Die helle und die dunkle Seite der Wissensgesellschaft
Mit dem neuen" Forum Wissenschaftsreflexion" entsteht in Hannover ein besonderer geistes- und sozialwissenschaftlicher Forschungsbau. Die Soziologin Eva Barlösius erklärt, warum Wissenschaft über ihre eigene Rolle nachdenken muss und was das mit Corona, AfD und Gemeinwohl zu tun hat.
Eva Barlösius ist Professorin für Makrosoziologie und Sozialstrukturanalyse und Sprecherin des Forums Wissenschaftsreflexion an der Universität Hannover.
Frau Barlösius, zusammen mit Kolleginnen und Kollegen haben Sie federführend einen Forschungsbau beantragt, der jetzt eröffnet wird: das "Forum Wissenschaftsreflexion" an der Leibniz Universität Hannover. Sie werden Sprecherin. Was ist das für ein Gefühl?
Ein besonderes, weil wir den Antrag und damit die Forschungsprogrammatik vor sechseinhalb Jahren geschrieben haben. In der Zwischenzeit ist es, angefangen mit der Corona-Pandemie, zu Auseinandersetzungen über das Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft gekommen, wie wir sie uns damals ehrlich gesagt nicht vorstellen konnten. Allerdings hatten wir schon in unserem Antrag festgestellt: Je gesellschaftsprägender Wissenschaft und Hochschule werden, desto mehr werden sie selbst Gegenstand politischer und gesellschaftlicher Auseinandersetzung. Und genau für die Forschung darüber entsteht jetzt dieser Ort.
Rund 20 Millionen Euro kostet der Bau, gemeinsam finanziert von Bund und Land Niedersachsen, begutachtet vom Wissenschaftsrat, bewilligt über die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz (GWK).
Wir hatten ursprünglich weniger von der GWK bekommen, dann kam die enorme Inflation der Baupreise dazwischen. Das Land hat den Ausgleich gegeben. Aber insgesamt sind wir erstaunlich wenig teurer geworden. Ein seltenes Wunder heutzutage.
Wissensbaustelle: Das Forum Wissenschaftsreflexion. Fotos: Leibniz Universität Hannover.
An ein zweites Wunder grenzte die Bewilligung selbst: Im GWK-Förderprogramm Forschungsbauten sind die Geistes- und Sozialwissenschaften extrem selten erfolgreich. Warum ist das so?
2017 wurde das Programm nach zehn Jahren Laufzeit erstmals evaluiert, ich war damals Mitglied der Kommission. Bis zu diesem Zeitpunkt waren gerade einmal fünf Forschungsbauten für die Geistes- und Sozialwissenschaften bewilligt worden. Wiederum zehn Jahre später dürften es immer noch keine zwei Hände voll sein. Das hat mit der Logik der Beantragung zu tun. Man tritt mit einer bestimmten Forschungsprogrammatik an, etwas soll neu beforscht werden, und aus diesem Vorhaben heraus soll man begründen, warum ein Bau notwendig ist. Für Natur-, Technik- und Lebenswissenschaften ist das einfacher, weil sie sagen können: Wir brauchen Laborflächen, neue Großgeräte, einen Fallturm oder ein bestimmtes Setting, um Vogelflüge zu beobachten. Das erscheint sofort evident. Wie aber sollen da die Geistes- und Sozialwissenschaften argumentieren? Lange haben sie das Problem gelöst, indem sie ebenfalls etwas Materielles angegeben haben: In das beantragte Gebäude soll ein Archiv einziehen, eine Sammlung, eine Bibliothek. Das funktionierte aber nur für Disziplinen, die überhaupt Sammlungen oder Archive hatten. Und im Prozess der Digitalisierung überzeugen solche räumlichen Konzepte immer weniger.
"Geistes- und Sozialwissenschaften sind nur an wenigen Universitäten
als profilbildend anerkannt. Auch das erklärt, warum solche Bauten so selten sind".
Liegt die Benachteiligung also vor allem daran, dass sich geistes- und sozialwissenschaftliche Forschung schwerer in Quadratmeterbedarfe übersetzen lässt?
Das ist der erste Grund, aber nicht der einzige. Für einen Forschungsbau-Antrag braucht man zwar nur zehn Erstantragsteller, also deutlich weniger als für Exzellenzcluster, Sonderforschungsbereiche oder andere koordinierte Programme. Das kommt den Geistes- und Sozialwissenschaften zunächst entgegen, weil es meist kleinere Fächer sind. Gleichzeitig aber sollen sie für ihren Antrag belegen, dass sie mehr sind als eine Beutegemeinschaft, also schon vorher in ähnlicher Zusammensetzung zusammengearbeitet haben. Und wie belegt man das am besten? Über bereits gemeinsam eingeworbene Exzellenzcluster oder SFBs. Hinzu kommt der geringere finanzielle Anreiz für die Sitzländer: Unser Bau hat 20 Millionen Euro gekostet, in den Natur-, Technik- und Lebenswissenschaften liegen Forschungsbauten aber häufig bei 80 Millionen – zur Hälfte vom Bund finanziert. Das lohnt sich für die Länder stärker. Und schließlich ist ein Forschungsbau immer auch Ausdruck universitärer Profilbildung. Geistes- und Sozialwissenschaften sind aber nur an wenigen Universitäten als profilbildend anerkannt. Auch das erklärt, warum solche Bauten so selten sind.
