"Wir sind nicht immun"
Wissenschaftsrats-Chef Wolfgang Wick über autoritäre Versuchungen und vorauseilenden Gehorsam in der Wissenschaft, die WR-Arbeitsgruppe "Wissenschaft und Demokratie" – und warum Bürokratie Hochschulen auch schützen kann.
Wolfgang Wick ist Professor für Neurologie und Neuroonkologe am Heidelberger Universitätsklinikum. Er ist seit Februar 2023 Vorsitzender der Wissenschaftsrats (WR). Foto: Svea Pietschmann.
Herr Wick, im Herbst wird in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern gewählt, Umfragen lassen dort sogar absolute Mehrheiten der AfD möglich erscheinen. Im Bund liegt die Partei in Umfragen ebenfalls vorn. Wie sehr besorgt Sie das persönlich?
Ich würde gern damit beginnen, dass die Zustimmung zur Demokratie in der Bevölkerung immer noch sehr hoch ist, bei rund 90 Prozent. Was aber die Staatspraxis angeht, liegen die Zustimmungswerte nur noch ungefähr bei 30 Prozent. Für mich heißt das: Die Zustimmung zur AfD hängt auch damit zusammen, dass viele Bürgerinnen und Bürger den etablierten Strukturen und Parteien nicht mehr zutrauen, die Probleme, die sie wahrnehmen, so zu lösen, dass es funktioniert. Die AfD schafft es geschickt, auch in der Wissenschaftspolitik auf vermeintlich gute alte Zeiten zu rekurrieren: die Zeit vor Bologna, vor komplizierten Aushandlungsprozessen in den Universitäten, vor einer Wissenschaft, die selbstbewusst ihre Rolle wahrnimmt. So lassen sich Ängste bedienen – und auch die Müdigkeit, die viele befällt, weil freiheitliche Demokratie und freie Wissenschaft mitunter mühsam sind. Da muss man arbeiten, da ist man stetig auf dem Weg und kommt nie an. Denn wenn man glaubt, alle Antworten zu wissen, hat man sich in einer Ideologie verfangen. Ich glaube aber, dass es auch für uns als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler viel Arbeit sein wird, Vertrauen zurückzugewinnen.
Wieso Vertrauen zurückgewinnen?
Weil bestimmte Entwicklungen in der Wissenschaft mindestens in den vergangenen 20, 30 Jahren tatsächlich falsch gelaufen sind. Das hat mit unseren überdrehten Anreizsystemen zu tun, mit unzureichenden Mitmachstrukturen, mit prekären Arbeitsbedingungen, mit übertriebenen Datenschutzbedenken, mit einer zu starken Fokussierung auf Nutzbarkeit von Wissenschaft. Offenbar schaffen wir es auch nicht mehr ausreichend zu vermitteln, dass Hochschulen trotz einer Studierendenquote von rund 50 Prozent weiter Orte des sozialen Aufstiegs sind. Gleichzeitig finde ich es befremdlich, warum gerade in der Wissenschaft so viel Unsicherheit und so wenig Zuversicht herrscht.
"Schaut nicht auf das, was die AfD kaputtmachen will, sondern setzt dem
selbstbewusst die Zukunft entgegen, die wir uns wünschen."
Warum?
Der Wissenschaftsrat hat mit seinem Papier "Perspektiven 2040" ein klares positives Bild gezeichnet: Deutschland ist und bleibt ein weltweit anerkannter Wissenschaftsstandort mit Spitzenleistungen in der Forschung, hochwertigen Bildungsangeboten und gesellschaftlicher wie wirtschaftlicher Wirksamkeit. Deutschlands Hochschulen sind begehrt. Die Bundesrepublik ist für internationale Studierende eines der beliebtesten Länder weltweit. Das sind die Botschaften, die ich starkmachen möchte: Schaut nicht auf das, was die AfD kaputtmachen will, sondern setzt dem selbstbewusst die Zukunft entgegen, die wir uns für die Wissenschaft wünschen. Deshalb stört mich auch die gegenwärtige Debatte um den vermeintlichen Kern der Wissenschaft so.
Was meinen Sie damit?
