BALD IST WIEDER PISA. Am 8. September zeigt sich, ob Deutschlands 15-Jährige den jahrelangen Leistungsabstieg stoppen konnten – oder weiter zurückfallen. Wie gut können sie lesen, rechnen oder naturwissenschaftliche Zusammenhänge verstehen? Wie groß ist die Gruppe der besonders Leistungsschwachen? Und wo steht Deutschland nach einem Vierteljahrhundert PISA?
Einer kennt die Ergebnisse schon, darf aber noch nicht darüber reden: Samuel Greiff, Psychologe, Bildungsforscher und Professor an der Technischen Universität München. Als Leiter des Zentrums für internationale Bildungsvergleichsstudien verantwortet er die deutsche Durchführung von PISA.
Was PISA leisten kann, beschreibt Greiff in einer neuen Folge von "Wiarda wundert sich" mit einem Bild: "Im Dunkeln sehen alle Bildungssysteme gleich aus." Die Studie habe das Licht angeknipst. Plötzlich sei sichtbar geworden, wo Deutschland international stand, wie andere Staaten Bildung organisierten – und wie sich die Kompetenzen der Jugendlichen über die Zeit entwickelten.
Der erste PISA-Schock traf Deutschland Ende 2001 mit voller Wucht: Beim Lesen, Rechnen und in den Naturwissenschaften fanden sich die deutschen Jugendlichen fast durchgängig im letzten Drittel der 32 Teilnehmerländer wieder, mehr als jeder fünfte gehörte beim Lesen zur Risikogruppe. Vor allem aber beendete PISA die Selbstgewissheit, Deutschland habe eines der besten Schulsysteme der Welt. Der Schock setzte ungeahnte Reformkräfte frei. Bis 2015 habe sich Deutschland "in die Spitzengruppe vorgearbeitet", sagt Greiff.
Vom Aufstieg zum Rückfall
Seitdem geht es aber wieder abwärts – und längst nicht nur bei PISA. Beim IQB-Bildungstrend 2021, der Viertklässler in Deutsch und Mathematik testete, lagen die Kinder je nach Kompetenzbereich ein Viertel- bis ein halbes Schuljahr hinter dem Stand von 2016. Bei den Bildungstrends 2022 und 2024 waren die Neuntklässler an der Reihe. 2022 stiegen zwar ihre Englischleistungen, doch die Deutschkompetenzen gingen binnen sieben Jahren je nach Bereich grob um ein bis zwei Schuljahre zurück. In Mathematik, Biologie, Chemie und Physik lagen die 2024 getesteten Jugendlichen je nach Fach etwa ein halbes bis ein Schuljahr hinter dem Stand von 2018.
Könnten erneut schwache PISA-Ergebnisse überhaupt noch einen Schock wie 2001 auslösen? Oder hat sich Deutschland längst an solche Befunde gewöhnt? Greiff warnt vor einem Ritual: Eine neue Studie erscheint, die Zahlen sind ernüchternd, die Empörung ist groß, Bildung wird kurz zum wichtigsten Thema des Landes – "da machen wir im Endeffekt genauso weiter wie zuvor“.
Das wäre fatal, sagt Greiff. Schließlich gehe es nicht nur um Ranglisten und Kompetenzpunkte. Es gehe darum, ob junge Menschen über die grundlegenden Fähigkeiten verfügten, die sie bräuchten, um sich aktiv und selbstbestimmt in der Gesellschaft zu bewegen. Damit gehe es "um nicht weniger als die Zukunftsfähigkeit unseres Landes“.
Viele Probleme seien seit Jahren bekannt, mögliche Ansätze ebenfalls. Greiff greift dafür einen Satz auf, den er selbst als etwas plattgetreten bezeichnet: "Wir haben keine Erkenntnis, sondern ein Umsetzungsproblem." Eine Diagnose, die nicht dadurch falsch wird, dass sie seit Jahren wiederholt wird. Dabei meint Greiff kein schlichtes Versagen der Schulen: Es fehlten Zeit, Ressourcen und die Räume, in denen Forschung, Politik, Bildungsadministration und Praxis Erkenntnisse gemeinsam in Veränderungen übersetzen könnten.
"Dauerhaft dranbleiben ist noch viel schwieriger"
Greiff spricht über frühe Förderung, Lernstandserhebungen und die Zusammenarbeit zwischen Forschung, Politik und Schulen. Über Kanada, wo Daten nicht vor allem der Kontrolle dienten, sondern als Grundlage genutzt würden, um Unterricht zu verbessern. Und über Deutschland, wo Veränderungen oft bis ins Letzte geplant würden, bevor jemand ins Handeln komme.
Umgekehrt wünscht sich Greiff nach neuen PISA-Ergebnissen keinen hektischen Aktionismus und auch nicht das nächste befristete Modellprojekt. Deutschland habe nach dem ersten PISA-Schock bewiesen, dass es aufholen könne. Doch "wirklich dauerhaft dranbleiben ist noch viel schwieriger". Genau diese Kontinuität zeichne die PISA-Spitzenstaaten aus.
Ein Podcast über Bildungsdaten, politischen Veränderungswillen und einen Leistungsabstieg, an den man sich nicht gewöhnen darf. JMW
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