Was folgt daraus?
So, wie die Natur-, Technik- und Lebenswissenschaften in erster Linie Laborflächen und Großgeräte brauchen, benötigen wir Geistes- und Sozialwissenschaftler herausragende Kommunikationsstrukturen. Räume zur Begegnung, zum permanenten Austausch, die viele Formen gemeinsamer Forschung überhaupt erst möglich machen. Konkret: Wir haben unseren Antrag für das "Forum Wissenschaftsreflexion" so begründet, dass wir eine Architektur brauchen, die der unbedingten Interdisziplinarität Rechnung trägt. Das hat verfangen. Deshalb gibt es viele Kommunikationsräume und Kommunikationsflächen, etwa eine Agora, in der man sich hinsetzen, technisch unterstützt austauschen und begegnen kann. Und wir haben eine große Wissenswerkstatt. Um diese Wissenswerkstatt herum werden unsere Forschungsinfrastrukturen angesiedelt, damit die Zusammenarbeit unmittelbar möglich wird.
Welche Forschungsinfrastrukturen ziehen dort ein?
Vor allem das Forschungsdatenzentrum des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW). Außerdem das Lab Knowledge Infrastructures der TIB, unserer Universitätsbibliothek. Dort werden neue digitale Tools für das wissenschaftliche Arbeiten speziell in unseren Disziplinen entwickelt. Ich war lange im Ausschuss für Wissenschaftliche Bibliotheken und Informationssysteme der DFG. Ein großes Problem ist, dass Informatiker mit großer Freude Forschungsinfrastrukturen entwickeln, diese aber nicht immer an unseren Forschungsbedarfen, unseren Möglichkeiten und unseren wissenschaftlichen Interessen orientiert sind. Wir brauchen nicht jede informationswissenschaftliche Raffinesse. Entscheidend ist, dass die Tools den Standards guter Forschung, wie wir sie verstehen und brauchen, genügen.
Wie genau kann man sich die Wissenswerkstatt vorstellen?
Das wird eine große, wunderschöne Fläche sein, mit flexiblen Tischen und flexibler Bestuhlung, sodass sich dort Arbeitsgruppen treffen und austauschen können, Wissenschaftler aller Karrierestufen, angefangen mit besonders forschungsorientierten Masterstudierenden. Und weil ringsum die Infrastrukturen liegen, kann man sich sofort zusammensetzen und gemeinsam etwas ausarbeiten.
Eigentlich sollte Wissenschaft doch immer über sich selbst reflektieren. Was also ist an Ihrer Wissenschaftsreflexions-Idee überhaupt neu?
Natürlich sollte Wissenschaft über sich selbst reflektieren. Ob sie das immer getan hat, ist eine andere Frage. Für uns in Hannover bedeutet Wissenschaftsreflexion eine bestimmte Art, das Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft zu untersuchen. Über einen interdisziplinären Masterstudiengang, über unser Leibniz Center for Science and Society und jetzt auch über unser neues "Forum Wissenschaftsreflexion". Wenn Wissenschaft und Hochschule gesellschaftsprägend geworden sind, wenn zum Beispiel ein Hochschulabschluss dabei ist, zur Normalstandardbildung zu werden, dann verändert das die Sozialstruktur, die Vorstellungen der Menschen davon, welches Bildungsniveau sie brauchen, um gesellschaftlich erfolgreich zu sein. Das verändert auch unser Verständnis von Innovation – und verstärkt die Erwartungen an die Politik, wissenschaftsbasiert zu handeln.
Sie sehen darin nicht nur eine helle Seite, sondern auch eine dunkle Seite der Wissensgesellschaft. Was meinen Sie damit?
Die helle Seite ist, dass wir mehr Wissen haben, auf dessen Grundlage wir bewusster entscheiden und mehr Innovation ermöglichen können. Zur hellen Seite gehören für mich auch die gestiegenen Bildungsniveaus. Umgekehrt wird wissenschaftliche Expertise besonders in Krisen- und Konfliktzeiten zunehmend dafür genutzt, politische Entscheidungen als alternativlos darzustellen: Die Wissenschaft sagt das, also gibt es nur diese eine Möglichkeit. Das ist die dunkle Seite. Bei Corona war sie sehr auffällig. Und auch heute sehen wir vielfach: Wissenschaftliche Kommissionen sollen Konsens herstellen, den die Politik dann übernehmen kann, und das, obwohl auf dem Weg zur wissenschaftlichen Erkenntnis der Dissens eigentlich das Normale ist. So werden politische Konflikte in die Wissenschaft hineinverlagert. Wenn die Erkenntnisse einzelner Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler oder einzelner Disziplinen gezielt von der Politik herausgegriffen werden, dann verändert das die Wissenschaft selbst.