Wir lassen uns in eine ungute Richtung treiben, wenn wir zulassen, dass Diversität, Chancengleichheit oder Transfer zu Nebenzwecken erklärt werden, nicht zum harten Kern der Wissenschaft gehörig. In Wirklichkeit ist es doch so: Genau diese vermeintlichen Nebenaspekte haben bisher eines der erfolgreichsten Wissenschaftssysteme der Geschichte ermöglicht, nämlich das der USA. Was wir dort jetzt erleben, ist eine politische Absage an diese Prinzipien, die einhergeht mit erheblichen Qualitätseinbußen, etwa bei Bewerbungen von Postdocs und Senior Scientists. Wir sprechen von den Voraussetzungen dafür, den Pool der Menschen, die Wissenschaft treiben können, optimal auszuschöpfen und belegbar erfolgreichere diverse Teams zu etablieren. Gute Wissenschaft bedeutet gleichermaßen Exzellenz, Produktivität und Teilhabe – bei der Generierung von Wissen und bei der Kontrolle wissenschaftlicher Prozesse.
Die AfD kündigt in ihren "Regierungsprogrammen" offen den Kampf gegen Gleichstellung, Gender Studies, angeblich ideologische Forschung und die Selbstverwaltung der Hochschulen an. Ist die Wissenschaft in Deutschland darauf vorbereitet? Oder verlässt sie sich noch zu sehr darauf, dass die Wissenschaftsfreiheit im Grundgesetz und pures Glück schon alles richten werden?
Das Grundgesetz garantiert das Konzept der Wissenschaftsfreiheit in seiner Gesamtheit. Es schützt nicht automatisch eine einzelne Hochschule, nicht einen einzelnen Studiengang und schon gar nicht vor einer autoritären Gegenwissenschaft. Vor allem schützt es die Hochschulen nicht vor dem, was sehr wahrscheinlich als Druckmittel eingesetzt würde: wirtschaftliche und finanzielle Maßnahmen. Insofern: Nein, die Wissenschaft verlässt sich nicht einfach auf die Rechtslage. Sie darf sich nicht darauf verlassen. Viele Hochschulen, Forschungsinstitute und Wissenschaftsorganisationen durchforsten im Moment sehr sorgfältig ihre eigenen Grundlagen. Das halte ich übrigens völlig unabhängig von der AfD-Situation für eine hervorragende Tätigkeit.
Wo sehen Sie besondere Schwachstellen?
Wir haben zum Teil einen erheblichen politischen Einfluss in Gremien an den Hochschulen. Solange gutes Wetter herrscht, ist das eine tolle Sache. Sobald aber Personen in diese Gremien kommen, die nur verhindern wollen, merken wir das Problem. Hinzu kommt: An unseren Hochschulen, Universitäten, HAWs und außeruniversitären Einrichtungen ist erstaunlich vieles nicht formalisiert, sondern funktioniert auf Treu und Glauben. Auch das funktioniert nur in guten Zeiten. Deshalb ist es richtig, stärker zu formalisieren und prozessorientierter zu werden.
"Es gibt Bürokratie, die lähmt.
Und es gibt Bürokratie, die schützt."
Widerspricht das nicht dem allgegenwärtigen Ruf nach Entbürokratisierung?
Das ist der interessante Kontrapunkt. An dieser Stelle läuft die Bürokratisierungs- und Entbürokratisierungsdebatte ins Leere. Es gibt Bürokratie, die lähmt. Und es gibt Bürokratie, die schützt. Wir brauchen bessere Strukturen, stärkere Absicherungen und verbindlichere Verfahren. Wir haben da als Wissenschaftsrat eine klare Vorstellung entwickelt und machen in unserem Papier zu den Perspektiven der Wissenschaft in Deutschland bis 2040 Vorschläge, die natürlich auch Finanzierungsaspekte haben und durch eine ebenso vorgeschlagene relevante Steigerung der Verwaltungsleistung unerwünschte Verlangsamungen ausgleichen würde.
Sie haben im Wissenschaftsrat die Arbeitsgruppe "Wissenschaft und Demokratie" eingerichtet. Was macht die konkret?
In unserer Arbeitsgruppe sitzen, wie im Wissenschaftsrat üblich, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Vertreterinnen und Vertreter der Politik sowie externe Expertinnen und Experten. Sie hat so viele Mitglieder des Wissenschaftsrats wie keine andere Arbeitsgruppe – zehn. Sonst sind es drei oder vier. Aber in dieser AG wollten eben sehr viele mitarbeiten. Inhaltlich beschäftigen wir uns mit zwei Fragen: Was soll und muss Wissenschaft tun, um das zu erhalten, was wir als liberale Demokratie verstehen? Und umgekehrt: Warum ist liberale Demokratie eine Gelingensvoraussetzung für freie Wissenschaft? Was wir landläufig immer für richtig halten, versuchen wir dort in verschiedenen Näherungen genauer zu verstehen.
