Die Datenerhebungskatastrophe
Das Pandemiemanagement der Bundesrepublik baut auf einem
Corona-Monitoring auf, das diese Bezeichnung nicht verdient.
Die Politik weiß bis heute kaum, was genau sie mit ihren
Lockdown-Maßnahmen bewirkt und wer sich warum infiziert.
Wie konnte das passieren? Eine Spurensuche.

Kaffeesatzleserei statt repräsentativer Datenerhebung.Foto: Stephanie Albert / Pixabay.
IM NACHHINEIN ist es leicht, Prognosen zu kritisieren. Zum Beispiel die des Robert-Koch-Instituts (RKI), derzufolge die bundesweite 7-Tages-Inzidenz schon Mitte April die 350 überschritten haben und mit 95-prozentiger Wahrscheinlichkeit zumindest deutlich über 200 liegen sollte. Womöglich aber auch schon bei über 500. Tendenz: weiter stark steigend.
Tatsächlich meldete das RKI für Anfang dieser Woche eine Inzidenz von 169, Tendenz: unklar. Wie haben sich die Modellierer derart verrechnen können? Die Antwort: Sie haben sich nicht verrechnet. Jede Aussage über die Zukunft ist nur so gut wie das ihr zugrunde liegende Wissen über die Gegenwart. Mit anderen Worten: Die Prognostiker vom RKI und anderswo füttern ihre Modelle mit den aktuellsten Daten über den Verlauf der Pandemie. Und die sind mies in Deutschland. So mies, dass es für Politik, Wissenschaft und Verwaltung peinlich ist. Und für die Corona-Bekämpfung ein gefährliches Manko.
Der WELT -Journalist Olaf Gersemann schrieb vor ein paar Wochen vom "Tatbestand der vorsätzlichen Ahnungslosigkeit", weil die Bundesrepublik auch ein gutes Jahr nach Beginn der Pandemie kein Corona-Panel organisiert habe, keine regelmäßig wiederholten Massentests derselben repräsentativ ausgewählten Bevölkerungsstichprobe.
Wie wichtig, wie unverzichtbar ein solches Panel wäre, wird beim Blick auf jüngste Corona-Debatten sofort sichtbar. Die gemeldeten Infektionszahlen bei Kindern und Jugendlichen gehen seit Wochen durch die Decke: ein Beleg dafür, dass die zuerst in Großbritannien festgestellte Virusmutation B.1.1.7. viel stärker an den Kitas und Schulen grassiert? Oder beruht der überdurchschnittliche Anstieg darauf, dass nur für Kitakinder und Schulkinder zweimal die Woche eine Schnelltest-Pflicht besteht?
Statt repräsentativer Stichproben gibt es Streit und Kaffeesatzleserei
Während Wissenschaftler, Mediziner, Lehrer- und Elternverbände wenig produktiv streiten, während die Politik hin- und herschwankt zwischen der Beschwörung von Teilhaberechten und hastigem Schließungsaktionismus, könnte die Frage durch ein repräsentatives Panel längst geklärt sein. Und, noch wichtiger, die Folgen jeder neuen Mutation und jeder Öffnungsmaßnahme könnten immer aufs Neue geklärt werden. So ...
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Kommentare
#1 - Wenn das alles nur halbwegs stimmt, bin ich…
sprachlos.
#2 - Deutschland ist im Bereich Public Health ein Schwellenland…
#3 - @Thomas: Unter der Ministerin Johanna Wanka wäre das dem…
hätte sie die Rolle solider Statistik verstanden. Aber solche
Posten werden ja heute eher nach Proporz (welchem auch
immer) vergeben.
#5 - Fachleute wie Gerd Antes kommen in den Medien durchaus zu…
#6 - Tatsächlich frage ich mich schon seit Monaten, warum keine…
#7 - Genau so ist es. Erlebe ich jeden Tag wieder, wenn die…
#8 - Sehr spannend und natürlich deprimierend. Was die…
#9 - Darf man hier fragen: cui bono? Oder ist man dann schon ein…
#10 - Genauso Katastrophal sind doch die Zahlen bzgl.…
Aber man hat keine Ahnung,
wer mit Corona-Symptomen behandelt wird oder wer nur zufällig routinemässig positiv getestet wurde.
Wie die Altersstruktur ist.
Etc.
Traurig? Oder Absicht?
#11 - "Inzidenz (?)"-Angaben von Kreisen, Ländern und Staaten…
"Datenerhebungskatastrophe" ist eine sehr treffende Beschreibung!
Allein ein Blick auf die Formatierung der vom RKI veröffentlichten Exceltabellen zeugt von Sorgfalt (Ironie).
#12 - Warum äußert sich eigentlich niemand vom BMBF zu derart…
#13 - In Deutschland mag man über Vieles gar nicht so genau…
Warum sollte es also bei Corona anders sein? Schliesslich wird auch hier nur das ganze Ausmass der schlechten Politik sichtbar mit all ihren Härten und Zumutungen sichtbar, die man seit Jahren wegdiskutiert.
