Wenn Wissen verschwindet
Die Trump-Regierung greift tief in Forschung und Wissensinfrastrukturen ein. Doch aus Protest wird Infrastrukturarbeit: Initiativen wie "Defend Research" und OLSPub sollen retten, was politisch unter Druck gerät.
Screenshot der Startseite der ZB Med, Informationszentrum Lebenswissenschaften. Stand: 15.05.2026.
AUF DEM PAPIER war es nur eine andere Formulierung. Für Alexa Romberg war es der Versuch, ein Forschungsprogramm zu retten.
Ende 2024, Donald Trump war gerade erneut zum US-Präsidenten gewählt worden, arbeitete Romberg als stellvertretende Leiterin der Abteilung für Präventionsforschung am National Institute on Drug Abuse, einem der Institute der amerikanischen National Institutes of Health (NIH), und plante eine neue Förderausschreibung zu rassismusbedingten Ungleichheiten bei Suchterkrankungen. Dass Begriffe wie "racial equity" unter der neuen Regierung zum Problem werden würden, ahnten Romberg und ihre Kollegen. Also machten sie daraus "health disparities".
Nach dem Regierungswechsel verlangte die neue Administration, alles zu melden, was "DEI", Diversity, Equity, Inclusion, sein könnte. Was Romberg nicht erwartet hatte: wie wenig erkennbare Gegenwehr aus den NIH- und NIDA-Chefetagen kam. Auch ihre neue Ausschreibung fiel darunter und wurde gestoppt. Keine wissenschaftliche Debatte, keine Prüfung, ob das Programm nicht gerade den Zielen öffentlicher Gesundheit diente. "Das war für mich zutiefst falsch", sagt Romberg.
Sie blieb zunächst. Schrieb E-Mails, meldete sich in Sitzungen, sprach mit ihren Vorgesetzten. Doch irgendwann, sagt sie, habe sie "keinerlei Fortschritt" mehr gesehen. Abends sei sie nach Hause gekommen, habe sich ins Bett gelegt und sei dort geblieben, bis sie am nächsten Morgen wieder zur Arbeit musste. Heute nennt sie das eine "tiefe moralische Verletzung": an etwas mitzuarbeiten, das sie für falsch hielt, ohne noch etwas daran ändern zu können. Am Ende kündigte die Verhaltensforscherin.
Der Preis des Widerspruchs
Wie Sylvia Chou. Seit 2008 arbeitete die aus Taiwan stammende Wissenschaftlerin am ebenfalls zu den NIH gehörenden National Cancer Institute, wo sie Programme zu Gesundheitskommunikation, sozialen Medien und Desinformation betreute. Auch Chou beschreibt die ersten Monate nicht als einen einzigen Bruch, sondern als Abfolge kleiner Verschiebungen, die sich rasch normalisierten. Reisen wurden gestrichen, Veröffentlichungen geprüft. Sie selbst habe wegen der neuen Zensurvorgaben 18 Vorträge absagen müssen.
Noch beunruhigender als die Eingriffe selbst sei für sie gewesen, wie schnell viele Kolleginnen und Kollegen sie hinnahmen: "So ist es jetzt eben." Dahinter habe auch der amerikanische Glaube an die eigene Ausnahme gestanden: Zensur und autoritäre Eingriffe geschähen in China, Russland oder Iran, aber nicht in den Vereinigten Staaten. Und dann passierte es doch, verpackt als Verwaltungsroutine. Irgendwann, sagt Chou, habe sie das Gefühl gehabt, intern nicht mehr wirksam widersprechen zu können; zugleich habe sie erlebt, dass "die meisten Kolleginnen und Kollegen nicht bereit sind, sich zu wehren". Auch sie kündigte.
Dass Romberg, Chou und zwei weitere frühere NIH-Führungskräfte im Januar mit einem gemeinsamen Protesttext an die Öffentlichkeit gingen, war ungewöhnlich genug, um internationale Aufmerksamkeit zu erregen. Die NIH habe ihre wissenschaftliche Integrität verloren, warnten die vier: Sie beschwöre akademische Freiheit und zensiere zugleich Förderanträge und interne Kommunikation. Ausschreibungen verschwänden aus dem öffentlichen Register, Anträge würden zurückgezogen, bewilligte Projekte beendet.
Am Ende ging es um eine Machtfrage: Wer kontrolliert, woran geforscht, was veröffentlicht und in den zentralen Datenbanken der Wissenschaft gefunden wird? Die Wissenschaft? Oder die Regierung?
