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Keine Angst vor dem, was kommt

Eine Reise zu alten Freunden in den USA wird zur Begegnung mit einem Land, das um seine Demokratie und Freiheit ringt – und zu einer Lektion darüber, wie Deutschland der AfD begegnen sollte.
Chapel Hill

South Building auf dem Campus der Universität von North Carolina: Nur wenige Jahre jünger als die amerikanische Demokratie. Foto: JMW.

SIE LEBEN IN EINEM FRÜHEREN HOTEL, in der zum Apartment umgebauten Präsidenten-Suite hoch über Philadelphia. Der Blick aus dem Wohnzimmerfenster geht weit über die Stadt zum Lincoln Financial Field, wo die Spiele der Fußball-WM stattfanden, bis jenseits des Delaware-Flusses nach New Jersey. Es gibt Pizza, Pommes und Cheesesteak, und während die Kinder futtern, erzählen die beiden.

Er, obgleich kürzlich 80 geworden, bis heute einer der erfolgreichsten Anwälte Pennsylvanias, hochdekoriert. Sie, ein paar Monate jünger, ehemalige College-Professorin. Beide lebenslange Anhänger der Demokraten. Sie erzählen von Trump, von der politischen Kultur im Land, von ihren Sorgen und Hoffnungen. Er sagt, die amerikanische Demokratie und der Rechtsstaat seien stärker als die Bedrohungen. Sie sagt, sie sei sich da nicht mehr so sicher.

Es sind Begegnungen wie diese, deretwegen ich froh bin, dieses Jahr mit der Familie in den USA Urlaub gemacht zu haben. Urlaub? In den USA? Genau das war vielfach die Reaktion von Freunden und Kollegen, wenn meine Frau und ich ihnen von unseren Plänen berichteten. Irgendwo zwischen Unglauben und Unverständnis.

Tatsächlich haben wir es uns nicht leichtgemacht. Eigentlich hatten wir schon vergangenen Sommer fahren wollen. Und waren nach Trumps Wahlsieg umgeschwenkt.

Der Blick von außen

Diesen März war ich dann beruflich für ein paar Tage in New Orleans, die Einreise verlief ohne Probleme, obwohl ich seit Trumps erster Amtszeit häufig sehr kritisch über die politischen Umwälzungen in den USA geschrieben hatte. Die Auskunft über meine Social-Media-Konten habe ich nicht ausgefüllt. Ich kam zurück und sagte zu meiner Frau: Lass es uns versuchen. Unsere vier Kinder waren noch nie in den USA, obwohl dieses Land so viel für uns beide bedeutet. Ich habe dort meinen Journalismus-Master gemacht, an der University of North Carolina at Chapel Hill, meine Frau hat die Highschool besucht, und für ihre Magisterarbeit über einen deutschen US-Einwanderer hatte sie mehrere Forschungsaufenthalte. Wir haben beide lebenslange Freunde gewonnen und diese viel zu lange nicht gesehen.

Es wurde aber noch in einem anderen Sinne Zeit: Ich habe durch meine zwei amerikanischen Jahre begonnen, ganz anders auf Deutschland zu blicken. Nicht in dem oft gehörten Sinne: Erst, als ich weg war, habe ich begriffen, wie gut wir es eigentlich haben. Sondern erst in den oft als zerrissen beschriebenen USA habe ich begriffen, wie sehr Deutschland in sich gefangen ist, in seinem schwierigen Verhältnis zu sich selbst, zu Liberalität und Demokratie. Ich wollte herausfinden, ob es mir immer noch so gehen würde beim Blick nach Deutschland, diesmal aus einem Land heraus, dessen Kampf mit sich selbst die eigene Demokratie auszuhöhlen droht und dabei den Rest der Welt mitleiden lässt.

Zuerst aber mein Blick auf die USA. Dem ESTA-Einreiseantrag wurde trotz erneut nicht angegebener Social-Media-Konten innerhalb weniger Minuten stattgegeben. Nach der Landung dann lange Warteschlangen bei der Einreisekontrolle. Alles wie immer. Quengelnde Kinder und nach 90 Minuten ein äußerst freundlicher Grenzbeamter, der keine Fragen an uns hat, dafür umso ausgiebiger über die Überstunden klagt, die er hier schieben müsse und die kein Geld der Welt wert seien.

Drei Wochen lang Road-Trip von Boston bis runter nach Atlanta. Je weiter wir nach Süden kommen, desto heißer und feuchter wird es. Direkt nach Ankunft treffen wir im Hotel eine Freundin, die extra aus Portland gekommen ist, um drei Tage mit uns zu verbringen. Früher war sie Anwältin für Einwanderungsrecht, seit der Geburt ihres Kindes macht sie eine Auszeit. Über alles können wir mit ihr reden, aber nicht über Politik.

