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Ich bin nach wie vor Fan von Göttingen

Nach der gescheiterten Präsidentenwahl vergangenes Jahr war

die Universität Göttingen führungslos und zerstritten. Dann übernahm

der Max-Planck-Forscher Reinhard Jahn die Leitung. Seine Mission:

die Gräben überwinden und seine Nachfolge vorbereiten.

Wie weit ist er gekommen?

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Artikelbild: Ich bin nach wie vor Fan von Göttingen

Reinhard Jahn. Fotos: Universität Göttingen/Christoph Mischke.

Herr Jahn, sind Sie der einzige Präsident einer deutschen Universität, der darauf hofft, möglichst kurz im Amt zu sein?

Da ist was dran. Ich hatte nie vor, Uni-Präsident zu werden. Aber ich habe mich meiner alten Hochschule verpflichtet gefühlt, der Universität, an der ich vor langer Zeit promoviert habe. Hinzu kam, dass der niedersächsische Wissenschaftsminister mir im vergangenen Herbst sehr eindrücklich klargemacht hat, dass er kaum eine Alternative zu meiner Person sah in dieser Übergangsperiode.

"Übergangsperiode" ist recht euphemistisch formuliert. Die Universität Göttingen hat eine einzigartige Führungskris e hinter sich. Erst die Niederlage in der Exzellenzstrategie und der angekündigte vorzeitige Abschied von Präsidentin Ulrike Beisiegel, dann die Wahl Sascha Spouns zu ihrem Nachfolger. Es folgte eine Konkurrentenklage, die Wahl wurde für fehlerhaft befunden, Spoun verzichtete. Und der Konflikt zwischen den verschiedenen Lagern an der Universität trat offen zu Tage.

Ich muss sagen, ich habe das damals alles nur aus der Ferne mitbekommen. 2017 hatte ich als externer Berater der damaligen Unipräsidentin noch bei der Ausarbeitung eines der Clusteranträge für die Exzellenzstrategie mitgeholfen. Als im Herbst 2018 klar war, dass wir aus dem Rennen waren, habe ich mich allerdings zurückgezogen. Ich bin ja offiziell seit Anfang 2019 pensioniert und wollte am Max-Planck-Institut meine Emeritus-Forschungsgruppe aufbauen. Als es im vergangenen Sommer so richtig losging mit dem Ärger, waren meine Frau und ich gerade mit einem befreundeten Professorenpaar in Urlaub, beide lehren an der Universität Göttingen. Die haben dann immer von irgendwelchen Krisen-Mails berichtet, und ich dachte: Oje, das sieht nicht gut aus. Aber ich fühlte mich nicht wirklich betroffen. Bis ich aus dem Urlaub zurück war und der Anruf des Wissenschaftsministers aus Hannover kam.

"Die legale Basis meiner Bestellung habe ich selber nicht hundertprozentig nachvollzogen."

Apropos Minister: Sind Sie überhaupt wirklich Unipräsident – oder ein von der Landesregierung eingesetzter Krisenverwalter? Die Gremien ...

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Kommentare

#1 -

Liberaler | Mo., 06.07.2020 - 13:32
"Hinter der Exzellenzcluster-Idee stand die bis heute

zu hinterfragende Annahme, dass mit großen Verbünden

die wissenschaftliche Leistung zu steigern sei."



Bravo! Aber das ist ein Satz, der es in sich hat. Er wirft die älteste Frage der Welt auf: Wer bewacht die Wächter? Platons Antwort ist bekannt: Man muss diejenigen zu Wächtern machen, die das gar

nicht wollen, weil sie nämlich besseres zu tun haben. Leute wie Jahn also, der jetzt aus Pflichtgefühl in die Göttinger Höhle hinab steigt.



In der deutschen Politik geschieht das Gegenteil: Da setzen sich nur diejenigen durch, die es mit langem Atem gerade darauf anlegen, ...

#2 -

McFischer | Mo., 06.07.2020 - 15:22
Hut ab, spannendes Interview mit guten, überlegten Aussagen. Man könnte vieles davon aufgreifen; ich nehme mal diesen Passus:



"Wir haben in Deutschland immer noch zuweilen ein paternalistisches Wissenschaftssystem mit teilweise vordemokratischen Elementen. Dass ich einen 40 Jahre alten Kollegen als Nachwuchswissenschaftler bezeichne, dass ich von einem Doktorvater spreche und dass jemand noch mit 50 Schüler oder Schülerin von diesem oder jenem Professor genannt wird, zeigt schon anhand der Wortwahl, wo wir herkommen. "



Ja, so ist es. Jetzt könnte man sagen - im Sinne meines Vorkommentators ("Liberaler"): Damals waren die deutschen Unis Weltspitze - also war das doch gar nicht ...

#3 -

Science Nerd | Mo., 06.07.2020 - 18:34
"Hinter der Exzellenzcluster-Idee stand die bis heute

zu hinterfragende Annahme, dass mit großen Verbünden

die wissenschaftliche Leistung zu steigern sei."