Wie lässt sich die These, dass die liberale Demokratie eine "Gelingensvoraussetzung für freie Wissenschaft" ist, mit dem wissenschaftlichen Erfolg Chinas vereinbaren?
China macht hervorragende Wissenschaft unter teilweise hervorragenden infrastrukturellen Arbeitsbedingungen. Trotzdem handelt es sich um eine fokussierte und gesteuerte Wissenschaft, die aus unserer Sicht bestimmte Innovationshöhen und bestimmte Themen nicht liefern kann, die wir in einer sich verändernden Welt so dringend brauchen. Ich denke an offene, unbequeme und schwer planbare Erkenntnissprünge auch beispielsweise durch Grundlagenforschung abseits staatlicher Schwerpunktsetzung. Neugierde und Offenheit machen Erkenntnisse für Unerwartetes wahrscheinlicher. Hier ist auch die inhaltliche und methodologische Vielfalt unserer Wissenschaft in Deutschland eine Stärke.
Die Wissenschaftsrats-AG ist nur eine von vielen Initiativen. Von der DFG über die Hochschulrektorenkonferenz und die Allianz der Wissenschaftsorganisationen bis hin zu GWK und Wissenschaftsministerkonferenz, überall wird beraten und diskutiert, meist ohne dass die Öffentlichkeit viel davon mitbekommt. Stimmen Sie sich denn wenigstens untereinander gut ab?
In der Allianz gibt es seit gut einem Jahr eine Arbeitsgruppe, die alle Aktivitäten zusammenführt und transparent macht. Die einzelnen Organisationen beschäftigen sich jeweils mit ihrer eigenen Resilienz, die HRK etwa bietet ihren Mitgliedern einen Instrumentenkasten an. Auch bei der GWK gibt es Bewegung, wobei ich nachvollziehbar finde, dass die Debatten zu diesem heiklen Thema im Moment noch im vertraulichen Kreis der Wissenschaftsministerinnen und Wissenschaftsminister stattfinden. Es gab im Februar 2026 in Mannheim einen Austausch mit VertreterInnen der Wissenschaftsministerkonferenz, und im Juli in Potsdam soll ein weiterer Termin stattfinden. Da werden all die Debatten zusammengeführt. Trotzdem habe ich selbst meine Fragen an den Prozess.
Welche Fragen sind das?
Wir erleben eine Hochkonjunktur der Äußerungen zur Verteidigung der Wissenschaftsfreiheit die teilweise sehr uniform und ähnlich klingen. Das kann bei dem einen oder der anderen den Eindruck erzeugen, es gehe vor allem darum, bloß nicht zu schweigen, weil Schweigen als klammheimliche Zustimmung etwa zur AfD, als Desinteresse oder Geringschätzung verstanden werden könnte. Dass wir uns äußern, ist ja in der Tat auch wichtig. Aber es reicht nicht, aus privilegierter Position abstrakt über Wissenschaftsfreiheit zu sprechen. Noch mehr: Wir müssen aufpassen, dass wir nicht immer nur ÜBER Wissenschaftsfreiheit reden, sondern dass wir MIT denen ins Gespräch kommen, die seit Jahren zu ihren Bedrohungen forschen oder sie selbst erfahren. In unserer AG sind auch die besonders im Fokus stehenden Fächer sowie die Studierendenperspektive vertreten, und letztere ist klar: Wenn wir verhindern wollen, dass an Universitäten, ähnlich wie in der Gesamtgesellschaft, AfD-Positionen hoffähig werden, müssen wir auch hören, welche die Sorgen, Bedarfe und Blicke der Studierenden sind – und zwar aller Studierenden, nicht nur einzelner privilegierter Gruppen.
"Das Papier soll irritieren, Hinweise geben, vielleicht Leitfragen
und Leitthesen aufstellen – nicht fertige Antworten liefern."
Wird die Wissenschaftsrats-AG ihre Ergebnisse auch bis Juli vorlegen?