In Philadelphia die Begegnung hoch über der Stadt, zwei alte Bekannte, die ich seit meinem ersten Aufenthalt in den USA vor 30 Jahren kenne. Mit ihnen reden wir fast nur über Politik. Über unsere Kinder. Und über ihre Enkel. Es sind Stunden eines ständigen Einerseits-Andererseits, eines Abwägens darüber, warum die demokratischen Institutionen in den USA stärker sind als etwa in Deutschland, wovon ich überzeugt bin, und warum es bei den anstehenden Midterms dennoch um alles geht. Vor allem um die Frage, ob Trump und seine Leute die Ergebnisse überhaupt anerkennen werden. Spannend ist die Einschätzung des Juristen zum Supreme Court: Nach rechts außen gekippt, keine Frage. Aber für die meisten Richter gebe es dennoch rote Linien, die Trump nicht überschreiten dürfe. Was aber, wenn er es doch tut?

Zwischen Hoffen und Bangen

Weiter nach Washington, wo wir einen alten Studienfreund und seine Familie treffen. Er kommt aus der früheren Sowjetunion, wie ich konnte er damals in Chapel Hill mit einem Stipendium seinen Master machen. Danach musste er das Land verlassen, hatte aber vor ein paar Jahren die Chance, per Green Card zurückzukehren. Er fing seinen neuen Job bei Voice of America an – bis Trump die fast vollständige Schließung des Auslandssenders anordnete. Wir sitzen abends beim Grillen im Innenhof einer riesigen Wohnanlage, das Gespräch schwankt zwischen Hoffen und Bangen, seit Teile des Senders nach gerichtlichen Anordnungen wieder in Betrieb sind und nach jüngsten Ankündigungen weitere folgen könnten. Irgendwann muss ich an den Satz der früheren College-Professorin aus Philadelphia denken, an ihre Reaktion voller Galgenhumor, als ich ihr von den Nöten meines Freundes aus Washington erzählte und seinen Sorgen um seinen künftigen Aufenthaltsstatus. "Er hat helle Haut, oder? Dann muss er sich keine großen Sorgen machen."

Zurück im Hotel gehe ich aufs Laufband, zappe mich durch die Fernsehkanäle und bleibe mit einer konsternierten Faszination bei Fox News hängen, wo innerhalb von einer halben Stunde der Sozialismus mit dem Islamismus gleichgesetzt, vor der Staatsgefährdung durch linke Demokraten gewarnt, Trans-Athleten als grundsätzlich wider die Natur eingestuft und der Fall Arday als Offenbarungseid des Akademikertums diskutiert wird. Um dann festzustellen, das eigentliche Ziel der MAGA-Bewegung sei das Konstruktive, das Heilende, weil woke Demokraten nur auf das eine aus seien: auf das Zerstören des Bestehenden.

Anderntags lese ich wieder einmal, wie die Trump-Regierung die Wissenschaftspolitik umbauen will: Politische Beamte sollen Forschungsanträge darauf prüfen, ob sie den Zielen des Präsidenten dienen, und sich dabei ausdrücklich nicht einfach auf das Urteil wissenschaftlicher Gutachter verlassen. Die Erstattung der Kosten für Labore, Gebäude und Verwaltung wollte die Regierung bei den großen Forschungsförderern pauschal auf 15 Prozent begrenzen. Und ich lese, wie sie damit wieder und wieder vor Gericht scheitert: Die Overhead-Deckel wurden gestoppt oder kassiert; erst im Juli urteilte eine Bundesrichterin, bereits bewilligte Fördergelder dürften nicht einfach gestrichen werden, nur weil sie nicht mehr zu den politischen Prioritäten der Regierung passen.

Ich lese aber auch, dass Florida gar nicht erst auf eine konkrete Drohung aus Washington wartet: Die Präsidenten aller 40 öffentlichen Colleges und Universitäten des Staates unterzeichnen gemeinsam eine Antwort auf Bildungsministerin Linda McMahons "Call to Action" und erklären, viele der darin angesprochenen Veränderungen längst umgesetzt zu haben. Ein Kotau vor der MAGA-Politik, der in dieser Deutlichkeit nicht allein durch Angst oder Druck zu erklären ist, sondern durch Opportunismus oder, vielleicht noch eher, durch Chefetagen, die meinen, das Richtige zu tun.