#14 - Nicht das Bildungsministerium hat hier gepennt, sondern das…
#15 - Unfassbar, was hier steht! Und jetzt... was sind die…
#16 - Man muss nur jede beliebige Grafik des RKI anschauen…
Am WE wird halt nicht gearbeitet, das sieht der TVöD nicht vor...
Und das ist nur das für jeden Laien Offensichtliche!
#17 - Ich habe diesen Artikel gefunden, weil dieses Thema gestern…
#18 - Exzellenter Artikel. Der Frust bei Schulrektoren und…
#19 - Plädoyer für Maßnahmenmarketing, bessere Datenerfassung,…
https://compeff-blog.de/2021/lockdown-muedigkeit-gamifizieren-wir-die-pandemie-durch-positivanreize-und-einen-wettbewerb-des-richtigen-verhaltens/
Gerne dürfen Sie auf diesem Blog dortige Ideen aufgreifen, kopieren, weiterverwenden. Denn es dient ja der guten Sache!
#20 - Eine sehr dezidierte Bestandsaufnahme, die gleichwohl…
#21 - Gut geschrieben und nachvollziehbar.Eine Frage bleibt aber…
Eine Frage bleibt aber offen: Wie haben die Briten die Daten genutzt? Ist dort wirklich eine "evidenzbasierte" Politik betrieben worden? Gibt es Beispiele, wie dort die Ziele "Schutz der Bevölkerung" und "Schutz der Wirtschaft" besser unter einen Hut gebracht wurden - wie sich Infektionsschutz-Maßnahmen aufgrund statistischer Analysen als wirkungslos herausstellten und daher wieder eingestellt wurden?
#22 - "Politikversagen" und "Föderalismusversagen" ist zu…
#23 - Ein hervorragender Blog!!!Cui bono? darf man gar nicht…
Cui bono? darf man gar nicht fragen!
Als erstes fallen einem die Rentenversicherer ein, die den zu erwartenden Generationenkonflikt abwenden wollen.
Natürlich nützt es auch der Industrie, die die zahllosen Produkte herstellen und vertreiben, die für Impfung, Tests etc gebraucht werden.
Es gibt m.a.W. soviel Lobbyisten, die am Erhalt des gegenwärtigen Zustandes interessiert sind und den Politikern die "notwendigen" Maßnahmen einflüstern.
Und ich bin wahrlich kein Querdenker!!
Ich habe schon vor einem Jahr gedacht: Jetzt müssten jede Menge Drittmittel für die Erforschung von Virusverbreitungswegen, Schutzkonzepten etc. fließen.
Nichts dergleichen geschah. Medienwirksam wurden jede Menge von Virologen und ...
#24 - Ich bin Kommentator Nr. 23 . Das sagt eigentlich alles.…
Als ich im April 2020 über den Vorschlag von Rainer Schnell und Enno Smid las, war die eminente Wichtigkeit sofort klar. Ich habe herumgefragt, wer kann mir zeigen, wie ich einen positiven Shitstorm in diese Richtung entfachen kann. In einem solchen Falle würde die Politik sich bewegen ..... . Alles andere ist sinnlos auf einer Zeitachse von ~ 2 Jahren. Ich nehme immer noch gute Hinweise entgegegen.
#25 - Das RKI kündigte frühzeitig an:„52% der Fälle in…
„52% der Fälle in Deutschland … stehen in Verbindung mit einem großen Ausbruchsgeschehenen (so) im Landkreis Heinsberg. Im Kontext mit Karnevalsgroßveranstaltungen haben sich zahlreiche Menschen … infiziert“. ( RKI, COVID-19-Lagebericht vom 03.03.2020:2)
Es handelte sich um die Karnevalssitzung am 15.02.2020 im Dorf Langbroich der Gemeinde Langelt des Landkreises Heinsberg, NRW mit 200 Zuschauern und 120 Akteuren. (Gerhards D. Quarantäne für Besucher und Akteure der Kappensitzung. Aachener Zeitung, 27.02.2020)
„Eine Kontaktpersonennachverfolgung sowie die Quarantäne von Kontaktpersonen der Kategorie 1 werden zurzeit nicht systematisch durchgeführt.“ (RKI, COVID-19-Lagebericht vom 03.03.2020)
„Mit weiteren Fällen, Infektionsketten und Ausbrüchen muss in ...
#26 - Abwässer-Monitoring kann Sars-CoV-2-Häufungen in Regionen…
Die Bundesregierung will noch heute „erst einmal Forschungsergebnisse abwarten.“ (Crolly H. Abwässer als Corona-Warnsystem. „Den Zahlen des Robert-Koch-Instituts ungefähr eine Woche voraus“. Die Welt 18.05.2021
#27 - "Oder will man es gar nicht genauer wissen?" Dazu nur das…
Daher: Ja, es will gar niemand so genau wissen. Und da kommt eine gewisse Datenschutz-Hysterie (-Ideologie) ganz recht. Hätte man doch auch mit einer guter Corona-Warnapp mit ...
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