Direkt zum Inhalt

Die Frage richtig stellen, die Antwort nicht mehr scheuen

Wissenschaft hat ein Problem mit #MeToo und Machtmissbrauch. Schon die Feststellung ist nicht selbstverständlich. Aber was folgt aus ihr für Hochschulen und Forschungseinrichtungen?

HAT DIE WISSENSCHAFT ein #MeeToo-Problem, fragt der Spiegel in seiner aktuellen Ausgabe. Genauso gut kann man fragen: Hat die Wissenschaft ein Problem mit Machtmissbrauch? Doch sind beide Fragen falsch gestellt. Die richtige Frage lautet: Wie groß sind diese Probleme?

Verwunderlich an dieser Feststellung ist zunächst einmal gar nichts. Wo viele Menschen zusammenkommen und sich in Hierarchien und gegenseitigen Abhängigkeiten bewegen, wo es um Reputation geht und Geld und Karrierechancen, wachsen die Gelegenheiten so schnell wie die Versuchungen. Tatsächlich gibt es sogar wenige gesellschaftliche Systeme, in denen so viel Hierarchie auf so viel Abhängigkeit trifft und auf so wenig gesicherte Berufsaussichten.

Verwunderlich ist insofern vor allem, dass es immer noch Leute gibt in der Wissenschaft, die so tun, als seien Hochschule oder Forschungsinstitute ethisch gesehen besondere Orte, durch das hehre Streben nach Aufklärung und Erkenntnis irgendwie gewappnet gegen die Auswüchse menschlichen Fehlverhaltens. Die Wahrheit ist freilich: Wer sich – und sei es aus einer emphatisch-schwärmerischen Überhöhung der Wissenschaft – gegen das Eingeständnis einer systematischen Schieflage in der Wissenschaft wehrt, ...

Sie sehen die gekürzte Fassung dieses Artikels

Der volle Zugang zu Artikeln, die älter sind als vier Wochen, ist nur für registrierte Unterstützer des Wiarda-Blogs vorgesehen.

Sind Sie bereits ein registrierter Benutzer / Unterstützer?
Hier können Sie sich einloggen.

Nein, ich habe noch kein Benutzer / Unterstützer-Konto:
zur Anmeldung

Kommentare

#1 -

dani | Di., 20.12.2022 - 13:50
Vielen herzlichen Dank für diesen wirklich wichtigen Artikel!
Und vielleicht noch als ergänzender Hinweis für die geneigte Leser*innenschaft ein Verweis auf die "Vignetten-Sammlung" der AG Macht und Gender in der Wissenschaft, die recht niedrigschwellig einen (eher grauenhaften) Einblick in die Facetten von Machtmissbrauch in der Wissenschaft bietet: https://gender-macht-wissenschaft.de/

#4 -

Heinz Fehrenbach | Di., 20.12.2022 - 18:11
Herzlichen Dank für diesen engagierten und (leider) so zutreffenden Beitrag!

Es gibt so viele Passagen, die sich zu zitieren lohnten, aber am wichtigsten für mich persönlich ist folgendes "Und wer jetzt entgegnet, das sei doch nicht der Normalfall, es laufe an so vielen Stellen besser und anders, der hat Recht und doch den Kern des Problems nicht verstanden."

Diejenigen, die mit einer solchen Haltung, das Thema Machtmissbrauch klein halten, tragen so zur Stabilisierung der Machtmissbrauch begünstigenden Strukturen und Kultur bei. Es ist höchste Zeit, die Augen zu öffnen und Strukturen wie Kultur in der Wissenschaft zu ändern!

#5 -

Tobias | Di., 20.12.2022 - 19:19
Der Elefant im Raum ist doch, dass MeToo in grossen, buerokratischen Organisationen wo Beamte viel Macht haben bisher kaum greift-ob das nun Unis, Schulen oder Ministerien sind, sobald es um Beamte geht passiert kaum etwas. Auch der Spiegel-Artikel macht deutlich, dass die Uni Köln eigentlich nichts mehr gemacht hat als klar war, dass man "Professor Möller" nichts strafrechtlich belastbares vorwerfen konnte. Die Schul-Rektorin, der Professor, der Referatsleiter können eben nicht "entlassen" werden und disziplinarisch kommt am Ende auch bei viel Arbeit der Institution meistens sehr wenig bei raus. Viele Beamte sind finanziell solide gestellt, können sich gute Anwälte leisten und ...