In Chapel Hill zeige ich meinen Kindern den Campus. Wir stehen vor dem 1789 begonnenen South Building, der Keimzelle der ältesten staatlichen Universität des Landes, die fast so alt ist wie die amerikanische Demokratie, und ich bin ein wenig enttäuscht, dass sie meinen Enthusiasmus kaum inspirierender finden als meine Anekdoten aus meinen Studienjahren hier. Ich tröste mich mit dem Gedanken, dass die sengende Sonne schuld ist. 

Am nächsten Morgen sind wir zum Brunch bei einem weiteren Studienfreund eingeladen, einem Amerikaner aus North Carolina, der das Reisen liebt und bis zu seinem 50. Geburtstag 50 Länder weltweit besucht haben will, aber so tief im amerikanischen Süden mit all seinen Netzwerken verwurzelt ist, wie es nur geht. Er berät lokale Handelskammern. Seine Freundin und er haben lokale Spezialitäten vorbereitet, dazu gibt es süße Limonade, doch deutlich stärker interessiert meine Kinder die Trump-Voodoo-Puppe im Bücherregal. Zum Abreagieren, sagt mein Freund und ermutigt meine Kinder, mit ihr zu machen, was sie wollen. Doch diesmal steht nicht die US-Politik im Mittelpunkt, sondern die deutsche. Wie ich die Chancen der AfD bei den anstehenden Landtagswahlen einschätze, will mein Freund wissen und was das für Deutschland bedeuten würde.

Plötzlich geht es um Deutschland

Ich sage ihm freundlich grinsend, er solle doch mal wieder meinen Blog lesen, dank der KI-Entwicklungssprünge klappe das mit der Übersetzung doch heute viel flüssiger als früher. Und denke gleichzeitig über seine Frage nach. Es gebe im Moment zwei Denkschulen, sage ich. Die einen warnen davor, die AfD immer weiter hochzuschreiben und so die Wahlen auf gewisse Weise schon vor dem Termin verloren zu geben. Die anderen meinen, man könne gar nicht genug über die AfD und ihre Politik schreiben, damit den Leuten auf der Zielgeraden doch noch klarwerde, was ihr Wahlsieg bedeuten würde.

"Wenn die Leute sich in den Kopf gesetzt haben, die AfD zu wählen", sagt mein Freund, "dann werden sie das auch tun." Ein Satz, mit dem ich zunächst nicht viel anfangen kann, der in seinem Determinismus aber auf gewisse Weise sogar erleichternd wirkt. So wie Trump sich in den USA nicht aufhalten ließ, lässt sich vielleicht auch die AfD in Deutschland nicht aufhalten. Die vielleicht viel relevantere Frage lautet: Was kommt dann?

Und hier ging mein Blick aus den USA endgültig wieder nach Deutschland. Denn was ich während meiner Reise immer wieder wahrgenommen habe, bei unseren Freunden genauso wie bei zufälligen Begegnungen im Hotel, ist neben viel Frust auch viel Resilienz und, ja, Optimismus. Wir lassen uns dieses Land und die Idee dahinter nicht von Trump und seinen Leuten kaputtmachen, so lässt sich dieses Gefühl vielleicht zusammenfassen.

Mir ist schon klar, dass wir auf unserer Reise nur einen bestimmten Ausschnitt des Landes gesehen haben und dass viele in den USA, vor allem abseits der Metropolen an der Ost- und Westküste, anders auf MAGA schauen und Trump nicht aus Trotz, Gleichgültigkeit oder Nichtwissen gewählt haben, sondern aus Überzeugung. So wie ich überzeugt bin, dass auch in Deutschland, in Ost wie West, viele Menschen die AfD aus voller Überzeugung heraus wählen. Wir sollten sie nicht gedanklich entmündigen, indem wir sagen: Sie wissen nicht, was sie tun oder wofür die AfD wirklich steht.

Was wir dagegenhalten können

Doch, das wissen sie. Das ist das, was wir uns hierzulande vielleicht zu lange nicht haben eingestehen wollen: Die Bundesrepublik ist anders als die Weimarer Republik keine Demokratie ohne Demokraten. Aber sie ist eine Demokratie, in der antidemokratische Einstellungen weit über einen kleinen extremistischen Rand hinausreichen. Viele haben die Werte der liberalen Demokratie nicht verinnerlicht: den Schutz von Minderheiten, den Ausgleich von Interessen, die Offenheit nach innen und außen. Und das Bewusstsein, dass die Aufrechterhaltung dieser Werte einen Preis hat – vor allem den Abschied von der Illusion, alles könne so bleiben, wie es einmal war. Selbst wenn das Gewesene, das man verteidigen will, ebenfalls nur eine Illusion gewesen sein sollte.

