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Die Academic Crisis List

Was macht sie aus, die Krise unseres Wissenschaftssystems?

Ein Überblick über die wichtigsten Fehlentwicklungen in zwei Teilen. Teil 1: Von der Karriereplanung bis zum wissenschaftlichen Publikationswesen. Von Lutz Böhm und Michael Gerloff.

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Artikelbild: Die Academic Crisis List

Weil alles mit allem zusammenhängt: ein Screenshot der ursprünglichen Academic Crisis List.

WER SICH MIT DER WISSENSCHAFT AUSEINANDERSETZT, stößt unweigerlich auf bestimmte wiederkehrende Problemfelder. Dies geschieht jedoch meist schlaglichtartig. Nicht erst seit #IchbinHanna werden im deutschsprachigen Raum die Arbeitsbedingungen in der akademischen Wissenschaft diskutiert. Dabei sind prekäre Arbeitsbedingungen nur ein Symptom eines komplexen Systems. Tatsächlich zeigt sich bei genauerer Betrachtung, dass die einzelnen Felder miteinander verwoben sind und meist durch Fehlanreize verursacht werden.

Dieser Artikel ist das Resultat der " Academic Crisis List ", die bereits auf Twitter mit der wissenschaftlichen Community geteilt wurde. Die inzwischen gesammelten Verweise zu den einzelnen Punkten erlauben es uns nun, diese aktualisierte Liste auch einer breiteren Öffentlichkeit vorzustellen. Mit diesem zweiteiligen Gastbeitrag wollen wir eine Einführung und einen Überblick über die zahlreichen Baustellen der nationalen und internationalen akademischen Wissenschaftslandschaft liefern, um eine möglichst breite Debatte anzustoßen. Es ist nötig, sich die Komplexität und Verwicklung all dieser Aspekte klar zu machen. Man kann nicht nur ein einzelnes Problem angehen, ohne die Auswirkungen auf andere Bereiche zu sehen. Der kompakte Überblick soll dabei helfen, dies noch besser zu verstehen. Eine dringend notwendige Reform des akademischen Wissenschaftssystems muss im Sinne eines Anreizsystem ganzheitlich gedacht werden. Es lohnt sich daher, zuerst eine Bestandsaufnahme vorzunehmen.

In Teil 1:

Karriereplanung – Lebensplanung – Arbeitsbedingungen – Postdoc-Krise – Machtmissbrauch – Reproduzierbarkeit – Fehlerkultur – wissenschaftliches Publikationswesen – Zwischenfazit.


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Artikelbild: Die Academic Crisis List

Michael Gerloff promoviert am Max Planck Institut für molekulare Genetik und engagierte sich schon als Student der Biochemie für eine grundlegende Reform der akademischen Wissenschaft sowohl auf lokaler Ebene als auch online bei SPDWissPol und NGAWiss. Fotos: privat.

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Artikelbild: Die Academic Crisis List

Lutz Böhm ist PostDoc ...

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Kommentare

#1 -

na ja | Di., 21.02.2023 - 17:45
Und da haben wir den nächsten Versuch, die vermutete Misere des Wissenschaftsbetriebes zu analysieren. Davon werden wir noch zig Versuche mehr sehen. Dem Wissenschaftsbetrieb ist's zum Glück egal. Im Großen und Ganzen funktioniert alles ja ganz gut. Die Karawane zieht also einfach weiter.

#2 -

Potsdamer | Di., 21.02.2023 - 21:50
Von Arthur Danto stammt der Satz, daß man eine wissenschaftliche Schule danach beurteilen müsse, ob sie ihre eigenen Kriterien auf sich selbst anwende. In diesem Sinne bräuchten wir wesentlich mehr Metascience. Aber eben echte -- keine Potemkinschen Dörfer zu Fundraisingzwecken wie bei der BUA.

