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"Und daraus resultiert nichts"

Ja, Jugendliche dürfen inzwischen mehr mitreden, wenn es um Social-Media-Verbote geht. Aber werden sie auch gehört? Ein Bremer Abiturient und eine Bildungs-Start-up-Gründerin diskutieren bei "Wiarda wundert sich" über digitale Medien im Unterricht, echte Beteiligung – und warum Befähigung mehr bewirkt als reines Abschirmen.
Collage aus dem Cover des Podcasts

Fotos Mülhens und Belmadani: privat.

DIE DEBATTE über Jugendliche und Social Media klingt oft, als gebe es nur zwei Lager: verbieten oder laufen lassen. Elliot Belmadani, Abiturient aus Bremen, findet genau das falsch. Natürlich gebe es Gefahren, sagt er im Gespräch mit Jan-Martin Wiarda. "Aber wir brauchen auch trotzdem Befähigung, ein reines Verbot bringt es nicht."

Belmadani ist bildungspolitisch engagiert, unter anderem in der Bundesschülerkonferenz, in der Kampagne "Uns geht’s gut?" zur mentalen Gesundheit von Jugendlichen und in der Gesamtschülervertretung Bremen. In der öffentlichen Auseinandersetzung, sagt er, werde zwar inzwischen mehr mit Jugendlichen gesprochen als früher. Nur folge daraus oft wenig. Jugendliche dürften ihre Meinung sagen – "und aus dieser Meinung resultiert nichts".

Genau darum geht es in dieser Folge von "Wiarda wundert sich": um die Frage, wie eine Debatte über Social Media, Schutz, Regulierung und Eigenverantwortung aussehen muss, wenn Jugendliche darin nicht nur Gegenstand, sondern Gesprächspartner sind. Neben Belmadani sitzt Nina Mülhens mit in der Runde, Mitgründerin des gemeinnützigen Bildungs-Start-ups DigitalSchoolStory. Erwachsene hätten selbst nicht gelernt, souverän mit Social Media umzugehen, sagt sie. Die eigene Unsicherheit werde dann schnell auf Jugendliche übertragen. "Angst ist ein Verstärker von Unsicherheit."

Belmadani beschreibt eine Position, in der sich viele Jugendliche wiederfinden dürften: Ja, Social Media berge Risiken. Nein, ein pauschales Verbot sei keine überzeugende Antwort. Entscheidend sei ein fairer, differenzierter Diskurs über Vor- und Nachteile, Schutzbedarfe und Freiheitsräume. Natürlich brauche es Schutz und Altersgrenzen, sagt auch Mülhens. Aber ein Verbot allein löse das Problem nicht. Auch dann könnten Jugendliche über weitergereichte Geräte oder fremde Logins Zugang bekommen. Und im schlimmsten Fall gingen sie gerade nicht mehr zu ihren Eltern, wenn ihnen online etwas Belastendes widerfahre, weil sie wüssten: Eigentlich durften sie dort gar nicht sein.

Was Befähigung konkret heißen kann, zeigt das 2020 gegründete DigitalSchoolStory. Schülerinnen und Schüler der Klassen 5 bis 13 übersetzen dabei Unterrichtsinhalte in kurze Videos im Stil sozialer Medien wie TikTok oder Instagram. Die Methode wird an Schulen, Berufsschulen und Hochschulen eingesetzt und wurde vom Fraunhofer-Institut FIT wissenschaftlich evaluiert. Finanziert wird DigitalSchoolStory aus Schulbudgets, über Fördervereine, Stiftungen, Unternehmen und Ministerien. Bis Ende 2025 hat das Projekt bundesweit rund 16.500 Schülerinnen und Schüler erreicht, an rund 140 Schulen ist DigitalSchoolStory nach Angaben von Mülhens bereits präsent. Das reichlich ehrgeizige Ziel bis 2030: eine Million Schülerinnen und Schüler.

Belmadani hat DigitalSchoolStory selbst als Neuntklässler durchlaufen. Sein Thema damals: quadratische Ergänzungen. Klingt erst einmal wenig social-media-tauglich. Doch seine Gruppe machte daraus ein Kurzvideo über einen Speerwurf, die Parabelform der Flugbahn und die Frage, wo der Scheitelpunkt liegt. Entscheidend sei nicht nur das Video am Ende gewesen, sagt Belmadani, sondern der Weg dorthin: diskutieren, visualisieren, streiten, verstehen. "Wenn man über was diskutiert, dann braucht man einfach ein tieferes Verständnis, als wenn man es einfach nur aufnimmt."

Für Belmadani folgt daraus ein doppelter Ansatz: Plattformen stärker regulieren – und Jugendliche befähigen. Der Digital Services Act der EU müsse konsequent durchgesetzt werden, sagt er. Zugleich dürfe man nicht so tun, als verschwinde das Problem, wenn Jugendliche nur lange genug ferngehalten würden. "Dann sind das die Menschen, die später in die Gesellschaft rausgehen und dann auf einmal mit dieser ganzen Welt konfrontiert sind."

Für seine Abiturvorbereitung habe er viel mit digitalen Lernvideos gearbeitet, erzählt Belmadani, besonders mit längeren Erklärformaten. Soziale Medien könnten Bildung niedrigschwelliger, jugendlicher und zielgruppengerechter zugänglich machen.

Für Mülhens ist Schule deshalb ein möglicher Ort, an dem Jugendliche nicht nur Regeln lernen, sondern Verantwortung übernehmen. Nicht, indem Lehrkräfte sich zurückziehen, sondern indem sie stärker begleiten. Bei DigitalSchoolStory entstehe am Ende zwar ein digitales Produkt. Der eigentliche Kern aber sei analog: miteinander arbeiten, argumentieren, aushalten, dass andere eine andere Idee haben.

Belmadani bringt bei DigitalSchoolStory inzwischen ehrenamtlich die Praxisstimme aus Schülerperspektive ein und ist Co-Host des Projekt-Podcasts "Lunchbox". Besonders interessiert ihn, wie Gruppenarbeit so gestaltet werden kann, dass Diskussionsfähigkeit, Aushalten anderer Meinungen und demokratische Kompetenzen stärker eingeübt werden.

Ein Podcast über Social Media, Schule und die Frage, warum Jugendliche in der Auseinandersetzung mehr sein müssen als Schutzobjekte – und warum sie mehr brauchen als Verbote: nämlich Räume, in denen sie lernen, Verantwortung zu übernehmen. JMW.



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