Nur hatten die heutigen AfD-Wähler lange keine realistische Wahloption – so wie die MAGA-Anhänger nicht aus dem Nirgendwo kamen, sondern in Trump verkörpert sahen, woran sie schon vorher glaubten. Und so wie Trump ihnen gesagt hat: Es ist okay, was ihr denkt und fühlt, und nichts, wofür ihr euch schämen oder das ihr ablegen müsst. So hat es die AfD ihren heutigen Wählern signalisiert. Durch diese Geschlossenheit kann und wird die AfD Wahlen gewinnen, auch wenn ihre Anhänger in der Minderheit sind.

Die wichtigste Lektion der USA aber ist: Dieser Geschlossenheit begegnet man nur mit Entschiedenheit, Resilienz und Trotz. Ob die AfD die anstehenden Landtagswahlen gewinnt oder nicht: Wir haben keine Angst. Wir halten dagegen. Wir sorgen dafür, dass die Institutionen halten. Wir klagen, was das Zeug hält, wenn gegen Gesetz oder Verfassung verstoßen wird. Wir gehen auf die Straße, wir spenden an Vereine, Hochschulen oder Forschungsinstitute, die unter Druck geraten. Kurzum: Wir lassen uns dieses Land und die Idee dahinter nicht von der AfD und ihren Anhängern kaputtmachen. Denn die Idee dahinter ist viel stärker als alles, was die Demokratiefeinde zu bieten haben.

Am Abend vor unserem Rückflug sitzen wir in einer Riesenrad-Gondel direkt neben dem Centennial Olympic Park. Unter uns die Lichter von Atlanta. Die Nacht verhüllt, was tagsüber kaum zu übersehen war: die erschreckende Armut dieser Südstaaten-Metropole, die Straßen der Innenstadt voller Obdachloser und Drogenabhängiger. Menschen, die in Trumps Erzählung von Siegertypen und dem Recht des Stärkeren keinen Platz haben.

Vielleicht gehört auch das zu dem Land, das unsere Freunde verteidigen wollen: nicht die Illusion eines Amerika, wie es einmal gewesen sein soll, sondern die Idee eines Landes, das seine Widersprüche aushält und versucht, ihnen etwas entgegenzusetzen. JMW

SIE LEBEN IN EINEM FRÜHEREN HOTEL, in der zum Apartment umgebauten Präsidenten-Suite hoch über Philadelphia. Der Blick aus dem Wohnzimmerfenster geht weit über die Stadt zum Lincoln Financial Field, wo die Spiele der Fußball-WM stattfanden, bis jenseits des Delaware-Flusses nach New Jersey. Es gibt Pizza, Pommes und Cheesesteak, und während die Kinder futtern, erzählen die beiden.

Er, obgleich kürzlich 80 geworden, bis heute einer der erfolgreichsten Anwälte Pennsylvanias, hochdekoriert. Sie, ein paar Monate jünger, ehemalige College-Professorin. Beide lebenslange Anhänger der Demokraten. Sie erzählen von Trump, von der politischen Kultur im Land, von ihren Sorgen und Hoffnungen. Er sagt, die amerikanische Demokratie und der Rechtsstaat seien stärker als die Bedrohungen. Sie sagt, sie sei sich da nicht mehr so sicher.

Es sind Begegnungen wie diese, deretwegen ich froh bin, dieses Jahr mit der Familie in den USA Urlaub gemacht zu haben. Urlaub? In den USA? Genau das war vielfach die Reaktion von Freunden und Kollegen, wenn meine Frau und ich ihnen von unseren Plänen berichteten. Irgendwo zwischen Unglauben und Unverständnis.

Tatsächlich haben wir es uns nicht leichtgemacht. Eigentlich hatten wir schon vergangenen Sommer fahren wollen. Und waren nach Trumps Wahlsieg umgeschwenkt.

Der Blick von außen

Diesen März war ich dann beruflich für ein paar Tage in New Orleans, die Einreise verlief ohne Probleme, obwohl ich seit Trumps erster Amtszeit häufig sehr kritisch über die politischen Umwälzungen in den USA geschrieben hatte. Die Auskunft über meine Social-Media-Konten habe ich nicht ausgefüllt. Ich kam zurück und sagte zu meiner Frau: Lass es uns versuchen. Unsere vier Kinder waren noch nie in den USA, obwohl dieses Land so viel für uns beide bedeutet. Ich habe dort meinen Journalismus-Master gemacht, an der University of North Carolina at Chapel Hill, meine Frau hat die Highschool besucht, und für ihre Magisterarbeit über einen deutschen US-Einwanderer hatte sie mehrere Forschungsaufenthalte. Wir haben beide lebenslange Freunde gewonnen und diese viel zu lange nicht gesehen.

