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Studieren, wo noch Platz ist

Erst Bayern, jetzt NRW: Wegen der G9-Umstellung fehlen Zehntausende Studienberechtigte. Die Hochschulen reagieren mit Standortmarketing. Doch der eigentliche demografische Wandel beginnt erst – und verschärft zugleich die Frage, wo die Geworbenen wohnen sollen.
NRW-Kampagne

Für jede/n das richtige Studium? NRW lockt. (Screenshot von der Kampagnen-Website).

"IN NRW GIBT’S für Deinen Vibe die richtige Studienstadt", versprechen die 36 staatlichen Hochschulen des größten Bundeslandes in einer bundesweiten Image-Kampagne, Überschrift: "Studieren, wo alles geht." Unter dem Button "Finde Deine Hochschule" kann man auf der Website filtern nach Studienrichtung, Stadtgröße, Kultur und Mobilität, dazwischen Postermotive zwischen Erstsemesterparty und Relaxen auf der Uniwiese. Die Kampagne läuft bundesweit, auf Plakaten ebenso wie online und in den sozialen Medien, unterstützt von Influencern wie Rezo. Ihr ausdrückliches Ziel: Studieninteressierte aus anderen Bundesländern nach NRW zu locken.

Vergangenes Jahr waren es vor allem bayerische Hochschulen gewesen, die auffällig großflächig auf Abimessen, bei Instagram oder per Plakaten in Bahnhöfen um Schulabgänger geworben hatten. Der Grund war derselbe: Wegen der Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium fiel im Freistaat 2025 der Abijahrgang zu großen Teilen aus. Dieses Jahr ist Nordrhein-Westfalen dran, das Ergebnis: Nur rund 30.000 statt der 78.000 Abiturienten im Vorjahr.

Angesichts der bundesweit laut DHV-Auswertungen seit vielen Jahren schlechtesten Betreuungsrelationen an den NRW-Universitäten bundesweit (77 Studierende pro Prof im Vergleich zu 58 in Deutschland insgesamt) könnte man das auch als Gelegenheit zum Gesundschrumpfen begreifen. Doch von den rund 6,5 Milliarden Euro, die Nordrhein-Westfalen jährlich für seine Hochschulen ausgibt, hängt ein guter Teil direkt oder indirekt von den Studierenden-, Studienanfänger- und Absolventenzahlen ab. Entsprechend groß ist der Anreiz für die Hochschulen, ihre Hörsäle trotzdem vollzubekommen – auch wenn sie sonst eher deren Überbelegung beklagen.

Umso offensiver preisen die Hochschulen die einmalige Gelegenheit. "Bitte beachten Sie, dass zum Wintersemester 2026/2027 Ihre Chance auf eine Zulassung aufgrund der Rückkehr von G8 zu G9 in NRW und dem damit einhergehenden Wegfall einiger Zulassungsbeschränkungen (NC) im 1. Fachsemester ggf. höher sein kann", teilt etwa die Uni Münster Studieninteressierten mit. "Diese vorteilhafte Situation besteht ausschließlich zu diesem Semester."

Ein bisschen erinnert all das an die einstige Kampagne "Studieren in Fernost", die westdeutsche Studierende in die damals noch recht neuen Bundesländer locken sollte, als der Geburtenschwund der Wendezeit dort durchschlug und tatsächlich Platz an den Hochschulen war. Nur damals mit deutlich mehr Augenzwinkern und Selbstironie.

Vom Abi-Loch zum Wettbewerb um Studierende

Ob "Studieren, wo alles geht" den erwünschten Erfolg bringt? Die "positive Zwischenbilanz", die die NRW-Landesrektorenkonferenz Ende Juli zur Kampagnen-Halbzeit zog, spricht von einem "richtigen Nerv" und besonders stark nachgefragten Orientierungshilfen, bleibt aber konkrete Erfolgszahlen noch schuldig. Fest steht, dass es 2025 in Bayern rund 51 Prozent weniger Studienberechtigte gab, aber nach den bislang vorläufigen amtlichen Zahlen nur 16,9 Prozent weniger Studienanfänger.

Warum trotzdem noch so viele Studienberechtigte? Weil die beruflichen Schulen von der G9-Umstellung nicht betroffen waren und 2025 einen erheblichen Teil der erfolgreichen "Hochschulreifen" stellten.