Die Strategie der Einschüchterung
Dabei funktionierte im Großen und Ganzen auch in der Wissenschaft, was Beobachter bald als "Overwhelming Force"-Strategie der Trump-Regierung beschrieben: so viele Eingriffe, Kürzungen und Drohungen zugleich, dass die Betroffenen kaum wussten, wo sie zuerst reagieren sollten. Die Maßnahmen trafen nicht nur Förderanträge und Forschungsprogramme, sondern auch Webseiten, Kommunikationswege und Behördenstrukturen. Beim CDC, der wichtigsten Gesundheitsbehörde des Landes, kamen Massenentlassungen und Sparmaßnahmen hinzu. Bei der National Science Foundation will die Regierung 2027 rund 55 Prozent des Budgets kürzen, im April entließ sie das gesamte National Science Board.
Auch an den Hochschulen waren viele eingeschüchtert. An der University of Texas at Austin untersuchten Wissenschaftlerinnen, wie die Hochschule Anti-DEI-Vorgaben umsetzte. Ihr Befund: Die Institution erfüllte die Vorgaben nicht nur, sie übererfüllte sie. Programme wurden beendet, Internetauftritte bereinigt, erlaubte Aktivitäten gestrichen – aus der Hoffnung heraus, weniger angreifbar zu sein. "Suppressive compliance" nennen die Autorinnen dieses Muster.
Der Druck traf aber nicht nur öffentliche Universitäten oder Hochschulen in konservativ regierten Bundesstaaten. Gerade private Eliteuniversitäten nahm die Trump-Regierung demonstrativ aufs Korn. Harvard etwa: Die Regierung legte Milliarden an Bundesmitteln auf Eis und versuchte, der Universität die Aufnahme internationaler Studierender zu untersagen. Harvard klagte und erreichte gerichtliche Blockaden; zugleich wurde die Universität zum Symbol dafür, dass selbst die reichsten Hochschulen in den USA nicht mehr außerhalb des politischen Zugriffs standen. Auch an der Yale University hat die Einschüchterung den Alltag erreicht. In einer Umfrage der dortigen AAUP-Sektion gab fast die Hälfte der befragten Lehrenden an, sich ernsthaft Sorgen zu machen, wegen öffentlichen Engagements disziplinarisch belangt zu werden; 18 Prozent befürchteten sogar eine Verhaftung im Zusammenhang mit ihrer Lehrtätigkeit.
Zugleich entstehen Gegenstrukturen. Entlassene und ausgeschiedene CDC-Beschäftigte gründeten die National Public Health Coalition, eine Art zivilgesellschaftliches Gegen-CDC. Die Initiative "Defend Research" dokumentiert politische Zensur in Forschung und Lehre: markierte Wörter, entfernte Daten und Informationen auf Regierungswebseiten, Einschränkungen bei Koautorenschaften. Mehr als 5000 Menschen haben ihre Erklärung seit Februar unterzeichnet. Eine große Zahl. Aber wenig, gemessen an der Größe des amerikanischen Wissenschaftssystems.
Die nächste Eskalation
Und die Trump-Regierung geht längst in die nächste Phase ihres Angriffs über. Am 29. Mai veröffentlichte das Office of Management and Budget im Federal Register einen Vorschlag zur Änderung der Regeln für Bundesförderungen. Beschlossen ist er noch nicht. Doch falls er in Kraft tritt, würde er politische Kontrolle tief ins Förderverfahren einbauen: Politische Spitzenbeamte würden vor der Bewilligung prüfen, ob Anträge zu den Prioritäten des Präsidenten passen; Peer Review bliebe formal erhalten, wäre aber nur noch beratend; laufende Grants könnten leichter beendet, internationale Kooperationen erschwert, Konferenzkosten nur noch nach vorheriger Genehmigung förderfähig werden.
Besonders folgenreich wäre die geplante Änderung für künftige Veröffentlichungen von wissenschaftlichen Ergebnissen. "Publikationskosten, einschließlich Seitengebühren, Artikelgebühren oder ähnlicher Gebühren wie Open-Access-Gebühren für Fachzeitschriften und andere peer-reviewte Publikationen, sind im Rahmen von Bundesförderungen nicht erstattungsfähig", heißt es im Entwurf. Für Elizabeth Ginexi, frühere NIH-Programmverantwortliche, wäre das keine bloße Sparmaßnahme. Wenn öffentlich finanzierte Forschung nicht mehr regulär veröffentlicht werden könne, werde der Erkenntnisprozess selbst unterdrückt, schreibt sie in ihrem Überblick der geplanten Änderungen.
Damit setzt der Angriff nicht mehr nur bei einzelnen Institutionen, Begriffen oder Programmen an. Er greift in die Kette ein, die aus einer wissenschaftlichen Frage einen Antrag macht, aus einem Antrag ein Projekt, aus einem Projekt Daten und aus Daten öffentlich zugängliches Wissen. Öffentlich zugänglich heißt aber nicht nur: veröffentlicht. Es heißt auch: auffindbar, zitierbar, nachprüfbar und dauerhaft gesichert.