Es wurde aber noch in einem anderen Sinne Zeit: Ich habe durch meine zwei amerikanischen Jahre begonnen, ganz anders auf Deutschland zu blicken. Nicht in dem oft gehörten Sinne: Erst, als ich weg war, habe ich begriffen, wie gut wir es eigentlich haben. Sondern erst in den oft als zerrissen beschriebenen USA habe ich begriffen, wie sehr Deutschland in sich gefangen ist, in seinem schwierigen Verhältnis zu sich selbst, zu Liberalität und Demokratie. Ich wollte herausfinden, ob es mir immer noch so gehen würde beim Blick nach Deutschland, diesmal aus einem Land heraus, dessen Kampf mit sich selbst die eigene Demokratie auszuhöhlen droht und dabei den Rest der Welt mitleiden lässt.

Zuerst aber mein Blick auf die USA. Dem ESTA-Einreiseantrag wurde trotz erneut nicht angegebener Social-Media-Konten innerhalb weniger Minuten stattgegeben. Nach der Landung dann lange Warteschlangen bei der Einreisekontrolle. Alles wie immer. Quengelnde Kinder und nach 90 Minuten ein äußerst freundlicher Grenzbeamter, der keine Fragen an uns hat, dafür umso ausgiebiger über die Überstunden klagt, die er hier schieben müsse und die kein Geld der Welt wert seien.

Drei Wochen lang Road-Trip von Boston bis runter nach Atlanta. Je weiter wir nach Süden kommen, desto heißer und feuchter wird es. Direkt nach Ankunft treffen wir im Hotel eine Freundin, die extra aus Portland gekommen ist, um drei Tage mit uns zu verbringen. Früher war sie Anwältin für Einwanderungsrecht, seit der Geburt ihres Kindes macht sie eine Auszeit. Über alles können wir mit ihr reden, aber nicht über Politik.

In Philadelphia die Begegnung hoch über der Stadt, zwei alte Bekannte, die ich seit meinem ersten Aufenthalt in den USA vor 30 Jahren kenne. Mit ihnen reden wir fast nur über Politik. Über unsere Kinder. Und über ihre Enkel. Es sind Stunden eines ständigen Einerseits-Andererseits, eines Abwägens darüber, warum die demokratischen Institutionen in den USA stärker sind als etwa in Deutschland, wovon ich überzeugt bin, und warum es bei den anstehenden Midterms dennoch um alles geht. Vor allem um die Frage, ob Trump und seine Leute die Ergebnisse überhaupt anerkennen werden. Spannend ist die Einschätzung des Juristen zum Supreme Court: Nach rechts außen gekippt, keine Frage. Aber für die meisten Richter gebe es dennoch rote Linien, die Trump nicht überschreiten dürfe. Was aber, wenn er es doch tut?

Zwischen Hoffen und Bangen

Weiter nach Washington, wo wir einen alten Studienfreund und seine Familie treffen. Er kommt aus der früheren Sowjetunion, wie ich konnte auch er damals in Chapel Hill mit einem Stipendium seinen Master machen. Danach musste er das Land verlassen, hatte aber vor ein paar Jahren die Chance, per Green Card zurückzukehren. Er fing seinen neuen Job bei Voice of America an – bis Trump die fast vollständige Schließung des Auslandssenders anordnete. Wir sitzen abends beim Grillen im Innenhof einer riesigen Wohnanlage, das Gespräch schwankt zwischen Hoffen und Bangen, seit Teile des Senders nach gerichtlichen Anordnungen wieder in Betrieb sind und nach jüngsten Ankündigungen weitere folgen könnten. Irgendwann muss ich an den Satz der früheren College-Professorin aus Philadelphia denken, an ihre Reaktion voller Galgenhumor, als ich ihr von den Nöten meines Freundes aus Washington erzählte und seinen Sorgen um seinen künftigen Aufenthaltsstatus. "Er hat helle Haut, oder? Dann muss er sich keine großen Sorgen machen."

Zurück im Hotel gehe ich aufs Laufband, zappe mich durch die Fernsehkanäle und bleibe mit einer konsternierten Faszination bei Fox News hängen, wo innerhalb von einer halben Stunde der Sozialismus mit dem Islamismus gleichgesetzt, vor der Staatsgefährdung durch linke Demokraten gewarnt, Trans-Athleten als grundsätzlich wider die Natur eingestuft und der Fall Arday als Offenbarungseid des Akademikertums diskutiert wird. Um dann festzustellen, das eigentliche Ziel der MAGA-Bewegung sei das Konstruktive, das Heilende, weil woke Demokraten nur auf das eine aus seien: auf das Zerstören des Bestehenden.

