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Tenure Track, sechs Milliarden und ein weiter Flaschenhals

Was würde es eigentlich bedeuten, die Forderung nach mehr Dauerstellen in der Wissenschaft mit der Förderung des Gemeinwohls in Einklang zu bringen? Und wie realistisch wäre das? Ein Gastbeitrag von Oliver Günther.

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Artikelbild: Tenure Track, sechs Milliarden und ein weiter Flaschenhals

Oliver Günther , Jahrgang 1961, ist Wirtschaftsinformatiker und seit 2012 Präsident der Universität Potsdam. Foto: Ernst Kaczynski.

DIE FRUSTRATION bei Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in frühen Karrierephasen ist nicht nur in Deutschland groß. Nach Promotion und Postdoczeit, die im Regelfall auf befristeten Arbeitsverträgen absolviert wurden, gibt es auch anderswo in der Welt nicht annähernd genügend Stellen, um allen wissenschaftlich Interessierten eine Dauerperspektive in der Wissenschaft anzubieten. Oft erfolgt der begehrte "Ruf" auf eine Professur – wenn überhaupt – erst jenseits der 40 Lenze, einem Alter also, in dem Familien- und Karriereplanung eigentlich schon weit gereift, wenn nicht abgeschlossen sein sollten.

Die in Deutschland besonders extreme Unsicherheit zwischen Promotion und Professur war einer der Gründe, warum 2005 auch in der Bundesrepublik das international längst übliche Laufbahnsystem – das "Tenure-Track-System" – eingeführt wurde. Dabei bewirbt man sich schon kurz nach der Promotion auf eine Junior- oder Assistenzprofessur. Auch diese Stellen sind knapp, denn sie sind für frisch Promovierte ausgesprochen attraktiv. Sie bieten eine ...

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Kommentare

#1 -

#IchBinTina | Mi., 12.06.2024 - 10:56
Pu, ha.



1.) Ziemlich unangenehm: Die Schlussfolgerung der Diskussion um die Arbeitsbedingungen der Nicht-Professor*innen soll sein, die Bedingungen für Professor*innen zu verbessern? Also die Personengruppe, der wir z.B. die deutlich zu hohe Zahl der Promovierenden, die nicht gut betreut werden und deswegen keine wissenschaftliche Laufbahn einschlagen können, verdanken? Zusammen mit den anderen strukturellen Problemen des Systems, wie z.B. geringem Erkenntnisgewinn durch die Tendenz zur Salami-Publikation? Das scheint mir eine massive Verengung der Perspektive zu sein, mit der die eigenen Privilegien abgesichert werden sollen.



2.) Höchstqualifiziert ist nicht "Bestenauswahl": Wenn schon der Weg hin zur Höchstqualifikation sehr selektiv ist (Stichwort leaky ...

#2 -

Re: #IchBinTina | Mi., 12.06.2024 - 13:39


Zu Einwand 1): Warum haben wir Professor*innen die vielen Promotionen zu verdanken? Ich denke, es wurde noch kaum mal jemand zur Promotion gezwungen, Stattdessen wollen unvermindert sehr viele Menschen promovieren und suchen dafür Betreuung. Sollen Professor*innen die also einfach mehr wegschicken? Und sind Professor*innen durch "schlechte Betreuung" dann schuld daran, dass keine wissenschaftliche Karriere möglich ist? Das mag es geben, aber die Stellen werden auch bei guter Betreuung nicht mehr.



Zu Einwand 2). Den verstehe ich nicht. Die aktuelle Bestenauswahl ist nicht perfekt, keine Frage. Aber sie versagt auch nicht vollkommen (denke ich), und ist besser als Stellen zu verlosen. ...

#3 -

Ralf Meyer | Mi., 12.06.2024 - 14:23
Das WissZG gilt, soweit ich es bisher gehört habe, nur für Angestellte, nicht für Beamte. Stellen für Akademische Räte und Oberräte sowie Juniorprofessuren ohne Tenure Track über 3+3 Jahre und befristete Professuren sollten daher weiterhin möglich bleiben, egal wie das WissZG geändert wird.

#4 -

Leif Johannsen | Mi., 12.06.2024 - 14:35
"Dem Gemeinwohl förderlich ist eine wissenschaftliche Personalstruktur, die es für die Besten nach wie vor attraktiv macht, in der Wissenschaft zu arbeiten, auch wenn dies mit einem harten Wettbewerb und gelegentlich auch mit materiellen Einbußen gegenüber einer Karriere in der Privatwirtschaft verbunden ist".