Genau deshalb spricht Lisa Schiff, langjährige wissenschaftliche Bibliothekarin an einer großen öffentlichen Forschungsuniversität und eine der Initiatorinnen von "Defend Research", nicht mehr nur von Zensur. Es gehe inzwischen um das gesamte "Wissens- und Forschungsinfrastruktur-Ökosystem". Auch Schiffs "Defend Research"-Mitstreiterin Alice Meadows sieht einen Test für die Wissenschaftsorganisationen selbst: Wie stabil ist ein System noch, wenn die Regeln politisch neu geschrieben werden, nach denen Wissen gefördert, geprüft, veröffentlicht und auffindbar gemacht wird?
Wenn Infrastruktur politisch wird
Eine Frage, bei der man in den Lebenswissenschaften sehr schnell bei PubMed landet. Wer medizinisch forscht, systematische Reviews schreibt oder klinische Evidenz sucht, und zwar weltweit, kennt und nutzt die Datenbank der National Library of Medicine, die zu den NIH gehört. PubMed ist keine Suchmaschine unter vielen, sondern eine Grundinfrastruktur der Biomedizin: öffentlich zugänglich, international genutzt, über Jahrzehnte finanziert und gepflegt in den Vereinigten Staaten.
Wie bei PubMed lief es in vielen Bereichen der Wissenschaft von der Klima- über die Umwelt- bis zur Sozialforschung: US-Forschungsinstitute, Hochschulen und Behörden erhoben, sammelten und kuratierten Daten und machten sie der internationalen Forschungscommunity zugänglich. Für die Forschung außerhalb der USA war das lange ein Glücksfall. Zugleich war es bequem. Die USA stellten bereit, der Rest der Welt nutzte mit.
Doch etliche dieser Infrastrukturen wurden seit Trumps Regierungsantritt eingeschränkt oder gelten als politisch beeinflusst. Informationen verschwanden von Regierungswebseiten, mit der Ocean Observatories Initiative geriet ein wichtiges Messnetz für Ozean-, Klima- und Wetterdaten unter Druck.
Auch PubMed, sagt Miriam Albers, sei kompromittiert. Albers ist kommissarische Leiterin der Bibliothek von ZB MED, der Deutschen Zentralbibliothek für Medizin, und beobachtet die Datenbank seit Trumps Amtsantritt sehr genau. Bei Stichproben, berichtet Albers, seien Veränderungen aufgefallen, unter anderem Autorinnen und Autoren, die aus Einträgen verschwunden seien.
PubMed als Blackbox
Wer solche Änderungen vornehme, nach welchen Regeln und mit welcher Kontrolle, sei kaum zu klären. Die Kommunikation mit der National Library of Medicine sei schwierig bis unmöglich geworden. Ein Gremium, das seit den Achtziger Jahren über Aufnahme- und Qualitätsfragen mitentschieden habe, sei aufgelöst worden. PubMed werde zur Blackbox. Und was es für die Medizin in ärmeren Ländern bedeuten würde, falls PubMed kostenpflichtig werden sollte, möge sie sich gar nicht ausmalen.
Lisa Schiff sagt dagegen, sie selbst habe bislang keine gesicherten Hinweise auf verschwundene Autorennamen gesehen. Änderungen an Autoreneinträgen könnten unterschiedliche Gründe haben: Korrekturen, Retractions, Namensänderungen, technische Bereinigungen.
Gerade diese Unsicherheit führt jedoch mitten ins Problem. PubMed umfasst inzwischen fast 40 Millionen Literaturverweise. Schon die fehlende unabhängige Nachvollziehbarkeit kann zum Risiko werden. Wenn außerhalb des Systems niemand verlässlich sagen kann, was sich wann und warum geändert hat, entsteht ein dramatischer Vertrauensverlust, selbst wenn sich einzelne Befunde später harmlos erklären lassen.
Dass man sich auf PubMed nicht (mehr) verlassen könne, sagt Albers, habe auch der US-Regierungs-Shutdown Anfang des Jahres gezeigt. "Wir können nachweisen, dass neue Publikationen in der Zeit deutlich langsamer aufgenommen wurden." Europäische Pharmaunternehmen seien gesetzlich verpflichtet, die wissenschaftliche Literatur mindestens einmal pro Woche systematisch nach unerwünschten Arzneimittelwirkungen zu durchsuchen. "Diese Arzneimittelsicherheit war damit im Januar und Februar faktisch nicht mehr vorhanden. Und noch schlimmer: niemand hat es gemerkt."
