neuen Leitbild sprechen, das die gesamte Schulgemeinschaft trägt, dann brauchen wir eines, das nicht nur an der Spitze des Systems ansetzt, sondern auch in der Mitte.
Sachsen-Anhalt hat hier zusammen mit der Heraeus-Stiftung Impulse gesetzt. Der "Bildungscampus Leadership Sachsen-Anhalt" ist konzipiert als "Resonanzraum" für "Austausch, gemeinsames Lernen, Reflexion, Ausprobieren und Vernetzung". Und, wie es in seiner Selbstbeschreibung heißt, "offen und zugänglich für alle Personen, welche an der Weiterentwicklung partizipieren möchten": aktuelle und künftige Schulleitungen "sowie interessierte Lehrkräfte, die eine schulische Leitungsfunktion anstreben". Genau in dieser Offenheit der Formulierung. Das Programm "Tandem Leadership for Learning" der Stiftung der Deutschen Wirtschaft wiederum – in Kooperation mit der Dieter-Schwarz-Stiftung – geht in eine ähnliche Richtung: Es setzt an der pädagogischen Haltung und der Teamkultur an, gibt Lehrkräften Werkzeuge für Schulentwicklung in die Hand und macht damit den Reformprozess breiter, als es ein Top-down-Modell je könnte. Solche Ansätze verdienen mehr als Randnotizen in Reformpapieren; sie sollten strukturell in die Auseinandersetzung der Bildungsministerkonferenz integriert werden.
Klassenbeete, Fördervereine, World Cafés
Gelingende Führungskultur zeigt sich in den scheinbar kleinen Beispielen: Eine Erzieherin in Ausbildung und mehrere Lehrkräfte planen gemeinsam Klassenbeete. Die Erzieherin kümmert sich um die Samen, Eltern spenden Erde, und zwei Klassen pflanzen im Sachunterricht parallel Kapuzinerkresse, Zuckerschoten und Sonnenblumen. Ein überschaubares Projekt – und doch eines, das Lehr- und Erzieherkräfte um eine gemeinsame Aufgabe zusammenführt, den Sachunterricht in den Schulhof verlängert und Eltern dorthin holt, wo Schule wirklich passiert.
Wenn Lehr- und Erzieherkräfte auf Augenhöhe kooperieren, um die individuellen Stärken der Kinder sichtbar zu machen, rückt das einzelne Kind in den Mittelpunkt. Dazu gehört auch ein anderer Blick auf die Familie, sobald die Bildungs- und Erziehungspartnerschaft mit den Eltern zum tragenden Fundament wird: durch die Gründung eines Fördervereins, durch die Einbindung von Elternberufen in den Schulalltag, durch World-Café-Formate und Elterncafés.
So sitzen dann an einem Nachmittag Eltern und Pädagoginnen zusammen, Kaffee und Kekse auf dem Tisch, draußen spielen noch ein paar Kinder. Eine Lehrkraft gibt einen kurzen Impuls zu Chancen und Herausforderungen des jahrgangsübergreifenden Lernens – und dann entsteht ein Gespräch, das weit ehrlicher ist als mancher Elternabend. Bedenken kommen zur Sprache, Fragen, die sonst ungestellt bleiben.
Vor ein paar Wochen waren deutsche Bildungsminister und Wissenschaftler mit der Wübben- und Telekom-Stiftung zur Exkursion in der kanadischen Provinz Alberta. Dort wollten sie beobachten, wie datengestützte Schulentwicklung Schulen erfolgreich verändert. Und erfuhren, dass es dabei um viel mehr geht: um ganzheitliche Unterrichtsentwicklung, die auf pädagogische Haltung und Beziehungsqualität ausgerichtet ist.
Eine Gemeinschaft, die sich selbst entwickelt
Das setzt voraus, dass Reformprozesse die Schule nicht nur als Objekt der Steuerung begreifen, sondern als Gemeinschaft, die sich selbst entwickelt. Mit Lehrkräften, die Verantwortung übernehmen wollen. Mit Eltern, die wirklich gefragt werden. Und mit Schülerinnen und Schülern, die erleben, dass ihre Stimme zählt. Natürlich geht das leichter, wenn eine Schule neu gegründet wird. Wenn sich die seltene Chance bietet, Schulkultur von Beginn an als echtes Miteinander zu denken. Wenn man nicht mit den Strukturen arbeiten muss, die immer schon da waren.
Nur können wir uns die Zukunft selten am Reißbrett zurechtlegen. Zukunft muss erarbeitet werden mit Mut und Hartnäckigkeit. Die Bildungsminister können die Schulen dabei unterstützen, indem sie zur notwendigen Debatte über Daten auch systematisch neue Ansätze für schulische Führungskultur fördern. Wir wissen, was zu tun ist. Jetzt wäre die Frage, ob wir den Mut haben, es auch zu tun.
Astrid Wolter ist Grundschullehrerin in Berlin und beschäftigt sich mit Schulentwicklung und Lernkultur.
Kommentare
#1 - idyllische Visionen
"Schulkultur bezeichnet das gelebte Selbstverständnis, die gemeinsamen Werte, Normen und den täglichen Umgang miteinander an einer Schule." Das teilt die KI von Google mit.