Nein, wir peilen den Oktober für unser Papier an. Entscheidender als der Veröffentlichungstermin ist, dass wir auf dem Weg dorthin und vor allem danach in eine intensive Diskussion eintreten: mit der Politik, mit der Wissenschaft, aber eben besonders auch mit weiteren gesellschaftlichen Gruppen. Das Papier soll irritieren, Hinweise geben, vielleicht Leitfragen und Leitthesen aufstellen – nicht fertige Antworten liefern. Denn der Prozess ist das Eigentliche der Wissenschaft, und der Prozess ist auch das Eigentliche der Demokratie. Davon ernähren sich beide Systeme. Möglicherweise ist schon das ein Ergebnis: dass wir viele Funktionsähnlichkeiten dieser beiden Systeme sehen.
Den Prozess in Ehren: Aber kommt das Papier im Oktober nicht zu spät, wenn wichtige Landtagswahlen schon im September sind – mit potenziell schwerwiegenden Folgen für Hochschulen, Forschungsinstitute und föderale Abstimmungsprozesse?
Die Arbeit der AG "Wissenschaft und Demokratie" ist kein Sofortprogramm für einzelne Wahlausgänge. Das müssen andere leisten: GWK, HRK, Max-Planck-Gesellschaft, DFG – jeweils für ihre eigenen Strukturen. Und auch der Wissenschaftsrat selbst muss das für sich als Einrichtung tun; daran arbeiten wir. Unsere Arbeit in der AG geht aber deutlich über den Tagesaspekt von Wahlen hinaus. Es geht um den Erhalt der Demokratie und nicht primär um den Ausgang der nächsten Wahl
Wird das Papier denn auch umsetzbare Vorschläge machen – etwa zur Zusammensetzung von Gremien oder Entscheidungsverfahren in Hochschulen, GWK oder Wissenschaftsministerkonferenz?
Wir werden Vorschläge machen. Wir wollen im besten wissenschaftlichen Sinne nachvollziehen, was getan werden müsste, Hinweise geben und einen Beratungsgegenstand erstellen, mit dem Politik und andere gesellschaftliche Systeme weiterarbeiten können. Es geht um die Frage: Was ist, wenn? Was wäre, wenn? In diesem Sinne verstehen wir die Arbeit als Diskussionsbasis für die nächsten Jahre.
Konkreter geht es wirklich nicht?
Ich fürchte: nein. Nicht zu diesem Zeitpunkt. Was ich sagen kann: Wir arbeiten an vier Schwerpunkten. Erstens beschreiben wir Aufgabe und Rolle von Wissenschaft; zweitens beschäftigen wir uns mit der falsch verstandenen Neutralität von Wissenschaft, die zu einer aggressiven Entwissenschaftlichung von Politik führt, wie man das etwa in der US-Gesundheitspolitik beobachten kann. Drittens geht es um Solidarität, die für die Absicherung der Wissenschaft wahrscheinlich der Dreh- und Angelpunkt sein wird: Werden Hochschulen oder Forschungsinstitute in einzelnen Bundesländern finanziell unter Druck gesetzt, ließe sich das über die Unterstützung aus anderen Regionen und Bundesländern durchaus kompensieren. Und viertens geht es um Wissenschaft und Öffentlichkeit, den gegenseitigen Austausch. Freie Wissenschaft wird nicht dadurch relevant, dass wir sie in der Wissenschaft für notwendig halten. Sie wird dadurch gesellschaftlich bedeutsam, dass auch andere Systeme – Gesundheit, Wirtschaft, Verbände – sagen: Freie Wissenschaft ist wichtig.
Wie anfällig ist die Wissenschaftscommunity selbst für autoritäre und rechtspopulistische Versuchungen oder für vorauseilenden Gehorsam?
Ich glaube, dass es an Hochschulen ähnliche Anteile von AfD-Wählerinnen und -Wählern gibt wie anderswo in der Gesellschaft, quer durch die Statusgruppen. Nicht nur beim Kreuzchen an der Wahlurne, sondern vor allem in Sympathien für Ideen dieser Partei. Es gibt sicher Kolleginnen und Kollegen, die die Idee der Gremienuniversität für eine Zumutung halten, die Diversitätsbemühungen vor allem anstrengend finden, die Drittmittelwettbewerb und Wettbewerb insgesamt als belastend erleben und deshalb eine vermeintliche Entspannung durch eine andere Art von Grundfinanzierung attraktiv finden. Dazu kommt der Opportunismus. Der ist bei uns in der Wissenschaft genauso ausgeprägt wie überall, vielleicht bei privilegierten Personen sogar stärker. Ich erlebe das bei Kolleginnen und Kollegen in den USA, die ich sehr schätze und lange kenne: Manche hoffen, dass sie unbeschadet durchkommen oder dass sich durch die politischen Verwerfungen sogar Vorteile für sie ergeben. Also: Sie erleben mich skeptisch.
