Ehre, wem sie nicht gebührt?
Eine neue Umfrage unter frisch promovierten Medizinern zeigt, wie oft Hierarchie und Abhängigkeiten die Autorenzeile mitbestimmen. Langfristig leidet so das Vertrauen in die Forschung selbst. Ein Gastbeitrag von Laura Klempp und Nils Hansson.
WENN ÜBER wissenschaftliches Fehlverhalten gesprochen wird, stehen oft gefälschte Daten und spektakuläre Skandale im Mittelpunkt. Die weitaus häufigere Form problematischer Praxis bleibt jedoch deutlich unscheinbarer: die Frage, wessen Name auf einer wissenschaftlichen Publikation erscheint. Dabei geht es nicht um Einzelfälle, sondern um ein strukturelles Problem, das die Integrität ganzer Forschungsfelder berührt.
Formal scheint die Lage klar, zumindest in der Medizin. Nach den Vancouver-Regeln des International Committee of Medical Journal Editors (ICMJE) ist eine Autorenschaft nur dann gerechtfertigt, wenn jemand substanzielle Beiträge zur Forschung geleistet, aktiv am Manuskript mitgeschrieben, die Endfassung freigegeben und Verantwortung für den Inhalt übernommen hat. Alle vier Kriterien müssen erfüllt sein. Zahlreiche Studien zeigen jedoch, dass diese Anforderungen in der Praxis häufig unterlaufen werden.
Ernüchternde Einblicke liefert unsere kürzlich veröffentlichte Studie der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und der Universität Uppsala unter 147 frisch promovierten Medizinerinnen und Medizinern in NRW. Unseren Ergebnissen zufolge hielten vier von fünf Befragten Regeln zur ethischen Autorenschaft grundsätzlich für wichtig. Gleichzeitig berichteten jedoch rund 60 Prozent, dass in ihrer eigenen Dissertation mindestens eines der ICMJE-Kriterien nicht erfüllt worden sei – was darauf hindeutet, dass andere sich in die Autorenzeile gedrängt haben.
Auffällige Lücke zwischen Haltung und Erfahrung
46 Prozent der jungen Mediziner:innen gaben sogar mindestens zwei Verstöße an. Ein Drittel empfand zudem die Reihenfolge der Autorinnen und Autoren als nicht repräsentativ für die tatsächlich geleisteten Beiträge, obwohl 88 Prozent genau diese Übereinstimmung für bedeutsam hielten. Hieraus lässt sich die Schlussfolgerung ableiten, dass zumindest nach dem Empfinden der Promovierten häufig – und entgegen ihres tatsächlichen Verdienstes – erfahrene Wissenschaftler:innen die vorderen Plätze in der Autorenzeile für sich beansprucht haben. Besonders auffällig ist die Lücke zwischen Haltung und Erfahrung: Mehr als die Hälfte der Befragten gab an, während der Promotion keinerlei Informationen zu Autorschaftsrichtlinien erhalten zu haben.
Der Vergleich mit einer schwedischen Studie aus dem Jahr 2018 zeigt zudem, wo Deutschland steht: Verstöße gegen die ICMJE-Kriterien waren hierzulande durchgängig häufiger, der Wissensstand deutlich geringer. Eine weitere Studie aus dem Jahr 2023 zu Promovierenden in Skandinavien beschrieb allerdings ähnliche Muster. Das Problem ist also weder rein deutsch noch ein Randphänomen.
Hinzu kommen geschlechtsspezifische Ungleichheiten. Weibliche Promovierende unter männlicher Betreuung berichteten unserer Studie zufolge seltener, Informationen zu Autorschaftsrichtlinien erhalten zu haben, und sie waren seltener Erstautorinnen als männliche Promovierende mit männlichen Betreuern. Die Befunde sind korrelativ, nicht kausal, spiegeln jedoch ein Muster struktureller Ungleichheit wider, das auch internationale Studien beschreiben.
Wenn Hierarchie die Autorennennung mitbestimmt
Die Ursachen liegen auf der Hand. In einem Wissenschaftssystem, in dem Publikationen maßgeblich über Karrieren, Drittmittel und akademisches Ansehen entscheiden, wird Autorenschaft zur strategischen Ressource und nicht allein zum Ausdruck tatsächlicher wissenschaftlicher Leistung. Die starke Abhängigkeit von Nachwuchsforschenden von ihren Betreuenden, etwa bei Finanzierung, Empfehlungen oder beruflichen Perspektiven, erschwert es zusätzlich, fragwürdige Praktiken offen anzusprechen oder abzulehnen.
So werden Postdocs und Senior-Forschende mitunter aus Gewohnheit oder aufgrund ihrer Position als Autorinnen und Autoren aufgeführt. Wenn Promovierende die Vergabe von Autorenschaften als unfair erleben, kann das langfristig dazu führen, dass sie der Forschung den Rücken kehren, oder dieselben problematischen Praktiken später selbst fortführen.
Autorenschaft ist die Währung der Wissenschaft. Wenn ihr Wert schwindet, gerät das gesamte System wissenschaftlicher Reputation und Verantwortung unter Druck. Wer die Arbeit nicht geleistet hat, erhält dennoch Anerkennung. Wer sie geleistet hat, wird womöglich übergangen. Langfristig leidet darunter auch das Vertrauen in die Forschung selbst.
Deshalb braucht es Veränderungen auf mehreren Ebenen. Erstens sollte die Ausbildung bezüglich Autorenschaft verbindlicher Bestandteil aller Promotionsprogramme werden, und zwar frühzeitig, nicht erst als nachträgliches Pflichtprogramm. Zweitens sind klarere Verantwortungsstrukturen notwendig, insbesondere im Verhältnis zwischen Betreuenden und Promovierenden. Drittens muss transparenter gemacht werden, wer welchen konkreten Beitrag zu einer Studie oder Publikation geleistet hat. Nur wenn Autorenschaft das widerspiegelt, was sie eigentlich bedeuten soll, nämlich echte wissenschaftliche Verantwortung, wird das Vertrauen in die Forschung nachhaltig gestärkt.
Laura Klempp ist Doktorandin in der Forschungsgruppe "Dissertation Studies“ an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Nils Hansson ist dort Professor für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin.
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