Anderntags lese ich wieder einmal, wie die Trump-Regierung die Wissenschaftspolitik umbauen will: Politische Beamte sollen Forschungsanträge darauf prüfen, ob sie den Zielen des Präsidenten dienen, und sich dabei ausdrücklich nicht einfach auf das Urteil wissenschaftlicher Gutachter verlassen. Die Erstattung der Kosten für Labore, Gebäude und Verwaltung wollte die Regierung bei den großen Forschungsförderern pauschal auf 15 Prozent begrenzen. Und ich lese, wie sie damit wieder und wieder vor Gericht scheitert: Die Overhead-Deckel wurden gestoppt oder kassiert; erst im Juli urteilte eine Bundesrichterin, bereits bewilligte Fördergelder dürften nicht einfach gestrichen werden, nur weil sie nicht mehr zu den politischen Prioritäten der Regierung passen.

Ich lese aber auch, dass Florida gar nicht erst auf eine konkrete Drohung aus Washington wartet: Die Präsidenten aller 40 öffentlichen Colleges und Universitäten des Staates unterzeichnen gemeinsam eine Antwort auf Bildungsministerin Linda McMahons "Call to Action" und erklären, viele der darin angesprochenen Veränderungen längst umgesetzt zu haben. Ein Kotau vor der MAGA-Politik, der in dieser Deutlichkeit nicht allein durch Angst oder Druck zu erklären ist, sondern durch Opportunismus oder, vielleicht noch eher, durch Chefetagen, die meinen, das Richtige zu tun.

In Chapel Hill zeige ich meinen Kindern den Campus. Wir stehen vor dem 1789 begonnenen South Building, der Keimzelle der ältesten staatlichen Universität des Landes, die fast so alt ist wie die amerikanische Demokratie, und ich bin ein wenig enttäuscht, dass sie meinen Enthusiasmus kaum inspirierender finden als meine Anekdoten aus meinen Studienjahren hier. Ich tröste mich mit dem Gedanken, dass die sengende Sonne schuld ist. Am Morgen sind wir zum Brunch bei einem weiteren Studienfreund eingeladen, einem Amerikaner aus North Carolina, der das Reisen liebt und bis zu seinem 50. Geburtstag 50 Länder weltweit besucht haben will, aber so tief im amerikanischen Süden mit all seinen Netzwerken verwurzelt ist, wie es nur geht. Er berät lokale Handelskammern. Seine Freundin und er haben lokale Spezialitäten vorbereitet, dazu gibt es süße Limonade, doch deutlich stärker interessiert meine Kinder die Trump-Voodoo-Puppe im Bücherregal. Zum Abreagieren, sagt mein Freund und ermutigt meine Kinder, mit ihr zu machen, was sie wollen. Doch diesmal steht nicht die US-Politik im Mittelpunkt, sondern die deutsche. Wie ich die Chancen der AfD bei den anstehenden Landtagswahlen einschätze, will mein Freund wissen und was das für Deutschland bedeuten würde.

Plötzlich geht es um Deutschland

Ich sage ihm freundlich grinsend, er solle doch mal wieder meinen Blog lesen, dank der KI-Entwicklungssprünge klappe das mit der Übersetzung doch heute viel flüssiger als früher. Und denke gleichzeitig über seine Frage nach. Es gebe im Moment zwei Denkschulen, sage ich. Die einen warnen davor, die AfD immer weiter hochzuschreiben und so die Wahlen auf gewisse Weise schon vor dem Termin verloren zu geben. Die anderen meinen, man könne gar nicht genug über die AfD und ihre Politik schreiben, damit den Leuten auf der Zielgeraden doch noch klarwerde, was ihr Wahlsieg bedeuten würde.

"Wenn die Leute sich in den Kopf gesetzt haben, die AfD zu wählen", sagt mein Freund, "dann werden sie das auch tun." Ein Satz, mit dem ich zunächst nicht viel anfangen kann, der in seinem Determinismus aber auf gewisse Weise sogar erleichternd wirkt. So wie Trump sich in den USA nicht aufhalten ließ, lässt sich vielleicht auch die AfD in Deutschland nicht aufhalten. Die vielleicht viel relevantere Frage lautet: Was kommt dann?