In der Tat ein wichtiger Satz. Der starke Fokus auf Verbünde ist auch in meinen Augen der größte Irrweg deutscher Forschungsförderung, den sich nur "Wissenschaftsmanager" ausdenken können. Eine derartige Fokussierung auf lose Großgruppen mit schwammigem Forschungsthema ist mir aus keinem anderen Land bekannt und trifft dort meiner Erfahrung nach auch nur auf Kopfschütteln. Durch solche Verbünde entsteht keine Innovation!

#5 -

Zeit"millionär" | Fr., 10.07.2020 - 16:14
Lieber Herr Wiarda,
sehr schön, daß Sie ein gutes Jahr nach den "Unruhen" um die Göttinger Uni in diesem couragierten Interview mit ungewöhnlich klaren Fragen "nachhaken". Für die ebenso couragierten und fundierten Antworten von Herrn Jahn bedanke ich mich ebenso. Die Schilderung über das noch immer exzellente wissenschaftliche Leben in Göttingen ist auch aus meiner Sicht sehr stimmig, wie man noch aus dem "Unruhezustand" merkt.

#6 -

Thomas Kaufmann | Sa., 11.07.2020 - 15:53
Da wir "Protestler" immer wieder mit dem Vorwurf konfrontiert wurden, wir seien mit unserem Protest in die Öffentlichkeit gegangen, ist hierzu eine Stellungnahme erforderlich. Herr Dr. Spoun wurde am 20.6.2019 zum Präsidenten gewählt. Unmittelbar nach der Wahl erschien eine Presseerklärung der Universität Göttingen, in der von Spouns Rolle als "Berater" der Findungskommission zu lesen war. Dies führte umgehend zu Rückfragen von unserer Seite, die wir an das Präsidium bzw. die Pressestelle richteten und die schließlich auch einige Senatoren veranlasste, gegenüber Herrn Krull nachzufragen, welches die Rolle Spouns gewesen sei. Daraufhin wandte sich Krull ans Göttinger Tageblatt und bekundete, dass alles ...

#7 -

tutnichtszursache | Di., 14.07.2020 - 00:58
Ich will in dieselbe Kerbe schlagen wie #1 und #3: Es ist wirklich bemerkenswert, auf welche höchst fundierte Weise Prof. Jahn hier die Cluster-Konzeption zerpflückt. Wie oft haben wir seit Beginn der "Exini" die Auffassung gehört, die dritte Förderlinie, die Exzellenzuniversitäten, sei irgendwie verfehlt, das Wichtigste seien doch die Cluster.

Sind sie nicht. Sie sind problematische Strukturen, wie Jahn es so schön auf den Punkt bringt, dass sie stets "gefüttert" werden sollen. Sie sind auch governancetechnisch eigenartig, da sie quer zu Professuren, zu Instituten, zu Fakultäten stehen. Das muss nichts Schlechtes sein, aber der Nachweis, dass die Cluster beachtenswerte Spitzenforschung ...

#8 -

Ostviertel-Genießer | Di., 14.07.2020 - 12:15
Mal eine ganz andere Überlegung: So eigenartig aktuelle Diskussionen und Aktionen gegen Personen der

Wissenschaftsgeschichte teilweise sind, der aktuelle Vorschlag zur Umbenennung der Georg-Augusta in Emmy-Noether Uni hat einen gewissen Charme: einerseits in der Frauenfrage und andererseits käme endlich mal die enorme Wirkung der Göttinger Mathematik (disziplinär und vor allem interdisziplinär) zum Tragen. Der eigentliche Witz könnte aber sein, daß man damit vielleicht zur Überwindung der 2019 zum Tragen gekommenen Krise an dieser Universität beiträgt.

#9 -

Laubeiter | Do., 23.07.2020 - 12:48
Nobelpreise, Clusters, Governances - MPG-DirektorInnen gewinnen Nobelpreise, sind in Clusters tätig, und hier wird einer befragt, der sich über Clusters äußert. Im einzigen Exzellenzcluster Göttingens sind 28 PIs tätig, davon 12 aus drei MPIs, 10 vom Klinikum, 5 aus der Universität und 1 vom DZNE. Man könnte sagen, dass es ein MPI-Klinik-Cluster ist, an dem die PIs der Universität mitarbeiten dürfen, oder? Wenn, wie Jahn sich wünscht, Universitäten wieder ohne Mithilfe der MPG und ohne EXC Nobelpreise hervorbringen sollen, so müsste ihnen für einzelne PIs eine Förderung zur Verfügung stehen, wie sie die MPG für ihre DirektorInnen bieten kann. Zumindest ...

#10 -

Baumwipfelpfad | Do., 23.07.2020 - 16:58
@Laubeiter: Hier wird m.E. ein sehr wunder Punkt der letzten Exzellenz-Initiative der Universität Göttingen getroffen, der nach meiner Kenntnis bislang nicht aufgearbeitet wurde. Es wäre interessant gewesen, hierzu
eine Einschätzung von Herrn Jahn zu kennen.

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