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Bitte keine Scheinlösungen

Auch Luftfilter bieten den Schulen keine Sicherheit in der Pandemie. Was wir endlich brauchen, ist eine ehrliche Debatte über Risiken und deren Abwägung.

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Artikelbild: Bitte keine Scheinlösungen

Foto: Elchinator / Pixabay.

ICH WÄRE GERN für Luftfilter in allen Klassenräumen bis zum Ende der Sommerferien. So, wie ich für die priorisierte Impfung für alle Lehrkräfte war. Oder für die Pflichttests in den Schulen. Doch ich kann nicht. Und das möchte ich erklären. Um dann in einem zweiten Schritt die dringend nötige Debatte über Risiken und deren Abwägung zu befördern.

Im Frühjahr haben sich die Gewerkschaften und Lehrerverbände mit Verve dafür eingesetzt, dass Pädagogen bevorzugt geimpft werden. Dies sei, hieß es, eine zentrale Voraussetzung, damit wieder Regelunterricht in den Schulen stattfinden könne.

Ich war zunächst skeptisch. Weil ich der Meinung war, dass wir uns bei der Vergabe des knappen Impfstoffs an Alter und persönliche Risikofaktoren halten sollten. Für Lehrkräfte aber gab es – im Gegensatz zu Erzieherinnen – keine statistisch eindeutigen Belege für ein erhöhtes Erkrankungsrisiko gegenüber dem Bevölkerungsschnitt.

Mir behagte der Gedanke nicht, dass demnächst gesunde Dreißigjährige geimpft sein würden, während viele Mittfünfziger mit Vorerkrankungen weiter auf einen Termin warteten. Doch da die Impfkampagne zunehmend ausfranste und plötzlich gefühlt ohnehin fast jeder von irgendeiner Ausnahme profitierte, dachte ich irgendwann: Also gut. Dann plädiere ich auch dafür, dass die Lehrer prioritär drankommen. Wenn sich dafür ihre Repräsentanten in einer nächsten Corona-Welle für das Offenhalten der Schulen einsetzen.

Die Lehrkräfte wurden geimpft, doch die Ziele der Debatte verschoben sich

Doch je mehr Lehrkräfte geimpft waren, desto mehr verschob sich die Debatte. Auf die ebenfalls noch nicht geimpften Familienangehörigen von Kindern und deren Gefährdung durch den Präsenzunterricht. Auf die Risiken für die Kinder selbst (zu denen ich später noch komme). Auf die Forderung, die Pflichttests mehrmals pro Woche trotz inzwischen niedriger Inzidenzen fortzusetzen. Und die Maskenpflicht im Unterricht beizubehalten.

Wiederum pflichtete ich bei: Es sei vernünftig, schrieb ich, an den Schulen weiter vorsichtig zu sein, wenn dies der Preis offener Schulen sei. Obgleich, fügte ich hinzu, die rigide Behandlung der Kinder im Vergleich zum Umgang mit den Erwachsenen (keine Pflichttests im Büro, eklatantes Laissez-faire ...

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Kommentare

#1 -

Jörg Abke | Di., 29.06.2021 - 13:38
Lieber Herr Wiarda,

wieder einmal ein sehr wertvoller Beitrag, der zur Relativierung der Betrachtungen und zum Nachdenken über allzu vorschnelles Fordern aufruft.

Leider empfinde ich jedoch diese Faktorisierung der Risiken gegeneinander als wenig hilfreich, sonder gar als zynisch. Leid wie Schmerzen oder Verlust (eines Menschen) lassen sich schwer bis gar nicht messen. Es ist individuell empfunden und je Einzelfall zu betrachten.

Aber zurück zu Lebensrisiken. Eine Ausstattung von Öffentlichen Nahverkehrsmitteln mit virenminierenden Ent-/Belüftungs- und Klima-systemen wären ja mal eine öffentliche Aufgabe für alle Nutzer:innen, die auch seit > 14Monaten hätte angegangen werden müssen.

#2 -

Working Mum | Di., 29.06.2021 - 14:09
Wie immer volle Zustimmung. Spätestens, wenn alle involvierten Erwachsenen (Lehrkräfte und enge Familienmitglieder) die Möglichkeit hatten, sich impfen zu lassen, kann die Abwägung allein zwischen den Risiken einer möglichen Coronaerkrankung der Schüler*innen sowie Einbußen im schulischen und sozialen Lernen bestehen. Das Ergebnis dieser Abwägung liefern uns die Kinder- und Jugendmediziner*innen und -psycholog*innen.