Und hier ging mein Blick aus den USA endgültig wieder nach Deutschland. Denn was ich während meiner Reise immer wieder wahrgenommen habe, bei unseren Freunden genauso wie bei zufälligen Begegnungen im Hotel, ist neben viel Frust auch viel Resilienz und, ja, Optimismus. Wir lassen uns dieses Land und die Idee dahinter nicht von Trump und seinen Leuten kaputtmachen, so lässt sich dieses Gefühl vielleicht zusammenfassen.

Mir ist schon klar, dass wir auf unserer Reise nur einen bestimmten Ausschnitt des Landes gesehen haben und dass viele in den USA, vor allem abseits der Metropolen an der Ost- und Westküste, anders auf MAGA schauen und Trump nicht aus Trotz, Gleichgültigkeit oder Nichtwissen gewählt haben, sondern aus Überzeugung. So wie ich überzeugt bin, dass auch in Deutschland, in Ost wie West, viele Menschen die AfD aus voller Überzeugung heraus wählen. Wir sollten sie nicht gedanklich entmündigen, indem wir sagen: Sie wissen nicht, was sie tun oder wofür die AfD wirklich steht.

Was wir dagegenhalten können

Doch, das wissen sie. Das ist das, was wir uns hierzulande vielleicht zu lange nicht haben eingestehen wollen: Die Bundesrepublik ist anders als die Weimarer Republik keine Demokratie ohne Demokraten. Aber sie ist eine Demokratie, in der antidemokratische Einstellungen weit über einen kleinen extremistischen Rand hinausreichen. Viele haben die Werte der liberalen Demokratie nicht verinnerlicht: den Schutz von Minderheiten, den Ausgleich von Interessen, die Offenheit nach innen und außen. Und das Bewusstsein, dass die Aufrechterhaltung dieser Werte einen Preis hat – vor allem den Abschied von der Illusion, alles könne so bleiben, wie es einmal war. Selbst wenn das Gewesene, das man verteidigen will, ebenfalls nur eine Illusion gewesen sein sollte.

Nur hatten die heutigen AfD-Wähler lange keine realistische Wahloption – so wie die MAGA-Anhänger nicht aus dem Nirgendwo kamen, sondern in Trump verkörpert sahen, woran sie schon vorher glaubten. Und so wie Trump ihnen gesagt hat: Es ist okay, was ihr denkt und fühlt, und nichts, wofür ihr euch schämen oder das ihr ablegen müsst. So hat es die AfD ihren heutigen Wählern signalisiert. Durch diese Geschlossenheit kann und wird die AfD Wahlen gewinnen, auch wenn ihre Anhänger in der Minderheit sind.

Die wichtigste Lektion der USA aber ist: Dieser Geschlossenheit begegnet man nur mit Entschiedenheit, Resilienz und Trotz. Ob die AfD die anstehenden Landtagswahlen gewinnt oder nicht: Wir haben keine Angst. Wir halten dagegen. Wir sorgen dafür, dass die Institutionen halten. Wir klagen, was das Zeug hält, wenn gegen Gesetz oder Verfassung verstoßen wird. Wir gehen auf die Straße, wir spenden an Vereine, Hochschulen oder Forschungsinstitute, die unter Druck geraten. Kurzum: Wir lassen uns dieses Land und die Idee dahinter nicht von der AfD und ihren Anhängern kaputtmachen. Denn die Idee dahinter ist viel stärker als alles, was die Demokratiefeinde zu bieten haben.

Am Abend vor unserem Rückflug sitzen wir in einer Riesenrad-Gondel direkt neben dem Centennial Olympic Park. Unter uns die Lichter von Atlanta. Die Nacht verhüllt, was tagsüber kaum zu übersehen war: die erschreckende Armut dieser Südstaaten-Metropole, die Straßen der Innenstadt voller Obdachloser und Drogenabhängiger. Menschen, die in Trumps Erzählung von Siegertypen und dem Recht des Stärkeren keinen Platz haben.

Vielleicht gehört auch das zu dem Land, das unsere Freunde verteidigen wollen: nicht die Illusion eines Amerika, wie es einmal gewesen sein soll, sondern die Idee eines Landes, das seine Widersprüche aushält und versucht, ihnen etwas entgegenzusetzen. JMW

Kommentare

#1 -

Wolfgang Kühnel | Mo., 24.08.2026 - 19:40

"... die erschreckende Armut dieser Südstaaten-Metropole, die Straßen der Innenstadt voller Obdachloser und Drogenabhängiger."

