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Braucht eine Promotion noch eine Dissertation?

Über neue Formen wissenschaftlicher Leistung, Prototypen statt Texte und die Frage, was Promotionen im Zeitalter der KI ausmacht. Ein Gastbeitrag von Nils Hansson.
Portraitfoto Nils Hansson vor weißer Backsteinmauer.

Nils Hansson ist Medizinhistoriker an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und Ko-Leiter des DFG-Projekts "Dissify" über die Geschichte der Dissertation. Foto: August Hansson/"FotoHansson".

WER HEUTE AN EINE PROMOTION DENKT, denkt an eine Dissertation. Ein Buch, ein umfangreiches PDF oder eine Serie von Fachartikeln. Über Jahrhunderte hinweg galt diese Verbindung als selbstverständlich. Wer promoviert, schreibt. Doch dieser Zusammenhang gerät unter Druck.

Ein aktuelles Beispiel liefert China. Wie Nature am 5. Februar 2026 berichtete, wurden dort seit September 2025 elf Ingenieure promoviert, ohne eine klassische Dissertation einzureichen. Stattdessen verteidigten sie funktionierende Prototypen: Brückenelemente aus neuartigen Stahlmodulen, technische Lösungen. Kein Manuskript, aber ein Prototyp. Diese Verfahren sind seit 2024 auf bestimmte Bereiche der Ingenieurwissenschaften beschränkt und ersetzen keine allgemeine Promotionspraxis. Die Frage, die sich daraus ergibt, ist hochschulpolitisch: Was genau prüfen wir, wenn wir promovieren?

Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass die Dissertation keineswegs immer das Zentrum der Promotion bildete. Im Mittelalter war die Disputation das entscheidende Prüfungsformat. Promovierende mussten zeigen, dass sie argumentieren, widersprechen und urteilen konnten. Wissenschaftliche Kompetenz manifestierte sich im Gespräch. Doch mit der Ausdifferenzierung der Wissenschaft setzte sich die schriftliche Dissertation durch. Texte ließen sich archivieren, vergleichen und zitieren. Sie eigneten sich als dauerhafte Nachweise individueller Originalität und als Bausteine eines kollektiven Wissensbestands. Die Dissertation wurde zur dominanten Form wissenschaftlicher Leistung, oft in Form hunderter Seiten langer Abhandlungen. In den vergangenen Jahrzehnten kamen kumulative Formate dazu: eine Promotion bestehend aus mehreren Einzelveröffentlichungen.

Strukturelle Spannungen werden sichtbar

Nun taucht eine weitere Evidenzform auf. In Teilen der Ingenieurwissenschaften scheint ein erfolgreicher Prototyp mehr über Problemlösungskompetenz, Kreativität und methodische Kontrolle auszusagen als ein Manuskript. Wer zeigt, dass eine Lösung im industriellen Maßstab funktioniert, liefert einen harten Beleg wissenschaftlicher Leistung. Diese Entwicklung ist bislang begrenzt und eng mit nationalen Innovationsstrategien verknüpft. Dennoch legt sie eine strukturelle Spannung offen: Promotionsordnungen sind fast durchweg auf Texte zugeschnitten, während sich Formen wissenschaftlicher Praxis weiter ausdifferenzieren.

Der Fortschritt Künstlicher Intelligenz verschärft diese Spannung. Wenn Texte leichter reproduzierbar werden, verschiebt sich der Fokus zwangsläufig auf jene Kompetenzen, die sich nicht delegieren lassen. Literaturrecherche, Datenanalyse und selbst Textproduktion lassen sich zunehmend automatisieren. Gleichzeitig wächst der Bedarf an kritischer Einordnung. In diesem Zusammenhang mag der Text als Leistungsnachweis an Exklusivität verlieren. Vielleicht wird deshalb auch die Disputation an Relevanz gewinnen?

Hochschulpolitisch entscheidend ist daher nicht die Frage, ob man ohne Schreiben promovieren darf. Entscheidend ist vielmehr die Frage: Wie definieren wir wissenschaftliche Qualifikation unter veränderten technologischen Bedingungen?

Zentral wird, wer Probleme erkennt und erklären kann, warum ein Ergebnis trägt, ob es nun auf Papier steht, als Video eine neue OP-Methode zeigt (wie es in chirurgischen Fachzeitschriften längst üblich ist) oder als Prototyp vorliegt. Die Promotion, ob schriftlich, mündlich oder in welcher Form auch immer, wäre dann ein Nachweis dieser Fähigkeit auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft.

Wie wir die Frage nach der Promotion der Zukunft beantworten, wird weitreichende Folgen haben für die Wissenschaft insgesamt. Es geht um das Selbstverständnis der Universität als Ort wissenschaftlicher Erkenntnis und die Verantwortung, die sie für die Bewertung von Wissen übernimmt.

Kommentare

#1 -

Tobias Denskus | Di., 17.02.2026 - 09:12

Es braucht nicht weniger Dissertationen sondern weniger Promotionen-in allen Disziplinen. 
Schön was die chinesischen Diplom-Ingenieure da machen-dazu brauchen sie keine Dissertation-nur helfen inflationäre Promotionen eben auch nicht weiter...

