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Damit die große Reform mehr wird als ein Etikettenwechsel

"CoARA" will die Forschungsbewertung grundlegend verändern. Doch ohne klare Kriterien wird die Umbruchphase gerade für junge Forschende zur Belastungsprobe. Ein Gastbeitrag von Carina Geldhauser.

Portraitfoto Carina Geldhauser.

Carina Geldhauser ist Senior Scientist an der ETH Zürich. 2022 wurde sie Mitglied der Global Young Academy und gehört dem Vorstand 2025/26 an. Sie vertritt die GYA in der Koalition zur Reform der Forschungsbewertung (CoARA). Foto: Anna Schroll / Deutsche Gesellschaft Juniorprofessur.

DIE EUROPÄISCHE KOMMISSION hat die Reform der Forschungsbewertung zu einem wissenschaftspolitischen Schwerpunktthema für den Europäischen Forschungsraum gemacht. Es geht um die Förderung von Open Science und Reproduzierbarkeit und um den Kampf gegen die Fehlanreize bestehender Metriken– von "highly cited researchers" bis zu Zitierkartellen, Paper Mills oder Predatory Publishing. 

In Deutschland indes werden die Reformbemühungen zum Anlass genommen, um die nie abreißende Debatte um eine zunehmende Bürokratisierung der Wissenschaft zu schüren. Die Hochschulrektorenkonferenz warnte sogar, dass die Exzellenz der Forschung oder sogar die Wissenschaftsfreiheit in den Hintergrund geraten könnten.

Kaum irgendwo finden sich jedoch Diskussionen darüber, welche Chancen eine ernsthaft betriebene Reform der Forschungsbewertung gerade für Wissenschaftler:innen in einer frühen Karrierephase, den sogenannten "early career researchers" (ECR), haben könnte. Dabei sind sie es, die ständig bewertet werden, sei es für Bewerbungen auf Stellen, bei Drittmittelanträgen oder für die Organisation von Minisymposia auf wichtigen Konferenzen – und natürlich für Preise, Auszeichnungen und Anerkennungen.

Als junge Wissenschaftler:innen glauben wir an Objektivität. Das Prinzip der Bestenauswahl gilt uns als Inbegriff von Fairness. In der Praxis jedoch wird Exzellenz allzu oft auf zählbare Größen reduziert, auf Publikationszahlen, Journal-Impact-Faktoren, eingeworbene Drittmittel. Das Damoklesschwert – "Nur das, was in Scopus indiziert ist, zählt", lautete im vergangenen Jahrzehnt etwa die Ansage des italienischen Wissenschaftsministeriums – treibt nicht nur die oben beschriebenen Blüten, sondern verleitet (oder zwingt?) zum Egoismus: Lohnt sich allzu große Sorgfalt beim Schreiben einer Monographie? Sind Community-Projekte – Datenbanken oder fachspezifische Wikis, kuratierte Datensätze, Softwareentwicklungen und -pflege – womöglich eher Karriererisiko als wichtiger Teil der Forschungsarbeit?

Übersetzungslücke in die Praxis

Genau hier setzt die Koalition für die Reform der Forschungsbewertung, CoARA, an, die von der Europäischen Kommission mitinitiiert wurde. Alle Unterzeichner verpflichten sich, die Vielfalt der Beiträge zur Forschung und der Forschungskarrieren anzuerkennen, entsprechend den Erfordernissen und der Natur der jeweiligen Disziplin. Die spezifische Nennung des Teamgedankens und der Kollaboration soll helfen, die notwendige, zeitaufwändige Arbeit mit Daten im Hintergrund angemessen zu honorieren, der Open-Science-Gedanke ist zentral.

Persönlich erlebe ich diese Debatten nicht nur als Betroffene, sondern auch aus einer zweiten Perspektive: Als Mitglied und Vorstandsmitglied der Global Young Academy und als Vertreterin der GYA in CoARA arbeite ich selbst an genau diesen Reformprozessen mit. Ich sehe, wie stark die Erwartungen junger Forschender weltweit sind. Ich sehe, dass mittlerweile über 800 Hochschulen und Forschungsinstitute aus Deutschland, Europa und weltweit CoARA-Mitglieder geworden sind – inklusive einflussreiche Akteure wie die DFG und mehrere Exzellenzuniversitäten. Ich sehe aber auch, wie groß immer noch die Übersetzungslücke in die Praxis ist.

Gerade für junge Wissenschaftler:innen in Deutschland, die überdurchschnittlich lange in unsicheren, befristeten Anstellungen auf ihre Tenure-Chance warten, scheint CoARA wie ein Befreiungsschlag: selbst entscheiden zu können, für welche Ideen man seine Zeit investiert. Mit dem Wissen, dass bei jeder Tätigkeit nicht nur Kompetenzen erworben und geschärft werden. Und mit der Aussicht, dass auch Peer Review, Outreach oder Gremienarbeit als integrale Bestandteile wissenschaftlicher Profile anerkannt werden.

Schwerer zu ertragen als die alten Regeln

Doch die Wirklichkeit ist so weit noch nicht. Im Gegenteil: Viele ECRs erleben sich derzeit als Leidtragende einer Umbruchphase. Unklare Bewertungskriterien sind oft schwerer zu ertragen als schlechte, aber zumindest bekannte Regeln. Wer nicht weiß, wonach er oder sie beurteilt wird, kann kaum strategisch handeln.

Bisherige Anpassungen, wie die DFG-Regelung "10 Publikationen und 10 weitere Outputs" sind gute erste Schritte, aber sie reichen bei Weitem nicht aus. Die Möglichkeit, "Extras" im Lebenslauf anzugeben, existierte schon früher, und schon immer gab es vermeintlich "weiche Faktoren" in Berufungs- und Beförderungskommissionen. Mit bewussten Hinweisen auf diese wurde jungen Wissenschaftler:innen denn auch die ein oder andere umfangreiche, unangenehme Zusatzaufgabe angetragen.

Wenn die Reform mehr sein soll als ein Etikettenwechsel, braucht es den nächsten Schritt: Fach-Communities müssen die CoARA-Verpflichtungen in konkrete, disziplinenspezifische Kriterien übersetzen. Und sie müssen dies gemeinsam mit denjenigen tun, die am stärksten betroffen sind, nämlich den jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern.

Genau dafür steht auch die Global Young Academy ein: durch ihre Mitarbeit bei CoARA, aber auch dadurch, dass sie ihre eigene Mitgliederauswahl nach den CoARA-Grundsätzen trifft und sich bemüht, die Diskussion über Exzellenzkriterien über Europa hinaus zu öffnen.

Kulturwandel entsteht nicht durch Unterschriften unter Deklarationen oder durch Hochglanzbroschüren. Er entsteht dort, wo Entscheidungen fallen: in den Fachkollegien, den Auswahlpanels und Berufungskommissionen. Nur wenn sich dort Bewertungsmaßstäbe sichtbar und glaubwürdig verändern, wird aus Reform tatsächlich Praxis.

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