Ich denke obige Aussage stellt eine ziemlich "steile These" dar. Da haette ich doch gerne mal eine genauere Herleitung dieser Grundformel. Wie sieht denn diese Personalstruktur aus, bei der "die Besten" bei "hartem" Wettbewerb und "wenig" Geld es "attraktiv" finden, in der Wissenschaft zu arbeiten? Soll es bedeuten, dass jedem_er Professor_in ein kleines "Koenigreich" prekaer angestellter Mitarbeiter ...

#6 -

@Penny | Do., 13.06.2024 - 02:06


Entfristete Mitarbeiter*innen wären nicht so viel billiger. TV-L E13 auf Erfahrungsstufe 6 sind aktuell über 6000 brutto; ein W2 Grundgehalt liegt bei 6400 Euro (in Berlin). Ja, man kann diese beiden Brutto-Gehälter nicht direkt vergleichen, und es gibt auch W3 mit Zulagen (es gibt aber auch E14 und E15 Stellen unterhalb einer Professur), aber der Unterschied ist nicht so gross, wie viele denken. Der interne Umrechnungfaktor liegt meines Wissens an den Unis so im Bereich 1.5 (also 1,5 WiMi umwandeln ergibt eine Professur).

#7 -

#IchBinTina | Do., 13.06.2024 - 11:28
Zu #2: Ja, die Professor*innen sollen Promotionswillige wegschicken und nur in dem Ausmaß Betreuungszusagen abgeben, in dem sie eine gute Betreuung, d.h. die tatsächliche Qualifikation für das angestrebte inner- oder außerwissenschaftliche Berufsziel, gewährleisten können. Und sie sollen im Rahmen der Selbstverwaltung Strukturen schaffen, die gute Qualifikationsbedingungen für alle Promovierenden gewährleisten, statt eine Zwei-Klassen-Gesellschaft von gut betreuten Promovierenden in strukturierten Programmen und einen riesigen "grauen" Sektor von "Individualpromotionen" zu schaffen. Sie sollen z.B. auch nur dann eine Betreuungszusage abgeben dürfen, wenn sie die Finanzierung für einen ausreichenden Zeitraum gewährleisten können. Dadurch würde die Zahl der Promotionen automatisch sinken, aber eben auch ...

#8 -

Tobias Denskus | Do., 13.06.2024 - 11:46
Wer eine öffentliche Institution wie eine Uni leitet, der sollte sich vielleicht mal mit dem Begriff "Gemeinwohl" auseinandersetzen. Natuerlich tragen fest angestellte MitarbeiterInnen die diverse Daueraufgaben in Lehre, Verwaltung, Kommunikation & Forschung enorm zum Gemeinwohl bei. Menschen unterhalb der Professur zynisch zu Wasserträgerinnen des Gemeinwohls zu degradieren spricht Bände fuer die Art der "Fuehrung" die man ja bereits aus Potsdam kennt. Natuerlich soll Spitzenforschung statt finden-auch an Unis, aber die Realität ist doch längst eine andere: Gute Leute sollen gute Arbeit an der Uni leisten was auf 100% E-13 Stellen ja nun kein Hexenwerk ist und *ueberall sonst* im Öffentlichen ...

#9 -

WillNichtProf | Do., 13.06.2024 - 12:02
Ging das irgendwie am Thema vorbei? Fokus nur auf Professur, dabei geht es doch darum, den Mittelbau zu stärken. Dauerstelle heißt ja nicht, daß es eine Professur werden muß.

Für eine effiziente Forschung ist Personal notwendig, das eine gute Qualität der wissenschaftlichen Arbeit, also Datenaufnahme, - Analyse und nachhaltige Faire) Speicherung sicherzustelle. Die wenigsten Professoren haben noch die Zeit, um wirklich dies zu gewährleisten, dafür benötigt es entsprechend zuverlässiges und gutes Personal, das auch langfristig verfügbar ist. Und hier hapert es. Da sollte man eher eine Rechnung aufstellen, was es kostet, daß solche essentiellen Aufgaben von Doktoranden und PostDocs übernommen ...

#10 -

Armin B. | Do., 13.06.2024 - 12:32
Auch nach vielen Jahren in der Wissenschaftsverwaltung ist die Selbstbezogenheit der Community ein Phänomen für mich. Es wird absehbar nicht mehr öffentliches Geld geben, weil andere gesellschaftliche Aufgaben die öffentlichen Haushalte ebenso belasten und in der öffentlichen Wahrnehmung wahrscheinlich einen großen Vorsprung gegenüber den "Elfenbeintürmen" besitzen, die häufig nur schwer artikulieren können oder wollen, was sie denn zur unmittelbaren Lösung großer Probleme leisten. Jede Verbesserung, die mir in den letzten Jahren unter die Augen gekommen ist, kostet Geld oder geht eben zu Lasten einer der unterschiedlichen Anspruchsgruppen im Wissenschaftssystem. Da die Politik absehbar nicht den Geldhahn über den Unis aufdrehen ...

