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An die Hochschule nur mit Zugangstest

Bei gleicher Intelligenz schaffen es Akademikerkinder immer noch viel häufiger ins Studium. Darum brauchen wir eine neue Zulassungslogik.

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Artikelbild: An die Hochschule nur mit Zugangstest

Illustration: Mohamed Hassan / Pixabay.

DIE HOCHSCHULEN HABEN HEUTE eine Million Studierende mehr als vor 20 Jahren, aber die soziale Schieflage hat der Boom nicht beseitigt. Haben die eigenen Eltern studiert, liegen die Chancen auf ein Studium immer noch fast viermal so hoch, wie wenn man aus einer Nicht-Akademikerfamilie stammt. Es kamen also mehr Arbeiterkinder an die Uni, vor allem aber kamen noch mehr Kinder von Ärzten, Journalisten, Juristen oder Lehrern.

Wenn man von einer Gleichverteilung von Intelligenz und Talenten unabhängig von der Herkunft ausgeht, müssten die Begabungsreserven der Akademikerfamilien allmählich ziemlich erschöpft sein, um es freundlich auszudrücken. Man könnte auch sagen: Wer an den Hochschulen einen Niveauverfall beklagt, wer eine Rückbesinnung auf nichtakademische Berufswege fordert, sollte sich zuallererst mal anschauen, wie viele für ein Studium in Wirklichkeit ungeeignete Akademikerkinder mittlerweile auf den Campi unterwegs sein dürften.

Wobei diese, und das ist nun wirklich faszinierend, einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil mitbringen gegenüber jenen Studienanfängern aus den sogenannten "bildungsfernen Elternhäusern": Oft haben sie von Kind an den Habitus und die Umgangsformen gelernt, um an den Hochschulen nicht aufzufallen. ...

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Kommentare

#1 -

Klaus Semlinger | Mo., 23.05.2022 - 10:42
Hochschuleignung lässt sich nur in Relation zu den Hochschulanforderungen bestimmen, und die hängen nicht allein von den fachlichen Anforderungen der jeweiligen Disziplin ab (das macht der Beitrag selbst deutlich). Hochschulen könnten also mehr (gezielt) unterstützen - ohne (!) an den Standards Abstriche zu machen.

Das scheint mir dann auch ein besserer Ressourceneinsatz zu sein, als Kapazität und Kompetenz in Eingangstest zu stecken, die zudem als fachspezifische Tests dem generischen Qualifikationsanspruch eines akademischen Studiums nicht gerecht werden würden und nur eine weitere Stufe - sozial differenzierender - Vorbereitungskurse zur Folge hätte.

Zugegeben: vielleicht noch ambitionierter wäre es, die Schulen stärker bzw. ...

#2 -

P.Kleinert | Mo., 23.05.2022 - 12:13
Mir ist nicht ersichtlich, wie eine solche Eingangsprüfung SchülerInnen aus Bildungsfernen Familien von einem Hochschulstudium überzeugen sollte. Die Gründe sind hier sicherlich nicht die Eignung an sich, sonden liegen in anderen Bereichen. Das besondere an Deutschland ist das alle SchülerInnen mit Abitur studieren dürfen, dies sollte auch weiterhin hochgehalten werden und nicht weitere "Stufen", egal zu welchem Zweck zwischengeschalten werden.

#3 -

Ruth Himmelreich | Mo., 23.05.2022 - 12:17
Das ist eine gute Idee, die man aber auch durchhalten müsste. Zuende gedacht heißt sie unter anderem, dass möglicherweise eine nicht ganz kleine Zahl von Studierwilligen nicht studieren kann, weil sie für gar kein Fach geeignet sind.



Die Idee, dass man bei einer Eingangsprüfung den Bildungshintergrund quasi ausblenden kann, ist schon in Frankreich schief gegangen. Bei den Grandes Écoles war das der ursprüngliche Grundgedanke für die dortigen Concours, die man stark auf Mathematik und Naturwissenschaften fokussiert hatte, damit der Klassenmarker "geschliffene Sprache", die in Frankreich das gehobenere Bürgertum noch stärker auszeichnet als hier, außen vorbleibt.



Was ist passiert: am Anfang ...

#4 -

Jörn Loviscach | Mo., 23.05.2022 - 13:04
Komisch nur, dass in den USA derzeit eine Uni nach der anderen die Eingangstests (SAT, ACT) *abschafft* oder zumindest optional macht – und zwar, um die Chancengleichheit zu *verbessern*. SAT und ACT korrelieren bilderbuchmäßig mit dem Haushaltseinkommen; statt nach dem Testergebnis könnte man gleich nach dem Kontostand fragen. Wäre preiswerter und einfacher!



Auch das, was ein Intelligenztest misst, (ich nenne das hier bewusst nicht "Intelligenz") korreliert stark mit dem Kontostand, siehe etwa: https://docs.iza.org/dp11158.pdf



Im Übrigen siehe Campbell's Law.



www.j3L7h.de

#5 -

Bildungsfern a… | Mo., 23.05.2022 - 16:02
Meine Eltern hatten beide kein Abitur und waren in entsprechenden Berufen tätig. Ich komme vom Dorf. Dennoch war der Schritt an die Universität selbst überhaupt kein Problem (selbst mit NC nicht). Die Probleme fingen erst nach diesem Schritt an. Vieles, was für Kommiliton*innen mit akademischem Elternhaus selbstverständlich war (das reichte von "Wer ist was an einer Uni?" bis zum selbstverständlichen Gebrauch von etlichen Fremdwörtern), war völlig neu für mich. Diese Probleme löst auch kein Eignungstest. Verstanden als Herausforderungen kann man viel von dem, was einem als "bildungsferne*r Student*in" fehlt, während des Studiums relativ gut aufholen, es kostet aber extra Arbeit ...