#2 -

Th. Klein | Di., 17.02.2026 - 10:41

Ich verstehe den Punkt nicht. Prototypen zu bauen, gehört doch schon jetzt zu Promotionsprojekten. Dass dies nicht die einzige wiss. Leistung ist, die verteidigt wird, ist auch richtig. Denn der wesentliche Kern der Promotionsarbeit und der Ausweisung der erworbenen wiss. Qualifikation ist - im Gegensatz zum Mittelalter -, dass man dies gegenüber der Scientific Community auch darlegt. Deshalb werden Doktortitel in Deutschland ja auch erst vergeben bzw. dürfen getragen werden, wenn die schriftliche Arbeit veröffentlicht wurde. Nur so finden die Ergebnisse auch Eingang in den Wissenspool. Das ist allein mit einem Prototypen ja nur bedingt möglich. Deshalb gehört für mich die Darlegung der Genese und die Merkmale der Fertigung eines Prototyps immer auch in eine schriftliche Leistung verpackt.

#3 -

Fumarius  | Di., 17.02.2026 - 19:30

Ich frage mich dabei zwei Punkte: 

1. Warum allein der Fokus auf die Dissertation im Beitrag?  Ist das nicht einfach die allgemeine Frage, welche Prüfungsformen was wie am besten "abprüfen"?  Jenseits der Promotion gibt es da ja bereits eine recht große Vielfalt, und wurde entsprechendes ja seit langem diskutiert. Auch ist die Dissertation nicht die einzige Prüfungsform innerhalb der Promotion,  hinzu kommt noch die mündliche  Dokotorprüfung - völlig anders als im Mittelalter ist es also auch nicht, und dass Promotionsordnungen "textzentriert" seien, ist entsprechend zu relativieren. 

2. Auch wenn die Befunde stimmen, dass KI bei Literaturrecherche und Textproduktion neue Möglichkeite  schafft -  berührt das wirklich den 'Kern' der Promotion, und sprich das unmittelbar gegen die 'Textform'? Auch bisher gibt es schon, zumindest im Ideal, den Doktorgrad gerade nicht fürs 'Schreiben an sich' oder die Literaturrecherche - es sind vielmehr lediglich das Medium bzw. Instrumente,  den eigentlichen Kern transparent und nachvollziehbar darzulegen und vom bisherige Forschungsstand abzugrenzen (und das gilt ja besonders für die nicht-geisteswissenschaftlichen Fächer, wo die eigentliche Leistung sehr deutlich nicht in der Textproduktion liegt). Erlauben die Technologien nicht künftig, bei Texten noch mehr auf die Originalität zu schauen und die Doktorprüfung  wieder aufzuwerten - also, wie der Beitrag es formuliert,  gerade bei den bestehende Prüfungsformen der Promdarauf zu achten, ob sie zeigen, dass Provend*innen in der Lage sind, "Probleme zu erkennen  und erklären zu können, warum ein Ergebnis trägt"?

#4 -

Horst-Peter Hille | Do., 19.02.2026 - 11:26

Jeder wissenschaftlichen Arbeit wohnt ja etwas Auffälliges inne. Vor dem Start wurde ein Problem/eine Herausforderung erkannt, das/die sich beispielsweise anders/neu lösen lässt. Dabei unterscheidet sich eine Promotion wenig von einem Patent (wie im Bericht anhand des Prototypenbaus angenommen werden darf). Auch dort muss genau - meist ohne wissenschaftlichen Anspruch - etwas Neues dargestellt werden. Danach wird ein Patent nach Prüfung erteilt. Bei einer wissenschaftlichen Arbeit wird (über das Patent hinaus) ein wissenschaftlicher Grad verliehen. Beides ist aber unabhängig voneinander zu betrachten. In der wissenschaftlichen Arbeit ist eine umfassende Beschreibung erforderlich, die die bisherige Forschung würdigt und dann schließlich zur (nennen wir es) Neuerung führt. Das alles muss für andere Forscher nachvollziehbar sein. Hier liegt der Kern der wissenschaftlichen Arbeit. Nur ein Modell abzuliefern, lässt viele Fragen offen und erfüllt nicht die Nachvollziehbarkeit. Eine mündliche Beschreibung ist meist nicht vollständig. Es hinterlässt einen sehr großen Interpretationsspielraum, es fehlt die kritische nachvollziehbare Einordnung. Das ist m.E. keine wissenschaftliche Herangehensweise. 

#5 -

Johannes Freud… | Do., 19.02.2026 - 21:29

Danke für den wichtigen Beitrag. Ich stimme in vielem zu. Man muss immer die zwei Funktionen der Promotionen im Blick haben: Wissenschaftliche Qualifikation und Beitrag zur Wissenschaft. Und dann muss ja alles noch vergleichbar und rechtssicher sein. Ich fürchte, es wird lange dauern, bis die deutsche bürokratische Wissenschaft hier Anpassungen vornimmt. Es gibt ja weiterhin erstaunlich viele Promotionsordnungen, die nicht einmal eine kumulative Promotion zulassen...

#6 -

Sobhi Ata | Mo., 23.02.2026 - 00:07

Vielen Dank für diesen hervorragenden Artikel; er war sehr hilfreich. Ich habe jedoch eine Frage:

Der im Artikel vorgestellte Ansatz eignet sich für Grundlagenwissenschaften wie Medizin und Ingenieurwesen, aber wie sieht es in den Geisteswissenschaften aus? Und Wie beurteilen Sie die Zukunft dieses Themas im Hinblick auf die Entwicklung des wissenschaftlichen Schreibens mithilfe AI?

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