Der Blick auf Deutschland um 1933 zeigt: Universitäten waren nicht nur Opfer politischer Gleichschaltung. Viele Professoren haben erstaunlich schnell und aktiv mitgemacht.
Erstens haben Sie mit der Analyse recht. Zweitens versuche ich mich in Diskussionen manchmal gegen den schnellen Rückgriff auf 1933 zu wehren, weil ich Sorge habe, dass man dann sagt: So schlimm wie damals wird es ja gar nicht – und damit die heutige Lage euphemisiert. Außerdem ist die Situation heute eine andere: Die Diskussionen über Gegenwehr, die wir führen, wurden vor 1933 so nicht geführt. Aber völlig klar: Wir sind nicht immun.
Was folgt daraus heute für Hochschulleitungen, Dekane, Fakultäten?
Leitungspersonen in Hochschulen und Wissenschaftsorganisationen müssen nach innen und außen klar und deutlich für freie Wissenschaft eintreten. Zugleich müssen sie schwierige Debatten ermöglichen und befördern – etwa zu Israel und Gaza, zu Sicherheitsforschung, Friedens- oder Kriegstüchtigkeit. Das sind harte Auseinandersetzungen. Aber wir müssen sie aushalten, auch wenn demokratieschädliche Argumente vorkommen, solange sie innerhalb der Regeln unserer freiheitlichen Demokratie formuliert werden. Wir haben Werte, und diese Werte müssen vertreten werden. Noch etwas ist mir wichtig: Wenn wir über Wissenschaft sprechen, reden wir häufig über wenige, besonders große und mächtige Fächer. Wir müssen aber auch den anderen Disziplinen an unseren Hochschulen ausreichend Sichtbarkeit geben, sie nicht als Letzte renovieren, sie bei Exzellenzbemühungen nicht als "nice to have" oder als Scharnier zwischen zwei großen Themen behandeln, sondern als Gleiche unter Gleichen, als gleichberechtigte Systemteile. Das wirklich zu leben, ist auch Aufgabe von Hochschulleitungen.
"Solange es realistischerweise nicht mehr Geld gibt,
bräuchte es darum eine klügere Verteilung von Ressourcen."
Die erstarkende AfD trifft auf Hochschulen und Forschungsinstitute, die schon jetzt durch die Sparprogramme vielerorts unter Druck stehen. Wie sehr schwächt das ihre demokratische Widerstandsfähigkeit?
Wir sehen das quer durch die Republik: Wir haben bröckelnde Infrastrukturen und Gebäude, zugleich stehen Hochschulangebote durch Sparmaßnahmen unter Druck. Und häufig trifft es dann gerade die Studiengänge, die sich wirtschaftlich weniger sichtbar auszahlen. Solange es realistischerweise nicht mehr Geld gibt, bräuchte es darum eine klügere Verteilung von Ressourcen. Eine Verteilung, die nicht nur fragt, mit welchen Bereichen Hochschulen in Rankings sichtbar werden oder nach bestimmten Parametern aufscheinen. Sondern eine, die bei Budgets und Mittelzuweisungen stärker berücksichtigt, was zur demokratischen Widerstandsfähigkeit des Systems beiträgt. Hinzu kommt: Jemand, der auf einer unbefristeten Stelle sitzt, ist freier als jemand, der befristet beschäftigt ist. Darum würden wir durch Veränderungen bei den Beschäftigungsverhältnissen, wie wir sie als Wissenschaftsrat angemahnt haben, auch die demokratische Resilienz der Hochschulen stärken.
Wie sehr ist Resilienz eine Frage des baulichen Zustands von Hochschulen?
Das ist das, was ich meine. Wenn Arbeitsbedingungen in Fächern, die ohnehin weniger im Licht stehen, zusätzlich besonders unattraktiv sind, weil die Stellen schlecht dotiert sind oder es durchs Dach reinregnet, dann kann auch das die innere Demokratiebefähigung beeinträchtigen – und die Bereitschaft, unser System zu verteidigen.