#6 -

RedStar | Di., 20.12.2022 - 19:35
Siehe den aktuellen Falls aus Lund. Dort wird zum 1.1.2023 das Astronomy Departement geschlosse, weil 2 Professoren jahrelang gemobbed und Machtmissbrauch betrieben. Nature hat darüber berichtet, aber auch schwedische Zeitungen. Passiert ist den beiden Professoren nichts. Sie behalten ihren Job, und wurden nun auf andere Departments verteilt. Sie leben sogar zusammen. Die Lund Uni tut sich schwer mit der Aufklaerung, die Opfer haben keine Entschaedigung bekommen imho. Sie wurden aus ihren Karrieren gedraengt.

Dem Journalismus ist insofern vorzuwerfen, dass sie die Taeter schuetzen. Nur Nature war bisher mutig genug, die Professoren zu namentlich zu nennen.

https://www.nature.com/articles/d41586-021-01621-8

Quelle: https://www.dn.se/sverige/konflikten-som-knackte-en-hel-institution/

#7 -

Edith Riedel | Mi., 21.12.2022 - 10:15
Der Muff von 1000 Jahren, um hier ein geflügeltes Wort zu verwenden, hat sich sehr gut gehalten. Die Talare sind zwar verschwunden, aber auch im feinen Anzug lässt sich trefflich Machtmissbrauch betreiben. Eine tiefgreifende Änderung kann ich mir hier nur schwer vorstellen, da diejenigen, die mit ihrer Macht verantwortungsvoll umgehen, ihre machtmissbrauchenden Kolleg*innen nicht in die Schranken weisen, sondern den Machtmissbrauch tolerieren oder gar aktiv decken.

#8 -

René Krempkow | Mi., 21.12.2022 - 13:54
Für mich sind die Kernsätze:

"Deshalb braucht es zum anderen das ehrliche und mutige Commitment in den Führungsetagen der Wissenschaft: zur Regulierung der Promotionsbetreuung durch die Bestimmung einer Höchstzahl pro Professor betreuter Doktoranden. Zur vollständigen Entflechtung von Betreuung und Begutachtung der Qualifikationsarbeiten. Zur Einrichtung von deutlich mehr Dauerstellen unterhalb der Professur, die keineswegs finanziell unmöglich sind, wenn geeignete fakultäts- oder sogar hochschulweiten Modelle eingeführt werden."



Zum im Vergleich zu anderen Ländern extrem hohen Befristungsanteil und zur Unberechenbarkeit der Karrierewege, die die erwähnte Abhängigkeit bedingt, ist eigentlich längst alles gesagt und hier sind hoffentlich Verbesserungen mit dem neuen WissZeitVG auf dem ...

#9 -

burgi | Mi., 21.12.2022 - 14:19
So wie den Doktorandinnen im Spiegel-Artikel ergeht es nach eigener Erfahrung jedem (Student*innen, Mittelbau, aber auch, gerne vergessen, Sekretär*innen), der*die Machtmissbrauch von Professor*innen innerhalb der eigenen Institution aufzeigen möchte. Victim Blaming ("Warum lassen die das auch mit sich machen?"), wegsehende oder herunterspielende Kolleg*innen ("ein paar Macken gehören in der Wissenschaft einfach dazu, und wir hatten es früher auch nicht leichter") und Verwaltungen, die ignorieren, abwiegeln oder direkt zu Diskreditierungsversuchen übergehen. Dazu kommt, dass Aussitzen für Professor*innen und Universitäten die einfachste und erfolgsversprechendste Option ist, der Vertrag der Störenfriede läuft in der Regel ja eh nach spätestens drei Jahren aus. Halbgare ...