Eine offene Alternative
Für PubMed immerhin gäbe es möglicherweise Abhilfe. Denn ZB MED hat OLSPub gestartet: eine europäische, offene Publikationsdatenbank für die Lebenswissenschaften. Bislang ist OLSPub allerdings kaum mehr als eine regelmäßige Sicherungskopie von PubMed. Um einen ersten Prototyp mit Datenintegration und Basiszugang öffentlich nutzbar zu machen, bräuchte es rund 600.000 Euro. Noch deutlich teurer würden ein Routinebetrieb samt Verschlagwortung und Metadatenintegration oder gar eine produktionsreife Beta-Version mit maschinenlesbaren Schnittstellen und europäischer Governance. Doch die Finanzierung ist nicht gesichert, die DFG hat die Förderanträge bislang abgelehnt. ZB MED wirbt inzwischen um Spenden.
Schiff und Meadows warnen unterdessen davor, amerikanische Zentralität einfach durch europäische Zentralität zu ersetzen. Im besten Fall entstünde eine verteilte Infrastruktur, die Redundanz nicht als Misstrauen verstehe, sondern als Voraussetzung von Verlässlichkeit. Albers sagt, genau deshalb sei OLSPub bewusst als Open-Source-Projekt angelegt und gehe damit über eine rein europäische Lösung hinaus.
Sylvia Chou sagt, sie habe nach ihrer Kündigung eine neue Freiheit gespürt. Kein Einkommen, keine Stelle, aber die Möglichkeit zu sprechen. Eine Woche in Chicago, erzählt sie, habe sie mit Vorträgen über das verbracht, was in den NIH geschehen sei. Vielleicht helfe ihre Geschichte nicht lange, sagt sie. Aber sie merke, dass Menschen anders zuhörten, wenn nicht nur von Daten, Kürzungen und Programmen die Rede sei, sondern von einer Mutter, einer Wissenschaftlerin, einem normalen Menschen, der seinen Platz in der Welt neu suchen müsse – und ihn in Trumps Amerika vorerst nur außerhalb der Institution wiederfindet. JMW
Kommentare
#1 - politische Ziele in der Universität
"Die Trump-Regierung greift (aus politischen Gründen) in die Forschung ein."
Das scheint zu stimmen, aber wer sich darüber beklagt und Einzelschicksale vorstellt, sollte sich auch fragen, ob nicht Regierungen vor Trump (ebenfalls aus politischen Gründen) in ähnliches Weise eingegriffen hatten, z.B. mit DEI oder mit "affirmative action". Das kommt doch auch aus der Politik und nicht aus der Wissenschaft bzw. den Universitäten selbst. Sonst wäre es ja nicht so einheitlich eingeführt worden.
Es kann jetzt nicht darum gehen, was nun richtig oder falsch ist (das ist eben die unterschiedliche politische Sichtweise, das beurteilen die einen so und andere anders, das ist kennzeichnend für Demokratie), sondern darum, die politische Einflussnahme als solche erst einmal zuzugeben und nicht so zu tun, als habe Trump die erfunden. Wenn es um zu bewilligende Gelder geht, dann gibt es keine Autonomie und keine unabhängige Wissenschaft mehr, dann gibt es nur noch Abhängigkeiten, nämlich von jenen, die die Gelder bewilligen oder auch nicht. Und wenn es darum geht, wer einen einflussreichen Job bekommt und wer ihn möglicherweise verliert, ebenso. Gerade in USA verloren exponierte Leute (z.B. Journalisten, Professoren) ihren Job, weil man ihnen "Rassismus" vorwarf. Das betraf Äußerungen, die wir hierzulande eher als harmlos einstufen würden. Da spielte dann ein ausufernder "Shitstorm" in den "sozialen Medien" eine Rolle, also eine Art von "digitaler Volksfront" selbst ernannter Tugendwächter. Beschrieben wird das z.B. von dem Spiegel-Redakteur René Pfister in seinem Buch "Ein falsches Wort".
#2 - Kommentare nur für nicht Ausgeloggte?
Lieber Herr Wiarda,
hat rein gar nichts mit dem Inhalt des obigen Beitrags zu tun, aber: es sieht so aus, als ob ich nur im ausgeloggten Zustand die Kommentare lesen bzw. ein Kommentar verfassen darf. Und zwar sowohl bei den aktuellen als auch bei den Archiv-Artikeln. Ich vermute, dass das nicht so erwünscht ist.
Beim Versuch, dieses Kommentar zu speichern, kommt noch etwas hinzu: Ich muss im ausgeloggten Zustand schreiben, um überhaupt Zugriff auf die Kommentarfunktion zu haben. Scheinbar darf ich dann aber nicht meinen üblichen Screen Name verwenden, da dieser jetzt einem registrierten Benutzer (nämlich: mir selbst) gehört.
Mit freundlichen Grüßen,
David Green
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