#6 -

Django | Mo., 23.05.2022 - 17:05
@ Klaus Semlinger: "generischen Qualifikationsanspruch eines akademischen Studiums"

Was soll das sein? Zumindest in der Theorie haben wir doch berufsfeldbezogene Qualifikationsziele für Studiengänge eingeführt. Gibt es da eine Qualifikation, die - polemisch gesprochen - über "ich weiß, wo man was nachschlägt" hinausgeht?

#7 -

Birgit Spinath | Di., 24.05.2022 - 02:00
Es freut mich, dass Sie das Argument der sozialen Gerechtigkeit für die Einführung von Studierendenauswahltests stark machen! Ausgelöst durch das Mediziner-Urteil des Bundesverfassungsgerichts ist für die Psychologie in Baden-Württemberg ein Test entwickelt worden, der an diesem Wochenende das erste Mal durchgeführt wird. Perspektivisch sollte es für verschiedene Studiengänge nur einen modular aufgebauten Test geben. Wenn der gut gemacht ist - das ist natürlich essentiell - würde das die Gerechtigkeit des Hochschulzugangs enorm verbessern.

#8 -

Karl Raimund | Di., 24.05.2022 - 17:26
Durch zahlreiche und größtenteils unsinnige Schulreformen (z.B.G9/G8 und wieder zurück) und die strukturelle Überforderung der Lehrkräfte, die nicht nur Lehrende sondern in wachsendem Ausmaß Sozialarbeitende, Schulpsycholog:in, Digitalitäts-und Inklusionsexpert:innen etc, pp. Da blieb die Hauptaufgabe, das Hinführen zur Studierfähigkeit, auf der Strecke. Braucht es dazu denn wirklich einen Test, der das belegt und nur wenige Positivfälle findet? Sinnvoller wäre es doch, die Entstandene Lücke zwischen Abitur und der Studierfähigkeit wirksam zu schließen. Und daran anschließend eine Hochschuldidaktik, die bedarfsgerecht auf die Studierenden eingeht.

#9 -

Armin B. | Mi., 25.05.2022 - 09:42
Ein Studierenden-Gehalt? Ich war immer dafür, den Studierenden die Zeiträume zu gewähren, um sich neben dem Studium etwas für den Lebensunterhalt dazuverdienen zu können. Das bringt weitere positive Effekte mit sich. Jede Alimentation zieht Missbrauch an und muss zunächst erwirtschaftet werden, bevor sie verteilt werden kann. Den Kommentar, dass gerade in der Studieneingangsphase denen zur Seite gestanden werden muss, die nicht auf elterliche oder sonstige Erfahrungen zurückgreifen können, finde ich sehr gelungen. Hier sollte man eher ansetzen, als das soziale Füllhorn auszuschütten.

#10 -

Jörn Schlingensiepen | Mi., 25.05.2022 - 14:03
Lieber Herr Wiarda,



ich schätze Ihre Analysen sehr (vielleicht auch, weil diese oft mit meinen übereinstimmen.) An dieser Stelle möchte ich aber vehement widersprechen:



Jedes Hindernis auf dem Weg, erschwert dessen Gang für den, der ihn als erster gehen muss.



Akademikerkinder würden dann halt vorbereitet in den Test gehen, während andere diesen bei der Durchführung das erste Mal sehen. Der Wettbewerbsvorteil würde sich also verstärken.



Gegen Ihre These spricht auch, dass wir im Moment niemanden, der studieren möchte und einen entsprechenden Abschluss hat, wegschicken. Natürlich studiert nicht jede/r das Traumfach. Es ist also nicht so, als würden die Kinder der ...

#11 -

Sebastian Horndasch | Mi., 25.05.2022 - 19:54
Lieber Herr Wiarda,



es kommt selten vor, aber hier muss ich Ihnen entschieden widersprechen. Egal wie gut ein Test gemacht ist, er ist immer trainierbar. Und wer hat die finanziellen, zeitlichen, sozialen Ressourcen, um für Zugangstests zu trainieren? Die Frage beantwortet sich von selbst.



Nein, Zugangstests würden vermutlich die Ungleichheit nicht reduzieren, sondern weiter verstärken. Um gleichere Bildungschancen herzustellen, müssen wir an den Schulen ansetzen und nicht eine weitere Hürde an den Hochschulen einführen.



Herzliche Grüße!



Ihr Sebastian Horndasch

#12 -

Nachdenklich G… | Do., 26.05.2022 - 12:23
Ich möchte mich einigen meiner Vorredner*innen anschließen. Ich (selbst mittlerweile akademisiertes "Arbeiterkind", wenn man so will), beobachte, dass die sich ausweitende (Selbst-)Testungswelle meist vor allem darauf fokussiert, letztlich die auszusortieren, die nicht schon ohnehin schon passen. Also wäre prinzipiell eine Neuausrichtung hinsichtlich der Zielsetzung solcher Tests zu begrüßen. Allerdings bezweifle ich auch, dass damit mehr soziale Gerechtigkeit erreicht werden kann. Interessant finde ich hingegen, dass "eine Rückbesinnung auf nichtakademische Berufswege" in dem Zusammenhang meist eher abwertend klingt. Jedoch wäre aus meiner Sicht genau eine solche Diskussion wichtig, die einen gesamtsystemischen Blick einnimmt: von der Schule bis zu einem Bildungsabschluss – ...

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