#10 -

St. Ivo | Mi., 21.12.2022 - 17:01
1) Wer die Persönlichkeitsrechte eines von einem Disziplinarverfahren Betroffen achtet, handelt nicht "defensiv" und "auf Selbstschutz bedacht", sondern tut, was unsere Rechts- und Verfassungsordnung nun einmal fordert. Wollen Sie das im Ernst kritisieren?



2) Offenbar weiß niemand, in welchem Stadium sich das Disziplinarverfahren derzeit befindet. Dass es nach drei Jahren mit einer bestandskräftigen Entscheidung geendet hat (= nach Ausschöpfen aller Rechtsmittel des Betroffenen), wäre auch außerhalb der Pandemie ganz unwahrscheinlich gewesen, um so mehr ist es dies unter den Bedingungen der letzten drei Jahre. Worin genau besteht also der Vorwurf gegen die Universität?



3) Wenn die Vorwürfe stimmen, ist der ...

#11 -

Nina Schmidt | Mi., 21.12.2022 - 18:44
Danke hierfür! Jedes Wort sitzt. Den wertschätzenden Kommentaren, die vor mir kamen, kann ich nur noch beipflichten.

Sie schreiben über die (dt.) Wissenschaft: "Tatsächlich gibt es sogar wenige gesellschaftliche Systeme, in denen so viel Hierarchie auf so viel Abhängigkeit trifft und auf so wenig gesicherte Berufsaussichten." Ein anderes, das mir hier noch einfällt, ist die Theaterwelt. Und auch aus der kenne ich anekdotisch schlimme Geschichten, die niemals aufgearbeitet werden.

#12 -

Noch 'ne Hanna | Do., 22.12.2022 - 09:36
@St. Ivo: Die Universität hat nach Einschaltung des Rektors sehr wohl gravierende Fehler begangen und Ihr Kommentar zeigt die Einseitigkeit im Vorgehen der Universitätsleitung auf, die zu diesen Fehlern geführt haben.



Wenn z.B. zwischen dem Schreiben an den Rektor und einer Antwort vom Rektor vier Monate vergehen, dann wurde offensichtlich der Beschleunigungsgrundsatz und damit auch das Legalitätsprinzip missachtet: Disziplinarische Ermittlungen sind anderen Amtsgeschäften vorrangig, gerade weil sie so belastend für alle Beteiligten sind. Die Vorwürfe sind wegen der Vielzahl von Einzelhandlungen ausreichend für eine Disziplinarklage, so dass der Sachverhalt nicht von der Universität vollständig ausermittelt werden muss, weil die Tatsachenfeststellung ...

Neuen Kommentar hinzufügen

Ihr E-Mail Adresse (wird nicht veröffentlicht, aber für Rückfragen erforderlich)
Ich bin kein Roboter
Geben Sie die Zeichen ein, die im Bild gezeigt werden.
Diese Sicherheitsfrage überprüft, ob Sie ein menschlicher Besucher sind und verhindert automatisches Spamming.

Nachfolgende Beiträge in dieser Kategorie


  • Artikelbild: Sachsen muss sich entscheiden

Sachsen muss sich entscheiden

Wissenschaft ohne Weltoffenheit ist unmöglich. International erfolgreiche Forschung wollen und gleichzeitig Menschenfeindlichkeit als "Verkürzung" verharmlosen geht daher nicht zusammen.


  • Artikelbild: Mit dem Modell der 70er Jahre gewinnen wir nicht das 21. Jahrhundert

Mit dem Modell der 70er Jahre gewinnen wir nicht das 21. Jahrhundert

Deutschland hat sich fast trotzig in eine Innovationskrise hineinmanövriert. Die Frage ist nicht nur, wie wir wieder herauskommen. Sondern vor allem, ob wir es überhaupt wollen. Ein Essay als Jahresausblick.


  • Wenn schon verglichen wird, dann bitte fair

Wenn schon verglichen wird, dann bitte fair

Warum der "Kerndatensatz Forschung" nichts nur für statistische Feinschmecker ist, sondern allen in der Forschung den Arbeitsalltag erleichtert: ein Interview mit Simone Fulda über unnötige Zeitverschwendung, die Qualität von Daten und den Kampf gegen die Kommerzialisierung.