Das war aber auch vorher schon so, das kann man nicht Trump in die Schuhe schieben. Die USA haben traditionell keine Sozialsysteme so wie Deutschland. Übrigens fanden auch die Ereignisse in der "High Society", die schließlich zur "Epsteinaffäre" geführt haben, vor Trump statt, wie war das mit dem "Recht des (finanziell) Stärkeren" ? War es nicht schon vorher so, dass nur sehr, sehr reiche Leute in USA Präsident werden konnten? Gehört das zum Kern der Demokratie? Nur keine Legenden, vor dem Aufstieg von Trump bzw. der AfD sei alles in bester Ordnung gewesen. Man könnte auch mal die Gründe für die Aufstieg von Trump bzw. der AfD erörtern. Das hat natürlich etwas mit dem Agieren des vorherigen "Establishments" zu tun. Haben davor nicht auch gewisse Leute einen "Kotau" gemacht, um ihre Karrieren zu sichern?

Gleichwohl sehe ich das auch so, dass unsere Beziehungen zu den USA normal bleiben sollten, ich war auch einige Male drüben. Keine Panik, unsere Kollegen und Freunde sind nicht anders als sie vor Trump waren.

#2 -

McFischer | Di., 25.08.2026 - 13:05

Die Anekdote zu Beginn über den Grenzbeamten, der nicht streng die Social Media-Profile prüft sondern freundlich plaudert - das zeigt sehr schön, wie auch ich die USA kennen und lieben gelernt habe. Diese Freundlichkeit, das Fehlen von Barrieren, die Lockerheit, die lokale Verankerung ("Community" ist ein Begriff, den es in dieser Bedeutung eigentlich nur in den USA gibt) und anderes mehr. Wenn man aus einem nicht-Schengen-Land nach Deutschland zurückfliegt und eben mal auf die andere Schlange (non-Schengen) beim Bundesgrenzschutz schaut, sitzen da eben stoische, beamtliche, kritische Polizisten, von Freundlichkeit keine Spur. Ja, Amerika hat eben auch dieses freundliche Gesicht.

Auch im Bereich der Wissenschaft ganz ähnlich. Konferenzen in den USA waren immer hoch spannend, weil es so viel Enthusiasmus, Lust am argumentieren und ausprobieren, Vielfalt und Diskussionskultur gibt - in Deutschland dagegen Achtung vor den Professoren am Podium, bloß keine peinliche Frage stellen, lieber die 08/15-Forschung benicken.

Genauso gibt es natürlich in den USA auch die - hier ebenso beschriebene - Gegenseite: die Armut, Obdachlosigkeit, Hoffnungslosigkeit, die Engstirnigkeit, an den Unis auch einen enormen Erfolgsdruck und eine starke Selektion: an Unis mit hoher Reputation findet man fast ausschließlich Profs mit PhDs von reputationsstarken anderen Unis. 

Trumps Erfolg erklären kann ich auch nicht. Ein starkes Motiv sehe ich immer noch in der Modernisierung, bei denen die einen gut mitkönnen und profitieren, die anderen ihren Ressourcen beraubt zurückbleiben. Wenn ich digital fit bin, wird für mich vieles leichter, wenn ich Renter ohne Smartphone bin, ist die Schließung der 50 Jahre bestehenden Bankfiliale um die Ecke ein Drama, weil ich kein online-Banking habe und auch nicht will/nicht kann. Wenn mein Stammgasthaus nach 4 Generationen schließt und gleichzeitig zig Döner-Läden aufmachen, will ich wieder zurück in eine Vergangenheit, wo alles gefühlt einfacher war. Die AfD baut hier auf, verstärkt, bietet die einfachen Lösungen an, die Hoffnung, dass es eben wieder wird wie vorher.

Eine Wahrnehmung: Es ist schon interessant, dass die große (Anti-)Globalisierungsdiskussion in den 1990ern und 200ern (Hardt/Negri, Klein, Attac...) nun von Trump mit ganz ähnlichen Argumenten in die politische Praxis umgesetzt wurde: Nationalismus, Protektionismus, Entflechtung der Weltwirtschaft.

Für Deutschland nehme ich aus dem Post mit: Seien wir besser vorbereitet auf das, was kommt! So wie Trump (oder die Menschen dahinter) zwischen erster und zweiter Amtszeit gelernt haben, so lernt auch die AfD von Trump: flooding the zone, rechltiche Bedenken hintanstellen, einfach umreißen, zentrale Personen und Institutionen unter massiven Druck setzen... so dass alle anderen nicht mehr hinterherkommen. Insofern ist - auch an den Universitäten - angesagt: schon jetzt stark werden, Verbündete suchen, Kommunikation betreiben, rechtliche Argumente bereitlegen.

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