Gleichzeitig ist das durch die Republik wandernde G9-Abi-Loch – Niedersachsen machte 2020 den Anfang, nächstes Jahr geht es mit Schleswig-Holstein weiter – ohnehin nur die kurzfristige Zuspitzung einer langfristigen Herausforderung: Deutschlands Hochschulen werden sich daran gewöhnen müssen, viel offensiver um Studierende zu konkurrieren – innerhalb Deutschlands und vor allem international.

Schaut man auf die bundesweiten Statistiken, zeigt sich dieser Trend längst: Die Zahl der deutschen Studienanfänger ist langfristig gesunken, während ausländische Erstimmatrikulierte absolut und relativ an Bedeutung gewonnen haben. Im jüngsten vollständig nach Staatsangehörigkeit ausgewerteten Studienjahr 2024 hatten nach Angaben des Statistischen Bundesamtes rund 30 Prozent der insgesamt 490.304 Erstimmatrikulierten einen ausländischen Pass. Zehn Jahre zuvor hatte der Anteil erst 22 Prozent betragen, während die Zahl der deutschen Studienanfänger zwischen 2014 und 2024 um 13 Prozent zurückging.

Vor allem Hochschulen abseits der Metropolen, wo der demografische Wandel seit längerem zuschlägt, setzen teilweise seit Jahren verstärkt auf akademische Einwanderung als Zukunftsstrategie für den Standort. Auch und gerade wiederum im Osten: 2024 waren 44,5 Prozent der Studienanfänger in Brandenburg, 36,4 Prozent in Sachsen-Anhalt und 35,0 Prozent in Sachsen Bildungsausländer, hatten also ihre Hochschulzugangsberechtigung im Ausland erworben – gegenüber 26,5 Prozent bundesweit. Demgegenüber hat das bevölkerungsreiche NRW bei den Bildungsausländern mit zuletzt 20,4 Prozent noch viel Luft nach oben. Vielleicht für die nächste Kampagne, wenn die Hochschulen wirklich leerer werden?

Das Wohnungsproblem bleibt

Wer wegen des G9-Effekts auf Entspannung an anderer Stelle hoffte, wurde jedenfalls bereits enttäuscht. Die Wohnungsnot in den großen Uni-Städten bleibt auch vor dem anstehenden Wintersemester bestehen: Laut einer aktuellen dpa-Umfrage bei den Studierendenwerken stehen in Aachen rund 11.000 Studierende auf der Warteliste; insgesamt gibt es dort rund 5.000 Wohnheimplätze, von denen pro Semester nur ein kleiner Teil frei wird. In Köln waren bis Mitte August bereits 2.829 Bewerbungen eingegangen, sogar etwas mehr als die 2.700 zum gleichen Zeitpunkt im Vorjahr.

Verbände wie das Deutsche Studierendenwerk oder der fzs mahnen die Politik seit Jahren, ernsthaft gegen die studentische Wohnungsnot vorzugehen. Studierende mit eigener Haushaltsführung geben nach den neuesten Zahlen des Statistischen Bundesamtes im Schnitt 54 Prozent ihres verfügbaren Haushaltseinkommens fürs Wohnen aus, 65 Prozent dieser Haushalte gelten als durch Wohnkosten überlastet. Eine 2025 veröffentlichte Studie des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung beziffert die theoretische Versorgungslücke schon für 2022 – je nach zugrunde gelegtem Szenario – auf rund 141.000 bis 200.000 Wohnheimplätze für Studierende. Das Problem dürfte noch drängender werden, je stärker die Hochschulen auf internationale Studierende setzen: Sie sind beim Studienstart besonders häufig auf Wohnheimplätze angewiesen.

Ganz untätig war die Politik allerdings nicht: Seit 2023 gibt es das Bund-Länder-Programm "Junges Wohnen", für das der Bund bislang jährlich 500 Millionen Euro bereitstellt. 2024 wurden damit bundesweit 8.864 Wohnheimplätze gefördert, darunter 7.078 Neubauplätze und 1.786 Modernisierungen. Ab 2027 sollen die Bundesmittel auf eine Milliarde Euro jährlich verdoppelt werden.

Richtig so. Wenn in NRW nicht einmal ein historisch kleiner Abiturjahrgang Entlastung bringt, wenn trotz Unterfinanzierung die Zukunftsstrategie der Hochschulen darin besteht, die Erstsemesterzahlen hochzuhalten, sollte keiner mehr darauf hoffen, die studentische Wohnungsnot erledige sich mit der Demografie irgendwann von selbst. JMW.

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