#3 -

Birger | Di., 29.06.2021 - 17:58
Vielen Dank, Herr Wiarda für diese Ausführungen. Ich möchte gerne das Fazit der STIKO zur Impfempfehlung von Jugendlichen hinzufügen:



"Nach Einschätzung der STIKO sind Kinder nicht die Treiber des Pandemiegeschehens. Viele Kinder und Jugendliche infizieren sich asymptomatisch mit SARS-CoV-2 und wenn Kinder und Jugendliche ohne Vorerkrankungen erkranken, ist der COVID-19-Krankheitsverlauf meist mild. Hospitalisierungen und intensivmedizinische Behandlungen aufgrund von COVID-19 sind selten und bisher traten nur einzelne Todesfälle bei schwer Vorerkrankten auf. Die Krankheitslast von COVID-19 bei Kindern und Jugendlichen im Alter von 12–17 Jahren ist

mit der Krankheitslast von Influenza in dieser Altersgruppe vergleichbar."



Jetzt müssen wir uns also überlegen, ...

#4 -

Vater von 4 | Di., 29.06.2021 - 18:18
Ich fasse mal den Beitrag zusammen:

"Die Bildung & die kleinen Blagen namens "Kinder" sind uns zwar irgendwie wichtig und so, aber die dürfen auch bitte nix kosten & keine Arbeit verursachen. Die Eltern, die sich sorgen, sollen einfach den Mund halten und weiter arbeiten gehen."

#5 -

RudiPf | Di., 29.06.2021 - 22:56
Kurz zur Erinnerung, dass jeder der nicht geimpft wird sich nahezu sicher infizieren wird, solange die weltweite Herdenimmunität nicht erreicht ist.



Von den erwähnten rund 14 Mio weitestgehend ungeimpften Kinder und Jugendlichen werden, siehe Artikel, ca 1,7% stationär behandelt, also rund 240.000. Was etwas mehr ist, als die erwähnten schwer Verletzten.



Die Sterbewahrscheinlichkeit in der Altersgruppe liegt bei 1/10.000 also können wir mit rund 1400 toten Covid erkrankten Kindern und Jugendlichen rechnen. Was ungefähr der jährlichen Anzahl an Todesfälle pro Jahr in dieser Altersgruppe entspricht.



Erwähnen ließe sich noch LongCovid bei den Kindern und Jugendlichen, sowie der Effekt auf die ...

#7 -

Birger | Mi., 30.06.2021 - 12:12
Lieber RudiPf,



ich möchte Ihre Berechnung etwas relativieren. Die 1,7% Krankenhausaufenthalte beziehen sich auf die nachgewiesenen 266.000 Infektionen unter Kindern. Antikörperstudien zeigen aber, dass schon mehr als 10% der Kinder (und Erwachsenen) mit Corona in Kontakt waren. Das wären also mindestens 1.400.000 Kinder. Das senkt das tatsächliche Risiko der Kinder um mehr als den Faktor 6. Auch muss man beachten, dass nur jedes 100. ins Krankenhaus aufgenommene Kind auf die Intensivstation musste. Ich stimme Ihnen aber zu, dass die Impfung der Risikogruppen unter Kindern die Krankheitslast noch einmal fast um eine Größenordnung senken würde. Wenn Sie das alles zusammen nehmen, ...

#8 -

H.B. | Mi., 30.06.2021 - 12:34
Wie (fast) immer an dieser Stelle eine treffende Analyse, die mir in dem Fall als Vater aus dem Herzen und als Wissenschaftler aus dem Kopf (leider gibt es dafür keine Redewendung) spricht.



"Auf die Wissenschaft hören" heißt,



- alle Disziplinen betrachten (nicht nur Medizin, sondern auch z.B. Bildungswissenschaften und Mathematik/Statistik)

- vorliegende Fakten zur Kenntnis nehmen

- die daraus folgenden Schlüsse zu Ende denken.



Sie, Herr Wiarda, tun das.



Herzlichen Dank !



Zur GEW: Sie ist eine Gewerkschaft, vertritt die Interessen ihrer Mitglieder, das ist in Ordnung so.

Man würde aber auch nicht (nur) die IG Metall fragen, ob bzw. ...

#9 -

Jakob Wassink | Mi., 30.06.2021 - 13:59
Vielen Dank für die hervorragende Analyse!

Zwei kleine Punkte:
Für den breiten Einsatz von Luftfiltern müsste wohl die Elektronik in vielen Gebäuden erst einmal ertüchtigt werden.
Zur Risikoabwägung gehören die wohl doch sehr häufigen langwierigen psychischen Erkrankungen unserer Kinder. Erkrankungen

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