#11 -

Nakamura | Fr., 14.06.2024 - 00:39
Die Kosten der Entfristung werden hier drastisch überschätzt.

Die Kosten für 2.600 neue Vollzeit-E13-Stellen betragen (pro Stelle 77.000 Euro Landesdurchschnittssatz Niedersachsen) 200 Mio Euro. Allein diese Kalkulation reduziert die Kosten um ein Drittel.



Vor allem ist aber zu berücksichtigen, dass dadurch eben 2.600 Wissenschaftler:innen zusätzlich im System sind und auch forschen. Das senkt entsprechend den Bedarf von Forschungsarbeit durch befristet beschäftigte Wissenschaftler:innen, wenn man von einem konstanten Forschungsumfang ausgeht. Die Annahme dieser konstanten Forschung ist nötig, um die zusätzlichen Kosten für das bisherige Forschungsvolumen zu ermitteln. Denn ansonsten bedeuten die zusätzlichen Gelder, dass insgesamt in mehr Wissenschaft investiert wird und ...

#12 -

Gregor Kalinkat | Fr., 14.06.2024 - 12:52
Was ich bei diesen Verteidigern des bisherigen Systems immer wieder bemerkenswert finde: sie nehmen nicht (oder kaum) wahr dass eine wissenschaftlich-akademische Karriere von vornherein (also auch schon vor der Promotion) eine große Zahl von exzellenten Kandidat*innen ausschließt. Wenn man auf allen Personalebenen Diversität möchte, wie immer wieder beteuert wird, muss man das System ändern damit die Karrierewege auch bspw für Menschen mit Einschränkungen oder Care-Verpflichtungen planbar und machbar werden (das Schlagwort leaky pipeline ist ja schon gefallen).

#13 -

Idealist - Teil 1 | Sa., 15.06.2024 - 15:55
Interessant, aber leider nur ein Statusbericht u irgendwie auch eine Selbstdarstellungs-Plattform für Herrn Günther. Von Lenker*innen im Hochschulbereich - also Politikern und wie hier Hochschulleitungen - erwarte ich mehr gestalterische Kraft.



Vor allem fehlt aus meiner Sicht hier Verantwortung zu übernehmen sowohl als Präsident*in aber auch als Professor*in. Hochschulen sind Orte der Bildung, keine Kaderschmieden wo knallhart ausgesiebt werden muss u vermeintl. Verlierer produziert werden.



Es ist fast schon amüsant, dass Lehrer*innen sich lt. Herrn Günther fortbilden u weiterentwickeln sollen, aber dies für Profs im Besonderen in Leitungsfunktionen nicht gilt. Einmal Professor wird da 20-30 Jahre nicht mehr hingeschaut. Sie ...

#14 -

Idealist - Teil 2 | Sa., 15.06.2024 - 15:56
Nicht zuletzt muss natürlich über Geld gesprochen werden. Amüsant auch, dass ein Wissenschaftsjournalist, der wohl als wichtig für das Gemeinwohl betrachtet werden muss und selbst um jeden Euro kämpft, Studiengebühren ins Feld führt, um den wissenschaftlichen Nachwuchs zu fördern bzw. zu finanzieren - hier sogar kurz den objektiven Weg verlässt. Studiengebühren sind fast so wie der Schülerschaft der Unterstufe Geld abzunehmen, um dann die Oberstufe besuchen zu dürfen. Das kann doch nicht die Idee von Bildung sein.



Hier muss, wird das Geld nicht mehr, eine faire Lasten- und Lohnverteilung her. Die These dürfte nicht gewagt sein, dass der akademische Mittelbau ...

#15 -

Eine Hanna | Di., 18.06.2024 - 02:19
"Ziel ist die Förderung des Gemeinwohls. Dem Gemeinwohl förderlich ist eine wissenschaftliche Personalstruktur, die es für die Besten nach wie vor attraktiv macht, in der Wissenschaft zu arbeiten, auch wenn dies mit einem harten Wettbewerb und gelegentlich auch mit materiellen Einbußen gegenüber einer Karriere in der Privatwirtschaft verbunden ist."



Es wurde schon in #4 gefragt, was Herr Günther unter Gemeinwohl versteht. Selbstverständlich müssen Universitäten dafür sorgen, am Arbeitsmarkt wettbewerbsfähig zu sein und Professuren mit Spitzenpersonal besetzen zu können.



Gleichzeitig haben Universitäten aber auch den Auftrag, zigtausende Studierende auf hohem Niveau für den Arbeitsmarkt auszubilden. Dazu müssen Universitäten sicherstellen, dass das ...

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