Die Hoffnung stirbt zuletzt :)

#3 -

Hanna | Mi., 22.02.2023 - 11:16
Danke für die wichtige Liste der Krisen. Auch wenn eine optimistischere Bezeichnung wie "Herausforderung" vermutlich die Veränderungsmöglichkeiten stärker betonen würde, finde ich Krise durchaus passend, da der Begriff die Machtlosigkeit zumindest aus der Sicht der Wiss. Mitarbeiter:innen gut beschreibt, Veränderungen innerhalb der Institution kaum anstoßen zu können. An den Universitäten (Professorenmehrheit in meist allen Gremien) und bei Drittmittelvergaben entscheiden fast ausschließlich Professor:innen und damit die Mächtigen im Wissenschaftssystem. In dieser Gruppe besteht z.B. ein starker Anreiz, Mitarbeiter:innen weiterhin prekär, abhängig, befristet beschäftigen zu können. Die Wissenschaft lebt aber von der besseren Idee und nicht vom Machtstatus oder der Seniorität. Daher ...

#4 -

Lutz Böhm | Mi., 22.02.2023 - 12:54
@Hanna:
Das Departmentmodell ist oben als "Alternativvorschlag" auch verlinkt. Der angesprochene Aspekt der Problematik mit der (akademischen) Selbstverwaltung ist auf der Liste vorhanden, musste aber aus Kürzungsgründen im 2. Teil gestrichen werden. Ich werde das wahrscheinlich nächste oder übernächste Woche noch aus Twitter posten.

#5 -

Oho! | Mi., 22.02.2023 - 13:40
@Hanna: Sie schreiben "An den Universitäten (Professorenmehrheit in meist allen Gremien) und bei Drittmittelvergaben entscheiden fast ausschließlich Professor:innen und damit die Mächtigen im Wissenschaftssystem. In dieser Gruppe besteht z.B. ein starker Anreiz, Mitarbeiter:innen weiterhin prekär, abhängig, befristet beschäftigen zu können. Die Wissenschaft lebt aber von der besseren Idee und nicht vom Machtstatus oder der Seniorität."



Genau! Wissenschaft lebt von der besseren Idee. Und die bessere Idee haben in der Regel die Professoren und nicht die wiss. Mitarbeiter. Das Gros der wiss. Mitarbeiter hat überhaupt nie eine relevante, eigene Idee, sondern führt die kreativen Ideen der Professorenschaft aus. Der sehr geringe ...

#6 -

Lutz Böhm | Mi., 22.02.2023 - 14:52
@Oho!

"Das Gros der wiss. Mitarbeiter hat überhaupt nie eine relevante, eigene Idee, sondern führt die kreativen Ideen der Professorenschaft aus."



*Der PostDoc, der viel mit seinen Doktorand:innen redet, hebt zaghaft die Hand*



"Der sehr geringe Anteil von Mitarbeitern, der wirklich gute Ideen hat, wird i.d.R. Professor. So sieht die Realität aus."



Gute Ideen verschaffen einem nicht eine Professur. Und das ist der Punkt der gesamten Liste. Nicht Ideen (alleine) sondern den falschen Anreizen des Systems folgende Konformität zum aktuellen System verschafft einem eventuell - mit einem großen Ausruifezeichen - eine Professur.

#7 -

Oho! | Mi., 22.02.2023 - 17:02
@Lutz Böhm: ich kann die Frustration auf Seiten der Mittelbauern natürlich verstehen. Wissenschaft ist ein knallhartes, leistungsorientiertes Geschäft und es nervt, dass man hier mit Mühe und Fleiss allein nicht weiterkommen kann. Man muss wirklich talentiert sein. SEHR SEHR talentiert. Dann klappt es auch. Nur 'gut' reicht nicht und das ist auch gut so. Das ständige Gerede von Macht und Konformität und falschen Anreizen trifft sicher auf einige Fälle zu (die dann in der Presse bis zum Geht nicht mehr durchgerudert werden) aber das bleiben Randerscheinungen. Ernsthaft betriebene Wissenschaft ist auch keine Arbeit mit regelmäßigem Büroschluss um 4 und ''am ...

#8 -

Lutz Böhm | Mi., 22.02.2023 - 20:50
Work-Life-Balance als Kampfbegriff. Das ist mir nur allzu gut bekannt.

