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Die verdrängte Bildungsfrage

Tabu Analphabetismus: Millionen Erwachsene in Deutschland können nicht ausreichend lesen und schreiben. Nach zehn Jahren Alpha-Dekade darf es deshalb keinen Förderabriss geben. Es braucht einen verbindlichen Neustart mit starken Strukturen, mehr Öffentlichkeit und verlässlicher Finanzierung. Ein Gastbeitrag von Ernst Dieter Rossmann.
Portraitfoto von Ernst Dieter Rossmann.

Ernst Dieter Rossmann, war SPD-Bundestagsabgeordneter und zuletzt Vorsitzender des Ausschusses für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung. Er ist Ehrenvorsitzender des Deutschen Volkshochschulverbandes DVV. Foto: privat. 

DASS ES MASSIVEN ANALPHABETISMUS von erwachsenen Menschen auch in Deutschland, dem vermeintlichen "Land der Dichter und Denker", und nicht nur in der "Dritten Welt" geben würde, ist lange in der Öffentlichkeit wie in der Politik verdrängt worden. Gewiss hat es schon  früh Hinweise und Mahnungen und konkrete Projekte speziell aus engagierten Verbänden gegeben. So hatten die Volkshochschulen schon seit Anfang der 80er Jahre Alphabetisierungskurse im Programm.

Aber das Tabu gegenüber diesem tiefgreifenden Kompetenz- und Bildungshandicap, gar nicht oder nicht ausreichend Lesen und Schreiben zu können, hat lange gehalten und ist erst richtig  zum Thema geworden ab 2012 mit den "Level One Studien" und Veröffentlichungen von Anke Grotlüschen und Wibke Rieckmann von der Universität Hamburg. Ihre Studien zum funktionalen Analphabetismus kamen auf rund 7,5 Millionen betroffene Menschen zwischen 18 und 64 Jahren in Deutschland. Das entspricht etwa 14 Prozent der Bevölkerung. Dazu zählte Analphabetismus in primärer Form bei Menschen, die nie Lese- und Schreibkenntnisse erworben hatten, außerdem in sekundärer Form, bei der Betroffene das einmal Erlernte wieder vergessen haben, und schließlich in der Form des sogenannten funktionalen Analphabetismus, bei dem die Kenntnisse deutlich niedriger sind als im Alltag erforderlich, was die absolut größte Gruppe der Betroffenen charakterisiert.

Der Weckruf und seine Wirkung

Die wissenschaftlichen Weckrufe von Anke Grotlüschen und ihrem ...

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Kommentare

#1 -

Kurt Felichs | Di., 26.05.2026 - 10:00

Interessanter Artikel, keine Frage. Traurig wird es dann, wenn zur Lese-Schwäche noch Rechen-Schwäche beim Verfasser kommt, der eine Dekade von 2027 bis 2937 ansetzt.

#2 -

Wolfgang Kühnel | Di., 26.05.2026 - 22:25

Immerhin sollte man in diesem Zusammenhang sehen, dass auch Analphabeten nach Deutschland einwandern:

https://www.dw.com/de/viele-analphabeten-in-integrationskursen/a-52224718

Im Internet gibt es Hinweise, dass diese annähernd die Hälfte aller funktionalen Analphabeten sind. Jedenfalls kann man dafür nicht die deutschen Schulen verantwortlich machen.

#3 -

Ruth Himmelreich | Mi., 27.05.2026 - 09:09

Ich tue mich schwer mit der Forderung nach einer „Alpha Dekade II“ und einer „Alpha-Milliarde“, solange die Bilanz der bisherigen Alpha-Dekade so unklar bleibt.

Im Monitoringbericht 2024 ist beispielsweise von bundesweit knapp 3000 Teilnehmenden der Zielgruppe an Lernangeboten pro Jahr die Rede – bei mehreren Millionen gering literalisierten Erwachsenen eine bemerkenswert kleine Zahl. Noch erstaunlicher: Trotz all des Monitorings und der Begleitforschung wird nirgends ausgewiesen, wie viele dieser Menschen am Ende tatsächlich nachweisbar bessere Lese- und Schreibkompetenzen erreicht haben oder die Kategorie „gering literalisiert“ verlassen konnten.

Unter diesen Bedingungen wirkt die Forderung, die bisherigen 180 Mio. Euro durch eine „Alpha-Milliarde“ ...

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