Die im Artikel gezeichnete Idylle passt nur nicht zur Realität:
1. Warum sollen wir erwarten, dass die 100 Nationen in der heterogenen Migrationsgesellschaft "gemeinsame Werte und Normen" für richtig halten oder auch nur als gemeinsame Basis akzeptieren? Von selbst wird das wohl nicht gehen, aber wie sollen Lehrer das erreichen? Ständig wird doch berichtet über massive Konflikte in Schulen gerade bei Werten und Normen (Patriarchat, Geschlechterrollen, Bedeutung religiöser Vorschriften, Faustrecht, Angst vor Mitschülern etc.).
2. Gerade in Berlin wurde dieser Tage mitgeteilt, was das Ergebnis einer von der Schulsenatorin in Auftrag gegebenen Studie zu Gewalt an Schulen ist. In Berichten lese ich "Kleinigkeiten reichen, um zur Eskalation zu führen", "Wenn die Impulskontrolle schwindet: Studie beschreibt eskalierende Gewalt an Schulen", "Die Probleme treten zunehmend bereits an Grundschulen auf", "Die Lehrkräfte beschreiben ganz deutlich, dass es eine starke Verrohung gibt unter Kindern und Jugendlichen", "... dass der digitale Raum dazu beigetragen hat, dass Quantität und Qualität an Gewaltvorfällen gestiegen sind" usw. usw. Ein paar Einzelfälle scheinen das nicht zu sein. So etwas wie "ein anständiges Benehmen" scheint versunkenen Zeiten anzugehören.
3. "So sitzen dann an einem Nachmittag Eltern und Pädagoginnen zusammen, Kaffee und Kekse auf dem Tisch, draußen spielen noch ein paar Kinder."
Eine wunderbare Idylle. Welche Eltern haben denn nachmittags Zeit, um bei Kaffee und Keksen zu plaudern und sich theoretische Prinzipien zu JüL anzuhören? Und bei welchen müsste man Dolmetscher hinzuziehen? Welche kommen denn nicht einmal zu Elternabenden? Zeit haben Arbeitslose und Mütter, die als "Hausfrauen" verächtlich gemacht werden, was angeblich nicht mehr zeitgemäß ist. Die anderen haben Terminstress ohne Ende, was euphemistisch als "Vereinbarkeit von Karriere und Familie" bezeichnet wird.
4. Das Hochloben der datengestützten Schulentwicklung in Kanada mit dem Hinweis auf eine "ganzheitliche Unterrichtsentwicklung, die auf pädagogische Haltung und Beziehungsqualität ausgerichtet ist", klingt nach meinem Eindruck auch etwas allzu sehr nach einer "verdächtigen" Idylle und nach denjenigen "Buzzwords", mit denen wir gerade von allen Seiten überschüttet werden, und ein bisschen auch nach "Gesundbeten" ohne eine rational nachvollziehbare Begründung. Welche "Wunder" sollen bitte die gesammelten Daten zur Folge haben?
"Digitale Transformation" als Synonym für "pädagogische Haltung", "Demokratisierung", "Bildungsgerechtigkeit", "individuelle Lernprozesse", "Lernbegleiter" usw. ? Welche realen Interessen mögen denn dahinterstecken?
Fazit: Der Artikel vermittelt ein Bild, das wir wohl glauben sollen, gerade weil es nicht der Realität entspricht. Aber mangelt es wirklich an solchen "idyllischen Visionen"? Wir wissen eben nicht, was zu tun ist, manche behaupten es nur. Bräuchten wir nicht mal praktikable Vorschläge im Klartext?
#2 - Gemeinschaft bilden
Astrid Wolter, trifft den Nagel auf den Kopf. Man merkt, dass Sie sich im Schulbetrieb auskennt. Ihre Ideen teile ich und praktiziere sie ebenfalls, z.B. mit dem Rechenpate-Projekt, das ich an Freien Universität leite. Schulen sollten die Möglichkeit bekommen, sich als Bildungsgemeinschaften zu verstehen in denen Lehrkräfte eine zentrale Rolle spielen, aber nicht im hierarchischen Sinne, sondern als Impulsgeber in einem "Resonanzraum". Liebe Astrid, ich wünsche dir Erfolg, bleib dran! Diese Ideen sind wichtig.
Johannes Hinkelammert, Lehrkraft für besondere Aufgaben an der Freien Universität Berlin
#4 - Leadership im Reality Check
Danke für diese so wichtige Akzentuierung - Schulentwicklung ist gefragt: Im Schulbarometer geben Schulleitungen an, dass sie durchschnittlich 21% ihrer Arbeitszeit darauf verwenden. Es braucht nicht nur ein angepasstes Professionsverständnis, sondern eine an die Anforderungen angepasste Stellenbeschreibung, verbunden mit einer auf Entwicklung und Innovation ausgerichteten Fühdungsarchitektur in Schulen. Das ist vor allem für kleine Systeme wie Grundschulen eine große Herausforderung. Interessant wäre auch die Frage, wie und ob Schulaufsicht, wenn Sie Schulentwicklung fördern soll/ will, diesem systemischen Auftrag gerecht werden kann. Bei allen Reformen sollte das mitgedacht werden.
#4.1 - Rolle der Schulaufsicht
Lieber Herr Fugmann,
vielen Dank für die Kommentierung. Das sehe ich genauso: Die Unterstützung /Nicht-Unterstützung der Schulaufsicht im Veränderungsprozess ist ein wesentlicher Faktor.
A. Wolter
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