"Wenn es nur ein Gemeinwohl gäbe,
hätten wir viele der aktuellen Probleme nicht."
Wissenschaftsreflexion ist also nicht nur Selbstbeobachtung der Wissenschaft, sondern auch Verteidigung ihrer Voraussetzungen?
Ja, sie hat eine normative Seite. Wissenschaftsfreiheit ist eine Voraussetzung rationaler Entscheidungen, und sie muss verteidigt werden. Deshalb müssen wir viel stärker darüber diskutieren, wie Wissenschaft und Gesellschaft miteinander verbunden sind. Denken Sie an das jüngste Wissenschaftsrats-Papier "Perspektiven bis 2040". Wenn darin die Wissenschaft als gemeinwohlorientiert beschrieben wird, habe ich Zweifel, ob alle damit dasselbe meinen. Wenn es nur ein Gemeinwohl gäbe, hätten wir viele der aktuellen Probleme nicht. Dann hätten wir einen Konsens, und alle liefen darauf zu. Genau diese Voraussetzung ist aber nicht mehr gegeben.
Als Sie den Antrag für Ihren Forschungsbau schrieben, war auch der Aufstieg von Wissenschaftsskeptikern und Rechtsextremen in dem Ausmaß noch nicht absehbar. Inzwischen hat die AfD realistische Aussichten auf eine absolute Sitzmehrheit in zwei Landtagen und liegt auch bundesweit in Wählerumfragen vorn. Was bedeutet das für Ihr Forschungsfeld?
Diese Entwicklung hat nicht erst gestern begonnen, sondern sie hat ihre Wurzeln bereits in der entstehenden Wissensgesellschaft der 1970er- und 1980er-Jahre. Viele der sozialen Verwerfungen, die damals begannen, sind heute offen sichtbar: die Abwertung nicht wissenschaftlicher Wissensformen, die Spannung zwischen städtischen Milieus und anderen gesellschaftlichen Räumen, die Frage, welche Anerkennung berufliche Bildung noch vermittelt. Ich habe viel über ländliche Räume gearbeitet. Schon um 2000 war absehbar: Da kommt ein Problem auf uns zu. Denn die wissenschaftlichen Institutionen und unsere Vorstellungen von Wissenschaft sind eng an städtische Milieus gekoppelt. Um die dahinterliegenden Konflikte zu verstehen, brauchen Sie nicht den internen Blick der Wissenschaftsforschung, sondern die Perspektive aus den verschiedenen Disziplinen heraus. Ich bin Makrosoziologin, genauso wichtig sind die Politikwissenschaft mit ihren Analysen, die Ökonomie, die Rechtswissenschaft, die Geschichte oder die Philosophie.
Am 17. Juni wird Ihr Forum offiziell eröffnet, direkt danach folgt eine wissenschaftliche Konferenz. Ist das die passende Art, so einen Neubau zu feiern?
Unbedingt! Die Konferenz ist international angelegt. Wir bilden Tandems: Jemand von uns aus Hannover stellt vor, was er oder sie unter Wissenschaftsreflexion versteht, jeweils gefolgt von einem Gast aus einer anderen Universität, meistens aus dem Ausland. Genau dafür brauchen die Geistes- und Sozialwissenschaften einen Forschungsbau: für verdichtete Kommunikation, für Austausch, für Anregungspotenziale. Nicht nur unter uns, sondern für alle, die sich dafür interessieren.
Das Interview führte Jan-Martin Wiarda.
Kommentare
#2 - Netzwerk und Kompetenz
„ich war damals Mitglied der Kommission […] Ich war lange im Ausschuss für Wissenschaftliche Bibliotheken und Informationssysteme der DFG“
Es soll nicht als Kritik verstanden werden, aber das Beispiel zeigt, wie Funktionen im Wissenschaftssystem in Förderprogrammen helfen. Einer der seltenen erfolgreichen Anträge der Geistes- und Sozialwissenschaften war sicherlich auch deshalb erfolgreich, weil die Autorin in Funktionen tätig war, die ihr gezeigt haben, wie das System und solche Programme funktionieren. Beim Forschungsbauprogramm geht es ja nicht nur um Forschungsleistungen der beteiligten Personen. Ich unterstelle also explizit nicht, dass ihr das Netzwerk geholfen hat und sie dadurch Vorteile hatte. Aber die Erfahrungen in solchen Strukturen sind für derartige Programme Gold wert, damit man deren Logiken versteht. Wer also erfolgreich sein will ins solchen Verfahren, sollte daraus seine Lehren ziehen, bspw. selbst solche Positionen anstreben oder entsprechende Personen einbinden.
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