Die Frage an die ältere Professorengarde ist da ganz einfach: würden diese in der heutigen Zeit mit den heutigen Gegebenheiten auch noch die Professur bekommen?

Und wer hat denen ermöglicht, nicht nine to five zu arbeiten und was hat diese dafür geopfert?

#9 -

MC | Mi., 22.02.2023 - 23:39
@Oho!
1. "Wissenschaft ist ein knallhartes, leistungsorientiertes Geschäft und es nervt, dass man hier mit Mühe und Fleiss allein nicht weiterkommen kann."
2. "Sie brennen dafür oder Sie lassen es besser bleiben."

Schreiben Sie selbst, brennen reicht nicht

#10 -

Michael Gerloff | Mi., 22.02.2023 - 01:00
@Oho!



Bei allem Respekt, ihre Meinung basiert auf Zirkelschlüssen.

Wer bestimmt, was die "bessere Idee" ist? Wer bestimmt, was eine"relevante Idee" ist? Wie wird Talent definiert und gemessen?

Nach ihrer Argumentation muss ein Professor "bessere Ideen" gehabt haben, sonst wäre er nicht Professor geworden. Das ist eine schwache Argumentation in sich selbst.

Die Wissenschaftsgeschichte ist voll von Beispielen, in denen spätere Professoren durch Ideen anderer Menschen erfolgreich wurden. Jedes Jahr gibt es bei den Nobelpreisen eine Debatte darüber, dass Menschen für die Arbeit anderer geehrt werden.

Noch augenscheinlicher wird der Schwachpunkt ihrer Argumentation, wenn man sich anschaut, welche Menschengruppe Professor ...

#11 -

Potsdamer | Do., 23.02.2023 - 16:48
Der Austausch zwischen oho! und den Autoren ist unterkomplex. Typisch deutsche Schützengräben.

Kreativität ist eine Frage der Dosis. Eine gewisse Kreativität ist nötig, um Professor zu werden. Aber wer zu kreativ ist -- d.h. dem aktuellen Forschungsstand zu weit voraus-- hat an konformistischen und ohnehin rückständigen deutschen Unis ganz schlechte Karten. An echten Spitzenunis in den USA ist das besser (wenn auch immer noch längst nicht so gut, wie es sein sollte).

#13 -

Oho! | Fr., 24.02.2023 - 09:21
@Michael Gerloff: Sie vergleichen eine unglaublich kleine Gruppe - Nobelpreistraeger und Leute, die auf diesem Niveau arbeiten - mit der riesigen Gruppe der in D (oder anderswo) arbeitenden wiss. Mitarbeiter. Das macht doch keinen Sinn. Ebensowenig ist es sinnvoll, zu argumentieren, die Wissgeschichte sei voll von Beispielen, in denen spaetere Profs durch Ideen von anderen erfolgreich wurden. Wie gross ist denn dieser Prozentsatz im Vergleich zu allen Karrieren in der Wiss? Das ist eine Masche, die man oft beobachten in der Debatte beobachten kann. Eine Randgruppe (von Faellen) wird extrapoliert auf das Grosse und Ganze. Das ist unredlich. Schliesslich: die ...

#14 -

kldi | Fr., 24.02.2023 - 18:07
Mit Blick auf diese und ähnlich gelagerte Diskussionen ich frage mich ob es eigentlich unter Musikern eine vergleichbare Diskussion gibt.



Deren Chancen auf ein einträgliches Auskommen sind auch eher gering oder zumindest unsicher, und das gilt auch für höchst qualifizierte und talentierte Musiker. Den Erfolg heimsen auch des öfteren weniger qualifizierte oder weniger talentierte Kolleg:innen ein und ein unbefristete Anstellungen gibt es so gut wie nie. Es passiert auch öfter das anonyme Studiomusiker die Aufnahmen für die Stars einspielen, weil die es nicht schaffen. Auch hier gilt das Matthäus-Prinzip etc. Bei Musikern gibt es ebenfalls keine Work-Life Balance oder geregelte ...

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