Das Interview führte Jan-Martin Wiarda.
Kommentare
#1 - "Unsere Demokratie", wieder einmal
Sorry, es lockt mich, hier wieder etwas Widerspruch zu äußern:
Herr Wick sagt viel Richtiges und Unterstützenswertes. Was fehlt, ist der kritische Blick auf sich selbst, auf die eigene links-grüne Blase, die Wissenschaft schon sehr lange für ihre eigenen "guten" Zwecke in Dienst genommen hat - nicht mit Zwang, sondern mit Dominanz, von Klima- bis Gesellschaftswissenschaft.
"Vielfalt" ist eben nur solange gewünscht, wie sie den eigenen Positionen nicht gefährlich wird. Wer der Auffassung ist, dass die Förderung von "Diversität" nicht Kern, sondern allenfalls Beifang von Wissenschaft sein kann, wird dann gleich als Antidemokrat stigmatisiert.
Insofern, macht ruhig eure Arbeitsgruppen, bestätigt euch gerne selbst. Wer da innerlich freier ist und äußerlich erfolgreicher, ist eine andere Frage.
#1.1 - Welche Ziele denn genau?
Öhm... was genau sind denn (ihrer Meinung nach) die Zwecke dieser links-grüne Blase, die die Wissenschaft für ihre eigenen "guten" Zwecke in Dienst genommen hat" ? Das sind ja vermutlich etweder die klassisch (von sich selbst) als linksgrün definierten policy goals: Also Menschenrechte, Solidarität, Chancengerechtigkeit, Sicherung der natürlichen und sozialen Lebensgrundlagen, Demokratie und Teilhabe, usw. usw.- oder aber andere, (sinistre?) Hintergedanken... gerne unterstellt wird ja die geplante Errichtung einer mörderischen Diktatur mit totalitärer Kontrolle aller Lebensbereiche (verbinde ich persönlich ja eher mit rechts-braun, aber was weiß ich denn schon).
Und wenn ich etwas nicht mit Zwang, sondern mit Dominanz übernehme, dann... ist das schlimm, weil? Dominanz ist nicht so ihres, sie diskutieren das lieber ganz achtsam bei einer Tasse Tee aus? Da klingt ganz ganz leicht die weinerliche Klage eines alt-68er durch - Sorry, could not resist.
Ihre Aussagen zur vermeintlichen Widersprüchlichkeit der Vielfalts-Forderung finde ich... widersprüchlich. Sowas, jetzt sind wir ja voll auf der Metaebene, wie sciency.
#2 - Ich finde es gut, dass im…
Ich finde es gut, dass im Gespräch die AfD als eine Gegnerin des Aushandelns von Positionen und Vertreterin einer Majorisierung von Minderheiten benannt wird. Die AfD hat im April einen Antrag im Bundestag vorgelegt, der ihrer Darstellung nach die Wissenschaftsfreiheit stärken sollte. In der Plenardebatte haben männliche MdBs der Partei dann mit sowohl männlichen als auch weiblichen MdBs von CDU/CSU, SPD, Linke und Grünen einen Schlagabtausch geprobt. Wie auch in anderen Feldern, versuchte die AfD mit einem vermeintlich explosiven Wunsch-Cocktail, als da waren der Wunsch nach Freiräumen für ihre sektenhaften Verleumdung von Praxis und Erkenntnis in den Wissenschaften, die Absicht, Mittel zu kürzen der Fächer, als deren erklärte Gegnerin sie sich verkauft, und die Schnapsidee, den Klimawandel zum Verschwinden zu bringen, indem die Forschung an ihm unterbunden werden soll. Daran sind für mich die explizite Vermengung von Wissenschafts- und Meinungsfreiheit irreführend und der Wunsch, Wissenschaft zu schrumpfen, Grund zur Sorge.
#3 - Keine wirklichen Ideen von Rechtsaußen ...
Die "Pläne" der alternativen Wichtigtuer auf dem Gebiet von Bildung und Forschung für das Bundesland Sachsen-Anhalt sind m.E. erschreckend. Man hat keine konstruktiven Ideen. Schlimm finde ich aber auch, daß sich die dortige CDU den Linken gegenüber verhält, als wären die genauso schlimm wie die AgD. Hoffentlich gibt es im September kein böses Erwachen. Leider ist der CDU-Chef in MV noch militanter.
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